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Ausblick: Vertrauen als Überlebensstrategie in:

Franziska Klorer

Das Prinzip Vertrauen, page 161 - 168

Negative praktische Metaphysik zur Kritik des reinen Rationalismus

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3260-2, ISBN online: 978-3-8288-6775-8, https://doi.org/10.5771/9783828867758-161

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 28

Tectum, Baden-Baden
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Ausblick: Vertrauen als Überlebensstrategie Vertrauen in den und in die Neurowissenschaften – Habituelle und neuronale Evolution der menschlichen Vernunft Der Vorschlag, der bei der Betrachtung der subjektiven Tradition innerhalb des phänomenologischen Traditionsmodells oben gemacht wurde, namentlich der Habitualität, und damit dem Vertrauen, den Bärenanteil bei der Evolution des menschlichen Individuums sowie der Phylogenese des Menschengeschlechts zuzuschreiben, soll nun nochmals gestärkt werden. Sofern im Rahmen der vorliegenden Arbeit die Erarbeitung und Ausarbeitung einer umfänglichen zeitgenössischen Utopie ausgeschlossen ist, kann dieses Unternehmen den Charakter einer Andeutung nicht übersteigen. Hierfür wäre zumal eine echte Interdisziplinarität nötig, d. h. das ganz konkrete und individuelle Gespräch mit Neurowissenschaftlern, die die Autorin derzeit nicht leisten kann. Freilich also sind die Analogien, die oben (Unterkapitel „Subjektive Tradition“) zwischen dem veranschlagten habituellen axiomalen und dem materiellen axonalen Wachstum gezogen wurden, keinesfalls als eine ausgearbeitete Theorie zur Grundlage für die Neurowissenschaften zu verstehen. Der Vorschlag, der hier lediglich zum Ausdruck gebracht werden sollte, besteht in einer präziseren Erforschung der situativen, lebensweltlichen Lage eines Individuums, um davon ausgehend integrative und in diesem Sinne interdisziplinäre Erklärungsansätze für die faktisch verschiedenen Arten axonalen Wachstums erarbeiten zu können. Es wurde in diesem Sinne vorgeschlagen, das konkrete Umfeld eines Individuums, d.h. seine persönlich intersubjektive sowie seine soziale Lage als habituelle und damit traditionale Lage zu berücksichtigen und darüber hinaus dem nicht materiell nachweisbaren Vertrauen Aufmerksamkeit zu widmen. So könnte die Psychologie und Neuropsychologie erforschen, welche Botenstoffe oder/und Aktivitäten im Gehirn im Gange sind, wenn das Individuum sich im Zu- A. 161 stand des Vertrauens befindet. Sollten sich eben jene Stoffe und Aktivitäten als auch für axonales Wachstum relevante erweisen, so hätte man eine naturwissenschaftliche Basis für das Apriori in einem, dann als kulturell evolutionären Evolutionsprozess der Vernunft und des Gehirns zu bezeichnenden Prozess gefunden. Vertrauen in der und in die Politik – Psychopolitische Sanierung Ausgehend von der Hermeneutik der Habitualität ist für die familiäre, die intersubjektive, die soziale und damit zuletzt auch die Weltgemeinschaft letztlich das Erstreben von Echtheit, das heißt einer Vernunft, die sich stets im Prozess der Kritik als Dialektik von Tradition und Utopie befindet, oberstes Ziel. Da nur sie dauerhaft in einer pluralen, geschichtlichen, kontingenten Welt Vertrauen generieren und als solches auch erhalten und entsprechend der Veränderungen über die Zeit aufrecht erhalten kann. Im Konkreten bedingt dies das Selbstvertrauen des Einzelnen sowie das Fremdvertrauen in und von anderen, als Vertrauen in die eigene, die fremde und die soziale/offizielle Vernunft. Deshalb lässt sich das ideale Verhalten in einer Gemeinschaft als das echte Verhalten als ein notwendig auf Vertrauen basierendes beschreiben. D.h.: das Individuum muss zunächst der Gemeinschaft vertrauen, vice versa die Gemeinschaft dem Individuum. Ein solches Vertrauen verlangt und basiert auf einem entsprechenden Verhalten, das sich ganz gut mit Aristoteles’ Konzeption von Freundschaft beschreiben lässt, zumal dann wenn Vernunft anzustreben ist. So schreibt Aristoteles zur Freundschaft: „sie ist in Hinsicht auf das Leben (in der Gemeinschaft) höchst notwendig. […] Freundschaft ist Hilfe: den Jüngling bewahrt sie vor Irrtum, dem Alter bietet sie Pflege und Ersatz für die aus Schwäche abnehmende Leistung, den Mann [und die Frau] auf der Höhe des Lebens spornt sie zu edlen Taten an. »Zwei miteinander voran«: dann gewinnt das Erkennen wie das Handeln an Kraft.