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12. Das „vollendete Fragment“: Jugend (1976) in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 211 - 226

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-211

Tectum, Baden-Baden
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211 12. Das „vollendete Fragment“: Jugend (1976) Zu Wolfgang Koeppens lang gehegten schriftstellerischen Plänen gehört die Autobiografie, von deren Ausprägung mehrere Versionen überliefert sind: als Teil eines größeren, mehrere Generationen umfassenden Romans, als für sich stehendes und mit Nein. Mein Leben betiteltes, aber nie vollendetes Werk777 oder als einzelne veröffentlichte Splitter, Bruchstücke „einer kleinen Konfession“ (ES 120), zu denen die Filmporträts Ich bin gerne in Venedig warum, Ortelsburg – Szczytno, aber auch das als halb fiktiv, halb autobiografisch ausgewiesene Fragment Jugend zählen. Im Folgenden werden Koeppens Ringen mit der Form der Autobiografie kurz zusammengefasst, der Entstehungskontext von Jugend untersucht und die zeitgenössische Rezeption dieses Buches wiedergegeben. 12.1 Die Geschichte eines „zurechtgelogenen jungen Mannes“. Koeppens Auseinandersetzung mit dem autobiografischen Schreiben Im Jahr 1968 glaubte Reinhard Döhl, einen neuen Ansatz in Koeppens Schreiben entdeckt zu haben. Das im Merkur erschienene Prosafragment Anamnese weckte in ihm die Vermutung, „daß Koeppens Versuch, von einem anderen Punkt aus noch einmal neu anzusetzen, vor allem die Autobiographie, die eigene Person betreffen wird.“ Wohl könne man autobiografische Elemente auch in den Romanen und Reisebüchern aufspüren, diese seien jedoch „von der Erzählung weitgehend verdeckt“778 worden. Der Neuansatz dagegen sei der „Versuch, nun in der Erzählung bei sich selbst zu bleiben, über sich selbst zu sprechen.“779 Döhl konstatiert, dass das „autobiographische Sprechen bei jedem Neuansatz immer stärker in den Vordergrund tritt.“780 Kurz vor dem Erscheinen von Jugend bezeichnete Döhl die von ihm beobachtete Akzentverschiebung in Koeppens Œuvre als „noch offene Phase der ‚autobiografischen’ Kurzprosa [...].“781 Die These von der Verstärkung des autobiografischen Moments wurde auch Jahrzehnte später in der Koeppen- Forschung vertreten, wie Jörg Döring bemerkt, der allerdings einer gegenteiligen Sicht zuneigt: „Wer die Schreibanlässe des Frühwerks kennt, der wird konstatieren müssen: Von Beginn an ist Koeppens Prosa autobiographisch grundiert (vielleicht 777 Vgl. G. Häntzschel / H. Häntzschel: Wolfgang Koeppen. S. 72. 778 Beide Zitate: R. Döhl: Wolfgang Koeppen. S. 118. 779 Ebd. S. 120. 780 Ebd. S. 121. 781 Reinhard Döhl: Wolfgang Koeppen. In: Deutsche Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Bd. 1. Hrsg. v. Dietrich Weber. 3., überarbeitete Aufl. Stuttgart: Kröner 1976 (Kröners Taschenausgabe 382). S. 110–137, hier S. 112. 212 sogar im Laufe der Zeit eher noch fiktionaler geworden...).“782 Der größte Unterschied der seit den Sechzigerjahren verstreut publizierten Erzähltexte, die in Jugend wiederaufgegriffen werden, zu den Romanen der unmittelbaren Nachkriegszeit ist auf den ersten Blick der, dass die erzählten Stoffe nicht mehr auf einer synchron mit der Zeit ihrer Niederschrift sind, sondern weiter zurückliegen und in die Vergangenheit von Koeppens Biografie weisen. Auffällig ist weiterhin, dass Koeppen stärker mit der Ich-Perspektive arbeitet und weniger aus einer personalen oder auktorialen Erzählersicht schreibt. Einen Ich-Erzähler gab es, zumindest passagenweise, bereits in Koeppens letzten Roman Der Tod in Rom. Mehr noch als um die Frage: Autobiografie oder nicht, geht es um das Mischungsverhältnis von Autobiografie und Fiktion, von Dichtung und Wahrheit. Koeppen brachte diesen Aspekt in der ihm eigenen erklärend-verunklarenden Weise auf den Punkt: „Kein Buch von mir ist autobiographisch und keines ist es nicht.“ (ES 197) Heinz Ludwig Arnold sagte er: „Der Schriftsteller liegt, glaube ich, immer etwas an der Kette seines Lebens.“ (ES 100) Dass Koeppen seine persönliche Lebensgeschichte als Material für seine schriftstellerische Arbeit stärker heranziehen wollte, wurde ab den Siebzigerjahren deutlich, als er Interviewfragen nach seiner Vergangenheit mit dem Hinweis auswich, diese Informationen in einem Roman verarbeiten und nicht der Öffentlichkeit preisgeben zu wollen. (Vgl. ES 101, 225) In seinen Plänen und Skizzen schwankte Koeppen zwischen einem autobiografischen und einem großformartigen historischen Roman, der mehrere Generationen umfassen sollte.783 In dieser Zeit, den Sechziger- und Siebzigerjahren, setzte sich Koeppen auch mit zeitgenössischen romanästhetischen Entwicklungen auseinander wie dem französischen Nouveau Roman, über den er einen Zeitungsartikel verfasste. (Vgl. GW 6, 363–367)784 In Anlehnung an Michel Butors Bestimmung des Romans als einer Suche formulierte Koeppen, der Roman sei eine Suche nach dem verlorenen Ich. (Vgl. GW 6, 365) Dieser Suche verschrieb er sich in seinem jahrzehntelangen Bemühen, sein Roman-Leben in einen Lebens-Roman zu bannen: „Ich bin auf der Suche nach einer Romanfigur, die ich selbst bin.“ (ES 151) Koeppens Pläne einer Autobiografie bzw. eines autobiografischen Romans überschneiden sich in gewisser 782 J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 28. Döring verweist auf folgende Arbeiten: Jakob Hessing: „Da wurde es meine Geschichte“. Zu einem spät entdeckten Text von Wolfgang Koeppen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 114 (1995). S. 23–35, hier S. 34; Michaela Holdenried: Zur Modernität autobiographischer Formen und zur Konservativität ihrer Rezeption. Am Beispiel von Koeppens „Jugend“. In: Weimarer Beiträge 46 (2000). H. 2. S. 180–197, hier S. 183–184. 783 Vgl. W. Erhart: Das Scheitern der modernen Literatur. S. 257–293. 784 Koeppen las nicht nur die einschlägigen Romane, er rezipierte auch Sekundärliteratur zum Thema Nouveau Roman. Vgl. W. Erhart: Das Scheitern moderner Literatur. S. 288– 291. Die jüngere Koeppen-Forschung hat Einflüsse des Nouveau Roman in Jugend ausgemacht. Vgl. ebd. S. 307; Elisabetta Mengaldo: Nutzlose, obsolet gewordene Dinge in Wolfgang Koeppens „Jugend“. In: Text + Kritik 34. 2. Aufl. Neufassung (Dezember 2014). S. 52–60, hier S. 53. 