1 Einleitung in:

Tobias Breuckmann

Leben und Identitäten in Nicht-Orten, page 1 - 4

Eine empirische Untersuchung von raumbezogenen Identitäten in Transiträumen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4029-4, ISBN online: 978-3-8288-6778-9, https://doi.org/10.5771/9783828867789-1

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Seit den Unruhen im Mittleren Osten und dem Aufstieg des Islamischen Staates suchen immer mehr Menschen, vor allem aus Syrien und dem Irak, den Weg nach Europa (European Council on Refugees and Exiles, 2015: 10). Als die deutsche Bundesregierung sich im Jahr 2015 – als die Unzulänglichkeiten des gemeinsam angestrebten europäischen Asylsystems offensichtlich wurden (Trauner, 2016: 312) – bereit erklärte, vermehrt Geflüchtete aufzunehmen, wurden viele neue, oft provisorische Unterkünfte für Geflüchtete eingerichtet, die als Durchgangsstationen dienen sollten und als Sammelunterkünfte bezeichnet werden (Bogumil et al., 2016: 128). Die Praxis der Unterbringung von Geflüchteten in Sammelunterkünften existiert schon seit den 1980er- Jahren in Deutschland (Schäfer, 2015: 7), gewinnt jedoch durch den neu aufkommenden Diskurs um die sogenannte Flüchtlingskrise und die oben erwähnten Errichtungen von Sammelunterkünften an steigender Relevanz. Doch wie wirken sich solche grundlegenden Veränderungen der Flucht und der gesammelten Unterbringung von Menschen unterschiedlichster Prägungen und Selbstbilder auf die Identität von Geflüchteten aus? Einen Teil der Erklärung bietet diese Arbeit, die sich auf den Raum als unter anderem identitätsstiftende Komponente bezieht und vor allem durch die aktuelle Entwicklung der vermehrten Unterbringung von Geflüchteten in Sammelunterkünften an Relevanz gewinnt. Dieser Umstand macht ein genaueres Verständnis des Lebens in Unterkünften und deren Folgen für das menschliche Zusammenleben, sowohl innerhalb der Unterkunft als auch in gesamtgesellschaftliche Dynamiken eingebettet, unabdingbar. Eine Raumtheorie, die sich auf die Verknüpfung von Raum und Identität bezieht, bietet jene der Erinnerungsorte. Mit dem Satz „what we remember is what we are“ heben McDowell und Braniff (2014) die Quintessenz dieses theoretischen Komplexes hervor, bei dem davon ausgegangen wird, dass individuelle und kollektive Narrative zur Sinnherstellung in der Gegenwart herangezogen und dementsprechend Positionierungsleistungen vorge- 1 1 nommen werden, die sich unter der Herstellung von Identität subsumieren lassen. Dies lässt sich durch jeweilige Bedeutungszuschreibung an Räume sowie deren körperliche Erfahrbarkeit und damit ihre materielle Manifestation unterstützen und somit einen Anschein unabänderlicher sozialer Tatsachen konstruieren. Darauf aufbauend entwickelte Marc Augé seine ethnografische Theorie der Nicht-Orte, die sich mit dem Komplex der Identität in sogenannten Transit-Räumen und seiner Meinung nach geschichtslosen Orten auseinandersetzt. Wie sich schon im Verweis auf diese Geschichtslosigkeit in Hinblick auf die Theorie der Erinnerungsorte suggerieren lässt, sind diese Nicht-Orte ebenfalls Raumeinheiten, an denen sich kein Narrativ und damit auch keine dauerhafte ortsbezogene Identität manifestiert. Diese angebliche Identitätslosigkeit gilt es in den Fokus der vorliegenden Arbeit zu rücken und durch die Perspektive von Personen zu erweitern, die sich infolge der beschriebenen Verwaltungsprobleme und der Asylpraxis Deutschlands für längere Zeit in solchen als Nicht-Orte konzeptualisierten Raumeinheiten aufhalten und einrichten müssen (Bogumil et al., 2016: 133). Um sich der Fragestellung des Lebens in deutschen Sammelunterkünften für Geflüchtete widmen zu können, wird die vorliegende Arbeit auf ein adäquates theoretisches Fundament gestellt. Dabei wird zuallererst auf verschiedene Konzeptionen und Ebenen der Identität eingegangen, die relevant für das jeweilige Selbstbild der Menschen und den jeweiligen Handlungs- und Interpretationsrahmen der erlebten Realität zugrunde liegen. Schon in diesem Teil wird auf die Erinnerung beziehungsweise die Geschichtlichkeit von Identität verwiesen, die als Grundmotiv beziehungsweise Interpretationsrahmen der Arbeit dienen soll. Dabei wird Geschichtlichkeit ebenfalls auf verschiedenen Maßstäben konzeptualisiert, die, so wie individuelle und kollektive Identität, als Resultat gesellschaftlicher Diskurse verstanden werden kann und demnach vor allem in gemeinsamer Kommunikation hergestellt und verteidigt wird. Darauf folgend findet die Verbindung zur Verräumlichung von Identität statt, die sich ebenfalls in der vorgestellten Theorie auf bestimmte Narrative stützt, jedoch um aktuelle sozialgeografische Konzepte erweitert wird. Um sich nun der Fragestellung mit Fokus auf Sammelunterkünfte zu nähern, wird die Theorie der Nicht-Orte herangezogen, die zum Ende des theoretischen Teils dieser 1 Einleitung 2 Arbeit erläutert wird. Zusätzlich werden die jeweiligen Lücken dieses Konzeptes aufgezeigt, zu deren Schließung die folgende Arbeit beiträgt. Dazu werden infolge des Theorieteils die Fragestellungen auf Grundlage dieser Forschungslücken generiert. Zur empirischen Untermauerung werden Interviews mit dem Ziel geführt, die in die Erzählung eingebetteten Identitätspositionierungen aufzudecken. Die Konzipierung der Empirie, welche die Erhebung und die Analyse beinhaltet, wird im Methodikteil weiter ausgeführt, bevor auf die erhobenen Ergebnisse und deren Interpretation und Verknüpfung zur Theorie eingegangen wird. Im Anschluss folgt eine Methodenreflexion, die noch einmal die Bedingungen kritisch hinterfragt, unter denen die jeweiligen Daten entstanden sind und analysiert wurden, bevor die Arbeit mit einem Fazit abgeschlossen wird, in dem die dargelegten Ergebnisse vor dem ausgearbeiteten theoretischen Hintergrund sowie der Fragestellung kritisch reflektiert werden. 1 Einleitung 3

