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17. Die Magie der Signatur. Koeppens Autorschaft bei Es war einmal in Masuren (1991) und Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch (1992) in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 269 - 286

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-269

Tectum, Baden-Baden
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269 17. Die Magie der Signatur. Koeppens Autorschaft bei Es war e inmal in Masuren (1991) und Jakob Lit tners Aufze i chnungen aus e inem Erdloch (1992) Bei einem Autor, dessen Werke vielmals Vergleiche mit dem Medium des Films herausgefordert haben1004, ist es nicht allzu abwegig, dass diese irgendwann auch für die Leinwand adaptiert werden. Das erste und bislang einzige Mal, dass ein Roman Koeppens verfilmt wurde, war im Jahr 1987. Peter Goedel, der Koeppen erstmals 1976 als Redakteur getroffen hatte, wollte aus Das Treibhaus einen Film machen. Koeppen sollte ursprünglich das Drehbuch liefern, aber wie es bei ihm oft zu gehen pflegte, verzettelte sich Koeppen in seinen Versuchen, den Stoff rigoros umzuschreiben.1005 Letztlich schrieb Goedel das Drehbuch selbst, er führte Regie und fungierte als Produzent.1006 Koeppen war dennoch nicht ganz unbeteiligt an der Adaption: Ein- und ausgangs des u. a. mit Christian Doermer, Jörg Hube und Hanns Zischler besetzten Films unterhält sich Koeppen mit Goedel auf den Rheinterrassen in Bad Godesberg über sein Buch. Der eigentlichen Handlung, die relativ eng an den Roman angelehnt ist, sind Archivaufnahmen aus Wochenschauen und Fernsehnachrichten sowohl aus der Adenauer- als auch der zeitgenössischen Kohlzeit einmontiert. Der hierdurch angestrebte dokumentarische und aktualisierende Effekt koinzidierte mit einem politischen Skandal, der sich nur wenige Wochen vor der Premiere von Das Treibhaus ereignete und in die jüngere bundesdeutsche Geschichte als die ‚Barschel-Affäre’ eingegangen ist.1007 Koeppen sah sich in seiner einstigen literarischen Diagnose des Politbetriebs bestätigt („Ich bin zu meiner Überraschung zu einer Art Kassandra geworden“, ES 200), wenngleich er sich eingestehen musste, dass die politische Realität seine „eigene poetische Wahrheit“ (W 5, unpaginierte Seite) sogar noch übertroffen hatte. (Vgl. ES 200) 1004 Vgl. Karl Prümm: „Ich weiß, man kann mit den Mitteln des Films dichten“. Kinematographisches Schreiben bei Koeppen. In: Treibhaus 1 (2005). S. 68–85; W. Erhart: „Es fallen einem Bilder ein“. 1005 Vgl. I. Denneler: Der wiederauferstandene Herr Keetenheuve. S. 178. Koeppen hatte, wie er mehrfach verlauten ließ, die Absicht, einen Nachfolger zu Das Treibhaus zu schreiben und die Hauptfigur Felix Keetenheuve auferstehen zu lassen. Dieser taucht auch in den nachgelassenen Fragmenten zu Tasso oder Die Disproportion auf. Vgl. ebd. S. 171. 1006 Das Treibhaus. Regie und Drehbuch: Peter Goedel. Bundesrepublik Deutschland: Peter Goedel Filmproduktion / WDR / BR / HR / SWF / Cult Film TV 1987. 95 Min. 1007 Im Vorfeld zu den Landtagswahlen 1987 ließ der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU) seinen Kontrahenten Björn Engholm (SPD) durch seinen Medienreferenten auf gesetzeswidrige Weise beschatten und denunzieren. Der Spiegel machte eine Woche vor der Wahl diese Machenschaften publik. Nachdem immer mehr Einzelheiten an die Öffentlichkeit gelangten, trat Barschel am 2. Oktober 1987 von seinem Amt zurück. Am 11. Oktober fand man ihn tot in der Badewanne eines Genfer Hotelzimmers auf. Ob es sich bei seinem Tod um einen Suizid oder einen Mord handelte, ist bis heute ungeklärt. 270 Der Film war 1988 für den deutschen Filmpreis nominiert, hatte bei der Preisvergabe allerdings gegen Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin das Nachsehen. Koeppen, der nur bedingt zufrieden mit der Verfilmung seines Buches war – er bemängelte die Darstellung des Privatlebens seiner Hauptfigur Keetenheuve (vgl. ES 202, 203) –, einigte sich mit Goedel auf eine weitere Zusammenarbeit. Den Anlass dazu gab eine Einladung zu einem Filmfest in Warschau im Jahr 1988. Koeppen äußerte seinen Wunsch, seine alte Heimat Ortelsburg, nunmehr Szczytno, wiederzusehen, musste die Reise aber kurzfristig absagen. Goedel fuhr alleine nach Warschau, und dann weiter nach Szczytno, wo er, von Koeppen versehen mit Notizen und Materialien, Fotos von der Stadt machte und diese bei seiner Rückkehr Koeppen zeigte. Daraufhin wurde der Plan für einen Fernsehfilm gefasst.1008 17.1 Orte l sburg – Szczytno (1990) Die Zusammenarbeit mit Goedel bedeutete für Koeppen lebensgeschichtlich ein Wiedersehen mit seiner zweiten Heimat und werkgeschichtlich eine Rückkehr zum Schauplatz seines zweiten Romans Die Mauer schwankt. Pläne, einen Film über Masuren zu drehen, hatte es bereits 19751009 und 1978 gegeben. Koeppen hatte, bedrängt von anderen Plänen und Geldnot, damals absagen müssen. (Vgl. KU 317–318) Doch nunmehr, elf Jahre später, wurde daraus Ernst. Koeppen sichtete die Aufnahmen, die Peter Goedel von seiner Reise aus Szczytno mitgebracht hatte, um Drehorte für den Film auszuwählen, der zunächst unter dem Arbeitstitel ABC in Masuren firmierte. Ursprünglich sollte Koeppen nicht nur die Dreharbeiten begleiten, sondern auch vor der Kamera zu sehen sein. Mit dem 16-jährigen Pawel Kowalczyk wurde ein Einheimischer aus Szczytno gecastet, der sowohl sich selbst als auch das jugendliche Alter Ego Koeppens darstellen sollte. Im Frühjahr 1989 verfasste Koeppen ein Skript, das Drehorte und skizzenhafte Szenenbeschreibungen enthält und Goedel als Vorlage für die Dreharbeiten in Szczytno diente. Diese mussten schließlich ohne Koeppen stattfinden, da ihn eine Krankheit von der Reise nach Polen abhielt.1010 Goedel brachte Koeppen den Rohschnitt mit nach München und besprach mit diesem die Reihenfolge der Szenen. Assistiert von seiner vom Suhrkamp Verlag bezahlten Mitarbeiterin Sabine Thomas arbeitete Koeppen im Frühjahr 1990 an dem Text zum Film, den er nachher einsprach. Gedreht wurde abschließend in Koeppens Münchner Wohnung, sodass Koeppen auch im fertigen Film zu sehen ist. Unter dem Titel Ortelsburg – 1008 Vgl. Peter Gödel [!]: Meine Filmarbeit mit Koeppen. In: Flandziu 3 (Dezember 2006). H. 5. S. 123–126. 1009 Vgl. W. Erhart: „Es fallen einem Bilder ein“. S. 320. 1010 Vgl. Sabine Thomas: Mit Koeppen in die Disco und anderswo. Oder: Der Amaryllis- Mord. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 3 (2006). S. 181– 185, hier S. 184. 