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Die politische Kultur Ungarns in:

Philipp Karl

Analyse der ungarischen Parteien Jobbik und Fidesz, page 51 - 70

Erklärungsansätze für ihren Aufschwung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4031-7, ISBN online: 978-3-8288-6771-0, https://doi.org/10.5771/9783828867710-51

Tectum, Baden-Baden
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Die politische Kultur Ungarns Nachdem der politische Rahmen und die Akteure dargestellt wurden gilt es nun, sich mit dem Fundament zu beschäftigen oder anders gesagt mit den tieferliegenden Gründen für die Ausgestaltung des ungarischen politischen Systems. Denn der hier vertretenen Auffassung nach bildet und entwickelt sich ein politisches System auf dem geistignormativen Fundament der politischen Kultur. Politische Kultur wird gemäß der Auffassung des Autors definiert als die Vielfalt von tradierten Werten, Normen und Institutionen die eine Gesellschaft prägen und in dem sich das politische System entwickelt hat. Hierbei ist vor allem auf generationenübergreifende Denkmuster sowie die Deutung und Interpretation von Sachverhalten und Symbolen abzustellen. Potentielle äußere Einflüsse auf die Entwicklung des politischen Systems werden in dieser Arbeit auf ihren Erklärungsgehalt für die Entwicklung der politischen Kultur nicht schwerpunktmäßig untersucht. Wobei diese vor allem bei Veränderungen der politischen Kultur wichtig sein können. Der hier vertretenen Auffassung nach ist die politische Kultur nur schwer und langsam änderbar, da sie generationen- übergreifend ist, aus tradierten Wertesystem und Denkmustern besteht und hochgradig selbstreferentiell ist. Selbstreferentiell bedeutet, dass sich politische Akteure und politische Systeme auf vorangegangene Ereignisse, Akteure und Systeme beziehen und diese oft auf das hier und heute zu übertragen versuchen oder zumindest versuchen die (konstruierte) Erinnerung und das Gedenken (auszu-) nutzen. Diese Arbeit wird somit nicht in erster Linie dem klassischen Ansatz der politischen Kulturforschung nach Almond, Verba, Pye und Inglehart133 und seinen Prämissen folgen. Im Gegensatz dazu wird ein ähnlicher Ansatz verfolgt, wie ihn Timmermann in ihrer Studie über Werte, 133 Vgl. Pickel, Susanne/ Pickel, Gert. Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden. Eine Einführung. VS Verlag. Wiesbaden. 2006 S. 49ff 51 Wandel und politische Kultur in den USA und Japan, verfolgt hat.134 Timmermann ist skeptisch gegenüber der Methode der Umfrageforschung, einem essentiellen Bestandteil des klassischen Ansatzes, da diese u. a. die Möglichkeit von Rückschlüssen von individuellen Mikro- Einschätzungen auf die Makro-Ebene zulässt. Timmermann bedient sich in Ihrer Studie Methoden und Annahmen aus der Symbolforschung und der Kulturanthropologie. Bezüglich der Symbolforschung stellt sie fest: „Während also die politischen Kulturempiriker (besonders Almond) zumindest eine analytische Trennung in gesellschaftlich-kulturellem und politischem Subsystem als wünschenswert erachten, allerdings die praktische Unmöglichkeit eingestehen müssen, gehen die Symbolforscher gerade von dem Gegenteil aus: der Untrennbarkeit von Politik und Kultur.“135 Timmermann bezieht sich auf Karl Rohe und dessen Trennung der politischen Kultur in zwei Subkategorien: der politischen „Soziokultur“ unter der undiskutierte Selbstverständlichkeiten zu fassen sind und die politische „Deutungskultur“, die hinterfragende kulturelle Dimensionen umfasst136. Für dieses Kapitel wird vor allem die Deutungskultur relevant sein und untersucht werden. Timmermann sieht als zentrale Aufgabe der politischen Kulturforschung die Rekonstruktion gemeinsamer Symbol- und Bewusstseinswelten.137 Aus der Kulturanthropologie übernimmt sie die Annahme, dass Gesellschaften von spezifischen Denkmustern geprägt sind, die wiederum prägend für das Wahrnehmungsvermögen der Individuen sind.138 „Klassifikationen, die auf diese Art gewonnen werden, graben sich bei entsprechend gelungener Versinnbildlichung in das Bewusstsein der Individuen ein, und prägen so die Soziokultur (nach dem Verständnis von Rohe). Die Aufgabe der Deutungskultur ist es, in dauerndem vermittelndem Austausch zwischen Soziokultur und prägenden Denkweisen zu wirken.“139 134 Timmermann, Martina. Die Macht kollektiver Denkmuster. Werte, Wandel und politische Kultur in den USA und Japan. Leske, Budrich, Opladen. 2000. 135 Timmermann. 2000. S. 35 136 Ibd.S. 36 137 Ibd. 138 Ibd. S. 39 139 Ibd. S. 40 Die politische Kultur Ungarns 52 Methodisch geht Timmermann so vor, dass sie erst die Untersuchungsländer auswählt, dann sind die historischen Denkmuster zu gesellschaftlichem Wandel zu erfassen, dann müssen elementare Begriffe, die in den Denkmustern auftauchen genauer untersucht und schlussendlich zeitgenössische Denkmuster zu Wandel erhoben werden. In dieser Arbeit wird die Methode anders sein, da es weder personell noch praktisch möglich ist entsprechende Daten herauszufinden und eine Zeitspanne wie in der Timmermannschen Studie abzudecken. Es wird jedoch versucht, ähnlich vorzugehen. Das zu untersuchende Land ist vorgegeben mit Ungarn. Das Ziel dieser Arbeit ist eine Analyse der Parteien Jobbik und Fidesz bzw. der Gründe für ihren derzeitigen Erfolg. Beide Parteien sind nicht älter als 20 Jahre, und die meisten ihrer Hauptakteure sind nicht älter als 50 Jahre. Doch ein Teil der jeweiligen Wählerschaft ist älter und es wird ja davon ausgegangen, dass die politische Kultur ein generationenübergreifendes Phänomen