213 Weise mit Entwicklungen der deutschsprachigen Erzählliteratur infolge der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition. Nach Alfred Anderschs im Jahr 1976 gemachten Beobachtung „synchronisieren sich mit dem Da-Sein des Siebzigjährigen [...] die wechselnden trends der jüngsten deutschen Literatur.“785 Dabei ruft er Koeppen sogar als Vorreiter für die jüngeren Schriftsteller aus, die sich allmählich aus den Theoriezwängen der 68er-Bewegung zu lösen begannen: „Sie haben die Sensibilität und Subjektivität entdeckt, und zwar genau die Koeppensche Sensibilität und Subjektivität. Sensibel und subjektiv berichten sie nicht, sondern erzählen ihre Erfahrungen.“786 Die von Andersch beschriebenen Tendenzen werden literaturgeschichtlich unter dem von Reich-Ranicki geprägten Schlagwort ‚Neue Subjektivität’ zusammengefasst.787 Der Neuen Subjektivität werden Autoren zugerechnet, die zum Teil der 68er-Studentenbewegung entstammen und sich von deren ideologischen und kunsttheoretischen Dogmen zu emanzipieren versuchten. Sie strebten eine Hinwendung zum Individuum an, das in den Diskursen und Parolen der 68er-Bewegung im Namen von Gesellschaft und Klassenkampf marginalisiert wurde. Ein zweites Charakteristikum ist die Abkehr von der Verschränkung von Kunst und Politik, zu deren Ausprägungen Agitprop, Happenings oder Straßentheater gehören. Die Kunst sollte nicht mehr in den Dienst politischer Zwecke genommen werden, zumal die dafür bereitstehenden Realitätsund Realismuskonzepte von Schriftstellern wie Peter Handke und Nicolas Born als untauglich erachtet wurden. An die Stelle der Agitation setzten sie die Imagination, an die des Engagements die Vermittlung individueller Erfahrungen und Geschichte.788 Auch über den engeren Kreis der zur Neuen Subjektivität gerechneten Autoren hinaus lässt sich in der deutschsprachigen Epik seit Ende der Sechzigerjahre eine immer stärker werdende Tendenz zum autobiografischen Schreiben feststellen. Bernhard Neumann sprach anlässlich einer Rezension aus dem Jahr 1979 gar von einer Wiedergeburt des Erzählens aus dem Geist der Autobiographie.789 Beispiele für die in den Siebzigerjahren anwachsenden Autobiografien, autobiografischen Romane und autobiografisch inspirierte Prosa sind Peter Härtling (Zwettl, 1973) und Marieluise Kaschnitz (Orte. Aufzeichnungen, 1973), in der DDR Christa Wolf (Kindheitsmuster, 1976), in der Schweiz Max Frisch (Montauk, 1975), in Österreich Thomas Bernhard (Die Ursache. Eine Andeutung, 1975; Der Keller. Eine Entziehung, 1976; Der Atem. Eine Entscheidung, 1978). Manès Sperber (Die Wasserträger Gottes, 1974) und Elias Canetti 785 A. Andersch: Die Geheimschreiber. S. 480. Hervorhebung im Original. 786 Ebd. S. 481. 787 Vgl. Marcel Reich-Ranicki: Rückkehr zur schönen Literatur. Eine Bilanz aus Anlaß der Frankfurter Buchmesse. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 8.10.1975. 788 Vgl. Dieter Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa seit 1945. Bd. 2: Von der Neuen Subjektivität zur Pop-Literatur. Tübingen: Narr Francke Attempto 2006 (UTB 2730). S. 36–43. 789 Bernhard Neumann: Die Wiedergeburt des Erzählens aus dem Geist der Autobiographie. Einige Anmerkungen zum neueren autobiographischen Roman am Beispiel von Hermann Kinders Der Schleiftrog und Bernward Vespers Die Reise. In: Basis 9 (1979). S. 91– 121. Zit. bei: D. Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa seit 1945. Bd. 2. S. 79. 214 (Die gerettete Zunge, 1977) legten – jeweils als Auftakt einer Trilogie – autobiografische Werke vor, in denen die formativen Jahre vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs beschrieben werden. Hinsichtlich der Grundthematik und der historischen Konstellation ist dies dem Prosaband Jugend, den ihr Generationskollege Koeppen im selben Zeitraum vorlegte, nicht unähnlich. Die grundsätzlichen Unterschiede ergeben sich (wohlgemerkt: unter anderem) aus der autobiografischen Intention selbst. Koeppen schwankte lange Zeit zwischen zwei Polen des autobiografischen Schreibens. Mit beiden hatte er seine Schwierigkeiten. Zeitweilig wuchs, so Koeppen in einem Brief an Alfred Andersch, ein „Widerstand in mir gegen den Roman autobiographischer Verbrämung und entstand immer stärker der Wunsch zur puren Autobiographie (neuer Form, in der Einbildung, meine Antimemoiren). Dies fordert sehr viel Kraft und Schamlosigkeit, am Ende wäre es dann der Mut zur Wahrheit, und sonst hätte es keinen Sinn.“790 Doch die Bereitschaft, die Fiktion ganz hinter sich zu lassen, führt wiederum zu Problemen, denn der „Mut zur Wahrheit“ ist dort nur schwer aufzubringen, wo es die Menschen aus Koeppens unmittelbaren Umfeld betrifft. In einem Interview aus den Achtzigerjahren sagte Koeppen zu Jan-Philipp Sendker: „Kein Schriftsteller kann sich scheuen, das Private bloßzulegen. / Andererseits: Bekenne ich rückhaltlos die Wahrheit, dann nicht nur über mich, sondern zwangsläufig auch über einen anderen. Es geht nur, wenn man die Wahrheit schreibt, die eigene Wahrheit, und auch vor Bloßstellungen des anderen nicht zurückschreckt. Aber das kann an dem anderen fast zu einem Verbrechen werden.“791 Da der Weg zur reinen Autobiografie, oder wie Koeppen formuliert, zur „brutalen und doch wieder imaginären Wahrheit“ (ES 103) mit zu großen Hindernissen verstellt war, griff Koeppen bei Arbeiten wie Anamnese auf die ‚Lüge’, d. h. auf Vermittlerfiguren statt eines autobiografischen Ich zurück. Helmut Heißenbüttel verriet er, „er habe sich immer nur einen jungen Mann zurechtgelogen, der sozusagen stellvertretend noch einmal seine, Koeppens, Erinnerung transportieren sollte [...].“792 In Vom Tisch, einem „Produktionsbericht“793 zu seinen autobiografischen Versuchen, in dem sich erzählende Prosaskizzen und poetologische Passagen abwechseln und der ebenso wie Heißenbüttels Aufsatz Literatur als Aufschub von Literatur? in Text + Kritik erschien, reflektiert Koeppen das Verhältnis von Wahrheit und Lüge aus einem anderen Blickwinkel, indem er die Grenze zwischen diesen Bereichen aufhebt und die Existenz einer objektiven Wahrheit und 790 Wolfgang Koeppen an Alfred Andersch. Brief v. 19.4.1971 (DLA Marbach, A: Andersch, Mikrofiche-Nr. 011781). Siehe auch ES 103. Der Begriff „Antimemoiren“ bezieht sich auf das gleichnamige Werk von André Malraux (Antimémoires, 1967), das Koeppen „sehr interessiert“ (ES 103) gelesen hat und ihn durch eine Nachfrage Christian Linders auf den Gedanken brachte, ein „Malraux der Antibiographie“ (ES 65) zu werden. 