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5. Topik der Frontliteratur in:

Christoph Schlittenhardt

"Ganz Deutschland ruft Hurra", page 111 - 126

Zur literarischen Darstellung des Krieges in den Zeitungen und Zeitschriften von 1914

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4018-8, ISBN online: 978-3-8288-6773-4, https://doi.org/10.5771/9783828867734-111

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Germanistik, vol. 8

Tectum, Baden-Baden
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Topik der Frontliteratur Medien der Frontliteratur Im Ersten Weltkrieg war „erstmals in der Militärgeschichte eine beträchtliche Anzahl literarisch gebildeter Soldaten auf beiden Seiten der Front im Einsatz.“358 Dies führte zur Entstehung einer unüberschaubaren Menge an Frontliteratur, welche wie bei der Heimatliteratur auch zum größten Teil aus Lyrik bestand. Der Großteil dieser Frontliteratur entstand zwischen Herbst 1914 und 1915, danach nur noch vereinzelt, da die Autoren angesichts der zunehmenden Brutalität und Willkür des Krieges zusehends verstummten.359 Die Publikation fand hauptsächlich in Feldzeitungen statt, welche es zwar auch in vorherigen Kriegen gab, jedoch dort eher den Zweck von Informationsblättern übernahmen als tatsächlich Literatur von Soldaten zu publizieren. Insgesamt erschienen zwischen 1914 und 1918 insgesamt etwa 110 dieser Feldzeitungen, die sich im Hinblick auf ihre Auflage und Intention stark voneinander unterschieden. Allgemein differenziert man zwischen den Schützengrabenzeitungen und den Armeezeitungen. Die Schützengrabenzeitungen machten dabei wohl rund ein Fünftel aller Feldzeitungen aus.360 Ihr Kennzeichen bestand darin, dass sie nahe an der Front, wenn nicht sogar unmittelbar dort entstanden sind, was ihre Produktion meist sehr aufwendig und kompliziert machte. Die ersten Zeitungen wurden per Hand geschrieben. Erst mit fortlaufendem Bestehen der Zeitungen konnte man Druckerpressen nutzen, 5. 5.1. 358 Martin Löschnigg: „Ich habe kein Wort“. Betrachtungen zu einem Topos literarischer Texte über den Ersten Weltkrieg. In: Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie 10 (2014), S. 35-53, S. 42. 359 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 80. 360 Vgl. ebd., S. 69. 111 mit denen bis zu 1000 Kopien hergestellt werden konnten.361 Die Besonderheit der Schützengrabenzeitungen bestand darin, dass sie von den Soldaten selbst gegründet und herausgegeben wurden, wodurch ein regelmäßiges Erscheinen der Ausgaben äußerst schwierig war, da sie nicht von ihren eigentlichen Pflichten als Soldaten entbunden waren. Die erste Zeitung dieser Art entstand bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn, als am 14. September 1914 das erste Exemplar der Hohnacker Neuesten Nachrichten erschien.362 Der frühe Zeitpunkt verdeutlicht den starken Wunsch der Soldaten, ihre Erlebnisse auszudrücken und zu verarbeiten. So bestand wohl auch die Hauptintention der Schützengrabenzeitungen die „physische Belastung des Krieges für sich und andere zu kompensieren.“363 Anders als die Zeitungen in der Heimat waren die von Soldaten betreuten Zeitungen daher keine von Propaganda durchzogenen Blätter, sondern beschäftigten sich auf unzensierte Weise mit den Themen, die den Soldaten tatsächlich am Herzen lagen. Zumindest war dies möglich bis zur Errichtung der Feldpressestelle in der Mitte des Jahres 1916, welche die Leitung aller Feldzeitungen und damit auch deren thematische Betreuung übernahm.364 Davor gehörten auch die Probleme und Entbehrungen der Soldaten, denen sie ausgesetzt waren, zu den hauptsächlichen Motiven der dort publizierten Literatur. Damit sind gerade die Schützengrabenzeitungen eine wichtige Quelle für die Wahrnehmung des Krieges der unmittelbar daran Beteiligten. Aufgrund dieser Authentizität waren die Zeitungen wohl unter den Soldaten selbst sehr beliebt, obgleich der Leserkreis sich meist auf die eigene Kompanie beschränkte. Es kam nur selten vor, dass die Zeitungen darüber hinaus bis in die Heimat gelangten. Dies wurde nur ermöglicht, wenn die Themen der Ausgabe die gute Stimmung von Soldaten widerspiegelte, eine derartige Verbrei- 361 Vgl. Robert L. Nelson: Soldier Newspapers: A useful source in the social and cultural history of the First World War and beyond. In: War in History 17 (2010), H. 2, S. 167-191, S. 174. 