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4. Lager und Gemengelage im literarischen Feld nach 1945. Eine Skizze in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 69 - 78

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-69

Tectum, Baden-Baden
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69 4. Lager und Gemengelage im literarischen Feld nach 1945. Eine Skizze Wolfgang Koeppen war in den Fünfzigerjahren mit weit mehr Werken bzw. Positionierungen im literarischen Feld präsent als zuvor oder danach. Aus diesem Grund bietet es sich an, das bundesdeutsche literarische Feld jener Zeit in seinen Grundzügen zu umreißen, um den Standort Koeppens verorten zu können. Da die literarischen Entwicklungen in der jungen Bundesrepublik in vielen Punkten mit dem Jahr 1945, wenn nicht gar früher, ihren Anfang nahmen, ist es sinnvoll, den Abriss in diesem Jahr beginnen zu lassen. Es sei an dieser Stelle betont, dass die folgenden Abschnitte infolge ihrer gedrängten Gestalt nicht frei von Zuspitzungen und Schematisierungen sind. Die in nicht nur literarischem Sinne gebrauchten Schlagworte vom ‚Nullpunkt’ und der ‚Stunde Null’ erwiesen sich als Trugbild eines kompletten Neubeginns, den es so bekanntlich nicht gab.195 Gleichwohl stellte das Jahr 1945 eine Zäsur in zentralen Bereichen des literarischen Lebens dar. Dies ergibt sich bereits aus der Zerschlagung des nationalsozialistischen Staates, namentlich seiner kulturpolitischen Instrumente und Institutionen sowie den Umstrukturierungsmaßnahmen der Militärregierungen in den vier Besatzungszonen. Ihnen oblag die Lizenzvergabe für Verlage, Zeitungen und Zeitschriften; ferner kontrollierten sie die in ihrem Geltungsbereich erscheinenden Bücher. Schriftsteller, die mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatten (wie Gottfried Benn in den Jahren 1933 und 1934) oder sich weigerten, den Entnazifizierungs-Fragebogen auszufüllen (wie Ernst Jünger), wurden vorübergehend mit Publikationsverboten belegt. Veröffentlicht wurden auf der Gegenseite im ‚Dritten Reich’ verfemte Autoren und Werke, die mit den politischen Umerziehungsbestrebungen der Alliierten vereinbar waren. Diese Bemühungen, zumal im amerikanischen Sektor aufseiten der Information Control Division, hatten mittelfristig gesehen wenig Erfolg. Dies zeigt sich bereits darin, dass nach Aufhebung des Besetzungsstatus und dem Übergang zu einem marktwirtschaftlich organisierten Buchhandel wieder die Autoren am gefragtesten waren, die bereits im ‚Dritten Reich’ publiziert hatten. Exilschriftsteller dagegen wurden bis auf wenige Ausnahmen nicht nur wenig gelesen, sie fassten in der Bundesrepublik (anders wohlgemerkt als in der DDR) kaum Fuß, wie das Beispiel 195 Vgl. Heinrich Vormweg: Deutsche Literatur 1945–1960: Keine Stunde Null. In: Die deutsche Literatur der Gegenwart. Aspekte und Tendenzen. Hrsg. v. Manfred Durzak. Stuttgart: Reclam 1971. S. 13–30; Waltraud Wende: Einen Nullpunkt hat es nie gegeben. Schriftsteller zwischen Neuanfang und Restauration – oder: Kontinuitäten bildungsbürgerlicher Deutungsmuster in der unmittelbaren Nachkriegsära. In: Die janusköpfigen 50er Jahre. Kulturelle Moderne und bildungsbürgerliche Semantik III. Hrsg. v. Georg Bollenbeck / Gerhard Kaiser unter Mitarbeit von Edda Bleek. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2000. S. 17–29. 