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18. „... ich werde dieses Buch und auch andere Bücher fertig schreiben.“ Letzte Pläne und Veröffentlichungen in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 287 - 296

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-287

Tectum, Baden-Baden
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287 18. „... ich werde dieses Buch und auch andere Bücher fertig schreiben.“ Letzte Pläne und Veröffentlichungen Bei einem Treffen in München erzählte Koeppen Heinz Ludwig Arnold davon, die Lebensgeschichte Jakob Littners in einer Fortsetzung weiterzuerzählen, die in Amerika spielen sollte.1085 Die Idee blieb freilich wie so viele andere unausgeführt. Amerika und insbesondere New York jedoch gehören zu den Orten, die Koeppen während seiner schriftstellerischen Laufbahn immer wieder aufgesucht hat, sei es per Schiff, per Flugzeug oder einfach in Gedanken. Beispiel für letzteres ist Koeppens Beitrag zu dem Suhrkamp-Band Der Verleger und seine Autoren, der zu Ehren von Unselds 60. Geburtstag im Jahr 1984 aufgelegt wurde. J. Pierpont Morgan, mein Name und die kleinen Mädchen, so der Titel von Koeppens Text, vereint Autobiografisches, Anekdotisches und eine Reise-Imagination auf kleinem Raum. Gezeigt wird eine Flucht aus einer konkreten Situation (wobei unklar bleibt, ob sie frei erfunden ist oder nicht) in die Welt der Erinnerungen. Koeppen thematisiert am Anfang eine Angelegenheit, die er als Schattenseite des Literaturbetriebs beschreibt: Er muss für einen Buchhändler 294 Exemplare eines seiner Werke signieren. Die lästige Pflicht und der unnachgiebige Buchhändler lassen ihn an seine Schulzeit in Ortelsburg und an einen strengen Lehrer namens Dargel denken, der im jungen Koeppen ebenfalls Fluchtimpulse auslöste. Über diese Erinnerung gelangt Koeppen nach New York, genauer gesagt in die Pierpont Morgan Library (seit 2005 Morgan Library & Museum) im Stadtteil Manhattan, ein so Koeppen, „wahrer, wenn auch kunterbunter Tempel für Literaturgläubige wie mich.“ (GW 3, 312) Koeppen schwelgt in den geschichtsträchtigen Exponaten der von dem Bankier J. P. Morgan gegründeten Bibliothek, er durchstreift Manhattan und fantasiert anschließend darüber, auf dem Seil der Queensboro Bridge zu balancieren. Dieser imaginären Reise nach Manhattan folgte zwei Jahre später Koeppens letzter Besuch zu Lebzeiten. 18.1 Reisen und Reisetexte II Im Auftrag des Merian brach Koeppen im Oktober 1986 für eine zweiwöchige Reise nach New York auf. Seine Eindrücke verarbeitete er in einem Text mit dem Titel Ein Wiedersehen mit New York. Beobachtungen aus der Mitte der Welt, der in dem New-York-Spezial des Merian im Jahr darauf erschien. (Vgl. W 9, 317–320) Vorgestellt wurde Koeppen den Lesern als Autor der Amerikafahrt. Auf die diesem Buch zugrundeliegende und knapp 30 Jahre zurückliegende Reise bezieht sich Koeppen gleich zu Anfang seines Essays. Wie in der Exposition der Amerikafahrt zitiert er Melville und Kafka. (Vgl. W 9, 14–15, 235) Auch die Perspektive europäischer Einwanderer wird wieder eingenommen, obwohl Koeppen dieses Mal nicht mit dem Schiff, sondern per Flugzeug den Atlantik überquerte. Beschrieben wird die 1085 Heinz Ludwig an Arnold Wolfgang Koeppen. Brief v. 6.7.1992 (WKA 3687). 288 Ankunft am Flughafen über die Fahrt mit dem Taxi zum Hotel und von dort zum Times Square, wo der Besucher enttäuscht feststellt, dass der Platz auf ihn kaum glamouröser wirke als die Hamburger Reeperbahn. Einen weitaus angenehmeren Eindruck macht auf ihn das gentrifizierte Brooklyn, in dem die jüdische Kultur Einzug gehalten hat. Die alte Begeisterung für die Stadt stellt sich wieder ein: „Ach, wieviel Lebensfreude, welche Lebenslust, erfüllte Träume des Wohllebens und des Gebildeten schenkt New York [...]