791 Jan-Philipp Sendker: „Das Schlimme geschieht, ob man schreibt oder schweigt“. In: Literatur Konkret, H. 9 (1984/85). S. 79–80, hier S. 80. 792 H. Heißenbüttel: Literatur als Aufschub von Literatur? S. 36. 793 C. Haas: Eine Lektüre. S. 217. 215 Identität des Ich grundsätzlich in Zweifel zieht: „Du bist es, den Erinnerung überfällt. Du erduldest Erinnerung. Vielleicht sind die Bilder wahr. Doch Lügen wären nicht weniger wahr. Ein intensives Studium hat mich dazu gebracht, nicht zu wissen, wer ich bin.“ (GW 5, 286) Explizit wollte Koeppen Jugend nicht als Autobiografie verstanden wissen und bezeichnete vorab publizierte Erzählfragmente als Teile einer „imaginären Lebensbeschreibung“794. Signalwirkung haben diesbezüglich zwei Paratexte von Jugend: einmal das Goethe-Motto „Das Gedichtete behauptet sein Recht, wie das Geschehene“795 sowie die persönliche Widmung Koeppens, die er in das Lese-Exemplar seiner Ehefrau schrieb: „Was ist Wahrheit, / fragt Pilatus / Die Antwort wurde / bis heute nicht gefunden. / Meiner lieben Marion, / die alles glaubt, / von dem der lügt. / Ihrem Kopernikus / September 1976“796. Anstatt auf eine fingierte Figur als Vermittler für die Erinnerung zurückzugreifen, erwog Koeppen in Vom Tisch, das erzählende Ich ganz wegzulassen: eine Selbstentblößung im Sinne Heißenbüttels.797 Der Vorstoß wurde jedoch bereits von Robbe-Grillet unternommen mit einem, so Koeppen, unbefriedigenden Resultat: „Der Roman war ohne Leben.“ (GW 5, 295) Die Beobachtung nach Art eines Kamera-Auges garantiert zwar Genauigkeit, kann aber keine Emotionen einfangen und schon gar nicht zum Ausdruck bringen. An anderer Stelle sinniert Koeppen darüber, nicht eine Figur direkt, sondern zwei Stimmen ein und desselben Protagonisten, „einer gespaltenen Persönlichkeit“, einen „inneren Dialog“ sprechen zu lassen. Der Vorteil wäre eine Objektivierung, die die latente Gefahr der Sentimentalität unterliefe: „Zurückdrängung der Direktheit. Die eigentliche Geschichte wie unter einem Schleier.“ (Alle Zitate: GW 5, 297) In Jugend finden sich diese Erwägungen indirekt in verschiedenen Erzählhaltungen, in abwechselnden Schilderungen der Hauptfigur aus der Er- und der Ich-Perspektive wieder. Außer der Problematik der Erzählperspektive, der Darstellung des Selbst ohne Selbst, werden noch weitere poetologische Aspekte erörtert, wie die Zeitdarstellung, bei der Koeppen eine Aufhebung der Zeitebenen favorisiert, die Vergangenheit und Zukunft zu einer einzigen Gegenwart verschmilzt. Anders als der „konservative Roman“, der in dem Versuch, Vergangenes und Zukünftiges zu 794 So Koeppen in einem Brief an Dietrich Erlach. Zit. nach: D. Erlach: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. S. 24. 795 Aus einem Brief an Carl Friedrich von Reinhard in Bezug auf die Wahlverwandtschaften. Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Briefe. Hamburger Ausgabe in 4 Bänden. Bd. III. Textkritisch durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Bodo Morawe. Hamburg: Wegner 1965. S. 117 (Brief v. 31.12.1809). 796 Zit. in: W. Koeppen / M. Koeppen: „...trotz allem, so wie du bist“. S. 314, Anm. 5. 797 In Heißenbüttels Essay Anmerkungen zu einer Literatur der Selbstentblößer (1966) heißt es: „Selbstentblößung kann aber auch heißen, daß man sich seines Selbst entblößt, daß man sich aufgehoben findet in den ‚Objektivitäten’ der registrierbaren Ereignisse, Begegnungen, Anekdoten, Photos, Redensarten, bildlich oder sprachlich fixiert Überliefertem usw.“ (Helmut Heißenbüttel: Zur Tradition der Moderne. Aufsätze und Anmerkungen 1964– 1971. Neuwied; Berlin: Luchterhand 1972. S. 87). 216 sondern, „eine Sinngebung des Sinnlosen“ (beide Zitate: GW 5, 298) anstrebe. Der Roman konservativer Prägung war wie überhaupt alle geschlossenen Erzählformen ein Format, das Koeppens Intentionen weniger denn je zu taugen schien. Zeitweilig wich er von der geplanten Publikationsform eines mehrbändigen Romans ab. Im Jahr 1966 vermeldete das Münchner Abendblatt als nächste Koeppen- Veröffentlichung ein Buch mit dem Titel Fragment, das als „work-in-progress“798 ein in sich geschlossener Teil aus dem geplanten Bismarck-Roman werden sollte. In dem ausführlichen Interview, das er Anfang 1974 mit Heinz-Ludwig Arnold führte, erklärte Koeppen: „Ich glaube nicht recht, und zwar nicht nur für mich, sondern für jeden, der heute schreibt, an die Möglichkeit des wirklich fertigen, des wirklich abgeschlossenen Werkes. Ich glaube, daß immer noch etwas zu sagen wäre und alles, was man gesagt hat – und wenn man es auch auf tausend Seiten geschrieben hätte –, Fragment bleibt und nicht vollendet.“ (ES 112) Als Vorbild für eine solche Art des progressiven, unabschließbaren Erzählens nannte er u. a. Novalis: „Mich fesseln Lebensläufe in Fragmenten, innere Autobiographien wie all die Notizen von Novalis.“ Ein anderer, ihn faszinierender Versuch in diese Richtung war das im Vorjahr in der Bibliothek Suhrkamp neu aufgelegte und von Hans Erich Nossack übersetzte Buch Winesburg, Ohio (1919) von Sherwood Anderson: „Das ist auch die Geschichte einer Jugend, aber erzählt in kurzen, nicht unbedingt zusammenhängenden Geschichten.“ (Beide Zitate: ES 104) Winesburg, Ohio, eine Art Roman aus Kurzgeschichten, erzählt meist aus Sicht des jungen Lokalredakteurs und angehenden Schriftstellers George Willard in der Manier des ‚slice of life’ vom Leben in der nordamerikanischen Provinz zu Beginn des 20. Jahrhunderts.799 Die Idee, die „Geschichte einer Jugend“ mit „Lebensläufe[n] in Fragmenten“ zu kreuzen, scheint in dem wenig später veröffentlichten Band Jugend als Ansatz ein ums andere Mal durch. 12.2 Im „unordentlichen verwirrenden Netz der Erinnerung“: Jugend Als Koeppen im Oktober 1976 das Buch Jugend vorlegte, handelte es sich, wie bereits angedeutet, um kein vollständig neues Werk. Zwischen 1968 und 1976 publizierte Koeppen Erzählfragmente in Zeitschriften und las Texte im Hörfunk, die sich partiell mit mal mehr, mal weniger Abänderungen in Jugend niedergeschlagen haben. In Anamnese z. B. finden sich bereits die Abschnitte, die Anfang und Ende von Jugend bilden sollten.800 Gegenüber Manfred Koch hat Koeppen diese Texte bezeichnet als „‚Materialien’, ‚Bausteine’ und ‚Erinnerungsfragmente’ aus 798 H. F. Nöhbauer: Ich bin ein Stiller. In: Abendzeitung v. 23.6.1966. 