70 Alfred Döblin zeigt, der als französischer Kulturoffizier nach Deutschland remigrierte und im Jahr 1953 desillusioniert nach Frankreich zurückkehrte.196 Damit sind bereits einige der Parteiungen angesprochen, die sich in der Umbruchsphase 1945–49 zeigten: die Exil- und die nicht-emigrierten Autoren sowie die Schriftsteller der westlichen und östlichen Besatzungszonen. Bei den Auseinandersetzungen der inneren und äußeren Emigranten ging es um den Vertretungsanspruch der deutschen Kultur und ihre von der Gegenseite jeweils kritisch beäugte Rolle während der Naziherrschaft. Die unterschiedlichen Positionen zeigten sich auch auf dem ersten gesamtdeutschen Schriftstellerkongress vom 4. – 8. Oktober 1947 in Berlin, bei dem die ästhetischen und ideologischen Differenzen zwischen West- und Ost-Autoren (die mit der politischen Teilung Deutschlands buchstäblich zementiert wurden) erstmals offen zutage traten. Die dritte große Parteiung zeigte sich auf einem vom Stahlberg Verlag initiierten Autorentreffen im Juli 1947, bei dem unter den Teilnehmern und Rednern gegensätzliche literarische Vorstellungen aufeinander prallten.197 Die Rede ist hier von Befürwortern einer zeitenthobenen, innerlichen Dichtung, vertreten durch den Vortragsredner Rudolf Alexander Schröder, und den Vertretern einer engagierten Literatur, die sich zumeist aus dem Umfeld der Zeitschrift Der Ruf rekrutierten und die nachher die Keimzelle der Gruppe 47 bildeten. 4. 1 Das dominante Lager: Die Dichter der inneren Emigration Zur ersten Gruppe gehören die vor und um 1900 geborenen Autoren der sogenannten inneren Emigration, die während der Zeit des Nationalsozialismus auf Distanz zum herrschenden Regime gingen oder sich als Mitläufer betätigten. Sie setzten nach 1945 auf die Kontinuität ihrer Schreibweisen, etwa der chiffrierten Darstellung konkreter zeitlicher Zusammenhänge, die während des ‚Dritten Reiches’ entwickelt worden waren. Passend zum „Ideal der Zeitlosigkeit“198 ist ihre Rückbesinnung auf die abendländische Tradition, auf klassizistische Formen und metaphysische Sinnhorizonte, die bei Schröder wie auch bei Hans Carossa oder Gertrud von La Fort zum Ausdruck kommt. Ein zentraler Zug ihrer Dichtung ist ein gegen Rationalität und Modernität gewandter Gestus, der in dem Weg in die Innerlichkeit den Zumutungen des äußeren, sozialen Lebens zu entrinnen trachtet. Ein wichtiges Beispiel für die Dichter der Innerlichkeit ist Gottfried Benn, der nach 196 Vgl. Dieter Lamping: „Die Rückkehr des Geistes“. Alfred Andersch und die literarische Remigration. In: Fremdes Heimatland. Remigration und literarisches Leben nach 1945. Hrsg. v. Irmela von der Lühe / Claus-Dieter Krohn. Göttingen: Wallstein 2005. S. 169– 182. 197 Vgl. Dieter Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa 1945. Bd. 1: Von der Trümmerliteratur zur Dokumentarliteratur. Tübingen: Narr Francke Attempto (UTB 2729). S. 23–24, 65. 198 Ebd. S. 34. 71 der Aufhebung seines Publikationsverbots (1948) in den Fünfzigerjahren eine Renaissance in der jungen Bundesrepublik erlebt. Sein ästhetisches Programm hat keinen emphatisch-christlichen Einschlag wie bei Schröder oder Ernst Wiechert, sondern ruht auf dem Primat der Form und dem Ideal des absoluten Gedichts. Das Kunstwerk sollte autonom sein wie auch der Dichter, der von Benn außerhalb des Sozialgefüges verortet wurde. Gottfried Benn und die vorgenannten Autoren bildeten im neukonstituierten literarischen Feld am autonomen Pol das dominante Lager, eine Position, die sie bis weit in die Fünfzigerjahre hinein innehatten. Ihre Dominanz kommt auf verschiedenerlei Art zum Ausdruck: einerseits in der Zuerkennung wichtiger Literaturpreise199, andererseits in der Bekleidung wichtiger Posten, z. B. im Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Gewichtige Gründe ihrer Vormachtstellung sind weiterhin, dass ihre Werke auf die Rezeptionsweisen größere Teile des Lesepublikums zugeschnitten waren und, nicht zuletzt, dass es im Sub-Feld der Literaturkritik homologe Positionen zu den ihren gab. Tonangebend waren nach Kriegsende die Kritiker, die bereits vor 1933 in der literarischen Öffentlichkeit bekannt waren, wie Friedrich Sieburg, der von 1956–64 Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war. Als Maßstab für die Dichtung galt bei Sieburg und anderen Kritikern wie Hans Egon Holthusen oder Günther Blöcker: „Politisch indifferent, ahistorisch und autonom soll sie sein [...].