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16. Ein Klassiker zu Lebzeiten. Die dritte Konsekrationsstufe in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 257 - 268

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-257

Tectum, Baden-Baden
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257 16. Ein Klassiker zu Lebzeiten. Die dritte Konsekrationsstufe War mit der Wiederveröffentlichung von Die Mauer schwankt eine langjährige Rezeptionslücke geschlossen, so ließ nun dieser Roman mit seiner ganzen Widersprüchlichkeit die biografische Lücke des von Koeppen lange im Dunkeln gelassenen Lebensabschnitts von 1933 bis 1945 umso deutlicher hervortreten. Noch unter dem Eindruck, dass andere die Deutungshoheit über seine Zeit während des ‚Dritten Reichs’ für sich beanspruchten, und in dem Wissen, nicht mehr allzu viel Lebenszeit zu haben, machte sich der knapp 80-jährige an eine Aufteilung seines ‚großen Romans’, der nicht nur seine Vergangenheit, sondern auch seine Werkbiografie begradigen sollte. In einem Briefentwurf an Siegfried Unseld, der kurz nach der öffentlichen Debatte um Die Mauer schwankt entstand, benennt Koeppen seine letzten literarischen Vorhaben, die er noch zu verwirklichen gedenkt, angefangen von Zwart Water („Es ist die Zeit von 1934 bis 39. Es ist Holland“) über einen Nachfolgeband mit dem Arbeitstitel Im Keller („Der Krieg in Deutschland“), der den Bogen zur Nachkriegstrilogie spannen soll, bis endlich zu dem Roman Tasso oder die Disproportion, der von ihm werkchronologisch als Schlussstein vorgesehen ist. Mit diesen noch zu schreibenden Texten hofft Koeppen sein Leben nachgerade ins Reine schreiben zu können: „Endlich eine Ordnung.“ (Alle Zitate: KU 420) Dass er dabei auch eine Nummerierung der Bände vornimmt, verdeutlicht, dass sein Blick auf die Abrundung, die Vervollkommnung, den Abschluss seines Werks geht, kurzum: auf sein ‚Gesamtwerk’ in der ganzen philologisch-goldschnitthaftigen Erhabenheit dieses Begriffs. 16.1 Gesammelte Werke (1986) „Endlich eine Ordnung“ stellten, auf ihre Weise, die Gesammelten Werke dar, die der Suhrkamp Verlag zu Koeppens 80. Geburtstag veröffentlichte. Er war damit nach Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder, Marieluise Fleißer, Max Frisch und Peter Huchel der sechste Verlagsautor, der zu Lebzeiten mit einer Gesamtausgabe bedacht wurde. Als Herausgeber fungierte Marcel Reich-Ranicki, dem die Mitarbeiter Dagmar von Briel und Hans-Ulrich Treichel960 zur Seite standen. In der editorischen Notiz heißt es: „In der vorliegenden Ausgabe der ‚Gesammelten Werke’ Wolfgang Koeppens werden alle literarischen Arbeiten dieses Schriftstellers erstmalig zusammengefaßt und in einer geschlossenen Edition zugänglich gemacht.“ (GW 6, 511) Ob mit „literarischen Arbeiten“ die erzählerischen oder allgemein die stärker ästhetisch durchgearbeiteten Texte in Abgrenzung zu frühen journalistischen Veröffentlichungen gemeint sind, bleibt in dieser Formulierung offen. Weiter heißt 960 Hans-Ulrich Treichel wurde über Koeppen promoviert (Fragment ohne Ende, 1984). Dagmar von Briel leistete 1987 einen Forschungsbeitrag zu Koeppens Essayistik, über die sie später eine Magisterarbeit schrieb (Wolfgang Koeppen als Essayist, 1996). Mehr dazu im folgenden Unterkapitel. 258 es: „Koeppens Werk besteht aus Romanen, kleineren erzählenden Schriften, Berichten und Skizzen, zu denen auch die Reisebücher gehören, sowie aus Rezensionen und essayistischen Arbeiten, vornehmlich über Schriftsteller und Literatur.“ (GW 6, 511) Der Herausgeber unterstreicht mit dieser Aussage nicht nur die Vielseitigkeit von Koeppens Œuvre, er nimmt damit zu einem gewissen Grad sein abschätziges Urteil der Reise-Essays als Nebenwerk zurück, das er vor zweieinhalb Jahrzehnten in seiner Eigenschaft als Literaturkritiker fällte. Von den insgesamt sechs Bänden und rund 2.900 Seiten entfällt ein Drittel auf die Romane (Band 1 für die Vorkriegs-, Band 2 für die Nachkriegsromane). Der dritte Band ist Jugend und anderen Erzählungen aus den Jahren 1928–84 vorbehalten. Der vierte Band (Berichte und Skizzen I) vereinigt die bei Goverts erschienenen Reisebücher der Fünfzigerjahre. Kleinere Reise-Essays fehlen entweder (New York) oder finden sich im fünften Band (z. B. Die Erben von Salamis oder Die ernsten Griechen), dem 2. Teil der Berichte und Skizzen. Die Verantwortlichen entschieden hier nicht, wie Peter von Matt insgesamt mit Recht kritisierte961, starr nach Gattungszugehörigkeit, sondern nach Publikationsort, denn anders als der vierte ist der fünfte Band „jenen Berichten und Skizzen gewidmet, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, lediglich in Sammelbänden, in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt waren.