ist. Daher wird vermutet, dass die politische Kultur des Kádár-Systems die heutige politische Kultur Ungarns (und folglich auch Jobbik und Fidesz) geprägt hat. Es wird zwar davon ausgegangen, dass die Gesamtheit der politischen Kultur eines Landes aufgrund des generationenübergreifenden und selbstreferentiellen Charakters derselben nahezu kongruent mit der gesamten politischen Geschichte eines Landes ist, doch wird mit Hinblick auf die Forschungsfrage eine Beschränkung auf die Kádár und die Post-Kádár-Zeit bis heute vorgenommen. Aus der Kádár-Zeit gibt es nahezu kein Umfragematerial, mit dessen Hilfe man die Werte und Normen der Gesellschaft quantitativ erfassen könnte. Aus diesem Grund wird zum Teil analog zum Ansatz von Timmermann vorgegangen. Es wird besonders auf die Deutungskultur abgehoben, und zwar jene bezüglich prägender Ereignisse der jüngeren ungarischen Geschichte, die auch im heutigen Ungarn und der heutigen politischen Debatte von besonderer Bedeutung sind, namentlich die Revolutionen von 1848 und 1956 sowie der Vertrag von Trianon. Es wird untersucht, wie diese drei Ereignisse bzw. Symbole gedeutet und interpretiert bzw. benutzt wurden, und welche Rückschlüsse dies auf die politische Kultur Ungarns zulässt. Gestützt wird dieser Ansatz durch die Hypothese, dass das konstruierte Bild der ungarischen Nation die politische Kultur in Ungarn dominiert. Durch diese Wichtigkeit der ‚Nation‘ für die politische Kultur Ungarns kann vermutet Die politische Kultur Ungarns 53 werden, dass die ungarische politische Kultur ‚rechts‘ ist und dass die Erfolge und die Stärke von Jobbik und Fidesz zum Teil in der politischen Kultur begründet liegen. Desweiteren wird auf Faktoren der politischen Kultur, die diese Stärke begünstigen, eingegangen, ebenso werden potentielle Gegenargumente beleuchtet. Deutung und Interpretation historischer Ereignisse Interpretation der Revolution von 1848 Die Liberalen im Ungarn zur Habsburgerzeit hatten sich 1847 zur Opposition zusammengeschlossen und ein politisches Programm verabschiedet. Es ging in erster Linie um Bürger- und Freiheitsrechte. Am 15. März 1848 trug der Dichter Sándor Petöfi diese Punkte öffentlich vor. In den folgenden Tagen verabschiedete dann auch das ungarische Parlament einige Gesetze, die diese Forderungen zum Inhalt hatten. Den Habsburgern gefiel dies jedoch auf längere Sicht nicht und so erstickte 1849 eine österreichisch-russische Strafexpedition die Forderungen. Der 15. März wurde zu einem nationalen Feiertag. 1948 wurde unter der Rákosí-Regierung zum ersten Mal seit Einführung der Gedenkfeiern an die Revolution von 1848, der Feiertag gestrichen, dessen ungeachtet wurde er nach den Ereignissen von 1956 wieder eingeführt. Jedoch wurde er von offizieller Seite umgedeutet. Er wurde zum „Tag der Jugend“ uminterpretiert um den nationalen Charakter des Tages „nicht abzuschaffen, sondern zu kanalisieren.“140 Es wurde versucht, der Ausrufung der Räterepublik von 1919 zu Gedenken. Der 15. März blieb jedoch der inoffizielle Nationalfeiertag und so hatte Fidesz auch 1988 mit dem Antrag auf die Widereinführung als offiziellem Nationalfeiertag Erfolg. Auch Arato betont die Wichtigkeit des Gedenkens an 1848, welche von jedem ungarischen System seit 1867 (mit der oben genannten Ausnahme) aufrechterhalten wurde, obwohl zwar je- 140 Krause, Ellen. Nationalismus und demokratischer Neubeginn. Nationale Identität und postkommunistischer Transformationsprozess am Beispiel Ungarns. Ars una Verlag. Neuried. 1997 S. 163 Die politische Kultur Ungarns 54 weils uminterpretiert. Besonders auch für die kommunistischen Dissidenten war es ein entscheidendes Datum, betonte es doch in der mehrheitlichen Auffassung den ungarischen Freiheitskampf und den Widerstand gegen andere Mächte.141 Arato stellt fest, dass sowohl 1848 als auch 1956 „national struggles of liberation“142 waren. Beide wurden 1989 zur Delegitimation des Kádár-Regimes genutzt. Es lässt sich also festhalten, dass die Revolution von 1848 in der politischen Kultur Ungarns in der Kádár-Zeit definitiv eine wichtige Rolle gespielt hat. Zum einen wurde es als offizieller Feiertag genutzt – wenn auch umgedeutet. Zum anderen blieb es aufgrund der Ereignisse des Volksaufstandes von 1956 immer präsent, sonst hätte es 1989 nicht so schnell wiederbelebt werden können. Widerbelebt in dem Sinne, dass es auf den Massendemonstrationen ein widerkehrendes Motiv, Thema und Symbol war. In der Zeit nach 1989, also nach dem Systemwechsel, waren die Feierlichkeiten für den Nationalfeiertag, vor allem in den letzten Jahren während der MSZP-Regierung, eine Gelegenheit für Gegendemonstrationen bzw. Gegenveranstaltungen der „wahren Hüter der ungarischen Nation“ namentlich der Anhänger von Fidesz und dann Jobbik. Somit kann man also festhalten, dass die die Revolution von 1848 als Symbol und in Verbindung mit dem Gedenken an den Widerstand gegen eine Großmacht als Code fungierte und diese Art zu Denken, also dieses Denkmuster sich nicht fundamental änderte und damit als wichtiger Bestandteil der politischen Kultur Ungarns zu deuten ist. Die Umdeutungsversuche in der Kádár-Zeit waren, wenn überhaupt, nur teilweise erfolgreich und zwar bei jener Generation, die 1956 nicht aktiv erlebt hat und im Kádár-Regime sozialisiert. Nicht umsonst hatte die Fidesz bei den ersten Wahlen überproportional viele Wähler unter den Jung- und Erstwählern sowie bei der älteren Generation, die 1956 aktiv erlebt hatte. Auf jeden Fall spricht die Wichtigkeit des Symbols ‚1848‘ sowohl in der Kádár- als auch in der Post-Kádár-Zeit hatte, für 141 Vgl. Arato, Andrew. Revolution and restoration. On the origins of right-wing radical ideology in Hungary. In Bryant, Christopher G.A./Mokrzycki, Edmund. The new great transformation? Change and continuity in East-Central Europe. London/New York. Routledge. 