799 Vgl. Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio. Roman um eine kleine Stadt. Aus dem Amerikanischen von Hans Erich Nossack. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973. 800 Vgl. Wolfgang Koeppen: Anamnese. In: Merkur 22 (1968). S. 252–259. Zum Kontext von Jugend gehören ferner Von Anbeginn verurteilt (1969, Merkur), Als ich Gammler war (11.10.1969, FAZ), Jugend (1971, Merkur), Teile von Vom Tisch (1972, Text + Kritik) und die Radiolesung Eine Jugend (Ausstrahlung am 26. Mai 1976 im Bayerischen Rundfunk). 217 seiner Kindheit, die aber keinesfalls Teilabdrucke der seit langem angekündigten Autobiographie darstellen.“801 Dies bestätigt die These Erharts, dass Jugend nicht aus Vorstufen und Vor-Texten komponiert ist, sondern selbst eine Vorstufe des anvisierten und nie realisierten großen Romans darstellt.802 In seiner Koeppen-Monografie von 2012 hat Walter Erhart gezeigt, dass Erzählideen, die in Jugend Eingang gefunden haben, bis in das Jahr 1962 zurückreichen, wie etwa der Anfangssatz „Meine Mutter fürchtete die Schlangen.“ (GW 3, 7) Jugend, so Erharts Befund, ist kein abgeschlossenes, für sich stehendes Werk, sondern ein Gewebe unterschiedlicher Texte und Textstufen und „offenbar Teil eines größeren Ganzen, eines Romans mit zahlreichen autobiographischen Bezügen.“803 Nicht nur reichen die ersten Spuren in dasselbe Jahr zurück, in dem Koeppen seinem Verleger den Plan eines mehrbändigen Romans vorstellte. Dem Augenschein (und auch der allerdings von fremder Hand arrangierten Ordnung der Nachlassmappen) nach ist in Jugend das aufgenommen, was im ersten Band Bismarck oder All unsere Tränen des geplanten Zyklus Die Scherzhaften seinen Platz finden sollte: die „Jugend des Erzählers“, eines „jungen Sonderbaren [...] und daneben [...] die Geschichte des Mordopfers und dazu noch eine Landschaft, Pommern, und die verdammte, die historisch verankerte Zeit.“ (Beide Zitate: KU 76)804 „Aus ‚Jugend’ sollte eigentlich ein großer Roman werden...“, gab Koeppen auch in einem Fernsehinterview mit Reich-Ranicki aus dem Jahr 1985 zu. „Zu dem großen Roman kam es aber nicht. Es gab viele Ansätze dazu, die dann veröffentlicht worden sind und von mir auch als Buch gebilligt wurden.“805 Dies klingt eher nach einer passiven Duldung und nicht nach einem von Koeppen gewählten Schritt, um mit einem neuen Werk an die Öffentlichkeit zu treten. Wenngleich Koeppen die Form des Fragments als Publikationsform für seine romanhafte Autobiografie geeignet erschien, war die Veröffentlichung diverser Erzählfragmente unter dem Titel Jugend höchstwahrscheinlich nicht allein seine Idee und Initiative. Ebenfalls im Jahr 1985 hat Horst Bienek verraten, was ihm Wolfgang Koeppen selbst verraten habe: Das Erscheinen von Jugend sei in Wahrheit Reich-Ranicki zu 801 W. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 14. 802 Vgl. W. Erhart: Das Scheitern moderner Literatur. S. 269. 803 Ebd. S. 257–258. Nach Erhart habe Koeppen Jugend in einem Brief an Unseld als „blasse Skizze“ bezeichnet. (Vgl. ebd. S. 330 u. ö.) Die Stelle aus dem auf den Oktober 1983 datierten Brief lautet: „Und die Schilderung des Schicksals aus dem Herbst des Kaiserreichs ist, wie auch immer, eine blasse Skizze.“ (KU 419) Jugend wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Wahrscheinlicher ist, dass damit der Roman Die Mauer schwankt gemeint sein soll, auf den (bzw. dessen Rezeption) sich auch die beiden vorigen Sätze beziehen. 804 Vgl. ebd. S. 264–265; I. Denneler: Verschwiegene Verlautbarungen. S. 54. Spuren der Romantitel haben sich in Jugend erhalten: Der Erzähler imaginiert einen weinenden Bismarck (vgl. GW 3, 26), und an einer anderen Stelle ist von den „Scherzhaften“ (vgl. GW 3, 72) die Rede, womit die Filmhelden gemeint sind, deren Treiben die jugendliche Hauptfigur auf der Kinoleinwand verfolgt. Vgl. auch GW 5, 286. 805 Beide Zitate: W. Koeppen: Ohne Absicht. S. 172. 218 verdanken, Koeppen „hätte das Fragment niemals aus der Hand gegeben. Der andere [d. i. Marcel Reich-Ranicki, Anm. C. W.] hats im ‚abverlangt’!“806 Reich- Ranicki hat diesen Sachverhalt einige Jahre später in einem Fernsehinterview mit Peter Voß etwas anders geschildert und die Herausgabe als eine gemeinsame Entscheidung dargestellt: „Irgendwann sah ich, es geht nicht voran mit dem Buch. Ich weiß nicht, wer von uns beiden auf die Idee gekommen ist, aber wir beschlossen, es reicht. Wir werden das so veröffentlichen, wie es geschrieben ist [...].“807 Ein Indiz, dass vielleicht doch Reich-Ranicki die treibende Kraft war, ist eine Stelle aus seinem Brief an Koeppen vom 9. Januar 1975: „[...] Machen Sie, ich bitte Sie dringend endlich Schluß mit Ihrem Roman. Ich möchte Ende nächster Woche nach München kommen. Sie müssen irgend etwas in dieser Angelegenheit beschließen. Vielleicht kann das Buch dünner sein, als Sie ursprünglich geplant hatten? Es ist besser, daß Sie es gewissermaßen als Bruchstück publizieren, als wenn Sie es immer weiter vor sich herschieben.“808 Weitere Monate vergingen, ehe Jugend, ein Buch, das in seiner Aufmachung ohne Gattungsbezeichnung spezifiziert war, im Oktober 1976 veröffentlicht wurde. Das Buch besteht aus 53 Abschnitten, die in mehrfacher Hinsicht heterogen sind und mehr ein „Konglomerat unterschiedlicher Konzepte“809 als ein geschlossenes Werk verraten. Es gibt unterschiedliche Erzählerpositionen, Sequenzen, die in der Ich-Form und andere, die in der dritten Person Singular geschrieben sind. Manche Abschnitte sind erzählender Natur, manche wie ein Bewusstseinsstrom gehalten und reihen Assoziationen und Appositionen in schier endloser Reihe aneinander, zuweilen wird auf Interpunktion fast oder gänzlich verzichtet.810 (Vgl. GW 3, 32, 80–82) Ansätze zu einem Gesellschafts- oder Sittengemälde wechseln sich ab mit Passagen, die sich der Erinnerungsarbeit in Anlehnung oder Abgrenzung zu Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit widmen.811 Diese disparaten Eindrücke spiegeln die unterschiedlichen Intentionen und Ansätze, die Koeppen beim Schreiben seines großen Romans verfolgt hat und über die er mutmaßlich ins Stolpern geriet. 806 Horst Bienek: Die langsame, aber konsequente Wiederentdeckung des Schriftstellers Wolfgang K. durch den Kritiker Marcel R.