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15. Ein Beben in zweiter Auflage: Die Mauer schwankt (1983) in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 245 - 256

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-245

Tectum, Baden-Baden
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245 15. Ein Beben in zweiter Auflage: Die Mauer s chwankt (1983) Im Vorspruch zur Neuauflage von Die Mauer schwankt schreibt Koeppen über seine Werke: „Ich stehe Büchern, die ich geschrieben habe, fremd gegenüber. Nicht einmal kritisch. Schon nach dem Schlußpunkt, wenn das Manuskript zur Post gegangen ist, vergesse ich alles.“ Nicht anders sei es ihm mit seinem zweiten Roman ergangen, wobei begünstigend hinzukam, dass das Buch nach dem Krieg nicht mehr erhältlich war: „Ich besaß nach dem Krieg kein einziges Exemplar. Das Manuskript war irgendwo verschwunden.908 Ich vergaß das Buch.“ (Beide Zitate: W 2, 286) Unabhängig von Koeppens Vergessen und der Nichtverfügbarkeit auf dem Nachkriegsbuchmarkt führte der Roman, im Windschatten von Koeppens wachsender Reputation, ein verborgenes Nachleben in den symbiotischen Diskursen von Literaturwissenschaft und Literaturkritik. Stilistisch war der Roman für manche Kommentatoren wie z. B. Reich-Ranicki „konventionell“ und „in mancher Hinsicht ein Rückschritt“909. Durch die Konzeption als Zeitroman wurde er dagegen als wichtiges werkbiografisches Scharnier zu späteren Werken wie Tauben im Gras oder Das Treibhaus anerkannt.910 Das Buch rief aber auch massive Kritik hervor, insbesondere von ideologisch argumentierenden Literaturwissenschaftlern der (Nach-)68er-Ära911, die sich auf Passagen beriefen, in denen der Sprachgebrauch der damaligen faschistischen Machthaber auf unreflektierte und distanzlose Weise Widerhall finde.912 Vorerst noch waren diese Anwürfe auf ein eng begrenztes und gleichsam esoterisches Gebiet begrenzt. Dies sollte sich später ändern, als die Debatte um die deutsche Literatur im Faschismus im Allgemeinen und Koeppens zweiten Roman im Besonderen die Feuilletons der großen Zeitungen des Landes erreichte. Anders als das Debüt Eine unglückliche Liebe, dessen Wiederscheinen 1960 auf den Bekanntheitszuwachs seines Autors antwortete, hielt Koeppen Die Mauer schwankt lange Zeit unter Verschluss. Einerseits weil er vermutlich um die strittigen Stellen in dem Buch wusste, die von Thomas/Will (1968), Koch (1973) und später anderen inkriminiert wurden. Andererseits weil das in weiten Teilen ästhetisch 908 Der Wahrheitsgehalt dieses Zitats ist zweifelhaft. Im Nachlass Koeppens fanden sich zwar kein Manuskript, dafür aber Korrekturfahnen sowie ein Widmungsexemplar von Die Mauer schwankt an Theodor Wille, das nach dem Tod Willes im Jahr 1945 in Koeppens Besitz zurückging. Vgl. W 2, 398; A. Estermann: Von der Wahrheit der Bilder und der Lügen. S. 324–325, 328. 909 Beide Zitate: M. Reich-Ranicki: Der Zeuge Koeppen. S. 136. 910 Vgl. ebd.; S. Reinhardt: Politik und Resignation. S. 39; W. Rasch: Wolfgang Koeppen. S. 216. 911 Vgl. J. Quack: Erzähler der Zeit. S. 39. 912 Vgl. R. H. Thomas / W. v. d. Will: Der deutsche Roman und die Wohlstandsgesellschaft. S. 41–42; M. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 49–53. Um eine Differenzierung zwischen Romanfigur, Erzähler und Autor bemüht ist Erlach: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. S. 39–41. 246 konservativere Gepräge des Romans Koeppens Selbstverständnis als Schriftsteller in der Nachfolge Joyces, Faulkners und Döblins auf augenfällige Weise widersprach. Koeppen mochte seinen Roman nicht und er war versucht, ihn umzuschreiben. Davon berichtet Wolfdietrich Rasch in einem FAZ-Artikel aus dem Jahr 1973, in dem er sich wohlwollend über Die Mauer schwankt auslässt und zur Beschäftigung mit Koeppens Vorkriegswerk einlädt.913 Koeppen selbst hatte den Roman seinem Verleger gegenüber im Jahr 1971 flüchtig erwähnt, im Zusammenhang mit der Übernahme seiner bisherigen Werke durch den Suhrkamp Verlag. (Vgl. KU 210) Sechs Jahre später, in einem Brief an die Doktorandin Astrid Lipp, die über Die Mauer schwankt und andere deutschsprachige nichtfaschistische Romane der Dreißigerjahre forschte, verriet Koeppen, hin und wieder daran zu denken, das Buch neu herauszubringen.914 Ende 1976 hat Koeppen, wie Alfred Estermann nachwies, für den Norddeutschen Rundfunk aus Die Mauer schwankt vorgelesen.915 Die Entscheidung zugunsten einer Veröffentlichung wurde zwischen Koeppen und Unseld spätestens Ende 1979 gefällt. (Vgl. KU 348) Einen gewissen Anteil an diesem Vorhaben dürfte ein groß aufgezogener Bericht des Feuilletonchefs der Zeit, Fritz J. Raddatz, in der Ausgabe vom 12. Oktober 1979 gehabt haben, in dem die Rolle der literarischen Nachkriegsprominenz im ‚Dritten Reich’ mit kritischer Intention hinterfragt wurde. (Vgl. W 2, 389) Der Artikel mit dem Titel Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt... Der