1994. S. 106f 142 Ibd. Deutung und Interpretation historischer Ereignisse 55 die Wichtigkeit der konstruierten Nation in der politischen Kultur in Ungarn. Deutung des Vertrages von Trianon Die Erinnerung an den Vertrag von Trianon von 1919 bzw. die damit einhergehenden Erinnerungen an Gebietsverluste von zwei Drittel des Staatsterritoriums, eines Verlustes von einem Dritteln des Staatsgebiets sowie des Opfermythos143 der Ungarn, sind ein konstitutiver Bestandteil der heutigen Konservativen bzw. Rechten. Fahnen mit Großungarn als Motiv bei den berüchtigten Demonstrationen 2006 und 2007 sind ein Signal dafür. Vor allem aber die Diskurse führender Politiker sowie entsprechende Veranstaltungen bezüglich der Auslandsungarn in Siebenbürgen beispielsweise, sind ständige Beweise der Wichtigkeit der Folgen von Trianon für die heutige ungarische Gesellschaft. Nicht umsonst waren sowohl in der alten Verfassung als auch in der neuen Verfassung Verweise auf die Auslandsungarn sowie der Schutz ihrer Interessen bzw. der Schutz des Ungarntums ein substantieller Bestandteil. Während der Kádár-Zeit hingegen waren die Auslandsungarn und die Problematik der Grenzen eines der großen Tabu-Themen der öffentlichen Diskussion. So bemerkt Krause „Nach 1956 verschoben sich die Schwerpunkte und Tabus der Geschichtsschreibung. Die Horthy-Periode und die Jahre 1945-1948 (‚Die Befreiung‘) rückten in den Vordergrund, völlig aus dem Blickfeld geriet die Rákosi- Ära und `1956`. Außerdem fehlten in der zeitgeschichtlichen Forschung weiterhin die Nationalitätenproblematik nach dem ersten Weltkrieg.“144 143 Der Opfermythos ist in der ungarischen Geschichte und der nationalen Symbolik sehr präsent. Durchaus auch begründet, schließlich wurde Ungarn von Mongolen, Türken und später den Habsburgern besetzt. Natürlich ist es fraglich, inwiefern man das historische Ungarn in eine Linie mit dem heutigen stellen kann, da Ungarn die meiste Zeit seiner Geschichte ein Flickenteppich aus verschieden Sprachgruppen (von Nationalitäten sprach in dieser Zeit niemand) und Religionen gewesen ist. Das ethnisch und religiös weitestgehend homogene Ungarn ist erst ein Ergebnis des Vertrages von Trianon. 144 Krause. 1997. S. 168 Die politische Kultur Ungarns 56 Man konnte ja schwerlich offiziell in einer klassenlosen Gesellschaft den sozialistischen Bruderstaaten und Nachbarländern vorwerfen, dass dort Auslandsungarn leben. Das hätte der sozialistischen Ideologie diametral gegenübergestanden. Dementsprechend waren die Auslandsungarn eben eines der Tabuthemen im offiziellen Diskurs145. Natürlich war dies ein ständiger Spagat. Den abgesehen davon, dass die Erinnerung der älteren Semester an das Horthy-Regime und das Pfeilkreuzler-Regime, in welchen das „Diktat von Trianon“ ein wichtiges Thema gewesen ist, noch da gewesen sein dürfte, gab es noch andere praktische Gründe. Viele Ungarn hatten schließlich Verwandte in den Nachbarstaaten oder waren vielleicht selber ursprünglich aus einem dieser Staaten nach Ungarn geflüchtet. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es große ethnische Wanderungsbewegungen zwischen Ungarn und den Nachbarländern. Diese Erinnerungen konnten offiziell verschwiegen und unterdrückt werden. Aber ein Ungar dessen Wurzeln in Poszony (Bratislava), Kolosvár (Cluj) oder Temesvár (Timisoara) lagen, wird dies nicht vergessen haben. Somit war das Thema, wenn auch offiziell ein absolutes Tabuthema, nie verschwunden. Außerdem meint Krause, dass „diese […] lückenhafte Geschichtsversion wurde von der ungarischen Gesellschaft nicht als die eigene empfunden.“146 Und selbst zwischen den sozialistischen Bruderstaaten gab es schließlich Spannungen wegen der Behandlung der Minderheiten in den jeweiligen Ländern. Also kann man auch hierbei feststellen, dass dieses Problem konstitutiv sowohl für die Kádár-Zeit (mit der Diskrepanz zwischen der offiziellen Linie und den Erinnerungen der Bevölkerung), als auch für die Zeit danach gewesen ist. Wahrscheinlich ist es nicht zu gewagt zu behaupten, dass die offizielle Negation der Problematik in der Kádár-Zeit mit dazu geführt hat, dass Trianon im heutigen politischen Diskurs allgemein und insbesondere dem der Rechten überrepräsentiert ist. 145 Krause.1997 S. 156 146 Ibd. S. 181 Deutung und Interpretation historischer Ereignisse 57 Der Aufstand von 1956 Im Juli 1953 kam der Reformer Imre Nágy in Budapest mit Moskaus Unterstützung im Zuge der Entstalinisierung an die Macht. Er begann ein umfassendes Liberalisierungsprogramm, blieb jedoch nur bis 1955 im Amt. Den Hardlinern um den Stalinisten Rákosi gelang es, die Sowjetführung wiederum von sich zu überzeugen. Diese Überzeugung währte jedoch nicht lange und Nágy blieb in der innerkommunistischen Opposition. Im Juli 1956 wurde dann Rákosi endgültig aus der Regierung entfernt und der Altstalinist Ernö Gerö wurde Parteichef. Im Oktober spitzten sich die Ereignisse zu. Zunächst forderten Studenten die erneute Ernennung Nagys zum Ministerpräsidenten sowie den Abzug sowjetische Truppen. Am 23. Oktober versammelten sich dann die Menschen in Budapest, um für ihre Forderungen zu demonstrieren. Zunächst hatten sie auch Erfolg, aufgrund der Unentschlossenheit der Regierung und vor allem der Sowjets, denn Nagy wurde am nächsten Morgen zum Ministerpräsidenten ernannt. Nagy verkündete dann auch am 30. Oktober, dass er eine Parteienregierung bilden wolle. Am 1. November erklärte Nagy, dann sogar den de-facto-Austritt aus dem Warschauer Pakt, indem er Ungarn für neutral erklärte. Spätestens dies konnte die Sowjetunion nicht akzeptieren. Am 4. November griffen sowjetische Panzer Budapest an und am 7. wurde die neue Regierung unter János Kádar eingesetzt. In den Prozessen gegen die „Konterrevolutionäre“ wurden 1958 ausschließlich lange Haft- bzw. Todesstrafen verhängt. In der offiziellen Geschichtsschreibung der Kádár-Zeit wurde ‚1956‘ als Konterrevolution kapitalistischer Kräfte aus dem In- und Ausland angesehen. Erst 1989 wurde es von offizieller Seite als Volksaufstand akzeptiert. 