. (W 9, 242) Nach dem kurzen Abstecher nach Brooklyn geht es zurück nach Manhattan. Koeppen beobachtet die Menschen um ihn herum, registriert erfreut einen Zusammenhalt zwischen Schwarz und Weiß in der unteren Bevölkerungsschicht. Er gibt kurz seine Besuche im Jüdischen Museum und der Public Library wieder, streift durch den Central Park, läuft die Fifth Avenue entlang und fährt zum Abschluss in einem der Zwillingstürme des World Trade Center in den 107. Stock, um von dort aus den Sonnenuntergang zu beobachten. Der von einigen Koeppen-Forschern angenommene karge Spätstil Koeppens wird vom Herausgeber Walter Erhart auch für diesen Text geltend gemacht. (Vgl. W 9, 303) Die zeitliche Raffung des Textes wie auch ein für Koeppens Verhältnisse leicht vereinfachter Sprachstil dürfte jedoch eher redaktionellen Vorgaben geschuldet sein. Zum Beispiel änderte Koeppen auf Wunsch des zuständigen Redakteurs die Kafka-Anspielung einer ihr Schwert in die Luft reckenden Freiheitsstatue mit Rücksicht auf die Leser um. (Vgl. W 9, 318) Ein Gegenbeispiel für die These von einem zu Lakonik und Verknappung neigenden Altersstil ist der Reisetext, den Koeppen als Nächstes publizierte. Während seines Aufenthaltes in New York hielt Koeppen eine Lesung im dortigen Goethe-Institut. Außerdem traf er nach langer Zeit seine ‚unglückliche Liebe’ Sybille Schloß wieder. Diese Begegnung steht in enger Beziehung zu Koeppens nächster Reise. Im Jahr 1987 fuhr er mit der Fotografin Nomi Baumgartl und der Journalistin Beatrice Morental nach Venedig, den Ort, den Koeppen erstmals mit Sybille Schloß im Jahr 1934 besucht hatte. Dieser biografische Hintergrund ist einer von mehreren Bezugspunkten für den assoziationsreichen und in bekannter parataktischer Manier verfassten Text Gestern in Venedig, der angereichert mit Fotografien von Baumgartl und flankiert von einem Artikel Morentals (vgl. W 10, 620) im Leader, der Beilage der schweizerischen Weltwoche, veröffentlicht wurde. Nicht nur Morental spielt in Kommentaren und Zitaten auf Koeppens ‚unglückliche Liebe’ an, auch in dessen Text finden sich Reminiszenzen an den damaligen Aufenthalt, der bereits in seinem Romanerstling Eingang gefunden hatte. Es ist ein komplexes Geflecht aus verschiedenen Ebenen; Vergangenes und Gegenwärtiges mischen sich.1086 Koeppens Reisegefährtinnen werden im Text zu „Mädchen“ (W 10, 350) und in einer Art Verdoppelung der einstigen Begleiterin gar zu „Sybillen“ (W 10, 351). Neben den biografischen Rückblenden und den literarischen Venedig- 1086 Koeppen griff beim Schreiben auf seine Venezianischen Fragmente (vgl. W 10, 316–330) zurück, die während der Zusammenarbeit mit Ferry Radax entstanden waren. Vgl. W. Erhart:. Das Scheitern moderner Literatur S. 234. 289 Verweisen (Casanova, Goldoni, Shakespeare, immer wieder Goethe) sind ein weiterer Fluchtpunkt die Dreharbeiten zu Ich bin gern in Venedig warum mit Ferry Radax, auf die es mehrere Anspielungen gibt, etwa in Form der Anekdote eines Katzenbisses (vgl. W 10, 357) oder durch Regie-Anweisungen eines anonymen Kamera- Auges und –Ohres, die Koeppen sagen, was er zu tun und wie er sich zu bewegen habe. Venedig wie auch New York waren für Koeppen bekanntes Terrain. Es waren Orte, in denen er nicht nur wie in den früheren Reisen den historischen und literarischen Denkmalen, sondern