Beginn der deutschen Nachkriegsliteratur zeigt allein durch den Umstand, dass er nicht im Feuilleton, sondern im Ressort Dossier platziert worden war, dass er von der Redaktion als ein Thema von allgemeinem Interesse und großer Bedeutung eingestuft wurde. Die Vergangenheitsaufarbeitung des Nationalsozialismus nahm in den Siebzigerjahren, speziell infolge der Studentenbewegung von 1968, in der Bundesrepublik Deutschland einen breiten Raum ein. Germanistische Forschungsarbeiten und Sammelbände über bis dahin vernachlässigte Themenfelder wie Exilliteratur, innere Emigration und Literatur im Faschismus erschienen.916 Großes öffentliches Interesse, Debatten und Kontroversen erregten darüber hinaus der Dokumentarfilm Hitler – Eine Karriere (1977), der auf der Biografie von Joachim Fest (1973) 913 Vgl. Wolfdietrich Rasch: Die Mauer schwankt. Wolfgang Koeppens Berliner Anfänge. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.4.1973. 914 Wolfgang Koeppen an Astrid Lipp. Brief v. 1.7.1977. In: A. Lipp: Die Verschwommenheit und Unverbindlichkeit der Aussage des nichtfaschistischen deutschen Romans der dreißiger Jahre. S. 198. 915 Die Lesung wurde vom NDR am 10. Januar 1977 gesendet. Vgl. A. Estermann: Von der Wahrheit der Bilder und der Lügen. S. 335. 916 Z. B. Exil und innere Emigration. Third Wisconsin Workshop. Hrsg. v. Reinhold Grimm / Jost Hermand. Frankfurt am Main: Athenäum 1972 (Wissenschaftliche Paperbacks 17); Exil und innere Emigration. Internationale Tagung in St. Louis. Hrsg. v. Peter Uwe Hohendahl / Egon Schwarz. Frankfurt am Main: Athenäum 1973 (Wissenschaftliche Paperbacks 18); Ralf Schnell: Literarische innere Emigration 1933 – 1945. Stuttgart: Metzler 1976 (Metzler-Studienausgabe); Die deutsche Literatur im Dritten Reich. Themen. Traditionen. Wirkungen. Hrsg. v. Horst Denkler / Karl Prümm. Stuttgart: Reclam 1976. 247 basierte, oder die US-amerikanische Fernsehserie Holocaust (1978), die im Januar 1979 erstmals im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.917 Eine Kontroverse zu initiieren war auch die Absicht von Raddatz’ Zeit- Dossier, das bewusst auf Polemik und Polarisierung im Dienste der Aufklärung setzte. Auf der ersten Seite mittig hervorgehoben waren skandalisierende Leitfragen wie „War Günter Eich Mitglied der NSDAP?“, „Schrieb Erich Kästner Nazi- Filme?“, „Verlegte Wolfgang Koeppen im Dritten Reich?“918 Im Rückgriff auf Arbeiten von Urs Widmer919 und Hans Dieter Schäfer920 weist Raddatz die von Andersch aufgestellte These zurück, dass die deutschsprachige Literatur zur Zeit des ‚Dritten Reichs’ entweder ermordet oder emigriert war. Die von Andersch und anderen Autoren der frühen Nachkriegszeit als Selbstpositionierung gebrauchte Metapher der ‚Stunde Null’, also die Annahme eines vollständigen und voraussetzungslosen literarischen Neubeginns der Literatur aus den Trümmern des Kriegs, wird von Raddatz widerlegt, indem er aufzeigt, dass wichtige Vertreter der Literatur nach 1945 bereits vor 1945 publizistisch aktiv waren. Raddatz benennt einige dieser Aktivitäten in loser Reihenfolge, nicht immer korrekt, selten differenziert und zuweilen aus der schwindelerregenden Höhe eines Richterstuhls, von der aus gesehen jede Lebensäußerung im ‚Dritten Reich’, die nicht der Trauer oder dem Widerstand galt, einem stillen Einverständnis mit den Machthabern gleichsieht. So heißt es etwa im Hinblick auf die Zeit kurz nach dem Anschluss Österreichs: „Man muß sich immerhin vorstellen, was zur selben Zeit geschah, zu der – verkrochen in diese ‚Zeit’ ignorierende Unberührbarkeit – Wolfgang Staudte muntere Filme drehte, Max Bense eine Einführung in das Werk Kierkegaards abfaßte oder die Verleger Stomps und Rowohlt sich im Vorkriegs-Berlin bei Jazzmusik mit Horst Lange am Kurfürstendamm trafen. Carl von Ossietzky war da schon halb totgeprügelt.“921 917 Kurz nach der Erstausstrahlung dieser Serie forderten Günter Grass, Walter Jens, Siegfried Lenz, Martin Walser, Peter Weiss, Heinrich Böll und Wolfgang Koeppen in einer schriftlichen Erklärung an die Intendanten von ARD und ZDF die Produktion einer Serie zum Thema Shoa und boten ihre Mitwirkung an. Aus dem Vorstoß wurde nichts. Vgl. Michael Wuliger: Das Grauen blieb ausgesperrt. In: Die Zeit v. 3.2.1995. 918 Alle Zitate: Fritz J. Raddatz: Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt... Der Beginn der deutschen Nachkriegsliteratur. In: Die Zeit v. 12.10.1979. 919 Vgl. Urs Widmer: 1945 oder die „Neue Sprache“. Studien zur Prosa der „Jungen Generation“. Düsseldorf: Schwann 1966 (Wirkendes Wort 2). 920 Vgl. Hans Dieter Schäfer: Die nichtfaschistische Literatur der ‚jungen Generation’ im nationalsozialistischen Deutschland. In: Die deutsche Literatur im Dritten Reich. S. 459– 503; Ders.: Zur Periodisierung der deutschen Literatur seit 1930. In: Literaturmagazin 7 (1977). S. 95–115. Später zusammengefasst in: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 – 1945. München; Wien: Hanser 1981. 