“ (GW 6, 511) Der sechste Band enthält die aus den Elenden Skribenten bekannten Schriftstellerporträts sowie Rezensionen aus der Vorkriegszeit. Sie gehören zu den Artikeln, die Koeppen in den späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren für den Berliner Börsen-Courier geschrieben hatte und die erstmals einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht wurden: neben Rezensionen, Feuilletons und Reportagen (die ersten beiden im fünften, letztere mehrheitlich im sechsten Band), aber auch frühe Erzählungen wie Joans tausend Gesichter. (Vgl. GW 3, 105– 109) Die Auswahl der Artikel fand bei der Literaturkritik ein breites positives Echo, da sie, insbesondere diejenigen des Jahres 1933, wichtige Einsichten in Koeppens ästhetisch-politische Dispositionen jener Zeit liefern. Überhaupt wurde die Gesamtausgabe überwiegend positiv aufgenommen. Vermisst wurden von manchen Rezensenten die Filmdrehbücher und –treatments, die eine wichtige Komponente in Koeppens Schreiben ausmachten.962 Rechtschreibfehler und Ungenauigkeiten im Personenverzeichnis wurden hier und da als kleinere Mängel registriert, die den günstigen Gesamteindruck der Gesammelten Werke aber nicht entscheidend schmälerten. Eine weitaus strengere Kritik lieferten die Literaturwissenschaftler Eckart Oehlenschläger (im Jahr 1987) und Wilhelm Haefs (anlässlich der Taschenbuchausgabe im Jahr 1990). Haefs (zur Zeit der Niederschrift dieser Arbeit Leiter der 961 Vgl. Peter von Matt: Der visionäre Beobachter. Wolfgang Koeppens „Gesammelte Werke“ in sechs Bänden. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.9.1986. Matt argumentiert, dass der Text Vom Tisch mit seiner Bedeutung für Jugend eher in den dritten Band der erzählenden Prosa statt in den fünften Band der autobiografisch-essayistischen Schriften gehört hätte. 962 Vgl. ebd.; Martin Hielscher: Tod im Treibhaus, Mauer im Gras. Wolfgang Koeppen: Gesammelte Werke in sechs Bänden. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt v. 3.8.1986. 259 Studiengänge Buchwissenschaft an der LMU München) geht mit dem Herausgeber und seinen Mitarbeitern editionsphilologisch hart ins Gericht. Für ihn erfülle die Gesamtausgabe, die ohnehin zu früh komme, trotz des überzeugenden Layouts nicht die zeitgenössischen Standards. Er bemängelt fehlende Transparenz bei der Auswahl von Koeppens Zeitungsbeiträgen, die starre Einteilung nach Gattungen, die inkonsequente Gruppierung der Essays und Rezensionen, die ungeprüfte Übernahme von Druck- und Satzfehlern aus den Erstausgaben, den Mangel an erläuternden Anmerkungen zu den Bänden 5 und 6 und das gänzliche Fehlen dieser bei den übrigen Bänden sowie fehlerhafte Drucknachweise, Errata im Personenregister u. a. m. Unter dem Strich attestiert Haefs der Gesamtausgabe „Lieblosigkeit“963, „mangelnde philologische Sorgfalt und [...] unzureichende Kommentierung [...].“964 Wenn Hielscher in seiner Besprechung „die vielen angekündigten Romane und Romananfänge“965 vermisst, spricht er damit die Offenheit und Prozessualität des koeppenschen Werks an, die von den Gesammelten Werken nur unzureichend abgebildet wird, wie Haefs am Beispiel Jugend bemängelt.966 Oehlenschläger, der zuvor ähnlich getadelt hat, fragt: „Wie häufig werden in Zukunft Koeppen- Ausgaben veranstaltet? Hätte man nicht also das jetzt schon Realisierbare auch anstreben und den editorischen Status auf ein anspruchsvolleres, für den Leser ergiebigeres Niveau heben sollen?“967 Das Unternehmen der 16-bändigen Werkausgabe, das 2006 unter der Herausgeberschaft von Hans-Ulrich Treichel anhob und textkritisch angelegt ist, hat neben der Aufgabe, veröffentlichte und Texte aus dem Nachlass zu präsentieren, freilich auch das Ziel, den philologischen Ansprüchen, denen die Gesammelten Werke nicht vollends gerecht wurden, stärker zu genügen. 16.2 Diversifizierung und Differenzierung der Koeppen-Forschung Eingangs seiner Doppelrezension der Gesammelten Werke und des Materialienbandes Wolfgang Koeppen (1987) stellt Haefs einen „bemerkenswerten Aufschwung“ fest, den die Koeppen-Forschung nach anfänglichem „Schattendasein in der Germanistik“968 seit den Achtzigerjahren zu verzeichnen habe. Der Befund ist ohne Zweifel richtig. Nach der Konstituierungsphase der bundesdeutschen Koeppen-Forschung in den Siebzigerjahren, die bis auf wenige Ausnahmen auf gesellschaftswissenschaftlich-ideologiekritische Interpretationen der Romane beschränkt war, differenziert sie sich mit dem Übergang in das neue Jahrzehnt sowohl methodologisch 963 Wilhelm Haefs: [o. T.] In: Arbitrium 8 (1990). H. 3. S. 368–374, hier S. 371. 964 Ebd. S. 372. 965 M. Hielscher: Tod im Treibhaus, Mauer im Gras. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt v. 3.8.1986. 966 W. Haefs: [o. T.]. S. 370. 967 E. Oehlenschläger: [o. T.]. S. 633. 968 Beide Zitate: W. Haefs: [o. T.]. S. 368. 