nunmehr auch den eigenen lebensgeschichtlichen Wegmarken nachspürte. Völliges Neuland eröffnete sich ihm jedoch kurz darauf. Im Frühjahr 1988 spendierte ihm Siegfried Unseld eine Reise nach Fernost. Pläne eines größeren Reisebuchs gab es seit längerer Zeit, bereits Henry Goverts wollte Koeppen auf eine Weltreise schicken. Auch wenn es keine Weltreise wurde, war es dennoch die größte Reise, zu der der hochbetagte Koeppen aufbrach: Am 28. Februar 1988 flog er von München über Genua nach Singapur und reiste knapp einen Monat lang mit der MS Odessa auf einer Kreuzfahrt über Indien, Sri Lanka, Singapur, Israel und Ägypten zurück nach Genua und von dort mit dem Flugzeug über Zürich nach München. Die mannigfachen Eindrücke auf Deck und an Land sollten einfließen in einen Roman, für den Koeppen mehrere Namen hatte, u. a. Das Schiff oder Petra. Koeppen wollte das 125 – 150 Seiten umfassende Buch während der Reise schreiben und hatte seinem Verleger eine Rechnung präsentiert, die natürlich nicht aufging: Er hätte ein Schiff entdeckt, das von Singapur nach Genua fahre, 21 Tage. Er würde jeden Tag fünf Seiten schreiben auf diesem Schiff, um dieses Projekt „Petra“ dann zu realisieren. Es begann damit, daß seine Schreibmaschine in einem zweiten Koffer war, den er nicht bekam, der im Schiffsbauch irgendwo versteckt war. Und es hat Tage gedauert, bis er überhaupt an seine Schreibmaschine kam. Und dann fing er an zu schreiben, und da haben sich die Leute rechts und links seiner Kajüte belästigt gefühlt. Auf einer Urlaubsreise wollten sie nicht das Tippen einer Schreibmaschine hören, und so hat er hier nur zu ganz wenigen Zeiten schreiben können, eigentlich gar nicht.1087 Koeppen kam unverrichteter Dinge zurück nach Deutschland und laborierte noch ein paar Jahre an dem Schreibprojekt. Es war geplant als „Schilderung einer Seereise, eine Reise der inneren Betrachtung“1088, der „zum Teil Phantasie und Fabulie- 1087 C. Haas / J. Rack: Ganz merkwürdige Hemmung.: Die Tageszeitung v. 19.3.1996. 1088 Tanja von Oertzen: Eine genaue Idee vom letzten Satz. Gespräch mit Wolfgang Koeppen: „Alles dauert entsetzlich lange und wandelt sich ständig“. In: Süddeutsche Zeitung v. 20.6.1991. 290 ren“1089 beigemischt war. Mehr noch von dieser Idee überzeugt als Koeppen selbst war sein Verleger, der, so Koeppen, sich „halb totgelacht [hat], als ich ihm von der Reise erzählte.“ (ES 249) Es waren gerade Koeppens Schilderungen seiner Mitreisenden, die auf Unseld besonderen Eindruck gemacht hätten. Aber in der Transformation des mündlich Erzählten in die literarische Gestaltung musste Koeppen feststellen, dass sie als literarische Figuren „nicht zum Lachen, sondern [...] nur langweilig“ (ES 249) seien. Noch bis zum Jahreswechsel 1991/92 sprach Koeppen von dem Romanprojekt, wenngleich er sich zunehmend verhaltener äußerte und Unseld als einzigen Grund angab, warum er überhaupt noch dabei blieb.1090 Auch dieses Vorhaben blieb unvollendet. Das Schiff sollte nicht in See stechen, nur zwei kleine Beiboote wurden zu Wasser gelassen, um im maritimen Bild zu bleiben. In der September-/Oktober-Ausgabe des Reisemagazins Geo Saison erschien Ich kam nie nach Petra, ein zwischen Erzählung und Reise-Essay anzusiedelnder Text1091 seiner Reise mit dem Schiff von Singapur nach Jordanien. Zwischen Koeppen und der Redaktion von Geo Saison wurde eine weitere Fahrt vereinbart, um Petra dennoch zu erreichen. Zu dieser Fahrt kam es nicht. Damit der Beitrag dennoch zustande käme, schickte ihm der Verlag Gruner + Jahr Textmaterial über Jordanien und Petra. (Vgl. W 10, 623) Koeppen macht sich in Ich kam nie nach Petra die Polysemie des Wortes Petra zunutze. Petra ist im Text sowohl der Name der jordanischen Totenstadt als auch der Name der studentischen Freundin des Erzählers, die auf dem Schiff außerdem eine mondäne Doppelgängerin hat: eine schöne junge Unternehmertochter mit einem „schrillen, altklugen Lachen [...].