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3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur in:

Christoph Schlittenhardt

"Ganz Deutschland ruft Hurra", page 21 - 86

Zur literarischen Darstellung des Krieges in den Zeitungen und Zeitschriften von 1914

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4018-8, ISBN online: 978-3-8288-6773-4, https://doi.org/10.5771/9783828867734-21

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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Topik der kriegsaffirmativen Literatur Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 Der Erste Weltkrieg gilt heutzutage als „der erste große Krieg, in dem neben dem Stand von Technik und Ökonomie auch die ideologische Propaganda nach innen (Durchhaltevermögen in der eigenen Bevölkerung) wie nach außen (Beeinflussung des neutralen Auslands) eine ganz entscheidende Rolle spielte.“42 Die Nationen der Entente hatten dies schnell erkannt und den Krieg zu einem Feldzug gegen den preu- ßischen Militarismus und einer Zivilisierung des deutschen Volkes erklärt. Die Deutschen wurden innerhalb dieser Propaganda als Barbaren dargestellt, weshalb ein kulturelles Sendungsbewusstsein leicht zu rechtfertigen und der Sinn des Krieges klar zu erkennen war.43 In Deutschland fehlte zu Beginn des Konflikts jedoch eine kulturelle Legitimation und konkrete Sinngebung des Krieges, weshalb vor allem Schriftsteller und Gelehrte sich in der Pflicht sahen, gewissermaßen ein kulturelles Gegenprogramm zur Propaganda der Entente zu erschaffen. Dieses Programm bestand in den sogenannten „Ideen von 1914“. Die Ideen von 1914 wurden als Ausdruck einer deutschen Kulturrevolution gesehen, die bewusst der Französischen Revolution von 1789 entgegengesetzt wurde, um ihre geschichtliche Bedeutung zu verdeutlichen. Unter anderem Thomas Mann trieb diese Gegenüberstellung voran, indem er die Gegensätze zwischen der westlichen Zivilisation, vertreten durch Frankreich und England, sowie der deutschen Kultur hervorhob.44 Dies wirkte sich auch maßgeblich auf den Inhalt der Ideen von 1914 aus, den man antithetisch dem der „Ideen von 3. 3.1. 42 Helmut Fries: Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter. Bd. 1: Ursprünge - Denkweisen - Auflösung. Konstanz 1994, S. 207. 43 Vgl. ebd., S. 206. 44 Vgl. Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin 2013, S. 261. 21 1789“45 entgegensetzte. Dadurch äußerte er sich vor allem durch „Elemente der Lebensphilosophie, Zivilisationskritik, Kapitalismusfeindschaft, des atavistischen Autoritarismus“46 sowie einem überhöhten Selbstbewusstsein des deutschen Wesens. Somit können die Ideen von 1914 ebenfalls als Versuch gewertet werden, die hauptsächlich vorherrschenden kulturphilosophischen Strömungen zu Beginn des Ersten Weltkriegs unter einem Begriff zu bündeln, wodurch sie zu einem „Konglomerat von verschiedenartigen, ideengeschichtlich keineswegs originären Ideologemen“47 wurden, welches sich jedoch einer präzisen Definition entzieht. Inszeniert wurden die Ideen von 1914 durch ständige Wiederholung und „plakative Aneinanderreihung zusammenhangloser Zitate und ein ständig variierendes Spiel mit den Namen der wichtigsten Vertreter der deutschen Philosophie und Literatur seit dem 18. Jahrhundert.“48 Dabei wurden die bestehenden Werke der Literatur sinnentfremdend und willkürlich interpretiert, damit sie als Beweis für die Überlegenheit der deutschen Kultur gegenüber der westlichen Zivilisation dienen konnten. Doch auch auf die zeitgenössischen Schriftsteller im Deutschen Reich hatten sie einen enormen Einfluss, weshalb sich die Grundelemente der Ideen von 1914 in einer Vielzahl von Schriftstücken wiederfinden lassen und vor allem die apologetische Kriegsliteratur dominieren. Die literarische Verarbeitung dieses Stoffes geschah entweder als passive Rezeption, „vorwiegend durch die Übernahme oder literarische Verarbeitung der populären Grundthesen vom Krieg“49 oder aber als aktiver Versuch der Mitgestaltung bei den Ideen von 1914. In den folgenden Kapiteln sollen nun die vorherrschenden inhaltlichen Elemente dieser Ideen aufgeführt und ihre Diskurse an exemplarischen Texten nachgezeichnet werden. 45 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 99. 46 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 95. 47 Vera Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917). Zum Wandel im Selbstverständnis einer künstlerisch-politischen Literaturzeitschrift, Bern 1994, S. 156. 48 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 101. 49 Ebd., S. 96. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 22 Die Erschaffung einer Volkseinheit Das Motiv der Einheit und die oft damit postulierte Verbrüderung innerhalb des deutschen Volkes war eines der hauptsächlichen Motive der Ideen von 1914. Dieses Motiv hatte seinen Ursprung im sogenannten „Burgfrieden“50. Damit wurde der politische Schulterschluss zwischen der Regierung, den Gewerkschaften und der SPD genannt, der sich vor allem in der Bewilligung der Kriegskredite am 4. August 1914 durch die SPD ausdrückte. Diese Bewilligung überraschte die Bevölkerung insofern, da die Sozialdemokraten noch bis zum 28. Juli 1914 öffentlich gegen den drohenden Krieg demonstriert hatten.51 Gerade deshalb aber sah man darin den „Beweis, daß durch den Krieg mit einem Mal eine neue, wunderbare Einheit der Nation entstanden sei.“52 Auch in der Literatur schlug sich diese Überzeugung einer neuen Volkseinheit nieder. So heißt es in Julius Steinbergs Gedicht „Das deutsche Volk steht auf “ vom 03. September 1914 im Angesicht des Krieges mit den damit verbundenen Opfern: Ihr Blut macht uns vergessen, Daß Deutsche einst getrennt; Parteien sind versunken; Nur e i n e Flamme brennt. Um alle Seelen windet Sich nur ein einzig Band, E i n Denken, Tun und Trachten: Das deutsche Vaterland!53 Die vom Autor vorgenommene Hervorhebung der Worte „eine“ und „Ein“ betont noch einmal im besonderen Maße den Wert der Einheit des Volkes. Zweifellos war die Fülle an Proklamationen einer neuen Einheit des Volkes ebenfalls eine Reaktion auf den bekannten Ausspruch von Wilhelm II.: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur 3.1.1. 50 Sabine Schulze/Leonie Beiersdorf/Dennis Conrad (Hg.): Krieg & Propaganda 14/18, Hamburg 2014, S. 58. 51 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 230. 52 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 158. 53 Julius Steinberg: Das deutsche Volk steht auf. In: Bonner Zeitung, Nr. 242 (03.09.1914), S. 2. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 23 noch Deutsche“54. Damit wurde der Krieg zur „günstigen Gelegenheit, soziale Spannungen erfolgreich zu harmonisieren“55, weshalb „die Feier der Volkseinheit das wichtigste und wirksamste Grundelement“56 der Propaganda im Zusammenhang mit den Ideen von 1914 bildete. Gleichzeitig erfüllte der Ausruf der Verbrüderung auch den tief verwurzelten Wunsch der Bevölkerung nach einer „Wiedergewinnung nationaler Einigkeit“57. Dieses Bedürfnis war der tiefen Zersplitterung der Gesellschaft im Deutschen Reich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschuldet. Nicht nur politisch war das Land durch die Konkurrenz zwischen der konservativen Regierung und den immer stärker werdenden Sozialdemokraten zerstritten, auch religiös bildete Deutschland aufgrund des Machtkampfes zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche keine Gemeinschaft mehr.58 Lola Landau vergleicht dies in ihrem Aufsatz „Der neue Geist“, der am 17. August 1914 im Berliner Tageblatt erschien, mit einem Land, „zerspalten in getrennte Stromgebiete“, von denen die „einzelnen Flüsse […] in die Binnenseen ihrer Sonderinteressen [liefen]“59. Nun sind die Menschen aber durch den Krieg wieder unter das Banner einer Idee gestellt worden, die höher steht als das Geschick des Einzelnen […]. Das Erlebnis ist ungeheuerlich. Millionen Wesen einen denselben Wunsch, spannen sich an zu demselben Willen. Hier ist nicht nur eine Armee von Kriegern, nein, ein ganzes Volk mit Frauen, Kindern und Greisen, Zukunftstragenden und Vergangenheitsbewahrenden, die zusammenstehen, Schulter an Schulter wie ein Heer. Das Recht der vielbesprochenen Individualität, was gilt es nun?60 Hier erfolgt gleichermaßen der Wunsch nach Einheit mit der Ablehnung der Individualität, die als Feind der Einheit dargestellt wird. Ebenso wird hier formuliert, dass sich die Einheit auf das gesamte Volk erstreckt, nicht nur auf den männlichen oder an der Front kämpfenden 54 Entnommen aus der Thronrede von Wilhelm II. am 04.08.1914. Zitiert nach: Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 157. 55 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 97. 56 Ebd., S. 97. 57 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 157. 58 Vgl. ebd., S. 160. 59 Lola Landau: Der neue Geist. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 414 (17.08.1914), S. 6. 60 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 24 Teil. Vor allem für Frauen war die Idee einer Volksgemeinschaft sehr reizvoll, weil sie rechtlich nicht mit den männlichen Bürgern gleichgestellt waren, sich mit der Proklamierung einer gleichgestellten Gesellschaft jedoch in Reichweite von tatsächlicher Gleichberechtigung wähnten.61 Auch für andere politisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen besaß dieser Gedanke großen Anreiz, was wiederum ein Faktor für den Erfolg dieser „Idee“ von 1914 ist. Mit der Ausweitung des gesamten Krieges auf alle Teile des Volkes, wie im oben vorgestellten Aufsatz dargestellt, werden zudem zwei weitere, wesentliche Funktionen erfüllt. Zum einen dient es der moralischen Stärkung des Soldaten, welcher sich nun im Feld nicht allein wähnt, sondern als Teil eines gesamten kämpfenden Volkes, was vor allem vom Zeitgenossen J. Meier in einer Abhandlung über Kriegsgedichte thematisiert wird.62 Zum anderen ermöglicht diese Ausweitung auf das ganze Volk, jeden Teil von ihm in den Krieg mit einzubeziehen. Somit wird die Formierung einer Volkseinheit zum primär politischen Interesse, da man dadurch die Bereitschaft zur Ausnutzung von Ressourcen aus allen Teilen der Bevölkerung bei derselben erhöht. Weiterhin dient die Idee einer Volksgemeinschaft der Förderung von Hilfsbereitschaft. Besitzt das Volk die Gewissheit, dass es die Leiden des Krieges als eine Einheit ertragen muss, steigt die Bereitschaft einander zu helfen und diese Leiden zu ertragen. Zu finden ist dieser Aufruf oder die Darstellung der Hilfsbereitschaft in vielen affirmativen Texten in Verbindung mit der Betonung einer Volkseinheit, exemplarisch seien hier die Verse von Max B. aus dem Münchener Stadtanzeiger vom 29.08.1914 genannt: Zu Hilfe! Hier ist Hilfe not! – Die Herzen und die Säckel offen! Die Wunden brennen blutig rot – laßt nicht umsonst auf Balsam hoffen! Für arme Kinder, blaß und krank – o, füllt die kleinen Kinderhände! Dem Weib, dem der Ernährer sank – o, reicht des Goldes Segensspende! Noch sät Verderben Blei und Erz beim Schmettern der Trompetentöne, - 61 Silke Fehlemann: Building Home. The War Experience of German Woman Writers 1914-1918. In: Krieg und Literatur, Bd. 20: „Then Horror Came Into Her Eyes…”. Gender and the Wars, hg. von Claudia Glunz und Thomas F. Schneider, Osnabrück 2014, S. 69-95, S. 86. 62 Siehe dazu vor allem Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 106. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 25 Den Säckel auf und auf das Herz, für Eure Brüder, Deutschlands Söhne!63 Die Hilfsbereitschaft spielt deshalb eine wichtige Rolle beim Aspekt der Volkseinheit, da sie die Versorgung der Hinterbliebenen erleichtert und damit für den Krieg essenzielle Ressourcen einspart. Gleichzeitig stärkt sie zusätzlich die Überzeugung einer kollektiven Kriegserfahrung innerhalb der Bevölkerung und ihren Durchhaltewillen. Die Bedeutung des Opfers Eine der Gründe, warum der Krieg von den meisten Schriftstellern so euphorisch begrüßt worden war, war der Glaube daran, dass der Krieg heroische Tugenden im Menschen fördern würde. Dazu gehörte auch die Opferbereitschaft, die ein weiteres zentrales Motiv der Ideen von 1914 bildet.64 Sie wurde vor allem von Schriftstellern immer wieder hervorgehoben und lässt sich daher häufig in der kriegsapologetischen Literatur wiederfinden.65 Dies lag daran, dass man in der Bereitschaft zum Opfer das „Ende aller privaten, selbstsüchtigen Interessen“66 sah. Gerade der Egoismus vor allem von in der Stadt lebenden Menschen war ein Vorwurf, der im allgemeinen Kulturpessimismus im Deutschen Reich vor Beginn des Krieges immer wieder aufkam.67 Thematisiert wird dies unter anderem in einem titellosen Gedicht aus dem Münchener Stadtanzeiger: Nur jener ist ein ganzer Mann, Der Not und Sorg‘ vergessen kann, Der gern und wahr, mit Herz und Hand, Tritt ein fürs teure Vaterland. Zu Hause grad so wie im Feld Kann er sich zeigen wie ein Held, Wenn er die Selbstsucht niederringt, Was auch das Schicksal immer bringt! Wer bittre Tränen will jetzt stillen, 3.1.2. 63 Max B.: An alle deutschen Herzen! In: Münchener Stadtanzeiger, Nr. 35 (29.08.1914), S. 1. 64 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 175. 65 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 73. 66 Ebd. 67 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 128. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 26 Kann’s nur mit Mut und Opferwillen.[…]68 In diesen Zeilen wird explizit derjenige gelobt, der seine eigenen Interessen in den Hintergrund stellt und sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Eine derartige Aufopferung kann aus einem Mann einen Helden des Volkes machen, auch ohne Partizipation an direkten Kampfhandlungen. Ein anderer Grund für die vorherrschende Euphorie bezüglich der propagierten Opferbereitschaft besteht in einem „mentalen Heroisierungsprozess […], der im Sommer 1914 kulminierte. Die Vorstellung von Opfer und Ehre hatten eine bis dahin unvorstellbare Relevanz für den Zusammenhalt der Gesellschaft bekommen.“69 Am Ende dieses Prozesses, an dem der Krieg stand, fanden die Menschen nun eine lang ersehnte Gelegenheit, diese aus ihrer Sicht heroische Tugend wiederaufleben zu lassen. Will man dies an der Literatur des Ersten Weltkriegs nachweisen, muss man jedoch auf die verschiedenen Bedeutungsebenen des Begriffs des „Opfers“ eingehen. Laut Herfried Münkler gibt es zwei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten dieses Wortes: „die des passiven, schicksalhaften Zum-Opfer-Werdens, und die des Sich Opferns, des Mit-dem-Leben-Eintretens für andere, der um jeden Preis zu vollbringenden Tat.“70 Die erste Bedeutungsebene lässt sich vor allem in der realistischen und oppositionellen Literatur finden, die im späteren Teil dieser Arbeit näher beleuchtet werden soll. Die zweite Bedeutungsebene, also die des Aufopferns zur Rettung von jemand anderem, ist gängiges Motiv der affirmativen Literatur und gleichzeitig dominierend gegenüber der ersten Ebene. Doch auch in der positiv konnotierten Bedeutung des Aufopferns gibt es unterschiedliche Akzente dieses Diskurses, die es zu beachten gilt. Einer dieser Akzente ist die freudenvolle Aufopferung für das Vaterland, bei der der Tod nicht nur hingenommen, sondern geradezu begrüßt wird. So heißt es in dem Gedicht „Deutsche Soldaten“ eines anonymen „Zeitungsleser[s]“, welches zu Beginn des Krieges in der Zeitung für das Dillthal erschien: „Die Waffen scharf, das Auge auf!/So stürmen wir 68 H Sch. : Nur jener ist ein ganzer Mann. In: Münchener Stadtanzeiger, Nr. 32 (08.08.1914), S. 1. 69 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 224. 70 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 225. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 27 gen Feind./Gern nehmen wir den Tod in Kauf,/Obs Mütterlein auch weint.“71 Zunächst wird hier noch von einer abstrakten Möglichkeit des Todes geschrieben, welcher auch im Angesicht der Trauer von Nahestehenden gerne angenommen wird. Ferner heißt es konkreter: Und wird es dunkel um uns her In weiter blut’ger Rund Ist wund die Brust, das Herz ist schwer, Spricht zuckend noch der Mund: Ich sterbe gern für Deutschlands Ehr […]72 Nun ist bereits vom stattfindenden Tod des lyrischen Ichs die Rede, doch auch dieser wird gerne für die Ehre Deutschlands in Kauf genommen. Eine Rolle dabei könnte jedoch das Entstehungsdatum des Gedichtes spielen, welches noch zu Beginn des Krieges publiziert wurde. Spätere Gedichte, die mitunter zum Anlass des Totensonntags im November erschienen, banden auch den Aspekt der Trauer und der Not in das Motiv des Opferns mit ein. Die Opfer selbst haben allerdings noch immer eine sakrifizielle, also für andere aufopfernde, Bedeutung. So zum Beispiel beim Gedicht „Tag der Toten“ von Gustav Fa, welches im Berliner Tageblatt erschien. Dort heißt es: Die Not der Zeit, die Toten mehrte, Daß ihre Leichen hügelhaft getürmt, Sie war es auch, die sie das Sterben lehrte, Daß sie wie Helden in die Schlacht gestürmt. Sie sanken blutend in den Sand Und jauchzten: Vaterland!73 Hier werden zwar das Leid und die Not thematisiert, die überhaupt erst zu den Opfern führen, gleichwohl werden sie trotzdem noch als Helden stilisiert. Diese Heldenstilisierung und ihre immer wiederkehrende Wiederkehr als Motiv in der Literatur waren es gerade, die die Opferbereitschaft des Volkes fördern sollten und waren damit elementar mit dem Aspekt des Aufopferns verbunden. Ein anderes Gedicht, welches zum Anlass des Totensonntags erschien, widmet sich der ersten Bedeutungsebene des Wortes Opfer, 71 Anon.: Deutsche Soldaten. In: Zeitung für das Dillthal, 20.08.1914. 72 Ebd. 73 Gustav Fa: Tag der Toten. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 594 (22.11.1914), S. 2. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 28 welches Herfried Münkler als die „viktime“74 Bedeutung bezeichnet. Obgleich das Wort damit eine negative Konnotation trägt, wird es doch zur Motivation angeführt, gewissermaßen als eine Trotzreaktion. So wird darauf hingewiesen, dass die Opfer notwendig und nicht vergeblich seien, wenn es heißt: „Aus Tausender Blut, aus Tausender Leid,/Von neuem das dorrende Herz zu erheben,/Wächst die kommende, die stahlblanke Zeit.