921 F. J. Raddatz: Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt... In: Die Zeit v. 12.10.1979. Diese und andere Passagen finden sich wortgleich in Raddatz’ Besprechung des Sammelbands von Denkler/Prümm (siehe Anm. 916). Vgl. Fritz J. Raddatz: Im Schlamm steckengeblieben. Ein Sammelband über „Die deutsche Literatur im Dritten Reich“. In: Die Zeit v. 3.12.1976. 248 Wolfgang Koeppen kommt in dem Dossier insgesamt an drei Stellen vor. Das erste Mal gleich auf der ersten Seite, in einem Passus, der nicht ohne Folgen bleiben sollte. Raddatz schreibt: „Weder hat Peter Huchel zwölf Jahre nichts veröffentlicht, noch war Koeppen emigriert. [...] Koeppen publizierte 1935 den Roman ‚Die Mauer schwankt’, dessen zweite Auflage 1938 den heroisierten Titel ‚Die Pflicht’ trug – bei Kriegsausbruch meldete er sich aus Holland zurück bei seiner Musterungsbehörde.“922 Dass Koeppen während seines Aufenthalts in Holland nicht emigriert war, ist eine vertretbare, diskutable Position, ebenso dass der Titel Die Pflicht heroisiert klingt. Dass das Buch vielmehr 1939 auf dem Markt kam und recht besehen keine zweite Auflage war, sind kleine handwerkliche Schnitzer. Schwerwiegender ist jedoch, dass sich Raddatz nicht die Mühe macht, seine Behauptungen durch Argumente zu untermauern. (Auch entsteht in Raddatz’ Formulierung der Eindruck, es wäre Koeppens Initiative gewesen, den Roman umzubenennen, was nicht erwiesen ist.) Schlechtweg falsch sind dagegen die Aussagen nach dem Gedankenstrich. Man erinnert sich: Nicht zu Kriegsbeginn kehrte Koeppen zurück, sondern ein Jahr zuvor, am 14. November 1938. Seine Rückkehr hatte auch nicht, wie Raddatz suggeriert, darin seinen Grund, rechtzeitig zur Truppenaushebung Gewehr bei Fuß zu stehen, sondern in erster Linie darin, um sich in der Filmbranche „unterzustellen“ (ES 174), wie Koeppens bevorzugte Formulierung lautete. Koeppen reagierte aufgebracht mit einem langen Brief an Raddatz. Dessen Einladung – vor dem Hintergrund des vorhersehbar großen Wirbels, den der Artikel auslöste923 –, an einer größer angelegten Diskussion in der Zeit teilzunehmen, musste Koeppen terminbedingt absagen. Er war im November in Italien, um mit Ferry Radax den Film Ich bin gern in Venedig warum zu realisieren.924 Seine Verteidigung übernahmen andere. An vorderster Linie Marcel Reich-Ranicki, der dem Roman Die Mauer schwankt bereits 1963 gleichsam einen Persilschein ausgestellt hatte.925 Seine damalige Haltung bekräftigend, wirft er Raddatz vor, mit seinem Aufsatz, wohlgemerkt nicht nur in Bezug auf Koeppen, „Verleumdung statt Aufklärung“ zu betreiben: „Die Tendenz des Romans ist unverkennbar antinazistisch [...]. [...] Dieser angeblich ‚heroisierte Titel’ [Die Pflicht, Anm. C. W.] – damit wird Koeppen ein unwürdiger Akt der Anpassung unterstellt – entspricht durchaus dem Inhalt: Aber der Roman enthält nicht etwa einen Aufruf zur nazistischen Pflichter- 922 F. J. Raddatz: Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt... In: Die Zeit v. 12.10.1979. 923 Vgl. die Stellungnahmen pro und contra Raddatz von in der Zeit v. 9.11.1979. 924 So Koeppen in einem Brief an Fritz J. Raddatz v. 26.10.1979 (WKA 009.1815). 925 „Vergeblich wird der mißtrauische Leser in den beiden Romanen, mit denen Koeppen seine Laufbahn begann, auch nur die geringsten Konzessionen zugunsten der neuen Machthaber in Deutschland suchen. Im Gegenteil: die literarischen Einflüsse, die man in dieser Prosa zu spüren vermeint, scheinen auf Schriftsteller hinzuweisen, die damals verboten waren – von Thomas Mann über Franz Kafka bis zu Joseph Roth.“ (M. Reich- Ranicki: Der Zeuge Koeppen. S. 137). 249 füllung, sondern eine Warnung vor falscher Pflichtauffassung.“926 Jürgen Peters sekundierte in der Frankfurter Rundschau: „Wolfgang Koeppen hat sich auch mit seinem zweiten Roman bewußt und deutlich in eine Tradition gestellt, die vom Faschismus unübersehbar verfemt worden war; er hat dieses Buch zudem einem Verleger gegeben, der Jude war.“927 Dass der so unvermutet zum Gegenstand kontroverser Diskussionen gewordene Roman im literaturkritischen Diskurs präsent, aber auf dem Markt nicht erhältlich war, konnte so nicht bleiben, schließlich stand der Ruf eines angesehenen Autors auf dem Spiel. Im Juni 1980 schloss Wolfgang Koeppen mit dem Suhrkamp Verlag einen Zusatzvertrag zum bereits bestehenden Generalvertrag mit einer Klausel ab, die besagte, dass unmittelbar auf ein neues Werk Koeppens der Roman Die Mauer schwankt neu aufgelegt werden sollte. (Vgl. KU 352, Anm. 1) Jenes voraufgehende Werk sollte ursprünglich der Roman Tasso oder Die Disproportion sein. Nachdem die Abgabe des Manuskripts von Koeppen wieder und wieder hinausgezögert wurde, folgte die Publikation von Die Mauer schwankt schließlich auf die Essaysammlung Die elenden Skribenten. Als geeigneten Publikationsrahmen für das Reprint schlug Unseld das sogenannte Weiße Programm vor. Diese neu gegründete Reihe umfasste ausschließlich ältere Werke bekannter Suhrkamp-Autoren. In einer Verlagsmitteilung hieß es dazu: „Im 33. Jahr, im 1. Halbjahr 1983, möchte der Suhrkamp Verlag in seiner Produktion innehalten. Er möchte an alte Bücher erinnern. Im Einvernehmen mit seinen Autoren wird er in seinem Hauptprogramm auf Novitäten verzichten und ein ‚Weißes Programm’ vorlegen, das 33 Bücher aus diesen 33 Jahren bringt.