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4. Topik der oppositionellen Literatur in:

Christoph Schlittenhardt

"Ganz Deutschland ruft Hurra", page 87 - 110

Zur literarischen Darstellung des Krieges in den Zeitungen und Zeitschriften von 1914

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4018-8, ISBN online: 978-3-8288-6773-4, https://doi.org/10.5771/9783828867734-87

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Topik der oppositionellen Literatur Die ungeheure Masse in affirmativer Literatur erweckt leicht den Eindruck, dass der Erste Weltkrieg von der gesamten Bevölkerung euphorisch begrüßt wurde, auch weil genau diese Meinung in den meisten Texten immer wieder verbreitet wird. Doch neben der apologetischen Kriegsliteratur gab es bereits von Anfang an Schriftsteller, die sich nicht vom „ersten Massenwahn der Neuzeit überhaupt“302 anstecken ließen und schon in den ersten Kriegswochen ihre oppositionelle Literatur veröffentlichten. Damit sind jedoch nicht die Autoren gemeint, die durch ihren Einsatz an der Front desillusioniert wurden und Texte über die wahren Verhältnisse an der Front verfassten, sondern diejenigen in der Heimat verbliebenen Schriftsteller, die sich den Ideen von 1914 gegenüber als resistent erwiesen. Dabei thematisierten sie in ihren Schriften zumeist die Motive, die in der affirmativen Literatur gemieden oder in einem patriotischen Sinne verklärt wurden, wie zum Beispiel der Tod und die Entbehrungen, denen Soldaten an der Front ausgesetzt waren. Hunger, Angst, Trauer und Schmerzen wurden zu den zentralen Leitgedanken kritischer Literatur. Damit wollten die Autoren die Bevölkerung über die wahren Verhältnisse eines Krieges aufklären, worin auch die größte Leistung dieser Literatur besteht.303 Deshalb werden im Rahmen dieser Untersuchung auch solche Texte als oppositionell angesehen, die den Krieg mit all ihren Schrecken darstellen, auch wenn in ihnen nicht explizit gegen den Krieg Stellung bezogen wird. Gleichwohl sind Bedeutung und Ausmaß von ihr aufgrund verschiedener Faktoren schwer zu bemessen. So ist die Topik der oppositionellen Literatur mit einigen Problemen verbunden. Während die hurrapatriotischen Texte der affirmativen Literatur mit ihrer Topik größtenteils eindeutig zu identifizieren sind, da sie ihre Euphorie un- 4. 302 Rothe: Schriftsteller und totalitäre Welt 1966, S. 12. 303 Vgl. Koester: Literatur und Weltkriegsideologie 1977, S. 367. 87 verschlüsselt und offen wiedergeben, ist dies bei der Literatur der Kriegsgegner nicht der Fall. Diese mussten ihre kritischen Motive oftmals verschleiern, um ihren Weg an die Öffentlichkeit durch die Zensur und Euphorie der Bevölkerung zu finden. Zwar erschienen „in den Monaten des Krieges […] die textlichen Reaktionen auf den Krieg und dessen Darstellung und Kommentierung noch weitgehend ungesteuert“304, denn die „Zensurmaßnahmen militärischer und ziviler Behörden [schienen] kaum notwendig, um die Stimmungslage in der Heimat stabil zu halten“305. Doch die großen Zeitungen zeigten „eine gro- ße Bereitschaft zur vorbehaltlosen Identifizierung mit der überfallen geglaubten Nation“306, was die Verbreitung oppositioneller Literatur schwierig werden ließ. Träger derartiger Schriften waren damit hauptsächlich künstlerische Zeitschriften. Explizit oppositionelle emigrierten oftmals ins Ausland, vor allem in die Schweiz, um weiter publizieren zu dürfen und die Zensur zu umgehen. Zu diesen zählten unter anderem die Zeitschrift „Die weißen Blätter“ sowie das „Zeit-Echo“307. Unter den wenigen, in der Heimat verbleibenden und publizierenden Zeitschriften, die gegen den Krieg Stellung bezogen, sticht Die Aktion besonders hervor. Sie bildete „die einzige entschieden kriegskritische Zeitschrift, die in Deutschland […] kontinuierlich weiter erschien“308. Die von Franz Pfemfert herausgegebene Kulturzeitschrift umging die Zensur, indem sie sich als unpolitisches Blatt darstellte, welches „in den nächsten Wochen nur Literatur und Kunst enthalten“ 309 sollte. Obgleich dieser Behauptung Folge geleistet wurde, ist die in der Zeitschrift erschienene Kunst nicht gänzlich unpolitisch. So lassen sich in ihr diverse Texte finden, die die Schrecken des Krieges detailliert beschreiben und damit der Propaganda entgegen wirken. Eine andere Strategie, mit der Kritik ausgedrückt wurde, verfolgte Pfemfert mit der Bloßstellung der affirmativen Kriegsliteratur: „Unter dem Titel ‚Ich schneide die Zeit aus‘ stellte er kommentarlos Pressezi- 304 Flemming/Ulrich: Heimatfront 2014, S. 58. 305 Ebd. 306 Ebd. 307 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 29. 308 Anz/Vogl: Nachwort 1982, S. 239. 309 Franz Pfemfert: Freunde der Aktion, Leser, Mitarbeiter! In: Die Aktion 4 (1914), S. 693. 4. Topik der oppositionellen Literatur 88 tate zusammen, die sich in ihrer chauvinistischen Haltung sprachlich und gedanklich selbst entlarven sollten.“310 Auch die Publikation ausländischer Literatur in der Aktion kann als subtiler Widerstand gegen die Propagierung von nationalen Feindbildern gesehen werden. Eine weitere Zeitschrift, die eine wichtige Quelle oppositioneller Literatur ist, ist der Simplicissimus. Obgleich Hermann Korte ihr eine stark patriotische Position zuweist und sie auch tatsächlich hauptsächlich apologetische Literatur publizierte311, bildet sie neben der Aktion den größten Hort an antiheroischer Kriegsliteratur. Eine andere Form des Widerstandes, die von zeitgenössischen Autoren genutzt wurden, war das Schweigen. Diese Methode nutzte unter anderem Karl Kraus, der das Erscheinen seiner Kulturzeitschrift Die Fackel für kurze Zeit aussetzte, sowie Kurt Tucholsky.312 Zweifellos fiel diese Art der Opposition jedoch nur bei prominenten Autoren auf, die auch von der Gesellschaft beachtet wurden und welche regelmäßig Texte veröffentlichten. Allerdings lässt sich dieses Schweigen nicht messen, sodass es keinen Niederschlag in der quantitativen Auswertung der literarischen Opposition findet, worin ein weiteres Problem zur Bewertung des Ausmaßes der oppositionellen Texte besteht. Sicher war auch die Angst von gesellschaftlicher Isolation ein Beweggrund, auf kritische Texte zu verzichten. Denn in einer von Hurrapatriotismus gekennzeichneten Zeit riskierten Autoren ihre Leserschaft zu verlieren, sofern sie Schriften veröffentlichten, die deren Überzeugung widersprachen.313 Gerade in einer Zeit, in der Autoren durch die Publikation affirmativer Literatur enorme Beachtung genossen, wirkte die Aussicht auf schnellen ökonomischen Erfolg und Prominenz sicherlich verlockend. Ein weiterer Grund für die vergleichsweise geringe Anzahl der oppositionellen Kriegsliteratur liegt in der ambivalenten Deutungsmöglichkeit negativer Motive. So kann die Thematisierung von Verstümmelung entweder „als Anklage der Grausamkeit formuliert oder als Ausweis heroischen Standhaltens und Opfermuts“314 gedeutet werden. 