“200 Das Autonomiepostulat galt sowohl für die Literatur wie für die Kritik selbst, die ihrem Verständnis nach von der politischen Sphäre abgekoppelt sein sollte. Daran lässt sich sicherlich ein Reflex auf die Vereinnahmung durch die NS-Kulturpolitik erkennen. Dennoch macht sich in ihrer tendenziell affirmativen Literaturbetrachtung das Erbe des von Goebbels angeordneten Verbots der als ‚zersetzend’ gegeißelten Kunstkritik bemerkbar.201 Die Tendenzen in der Literaturkritik sind homolog zur akademischen Literaturinterpretation im universitären Feld, der werkimmanenten Methode, die das ‚sprachliche Kunstwerk’ (nach dem Titel von Wolfgang Kaysers seit 1948 mehrfach aufgelegten Klassiker) isoliert von seinen sozialen, politischen und geschichtlichen Bezügen betrachtet, wobei hier auch Impulse der zeitgenössischen Kunstphilosophie 199 Vgl. Friedhelm Kröll: Literaturpreise nach 1945. Wegweiser in die Restauration. In: Nachkriegsliteratur in Westdeutschland 1945–49. Schreibweisen, Gattungen, Institutionen. Hrsg. v. Jost Hermand / Helmut Peitsch / Klaus R. Scherpe. Mit Beiträgen von Jost Hermand, Friedhelm Kröll, Wigand Lange, Jürgen Pelzer, Helmut Peitsch, Klaus R. Scherpe. Argument-Sonderband AS 83. Berlin: Argument-Verlag 1982 (Literatur im historischen Prozeß. Neue Folge 3). S. 143–164. 200 Oliver Pfohlmann: Literaturkritik in der Bundesrepublik. In: Literaturkritik. Geschichte – Theorie – Praxis. Hrsg. v. Thomas Anz / Rainer Baasner. Mit Beiträgen von Thomas Anz, Rainer Baasner, Ralf Georg Bogner, Oliver Pfohlmann und Maria Zens. München: Beck 2004. S. 160–191, hier S. 160. 201 Tatjana Michaelis: Paradigmen der Literaturkritik. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Rolf Grimminger. Bd. 10. Literatur in der Bundesrepublik Deutschland bis 1967. Hrsg. v. Ludwig Fischer. München; Wien: Hanser 1986. S. 611–626, hier S. 611. 72 einflossen, wie das Beispiel Emil Staiger zeigt, der von der Existenzphilosophie Martin Heideggers beeinflusst wurde. Die germanistische und die feuilletonistische Literaturkritik waren traditionalistisch in dem Sinne, dass sie sich auf die kanonisierten Werke des 19. Jahrhunderts konzentrierten.202 Gegenüber der jüngeren Gegenwartsliteratur waren die maßgeblichen Kritiker reserviert, und wo sie sich zeitkritisch zeigte, gar feindselig. Ein Nachleben dieser an harmonischer Klassizität orientierten und jeder Sozialkritik abholden Disposition zeigte sich noch im Jahr 1966 im sogenannten Zürcher Literaturstreit, entfacht nach einer Rede Emil Staigers, der der Gegenwartsliteratur vorwarf, in ihrem Versuch, modern und engagiert zu sein, lediglich in den Schattenseiten und pathologischen Phänomenen der modernen Welt zu schwelgen.203 4.2 Das dominierte Lager: Die Trümmerliteratur und die Gruppe 47204 Im Gegensatz zu der eskapistischen, die Form über den Inhalt stellenden Literatur der älteren Autorengeneration pries Gustav René Hocke im Jahr 1946 in der Zeitschrift Der Ruf die Versuche jüngerer Schriftsteller, sich mit den Problemen und Fragen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Anders als die ‚kalligrafische’ Dichtung der Erstgenannten, deren erlesene Prosa sich in „kunstgewerblichen Nichtigkeiten“205 erschöpfen würde, seien diese bemüht, die „Wirklichkeit in guter Sprache“206 abzubilden. Damit ist ein Stichwort gefallen, das für einige Autoren höchste Dringlichkeit besaß: die Sprache, über deren Reinigung vom nationalsozialistischen Jargon sich die jüngeren Schriftsteller intensiv Gedanken machten. Bekannt geworden ist der von Wolfgang Borchert proklamierte, rhetorisch durchdachte Verzicht auf rhetorische Durchdachtheit: „Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns Geduld.