260 als auch in Bezug auf die untersuchten Werke aus. Die Anzahl an Dissertationen über Koeppen ist signifikant gestiegen, was als Indiz dafür gewertet werden kann, dass sein Werk in den Universitätslehrplänen stärkere Beachtung gefunden hat. Insgesamt gesehen gilt den Nachkriegsromanen weiterhin das Hauptinteresse der literaturwissenschaftlichen Untersuchungen. Diese variieren nun stärker in ihrem Forschungsinteresse ebenso wie in ihrem Umfang. Norbert Altenhofer analysiert in seinem Aufsatz über Tauben im Gras (1983) die Erzählhaltung, die aufgrund unablässiger Deutungen, Kommentare und Mythologisierungen mit dem experimentellen Erzählmodellen der literarischen Moderne (Joyce, Döblin) nicht viel gemein habe. Karl Heinz Götze legte 1985 eine in der UTB-Reihe Modellanalysen zur deutschen Literatur aufgenommene Monografie über Das Treibhaus vor, die neben formalen Elementen auch auf die politischen Aspekte der Handlung, der Kritik an der Restauration und die Rezeption des Romans eingeht.969 Daneben werden erstmals andere Texte und Genres zum Untersuchungsgegenstand, z. B. Koeppens Reiseliteratur. Almut Todorows zuerst 1986 in der Deutschen Vierteljahresschrift veröffentlichter Aufsatz Publizistische Reiseprosa als Kunstform: Wolfgang Koeppen verortet Koeppens für den Rundfunk geschriebenen Reiseberichte im Spannungsfeld zwischen „künstlerischem Schreibwillen“ und „massenwirksamem Verwertungszwang“970. In seiner Dissertationsschrift Reiseformen des Geschriebenen (1987), die neben Koeppens Reisebüchern auch die von Hubert Fichte und Rolf-Dieter Brinkmann untersucht, geht Hermann Schlösser der Literarizität, Rollenhaftigkeit und Melancholie des reisenden Ich sowie dem Verhältnis zwischen ihm und den bereisten Ländern nach.971 Hartmut Buchholz, der 1982 eine Dissertation über Koeppens Romantrilogie vorlegte972, beschreibt die Reisetexte in einem Beitrag für den von Oehlenschläger herausgegebenen Materialband als „dichterische Kondensate“973, die nicht primär Erlebtes journalistisch präsentieren, sondern Vorgefundenes aus der Weltliteratur literarisch verdichten. Besagter Materialienband bietet neben erstmals veröffentlichten Texten Koeppens, Interviews, Rezensionen seiner Vorkriegsromane und der Estermann- Bibliografie weitere Forschungsbeiträge, von denen einige außer den Reisetexten noch andere vermeintliche Randzonen in Koeppens Œuvre erschließen. Die vorhin erwähnte Dagmar von Briel betrachtet die Essayistik Koeppens als – so auch der etwas sperrige Untertitel – Gratwanderung zwischen konservativer Erzählhaltung und 969 Vgl. K. Götze: Wolfgang Koeppen: „Das Treibhaus“. 970 Beide Zitate: Almut Todorow: Publizistische Reiseprosa als Kunstform: Wolfgang Koeppen (1986). In: Wolfgang Koeppen. S. 158–195, hier S. 166. 971 Vgl. Hermann Schlösser: Reiseformen des Geschriebenen. Selbsterfahrung und Weltdarstellung in Reisebüchern Wolfgang Koeppens, Rolf Dieter Brinkmanns und Hubert Fichtes. Wien; Köln; Graz: Böhlau 1987 (Literatur und Leben. Neue Folge 34). S. 18–73. 972 Vgl. Hartmut Buchholz: Eine eigene Wahrheit: Über Wolfgang Koeppens Romantrilogie Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom. Frankfurt am Main; Bern: Lang 1982 (Europäische Hochschulschriften. Reihe I. Deutsche Sprache und Literatur 497). 973 H. Buchholz: Die Kapitalen des Gedankens. S. 144. 261 Unendlichkeit des sich selbst verlierenden Sprechens.974 Der Herausgeber Eckart Oehlenschläger widmet sich in seinem Aufsatz Augenblick und exzentrische Spur der frühen Prosa Koeppens, speziell den Arbeiten für den Berliner Börsen-Courier, die jüngst durch die Gesamtausgabe zum Teil zugänglich gemacht worden waren. In seinen Feuilletons aus den geografischen und sozialen Randbezirken Berlins sieht Oehlenschlägers spätere Motive des Romanciers Koeppen vorgebildet.975 Zwei Originalbeiträge beschäftigen sich mit dem Erzählfragment Jugend. Dietmar Voss untersucht anhand dieses Textes und anderer Werke Koeppens die Vermittlung von subjektiver Erfahrung im Medium der Literatur. Der Aufsatz Voss’ ist ein Nachklang eines Koeppen-Kapitels seiner Dissertation Wahrheit und Erfahrung im ästhetischen Diskurs (1983).976 Martin Hielscher geht in seinem Beitrag dem Zusammenhang von Schreiben und Tod in Jugend nach. Der Aufsatz fand in überarbeiteter Form Eingang in die ein Jahr darauf veröffentlichte Dissertation Zitierte Moderne (1988).977 Hielscher publizierte ebenfalls 1988 in der Reihe Autorenbücher des Beck-Verlags eine Monografie über Koeppen, die sich nicht ausschließlich an ein Fachpublikum richtete, sondern auch nicht-professionelle Koeppen- Leser adressierte. Die Ansätze und Schwerpunkte der Forschungsarbeiten über Koeppen werden ab den Achtzigerjahren wie erwähnt mannigfaltiger. Beiträge, die sich mit der Geschichtsauffassung, der Ideologie und der Rolle der Mythen in den Nachkriegsromanen befassen978, zeigen eine größere Differenziertheit und Offenheit gegen- über der sprachästhetischen Dimension der untersuchten Werke. Die ideologischen Scheuklappen, die zum Teil kennzeichnend waren für die formative Phase der bundesdeutschen germanistischen Koeppen-Rezeption, werden weitgehend abgelegt. Scherpe (wiederabgedruckt in dem Oehlenschläger-Band) sondert im Rück- 974 Vgl. Dagmar von Briel: Wolfgang Koeppens Essayistik. Gratwanderung zwischen konservativer Erzählhaltung und Unendlichkeit des sich selbst verlierenden Sprechens. In: Ebd. S. 109–121. 