“75 In diesem Text sind die Opfer Grundlage für eine glorreiche Zukunft des Deutschen Reiches und bekommen damit ebenfalls einen Sinn zugesprochen, der wiederum die Soldaten ermutigen soll, für ihr Land einzutreten. Welch hohen Stellenwert auch diese Bedeutung des Opfers besitzt, speziell im Dienst für das Vaterland, belegt eine Novelle aus dem Berliner Tageblatt von Hans Joachim Frh. v. Reitzenstein, in der die Begegnung zweier jungen Soldaten mit einem Verwundeten in der Heimat geschildert wird. Auf die Frage des einen jungen Soldaten, ob dies nicht ein ehemaliger Klassenkamerad des anderen sei, antwortet dieser voller Neid: „Mensch, hast du Worte! Der ist schon Unteroffizier - und verwundet!“76 Das Opfer des Krieges, hier durch den Verwundeten verdeutlicht, wird nicht bemitleidet, sondern sogar beneidet. Die Verwundung selbst weist ihn nicht als Opfer aus, sondern ist vielmehr ein Ehrenabzeichen. Auch bei Max Bernstein wird ein äußerliches Kennzeichen, durch das man als Opfer identifiziert werden kann, als Ehre angesehen. Bei ihm heißt es in seinem Gedicht „Aus der Zeit“: „Kein Königspurpur schimmert licht,/Wie solches dunkele Gewand,/Das mit ergeb’nem Schweigen spricht:/Ich leide für das Vaterland.“77 So lässt sich also durchaus eine Umdeutung des Wortes Opfer feststellen, welches in der affirmativen Kriegsliteratur zumindest auf deutsche Soldaten bezogen eine durchweg positive Bedeutung besitzt. Ein Opfer des Krieges zu sein wird in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs nicht bemitleidet, sondern gar beneidet. Erst in der Aufopferung für das Vaterland erfüllen die Soldaten zeitgenössischer 74 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 225. 75 Julius Berstl: Verlustliste. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 596 (23.11.1914), S. 3. 76 Hans Joachim Frh. von Reitzenstein: Im Vorübergehen In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 524 (15.10.1914), S. 2. 77 Max Bernstein: Aus der Zeit. In: Berliner Volks-Zeitung, Nr. 572 (24.11.1914), S. 3. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 29 Literatur nach zu urteilen ihre Pflicht. Diese Annahme und ihre ständige Wiederholung in der affirmativen Literatur ermöglichte „die Transformation der viktimen Gesellschaft in eine sakrifizielle Gemeinschaft“78, womit erneut eine Methode der Propaganda deutlich wird, die einerseits zur Steigerung des Durchhaltevermögens im Volk führen sollte und andererseits die Opferbereitschaft der Menschen an der Front sowie in der Heimat erhöhen wollte. Das Symbol des Helden Am 7. Dezember 1914, als der Krieg vor allem im Westen schon seit drei Monaten von Kämpfen in Schützengräben dominiert wurde und in massiven Verlusten für alle beteiligten Parteien resultierte, erschien im Berliner Tageblatt ein Aufsatz von Hermann Bahr mit dem Titel „Heldentum“. Dort heißt es: „Das Zeitalter schien alles eher als heroisch; wir hatten eigentlich gar nicht den Ehrgeiz, Helden zu sein. Vor einem halben Jahre hätten wir kaum geglaubt, daß es noch Helden gibt, und in Scharen. Es ist aber ein Heldentum, das sich vom antiken wie vom ritterlichen wesentlich unterscheidet. Nicht bloß durch die Menge: Leonidas tritt massenhaft auf, ein Tag enthält mehr Heldentum als alle punischen Kriege.“79 Diese beinahe inflationäre Erscheinung von Helden und die damit verbundene Darstellung von Heldentum im Krieg ist ein Resultat zielgerichteter Propaganda und bildet das am häufigsten genutzte Motiv der affirmativen Kriegsliteratur. Dies diente vor allem dazu, Freiwillige zum Eintritt in die Armee zu bewegen. Wichtig hierfür war der Aspekt, dass jeder ein Held sein konnte, wenn er sich nur im richtigen Moment für seine Kameraden einsetzt. So wird es zum Beispiel in der Novelle „Die Quittung“ von Arnold Zweig geschildert. Diese ist Zeugnis der „chauvinistische[n] Kriegsgesänge“80, welche der damals hochgradig euphorische Schriftsteller veröffentlicht, bevor auch er wie viele andere Literaten durch den tatsächlichen Kriegseinsatz ab 1915 zum Pazifisten wird. In der Novelle selbst 3.1.3. 78 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 226. 79 Hermann Bahr: Heldentum 1914, S. 3. 80 Wilhelm von Sternburg: Arnold Zweig. Frankfurt/Main 1990, S. 82. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 30 beschreibt Zweig eine Schlacht, in der eine Kompanie eine Stellung erobert, aber vom Nachschub abgeschnitten wird. Als ihr die Munition ausgeht, wird in den hinteren Reihen nach einem Freiwilligen gesucht, der durch gefährliches Sperrfeuer Nachschub an die heftig unter Beschuss stehenden Kameraden liefern soll. Es meldet sich ein Soldat, „welcher im Frieden zu den schlechtesten Soldaten des Bataillons [gehörte], mit dem sich Unteroffiziere und der ausbildende Leutnant vergeblich geschunden haben.“81 Er vollführt den Auftrag zum Erstaunen seiner Vorgesetzten und erhält das Eiserne Kreuz. Dass der Soldat über diese Verleihung eines Ordens verwundert ist, soll die Selbstverständlichkeit unterstreichen, mit denen deutsche Soldaten ihre propagierten Heldentaten vollbringen. Gerade solche Geschichten sollen den anderen Soldaten als Vorbild dienen. Häufiger sind jedoch die literarischen Darstellungen, in denen ein neuer Heldentypus propagiert wird, der sich an das neue Kriegsbild anpasst. Die ritterliche Vorstellung vom Kampf Mann gegen Mann wurde obsolet, „denn die Maschinenschlacht ließ traditionelle Heldenmodelle untergehen und schuf neue: jene, die sich an und mit der Technik bewährten, als ‚Helden der Lüfte‘ oder ‚Wölfe der See‘.“82 Bei beiden waren die Kriegsschauplätze beziehungsweise die an ihr beteiligten Krieger überschaubar, sodass das Ideal vom Kampf Mann gegen Mann noch am ehesten aufrecht erhalten werden konnte. Im Feld aber drückte sich das Heldentum anders aus, wie im Gedicht „Der neue Ruhm“ von Bruno Frank beschrieben wird: „Wohl wir alle haben es gewußt/Heute gilt kein buntes Heldentum/Nicht mehr Brust an Brust/ Mißt sich Ritterlust/Stiller, aber höher ward der Ruhm.“83 Auch hier lässt sich wieder die Bescheidenheit und Selbstverständlichkeit wiederfinden, mit dem der Soldat seine heroischen Taten begeht, da es heißt „Stiller, aber höher ward der Ruhm“. Der Soldat prahlt nicht mit seinem Heldentum, er sieht es als Pflicht an. Auch bei Hermann Bahr liest man dies: „Die Helden selber schreiben anders; Sie haben einen großen Ton, der ein stiller ist.“84 Pflichtbewusstsein und Bescheidenheit stehen damit aktiv dem „buntem Heldentum“ von Bruno Franks 81 Arnold Zweig: Die Quittung. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 488. 82 Köppen: Das Entsetzen des Beobachters 2005, S. 230. 83 Frank, Bruno: Der neue Ruhm. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 476. 84 Bahr: Heldentum 1914, S. 3. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 31 Gedicht gegenüber. Auch sind es nicht mehr die Taten eines Einzelnen, die die Schlacht entscheiden, vielmehr wird der Heldenmut auf das Kollektiv übertragen. Hier tritt die bereits behandelte Idee einer neuen Volksgemeinschaft in den Vordergrund. Der Individualismus wird negiert, auch wenn er durch die Auszeichnung Einzelner mit Orden noch immer auftritt. Die Hervorhebung von Individuen geschieht jedoch höchst selten. Denn „da der Helden jetzt so viele sind, verschwindet der einzelne Held darin; er kann nicht darauf rechnen, bemerkt zu werden“85. Deshalb kommen häufiger Texte vor, in denen das Heldentum aller gepriesen wird, wie zum Beispiel bei Otto Sommerstorffs Gedicht „Die deutsche Sturmflut“, in dem es heißt: „Zum Tode bereit, ein Heer, ein Held,/So sind sie jubelnd hinaus ins Feld,/Ins Feld der Ehre gezogen – […]“86. Hier tritt der Aspekt der Einheit in besonderem Ma- ße auf, da alle Individuen zu einem Heer und einem Helden verschmelzen. Gerade die Annahme, dass alle Soldaten zu Helden im Feld werden, übte einen immensen Druck auf den Einzelnen aus, da sie sich als solcher beweisen mussten, auch wenn es das Leben kosten konnte. Auch hier wird ein Erfolg der Propaganda mit Hilfe der affirmativen Kriegsliteratur deutlich. Solche Texte, wie die oben aufgeführten, passten das Bild des traditionellen Helden an den modernen Krieg an. Ein aktuelles Heldenbild war zwingend erforderlich, um den anfänglich enormen Strom an Kriegsfreiwilligen aufrecht zu erhalten. Alleine in den ersten Wochen des Krieges ist die Rede von 180.000 Freiwilligen, die in die Armee eintreten wollten.87 Der militärischen Führung war es mit fortlaufender Kriegsdauer bewusst, dass der Krieg nur unter Einsatz enormer Menschenmassen gewonnen werden konnte, weshalb die Motivierung kriegstauglicher Männer von enormer Bedeutung war. Diese Motivierung begann jedoch schon lange vor Kriegsausbruch, indem der Krieg als Charakterschmiede für den Mann dargestellt und der Soldat als Idealbild eines Staatsbürgers entwickelt wird.88 Man reagierte damit 85 Bahr: Heldentum 1914, S. 3. 86 Otto Sommerstorff: Die deutsche Sturmflut. In: Berliner Tageblatt und Handels- Zeitung, 27.9.1914 87 Vgl. Flemming/Ulrich: Heimatfront 2014, S. 34. 88 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 68. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 32 auf die angebliche Bedrohung der Männlichkeit, welche im Angesicht emanzipierter Frauen und der langsam auch öffentlich auftretenden Homosexualität zu verkümmern drohte.89 Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah man eine Möglichkeit, die enge Verbindung von Krieg und Männlichkeit weiter zu verstärken, weshalb er als Chance der „Re-Virilisierung besonders begrüßt“90 wurde. Der Krieg solle die Männer in eine Welt jenseits der femininen Heimat führen, in der Tugenden wie Stärke und Disziplin gefordert werden und er seinen Mut unter Beweis stellen kann.91 In dieser Hoffnung liegt eine der Gründe der Beliebtheit von Kriegsliteratur, in denen der Mann als starker Held mit typisch männlichen Eigenschaften dargestellt wird. Der neue Held im Ersten Weltkrieg ist zwar kein Ritter mehr, der sich im Einzelkampf beweisen kann, aber er wird durch den Kampf im Schützengraben gestählt. Um diesen Heldentypus zu entsprechen und aus dem neu erschaffenen Bild der „soldatischen Männlichkeit nicht herauszufallen, musste man sich freiwillig melden, als tauglich eingestuft werden und an der Front bewähren.“92 Viele Kriegsfreiwillige traten auch deshalb in die Armee ein, weil sie Angst vor dem Spott hatten, der ihnen ansonsten zuteil werden würde.93 Auch die Untauglichkeit wurde zu einem sozialen Stigma, aufgrund dessen man mitunter als „Staatskrüppel“94 bezeichnet wurde. Somit gelang es vor allem durch die Verbreitung heroischer Literatur, eine starke Verbindung zwischen Krieg und Männlichkeit herzustellen, die den Soldaten als Idealbild des Mannes propagierte, der erst im Feld seine wahre Stärke entfalten kann, nachdem er sich freiwillig dorthin gemeldet hat. 89 Vgl. Monika Szczepaniak: Männer aus Stahl? Konstruktion und Krise der kriegerischen Männlichkeit im Kontext des Ersten Weltkriegs. In: Krieg und Literatur, Bd. 12: Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und – deutung, hg. von Claudia Glunz, Thomas F. Schneider und Artur Pelka, Osnabrück 2006, S. 158-170, S. 159. 90 Ebd., S. 160. 91 Vgl. ebd., S. 158. 92 Ebd., S. 163. 93 Vgl. Flemming/Ulrich: Heimatfront 2014, S. 33. 94 Anon.: Kriegserlebnisse eines Untauglichen. In: Bonner Zeitung, Nr. 323 (23.11.1914), S. 4. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 33 Der aufgezwungene Krieg Die Stilisierung des Krieges zu einem von außen aufgezwungenen Krieg, bei dem es um das Überleben des Deutschen Reiches ging, war essenziell für die deutsche Regierung. Nur damit konnte der bedingungslose Rückhalt in der Bevölkerung erreicht werden. Auch der „Burgfriede“ mit der SPD und der zuvor noch gegen den Krieg demonstrierenden Opposition, welcher als Schlüsselereignis um die deutsche Kriegseuphorie gilt95, konnte nur wegen der Überzeugung einer deutschen Unschuld am Kriegsausbruch erreicht werden. Man ging in der breiten Bevölkerung davon aus, dass das Reich sich „gegen einen heimtückischen Überfall der Feinde zu verteidigen habe“96. Dieser Gedanke wurde in der affirmativen Kriegsliteratur noch weiter gefördert. Der Krieg wird als Konsequenz einer langen, in heimtückischer Stille erfolgten Vorbereitung angesehen, während man dem Deutschen Reich gegenüber einen Frieden vorheuchelte. So heißt es im Gedicht „Deutscher Weltkrieg“ von Cäsar Flaischlen: Sie haben seit Jahren uns umstellt an allen Ecken und Kanten, Verträge und Klauseln ausgeheckt und einander Schmiere gestanden. Feig, wie sie sind, vermeinten sie uns heimlich niederzuknebeln und bei der ersten Gelegenheit einfach zusammenzusäbeln Nicht einer hatte den traurigen Mut, Offen das Schwert zu erheben […]97 Der Krieg wird hier mit einem perfiden Plan zur Überrumpelung des Deutschen Reiches verglichen, in dem eine offene Auseinandersetzung aus Feigheit vermieden wird. Den bereits zitierten Strophen folgt der Aufruf zu den Waffen: „Dann aber, Michel, greif zum Schwert/so lang in Frieden gehütet“98. Diese Reihenfolge lässt sich in den meisten Tex- 3.1.4. 95 Vgl. Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 231. 96 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 153. 97 Cäsar Flaischlen: Deutscher Weltkrieg. In: Coburger Zeitung, Nr. 199 (26.08.1914), S. 3. 98 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 34 ten finden, denn die propagierte Notwendigkeit der Verteidigung der Heimat gegen heimtückische Feinde soll für Freiwillige in der Armee sorgen und die Opferbereitschaft nicht nur der Soldaten, sondern auch der Heimat fördern. Dem deutschen Volk selbst, beziehungsweise der Regierung oder dem Kaiser, wird keine Schuld unterstellt. Die Kriegsschuldfrage ist dabei ein Thema, welches die Menschen bereits seit Beginn des Krieges beschäftigte. Dies stellt in der Geschichte ein Novum dar, da erstmals der Verlierer nach einem Krieg „strafrechtlich und materiell für den Kriegsbeginn, für die Kriegsverbrechen und die verursachten Schäden verantwortlich“99 gemacht wurde. Damit wies man dem Deutschen Reich explizit die Schuld am Ersten Weltkrieg zu, wobei diese Schuldzuweisung noch lange Bestand hatte. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Kriegsschulddebatte wieder neu entfacht. Aktuell geht man in der Geschichtsforschung von einer Kollektivschuld der europäischen Großmächte aus, die das Deutsche Reich damit zumindest von der Hauptschuld entlastet.100 Damals jedoch „wird kein Versuch unternommen, die Kriegsursachen auf realhistorischer Basis zu untersuchen und eine kritische Auseinandersetzung anzustreben“101. Vielmehr wurden die Phrasen der Regierung immer weiter verbreitet und durch die Literatur ständig wiederholt, sodass es schließlich „für die Zeitgenossen schlechthin unvorstellbar [war], daß die offiziellen Beteuerungen einer deutschen Unschuld an der Entstehung des neuen Krieges nicht der Wahrheit entsprechen könnten.“102 Hier lässt sich erkennen, dass affirmative Kriegsliteratur bei der Propaganda im Deutschen Reich eine entscheidende Rolle spielte und sich als äußerst effizient erwies. Ein literarisches Beispiel dieser Unschuldsbeteuerung Deutschlands bildet Fritz Herz‘ Gedicht „Feinde ringsum – Mag es sein!“, welches am 13.08.1914 auf der Titelseite des Berliner Tageblatts erschien. Allein dieser Publikationsort, der dafür sorgt, dass die Zeilen dem Leser als Erstes ins Au- 99 Werner Röhr: Hundert Jahre deutsche Kriegsschulddebatte. Vom Weißbuch 1914 zum heutigen Geschichtsrevisionismus, Hamburg 2015, S. 19. 100 Vgl. Annika Mombauer: Julikrise und Kriegsschuld – Thesen und Stand der Forschung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 64 (2014), H. 16/17, S. 10-16, S. 13f. 101 Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 195. 102 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 154. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 35 ge fallen, unterstreicht die Relevanz der Überzeugung einer deutschen Unschuld am Kriege. In seinem Gedicht heißt es nämlich über die Deutschen: „Wir wollten nichts als den Frieden allein.“103 Die Stilisierung des deutschen Volkes als ein friedvolles Volk, das den Krieg noch abwenden wollte und in seiner Idylle von räuberischen Feinden gestört wird, ist ein gängiges Motiv, das die affirmativen Texte in den ersten Kriegsmonaten durchzieht. Immer wieder ist die Rede vom „Friedensvolk im Eisenkleid“104, das vom „Haß und Neid“105 seiner Feinde heimgesucht wird. Durch die Stilisierung des Krieges zu einem Verteidigungskrieg wird der Bevölkerung ebenso vermittelt, welchen Sinn der Krieg hat und wofür sie im Feld kämpfen, nämlich für den Schutz der Heimat, die als „Hort des Friedes“106 um jeden Preis bewahrt werden muss. Die Überzeugung eines dem Vaterland aufgezwungenen Krieges dient weiterhin als Legitimierung aller Taten jenseits der deutschen Grenzen. Man war der Ansicht, dass es nur gerecht sei, die Feinde für ihr Verbrechen zu bestrafen und den „gerechten Sieg“107 für die Heimat zu erringen. Dieser Sieg musste nach zeitgenössischer Meinung „Kompensationen für ihre Opfer“108 beinhalten, welche vor allem in Grenzerweiterungen Deutschlands bestehen sollten. Die Erschaffung von Feindbildern Nachdem die innere Einheit des Reiches gesichert und die Zustimmung des Volkes zum Krieg garantiert war, folgte, was Patrick Bridgewater als „a violent propaganda campaign of national hatred“109 bezeichnet. Dabei war die Frage nach dem Hauptfeind und seine Darstellungsweise wohl das am meisten kontrovers diskutierte Motiv inner- 3.1.5. 103 Fritz Herz: Feinde ringsum – Mag es sein! In: Berliner Tageblatt und Handels- Zeitung. Wochen-Ausgabe, Nr. 33 (13.8.1914), S. 1. 104 Gustav Falke: An Deutschland. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 517 (11.10.1914), S. 9. 105 Ebd. 106 C.G.: Deutsches Lied. In: Coburger Zeitung, Nr. 263 (08.11.1914), S. 3. 107 H.Kuno: Kennt ihr uns nicht? In: Hessenland 28 (1914), 1. August-Heft. 108 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 273. 109 Patrick Bridgewater: German poetry and the First World War. In: European History Quarterly (1971), H. 2, S. 147-186, S. 178. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 36 halb der Ideen von 1914 und somit auch innerhalb der affirmativen Texte. Bei keinem anderen Diskurs wird außerdem derartig deutlich, wie sehr sich einzelne Diskurse innerhalb von nur wenigen Wochen in ihrer Bewertung und Darstellungsweise verändern konnten. Entgegen der zeitlichen Komponente stellte sich bei der Untersuchung der Texte jedoch heraus, dass der geografische Faktor des Publikationsortes der Zeitungen keinen Einfluss auf die Frage nach dem Hauptfeind hatte. Welche enorme Bedeutung dieser Darstellung von Feinden bei der Bevölkerung zukam, wird in Carl Hauptmanns Aufsatz „Bewußte Kriegsfeindschaft“ deutlich, in welchem er über die Volkseinheit schreibt: „Es ist in ihm von Bluts wegen ein unwiderstehlicher Urtrieb aufgewacht. In Millionen zugleich. […] Dieser überwältigende Trieb ist zunächst bedeutungs- und ideenlos. Liegt völlig geheimnisvoll im Blute verankert. Und ist der mächtigste Urtrieb im Menschen“110. Diese Zeilen geben einen guten Einblick darin, welche große Rolle die Feindbilder für die Erschaffung einer Volkseinheit spielen. Denn erst im gemeinsamen Feind werden die „Privatfeindschaften gegen einzelne aus unserem Leben ausgelöscht“111. Doch was bei Carl Hauptmann noch als mysteriöser Urtrieb dargestellt wird, der plötzlich gleichzeitig in allen Deutschen erwacht, ist in Wahrheit Folge zielgerichteter Propaganda, die auf lange Sicht vorbereitet wurde. Die affirmative Literatur, die diese Propaganda auszeichnete oder zumindest unterstützte, nutzte hierfür verschiedene Motive. Ein besonderes Mittel der Diffamierung bildete „die Abwertung der Gegner des Reiches zu Tieren und Un-Menschen“112. Dabei wurden die Feinde als Tiere mit ihren stereotypischen Eigenschaften, wie zum Beispiel dem „Raubtierknurren“113, dargestellt. Russland wurde meistens als Bär symbolisiert, bei Frankreich schwankte die Darstellung zwischen der „welsche[n] Katze“114 und einem Hahn. England wurde meist als Schlange oder als Löwe gezeichnet. Deutschland selbst 110 Carl Hauptmann: Bewußte Kriegsfeindschaft. In: Bonner Zeitung, Nr. 279 (10.10.1914), S. 5. 111 Hauptmann: Bewußte Kriegsfeindschaft 1914, S. 5. 112 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 91. 113 W.Nithack-Stahn: Dank an die Feinde! In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 426 (23.08.1914), S. 9. 114 A.H.: Der deutsche Adler. In: Zeitung für das Dillthal, 25.08.1914. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 37 wurde in diesem Kontext stets als überlegener Adler aufgezeigt, so zum Beispiel in der „Fabel“ von W. Matthias in der Coburger Zeitung. Dort prahlt der Hahn vor dem Adler mit seinem „edlen Gang“ und seiner „Würde“115. Der Adler entgegnet, dass Taten darüber entscheiden, wer überlegen ist und fliegt davon „zum Sonnenflug“, während der Hahn auf „dem Mist“ zurückbleibt. Hier wird die Funktion der Veranschaulichung deutscher Überlegenheit in der Tiermetaphorik besonders deutlich. Gleichzeitig ermöglichte die Darstellung von Feinden als Tiere ihren Ausschluss von der christlichen Nächstenliebe, um damit das Bild eines Heiligen Krieges zu legitimieren, obwohl es eigentlich ebenfalls weitgehend Christen waren, gegen die das Deutsche Reich kämpfte.116 Als weiteres Instrument der Diffamierung von Feinden diente der Spott, der sich in vielen Gedichten wiederfinden lässt. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht „König Albert, der edle Ritter“, der zunächst als „König Albert der Geniale/Und auf dem Papier Neutrale“117 eingeführt wird. Dann entschließt er sich aber zum Krieg: Deutschland spuckt er in die Suppen - Weh, da ward von Onkel Kruppen Ein Geschützlein angebracht! Oh, wie war dem Albert schummerig, Als ihm mit dem großen Brummerig Michel Kille-kille macht‘!118 Der Spott, der hier durch die Verwendung von Ironie und kindlicher Sprache erzeugt wird, dient dabei, wie die Nutzung der Tiermetaphorik auch, zur Herabwürdigung des Feindes. Die Verwendung von Humor dient dabei einerseits als zusätzliche Unterhaltungsebene des Lesers, gleichzeitig bleibt sie dem Leser aber auch dadurch besser im Gedächtnis, da sie sich von der breiten Masse an erniedrigenden Texten abheben. 115 W. Matthias: Fabel. In: Coburger Zeitung, Nr. 230 (01.10.1914), S. 4. 116 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 93. Mehr zur Inszenierung des Ersten Weltkriegs als heiligen Krieg in Kapitel 3.2.1. 117 Karlchen: König Albert, der edle Ritter. In: Coburger Zeitung, Nr. 242 (15.10.1914), S. 4. 118 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 38 Andere Mittel der Abwertung des Feindes war die Darstellung von Kriegsverbrechen, wie sie vor allem im Kontext des russischen Feindbildes genutzt wurde, sowie die wiederholte Schuldzuweisung am Krieg, was vor allem bei England der Fall war. Ansonsten dienten auch abfällige „Pauschalbegriffe wie der ‚Franzos‘ und ‚Russ‘“119 zur Schaffung von Feindbildern. Mit dem Aufbau der Feindbilder wurde bereits vor dem Krieg in der Julikrise begonnen. Die Julikrise resultierte aus dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger und seiner Frau am 28. Juni 1914, woraufhin Österreich-Ungarn ein Ultimatum an Serbien stellte, was letztlich zum Ausbruch des Krieges zwischen den beiden Staaten am 28. Juli führte. In den Wochen zwischen dem Attentat und dem Kriegsausbruch kristallisierten sich bereits die verschiedenen Bündnisfraktionen und damit auch eventuelle zukünftige Feinde heraus. Die Zeitungen des Deutschen Reiches bauten während dieser Zeit vor allem Frankreich und Russland als die primären Feindbilder auf, während England dagegen noch mehrheitlich positiv bewertet wurde.120 Diese Tendenz der Feindbilder setzte sich zu Beginn des Krieges zunächst fort. In den folgenden Kapiteln soll nun näher darauf eingegangen werden, wie die einzelnen Gegner Deutschlands zu Beginn des Krieges wahrgenommen wurden und worin diese Wahrnehmung begründet lag. Frankreich als Feindbild Nach Herfried Münkler zu urteilen, war „für die Mehrheit der Deutschen freilich […] Frankreich der Hauptfeind“121. Als Gründe dafür gibt er den Streit um Elsass-Lothringen sowie das Argument, dass auf Frankreichs Boden die heftigsten Schlachten mit den meisten Verlusten geschlagen wurden.122 Dieser These kann durch die im Zuge dieser Arbeit geführten Recherchen jedoch nicht entsprochen werden. Obgleich es durchaus viele Texte gibt, die sich mit Frankreich als Feindbild beschäftigen, bilden sie gegenüber den Texten mit Russland und 3.1.5.1 119 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 110. 120 Vgl. Rosenberger: Zeitungen als Kriegstreiber? 1998, S. 257f. 121 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 221. 122 Vgl. ebd., S. 221f. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 39 England als maßgeblichen Feind die Minderheit. Als Hauptfeind dagegen tritt Frankreich lediglich noch in seiner Funktion als Erbfeind auf. So zum Beispiel in Johannes Schlafs Erzählung „Wir haben Krieg!“. Hier schreibt er, es sei „nicht Lug und Niedertracht des ‚Erbfeinds‘ allein, die gegen uns steht, sondern fast beispiellos frechste und schamlos unerhörteste Verruchtheit einer ganzen Welt von Verderbnis ringsum. Hat deutsche Tugend und deutsches Wort aber einen anderen, böseren und eigentlicheren ‚Erbfeind‘ als diesen?“123 Obwohl Frankreich hier nur als ein Teil der Verschwörung um Deutschland herum angesehen wird, beeinflusst vor allem die jüngere Geschichte Deutschlands die Wahrnehmung Frankreichs als Hauptfeind. Denn in seiner Erzählung berichtet der Autor aus einer autobiografischen Perspektive seine Erlebnisse im Krieg gegen Frankreich von 1870 und überträgt sie in die Gegenwart. Solche Texte bildeten jedoch die Ausnahme innerhalb der affirmativen Kriegsliteratur. Vielmehr blieb „das deutsche Frankreichbild […] nach Kriegsbeginn von einer Negativentwicklung weitgehend verschont.“124 Obwohl es durchaus als Neider der deutschen Macht in Europa und als Teilnehmer an der Verschwörung angesehen wurde, wie etwa in der oben zitierten Erzählung von Johannes Schlaf, gab man Frankreich weitestgehend keine Schuld am Ausbruch des Krieges. Man war sich der Tatsache bewusst, dass Frankreich durch seine Bündnisverpflichtungen gegenüber Russland in den Krieg hineingezogen wurde und ging davon aus, dass es von sich aus, zumindest zum damaligen Zeitpunkt, keinen Krieg wollte.125 Teilweise wurde unter diesem Aspekt sogar Mitleid mit dem französischen Volk empfunden, das von seiner korrupten Regierung, welche Geschäfte mit Russland machte, verraten wurde. Diese Haltung ist unter anderem im Gedicht „Im ‚feisten Kapaun‘ zu Bordeaux“ von Leo Leipziger zu finden. Hier heißt es, während die Minister Frankreichs sich dem „Tafelgenuß“ 126 widmen: Doch draußen im Graben der Schützen bei Toul, 123 Johannes Schlaf: Wir haben Krieg. In: Bonner Zeitung, Nr. 230 (11.09.1914), S. 2. 124 Thomas Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit. Studien zur deutschen und französischen Öffentlichkeit bei Beginn des Ersten Weltkriegs, Bonn 1996, S. 342. 125 Vgl. ebd., S. 343. 126 Leo Leipziger: Im ‚feisten Kapaun‘ zu Bordeaux. In: Berliner Volks-Zeitung, Nr. 476 (03.10.1914), S. 2. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 40 Von grimmigen Gegnern umstellt, Liegt hungernd und durstend in schlammigem Pfuhl So mancher französische Held. Und ahnt wohl nimmer, wenn blutend er ruht Todwund auf fauligem Stroh, Wie seiner Regierung so wohlig zumut Im ‚feisten Kapaun‘ zu Bordeaux. 127 Vor allem die Bezeichnung französischer Soldaten als „Helden“ ist von enormer Bedeutung. Wie in Kapitel 3.1.3. beschrieben, übernahm das Symbol des Helden eine zentrale Rolle in der apologetischen Kriegsliteratur. Dieses Bild auf gegnerische Soldaten zu übertragen, bedeutete eine gewisse Verbindung deutscher und französischer Helden, welche ein wichtiger Indikator für das Ausmaß der Sympathien mit der französischen Bevölkerung beziehungsweise mit ihren Soldaten war. Auch bei Carl Hauptmann ist die Rede davon, „daß bei uns heute kaum jemand einen persönlichen Haß gegen das Franzosenvolk hege.“128 Wie Leo Leipziger gibt auch er die Schuld den führende[n] Männer[n], die „die Gepflogenheiten und Sitten ihrer höheren Volksschichten arg vergiften. Aber deshalb kann kein einzelner von uns Frankreich hassen. Die Franzosen sind ein durchweg weltbürgerlich erzogenes Kulturvolk wie wir selber.“129 Von einem Gegensatz zwischen deutscher Kultur und französischer Zivilisation, wie unter anderem Thomas Mann es propagierte, ist hier nichts zu lesen. Noch deutlicher als in Leo Leipzigers Gedicht wird bei Hauptmann auf eine Wesensverwandtschaft zwischen Frankreich und Deutschland hingewiesen, weshalb ein Krieg vielleicht als notwendig, aber nicht als gewollt betrachtet wird. Russland als Feindbild Zu Beginn des Krieges sahen vor allem Sozialdemokraten und Liberale in Russland den Hauptfeind. Man warf ihnen vor, „ihre eigenen Intellektuellen und Schriftsteller zu Tausenden nach Sibiriern in die Verbannung geschickt“130 zu haben. Direkt nach Ausbruch des Krieges 3.1.5.2 127 Leo Leipziger: Im ‚feisten Kapaun‘ zu Bordeaux. In: Berliner Volks-Zeitung, Nr. 476 (03.10.1914), S. 2. 128 Hauptmann: Bewußte Kriegsfeindschaft 1914, S. 5. 129 Ebd. 130 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 220. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 41 stellte Russland zudem die unmittelbarste Bedrohung für das Deutsche Reich dar. Die russischen Truppen waren den preußischen Soldaten an der deutschen Ostfront in den ersten Wochen des Krieges überlegen und eroberten deutsche Gebiete. Erst mit der Schlacht bei Tannenberg konnte der Vorstoß der Russen zumindest vorerst gestoppt werden.131 Bereits in der Julikrise galt Russland außerdem als Hauptaggressor und war somit in der öffentlichen Meinung der Bevölkerung zu Beginn des Krieges Schuld an seinem Ausbruch.132 Diese Angst vor der russischen Armee schlug sich auch in der Kriegsliteratur nieder. Dabei spielten vor allem zwei Motive in der Darstellung von Russland als Feindbild eine Rolle. Zum einen war dies die Diffamierung der russischen Armee als Barbaren, zum anderen die Verunglimpfung des russischen Zaren. Wie auch bei Frankreich wurde bei Russland vor allem der Führungsebene die Kriegsschuld zugesprochen. In den ersten Wochen wurde diese Führungsebene noch durch den Zaren symbolisiert, dem Täuschung des deutschen Kaisers vorgeworfen wurde und der spöttisch als „Friedenszar“ betitelt wurde.133 Später jedoch ging man eher davon aus, dass der Zar ein willenloses Instrument geworden sei. So schreibt Paul Lindau über ihn: „Verrat umlauert dich, und Morden,/Dich peitscht die Angst. Und weil’s dich graust,/Bist du, was du heut bist, geworden:/Ein Spielzeug in Idiotenfaust.“134 Dem Zaren bleibt hier nur noch die Rolle des Spielzeugs, der aus Angst vor seinen eigenen Leuten sich nicht imstande sieht, dem Verrat ein Ende zu setzen. Zweifelsohne wurde dem Zaren damit die Hauptschuld nicht mehr angelastet, eine Teilschuld durch Nichtstun bestand jedoch weiter, ebenso wie er weiter als Feigling diffamiert wurde. Deutlich länger wurde das Feindbild der russischen Armee geprägt. Schon zu Beginn war die Rede von „russischen Horden“135 und 131 Vgl. Michael Epkenhans: Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Paderborn 2015, S. 68f. 132 Vgl. Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit 1996, S. 328. 133 Fritz Engels: Nun hebt der blut’ge Geist sein Knochenhaupt. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung. Wochen-Ausgabe, Nr. 33 (13.08.1914), S. 7. 134 Paul Lindau: An den Zaren. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 416 (18.08.1914), S. 2. 135 Karl Vollrath: An die deutsche Frau. In: Berliner Volks-Zeitung, Nr. 374 (09.08.1914), S. 2. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 42 der „wilden Gier halbasiatischer Barbaren“136. Nach dem Überfall Preußens und den ersten Niederlagen der eigenen Armee dominierte hier eindeutig die Angst vor den russischen Soldaten. Dabei unterschied man jedoch zwischen den Russen und den Kosaken, wie man in Maria Sohades Novelle „Schlimme Tage“ lesen kann: Und doch dankten die unglücklichen Ostpreußen Gott, wenn sie nur den Russen in die Hände gefallen waren. Aber die Kosaken! Unmenschliches berichteten die Geflüchteten von diesen Horden, die nicht gekommen waren, um mit den Soldaten Krieg zu führen, die plünderten und sengten, schändeten und mordeten, wo sie nur durch eine Ortschaft zogen oder hilflose Landbewohner fanden. Alles zerstörten sie aus barbarischer Lust des Verwüsters.137 In diesen Zeilen werden die Feinde gar von ihrer Menschlichkeit entbunden und sie werden als unzivilisierte Barbaren dargestellt, wodurch die Angst der Bevölkerung vor ihnen geschürt wird. Gleichzeitig wird deutlich, wie ausgeprägt die Angst vor den herannahenden Truppen aus Osten bereits war, aber auch, dass man durchaus innerhalb des Feindbildes differenzieren konnte. Die russischen Soldaten wurden zwar verallgemeinert als der Feind dargestellt, jedoch nicht auf die gleiche negative Weise wahrgenommen. Diese Angst verlor jedoch nach den zunehmenden Erfolgen der deutschen Armee an Bedeutung. Vielmehr wurde die russische Armee im weiteren Verlauf des Krieges als feiges Heer dargestellt und mit Spott bedacht. Ein Beispiel hierfür ist die Novelle von Hermann Wagner namens „Der Held“. In dieser beschreibt er den Russen Iwan Iwanowitsch Peschtoff, der zum Krieg ausrückt. Dies tut er jedoch ohne eigenen Willen und Überzeugung am Nutzen vom Krieg, da er eigentlich nur seine Ruhe haben möchte. Seiner Freundin, die ihn aus Sorge um sein Leben nicht ziehen lassen will, offenbart er zur Beruhigung seinen Plan zum Überleben. So will er sich beim ersten Angriff gegen die Deutschen tot stellen, bis er von den Deutschen entdeckt wird, „um für die restliche Dauer des Krieges in Gefangenschaft zu sein.“138 Gemäß seines Planes geschieht es dann auch so, dass er sich bei einer 136 Karl Vollrath: An die deutsche Frau. In: Berliner Volks-Zeitung, Nr. 374 (09.08.1914), S. 2. 137 Maria Sohade: Schlimme Tage. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 632 (12.12.1914), S. 2. 138 Hermann Wagner: Der Held. In: Bonner Zeitung, Nr. 319 (19.11.1914), S. 3. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 43 russischen Offensive auf die Erde fallen lässt, nach einigen Stunden behäbig nach vorne kriecht, bis er die Deutschen entdeckt und sich ihnen „über das ganze Gesicht“139 strahlend ergibt. In diesem Werk lassen sich gleich mehrere wichtige Motive finden. Zunächst ist dies die mangelnde Überzeugung am Krieg, die man der russischen Bevölkerung unterstellte. Vielmehr ging man davon aus, dass die Russen, ähnlich wie die Franzosen, gegen ihren Willen in den Krieg miteinbezogen wurden.140 Weiterhin findet sich auch die Feigheit der russischen Soldaten, die aus der zeitgenössischen Meinung resultierte, dass sie für keine höheren Ideale im Krieg einstanden. Gleichzeitig ergab sich das Bild der Feigheit auch aus der zunehmenden Zahl der Gefangenen, die in den Schlachten gegen Russland gemacht wurden. Ebenfalls spöttisch zeigt dies das Gedicht „Ein Vorschlag“ eines unbekannten Autors in der Coburger Zeitung, dem vor lauter Meldungen über russische Gefangene die Angst befällt, dass sich das „Hungerpack“141 in Deutschland „strotzende Bäuche“ aneignet. Dass dieses Gedicht am 1. September erschienen ist, zeigt, wie schnell die Angst vor der russischen Armee verflogen ist, nachdem sich die entsprechenden Erfolge eingestellt hatten. Die Gräueltaten der Russen dagegen, aus den vermeintlichen Erfahrungen zu Beginn des Krieges resultierend, fanden noch weiterhin Niederschlag in der Kriegsliteratur. Kindermord, Vergewaltigung und Brandschatzung wurden immer wieder als Begleiterscheinung der russischen Kriegsführung aufgeführt und, wie in einer Novelle von Hermann Wagner, mit dem Motiv der Rache verbunden. In dieser Novelle wird das Gut eines preußischen Bauern während seiner Abwesenheit von Russen überfallen. Als er zurückkehrt, findet er seine tote Frau „mit halb vom Leibe gerissenen Kleidern“142 sowie seine toten Kinder. Er schwört Rache und meldet sich freiwillig für den Krieg, in dem er in der Schlacht von Tannenberg „den Tod eines Helden“143 erleidet, nachdem er „die Russen haufenweise [erschlug]“144. Geschichten wie diese 139 Hermann Wagner: Der Held. In: Bonner Zeitung, Nr. 319 (19.11.1914), S. 3. 140 Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit 1996, S. 329. 141 Anon.: Ein Vorschlag. In: Coburger Zeitung, Nr. 204 (01.09.1914), S. 3. 142 Hermann Wagner: Ein Schicksal. In: Bonner Zeitung, Nr. 312 (12.11.1914), S. 4. 