362 Vgl. Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 29. 363 Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 30. 364 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 69. 5. Topik der Frontliteratur 112 tung war wohl jedoch von den Herausgebern der Zeitungen gar nicht erst erwünscht.365 Im Gegensatz zu den Schützengrabenzeitungen waren die Armeezeitungen meist wesentlich professioneller. Sie wurden auf Bestreben der Befehlshaber gegründet, um neben der Funktion der Unterhaltung auch die Moral und das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Soldaten zu stärken. Daher standen den Herausgebern weitaus professionellere Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sie eine Auflage von bis zu 110.000 Exemplaren herstellen konnten366. Schützengrabenzeitungen dagegen kamen auf eine Auflage von maximal 11.000 Exemplaren, wobei die Regel eher im niedrigen vierstelligen Bereich lag.367 Begünstigt wurde die Herstellung und Verbreitung großer Armeezeitungen auch dadurch, dass die Herausgeber meist Personen waren, die Erfahrung in diesem Bereich aufweisen konnten. Die Liller Kriegszeitung, welche zu den bekanntesten und größten Feldzeitungen gehörte368, wurde zum Beispiel von Paul Oskar Höcker betreut, einem bereits vor dem Ersten Weltkrieg erfolgreichen Schriftsteller.369 Die Mitarbeiter dieser Zeitungen waren auch von ihren Pflichten im Feld entbunden und konnten sich somit komplett auf die Produktion der Ausgaben konzentrieren, was ein regelmäßiges Erscheinen ermöglichte. Ebenso wurde diese Regelmäßigkeit dadurch begünstigt, dass die Zeitungen nicht direkt an der Front, sondern in einem sicheren Bereich dahinter entstanden. Dennoch vertraten auch die Armeezeitungen den Anspruch, die Soldaten zu vertreten. So waren auch die meisten Autoren der Beiträge Soldaten von eher niedrigem Rang.370 Allerdings waren die Armeezeitungen in ihrer Thematik nicht so unabhängig wie die Schützengrabenzeitungen, da sie hauptsächlich von Offizieren redaktionell betreut wurden, zu deren Aufgabe die Aufrechterhaltung der Moral der Soldaten gehörte. Deshalb wurden negative Beiträge auch vor der Errich- 365 Vgl. Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 34f. 366 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 72. 367 Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 36f. 368 Nelson: Soldier Newspapers 2010, S. 174. 369 Vgl. Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 43. 370 Vgl. Lipp: Meinungslenkung im Krieg 2003, S. 44. 5.1. Medien der Frontliteratur 113 tung der Feldpressestelle oftmals zensiert oder schlicht nicht abgedruckt. Somit waren auch die Armeezeitungen ein Instrument der zeitgenössischen Propaganda. Die hohe Auflage dieser Zeitungen zeigt jedoch, dass sie sich bei den Soldaten großer Beliebtheit erfreuten, da die Soldaten für ihren Bezug bezahlen mussten und es sich somit nicht nur um „propaganda leaflets printed on the cheap by the army then ‚thrown‘ en masse at uninterested soldiers who ignored such obvious tripe“371 handelte. Auch in der Heimat war Frontliteratur für die Leser verfügbar, vor allem in der Form der Feldpostbriefe. Diese unterlagen jedoch strenger Zensur, da sie in den Zeitungen der Heimat veröffentlicht wurden. So erfuhren die Leser in der Heimat meist nur von den positiven Dimensionen des Krieges. Die Briefe, die nicht veröffentlicht wurden, behandelten dagegen zumeist die Desillusionierung und Todesangst der Soldaten.372 Selten wurde auch Frontliteratur in den Zeitungen der Heimat publiziert. Dies geschah hauptsächlich in der Zeitschrift Die Aktion. In der ab dem Heft vom 24.10.1914 geschaffenen Rubrik „Verse vom Schlacht-Feld“, wurden, zumindest nach Ansicht des Herausgebers, „die ersten wertvollen Verse, die der Weltkrieg 1914 hervorgebracht hat“373 veröffentlicht. Ihr „Nachdruck, die Aufnahme in sogenannte ‚lyrische Kriegsflugblätter‘ oder ähnliche Kupletsammlungen, ist unter allen Umständen verboten“374. Die Intention dieser Rubrik lag nämlich darin, die Realität des Krieges aus der Sicht der Soldaten in seiner Grausamkeit aufzuzeigen und damit der heroischen Kriegsliteratur entgegen zu wirken. Darauf weist bereits der Titel der Rubrik hin, da die Trennung von „Schlacht-Feld“ das Wort „Schlacht“ besonders hervorgehoben wird, was einerseits den Aspekt des Kampfes hervorhebt, andererseits jedoch auch für das willkürliche Abschlachten im Krieg steht.375 371 Nelson: Soldier Newspapers 2010, S. 174. 