“ Für Aristoteles ist die Freundschaft ein „Naturtrieb“, den er im Menschen und Tierreich zwischen „Erzeuger und Erzeugtem einerseits, zwischen Erzeugtem und Erzeuger andererseits“ erkennt, „auch bei Wesen gleicher Abstammung als Zusammengehörigkeitsgefühl; ganz besonders aber bei den Menschen, weshalb wir die allgemeine Menschenliebe lo- B. Ausblick: Vertrauen als Überlebensstrategie 162 bend anerkennen.“247 Ausgehend von diesem Befund des Naturtriebs „allgemeine Menschenliebe“, entwickelt Aristoteles drei Arten von Freundschaft, die hier nun für die Beschreibung des vernünftigen Verhaltens in und als Gemeinschaft in Anspruch genommen werden sollen: Die drei aristotelischen Arten von Freundschaft basieren auf drei verschiedenen Motiven, die wiederum auf drei Eigenschaften des Liebenswerten zurückzuführen sind. Als Liebenswert „gilt das, was wertvoll, lustvoll oder nützlich ist.“248 Daraus ergeben sich die drei Motive 1.der Wert eines individuellen/einzelnen Menschen, 2.die Lust, 3.der Nutzen, und darauf beruhend die drei zugehörigen Freundschaftsarten, die als 1.Wertfreundschaft, 2.Nutzenfreundschaft und 3.Lustfreundschaft bezeichnet werden können. Die letzten beiden Arten sind „Freundschaften im akzidentiellen Sinn. Denn nicht deshalb weil er der ist, der er ist, wird der Befreundete geschätzt, sondern insofern er irgendein Gut oder eine Lust verschafft.“249 Die Wertfreundschaft hingegen ist die „vollkommene“ und „echteste“ Freundschaft, „weil jeder des anderen Wesensart liebt.“ Die echte Freundschaft besteht damit in Abhängigkeit von der „Trefflichkeit“ der Freunde und dauert so lange, wie diese gegenseitig gegeben ist, und Trefflichkeit ist für Aristoteles „ein Wert, der dauert.“ Darüber hinaus schließt die echte Freundschaft die anderen beiden akzidentiellen Freundschaften mit ein, denn die Freunde sind nicht nur „trefflich an sich [sondern] auch für einander von Nutzen. Und in gleicher Weise sind sie einander auch angenehm, denn sowohl an sich sind die Trefflichen angenehm als auch füreinander.“250 So gilt zunächst einmal, dass man Menschen und Dinge (tradierte intelligible wie tradierte materielle Dinge) nutzen, nicht benutzen soll. Wenn die eigene Person (prinzipiell) auf Ausnutzen und Benutzen angelegt ist, so ist jeder ‚wahrhaftige Nutzen‘ im Sinne der Echtheit (Husserl) ausgeschlossen. Und damit auch jener der daraus entstehenden Erzeugnisse für die Gemeinschaft. Was dann regiert sind reine Eigenliebe (bis hin zu Narzissmus) und reiner Eigennutz, letztlich Momente 247 Aristoteles, Nikomachische Ethik, übers. v. Franz Dirlmeier, Stuttgart 2006. Hier: Buch VIII, 1 [1155 a 3-24]. 248 Ebd., [1135 b 13-34]. 249 Ebd., [1155 b 34-1156 a 20]. 250 Ebd., [1156 b 9-28]. B. Vertrauen in der und in die Politik – Psychopolitische Sanierung 163 der Macht als Macht über sich und andere. Idealiter stehen sich vollkommene Gemeinschaft basierend auf der vollkommen Freundschaft und nützliche Gemeinschaft basierend auf Nutzenfreundschaft gegen- über. Erstere verlangt Ehrlichkeit, Offenheit, Vertrauen, letzteres jede Menge (Selbst-)Disziplin und gesetzlicher Regelungen. Hier begegnen sich reine Vernunft/Utopie und reine Rationalität/Tradition, wobei für die Gemeinschaft nur die Dialektik beider theoretisch und praktisch sinnvoll und praktikabel sein kann, namentlich die vernünftige