975 Vgl. E. Oehlenschläger: Augenblick und exzentrische Spur. 976 Vgl. Dietmar Voss: Ohnmächtige Wahrheit. Reflexionen über „Jugend“ und andere Werke von Wolfgang Koeppen. In: Wolfgang Koeppen. S. 332–359; Ders.: Wahrheit und Erfahrung im ästhetischen Diskurs. Studien zu Hegel, Benjamin, Koeppen. Frankfurt am Main: Lang 1983 (Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft 2). S. 269–357. 977 Vgl. Martin Hielscher: Schreiben und Schlachten. Zu Wolfgang Koeppens Prosafragment „Jugend“. In: Wolfgang Koeppen. S. 318–331; Ders.: Zitierte Moderne. S. 176–204. 978 Vgl. Eckart Oehlenschläger: Anmerkungen zum Thema Geschichte bei Wolfgang Koeppen. In: Literatur und Germanistik nach der ‚Machtübernahme’. Colloquium zur 50. Wiederkehr des 30. Januar 1933. Studium Universale und Germanistisches Seminar der Universität Bonn. Vorträge am 27. und 28. Januar 1983. Hrsg. v. Beda Allemann. Bonn: Bouvier 1983. S. 188–215; Klaus R. Scherpe: Ideologie im Verhältnis zur Literatur: Versuch einer methodischen Orientierung am Beispiel von Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“. In: Wolfgang Koeppen. S. 233–257; Ulf Eisele: Odysseus trinkt Coca-Cola. Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“. In: Ebd. S. 258–274. 262 griff auf den Ideologiebegriff von Althusser die in Tauben im Gras aufgegriffenen Diskurse und Ideologeme der Nachkriegszeit von ihrer literarisch-sprachlichen Darstellung und Hinterfragung, wobei er in der Latenzstruktur des Romans die „Potentialität einer durchdringenden Kritik des Ideologischen“ entdeckt, die in „der Dezentrierung und Desillusionierung eines ideologisch vorgedeuteten Ich- Ideals“979 formuliert wird, ohne von Koeppen auf den Begriff gebracht zu werden. Eine Synthese der zwei bislang dominierenden Interpretationszweige, des politischen und des formal-subjektivitätsbezogenen Zweigs, versucht Bernhard Uske in seiner Studie Geschichte und ästhetisches Verhalten (1984). In diesem Begriffspaar sieht Uske den Schlüssel zum Verständnis des koeppenschen Werks mit den Protagonisten der Romane nebst Jugend sowie der Reise-Essays als Vermittlungsglieder. Über das auch von den Protagonisten vermittelte Geschichtsbild und das ihnen gemeinsame ästhetische Verhalten (in Anlehnung an Adorno und Habermas verstanden als ein Verhalten, dessen Bezugspunkt die Kunst ist980), kristallisiert sich Uske zufolge ein ästhetisches Verhalten zur Geschichte heraus. Neben Arbeiten, die sich methodisch am Marxismus, der Kritischen Theorie oder der Psychoanalyse orientieren, erscheinen nun auch, ganz im Sinne der Zeit, Untersuchungen, die den theoretischen Prämissen des Poststrukturalismus verpflichtet sind.981 Zu diesen gehört die Berliner Doktorarbeit Fragment ohne Ende (1984) von Hans-Ulrich Treichel. Treichel versteht seine Arbeit als „Kritik einer inhaltsanalytischen Hermeneutik“, wie sie seines Erachtens in der Koeppen- Forschung vorherrscht. Statt auf einen „Dualismus einer Form-Inhalt-Relation“ gilt seine Konzentration der „Sprache ‚selbst’ [...], und zwar nicht als Werkzeug des Erzähler-Architekten, sondern als Agens des Erzählens.“982 In der Geschichts- und Realitätserfahrung der Nachkriegsromane erscheine laut Treichel Sprache als deformiert, als Geräusch, Gerede oder Lärm. Kommunikation finde dagegen nicht statt, jeder Versuch sei zum Scheitern oder Verstummen verurteilt. Schweigen und Verstummen, wie sie motivisch in Tauben im Gras und Das Treibhaus auftauchen, deutet Treichel als grundlegende Erfahrung Koeppens, die auf Biografisches, Produktionsästhetisches sowie Literaturpsychologisches verweise und wesentlich sei für sein geschriebenes wie auch für sein nichtgeschriebenes Werk.983 Eine recht große Einigkeit herrscht bei Scherpe, Uske und Treichel in der Deutung der mythischen Verweise Koeppens. Von der Nach–68er-Germanistik noch als Ausdruck eines irrationalistischen, naturhaften Denkens verschmäht, werden sie gerade in ihrer Fülle als Aufweis des Sinnverlusts der Moderne interpre- 979 Beide Zitate: K. R. Scherpe: Ideologie im Verhältnis zur Literatur. S. 254. 980 Vgl. B. Uske: Geschichte und ästhetisches Verhalten. S. 13–14 u. ö. 981 Vgl. G. v. Hofe / P. Pfaff: Das Elend des Polyphem. S. 89–108. 982 Alle Zitate: H. Treichel: Fragment ohne Ende. S. 9. 983 Vgl. ebd. S. 194–195. 