143 Ebd. 144 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 44 verstärkten die Vorurteile gegenüber den Russen, eine Nation ohne Kultur zu sein und dienten gleichzeitig der Legitimation eigener Kriegsverbrechen gegenüber dem Feind sowie der Motivation der eigenen Soldaten, entschieden gegen solche Feinde vorzugehen. England als Feindbild Nach der schwindenden Bedrohlichkeit der russischen Armee verschob sich das Hauptaugenmerk der Frage nach der Kriegsschuld und dem Hauptfeind generell auf England. Vor dem Krieg jedoch ging ein breiter Teil der Öffentlichkeit noch von einer Verbesserung der deutsch-englischen Beziehungen durch den Krieg aus.145 Auch die Berichterstattung gegenüber England vor dem Krieg war meist neutral gehalten, auch weil eine politische Neutralität Englands die deutsche Position in einem möglichen Krieg erheblich verbessern würde.146 So ist es auch zu erklären, dass der Kriegseintritt Englands durchaus bedauert wurde, Russland noch die größte Aufmerksamkeit galt. Auch Georg Reicke, der Bürgermeister von Berlin, beschreibt diese Situation in seinem Gedicht „1914“ vom 15.08.1914: „Kommt Ruß‘ und Belgier! Komm Franzos!/Es schmerzt uns – kommt ihr Britten!“147. Während hier Belgien, Frankreich und Russland offen herausgefordert werden, liegt in der Herausforderung Englands ein Bedauern, eben aufgrund jener oben genannten Argumente. Der tatsächliche Kriegseintritt Englands kam für die meisten Deutschen durchaus überraschend. Hierin bestand ein Aspekt des aufkommenden Hasses gegen England. Dieses war durch keine Bündnisse dazu verpflichtet, am Krieg teilzunehmen. Auch bestanden keine von Hass geprägten Beziehungen zu Deutschland vor dem Krieg, die einen Eintritt gerechtfertigt hätten. Das verstärkte den Eindruck, dass England den Krieg nur einging, weil es sich davon wirtschaftliche Vorteile versprach.148 Weiterhin wurde die Kriegserklärung als Verrat angesehen, „motivated by envy“149. Verrat 3.1.5.3 145 Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit 1996, S. 334. 146 Rosenberger: Zeitungen als Kriegstreiber? 1998, S. 260. 147 Georg Reicke: 1914. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 411 (15.8.1914), S. 2. 148 Vgl. Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit 1996, S. 336. 149 Bridgewater: German poetry and the First World War 1971, S. 160. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 45 deshalb, weil der britische Monarch George V. aus deutschem Adelsgeschlecht entstammte, was Thema vieler anti-britischer Texte war. Exemplarisch seien die Verse aus dem Gedicht „Heiliger Zorn“ eines anonymen Autors genannt: Bist du wirklich germanischen Blutes, Trachtest nach redlich erworbenen Gutes Schnödem Raube mit Mord und Brand, Engelland! Pfui der Schand!150 Hier wird der Neid als explizites Motiv des Verrates angegeben. Der Neid soll im wirtschaftlichen Aufschwung und dem zunehmenden Einfluss Deutschlands in Europa begründet liegen, da man davon ausging, dass England sich durch ihn bedroht fühlte und allein deshalb in den Krieg eintrat. Durch den Krieg, so die verbreitete Meinung, wollen die „Verräter“ nun das rechtmäßige „Brudergute“ rauben, wie es im Gedicht weiter heißt. Dieser immer wieder thematisierte Verrat am „germanischen Blut“ war einer der Hauptgründe für die Betrachtung Englands als Hauptfeind. Weitere Gründe für die starke Antipathie gegenüber England war die Eroberung der deutschen Kolonien, die man in der militärischen Strategie nicht berücksichtigt hatte und diese daher auch über keine nennenswerte Verteidigung verfügten, sowie die Kriegserklärung Japans, wofür man England ebenfalls die Schuld gab.151 Die überraschende Kriegserklärung Englands einhergehend mit ihrer erfolgreichen Kriegsführung in den Kolonien sorgte dafür, dass sich der Eindruck verstärkte, England habe diesen Krieg seit Langem vorbereitet, was wiederum die Hauptschuld von Russland nach England verschob. Berühmtestes Zeugnis des Hasses gegen England ist das von Ernst Lissauer verfasste Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „Haß gegen England“. Der Berliner Dichter ist Beispiel für die Schriftsteller, die als untauglich für den Kriegsdienst eingestuft wurden und deshalb den Krieg mit ihrer Literatur unterstützen wollten.152 In der Coburger Zei- 150 Anon.: Heiliger Zorn. In: Zeitung für das Dillthal, 19.08.1914. 151 Vgl. Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit 1996, S. 332f. 152 Vgl. Steffen Bruendel: Ideologien: Mobilmachungen und Desillusionierungen. In: Erster Weltkrieg. Kulturwissenschaftliches Handbuch, hg. von Niels Weber, Stefan Kaufmann und Lars Koch, Stuttgart/Weimar 2014, S. 290. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 46 tung erschien sein Gedicht in gekürzter Fassung, in der es heißt: „Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut/Durch die Wasser getrennt – die sind dicker als Blut - /Voll Neid, voll Wut, voll Tücke, voll List.“153 Hier wird der Verrat an der eigenen Familie durch die umgedrehte Redewendung, nach der Blut dicker als Wasser ist, ausgedrückt. Auch die pauschalen Vorwürfe von Neid auf Deutschland sowie die Tücke, mit der England seine Neutralität und den Wunsch nach Frieden nur vorgespielt hat, werden thematisiert. Weiter heißt es im Gedicht: Einen Schwur von Erz, den verbläst kein Wind, Einen Schwur für Kind und Kindeskind. Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort, Es wälze sich durch ganz Deutschland fort: Wir wollen nicht lassen von unserem Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint, Wir haben alle nur einen Feind: England!154 In dieser Strophe werden die Ausmaße des Hasses thematisiert. Dieser reicht nicht nur für die Dauer des Krieges, sondern soll über Generationen hinweg, also für „Kind und Kindeskind“, überliefert werden. Auch lässt sich das Motiv der Volkseinheit wiederfinden, die durch den vereinten Hass auf England dargestellt wird. Ferner werden weitere populäre Vorwürfe gegen England geäußert: „Nimm du die Völker der Erde in Sold/Baue Wälle aus Barren von Gold/Bedecke die Meerflut mit Bug bei Bug,/Du rechnetest klug, doch nicht klug genug.“155 Dominierend ist hier die Darstellung Englands als Händlervolk, oftmals in anderen Texten auch abwertender als „Krämervolk“156 bezeichnet, das sich mit seinem Vermögen Söldner leistet, die es für sich kämpfen lässt. Damit sind unter anderem die Kolonialtruppen gemeint, man ging aber auch davon aus, dass es sich mit dem Geld die Zustimmung europäischer Völker, wie die der Belgier, erkaufte. Der Krieg gegen Russland und Frankreich wird wie folgt charakterisiert: „Was schert und Russe und Franzos?/Schuß wider Schuß und Stoß um 153 Ernst Lissauer: Haß gegen England. In: Coburger Zeitung, Nr. 265 (11.11.1914), S. 3. 154 Ebd. 155 Lissauer: Haß gegen England 1914, S. 3. 156 Anon.: Dem Krämervolk. In: Coburger Zeitung, Nr. 269 (15.11.1914), S. 9. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 47 Stoß!/[…]/Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl/Und schlie- ßen Frieden irgend einmal.“157 Anders als bei England ist der Konflikt hier zeitlich auf den Krieg begrenzt und soll nicht über Generationen hinweg getragen werden, weshalb klar wird, wer als Hauptfeind gilt. Jede Strophe des Gedichts erinnert zusätzlich durch die Ausrufung des einzigen Feindes, nämlich „England!“ daran, gegen wen der eigentliche Hass gerichtet werden soll. Das Mittel der Wiederholung erscheint hier als einfache Methode, um den Gedanken beim Leser einzuprägen. Der Erfolg dieses Gedichts verdeutlicht, auf welchen fruchtbaren Boden die Anstiftung zum Hass gegen England fiel. Das Gedicht bildete das „wohl populärste Kriegsgedicht der ersten Monate“158 und wurde unter den Soldaten bis an die Front verteilt. Der Autor Ernst Lissauer wurde damit schlagartig berühmt und gilt als exemplarisch für die Aufstiegsmöglichkeiten affirmativer Kriegslyriker zu Beginn des Ersten Weltkriegs159. Die anti-englische Kriegsliteratur setzte vor allem ab Ende August ein und dominierte danach die deutsche Kriegsliteratur. Die Rückbesinnung auf das Deutschtum Ein weiteres Mittel zur Abgrenzung, neben der Erschaffung von Feindbildern, bestand in der Besinnung auf das Innere beziehungsweise auf das Deutschtum. Damit wollte man sich von allen fremdländischen Einflüssen, die als schädlich angesehen wurden, reinigen. Vielfach war die Rede von einer Wiedergeburt der deutschen Seele, die an Bedeutung den Krieg als militärischen Konflikt noch übertrumpfte.160 Literarisch äußerte sich diese Wiedergeburt durch eine erhöhte Verwendung nationaler Symbole und Motive, die die Sprache der affirmativen Texte durchziehen. Besonders beliebt dabei war es, nationale Autoritäten anzuführen, allen voran dabei Johann Wolfgang Goethe. Damit reagierte man auf die feindliche Propaganda, die die Deutschen als Bar- 3.1.6. 157 Lissauer: Haß gegen England 1914, S. 3. 158 Thomas Anz/Joseph Vogl: Nachwort. In: Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914-1918, hg. von Thomas Anz und Joseph Vogl, München 1982, S. 225-244, S. 234. 159 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 22. 160 Vgl. ebd., S. 71f. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 48 baren darstellte. Maßgeblicher Grund dafür war die Zerstörung von Kulturgütern in Belgien, wie etwa die Niederbrennung der Bibliothek von Löwen.161 Durch die Zitierung von nationalen Größen sollte dem Vorwurf der Barbarei entgegen gewirkt werden, indem man sich auf seinen Ruf als Kulturnation bezog und gleichzeitig die Überlegenheit des eigenen Wesens propagierte. Dabei geschah „die geistesgeschichtliche Legitimation der eigenen Ideen […] über eine plakative Aneinanderreihung zusammenhangloser Zitate und ein ständig variierendes Spiel mit den Namen der wichtigsten Vertreter der deutschen Philosophie und Literatur seit dem 18. Jahrhundert.“162 Ein weiteres nationales Wahrzeichen, welches sich großer Beliebtheit erfreute, war die Figur des deutschen Michels, die in der Propaganda „das Symbol des zum Krieg gezwungenen, sein Haus und seinen Hof verteidigenden Volkes, das keine Eroberungsgelüste hegte und in Frieden leben wollte.“163 Dabei hat er, obwohl er „Gegenstand des Spotts und der Selbstironie der Deutschen gewesen war, diese Funktion in den Jahren des Ersten Weltkriegs verloren“164. Diese Haltung kommt in Max Bernsteins Gedicht „Der Michel“ zur Geltung, in dem er dessen Figur wie folgt beschreibt: Der Michel ist ein braver Knecht, Im Dienste einer strengen Pflicht, […] Ist überhaupt ein guter Mann Und gern in Ruhe hält er sich - Doch schlecht ein Störenfried sich an, Dann wird der Michel ärgerlich.165 Auch hier wird zunächst auf die Harmlosigkeit des Michels hingewiesen, der pflichtbewusst ist und sich auf seine eigenen Angelegenheiten konzentriert. Dennoch wird schon auf die Gefährlichkeit dieser Figur hingewiesen. Weiter heißt es im Gedicht: Dann hütet euch, ihr feinen Herrn! Denn dieses ist des Michel Brauch: 161 Köppen: Das Entsetzen des Beobachters 2005, S. 248. 162 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 101. 163 Tomasz Szarota: Der deutsche Michel. Osnabrück 1998, S. 201. 164 Ebd. 165 Max Bernstein: Der Michel. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 548 (28.10.1914), S. 2. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 49 Er haut nicht oft und haut nicht gern, Doch wenn er haut, dann haut er auch!166 Die Gefährlichkeit des Michels wird hier konkret, die Gewalt bleibt jedoch Notwendigkeit und wird nicht per se gewollt. Hier fließen Aspekte der Verklärung des Krieges zu einem Verteidigungskrieg mit hinein, denn der Michel „haut nicht gern“ von sich aus, wird also durch äußere Umstände dazu regelrecht gezwungen, da er „das alte liebe Land,/Wo Herd und Haus ihm ehrlich steht“167 verteidigen will. Eine weitere wichtige Figurengestalt im nationalen Diskurs war die Germania. Bereits im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erfreute sich ihre Gestalt großer Beliebtheit, die in dieser Zeit zu einem Symbol nationaler Stärke heranwuchs. So hat ihre Figur „ideale, heroische Züge angenommen, die ein männliches Ideal sichtbar machen: ihr Muskelpanzer lässt den natürlichen Körper so stählern schimmern wie das Schwert.“168 Ebenso wurde sie als Symbol der nationalen Einheit nach der Reichsgründung 1871 genutzt und diente dazu, „Einzelstaat und Nation, Monarchie und bürgerlich-liberale Partizipationserwartungen in Einklang zu bringen.“169 In dieser Bedeutung passte sie hervorragend, um die innerhalb der Ideen von 1914 erneut propagierte Volkseinheit zu versinnbildlichen, weshalb ihre Gestalt in vielen literarischen Werken von 1914 auftritt. So erscheint sie auch in Dr. A. K.s Gedicht „Der Sturm“: Nicht Angriffskriege führt Germania. Nein, sie beschirmt das höchste Gut. Die deutsche Freiheit, deutsche Ehre Vor fremder Mächte Uebermut.170 In diesen Versen tritt Germania in ihrer traditionellen Figur als Mutter des Reiches auf, die ihre Nation „vor fremder Mächte Uebermut“ beschützen will. Dabei wird ihre defensive Grundhaltung postuliert, die sie von jeder Schuld am Krieg lossagt. Zugleich werden die wichtigsten 166 Max Bernstein: Der Michel. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 548 (28.10.1914), S. 2. 167 Bernstein: Der Michel 1914, S. 2. 168 Bettina Brandt: Germania und ihre Söhne. Repräsentation von Nation, Geschlecht und Politik in der Moderne, Göttingen 2010, S. 320. 169 Ebd., S. 325. 170 A.K.: Der Sturm. In. Coburger Zeitung, Nr. 192 (18.08.1914), S. 4. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 50 Werte der Nation, die Freiheit und die Ehre, genannt, für die es zu kämpfen gilt. In diesem kurzen Ausschnitt verbindet der Autor viele verschiedene Aspekte der Ideen von 1914, vom Mythos des Verteidigungskrieges bis hin zur Sinngebung des Krieges. Das alles wird durch die Verwendung eines traditionell sehr positiv konnotiertem Nationalsymbols bewerkstelligt, welche durch ihre historische Bedeutung diese Aspekte noch verstärkt. Gerade Germanias wehrhafte Darstellungsweise, die zwar im Gedicht nicht explizit beschrieben wird, jedoch aufgrund ihrer Omnipräsenz in der deutschen Denkmalkultur den meisten Deutschen wohl bekannt war171, macht ihre Figur zu einer idealen Schutzpatronin des Reiches. In Verbindung mit dem Ausdruck „fremder Mächte Uebermut“ wird zudem deutlich gemacht, dass die Verteidigung der beschriebenen Freiheit und Ehre durch sie auch gelingen wird. Eine ähnliche Funktion besitzt auch die Figur der Wacht am Rhein. Sie bildet den einzigen Diskurs, bei dem sich ein signifikanter Unterschied in der geografischen Nutzung feststellen lässt, da sie ausschließlich in westdeutschen Zeitungen, hauptsächlich aus dem hessischen Gebiet, auftritt. Dabei wird meist das Lied über die Wacht am Rhein thematisiert, welches immer wieder als Aufbruchslied ausziehender Soldaten dargestellt wird. In manchen Gedichten werden die Verse auch auf die Melodie des Liedes geschrieben. In beiden Fällen erfährt das Bild der Wacht am Rhein eine neue Popularität durch den Ersten Weltkrieg. Auch andere nationale Symbole dienen vor allem der Demonstration von Stärke. Dabei verdient das Schwert als Symbol besondere Beachtung, da es in Zeiten maschineller Kriegsführung keine Rolle mehr spielte, dennoch überraschend häufig in der Literatur erwähnt wird. So heißt es unter anderem bei Victor Band: „Willst spüren einen kräft’gen Hauch/Von dem, was deutschen Schwertes Brauch?“172. Hier ist es nicht nur ein bloßes Schwert, sondern ausdrücklich ein deutsches 171 Bettina Brandt gibt an, dass „sich auf etwa jedem vierten Kriegerdenkmal eine Germania“ erhob. Brandt: Germania und ihre Söhne 2010, S. 320f. 172 Band, Victor: Dem Japaner ins Stammbuch. In: Berliner Volks-Zeitung, Nr. 393 (19.08.1914), S. 2. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 51 Schwert. Die Formulierung tritt noch einmal im Gedicht auf173, weshalb man davon ausgehen kann, dass der Autor diesen Aspekt besonders betonen wollte. Durch diese Formulierung wird ein allgemeines Symbol zu einem nationalen Emblem erhoben. Das Schwert selbst bildet dabei ein Zeichen „der Herrschaft, der göttl. Gerechtigkeit, der Gewalt“174 und dient somit dazu, die militärische Stärke des Deutschen Reiches zu verdeutlichen. Verstärkt wird diese Funktion noch durch die Erwähnung der „deutschen Fäuste“, die sowohl als Drohgebärde als auch als Symbol der Gewalt zu verstehen sind. Anzumerken ist in diesem Kontext auch, dass Kaiser Wilhelm II. in einer Rede davon sprach, dass die Deutschen nun „das Schwert [ergreifen]“175, was die häufige Verwendung des Symbols des Schwertes ebenfalls erklären würde. Neben dem Schwert wird auch der Adler, der bereits in der Tiermetaphorik im Kontext der Feindbilder eine Rolle gespielt hat, als Symbol „der Macht und der Stärke“176 genutzt. Als zusätzliches nationales Symbol tritt die Eiche des Öfteren in der Literatur auf. Diese steht jedoch in seiner Bedeutung nicht für militärische Stärke, sondern als „Symbol der Beharrlichkeit und des Widerstandsgeistes“177 und zählt zudem als typisch deutsches Wahrzeichen. Speziell nach 1871 wurden Eichen zu „omnipräsenten Massensymbolen für Nation und Macht“178, was im Ersten Weltkrieg fortgeführt wurde. Als weiteres nationales Symbol wird auch häufig die Fahne genutzt, die stellvertretend für das Deutsche Reich genutzt wird. Beispielhaft heißt es bei H. Kuno: „Wir holen ohne Zagen/Für unsre Fahnen frisches Lorbeerreis.“179 Gemeint ist hier der Sieg, dargestellt durch den Lorbeerreis, für das Land, durch die Fahnen verkörpert, zu erringen. 173 „Mit deutschem Schwert eins auf die Kapp/Mit deutschen Fäusten schwipp und schwapp“. Ebd. 174 Ruth Sassenhausen: Schwert. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hg. von Günter Butzer, Stuttgart/Weimar 2008, S. 343. 175 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 154. 176 Henning Hermann-Trentepohl: Adler. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hg. von Günter Butzer, Stuttgart/Weimar 2008, S. 5. 177 Roman Lach: Eiche. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hg. von Günter Butzer, Stuttgart/Weimar 2008, S. 75f. 178 Lach: Eiche 2008, S. 76. 179 Kuno: Kennt ihr uns nicht? 1914, 1. August-Heft. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 52 Auch die Sprache selbst wird zum nationalen Symbol. Hier gilt es vor allem, sie von allem Fremdländischen zu befreien. Welches Ausmaß diese Bemühungen erreichten, ist Gegenstand von Hans Huckebeins Gedicht „Adieu, leben Sie wohl usw.