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7. Fazit in:

Christoph Schlittenhardt

"Ganz Deutschland ruft Hurra", page 135 - 140

Zur literarischen Darstellung des Krieges in den Zeitungen und Zeitschriften von 1914

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4018-8, ISBN online: 978-3-8288-6773-4, https://doi.org/10.5771/9783828867734-135

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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Fazit Der Erste Weltkrieg wird heute als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“434 bezeichnet, da in ihm die Wurzeln des Zweiten Weltkriegs gesehen werden. Sein Verlauf resultierte in rund 21 Millionen Toten, von denen mehr als zwölf Millionen Zivilisten waren.435 Zu Beginn des Krieges waren für die einfache Bevölkerung jedoch weder das Resultat eines zweiten großen Krieges, noch die zeitliche Dimension und die damit verbundenen großen Opfer des Krieges abzusehen. Dieses Unwissen, welches stellenweise auch bloße Ignoranz war, führte zu einer Euphorie, die heute zumeist als „Hurra-Patriotismus“436 bezeichnet wird. Die Menschen versuchten dieser Euphorie Ausdruck zu verleihen, wofür sich die Literatur hervorragend eignete, da sie mit Hilfe dieses Mediums viele andere Menschen erreichen und somit ihre Gefühle teilen konnten. Der Großteil dieser Literatur wurde zwar von Laien verfasst, aber es fanden sich auch professionelle Dichter darunter, die sich dazu berufen fühlten, die Geschehnisse jener Zeit zu kommentieren. Dabei stellte sich heraus, dass keine Unterschiede beim Grad der Euphorie aufgrund geografischer Faktoren festgestellt werden konnten. Sowohl in kleinen regionalen als auch in überregionalen Zeitungen aus Großstädten bestand der Großteil der Literatur aus euphorischen Texten. Einzig bei dem Motiv der Wacht am Rhein lässt sich eine signifikante Diskrepanz der Nutzung eines Diskurses erkennen. Dabei wurde im Verlauf dieser Arbeit deutlich, dass die Literatur weit mehr Funktionen übernahm, als nur die Gefühle der Menschen in 7. 434 Herfried Münkler: Zerfall der Imperien. Wurzeln für den Zweiten Weltkrieg. In: Der Erste Weltkrieg. Geschichte einer Katastrophe, hg. von Annette Grossbongardt, Uwe Klussmann und Joachim Mohr, München 2014, S. 274-281, S. 274. 435 Vgl. Bridgewater: German poetry and the First World War 1971, S. 149. 436 Bettina Musall: Volk im Taumel. Die brüchige Euphorie bei Kriegsausbruch. In: Der Erste Weltkrieg. Geschichte einer Katastrophe, hg. von Annette Grossbongardt, Uwe Klussmann und Joachim Mohr, München 2014, S. 153. 135 Worte zu fassen. Vor allem zu Beginn des Ersten Weltkrieges verbanden die professionellen Schriftsteller den Ausbruch des Krieges mit der Hoffnung, eine neue Kunst erschaffen zu können, die den Menschen von seinen Verfehlungen reinigt und gleichsam den Künstler wieder in das gesellschaftliche Zentrum rückt. Die Künstler erkannten, dass die Literatur eine wichtige Bedeutung für den Krieg einnehmen konnte. Auch die deutsche Regierung erkannte dieses Potenzial und instrumentalisierte die Literatur gezielt als ein Träger ihrer Propaganda. Man rekrutierte Schriftsteller und befreite sie vom aktiven Kriegsdienst an der Front, damit diese von patriotischen Parolen geprägte Literatur verfassten, mit der die Bevölkerung beeinflusst werden sollte. Diese Parolen werden heute unter dem Sammelbegriff der „Ideen von 1914“ zusammengefasst. Die Untersuchung der Texte ergab, dass tatsächlich der Großteil der damaligen Literatur, sei sie nun von Laien oder von prominenten Autoren verfasst worden, aus Diskursen dieser Ideen bestand. Bei einigen dieser Diskurse stellte sich heraus, dass sie bereits vor dem Ersten Weltkrieg in der Literatur eine Rolle spielten, ihre Verwendung 1914 jedoch signifikant zunahm. Als gängigster Diskurs trat das Motiv einer Volkseinheit auf, welches die durch den Krieg neu erschaffene Einheit der Bevölkerung proklamierte. Entscheidend hierfür war die Argumentation des Verteidigungskrieges, um die Bedrohung von außen zu betonen und so den geschlossenen Rückhalt des Volkes zu sichern. Die Propagandafunktion der Literatur wiederum wird besonders deutlich durch den Diskurs des Heldenbegriffs, mit dem zugleich das Geschehen des Krieges glorifiziert wurde. Obgleich die tatsächliche Realität im Krieg anders aussah, schilderte dieser Diskurs das Bild eines Individuums, welches einen Unterschied im Kriegsgeschehen bewirken kann und somit zum Helden wird. Häufig ist allerdings auch die kollektive Bezeichnung der Soldaten als Helden. Mit der Erschaffung von Heldentypen wurde der Krieg nicht nur beschönigt, sondern es sollten auch Kriegsfreiwillige angeworben werden, die vor die Wahl gestellt wurden, entweder sich als Held für das Vaterland einzusetzen oder als Feigling in der Heimat zu verbleiben. Selbst der Tod wird in diesem Kontext als heldenvoll deklariert, wobei die Opferbereitschaft nicht nur bei den Soldaten, sondern auch in der Heimat mit Hilfe der Literatur gesteigert werden sollte. 7. Fazit 136 Es zeigte sich weiterhin, dass die Erschaffung von Feindbildern wesentliches Element der damaligen Literatur war, wobei die Bewertung der Feinde stark unterschiedlich war. Beeinflusst wurde diese unterschiedliche Gewichtung der Feinde vor allem vom Verlauf des Krieges, da Russland zu Beginn als Hauptaggressor angesehen und als solcher dargestellt wurde. Nachdem die Gefahr einer russischen Invasion jedoch zunächst gebannt wurde, rückte England als Hauptfeind in den Vordergrund. Anhand dieses Diskurses wurde zudem besonders deutlich, dass sich die Darstellung von einzelnen Diskursen, wie eben in diesem Fall die Darstellung und Erschaffung von Feindbildern, innerhalb weniger Wochen verändern konnte, was sich anhand der Bewertung Englands und Russlands in der affirmativen Heimatliteratur zeigte. Neben den Elementen des nationalen Diskurses traten vor allem Motive aus einem religiösen Diskurs auf. Allen voran wurde das Motiv des Gottvertrauens genutzt. Die damalige Literatur äußerte häufig die Überzeugung, dass Gott den Deutschen zur Seite steht, da sie