“ Auf einen Tagesausflug mit den anderen Passagieren nach Petra verzichtet der ‚empfindsame Reisende’ dankend: „Ich wollte in Petra allein sein.“ (Beide Zitate: W 10, 364) Ein Ausflug in die Ruinenstadt auf eigene Faust scheitert an bürokratischen Hürden. Zurück an Deck, beschwört er vor dem Einschlafen das antike, biblische Petra in Gedanken herauf. (Vgl. W 10, 366–367) Phantasie und Fabulieren enthält auch der Text Sodom. Der magische Ort, der ein Jahr nach Petra in Geo Saison erschien. Beschrieben wird der Versuch einer Fahrt von der südisraelischen Stadt Elat zum biblischen Ort Sodom. Ob und wo diese 1089 Jürgen Holwein: Als Flaneur in den Himmel gehen. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen. In: Stuttgarter Zeitung v. 5.10.1988. 1090 Vgl. A. Müller: Ich riskiere den Wahnsinn. In: Die Zeit v. 15.11.1991; René Ammann: Stiller Ulysses. 15 Jahre nach dem Erscheinen seines letzten Werkes meldet sich ein legendärer Schriftsteller wieder zu Wort: Wolfgang Koeppen, 85, mit seiner Erzählung „Es war einmal in Masuren“. In: Tages-Anzeiger und Berner ZeitungBZ. Das Magazin v. 20./21.12.1991. 1091 Ein früheres Typoskript des Textes trägt den Titel „PETRA / aus einem Roman von Wolfgang Koeppen“ (W 10, 625). Dass sich der Titelzusatz in der gedruckten Fassung nicht wiederfindet, hängt vielleicht auch mit dem Publikationsort zusammen und trägt dazu bei, die Gattungsgrenze in Richtung Reise-Essay zu verschieben. (Vgl. W 10, 582). Walter Erhart bezeichnet Ich kam nie nach Petra wie auch Sodom. Der magische Name als „Erzählungen“. (W. Erhart: Das Scheitern moderner Literatur. S. 395). 291 Stadt existierte, ist bis heute unklar. Koeppen macht sich in seiner Reisefantasie die Theorie zunutze, wonach Sodom am Toten Meer gelegen haben könnte. Mit einem Mietwagen kommt der Reisende in Sodom an, allerdings muss er feststellen, dass es sich um ein (tatsächlich existierendes) Industriegebiet mit dem Namen Sodom bzw. Sedom handelt, in dem Mineralien abgebaut und Salz aus dem Meer gewonnen werden.1092 Nach dieser Enttäuschung führt die Suche nach dem biblischen Sündenort in „eine American Bar zu Lots Töchtern“, „ein Manhattan für arme Leute.“ (Beide Zitate: W 10, 369) Zu den Lokalgästen gehören israelische Studentinnen und Soldatinnen, die mythisch zu „Jael und Miriam“ überhöht und als „Töchter Lots“ (Beide Zitate: W 10, 370) in ein erotisches Licht gerückt werden. Bei Tagesanbruch nehmen die beiden Frauen den Besucher mit in die Höhle Lots, wo dieser der Salzsäule von Lots Ehefrau ansichtig wird. Wie schon in Ich kam nie nach Petra spielt Koeppen mit der Homophonie von Ortsnamen: Von der Höhle Lots fährt der Reisende in die Stadt Lod, von wo er zurück nach München fliegt. (Vgl. W 10, 370–371) Das Schiff kam wie erwähnt nicht. Dafür tat sich eine andere Publikationsmöglichkeit auf: Koeppens Filmtext zu Ich bin gern in Venedig warum hatte Unseld und Suhrkamp-Lektorin Elisabeth Borchers auf die Idee gebracht, ihn als „schönes, gebundenes Buch [zu] bringen“ ohne die Kombination mit Bildern aus dem Film, wie es vorher im Verlag erwogen wurde. Unseld schickte Koeppen das Manuskript, wohlweislich mit der Bitte, nicht auf den Gedanken zu verfallen, „diesen Text zurückzuhalten, um einen neuen zu schreiben.