372 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 66. 373 Franz Pfemfert: Dichtungen vom Schlacht-Feld. In: Die Aktion 4 (1914), S. 834 374 Ebd. 375 Bridgewater: German poetry and the First World War 1971, S. 170. 5. Topik der Frontliteratur 114 Elemente des nationalen Diskurses Auch in der Frontliteratur lassen sich die Elemente des nationalen Diskurses wiederfinden. Während diese in der Heimatliteratur den Großteil der Texte durchzogen, spielt der nationale Diskurs jedoch in der Frontliteratur eine untergeordnete Rolle und beschränkt sich auf wenige Motive. So ist das Motiv der nationalen Einheit, welcher in der Heimatliteratur mitunter zu den wichtigsten Themen gehörte, in der Frontliteratur kaum vorhanden. Ebenso verhält es sich mit dem Motiv des Helden. Das Individuum, welches einen entscheidenden Einfluss auf das Gefecht nehmen kann, ist eine Erscheinung der Heimatliteratur, die ebenso wie das Bild des „emotionslose[n] und unverwundbare[n] ‚Frontkämpfertypus‘ voll Standhaftigkeit und Pflichterfüllung“376 in der Frontliteratur kaum existent ist. Grund für die weitgehende Abwesenheit von den Motiven des Heldentums ist wohl die Diskrepanz zwischen diesen Forderungen und der Realität, die sich den Soldaten darbot. Man erkannte, dass das Individuum an der Front keinen Einfluss auf den Krieg nehmen konnte und war, mit seiner eigenen Todesangst konfrontiert, auch nicht dazu bereit, sein Leben leichtfertig zu opfern. Die glorifizierende Darstellung eines stählernen Helden war vorwiegend in der Heimat standhaft, wo dieses Bild, durch die Zensur geschützt, keine Widersprüche erfahren konnte. Ebenso spielt die Schuld am Kriege in der Frontliteratur, mit wenigen Ausnahmen, keine Rolle für die Soldaten. Die Ursachen des Krieges rückten wohl in den Hintergrund, wenn man tatsächlich darin involviert war und es nur noch darum ging, für das eigene Überleben zu sorgen. In diesem Kontext ist auch die vermehrte Nutzung nationaler Symbole zu sehen, die für den Soldaten an der Front wohl keine Rolle spielte, da das Motiv des Deutschtums mit all seinen Elementen, wie der Berufung auf nationale Autoritäten zum Beispiel, nicht zu finden ist. Einzig der Stolz auf die fortschrittliche Waffentechnik, ausgedrückt durch die Begeisterung 5.2. 376 Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 94. 5.2. Elemente des nationalen Diskurses 115 über die „dicke Bertha“377, kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Ihre Leistung wird in diversen Liedern besungen, so heißt es unter anderem von ihr: „Stehen und Isen freet ick,/Dicke Muern biet ick,/Grote Loecker riet ick,/Dusend Mann de smiet ick“378. Dabei waren die Soldaten jedoch unmittelbar von diesem Symbol betroffen, was seine Verwendung in der Frontliteratur erklärt. Anders als mit den bisher thematisierten Motiven des nationalen Diskurses verhält es sich mit dem Bild des Opfers. Texte, die die Opferbereitschaft der Soldaten betonen, existieren auch in der affirmativen Frontliteratur. Auch hier liest man davon, dass „ein jeder sein Leben,/ Sein Gut und Herz und Hand/Gern gibt“379. Die Inszenierung folgt dabei dem Muster der Heimatliteratur, indem das Opfer als Notwendigkeit für ein höheres Ziel dargestellt wird, welches patriotische Soldaten jedoch gerne in Kauf nehmen. Die Motive des (Helden-)Todes und der Feindbilder dagegen lassen sich in großem Umfang sowohl in der Heimat- als auch in der Frontliteratur wiederfinden. Ihre Inszenierung unterscheidet sich jedoch stark von den Texten aus der Heimat, was in den folgenden beiden Kapiteln dargestellt werden soll. Darstellung des Todes Der Tod ist das dominante Thema der Frontliteratur. In beinahe jedem zweiten Text der Frontliteratur tritt das Motiv des Todes auf, was unterstreicht, welch enorme Bedeutung dieses Thema für die Soldaten hat, die jedoch auch dazu gezwungen sind, sich ständig mit dem Tod auseinander zu setzen. Dabei wird der Tod selbst ambivalent bewertet, entweder er wird gefürchtet oder für ein höheres Ziel willkommen geheißen. Obwohl das Motiv der Aufopferung für das Vaterland häufiger zu finden ist, wird der Heldentod selbst allerdings deutlich seltener thematisiert. Nur rund ein Viertel der Frontliteratur, die sich mit dem 5.2.1. 