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14. Der Dichter als Gelehrter? Die elenden Skribenten (1981) und die Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1982) in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 237 - 244

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-237

Tectum, Baden-Baden
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237 14. Der Dichter als Gelehrter? Die e l enden Skribenten (1981) und die Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1982) Nicht mehr ganz pünktlich zu Koeppens 75. Geburtstag erschien im Oktober 1981 bei Suhrkamp der Band Die elenden Skribenten, eine Sammlung von Aufsätzen über Literatur, die Koeppen über die Jahre an verschiedenen Stellen publiziert hatte. Herausgeber war Marcel Reich-Ranicki, der mit der Billigung Koeppens die Auswahl der Texte übernahm und die Titel abänderte. Nach Romanen, Reiseberichten und (semi-)autobiografischer Prosa fügte diese Veröffentlichung Koeppen eine neue Facette hinzu: den Literatur-Essay. Positionierte sich Koeppen damit nun als Schriftsteller-Gelehrter, als Poeta doctus im Grenzbereich zwischen Literatur und Wissenschaft? Zu jener Zeit gab es viele solcher ‚Doppelbegabungen’, die als Schriftsteller und Kritiker bzw. Literaturwissenschaftler von sich reden machten, z. B. Dieter Wellershoff, Walter Jens, Walter Höllerer oder Reinhard Baumgart. Dass Wolfgang Koeppen jedoch nicht in diese Reihe gehörte, unterstrichen bereits die Paratexte, die die Aufsatzsammlung flankierten. Der Klappentext zur Erstausgabe der Elenden Skribenten erwähnt zwar die journalistische Vergangenheit beim Berliner Börsen-Courier, gleichzeitig wird aber klar gestellt, dass Koeppen „weder Kritiker noch Literaturhistoriker, weder Rezensent noch Literaturwissenschaftler“878 sei. Eine ähnlich lautende Klarstellung findet sich im Nachwort des Herausgebers: „Ein Wissenschaftler, ein Literaturhistoriker ist Koeppen nicht“, so Marcel Reich- Ranicki, sondern ein „ungewöhnlich neugieriger, ein geradezu passionierter Leser, ein zwar nüchterner, doch immer wieder verwunderter Zeuge, ein ebenso scharfsinniger wie zärtlicher Beobachter, ein Verliebter, den die Liebe nicht blind macht.“879 Auffällig ist, dass Reich-Ranicki hier mit denselben Vokabeln arbeitet, die er auch in seinen Aufsätzen über den Nachkriegsromancier Koeppen gebraucht (‚Zeuge’, ‚Beobachter’)880 und somit implizit eine ästhetische Affinität zur erzählenden Prosa Koeppens herstellt. Im Klappentext wird der Autor als „Poet“ und „Erzähler“ apostrophiert, der „wie in seinen Romanen und Reisebüchern [...] zum Meister des Details [wird], dem es immer wieder mit Hilfe der Momentaufnahme, der Impression und Reminiszenz gelingt, vielschichtige künstlerische Phänomene bewußt zu machen.“881 Es scheint offensichtlich, dass mit derlei Hinweisen ein Buch aus einem eher unpopulären Genre einem breiteren Publikum schmackhaft gemacht und Leser angesprochen werden sollen, die womöglich auf einen neuen Roman Koeppens warten und normalerweise nicht zu nicht-fiktionaler Literatur 878 Klappentext der Erstausgabe. Wolfgang Koeppen: Die elenden Skribenten. Aufsätze. Hrsg. v. Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981. 879 Beide Zitate: Marcel Reich-Ranicki: Nachwort. In: Ebd. S. 303–309, hier S. 303. 880 Vgl. Christian Winter: Der Lautsprecher als Fürsprecher. Marcel Reich-Ranickis Einsätze für Wolfgang Koeppen. In: Text + Kritik 34. 