310 Anz/Vogl: Nachwort 1982, S. 239. 311 Vgl. Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 171. 312 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 28. 313 Vgl. ebd. 314 Köppen: Das Entsetzen des Beobachters 2005, S. 226. 4. Topik der oppositionellen Literatur 89 Ebenso kann auch der Tod eines Soldaten als positives Zeichen der Aufopferung für das Vaterland gedeutet werden und nicht als anonymes Sterben im Schützengraben. Entscheidend ist hier der Kontext, in welchem die Motive selbst auftreten, aber auch in welchem das Gedicht publiziert wird. Ebenso gilt es zu beachten, welche anderen Texte von den Autoren eventuell publiziert worden und welche Tendenz diese aufweisen, da dies auch Einsicht in die politische Ansicht des Autors geben kann. Problematisch ist jedoch auch, dass manche Künstler lediglich die Realität des Krieges darstellen wollten, ohne ihn dadurch gleich kritisieren zu wollen315. Auch die zeitliche Distanz zu vorherigen Kriegen bewirkte, dass der Erste Weltkrieg derart euphorisch begrüßt wurde. Obwohl der deutsch-französische Krieg von 1870/71 gerade einmal gut vier Jahrzehnte vorüber war, schienen die Leiden der Soldaten „wegen des […] andauernden Guerillakrieges und der Tatsache, daß die meisten ‚Gefallenen nicht auf dem ‚Feld der Ehre‘ ihr Leben ließen sondern aufgrund von Seuchen“316, weitgehend vergessen. In Erinnerung blieben lediglich die durch die Schriften von „Kriegstouristen“317 vermittelte Euphorie des Sieges und dessen positive Nachwirkungen für das Deutsche Reich. Dies ist eine Ursache davon, weshalb die oppositionelle Literatur im Vergleich zur kriegsaffirmativen im ersten Kriegsjahr von 1914 eine geringe Rolle spielte. Trotz all dieser Widerstände gab es bereits zu Beginn des Krieges Literatur, die der patriotischen Propaganda entgegen wirkten wollte und in einer historischen Betrachtung nicht vernachlässigt werden darf. So geben die im Rahmen der Recherche dieser Arbeit entstandenen Zahlen einen Eindruck davon, dass die literarische Opposition nicht derart vereinzelt war, wie oftmals angenommen wird: 58 der insgesamt 433 gesammelten Texte aus der Heimat weisen eine eindeutig negative Bewertung des Krieges auf, weitere 42 zeigen eine neutrale Tendenz. Damit ist beinahe ein Viertel der Texte aus den Tageszeitungen und Zeitschriften im Deutschen Reich nicht von Euphorie geprägt. Obgleich die Wirkung dieser Werke auf die Gesellschaft wohl be- 315 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 77. 316 Schneider: Zur deutschen Kriegsliteratur im Ersten Weltkrieg 1999, S. 102. 317 Ebd. 4. Topik der oppositionellen Literatur 90 schränkt blieb318, so sind sie doch Zeugen der von Anfang an existierenden Gegner des Ersten Weltkriegs. Ihre Methoden und Motive, mit denen sie ihre Kritik ausdrückten, sollen nun in den folgenden Kapiteln dargelegt werden. Der Tod als anti-heroisches Motiv Der Diskurs des Todes spielt in der oppositionellen Literatur eine bedeutende Rolle und bildet das häufigste Motiv. Während er auch in der affirmativen Literatur nicht geleugnet wurde, so wurde er jedoch als heroische Aufopferung für das Vaterland charakterisiert. In kriegskritischen Texten wird er unter einem anderen Aspekt betrachtet, in dem mehr das Individuum im Vordergrund steht anstelle eines übergeordneten Zieles. Auch in dem Gedicht „Der Einzige“ eines anonymen Autors erhält der Tod eine neue Dimension. Es handelt von einer Mutter, deren einziger Sohn in den Krieg zieht. Er wird als ihr „letztes Glück“319 beschrieben und sie träumen gemeinsam von seiner sicheren Rückkehr. Nach dem Abschied rückt er aus: Dann zieht er fort – Trompeten schmettern, Im Feld die heiligen Fahnen wehn. Sieg folgt auf Sieg! Die Glocken jubeln, Vom Turm zu Turm hallt es zurück - - Weit draußen unter schmalem Hügel Ruht einer Mutter letztes Glück.320 Zunächst lassen sich auch die gewohnt patriotischen Motive finden. Die deutschen Truppen siegen, ihre Fahnen sind heilig und die Kunde vom Sieg wird von „Turm zu Turm“ getragen. Auch der Abschied des Sohnes von der Mutter lässt sich in vielen affirmativen Gedichten wiederfinden. Der Wunsch nach einer sicheren Rückkehr steht nicht zwangsläufig im Widerspruch zur damaligen Wahrnehmung der Rolle einer Mutter. Die neue Dimension dieses Gedichts tritt erst in den letzten beiden Versen auf. Denn der Sohn der Mutter, welcher wiederholt 4.1. 318 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 30. 319 Anon.: Der Einzige. In. Coburger Zeitung, Nr. 284 (04.12.1914), S. 4. 320 Ebd. 4.1. Der Tod als anti-heroisches Motiv 91 als ihr „letztes Glück“ beschrieben wird, ist im Kampf gefallen. Diese erneute Wiederholung hebt die Tatsache hervor, dass die Mutter nun alles verloren hat, was sie noch hatte. Kein Heldengrab, wie in der affirmativen Literatur beschrieben, bildet die letzte Ruhestätte des Sohnes, er ruht lediglich „unter schmalem Hügel“. Die Kleinheit dieses Grabes verdeutlicht die geringe Bedeutung seines Todes im Angesicht des Sieges und bildet einen Gegensatz zum Ausmaß seiner Bedeutung für die Mutter, welche durch die Beschreibung „letztes Glück“ im direkt folgenden Vers genannt wird. Auch die Abgeschiedenheit dieses Grabes beschreibt die Distanz zwischen dem propagierten glorreichen Sieg und der zurückgebliebenen Ruhestätte. Das Gedicht beinhaltet damit die gleichen Diskurse, wie auch die heroische Kriegsliteratur, die patriotische Verklärung fehlt jedoch. Die Mutter wird nicht durch übergeordnete Ziele getröstet, ebenso wird nicht der Tod des Sohnes überhöht. Der Tod wird als anonymes Ableben beschrieben, der den Hinterbliebenen sämtliches Glück raubt und daher keine Aussicht auf Trost besteht. Die Konzentration auf den Schmerz der Hinterbliebenen ist dabei eine gängige Perspektive oppositioneller Literatur. Wie austauschbar und anonym der Tod im Krieg vonstatten geht, wird auch in Aage Madelungs Novelle „Der Verwundete“ geschildert. Die Geschichte spielt in einem Lazarett, welches von einem Ich-Erzähler besucht wird. Dort trifft er auf einen Verwundeten, dessen Name nicht genannt wird. Sie unterhalten sich und es stellt sich heraus, dass er von