1956 war das Schlüsselereignis für das Entstehen des Kádár-Regimes, und ähnlich wie bei Trianon, zog das Regime seine Legitimität aus der Negierung dessen mit einem ähnlichen Ergebnis. Das Symbol ‚1956‘ ist heute präsenter denn je und wird immerzu mit 1848 verglichen bzw. manchmal sogar gleichgesetzt. Hierbei kommt vor allem das Denkmuster, das Ungarn immer als Opfer von äußeren Mächten bzw., das ungarische Volk als in einem ständigen und immerwährenden bzw. wiederkehrenden Kampf um Selbstbestimmung gefangen sieht, zum Ausdruck. Ein Denkmuster, das für ra- Die politische Kultur Ungarns 58 dikale, revolutionäre Rechte konstitutiv ist, aber eben auch sehr präsent in den Köpfen vor allem jüngerer Ungarn heutzutage. Diese können die relative Passivität und Desinteressiertheit ihrer im Kádár-Regime sozialisierten Eltern nicht mehr nachvollziehen. Jedoch sind diese Denkmuster eben nicht nur für die jüngeren konstitutiv. Denn mit Gedanken an den ständigen Kampf um Selbstbestimmung geht der Gedanke an die ständige Fremdbestimmung einher – Fremdbestimmung, die zu Passivität und Resignation führen kann. Nicht umsonst sind nur wenige Ungarn politisch aktiv147 und die Wahlbeteiligungen sind auch relativ niedrig148. Es gibt einen recht großen Anteil an ständigen Nichtwählern. Diese Tatsache könnte man durch die Sozialisation im Kádár-Regime erklären – oder man könnte die Einfachheit, mit der die Menschen im Kádár-Regime apolitisiert149 wurden mit dem oben beschrieben determinativen Denkmustern beschreiben. Kurz gesagt, wenn Ungarn sowieso immer fremdbestimmt ist und ein ständiges Opfer, wieso sollte ich dann dagegen kämpfen und selber zu einem Opfer werden? Dies ist einer der Gründe, warum es im sozialistischen Ungarn zu einer stärker werdenden Individualisierung kam. Elemente der politischen Kultur Ungarns Eine historische Schwäche linker Ideen Die Linke in Ungarn hat sich in jüngster Vergangenheit stark selbst delegitimiert. Nicht nur im Zuge der Krisen der letzten Jahre, sondern auch aufgrund der Tatsache, die Nachfolgepartei der Regierungspartei des Kádár-Regimes zu sein und damit zwar für das Positive aber auch das Negative dieser Zeit exemplarisch zu stehen. Hinzu scheint allerdings zu kommen, dass die Linke in Ungarn nie besonders stark war oder zumindest linke Philosophien nie besonders populär150 waren. In 147 Machos, Csilla. 2003. S. 7-20 148 Bozóki, András/Simon, Eszter. 2008 S. 175 149 Dieringer, Jürgen. 2009. S. 53f u. 318 150 In der Zeit von 1949 bis 1989 waren Sie gezwungenermaßen populär. Vgl. Hanak, Tibor. Geschichte der Philosophie in Ungarn. Ein Grundriß. Schriften des ungarischen Instituts. München. 1990. Elemente der politischen Kultur Ungarns 59 der Zeit vor 1848 waren linke Ideen, beispielsweise der Frühsozialisten, wenn überhaupt, dann eher marginal in der ungarischen Geisteswelt vertreten151. Karl Marx wurde erst in der Zeit zwischen den Weltkriegen bekannt, prägte aber auch nicht sonderlich die ungarische Philosophie152. Somit waren weder Sozialdemokratie, Sozialismus noch Kommunismus populäre politische Ideologien. Das 133-tägige Intermezzo der Kommunisten unter Béla Kun änderte daran nichts, sondern bestätigt diese Feststellung eher. Allerdings entwickelte sich in dieser Zeit György Lukács zum bei weitem bedeutendsten ‚linken‘ Philosophen Ungarns153. Hingegen wurde er zunächst in der Rákósi-Ära und später erneut in der Kádár-Ära intellektuell kaltgestellt154. Die wichtigste linke Geistesgröße wurde also von der ‚Linken‘ delegitimiert. Es ist nicht verwunderlich, dass sowohl Fidesz als auch Jobbik von jungen Universitätsabsolventen bzw. von Studenten begründet wurde. Des Weiteren fehlen in Ungarn, ebenso wie in allen anderen ehemaligen Ostblockstaaten, die Elemente, die in Westeuropa unter dem Label der „Neuen Sozialen Bewegungen“ die Linke verändert haben und für das Aufkommen neuer linker Parteien gesorgt haben. Es gab weder einen Mai 1968, noch ein massives Aufkommen der Friedens-, der Öko- und insbesondere der Frauenrechtsbewegung. Wenn überhaupt gab es ähnliche Bewegungen in der geistigen Folge der Helsinki-Schlussakte, jedoch nicht in allen Bereichen. In Ungarn hat mit der Wahl 2010 zum ersten Mal überhaupt eine ökologisch angehauchte Partei den Sprung ins Parlament geschafft. Außerdem ist in Ungarn, nach Meinung des Autors, das Rollenverständnis zwischen Männern und Frauen anders als in westeuropäischen Staaten. Frauen sind durchaus gleichberechtigt in Bezug auf die generelle Möglichkeit der Ausübung eines Berufes, jedoch gibt es ein eher traditionelles Verständnis in Bezug auf häusliche Tätigkeiten. Linke Ideen sind also in Ungarn in vielerlei Hinsicht wenig populär, nicht in dem Ausmaße wie in anderen Staaten vorhanden oder auch einfach diskreditiert. Schlussendlich