2. Aufl. Neufassung (Dezember 2014). S. 81–88, hier S. 83. 881 Alle Zitate: Die elenden Skribenten (Klappentext). 238 über Dichter und deren Werke greifen würden. Gleichzeitig wird damit, gewissermaßen enttäuschungsprophylaktisch, eine wissenschaftlich aufgeschlossene Leserschaft adressiert, die an einer stärker analytisch-begrifflichen Durchdringung literarischer Gegenstände interessiert ist. Wie ist das Buch aufgebaut und woraus besteht es genau? Etwa zwei Drittel der Texte entstammen aus jüngerer Zeit, den Jahren zwischen 1974–81 und sind Ergebnisse der Mitarbeit am von Reich-Ranicki geführten Literaturteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nebstdem enthält der Band Einleitungen, Nachworte, Reden, Buchbesprechungen und Aufsätze aus anderen Periodika. Die älteste Arbeit datiert aus dem Jahr 1952; die Beiträge, die Koeppen vor dem Zweiten Weltkrieg für den Berliner Börsen-Courier verfasst hatte, fanden dagegen keine Berücksichtigung, weil sie, so Reich-Ranicki, „sich noch nicht durch die charakteristischen Merkmale der Koeppenschen Sicht auszeichnen.“882 Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert. Die ersten drei umfassen Schriftstellerporträts, die nach Epochen gruppiert sind (zeitgenössische Schriftsteller, Autoren des 20. Jahrhunderts und klassische Dichter von Grimmelshausen bis Wilde), daneben gibt es Gedichtinterpretationen und zu guter Letzt Aufsätze, die Koeppens eigenen Standpunkt als Literaten und Leser reflektieren, darunter die Büchner-Preisrede und den titelgebenden Essay Die elenden Skribenten aus dem Jahr 1952. Der Grund, dass Reich-Ranicki ausgerechnet diesen Titel für das Buch ausgewählt hat, ist weder willkürlich noch allein dem schönen Klang geschuldet, sondern darin zu sehen, dass viele der Schriftstellerporträts eine romantische Vorstellung vom tragischen Künstler bedienen883, der sich im Widerstreit mit seiner Zeit befindet und im künstlerischen Ringen ein Werk erschafft, dessen Nachleben ihm endlich die Verehrung sichert, die ihm die Mitwelt versagte. Verraten die Schriftstellerporträts – nicht minder als die Reise-Essays – auch erstaunliche Autodidaxie und Belesenheit Koeppens, ist literaturhistorische Exaktheit nicht unbedingt ihre hervorstechendste Eigenschaft und manche Retusche der porträtierten Autoren wird dem angestrebten Bild des ‚elenden Skribenten’ dienstbar gemacht.884 Koeppens Idee vom Schriftsteller, eine „Verbindung von poète maudit und poète engagé“885, ist der Fluchtpunkt dieser Texte, wenn auch nicht alle der von ihm beschriebenen Autoren ihr subsumiert werden können. Seine Methode, sofern man von einer Methode sprechen kann, ist mehr assoziativ denn analytisch. Sein Zugang zu den Autoren ist einfühlsam, ohne distanzlos zu sein, zuweilen hagiografisch und stets 882 M. Reich-Ranicki: Nachwort. S. 308. 883 Vgl. H. Treichel: Fragment ohne Ende. S. 205; D. v. Briel: Wolfgang Koeppen als Essayist. S. 75; C. Haas. Wolfgang Koeppen. S. 169. 884 Vgl. D. von Briel: Wolfgang Koeppen als Essayist. S. 76; Ulrike Leuschner: Der loyale Rezensent. Siegfried Sommers Roman Und keiner weint mir nach in Koeppens Beurteilung. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 1 (2001). S. 183–195, hier S. 192–195. 885 C. Haas: Eine Lektüre. S. 170. Hervorhebungen im Original. 