377 Dabei handelte es sich um ein schweres Geschütz, welches unter anderem bei der Schlacht um Namur und Lüttich eingesetzt wurde. Vgl.: Epkenhans, Der Erste Weltkrieg 1914-1918 2015, S. 51. 378 Van Keken: 42cm! – De Brummer. In: Der Landsturm, Nr. 6 (29.11.1914), S. 3. 379 Dr. W: 1914. In: Der Landsturm, 29.11.1914. 5. Topik der Frontliteratur 116 Tod befasst, beschreibt ihn als „den schönsten Tod“380 oder ähnlich heroisch. Die bloße Möglichkeit des Todes im Sinne einer Aufopferung scheint für die Autoren also ein beliebteres Motiv gewesen zu ein als der tatsächlich erlittene Tod. Erscheinungsorte dieser affirmativen Frontliteratur sind dabei vor allem die Liller Kriegszeitung und Zeitungen aus der Heimat, alles Medien also, die bereits seit Beginn des Krieges der Zensur unterlagen oder von affirmativen Herausgebern geleitet wurden. Weitaus häufiger dagegen ist die Darstellung des Todes als ein allumfassendes Phänomen, dem der Soldat kaum etwas entgegen zu setzen hat. Diese Texte beschreiben den Kriegsalltag und detaillierte Kämpfe, die nicht mit heroischem Patriotismus verklärt werden. So ist die Rede von „Hügel[n] von Leichen“381, die sich vor den Soldaten aufstapeln. Anders als bei der oppositionellen Literatur wird der Tod dabei jedoch nicht bewertet, sondern sie konzentrieren sich auf unpolitische Weise auf die Emotionen der Soldaten im Angesicht des Todes. So beschreibt ein Soldat in einem Feldpostbrief eine Schlacht, in der es zum Nahkampf mit dem Feind kommt: „Die Belgier standen auf und hielten ihre Bajonette vor, da liefen wir vorwärts, und wie mein Gegner zum Stoß nach mir ausholte, rannte ich ihm meine Säge in die Brust. Von der Wucht des Stoßes fiel ich auf ihn, und ich fühlte sein warmes Blut. Da mußte ich heulen.“382 Der unmittelbare Kontakt mit der Gefahr des Todes führt hier nicht zu einem Rausch, sondern nur zur Trauer. Es wird jedoch kein expliziter Verbrüderungsgedanke geäußert, eine politische Bewertung des Ereignisses folgt nicht. Lediglich die emotionale Auswirkung der Konfrontation für den individuellen Soldaten wird thematisiert. Die Erfahrung des Todes kann jedoch auch auf das Kollektiv übertragen werden. Ein Autor, der dieses Element nutzt, ist August Stramm. Der avantgardistische Schriftsteller war zwar nicht von der Euphorie des Krieges betroffen, wollte jedoch seine Pflicht erfüllen und nahm von Beginn an am Krieg teil, was jedoch zu Gewissenspro- 380 Anon.: Aus einem Feldpostbrief. In: Coburger Zeitung, Nr. 280 (29.11.1914), S. 6. 381 T.R.: Die Kämpfe in Westflandern. In: Coburger Zeitung, Nr. 280 (29.11.1914), S. 5. 382 Anon.: Ein Feldbrief aus Lüttich. In: Bonner Zeitung, Nr. 280 (22.08.1914), S. 1. 5.2. Elemente des nationalen Diskurses 117 blemen führte.383 Der Konflikt zwischen Gewissen und Pflichterfüllung führt zu einer unpolitischen Betrachtung der Geschehnisse in seiner Lyrik. Entsprechend wird auch der Tod in seinem Gedicht „Schwermut“ beschrieben. Dort heißt es: Schreiten Streben Leben sehnt Schauern Stehen Blicke suchen Sterben wächst Das Kommen Schreit! Tief Stummen Wir.384 Die zunächst auffallende Kürze der Verse ist ein stilistisches Mittel, dessen sich Stramm gerne bedient. Der Autor will damit den beschleunigten Rhythmus des Krieges verdeutlichen, in dem die Kampfhandlungen in einem rasanten Tempo stattfinden, welches die Wahrnehmung des Individuums überfordert.385 Die fragmentierte Syntax ist wiederum ein Spiegel der Ereignisse an der Front, die für den Soldaten keine Zusammenhänge bilden und denen er willkürlich ausgeliefert ist.386 Den Tod stellt Stramm in seinem Gedicht als ein wachsendes, also sich verbreitendes Phänomen dar („Sterben wächst“), dem die Sehnsucht nach Leben gegenüber steht („Leben sehnt“). Das Kollektiv wird gegen Ende des Gedichts angesprochen, indem vom Verstummen des isoliert dastehenden „Wir“ die Rede ist. Die Isolation dieses Wortes ist ein Indiz dafür, wie allein gelassen sich die Soldaten im Kampfgeschehen fühlen, obgleich sie durchaus Kameraden um sich herum haben, die allerdings vielmehr Leidensgenossen sind als eine Trost spendende Gemeinschaft. Die Erweiterung der Individualität ist in Frontgedichten ein häufiges Mittel, welches der Verallgemeinerung der Erfahrung dient.387 Das Verstummen selbst wiederum ist ein Hinweis auf 383 Vgl. Rehage: „Wo sind Worte für das Erleben“ 2003, S. 163. 