263 tiert.984 Der Verlust der sinnstiftenden Funktion, die die Epik gewissermaßen vom Mythos übernommen hat, ist der argumentative Kern von Hielschers Untersuchung Zitierte Moderne. Hielscher diskutiert die Nachkriegsromane und Jugend im Zusammenhang der literarischen Moderne. Koeppens Schreibweise zeichne sich durch die „Reflexion poetischer Erfahrung“ aus. Diese „Literarität“985 sei Zeichen einer Krise, ausgelöst durch „die Einsicht in die rettungslos subjektivistische und darin zugleich nicht mehr repräsentative Rolle des Erzählers.“986 Koeppen antworte auf die Unmöglichkeit, eine epische Ganzheit vorzuspiegeln, mit dem Einbezug der Reflexion über das krisenhafte Erzählen in das Erzählen selbst. 16.3 Auf dem Weg in die ästhetische Orthodoxie Auf einem zweitägigen Kolloquium der Universität Bonn über Wolfgang Koeppen bezeichnete Eckart Oehlenschläger die Herausgabe der Gesammelten Werke als eine „‚Kanonisierung zu Lebzeiten’“987. Es war womöglich die erste, aber sicherlich nicht die einzige diesbezügliche Maßnahme, wenn man an die Gründung der Wolfgang-Koeppen-Gesellschaft aus dem Jahr 1994 denkt, die eine Kanonisierung zu Lebzeiten vollends beweiskräftig machte. Dieser Institutionalisierung geht indes eine Monumentalisierung voraus, die u. a. in den Feuilletons der Achtzigerjahre anklingt, in denen Koeppen, fällt auf ihn einmal das Wort, des Öfteren als der „große alte Mann der Nachkriegsliteratur“988 angesprochen wird. Glaubt man den Worten Reich-Ranickis, so hat sich binnen zweieinhalb Jahrzehnten ein vollständiger Rezeptionswandel vollzogen: „Wer vor einem Vierteljahrhundert entschieden für Koeppens Deutschland-Trilogie plädierte, fand wenig Zustimmung, wer es heute tut, rennt offene Türen ein: Jede Literaturgeschichte würdigt die drei Romane, zumal ‚Tauben im Gras’, als Höhepunkte der Nachkriegsliteratur.“989 Aus dem Häretiker von einst ist ein geradezu sakrosankter Romancier geworden, dem selbst Vertreter des politisch, wie man meinen sollte, gegnerischen Lagers Lob zollen für seine damalige gesellschaftliche Weitsicht.990 Offensichtlich scheint allerdings, dass 984 Vgl. ebd. S. 104–114; K. R. Scherpe: Ideologie im Verhältnis zur Literatur. S. 247; B. Uske: Geschichte und ästhetisches Verhalten. S. 63. 985 Beide Zitate: M. Hielscher: Zitierte Moderne. S. 217. 986 Ebd. S. 27. Hervorhebung im Original. 987 Zit. nach: Dietmar Kanthak: Konvention kontra Provokation. „Koeppen und die Folgen“ – Ein zweiteiliges Kolloquium in der Universität. In: Bonner General-Anzeiger v. 16./17.5.1987. 988 Ein Beispiel von vielen: hor [d. i. Helmut Hornbogen]: Wolfgang Koeppen. Suche nach dem Fremdsein. In: Schwäbisches Tagblatt v. 15.6.1985. Siehe auch ES 145. 989 Marcel Reich-Ranicki: Der Dichter unserer Niederlagen. Zu Wolfgang Koeppens achtzigstem Geburtstag. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.6.1986. 990 So etwa die Literaturwissenschaftlerin und CDU-Politikerin Roswitha Wisniewski mit ihrer Laudatio anlässlich des Pommerschen Kulturpreises an Koeppen, gestiftet von der Pommerschen Landschaft, einem Vertriebenenbund. Vgl. Roswitha Wisniewski: Der 264 sich die Monumentalisierung Koeppens und seine literaturgeschichtliche Festlegung auf die (frühe) Nachkriegsliteratur mit dem Ausbleiben des großen Romans umso leichter vollziehen konnte. Die Monumentalisierung Koeppens wurde weiterhin durch Ehrungen und Preise aus verschiedenen Bereichen vorangetrieben. Die Stifter dieser Auszeichnungen sind privat (so der von der Arno-Schmidt-Stiftung vergebene Arno- Schmidt-Preis, 1983), kommunal (der kulturelle Ehrenpreis der Stadt München, 1982 sowie der von der Stadt Graz verliehene Franz-Nabl-Preis, 1987), sie gehören dem Bund an (wie das von Koeppen allerdings ausgeschlagene Stipendium der Villa Massimo im Jahr 1985) oder politischen Interessengruppen (wie die Pommersche Landsmannschaft, die Koeppen 1986 den Pommerschen Kulturpreis zusprach). Sie beziehen sich mit Ausnahme der Einladung in die Villa Massimo auf zurückliegende Leistungen und tragen Koeppen als einer Figur von literaturhistorischer Bedeutung Rechnung. Daneben werden Koeppen ab den Achtzigerjahren Huldigungen zuteil, die eindeutig dem politischen Feld zugehörig sind; Huldigungen also, die Bourdieu aufgrund ihres feldexternen Charakters als „weltliche Ehren“ (RK 115) bezeichnet. Hierzu gehören: Ein persönliches Geburtstagstelegramm von Bundeskanzler Helmut Schmidt (1981).991 Ein Abendessen, zu dem Koeppen und andere Schriftsteller vom damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens eingeladen wurden (1982). Eine – diesmal exklusive – Einladung des Amtsnachfolgers Richard von Weizsäcker in die Villa Hammerschmidt aus Anlass von Koeppens 80. Geburtstag (eine Ehre, die bislang nur einem Schriftsteller zuteil geworden war: Ernst Jünger992). Eine aus dem Jahr 1988 datierende Einladung des amtierenden Bundeskanzlers Helmut Kohl zu einem Gespräch samt Abendessen im Palais Schaumburg, das Koeppen aus gesundheitlichen Gründen absagte. (Unseld hatte seinem Autor allerdings zuvor, bei einem zwei Jahre vorher vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels geplanten Abendessen mit dem Bundeskanzler abgeraten, der Einladung zu folgen, vgl. KU 443–444). Schließlich die Verleihung Schriftsteller Wolfgang Koeppen erhielt den Pommerschen Kulturpreis 1986 für Kunst: „Seine gesellschaftspolitische Aussage ließe sich mit den Kategorien des Marxismus beschreiben“. Laudatio von Professor Dr. Roswitha Wisniewski MdB. In: Die Pommersche Zeitung v. 4.10.1986. 