“207 Bekannt geworden ist auch der Begriff des Kahlschlags, den Wolfgang Weyrauch in seinem Nachwort der von ihm herausgegebenen Kurzgeschichten-Anthologie Tausend Gramm (1949) prägte. Das Nachwort ist ein Plädoyer für eine engagierte Literatur und gleichzeitig eine 202 Vgl. Walter Jens: Plädoyer für die abstrakte Literatur. In: Texte und Zeichen 1 (1955). H. 4. S. 505–515, hier S. 506. 203 Siehe die Dokumentation in: Sprache im technischen Zeitalter 7 (1967). H. 22. S. 83–206. 204 Die Grenzen sind in dieser kursorischen Skizze freilich klarer abgesteckt als sie tatsächlich verliefen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Position Elisabeth Langgässers, die für gewöhnlich dem konservativen, innerlichen Lager zugeschlagen wird, z. T. aber den Standpunkten der ‚jüngeren Generation’ nahestand. Vgl. D. Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa 1945. Bd. 1. S. 437. 205 Gustav René Hocke: Deutsche Kalligraphie. In: Der Ruf. Eine deutsche Nachkriegszeitschrift. Hrsg. v. Hans Schwab-Felisch. Mit einem Geleitwort von Hans Werner Richter. München: dtv 1962. S. 203–208, hier S. 204. 206 Ebd. S. 206. 207 Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen. Mit einem Nachwort von Heinrich Böll. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993. S. 113. 73 Absage an die L’art-pour-l’art-Dichtung der innerem Emigration: „Die zukünftige deutsche Literatur wird eine verpflichtete Literatur sein, oder sie wird nicht sein.“208 Weyrauch teilt Hockes Ablehnung der kalligrafischen Prosa und setzt gegen das literarische „Gestrüpp“209 das poetische Prinzip des Kahlschlags, das die Schönheit der Wahrheit unterordnet und notfalls opfert: „Die Schönheit ist ein gutes Ding. Aber Schönheit ohne Wahrheit ist böse. Wahrheit ohne Schönheit ist besser.“210 Zu den Kahlschlägern rechnet Weyrauch die Autoren Walter Kolbenhoff, Hans Werner Richter, Ernst Schnabel, Franz Joseph Schneider, Wolfdietrich Schnurre u. a. Sie werden als Pioniere bezeichnet, denn sie „fangen in Sprache, Substanz und Konzeption, von vorn an.“211 Auch wenn die Metapher vom Kahlschlag in ihren Implikationen radikaler war als die Erzeugnisse dieser Literatur selbst212, allemal von Belang ist der bei diesen Beispielen durchklingende Gestus des Neuerers, dem alle hergebrachten Normen, ob sozial oder ästhetisch, nicht mehr taugen. „Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe“213, heißt es programmatisch in Wolfgang Borcherts Generation ohne Abschied. Sehr plastisch beschreibt Hans Werner Richter im Ruf die Tabula-Rasa-Stimmung nach 1945: „Vor dem rauchgeschwärzten Bild dieser abendländischen Ruinenlandschaft, in der der Mensch taumelnd und gelöst aus allen überkommenen Bindungen irrt, verblassen alle Wertmaßstäbe der Vergangenheit. Jede Anknüpfungsmöglichkeit nach hinten, jeder Versuch, dort wieder zu beginnen, wo 1933 eine ältere Generation ihre kontinuierliche Entwicklungsbahn verließ, um vor einen irrationalen Abenteuer zu kapitulieren, wirkt angesichts dieses Bildes wie eine Paradoxie.“214 Alfred Andersch erkannte ebenfalls im Ruf die „Notwendigkeit, in einem originalen Schöpfungsakt eine Erneuerung des deutschen geistigen Lebens zu vollbringen.