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6. Zur Funktion der Kriegsliteratur in:

Christoph Schlittenhardt

"Ganz Deutschland ruft Hurra", page 127 - 134

Zur literarischen Darstellung des Krieges in den Zeitungen und Zeitschriften von 1914

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4018-8, ISBN online: 978-3-8288-6773-4, https://doi.org/10.5771/9783828867734-127

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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Zur Funktion der Kriegsliteratur Politische Funktionen Die nach Kriegsausbruch aufkommende Literatur war nicht nur blo- ßer Ausdruck von den Gefühlen des jeweiligen Autors, sondern erfüllte auch bestimmte Funktionen. Die Rolle, die ihr zugewiesen wird, variiert jedoch stark und ist abhängig von der an der Entstehung und Verbreitung beteiligten Institution. Zunächst soll erläutert werden, welche Funktion die Kriegsliteratur für die an ihrer Förderung und Verbreitung beteiligten Einrichtungen übernahm. Die Politik sah in der Literatur vor allem ein wirksames Mittel der Propaganda, was vor allem im späteren Verlauf des Krieges notwendig wurde. So kam es den ganzen Krieg über zu einer engen Verbindung zwischen Propaganda und Literatur, über die die offiziellen Parolen der Regierung, meist bestehend aus den „Ideen von 1914“, an das Volk gebracht werden konnten.405 Dazu gehörten unter anderem die Förderung der Opferbereitschaft sowie der Bereitschaft zur Gewalt durch die Erschaffung von Feindbildern und den Rückhalt in der Bevölkerung zum Krieg mit der Überzeugung einer deutschen Unschuld zu sichern.406 Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg dieser Propaganda war der Faktor der Wiederholung. Die Rubriken der Zeitungen wurden jeden Tag mit hauptsächlich hochgradig affirmativer Literatur gefüllt, die sich durch die Verwendung der gleichen Diskurse auszeichnete. So waren die Leser täglich der literarischen Darstellung von Euphorie und Propagandafloskeln ausgesetzt und wurden durch diese indoktriniert. Zur Überwachung dieser vermittelten Propaganda wurden gezielt Einrichtungen etabliert, die speziell Massenmedien nutzten, wodurch 6. 6.1. 405 Vgl. Bridgewater: German poetry and the First World War 1971, S. 158. 406 Für die genauen Elemente der „Ideen von 1914“, die mit Hilfe der Literatur propagiert wurden, siehe Kapitel 3.1. 127 „die Kriegspropaganda damals ganz generell eine zuvor nie erreichte Intensität erlangte.“407 Eine dieser Einrichtungen war die Kriegspressestelle oder an der Front später auch die Feldpressestelle, die unter der Leitung des Schriftstellers Walter Bloem vor allem die Publizistik im Feld lenken sollte.408 Durch derartige Institutionen war es möglich, nicht nur Propaganda zu verbreiten, sondern auch die gesamte Literatur, die den Soldaten zur Verfügung stand, zu kontrollieren und damit ihr Meinungsbild zu lenken. Vor allem die Motivation und das Durchhaltevermögen der Soldaten sollte damit aufrecht erhalten werden, indem die propagandistische Literatur ihnen das Bild eines heroischen Kriegers vermittelte und von den Schrecken des Krieges ablenkte.409 Nicht nur Walter Bloem, auch andere Autoren wurden vom Militär für Rollen eingeteilt, in denen sie „Kriegstaten zu heroischen Erzählungen für die breite Öffentlichkeit“410 umdichteten. Dazu gehörten unter anderen auch Stefan Zweig, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke sowie Hugo von Hofmannsthal. Zweifellos profitierten die Autoren ebenfalls dadurch, da sie sich mit dem Schreiben von affirmativer Kriegsliteratur vom Kriegsdienst an der Front befreien lassen konnten. Eine weitere, wichtige Funktion der Kriegsliteratur bestand darin, dem Krieg einen Sinn zuzuweisen. Das Deutsche Reich war zwar durch ein Bündnis mit Österreich-Ungarn zum Kriegseintritt verpflichtet, dennoch herrschte im Volk eine Ungewissheit, weshalb die Deutschen aufgrund eines Konfliktes zwischen Serbien und Österreich-Ungarn zugleich gegen Nationen wie England, Frankreich und Russland in den Krieg ziehen mussten. Diesen Sinn wollten die Schriftsteller mit ihrer Literatur stiften.411 Dafür formulierten sie die aus ihrer Sicht wahren Hintergründe des Krieges und wollten die Leser von der Unschuld des Deutschen Reiches und der Gerechtigkeit sowie Notwendigkeit des Krieges überzeugen, womit sie ebenso eine Propagandafunktion übernahmen. Vor allem die Soldaten an der Front 407 Schnyder: Erlösung von der Medialität? 