271 Szczytno. Es war einmal in Masuren1011 wurde dieser am 24. Juni 1990 auf dem Münchner Filmfest uraufgeführt.1012 Wie der ursprüngliche Titel ABC in Masuren andeutet, handelt der Film zu großen Teilen von Koeppens Schulzeit in Ortelsburg, speziell den Jahren zwischen 1915 und 1919. Die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit des Ortes Ortelsburg (Szczytno) wird quasi vexierartig in die polnische Gegenwart des Jahres 1989 gespiegelt. Vergangenheit und Gegenwart vereinen sich in der Figur von Pawel Kowalczyk, der mal in den Matrosenanzug des jungen Koeppen schlüpft, mal sich selbst, einen einfachen polnischen Jugendlichen, spielt. Der Umgang Koeppens mit seinen masurischen Erinnerungen – dies signalisiert bereits die im Untertitel platzierte Incipit-Formel des Märchens („Es war einmal“) – ist relativ frei und hält sich nicht immer an die Tatsachen.1013 Der Filmtext erschien bei Suhrkamp unter diesem Märchentitel und hob sich bereits auf diese Weise von der Vielzahl der Erinnerungsbücher über Ostpreußen ab, die in der Wende- und unmittelbaren Vorwendezeit aufgelegt wurden.1014 17.2 Es war e inmal in Masuren (1991) Die Idee, den Text zum Film als Buch zu veröffentlichen, kam von Peter Goedel1015, der im Herbst 1990 das Drehbuch zur Prüfung an den Suhrkamp Verlag schickte. (Vgl. KU 488, Anm. 1) Dieser erteilte grünes Licht für eine Veröffentlichung, doch als das Buch genau ein Jahr darauf herauskam, hatte der Initiator allen Grund, verstimmt zu sein. Denn der schmale, außerhalb der gängigen Taschenbuchreihen publizierte Band Es war einmal in Masuren war der Aufmachung zufolge eine reine Einzelleistung Koeppens.1016 Umschlag und Titelei nannten Koeppen als alleinigen Autor ungeachtet der Passagen, die aus Gesprächen Goedels mit Pawel 1011 Ortelsburg – Szczytno. Es war einmal in Masuren. Regie: Peter Goedel. Bundesrepublik Deutschland: Peter Goedel Filmproduktion / BR / WDR 1989/1990. 82 Min. 1012 Vgl. I. Denneler: Verschwiegene Verlautbarungen. S. 116, Anm. 264, S. 162–163; N. Royon: Wiederkehr im Wort. S. 76–77. 1013 Vgl. Miros aw Ossowski: Wolfgang Koeppen und Ortelsburg. In: Danzig und der Ostseeraum. Sprache, Literatur, Publizistik. Hrsg. v. Holger Böning / Hans Wolf Jäger / Andrzej K tny / Marian Szczodrowski. Bremen: edition lumière 2005 (Presse und Geschichte – Neue Beiträge 16). S. 253–276. 1014 Z. B. Peter Jokostra: Heimweh nach Masuren. Jugendjahre in Ostpreußen (1982, 3. Aufl. 1988), Marion Gräfin Dönhoff: Kindheit in Ostpreußen (1988), Esther von Schwerin: Kormorane, Brombeerranken. Erinnerungen an Ostpreußen (1986, ungekürzt 1989), Herbert Reinoß: Jugendjahre in Ostpreußen (1989), Alexander Fürst zu Dohna- Schlobitten: Erinnerungen eines alten Ostpreußen (1989). 1015 Vgl. Peter Goedel: Bruchstücke der Erinnerung. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 3 (2006). S. 175–179, hier S. 178. 1016 Wolfgang Koeppen: Es war einmal in Masuren. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991. 272 Kowalczyk stammen.1017 Dass der Text eigens für einen Film geschrieben wurde, fand mit keiner Silbe Erwähnung. Goedel zeigte sich vom Suhrkamp Verlag tief enttäuscht und ließ sich auch nicht beschwichtigen, als der Auflage nachträglich ein Einlegeblatt beigefügt wurde, die auf den Film verwies. Handelte es sich um ein Versehen? Immerhin wurde Goedel noch im Verlagsprospekt zu Es war einmal in Masuren erwähnt.1018 Anders betrachtet, kommt es den Interessen des Verlags durchaus entgegen, einer Neuerscheinung nichts als den klingenden Namen eines angesehenen, wenn auch nicht allbekannten Autors aufzuprägen. Suhrkamp setzte – ähnlich wie bei den größeren Brecht-Ausgaben, die über die Mit- und Zuarbeiter Brechts geflissentlich hinwegsehen1019 – auf das Konsekrationskapital Koeppens, und dieses wirkt, so zynisch es klingt, stärker ohne den Zusatz anderer Beteiligter, zumal wenn sie im Gegensatz zu Koeppen über keinen ‚Namen’ verfügen, der im literarischen Feld symbolische und langfristig gesehen ökomische Profite verspräche. Dieser Signatureffekt (vgl. RK 239) fällt umso mehr ins Gewicht, als sich dem Verlag nach fünf Jahren ohne Novität die Gelegenheit bot, endlich wieder ein neues Buch Koeppens vermarkten zu können. Dass dabei ein maßgeblich Beteiligter auf der Strecke blieb, war nicht folgenlos: Peter Goedel schaltete einen Rechtsanwalt ein und erwirkte, dass der Verlag sich bereit erklärte, seinen kreativen Anteil an dem Buch in späteren Editionen zu würdigen; die Autorschaft Koeppens blieb dabei unangetastet. Die schnell nachgeschobene zweite Auflage enthielt im Impressum den Hinweis: „Als Film eingerichtet von Peter Goedel“1020. Dieser Zusatz fand sich später ebenfalls im Schmutztitel der Taschenbuchausgabe von 1995, die zusätzlich mit Filmstills angereichert war und so den organischen Zusammenhang mit dem Film auch im Textteil dokumentierte.1021 Der Suhrkamp Verlag zog aus dieser Angelegenheit die Konsequenzen, indem er in der Buchfassung von Ich bin gern in Venedig warum (1994) nach dem Inhaltsverzeichnis einen „Hinweis auf den Film“1022 von Ferry Radax abdruckte. Bei Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch dagegen setzte er wieder ganz auf die Karte Koeppen, doch dazu später mehr. 1017 Vgl. ebd. S. 16–17, 54. Die Maßnahme, die Zitate Pawel Kowalczyks ohne Kenntlichmachung im Manuskript zu integrieren, geht offenbar auf eine Anregung Siegfried Unselds zurück. Vgl. KU 488 sowie W. Erhart: Das Scheitern moderner Literatur. S. 363–365. Für Erhart ist Es war einmal in Masuren „ein hybrider literarischer Text, der seine Herkunft und seine mediale Heterogenität verleugnet und durch die Autorfunktion eines zuletzt vom Verlag hergestellten Buches ersetzt.“ (Ebd. S. 364). 1018 Unter der Titelanzeige heißt es in kleinerer Schrifttype: „Ein Filmbuch, / eingerichtet von Peter Goedel“. (Verlagsprospekt Es war einmal in Masuren. Eine Kopie wurde mir dankenswerterweise vom Deutschen Literaturarchiv Marbach zur Verfügung gestellt.). 1019 Vgl. P. Michalzik: Unseld. S. 283–285. 1020 Wolfgang Koeppen: Es war einmal in Masuren. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991. 2. Aufl. 1021 Vgl. Wolfgang Koeppen: Es war einmal in Masuren. Als Film eingerichtet von Peter Goedel. Mit 35 Fotografien. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995 (st 2394). 1022 W. Koeppen: Ich bin gern in Venedig warum. Unpaginierte Seite. 