ist noch auf das ungarische Phänomen 151 Ibd. S. 51-75 152 Ibd. S. 99-168 153 Ibd. S. 179-219 154 Ibd. S. 188f bzw. S. 196f Die politische Kultur Ungarns 60 hinzuweisen, dass sich die ‚linke‘ MSZP in ökonomischer Hinsicht deutlich rechter verhält, also wirtschaftsliberaler, als die (mittlerweile) stärker Nationalstaats-interventionistische Fidesz. Antisemitismus und Antiziganismus In der sozialistischen Zeit gab es nahezu keine Beschäftigung mit dem Holocaust in Ungarn und nach 1956 wurde beispielsweise versucht das Rákosi-Regime mit Verweis auf den hohen Anteil jüdischer Beteiligter zu delegitimieren.155. Jedoch war dies nur innerparteilich der Fall in offiziellen Verlautbarungen kam nach 1956 der Antisemitismus während der Kádár-Zeit nicht vor.156 Antiziganismus war in der sozialistischen Gesellschaft in Ungarn offiziell nicht vorhanden, allerdings durchaus sehr präsent, wie Mihok in ihrer Studie zur Ethnostratifikation in Ungarn und Rumänien nachweist157. Die heute besonders von Jobbik aufgegriffenen und vertieften Themen der „Zigeunerkriminalität“, des Schmarotzertums der Sinti und Roma und der ethnischen Ungleichheit von ihnen waren auch schon im Ungarn der Kádár-Zeit äu- ßerst präsent. Zwar sind diejenigen, die heute als paramilitärische „Schutz-Truppe“ durch von Roma bewohnte Gebiete ziehen und dort Fackelzüge veranstalten, zumeist zu jung, als dass sie das Kádár-Regime erlebt hätten. Für ihre Eltern jedoch trifft dies nicht zu. Diese wurden unter Kádár sozialisiert. Ungarn hat auch einen recht großen Anteil an Roma in der Bevölkerung, die auch mehrheitlich aus eher sozial schwachen Familien kommen und überproportional den bildungsfernen Schichten angehören. Also gibt es reelle Probleme. Nichtsdestotrotz sind die Roma ungarische Staatsbürger und sollten den besonderen Schutz des Staates genießen. Bislang gab es auch speziell für ihre Belange einen Ombudsmann. Dieser wurde jedoch zugunsten eines einzigen Ombudsmannes für alle Minderheiten abgeschafft. In der ungarischen Gesellschaft sind Roma allerdings auch nur teilweise integriert. So bemängelt Amnesty International in jedem Jah- 155 Krause.1997 S. 76 156 Ibd. 157 Mihok, Brigitte. Ethnostratifikation im Sozialismus. Aufgezeigt an den Beispielländern Ungarn und Rumaenien. Peter Lang. 1990. Elemente der politischen Kultur Ungarns 61 resbericht von 2007 bis heute die fehlende Integration und die immer stärkende werdende Diskriminierung, sowie die steigende Zahl von Gewalttaten gegenüber Angehörigen der Roma-Minderheit. Teilweise ist die die Diskriminierung auch institutionell bedingt, gemäß dem Bericht von Amnesty International im Jahr 2008 gab es beispielsweise 170 Gemeinden in denen es separate Schulen für Roma gab158. Insbesondere die im Juni 2009 gerichtlich aufgelöste jedoch unter einem anderen Namen neu gegründete Ungarische Garde, war mit ihren Aufmärschen in vornehmlich ostungarischen Gemeinden medial sehr präsent auf dem Gebiet des Antiziganismus. Auch der Kommissar für Menschenrechte beim Europarat zeigte sich besorgt über den Anstieg des Roma-feindlichen Rechtsextremismus,159 ebenso wie die OSZE160. Das Vézer/Führer-Phänomen „Bis in die 80er Jahre war das Denken in Möglichkeiten erfolgreich untersagt worden – gewiss keine Schulung für die Konkurrenz politischer Ideen. Im Gegenteil, zusammen mit der durchgehend paternalistischen Struktur der ungarischen Gesellschaft verstärkte diese eingehende Formel die völlig passive Haltung des Einzelnen. Die Erwartung, dass der Weg gewiesen werde, nicht von einer streitenden Parteienvielfalt, sondern von einem starken Führer, konnte sich auf diese Weise festsetzen.“161 Im Zitat wird von der durchgehend paternalistischen Struktur der ungarischen Gesellschaft gesprochen. Dies ist ein Verweis auf die Tradition emphatischer Führerpersönlichkeiten in der ungarischen Geschichte. Ungarn war historisch zunächst teil der Donaumonarchie und hatte so vor dem ersten Weltkrieg einen König. Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg, kam es auch in Ungarn zu einem Wechsel des politischen Systems. Zunächst herrschte aller- 158 Jeweils in den Artikeln über Ungarn in den entsprechenden Amnesty-Jahresberichten 159 Ungarn in Amnesty International Jahresbericht 2009 160 Ungarn in Amnesty International Jahresbericht 2011 161 Krause. 1997. S. 178 Die politische Kultur Ungarns 62 dings Chaos vor162. Dieses Chaos konnte jedoch insbesondere von Miklós Horthy mit seiner „Nationalen Armee“ beendet werden. In der folgenden Konsolidierungsphase stand „[…] die ‚Königsfrage‘ […] im Mittelpunkt der Parlamentsarbeit.163“ Es gab einen Konsens darüber, dass die Monarchie grundsätzlich fortbestehen sollte, die genau Art und Weise dieses Fortbestehens war jedoch strittig164. Somit wurde als Kompromiss das Amt des Reichsverwesers geschaffen, welches Horthy übernahm. Laut Hoensch ist das Regime Horthys nicht als faschistisch und demagogisch, jedoch als antiliberal und konservativ-autoritär u bezeichnen.165 Horthy war ein über allem Schwebender „pater patriae“ der den Anschein erwecken konnte über dem Parteiensystem zu stehen und die Kontinuität mit der historischen ungarischen Monarchie seit Stephan im Jahre 1000 verkörperte. Dazu merkt Hoensch an: „Der Kult um die heilige Stephanskrone […], zeugten von dem Wunsch, sich mit der großen historischen Vergangenheit des untergegangenen Königreiches zu identifizieren und der ungeliebten Gegenwart zu entfliehen.166“ Dieses Zitat ist nahezu eins zu eins auf die heutige Situation übertragbar. Heutzutage gibt es ebenfalls eine Art Kult um die Stephanskrone, die als Nationalsymbol nicht nur auf Münzen, im Staatswappen und in der neuen Verfassung präsent ist, sondern ein wichtiges identitätsstiftendes Merkmal der Rechten in Ungarn ist. Nicht umsonst ist das Szent Korona Rádió (Heilige Krone Radio) ein wichtiges Medium der Rechten.167 Ebenso wichtig für die rechtsradikalen Gruppierungen ist die Einbeziehung von Árpád, des historisch ersten bekannten „Vezérs“ Ungarns, in ihr Gedankengut168. Bei Demonstrationen und Aufmär- 162 Hoensch, Jörg K.. Geschichte Ungarns 1867-1983. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart. Berlin. Köln. Mainz. 1984. S. 100 163 Ibd. S. 101 164 Ibd. S. 102 165 Ibd, S. 114 166 Ibd. S. 116 167 Vgl. dazu die Jobbik-Seite bei Facebook (abgerufen am 10.07.2011). Bayer weist auch auf die Wichtigkeit diesen Aspekt hin. Bayer, Jószef. Country Report Hungary in Strategies for combating Right-wing extremism in Europe. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh. 2009. S. 300-303 168 Vgl. Bayer. 2009. S. 303 Elemente der politischen Kultur Ungarns 63 schen Rechter, wie auch in Gyöngyöspatá sieht man dementsprechend auch sogenannte Árpádflaggen. Neben Hórthy war auch der Antisemit Gyula Gömbös eine wichtige Figur der Rechten. Er wollte ein „faschistisches Groß-Ungarn169“ schaffen und propagierte das Einparteiensystem und den Führerstaat. Dass er damit damals nicht alleine stand, zeigt das Wahlergebnis von 1935 als seine Partei mehr als 40 % der Stimmen erreichen konnte, obgleich die Wahl demokratischen Maßstäben aufgrund von Manipulationen und Einschüchterungen nicht standhalten konnte. Ausgangspunkt dieses Unterkapitels war ein Zitat über die paternalistische Struktur der ungarischen Gesellschaft bzw. über János Kádár, der sich als Führer gerierte. Fejtö führt dazu an, dass Kádár sich als Vater der Nation verstand, um so historische Legitimität zu gewinnen170. Er hatte beispielsweise den Königspalast in Budapest neu erbauen lassen171. Dazu auch Krause: „Völgyes (1989) kommt in seinen Studien zur politischen Kultur zum Ergebniss das die UngarInnen keine positive emotionale Bindung zu ihrem System entwickelten. Der Versuch die emotionale Lücke zu füllen, ist nicht gelungen. Die einzige Ausnahme bildete die Führungsfigur Kádár. […] er wurde allerdings nicht als Teil des Systems wahrgenommen […] er war eher mediatisierender Vater.“172 Krause sieht auch die „[…] personenzentrierte Vorstellung von Politik [als] gängiges Denkmuster der Ungarn“.173 In der ungarischen Gesellschaft nach dem Systemwechsel, zeigt sich das Fortbestehen dieser Tendenzen, Denkmuster und Strukturen. Die zunehmende Personalisierung ist zum einen eine Konsequenz dessen, zum anderen resultiert sie aus dem Wahlsystem und dem Charakter von Orbán und Gyurscány. Man kann also konstatieren, dass das Vezér/Führer-Phänomen und die dem zugrundeliegenden Denkmuster zur derzeitigen Stärkung der Rechten beigetragen haben. 169 Hoensch. 1984. S. 126 170 Fejtö, Francois. La fin des démocraties populaires. Les chemins du post-communisme. Editions du Seuil. Paris.1992. S .67 171 Ibd. 172 Krause. 1997. 173 Ibd. S. 140 Die politische Kultur Ungarns 64 Weitere Erklärungsmöglichkeiten für das Erstarken der Rechten Die wirtschaftliche Misere Es gibt auch Argumente gegen die Hypothese des Autors die besagt, dass der aktuelle Aufschwung der Rechten in Ungarn in der politischen Kultur begründet liegt. Zu sprechen wäre in diesem Zusammenhang zuerst von der These, dass die wirtschaftliche Lage zum Aufschwung der Rechten geführt hat. Dies impliziert, dass allgemein in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Menschen sich eher den Extremen zuwenden und dass die Wählerschaft der Rechten eher aus Transitions- bzw. Globalisierungsverlierern besteht. Dafür spricht, dass besonders in schwierigen Zeiten die Menschen nach Sündenböcken suchen. Hierbei ist zuvorderst an die Jobbik zu denken, welche von den Roma, den Juden und dem internationalen Großkapital als Hauptschuldige für Ungarns Misere spricht und damit zumindest bei den letzten Parlaments- und Europawahlen erfolgreich gewesen ist. Weiterhin besinnen sich Menschen in Krisenzeiten vermehrt wieder auf traditionelle Werte und betonen die gemeinsamen Faktoren der Geschichte, beides Elemente, die sowohl für Fidesz als auch Jobbik charakterisierend sind. Beide Parteien betonen die Wichtigkeit des Staates innerhalb der wirtschaftlichen Ordnung – im Gegensatz zur MSZP, die einen eher an Tony Blairs Tory-Partei, angelehnten wirtschaftlichen Kurs gefahren hat. Dániel Féhér sprach in diesem Zusammenhang in den Blättern für Internationale Politik von einem „hemmungslosen Marktradikalismus“ welcher gepaart mit einer „zynischen Selbstbedienungsmentalität“, „zahllosen Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik“ sowie der „undurchsichtigen Parteienfinanzierung“ kennzeichnend für die MSZP-Regierung gewesen sein soll.174 Nach ihm leben mehr als eine Million Ungarn in Armut (bei einer Bevölkerung von gut Zehn Millionen wäre dies ein hoher Prozentsatz), außerdem liegt die Quote der Erwerbstätigen zehn Prozent unter dem EU-Durchschnitt175.Vor allem 174 Fehér, Dániel. Magyarische Malaise. Aus: Blätter für Internationale Politik 8/2010. S. 23-26 175 Ibd. Weitere Erklärungsmöglichkeiten für das Erstarken der Rechten 65 hatte die internationale Finanzkrise nicht nur die Staatshaushalte getroffen, sondern direkt viele ungarische Bürger, welche Kredite in Fremdwährungen, vor allem Franken und Euro, aufgenommen hatten, welche aber durch die starke Abwertung des Forint im Zuge des drohenden Staatsbankrottes immer teurer wurden. So führt auch Ferenc Gyurcsány selber aus: „Seit der Jahrtausendwende ist die Sparquote der Bevölkerung äußerst gering […]. Bis 2006 haben wir als Staat immer mehr ausgegeben als eingenommen […]. Wesentliche Teile der Bürger wie auch der Unternehmen haben sich in den letzten Jahren in Fremdwährungen verschuldet.