3 Forschungsfragen in:

Tobias Breuckmann

Leben und Identitäten in Nicht-Orten, page 43 - 44

Eine empirische Untersuchung von raumbezogenen Identitäten in Transiträumen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4029-4, ISBN online: 978-3-8288-6778-9, https://doi.org/10.5771/9783828867789-43

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Forschungsfragen Wie im vorausgegangenen Stand der Forschung eingehend betrachtet, besteht seit längerer Zeit eine breite und interdisziplinäre Diskussion, die sich rund um den Komplex der individuellen als sozial bedingten und der kollektiven Identität konstituieren und positionieren. An diesen Diskurs schließt sich auch derjenige der Sozialgeografie an, der den gelebten und sozial konstruierten Raum als kollektive Ressource für bestimmte Handlungs- und Deutungsrahmen und die Abgrenzung von Gruppenidentitäten identifiziert und konzeptualisiert. Als konstitutiv für die (räumlich gebundene) kollektive Identität werden dabei gemeinsam geteilte Diskurse und Narrative betrachtet, die eine Homogenität nach innen und einen Sinnzusammenhang zur Gegenwart herstellen. Diesem wissenschaftlichen Diskurs folgend hat sich eine ganze Forschungstradition entwickelt, die sich mit geschichts- und damit potenziell identitätslosen Transit- und Warteräumen auseinandersetzt, indem das Subjekt der Theorie nach auf seine Funktion innerhalb des Raums reduziert und mit den anderen Nutzer*innen homogenisiert wird. Als deutliche Forschungslücke ist jedoch das Leben und Zusammenleben von Personen zu betrachten, die gezwungenermaßen in solch einer verräumlichten Wartehaltung verweilen müssen und dort im Mobilen demobilisiert werden. In der vorliegenden Arbeit wird die Theorie Augés als heuristisches Konzept zur Bestimmung des Forschungsgegenstandes herangezogen. So kann in einem zweiten Schritt der Theoretisierung der empirischen Ergebnisse dieser heuristische Rahmen um einzelne Perspektiven erweitert und Dynamiken identifiziert werden, die vor allem Menschen betreffen, die ihre raumbezogene Identität nicht nur temporär, sondern dauerhaft hinter sich lassen müssen und durch die andauernde Warteleistung auch nicht wieder in Orte eintreten können, die per Definition Augés eine relationale Geschichtlichkeit besitzen können oder das Potenzial dazu besitzen. Dabei ist es zum einen interessant, die jeweiligen räumlichen Deutungsmuster von Personen aus verschiedenen Hintergründen und unter- 3 43 schiedlichen kulturellen Prägungen hinsichtlich ihrer persönlichen und kollektiven Erinnerungsmuster zu identifizieren. Zum anderen erscheint es jedoch – vor allem vor dem Hintergrund einer Theorie der Nicht-Orte – als notwendig, die Lebensrealitäten von Personen besser kennenzulernen, die ihre angestammten räumlich gebundenen Deutungsmuster unfreiwillig verlassen haben und sich nun in neuen Kontexten bewegen. Personen, die in Not- oder Sammelunterkünften untergebracht werden, sehen sich damit konfrontiert, für einen längeren Zeitraum in einem solchen Transit-Ort zu leben. Dabei fungieren folgende Forschungsfragen als handlungsleitend in der empirischen Arbeit: 1. Wie wirkt sich der Aufenthalt in Sammelunterkünften auf die (raumgebundene) Identität von Menschen aus, sich in so einem für sie geschichtslos erscheinenden Ort einrichten und ihren Alltag innerhalb dieses Rahmens bestreiten zu müssen? 2. Sind sie, wie Augé konstatiert, auf ihre Funktion als Geflüchtete zurückgeworfen, in der sich alle ähnlich zu verhalten haben, oder persistieren auch örtlich verankerte Identitäten über längere räumliche Distanzen hinaus? 3. Wie gestaltet sich also das gesellschaftliche Zusammenleben in solch einem Raum, der länger bewohnt werden muss, jedoch trotzdem eindeutig als Durchgangsraum empfunden und unter Umständen auch genutzt wird? 4. Ist es möglich, auch dort eine räumliche Identität auszubilden, die auf einem Gruppennarrativ fußt? 5. Was führt zu einem erneuten Heimatgefühl der Geflüchteten im Ankunftsland, die eventuell schon in Wohnungen leben? Die Migrationserfahrung, gepaart mit längerfristigem Verweilen beziehungsweise Warten im Raum, und die Auswirkungen auf die räumlich gebundene Identität bildet demnach den Fokus der vorliegenden Arbeit, welche vor dem Hintergrund der jeweiligen Heimatnarrative der Befragten betrachtet werden und von diesen Narrativen gerahmt wird. 3 Forschungsfragen 44

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Zusammenfassung

Seit dem langen Sommer der Migration im Jahr 2015 und den damit zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten des deutschen Asylsystems sind zahlreiche Asylsuchende in sogenannten Sammelunterkünften untergebracht. Diese Sammelunterkünfte können als mehr oder weniger provisorische Einrichtungen verstanden werden, besitzen jedoch immer den Charakter des temporären Aufenthalt bis zur Anerkennung als schutzbedürftige Person mit unterschiedlichem rechtlichen Status oder der Aberkennung dieses Status, die in die Abschiebung mündet. Die vorliegende Arbeit befasst sich im deutschen Kontext mit dem Phänomen der räumlich bezogenen Identität in solchen Transiträumen. Sie behandelt die Frage, wie sich der dauerhafte Aufenthalt im Transit, in Deutschland in den letzten Jahren Realität für Asylsuchende, auf die räumlich bezogene Identität auswirkt. Als theoretische Brille dient dabei der konzeptionelle Rahmen der Nicht-Orte, der eine raumbezogene Identität in Räumen des Übergangs in Zweifel zieht. Die vorliegende Arbeit leistet somit einen Beitrag zu der meist einseitigen Debatte um Unterbringung und Integration von Asylsuchenden und rückt dabei die Perspektive der Betroffenen deutscher Asylpolitik ins Zentrum der Analyse.