“ (Beide Zitate: KU 507) Koeppen, der mit dem Film seinerzeit unzufrieden war, zeigte sich im Antwortschreiben vom 24. Mai von dem Plan wie auch von seinem Text angetan. (Vgl. KU 508) Als schmaler Einband kam Ich bin gern in Venedig warum 1994 in den Buchhandel. Die Buchfassung ist mit den gesprochenen Texten im Film nicht vollständig identisch. Der Suhrkamp Verlag stellte die Filmtexte Koeppens in einem Verlagsprospekt als „Erinnerungen“1093 vor. Dies legt die Rezeptionsvorgabe nahe, das Buch zu den eher autobiografischen Werken und weniger zu den reiseliterarischen Arbeiten zu zählen. Mehrheitlich folgten die Kritiker dieser Einschätzung. Ihre Reaktionen auf das Buch fielen im Unterschied dazu sehr gemischt aus. Die einen sahen in dem Buch „ein Kleinod melancholischer Dichtung“1094, „Prosaminiaturen eines wirklichen Dichters“1095 und lobten die „formvollendete, knappe Prosa von komplexer 1092 http://www.britannica.com/place/Sedom (abgerufen am 21. Januar 2018). 1093 Verlagsprospekt Ich bin gern in Venedig warum (Kopie). Ich danke dem Deutschen Literaturarchiv Marbach für die Verwendung. 1094 Dierk Wolters: Morbidezza des Lebens. Das Venedig des Wolfgang Koeppen: Ortsbeschreibung als innere Biographie. Ein Kleinod melancholischer Dichtung. In: Neue Zeit v. 27.4.1994. 1095 Armin Ayren: Schönes Exil. Koeppens Venedig-Bändchen. In: Stuttgarter Zeitung v. 19.8.1994. In seinem Nachruf auf Koeppen zwei Jahre später war das Wohlwollen der ernüchternden Beobachtung gewichen, das Buch zeige „ein deutliches Nachlassen der Schaffenskraft [...].“ (Armin Ayren: Kühn, großartig und seiner Zeit oft weit voraus. Der 292 Schönheit [...].“1096 Die anderen hielten es für „autobiographisches Stück-Werk“1097, sprachen von „gepflegten Banalitäten“1098, die „voll von leeren Worten“1099 seien oder verschmähten es als „Ansichtskarten-Prosa [...].“1100 So war Ich bin gern in Venedig warum neben dem ohnehin nicht erwartbaren kommerziellen Erfolg auch kein größerer Kritikererfolg beschieden. 18.2 Prosaskizzen / kleinere Erzählungen In Ich bin gern in Venedig warum wird wie in anderen Werken Koeppens die Mühseligkeit und Vergeblichkeit des Schreibens inszeniert. So auch in dem kurz nach Koeppens 80. Geburtstag im Zeit-Magazin erschienenen, zu drei gleich langen Abschnitten arrangierten Text Ich über mich.1101 Es sind drei kleinere Szenen, die in Koeppens Wohnung spielen und rasch über das realistische Setting hinausweisen in die Vorstellung oder die Erinnerung. Anfangs wird eine Schreibszene beschrieben: Leere, unbeschriebene Blätter liegen auf dem Schreibtisch. Beschworen wird die bedrohliche Präsenz eines unsichtbaren Anderen. (Vgl. dazu GW 5, 286) Die Szenerie wechselt im nächsten Absatz zu Koeppens im Krieg verlorener Bibliothek, von der ihm nur eine Plastik1102 geblieben ist. Im dritten Absatz wird ein Schreibversuch unternommen mit einer elektronischen Schreibmaschine. Der Blick wandert hinaus in die winterliche Isarlandschaft und findet einen auf der Straße campierenden Clochard, dessen Bett von vorübergehenden Passanten angezündet wird. In der Ausgabe vom 25. April 1992 brachte die FAZ in ihrer Beilage Bilder und Zeiten ein weiteres „Triptychon“ von Wolfgang Koeppen: drei Prosaminiaturen, deren offenbare Gemeinsamkeit eine stark autobiografisch gefärbte Darstellung „deutsch-jüdischen Lebens kurz vor dem Ausbruch des Faschismus“1103 ist, große Stilist Wolfgang Koeppen ist kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag gestorben. In: Stuttgarter Zeitung v. 16.3.1996). 