384 August Stramm: Schwermut. In: Der Sturm 5 (1914), S. 115. 385 Vgl. Rehage: „Wo sind Worte für das Erleben“ 2003, S. 181. 386 Vgl. Löschnigg: „Ich habe kein Wort“ 2014, S. 41. 387 Vgl. Sauermann: Der Schützengraben in der Lyrik des 20. Jahrhunderts und in der Realität des Kriegs 2005, S. 82. 5. Topik der Frontliteratur 118 die Unfähigkeit des Ausdrucks einer solchen Erfahrung, denn „die tradierte Sprache konnte die neuen Eindrücke und Erfahrungen der Frontsoldaten selbst ‚unter guten Kameraden‘ nicht mehr vermitteln.“388 Stramms Gedicht stellt damit verschiedene Probleme der Soldaten und ihren Tod als kollektive Erfahrung dar, dem der Einzelne beziehungsweise alle nur stumm entgegenblicken können. Der Tod wird dabei nicht gleichgültig hingenommen oder gar positiv bewertet, sondern gefürchtet, was einerseits durch das Wort „Schauern“ ausgedrückt und andererseits durch die Sehnsucht nach Leben noch zusätzlich unterstützt wird. Darstellung des Feindes Ebenso wie in der Heimatliteratur spielte auch die Darstellung des Feindes für die Frontliteratur eine große Rolle. Dies bezieht sich jedoch nur auf affirmative Frontliteratur. Texte, die den Krieg als etwas Negatives darstellen oder ihm keine eindeutige Bewertung zumessen, meiden größtenteils das Motiv des Feindes. Falls er doch erwähnt wird, so geschieht dies ohne Abwertung oder Diffamierung. Gleichzeitig wird jedoch auch keine Verbrüderung unter den Soldaten vollzogen, sondern höchstens eine Anerkennung als Leidensgenosse.389 In der Regel konzentrieren sich diese Texte jedoch auf das eigene Ich oder das kollektive Wir, bei dem der Feind ausgeblendet wird. Die affirmativen Texte dagegen sind weitaus mehr von der heimatlichen Propaganda durchzogen und orientieren sich an der dort erschaffenen Bewertung des Feindes. Entsprechend tritt vor allem England als Feindbild auf, das immer wieder als „Erzfeind“390 oder „alte Kraemerseele“391 bezeichnet wird. Der Grad der Diffamierung unterscheidet sich dabei nicht maßgeblich von dem der Heimatliteratur, so 5.2.2. 388 Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 109. 389 Vgl. ebd., S. 105. 390 Joseph Huggenberger: Wider England. In: Liller Kriegszeitung, Nr. 4 (21.12.1914), S. 1. 391 H. S.: Als die Briten frech geworden. In: Liller Kriegszeitung, Nr. 5 (27.12.1914), S. 6. 5.2. Elemente des nationalen Diskurses 119 sind auch in der Frontliteratur die Bezeichnung der Feinde als Tiere oder Unmenschen gern genutzte Mittel, um sie herabzuwürdigen. In der Frontliteratur tritt allerdings im Hinblick auf die Bewertung des Feindes ein neuer Aspekt hinzu. So kamen die Soldaten an der Front tatsächlich in Kontakt mit den feindlichen Soldaten, sei es durch Kampfhandlungen oder durch Gespräche mit Gefangenen. Dadurch konnten sie eine unabhängigere Bewertung von ihnen vornehmen, als es in der Heimat möglich war, wo vor allem die Phrasen einer staatlich koordinierten Propaganda das Bild des Feindes prägte. Dies wirkte sich vor allem auf die Wahrnehmung französischer Soldaten aus. Während die Franzosen bereits in den Texten der Heimatliteratur als Feinde eine untergeordnete Rolle spielen392, lässt sich auch in der Frontliteratur nur selten einen negativen Bezug auf sie finden. Ihre Beschreibung als „Erbfeind“393 lässt sich, wenn überhaupt, nur in den frühen Fronttexten finden. Mit zunehmender Kriegsdauer jedoch geschieht eine mitunter positive Umwertung der französischen Soldaten. Davon zeugt unter anderem die Novelle „Zwischen deutschen und franzoesischen Schuetzengraeben“, die in der Schützengrabenzeitung Der Landsturm erschien. Der Autor, welcher mit Dr. Wahn angegeben wird, schildert dort die Bergung einiger Verletzter noch während eines deutsch-französischen Gefechts. Dabei werden auch verletzte