-R. In: Über Marcel Reich-Ranicki. Aufsätze und Kommentare. Hrsg. v. Jens Jessen. München: dtv 1994. S. 71–77, hier S. 76. 807 Marcel Reich-Ranicki: Lauter schwierige Patienten. Gespräche mit Peter Voß über Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Berlin; München: Eco Ullstein List 2002. S. 123. 808 Marcel Reich-Ranicki an Wolfgang Koeppen. Brief v. 9.1.1975 (WKA 3720). 809 W. Erhart: Das Scheitern der modernen Literatur. S. 269. 810 Die Leser wurden darauf mit folgender Notiz hingewiesen: „Der Autor wich bewußt von der üblichen Interpunktion ab.“ (Wolfgang Koeppen: Jugend. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976. Unpaginierte Seite). 811 Vgl. ebd. S. 288. Zum Vergleich zwischen Koeppen und Proust siehe Maria Hanschel: Die Kunst als Rettung der Außenseiterexistenz am Beispiel von Wolfgang Koeppen und Marcel Proust. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 1 (2001). S. 147–167. 219 Gleichwohl kristallisieren sich bruchstückhaft ein Handlungsgerüst und eine raumzeitliche Dimension der Erzählfragmente heraus. Geografisch angesiedelt sind die meisten Partien in einer pommerschen Kleinstadt, die an einer Stelle konkret bezeichnet wird: Greifswald. (Vgl. GW 3, 59) Zeitgeschichtlich sind die Abschnitte partiell zuordenbar, wenn auch nicht immer chronologisch gegliedert. Im Text finden sich verschiedene Hinweise auf konkrete historische Ereignisse wie die Ausrufung der Republik, den Todestag Lenins oder den Kapp-Putsch, die den zeitlichen Rahmen der einzelnen Erzählsequenzen abstecken. Nimmt man diese Daten als Eckpunkte, umfasst Jugend ungefähr die Zeit von der Jahrhundertwende bis zu den Zwanzigerjahren. Der Beginn enthält Spuren eines Familienromans in der Nachfolge der Buddenbrooks.812 Die Familie des Erzählers hat einen gesellschaftlichen Abstieg hinter sich, der mit Vergleichen der Paradiesvertreibung biblische Ausmäße erhält. (Vgl. GW 3, 8, 18) Die Großmutter verlor das herrschaftliche Familiengut Ephraimshagen, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte. Die Mutter Maria, die bereits in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, wird 19-jährig von einem Augenheilkundler geschwängert und bekommt einen Sohn, der unehelich aufwächst und der Großmutter als Symbol für „der Sippe Untergang“ (GW 3, 8) gilt. Um sich und das Kind durchzubringen, verdingt sich Maria als Weißnäherin auf Rittergütern und arbeitet sommers als Souffleuse am Kurtheater in Putbus. Der Sohn verbringt auf Druck der Gutsherren einen Teil seiner Kindheit in einer Militär-Erziehungsanstalt und nimmt nach der vorzeitigen Entlassung aus der Schule Gelegenheitsarbeiten an: als Laufbursche für eine Buchhandlung, als Kofferträger am Bahnhof oder als Platzanweiser im Kino. Er entdeckt die Welt der Bücher, die Lichtspielhäuser und das Theater. Was in der Zusammenfassung Ähnlichkeit mit einem Bildungsroman aufweist, geht in Wahrheit in eine ganz andere Richtung. Koeppen ist es nicht um eine gelingende Ich-Werdung zu tun. Die Identität des Erzählers bleibt brüchig und schlägt oft ins Allgemeine um, wie bereits der Titel Jugend in seinem Verzicht auf Artikel oder Pronomen andeutet. In diesem Umschlag ins Überindividuelle ist denn auch ein wichtiges Distinktionsmerkmal zu den Produktionen der Neuen Subjektivität erkannt worden.813 In Jugend scheinen Stationen einer Sozialisation eines Au- ßenseiters, einer „Genese einer ästhetischen Existenz“814 auf, die sich abwechseln mit Miniaturen der Kleinstadtbewohner815, wie z. B. das hochmütige Fräulein von 812 Vgl. W. Erhart: Das Scheitern moderner Literatur. S. 296–298. 813 Vgl. Gordon Burgess: Tendenzen und Individualität: Zu Wolfgang Koeppens ‚Jugend’. In: Subjektivität – Innerlichkeit – Abkehr vom Politischen? Tendenzen der deutschsprachigen Literatur der 70er Jahre. Dokumentation der Tagungsbeiträge des Britisch- Deutschen Germanistentreffens in Berlin vom 12.04. – 18.04.1982. Hrsg. v. Keith Bullivant / Hans-Joachim Althof unter Mitarbeit von Gordon Burgess / Wilfried van der Will / Ian Wallace. Bonn: Deutscher Akademischer Austauschdienst. o. J (DAAD Dokumentationen & Materialien). S. 251–262, hier S. 259. 814 M. Kußmann: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich. S. 66. 815 Vgl. Gerhard vom Hofe / Peter Pfaff: Das Elend des Polyphem. Zum Thema der Subjektivität bei Thomas Bernhard, Peter Handke, Wolfgang Koeppen und Botho Strauß. 220 Lössin, in die der Erzähler heimlich verliebt ist, oder soziale Randgestalten wie der Tante Martha genannte Amtsgerichtsrat oder der Kommunist Lenz, der einem Fememord zum Opfer fällt. Was sich dabei ‚wirklich ereignet’ hat oder vielleicht auch nur so oder anders hätte ereignen können, bleibt im „unordentlichen verwirrenden Netz“ (GW 3, 99) der Erinnerung in der Schwebe, was in Formulierungen wie „er hatte um Hilfe geschrien, vielleicht hatte er auch nicht um Hilfe geschrien“ (GW 3, 75) seinen passenden Ausdruck findet. Charakteristisch für den Erzähler ist ein Zustand zwischen wacher Erinnerung und dämmerndem Fantasieren, in dem er mal Zeuge, mal Täter ist: „Ich glaubte damals aufzuwachen, aber die Wahrheit ist wohl, daß mein Schlaf sich in einem Traum verlor.“ (GW 3, 47) Er stellt sich vor, die verhasste Stadt anzuzünden und die Güter der Warenhäuser an die Armen zu verteilen. Er geht in Fetzen, lässt sich die Haare lang wachsen und sympathisiert mit der Anarchie. Ein Ausflug ans Theater bringt ihm nicht die erhoffte künstlerische Freiheit. Auch wenn er das wilhelminische Bürgertum, ihre Brutalität und Borniertheit verachtet, ist ihm bewusst, ihm und seinem Wertesystem untrennbar verbunden zu sein. Er bleibt ein Außenseiter; Anschluss findet er weder bei den Schauspielern noch bei den Arbeitern, die ihm vorkommen wie „Bürger ohne Haus und ohne Besitz.“ (GW 3, 96) Als er von Stettin aus als Schiffsjunge mit dem Dampfer Eddy nach Finnland fahren will, hat er eine Vision zukünftiger Ereignisse: „Ich sah Seeschlachten, Versenkungen, Bombardierungen. Ich sah die großen Untergänge, die kommen sollten.“ (GW 3, 98) Eine Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg und ein apokalyptisches Bild, das auf die biblisch-heilsgeschichtlichen Bezüge der ersten Abschnitte zurückweist und mit der Wiederaufnahme des Schlangenmotivs am Ende dafür sorgt, dass sich das Fragment kreisförmig schließt.816 12.3 Veröffentlichung und Aufnahme von Jugend Am 2. April 1976 schickt Koeppen Unseld einen „Entwurf für den Klappentext und [die] Ankündigung [...].