239 identifikatorisch.886 Dies wird deutlich in der Beschreibung der Vaterlosigkeit Alfred Döblins, der sozialen und ökonomischen Erfolglosigkeit Robert Walsers, aber auch in der kühlen Distanz gegenüber der vergleichsweise bürgerlich-geglückten Existenz Thomas Manns, um nur einige Beispiele zu nennen. (Vgl. GW 6, 193–195, 222–229, 232–234) Die elenden Skribenten zeigen ihren Autor in keiner neuen Rolle. Noch einmal: Kein Kritiker, kein Historiker, kein Literaturtheoretiker gibt sich in ihnen zu erkennen. Koeppen doziert nicht vom Katheder herab. Er spricht als Dichter über Dichter. Sein Wissen ist „immer schon literarisiert, imaginativ aufgeladen.“887 Seine Schriftstellerporträts sind anekdotengesättigt, auf szenische Vergegenwärtigung aus, an sinnlicher Konkretion reich. Sprachlich und stilistisch sind sie von der erzählenden Prosa nicht wesenhaft unterschieden.888 Auf manche der zeitgenössischen Rezensenten wirkte der Ton der Aufsätze denn auch eher erzählerisch als essayistisch. Ein Kritiker bezeichnete sie als „poetische Tableaus“889, ein anderer gar als „Künstlerromane en miniature.“890 In auffälliger Übereinstimmung mit den Verlautbarungen des Verlags wird durch solche Umschreibungen das anzuzeigende Buch mit einem Kompensationscharakter ausgestattet, das dank seiner poetischen und erzählerischen Qualitäten den Leser darüber hinwegzutrösten vermag, dass es mit dem angekündigten Roman Koeppens noch gute Weile hat. Nicht ohne Grund streifen einige Rezensenten die Frage, ob es sich bei der Publikation eines Buches, das aus Texten besteht, die bereits sämtlich woanders veröffentlicht worden waren, womöglich um eine „verlegerische Verlegenheitslösung“891 handele, die in erster Linie die Funktion habe, den Autor im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit zu halten.892 Der strengste Kritiker der Elenden Skribenten aber war, wenigstens nach außen hin, Koeppen selbst. Das Buch, bei allem Lob für seinen Herausgeber, gefiel ihm nicht: „Ich mag mich nicht. Ich meine da alle meine Texte. Der Kritiker, der ich 886 Der identifikatorische Zug der Schriftstellerporträts und die Tendenz zum verschlüsselten Selbstbildnis ist oft bemerkt worden. Vgl. u. a. ebd. S. 169; M. Hielscher: Zitierte Moderne. S. 130, 132; D. von Briel: Wolfgang Koeppen als Essayist. S. 83–84, 86; M. Kußmann: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich. S. 23; Jürgen Egyptien: Das Porträt des Dichters als proteischer Beobachter in Wolfgang Koeppens Essayistik. In: Treibhaus 2 (2006). S. 217–226, hier S. 223. 887 M. Hielscher: Zitierte Moderne. S. 107, Anm. 42. 888 Vgl. J. Egyptien: Das Porträt des Dichters als proteischer Beobachter. S. 223. 889 Grn [d. i. Ulrich Greiner]: Kritik in Kürze. In: Die Zeit v. 18.12.1981. 890 Kurt Oesterle: In die Literatur zurückgezogen. Zu Wolfgang Koeppens Aufsätzen „Die elenden Skribenten“. In: Schwäbisches Tagblatt v. 27.5.1982. 891 Hartmut Buchholz: Erkundungen eines geborenen Lesers. „Die elenden Skribenten“: Wolfgang Koeppen – der Literat als Rezensent, der Rezensent als Literat. In: Badische Zeitung v. 3./.4.4.1982. 892 Vgl. Ernst Nef: „Die elenden Skribenten“. Aufsätze von Wolfgang Koeppen. In: Neue Zürcher Zeitung v. 14.1.1982. 240 nicht bin, wie wir wissen, regt sich in mir.