“. Hier heißt es über den Abschiedsgruß „Adieu“: Was deutsch nicht war, das wurde abgeschüttelt, Und deutscher Sprache schuf man freie Bahn. Und da der Deutsche doch im Grund genommen Sich Gott sei Dank ‚französisch‘ nie empfiehlt, so ist ‚Adieu‘ auch in Verruf gekommen und seine Rolle hat es ausgespielt. Es anzuwenden, gilt als eine Schande, und wehe dem, der trotzdem es gebraucht,[…]180 Wie hier beschrieben wird, ist man vor allem französischen Redewendungen gegenüber sehr empfindlich. Hier spielt nicht nur das Fremdländische an sich eine Rolle, sondern auch das feindliche Fremdländische, da in Frankreich zur Entstehungszeit des Gedichts heftige Gefechte geführt wurden.181 Die Reinigung der deutschen Sprache von Fremdwörtern ist dabei keineswegs eine Neuerscheinung des Ersten Weltkriegs. Insgesamt sechs Phasen solcher Bestrebungen soll es in der deutschen Geschichte gegeben haben, welche vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auftraten.182 Kriege stellten dabei stets einen günstigen Nährboden für nationale Bestrebungen dar, die auch immer zu Forderungen nach einer rein deutschen Sprache führten. Dies führte mitunter sogar zur Umbenennung ganzer Städte mit alten slawischen Namen durch neue deutsche Ortsnamen, wodurch sich zeigt, dass dieser Aspekt der Kriegspropaganda durchaus von Erfolg gekrönt war.183 180 Hans Huckebein: Adieu, leben Sie wohl usw. In: Coburger Zeitung, Nr. 259 (04.11.1914), S. 3. 181 Nachdem zu Beginn des Krieges an der Westfront schnelle Erfolge gefeiert werden konnten, wurden die deutschen Truppen bereits im September 1914 an der Marne von englischen und französischen Truppen gestoppt. Es begann ein Stellungskrieg, der alleine auf deutscher Seite bis Ende 1914 zum Verlust von 640.000 Mann führte. Vgl. dazu Epkenhans: Der Erste Weltkrieg 1914-1918 2015, S. 57. 182 Alan Kirkness: Zur Sprachreinigung im Deutschen 1789-1871. Eine historische Dokumentation, Bd. 2, S. 409. 183 Robert Rduch: Darstellung des Ersten Weltkriegs in der Monatsschrift Oberschlesien. In: Krieg und Literatur, Bd. 12: Information Warfare. Die Rolle der Medien 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 53 Aufbruch und Abschied Die Aufbruchsstimmung, die viele Deutsche zu Beginn des Ersten Weltkriegs erfasste und sich vielfach in der affirmativen Kriegsliteratur wiederfinden lässt, war gleichzeitig sowohl Resultat als auch Bestandteil der Ideen von 1914. Vor allem die Schriftsteller, die sich vom Krieg eine Läuterung der Kultur versprachen, brannten darauf, am Krieg teilzunehmen und meldeten sich deshalb freiwillig für den Kriegsdienst. Diese Aufbruchsgedanken lassen sich auch in ihrer Literatur wiederfinden und verbreiteten die Gedanken wiederum weiter. Dass es dabei als ein Privileg und eine Ehre angesehen wurde, in den Krieg zu ziehen, zeigt das Gedicht „Heil und Sieg“ von Christian Sümmerer. Dort heißt es in der ersten Strophe: Nun dürft ihr marschieren über den Rhein, Nun dürft ihr die Frevler schlagen! Nun dürft ihr Deutschlands Hüter sein, Wie die in den 70er Tagen.184 Speziell durch die Formulierung, dass sie in den Krieg ziehen „dürfen“, spielt darauf an, dass sie dazu nicht verpflichtet wurden, sondern dass sie freiwillig aufbrechen. Mit den „70er Tagen“ wird zudem auf den deutsch-französischen Krieg von 1870 angespielt, der in der deutschen Wahrnehmung dieser Zeit durchweg positiv konnotiert war und somit nicht nur für den Sieg des Deutschen Reiches über seine Feinde steht, sondern auch die Aussicht auf Ehre verspricht.185 Auf dem Land dagegen dominierte nicht die euphorische Aufbruchsstimmung der Großstädte, sondern vielmehr eine realistische Erwartungshaltung in Bezug auf die kommenden Kriegsereignisse.186 Dies führte jedoch zu keiner oppositionellen Haltung, vielmehr wollte man seine Pflicht gegenüber dem Vaterland diszipliniert erfüllen. Zu sehen ist dies unter anderem in Hans Hyans Erzählung „Mobilma- 3.1.7. (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und –deutung, hg. von Claudia Glunz, Thomas F. Schneider und Artur Pelka, Osnabrück 2006, S. 113-123, S. 120. 184 Christian Sümmerer: Heil und Sieg. In: Coburger Zeitung, Nr. 184 (08.08.1914), S. 1. 185 Zur Verwendung dieses Motivs siehe Kapitel 3.3.1. 186 Vgl. Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 223. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 54 chung auf dem Lande“. Dort wird die Geschichte eines kleinen Dorfes erzählt, welches den Befehl bekommt „sich marschbereit zu machen, in den Krieg zu ziehen.“187 Statt Euphorie ist hier jedoch nur die Rede von einer „schwülen Stimmung, die die Seele drückt.“188 Grund dafür ist zunächst nicht einmal die Angst vor dem Tod, sondern die Abneigung gegen das Verlassen der Heimat, da es gilt, die Felder abzuernten. Als die Männer dann schließlich aufbrechen, werden keine Militärlieder gesungen, stattdessen wird versucht, die Nervosität mit Scherzen zu überspielen: „Ein Schauer fließt in dem heißen Glast des Augusttages. Dann ein derbes Wort, ein erlösender Scherz. Hurrah! drauf los! Das Leben geht weiter, wie lange, weiß keiner. Und es fragt niemand danach, weil keiner – Gottlob! – die Antwort weiß. Jeder tut seine Pflicht, das ist alles und genug. Amen.“189 Das Amen am Ende der Erzählung weist zwar auf ein gewisses Gottvertrauen hin, doch trotz des Ausrufes „Hurrah!“ lässt sich erkennen, dass die Männer angespannt sind. Einzig die Pflicht veranlasst sie dazu, in den Krieg zu ziehen, wodurch hier einen Gegenpol zur euphorischen Aufbruchsliteratur besteht. Mit dem Motiv des Aufbruchs geht in der Regel auch das Motiv des Abschieds einher. Dieser Abschied ist oftmals mit Trauer der Hinterbliebenen verbunden, meist durch die Figur der Mutter dargestellt. Ihre Trauer oder ihre Klagen über den Abschied werden dabei jedoch aufgrund ihrer unpolitischen Natur nicht als oppositionell angesehen: „mothers could criticise the war without having to fear censorship because such statements were considered unpolitical.“190 Dennoch gab es intensive Diskussionen von Zeitgenossen darüber, ob Mütter ihre Söhne beweinen durften oder ob sie sie nicht vielmehr stolz in den Krieg schicken sollten.191 In den Gedichten überwiegt meist die Trauer, welche jedoch aus der männlichen Perspektive meist heruntergespielt 187 Hans Hyan: Mobilmachung auf dem Lande. In: Berliner Tageblatt und Handels- Zeitung, Nr. 402 (10.08.1914), S. 2. 188 Ebd. 189 Hans Hyan: Mobilmachung auf dem Lande. In: Berliner Tageblatt und Handels- Zeitung, Nr. 402 (10.08.1914), S. 2. 190 Fehlemann: Building Home 2014, S. 80. 191 Vgl. ebd. 3.1. Der nationale Diskurs – Die Ideen von 1914 55 wird. So etwa bei Ludwig Thomas‘ Gedicht „Landsturmmanns Abschied“: Doch Mutter, wenn ich geh‘ Sollst du nicht drum verzagen, Sollst es wie andre tragen, Dein Weinen tut mir weh.192 Die Trauer der Mutter wird hier nicht geleugnet, sondern die Mutter wird vom Abschied nehmenden Landsturmmann getröstet. Sie ist Teil einer Gemeinschaft, was auf den Verweis auf die anderen angedeutet wird, was auch eine Bewältigung des Abschiedsschmerzes sein kann. Die Volkseinheit kann durch das Gefühl, dass man das Leid im Kollektiv erträgt, tröstend wirken. Im Gedicht versucht der scheidende Landsturmmann seine Mutter mit Verweis auf das höhere Gesamtziel zu trösten: So denke du daran: Müßt‘ ich mein armes Leben Der lieben Heimat geben, Ist’s auch für dich getan.193 Ob die Aufopferung für das Vaterland mit dem damit verbundenen Tod wirklich hilft, die Mutter zu beruhigen, darf hier bezweifelt werden. Doch der Aufopferungsgedanke, der einen Teil des Heldenkultes im Ersten Weltkrieg bildet, ist das dominante Leitmotiv, dem sich der Landsturmmann, oder allgemein jeder Soldat, der sich im neuen Männlichkeitsbild beweisen will, unterwerfen muss. Deshalb wird die Trauer beim Abschied auch nur bei Hinterbliebenen toleriert. Eigene Trauer eines aufbrechenden Soldaten würde als feige oder gar verräterisch angesehen werden, kam jedoch ebenfalls vereinzelt als Motiv in oppositionellen Texten vor.194 192 Ludwig Thoma: Landsturmmanns Abschied. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 400. 193 Ebd. 194 Siehe Kapitel 4.2. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 56 Der religiöse Diskurs Nicht nur die Schriftsteller erhofften sich vom Ersten Weltkrieg eine Katharsis und Erneuerung der Kultur, auch die Vertreter der Kirche hofften, dass der Krieg eine reinigende Wirkung auf die Bevölkerung hat. Man ging davon aus, dass „im Krieg und durch den Krieg […] die Anhänger der SPD wieder zu treuen Christen werden [könnten].“195 Aufgrund dieser Erwartungshaltung kam es zu keiner kirchlichen Opposition, weder von katholischer noch von evangelischer Seite aus. „Beide Kirchen gehörten vielmehr bis zum Zusammenbruch des Kaiserreiches im November 1918 zu den aktivsten Befürwortern des Krieges.“196 Es erfolgte eine religiöse Legitimierung des Krieges von kirchlicher Seite aus, die die Euphorie der Bevölkerung maßgeblich unterstützte und zur aktiven Zustimmung zum Krieg erheblich beitrug. Durch diese kriegsbejahende Einstellung förderte die Kirche den religiösen Diskurs in der Literatur mit großem Erfolg. Denn viele apologetische Texte, nicht nur von geistlichen, sondern auch von weltlichen Schriftstellern, beinhalten verschiedene religiöse Diskurse, die mit dem allumfassenden Thema des Krieges verbunden werden. So lässt sich ein religiöser Bezug in mehr als jedem fünften der untersuchten Texte wiederfinden, bei den affirmativen Texten sogar beinahe in jedem Vierten.197 Im Folgenden sollen nun diese Diskurse, die mit der Religion in Verbindung stehen, aufgeschlüsselt und näher beleuchtet werden. Der Heilige Krieg Wie bereits erwähnt, bildeten die christlichen Kirchen im Deutschen Reich keine Opposition zum Krieg, sondern nahmen eine apologetische Haltung ein. Der Krieg war für sie kein Widerspruch zur Nächstenliebe, sondern galt „als fester und unabänderlicher Bestandteil der 3.2. 3.2.1. 195 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 235. 196 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 181. 197 118 von 535 Texten haben einen direkten religiösen Bezug durch die Verwendung der Worte „Gott“ oder „heilig“. Bei den affirmativen Texten alleine haben 95 von 396 einen direkten religiösen Bezug. 3.2. Der religiöse Diskurs 57 göttlichen Weltordnung.“198 Damit wurde der Erste Weltkrieg nicht nur als etwas von Gott Gewolltes dargestellt und gleichzeitig legitimiert. Vielmehr wurde der deutschen Regierung auch jegliche Kriegsschuld abgesprochen, da man sich der göttlichen Fügung nicht widersetzen kann. Der Krieg als Wille Gottes war bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein Motiv. Vor allem Expressionisten nutzten die Figur Gottes als Motiv des Richters, der die Menschen für ihre Sünden bestraft, indem er den Krieg über sie bringt. Dabei sind diese Gedichte vor allem „von wollüstigen Gewaltphantasien geprägt“199. Auch in der nichtexpressionistischen Literatur des Ersten Weltkriegs ist die Aufgabe des Krieges als Bestandteil der göttlichen Ordnung „die Besinnung und geistige Reinigung der durch ihre Sünden schuldig gewordenen Menschen und Völker.“200 Durch diese Auffassung wurde der Krieg zu einem Heiligen Krieg umgedeutet. Ein weiterer Faktor, der die Betrachtung des Krieges als einen Heiligen Krieg unterstützte, bestand in der Figur des Kaisers. Dieser bildete nämlich als Landesherr den obersten Bischof der evangelischen Kirche und wurde auch von der katholischen Kirche als unfehlbar betrachtet. 201 Damit hatte Kaiser Wilhelm II. sowohl die geistliche als auch die weltliche Autorität inne, weshalb „die Bejahung der Politik des Kaisers und die Befolgung der Erlasse der Obrigkeit zu einer religiösen Pflicht erhoben [wurde]. Patriotenpflicht und Christenpflicht fielen somit vollkommen zusammen“202. Der weltliche Krieg wurde damit gleichzeitig zu einem Heiligen Krieg. Eine Betrachtungsweise, die in der Bevölkerung durchaus ihren Anklang fand, was sich anhand der apologetischen Schriften ableiten lässt. Auch Carl Hauptmann zählt zu den Autoren, die dieses Motiv aufgreifen. In seinem „Kriegsgesang“ schreibt er: Aber wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts … wir bleiben gemut, singt auch jedem das Todlied im Blut, klingt doch hell von geheiligten Mären, 198 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 181. 199 Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg 2014, S. 35. 200 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 182. 201 Vgl. ebd., S. 183. 202 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 58 die tausend Siege der Väter verklären. Wir ziehen einig von Heimat und Haus in den heiligen Krieg hinaus… und mähen wie stille Schnitter mit schneidendem Schwerte im Sonnenbrande…203 Interessant bei diesem Gedicht ist nicht nur die Thematisierung des „heiligen Krieges“, sondern vor allem der Kontext, in dem er genannt wird. Zu Beginn des Abschnitts wird noch von der Gottesfurcht der Deutschen gesprochen, direkt darauf wird der Krieg durch Erwähnung des „Todlied[s] im Blut“ thematisiert. Hier wird die religiöse Dimension unmittelbar von einer gewaltbeherrschten Stimmung abgelöst und dadurch ebenso in direkte Beziehung gesetzt. Dies wird noch zusätzlich unterstrichen, indem dieses Lied von „geheiligten Mären“ gesungen wird und deshalb einen heiligen Aspekt erhält, genau wie die Mordlust der Deutschen, die mit dem „Todlied“ ausgedrückt wird. Ebenso werden die „Siege der Väter“ von den „geheiligten Mären“ verklärt, sodass auch die Siege und damit die Kriege der Vorväter in einen religiösen Kontext gerückt und somit auch zu Heiligen Kriegen stilisiert werden. Nachdem in der folgenden Zeile – „Wir ziehen einig von Heimat und Haus“ – der beinahe obligatorische Diskurs der Volkseinheit eingebunden wird, erfolgt die erstmalige direkte Erwähnung des „heiligen Krieg[es]“. Somit wird der Heilige Krieg gleichzeitig mit der Volkseinheit verbunden, da dieser die Menschen zu einem vereinten Auszug bewegt. Die Verbindung dieser Motive ist nicht zufällig gewählt. Denn „die Entstehung dieser Einheit galt nach kirchlicher Auslegung ausdrücklich als Wirken und Willen Gottes. Von beiden Kirchen wurde Gottes Wirken vollkommen mit dem neuen patriotischen Empfinden und Verhalten der Massen gleichgesetzt.“204 Damit wird auch die religiöse Kriegsliteratur zu Förderern der Ideen von 1914. Dieser Aspekt unterstreicht wieder die Bedeutung, die verschiedenen Diskurse nicht als getrennte Motive zu betrachten, sondern als zusammenhängende und sich gegenseitig unterstützende Instrumente, die die Euphorie der Bevölkerung am Krieg entfachen und aufrecht erhalten sollten. Auch in 203 Carl Hauptmann: Kriegsgesang. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 465 (13.09.1914), S. 9. 204 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 185. 3.2. Der religiöse Diskurs 59 Carl Hauptmanns Kriegsgesang wird durch die Verbindung des Diskurses der Volkseinheit und der Religion eine heilige, beinahe erhabene Atmosphäre geschaffen. Diese geheiligte Atmosphäre wird jedoch gleich in der nächsten Zeile wieder durch die Formulierung „wir mähen wie stille Schnitter/mit schneidendem Schwerte im Sonnenbrande“ zerstört. Alleine das Verb „mähen“ weist auf eine maschinelle und massenhafte Zerstörung von Leben hin, die in einem starken Kontrast zur religiösen Stimmung davor bildet. Dennoch werden die Aspekte der Gewaltverherrlichung, ja der anonymen Auslöschung von Menschenleben, und des „heiligen Krieg[es]“ in demselben Satz erwähnt, sodass diese eine Verbindung eingehen. Hier wird die Tradition der Gewaltverherrlichung in einem religiösen Kontext aus der expressionistischen Lyrik fortgeführt. Da dies bereits wenige Verse vorher geschieht, ist davon auszugehen, dass die Relation von Gewalt und Religion beabsichtigt ist und für den Autor keinen Widerspruch bildet. Vielmehr wird die Gewalt durch die Religion nicht nur legitimiert, sondern für heilig erklärt. Auch auf die Problematik der Vereinbarkeit von Nächstenliebe mit Gewalt gegen andere Christen in einem Heiligen Krieg wird eine Antwort gefunden. Diese bietet Gottfried Buchmann am Ende seines Sonetts „Gott will den Kampf!“: Uns schmerzt das Wort: Du sollst die Feinde lieben! Und bluten still, indem wir grimmig hassen; So stehen wir zerrissen, sturmgetrieben. Doch die wir grübelnd an die Stirnen fassen, Das sei als Trost in jedes Herz geschrieben: Gott will den Kampf, weil er ihn zugelassen.205 Der Autor ist sich hier der eben geschilderten Problematik der Nächstenliebe durchaus bewusst und beschreibt, dass dies viele Zeitgenossen beschäftigt, da sie eigentlich ihrem Hass freien Lauf lassen wollen. Diese Ausübung wird ihnen jedoch von ihrem Gehorsam gegenüber Gott verboten, der ihnen gebietet, dass man die Feinde lieben soll, was zu einer inneren Zerrissenheit der Menschen führt. Die Antwort besteht wieder in der Legitimierung des Krieges durch Gott: Wenn dieser 205 Gottfried Buchmann: Gott will den Kampf! In: Hessenland 28 (1914), 1. Dezember-Heft. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 60 nämlich den Kampf nicht verhindert, so ist davon auszugehen, dass er Gottes Wille ist. Da dieser Kampf auch Gewalt einschließt, ist diese ebenso von Gott gewollt, womit die Christen von ihrer Pflicht der Nächstenliebe entbunden werden und, gemäß des Sonetts, getröstet ihrem Hass nacheifern dürfen. Eine weitere Dimension des Heiligen Krieges stellten die Soldaten dar, die in ihm kämpften. Durch die Vorstellung des Krieges als Heiligen Krieg wurden die Soldaten, die in ihm kämpften, als heilige Krieger für das Vaterland betrachtet, ähnlich dem miles christianus aus der mittelalterlichen Literatur.206 Wie bereits in den Kreuzzügen wird auch im Ersten Weltkrieg der Soldat zum verlängerten Arm Gottes, welcher „durch Kampf und Tod der heil’gen Pflicht/der schwarz-weiß-roten Flagge“207 folgt. Die Verbindung von patriotischem Gedankengut und religiösem Handeln ist keinesfalls eine Neuerscheinung der Literatur des Ersten Weltkriegs. Vielmehr steht das Motiv des „säkularisierten Patriotismus in direkter Nachfolge der nationalistischen Lyrik der Befreiungskriege von 1813/1814 gegen Napoleon.“208 Dass ein Heiliger Krieg auch Leiden hervorruft, wird auch in den apologetischen Texten thematisiert. Dabei sind jedoch zwei verschiedene Betrachtungsweisen zu unterscheiden. Die erste Dimension des Leids betrifft die Feinde, die im Sinne des religiösen Kontextes als „Höllenschar“209 oder „Teufel“210 betitelt wurden. Durch solche Bezeichnungen wurde der Feind entmenschlicht und die Gewalt legitimiert, sodass ihre Not keinen Widerspruch zur göttlichen Ordnung bildete, sondern vielmehr seinem Willen entsprach. Die zweite Dimension der Not betraf das eigene Volk, welches ebenfalls Leid zu ertragen hat. Diese Not ist allerdings ebenfalls heilig, da sie laut damaliger Meinung zum Heiligen Krieg gehörte und damit einen festen Bestandteil der göttlichen Ordnung bildete. Das Leid wurde „als höhere Schick- 206 Vgl. Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 172. 