“ Dieser Brief enthält einen wichtigen Autorkommentar zu Jugend. So weist Koeppen in seinem Begleitschreiben darauf hin, dass es sich bei seinem neuen Werk „wieder um Prosa handelt, die mehr vom Stil her als vom Geschehen ansprechen wird und zu begreifen wäre.“ Zudem bekräftigt er, dass es sich trotz vieler Parallelen zwischen ihm und seiner Hauptfigur nicht um eine autobiografische Konfession handele. Jugend enthalte „mehr Dichtung als Wahrheit“ (alle Zitate: KU 279) und könne beschrieben werden als „eine Autobiographie Königstein im Taunus: Athenäum 1980. S. 96. Für Fühner verkehrt sich Jugend von einem Bildungsroman in einen Desillusionsroman. Vgl. Ruth Fühner: Das Ich im Prozeß – Studien zur modernen Autobiographie. Diss. masch. Freiburg im Breisgau, 1982. S. 86. Siehe dazu auch C. Haas: Eine Lektüre. S. 203–211. 816 Zu einer genauen Aufschlüsselung und Auswertung der biblischen Anstellungen siehe: G. v. Hofe / P. Pfaff: Das Elend des Polyphem. S. 97–102; C. Haas: Eine Lektüre. S. 199– 203. 221 geschrieben in das Leben eines anderen, eine Ich-Verschleierung, ein Versteck in vielen Figuren.“ (KU 280) Diese Äußerungen sind beinahe wortgetreu in der Verlagsvorschau für das 2. Halbjahr 1976 übernommen worden. (Vgl. KU 283, Anm. 1) Und auch Siegfried Unseld zitiert Koeppen in seiner Antwort auf eine Umfrage des Buchreports, die er dazu nutzt, die gespannten Erwartungen gegenüber der Novität weiter zu schüren: Die literarische Welt wartet auf das neue Buch. Jetzt erscheint es mit dem lapidaren Titel „Jugend“. Wie von einem großen Schriftsteller nicht anders zu erwarten, legt Koeppen auch hier sein Leben aus. Doch ist „Jugend“ ebensosehr Darstellung der eigenen wie einer fremden Jugend. „Jugend“ ist ebensosehr Beschreibung wie Erzählung: Fakten und Fiction mischen sich. Es sind Erinnerungen an das, was in der Kindheit war und Vorstellungen, was diese Kindheit bedeutete. Und wie immer bei Dichtungen ist auch diese Prosa mehr vom Stil als vom Geschehen her zu begreifen. Auch dies „eine Axt für das gefrorene Meer in uns“.817 Für das lang erwartete Buch Koeppens hielt der Suhrkamp Verlag einen besonderen Platz bereit: Jugend erschien nicht im regulären Programm, sondern in der Bibliothek Suhrkamp, wo Neuerscheinungen nicht die Regel bildeten: „Hier platzierte der Verlag vielmehr seine großen Autoren, seine repräsentativen Texte.“818 Zu beachten ist darüber hinaus die Bandnummerierung. Jugend war in der Bibliothek Suhrkamp der 500. Band, und diese Nummernvergabe ist bei Suhrkamp keine Sache des Zufalls, sondern bewusste Entscheidung, wie der Verlagschef später einmal erklären sollte: „Charakteristisch sind und bleiben die Bände mit Fünfzigerund Hunderter-Nummern für die Maxime der Bibliothek: [...] Oktober 1976 Band 500: Wolfgang Koeppen, Jugend [...].“819 Diese Einordnung im Verlagsprogramm zeigt den hohen Stellenwert Koeppens und zielt freilich auch darauf ab, sein neues Werk prominent zu platzieren. Hierbei zog die Marketingabteilung alle Register. Den Einband zierte eine Bauchbinde mit folgendem Zitat Reich-Ranickis, das auch für ein Werbeplakat verwendet 817 Siegfried Unseld: Antwort auf die Umfrage „Wenn die Verleger ihre Bücher selbst verkaufen müßten…“. In: Buchreport v. 16.7.1976. Das (nicht ganz korrekt wiedergegebene) Zitat im Zitat ist die berühmte Forderung des jungen Franz Kafka, dass gute Literatur die emotionale Erstarrung des Lesers aufbrechen müsse. Vgl. Franz Kafka: Briefe 1902– 1924. Hrsg. v. Max Brod. Frankfurt am Main: Fischer 1975. S. 28 (Brief v. 27.1.1904). 818 Karl Prümm: Alles sehen, alles fühlen. Zur Entgrenzung autobiographischer Erinnerung in Jugend (1976) von Wolfgang Koeppen. In: Flandziu 2 (Januar 2005). H. 2. S. 7–17, hier S. 7. 819 S. Unseld: Kleine Geschichte der Bibliothek Suhrkamp. S. 249–250. Zur „Maxime“ äußert sich Unseld an anderer Stelle: „Die ‚Bibliothek Suhrkamp’ bringt als Bibliothek der Klassiker der Moderne Literatur, die sich bewährt hat. Erstausgaben kommen vor, sind aber nicht die Regel [...].“ (Ebd. S. 253). 222 wurde: „In einer Zeit, in der die meisten deutschen Schriftsteller bei Hemingway in die Schule gingen oder im Banne Kafkas waren, knüpfe Koeppen mit großer Entschiedenheit an jene Tradition der modernen Prosa an, die damals in Deutschland eher fremd war – an Joyce, Dos Passos, Faulkner und Döblin.“820 Des Weiteren schaltete der Suhrkamp Verlag Anzeigen in mehreren Zeitungen und Zeitschriften, er wies die Sortimenter eigens auf die Veröffentlichung hin, und die Verlagsvertreter übergaben ihren wichtigsten Kunden Exemplare von Jugend. (Vgl. KU 291–292) Dessen ungeachtet reagierte Koeppen unmittelbar nach der Auslieferung an den Handel „verstört“ (KU 290), als er sein neues Werk in den Münchener Buchhandlungen nur versteckt und nicht in den Schaufenstern oder auf den Verkaufstischen entdeckte. Er befürchtete, Jugend werde zu einem „Fiasko“ (KU 292), weil es von der literarischen Öffentlichkeit nicht als Neuheit wahrgenommen werden würde. Koeppens Befürchtung, die Aufmachung von Jugend wäre einer Novität unangemessen, wurde rückblickend von Reich-Ranicki als berechtigt angesehen. In dem vorhin erwähnten Fernsehinterview mit Voß nannte er den Veröffentlichungsstart eine „Katastrophe“ und bemängelte, dass das Buch, „in dieser Uniform der Bibliothek Suhrkamp erschienen“, von Rezensenten und Buchhändlern zuerst kaum registriert worden sei. Um dem abzuhelfen, habe er die Initiative ergriffen und schrieb „eine enthusiastische Hymne auf dieses Buch [...].“ Außerdem habe er „etwas getan, was ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben getan habe: Ich habe alle Juroren der Bestenliste des Südwestfunks angerufen und gesagt: ‚Koeppens Jugend ist ein Meisterwerk, setzt es auf Platz eins.’