“893 Die Veröffentlichung war genauso wenig seine Idee und Initiative wie der nachfolgende Abschnitt in seiner Laufbahn. Zum Wintersemester 1982/83 übernahm Wolfgang Koeppen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt die Stiftungsdozentur für Poetik. Die Frankfurter Poetik-Vorlesungen starteten 1959 mit Ingeborg Bachmann als erster Dozentin. Als Vorbild diente die traditionsreiche Oxforder Dozentur Professor of Poetry. Ihr Ziel war und ist es, einem herausragenden Schriftsteller oder Kritiker deutscher Sprache ein Forum zu bieten, um über Themen und Probleme der zeitgenössischen Literatur zu reflektieren. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Reihe an Koeppen kam, war die Frankfurter Vorlesungsreihe vor allem dank ihrer prominenten Gastdozenten bereits zu einer wichtigen Institution geworden. Die Vorlesungstexte wurden bis 1983 ohne Ausnahme publiziert und stellen teilweise wichtige poetologische Zeugnisse dar, die eine Binnensicht der Autoren auf die Ästhetik und Entstehungsbedingungen ihrer Texte erlaubt. Ins Leben gerufen und finanziert wurde die Poetik-Dozentur von der Frankfurter Goethe-Universität und dem S. Fischer Verlag. Der Suhrkamp Verlag ersetzte diesen ab 1963.894 Dessen Einfluss schlägt sich bald auch in der Anzahl der Suhrkamp-Autoren nieder, die die Gastdozentur im Laufe der Jahre innehatten. Koeppen war der achte Suhrkamp-Autor und insgesamt der 17. Dozent, der in Frankfurt Stellung zu Fragen der Poetik beziehen sollte. Die jeweils einstündigen Vorlesungen fanden vom 16. November bis zum 14. Dezember 1982 im Hörsaal VI der Universität statt. Parallel gab es im Foyer der Stadt- und Universitätsbibliothek eine Ausstellung über Koeppen, die mit Ansprachen von Horst Krüger und Marcel Reich-Ranicki eröffnet wurde.895 Koeppens Vorlesereihe stand unter dem Titel „Ist der Schriftsteller ein unnützer Mensch?“ Die Fragestellung scheint anzuschließen an die Vorstellung vom Schriftsteller als sozial randständige und unzeitgemäße Figur, auf die auch der im Vorjahr erschienene Aufsatzband mit seinem leicht archaisierenden Titel Die elenden Skribenten896 Bezug nimmt. Auch in anderer Hinsicht schloss der neue Gastdozent an seine jüngste Buchveröffentlichung an: Im Zentrum der ersten Vorlesung stand kein eigens für die Reihe ausgearbeiteter Vortrag, sondern eine Lesung eines Auf- 893 Wolfgang Koeppen an Marcel Reich-Ranicki. Brief v. 27.12.1981. In: „Lieber Marcel“. Briefe an Reich-Ranicki. Hrsg. v. Jochen Hieber. Stuttgart; München: Deutsche Verlags- Anstalt 2000. 2. erweiterte Aufl. S. 227. Siehe auch KU 373. 894 Vgl. http://www.uni-frankfurt.de/45664892/ueber_die_poetikdozentur (abgerufen am 21. Januar 2018). 895 Vgl. Wolfgang Koeppen. Begleitheft zur Ausstellung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a. M. 16. November 1982 - 15. Januar 1983. Hrsg. v. der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a. M. 1982. Zu den Exponaten der Ausstellung gehörten die Buchveröffentlichungen Koeppens, darunter auch Übersetzungen in andere Sprachen, sowie Bilder und Fotografien. 896 Der Titel ist möglicherweise eine Anspielung auf die Literatursatire Die Vortrefflichkeit und Nohtwendigkeit der elenden Scribenten (1734) von Christian Ludwig Liscow. 