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Zusammenfassung

Seit dem langen Sommer der Migration im Jahr 2015 und den damit zu Tage tretenden Unzulänglichkeiten des deutschen Asylsystems sind zahlreiche Asylsuchende in sogenannten Sammelunterkünften untergebracht. Diese Sammelunterkünfte können als mehr oder weniger provisorische Einrichtungen verstanden werden, besitzen jedoch immer den Charakter des temporären Aufenthalt bis zur Anerkennung als schutzbedürftige Person mit unterschiedlichem rechtlichen Status oder der Aberkennung dieses Status, die in die Abschiebung mündet. Die vorliegende Arbeit befasst sich im deutschen Kontext mit dem Phänomen der räumlich bezogenen Identität in solchen Transiträumen. Sie behandelt die Frage, wie sich der dauerhafte Aufenthalt im Transit, in Deutschland in den letzten Jahren Realität für Asylsuchende, auf die räumlich bezogene Identität auswirkt. Als theoretische Brille dient dabei der konzeptionelle Rahmen der Nicht-Orte, der eine raumbezogene Identität in Räumen des Übergangs in Zweifel zieht. Die vorliegende Arbeit leistet somit einen Beitrag zu der meist einseitigen Debatte um Unterbringung und Integration von Asylsuchenden und rückt dabei die Perspektive der Betroffenen deutscher Asylpolitik ins Zentrum der Analyse.