einem Schrapnell im Rücken getroffen wurde. Die Verwundung erlitt er nicht in der Ausübung einer heroischen Aktion, wie häufig in der affirmativen Literatur, sondern schlicht im Zuge seiner gewöhnlichen Pflichtausübung im Schützengraben. Nachdem der Verwundete seine Geschichte erzählt hat, verabschieden sich die beiden. Der Erzähler kommt einige Zeit später erneut ins Lazarett zu Besuch und sieht, wie eine Bahre aus dem Zimmer des Verwundeten getragen wird: Es schien mir, daß die Bahre leer war, daß unmöglich etwas unter dem weißen Tuch sein könnte, auch weil die Träger so leicht trugen, als trügen sie nur das weiße Leinentuch. Als aber die Bahre vorbeigetragen wurde, sah ich unter einer Falte des groben Leinwandtuches das wachsgelbe Todesgesicht des auf dem Schlachtfelde Verwundeten. Und als ich in das Zimmer trat, wo er vor 4. Topik der oppositionellen Literatur 92 dem Fenster mit der Aussicht nach dem ‚Hüttenberg‘ gelegen hatte, war sein Bett leer, und schon bereit, einen anderen zu empfangen.321 Allein die Tatsache, dass der Name des Verwundeten im gesamten Verlauf der Novelle nicht genannt wird, ist ein Hinweis auf die Anonymität des Todes sowie darauf, dass die Rolle des Verwundeten von jedem beliebigen Soldaten erfüllt werden kann. Dies wird noch durch den letzten Satz der Novelle verstärkt. So wird über sein Bett gesagt, es sei „schon bereit, einen anderen zu empfangen“. Damit drückt der Autor aus, dass dem Toten nicht lange hinterher getrauert wird, sondern seine Stelle sofort von einem neuen Verwundeten ausgefüllt werden wird. Auch die Entbehrungen vor dem Tod werden in der Novelle geschildert, wenn auch nicht direkt. Indem beschrieben wird, dass die Träger sich nicht anstrengen müssen, um den Toten zu tragen, wird auf die Auszehrung hingewiesen, die der Verwundete vor dem Tod zu erleiden hatte. Dass der Tod gar als Erlösung angesehen werden kann, zeigt Katarina Botskys Novelle „Krieg“. Dort wird beschrieben, wie russische Soldaten in ein Dorf einmarschieren und die Bewohner auffordern, dieses zu verlassen. Ein Teil der Bevölkerung sucht auf dem Friedhof Zuflucht, wo sie die Toten anflehen, „sie zu sich zu holen, vor den Kosaken.“322 Tatsächlich werden sie von den Kosaken entdeckt, welche sie ebenfalls darum bitten, dass man sie erschießen möge, „aber schnell! Schnell!“323. Die Kosaken jedoch vertreiben „die Todbereiten“324 lediglich vom Friedhof. Selbst der Tod scheint angesichts des Leids also eine Erlösung. Der Tod tritt dabei in der Novelle als allumfassendes Motiv auf, ausgedrückt durch den Friedhof als Handlungsort sowie durch den Tod mehrerer Kinder und Tiere. Auch darin besteht ein Unterschied gegenüber der affirmativen Kriegsliteratur, bei der sich der Tod nur hauptsächlich auf die Soldaten im Feld auswirkte, nicht jedoch auf die Zivilbevölkerung. So wird auch am Ende der Novelle explizit gegen den Krieg Stellung genommen: „Wehe den Urhebern dieses Krieges! Die Gefallenen werden sie des Nachts in ihren Träumen überfallen, 321 Aage Madelung: Der Verwundete. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 547 (27.10.1914), S. 2. 322 Katarina Botsky: Krieg. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 358-362, S. 358. 323 Botsky: Krieg 1914, S. 358. 324 Ebd. 4.1. Der Tod als anti-heroisches Motiv 93 und ihr Ringen mit ihnen, ihr Ringen mit Legionen blutiger Schemen wird gefährlicher sein als jedes auf Schlachtfeldern.“325 Trauer Wie bereits erwähnt, konzentriert sich die oppositionelle Heimatliteratur vor allem auf die Hinterbliebenen. Dies ist auch beim Motiv der Trauer der Fall, die besonders im Kontext der Witwen auftritt. So auch bei Luise-Wieck-Dernburgs Gedicht „Den Witwen“, in welchem die Autorin die Einsamkeit der Frauen beschreibt, deren Leben nach dem Tod ihrer Männer „sehr arm an Freuden und sehr reich an Pein,/an Bitternissen reich und an Beschwerde“326 ist. Anders als jedoch in affirmativen Texten, die die Trauer von Witwen oder generell Hinterbliebenen behandeln, finden die Witwen aus Wieck-Dernburgs Gedicht nicht den Trost in der Menge, wie sie in den folgenden Versen beschreibt: Drum gehen wir und suchen solche Orte, dahin kein Laut der großen Freude dringt, wo uns kein Blick erreicht und keine Worte, wo unser Sinn ganz in sich selbst versinkt. Während in affirmativen Texten die Rede von einer geschlossenen Menge ist, die zusammen „die ungeheure Last der Toten, die auf sie drückte“327 tragen und so ihren Schmerz lindern, widersprechen Wieck-Dernburgs Verse dieser Annahme. Ihre Trauernden suchen gezielt die Einsamkeit, in der sie eben keinen Trost erfahren, weil sie gar nicht getröstet werden wollen. Sie wollen keinen Anteil haben an einer Gemeinschaft, sondern „ganz in sich selbst“ versinken. Damit steht der Gedanke der individuellen Pein der Ablehnung des Individualismus gemäß der Idee einer Volksgemeinschaft entgegen. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird zudem deutlich, dass es kein Entrinnen von 4.2. 325 Botsky: Krieg 1914, S. 358, S. 362. 326 Luise-Wieck Dernburg: Den Witwen. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 630 (11.12.1914), S. 2. 327 Gottfried Kölwel: Der Tote. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 386f. 4. Topik der oppositionellen Literatur 94 dem Schmerz des Verlustes gibt und welche enormen Ausmaße er annehmen kann: Weh‘ wenn wir noch einmal die Blicke heben/ zur Ferne und zur Liebe, die uns ruft!/ Dann strömt aus tausend Wunden Blut und Leben/ Wir sehnen uns und stürzen in die Gruft.328 Zwar können die Trauernden noch den Ruf der Liebe vernehmen, doch der Schmerz des Verlustes kann nicht überwunden werden. Durch neue Hoffnung werden nur alte Wunden wieder aufgerissen und die Sehnsucht danach führt sie schließlich „in die Gruft“ und tötet sie. Die einzigen Optionen, die es also in der Verarbeitung des Schmerzes gibt, bestehen entweder darin, den Blick gesenkt und sein Herz für die „Liebe, die uns ruft“, verschlossen zu halten, oder in dem Versuch der Überwindung des Schmerzes, der Anhörung dieses Rufes der Liebe und dem zwangsläufigen Scheitern dieser Überwindung, welches mit dem Tod einhergeht. Der Titel, der sich nicht explizit auf eine einzelne Witwe konzentriert, sondern sich allgemein auf alle Witwen bezieht, deutet darauf hin, dass es vielen Hinterbliebenen so geht. Auch darin besteht ein Unterschied zur affirmativen Kriegsliteratur, welche die Trauer behandelt. Dort wird meist eine bestimmte Frau beschrieben, welche einen Verlust erleidet, den sie aber durch die Hilfe Verwandter oder der Gemeinschaft überwindet. Seltener wird die, in der affirmativen Heimatliteratur gänzlich ignorierten, Trauer der Soldaten um ihre Freunde im Feld thematisiert. Obgleich eher in der Frontliteratur vorhanden, lässt sie sich auch in der oppositionellen Literatur auffinden. Im Gedicht „Spielmanns Tod“ aus der Coburger Zeitung wird von einem Soldaten berichtet, welcher nach dem Überleben einer Schlacht am nächsten Morgen die Sanitäter mit einer Bahre beobachtet, auf dem ein Bekannter von ihm liegt: Der Spielmann ist’s, mein Kamerad‘, Der hier den Tod erlitten hat. Ich schau ihm still ins Angesicht - Er sieht mich nicht, er sieht mich nicht. Wir legen ihn ins kühle Grab, Daß er sein Ruhebette hab‘. Und wenn ich dran vorübergeh‘ 328 Dernburg: Den Witwen 1914, S. 2. 