241 satzes über Percy Bysshe Shelley, der erstmals 1958 erschienen war897 und in dem Skribenten-Band wiederabgedruckt wurde. (Vgl. GW 6, 94–105) Koeppen schildert Shelley als „Nonkonformist“ (GW 6, 97), als „Apostel der Freiheit“ (GW 6, 100) und rastlosen Empörer der Moral und der guten Sitten. Nach der Shelley-Lesung knüpfte Koeppen an die Ausgangsfrage an und endigte mit der überraschenden Erkenntnis, dass Shelley ein nützlicher Schriftsteller sei, da er indirekt Franz Josef Strauß als Bundeskanzler verhindert habe.898 Die feuilletonistischen Reaktionen auf die erste, mit ca. 800 Zuhörern gut besuchte Vorlesung waren verhalten bis negativ. Registriert wurde Koeppens Verlegenheit und Scheu, der Mangel an Souveränität und Eloquenz. Es schien sich zu bewahrheiten, was Koeppen 20 Jahre zuvor anlässlich der Verleihung des Büchner- Preises über sich gesagt hatte: „Ich bin, glaube ich, nicht zuletzt deshalb Schriftsteller geworden, weil ich kein Handelnder sein mag. Ich liebe es nicht, mich auf den Markt zu begeben und zu reden.“ (GW 5, 253) Einen Tadel handelte sich Koeppen dadurch ein, dass er seinen Zuhörern einen über 20 Jahre alten Text vorlas, der überdies von einem anderen Schriftsteller handelte. Kein auskunftsfreudiger Literat schien mithin auf dem Podium Platz genommen zu haben, sondern eine schüchterne Sphinx, die ihr Geheimnis für sich behalten wollte. „Ein Dichter ohne Programm“899 titelte die FAZ und Hartmut Buchholz stellte in der Badischen Zeitung fest, dass die Frankfurter Stiftungsdozentur mit Wolfgang Koeppen „fehlbesetzt“900 sei. Der Fehlstart war damit perfekt. Um die Dozentur dennoch zu einem Erfolg werden zu lassen, meldete sich Siegfried Unseld telefonisch und brieflich bei Koeppen, um den Inhalt der vier verbleibenden Vorlesungen zu besprechen. „Ich glaube, wir haben eine gute Lösung für die nächsten Vorlesungen gefunden“ (KU 392), schreibt Unseld am 18. November, wobei nicht ganz eindeutig ist, wer mit „wir“ gemeint ist, oder genauer gesagt, ob das „wir“ Koeppen einschließt (als Rekapitulierung des vorigen Telefonats zwischen den beiden) oder ob es sich dabei womöglich um eine Gemeinschaft aus Unseld und anderen Verlagsmitarbeitern 897 Genauer gesagt handelt es sich um eine Einleitung, die Koeppen für die von ihm ausgewählte Sammlung von Shelley-Texten geschrieben hat, erschienen im Wiener Kurt Desch Verlag. Vgl. Percy Bysshe Shelley: Das brennende Herz. München: Desch 1958. 898 Vgl. Hanno Loewy: Ein gestutzter Koeppen. Seine erste Poetik-Vorlesung an der Universität. In: Frankfurter Rundschau v. 19.11.1982. Shelleys The Masque of Anarchy (1819, dt.: Der Maskenzug der Anarchie) diente als Inspirationsquelle für Brechts Gedicht Anachronistischer Zug oder Freiheit und Democracy (1947). Nach Brechts Gedicht wiederum benannte sich ein Münchner Straßentheater, das es sich zur Hauptaufgabe machte, gegen den damaligen Bundeskanzlerkandidaten der CSU, Franz Josef Strauß, zu protestieren. Dass Strauß nach der Bundestagswahl 1980 nicht als Bundeskanzler hervorging, dürfte allerdings auch anderen Faktoren als der Agitation eines Straßentheaters zuzuschreiben sein. 899 Hans Christian Kosler: Ein Dichter ohne Programm. Wolfgang Koeppen hält die Frankfurter Vorlesungen über Poetik. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.11.1982. 900 Hartmut Buchholz: Um sich ein Wall von Papier. Öffentlichkeit als Bedrohung: Zur Frankfurter Poetik-Vorlesung mit Wolfgang Koeppen. In: Badische Zeitung v. 20./21.11.1982. 242 handelt. Als relativ gewiss scheint jedenfalls, dass Koeppen nicht nur „keine Lust“901 auf die Poetik-Vorlesungen hatte, sondern dass seine Lust- und Konzeptlosigkeit den Verleger auf den Plan rief. In dem Brief Unselds an Koeppen finden sich konkrete Anweisungen für Inhalt und Struktur der zweiten, dritten und vierten Vorlesung. Unseld schreibt: „Für die nächste Vorlesung am kommenden Dienstag wollten wir die ‚Jugend’ in den Mittelpunkt stellen [...].