“215 Die Erneuerung blieb bekanntermaßen aus. Die programmatischen Äußerungen von Richter, Andersch & Co. sind den- 208 Wolfgang Weyrauch: Nachwort. In: Tausend Gramm. Sammlung neuer deutscher Geschichten. Hrsg. v. Wolfgang Weyrauch: Hamburg; Stuttgart; Baden-Baden; Berlin: Rowohlt 1949. S. 207–219, hier S. 216. 209 Ebd. S. 212. 210 Ebd. S. 217. 211 Ebd. S. 214. Siehe auch folgendes Zitat: „Aber die vom Kahlschlag wissen, oder sie ahnen es doch mindestens, daß dem neuen Anfang der Prosa in unserm Land allein die Methode und die Intention des Pioniers angemessen sind.“ (Ebd. S. 217). 212 Vgl. D. Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa. Bd. 1. S. 77; Urs Widmer: So kahl war der Kahlschlag nicht. In: Die Gruppe 47. Bericht. Kritik. Polemik. Ein Handbuch. Hrsg. v. Reinhard Lettau. Neuwied; Berlin: Luchterhand 1967. S. 328–335. 213 W. Borchert: Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen. S. 108. 214 Hans Werner Richter: Warum schweigt die junge Generation? In: Der Ruf. S. 29–33, hier S. 32. 215 Alfred Andersch: Deutsche Literatur in der Entscheidung. Ein Beitrag zur Analyse der literarischen Situation. In: Ders.: Gesammelte Schriften in zehn Bänden. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. v. Dieter Lamping. Bd. 8. Essayistische Schriften 1. Kommentar dieses Bandes von Axel Dunker. Zürich: Diogenes 2004. S. 187–218, hier S. 210. 74 noch bedeutsam. Unterhalb des existenziellen Pathos dienen sie im literaturästhetischen Sinne als Abgrenzungsversuche gegen die etablierten Autoren, sowohl der inneren Emigration als auch der Exilschriftsteller. Anders als der antitraditionalistische Ton es vermuten lässt, hatten freilich auch sie ihre Vorbilder und Orientierungsmuster, die sich teilweise den speziellen zeitbedingten Umständen verdankten, etwa der Re-Education-Politik, die bereits in den US-Kriegsgefangenlagern ihren Anfang nahm und in der deutschen Besatzungszone fortgeführt wurde. Der Kanonwechsel, der aus der Kulturpolitik der Alliierten resultierte, die Autoren und Werke, die teils erstmals, teils nach langer Zeit wieder erhältlich waren, hatte Folgen für die (zuweilen verzögerte) literarische Sozialisation der jüngeren Schriftsteller.216 Die Konjunktur der Kurzgeschichte in der Nachkriegszeit z. B. hatte auch mit der Rezeption amerikanischer Short-Story-Autoren wie Hemingway oder Steinbeck zu tun. Die Autoren der Kahlschlag- und Trümmerliteratur sahen in dem fragmentarischen Charakter der Gattung ein geeignetes Medium, um eine in Trümmern liegende und fremd gewordene Welt adäquat zur Darstellung zu bringen. Ein Sammelbecken für die jüngeren Autoren war die zuvor schon ein paar Mal erwähnte Zeitschrift Der Ruf. Anfänglich im Kriegsgefangenenlager Fort Kearney erschienen, wurde sie für die deutsche Leserschaft 1946 neu gegründet. Alfred Andersch, der bereits wie Hans Werner Richter im amerikanischen Ruf publiziert hatte, wurde als Herausgeber gewonnen. Ab der vierten Ausgabe zeichnete Richter als Mitherausgeber verantwortlich, zog sich mit seiner Propagierung eines demokratischen Sozialismus und der Kritik an den Besatzern den Unmut der Alliierten auf sich. Im April 1947 drohte die Information Division Control, dem Ruf die Lizenz zu entziehen. Die Herausgeber Andersch und Richter traten daraufhin zurück. Sie wurden durch Erich Kuby ersetzt, der die Zeitschrift im Sinne der Amerikaner weiterführte. Richter plante daraufhin eine neue Zeitschrift namens Der Skorpion, die ein stärker literarisches Profil haben sollte. Als Der Skorpion keine Lizenz erhielt, wurde beschlossen, in regelmäßigen Abständen Treffen mit gleichgesinnten Schriftstellern abzuhalten, um über literarische Themen und