Content

2. Methodischer Zugriff: Einschränkungen und Schwerpunkte der Untersuchung in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 33 - 36

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-33

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
33 2. Methodischer Zugriff: Einschränkungen und Schwerpunkte der Untersuchung Bourdieus Theorie des literarischen Feldes, wie sie hier in ihren Grundzügen skizziert wurde, soll zum einen das begriffliche Instrumentarium und zum anderen wichtige Fragestellungen liefern, aus denen im Folgenden erkenntnisleitende Thesen abgeleitet werden. Es wird allerdings, alleine aus Platzgründen, bewusst darauf verzichtet, allen Vorgaben der bourdieuschen Literatursoziologie Rechnung zu tragen. Insgesamt wird bei ihrer Anwendung ein eher deskriptiver als analytischer Zugang angestrebt. Eine wesentliche Abweichung bei dieser Arbeit von der Literatursoziologie nach Bourdieu ist das Verhältnis von Akteur und Feld. Bourdieu erinnert daran, „daß das eigentliche Objekt einer Sozialwissenschaft nicht das Individuum oder der ‚Autor’ ist [...]. Das Feld muß im Mittelpunkt der Forschungsoperationen stehen.“78 Der Gegenstand dieser Untersuchung ist jedoch ein einzelner Autor, Wolfgang Koeppen. Diese Akzentsetzung ist nur auf den ersten Blick eine Verkehrung der methodischen Prämissen Bourdieus. Die Fokussierung auf Wolfgang Koeppen bedeutet nicht, dass das literarische Feld aus dem Blickfeld der Untersuchung verschwindet. Da im Folgenden stets die Wechselwirkung von Habitus und Feld mitbedacht werden soll, besteht so die Möglichkeit, „dem Idealismus der literarischen Hagiographie“ (RK 13) zu entgehen. Ein neuralgischer Punkt bei der Theorie-Adaption ist die Übertragung des Feldbegriffs auf die deutschen Verhältnisse. Zwischen Frankreich und Deutschland gibt es wesentliche Unterschiede, die einmal struktureller Natur sind (Zentralismus vs. Förderalismus) und sich außerdem aus historischen Prozessen ergeben, wie die Rolle des Bildungsbürgertums, das in Frankreich traditionell einen größeren politischen Einfluss hatte als dasjenige in Deutschland.79 Größer als die Differenzen dürften allerdings die Gemeinsamkeiten sein. Das literarische Feld in der Bundesrepublik Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts ist im Prinzip vergleichbar mit dem französischen Feld, das Bourdieu beschreibt. Die Genese und Struktur des literarischen Feldes aus deutscher Perspektive kann hier aus Platzgründen nicht nachgezeichnet werden, ganz zu schweigen von einer Situierung im Macht-Feld. Diese Schritte wäre in der Tat eine eigene Forschungsarbeit wert. Damit ist eine weitere Schwierigkeit angeschnitten, die Entscheidung nämlich, ob man Koeppens Wirkungszusammenhang als deutsches oder als bundesrepublikanisches Feld ansprechen soll. Dahinter steht die Frage, ob ein literarisches Feld staatlich oder sprachlich begrenzt ist. Bourdieu hat auf diese Frage in einem 78 P. Bourdieu / L. J. D. Wacquant: Reflexive Anthropologie. S. 138–139. 79 Vgl. Hartmut Kaelble: Französisches und deutsches Bürgertum 1870–1914. In: Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich. Bd. 1. Hrsg. v. Jürgen Kocka unter Mitarbeit von Ute Frevert. München: dtv 1988. S. 107–140. 34 kurzen Artikel Bezug genommen.80 Am Beispiel der belgischen Literatur argumentiert er, dass die Ausmaße eines Feldes nicht vor den territorialen Grenzen eines Staates halt machten und dieser Sachverhalt ein Zeichen der Autonomie des literarischen Feldes gegenüber dem politischen Feld sei. Am konkreten Beispiel Frankreich/Belgien führt er aus, dass von Frankreich aus gesehen es kein eigenständiges literarisches Feld in Belgien gebe. Frankreich als das kulturelle Zentrum mit großer symbolischer Macht übe eine starke Anziehungskraft auf französischsprachige Autoren aus Belgien aus: „Je größer die Anerkennung eines belgischen Schriftstellers am dominanten Pol des französischen Feldes ist, desto eher wird er sich selbst als Akteur in diesem literarischen Feld und sein Werk im Kontext der französischen Literatur betrachten. Umgekehrt deuten Autoren, die auf die belgische Eigenständigkeit bestehen, die Verweigerung ihrer Anerkennung seitens des Feldes in eine bewusste Distanznahme ihrerseits um.