273 Die Kritik nahm das Masuren-Buch freundlich auf und ließ – was bei der Vorgeschichte begreiflich war – bis auf wenige Ausnahmen völlig außer Acht, dass es auf einem (fast) gleichnamigen Film basiert. Diese einseitige Sicht auf den Text allein, das Ausblenden seiner Intermedialität, hat zu reduktionistischen Befunden geführt, die sich ebenfalls in der literaturwissenschaftlichen Befassung mit Es war einmal in Masuren finden lassen. Von Kritikern und Wissenschaftlern gleichermaßen hervorgehoben wurden die Fragmentierung, die Aussparungen, die Kargheit der Sprache, gerade im Vergleich mit dem sinnlichen Prosastil der früheren Arbeiten Koeppens.1023 Aus dieser Beobachtung sind verschiedene weitreichende Schlüsse gezogen worden. Zum einen Mutmaßungen über die Mühseligkeit des Erinnerns, die eine nachlassende Produktivität Koeppens implizierten.1024 Zum anderen die These von einem Spätstil Koeppens, der geprägt sei von einer nüchternen Diktion und relativ kurzen Satzperioden, die sich merklich vom üppig-kaskadierenden Stil der Nachkriegsromane und Reise-Essays abhöben. Einigermaßen erstaunlich ist, dass auch in späteren Forschungsarbeiten abgesehen von Walter Erharts großer Koeppen-Monografie1025 der Filmtextcharakter wenig bis gar nicht berücksichtigt worden ist.1026 Zu fragen wäre, welche Beziehung besteht zwischen der zur Verknappung tendierenden Sprache des Textes und der Bildsprache des Films. Zu bedenken wäre, ob ein in gewählten Metaphern und Adjektiven schwelgender Off- Kommentar nicht überladend wirken würde, ob die Schnittfolge nicht den eigentlichen Takt vorgibt für Koeppens sprachliche Gestaltung, ob mit anderen Worten die Ökonomie der Bilder nicht eine spezifische Ökonomie der Sprache notwendig macht, einer Ökonomie der Sprache, der Koeppen mit seinem Filmtext schließlich Rechnung getragen hat. 1023 Vgl. Helmut Koopmann: Ortelsburg bei Allenstein. Wolfgang Koeppens Zurückreise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 8.10.1991; Iris Denneler: Eine Spanne Zeit von 70 Jahren zwischen Kindheit und Gegenwart. In: Der Tagesspiegel v. 1.12.1991. Auch Lothar Bunn fiel in einem frühen literaturwissenschaftlichen Versuch über Es war einmal in Masuren die sprachliche Kargheit auf: „Koeppen hat seine neueste Prosa auf das Mindestmaß verknappt.“ (Lothar Bunn: Wolfgang Koeppen: Es war einmal in Masuren. Eine Einordnung in das Gesamtwerk. In: Runa 15–16 [1991]. S. 117–129, hier S. 127). 1024 So heißt es etwa bei Treichel: „Und es ist unübersehbar: die Lücken des Textes, die leeren Stellen sind noch größer geworden, die Arbeit des Erinnerns ein noch schwieriger, wenn auch keinesfalls vergeblicher Kampf gegen das Vergessen.“ (Hans-Ulrich Treichel: Last und Lust des Erinnerns. Wolfgang Koeppens Prosafragment „Es war einmal in Masuren“. In: Freitag v. 15.11.1991) Jahre später sprach noch Erhart von Koeppens „allmählich versiegender Produktivität.“ (W. Erhart: „Es fallen einem Bilder ein“. S. 314). 1025 Vgl. W. Erhart: Das Scheitern moderner Literatur. S. 359–372. 1026 Vgl. Heinrich Detering: Der Kaiser hinter dem Vorhang. Narrative Identitätskonstruktion in Wolfgang Koeppens „Es war einmal in Masuren“. In: Kulturelle Identitäten in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Heinrich Detering / Herbert Krämer. Frankfurt am Main: Lang 1998 (Osloer Beiträge zur Germanistik 19). S. 143–156; Michael Geiter: „Der Humorist geht gleich dem Raubtier stets allein“. Wolfgang Koeppen im Lichte Sören Kierkegaards. Freiburg im Breisgau; Berlin; Wien: Rombach 2010 (Rombach Wissenschaften. Reihe Cultura 49). S. 239–284. 274 Zu den wenigen zeitgenössischen Ausnahmen, die auf Goedels Film verwiesen, gehören zwei Rezensenten, die sich später in einem literaturwissenschaftlichen Rahmen mit Es war einmal in Masuren auseinandersetzten: Matthias Kußmann räumte in den Badischen Neuesten Nachrichten ein, dass für den uneingeweihten Leser das Textverständnis ohne Kenntnis des Films mitunter schwierig sein könnte.1027 Iris Denneler dagegen hält den dazugehörigen Film sowohl für die Rezeption als auch für die Produktion des Textes für eine zu vernachlässigende Größe: „Ich kenne den Film nicht, ich weiß auch nicht, ob er die Langsamkeit der Erzählweise, das Schweigen, die Lücken zwischen den Erinnerungsbruchstücken spiegelte. Ich brauche den Film nicht, so wie der Autor die Bilder wohl nicht mehr brauchte.“1028 Denneler revidierte ihre Meinung später, als sie das Buch wie auch den Film als „ein Gemeinschaftswerk, an dem viele beteiligt waren“, anerkannte. Ihr kritisches Urteil fiel dagegen nüchterner aus, Es war einmal in Masuren sei „eher ein Notizbuch als vollendete Prosa [...].“1029 Diesem reservierten Befund zum Trotz hat das schmale Werk innerhalb der Koeppen-Forschung einiges an Aufmerksamkeit und kritischer Würdigung erfahren. Man mag dies als Beispiel jener symbolischen Alchimie ansehen, die bereits dadurch zustande kommt, wenn ein Buch unter dem Namen eines anerkannten Autors zirkuliert. Dieser Effekt kommt bei einem Autor, der seit Jahrzehnten von größeren Arbeiten lediglich spricht und nur hie und da kleinere bzw. vermeintliche Nebenwerke veröffentlicht, freilich noch um einiges stärker zur Geltung. Neben dem Ansatz, das Buch als Märchen1030 oder als Reiseprosa zu diskutieren1031, besteht mittlerweile die Tendenz, es gemäß der Klassifizierung des Suhrkamp Verlags als „Erinnerungspoesie“1032 zu den eher autobiografischen Arbeiten Koeppens zu rechnen. Es war einmal in Masuren gilt manchen Interpreten als eine Art hellere Version von Jugend, in Übereinstimmung und Analogie zu den von Koeppen unterschiedlich erlebten ‚Jugenden’ in Greifswald und Ortelsburg. 1027 Vgl. Matthias Kußmann: Rückblende. Neues von Wolfgang Koeppen. In: Badische Neueste Nachrichten v. 21./22.12.1991. 1028 I. Denneler: Eine Spanne Zeit von 70 Jahren zwischen Kindheit und Gegenwart. In: Der Tagesspiegel v. 1.12.1991. 1029 Beide Zitate: I. Denneler: Verschwiegene Verlautbarungen. S. 163. 1030 Vgl. H. Detering: Wolfgang Koeppens späte Kurzprosa; N. Royon: Wiederkehr im Wort. S. 84–88. 1031 Vgl. M. Kußmann: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich. S. 166–167; N. Royon: Wiederkehr im Wort. S. 79, 82–84. 1032 Verlagsprospekt Es war einmal in Masuren. 275 17.3 Von Jakob Littners Mein Weg durch die Nacht zu Wolfgang Koeppens Aufzei chnungen aus e inem Erdloch Komplizierter ist die Frage der Autorschaft bei den Aufzeichnungen aus einem Erdloch bzw. Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch, unter welchem Titel das Buch 1992 veröffentlicht wurde. Jakob Littner (1883–1950) war ein in München ansässiger jüdischer Briefmarkenhändler mit polnischen Wurzeln, der 1938 von den Nationalsozialisten nach Polen ausgewiesen wurde und später nach Prag und weiter ins galizische Zbaraz (das heutige ukrainische Sbarasch) floh, wo er mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn in einem Keller knapp die Schoah überlebte. Nach dem Ende des Krieges kehrte Littner nach München zurück und schrieb binnen zwei Monaten einen Bericht über seinen Leidensweg. Über einen Anwalt ergab sich eine Verbindung mit dem Schriftsteller Rudolf Schneider-Schelde, der eine Schriftenreihe beim Verlag Kurt Desch herausgab und dort auch eigene Werke veröffentlichte. Schneider-Schelde las das Manuskript im Hinblick auf eine mögliche Publikation und kam zu dem Befund, dass erstens eine Bearbeitung „nach stilistisch-formalen Gesichtspunkten“1033 erforderlich wäre, und dass zweitens der Verlag Kurt Desch nicht infrage käme, da bei Desch bereits 1946 Ernst Wiecherts Totenwald erschien, ein Überlebensbericht, der künstlerisch wesentlich wertvoller einzustufen sei.1034 Schneider-Schelde stellte in Aussicht, einen anderen, etwas weniger bekannten Verlag zu gewinnen. Vermutlich im Jahre 1947 wurde schließlich eine Einigung mit dem Verlag Herbert Kluger erzielt. Erhalten hat sich lediglich ein leerer Durchschlag eines Vertragsformulars vom April jenes Jahres. Darin enthalten ist ein Passus, der eine „literarische Überarbeitung der Satzvorlage und deren Kosten“1035 regelt. Mit der Bearbeitung des littnerschen Manuskripts wurde der als Schriftsteller halb in Vergessenheit geratene Wolfgang Koeppen betraut, der später angab, für seine Textredaktion von dem mittlerweile in die USA emigrierten Littner mit „Care-Pakete[n]“ (ES 221) entlohnt worden zu sein, eine Auskunft, die mutmaßlich zu den vielen Halb- und Unwahrheiten gehört, die Koeppen bezüglich seiner Beteiligung an dem Littner-Text in Umlauf brachte. Wolfgang Koeppen war seit der Gründung, d. h. seit 1946, Lektor des Kluger Verlags. Zu den Publikationen dieses kurzlebigen Unternehmens gehörten neben Klassikerneuauflagen (Rousseau, Büchner, Zola) und einer Oscar-Wilde- Biografie zwei Autobiografien von Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung: Nacht und Nebel. Aufzeichnungen aus fünf Jahren Schutzhaft von Arnold Weiß- 1033 Zit. nach: Alfred Estermann: „... als eigene Publikation ganz indiskutabel“. Jakob Littners Versuche, seinen Erlebnisbericht zu veröffentlichen. In: Jakob Littner: Mein Weg durch die Nacht. Mit Anmerkungen zu Wolfgang Koeppens Textadaption. Hrsg. v. Roland Ulrich / Reinhard Zachau. Berlin: Metropol 2002 (Bibliothek der Erinnerung 8). S. 189– 198, hier S. 195. 1034 Vgl. ebd. S. 196. 1035 Zit. nach: Ebd. S. 197. 276 Rüthel (1946) und eben jener Bericht von Jakob Littner, den Koeppen zu bearbeiten hatte.1036 Erst mit dem Auftauchen des Urtextes von Jakob Littner im Jahr 1999 war gewiss, dass die Verlautbarungen Koeppens, den Bericht anhand von Notizen und mündlichen Äußerungen Littners geschrieben zu haben, nicht der Wahrheit entsprechen konnten. Durch die Publikation des Originalmanuskripts als eigenständiges Buch im Jahr 2002 war es dann auch für die Öffentlichkeit möglich, Koeppens eigentlichen Anteil an der späteren Kluger-Publikation nachzuvollziehen. Es zeigte sich, dass Koeppen ganze Passage der littnerschen Vorlage übernommen und zum Teil nur unwesentlich verändert hatte. Manche Passagen wurden von Koeppen gestrafft, andere Passagen dagegen wurden von ihm ausgebaut.1037 Optisch auffällig ist Koeppens Organisation des Textes in viele kleine Abschnitte, wodurch den Aufzeichnungen ein tagebuchähnlicher Charakter verliehen wird. Bezüglich der stilistischen Überarbeitung ist ein wesentlicher Aspekt Koeppens Versuch einer behutsamen Literarisierung. Durch intertextuelle Verweise auf moderne Autoren wie Kafka und Rimbaud steigerte Koeppen die Vorlage ins Metaphysische und Allgemeine.1038 Letztere Wirkung wird auch dadurch erzielt, dass er Namen von Opfern, die Littner um der Erinnerung willen ausschreibt, abkürzt oder ganz weglässt, gleiches gilt für Datumsangaben, die aus der Vorlage nicht übernommen wurden. Daneben, aber gleichzeitig auch mit dem Vorigen übereinstimmend, gibt es sehr augenfällige Veränderungen bzw. Hinzufügungen, die für Koeppens Modus Operandi charakteristisch sind: Zuvörderst die Motti, die er dem Buch voranstellt: Ein längeres Zitat aus Arthur Koestlers Emigrationsroman Arrival and Departure (1943, dt.: Ein Mann springt in die Tiefe) und ein kürzeres aus Our Threatened Values (1946, dt.: Unser bedrohtes Erbe) von Victor Gollancz, das sich für Versöhnung ausspricht und damit eine Intention transportiert, die sich bereits in Littners Vorlage findet.1039 Eine zweite Eigenheit Koeppens, die sein späteres Werk auszeichnen wird, ist der assoziative Titel. Littners Manuskript war überschrieben: Mein Weg durch die Nacht und hatte den sachlich klingenden Untertitel Ein Dokument des Rassenhasses. Von Koeppen stammte die Idee, den Titel des Berichts zu ändern in Aufzeichnungen aus einem Erdloch: „das klang etwas nach Dostojewski“1040 und weist auf Koeppens Neigung voraus, bereits im Titel klanghafte Anspielungen auf Werke der Weltliteratur unterzubringen. Doch Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhause bzw. seine Aufzeichnungen aus dem Kellerloch sollten nach seinen Vorstellungen 1036 Vgl. J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 263. 1037 Vgl. Roland Ulrich: Metamorphose eines Textes. Vom Report Jakob Littners zum Roman Wolfgang Koeppens. In: J. Littner: Mein Weg durch die Nacht. S. 199–208. 1038 Vgl. ebd. S. 204. 1039 „Möchten sich die Herzen doch alle, gleich, welcher Rasse und Religion versöhnen!“, gibt Littner dem Leser in der Einleitung mit auf dem Weg. (J. Littner: Mein Weg durch die Nacht. S. 13). 1040 Volker Hage: „Sie hat meinen Gruß nie erwidert“. Auszug aus einem bisher unveröffentlichten Interview mit Wolfgang Koeppen am 19. Juni 1991. In: Der Spiegel v. 19.6.2006. 277 nicht nur im Titel anklingen. „Ihm [...] schwebte das Tagebuch eines existenziellen Außenseiters im Stile der großen Konfessionen eines Hiob oder Dostojewski vor.