“176 Tatsächlich lauteten 49 Prozent aller Kredite von Firmen sowie 62 Prozent aller Kredite der Haushalte auf ausländischen Währungen.177 Au- ßerdem war die Rettung des ungarischen Staates durch den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Union Wasser auf den Mühlen der Rechten. So konnte wieder auf die ewige Fremdbestimmung durch fremde Großmächte sowie den vermeintlichen Einfluss fremden bzw. jüdischen Großkapitals auf die ungarische mittelständische Wirtschaft hingewiesen werden. Die Auslandsverschuldung in Ungarn belief sich 2007 auf knapp hundert Prozent des Bruttoinlandsproduktes.178 Die Argumente der Rechten beruhen also zum Teil auf wirklichen Fakten und sicherlich hat die wirtschaftliche Misere eine Rolle gespielt bei dem Aufschwung von Jobbik und Fidesz. Jedoch widerspricht dieses Argument schlussendlich nicht der These, dass die ‚rechte‘ bzw. national fokussierte politische Kultur ein entscheidender Faktor bei diesem Aufschwung gewesen ist. Man könnte sagen, dass ein fruchtbarer Nährboden durch die politische Kultur bereits gegeben war und die Wirtschafts- und Finanzkrise nur ein Tropfen auf dem heißen Stein darstellte. Erklären könnte man den Aufschwung der Rechten außerdem mit einer momentanen Schwäche der Linken. 176 Ferenc Gyurscány zitiert nach Vetter, Reinhold. Turbulenzen und Konsequenzen. Importierte Wirtschaftskrise in Ostmittel- und Südosteuropa. In Osteeuropa. 58 Jahrgang. 12/2008. S. 5 177 Ibd. S .6 178 Ibd. S. 4 Die politische Kultur Ungarns 66 Die aktuelle Schwäche der Linken Wie oben dargelegt, ist historisch eine Schwäche linker Ideen und Philosophien in Ungarn festzustellen. Nichtsdestotrotz gab und gibt es mit der MSZP eine wichtige links-liberale Partei, welche sich allerdings jüngst delegitimiert hat. Diese Delegitimation könnte auch als entscheidender Grund für den Aufschwung der rechten gesehen werden. Nicht nur die Finanzkrise, sondern auch die Lügenrede haben die Linke delegitimiert. Und einige Wähler der MSZP sind wohl übergelaufen zu anderen Parteien bzw. haben sich enttäuscht abgewendet und sind in das Lager der Nichtwähler gewechselt. Es war auch nicht einfach für Sympathisanten, denn es gab in der Regierungszeit der MSZP relativ wenige positive Argumente für einen Verbleib an der Regierung. Dennoch spricht auch dieses Argument, welches besagt, dass die momentane Stärke der Rechten aus der momentanen Schwäche der Linken resultiert, nur scheinbar gegen die hier verteidigte Hypothese. Wahlentscheidungen beruhen zu einem gewissen Teil auf der aktuellen politischen Situation, aber zu einem großen Teil eben auch auf Wertvorstellungen und auf über lange Zeiträume ähnlich bleibenden Einstellungen. Die vorigen Wahlen waren schließlich für die Rechte und die Linke sehr knapp ausgefallen, aber die Rechte hatte immer einen hohen Prozentsatz an Stimmen bekommen, welcher sich jedoch lange Zeit auf viele Parteien verteilte. Die Fidesz ist mittlerweile die alleinige Sammelpartei der gemäßigten Rechten und Jobbik ist der junge, radikale Konkurrent auf Rechtsaußen, den es vorher in der Form nicht gab. Die aktuelle Parteienkonstellation ist die ideale Basis dafür, dass sich die politische Kultur Ungarns im Wahlergebnis manifestiert. Die Jugend der Wähler der Rechten Man kann auch argumentieren, dass die Tatsache, dass überproportional viele Jung- und Erstwähler Fidesz und vor allem Jobbik gewählt haben, gegen die besondere Wichtigkeit der politischen Kultur für das Erstarken der Rechten sprechen würde. Diese jungen Erwachsenen Weitere Erklärungsmöglichkeiten für das Erstarken der Rechten 67 sind schließlich nicht in der Kádár, sondern nur in der Post-Kádár- Zeit sozialisiert worden. Ihr politisches Agieren kann als Gegenreaktion, bzw. als Protest gegen ihre Eltern interpretiert werden. Jedoch muss auch festgehalten werden, dass erstens nicht alle Wähler Jung- bzw. Erstwähler waren, zweitens, dass Fidesz auch eine vergleichsweise alte und etablierte Partei ist, drittens, dass die Eltern und Großeltern der Jung- und Erstwähler auch eine Rolle bei deren Sozialisation spielen und viertens hat natürlich die aktuelle Lage besonderen Einfluss auf die Jung- und Erstwähler. Dieses Argument kann also auch nicht die hier vorgebrachte Hypothese entkräften. Eine wichtige Frage ist bislang noch nicht aufgeworfen wurden: Wenn, wie hier behauptet, die politische Kultur Ungarns relativ gesehen und größtenteils ‚rechts‘ ist, wieso kam es dann erst jetzt zu einem Triumph der Rechten? Warum erst jetzt? Das ist die entscheidende Frage dieses Kapitels. Um diese Frage zu beantworten müssen mehrere Aspekte beleuchtet werden, insbesondere die geistigen Vorgänger von Fidesz bzw. Jobbik. Die Parteien sind ja nicht in einem Vakuum entstanden bzw. groß geworden. Nein, es gab ja auch schon vorher Parteien, die rechts waren, nur waren sie gesamt gesehen nicht so erfolgreich. MDF, KDNP, MIÉP, FKGP: Diese vier Parteien sind die wichtigsten geistigen Vorreiter für Jobbik und Fidesz in der Post-Kádár-Zeit. Die MDF war in der Transitionsphase die rechte bzw. gemäßigt rechte, nationalistische Sammlungsbewegung. Diese Rolle wurde ihr erleichtert durch