“ (KU 385) Dieses ungewöhnliche Vorhaben demonstriert den großen Spielraum des Suhrkamp Verlags, sein akkumuliertes symbolisches Kapital bzw. dasjenige seiner Autoren in Form der eindrücklichen Backlist gewinnbringend einzusetzen. Hintergrund des Weißen Programms war jedoch eine Krise des bundesrepublikanischen Buchhandels zu Beginn der Achtzigerjahre, der sich bei Suhrkamp in Umsatzrückgängen niederschlug. Die Einladung an das Lesepublikum, sich mit älteren Werken zu beschäftigen, folgte daher auch der Strategie, auf Bekanntes und Bewährtes zu setzen, anstatt sich auf riskante Neuheiten einzulassen.928 Zu den 33 Titeln des Weißen Programms gehören deutschsprachige wie ausländische Autoren, ältere wie relativ aktuelle Texte, Einzelwerke und Gedichtsammlungen oder Theaterstücke. Mit Ausnahme von Die Mauer schwankt handelt es sich bei den Einzelwerken um Titel, die zuvor alle bereits im Suhrkamp Verlag veröffentlicht worden waren. (Vgl. KU 386–388) Um Koeppens Buch noch stärker aus dem Programm hervorzuheben, hatte Unseld eine Idee, die er Koeppen im September 1982 brieflich mitteilte: „[...] als einziges von den 33 Büchern wird Dein 926 Beide Zitate: Marcel Reich-Ranicki: Verleumdung statt Aufklärung. Deutsche Schriftsteller im Dritten Reich – Zu einem „Zeit“-Dossier von Fritz J. Raddatz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.10.1979. 927 Jürgen Peters: Fragen und Antworten. Wolfgang Koeppens zweiter Roman aus schiefem Licht geholt. In: Frankfurter Rundschau v. 1.12.1979. 928 Vgl. R. Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik. S. 25. 250 Buch als Lese-Exemplar hergestellt und Ende Dezember an 2.000 Buchhändler in der BRD, Österreich und der Schweiz verschickt. Damit ist dem Buch eine große Resonanz sicher.“ (KU 390) Damit nicht genug, erklärte sich Marcel Reich-Ranicki bereit, dass Die Mauer schwankt von Januar 1983 an in der FAZ abgedruckt wurde, womit dem Roman, so Unseld, „eine sehr schöne Begleitmusik zu der Vertreterreise und dem Angebot des Buches an den Buchhandel“ (KU 403) gewiss war. Die „schöne Begleitmusik“ wurde durch Buhrufe in Form einer Polemik empfindlich gestört. Diese kam vom Spiegel-Redakteur Christian Schultz-Gerstein, der sich über den von ihm so genannten „Koeppen-Kult“929 mokierte. Zielscheibe des Spotts war weniger Wolfgang Koeppen selbst als vielmehr dessen Förderer und Verehrer, allen voran Siegfried Unseld und Marcel Reich-Ranicki930, die alles unternähmen, um den von ihnen als verkannt verkauften Schriftsteller in der literarischen Öffentlichkeit zu präsentieren und die nicht einmal davor zurück schreckten, „sein episches Schweigen auf eigene Faust zu brechen“931, indem sie einen alten, vergriffenen Roman neu druckten. Koeppen zeigte sich angesichts „der Gemeinheit, der Bösartigkeit dieses Schriftsatzes“ (KU 408) tief verletzt und fühlte sich durch den Vorwurf, sich in die Medien zu drängen bzw. drängen zu lassen, in ein falsches Licht gerückt. Sein Einverständnis, Die Mauer schwankt neu auflegen zu lassen, ist neben den sicherlich vorhandenen finanziellen Anreizen auch als der Versuch aufzufassen, die Diskurshoheit über die eigene Biografie wiederzuerlangen, die er durch Beschweigen seiner Vergangenheit an seine Interpreten und Kritiker nun zu einem empfindlichen Teil verloren hatte. Wie schon bei der Neuveröffentlichung der Unglücklichen Liebe und später bei der Publikation von Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch unter Koeppens Namen, hatte dieser einst die Idee, Die Mauer schwankt durch die Einarbeitung seiner damaligen Situation bei der Niederschrift neu zu schreiben. (Vgl. ES 99) Diese Idee griff Koeppen mit dem Romanprojekt Zwart Water auf, kurz nachdem Die Mauer schwankt im März 1983 erschien. (Vgl. KU 420, Anm. 6) Es blieb zwar, wie so viele Romanideen Koeppens ein unvollendeter Versuch, war aber, so Alfred Estermann, von den im Nachlass gefundenen Romanfragmenten „am weitesten gediehen [...].“932 Statt einer Umarbeitung von Die Mauer schwankt stellte Koeppen 929 Christian Schultz-Gerstein: Der eiserne Griff der Verehrer. SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über den Koeppen-Kult. In: Der Spiegel v. 24.1.1983. 