991 Der Wortlaut: „Lieber Herr Koeppen, / Zu Ihrem 75. Geburtstag sende ich Ihnen meine herzlichen Glückwünsche. / Mit „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ – unbequem für eine breite Öffentlichkeit – haben Sie die ersten Jahre der Bundesrepublik Deutschland eindrucksvoll politisch-kritisch ausgeleuchtet. Es hat mich gefreut, daß Sie kürzlich mit Ihrem Roman „Jugend“ so erfolgreich gewesen sind. / Für die Zukunft wünsche ich Ihnen Gesundheit und Glück. // Helmut Schmidt / Bundeskanzler“ (Helmut Schmidt: Glückwünsche für Wolfgang Koeppen. In: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Nr. 63. 27.6.1981. S. 539). Koeppen erinnerte sich im Jahr 1987, dass ausgerechnet Helmut Schmidt ihm einmal verraten habe, dass kein Buch ihn „jemals so fürchterlich geärgert hätte“ (ES 202) wie seinerzeit Das Treibhaus. 992 Vgl. M. Hielscher: Wolfgang Koeppen. S. 120. 265 des Dienstkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1992 als Anerkennung seines Beitrags für die deutschsprachige Literatur. Zu den weltlichen Ehren gehören ebenso die Unternehmungen seiner Heimatstadt Greifswald, den ‚verlorenen Sohn’ zu ehren und zu preisen. Im Rahmen einer Lesung in Ost-Berlin im Jahr 1985 kam es zu einem ersten Wiedersehen mit Greifswald nach langer Zeit. 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, erfolgte die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Vier Jahre später wurde Koeppen schließlich zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt ernannt. Am Beispiel Greifswald wird deutlich, was Bourdieu meint, wenn er weltliche Ehren dadurch charakterisiert, dass ihnen „immer der Ruch anhaftet, lediglich Entschädigung für Versagung oder Verleugnung zu sein [...].“ (RK 115) Eben jene Universität, in deren Hör- und Lesesäle sich der junge Koeppen ohne Hochschulzugangsberechtigung geschlichen hatte, verleiht ihm im vorgerückten Alter einen Ehrentitel: ein besonders einleuchtendes Beispiel für den endgültig vollzogenen Wechsel von der Häresie in die Orthodoxie.993 Doch die Auszeichnung ist, auch hier, keine einseitige Übertragung von Renommee oder Charisma; sie strahlt vielmehr mit besonderer Helligkeit auf den Geber zurück. Schließlich lässt sich der publicityträchtige Vorgang auch als geschickter hochschulpolitischer Schachzug auffassen, mit dem die wie viele ostdeutsche Universitäten nach der Wende von Marginalisierung bedrohte Ernst-Moritz-Arndt-Universität in der alten Bundesrepublik auf sich aufmerksam machte: mit einem Autor, der in seinem Werdegang Osten und Westen verbindet. Für Bourdieu ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen verleugneten kurzfristigen materiellen Profiten und dem Anstreben langfristiger (nicht nur) symbolischer Gewinne ein typischer Zyklus für Laufbahnen im religiösen und künstlerischen Bereich, der sich zu großen Teilen in Wolfgang Koeppens Karriere nachvollziehen lässt: „Auf die anfängliche Askese- und Verzichtsphase, die Phase der Akkumulation symbolischen Kapitals, folgt eine Phase der Verwertung dieses Kapitals und des Erwerbs weltlicher Profite und dank ihrer ein Wandel in der Lebensweise, der den Verlust symbolischen Kapitals mit sich bringen kann und den Erfolg konkurrierender Häresien begünstigt.“ Wie Bourdieu einschränkt, ist dieser Zyklus „in gewissen religiösen Unternehmungen [...] vollständig ausgeprägt“, bei Schriftstellern und Künstlern zeigt er sich dagegen „bloß im Ansatz“ (alle Zitate: RK 405), weil die spezifischen Unternehmungen personal an sie gebunden seien und sie nie völlig mit den Grundsätzen ihres Beginns brechen könnten. Wenngleich man die Abfolge der 993 Es ist, auch wenn nur ein Missverständnis oder bloßer Zufall dahinterstecken mag, ein interessantes Detail, dass Siegfried Unseld in der von ihm erstellten Liste einzuladender Personen zu Koeppens 75. Geburtstag unter der Kategorie ‚Freunde’ den Verlagslektor Herbert Georg Göpfert aufführt, jenen „damals braunen, heute christlichen Kritiker“ (GW 5, 252) also, dessen Verriss der Unglücklichen Liebe samt angeblichen Ruf nach dem Arbeitslager Koeppen so gerne als herausragendes Beispiel seiner Verfemung als Autor anführte. Vgl. KU 365. 