4.2. Trauer 95 Wird’s mir im Herzen weh, so weh.329 Das Begräbnis des verstorbenen Kameraden bringt dem lyrischen Ich keinen Trost. Der Schmerz über den Verlust wird durch die beiden Wiederholungen stilistisch noch zusätzlich verstärkt, als zweimal betont wird, dass der Kamerad ihn nicht mehr sehen kann und dass das Herz beim Betrachten des Grabes „weh, so weh“ tut. Im Folgenden findet innerhalb des Gedichtes keine patriotische Verklärung statt, ebenso schwört das lyrische Ich keine Rache oder Ähnliches, wodurch dem Tod des Kameraden ein übergeordneter Sinn gegeben würde. Der Tod des Kameraden bleibt etwas Sinnloses, für den es keinen Trost gibt. Die Trauer wird bei Heinrich Schäff auch in einem religiösen Kontext beschrieben. In seinem Gedicht „Weihnacht 1914“ schreibt er: Es fallen millionen Tränen vom Himmel, Auf die Gräber des Lebens ohn‘ Unterlaß. Und auf der Weihnacht schneeeigem Schimmel Sitzt statt der Liebe der klirrende Haß.330 Mit seiner Aussage, dass der Himmel über den Tod auf der Erde weint, widerspricht er der Meinung apologetischer Texte, dass der Krieg heilig und von Gott gewollt sei. Es ist auch nicht die Rede von den Gräbern der Deutschen, sondern es werden explizit die „Gräber des Lebens“ angesprochen, wodurch sich die Trauer, ausgedrückt durch die Tränen, auf alle Tode der Menschen beziehen. Dass die Tränen vom Himmel „ohn‘ Unterlaß“ fallen, ist zudem ein Indiz dafür, dass es auch immerwährend einen Grund zur Trauer gibt, sprich, dass sich das Sterben ebenfalls „ohn‘ Unterlaß“ fortsetzt. Der Krieg verliert in diesen Zeilen seine Legitimation und dient nicht mehr als Ort des Ruhmes, sondern nur noch als Quelle des Todes. Über all diesem Leid sitzt nicht die Liebe, wie es speziell zur Weihnachtszeit laut dem Gedicht der Fall sein sollte, sondern „der klirrende Haß“, welcher dadurch eine negative Konnotation erfährt, während er in affirmativer Literatur häufig gerechtfertigt wird. 329 Anon.: Spielmanns Tod 1914, S. 3. 330 Heinrich Schäff: Weihnacht 1914. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 509. 4. Topik der oppositionellen Literatur 96 Das Elend des Krieges In der affirmativen Kriegsliteratur ist oftmals davon die Rede, dass die Bevölkerung Opfer bringen müsse und man sich untereinander helfen solle. In der oppositionellen Literatur finden sich die Gründe für diese Aufrufe, da der Krieg nicht nur an der Front zu großen Entbehrungen geführt hat. Dies wird eindrucksvoll in der Novelle „Ruth“ von Katarina Botsky dargestellt. Handlungsort ist ein Sanatorium in einer Stadt nahe der russischen Grenze. Aus Angst vor den Russen haben die meisten Bewohner die Stadt verlassen, was zu großen Problemen führt: „Der Proviant der Anstalt ging zur Neige, und es war keine Aussicht auf neue Lebensmittel vorhanden. […] Die Gemüsefelder der Anstalt hatten die Granaten der Russen zum größten Teil vernichtet. Vom Rest des Verschonten lebte man in immer kleiner werdenden Portionen.“331 Hier wird das zentrale Problem der Novelle vorgestellt, nämlich der Hunger. Durch den Krieg sind die Bewohner der Anstalt, ebenso wie die Ärzte und Schwestern, vom Nachschub abgeschnitten und bekommen keine Nahrungsmittel mehr geliefert. Damit wird gezeigt, wie der Krieg sich auch auf die Zivilbevölkerung auswirkt. Nachdem schließlich alle Lebensmittel aufgebraucht wurden und die Insassen kurz vor dem Verhungern sind, werden sie zusätzlich, trotz einer Fahne des Roten Kreuzes, von den russischen Soldaten beschossen. Zu diesem Zeitpunkt beschließt die Protagonistin Ruth, eine Waise aus der Stadt, die in der Anstalt Zuflucht sucht, auf Nahrungssuche zu gehen. Auch die anderen Insassen der Anstalt, die mittlerweile von den Ärzten verlassen wurde, durchkämmen die Stadt nach Nahrung. In ihrem Hunger stürmen sie eine brennende Bäckerei, in dem Bilder von Kuchen und Brot hängen. In diesem Moment wird die Bäckerei durch eine Granate getroffen, wodurch die gesamte Gruppe getötet wird. All dies sieht Ruth, die auf den Feldern der Stadt Essen gesucht hat, dabei jedoch mitten in ein Gefecht gerät. Das hindert sie jedoch nicht daran, die Soldaten um Brot anzubetteln, was ihr schließlich auch gelingt. Schließlich rückt Verstärkung der Deutschen an und der Feind wird zurückgedrängt. Ruth wird versprochen, dass sie bald eine ganze Wagenladung an Proviant für die Anstalt bekommen wird und sie will mit 4.3. 331 Katarina Botsky: Ruth. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 512 und S. 520, S. 512. 4.3. Das Elend des Krieges 97 dieser guten Nachricht zurückkehren. Plötzlich wird sie doch noch von einer Kugel erfasst und stirbt. Katarina Botsky schildert hier durch die Augen einer Wahnsinnigen gleich mehrere negative Aspekte des Krieges für die Zivilbevölkerung. Zunächst einmal die Flucht der Bewohner der Stadt und die damit verbundene Angst vor dem Feind. Hauptthema der Novelle bildet der Mangel an Nahrungsmitteln, der die Beschäftigten und Insassen an den Rand des Verhungerns treibt. Weitere Schrecken werden durch die Beschreibung von Verstümmelungen und Tod dargestellt. Die Novelle schließt mit der Zeile „Die unsichtbare Hand hatte ihr nichts Besseres geben können“, was sich auf die Kugel bezieht, die Ruth tötet. Damit erscheint der Tod als Erlösung von all dem Leid, welches die Protagonistin ertragen muss. Auch über die Entbehrungen an der Front wird in der oppositionellen Heimatliteratur geschrieben. Dabei steht die Wiedergabe realistischer Verhältnisse ohne patriotische Verklärung im Vordergrund. Von der Situation im Schützengraben handelt Edgar Steigers Gedicht „Im Schützengraben“, in dem er schreibt: Die Weide dort vom Frühreif überzuckert, Und wir, am ganzen Leib kein Faden trocken, Im Graben hier das Regenwasser gluckert, Tipptipp, die Stiefel ´runter in die Socken.332 Steiger zeigt hier das Leben im Schützengraben aus der Sicht eines Soldaten. Als erstes tritt das Motiv der Kälte auf, welche durch den „Frühreif “ beschrieben wird. Dabei wird sie noch verharmlost, indem beschrieben wird, dass der Frühreif die Weide „überzuckert“, wodurch ein ästhetisches Landschaftsbild erschaffen wird. Das negative Ausmaß der Kälte wird erst durch die Kombination mit der Nässe, die den ganzen Körper des Soldaten durchdringt, deutlich. Die Nässe rührt dabei vom Regen, dem die Soldaten anscheinend schutzlos ausgeliefert sind. Diese Schutzlosigkeit vor einem Zusammenspiel aus Nässe und Kälte ist dabei schon lebensbedrohlich, da die Soldaten ihr seit Tagen ausgesetzt sind: „Acht Tage schon … wir zählen die Sekunden“333, heißt es 332 Edgar Steiger: Im Schützengraben. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 392. 333 Steiger: Im Schützengraben 1914, S. 392. 4. Topik der oppositionellen Literatur 98 im Gedicht weiter. In dieser Situation werden die Soldaten zu lebenden Toten: Acht Tage schon wie Leichen eingegraben - Kaum hört man noch, ein regungsloser Klumpen, Die starren Hände den Gewehrlauf schaben Und drin das Herz das Blut zur Lunge pumpen.334 Durch den Vergleich mit Leichen wird den Soldaten tatsächlich jede Lebendigkeit abgesprochen. Die Hände sind mittlerweile durch die Kälte starr geworden, der Herzschlag ist kaum mehr zu vernehmen. In dieser Strophe werden die Auswirkungen der Entbehrungen deutlich. Die Krankheit als zusätzliches Leid und logische Konsequenz der Witterung, wird durch „ein fröstelnd Fieber“ ergänzt, wie es in der anschließenden Strophe heißt. Unter diesen Verhältnissen ist es kaum verwunderlich, dass der Tod begrüßt wird: „Man fühlt der Tröster Tod ist in der Nähe/Und bleischwer sinkt es auf die Augenlieder“335. Auch hier wird der Tod, wie schon bei Katarina Botsky, als Erlösung für die Beteiligten beschrieben. Zu groß ist das Elend, welches durch den Krieg hervorgerufen wird und kaum zu ertragen ist. Dem heroischen Leben an der Front aus der affirmativen Literatur wird hier der triste und auszehrende Alltag im Schützengraben entgegengestellt Die Aufklärung über die realen Zustände diente sicherlich dazu, die Euphorie über die Teilnahme am Krieg zu dämpfen und vor allem Kriegsfreiwillige und solche, die es werden wollten, zum Umdenken zu bewegen. Zerstörung Ein Mittel, um die Schrecken des Krieges aufzuzeigen, war es, über die mit ihm einhergehende Zerstörung zu schreiben. Auch dabei wird hauptsächlich die Zerstörung von zivilen Objekten geschildert, die in den Krieg hineingezogen werden. In Otto Zoffs Novelle „Maria mit dem Kinde“ bekommt der Leser einen grausigen Eindruck von der Zerstörungswut im Krieg. Der Autor erzählt dort von russischen Soldaten, die das Schloss Kaparczin er- 4.4. 334 Steiger: Im Schützengraben 1914, S. 392. 335 Ebd. 4.4. Zerstörung 99 obern. Zunächst wird das Schloss mit einer Granate in Flammen gesetzt, anschließend wird es auf der Suche nach Nahrung und Wertvollem geplündert, wobei nichts verschont bleibt: „Und schon trampeln große, schwere, kotige Füße alles, alles nieder: Korn und Weizen und Hafer. Trampeln, stoßen nieder, zermalmen: werde zu Erde, werde zu Boden, werde zu Mist und Dreck: feindliche, nutzlose Frucht!“336 Gerade die Wiederholung des Wortes „alles“ im Kontext der Zerstörung unterstreicht die umfassende Zerstörungswut der Soldaten. Das Vorgehen der Soldaten wird dabei vom Autor sogar verteidigt: „Wer läuft nicht, wenn er während dreier Tage nichts in den Magen bekommen hat und ein reiches, ein gefülltes, ein schutzloses Schloß vor ihm liegt?“337 Mit dem Hunger tritt zudem noch ein weiterer negativer Aspekt des Krieges in der Geschichte auf. Nach dieser Schilderung fokussiert sich die Geschichte auf einen einzelnen Soldaten Iwan Obrenowitsch, der abseits der großen Masse plündern will. Statt etwas zu essen, findet er jedoch eine Statue der Maria und ein lebendiges Baby zu ihren Füßen. Andere Soldaten sto- ßen zu ihm, vor denen Obrenowitsch das Kind beschützen will, wor- über sie spotten: „Die anderen machen ein paar Schritte in das Zimmer hinein. ‚Hast selbst erst gestern ein paar Kleine lustig, sehr lustig, Iwan, in das Feuer geschmissen,‘ lacht der eine. ‚War immer gut gezielt.‘“338 Daraufhin entbrennt ein Kampf zwischen Iwan Obrenowitsch und dem provozierenden Soldaten, in welchem Obrenowitsch schließlich von seinen anderen Kameraden getötet wird. Damit erweitert sich die Geschichte von der Zerstörung von materiellem zu menschlichem Material. Der Versuch, etwas vor der Zerstörung zu bewahren, in diesem Fall ein Baby, wird ebenfalls mit dem Tod bestraft. Das Baby als Sinnbild eines unschuldigen Menschen unterstreicht dabei den Aspekt, dass auch das Unschuldige im Krieg nicht verschont wird. Obgleich Zoffs Text sehr eindrücklich die Grausamkeiten der russischen Truppen propagiert, ist der Text dennoch genau aufgrund dieser expliziten Schilderung nicht als affirmativ einzustufen. Zumal innerhalb des Feindbildes noch einmal differenziert wird und der eine Soldat, trotz seiner vergangenen Verbrechen, als geläutert dargestellt 336 Otto Zoff: Maria mit dem Kinde. In: Bonner Zeitung, Nr. 344 (14.12.1914), S. 3. 337 Ebd. 338 Ebd. 4. Topik der oppositionellen Literatur 100 wird, da dieser versucht, einen Menschen zu retten. Ebenso wird ihre Zerstörungswut verteidigt, indem des Öfteren auf den Hunger als Antrieb der Zerstörung hingewiesen wird. Auch in Katarina Botskys Geschichte „Ihre Taten richten die Menschen“ ist die Zerstörung das zentrale Thema. Die Novelle handelt von einem Schäfer und seiner Tochter, die auf ihrem Landgut in der Nähe der russischen Grenze wohnen. Die Thematik der Zerstörung steigert sich dabei von Beginn der Geschichte an, bis sie am Ende ihre Klimax erreicht. Am Anfang sind es die Ochsen, die „zerstochen und zerschlagen und mit Schußwunden bedeckt“339 auf den Gutshof zurückkehren. Als nächstes folgen brennende Schafe, die „wie Tiere der Unterwelt“340 durch das Tor des Hofes laufen. Schließlich folgen die russischen Reiter, die für die Qualen der Tiere verantwortlich sind. Sie stürmen in das Haus und bedienen sich am Essen des Schäfers. Aus Angst vor den Soldaten trägt er ihnen sein gesamtes Essen auf, doch da es ihnen nicht ausreicht, beginnen die Reiter damit, das Geschirr aus Zorn zu zerstören. Dadurch wird die Zerstörungswut erst richtig entfesselt: Unter bösartigen Raubvogelschreien fielen