Texte zu diskutieren. Auf diese Weise entstand die Gruppe 47, die in der Folge zum Versammlungsort der jüngeren deutschsprachigen Autorengeneration und, zumindest in ihren Anfängen, zum Sprachrohr der Kahlschlagliteratur wurde. Die hier verschiedentlich gebrauchte Bezeichnung ‚jüngere Autoren’ ist weniger im biologischen Sinne zu verstehen. Manche der zur Gruppe 47 gerechneten Schriftsteller wie Wolfgang Weyrauch, Werner Kolbenhoff und Günter Eich hatten bereits vor 1945 publiziert. Das Beiwort ‚jung’ meint im strukturellen Sinne die gegen die Orthodoxie gerichtete häretische Position, die die Gruppe 47 in ihrer 216 Vgl. Ein Gespräch mit Siegfried Lenz. „Augenöffnende Ereignisse, weil ich vorher nichts davon kannte.“ Erst das Lesen und dann das eigene Schreiben. In: Dann waren die Sieger da. Studien zur literarischen Kultur in Hamburg 1945–1950. Hrsg. v. Ludwig Fischer / Klaas Jarchow / Horst Ohde / Hans-Gerd Winter. Hamburg: Dölling und Galitz 1999 (Schriftenreihe der Hamburgischen Kulturstiftung 7). S. 80–83. 75 formativen Phase einnahm. Strategische Abgrenzungsversuche wurden in zweierlei Hinsicht unternommen: gegen die Exilschriftsteller und die Autoren der Innerlichkeit. Dazu gehört ein Literaturbegriff, der sich von dem der Dichter am dominanten Pol unterschied: Hatte Dichtung bei einigen Schriftstellern der inneren Emigration als Trostmittel, das über die Unbilden der Zeit hinweghelfen sollte, eine religi- ösen Färbung, leiteten die Autoren der jüngeren Generation ihr schriftstellerisches Selbstverständnis von ihrem politischen Bewusstsein ab. Das Bekenntnis zur gesellschaftlichen Verantwortung des Schriftstellers war orientiert an Sartres Konzept einer ‚littérature engagée’ und ist in einem weiter gefassten europäischen Kontext zu sehen.217 Dennoch steht die Gruppe 47 für eine strikte Trennung von Politik und Literatur. Die Treffen dienten in erster Linie Werkstattgesprächen, Lesungen literarischer Arbeiten und den anschließenden Debatten über das Vorgelesene. Im Kollektiv positionierten sich die Autoren der Gruppe 47 politisch nicht, wohl aber als Individuen. Die Trennung beider Sphären wurde von Richter selbst verkörpert, der als Intellektueller im Sinne Bourdieus sowohl im literarischen als auch im politischen Feld agierte.218 Hans Werner Richter war der Leiter der Gruppe 47. Was war aber die Gruppe 47? Es handelte sich um ein widersprüchliches Gebilde, das zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, losem Dichterklub und literarischer Institution in der Schwebe blieb. Helmut Heißenbüttel schrieb 1971 in seinem Nachruf auf die Gruppe 47: „Sie war kein Verein, kein Klub, keine Interessengemeinschaft, kein Verband. Es fehlten ihr Statuten und Regelungen wie etwa die des Pen-Clubs oder des Schriftstellerverbandes.“219 Mitglieder hatte die Gruppe keine. Wer kam und wer vorlas, bestimmte Richter. Er berief die Tagungen ein und legte fest, wer eingeladen wurde. Dies machte die Gruppe 47 aber nicht zu einem esoterischen Dichterklüngel. Richter war im Gegenteil darum bemüht, ihr ein Forum und eine größere Leserschaft zu erschließen. Als Vorstoß in diese Richtung ist die Zeitschrift Die Literatur zu werten, ein „literarisches Boulevardblatt“220, das von Werner 1952 herausgegeben wurde und sich ausdrücklich nicht an eine intellektuelle Elite wandte. Der nicht-elitäre Gestus der kurzlebigen Literatur konvergiert mit dem Habitus der meisten Autoren der Gruppe 47, den Cofalla als kleinbürgerlich-bodenständig beschreibt und von den großbürgerlich und geistesaristokratisch sich gebenden Autoren der älteren Generation abhebt: „Die Gruppe gab sich nicht elitär, sondern 217 M. Rahner: „Tout est neuf ici, tout est à recommencer...