2014, S. 33. 408 Vgl. Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 48. 409 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 69. 410 Martin Neubauer: Zerstörung und Verstörung. Literarische Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg. In: Faszination und Schrecken des Krieges, hg. von Notger Slenczka, Leipzig 2015, S. 46-60, S. 48. 411 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 1. 6. Zur Funktion der Kriegsliteratur 128 brauchten zur Motivation dringend einen Grund, die Strapazen zu ertragen. Denn an der Front waren die Soldaten schnell überfordert von der Situation im Schützengraben und konnten die Beweggründe ihrer Befehle kaum erfassen. Die wenigsten von ihnen hatten bis dahin einen Krieg selbst mitbekommen und kannten nur die ebenfalls von affirmativer Literatur tradierten Bilder von Kabinettkriegen, „in denen prächtig ausstaffierte Soldaten unter flatternden Fahnen gegen den Feind vorstürmten“412. Nun erwartete sie jedoch eine unüberschaubare Situation, in denen die Soldaten nur einen Bruchteil des Kriegsgeschehens tatsächlich mitbekamen und die Auswirkungen ihrer Sturmangriffe nicht abschätzen konnten, womit ihnen ihre Taten mitunter als etwas Sinnloses erschienen. So wurde „der Erfahrung des Sinnlosen Sinn zu geben, dem in der Masse verschwundenen Einzelnen seine Individualität zurückzugeben und dabei dem veränderten Charakter des Krieges Rechnung zu tragen, […] nunmehr zur zentralen Zielsetzung der Kriegsliteratur des Ersten Weltkriegs.“413 Die Soldaten begrüßten wohl zumindest zu Beginn des Krieges diese übergeordnete Sinnstiftung durch die Literatur, die den Krieg als etwas Notwendiges darstellte, jedoch sind dafür nur wenige Belege vorhanden.414 An der Front diente die Literatur ebenfalls dem Zweck der Unterhaltung. Da der Frontalltag oftmals sehr monoton war, mussten die Soldaten beschäftigt und motiviert werden, um eine gute Moral der Truppen zu garantieren. Für die Beschäftigung der Soldaten eignete sich die Literatur hervorragend, da diese nicht nur unterhalten, sondern auch „belehren und die Kampf- und Durchhaltebereitschaft stärken“ konnte.415 Diese Aufgabe wurde vor allem von Schützengrabenund Armeezeitungen übernommen, wobei vor allem bei der Schützengrabenzeitung der Fokus verstärkt auf der Unterhaltung lag. Eine weitere Funktion der Kriegsliteratur wird deutlich, wenn man die publizistische Umgebung der Literatur näher betrachtet. Zwar erschien die meiste Kriegsliteratur in eigens dafür vorgesehenen Rubriken, dennoch steht sie in einem Sinnzusammenhang mit anderen Artikeln aus der Zeitung. Zumal es anhand der Fülle an Literatur auch im- 412 Flemming/Ulrich: Heimatfront 2014, S. 14. 413 Schneider: Zur deutschen Kriegsliteratur im Ersten Weltkrieg. S. 102. 414 Vgl. Konnte: Der Krieg in der Lyrik des Expressionismus 1981, S. 112. 415 Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 40. 