keine Schuld am Krieg trifft. Für diesen Diskurs wird wiederum die Bedeutung der Überzeugung von Kriegsunschuld wichtig. Es zeigt sich also, dass die einzelnen Diskurse sich gegenseitig bedingen, zumal die Texte in der Regel mehrere Diskurse miteinander verbinden und damit verdeutlichen, dass es sich dabei um zusammenhängende Elemente der gleichen Kultur handelt.437 Ziel dieser Arbeit war es jedoch nicht nur die euphorische Kriegsliteratur auf die genutzten Diskurse hin zu analysieren, sondern auch den Textkorpus auf eine literarische Opposition hin zu untersuchen und damit die These einer umfassenden Euphorie, wie sie damals propagiert wurde, zu hinterfragen. Zwar zeigten sich bereits in der apologetischen Heimatliteratur negative Elemente, die jedoch vor allem zu speziellen Anlässen, wie dem Totensonntag oder vor allem Weihnachten, auftraten und trotz dieser Thematisierung noch eine positive Stellung gegenüber dem Krieg bezogen. Darüber hinaus fanden sich jedoch auch einige Texte, welche die negativen Elemente des Krieges in den Vordergrund und somit eine Topik der oppositionellen Literatur bereits zu Beginn des Krieges nachweisen. Andere Werke wiesen keine 437 Vgl. Baßler: Einleitung 2001, S. 14. 7. Fazit 137 eindeutige Bewertung des Krieges auf, waren jedoch keinesfalls von Euphorie geprägt und dienen somit ebenso dazu, der These einer umfassenden Freude über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu widersprechen. Auffallend bei der Analyse der oppositionellen Literatur ist, dass die Texte, die sich klar gegen den Krieg positionierten, oftmals die gleichen Diskurselemente nutzten wie diejenigen, die ihn euphorisch begrüßten. Lediglich die Darstellungsweise der Diskurse unterscheidet sich dabei. Vor allem der Tod, welcher in affirmativer Literatur als heldenhaftes Opfer inszeniert wird, wird aus einer anderen Perspektive gezeichnet, nämlich der des Individuums. Dabei konzentrierte man sich hauptsächlich auf den Schmerz der Hinterbliebenen, jedoch findet auch die Anonymität des Todes Verwendung. In seltenen Fällen kann die Thematisierung des Todes gar zum direkten Aufruf zum Widerstand gegen den Krieg führen. Die durch den Krieg verursachten Leiden der Menschen standen auch bei den anderen genutzten Motiven im Vordergrund. So berichten die Texte dieser Topik von der Angst und Ungewissheit der Soldaten sowie ihrer Angehörigen. Neben den psychischen werden auch die physischen Leiden der Menschen, die in affirmativen Texten beinahe gänzlich ignoriert werden, aufgeführt. Oftmals geschieht dies in Verbindung mit Naturmetaphern, die als Spiegel des Blutvergießens dienen. Der Frieden wird als Motiv seltener genutzt, tritt jedoch auch in Erscheinung. Während er in der affirmativen Literatur höchstens zu Weihnachten thematisiert wird und auch nur in Zusammenhang mit einem Sieg des Deutschen Reiches, knüpft man in der kriegskritischen Literatur keine Bedingungen an den Frieden. Für die Analyse der Kriegsliteratur aus dem Ersten Weltkrieg wurde strikt zwischen Heimat- und Frontliteratur unterschieden. Die Ergebnisse dieser Arbeit rechtfertigen diese Unterscheidung, da grundlegende Unterschiede in der Verwendung der Diskurse auftraten. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch die Umgehung der Zensur durch die Herausgabe eigener, von Soldaten gegründeten Schützengrabenzeitungen. In diesen konnte Literatur ungefiltert die Gefühle der Soldaten zum Ausdruck bringen, die sie auch wirklich beschäftigten. Hierbei tritt vor allem der Tod als Motiv in den Vordergrund. Zwar 7. Fazit 138 wird auch dieser in einigen Texten als Heldentod beschrieben, den man gerne auf sich nimmt, doch diese Werke stammten aus beaufsichtigten Armeezeitungen. In Feldpostbriefen oder in oppositionellen Künstlerzeitschriften wird der Tod dagegen als omnipräsentes Phänomen beschrieben, welches in einigen Fällen sogar als Erlösung angesehen wird. Auch andere, in der affirmativen Heimatliteratur tabuisierten Motive treten in der Frontliteratur auf. Darunter fallen Schilderungen von Verwundungen oder die Beschreibung von Kälte, Nässe oder Hunger. Diese Schilderungen sind dabei selbst in affirmativer Frontliteratur zu finden. Dies verdeutlicht, dass Frontliteratur einen höheren Grad an Realismus aufweist als die Heimatliteratur, bei denen die wenigsten Autoren Erfahrung mit der Realität eines Krieges hatten. Andere Elemente des nationalen Diskurses, wie das Heldentum oder die Opferbereitschaft, fehlen beinahe gänzlich in den Fronttexten. Präsent dagegen ist die Beschreibung des Feindes. Im Gegensatz zur patriotischen Heimatliteratur ist diese Beschreibung jedoch nicht von Hass geprägt, sondern der Feind wird als Mensch dargestellt, stellenweise sogar als Freund. Grund dafür ist wohl der direkte Kontakt der Soldaten mit ihren Gegenübern sowie der Austausch mit der heimatlichen Bevölkerung aus dem Feindesland. Die Untersuchung der Arbeit zeigt, dass die Kriegsliteratur des Ersten Weltkriegs sehr differenziert betrachtet werden muss. Die These einer umfassenden Euphorie konnte mit der Analyse der zeitgenössischen Literatur widerlegt werden. Vielmehr kann man von einer „brüchige[n] Euphorie beim Kriegsausbruch“ ausgehen, die „vor allem in den Metropolen, in Universitätskreisen und dem bürgerlich-nationalen, ja chauvinistischen Milieu [grassierte]“438. Dies unterstreicht die Bedeutung der Untersuchung auch nicht-kanonischer Literatur, welche auch die Gefühle von unbekannten Autoren widerspiegeln, die in prominenten Anthologien fehlen. Dadurch konnte gezeigt werden, dass es bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs sowohl in der Heimat als auch an der Front eine literarische Opposition gab. In ihrem publizierten Umfang liegt sie dabei jedoch weit hinter der affirmativen Literatur zurück. So kann man zwar von keiner umfassenden, jedoch von einer maßgeblichen Euphorie in der Kriegsliteratur zu Beginn des Ersten 438 Musall: Volk im Taumel 2014, S. 153. 7. Fazit 139 Weltkriegs sprechen, die zumeist aus den gleichen, von patriotischer Propaganda geprägten Diskursen bestand. 7. Fazit 140