266 ersten drei Phasen (Askese, Akkumulation und Verwertung symbolischen Kapitals) in Koeppens Laufbahn nach 1945 gut erkennen kann, bleiben die weltlichen Profite bei ihm doch auf singuläre Akte öffentlicher Wertschätzung begrenzt, auch wenn sie teils von politisch höchster Stelle kommen. Da an sie auch keine Machttitel oder Apanagen gebunden sind, kann von einem Wandel in der Lebensweise kaum die Rede sein. Koeppens prekäre finanzielle Verhältnisse sind sogar noch im Jahr 1982 Gegenstand der Berichterstattung. In einem Spiegel-Artikel zum drohenden Scheitern der Sozialreform für Künstler heißt es neben einer Fotografie Koeppens mit der Bildunterschrift „Ärmer als jeder Arbeiter“: „Der weltweit hochgelobte Schriftsteller Wolfgang Koeppen, 76 [...], blieb im Sozialstaat Bundesrepublik ärmer als jeder Arbeiter: Koeppen bezieht weder Rente noch Pension, sondern lediglich ein Zubrot von seinem Verleger Siegfried Unseld.“994 Vielleicht könnte man Koeppens Annahme der Ehrungen, sowohl diejenigen aus Bonn als auch aus Greifswald, und seine zum Teil versöhnlichen Worte anlässlich dieser Ehrungen995 als einen zumindest partiellen Bruch mit seiner literarischen Unternehmung auffassen, wenn man diese mit den Schlagworten Heimatlosigkeit, Urbanität, Internationalität, Kritik am deutschen Untertanengeist, an deutscher Enge und Provinzialität grob umreißen wollte. Koeppen hat 1988 gesagt, dass seine Gesellschaftskritik auf die Aufbaujahre der Bundesrepublik bezogen war, auf „Zustände und Eindrücke“, die sich bei allem gesellschaftlichen Wandel immer noch in Deutschland zeigten und ihm ein „gewisses Unbehagen“996 verursachten, das er versuche auszudrücken. Mag dieses Verhalten strenggenommen widersprüchlich sein, so wurde Koeppen hinsichtlich seines Verhältnisses zu Deutschland keiner 994 Anonym: Frische Seeluft. Die letzte Sozialreform der geplatzten Bonner Koalition, die Künstlerrente, droht nun auch zu Scheitern. In: Der Spiegel v. 27.9.1982. 995 Koeppen hat erklärt, durch die Einladung in die Villa Hammerschmidt zu seinem 80. Geburtstag sei das Wort ‚Vaterland’ für ihn inniger geworden, was er zwei Jahre später als „ein Dank und eine Hommage für Herrn Weizsäcker“ verstanden wissen wollte. (J. Kolbe / K. Bittel: Untergang droht seit der Schöpfung. In: Abendzeitung v. 6./7.8.1988) In einem Interview aus dem Jahr 1980 tat Koeppen sich noch schwer, das Wort ‚Vaterland’ in den Mund zu nehmen. Vgl. ES 134. Bei Greifswald ist die Sache diffiziler. Die Fahrt in die alte Heimat und den Empfang der Ehrendoktorwürde bezeichnete als „sentimental“. (Hannes Hintermeier: Ich bin gegen alle Grenzen. Wolfgang Koeppen zum neuen Deutschland. In: Abendzeitung v. 17./18.11.1990) Dieser Sentimentalität zum Trotz sendete Koeppen keine allzu deutlichen Signale einer Aussöhnung mit seiner Heimatstadt. So heißt es in einem Artikel aus dem Jahr 1994 über die Ehrenbürgerwürde, der Koeppen und den damaligen Greifswalder Oberbürgermeister Joachim von der Wense zitiert: „‚In der Ehrenbürgerwürde erblickt Koeppen so etwas wie eine Wiedergutmachung für die hier erlittenen Verletzungen’, sagte von der Wense. […] Für den Autor wirkt die Ehrung der Stadt, nach eigener jüngster Aussage, wie ‚ein Pflaster auf die immer noch schwelende Wunde’.“ (Frank König: „Das Alphabet trug mich fort“. Wolfgang Koeppen, Ehrenbürger der Stadt Greifswald. In: Neue Zürcher Zeitung v. 24.3.1994). 996 Beide Zitate: Harald Raab: Wolfgang Koeppen über Literatur und Macht. Der skeptische Fremde. In: Die Woche v. 4.2.1988. 267 Doppelzüngigkeit geziehen. Die wenigen Polemiken, die auf ihn zielten, galten vielmehr seinen Förderern und wenn sie ihn direkt trafen, dann seinem Stil. Letztere Attacken lassen sich mit Bourdieus Feld-Theorie erklären. Das Klassisch-Werden wie auch die Deklassierung eines künstlerischen Werks sind die zwei Seiten einer Medaille, die Bourdieu soziales Altern nennt. Ob ein Werk dieser oder jener Seite zuneigt, hängt entscheidend von Entwicklungen innerhalb und außerhalb des Feldes ab. Dies meint die quantitative und qualitative Zusammensetzung des Lesepublikums, das Auftreten einer neuen Avantgarde, die der arrivierten Avantgarde die Legitimität abspricht. (Vgl. KU 403–405) Auf dem weiter oben erwähnten Bonner Kolloquium von 1987 mit dem Titel Koeppen und die Folgen lassen sich beide Tendenzen beobachten, die Zuerkennung des Klassischen wie auch der Versuch der Deklassierung. Die Diskutanten (neben Eckart Oehlenschläger die Schriftsteller Dieter Wellershoff und Friedrich Christian Delius sowie die Kritiker Heinrich Vormweg und Martin Lüdke) lobten zunächst Koeppens schriftstellerische Leistungen einmütig. Hernach ergriff Wellershoff das Wort und tadelte Koeppens „‚aufgedonnerten Spätexpressionismus’ und seine klischeehafte Rhetorik, des Weiteren seine massive Symbolik, seine altmodische Tendenz zur Typisierung und die klare Trennung in Gut und Böse.