“821 Nachdem Jugend im Veröffentlichungsmonat, dem Oktober 1976 auf den sechsten Platz der Bestenliste geklettert war, sprang das Buch im November auf den ersten Rang und blieb dort bis Anfang 1977, ehe es von Thomas Braschs Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne und Jean-Paul Sartres monumentalem Flaubert-Essay Der Idiot der Familie überholt wurde.822 Die Bestenliste des Südwestdeutschen Rundfunk, die seit 1975 besteht, ist keine Bestsellerliste im herkömmlichen Sinne. Statt der meistverkauften Bücher stellt sie die Empfehlungen einer 20–30-köpfigen Jury deutscher, österreichischer und schweizerischer Literaturkritiker zusammen. Jugend konnte sich insgesamt sieben Monate in der Bestenliste behaupten. (Auch Koeppens spätere Buchveröffentlichung landeten auf der SWR-Bestenliste.) Die Achtung der literarischen ‚peer group’ war Koeppens neuem Werk sicher. Dies belegt auch die FAZ- Umfrage Was soll man lesen? vom 18. Dezember. Von den befragten 23 Autoren antworteten sechs mit Jugend: Max Frisch, Peter Härtling, Walter Jens, Karl Krolow, 820 Das Zitat stammt aus Reich-Ranickis Geburtstagsgruß an Koeppen: Marcel Reich- Ranicki: Der Dichter der aggressiven Resignation. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.6.1976. 821 Alle Zitate: M. Reich-Ranicki: Lauter schwierige Patienten. S. 124. 822 Vgl. Die besten Bücher. 20 Jahre Empfehlungen der deutschsprachigen Literaturkritik. Die ‚Bestenliste’ des Südwestfunk. Hrsg. v. Jürgen Lodemann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995 (st 2492). S. 92–94. 223 Horst Krüger und Siegfried Lenz.823 Dass Marcel Reich-Ranicki auch hier ein wenig auf die Befragten eingewirkt haben könnte, ist nicht auszuschließen. Wenngleich in Reich-Ranickis Darstellung der Eindruck erweckt wird, seine Rezension in der FAZ habe die Kenntnisnahme und Rezeption von Koeppens Jugend erst bewirkt – eine Darstellung, die von anderen bestätigt wurde, wie gleich noch zu sehen sein wird –, so gingen seiner Besprechung einige andere voraus, die in größeren, überregionalen Zeitungen erschienen waren. Die Ernüchterung, dass Koeppen statt des angekündigten Roman In Staub mit allen Feinden Brandenburgs lediglich einen schmalen Band vorlegte, wurde am Anfang mancher Rezension zwar geäußert, aber sogleich durch den Hinweis auf die außergewöhnliche Qualität der Prosa von Jugend abgeschwächt. In der Rubrik ‚Das Buch der Woche’ des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts lobte Kurt Lothar Tank Jugend als „einzigartige[s] Fragment“824; Für Rolf Michaelis von der Zeit war das Buch „ein Hauptwerk Koeppen wie nur je eines, kein Bruchstück und fragmentarisch allenfalls in dem Sinne, daß es sich – dem Titel entsprechend – auf einen Teil des Lebens konzentriert, auf die Jugend.“825 Auch weil das Buch keine Gattungsbezeichnung aufwies, gab es diesbezüglich in der Rezeption unterschiedliche Zuschreibungen, z. B. Erzählung, Prosastudie, Bekenntnisbuch, Jugenderinnerungen, lyrisch-dramatische Erzähldichtung usw. Reich-Ranicki bezeichnete Jugend in seiner Rezension, die am 20. November 1976 in der FAZ-Beilage Bilder und Zeiten erschien, als „vollendetes Fragment“. Hinter dem Bruchstückhaften verberge sich „ein ästhetisches Programm“, das „der deutschen Romantik verpflichtet“ sei und daher „auf seine Weise vollendet, nicht obwohl, sondern weil es als Fragment konzipiert war und es glücklicherweise auch geblieben war.“826 In dieser Formulierung wird verschleiert, was Reich-Ranicki aus näherer Einsicht durchaus wusste: dass Jugend nicht von vornherein als Fragment gedacht war, sondern aus Teilen zusammengesetzt ist, die aus Koeppens Arbeit an einem größeren Romanprojekt herausgelöst wurden. Die These von einem vollendeten Fragment, Musterbeispiel einer symbolischen Transsubstantiation, hat Kußmann 25 Jahre später aufrecht erhalten, als er an Jugend hervorhob, „wie sorgfältig der Text komponiert ist.“827 Die stilistisch-erzählerische Wechselhaftigkeit wurde in der Erstrezeption insgesamt sehr selten angeschnitten. 823 Umfrage: Was soll man lesen? 23 Schriftsteller antworten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.12.1976. 824 Kurt Lothar Tank: Gedichtete Wahrheit, traumverloren. Das Bild einer chaotischen Epoche: Wolfgang Koeppens „Jugend“. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt v. 17.10.1976. 825 R. Michaelis: Schwarze Fahne über dem Paradies. In: Die Zeit v. 12.11.1976. 826 Alle Zitate: Marcel Reich-Ranicki: Wahrheit, weil Dichtung. Wolfgang Koeppens vollendetes Fragment „Jugend“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.11.1976. 827 M. Kußmann: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich. S. 72. Aufgrund der Ringstruktur ist Holdenried der Meinung, dass Jugend kein Fragment sei. Vgl. M. Holdenried: Zur Modernität autobiographischer Formen und zur Konservativität ihrer Rezeption. S. 184. Zur Kritik an dieser Auffassung siehe G. Häntzschel / H. Häntzschel: Wolfgang Koeppen. S. 114–115. 224 In einer der wenigen reservierten Besprechungen bemerkte Siering das sich aus unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen zusammensetzende Mosaikartige des Textes.828 In Übereinstimmung mit Koeppens Einschätzung, dass Jugend „mehr vom Stil her als vom Geschehen ansprechen wird“ (KU 279), kehrten die Rezensenten die sprachliche Gestaltung besonders lobend hervor. Bernhard Häussermann von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung nannte Koeppens Buch „ein sprachliches Ereignis“, das „literarische Prosa von so dichter, rhythmisch ausschwingender Kraft“829 biete. Karl Krolow bezeichnete Koeppens Prosastil im Berliner Tagesspiegel als „Wort-Rausch [...], überschnell assoziierend, flimmernd vor Bildhaftigkeit.“830 Bei aller Begeisterung klang bei einigen Kritiken durch, dass Koeppens Wort- Rausch mitunter an die Grenze zum Forcierten gehe. Glasers Monitum, dass „der bei Koeppen stets anzutreffende ungegliederte Satzstrom beim Leser gewisse Ermüdungserscheinungen bewirkt“831, bildete jedoch eine Ausnahme. Die Regel war Lob für Koeppen. Zum Vergleich wurden mancherorts wahrhaft große Vorbilder herangezogen: bei Krolow und Hans Bertram Bock von den Nürnberger Nachrichten Poe, E. T. A. Hoffmann und Joyce832, Koeppen erinnert Michaelis „in seinen besten Partien“833 dagegen an Kleist. Bei diesen Namen verwundert es nicht, dass für viele der Rezensenten Koeppens Werk sich glänzend von der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur abhebe. Generelle Gemeinsamkeiten zu den seinerzeit prägenden neusubjektiven und autobiografischen Schreibweisen wurden durchaus registriert, wobei der Differenzcharakter von Koeppens Prosawerk gegenüber anderen Autoren positiv hervorgehoben wird.834 828 Vgl. Johann Siering: Wolfgang Koeppen: Jugend. In: Neue deutsche Hefte 24 (1977). H. 153. S. 157–159, hier S. 158. 