“. S. 252. 218 Richter betätigte sich als politischer Publizist, er war Gründungsmitglied des Grünwalder Kreises und engagierte sich in der Anti-Atomkraftbewegung der frühen Fünfzigerjahre. Vgl. Sabine Cofalla: Die Gruppe 47: Dominante soziale Praktiken im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In: Text und Feld. S. 353–369, hier S. 367. 219 Helmut Heißenbüttel: Nachruf auf die Gruppe 47. In: Literaturbetrieb in Deutschland. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold. München: Edition Text + Kritik 1971. S. 33–39, hier S. 35. 220 S. Cofalla: Die Gruppe 47. S. 359. Wolfgang Koeppen veröffentlichte in der Literatur den polemischen Essay Die elenden Skribenten und eine Antwort auf eine Umfrage zum ‚Schund- und Schmutzgesetz’. Vgl. GW 5, 231–235, Die Literatur v. 15.10.1952. 76 hemdsärmelig, man traf sich nicht zum Tee, sondern zum Bier, die Stimmung war weniger gediegen als zotig-verklemmt. [...] Der dominante Habitus war kleinbürgerlich, aufstiegsorientiert und informell: Schreiben als Beruf. / Dieser Kollektivhabitus stand in klarem Kontrast zu dem der bürgerlichen Schriftsteller am dominanten Pol des literarischen Felds (etwa: Carossa und Benn).“221 Ungeachtet des gescheiterten Versuchs einer literarischen Zeitung betrieb die Gruppe 47 erfolgreich Netzwerkpflege und knüpfte Verbindungen zu Verlagen und Medien wie den Rundfunk, für den Ernst Schnabel und Alfred Andersch tätig waren. Ab 1950 verlieh die Gruppe einen eigenen Literaturpreis, der anfänglich von einer amerikanischen Werbefirma, später von Verlagen und Rundfunkanstalten gestiftet wurde. Mit der Auszeichnung betrieb die Gruppe 47 eine Art Selbstlegitimierung, indem sie sich zur Konsekrationsinstanz aufschwang. Der Preis der Gruppe 47 war außerdem ein Selektionsinstrument, das den ausgezeichneten Autoren zu literarischer Prominenz verhalf. Die Tagungen wandelten sich allmählich von einer Schriftstellerwerkstatt zu einer Literaturbörse. Zu dieser Entwicklung trugen auch die Literaturkritiker bei, die bei den Gruppentreffen immer stärker in den Vordergrund traten. Es waren „die ‚Großkritiker’ der kommenden Jahrzehnte“222, die bald das Bild der bundesrepublikanischen Literaturkritik entscheidend prägen sollten: Unter ihnen Joachim Kaiser, Walter Jens, Hans Mayer, Fritz J. Raddatz und natürlich Marcel Reich-Ranicki. Ihre Art des Urteilens unterschied sich in eklatanter Weise von der Literaturbetrachtung der älteren Kritikergeneration und entsprach den diskursiven Gepflogenheiten der Gruppe 47: „Diese Form der Kritik ist geprägt von Spontaneität, Improvisation und Subjektivität, von Lust an der Auseinandersetzung, demokratischer Dialogizität und nicht selten vernichtender Polemik.“223 Die Denunziationsversuche der konservativen Kräfte, die wie Günter Blöcker in der Gruppe 47 eine „totale Clique“224 (oder wie der CDU- Abgeordnete Josef Hermann Dufhues eine „‚geheime Reichsschrifttumskammer’“225) sahen, waren der Schwanengesang einer an Einfluss verlierenden Kritikerkaste, die dem Strukturwandel im literarischen Feld mit rhetorischer Aggression begegnete. Die feldinternen Transformationen lassen sich ebenfalls in der Gruppe 47 anhand der Konjunktur literarischer Stile ablesen. So wurde der von Richter und anderen Autoren in den Anfangsjahren der Gruppe propagierte Realismus als 221 S. Cofalla: Die Gruppe 47. S. 357. Gleichwohl gibt es mentale und biografische Parallelen zwischen den Autoren der inneren Emigration und der ‚jüngeren Generation’: Die meisten von ihnen waren während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben, manche dienten in der Armee Hitlers. Geteilt wurde von beiden Seiten die Abgrenzung von der Exilliteratur, die Ablehnung der These von der Kollektivschuld der Deutschen wie auch der Anspruch, die geistige Elite des Landes zu repräsentieren. Vgl. ebd. S. 360–361. 