sie über die Polstermöbel her und schlitzten sie auf. Decken und Vorhänge wurden zum Reinigen der Stiefel benutzt. […] Das Reisen und Krachen und Bersten im Saal berauschte die Wilden wie Alkohol. Die rohen Gemüter exaltierten sich an der Verwüstung. […] Einer suchte den anderen im Vandalismus zu übertreffen. Auch hier ist von einer Steigerung der Zerstörungswut die Rede, die mit der Zeit immer zunimmt. Schließlich zünden die Russen das Haus des Schäfers an, das Feuer wird als „Höllenbaum“341 beschrieben, wodurch die Zerstörung biblische Ausmaße erhält. Der Schäfer, der mittlerweile unter Faustschlägen zu Boden gegangen war, wird von einem der plündernden Soldaten aus den Flammen gerettet. Draußen wieder zu sich kommend findet er jedoch seine bis zum Tode vergewaltigte Tochter vor, wodurch die Zerstörung in der Vernichtung eines menschlichen Lebens ihre Klimax erreicht hat. Auch hier wird die Zerstörung im Krieg vor allem auf die Zivilbevölkerung bezogen dargestellt. Die Zerstörung betrifft dabei sowohl Materielles als auch 339 Katarina Botsky: Ihre Taten richten die Menschen. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 430, 436. 340 Ebd. 341 Ebd. 4.4. Zerstörung 101 Menschliches. Die Darstellung der Zerstörung in allen Einzelheiten spricht dafür, dass es Katarina Botsky ebenso wie Otto Zoff nicht darum geht, den Feind zu verteufeln, sondern die grausamen Auswirkungen des Krieges aufzuzeigen und damit den hurrapatriotischen Schriften entgegen zu wirken. Der Vergleich mit anderen Texten der Autorin, von der auch die in Kapitel 4.3. vorgestellte Novelle „Ruth“ stammt, stützt diese These, da diese ebenso schonungslos die Grausamkeiten des Krieges in einem negativen Kontext aufzeigen. Angst und Ungewissheit Angst und Ungewissheit sind zwei weitere zentrale Leitmotive, die in der Topik der affirmativen Literatur ignoriert werden, bei der oppositionellen Literatur dagegen eine große Rolle spielen. Dabei geht es nicht um die Angst vor der feindlichen Aggression, die durch die Verbreitung der Feindbilder geschürt wurde, sondern um die konkrete Angst in einem Kontext, der nicht mit den Ideen von 1914 in Zusammenhang steht. Diese Angst tritt dabei in drei unterschiedlichen Formen auf. Die erste und am weitesten verbreitete Angst in der behandelten Topik ist die Angst der Hinterbliebenen um ihre Verwandten und Geliebten im Feld. Grund dafür ist oftmals die Ungewissheit, ob die Bezugsperson des lyrischen Ichs oder des Erzählers noch lebt. Diese Frage ist auch bei Christian Sümmerer zentrales Motiv in seinem Gedicht „Vermißt…“342. Bereits im Titel wird durch die drei Punkte am Ende auf die Ungewissheit, was noch kommen wird, verwiesen. Dort nimmt er die Perspektive der Geliebten eines Soldaten ein, deren Sorgen gleich zu Beginn thematisiert werden: „Meine Seele schreit über die Wasser hin:/Liebster, wo bist Du…?“ Der Leser erfährt, dass das lyrische Ich nichts über den Verbleib ihres Geliebten weiß, die Sorge um ihn bringt dabei schon ihre Seele zum Schreien, was den Ausmaß ihres Schmerzes zeigt. Ebenso nutzt der Autor auch hier wieder die drei Punkte zur Verdeutlichung der Ungewissheit. Das ganze Ausmaß ihrer Verzweiflung wird jedoch erst gegen Ende des Gedichts deutlich: 4.5. 342 Christian Sümmerer: Vermißt… In: Coburger Zeitung, Nr. 231 (02.10.1914), S. 3. 4. Topik der oppositionellen Literatur 102 Tilge das schreckliche Wort…vermißt… Sag mir, o sag mir, wo du bist! Vater im Himmel, hör meine Not, Gib mir den Liebsten – und wär er tot…343 Der Schmerz, welcher durch das Wort „vermißt“ beim lyrischen Ich hervorgerufen wird, wird noch einmal zusätzlich verdeutlicht, indem es erst nach einem Zögern, wieder einmal durch drei Punkte angezeigt, ausgesprochen wird. Zugleich wird es durch die Einrahmung mit Hilfe der doppelten Verwendung der drei Punkte besonders hervorgehoben. Die Verzweiflung wird endgültig, indem das lyrische Ich um die Hilfe Gottes bittet und sogar den Tod des Geliebten in Kauf nimmt, wenn sie ihn nur dadurch wieder hätte. Die Trauer scheint hier erträglicher zu sein als die Ungewissheit. Damit werden Angst und Ungewissheit zu den mitunter schlimmsten Auswirkungen des Krieges erhoben, noch vor Tod und Trauer. Eine zweite Dimension der Angst, die jedoch in der Heimatliteratur nur selten auftritt, ist die des Soldaten im Feld. Auch hier spielt die Ungewissheit, eine Rolle, dieses Mal jedoch darauf bezogen, wie lange es dauert, bis man selbst zu den Verlusten zählt. In Hugo Wolfs Gedicht „Im Feld vor Morgengrauen“ wird es wie folgt beschrieben: Die Regimenter schlafen. Wie weit die Nacht hinflutet! Wer weiß, wer morgen blutet Und einfährt in den Hafen…344 Anders als in den affirmativen Texten wird die Ungewissheit des Lebens nicht als Abenteuer empfunden, das es zu bestehen gilt, sondern als Angstzustand. Man reflektiert darüber, wann der Tod einen selbst erreichen wird. Auch wird der Eindruck erweckt, dass man ihm ausgeliefert ist und niemand vor ihm sicher ist. Stilistisch wird die Ungewissheit auch bei Wolf wieder von den drei Punkten am Ende des letzten Verses unterstützt. Die letzte Form der Angst, die sich in der oppositionellen Literatur finden lässt, ist eine allgemeine Zukunftsangst. Bereits im August 1914 schreibt Ilse Müller folgende Verse: 343 Christian Sümmerer: Vermißt… In: Coburger Zeitung, Nr. 231 (02.10.1914), S. 3. 344 Hugo Wolf: Im Feld vor Morgengrauen. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 394. 4.5. Angst und Ungewissheit 103 Die Dämmerstunde zwischen Nacht und Tag Liegt tot und bleiern auf den nassen Dächern, Und in den dumpfen, niedrigen Gemächern Fragt manch ein Herz mit angstvoll scheuem Schlag: Wie wird es kommen? Wie wird alles sein? Welch neues Elend hat die Welt geboren? Ist alles Glück im Keimen schon erfroren? Und unheilschwanger grinst der fahle Schein.345 Statt Euphorie über den Kriegsausbruch dominiert bei ihr schon früh die Angst vor der Ungewissheit. Die vielen rhetorischen Fragen sind Sinnbild dieser Sorgen und Ängste, die das lyrische Ich äußert. Sie beziehen sich dabei ausschließlich auf die Zukunft, die unsicherer denn je erscheint. Ilse Müllers Gedicht ist ein Beispiel für die beunruhigte Stimmungslage in Teilen der deutschen Bevölkerung direkt nach Ausbruch des Krieges, welcher mit der affirmativen Literatur vorgebeugt werden sollte. Dass dies jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt war, zeigen die oben zitierten Verse. Sie zeugen nicht nur von einer verunsicherten Deutschen, sondern die Ungewissheit geht sogar tendenziell ins Negative, da der „fahle Schein“ am Horizont „unheilsschwanger [grinst]“. Somit zeichnet sich also bereits Unheil in der Zukunft ab. Dass diese Angst nicht auf sie beschränkt bleibt, zeigt die Autorin, indem sie nicht nur von der Angst einer Person berichtet, sondern von diversen Herzen, die mit „angstvoll scheuem Schlag“ leben. Die ungewisse Zukunft scheint daher ein verbreitetes Phänomen zu sein, welches in der großen Menge an affirmativer Literatur geleugnet wird, indem von einer umfassenden Euphorie gesprochen und „das ganze Land [jubelnd]“346 gezeichnet wird. Gerade deshalb sind nicht kanonische Texte wie der von Ilse Müller enorm wichtig, da sie auch andere Meinungen fernab der prominenten, staatlich in ihrer Entstehung und Verbreitung geförderten Literatur aufzeigen. 