6.1. Politische Funktionen 129 mer wieder vorkam, dass Texte direkt neben redaktionellen Artikeln veröffentlicht wurden. Die Auswahl der publizierten Literatur ist dabei nicht willkürlich oder nur an ihre stilistische Qualität gebunden. Ausschlaggebend erscheint vielmehr der Inhalt der Literatur, welcher in das thematische Konzept einer Ausgabe passen sollte. Damit nämlich konnte Literatur die Aussagen der Pressetexte unterstützen und tagesaktuelle Geschehnisse gedeutet werden. Zwar waren die redaktionellen Artikel einer Zeitung meist an sich schon affirmativ und patriotisch eingestellt, in der Literatur war die Vermittlung von Gefühlen jedoch einfacher. Damit wurde dem Leser sogleich impliziert, mit welchen Emotionen er auf ein Ereignis des Kriegsgeschehens reagieren sollte. Mit der Unterstützung von Artikeln durch Literatur konnten auch bestimmte Differenzen oder Aspekte betont werden, die ohne eine literarische Ergänzung nicht hervorgetreten wären. Als Beispiel dafür kann die Novelle „Lazarettbilder“ dienen. Die Novelle des Autors, der lediglich als „Prof. F. B.“416 angegeben wird, beschreibt die hervorragende Behandlung französischer Gefangener in einem deutschen Lazarett, deren Leben dort ein „Kriegsidyll“ ist. Auf der gleichen Seite befindet sich ein Artikel mit dem Titel „Schmächliche Behandlung Deutscher in England“, in dem es um die schlechte Versorgung deutscher Gefangener in England geht. Durch die Nebeneinanderstellung beider Texte wird hier ein Kontrast geschaffen, der verdeutlicht, dass die Behandlung Gefangener in Deutschland sich wesentlich von derjenigen in anderen Ländern unterscheidet. Dadurch wird die Großzügigkeit Deutschlands noch einmal besonders hervorgehoben und zugleich der Feind als barbarisch dargestellt. Eine weitere Propagandamaßnahme bestand in der „Reinigung der deutschen Sprache von fremden Elementen.“417 Die Redaktion der Zeitschrift Oberschlesien informierte gezielt in ihren Artikeln über die Umbenennung von Städten und Gebieten, die deutsche Namen bekommen sollten. Obgleich dieses Bestreben in der Literatur stellenweise belächelt wurde, vor allem in der Künstlerzeitschrift Simplicissimus, gibt es auch diverse Beiträge, die sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzen. So mahnt beispielsweise Friedrich Sigismund die ös- 416 Prof. F. B.: Lazarettbilder. In: Coburger Zeitung, Nr. 254 (29.10.1914), S. 2f. 417 Robert Rduch: Darstellung des Ersten Weltkriegs in der Monatsschrift Oberschlesien 2006, S. 120. 6. Zur Funktion der Kriegsliteratur 130 terreichischen Verbündeten an, die ihre Siege als „bravourös“ betiteln, obwohl dieses Wort eine „Mißgeburt“418 sei, die nicht einmal gänzlich französisch ist. Unabhängig von der Intention der Texte sind sie dennoch Zeuge von dem Bestreben der Sprachreinigung und halfen sicherlich, das Thema innerhalb der Bevölkerung populärer zu machen und somit voranzutreiben. Damit leistete die Kriegsliteratur auch hier einen wichtigen Beitrag für die Propaganda. Das Interesse der Autoren Die Schriftsteller verfolgten mit dem Verfassen affirmativer Texte ihre eigenen Ziele. Sie wollten dem Krieg nicht nur einen Sinn zuweisen, sondern nahmen den Krieg „als Quelle unmittelbaren Erlebens und gesteigerter Kreativität“419 zum Anlass für die Erschaffung einer neuen Kunst. Er sollte als eine Art Katharsis dienen, die die deutsche Kultur von allen fremdländischen Einflüssen reinigen und die eigene Kunst auf eine neue Ebene heben sollte.420 Vor allem expressionistische Künstler fühlten ein Aufbrechen alter Konventionen in der Kunst und den Ausbruch des Krieges als „neue Erlebnisquelle und kulturrevolutionäres Ereignis“421. Der Krieg wirkte wie die Realisierung der Gewaltphantasien aus expressionistischer Literatur der Vorkriegsjahre und sollte die noch junge künstlerische Strömung zur Vollendung führen. Diese neue und vollkommene Kunst sollte „ein sowohl gereiftes wie auch vergrößertes Publikum“422 hervorbringen. Auch ihr gesellschaftlicher Status sollte durch die neue Kunst verändert werden, „denn mit der Aussicht auf eine Erneuerung der Literatur im Krieg verbanden die Schriftsteller, die sich als intellektuelle Vorreiter verstanden, die Hoffnung, wieder zu geistigen Führern der Nation zu werden.“423 Dies ist auch ein Grund, warum viele Künstler, wie zum Bei- 6.2. 418 Friedrich Sigismund: Bravourös. In: Bonner Zeitung 345 (15.12.1914), S. 2. 