207 G. S.: Kriegers Abschied. In: Oberhessische Zeitung, 21.09.1914. 208 Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 176. 209 Dr. Lichtenstein: Deutscher Aar. In: Bonner Zeitung, Nr. 222 (14.08.1914), S. 3. 210 R.F. Günther: Vergiß es nie! In: Bonner Zeitung, Nr. 251 (12.09.1914), S. 3. 3.2. Der religiöse Diskurs 61 salsnotwendigkeit“211 verstanden, welches ertragen werden musste. Gleichzeitig sah man darin „die weltgeschichtliche Initialzündung zur Erfüllung deutschen Schicksals“, bei der sich „eschatologische Projektionen epochalen Umbruchs mit der teleologischen Prädestinationsvorstellung von ‚Deutschlands Sendung‘, einem, ‚ deutschen Weltberuf ‘“212 überlagerten. Somit vollführte die heilige Not „bei allem Leid und bei aller Entbehrung, auch begrüßenswerte, notwendige, da purifizierende Wirkung.“213 In diesem Zusammenhang ist es auch zu verstehen, dass die Heilige Not nicht als etwas Negatives angesehen wird, sondern als etwas Positives. So heißt es gar im Gedicht „An Goethe“: „Segne uns die heilige Not,/Daß sie uns befreie“214. In diesen Versen steht der kathartische Gedanke im Vordergrund, weshalb die Not noch zusätzlich von Goethe gesegnet werden soll, obgleich sie bereits heilig ist. Auch solche Texte dienten dazu, das Negative im Krieg für die Bevölkerung in etwas Positives beziehungsweise Sinnvolles umzudeuten, um somit den Durchhaltewillen zu verstärken. Darüber hinaus „soll durch diese religiös-metaphysische Mystifizierung die realistische Dimension verschleiert bzw. ausgeblendet werden, um gegen die Gräuel des Krieges zu immunisieren, die Leidensfähigkeit zu steigern und ein kritisches Hinterfragen zu verhindern.“215 Das Vertrauen auf Gott Da die Deutschen den Krieg als Strafe Gottes für die Verfehlungen der Menschen ansahen, war es für sie eine logische Konsequenz, die durch zahlreiche apologetische Texte unterstützt wurde, dass die Deutschen 3.2.2. 211 Nicolas Detering/Johannes Franzen: Heilige Not. Zur Literaturgeschichte des Schlagworts im Ersten Weltkrieg. In: Euphorion: Zeitschrift für Literaturgeschichte 107 (2013), H. 4, S. 463-500, S. 485. 212 Nicolas Detering/Johannes Franzen: Heilige Not. Zur Literaturgeschichte des Schlagworts im Ersten Weltkrieg. In: Euphorion: Zeitschrift für Literaturgeschichte 107 (2013), H. 4, S. 463-500, S. 477. 213 Ebd., S. 463. 214 U.R.: An Goethe. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 436 (28.08.1914), S. 3. 215 Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 177. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 62 das Instrument dieser Gerechtigkeit bilden sollten. Denn als Volk hatte man sich nach zeitgenössischer Meinung nichts zuschulden kommen lassen, da man selbst stets den Frieden wahren wollte.216 Auch hier bedingt wieder die Inszenierung des Krieges als reinen Verteidigungskrieg gegen den Willen Deutschlands, also einer zentralen Komponente der Ideen von 1914, ein wichtiges Motiv des religiösen Diskurses der Kriegsliteratur. Diesen Glauben an das eigene Auserwähltsein, welches seitens der Kirchen immer wieder bestätigt wurde, sahen die Deutschen durch die schnellen Siege an der Westfront zu Beginn des Krieges noch zusätzlich bestärkt. Denn ein Scheitern mit Gott an seiner Seite war nach damaligem Verständnis unmöglich. Diese Überzeugung lässt sich auch im Gedicht „Zum Sieg“ eines Autors, der lediglich mit A. H. angegeben wird, wiederfinden. Dort heißt es: So manche Schlacht geschlagen In diesem heiligen Krieg, Und nie wir unterlagen, Es folgte Sieg auf Sieg. Mit Gottes Hilfe tragen Wir nie der Knechtschaft Joch. Mit Gottes Hilfe schlagen Wir alle Feinde noch!217 Zunächst wird hier noch einmal darauf hingewiesen, dass es sich beim Krieg um einen „heiligen Krieg“ handelt. Ein Heiliger Krieg, in dem man noch keine einzige Schlacht verloren hat, was nur ein Verweis auf Gottes Beistand sein kann. So wird auch gleich im nächsten Vers darauf hingewiesen, dass diese Siege gegen die Feinde nur mit Gottes Hilfe errungen werden konnten. Da sich dieser Beistand in Zukunft fortsetzen wird, zumindest laut Überzeugung des Autors, können auch in Zukunft alle Feinde besiegt werden. Das Vertrauen in Gott resultiert damit in einer tiefen Siegesgewissheit. Die Bedingung dafür wird gegen Ende des Gedichts genannt. Sie besteht nämlich lediglich darin zu geloben, „stets Gott dem Herrn zu trauen“218, womit das Vertrauen in Gott noch einmal explizit genannt wird. 216 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 184. 217 A.H.: Zum Sieg! In: Zeitung für das Dillthal, 26.08.1914. 218 Ebd. 3.2. Der religiöse Diskurs 63 Selbst der Tod der Soldaten war kein Grund, dieses Vertrauen in Gott zu verlieren. Denn der Tod auf dem Schlachtfeld bildete eine „ganz besonders wertvolle Form der ‚Buße‘“219 und war somit ebenfalls ein Dienst an Gott. Auch hier lässt sich wieder ein Bezug zu den Kreuzzügen finden, deren Konzept ebenfalls „mit der Hoffnung auf Vergebung der Sünden“220 in Zusammenhang steht. So bekam auch der Opfertod neben der bereits in Kapitel 3.1.2. ausgeführten Bedeutung noch eine zusätzliche, nämlich religiöse Komponente, die enormes Begeisterungspotenzial besaß: „Der Opfertod im ‚heiligen Krieg‘ wird so zu einer letzten Kategorie im Stigmatisierungsarsenal der Nation im Krieg, vielleicht, jedenfalls zu Beginn des Krieges und auf die Jugend abzielend, zur treffsichersten.“221 Feuer und Weltenbrand In der Tradition des Expressionismus sind die Motive des Weltenbrandes und der Apokalypse zu sehen, mit denen der Krieg oftmals charakterisiert wird, durchaus auch in einem religiös-mythologischen Kontext. Die Expressionisten der Vorkriegszeit, wie etwa Georg Heym, sahen im Krieg eine Möglichkeit „zur Befreiung und zur ekstatischen Entgrenzung des einzelnen“222. Man sehnte die Apokalypse als Untergang einer alten, verdorbenen Welt herbei, damit eine neue entstehen kann. Politische Krisen verstärkten den Glauben der Expressionisten daran, dass Apokalypse und Krieg zusammenhängen und der Krieg die Reinigung der Welt bewirken kann.223 Damit erhält der Krieg eine mystische und gleichzeitig eine durchaus positive Konnotation als Symbol des Aufbruchs. Auch in den apologetischen Texten des Ersten Weltkriegs wird das Symbol des Weltenbrandes als eine positive Chance bewertet. In Max Bernsteins Gedicht „Es ist ein Grab auf grüner 3.2.3. 219 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 182. 220 Hilkert Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik, 7. Aufl., München 2008, S. 280. 221 Flemming/Ulrich: Heimatfront 2014, S. 35. 222 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 97. 223 Vgl. Steffen Bruendel: Nachdenken über das Ende: Die Apokalypse als Thema in Kunst und Literatur. In: Tel Aviver Jahrbuch für Deutsche Geschichte (2015), H. 43, S. 53-84, S. 62. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 64 Halde…“, welches er Otto von Bismarck widmet, wird der Weltenbrand als Zeitenwende angesehen. Er schreibt: Er schläft…Wir aber müssen wachen, Bis einst, des großen Streits Ertrag, Dem Weltenbrand, den sie entfachen, Entsteigt der neue deutsche Tag!224 In diesen Versen werden die positiven Nachwirkungen des Weltenbrands beschrieben. Der Weltenbrand, der von den Feinden verursacht wurde, womit wieder einmal die Kriegsschuld von Deutschland abgewiesen wird, dient dem Reich als Chance, eine neue Zeit zu beginnen. Die Rede ist hier von einem „deutsche[n] Tag“, sprich einer Zeit, welche vom Deutschen Reich dominiert sein wird. Gleichzeitig erweckt die Darstellung eines Weltenbrandes den Eindruck, dass sich der Krieg auf die gesamte Welt erstreckt. Damit erweitert sich auch „des großen Streits Ertrag“, wie es in Bernsteins Gedicht heißt, auf die Dimension der ganzen Welt. Der religiöse und mythische Aspekt des reinigenden Feuers steht auch bei Hans Krailsheimers Sonett „Unser ist die Glut“ im Vordergrund. Über die Zeit des Krieges schreibt er: So brenne denn Jahrzehnt! Der Flammenschein, der deine Himmel gellend überzündet, mag Morgen- oder Abendröte sein – Wir sind gesegnet: das erlöste Blut ist plötzlich dem Unendlichen verbündet. Wir sind gesegnet. Unser ist die Glut!225 Anders als bei Bernstein wird hier keine Schuld an den Flammen vergeben. Im Vordergrund steht die „säkularisierte heilsgeschichtlichapokalyptische Deutung des Krieges als kosmisches Weltprinzip in der Bildlichkeit einer Naturgewalt“226, wodurch der Text mehr noch als Bernsteins Verse in der expressionistischen Tradition steht. Die Naturgewalt ist in Krailsheimers Sonett das Feuer, welches explizit willkommen geheißen und durch den letzten Ausdruck „Unser ist die Glut“ für 224 Bernstein, Max: Es ist ein Grab auf grüner Halde… In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 575 (11.11.1914), S. 3. 225 Hans Krailsheimer: Unser ist die Glut. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 374. 226 Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 166. 3.2. Der religiöse Diskurs 65 die Nation vereinnahmt wird. Da sich der Autor durch diese Annahme gesegnet fühlt, bekommt auch die Glut eine heilige Dimension zugewiesen. Auch die Thematisierung des Himmels unterstützt diese religiöse Atmosphäre, ebenso wie die Erwähnung des „Unendlichen“. Die kathartische Wirkung des Weltenbrandes wird durch das „erlöste Blut“ noch einmal explizit hervorgehoben. Vor diesem Hintergrund ist es dem Autor auch einerlei, ob eine neue Zeit anbricht, oder eine Zeit zu Ende geht227, wichtig ist die Zeitenwende, die durch das Feuer ausgelöst wird. Denn durch das Bündnis des erlösten Blutes mit dem Unendlichen ist gewiss, dass die Zeitenwende für Deutschland eine positive Bedeutung hat. Interessant ist jedoch die zeitliche Dimension, die in dem Gedicht ausgedrückt wird. Durch die Formulierung „So brenne denn, Jahrzehnt!“ wird ausgedrückt, dass sich der Krieg auf das ganze Jahrzehnt erstrecken wird. Zum Entstehungszeitpunkt des Textes, im September 1914, ging man jedoch noch von einem kurzen Krieg aus228. Dies erweckt den Eindruck, dass die Nachwirkungen des Feuers die bloße Zeit des Krieges noch überdauern wird. Historischer Diskurs Die Einordnung des Krieges in die nationale Geschichte Neben dem nationalen und dem religiösen Diskurs gab es auch viele Motive, die sich unter der Topik eines historischen Diskurses zusammenfassen lassen. Diese historische Kriegspublizistik trat vor allem zu Beginn des Krieges auf, woraus man schließen kann, dass die Einordnung in einen historischen Kontext wichtig für die Sinngebung des Krieges war. Entscheidend dabei war die richtige Darstellung dieser historischen Zusammenhänge. Historische Fakten waren nur von sekun- 3.3. 3.3.1. 227 „Der Flammenschein,/[…] mag Morgen- oder Abendröte sein – “. Krailsheimer: Unser ist die Glut 1914, S. 374. 228 Der österreichische Schriftsteller Paul Rosegger schreibt zum Beispiel noch im August 1914: „Wir säen jetzt bald das Winterkorn auf den Acker; wenn es aufgrünt im nächsten Frühjahr, wird der Sturm vorbei sein. Unsere lieben Söhne und Brüder werden wieder daheim sein […]“. Paul Rosegger: Arbeit und Vertrauen. In: Berliner Tageblatt und Handelszeitung, Nr. 435 (28.08.1914), S. 2. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 66 därem Interesse, vielmehr kam es auf eine „glorifizierende Darstellung vergangener Leistungen des eigenen Volkes“229 an, die als eine Art „Präzedenzfälle“230 für den gerade begonnenen Krieg genutzt wurden. Zusammen mit der Sinngebung des Krieges und der Verbreitung nationaler Euphorie erfüllt die Kriegsliteratur des historischen Diskurses damit eine der hauptsächlichen Funktionen der affirmativen Literatur zu Beginn des Ersten Weltkriegs231. Dazu gehört auch der Versuch der Einordnung des Ersten Weltkriegs in die nationale Geschichte, um diese „Historie politisch-propagandistisch […] furchtbar zu machen.“232 Dabei sind vor allem „solche Epochen der nationalen Geschichte (bzw. deren hervorragende Protagonisten) in das Blickfeld der Schriftsteller geraten, die geeignet waren, bei den Lesern von 1914 patriotische Zuversicht und Begeisterung zu evozieren.“233 Besonders beliebt waren daher Vergleiche mit zuvor erfolgreich geführten Kriegen, wie dem Befreiungskrieg von 1813 gegen Napoleon und dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71234. Die Verbindung des Ersten Weltkriegs mit vorangegangenen Kriegen wird auf verschiedene Arten erzeugt. Eine gern genutzte Variante ist die Schilderung einer Begegnung mit Veteranen. Als Beispiel dient das Gedicht „Der Alte“ von Max Bernstein. Es handelt von einem lyrischen Ich, welches in einem Kaffeehaus einem alten Mann begegnet, „Ein Kreuz – von Siebzig – hat er an“235. Mit dem Kreuz als Bezeichnung für einen Orden wird der Veteran gleich als ehrenhafter Soldat gekennzeichnet. Das lyrische Ich beginnt ein Gespräch mit ihm und frägt: „Nach dem, was Sie dereinst erfahren - /Ist er zu teuer nicht, der Sieg?“ Das lyrische Ich weist also auf die negativen Erscheinungen des 229 Eckart Koester: Literatur und Weltkriegsideologie. Positionen und Begründungszusammenhänge des publizistischen Engagements deutscher Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, Kronberg/Ts. 1977, S. 156. 230 Ebd. 231 Ausführlicheres zu den Funktionen der Kriegsliteratur in Kapitel 6 dieser Arbeit. 232 Koester: Literatur und Weltkriegsideologie 1977, S. 155. 233 Ebd. 234 Vgl. Gangolf Hübinger: Die Intellektuellen und der „Kulturkrieg“ (1914-1918). In: Faszination und Schrecken des Krieges, hg. von Notger Slenczka, Leipzig 2015, S. 11-26, S. 11. 235 Max Bernstein: Der Alte. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 604 (27.11.1914), S. 2. 3.3. Historischer Diskurs 67 Krieges hin und äußert sich besorgt, obgleich der Sieg selbst, wie es für die affirmative Kriegsliteratur typisch ist, nicht angezweifelt wird. Die Antwort des Alten folgt in der letzten Strophe des Gedichts: Als hätte meine laute Weise Ihm einen tiefen Traum verscheucht: ‚Jetzt möchte ich jung sein!‘ sprach er leise Und seine Augen wurden feucht….236 Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Veteran aus dem Krieg von 1870/71 darüber trauert, zu alt für den Krieg von 1914 zu sein. Damit dient er als Musterexemplar eines deutschen Mannes, denn wie bereits im Verlauf der Arbeit festgestellt, ist die freiwillige Meldung zum Kriegsdienst Kennzeichen eines männlichen Ideals. Gleichzeitig werden die zuvor durch das lyrische Ich thematisierten negativen Aspekte durch das Verhalten des Veteranen verharmlost. Denn ein Soldat, der bereits die wahre Dimension des Krieges kennen gelernt hat und trotzdem darüber trauert, nicht mitkämpfen zu dürfen, vermittelt den jungen Menschen die Botschaft, dass der Krieg ein Ort ist, zu dem man gerne wieder zurückkehren möchte. Das Gedicht nutzt somit die Verbindung mit dem Krieg von 1870/71, um neue Freiwillige zu werben, das Idealbild eines Soldaten zu beschreiben und die Realität des Krieges zu verharmlosen. Ein weiterer Versuch, den Krieg in einen historischen Kontext einzuordnen, bezieht sich auf die Idee der Volkseinheit, die zu Kriegsbeginn aufkam. Denn „die Geschlossenheit der Parteien, der Schichten und Klassen, schließlich auch der Konfessionen, ließ bei vielen die Vorstellung aufkommen, der Krieg von 1914 sei der dritte Reichseinigungskrieg, in dem das von Bismarck begonnene Werk vollendet würde.“ 237 Dies kann man daran erkennen, dass Bismarck, neben Friedrich II., eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Kriegsliteratur des historischen Diskurses ist238. So heißt es im Gedicht „Es gilt!“ eines lediglich mit „L. G.“ angegebenen Autors: Und was wir anno 70 vollbracht, 236 Max Bernstein: Der Alte. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 604 (27.11.1914), S. 2. 237 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 233. 238 Vgl. Koester: Literatur und Weltkriegsideologie 1977, S. 158. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 68 Das wird jetzt wieder nachgemacht. Unser Bismarck droben zu Moltke spricht: ‚Gottlob, es sind noch die Alten! Was wir geschmiedet mit Eisen und Blut, Sie werden es treulich erhalten […]“239 Der Erste Weltkrieg wird hier mit dem Krieg von 1870/71 direkt in Beziehung gesetzt, indem die Überzeugung formuliert wird, dass sich der Sieg wiederholen wird. An dieser Stelle kann man gut erkennen, wie der deutsch-französische Krieg als Präzedenzfall für den Ersten Weltkrieg genutzt wird. Dabei kommt es nicht darauf an, ob diese Kriege tatsächlich vergleichbar sind, was sich alleine aufgrund der teilnehmenden Parteien infrage stellen lässt, sondern lediglich um die Entfachung von Euphorie und die Erzeugung von Selbstbewusstsein. Dieses Selbstbewusstsein wird von Bismarcks Aussage noch zusätzlich gestärkt, da es sich noch immer um „die Alten“ handelt, sprich um die gleiche Sorte Mensch, die den Krieg vor rund 40 Jahren bereits gewann. Der Stolz, welcher in Bismarcks Aussage zu vernehmen ist, zeigt zugleich, dass sich Deutschland auf einem richtigen Weg mit dem Krieg befindet, was bei einem so hoch angesehenen Staatsmann, wie Bismarck es auch nach seinem Tod noch war, großes Gewicht besitzt. Damit sollen die Leser, also das Volk, vom Krieg und seinem siegreichen Ausgang überzeugt werden. In anderen Texten, in denen Frankreich als „der alte Erbfeind“240 bezeichnet wird, ist ebenfalls von der Wiederholung des Sieges vom deutsch-französischen Krieg die Rede. Hier wird der Erste Weltkrieg als eine Art Fortsetzung des damaligen Krieges inszeniert, in dem es darum geht, den immer wiederkehrenden Feind erneut zu schlagen. Damit wird dem Ersten Weltkrieg ein konkreter Sinn zugewiesen, mit dem man das Volk begeistern kann, da man nur auf den Sieg des letzten Krieges hinweisen muss. Die Rolle der Abstammung Auch die Ahnen der Deutschen werden im Kontext des historischen Diskurses thematisiert. Dabei spielt hauptsächlich die Darstellung 3.3.2. 239 L. G. :Es gilt! In: Bonner Zeitung, Nr. 223 (15.08.1914), S. 3. 240 Alwin Römer: Schlagt sie auf ’s Haupt! In: Zeitung für das Dillthal, 11.08.1914. 3.3. Historischer Diskurs 69 Deutschlands als Nachfolger Germaniens eine Rolle. Dies äußert sich, indem die Begriffe wie Deutschland und Germanien parallel genutzt werden, wobei die Begriffe sich in ihrer Bedeutungsebene voneinander unterscheiden lassen. Zu sehen ist dies unter anderem bei Konrad Ries‘ Gedicht „Von deutscher Treue“. Hier heißt es: Treulos von Albion entzügelt zum Morden, Wühlt von Romanen und Slaven ein Heer Rings um Germanien in gierigen Horden; Feinde im Osten, im Westen, im Norden - Deutschland, Alldeutschland, nun hoch deine wehr!241 In einem Kontext, in dem es vor allem um die ethnische Zugehörigkeit geht, wird hier von Germanien gesprochen, während das kämpfende Land als „Deutschland“ beziehungsweise „Alldeutschland“ betitelt wird. Später heißt es im Gedicht weiter: „Heil euch ihr Wächter germanischer Ehre!