“1041 Dies wiederum war aber überhaupt nicht das, was Littner beabsichtigte, dem es vielmehr ein Anliegen war, seinen umgekommenen Bekannten und Verwandten ein Denkmal zu setzen. Es ist offensichtlich, dass Littner mit den künstlerischen Freiheiten, die sich Koeppen in seiner Bearbeitung nahm, alles andere als einverstanden war. (Vgl. KU 265–266) Einer der gravierendsten Änderungen, die Koeppen vornahm, ist die Religiosität des Protagonisten. Aus dem gottgläubigen Littner aus Mein Weg durch die Nacht machte Koeppen einen ungläubigen Menschen, der erst durch seinen Leidensweg zum Glauben bekehrt wird, eine Verschiebung, die den Littner Koeppens bewusst fiktionalisiert.1042 Dass es zu Streitigkeiten zwischen Autor und Bearbeiter kam, dürfte auch entscheidend mit diesem Eingriff zu tun gehabt haben. Der Verleger Herbert Kluger musste schlichten, und dass das Ergebnis, das öffentlich wenig beachtete Buch Aufzeichnungen aus einem Erdloch1043 „ein etwas verkrampfter Kompromiss war“ (KU 266), deutet darauf hin, dass Koeppen ursprünglich auf eine noch stärkere Literarisierung abgezielt hatte. Aus dem ‚Dokument’ der littnerschen Vorlage wurde durch Koeppens Adaption eine „Dokumentar-Fiktion“1044. Der Jüdische Verlag unter dem Dach des Suhrkamp Verlags machte rund vier Jahrzehnte darauf einen ‚Roman’ daraus. 17.4 Vom Dokument zum Roman: Jakob Lit tners Aufze i chnungen aus e inem Erdloch Um die Veröffentlichung der Aufzeichnungen aus einem Erdloch als Roman Wolfgang Koeppens rankt sich ein weiterer Roman Koeppens um die Entstehung und die Autorschaftsanteile dieses Textes. Retrospektiv betrachtet entsteht der Eindruck, Koeppen habe seinen Anteil im Laufe der Zeit immer stärker betont und den Littners entsprechend immer mehr abgeschwächt. In den Siebzigerjahren hatte Koeppen vorgeschlagen, die Aufzeichnungen erneut herauszubringen. (Vgl. KU 262) Unseld gegenüber erklärte er: „Es stammt in dem kleinen Buch zwar jedes Wort von mir, aber im ganzen ist alles doch komplizierter.“ Wohl erwähnt er ein „nach den Ereignissen konstruierte[s] Tagebuch eines gänzlich unliterarischen Menschen“ (beide Zitate: KU 265), doch dass es sich dabei um ein fertiges Manuskript Littners handelte, das ihm als Vorlage diente, geht aus seiner Schilderung nicht hervor. In späteren Interviews sprach Koeppen nur noch von „Aufzeichnungen“ (ES 221) und „Notizen, die nicht viel taugten [...].“1045 Davon ist im Vorwort aus dem Jahr 1041 R. Ulrich: Metamorphose eines Textes. S. 203. 1042 Döring spricht sogar davon, dass Littner bei Koeppen zu einer Romanfigur werde. Vgl. J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 312. 1043 Jakob Littner: Aufzeichnungen aus einem Erdloch. München: Kluger 1948. 1044 J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 299. 1045 V. Hage: „Sie hat meinen Gruß nie erwidert“. In: Der Spiegel v. 19.6.2006. 278 1991 nicht mehr die Rede. Hier ist es nun der Verleger Herbert Kluger, der sich von den mündlichen Erzählungen Littners Notizen machte und diese an Koeppen weitergab.1046 1992 präzisierte Koeppen gegenüber der FAZ, die Notizen beständen „aus drei Zetteln, mit Daten und Namen vollgekritzelt [...].“1047 Den unterschiedlichen Graden, in denen Koeppen seinen kreativen Anteil geltend zu machen versuchte, stehen unterschiedliche Pläne gegenüber, den Littner-Text in Verbindung mit dem Namen Koeppens bei Suhrkamp zu veröffentlichen. Der erste stammte aus dem Jahr 1974 und hatte als Anlass das 25-jährige Jubiläum des Suhrkamp Verlags. Koeppens Vorschlag war, die Aufzeichnungen zu erweitern um eine Schilderung der Zeit zwischen 1945–48 und der Konfliktsituation zwischen ihm und Littner den Umfang der Bearbeitung betreffend. Koeppen kündigte an, hierfür 80 – 100 Schreibmaschinenseiten neu schreiben zu wollen. Auf sein ziemlich optimistisch kalkuliertes Vorhaben („Mit Hilfe einer Schreib-[Diktat-]Dame wäre dies in einem Monat zu schaffen“, KU 267) ließ sich Unseld aus leidiger Erfahrung allerdings nicht ein und machte den Gegenvorschlag, den Text in der ursprünglichen Form zu belassen und ihm lediglich ein Vorwort Koeppens vorauszuschicken. Angekündigt wurde der Text mit Jakob Littner als Autor und Koeppen als Herausgeber in Suhrkamps Verlagsvorschau für das zweite Halbjahr 19751048, erschien in dieser Form aber nie. Der Entschluss, den Überlebensbericht Littners unter Koeppens Namen, dazu noch mit der Gattungsbezeichnung ‚Roman’, zu veröffentlichen, muss irgendwann in den Achtzigerjahren gefallen sein. In einem Interview, das er der Tageszeitung Ende 1989 gab, erklärte Koeppen noch vorsichtig: „Ich habe sogar gedacht, mir es nun nochmal anzugucken, ob man das nicht in der Edition Suhrkamp machen könnte, nur ergibt sich dann eine sehr komplizierte Rechtslage wegen der Urheberrechte.“1049 Das mag ein versteckter Hinweis auf das Originalmanuskript Littners gewesen sein. Dass gerade dieser Satz in dem Interview-Band Einer der schreibt fehlt (vgl. ES 221), warf bei einigen Kommentatoren nach dem Publik-Werden des littnerschen Manuskripts Fragen auf. Der Herausgeber Hans-Ulrich Treichel führte als Erklärung an, dass seine Kopie des Interviews so schlecht gewesen sei, dass er auf den leicht gekürzten Abdruck im Falter zurückgegriffen habe, der eben jenen Satz nicht enthielt.1050 1046 Vgl. Wolfgang Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 1992. S. 5–6. 1047 Franz Josef Görtz: Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Die wahre Geschichte über Jakob Littner. In: Frankfurter Allgemeine Magazin v. 28.2.1992. 1048 Vgl. G. Häntzschel / H. Häntzschel: „Ich wurde eine Romanfigur“. S. 166. 1049 Margit Knapp Cazzola: Die entlegenen Orte der Erinnerung. Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen im Gespräch mit Margit Knapp Cazzola. In: Die Tageszeitung v. 11.11.1989. 1050 Vgl. Reinhard Zachau: Das Originalmanuskript zu Wolfgang Koeppens Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. In: Colloquia Germanica 32 (1999). H. 2. S. 115–133, hier S. 116; Gregor Dotzauer: Neues aus dem Erdloch. Hat Wolfgang Koeppen seinen „Jakob Littner“-Roman nicht ganz allein geschrieben? In: Der Tagesspiegel v. 25.8.1999; Hans- 279 Unterdessen hatte sich eine andere schwierige Rechtslage dadurch ergeben, dass der in Berlin ansässige Kupfergraben Verlag die Aufzeichnungen aus einem Erdloch 1985 nachdruckte. Da der Kluger Verlag keinen Rechtsnachfolger hatte, der hätte Regress fordern können, entschloss sich Unseld, die restlichen der ursprünglich 5.000 Exemplare aufzukaufen und dergestalt den Weg für eine Neuauflage im Hause Suhrkamp zu ebnen. (Vgl. KU 498) Anfang 1992 schloss Koeppen mit dem Suhrkamp Verlag einen Vertrag, der ihm ein Honorar von 10.000 DM einbrachte; verglichen mit den angeblichen Care-Paketen von einst ein immenser Kursgewinn. (Vgl. KU 497) Unseld riet Koeppen zu einer leichten und gleichzeitig erheblichen Titeländerung: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. (Vgl. KU 487) Der vorher ungenannte Wolfgang Koeppen wurde nunmehr zum Autor erhoben. Und der ursprüngliche Autor Jakob Littner sank hinab zum Titelhelden.1051 