1096 Gregor Seferens: Fische für Sadisten. Wolfgang Koeppen: „Ich bin gern in Venedig warum“. In: General-Anzeiger v. 26./27.3.1994. 1097 Martin Meyer: Auch er in Venedig. Ein Prosastück von Wolfgang Koeppen. In: Neue Zürcher Zeitung v. 26.4.1994. 1098 Joachim Campe: Gepflegte Banalitäten. Wolfgang Koeppen über Venedig. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 3.9.1994. Siehe auch: Reinhard Tschapke: Auf den Kanälen des Lebens. Zwischen Gondel und Goldoni – mit Wolfgang Koeppen nach Venedig. In: Die Welt v. 9./10.4.1994. 1099 Wolfgang Minaty: Fisch in Venedig. In: Deutsche Tagespost v. 6.8.1994. 1100 Paul Jandl: Déjà-vu in Venedig. Ansichtskarten-Prosa von W. Koeppen. In: Die Presse v. 30.4.1994. 1101 Vgl. Wolfgang Koeppen: Ich über mich. In: Die Zeit v. 4.7.1986. 1102 Gemeint ist allem Anschein nach die Bronze-Plastik des ‚Lachenden’. Siehe die Abbildung in G. Häntzschel / H. Häntzschel: Ich wurde eine Romanfigur. S. 71. 1103 Beide Zitate: H. Detering: Wolfgang Koeppens späte Kurzprosa. S. 109. 293 wodurch sich eine thematische Nähe zu den ungefähr zeitgleich publizierten Littner-Memoiren ergibt. Das erste Prosastück Berlin enthält Reminiszenzen an Koeppens Zeit in der Hauptstadt, die Tätigkeit für den Berliner Börsen-Courier und vor allem kurze Begegnungen mit dem 50 Jahre zuvor ermordeten jüdischen Regisseur Moritz Seeler.1104 In Der Freund geht es um die Freundschaft zu einem jüdischen Mitschüler, einen „Raufbold“1105, den der Erzähler bei einer Rückkehr nach Ortelsburg um das Jahr 1931 herum („die SA marschierte schon“1106) wiedersieht und der ihm mitteilt, weggehen zu wollen. Die jüdische Hochzeit schließlich ist der Rückblick des Erzählers als 5-jähriges Kind1107, wie er mit der Mutter nach Thorn zu einer jüdischen Hochzeit aufbricht. Diese endet für ihn dadurch, dass er die ihm vorgesetzte koschere Zwiebelspeise ablehnt, wofür er von einem gleichaltrigen Mädchen geküsst wird. Diesen drei Texten wie auch Ich über mich tatsächlich gemein ist eine Verknappung und Verdichtung der Diktion, die Detering ob ihrer rhythmischen und melodischen Qualität als lyrische Prosa feiert.1108 Im Gegensatz zu Koeppens nächstem erzählerischen Zeitungsbeitrag. Am ersten Oktoberwochenende des Jahres 1993 wurde in der Süddeutschen Zeitung in der Reihe: Ein Mord, den jeder begeht Koeppens kurze Kriminalerzählung Auf dem Hochsitz publiziert.1109 Der Ich-Erzähler, ein weitgereister Theater- und Filmregisseur, kehrt zu einer Stippvisite zurück in seine kleinstädtische Heimat, wo er seinen alten Schulfreund Helmut wiedersieht. Schnell treten die grundlegenden Unterschiede der beiden Männer in Lebenswandel und Anschauungen zutage: Anders als der weltoffene und liberal eingestellte Ich-Erzähler ist Helmut ein provinzieller Philister, ein geistiger Nachfahre Diederich Heßlings mit reaktionären Ansichten und einem von seiner Zeit als Burschenschaftler herrührenden Schmiss im Gesicht. Als Staatsanwalt ein Anhänger von Law and Order, verachtet er den Grundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten’. Ihren Differenzen zum Trotz lädt Helmut seinen Gast für den nächsten Tag zur Jagd ein. Dieser nimmt die Einladung an, widerwillig zwar, aber auch mit dem Hintergedanken, vielleicht Inspiration für seinen neuen Film zu bekommen. Auf dem Hochsitz kommt es schließlich zum Streit, als Helmut einen Hirsch ins Visier nimmt und der Erzähler ihn daran hindern will, abzudrücken. In dem darauffolgenden Handgemenge fällt plötzlich 1104 Vgl. W. Koeppen: Auf dem Phantasieroß. S. 656–657. Bei Koeppen vergiftet sich Seeler nach der Ergreifung durch die Nationalsozialisten. Davon ist jedoch nichts bekannt. Vermutlich kam Seeler im Rigaer Ghetto um. 1105 Ebd. S. 658. 