930 Es gab zwischen Schultz-Gerstein auf der einen und Koeppen und Reich-Ranicki auf der anderen Seite eine Art Vorspiel: einen misswollenden Artikel Schultz-Gersteins über Reich-Ranicki mit dem Titel Ein furchtbarer Kunst-Richter, der Koeppen wegen der darin enthaltenen offensichtlichen Anspielung auf den nationalsozialistischen Richter Hans Filbinger zu einem erbosten Leserbrief bewog. Vgl. Christian Schultz-Gerstein: Ein furchtbarer Kunst-Richter. SPIEGEL-Redakteur Christian Schultz-Gerstein über den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. In: Der Spiegel v. 21.8.1978; Wolfgang Koeppen: Unglaublich und empörend. In: Der Spiegel v. 18.9.1978. 931 C. Schultz-Gerstein: Der eiserne Griff der Verehrer. In: Der Spiegel v. 24.1.1983. 932 A. Estermann: Ein riesiger Steinbruch aus Anfängen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 5.12.1998. 251 dem Buch eine Vorrede voran, die auf den 20. November 1982 datiert ist. In dem apologetisch getönten Vorspruch 1983 geht Koeppen auf seine damalige Situation in Holland und die Umstände ein, die die Arbeit am Roman begleiteten. Er beschreibt sich als einen Autor zwischen allen Stühlen: zwischen Exil und Heimat, zwischen Opposition und Anpassung, zwischen den Vorstellungen seines Lektors, seinen eigenen literarischen Ambitionen, seiner vorgeblichen vertraglichen Verpflichtung gegenüber Cassirer933 und der Indignation der Exilliteratur (namentlich Klaus und Erika Mann), die Koeppen übelnahm, dass er weiterhin in Deutschland veröffentlichen wollte. Seinen Roman schildert er als das Produkt aus Zugeständnissen an seinen Verlag und die Zeitumstände und kleinen aber gezielten Sabotage-Akten gegen diese Zugeständnisse. Den Familien- und Heimatroman, den Tau Koeppen, angeregt durch dessen masurische Erinnerungen, zu schreiben ermunterte, habe seine eigentlichen Schreibabsichten konterkariert. Koeppen „bedrängten Berichte aus dem Untergrund.“ (W 2, 284) Was sich zu jener Zeit in Deutschland abspielte, habe er viel eher beschreiben wollen, aber dies wäre keinem deutschen Verlag und schon gar nicht Cassirer zuzumuten gewesen. (Vgl. ES 44–45) Also doch ein Provinzroman, aber keine Idylle; das war, so Koeppens Version, seine Bedingung: „[...] keine Idylle, kein Blut und Boden, keine erbgesunde Familie, mein Held ein Einzelgänger, Junggeselle, ein gehemmter Intellektueller, ein Baumeister, aber kein aufbauender Mensch, alles brüchig, rissig, dem Ende zu. So entstand der Titel ‚Die Mauer schwankt’. Tau gab sich zufrieden [...].“ (W 2, 284) Koeppen erweckt hier den Anschein, selbst für die Titelgebung verantwortlich zu sein. Darüber, dass als Titel zunächst und wahrscheinlich auch von ihm selbst vorgeschlagen Die Pflicht und die Strenge vorgesehen war, verliert er kein Wort. Dafür beklagt er sich, sicherlich auch im Rückblick auf die Raddatz-Kritik, über die spätere Umbenennung in Die Pflicht durch den Universitas Verlag im Jahre 1939: „Diese falsche Firmierung kehrte ins Gegenteil, was ich hatte andeuten und sagen wollen.“ (W 2, 285) Was Koeppen andeuten und sagen wollte, habe er versteckt getan, gewissermaßen als „Tarnung“, indem er die Vorgänge im faschistischen Deutschland auf „einem Fabelbalkan [...] vor 1914“ spielen ließ: „Ich leistete Widerstand, wenn auch versteckt.“ (Alle Zitate: W 2, 284) Mit diesen selektiven und teils geschönten Informationen sucht Koeppen autoritativ den Interpretationsrahmen abzustecken, der ihm eine im seinen Sinne günstige Aufnahme des Romans garantieren soll. Der Vorspruch, der kleinmütig begann („Ich habe den Roman ‚Die Mauer schwankt’ [...] in Holland geschrieben. Ich war nicht glücklich“, W 2, 281), endet mit einer optimistischen Note, mit der Koeppen seinen Zweitling gewissermaßen seinen Segen erteilt: „Erst eine Aufforderung des Norddeutschen Rundfunks zu einer Lesung bewegte mich wieder zur Lektüre. Ein Wunder geschah: ich fand, was ich oder ein Fremder da geschrieben hatte, gut. Es war wieder mein Buch.“ (W 2, 286) 933 De facto existierte ein Vertrag für ein zweites Buch nicht. Dieser wurde erst im August 1935 geschlossen, als Koeppen mit der Arbeit an Die Mauer schwankt in die Ziellinie einbog. Vgl. W 2, 313. 252 Wie bereits erwähnt, erschien Die Mauer schwankt 1983, einem Jahr mit symbolischer Bedeutung. Es war der 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Bücherverbrennungen. Dieser Zusammenhang ist von großer Bedeutung für die Vehemenz der Debatte, die die Neuveröffentlichung des Buches auslöste. Diese kam kurz vor dem eigentlichen Erscheinen in Gang, in einem Aufsatz von Karl Prümm in der Literaturzeitschrift Schreibheft mit dem Titel Zwiespältiges auf schwankendem Grund. Bemerkungen zur Neuauflage von Wolfgang Koeppens frühem Roman ‚Die Mauer schwankt’ (1935). Prümm nennt den endlich dem Nachkriegspublikum zugänglich gemachten Roman Koeppens „eine wirkliche Sensation [...], eine brisante Novität [...].“ Als gewiss scheint ihm, dass das Bild, das sich die literarische Öffentlichkeit von Koeppen gemacht habe, nun um einige Facetten erweitert werden müsse, und er prognostiziert „erregte Kontroversen“934, den der neu aufgelegte Roman hervorrufen werde: „Der Bewunderer Koeppens wird bei der Lektüre von ‚Die Mauer schwankt’ einer harten Probe ausgesetzt. [...] Vieles gerät ins Wanken.