Passend zu dieser Verschiebung ist die neu vorgenommene Gattungszuschreibung: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch kamen als Roman heraus, wodurch der dokumentarische Hintergrund des Buches praktisch dementiert wurde.1052 Ein moralisch heikles Manöver in einer Angelegenheit, der, zumindest aufseiten Koeppens, bereits einige moralisch heikle Manöver vorausgegangen waren und die durch die Logik des literarischen Feldes wohl bis zu einem Grad begründet, nicht aber vollends legitimiert werden können. Siegfried Unseld erfuhr vermutlich erst im Jahr 1993 davon, dass ein vollständiges Manuskript Littners existierte, an dem sich Koeppen orientiert hatte. In zwei Briefen an den Suhrkamp Verlag erhob Littners Stiefsohn Richard Korngold Plagiatsvorwürfe gegenüber den ihm unbekannten Koeppen. Davor dürfte Unseld nur die Version seines Autors gekannt haben: Ein Lektor, der zunächst zum Ghostwriter und schließlich, des prosaischen Schreibauftrags überdrüssig, zum Schriftsteller wurde, der „das Denkbare für das Wirkliche“ (KU 266) setzte. Der Suhrkamp Verlag behielt sein Wissen um Littners Vorlage auch nach Koeppens Tod für sich. Erst das Aufspüren des Originalmanuskripts durch Reinhard Zachau im Jahr 1999 brachte den Verlag in Zugzwang. Zurück zu Koeppens Lebzeiten: Dass sein Name 1948 nicht in der Titelei auftauchte, hatte weniger mit seiner damals geringen Bekanntheit als Autor, sondern vielmehr damit zu tun, dass die Preisgabe eines Bearbeiters bzw. Ko-Autors, eines nichtjüdischen zumal, die Glaubwürdigkeit eines Augenzeugenberichtes nationalsozialistischer Gräuel in der unmittelbaren Nachkriegszeit massiv untergraben hätte. 1992 war die Situation grundlegend anders. Das Buch war ein (wenn auch vergessenes) Faktum. Die Neuigkeit von Koeppens Beteiligung als Ghostwriter war eine Trouvaille, den der Verlag als Coup inszenierte. So heißt es im Umschlagstext mit Bezug auf eine zeitgenössische Stimme: „Bruno E. Werner, der Ulrich Treichel: Der fehlende Satz – Anmerkungen zum Streit um den Littner-Roman. In: Der Tagesspiegel v. 3.9.1999. 1051 Koeppen bezeichnete den Littner der Aufzeichnungen einmal sogar als seine Romanfigur. Vgl. KU 494. 1052 Vgl. C. Haas: Eine Lektüre. S. 81. 280 diesen ‚Bericht aus dem Inferno ... in ergreifenden dichterischen Bildern’ in der Neuen Zeitung rezensierte, fragte: Wer ist der Autor? Erst nach 43 Jahren erlaubt der Autor, die Autorenschaft zu enthüllen. Der Verfasser ist kein anderer als Wolfgang Koeppen.“1053 Suhrkamp setzte auf das symbolische Kapital Koeppens, oder in anderen Worten, auf den Signatureffekt, den sein Name bewirkte. ‚Sein’ Buch wurde als werkbiografisches Scharnier vermarktet, das Vorkriegs- und Nachkriegswerk miteinander verbinde.1054 Die moralisch wie literaturwissenschaftliche strittige Umdeklarierung zum Roman war zum einen eine Emphase von Koeppens Fiktionalisierungsbemühungen und zum anderen eine im Vorgriff absatzsteigernde Maßnahme. Insofern könnte sie auch einer Einsicht Unselds geschuldet sein, dass hier die einzig verbliebene Möglichkeit vorlag, einen Roman Koeppens zu dessen Lebzeiten herauszubringen. Über die Gründe, die Koeppen zu diesem Schritt bewogen haben mochten, lässt sich nur spekulieren. Abgesehen von dem Beweggrund, dem Buch neue Leser zu erschließen, sind vor allem psychologische und materielle Motivationen angeführt worden: Ablenkung der literarischen Öffentlichkeit von seinen Publikationsengpässen, Linderung finanzieller Sorgen sowie eine zunehmend als drückend empfundene moralische Verpflichtung gegenüber seinem langmütigen Verleger.1055 Die damaligen Beweggründe, das Buch (um-)zu schreiben, hat Koeppen in seinem Vorwort aus seiner Sicht dargelegt. Der kurze Text ist der Kompromiss aus Koeppens Idee, die seinerzeitigen Begleitumstände metatextuell einzuflechten und Unselds Veto gegen dieses Schreibvorhaben seines Autors, dem er kein nahes oder auch nur glückliches Ende zutraute. Gleichzeitig erfüllt das Vorwort den Zweck, Koeppen als Autor der Aufzeichnungen einzusetzen.1056 Es ist eine Beglaubigung, dass das Folgende sein Werk ist, wobei sich diese Intention fast wortgetreu im Text wiederfindet. Das Vorwort enthält viele der Auskünfte Koeppens, die man seit einigen Jahren getrost als Legenden bezeichnen kann: von der Honorarzahlung in Form von Naturalien bis zur mündlichen Überlieferung der Erlebnisse Littners. Auch hat sich ein grober sachlicher Fehler eingeschlichen, denn das Littner „in Vernichtungslagern gequält“1057 worden sei, ist nicht korrekt.1058 Ein großer Kritik- 1053 W. Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch (Umschlagtext). Bei der zitierten Rezension handelt es sich um: Bruno E. Werner: Jakob Littner – Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Kurzrezension. In: Die Neue Zeitung v. 28.8.1948. 1054 Siehe den Umschlagtext. Bei der öffentlichen Vorstellung des Jüdischen Verlags hob Unseld in seiner Ansprache die Bedeutung der Aufzeichnungen für die späteren drei Romane der Fünfzigerjahre hervor: „Man wird Koeppens für die deutsche Literatur so bedeutsame Romantrilogie aus den 50er Jahren fortan anders lesen müssen: an ihrem Beginn steht das Protokoll eines deutschen Schriftstellers über die Verfolgung und Vernichtung von Juden.“ (Zit. nach KU 500, Anm. 3). 1055 Vgl. R. Ulrich: Metamorphose eines Textes. S. 207. 1056 Vgl. ebd. S. 200. 1057 W. Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. S. 5. 1058 Vgl. J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 328. 281 punkt in der späteren Diskussion um das Buch war jedoch folgender: Koeppen stilisiert sich zum Sprachrohr eines verfolgten Juden, dem es vor lauter Grauen die Sprache verschlagen habe.1059 Dadurch stellt er seinen Schreibauftrag in ein ethisches Licht. Für den Autor, der noch wenige Jahre zuvor für die NS-Filmindustrie gearbeitet hat, könnte diese Arbeit durchaus eine moralische Kompensation bedeutet haben. Döring vertritt die plausible These, dass Koeppens Beschweigen der Vorlage Littners dadurch motiviert gewesen sein könnte, „sein eigenes ethisches Verdienst als Auftragsautor besonders herauszustreichen.“1060 Koeppen schließt sein Vorwort mit einem lakonischen Absatz, der mehrdeutig ist: „Ich aß amerikanische Konserven und schrieb die Leidensgeschichte eines deutschen Juden. Da wurde es meine Geschichte.