Rationalität und rationale Vernünftigkeit, denn sie macht die Gemeinschaft zu einer echten. Man könnte diese Dialektik für die konkrete Gemeinschaftspraxis sodann folgender Maßen beschreiben: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser; aber eben auch: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. – Der Mittelweg, und das stete dialektische Austarieren, ist das Feld der Lebenskunst als zugleich die Kunst und das Erkennen oder Bewusstsein, immer in Gemeinschaft(en) und deren Vernünftigkeit zu leben. Die Rationalität/Tradition fordert die Nutzengemeinschaft, die Vernunft/Utopie hingegen die vollkommene Wertgemeinschaft. In Praxis und Theorie muss deren Dialektik ‚walten‘. Dabei können die Enttäuschung und die Irritation zum aller produktivsten Faktor für die Dauer der Gemeinschaft, aber auch für die Dauer des Individuum werden, denn die vollkommene Freundschaft „braucht auch Zeit und gegenseitiges Vertraut-werden.“251 Auch hier kann nun keine konkrete zeitgenössische Utopie ausbuchstabiert werden, die sich, ausgehend von dieser Charakteristik echter Gemeinschaft, der Frage zu stellen hat, was zu leisten ist, um eine solche Gemeinschaft als politisches System abzubilden und zu versichern. Sicherlich wäre eine Deformalisierung der Prozesse wünschenswert, sowie eine größere Gewichtung der Person als Persönlichkeit im Bezug auf politische Ämter und damit juristische Personen beim Wahlverfahren. Sofern die westliche Demokratie prinzipiell ein gutes und stabiles Modell im Sinne der Freiheit der Individualität in Gemeinschaft darstellt, müsste der Fokus einer entsprechenden Utopie auf der Weltgemeinschaft, und damit der Gemeinschaft verschiedener sozialer Traditionen liegen. 251 Ebd., [1156 b 9-28]. Ausblick: Vertrauen als Überlebensstrategie 164 Selbstvertrauen – Freiheit als Individualität in Gemeinschaft Sofern die offizielle Vernunft (soziale Tradition) von der Politik letztlich sanktioniert ist muss letztere zugleich die Möglichkeit von Utopie schaffen, um selbst zukunftsfähig zu bleiben und nicht im Faulbett der Traditionalität und reinen Rationalität zu versinken. Die Privatisierungstendenz im Bereich der Bildung läuft dieser Aufgabe vollkommen zuwider, sofern sie die Begegnung mit dem (sozial und kulturell bzw. Milieu-) Fremden boykottiert und in diesem Sinne immer sozial gefilterte Spezialvernünfte vertritt und generiert. Homogenität als Grundlage von Selbst- und Fremdvertrauen bedeutet nicht von vorne herein für Homogenität zu sorgen, sondern viel mehr Homogenität trotz Mannigfaltigkeit zu ermöglichen. Man könnte also maximal von einer Homogenität der Mannigfaltigkeiten sprechen, die nur durch Aufrechterhaltung der bewussten Konfrontation mit dem Fremden praktisch verwirklicht werden kann. Das diesem Sachverhalt zukommende staatliche Bildungssystem könnte man als ein integratives bezeichnen. Es soll folgend in aller Kürze zumindest ein Vorschlag hierzu beschrieben werden. Was zeitgenössisch in der Bildung stark unterfordert ist, das ist die Introspektion, die aber gerade für jede Hoffnung und Utopie und damit auch für jede Dauer entscheidend ist. Die Bildung muss nicht nur das Erlernen der offiziellen Vernunft als (soziale) Tradition sicherstellen, sondern auch das Entdecken individueller Vernunft als Utopie lehren respektive anleiten. Vorstellbar wäre die Einführung eines neuen Fachs, das sich schlicht und ergreifend „Utopie“ nennen würde, und damit den Schülern zumal Verantwortung für sich und die Gemeinschaft sowie für sich in der Gemeinschaft vermittelt. Eine solche Einführung dürfte in der Tat keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten, da hierfür keine neuen Lehrer rekrutiert werden müssen. Spezialkompetenz ist in diesem Unterrichtsfach eher nicht gefragt, vielmehr obliegt dem Lehrer, den Schülern die Vorstellung ihrer zunächst ganz persönlichen Utopie aufzuerlegen, die