/Sieg euch, ihr Meister teutonischer Wehre!“242 Auch hier wird wieder der Begriff des Germanen genutzt und zwar in einem Zusammenhang, in dem es vielmehr um das historische Erbe der Nation geht als um aktuelle Verhältnisse. Zugleich schreibt der Autor auch: „Kühn über Gallien, in ruhmreichen Taten,/Bricht der Germane zum Briten sich Bahn“243, womit er zwar die aktuell kämpfenden Soldaten der deutschen Nation als Germanen beschreibt. Diese Beschreibung geschieht jedoch in einem Kontext, in dem es wiederum um ruhmreiche, beinahe heldenhafte Taten geht, die schließlich nur ausgeführt werden, um die Ehre Germaniens zu retten. Damit lässt sich feststellen, dass Germanien als Begriff in einem historischen Zusammenhang genutzt wird, um sich auf das heldenhafte Erbe der Nation zu berufen. Eine ähnliche Abgrenzung lässt sich bei dem Begriff des Teutonen vornehmen, welcher ebenfalls in dem oben zitierten Gedicht auftritt, insgesamt in der Kriegsliteratur von 1914 jedoch eine untergeordnete Rolle spielt. Texte, die diesen Begriff nutzen, verwenden ihn in einem Kontext, bei dem es um die Wut der Deutschen geht, die jedoch positiv konnotiert ist. So ist die Rede von „der Teutonen zornig Kampfes- 241 Konrad Ries: Von deutscher Treue. In: Coburger Zeitung, Nr. 281 (01.12.1914), S. 2. 242 Ebd. 243 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 70 lied“244 oder dem Ausdruck „Furor teutonicus“245. Vor allem der Ausdruck des „furor teutonicus“ in Wincklers gleichnamigen Gedicht ist historisch stark beladen, bildet er doch „das älteste Urteil über das Handeln der Deutschen als Volk, das sich erhalten hat“246. Der Begriff wurde zum ersten Mal vom römischen Dichter Lucan benutzt, um die deutschen als „aufbrausend, gezüchtigt, beschämt“247 zu charakterisieren. Im Kontext des Gedichtes wird der Ausdruck jedoch positiv umgewandelt und nimmt die Angst des Feindes vor einem solch ungezügelten Volk als etwas Gutes wahr, das man für die eigenen Ideen instrumentalisieren kann. Man beruft sich auf den berüchtigten Zorn der Teutonen, um die Kampfkraft und auch Kampflust der deutschen Soldaten hervorzuheben. Siegesgewissheit Das Motiv des Sieges stellte ein für die Propaganda ungemein wichtiges Symbol dar. Vor allem in den ersten Kriegswochen überfluteten die Siegeskunden die Zeitungen und erschufen damit die Vorstellung der Unbesiegbarkeit der deutschen Armee. Durch die Zensur, aber auch durch die schriftstellerische Darstellung der Siege, konnte dieser Mythos mit mehr oder weniger großem Erfolg für lange Zeit aufrecht erhalten werden, da erst kurz vor Kriegsende Juni 1918 „die letzten Siegesträume zerstoben waren“248. Doch vor allem im Jahr 1914 erzeugten die kriegsaffirmativen Texte eine unerschütterliche Siegesgewissheit. Hierfür werden verschiedene Methoden genutzt, die anhand exemplarischer Texte in diesem Kapitel kurz vorgestellt werden sollen. 3.4. 244 Christian Sümmerer: Der Alte im Sachsenwalde. In: Coburger Zeitung, Nr. 186 (11.08.1914), S. 2. 245 A.J. Winckler: Furor Teutonicus. In: Zeitung für das Dillthal, 14.08.1914. 246 Johannes Fried: Die Anfänge der Deutschen. Weg in die Geschichte, Berlin 2015, S. 19. 247 Johannes Fried: Die Anfänge der Deutschen. Weg in die Geschichte, Berlin 2015, S. 19. 248 Rainer Traub: Funke der Empörung. In: Der Erste Weltkrieg. Geschichte einer Katastrophe, hg. von Annette Grossbongardt, Uwe Klussmann und Joachim Mohr, München 2014, S. 247-251, S. 247. 3.4. Siegesgewissheit 71 Die erste Methode, die Siegesgewissheit beim Volk zu erzeugen, ist die Thematisierung des Sieges bei einzelnen Schlachten. Diese Texte für sich genommen konnten zwar keinen Mythos kreieren, traten jedoch in einer solchen Fülle auf, dass der Leser ständig mit den Siegen der Armee konfrontiert wurde, denen keine Berichte über Niederlagen gegenüber standen. So musste sich beim Leser der Eindruck bilden, dass die Armee immer siegt und in der Konsequenz den Krieg gewinnen wird. Ein Beispiel solcher Literatur ist das Gedicht „Lüttich“ von Paul Dietz, welches der Eroberung von Lüttich, „dem wichtigsten Ziel der deutschen Operationen in den ersten Tagen“249, gewidmet ist. Das Ziel war von großer Bedeutung, um den Schlieffen-Plan umzusetzen, demzufolge die deutsche Armee über Belgien in Frankreich einmarschieren sollte, um die gut befestigte deutsch-französische Grenze zu umgehen und Frankreich eine schnelle Niederlage zuzufügen250. Die Eroberung von Lüttich ging daher mit einer großen Euphorie einher, die sich auch in Dietz‘ Gedicht erkennen lässt: Es rauscht wie junger Lorbeer Uns schon ums Siegerhaupt, Alt-Lüttich wurde unser, Wer hätt' es je geglaubt! Mit deutschem, kühnem Wollen Wir nahmen es im Sturm, Und Siegesglocken läuten Durchs Land von Turm zu Turm.251 Obgleich der Sieg hier für den Autor anscheinend überraschend kommt – „Wer hätt es je geglaubt!“ – wird die Art des Sieges durch die Formulierung „Wir nahmen es im Sturm“ als einfaches Unterfangen dargestellt. Dass der Sieg im ganzen Land bejubelt wird, unterstreicht wiederum die enorme Bedeutung des Sieges, ebenso wie die Form des Siegesgefühls, welches durch das „rauscht“ im ersten Vers einen ekstatischen Aspekt zugesprochen bekommt. Somit konnte die Überzeugung eines Sieges durch die zu Beginn des Krieges tatsächlich erfolgten militärischen Siege verstärkt werden. 249 Epkenhans: Der Erste Weltkrieg 1914-1918 2015, S. 125. 250 Vgl. ebd., S. 48. 251 Paul Dietz: Lüttich. In: Hessenland 28 (1914), 2. August-Heft. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 72 Eine andere, ebenfalls häufig genutzte Methode zur Erschaffung von Siegesgewissheit war die ständige Thematisierung eben jener. Durch die omnipräsente Gewissheit, dass der Krieg durch einen deutschen Sieg beendet wird, wird auch der Leser irgendwann diese Meinung teilen. Die Begründung dieser tiefliegenden Überzeugung haben dabei ganz unterschiedliche Ursachen. Eine dieser Ursachen ist die Annahme einer deutschen Unschuld am Krieg und der daraus folgenden Gerechtigkeit der deutschen Sache252. So ist in diversen Gedichten die Formulierung zu lesen „Nur der Gerechte siegt!“253 oder allgemein „die Gerechtigkeit siegt!“254, womit selbstverständlich auch Deutschland gemeint ist. Ebenfalls eine große Rolle spielt die Überzeugung für Gott zu kämpfen, denn „da Gott ja auf deutscher Seite stand, konnte es für die Zeitgenossen im Reich auch keinen Zweifel an einem Sieg der deutschen Truppen über die Widersacher geben“255. So heißt es bei H. Kuno entsprechend: „Mit Gott erringen unsre tapfern Scharen/Zum dritten Male den gerechten Sieg“256, womit er die beiden Überzeugungen der Gerechtigkeit und des Gottesbeistands sogar verbindet. Viele Texte versuchen es jedoch gar nicht mit einer Argumentation, mit der sie von einem deutschen Sieg überzeugen wollen, sondern propagieren ihn schlicht mit euphorischem Beiklang. So hält es auch Walter Profft in seinem Gedicht „Dem Vaterland“, in welchem er schreibt: „Es jauchzt das Schwert in Deiner Hand,/Hurra! Du deutsches Vaterland,/Wir wollen und werden siegen!“257 Wie bereits erwähnt, geht der Überzeugung „Wir wollen und wir werden siegen!“ keinerlei logische Argumentation voraus, allein der Wille des Triumphs scheint hier als Argument ausreichend. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die bloße Wiederholung der Siegesgewissheit in der Vielzahl an affirmativer Kriegsliteratur dazu ausreichte, die Leser vom Triumph deutscher Truppen zu überzeugen. Zahlreiche Motive 252 Siehe Kapitel 3.1.4. 253 E.P.K.: Soldau und Lüttich. In: Coburger Zeitung, Nr. 185 (09.08.1914), S. 1. 254 Walther Sturm: Nun brandet der Krieg. In: Coburger Zeitung, Nr. 271 (18.11.1914), S. 4. 255 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 185. 256 Kuno: Kennt ihr uns nicht 1914, 1. August-Heft. 257 Walter Profft: Dem Vaterland. In: Zeitung für das Dillthal, 17.08.1914. 3.4. Siegesgewissheit 73 der Ideen von 1914 unterstützen dieses Vorhaben sicherlich dabei, indem sie die Überlegenheit deutscher Kultur oder die heroischen Tugenden der Soldaten hervorhoben, wodurch sich der Eindruck feindlicher Unterlegenheit und damit einhergehend die Überzeugung eines deutschen Sieges beim Leser einstellen musste. Die Funktion und Rolle der Frau Der Erste Weltkrieg ging als erster totaler Krieg in die Geschichte ein, da er die Beteiligung der gesamten Bevölkerung erforderte.258 Damit wurden auch die Frauen aktiv am Krieg beteiligt, weshalb auch sie als Motiv für die affirmative Literatur instrumentalisiert wurden. In diesem Kapitel soll nun gezeigt werden, auf welche Weise diese Inszenierung erfolgte. Entscheidend für die Art der Darstellung der Frau ist immer ihr Bezug zum Mann, da die Frau in der Kriegsliteratur in der Regel nicht selbstständig auftritt, sondern in ihrem Verhalten immer über die Zustände des Mannes und ihre Beziehung zu diesem definiert wird. So war auch ihre Wahrnehmung des Krieges meist nicht, wie bei den Männern, von Euphorie geprägt, er bedeutete „nicht Aufbruch in das große, feministische Abenteuer, sondern die Verpflichtung, angesichts der heroischen Taten der männlichen Bevölkerung ihren eigenen Teil zu leisten.“259 Dies bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch Frauen heroische Tugenden zugesprochen wurden. Vielmehr wurde auch für sie ein Tugendkatalog aufgestellt, durch den sich Frauen in Kriegszeiten auszeichneten. Diese Tugenden werden in Paul Bergs Novelle „Deutscher Frauen Heldensinn“ beschrieben. In seiner Geschichte geht es um eine junge Frau namens Marie, deren Mann auf einem Schiff Kriegsdienst 3.5. 258 Vgl. Helga Schreckenberger: Frauen an der Front. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen für weibliches Selbstverständnis. In: Krieg und Literatur, Bd. 12: Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und –deutung, hg. von Claudia Glunz, Thomas F. Schneider und Artur Pelka, Osnabrück 2006, S. 135-146, S. 135. 259 Schreckenberger: Frauen an der Front 2006, S. 139. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 74 leistet. Sie erhält jedoch keinerlei Neuigkeiten oder Briefe von ihm und macht sich dementsprechend große Sorgen. Doch anstatt zu trauern, wird ihr stets gesagt, sie solle „warten und schweigen.“260 Sie hält sich an diese Anweisung und zeigt, „tapfer ihrem Gott ergeben“261, keine Emotionen mehr. Nach einigen Wochen erhält sie schließlich die Nachricht, dass ihr Mann eine schwere Schlacht schwer verletzt überlebt habe und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Nach Erhalten dieser Nachricht heißt es über Marie: „Leuchtend floß es wie überirdische Kraft über ihr verhärmtes Gesicht. Und die Eltern konnten ihre Blicke nicht abwenden von der heldischen deutschen Seemannsfrau.“262 Die Tugenden des Wartens und Schweigens, verbunden mit dem Vertrauen auf Gott, werden in dieser Geschichte als die entscheidenden Kriterien für das Verhalten einer Frau in der Heimat aufgeführt. Erfüllt sie diese, so kann auch sie zu einer Heldin werden. Da auch beim Mann die Pflichterfüllung, die ebenfalls oftmals im Warten innerhalb des Schützengrabens besteht, sowie das Gottvertrauen zu heroischen Tugenden erhoben werden, überschneiden sich hier die Anforderungen an Mann und Frau im Krieg. Andere Texte ergänzen diese Tugenden noch, indem sie fordern: „Seid auch Ihr mutig, treu und fest und stark“263 oder eine Verbundenheit zu ihrem Mann postulieren, die auch den Tod der Frau erfordert, falls der Mann im Feld stirbt. Diese Vorstellungen stammen dabei nicht nur von Männern, sondern sind in diesem Fall den Texten von weiblichen Schriftstellerinnen entnommen. Die Forderung, dem Mann nach dem Tod ins Grab zu folgen, wurde in Annemarie von Aathulius in ihrem Gedicht „Abschied“ proklamiert.264 Diese Forderung verdeutlicht die starke Abhängigkeit der Frau vom Mann auch oder eher vor allem in Zeiten des Krieges. 260 Paul Berg: Deutscher Frauen Heldensinn. In: Bonner Zeitung, Nr. 288 (19.10.1914), S. 3. 261 Ebd. 262 Ebd. 263 Marie Runge: Aufruf an die deutschen Frauen. In: Oberhessische Zeitung, 05.08.1914. 264 „Und trifft eine falsche Kugel dein Herz/[…]/Dann wuchs auch für mich das kühlende Erz - / Du gingst mir im Tode voran!“. Annemarie von Aathulius: Abschied. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 453 (07.09.1914), S. 6. 3.5. Die Funktion und Rolle der Frau 75 Aus der anderen Perspektive, also aus der des Mannes, der von seiner Frau getrennt ist, wird die Sehnsucht nach der Geliebten nicht eindeutig bewertet. So gibt es Texte, die über die Soldaten schreiben: Doch läßt die Liebe er zu Haus, So bald es geht zum Streite, Und nur sein Haß der zieht hinaus, Mit ihm dann in die Weite.“265 In diesen Versen wird eine klare Hierarchie geschaffen. Der Soldat, beziehungsweise der Reiter, um den es im Gedicht geht, ist zwar seinem „Mägdelein“ in Liebe verbunden, doch zählt außerhalb der heimischen Sphäre nur der Hass gegenüber dem Feind. So heißt es auch später: „Das Vaterland gilt heut allein“. Die Sehnsucht nach der Frau kommt dabei nicht vor. Sie wird zwar als Geliebte dargestellt, diese Liebe kann jedoch nur in Zeiten des Friedens stattfinden. Dadurch wird jedoch gleichsam die Frau, oder vielmehr die Liebe zur Frau, als Symbol der Friedenszeit erhoben. Neben der Figur der Geliebten tritt die Frau vor allem als Mutter in der affirmativen Kriegsliteratur auf. Wie bereits in Kapitel 3.1.7 erwähnt, wurde über das angemessene Verhalten einer Mutter im Krieg durchaus diskutiert266. Diese Diskussion bestand darin, ob eine Frau über den Verlust beziehungsweise den Abschied des Sohnes klagen darf, oder ob man nicht stolz darauf sein muss, dass der Sohn für das Vaterland in den Krieg zieht. Doch selbst solche Texte, die der Mutter die Trauer zugestanden, forderten, dass diese im Stillen vollzogen werden sollte.267 Dabei wird die Trauer der Mutter häufig als Motiv der apologetischen Literatur genutzt, dabei jedoch in etwas Positives umgedeutet. Man wollte wohl den negativen Emotionen, die mit dem Krieg einhergingen, gleich entgegenwirken und dem Tod der verstorbenen Söhne einen Sinn geben. So heißt es auch in Julius Berstls Gedicht „Verlustliste“: …Eine Mutter weint. In ihrem Leid Scheint aller Schmerz der Welt vereint. Aber zutiefst im Augenlicht, 265 Wilhelm Schulz: Der deutsche Reiter. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 376. 266 Vgl. Fehlemann: Building Home 2014, S. 80. 267 Vgl. ebd., S. 81. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 76 Hinter Schleiern von Tränen, unendlich weit, Keimt doch ein Schimmer von Zuversicht.268 Die Trauer der Mutter wird also nicht negiert, sondern akzeptiert. Doch ihr wird Trost zugesprochen, der darin besteht, dass der Sohn „nicht umsonst vertan“, wie es weiter heißt, sondern sich für das Vaterland opferte, um diesem eine Zeit des Friedens zu bescheren.269 Andere Texte sprechen der Mutter dagegen das Recht zu klagen strikt ab. Einer von diesen ist das Gedicht „Deutscher Mütter Gebet zur Kriegszeit“, in dem es heißt: Doch mein Herz ist still und stark. Eine Mutter darf nicht klagen Wenn die Söhne alles wagen Für den Schutz der Landesmark.270 Der Autor, seines Zeichens katholischer Priester, weshalb das Gedicht wohl als ein Gebet betitelt wird, spricht hier aus der Rolle einer Mutter. Diese erkennt jedoch von sich aus, dass sie nicht weinen darf angesichts der Aufopferung ihrer Söhne, die ihr Leben „für den Schutz der Landesmark“ einsetzen. Sie ist sich bewusst, dass die Kinder nicht ihr gehören, sondern Gott: „Dein sind sie mit Leib und Leben“. Sie erbetet nicht einmal Schutz für ihre Kinder, stattdessen spricht sie: „Eines will ich nur erflehen:/Laß sie dort als Helden stehen“271. Der Heldenstatus der Söhne scheint wichtiger zu sein, als dass sie den Krieg überleben, oder aber das Verbot der Trauer geht soweit, dass es nicht einmal erlaubt ist, dafür zu beten, dass die Söhne überleben. Die Negierung der Trauer der Mutter wird hier also einmal in einem religiösen Diskurs begründet, da Gott die Söhne für seine Zwecke braucht und man sich diesem Willen nicht widersetzen darf. Andererseits eben auch wieder in einem nationalen Diskurs, in dem sich die Kinder für das Vaterland aufopfern, was sie zu Helden macht, also etwas nach zeitgenössischer Meinung durchweg Positives. 268 Julius Berstl: Verlustliste. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 596 (23.11.1914), S. 3. 269 Ebd. 270 Ludwig Nüdling: Deutscher Mütter Gebet zur Kriegszeit. In: Zeitung für das Dillthal, 17.08.1914. 271 Ebd. 3.5. Die Funktion und Rolle der Frau 77 Obgleich im Ersten Weltkrieg rund 92.000 Frauen als Krankenschwester im Dienste des deutschen Militärs standen272, tritt die Krankenschwester als Motiv nur vereinzelt in der Kriegsliteratur auf und wenn nur marginal. Selbst in affirmativen Texten, in denen das Lazarett als Handlungsort gewählt wurde, sind es die männlichen Ärzte, um die es geht. Dies zeigt, dass der Versuch der Frau, sich aktiv in der Domäne der Männer zu beweisen, zumindest gemessen an der Resonanz in zeitgenössischer Literatur, nicht von Erfolg gekrönt war. Sie blieben hauptsächlich in ihrer Rolle als still klagendes Opfer, welches daheim den Krieg nur passiv erlebt, beschränkt. 273 Dies liegt auch an der Hoffnung, dass die Frauen den Krieg als sowohl physisch aber vor allem auch psychisch unbeschadet überleben: „The idea that women would survive the violence of the war unharmed as ‚beautiful souls‘ at home was very appealing to members of both sexes.“274 Frauen sollten deshalb aus dem aktiven Kriegsgeschehen herausgehalten werden. Krieg und Kultur Vor dem Ersten Weltkrieg vertraten die meisten Schriftsteller die Meinung, dass von Militär durchzogene Kunst keinen Wert besitze. Die beiden Welten der strikten militärischen Ordnung und der ungebundenen Kunst schienen unvereinbar.275 Auch Hermann Bahr war vor dem Krieg dieser Meinung, wie er in einem Brief auch offen zugibt. In seinem „Gruß an Hofmannsthal“, welcher zu diesem Zeitpunkt im Dienst der Armee stand, schreibt er rückblickend auf gemeinsam verbrachte Zeit in der Vergangenheit: Sie holten mich gern abends ab und wir gingen zusammen und ich weiß noch, wie seltsam es mir oft war, wenn wir im Gespräch immer höher in die Höhe stiegen, über alle Höhen uns verstiegen, und dann mein Blick, zurückkehrend, 3.6. 