419 Anz/Vogl: Nachwort 1982, S. 226. 420 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 130f. 421 Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 88. 422 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 25. 423 Bruendel: Nachdenken über das Ende 2015, S. 71. 6.2. Das Interesse der Autoren 131 spiel Thomas Mann, eine enge Verbindung zwischen Kunst und Krieg proklamierten. Die Künstler wollten sich mit dem Soldaten gleichsetzen, die immens hohes Ansehen in der damaligen Gesellschaft genossen und ebenfalls ihre alleinige Qualifikation zur Kommentierung und Deutung des Krieges unterstreichen, wodurch sie eine wichtige Funktion erfüllen würden.424 Mit der Erschaffung von Literatur erfüllten die Autoren der damaligen Zeit zudem eine kulturelle Funktion. Diese benennt Dr. Walzel in seinem Aufsatz „Kriegslieder“: „Dem Dichter ersteht die neidenswerte Aufgabe, Tausenden und Millionen ihr eigenes Fühlen in Worte umzusetzen, mit fester Hand zu prägen, was formlos, aber tiefdurchlebt in jedermanns Brust waltet: Die Ueberzeugung, wie ernst, aber auch wie groß die Zeit geworden ist.“425 Der Dichter besitzt also laut diesen Zeilen die Aufgabe, die Gefühle der Menschen jener Zeit zu Papier zu bringen, wodurch sie wiederum vor ihrer Vergänglichkeit bewahrt wurden. Denn die Werke der damaligen Autoren wurden in Anthologien gesammelt, was nicht nur einem ökonomischen Zweck diente, der nachfolgend noch erläutert wird, sondern auch als Gedächtnis für spätere Generationen fungierte. Obgleich sämtliche literarischen Texte unabhängig von ihrer Gattung oder Qualität „als Medien des kollektiven Gedächtnisses“426 dienen, wird diese Funktion in Bezug auf die Kriegsliteratur wohl aktiv gewünscht, was auch anhand zeitgenössischer Versuche der Katalogisierung der entstandenen Literatur deutlich wird. Die Autoren erreichen mit dem Schreiben ihrer Texte, dass ihre individuellen Erinnerungen „zu einem Element des kollektiven Gedächtnisses“427 werden, was wiederum die rückblickende Analyse dieses Gedächtnisses, wie sie zum Beispiel im Rahmen dieser Arbeit erfolgt, erst überhaupt ermöglicht. Wie eben bereits angedeutet, verbanden die Schriftsteller mit dem Verfassen ihrer Literatur nicht nur ideelle und kulturelle, sondern auch 424 Siehe dazu auch Kapitel 3.6. dieser Arbeit. 425 Dr. Walzel: Kriegslieder, in: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 449 (04.09.1914), S. 2. 426 Astrid Erll: Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses. In: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlagen und Anwendungsperspektiven, hg. von Astrid Erll und Ansgar Nünning, Berlin 2005, S. 249-276, S. 249. 427 Erll: Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses 2005, S. 251. 6. Zur Funktion der Kriegsliteratur 132 ökonomische Interessen. Kriegsaffirmative Werke waren von Anfang des Krieges an sehr begehrt und fanden ein breites Publikum. Eberhard Sauermann formuliert es treffend, indem er schreibt: „Der Krieg wurde als neuer Markt entdeckt“428, auf dem Künstler ihr Publikum schnell verlieren konnten, wenn sie dieses Ereignis unkommentiert lie- ßen. Umgekehrt konnten Schriftsteller innerhalb kürzester Zeit berühmt werden, sofern ihre Werke sich für die Propaganda als nützlich erwiesen. So erhielt im Januar 1915 eine Reihe von Dichtern den Roten Adlerorden verliehen, darunter unter anderem Schriftsteller wie Richard Dehmel oder Ernst Lissauer.429 Somit konnte affirmative Kriegsliteratur durchaus auch als Sprungbrett zu Ruhm und Reichtum dienen. Für diejenigen, die zwar am Krieg teilnehmen wollten, jedoch als untauglich klassifiziert wurden, diente die Produktion von Literatur außerdem als eine Art der Kompensation. Wie bereits in Kapitel 3.1.3. erwähnt, bedeutete die Untauglichkeit für die Kriegsteilnahme eine Schmach, die die Ehre der Männer zutiefst kränkte. Deshalb wollten diejenigen, die