“ Den oppositionellen, pazifistischen Schriftsteller der Nachkriegszeit sucht Prümm in diesem Vorkriegswerk vergebens. Stattdessen findet er in der Gedankenwelt des Romans beunruhigende Affinitäten zu Positionen der konservativen Revolution, eine auch in die ästhetische Komposition reichende „radikale Abwertung der Weimarer Republik“935, die sich in Anti-Urbanismus und einer Idyllisierung des Landlebens zeige, und er gelangt am Ende seiner Ausführungen zu dem Schluss: „‚Die Mauer schwankt’ legt Zeugnis davon ab, daß auch ein Autor wie Koeppen Gefahr lief, der Faszination des Faschismus zu erliegen. [...] Der politische Bekenntnisroman, den sich der neunundzwanzigjährige Autor abverlangt, wird zum zwiespältigen Dokument konservativer Illusionen. [...] Er offenbart einen gefährlichen Kurs der Anpassung an die faschistische Ästhetik und Ideologie über die Brücke des Antiliberalismus, der Erleichterung über das Ende der ungebliebten Republik.“ Prümm hält Koeppen den kurz darauf erfolgten Abbruch seiner Romanproduktion zugute, den er interpretiert als „Schrecken darüber, daß die aus der Katastrophe abgeleitete optimistische Prophetie in ein Inferno mündete.“936 Seine gesellschaftskritischen Nachkriegsromane erscheinen ihm psychologisch in einem neuen Licht, er wertet sie als eine Abrechnung mit den Denkmustern, denen er selbst erschreckend nahe gekommen sei. Mit behutsam gewählten begrifflichen Unterscheidungen versucht Prümm zu verdeutlichen, dass er den Koeppen des Jahres 1935 als einen konservativ-opportunistischen Autor, nicht aber per se als nationalsozialistischen Schriftsteller ansieht. Dieser Sorgfalt zum Trotz hat sich durch einen Fehler des Setzers in der Druckfassung eine Formulierung eingeschlichen, die eben letzteres nahelegt: „Es läßt sich nicht daran vorbeisehen: Koeppen hat der plumpen nationalsozialistischen 934 Beide Zitate: Karl Prümm: Zwiespältiges auf schwankendem Grund. Bemerkungen zur Neuauflage von Wolfgang Koeppens ‚Die Mauer schwankt’ (1935). In: Schreibheft 20 (1982). S. 47–51, hier S. 47. 935 Beide Zitate: Ebd. S. 48. 936 Beide Zitate: Ebd. S. 51. 253 Phraseologie Einlaß in seinen Roman gewährt.“937 Im Manuskript Prümms hieß es nicht ‚nationalsozialistisch’, sondern ‚nationalistisch’.938 Ein Lapsus, dessen Reichweite überschaubar gewesen wäre, hätte nicht Fritz J. Raddatz eben diesen Passus in seiner Rezension für Die Zeit in seinem falschen Wortlaut übernommen und damit einen weitaus größeren Leserkreis zugänglich gemacht. Raddatz’ Besprechung ist ein Verriss durch und durch. Dies betrifft zunächst einmal die ästhetischen Aspekte des Romans. Die Mauer schwankt sei „ein literarisch anspruchsloses, stilistisch bis zur Groteske hilfloses und unbedeutendes Buch [...].“ Zu dem literarisch ungünstigen Eindruck geselle sich zudem ein moralischer Wertekanon, der sich im Lob des „Ehernen, Harten, Männlichen“ manifestiere. Wie Prümm, auf den Raddatz sich ausführlich bezieht, fordert er dazu auf, „den späten Koeppen, den militant antifaschistischen Chronisten der Adenauer-Ära, neu und anders zu sehen.“ Dessen oppositionellen Stimme habe er in Die Mauer schwankt nicht vernommen, eher die eines Verführten: „Den Lockungen, und auch den Verführungen, dieser Zeit, in der Koeppens Roman erschien, war er nicht widersätzlich, sondern konform.“939 Die Attacke Raddatz’, die Koeppen mindestens ebenso galt wie dessen Förderer, Raddatz’ literaturkritischen Gegenspieler Marcel Reich-Ranicki940, traf jenen hart. Er zeigte sich „zutiefst verletzt“ und empfand Raddatz’ Insinuationen als „gemeinen Rufmord [...].“ (Beide Zitate: KU 411) Koeppen war nun mehr als zuvor unter Zugzwang; sein Renommee als nonkonformistischer Autor der Nachkriegszeit, über den vor 1945 nichts Verdächtiges bekannt war und der zuletzt in Jugend ein jugendliches Ich modelliert hatte, das sich von der nationalistischen Kriegstrunkenheit mit Ekel abwendet941, war durch diese Einwürfe nicht mehr über jeden Zweifel erhaben. 937 Ebd. S. 50. 938 Vgl. Karl Prümm: Begegnungen mit Wolfgang Koeppen. In: Internationales Jahrbuch der Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 3 (2006). S. 149–154, hier S. 150–151. 939 Alle Zitate: Fritz J. Raddatz: Neuer Blick auf Koeppen. Zu seinem frühen Roman „Die Mauer schwankt“. In: Die Zeit v. 11.3.1983. 940 Zu der Kritik von Fritz J. Raddatz schrieb Fetz: „Daß es sich dabei mehr um einen Machtkampf verfeindeter Kritikerpäpste handelte als um eine differenzierte Argumentation, bestätigte Koeppen im Gespräch mit Franz Schuh […]. Schuh: ‚Der Raddatz ist, sagen wir, ein bißchen der Hüter der heldischen linken Schriftsteller und er mag sie irgendwo nicht (…) Vielleicht, weil der Reich-Ranicki sie so schätzt, mag der Raddatz sie nicht.’ Koeppen: ‚Sie sagen es, das wollte ich jetzt nicht erwähnen, aber es ist so. Ich muß sagen, der Reich-Ranicki hat noch viele Feinde, und ich habe alle seine Feinde gern.’“ (B. Fetz: Vertauschte Köpfe. S. 16, Anm. 63. Zitat im Zitat: Franz Schuh: Gespräch mit Wolfgang Koeppen, unveröffentlichtes Manuskript, 1986). 941 Vgl. Jan Süselbeck: Böse Blicke. Kodierte Gefühle in den frühen Kriegsromanen Ludwig Renns und in Wolfgang Koeppens „Jugend“. Online unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19415 (abgerufen am 21. Januar 2018). 254 Es herrschte Klärungsbedarf und Koeppen stellte sich Interviewanfragen, die jetzt immer häufiger an ihn gerichtet wurden. Karl Prümm, dessen Aufsatz samt fatalen Druckfehler die Kontroverse losgetreten hatte, und dessen Kollege Erhard Schütz trafen sich mit Koeppen zu einem Gespräch, das nach grundlegenden Abänderungen, und man darf sagen, Abschwächungen Koeppens942, im Schreibheft abgedruckt wurde. Er änderte seine sparsame Informationspolitik über seine Zeit im Nationalsozialismus, die er bislang in Interviews hatte walten lassen, wenn auch nicht im Sinne umfassender Aufklärung. Er berichtete seine Version der Dinge, die zu Topoi seiner autobiografischen Selbstauskünfte geworden sind: die Zeit beim Berliner Börsen-Courier, der Aufenthalt in Holland zwischen Exil und Heimweh, die Rückkehr nach Deutschland und sein eulenspiegelhaftes ‚Unterstellen’ in der NS- Filmindustrie. Viele Aussagen wiederholte Koeppen, manche variierte er, an einigen Stellen jedoch verstrickte er sich in Widersprüche. So behauptete er etwa im Vorspruch 1983, die Hauptfigur aus Die Mauer schwankt, Johannes von Süde, sei kein staatserhaltender Mensch, sondern „ein Typ für den Widerstand später.“ (W 2, 285)943 Denselben Johannes von Süde, der nach Ausweis seines Autors das Zeug zum Widerstandskämpfer habe, hat Koeppen mit dem gleichen Zweck der Selbstexkulpation, aber mit einer völlig konträren Argumentation in einen Zusammenhang gebracht mit dem literarischen Inbegriff des wilhelministischen Opportunisten: Diederich Heßling aus Heinrich Manns Der Untertan (1918). (Vgl. KU 411, ES 176–177) In einem Interview mit der Zeit aus dem Jahr 1991 entgegnet Koeppen auf die als nationalistisch inkriminierten Passagen aus dem Buch: „Ja, so denkt meine Romanfigur. Aber die ist von mir durchaus kritisch gesehen. In Heinrich Manns ‚Untertan’ wimmelt es von nationalistischen Phrasen, aber die spricht nicht Heinrich Mann, sondern die Figur, die er erfunden hat. Solche Vorwürfe sind lächerlich.“944 Der Versuch, das inhaltlich Anstößige von der Erzählinstanz auf die Hauptfigur zu verlagern und so den Vorwurf abzufedern, wirkt nicht überzeugend, weil die Distanzierungssignale der Erzählerinstanz im Text zu schwach sind, um so eine Deutung zu unterstützen. (Vgl. W 2, 371) Dass gut acht Jahre nach den Kritiken von Raddatz und Prümm die Wunden noch nicht verheilt waren, offenbart eine verbale Entgleisung Koeppens, der Prümm in dem Zeit-Interview als „Idiot“945 titulierte. Prümm erneuerte seine Kritik in einem Aufsatz, der ebenfalls in der Zeit erscheinen sollte. Auf Einladung des nunmehrigen Feuilletonchefs Ulrich Greiner946 wurde Koeppen Raum zu einer Replik geboten. So erschien in der Ausgabe des 21. Februar 1992 unter der Über- 942 „Leider fehlen einige Detailinformationen, die Wolfgang Koeppen im Gespräch zwar äußerte, für den Druck aber nicht passieren ließ.“ (K. Prümm / E. Schütz: „Die Situation war schizophren“. S. 370. Vgl. auch E. Schütz: Ein Autor, der davon schrieb, dass er schreiben wird. In: Freitag v. 23.6.2006). 943 Vgl. auch Literatur im Gespräch. S. 244. 944 A. Müller: Ich riskiere den Wahnsinn. In: Die Zeit v. 15.11.1991. 945 Ebd. 946 Vgl. den Brief Ulrich Greiners an Wolfgang Koeppen v. 19.12.1991 (WKA 12117). 255 schrift „Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen: War er, als Hitler an die Macht kam, fasziniert von der neuen Bewegung?“ Prümms Aufsatz Ambivalenz und daneben Koeppens Entgegnung Widerspruch. Koeppens literarische Laufbahn von ihren Anfängen rekapitulierend, bestimmt Prümm die titelgebende Ambivalenz als von Beginn an konstitutiv für Koeppens ästhetische Vorlieben, die sowohl der Moderne als auch traditionalistischen Themen gälten. Prümm bezieht nunmehr auch Koeppens journalistische Artikel aus dem Jahr 1933 ein, insbesondere den Aufsatz über Moeller van den Bruck, der sich mit seiner konservativen Begeisterung wie ein „Bauplan des Romans“947 Die Mauer schwankt ausnehme. Koeppen wendet in seinem Widerspruch dagegen ein, dass er Hitler und seine Bewegung nicht gemocht habe und beim Berliner Börsen-Courier einer von drei „Linke[n]“ gewesen sei. Er reklamiert, mit dem Hinweis auf den Göpfert-Verriss der Unglücklichen Liebe, für sich das Erbe der vertriebenen Avantgarde und abermals weist er auf die versteckte Kritik „nationalsozialistischer Greuel“ in Die Mauer schwankt hin. Sein Plädoyer in eigener Sache endet mit der Kritik an der Rezeption des Romans: „Die Neuauflage in Deutschland wurde teilweise absurd kritisiert.