“ Hier scheint es sich zunächst um eine gemeinsame Absprache zu handeln, die Unseld und Koeppen kurz zuvor getroffen hatten. Welchen Auszug er aus Jugend auswählt, stellt Unseld seinem Autor frei. Für den anschließenden Kommentar macht er aber einen Vorschlag: „Und doch kannst Du bei dieser Gelegenheit richtigstellen, daß das Ich der Erzählung und der Schriftsteller Koeppen zweierlei sind und daß die autobiographischen Rückbezüge so einfach nicht sind.“ Unseld fährt, etwas bestimmender nun, fort: „Für die dritte Vorlesung solltest Du Dir eine Lesung aus ‚Tauben im Gras’ oder ‚Treibhaus’ oder ‚Tod in Rom’ vornehmen und wiederum einleitend und ausleitend Zeitumstände erläutern, die den jungen Studenten ja nicht bekannt sind.“ (Alle Zitate: KU 392) Die Wahl, von wem auch immer getroffen, fiel letztlich auf Das Treibhaus. Als Gegenstand der vierten Vorlesung empfiehlt Unseld schließlich den Essay Die elenden Skribenten, nach dessen Lesung Koeppen auf seine Ausgangsfrage „Ist der Schriftsteller ein unnützer Mensch?“ zurückkommen könne. Unselds Aufmunterung: „Im übigen [!] gilt: Sei wie Du bist“ (KU 393), wirkt angesichts der konkreten Anweisungen etwas ironisch. Und sie erscheint gar grotesk, wenn man die Anlage liest, die Unseld dem übernächsten Brief an Koeppen beigefügt hat. Am 24. November schickt Unseld seinem Autor „Überlegungen“ (KU 394), die er, Koeppen, in der Vorlesung zum Thema Das Treibhaus vorlesen könne. Diese Überlegungen, die in dem Briefband „Ich bitte um ein Wort...“ acht Seiten umfassen (vgl. KU 394–402), enthalten zitierfreudige literaturwissenschaftliche und zeitgeschichtliche Reflexionen sowie Erörterungen zur genauen gattungsmäßigen Einordnung des Romans, die weitaus mehr die Handschrift des philologisch beschlagenen Siegfried Unseld verraten als die des handfesten germanistischen Fragestellungen gegenüber indifferenten Treibhaus-Autors Wolfgang Koeppen. Ausgehend von der Frage, was das auslösende Moment für den Roman war, stellt Unseld die Frage, ob Das Treibhaus ein Schlüsselroman sei, ob man ihn als politischen und darüber hinaus als satirischen Roman ansehen könne. An dieser Stelle wechselt Unseld unvermittelt in die Ich-Form und legt Koeppen nun einen gelehrten Exkurs über die Satire mit Verweisen auf Adorno, Lukács, Schiller und Jean Paul in den Mund. Der Leser erfährt in den Ausführungen Unselds vorrangig dessen individuelle Sicht auf den Roman, in der die spannungsreichen Ambiguitä- 901 „Zunächst einmal hatte er ‚keine Lust’, die Vorlesungen zu halten, hat ‚weder die Briefe meines Verlegers noch die der Universität beantwortet’. [...] Zur ersten Lesung nach Frankfurt fuhr er ‚und wußte überhaupt nicht, was ich sagen sollte’.“ (Claudia Theurer: Ich habe den Hang zur Einsamkeit. Autor Wolfgang Koeppen über den Nutzen des Schriftstellers. In: Abendzeitung v. 8.12.1982). 243 ten Koeppens auf eine eingängige und geradlinige Selbstinterpretation aus fremder Hand reduziert werden. Man kann, in den Worten Doerings, diese „Form der Soufflage“ als einen Versuch Unselds sehen, „in der Rolle seines Autors die Deutungshoheit über sein Werk“902 zu gewinnen; oder als einen Freundschaftsdienst, den Unseld Koeppen zu schulden meinte, nachdem er ihm mit der Poetik- Dozentur eine unpassende Rolle zugeschanzt hatte.903 Auf jeden Fall kam Unseld mit seiner fürsorglichen Vereinnahmung seinem Ideal vom Verleger als heimlichen