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Zusammenfassung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einer enormen Flut an Literatur. Überall im Deutschen Reich berichteten Schriftsteller von einer umfassenden Euphorie, die ihre Zeitgenossen 1914 ergriffen hatte. Doch nicht nur gestandene Autoren, sondern auch Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten veröffentlichten Texte, die ihre tiefsten Emotionen enthielten. Gerade diese vermeintlich dilettantischen Texte, sowohl von der Front als auch aus der Heimat, liefern einen ungefilterten Blick auf die Hoffnungen und Ängste in den ersten Wochen des Krieges.

Christoph Schlittenhardt bietet erstmals eine umfassende Analyse der Kriegsliteratur zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die sich nicht nur auf einzelne Zeitungen, Gattungen oder Stilrichtungen beschränkt. Aus ausgewählten Zeitungen wurden Hunderte literarische Texte von Kriegsbeginn bis Ende 1914 gesammelt, um die wichtigsten Motive dieser Zeit zu identifizieren und auf ihre Funktion hin zu analysieren. Dies ermöglicht nicht nur die Dokumentation einer Entwicklung von einer anfänglichen Euphorie bis hin zu einer Ernüchterung, die viel schneller eintritt, als es ein Blick in die kanonische Literatur vermuten lässt. Vielmehr tritt dadurch eine literarische Opposition hervor, die von Beginn an bestand und die Menschen über die wahren Schrecken des Krieges aufklären wollte.