829 Beide Zitate: Bernhard Häussermann: Eine Sprache, die Träume wie Schlangen beschwört. Zu Wolfgang Koeppens lyrisch-dramatischer Erzähldichtung „Jugend“. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 4.12.1976. 830 Karl Krolow: Eine Jugend in Greifswald. Zu Wolfgang Koeppens neuem Buch. In: Der Tagesspiegel v. 7.11.1976. 831 Hermann Glaser: Nostalgie – literarisch sublimiert. Auf der Suche nach der guten alten schlimmen Zeit. In: Tribüne 16 (1977). H. 63. S. 124–129, hier S. 128. 832 Vgl. ebd.; Hans Bertram Bock: Im Netz der Apokalypse. Wolfgang Koeppens Erinnerungen „Jugend“. In: Nürnberger Nachrichten v. 13.11.1976. 833 R. Michaelis: Schwarze Fahne über dem Paradies. In: Die Zeit v. 12.11.1976. Ein anderer Rezensent nannte als Vorbilder Koeppens ebenfalls Kleist sowie Jean Paul und ferner James Joyce und John Dos Passos. Vgl. Hans Jansen: Und Zeugung drängt zur Schlachtung... Grandios wie eh und je: Wolfgang Koeppens Prosatext „Jugend“. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung v. 22.1.1977. 834 Vgl. Ewald Dede: Literatur von der Zwischenschicht. In: Kürbiskern 13 (1977). H. 1. S. 101–105; Heinz F. Schafroth: Die unmögliche und die skeptische Hoffnung. Thomas Bernhard und Wolfgang Koeppen: Nachdenklicher Rückgriff auf die Jugend. In: Die Weltwoche v. 19.1.1977; Werner Strodthoff: Glanz und Elend des Bürgertums: Die zwei Gesichter derselben Epoche. In: Kölner-Stadt-Anzeiger v. 30.7.1977. 225 Bei Bock heißt es beispielsweise, Jugend sei „kein übliches Memoiren-Mosaik, kein Mode-Renner“835 und Ilse Meidinger-Geise befand in der Tat: „Man möchte allen Leichtschreibern von Erinnerungen, allen literarischen Auchkompositeuren von Autobiographien Wolfgang Koeppens Jugend empfehlen. [...] Der Siebzigjährige schreibt – man vergleiche die Leiden und das Aussenseitertum eines Halbwüchsigen heute z. B. bei Ludwig Fels (Die Sünden der Armut) – jünger, mitreissender, farbiger als manche Junge [...].“836 Schriftstellern der Neuen Subjektivität wie Karin Struck oder Nicolas Born habe Koeppen voraus, so Hans E. Dede in der Deutschen Volkszeitung, dass er nicht nur die individuelle Isolation wortstark reflektiere, sondern auch deren soziale Folgen.837 Reich-Ranicki schließlich stellte in einem Essay Koeppens Buch mit Thomas Bernhards autobiografischen Romanen auf eine Stufe und sah dank ihnen die Möglichkeit der von ihm gescholtenen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, zu einer neuen Richtung vorzustoßen, einer Stilrichtung, der er den Namen ‚kritischer Psychologismus’ gab.838 Soweit zur zeitgenössischen literaturkritischen Rezeption. Am Ende seiner Rezension zitiert Reich-Ranicki einen Ausspruch Koeppens aus dem Jahr 1974: „Ich nehme es für mich als ganz selbstverständlich hin, daß ich einen Publikumserfolg im Sinne eines Bestsellers niemals haben werde [...].“ (ES 108) Reich-Ranicki streitet dies nicht ab, setzt jedoch den versteckten Appell hinzu: „Aber das muß nicht so bleiben. Das hängt von den deutschen Lesern ab und auch von den Buchhändlern. In ihrer Macht ist es, Wolfgang Koeppens Befund zu widerlegen.“839 Es sollte sich zeigen, dass der große Erfolg, der Jugend bei der Kritik war, auch ein wenig auf den Absatz des Buches ausstrahlte. Am 22. Oktober 1976 schrieb Unselds Chefsekretärin Burgel Zeeh an Koeppen, dass der Suhrkamp Verlag die erste Auflage von 5.000 Exemplaren in knapp sechs Wochen verkaufen konnte. (Vgl. KU 292) Als 10.000 Exemplare abgesetzt wurden, fragte sich Johann Siering in den Neuen deutschen Heften, wer „die zehntausend Käufer dieses Buches sein mögen [...], weil es literarisch [...] ein sehr esoterisches Stück Literatur ist.“840 Jugend tauchte zu Beginn des Jahres 1977 sogar auf der Bestsellerliste des Spiegel auf und hielt sich dort elf Wochen neben Büchern einschlägiger Bestsellerautoren wie Heinz G. 835 H. B. Bock: Im Netz der Apokalypse. In: Nürnberger Nachrichten v. 13.11.1976. Ähnlich auch Josef Quack: „Koeppen schließt sich dem Trend der literarischen Selbstentblößer nicht an. Davor bewahrt ihn schon seine Erzählweise.“ (Josef Quack: Sehnsüchtiger Kommentar der Erinnerung. In: Frankfurter Hefte 32 [1977]. H. 8. S. 70–72, hier S. 70). 836 Ilse Meidinger-Geise: Leidenschaft des Abseits. In: Die Tat v. 17.12.1976. 837 Vgl. Hans E. Dede: Entdeckung der eigenen Geschichte. Zu Wolfgang Koeppens Erzählung „Jugend“. In: Deutsche Volkszeitung v. 16.12.1976. Siehe auch G. Burgess: Tendenzen und Individualität. S. 256. 838 Vgl. Marcel Reich-Ranicki: Die Literatur des kritischen Psychologismus. Ein Rückblick. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 8.1.1977. 839 M. Reich-Ranicki: Wahrheit, weil Dichtung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.11.1976. 840 J. Siering: Wolfgang Koeppen: Jugend. S. 159. 226 Konsalik oder Ephraim Kishon. Der Spiegel fand dies auf zweifache Weise bemerkenswert: „als Verkaufserfolg eines kaum populären Autors und einer hochliterarischen Buchreihe, der ‚Bibliothek Suhrkamp’ [...].“841 In derselben Pressenotiz wurde der Erfolg auf die enthusiastische Besprechung Reich-Ranickis zurückgeführt. Dies sah auch Siegfried Unseld so, als er Koeppen am 19. Juli über die aktuellen Verkaufszahlen unterrichtete: „Von der ‚Jugend’ haben wir jetzt 34.260 Exemplare verkauft! Das finde ich ungewöhnlich, fast sensationell gut. Selbst wenn wir M. R.- R. [d. i. Marcel Reich-Ranicki, Anm. C. W.] einen guten Anteil am Starterfolg zumessen müssen, bestätigt dies doch, wie sehr die Welt [...] auf Deine Arbeiten wartet und auf sie reflektiert.“ (KU 308) Von Jugend konnten in jenem Jahr 40.000 Exemplare abgesetzt werden. Ein beachtlicher Erfolg, wenn man die teils hermetische Prosa und die schwer zu vermarktende Gattungsunbestimmtheit bedenkt. Anders betrachtet war das positive Abschneiden auf dem Buchmarkt keine allzu große Überraschung, da der Diskurs von Koeppens Schweigen und die vereinzelt gestreuten Gerüchte eines neuen Romans einen Nährboden erzeugten, aus dem mit der richtig dosierten literaturkritischen Aufmerksamkeit ein zumindest moderater kommerzieller Erfolg erwachsen konnte. 841 Anonym: Ein Bestseller anderer Art. In: Der Spiegel v. 7.2.1977.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.