“948 Das Adverb „teilweise“ verdient hervorgehoben zu werden. Die Kritik war mit Ausnahme Raddatz’ und weniger anderer differenziert, wenngleich im Ganzen betrachtet auffällig reserviert. Lob und Tadel hielten sich in etwa die Waage – dies gilt nicht nur für die Rezeption im Allgemeinen, sondern auch für viele Rezensionen im Besonderen. Die politisch heiklen Stellen des Romans wurden, bei dieser Vorgeschichte wenig überraschend, in der Regel besonnen reflektiert und bewertet. Wenig Zuspruch erfuhren weder der von Raddatz gemachte Vorwurf der ideologischen Anbiederung an die Nationalsozialisten949 noch die von Koeppen propagierte Stilisierung des Baumeisters als potenzielle Widerstandsfigur.950 Zu recht unterschiedlichen Ergebnissen kamen die Rezensenten in der Bewertung der sprachlich- ästhetischen Dimension des Romans, was bereits in seiner stilistischen Uneinheitlichkeit begründet liegt. Ein disparates Nebeneinander konventioneller und avantgardistischer Ansätze wurde konstatiert951, die Sprache ihrer Neigung zum Exaltier- 947 K. Prümm: Ambivalenz. In: Die Zeit v. 21.2.1992. 948 Alle Zitate: W. Koeppen: Widerspruch. In: Die Zeit v. 21.2.1992. 949 Vgl. Hubert Kloepfer: Vom ordentlichen Prinzip Pflicht. Nach achtundvierzig Jahren: Wolfgang Koeppens Roman „Die Mauer schwankt“. In: Stuttgarter Zeitung v. 25.6.1983; Wolf Scheller: Lebensbeichte eines Architekten. Koeppens alter Roman „Die Mauer schwankt“ wieder aufgelegt. In: Allgemeine Zeitung v. 20./21.8.1983. 950 Vgl. Paul Hübner: Kritik an Preußen? Wolfgang Koeppens Roman „Die Mauer schwankt“ wiederaufgelegt. In: Rheinische Post v. 30.4.1983; W. Martin Lüdke: In der Schwebe geblieben. Wolfgang Koeppens zweiter Roman „Die Mauer schwankt“ neu aufgelegt. In: Frankfurter Rundschau v. 6.8.1983; Anonym (gdg.): Pflicht und Ordnung. W. Koeppens Roman „Die Mauer schwankt“. In: Aachener Nachrichten v. 21.9.1983. 951 Vgl. Gerwin Zohlen: Schmuggelgut aus dem Paradies des Zögerns. Wolfgang Koeppens früher Roman „Die Mauer schwankt“. In: Süddeutsche Zeitung v. 30.3.1983; Volker Lilienthal: Zwischen Pflicht und antibürgerlicher Skepsis. In: die tat v. 29.7.1983. Positiv bei Peter Demetz: Wolfgang Koeppens überraschendes Experiment. Die Neuauflage seines 256 ten und Schwülstigen halber kritisiert952, der Einsatz elaborierter literarischer Techniken dagegen gelobt.953 Uneinigkeit herrschte schließlich auch in der Frage der literaturhistorischen und werkbiografischen Bedeutung von Die Mauer schwankt. Die Neue Zürcher Zeitung begrüßte die Wiederveröffentlichung eines Werkes, das „dem Bild der literarischen Moderne eigene Farben beifügt.“954 Die Rheinische Post sprach von einer „erfreulichen Neuauflage“ und von einem „an Anziehungskraft sogar spätere Werke übertreffenden Roman [...].“955 Hubert Kloepfer von der Stuttgarter Zeitung mochte zwar nicht von einer „‚literarischen Neuentdeckung ersten Ranges’“956 sprechen, zeigte sich aber davon fasziniert, dass in dem frühen Roman bereits Spuren des späteren Koeppen zu sehen seien. Anders sah dies Wolf Scheller von der Mainzer Allgemeinen Zeitung: Koeppens Frühwerk sei „ein bemerkenswerter Versuch. Aber er führt uns noch nicht zu diesem Autor hin, neugierig macht uns ‚Die Mauer schwankt’ nicht.“957 Für die Nürnberger Nachrichten gehörte Die Mauer schwankt „zu den nicht so wichtigen Büchern eines wichtigen Autors.“958 Und die Aachener Nachrichten urteilten: „Insgesamt ein recht fragwürdiges Buch, das allenfalls ausgesprochene Koeppen-Verehrer begeistern dürfte. Die werden aber von der virtuosen Sprachkunst seiner späteren Romane [...] hier noch gar nichts finden.“959 zuerst 1935 erschienenen Romans „Die Mauer schwankt“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.3.1983. 952 Vgl. Dietmar Bruckner: Prosa mit Schaumkronen. Zu einer Wiederentdeckung: Wolfgang Koeppens früher Roman „Die Mauer schwankt“ erneut aufgelegt. In: Nürnberger Nachrichten v. 6./7.8.1983; W. Scheller: Lebensbeichte eines Architekten. In: Allgemeine Zeitung v. 20./21.8.1983. 953 Vgl. Paul Stänner: Was eines Menschen Pflicht ist. Wolfgang Koeppens Roman „Die Mauer schwankt“ aus dem Jahr 1935. In: Der Tagesspiegel v. 10.7.1983. 954 Anonym (mey.): Diesseits und jenseits. Wolfgang Koeppens Roman „Die Mauer schwankt“. In: Neue Zürcher Zeitung v. 16.4.1983. 955 Beide Zitate: P. Hübner: Kritik an Preußen? In: Rheinische Post v. 30.4.1983. 956 H. Kloepfer: Vom ordentlichen Prinzip Pflicht. In: Stuttgarter Zeitung v. 25.6.1983. 957 W. Scheller: Lebensbeichte eines Architekten. In: Allgemeine Zeitung v. 20./21.8.1983. 958 D. Bruckner: Prosa mit Schaumkronen. In: Nürnberger Nachrichten v. 6./7.8.1983. 959 Anonym (gdg.): Pflicht und Ordnung: In: Aachener Nachrichten v. 21.9.1983.

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Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.