345 Ilse Müller: Morgendämmerung. In: Hessenland 28 (1914), 1. August-Heft. 346 Georg Schwiening: Die Wacht in West und Ost. In: Oberhessische Zeitung, 08.08.1914. 4. Topik der oppositionellen Literatur 104 Naturdarstellung Ein wichtiges stilistisches Mittel, um der Zensur zu entgehen, war die Verschleierung von Kriegskritik. Oftmals diente die Darstellung der Natur als Sinnbild eines zerstörerischen Krieges, wofür unter anderem das Sinnbild des Sturmes, vor allem jedoch die Farbe Rot stehen.347 Im Kontext von Himmelskörpern dient das Rot in seiner Funktion häufig der Ankündigung von Unheil. So auch bei Katarina Botskys bereits in Kapitel 4.4 vorgestellten Novelle „Ihre Taten richten die Menschen“, in welcher der Himmel als „schauerlich rot“ bezeichnet wird, als die Kosaken an der Hütte des Schäfers ankommen.348 Der rote Himmel fungiert dabei bereits als Indikator dafür, dass Blut vergossen werden wird. In Paul Zechs Gedicht „Nächtlicher Angriff “ wird diese Rolle vom „rotem Nebel“349 übernommen, welcher ein Dorf umhüllt, das kurz darauf von Soldaten erobert wird. Zugleich nutzt der Autor in diesem Gedicht die Natur als Spiegel der Ereignisse. Indem er schreibt „Der Mond verblutet in den Bäumen“, nutzt er das Motiv des Mondes, um das Blutvergießen auf der Erde widerzuspiegeln. Welche Bedeutung die Farbe Rot im Kontext oppositioneller Gedichte hat, wird in dem Gedicht „Ueber die rote Heide“ von Erich Vogeler noch einmal besonders deutlich. In der ersten der insgesamt drei Strophen wird zunächst eine Naturidylle geschaffen, die sich noch nicht konkret mit dem Krieg in Verbindung bringen lässt. Es heißt lediglich: Die Heide ist rot… Schimmernd, wie Abend nach schönem Tag verloht. Märkische Heide. Am Wegesrand Ein purpurner Saum, durch weißen Sand. Ein schmaler Saum. Dahinter wie in Bächen Schwimmt das Rot in stillen Flächen. Blüt‘ an Blüte rot über den weiten Raum.350 4.6. 347 Vgl. Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 166. 348 Vgl. Botsky: Ihre Taten richten die Menschen 1914, S. 436. 349 Paul Zech: Nächtlicher Angriff. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 367. 350 Erich Vogeler: Ueber die rote Heide. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 608 (30.11.1914), S. 6. 4.6. Naturdarstellung 105 Auch hier ist bereits die Farbe Rot dominant, obgleich sie noch von Weiß und Purpur begleitet wird. Der Grund für die Färbung der Heide wird jedoch noch nicht deutlich. Erst in der zweiten Strophe wird dem Leser der Kontext bewusst. Dort wird beschrieben, wie Soldaten und Kanonen über die „blühende Heide“351 ziehen, „Während draußen, vielleicht…/Ein Freund jetzt mit blutendem Munde fiel…“352. Der Grund der rot blühenden Heide sind die Soldaten, die mit ihrem Blut, welches sogar explizit erwähnt wird, für die Färbung der Heide sorgen. Das Vorüberziehen der Soldaten und die Erkenntnis über den Grund der Rotfärbung der Heide verstärken die Dominanz der Farbe in der abschließenden Strophe: Die Heide…ist so rot. Am Wegesrand Eine purpurne Rinne, durch weißen Sand. Eine Rinne, rot und schmal … Dahinten wie in Bächen Schwimmt das Rot in breite Flächen. Lachen, große Lachen überall…. Die Heide… Die Heide ist so rot. Die letzte Strophe orientiert sich größtenteils an der ersten Strophe, wodurch jedoch den Unterschieden eine noch größere Bedeutung zukommt. Zunächst hat das Rot der Heide zugenommen, die nicht mehr bloß rot, sondern „so rot“ ist. Auch aus der purpurnen Rinne ist eine rote Rinne geworden, wodurch sich zeigt, dass das Blut sich ausbreitet. Dies zeigt sich auch an den Flächen, welche nicht mehr nur als still, sondern als „breite Flächen“ beschrieben werden, wodurch sie eine große räumliche Dimension erhalten. Besonders bedeutungsvoll ist die Erwähnung der Lachen, welche auf eine große Verbreitung von Blut hinweisen könnten. Speziell das Wort „überall“ in Verbindung mit den „breiten Flächen“ und den „großen Lachen“ zeigt die weite Verbreitung des Blutes, verursacht durch den Krieg. Auffallend sind ebenso die drei Punkte, welche der Autor häufig einsetzt. Wie in anderen oppositionellen Gedichten zuvor zeugen auch sie von einem Zögern des Autors angesichts der kaum darstellbaren Zerstörung durch den Krieg. Die 351 Erich Vogeler: Ueber die rote Heide. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 608 (30.11.1914), S. 6. 352 Vogeler: Ueber die rote Heide 1914, S. 6. 4. Topik der oppositionellen Literatur 106 Punkte erwecken den Eindruck, der Autor suche nach den richtigen Worten, um diese Zerstörung und das überall fließende Blut zu beschreiben. Dieses Mittel findet er, wie viele andere Schriftsteller auch, in einer von der Farbe Rot dominierten Natur, welche das omnipräsente Blutvergießen repräsentiert und als Spiegel der Geschehnisse im Krieg dient. Die Sehnsucht nach Frieden Während die affirmative Kriegsliteratur den Krieg als Erlösung willkommen heißt, sehnt man sich in der oppositionellen Literatur nach dem Frieden zurück. Zwar ist das Motiv des Friedens auch in den euphorischen, patriotischen Schriften vertreten, doch ist es dort an die Bedingung eines Siegfriedens geknüpft und tritt vorwiegend im Kontext von Weihnachten auf353. In der oppositionellen Literatur dagegen ist der Frieden an keine Bedingung geknüpft. Einer dieser bedingungslosen Friedensappelle stammt von Hermann Hesse. Hesse war ebenfalls einer der Autoren, der zu Beginn des Krieges von Euphorie ergriffen wurde und an seine reinigende Wirkung glaubte. Deshalb meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch abgelehnt. Bereits im Oktober 1914 wandelt sich jedoch seine Einstellung, als er die Konsequenzen des Krieges für die Menschen erkennt.354 Eine Konsequenz dieses Wandels ist sein Gedicht „Friede“, in dem es über den Frieden heißt: Jeder hat’s gehabt, Keiner hat’s geschätzt, Jeden hat der süße Quell gelabt, O wie klingt der Name Friede jetzt!355 Bereits in der ersten Strophe setzt sich Hermann Hesse hier mit der Meinung aus der Vorkriegszeit auseinander, nach der der Friede nichts 4.7. 