222 O. Pfohlmann: Literaturkritik in der Bundesrepublik. S. 162–163. 223 Ebd. S. 164. 224 Günter Blöcker: Die Gruppe 47 und ich. In: Die Gruppe 47. S. 357. 225 Ebd. S. 504. 77 Paradigma zu Beginn der Fünfzigerjahre abgelöst durch Schreibweisen der klassischen Moderne, die von der jüngeren Autorengeneration nunmehr verstärkt rezipiert wurden. Als sinnfälliger Umbruchsmoment wird gemeinhin die Tagung vom 10. Mai 1952 in Niendorf angesehen, auf der Paul Celan und Ingeborg Bachmann Gedichte vorlasen und Ilse Aichinger den Preis der Gruppe 47 für ihre symbolische Spiegelgeschichte erhielt. Hernach preisgekrönte Lesungen wie die von Ingeborg Bachmann (1953) und Martin Walser (1955) wurden nachträglich als „Siegeszug einer magisch-meditativen Literatur“226 über „veristisch-realistische“227 Tendenzen identifiziert. Die Entwicklung ging mit dem Aufstieg der Gruppe 47 zum dominanten Paradigma im literarischen Feld schließlich dahin, dass Heinrich Böll, der 1952 noch ein Bekenntnis zur Trümmerliteratur abgegeben hatte, wie auch Werner Kolbenhoff und Alfred Andersch in ihrem Festhalten am Realismus auf der Aschaffenburger Tagung im Jahr 1960 als ästhetisch rückwärtsgewandt geschmäht wurden.228 Dass diese drei allesamt zur Gründungszeit der Gruppe 47 gehörenden Autoren während deren Hochphase dem Verdikt des Veralteten anheimfielen, zeigt, wie das Prinzip der permanenten symbolischen Revolution als „das Modell des Zugangs zur Existenz im Feld“ (RK 204, Hervorhebung im Original) auch im Mikrokosmos der Gruppe wirksam war.229 Zudem ist es ein Echo auf die Ablehnung des Realismus, die in den Fünfzigerjahren, auch unter Einfluss der Benn-Renaissance zur ästhetischen „Signatur der fünfziger Jahre“230 wurde. Just in dieser Phase, in der der Realismus zurückgedrängt wurde, betrat Wolfgang Koeppen die Bühne und legte drei von der Öffentlichkeit als zeitkritisch aufgefasste Romane vor. 226 Friedhelm Kröll: Die konzeptbildende Funktion der Gruppe 47. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 10. S. 368–378, hier S. 373. 227 Ebd. S. 371. 228 Ebd. S. 375. Walter Jens schrieb im Jahr 1961: „[...] der Neorealismus ist tot, und kein Genius wird die Nachkriegsprogramme noch einmal zum Leben erwecken. 1952 schlug das Pendel, sehr weit und für lange, zur anderen Seite aus. Ich glaube, ich könnte die Sekunde des Umschlags bezeichnen: es war in Niendorf an der Ostsee, Frühjahr 1952, eine Tagung der Gruppe 47 fand statt. Die Veristen, handwerklich-gute Erzähler, lasen aus ihren Romanen. Dann plötzlich geschah es. Ein Mann namens Paul Celan (niemand hatte den Namen vorher gehört) begann, singend und sehr weltentrückt, seine Gedichte zu sprechen; Ingeborg Bachmann, eine Debütantin, die aus Klagenfurt kam, flüsterte, stockend und heiser, einige Verse; Ilse Aichinger brachte, wienerisch-leise, die ‚Spiegelgeschichte’ zum Vortrag.“ (Walter Jens: Deutsche Literatur der Gegenwart. Themen, Stile, Tendenzen. München: Piper 1961. S. 150). 229 Ein Beispiel für die nicht nur feld-, sondern auch gruppeninterne Häresie ist die oft zitierte Polemik des damals 23-jährigen Peter Handke, der den etablierten Autoren der Gruppe 47 während der Tagung in Princeton (1966) „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf. (Die Gruppe 47. S. 233). 230 Friedhelm Kröll: Anverwandlung der ‚Klassischen Moderne’. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 10.S. 244–262, hier S. 251.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.