“1061 Dieser Satz lässt zweifellos die Deutung zu, dass ein Autor aus dem ‚Tätervolk’ (um diesen problematischen Begriff einmal zu gebrauchen) sich die Leidensgeschichte eines Juden zu eigen machen und sich damit der Opferseite zuzuschlagen versucht.1062 Allerdings kann der Formulierung „meine Geschichte“ zweierlei Bedeutung zugemessen werden. „Geschichte“ einerseits als ‚story’ und andererseits als ‚history’1063: Nach Detering könnte mit „Geschichte“ der fertige Text gemeint sein (‚story’), wie auch die gemeinsame Geschichte (‚history’) zwischen Koeppen und Littner, oder aber beides (‚story’ und ‚history’) zusammen in Form der Autobiografie Littners, mit der sich Koeppen im Prozess des Schreibens identifiziert habe.1064 Döring hingegen favorisiert die Lesart, dass „meine Geschichte“ nicht die Anmaßung einer fremden Lebensgeschichte impliziert, weil dem Einfühlungsvermögen bei der Enormität von Littners Schicksal Grenzen gesetzt gewesen seien. Vielmehr hebe Koeppen seine eigene schriftstellerische Leistung hervor, die darin bestehe, die Lebensgeschichte eines anderen (‚history’) in eine Geschichte (‚story’) transponiert zu haben.1065 1059 „Zurückgekommen in seine, von Bomben seiner Befreier zerstörten Stadt, meinte er Mörder zu sehen. Er wollte schreien, es würgte ihn aber nur.“ (W. Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. S. 6). 1060 J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 329. 1061 W. Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. S. 6. 1062 So argumentiert Basker anhand dieser und anderer Stellen des Vorworts. Vgl. David Basker: The Author as Victim: Wolfgang Koeppen, Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. In: Modern Language Review 92 (1997). S. 903–911. 1063 Vgl. Jakob Hessing: Spiegelbilder der Zeit – Wolfgang Koeppen und Ruth Klüger. In: In der Sprache der Täter. Neue Lektüren deutschsprachiger Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Hrsg. v. Stephan Braese. Opladen; Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S. 103–155, hier S. 106. 1064 Vgl. H. Detering: Der Kaiser hinter dem Vorhang. S. 155, Anm. 20. 1065 Vgl. J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 336–337. 282 17.5 Publikationsrahmen, -echo und Nachspiel Es ist auffallend, mit welcher Regelmäßigkeit die Zeitgeschichte mit Koeppens abgeschlossenen Projekten zwischen 1987–92 koinzidierte. Fiel die Treibhaus- Verfilmung mit der Barschel-Affäre, das Masuren-Projekt mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zusammen, so war die Littner-Veröffentlichung angesichts rassistisch motivierter Anschläge auf Ausländerwohnheime im sächsischen Hoyerswerda und später anderer west- wie ostdeutscher Städte von trauriger Aktualität im wiedervereinigten Deutschland.1066 Um die Publikation von Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch möglichst breitenwirksam zu gestalten, wurden verschiedene Maßnahmen getroffen. Wolfgang Koeppen gab Franz Josef Görtz von der FAZ ein Exklusivinterview, das in einen mehrseitigen Artikel im Magazin der FAZ einfloss.1067 Als Erscheinungsort für das Buch wurde nicht das reguläre Belletristikprogramm und auch keine der einschlägigen Reihen des Suhrkamp Verlags ausgewählt. Scheinbar spontan entstand die Idee, die Aufzeichnungen im Jüdischen Verlag1068 herauszubringen, an dem Suhrkamp im Jahr 1990 51% der Anteile erworben hatte. Die Übernahme passte gut ins Profil, war doch von jeher die Pflege deutschjüdischer Geistestradition durch Autoren wie Walter Benjamin oder Gershom Scholem wichtiger Eckpfeiler von Suhrkamps Verlagspolitik. Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch gehörte zu den ersten Veröffentlichungen des Jüdischen Verlags im Suhrkamp Verlag. Anlässlich der öffentlichen Vorstellung in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main stellte Marcel Reich-Ranicki das Buch vor. Siegfried Unseld hatte in seiner Ansprache zuvor darauf hingewiesen, Koeppen habe ursprünglich verfügt, dass die Littner-Aufzeichnungen aus seinem Nachlass erscheinen sollten. Erst die Übernahme des Jüdischen Verlags habe ihn umgestimmt und spontan in eine Veröffentlichung einwilligen lassen. (Vgl. KU 500, Anm. 3) Diese Darstellung erscheint angesichts früherer Veröffentlichungspläne allerdings wenig glaubhaft. 1066 Bei Angriffen auf ein Flüchtlingswohnheim und ein Wohnheim für ausländische Vertragsarbeiter im September 1991 in Hoyerswerda wurden mehrere Menschen verletzt. An vier aufeinander folgenden Tagen im August 1992 kam es zu pogromartigen Angriffen auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen sowie schweren Auseinandersetzungen zwischen Einsatzkräften der Polizei und Rechtsradikalen. Bei Brandanschlägen auf von türkischen Familien bewohnte Häuser in Mölln starben im November 1992 drei Menschen, neun Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Im Mai 1993 starben bei einem Brandanschlag auf ein Zweifamilienhaus in Solingen fünf türkischstämmige Menschen, 17 wurden verletzt. 1067 Vgl. F. J. Görtz: Aufzeichnungen aus einem Erdloch. In: Frankfurter Allgemeine Magazin v. 28.2.1992. 1068 Der Jüdische Verlag wurde 1902 gegründet und 1938 von den Nationalsozialisten zerschlagen. Im Jahr 1958 kam es zu einer Neugründung. 1978 übernahm Athenäum den Jüdischen Verlag als Tochterverlag. 283 Die gezielten Vermarktungsstrategien um ein vorgeblich neues, altes Buch von Koeppen taten durchaus ihre Wirkung. Im Erscheinungsjahr archivierte der Verlag rund 125 Rezensionen. (Vgl. KU 499, Anm. 2) Der Tenor der Besprechungen war sehr wohlwollend. Es gab enthusiastisches Lob, begeisterte Stimmen, die die Aufzeichnungen mit den Monumenten der Schoah-Literatur verglichen (Primo Levi1069, Anne Frank1070, Paul Celan1071). Andere Rezensionen, obwohl insgesamt günstig gesinnt, waren ein wenig nüchterner; die Frankfurter Rundschau urteilte: „Die späteren literarischen Fähigkeiten des Autors von Tauben im Gras und Treibhaus lassen sich hier nur an wenigen Stellen ahnen, kompositorisch gar nicht.“1072 Vielen Rezensenten, darunter Marcel Reich-Ranicki, entging nicht die stilistische Uneinheitlichkeit des Buches: die „Brüche und Sprünge [...], die Qualitätsschwankungen sind nicht zu übersehen, von Perfektion kann keine Rede sein.“1073 Gerade aber der Mangel an Perfektion und die an die „arte povera“1074 erinnernde Schlichtheit wurden als angemessen empfunden, die Erlebnisse Littners in Worte zu bringen. Dieses Schwanken zwischen sprachlicher Ungeschminktheit und gelegentlichen Literarisierungen auf der einen sowie der dunkel gebliebene Aspekt der Überlieferung auf der anderen Seite veranlasste manche der Rezensenten, das Buch weder als Tatsachenbericht noch als Roman anzusehen, sondern als eine wenn auch zweifelhafte Melange aus beidem.1075 Dem Suhrkamp Verlag wie auch Koeppen wurde vereinzelt mangelnde Transparenz bezüglich der genaueren Hintergründe der Textentstehung angekreidet. 