353 Siehe dazu Kapitel 3.7 und Kapitel 3.8. 354 Vgl. Michael Limberg: Das politisch-publizistische Engagement Hermann Hesses zwischen 1914 und 1945. In: Der Grenzgänger Hermann Hesse. Neue Perspektiven der Forschung, hg. von Henriette Herwig und Florian Trabert, Freiburg/ Berlin/Wien 2013, S. 453-464, S. 454. 355 Hermann Hesse: Friede. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 406. 4.7. Die Sehnsucht nach Frieden 107 als Langeweile und Dekadenz bedeute.356 Nun aber sei diese Meinung überholt und die Menschen sehnten sich nach dem Frieden zurück. Dass er hier nicht nur für sich spricht, drückt er in der zweiten Strophe aus: „Jeder sehnt ihn voll Verlangen her.“ Da dies wohl nicht der Wahrheit entspricht, da im Oktober 1914 die Euphorie längst nicht derart abgeflaut ist, was die noch im November und Dezember 1914 erscheinenden affirmativen Texte belegen, wirkt die Formulierung Hermann Hesses eher wie ein Wunsch oder ein Appell an alle. Der Frieden scheint für Hesse dabei nicht allzu weit entfernt: „Ungeduld rege Hoffnung pflückt/Ahnend schon die goldne Frucht vom Baum“. Diese Frucht ist der Friede, den Hesse bereits erahnen kann. Der Krieg wird jedoch noch weitere vier Jahre dauern, weshalb der unbestimmte Zeitpunkt der Friedensankunft in der letzten Strophe des Gedichts passender erscheint: Sei willkommen einst, Wenn aus Blut und Not Du am Erdenhimmel uns erscheinst, Unsrer schönern Zukunft Morgenrot! Hier wird nämlich durch die Verwendung von „einst“ eine zeitliche Distanz von unbestimmter Länge erschaffen. Sicher ist lediglich, dass er irgendwann einmal aus dem Leid der aktuellen Zeit, durch „Blut und Not“ angesprochen, geboren wird. Doch vor allem mit dem letzten Vers widerspricht Hesse der affirmativen Kriegsliteratur. In diesem Vers vergleicht Hesse die Friedenszeit mit der des Krieges und stellt den Frieden als schöner dar. Die Ankunft einer neuen Zeit wird durch das „Morgenrot“ als Zeichen des Anbruchs eines neuen Tages noch einmal verdeutlicht. Ebenso wie der Krieg also in der apologetischen Literatur als Erlösung vom Frieden dargestellt wurde, wird in Hesses Gedicht der Frieden als Erlösung von den Leiden des Krieges geschildert. Erna Heinemann-Grautoffs Gedicht „Wenn alle Wünsche, alle Tränen…“ konzentriert sich vorrangig auf den Aspekt der Friedensschließung selbst. Dieser geht dabei nicht von den Politikern oder den Soldaten aus, sondern von den Menschen, die das Leid des Krieges in der Heimat ertragen müssen. Dies wird erreicht, indem sich alle Men- 356 Vgl. Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg 2014, S. 36f. 4. Topik der oppositionellen Literatur 108 schen die Hände reichen. Hierbei spricht sie alle Arten von Händen an, die „weichen Hände und die arbeitsrauhen,/Die jungen und die welken, aderblauen,/die hellen […],/ die braunen auch“357. Der Friedensappell wird dadurch auf alle Menschen auf der Erde ausgeweitet, die gemeinsam zum Frieden beitragen. Wie dies genau geschehen soll, wird in den letzten Versen des Gedichts beschrieben: wenn sie einander fassen wollten, lenken, vermöchten, sich zur Kette zu verschränken; die Kette liefe um so weite Flächen,sie könnte bald den Erdenball umkreisen. Dann sollte wohl kein Schwert, kein Blei, kein Eisen in alle Ewigkeiten sie durchbrechen. Die Autorin spricht hier von einer Menschenkette, die die gesamte Welt umfassen soll und in ihrem Wunsch nach Frieden von keiner Kriegsbegeisterung mehr durchschlagen werden kann. Die Menschen auf der Welt werden in diesem Gedicht durch ihr gemeinsames Leid vereint. Die Vereinigung dient jedoch anders als in apologetischen Schriften nicht dazu, das Leid besser ertragen zu können, sondern aktiv etwas dagegen zu unternehmen, indem der Krieg beendet werden soll. Der dadurch anbrechende Friede soll dabei auf Basis einer Völkerverständigung erreicht werden, da sich alle Völker der Welt unabhängig ihrer Hautfarbe, ihres Standes oder Alters die Hände reichen. Wenn dies erreicht werden könnte, so würde der entstandene Frieden nach Meinung der Autorin ewig andauern. Ihr Gedicht, ebenso wie das von Hermann Hesse, zeigen deutlich, dass bereits wenige Monate nach Ausbruch des Krieges der Wunsch nach Frieden in der Bevölkerung vorhanden war und dass sich auch prominente Autoren trauten, öffentlich dem Krieg zu widersprechen. Die Veröffentlichung der Gedichte im Simplicissimus und dem Berliner Tageblatt zeigt ebenso, dass auch die großen Zeitungen ebenso schnell bereit sind, solche Texte zu verbreiten, die der öffentlichen Propaganda widersprechen. 357 Erna Heinemann-Grautoffs: Wenn alle Wünsche, alle Tränen… In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 639 (16.12.1914), S. 3. 4.7. Die Sehnsucht nach Frieden 109

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References

Zusammenfassung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einer enormen Flut an Literatur. Überall im Deutschen Reich berichteten Schriftsteller von einer umfassenden Euphorie, die ihre Zeitgenossen 1914 ergriffen hatte. Doch nicht nur gestandene Autoren, sondern auch Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten veröffentlichten Texte, die ihre tiefsten Emotionen enthielten. Gerade diese vermeintlich dilettantischen Texte, sowohl von der Front als auch aus der Heimat, liefern einen ungefilterten Blick auf die Hoffnungen und Ängste in den ersten Wochen des Krieges.

Christoph Schlittenhardt bietet erstmals eine umfassende Analyse der Kriegsliteratur zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die sich nicht nur auf einzelne Zeitungen, Gattungen oder Stilrichtungen beschränkt. Aus ausgewählten Zeitungen wurden Hunderte literarische Texte von Kriegsbeginn bis Ende 1914 gesammelt, um die wichtigsten Motive dieser Zeit zu identifizieren und auf ihre Funktion hin zu analysieren. Dies ermöglicht nicht nur die Dokumentation einer Entwicklung von einer anfänglichen Euphorie bis hin zu einer Ernüchterung, die viel schneller eintritt, als es ein Blick in die kanonische Literatur vermuten lässt. Vielmehr tritt dadurch eine literarische Opposition hervor, die von Beginn an bestand und die Menschen über die wahren Schrecken des Krieges aufklären wollte.