“81 Beim vorliegenden Untersuchungsgegenstand erweist es sich als schwierig, von einem deutschen Feld zu sprechen. Sicherlich sind die Grenzen des literarischen Feldes zwischen der Bundesrepublik und Österreich und der (deutschsprachigen) Schweiz fließend. Dies gilt aber nicht für die Grenzen zwischen der Bundesrepublik und der DDR, denn in beiden Staaten sind „seit Mitte der sechziger Jahre zwei verschieden strukturierte Literatur-Systeme entstanden [...] – mit divergierenden Funktionen der literaturbezogenen Institutionen (z. B. zwischen Verlagen, Buchhandel, Literaturkritik, Literaturförderung, Zensur usf.), mit unterschiedlichen Rollenbildern für Autoren, Literaturvermittler und Leser, mit jeweils anderen Normen für gute und schlechte Literatur.“82 Insofern lässt sich in dem hier zugrunde gelegten Untersuchungszeitraum 1951–96 von keinem zusammenhängenden oder widerspruchslosen deutschen Feld sprechen. Nach langen Überlegungen fiel deshalb der Entschluss, das literarische Feld auf die Bundesrepublik zu begrenzen, da Wolfgang Koeppen sich als Schriftsteller ab 1951 vornehmlich hier bewegt hat: Hier war sein Wohnsitz, hier waren seine Verlage angesiedelt, hier agierten die Autoren, an denen er sich messen lassen musste, und hier wurden seine (erschienenen wie nicht-erschienenen) Bücher besprochen. Letztere wurden freilich auch in österreichischen und schweizerischen Publikationsorganen rezensiert, was hier teilweise einfließen soll, da Blätter wie z. B. die Neue Zürcher Zeitung auch in der Bundesrepublik gelesen werden. Zeitgenössische Rezensionen spielen in dieser Arbeit eine wichtige Rolle, da in ihnen die unterschiedlichen Positionen im literari- 80 Vgl. Pierre Bourdieu: Existe-t-il une littérature belge? Limites d’un champ et frontières politiques. In: Etudes de lettres 8 (Oktober-Dezember 1985). S. 3–6. 81 Michael Einfalt: Pierre Bourdieus Konzept des literarischen Feldes und das Problem des frankophonen Literaturraums. In: Willkürliche Grenzen. Das Werk Pierre Bourdieus in interdisziplinärer Anwendung. Hrsg. v. Mark Hillebrand / Paula Krüger / Andrea Lilge / Karen Struve. Bielefeld: transcript 2006. S. 175–196, hier S. 185. 82 Jörg Schönert: ‚Der letzte Band’ – Gegenwartsliteratur als Problem für die Literaturgeschichtsschreibung. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 31 (März 1984). S. 4–14, hier S. 7. 35 schen Feld kenntlich werden (synchrone Perspektive) und die sich ändernde Wahrnehmung auf das Werk Koeppens nachverfolgt werden kann (diachrone Perspektive). Außerdem wird auf Teile der bislang unpublizierten Korrespondenz Koeppens mit anderen Akteuren des literarischen Feldes zurückgegriffen.83 Die vorliegende Arbeit fokussiert sich auf Wolfgang Koeppen im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1951–96. Ziel ist die Beschreibung von Koeppens Karriere im literarischen Feld. Bourdieu verwendet hierfür den Begriff ‚trajectoire’ (dt.: ‚Flugbahn’), der für gewöhnlich mit ‚Laufbahn’ übersetzt wird.84 In Koeppens Laufbahn von 1951–96 ereignet sich der Übergang vom Häretiker zum Klassiker. Dieser Wandel vollzieht sich allmählich durch die Akkumulation symbolischen und konsekrativen Kapitals, das es Koeppen ermöglicht, seine Werke kraft seiner Unterschrift zu ‚weihen’. Dieser Signatureffekt zeigt sich nicht nur in den Publikationsstrategien des Suhrkamp Verlags und der Rezeption der wenigen Bücher, die Koeppen nach 1960 vorlegte, sondern auch in der Diskussion um sein vielzitiertes Schweigen, das in der literarischen Öffentlichkeit interpretiert wurde wie eine literarische Hervorbringung. Das Thema des ‚Schweigens’ berührt den wichtigen Aspekt der Autonomie. Koeppen war zeit seines Schriftstellerlebens ein Autor am Pol der eingeschränkten Produktion und ein Künstler, der ohne wirkliche wirtschaftliche Absicherung in einer gefährdeten Position war. Ob und wie seine fragile ökonomische Basis die Autonomie, die Freiheit des freien Schriftstellers, anzutasten vermochte, darauf soll auch immer wieder ein Blick geworfen werden. Im folgenden Schritt werden zunächst jedoch die Anfänge Koeppens rekapituliert, von seiner Herkunft über die ersten schriftstellerischen Gehversuche bis zu den Jahren 1933–1945. Dies ist allein schon insofern von Belang, als in diese Zeit die Niederschrift des Romans Die Mauer schwankt fällt, dessen Wiederveröffentlichung im Jahr 1983 mitsamt der anschließenden kontroversen Diskussion in einem eigenen Kapitel behandelt wird. 83 Zurückgegriffen wurde auf Briefe, die im Wolfgang-Koeppen-Archiv Greifswald (im Folgenden mit der Sigle ‚WKA’ abgekürzt) und im Deutschen Literaturarchiv Marbach (im Folgenden mit der Sigle ‚DLA’ abgekürzt) lagern. 84 Vgl. Philipp Staab / Berthold Vogel: Laufbahn (trajectoire). In: Bourdieu-Handbuch. S. 163–165.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.