französische Soldaten gerettet, denen zunächst, ebenso wie den verletzten Deutschen, Schokolade und Zigaretten angeboten werden. Interessant ist hierbei bereits, dass keine Unterscheidung zwischen Franzosen und Deutschen gemacht werden. Die Franzosen werden jedoch als derart „anstaendig“394 beschrieben, dass sie die nette Geste ablehnen und fordern, dass die deutschen Sanitäter auch zuerst die deutschen Verletzten versorgen sollen. Nachdem letztlich alle Verwundeten versorgt sind, heißt es: „Dankbar lag nun Freund und Feind vereint beisammen“. In dieser Novelle werden die französischen Soldaten also durchaus als anständige Menschen dargestellt, obwohl sie wenige Momente vorher noch versucht hatten, einander zu töten. Zwar kann man in diesem Kontext noch nicht von einer Verbrüderung zwischen Freund 392 Siehe Kapitel 3.5.1. 393 Anon.: Heute bleiben wir nicht am Rheine stehn. In: Fuldaer Zeitung, 24.08.1914. 394 Dr. Wahn: Zwischen deutschen und franzoesischen Schuetzengraeben. In: Der Landsturm, Nr. 4 (01.11.1914), S. 2-3. 5. Topik der Frontliteratur 120 und Feind sprechen, da sie immer noch als Feinde bezeichnet werden, in ihrer Bedeutung als Mensch sind die feindlichen Soldaten jedoch den eigenen Kameraden gleich, da sie vollkommen gleichwertig behandelt werden. Ein Feldpostbrief eines nicht näher genannten Johanniters beschreibt eine ähnliche Verbindung zwischen deutschen und französischen Soldaten in der Bonner Zeitung, wodurch dieses Bild sogar bis in die Heimat vermittelt wird. Dort heißt es: Ein langer Zug mit Gefangenen kam an. Französische Infanteristen Kavalleristen und Araber als Algier in phantastischer Tracht. Sie hielten gute Kameradschaft mit den sie bewachenden Leuten und treulich an die Schulter eines unserer Soldaten gelehnt, studierte ein junger Franzose mit ihm gemeinsam ein Schriftstück. Friede im Kriege.395 Das gute Verhältnis zwischen französischen Gefangenen und deutschen Bewachern stellt eine große Besonderheit dar und ist in der affirmativen Heimatliteratur nahezu undenkbar. Der tatsächliche Kontakt mit den Soldaten ermöglicht jedoch eine neue Bewertung des Feindbildes und führt teilweise gar zu einem freundschaftlichen Verhältnis. Wobei die Authentizität solcher Feldpostbriefe nicht nachweisbar ist und derartige Ereignisse auch idealisiert gewesen sein konnten, gerade um die Beliebtheit der Deutschen im Ausland zu unterstreichen. Ähnlich sind auch die Schilderungen über den Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu bewerten. Durch die Fronterfahrung kamen die deutschen Soldaten nicht nur mit feindlichen Soldaten, sondern auch mit der gegnerischen Zivilbevölkerung in Berührung. Dabei wird ebenfalls oft ein freundschaftliches Verhältnis, zumindest bei der belgischen und französischen Bevölkerung, geschildert. So wird wiederum in einem Feldpostbrief beschrieben, wie ein belgischer Bildhauer „die Preußen mit Freudentränen“396 empfing, nachdem er zuvor unter der französischen Besatzung sehr gelitten hatte. Auch über die französische Bevölkerung schreibt der Verfasser dieses Briefes: „Als wir über die französische Grenze zogen, kamen uns oft lange Kolonnen Flüchtlinge entgegen, d.h. Einwohner, die vor den Franzosen 395 Anon.: Feldpostbrief eines Johanniters. In: Bonner Zeitung, Nr. 303 (03.11.1914), S. 3. 396 Anon.: „Wir Barbaren“. In: Coburger Zeitung, Nr. 226 (26.09.1914), S. 2. 5.2. Elemente des nationalen Diskurses 121 fortgelaufen waren und wieder in ihre Dörfer kamen, ‚da die Deutschen gar nicht so schlecht sind‘.“397 Auch hier ist die Authentizität der Begebenheit zwar fragwürdig, die Schilderung zeigt jedoch auf jeden Fall, dass die deutschen Soldaten selbst die Bevölkerung im Feindesland durchaus positiv wahrnehmen konnten und keine Diffamierung stattfand, wie es bei gegnerischen Truppen der Fall sein könnte. Über die Darstellung russischer Zivilbevölkerung und ihr Verhältnis zur deutschen Besatzungsarmee liegen keine Fronttexte vor. Dennoch lässt sich erkennen, dass die Wahrnehmung des Feindes in der affirmativen Frontliteratur differenzierter war als in der Heimatliteratur. Es wird ein positives Verhältnis zur Zivilbevölkerung beschrieben und sogar feindliche Soldaten werden nicht diffamiert, sondern als