272 Vgl. Schreckenberger: Frauen an der Front. 2006, S. 138. 273 Vgl. Grötzinger: Der Erste Weltkrieg im Widerhall des „Zeit-Echo“ (1914-1917) 1994, S. 179. 274 Fehlemann: Building Home 2014, S. 81. 275 Rothe: Schriftsteller und totalitäre Welt 1966, S. 22. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 78 wieder auf Ihre Uniform fiel: sie paßte nicht recht zu den gar nicht uniformen Gedanken.276 Diese Sichtweise hat sich aber mit Ausbruch des Krieges grundlegend geändert. Denn „jeder Deutsche, daheim oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. Das ist das ungeheure Glück dieses Augenblicks“277. Damit drückt Hermann Bahr aus, dass auch alle Dichter wieder die Uniform tragen und ihre Kunst nun einen militärischen Aspekt hat, was seiner Meinung nach ein Glück ist. Doch er geht noch weiter. Er wünscht sich, dass dieses Glück niemals aufhören möge, „dann wären wir am Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang und Meistersang, […], Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Beethoven und Wagner wären erfüllt.“278 Der dauerhafte Kriegszustand, welchen er als „Ziel des deutschen Wegs“ betitelt, scheint erst die Erfüllung der deutschen Kunst, repräsentiert durch die Aufzählung der prominentesten deutschen Künstler, zu vollbringen. Ebenso sieht Bahr den Krieg als eine Quelle der Inspiration, denn „es muß einem ja da doch schrecklich viel einfallen, nicht?“279 Damit wird der Krieg für Bahr zum Förderer der Kultur, die erst durch das Überstreifen der Uniform als Symbol des Militärs richtig gedeiht. Nicht nur Hermann Bahr, auch viele andere Künstler sahen den Krieg als eine „Quelle großartiger neuer ästhetischer Reize und neuer Anregungen zu künstlerischem Schaffen“280. Man wollte endlich etwas erleben, worüber es sich zu schreiben lohnte. Nicht wenige Künstler erhofften sich deshalb einen Ausweg aus einer persönlichen Schaffenskrise durch den Krieg, was man unter anderem bei Thomas Mann beobachten konnte.281 Dies lag unter anderem in den historischen Erfahrungen begründet, die man mit vergangenen Kriegen gemacht hatte. Auch im deutsch-französischen Krieg wurde der Konflikt als Förderer 276 Hermann Bahr: Gruß an Hofmannsthal. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 423 (21.08.1914), S. 2. 277 Ebd. 278 Ebd. 279 Ebd. 280 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 30. 281 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 35. 3.6. Krieg und Kultur 79 der Kultur wahrgenommen, welcher eine Erneuerung der Kultur vorantrieb. 282 Die Postulierung einer engen Verbindung zwischen Kultur und Militarismus war vor allem eine Reaktion auf ausländische Propaganda, die eben jenen Militarismus deutscher Schriftsteller und Wissenschaftler kritisierte. Dies führte zu einer Art Trotzreaktion, in welcher die Deutschen behaupteten, „Kultur und Wissenschaft könnten nur im Schutze starker Waffen blühen.“283 Bei dieser Argumentation steht also vor allem die Schutzfunktion des Militärs für die Kultur im Vordergrund, doch es erfüllt noch eine weitere Funktion. Das Militär kann die Kultur nämlich nicht nur schützen, sondern auch verbreiten, wovon, so war man überzeugt, ganz Europa profitieren würde.284 Deshalb ging man strikt davon aus, „daß nur ein starker Staat große Kunst und Kultur hervorbringen könne.“285 Diese Argumentation war überaus erfolgreich und diente dazu, die gebildete Schicht Deutschlands vom Krieg zu überzeugen.286 Kultur und Krieg bildeten nunmehr keinen Gegensatz, sondern bedingten einander und wurden gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung dominierte auch das Denken vieler apologetischer Schriftsteller. Die Vorstellung, dass jeder nun eine Uniform trägt, wie Hermann Bahr es formulierte, fand äußerst positiven Anklang bei ihnen. So sahen sich auch die Schriftsteller nunmehr als Soldaten, die ihren Militärdienst von der Heimat aus mit ihren eigenen Waffen ableisteten. Einer von diesen Autoren war Ludwig Nüdling, der in seinem Gedicht „Meine Feder – wird zur Lanze!“ schreibt: Gott, du gabst in meine Hände Nicht des Kriegers blutig Schwert! Doch vom Eisen, das sie schmieden Sei auch mir ein Stück beschieden! Ists zur Lanze viel zu klein Soll es meine Feder sein!287 282 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 174. 283 Münkler: Der Große Krieg 2013, S. 249. 284 Vgl. ebd., S. 251. 285 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 178. 286 Vgl. ebd. 287 Ludwig Nüdling: Meine Feder – werd zur Lanze! In: Fuldaer Zeitung, 22.08.1914. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 80 Hier wird genau dieser Aspekt des Militärdiensts eines Schriftstellers thematisiert. Dieser besitzt nämlich kein Schwert, will aber trotzdem seinen Teil zum Krieg beitragen. So erhält er eine Feder vom gleichen Eisen, was ein Hinweis auf den gleichen Ursprung von Militär und Kunst ist. Dabei ist das Stück Eisen für die Feder kleiner als das des Schwertes, was wiederum andeutet, dass die Bedeutung der Kunst der Bedeutung des Militärs untergeordnet ist, zumindest was den Kriegsdienst angeht. Das lyrische Ich will trotzdem mit seiner Feder etwas leisten, so heißt es weiter: Und die Feder will ich tauchen In mein kochend Herzensblut. Weil wir heute Worte brauchen Brennend heiß wie Feuersglut!288 Hier kommt nun ein neuer Aspekt zum Vorschein. Nicht nur die Kunst benötigt den Krieg, auch der Krieg benötigt die Kunst, beziehungsweise die Worte. Nüdling unterstreicht hier den Wert der Literatur für den Krieg, welcher vor allem in der „ideologischen Nützlichkeit“289 besteht. In diesem Sinne richtig eingesetzt, kann auch die „kleine Feder […] zur Lanze [werden]“, wie im Gedicht abschließend beschrieben. Somit wird auch der Dichter zum Soldat, dem eine entscheidende Rolle im Krieg zukommt. Diese Inszenierung des Schriftstellers als Krieger führt zudem dazu, dass er sich selbst die Kompetenz zuweist, über die Geschehnisse des Krieges als ein unmittelbar daran Beteiligter zu berichten und zu urteilen. Frieden Der Krieg wurde in der affirmativen Literatur euphorisch begrüßt und als Erneuer der Gesellschaft angesehen. Frieden bedeutete, zumindest laut dem zeitgenössischen Denken innerhalb des Deutschen Reiches, Stillstand und Niedergang.290 Dennoch erschien auch in der affirmativen Literatur der Frieden als Motiv bereits in den ersten Kriegswo- 3.7. 288 Ludwig Nüdling: Meine Feder – werd zur Lanze! In: Fuldaer Zeitung, 22.08.1914. 289 Rothe: Schriftsteller und totalitäre Welt 1966, S. 22. 290 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 172. 3.7. Frieden 81 chen. Dabei handelt es sich jedoch nicht, wie oftmals in der oppositionellen Literatur, um Friedensappelle oder um die Erschaffung einer „unpolitische[n], bewußt entpolitisierte[n] Friedensidylle“291 wie in der Literatur der letzten Kriegsmonate. Der Krieg wurde weiterhin positiv bewertet, jedoch mit der Vorstellung des Friedens als Ziel nach dem Krieg verknüpft. Als Beispiel dafür sei an dieser Stelle das Gedicht „Vaterlands-Frieden“ eines anonymen Autors aufgeführt. Dort heißt es: Japanesen, Belgier, Serben, Alle, alle müssen sterben, Von den deutsch-österreich’schen Hieben, Bis wir wieder uns’ren lieben Frieden in dem Vaterland!292 Auch hier wird der Frieden als erstrebenswertes Ziel nach dem Krieg angegeben, was durch die Formulierung des „lieben Frieden[s]“ erreicht wird. Damit widerspricht der Autor der zeitgenössischen Meinung, Frieden bedeute den kulturellen Niedergang eines Volkes. Doch um den Frieden zu erreichen, müssen zunächst die Feinde besiegt werden. Denn nur, wenn restlos jeder Feind des Landes bezwungen ist, was durch die Wiederholung des Wortes „alle“ besonders betont wird, kann Frieden herrschen. Der Frieden wird also als Anreiz zur Kriegszustimmung instrumentalisiert und als bewusst politisches Mittel genutzt. Gleichzeitig soll die Bereitschaft für einen langen Krieg, der möglicherweise bevorsteht, um restlos alle Feinde zu besiegen, gesteigert werden. Durch die Forderung nach dem Tod aller Feinde wird gleichsam der Krieg als Quelle eines möglichen dauerhaften Friedens stilisiert. Deutlicher tritt dieser Aspekt bei Margarete Zündorff hervor, die schreibt: „Noch einmal erfochten im bittern Streit,/Den jungen Frieden, für alle Zeit!“293 Obwohl dauerhafter Frieden „als vollkommen unmöglich, da er ja gegen die tragenden Gesetze der Natur verstoße“294 angesehen wurde, wird er hier vor Augen geführt. Der Krieg wird damit als eine Art letzter Entscheidungskampf stilisiert, für den 291 Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 113. 292 Anon.: „Vaterlands-Frieden“. In: Münchener Stadtanzeiger, Nr. 40 (03.10.1914), S. 1. 293 Margarete Zündorff: Ausmarsch der Landwehr. In: Oberhessische Zeitung, 09.09.1914. 294 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 1, S. 173. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 82 es noch einmal alle Kräfte zu mobilisieren gilt, um anschließend einen ewig währenden Frieden genießen zu können. Auch solche Formulierungen dürften dazu gedient haben, die Kriegs- und Opferbereitschaft des Volkes zu stärken. Man war sich also durchaus bewusst, dass im Volk der Wunsch nach Frieden besteht, trotz aller propagierter Begeisterung über den Ausbruch des Krieges und nutzte dieses Bedürfnis dazu, um den Krieg positiv als Ursprung eines möglicherweise dauerhaften Friedens deuten zu lassen. Der Sonderfall Weihnachten Das Weihnachtsfest wurde als Anlass zum Verfassen zahlreicher Gedichte genutzt. Dabei bildet dieses Motiv in der Topik der affirmativen Kriegsliteratur einen Sonderfall. Denn im Kontext dieser feierlichen Zeit, die nun zum ersten Mal im Ersten Weltkrieg auftrat, wurden die negativen Seiten des Krieges offen thematisiert. Sogar auf der Titelseite des Berliner Tageblatts prangert das Gedicht „Bethlehem 1914“, in dem die Rede von „Feldern voller Leichen“295 ist, zu denen der „süße Ruf zum Frieden“ nicht durchdringen kann. Eine derartige Formulierung ist in einem anderen Kontext aufgrund der Zensur nahezu undenkbar. Sie stammt von Gerhart Hauptmann, einem Dichter, der für seine patriotischen Dichtungen einen Monat später im Januar 1915 sogar den Roten Adlerorden verliehen bekam.296 Zur Weihnachtszeit schienen also auch durchweg affirmative Schriftsteller einen pazifistischen Ton anzuschlagen. Die Veröffentlichung des Gedichts in einer ansonsten hauptsächlich kriegsaffirmativen Zeitung an prominentester Stelle legt jedoch nahe, dass auch dieser Text, obgleich er keinen apologetischen Charakter aufweist, als nicht-oppositionell verstanden wurde. Dennoch tritt zu keiner anderen Zeit der ersten Kriegsmonate der Wunsch nach Frieden dermaßen in den Vordergrund wie in den Weihnachtsgedichten. Wie so oft wird auch die Sehnsucht nach Frieden jedoch nicht als unpolitischer Wunsch geäußert, denn der Frieden 3.8. 295 Gerhart Hauptmann: Bethlehem 1914. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 655 (25.12.1914), S. 1. 296 Gerhard Schildberg-Schroth: Szenen zur Kaiserzeit: Ansichten und Aussichten vom 19. zum 20. Jahrhundert, Münster 2002, S. 97. 3.8. Der Sonderfall Weihnachten 83 soll nicht um jeden Preis geschlossen werden. Besonders deutlich tritt dies bei A. Sellner in seinem Lied „Weihnacht 1914“ hervor. Auch dort werden zunächst die negativen Seiten des Krieges thematisiert, der Autor spricht von „Sorgen, Angst und Schmerzen“297, von denen die „Herzen bluten“. Anschließend wird auch aufgrund des Schreckens des Krieges der Frieden erbeten, jedoch nur auf eine einzige Weise: Ach Gott, vom Himmel sieh‘ darein Und laß Dich des erbarmen; Lösch‘ aus des Krieges Flammenschein, Entreiß uns Feindesarmen; Treib‘ ihre Heere hinter sich, Führ‘ uns, o Herr, zum vollen Sieg Und endlich auch zum Frieden!298 Der Frieden wird, auch im Kontext von Weihnachten, an den Sieg Deutschlands über die Feinde geknüpft. Es ist sogar die Rede vom „vollen Sieg“, was dafür spricht, dass nur ein absoluter Sieg zählt, was Kompromisse ausschließt. Die Bitte an Gott reicht dabei soweit, dass er aktiv ins Kriegsgeschehen eingreifen soll, damit Deutschland den Sieg davon trägt. Dabei erscheint der gewünschte Frieden als sehnsüchtig erwartet, was durch die Verwendung von „endlich“ im letzten Vers ausgedrückt wird. Bereits Ende 1914 erscheint hier eine Andeutung von Kriegsmüdigkeit aufzukommen, die wohl in der optimistischen Erwartung, man sei bereits Weihnachten 1914 nach einem siegreichen schnellen Feldzug wieder daheim, begründet liegt. Andere Autoren sehen in der Verkündung der frohen Botschaft sowie dem Bestehen des Krieges keinen Widerspruch. So schreibt Hermann Hesse sogar, dass die Geburt des Heilands der Christen erneut im Krieg stattfinden wird. Doch statt eines kleinen Kindes soll er in anderer Gestalt auftreten: Diesmal bist du nicht das blonde Kind In der Krippe mit den süßen Mienen. […] Diesmal bist du uns der Mann und Held, Dem der Sieg aus stillen Augen strahlte. Der sein Werk im Kampf mit einer Welt 297 A.Sellner: Weihnacht 1914. In: Coburger Zeitung, Nr. 302 (25.12.1914), S. 1. 298 Ebd. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 84 Ruhig mit dem eignen Blut bezahlte.299 Die Militarisierung der Gesellschaft macht in diesem Gedicht nicht einmal vor Jesus halt. Statt in der Gestalt eines Kindes tritt er als Idealbild des Mannes auf, sprich als heldenhafter Soldat. Als von Gott gesandter Sohn soll auch er den Sieg für Deutschland bringen, was durch das Strahlen aus seinen Augen gezeigt wird. Ebenso tritt das Motiv der Aufopferung auf, indem die Rede davon ist, dass der Heiland sein Werk „ruhig mit dem eignen Blut bezahlte.“ Das Opfer Jesu‘, welches er durch seinen Tod am Kreuz für die Sünden der Menschen vollbracht hat, wird in diesem Kontext mit dem Opfer eines Soldaten für sein Vaterland in Beziehung gesetzt. Denn wie Jesus kämpfen auch die Soldaten Deutschlands „mit einer Welt“ und bezahlen damit mit ihrem Blut, was sie zu einem richtigen „Mann und Held[en]“ macht. Die Formulierung mit „ruhig“ spricht dafür, dass dieser Preis auch bereitwillig gezahlt wird. Hier tritt eine enorm starke Verbindung des religiösen mit dem nationalen Diskurs auf, indem das religiöse Opfer Jesu‘ mit der Opferbereitschaft der Soldaten gleichgesetzt wird. Es wird also deutlich, dass Weihnachten dafür eingesetzt wird, um die Ideen von 1914 zu erneuern und zu bestärken. Dies trifft vor allem auf die Motive der Opfer- und Hilfsbereitschaft zu. Weihnachten soll die neu gewonnene Volkseinheit stärken, indem sich die Menschen gemäß dem christlichen Gesetz der Nächstenliebe untereinander helfen. Dazu werden vor allem die Kinder in dieser Zeit angehalten. So auch in „Wie Fritzchen in den Krieg zog!“, dem selbstgenannten „Kriegsund Weihnachtsmärchen“300 von Robert Misch. Dort heißt es über Weihnachten: Diesmal würde es jedoch anders werden als sonst. Es war Krieg; und die gro- ßen Leute sparten. […] Mit opferwilligem Herzen hatte er denn auch seine Sparbüchse ausgeleert für arme Kinder. Und wenn er von Weihnachten zu plappern anfing, sagte die Mutter gleich: ‚Diesmal gibt’s nichts. Höchstens Pfefferkuchen und Nüsse. Also gut – er war darauf gefaßt. Das waren die ‚Opfer‘, von denen Mutter immer sprach. Die mußten auch die kleinen Leute für den Krieg und das Vaterland bringen – das sah er wohl ein. 299 Hermann Hesse: Heilands Geburtstag. In: Simplicissimus 19 (1914), S. 500. 300 Robert Misch: Wie Fritzchen in den Krieg zog! In: Bonner Zeitung, Nr. 350 (20.12.1914), S. 6. 3.8. Der Sonderfall Weihnachten 85 Hier wird das Kind als Vorbild für die Opferbereitschaft des Volkes aufgezeigt. Nicht nur, dass es sich selbst in seinen Wünschen zu Weihnachten zügelt und für die Entbehrungen Verständnis zeigt, es gibt auch noch das, was es im Überschuss hat, an andere Kinder weiter. Damit wird der Leitgedanke, dass jeder im Volk seinen Teil zum Krieg beitragen kann, über das Motiv von Weihnachten mit der Instrumentalisierung von Kindern geäußert. Dass der Gedanke der Nächstenliebe sich nur auf Deutsche beschränkt, ändert sich jedoch auch im Zusammenhang mit Weihnachten nicht. So ist im gleichen Märchen die Rede davon, wie das kleine Kind, welches durch einen Zauber des Winterkönigs zu seinem Vater an die Front getragen wird, an dessen Seite seines Vaters einen Sturmangriff anführt. Anschließend marschieren sie gemeinsam durch ein brennendes Dorf, beobachten gefangene Russen und demütigen ihren Anführer, „denn wir sind die Sieger, und wir dürfen das.“301 Somit werden auch in diesem Text wieder negative Aspekte des Krieges thematisiert, die Grundintention bleibt jedoch affirmativ, indem sie diese Gräuel als Notwendigkeit oder als Recht des Siegers stilisieren. Das christliche Weihnachten wird somit zum politischen Instrument, dessen traditionelle Werte der Nächstenliebe und Erlösung für propagandistische Zwecke genutzt werden. Dennoch ist nicht zu verkennen, dass zur Weihnachtszeit auch in der affirmativen Literatur ernsthafte Rufe nach Frieden ertönten und der massenhafte Tod von Menschen nicht verschwiegen wird. 301 Misch: Wie Fritzchen in den Krieg zog! 1914, S. 6. 3. Topik der kriegsaffirmativen Literatur 86

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einer enormen Flut an Literatur. Überall im Deutschen Reich berichteten Schriftsteller von einer umfassenden Euphorie, die ihre Zeitgenossen 1914 ergriffen hatte. Doch nicht nur gestandene Autoren, sondern auch Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten veröffentlichten Texte, die ihre tiefsten Emotionen enthielten. Gerade diese vermeintlich dilettantischen Texte, sowohl von der Front als auch aus der Heimat, liefern einen ungefilterten Blick auf die Hoffnungen und Ängste in den ersten Wochen des Krieges.

Christoph Schlittenhardt bietet erstmals eine umfassende Analyse der Kriegsliteratur zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die sich nicht nur auf einzelne Zeitungen, Gattungen oder Stilrichtungen beschränkt. Aus ausgewählten Zeitungen wurden Hunderte literarische Texte von Kriegsbeginn bis Ende 1914 gesammelt, um die wichtigsten Motive dieser Zeit zu identifizieren und auf ihre Funktion hin zu analysieren. Dies ermöglicht nicht nur die Dokumentation einer Entwicklung von einer anfänglichen Euphorie bis hin zu einer Ernüchterung, die viel schneller eintritt, als es ein Blick in die kanonische Literatur vermuten lässt. Vielmehr tritt dadurch eine literarische Opposition hervor, die von Beginn an bestand und die Menschen über die wahren Schrecken des Krieges aufklären wollte.