1106 Ebd. S. 658–659. 1107 Dass Die jüdische Hochzeit nicht streng autobiografisch ist, zeigt sich darin, dass der im Text erwähnte Halleysche Komet am 20. April 1910 am Himmel erschien. Zu diesem Zeitpunkt war Koeppen drei Jahre alt. Vgl. ebd. S. 660. 1108 Vgl. H. Detering: Wolfgang Koeppens späte Kurzprosa. S. 109–110. 1109 Wiederabgedruckt unter dem ursprünglichen Titel Im Hochsitz in: W. Koeppen: Auf dem Phantasieroß. S. 665–669. 294 ein Schuss, und Helmut ist tot. Der Erzähler schließt ironisch: „Ein Jagdunfall? Ein Frevel? Den Tod gebilligt? / Im Zweifel für den Angeklagten.“1110 Auf dem Hochsitz ist im Vergleich zu den späteren Arbeiten Koeppens relativ konventionell und geradlinig gehalten. Statt Geschichtsträchtigkeit und dem Spiel mit verschlungenen Assoziationen liegt hier das Augenmerk auf der linear verlaufenden Handlung und der sie abrundenden Pointe. Die Gegenüberstellung der Antagonisten ist sehr schematisch gehalten, gerade die Figur des Helmut ist wenig mehr als die Verkörperung eines antibourgeoisen Affekts. Leserreaktionen störten sich an (zoo-)logischen Ungereimtheiten in der Jagdszene.1111 Kommentatoren äußerten sich gegenüber Auf dem Hochsitz ziemlich verhalten. Kußmann spekulierte gar, dass Koeppens Erzähltext den Abdruck nur seinem Namen verdankte.1112 Es war der letzte, der von Koeppen zu Lebzeiten veröffentlicht wurde. 18.3 Coda Bis zum Grabesrande schreiben, das war, nach einem Wort Ernst Kreuders, auch Wolfgang Koeppens Vorstellung, die er bereits als 66-Jähriger vom Rest seines weiteren Lebens hatte.1113 Liest man seinen Briefwechsel mit Siegfried Unseld, gewinnt man den Eindruck, dass Koeppen diesem Motto tatsächlich nachstrebte, auch nachdem seine nachlassende Gesundheit dies eigentlich immer weniger gestattete. Zum Jahreswechsel 1993/1994 zeichnete sich ab, dass Koeppen beständiger Pflege bedurfte. Nach Aufenthalten in Sanatorien wurde er im Frühling 1994 im Seniorenheim Saul Eisenberg der Israelitischen Kultusgemeinde München untergebracht. Im Dezember 1995 folgte schließlich die Umquartierung in das Altenheim Leonhard Henninger Haus der Inneren Mission. Fast bis zuletzt klammerte sich Koeppen an seine Aufgabe als Schriftsteller, an sein „Fantasieroß“ (KU 515), auch weil er sich seinem Verleger verpflichtet fühlte, der ihn so ausdauernd „am Leben erhalten“ (KU 512) hatte. Im letzten Brief an Unseld vom 14. August 1995 heißt es fast trotzig: „ich werde dieses Buch und auch andere Bücher fertig schreiben. Lasse mich das schreiben, störe mich nicht.“ (KU 516) Doch die große Autobiografie, „bunt, lebendig, traurig“ (KU 512), die Koeppen Unseld versprach, gelang ihm nicht mehr. Als letztes Buch zu Koeppens Lebzeiten wurde im Jahr 1995 die Interviewsammlung Einer der schreibt publiziert. In seinem letzten Interview sagt Koeppen: „Ich finde, man soll das Leben in dieser Welt aushalten bis zum Ende. Kein Happy-End.“ (ES 263) 1110 Ebd. S. 669. 1111 Vgl. die Leserbriefe in der Süddeutschen Zeitung v. 20.10.1993. 1112 Vgl. H. Detering: Wolfgang Koeppens späte Kurzprosa. S. 109–110, Anm. 16; M. Kußmann: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich. S. 192. 1113 Vgl. A. Mechtel: Alte Schriftsteller in der Bundesrepublik. S. 67. 295 Wolfgang Koeppen starb am 15. März 1996 im Alter von 89 Jahren in München.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.