nicht direkt am Krieg teilnehmen konnten, zumindest ihren Beitrag zum Krieg leisten, indem sie den Krieg sprachlich unterstützten, um so „zur moralischen Aufrüstung vom Schreibtisch aus beizutragen“430. Eine andere Art der Kompensation bedeutete die Literatur für die Schriftsteller an der Front. Hier bot die Literatur nicht nur die Möglichkeit zur Ablenkung und zum Zeitvertreib, sondern auch zur Verarbeitung der Kriegsgeschehnisse. Dabei bestand „die Funktionalität der Erzählungen im Hinblick auf die psychologische Bewältigung darin, dass durch das Erzählen ‚Realität‘ auf eine Möglichkeitsebene heruntergebrochen und dadurch die Affektivität eines Erlebnisses gemildert werden kann.“431 Bei dieser Flucht vor der Realität bekommt die Literatur sogar eine therapeutische Rolle zugesprochen. Dass dies nicht langfristig funktionierte, belegen die Aussagen von Zeitzeugen432. Al- 428 Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 75. 429 Vgl. Schildberg-Schroth: Szenen zur Kaiserzeit 2002, S. 97. 430 Neubauer: Zerstörung und Verstörung. 2015, S. 49. 431 Löschnigg: „Ich habe kein Wort“ 2014, S. 36. 432 Vgl. dazu Löschnigg: „Ich habe kein Wort“ 2014, S. 36. 6.2. Das Interesse der Autoren 133 lerdings führte die Erschaffung von realistischer Literatur zumindest dazu, dass die Menschen in der Heimat von der wahren Situation an der Front erfuhren und darüber aufgeklärt wurden, dass das von offiziellen Pressestellen vermittelte Kriegsbild nicht unbedingt der Realität entsprach. Vor allem Feldpostbriefe übernahmen diese Funktion, sofern sie nicht von der Zensur erfasst wurden. Für oppositionelle Schriftsteller bot das Medium der Literatur die Möglichkeit, ihre Leser den Krieg aus einer anderen, nicht von Patriotismus geprägten Sicht darzustellen. Sie wollten durch das Aufzeigen der Gräuel im Krieg zum Widerstand oder zumindest zur Ernüchterung der Bevölkerung beitragen. Das größte Problem bestand jedoch darin, solche Literatur auch publizieren zu können. Obgleich diese Funktion der Literatur zu Beginn des Krieges noch vergleichsweise selten genutzt wurde, „konnte die maßgeblich von Dichtern und Künstlern getragene Opposition gegen den Krieg an Umfang und Resonanz gewinnen“ 433 je länger der Krieg dauerte. Somit erfüllte die oppositionelle Literatur eine wichtige Funktion als Sprachrohr des Widerstandes. 433 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 30. 6. Zur Funktion der Kriegsliteratur 134

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References

Zusammenfassung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einer enormen Flut an Literatur. Überall im Deutschen Reich berichteten Schriftsteller von einer umfassenden Euphorie, die ihre Zeitgenossen 1914 ergriffen hatte. Doch nicht nur gestandene Autoren, sondern auch Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten veröffentlichten Texte, die ihre tiefsten Emotionen enthielten. Gerade diese vermeintlich dilettantischen Texte, sowohl von der Front als auch aus der Heimat, liefern einen ungefilterten Blick auf die Hoffnungen und Ängste in den ersten Wochen des Krieges.

Christoph Schlittenhardt bietet erstmals eine umfassende Analyse der Kriegsliteratur zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die sich nicht nur auf einzelne Zeitungen, Gattungen oder Stilrichtungen beschränkt. Aus ausgewählten Zeitungen wurden Hunderte literarische Texte von Kriegsbeginn bis Ende 1914 gesammelt, um die wichtigsten Motive dieser Zeit zu identifizieren und auf ihre Funktion hin zu analysieren. Dies ermöglicht nicht nur die Dokumentation einer Entwicklung von einer anfänglichen Euphorie bis hin zu einer Ernüchterung, die viel schneller eintritt, als es ein Blick in die kanonische Literatur vermuten lässt. Vielmehr tritt dadurch eine literarische Opposition hervor, die von Beginn an bestand und die Menschen über die wahren Schrecken des Krieges aufklären wollte.