1076 Da die Umstände für die literarische Öffentlichkeit vorerst im 1069 Vgl. Stefan Brams: „Ich bin in der Hölle gewesen“. Wiederentdeckung eines Romans von Wolfgang Koeppen. In: Neues Deutschland v. 25./26.7.1992. 1070 Vgl. Heinz Ludwig Arnold: Voll Bitterkeit und Trauer, aber ohne Haß. Wolfgang Koeppen – Chronist einer jüdischen Leidensgeschichte: „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt v. 10.4.1992; Günter Jurczyk: Ein Kapitel Unmenschlichkeit. Die neuen, alten, unvermindert aktuellen Aufzeichnungen von Wolfgang Koeppen. In: Stuttgarter Zeitung v. 29.5.1992. 1071 Vgl. Gert Ueding: Hochzeitsreise in den Tod. Die wundersame Geschichte eines neuen alten Romans von Wolfgang Koeppen. In: Die Welt v. 22.2.1992. 1072 Wolfram Schütte: Fische im Bassin eines Kochs. Wolfgang Koeppen schreibt: „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“. In: Frankfurter Rundschau v. 4.4.1992. 1073 Marcel Reich-Ranicki: Passionsgeschichte eines Briefmarkenhändlers. „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“: Ein unbekanntes Buch Wolfgang Koeppens. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.2.1992. 1074 Martin Meyer: Todesspirale. Ein früher Roman von Wolfgang Koeppen. In: Neue Zürcher Zeitung v. 27.3.1992. Hervorhebung im Original. 1075 Vgl. M. Reich-Ranicki: Passionsgeschichte eines Briefmarkenhändlers. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.2.1992; G. Jurczyk: Ein Kapitel Unmenschlichkeit. In: Stuttgarter Zeitung v. 29.5.1992. Möglicherweise war dies zusammen mit Korngolds Plagiatsvorwurf der Grund dafür, dass in der Taschenbuchausgabe von 1994 die Gattungsbezeichnung ‚Roman’ fehlte. 1076 Vgl. Eberhard Falcke: Literarisches Carepaket. Ein Pseudonym wurde nach 45 Jahren gelüftet. Wolfgang Koeppen hat 1947 die Kriegserinnerungen eines jüdischen Briefmarkenhändlers geschrieben – im Auftrag: „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erd- 284 Dunkeln blieben, waren Irritationen und Missverständnisse die natürliche Folge. Koeppens ‚Aneignung’ der Geschichte eines Juden wurde insgesamt als taktvoll und sensibel empfunden. Reich-Ranicki, dessen Überlebensgeschichte im ‚Dritten Reich’ einige Parallelen zu der Littners aufweist, attestierte Koeppen große Empathie für Littner aufgrund der Erfahrung als gesellschaftlicher Außenseiter, die er, Koeppen, in seiner Adoleszenz gemacht habe.1077 Kritisch wurde indes gesehen, dass Koeppen am Ende des Buches in der Rolle Littners Hass- und Rachegefühle gegenüber den Deutschen verhehlt und die Bestrafung der Täter einzig der Gerichtsbarkeit Gottes anheimgestellt wissen will.1078 Diese Mildherzigkeit sei für einen deutschen Schriftsteller unzukömmlich, so der Einwand, der ohne das Wissen formuliert wurde, dass Koeppen Littner diese Worte nicht in den Mund legte, sondern diese lediglich paraphrasierte.1079 Als sieben Jahre danach durch den Fund Ulrichs ruchbar wurde, dass Koeppen sich auf weit mehr hatte stützen können als ein paar Notizen, wurde die vordem verhaltene Kritik an Koeppen und dem Suhrkamp Verlag lauter und schärfer. Ein gewisser Imageschaden entstand durchaus für beide. Der Fund des Littner- Manuskripts trug Koeppen von einigen Seiten posthum den Vorwurf des Plagiats ein. Der formale Tatbestand erhält vor allem durch die moralische Komponente zusätzliches Gewicht. Die Stuttgarter Zeitung sprach von einem „subtilen Akt der Enteignung [...], mit der aus Littners Geschichte die Geschichte Koeppens wurde.“1080 Ähnlich, wenngleich im Ton schärfer urteilte die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger. Klüger, die ebenfalls im Jahre 1992 ihren Überlebensbericht Weiter leben vorgelegt hatte, wertete nach einer vergleichenden Lektüre nicht nur Littners Vorlage gegenüber Koeppens Bearbeitung entschieden auf, sondern sah überdies den Tatbestand des Plagiats erfüllt; „zu geringfügig“1081 seien die Änderungen Koeppens, um ins Gewicht zu fallen. Damit nicht genug, zog sie bei der von ihr konstatierten widerrechtlichen Aneignung einer jüdischen Geschichte durch einen Nichtjuden eine gewagte historische Parallele: „Sowohl Koeppen wie sein Verleger Unseld gehörten einer Generation an, die mit Arisierungen nicht gerade zimperlich umgegangen ist.“1082 Koeploch“. In: Die Zeit v. 8.5.1992. Der Spiegel sprach von einem „Hauch von Unredlichkeit [...].“ (Anonym: Zeuge der Verachtung. In: Der Spiegel v. 16.3.1992). 1077 Vgl. M. Reich-Ranicki: Passionsgeschichte eines Briefmarkenhändlers. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.2.1992. 1078 Vgl. W. Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. S. 149–150. Zur Kritik an dieser Stelle siehe Anonym: Zeuge der Verachtung. In: Der Spiegel v. 16.3.1992; Willi Winkler: Eine Rückfahrkarte. Über Wolfgang Koeppens „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“. In: Die Tageszeitung v. 8.4.1992. 1079 Vgl. J. Littner: Mein Weg durch die Nacht. S. 13, 170. 1080 Michael Bienert: Plagiator Koeppen? Zweifel an der Autorschaft von „Littners Aufzeichnungen“. In: Stuttgarter Zeitung v. 9.9.1999. 1081 Ruth Klüger: Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur. Göttingen: Wallstein 2006. S. 137. 1082 Ebd. S. 140. 285 pen wird der schwere Vorwurf gemacht, hier habe einer als Teil der „Tätergesellschaft [...] dem Opfer das letzte genommen, was ihm geblieben war, nämlich das gelebte Leben und das Recht, seine Erinnerungen in seinen eigenen Worten zu gestalten, so daß eine letzte Enteignung und Erniedrigung über das Grab hinaus stattfand.“1083 Seit dem 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2006 hat sich die Diskussion über Koeppen im Allgemeinen und das Littner-Buch im Besonderen versachlicht. Die Polemik hat sich verflüchtigt, die berechtigte Kritik an Verlag und Autor/Bearbeiter besteht weiterhin. Was bleibt, ist der Eindruck eines Verlages der auf das Renommee seines Autors statt auf Aufklärung1084 und der eines Schriftstellers, der seine Wunschvorstellung für das Wirkliche setzte, und nicht zuletzt der Bericht eines Holocaust-Überlebenden, der seit 2002 in zweifacher Ausführung vorliegt. 1083 Ebd. S. 141–142. 1084 Zur Reaktion des Suhrkamp Verlags in Person des Mitarbeiters Thomas Sparr auf den Plagiatsvorwurf Richard Korngold siehe Reinhard Zachau: Pressereaktionen zu Wolfgang Koeppen und Jakob Littner. In: J. Littner: Mein Weg durch die Nacht. S. 229–239, hier S. 232–234.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.