Leidensgenossen und gleichgestellte Menschen angesehen. Dies bezieht sich jedoch hauptsächlich auf Franzosen und Belgier. Über Engländer lassen sich auch in der Frontliteratur keinerlei positiven Verse oder Bezeichnungen finden. Dies mag einerseits mit der heimatlichen Propaganda, die sich schnell auf England als zentrales Feindbild konzentrierte, andererseits aber auch mit dem fehlenden Kontakt zur einheimischen Bevölkerung zusammenhängen. Die Diffamierung des Feindes fand dabei hauptsächlich in der Liller Kriegszeitung statt, also einer von den Eliten des Militärs kontrollierten Armeezeitung. Die Verteufelung des Feindes war dort sicher eher erwünscht als die Verbrüderung mit ihm, da dies eine Gefahr für die Moral und Bereitschaft der eigenen Soldaten darstellen konnte. So zeugen auch meist Feldpostbriefe oder Texte aus Schützengrabenzeitungen, die zu diesem Zeitpunkt keiner Zensur unterlagen, von einem freundschaftlichen Verhältnis, durch welches beinahe eine Friedensidylle erschaffen wird, wie es in dem Feldpostbrief des Johanniters der Fall ist. Schilderungen des Kriegsalltags Bereits in der oppositionellen Heimatliteratur werden die Strapazen, denen der Soldat im Feld ausgesetzt wird, als Mittel der Kritik genutzt. Sie sind auch vielfaches Thema in der Frontliteratur und treten vor al- 5.3. 397 Anon.: „Wir Barbaren“. In: Coburger Zeitung, Nr. 226 (26.09.1914), S. 2. 5. Topik der Frontliteratur 122 lem im Kontext des Kriegsalltags auf, den die Soldaten zu bewältigen haben. Alleine durch die Thematisierung des Kriegsalltags bilden diese Texte einen deutlichen Gegensatz zur heroischen Kriegsliteratur aus der Heimat, in der meist nur als Abenteuer dargestellte Gefechte beschrieben werden. Vielmehr wird in diesen Werken deutlich, dass der Alltag der Soldaten aus Wachdienst, Warten und Monotonie besteht. Die negativen Aspekte dieser Texte werden dort jedoch nicht beschrieben, um Kritik zu äußern, sondern lediglich um die Realität widerzuspiegeln.398 So sind Themen wie Hunger, Kälte und Nässe auch in affirmativen Fronttexten zu finden. Ein exemplarisches Werk dafür ist das Gedicht „Auf Warschau!“ von Hans Wendt, in welchem er schreibt: Wir zogen durch Polen kreuz und quer Und schwitzten Dreck aus den Poren. Wir haben die Nächte, im Arm das Gewehr, Im Felde durchwacht und durchfroren.399 Der Autor beschreibt in den Versen die Strapazen, die der Marsch der Soldaten nach sich zieht. So sind sie Müdigkeit, Kälte und Schmutz permanent ausgesetzt. Dennoch führt dies zu keiner negativen Bewertung des Krieges, da man sich des höheren Zieles bewusst ist. Dieses wird in den letzten beiden Versen des Gedichts beschrieben: „Gott segne dich, deutsches Vaterland,/Für dich war’s, was wir taten!“ Die Entbehrungen werden also anders als in der Heimatliteratur weder ignoriert noch negiert, sondern bewusst thematisiert. Die Opfer werden zum Wohle Deutschlands ertragen, wenn auch nicht euphorisch wie oftmals in der Heimatliteratur dargestellt, sondern mit ernstem Pflichtbewusstsein. Die Novelle „Landsturmdienst“ verzichtet gänzlich auf eine Bewertung der Entbehrungen. Sie thematisiert vordergründig die Aufgaben der Soldaten an der Front. Diese bestehen nicht aus dem Erstürmen von Schützengräben, sondern es gilt Kartoffeln zu schälen, Bäume zu fällen und Wache zu halten. Vor allem letzteres wird als äußerst strapaziös beschrieben, da die Soldaten nach „zweieinhalb Stunden strammen Marsches zum kargen Strohlager der Wache zurueck[keh- 398 Vgl. Fries: Die große Katharsis 1995, Bd. 2, S. 106. 399 Hans Wendt: Auf Warschau! In: Simplicissimus 19 (1914), S. 448. 5.3. Schilderungen des Kriegsalltags 123 ren], um nach wenigen Stunden der Ruhe aufs neue den ernsten Dienst zu tun.