Schöpfer und literarischen Geburtshelfer sehr nahe. Von Protesten Koeppens gegen Unselds Vorlage ist nichts bekannt, und allem Anschein nach hat er sie auch als Redemanuskript benutzt. Dies belegt jedenfalls das im Wolfgang-Koeppen-Archiv lagernde Typoskript Unselds, das handschriftliche Betonungszeichen und Umwandlungen der Pronomen aufweist.904 Nach seinem letzten Auftritt am 14. Dezember sah Koeppen zufrieden auf die Frankfurter Zeit zurück und sprach sogar von einem „Erfolgserlebnis“ (KU 404). Dieses verdankte sich weniger dem Dozieren an sich als vielmehr dem Kontakt mit jungen Studierenden, insbesondere den weiblichen, wie Koeppen seinem Verleger berichtet und dabei erotische Verwicklungen andeutet.905 Doch auch wenn die Zeit an der Universität Koeppens Lebensgeister stärkte, schriftstellerisch produktiv war die Poetik-Dozentur nicht. Koeppen war der erste Gastdozent, dessen Vorlesungen nicht in Buchform publiziert wurden.906 Dass Wolfgang Koeppen auf einem Posten falsch aufgehoben war, an dem er gehalten war, über Poetik, über Theorie und Konstruktion von literarischen Werken und sein eigenes dichterisches Vorgehen zu referieren, war anhand früherer Äußerungen absehbar. Obschon ein Autor, in dessen Schreiben es eine große Resonanz poetologischer Fragestellungen gibt, war Koeppen abstrakten Diskussionen oder literarischen Manifesten und Theorien abhold. Diese waren für ihn Sache der Epigonen, wohingegen die „Erzväter des neuen Romans, Joyce, Proust, Kafka“ (GW 5, 249) ohne sie ausgekommen seien. Gerne bemühte er bei Nachfragen über seine Arbeitsweise das Bild vom Tausendfüßler, der unfähig wird zu gehen, sobald er über den Gebrauch seiner Beine nachzudenken hat. (Vgl. GW 6, 363, ES 104) Und gar zuwider war es ihm, über ältere Werke Auskunft zu geben oder auf diese angesprochen zu werden: „Das Buch [...] gebe ich meinem Verleger, der sendet es in den Handel, und dann 902 Beide Zitate: S. Doering: „Im fernen Reich des Novalis“. S. 191. 903 Vgl. Roman Bucheli: Der Verleger als stiller Koautor. In: Neue Zürcher Zeitung v. 24.6.2006. 904 Vgl. S. Doering: „Im fernen Reich des Novalis“. S. 191, Anm. 8. 905 „Frankfurt, die Universität, war nun das, was man ein Erfolgserlebnis nennt. Wirklich, es wirkte. Von mir sonst bezweifelt. Selbst weibliche Wesen kamen und reichten sich hin. Mittagsgaben und nach Mitternacht. Ein neuer Frühling, und dies aus Büchern.“ (KU 404). 906 Vgl. http://www.uni-frankfurt.de/46039084/1979_1984#Koeppen (abgerufen am 21. Januar 2018). Bis in die Neunzigerjahre wurden alle Vorträge der Gastdozenten mit Ausnahme von Wolfgang Koeppen und Ludwig Harig (1987) veröffentlicht. 244 geht mich die ganze Geschichte nichts mehr an. [...] Ich scheue es aber unendlich, auf ein Buch von einem Leser angesprochen zu werden, und [...] es ist Wahrheit, wenn ich zu diesem Leser sage: ich weiß nicht, was in dem Buch steht, ich verstehe nicht, wovon Sie reden.“ (GW 5, 253–254) Koeppens ostentative Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Werken kommt ebenso im Vorspruch zur Neuauflage von Die Mauer schwankt zum Ausdruck, obwohl gerade diese Wiederveröffentlichung zeigt, dass seine Indifferenz nicht ganz ernst zu nehmen, dass sie Teil einer Selbststilisierung ist.907 907 Vgl. J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 329, Anm. 88.

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Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.