“997 Die Kritik Wellershoffs ergibt sich zu einem gewissen Grad aus seinem gegen ‚manieristische’ Schreibweisen gerichteten Standpunkt eines ‚Neuen Realismus’ und ist ein typisches Beispiel für das „subversive Vorgehen der Avantgarde“, das darin besteht, „die geltenden Konventionen, das heißt die Produktions- und Bewertungsnormen der ästhetischen Orthodoxie“ (beide Zitate: RK 401) zu diskreditieren. Signum dieser ästhetischen Orthodoxie, zu der Koeppens Werk nun angehört, ist, dass der Entbanalisierungseffekt998, den es Anfang der Fünfzigerjahre kraft seiner (durch die Nachholbedürftigkeit der deutschen Literatur allerdings relativierten) Neuheit noch hatte, selbst der Banalisierung anheimfällt durch Epigonentum aufseiten der Produzenten und durch einen Gewöhnungseffekt aufseiten des Publikums. Es ist dieser Abnutzungseffekt, den Wellershoff aufgreift und den die anderen Diskutanten bestätigen: „Gewiß, Koeppen habe als deutscher Autor den Anschluß an die Moderne der Weltliteratur geschafft, doch hätten sich seine literarischen Mittel überlebt. Die komplexe Wirklichkeit von heute lasse sich damit nicht mehr erfassen. ‚Koeppen ist Konvention geworden’, meinte Martin Lüdke. Seine politische Provokation sei passé.“999 Dass Diskreditierungsversuche der Avantgarde die Strategie verfolgen, die begrenzten symbolischen Ressourcen, in deren Besitz die Etablierten sind, als 997 D. Kanthak: Konvention kontra Provokation. In: Bonner General-Anzeiger v. 16./17.5.1987. 998 Bzw. Re-Entbanalisierungseffekt, wenn man die Position vertritt, dass Koeppen die Schreibweisen der Moderne für die Nachkriegsleserschaft wiederentdeckt hat. 999 D. Kanthak: Konvention kontra Provokation. In: Bonner General-Anzeiger v. 16./17.5.1987. 268 ungerecht verteilt hinzustellen, lässt sich gut an der Attacke beobachten, die Eckhard Henscheid im Anschluss an die Polemik von Schultz-Gerstein geritten hat. Ähnlich wie dessen „sehr notwendiger Querschuss“ auf den „wahrhaft albernen ‚Koeppen-Mythos’“ rät Henscheid in seinem im Merkur erschienenen Rundumschlag auf den westdeutschen Literaturbetrieb, den gefeierten Autor genau zu lesen, anstatt ihn mit Lorbeerkränzen zu überhäufen, denn: „Was da von vielen Preisverleihern als Großes Bleibendes Deutscher Zunge seit Dezennien gewürdigt wird, verdiente vielmehr, in Hinsicht auf seine Kitsch- und Illustriertenromanqualität via Lektüre abermals und scheuklappenlos überprüft zu werden [...].“1000 In dieser freilich übertriebenen Formulierung steckt das Argument, dass die Kritik einmal und anscheinend unverbrüchlich ihre Gunst einem Autor zugewandt habe, dessen Werk nach Kriegsende durch seine internationale Orientierung den nötigen Anschluss der deutschen Literatur an internationale Standards versprochen habe, aber inzwischen als deutlich zeitgebunden und weniger als klassisch-überzeitlich anzusehen sei. Das Argument, Koeppen sei von der literarischen Öffentlichkeit über die Maßen bevorteilt, vorgebracht durch einen jungen Autor, existiert ebenfalls in seiner Negation. Friedrich Christian Delius hat es in dem Artikel Ein Satz für Koeppen, der gleichzeitig natürlich auch ein Einsatz für Koeppen ist, mit Vehemenz vorgetragen. Auch Delius bedient sich des Stilmittels der Übertreibung. Keiner, so seine (An-)Klage, mache einen Finger krumm „für diesen, den wichtigsten Autor, Ausnahmen einige Drucker aus Ulm und Packerinnen einer Buchbinderei bei der Herstellung einer Nachauflage und immer wieder einige Leser.“1001 Wenn es auch insgesamt wenig junge Autoren gegeben hat, die sich zu Koeppen bekannt haben (von einer Nachfolge ganz zu schweigen), so hat Koeppen verschiedentlich ausgesagt, mit jüngeren Menschen besser auszukommen als mit Menschen seiner Generation.1002 Zu den angenehmen Seiten seines Gastspiels an der Frankfurter Universität als Poetik-Dozent gehörte ihm zufolge der Austausch mit den Studierenden. Seine jüngeren Leser – „Die einzigen, die mir teuer sind“ (KU 419) – machten in Lesungen den größten Teil seines Publikums aus.1003 Prominente Beispiele dafür, dass auch Studierende vom Werk oder der Person Koeppens angezogen wurden und von sich aus den Kontakt mit ihm suchten, sind der spätere Schriftsteller und Hörspielautor Christian Linder oder der Student der Germanistik und angehende Filmemacher Peter Goedel, der mit Koeppen später zwei Filme drehen sollte. 1000 Alle Zitate: Eckhard Henscheid: Literatur. Eine Kolumne. In: Merkur 38 (1984). H. 428. S. 687–692, hier S. 689. 1001 F[riedrich] C[hristian] Delius: Ein Satz für Koeppen. In: Frankfurter Rundschau v. 23.6.1979. 1002 Vgl. C. Theurer: Ich habe einen Hang zur Einsamkeit. In: Abendzeitung v. 8.12.1982. 1003 Vgl. Asta Scheib: Mögliche Freundschaft. Zum 80. Geburtstag von Wolfgang Koeppen. In: Kürbiskern 22 (1986). H. 3. S. 112–116, hier S. 116.

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Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.