“400 Neben der Müdigkeit und der Anstrengung wird im Folgenden noch die Kälte beschrieben, der die Soldaten ausgesetzt sind. Dennoch lassen sich keine negativen Äußerungen über die Entbehrungen und die monotonen Pflichten finden. Auch hier steht erneut das Pflichtbewusstsein im Vordergrund, mit denen die Soldaten diszipliniert ihre Aufgaben nachkommen. Ganz anders wirkt die Darstellung der Entbehrungen in Wilhelm Klemms Gedichten, die er vorwiegend in der oppositionellen Zeitschrift Die Aktion veröffentlicht. Der expressionistische Lyriker wurde direkt zu Beginn des Krieges als Feldarzt in die Armee berufen und wurde von der allgemeinen Euphorie des Krieges erfasst. Bereits im September 1914 jedoch weicht die Euphorie dem Erschrecken über die Realität des Krieges. Diese Realität versucht er in seinen Gedichten zu verarbeiten, welche jedoch ebenfalls nicht kritisch eingestellt sind, da Klemm auch zu diesem Zeitpunkt noch patriotisch eingestellt war.401 In seinem Gedicht „Abend im Feld“ schreibt er: Jeden Abend in das nasse Zelt Kommt ein Offizier und erzählt, wer gefallen ist. Jeden hungrigen Abend, wenn wir frierend uns lang legen, Sind Tote unter uns, die morgen sterben.402 Schon in der ersten Strophe seines Gedichtes beschreibt Klemm nüchtern verschiedene Leiden der Soldaten. Dominant ist zunächst auch hier die Thematik des Todes, die durch die Wörter „gefallen“, „Tote“ und „sterben“ gleich dreimal vorkommt. Nicht nur werden hier die bereits Toten thematisiert, auch die Lebenden werden zu den Toten gezählt, einzig ihr Todeszeitpunkt ist noch nicht gekommen, der jedoch am kommenden Tage folgen wird. Weiterhin sind die Soldaten einer allumfassenden Nässe ausgesetzt, die in der zweiten Strophe noch einmal betont wird: „Und der Regen, der Regen rinnt unaufhörlich“403. Zusätzlich spüren die Soldaten auch Hunger und Kälte. Diese beiden Leiden werden im dritten Vers beschrieben, welcher eingerahmt wird von zwei Versen, die den Tod als Thema beinhalten. Damit wird ein 400 Singer: Landsturmdienst. In: Der Landsturm, Nr. 7 (25.12.1914), S. 3-4. 401 Rehage: „Wo sind Worte für das Erleben“ 2003, S. 214f. 402 Wilhelm Klemm: Abend im Feld. In: Die Aktion 4 (1914), S. 834f. 403 Klemm: Abend im Feld 1914, S. 834f. 5. Topik der Frontliteratur 124 Rahmen gebildet, der verdeutlicht, dass Hunger und Kälte auch Ursachen des Todes sein können. Während in der oben vorgestellten Novelle die Leiden noch nüchtern ertragen werden, führen sie bei Klemm zu purer Verzweiflung, welche in den letzten beiden Versen des Gedichts zum Ausdruck gebracht werden: „O du großer Gott, wie soll das endigen?/O du suchende Kugel, wann kommst du zu mir?“404. Neben den physischen Strapazen kommt hier noch die Angst und Ungewissheit hinzu, der der Soldat ausgesetzt wird. Dem Soldaten bleibt nichts anderes übrig, als sich an Gott zu wenden, da er seinem Schicksal auf der Welt anscheinend machtlos ausgeliefert ist. Zudem sieht das lyrische Ich auch für sich selbst den Tod bereits als sicher an. Die Kugel nämlich, die den Tod bringt, wird lediglich gefragt, wann sie kommt und nicht, ob sie überhaupt kommt. So erscheint nur der Zeitpunkt, nicht aber die Tatsache an sich als fraglich. 404 Klemm: Abend im Feld 1914, S. 834f. 5.3. Schilderungen des Kriegsalltags 125

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References

Zusammenfassung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einer enormen Flut an Literatur. Überall im Deutschen Reich berichteten Schriftsteller von einer umfassenden Euphorie, die ihre Zeitgenossen 1914 ergriffen hatte. Doch nicht nur gestandene Autoren, sondern auch Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten veröffentlichten Texte, die ihre tiefsten Emotionen enthielten. Gerade diese vermeintlich dilettantischen Texte, sowohl von der Front als auch aus der Heimat, liefern einen ungefilterten Blick auf die Hoffnungen und Ängste in den ersten Wochen des Krieges.

Christoph Schlittenhardt bietet erstmals eine umfassende Analyse der Kriegsliteratur zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die sich nicht nur auf einzelne Zeitungen, Gattungen oder Stilrichtungen beschränkt. Aus ausgewählten Zeitungen wurden Hunderte literarische Texte von Kriegsbeginn bis Ende 1914 gesammelt, um die wichtigsten Motive dieser Zeit zu identifizieren und auf ihre Funktion hin zu analysieren. Dies ermöglicht nicht nur die Dokumentation einer Entwicklung von einer anfänglichen Euphorie bis hin zu einer Ernüchterung, die viel schneller eintritt, als es ein Blick in die kanonische Literatur vermuten lässt. Vielmehr tritt dadurch eine literarische Opposition hervor, die von Beginn an bestand und die Menschen über die wahren Schrecken des Krieges aufklären wollte.