dann gemeinsam diskutiert werden kann. Im Gespräch, dem Dialog aller Dialoge, die Wünsche, Träume und Hoffnungen der Mitschüler kennenzulernen bedeutet auch die Vertrauensbasis auszuweiten und Individualität zu fördern. Zudem ist die Privatisierungstendenz im Bildungssystem, wie oben begründet, C. C. Selbstvertrauen – Freiheit als Individualität in Gemeinschaft 165 sehr kritisch zu betrachten, wenn nicht abzulehnen. Aber auch hierfür kann vorliegend keine vollständige Utopie geliefert werden. Vertrauen in der und in die Mathematik – Die Grundlage der Mathematik als vernünftige axiomatische Mengenlehre Abschließend gilt es über den Zusammenhang von Vertrauen als zugleich Basis und Produkt von Vernunft in der Mathematik zu sprechen. Auch die Mathematische Logik respektive Vernunft ist auf Flexibilität ihrer Axiome angewiesen, die sie insbesondere in der Mengenlehre als dem Fundament der Mathematik benötigt. Die Mathematik bedarf dieser Flexibilität als solcher, um ihre Einheitlichkeit als Wissenschaft respektive Logik zeitgenössisch zu wahren. Die Meta-Stellung der Mengenlehre ergibt sich aus der Tatsache, dass alle mathematischen Konzepte letztlich definiert sind durch die beiden undefinierten Konzepte („primitive notions“) Menge und Zugehörigkeit. Die Axiomatische Mengenlehre formuliert deshalb Axiome über diese undefinierten Konzepte, um zumindest Basisprinzipien der Mengenlehre darzustellen und damit eben allen mathematischen Konzepten ein einheitliches Fundament zu geben.252 Die Mathematik vertraut in diesem Sinne den Konzepten Menge und Zugehörigkeit. So wäre ausführlich danach zu fragen, auf welchen Axiomen und welchen Eigenschaften dieser Axiome dieses Vertrauen im Rahmen der Axiomatischen Mengenlehre basiert respektive durch welche Axiome es abgesichert wird. Dies kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit allerdings ebenfalls nicht geleistet werden, auch hierfür wäre echte Interdisziplinarität gefordert, die alleine schon den zeitlichen Rahmen des vorliegenden Unternehmens sprengt. Über die Vernünftigkeit der hier veranschlagten Vernunft kann letztlich nur die Gemeinschaft entlang ihrer Axiome und Dogmen sowie den sich daraus ergebenden künstlichen positiven und negativen Sanktionierungen ihrer bestehenden Vernunft entscheiden. Dazu müsste nun freilich eine vollständige zeitgenössische Utopie vorgelegt D. 252 Vgl.: Kenneth Kunen, Set Theory. An Introduction to Independence Proofs, Amsterdam/Boston/Heidelberg 2006 (= Studies in Logic and the Foundations of Mathematics, Vol. 102; 10. Aufl.). Hier S. xi. Ausblick: Vertrauen als Überlebensstrategie 166 werden, die zumal den geschichtlichen Gang von Utopiemodellen in den Blick nehmen würde. Mit einer solchen zweiten Arbeit, wäre die hier angestrebte Kritik am reinen Rationalismus sowie die Durchführung der Negativen praktischen Metaphysik als die Dialektik aller Dialektik erst vollständig. D. Vertrauen in der und in die Mathematik 167

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References

Zusammenfassung

Vernunft ohne das menschliche Vertrauen in die Möglichkeit von und zu (seiner eigenen und seiner Mitmenschen) Vernünftigkeit ist nicht möglich.

Der reine Rationalismus hat dieses stets neu zu erringende, und insofern immer auch fragile, menschliche Vertrauen metaphorisiert. Damit hat er zugleich den Vertrauensschwund in ihn selbst vorprogrammiert, reinen Irrationalismus initiiert und – einhergehend – Ethik eliminiert.

Das Prinzip Vertrauen ringt darum, jenen, für eine ethische Vernunft inter Menschen, Kulturen und Wissenschaften nicht hintergehbaren und notwendigen Zusammenhang und -halt zu aktualisieren.

Dafür bedarf es der „Negativen praktischen Metaphysik“, d. h. der theoretischen wie praktisch konkreten Rehabilitierung der Utopie als dem dialektischen Pendant zur theoretischen und praktisch konkreten Tradition.