die zunächst liberale Ausrichtung der Fidesz und die zunächst fehlende (extrem) nationalistische Alternative, die ihr aus den eigenen Reihen heranwachsen sollte. Nach der Abspaltung der MIÉP, der Professionalisierung und der neuen ideologischen Ausrichtung der Fidesz wurde es allerdings immer schwieriger für die MDF, die immerhin in ihrer besten Zeit ein Wählerpotenzial von 20-30 Prozent hatte, heute allerdings nicht mehr im Parlament vertreten ist und auch praktisch aufgehört hat zu existieren. Anfang dieses Jahres hat sie sich Die politische Kultur Ungarns 68 nämlich umbenannt und firmiert nun unter dem Namen JESZ (Jólét és Szabadság Demokrata Közösség –Demokratische Vereinigung für Wohlstand und Freiheit). Die KDNP, die heute nur noch im Verbund mit der Fidesz existiert, macht diese für die katholisch orientierte Wählerschaft wählbarer. Sie würde andernfalls ein marginales Schattendasein fristen, wie in den Jahren zuvor, als es viele Parteiaustritte und Wechsel gab und sie auch zeitweilig ultranationalistisch agierte. Eine christliche, ultranationalistische Partei – in der Hinsicht ist sie auch ein direkter Vorreiter, der für Jobbik das Feld geebnet hat. In diese Kategorie gehören auch FKGP und MIÉP. Bei ihnen kommt noch hinzu, dass sie beide einen sehr charismatischen Führer mit Torgyán und Csurka hatten und auch recht autoritär auf diesen ausgerichtet waren. Die FKGP vertrat dabei vor allem die Interessen der Bauernschaft und der Landbevölkerung, wohingegen MIÉP eher eine Stadt bzw. Budapest-Partei gewesen ist. MIÉP war auch eine der ersten Parteien, die Massenaufmärsche und Kundgebungen an bestimmten Nationalfeiertagen organisiert und veranstaltet hat. Ein Charakteristikum, welches Jobbik übernommen und im Zusammenspiel mit der Ungarischen Garde bzw. der Neuen Ungarischen Garde weiter perfektioniert hat. FKGP und MIÉP machten auch Antisemitismus salonfähiger und mit Csurkás Zeitung Magyar Demokrata hatte der Antisemitismus in Ungarn eine respektable Bühne bekommen. KDNP, FKGP und MIÉP waren Parteien die nicht über zehn Prozent der Wählerstimmen hinauskamen. Aber sie inspirierten die Gründer der Jobbik-Bewegung, welche 2002/2003 an der Budapester Eötvös-Loránd-Universität von Studenten der Geisteswissenschaften ins Leben gerufen wurde. Sie alle fühlten sich von diesen Parteien (sowie MDF und Fidesz teilweise) am ehesten inspiriert und angezogen. Der qualitative Unterschied zu den oben aufgezählten Parteien und einer der Gründe des nunmehr großen Erfolgs von Jobbik und Fidesz ist die Professionalisierung der Parteien. Beide haben (relativ) junge, charismatische Anführer und sind im universitären Milieu entstanden, beschränken sich aber nicht auf dieses. Fidesz hatte 20 Jahre lang Zeit, seine Basis zu verbreiten, Jobbik ist dafür umso schriller, radikaler, skandalöser und vor allem aktiver – besonders wenn man die Ungarische Garde dazu nimmt. In der ungarischen Parteienlandschaft, Weitere Erklärungsmöglichkeiten für das Erstarken der Rechten 69 die von den Budapester Eliten geprägt wird, ist eine ‚volksnahe‘, ‚alternative‘ Bewegung wie die Jobbik besonders für Jugendliche nicht unattraktiv. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass mit der LMP nunmehr auch eine neue linksalternative Partei den Sprung ins Parlament geschafft hat. Außerdem ist in diesem Zusammenhang auf die Besonderheit des ungarischen Parteiensystems hinzuweisen, dass bislang keine ‚linke‘ Partei existiert hat – ‚links‘ im Sinne einer Protestpartei, wie in Deutschland beispielsweise die Grünen oder die Linke, oder auch ‚links‘ im Sinne von Organisationen wie attac – wie dies in westlichen Parteienlandschaften häufig der Fall ist. Diese Rolle einer Protest- bzw. Anti-Establishment-Partei, wurde in der ungarischen Parteienlandschaft ursprünglich von Fidesz gefüllt, war dann lange Zeit vakant und nun haben zwei Parteien mit Jobbik und LMP dieses Vakuum gefüllt. Es lässt sich also festhalten, dass ein Wählerpotenzial der Rechten schon immer vorhanden war, dass kurzfristige Faktoren einen idealen Nährboden geliefert haben, dass insbesondere Jobbik die Rolle einer Protestpartei spielen kann und dass Denkmuster und Elemente der ungarischen politischen Kultur mit dazu beigetragen haben, dass heutzutage die Rechte in Ungarn, in Form der Parteien Jobbik und Fidesz, so erfolgreich ist, wie nie zuvor im modernen Ungarn. Die politische Kultur Ungarns 70

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References

Zusammenfassung

Die Wahlen 2010 haben zu massiven Umwälzungen des politischen Systems Ungarns geführt, die das Land bis zum heutigen Tag transformiert haben. Nur noch zwei der Wendeparteien haben den Einzug ins Parlament geschafft, während sich zwei neue Parteien etabliert haben. Fidesz errang eine erdrückende Mehrheit, welche die Partei bis heute mithilfe zunehmend autoritärer und illiberaler Schachzüge verteidigen konnte. Für Jobbik markierten die Wahlen 2010 den Durchbruch. Mittlerweile hat sich die Partei als zweitstärkste Kraft in Ungarn etabliert. In dem vorliegenden Werk legt Philipp Karl dar, dass der Erfolg von Fidesz und Jobbik nicht nur auf konjunkturellen, kurzfristigen Faktoren beruht, sondern dass ein wichtiger Erklärungsansatz in der politischen Kultur Ungarns zu finden ist. Im Rahmen einer Analyse des politischen Systems vergleicht und bewertet der Autor die vormalige Verfassung Ungarns mit der 2012 in Kraft getretenen Fidesz-Verfassung. Für den interessierten Leser bietet eine französische Zusammenfassung eine fremdsprachige Bereicherung.