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11. (K)ein politischer Autor. Anfänge der westdeutschen Koeppen-Forschung in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 195 - 210

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-195

Tectum, Baden-Baden
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195 11. (K)ein politischer Autor. Anfänge der westdeutschen Koeppen-Forschung Die Literaturkritik für sich einzunehmen, ist ein erster Markstein. Doch erst die Bereitschaft der Literaturwissenschaft, sich mit einem Autor auseinanderzusetzen, ist sowohl Indikator wie auch Voraussetzung dafür, dass ein Werk die höheren Weihen der Kanonisation erhält.698 Mit dem Übergang von den Sechziger- zu den Siebzigerjahren mehren sich im westdeutschen Raum die Bemühungen von Schriftstellern, Kritikern und Literaturwissenschaftlern, das Werk Koeppens zu deuten, zu diskutieren, zu periodisieren, zu resümieren, zu relativieren und in den Gesamtzusammenhang der Nachkriegsliteratur einzuordnen. Bis weit in die Sechzigerjahre hinein gab es in der Bundesrepublik von Rezensionen, Geburtstaggrüßen und einigen Lexikoneinträgen abgesehen nur die Laudatio von Walter Jens und zwei Artikel von Reich-Ranicki, die sich eingehend mit Wolfgang Koeppen beschäftigten. Im symbolträchtigen Jahr 1968 kamen mit Helmut Heißenbüttels Koeppen- Kommentar, Reinhard Döhls Überblicksdarstellung des koeppenschen Werks und Georg Bungters Analyse der Assoziations- und Montageprinzipien von Tauben im Gras gleich drei für die spätere Rezeption wichtige Interpretationen hinzu, denen in den Siebzigerjahren weitere essayistische, literaturkritische und literaturwissenschaftliche Versuche folgten. Neben der Monografie von Manfred Koch (1973) sind in erster Linie die Koeppen gewidmete April-Ausgabe von Text + Kritik (1972) und der Suhrkamp-Band Über Wolfgang Koeppen (1976) zu erwähnen, die versuchten, aktuelle Positionen zu Koeppen abzubilden und vergangene Rezeptionshaltungen zu dokumentieren. Die Sekundär-Literatur zu Wolfgang Koeppen wuchs allmählich an. Gleichwohl: Vergleichsweise überschaubar war die Zahl der Kommentatoren, die sich mangels Neuerscheinungen und größerer Popularität wie Konservatoren vorkommen mochten, die Wolfgang Koeppen vor dem Vergessen zu bewahren trachteten.699 Wichtige literarische Vermittlungsinstitutionen schenkten seinen Werken weiterhin relativ wenig Achtung. Für den westdeutschen Deutschunterricht wurde Mitte der Siebzigerjahre „das völlige Übergehen Koeppenscher Literatur“700 konstatiert, obschon Gudrun Uhlig 1972 einen Band vorgelegt hatte, der Wolfgang Koeppen mit ausgesuchten Textproben und Rezensionen dem Literaturunterricht 698 Vgl. Cees J. van Rees: Wie aus einem literarischen Werk ein Meisterwerk wird. Über die dreifache Selektion der Literaturkritik. In: Analytische Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Peter Finke / Siegfried J. Schmidt. Braunschweig; Wiesbaden: Vieweg 1984 (Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie 22). S. 175–202, hier S. 181. 699 So drückte es jedenfalls der schwedische Germanist Bo Ullman aus. Vgl. Bo Ullman: Der gerettete Koeppen und die Problematik der Interpretation von zeitkritischer Literatur. In: Studia Neophilologica 46 (1974). S. 120–135, hier S. 135. 700 P. Roth: Votum für einen Totgeschwiegenen. In: die tat v. 29.3.1975. 196 nahebringen sollte.701 An den Curricula der Universitäten hielt unterdessen die Nachkriegsliteratur dank der Reformierungstendenzen der Germanistik samt Kanonrevision Einzug in die Lehrpläne, womit auch Koeppen zum Gegenstand von Seminaren wurde. Allerdings waren die prominenteren Prosa-Autoren Böll, Walser, Grass und Andersch gefragter, was sich auch darin niederschlägt, dass es bis zu den Achtzigerjahre nur wenige Dissertationen über Koeppen gab, wobei zu erwähnen ist, dass die Mehrzahl der Dissertationen und Monografien über Koeppen in jenem Zeitraum nicht in der Bundesrepublik, sondern im nicht-deutschsprachigen Ausland entstanden.702 Nachdem Koeppens Nachkriegswerk spätestens seit der Wiederveröffentlichung der drei Romane (1969) von weiten Teilen der journalistischen Literaturkritik sanktioniert war, erfolgte diese Form der Konsekration, in Analogie zum dreistufigen Modell von Rees703, nunmehr auch durch die essayistische und akademische Literaturkritik704. Erfuhren Romane wie Reisebücher bei ihrem Erscheinen vermehrt bei biografisch bzw. strukturell jüngeren Autoren und Kritikern Anerkennung, so zeigt sich rund ein Jahrzehnt später, dass die Beiträger größtenteils Jahrgängen angehören, die erst nach dem Krieg zu studieren und zu wirken anfingen. Mehrheitlich konzentriert sich das Erkenntnisinteresse auf die Nachkriegsromane und deren gesellschaftlichen Standpunkt. Wiederholt wird auch, wie zuvor gezeigt, das vermeintliche Verstummen Koeppens thematisiert, dessen mögliche Ursachen kontrovers erörtert werden. Die zwei Hauptinterpretationslinien, die sich in Bezug auf Koeppens bisheriges Werk zu jenem Zeitpunkt herausbildet haben, unterscheiden sich primär danach, wie dessen Nicht-Werk, sein ‚Schweigen’ gedeutet wird. Je nachdem, ob hinter dem ‚Fall Koeppen’ eine „causa publica“ (wie bei Reich-Ranicki) oder eine „causa privata“705 (wie bei Döhl und Heißenbüttel) vermutet wird, erscheint Koeppen entweder als ein moralischer Beobachter, der seinen Landsleuten unerbittlich den Spiegel vorhält oder als ein privatistischer Autor, den vornehmlich formale Fragen der Darstellung von Subjektivität umtreiben. Im Gefolge der 68er-Bewegung wurden insbesondere die Nachkriegsromane Koeppens politisch-gesellschaftskritischer Interpretationen unterzogen. Brigitte 701 Vgl. Gudrun Uhlig: Autor, Werk und Kritik. Inhaltsangaben, Kritiken und Textproben für den Literaturunterricht. Bd. 3. Wolfgang Koeppen. Siegfried Lenz. München: Hueber 1972. 702 Vgl. A. Estermann: Wolfgang Koeppen. Eine Bibliographie. S. 444–450. 703 Vgl. C. J. van Rees: Wie aus einem literarischen Werk ein Meisterwerk wird. 704 ‚Literaturkritik’ hat bei Rees eine umfassendere Bedeutung als im Deutschen und setzt sich aus drei, temporal nachgeordneten, Instanzen zusammen: der primären (journalistischen), sekundären (essayistischen) und der tertiären (literaturwissenschaftlichen) Kritik. Alle drei sind bestrebt, „deskriptive, interpretative und evaluative Aussagen über literarische Texte zu machen. Dann führt die Aktivität der drei Typen von Kritikern einmütig zu einer hierarchischen Klassifikation dieser Texte entsprechend ihrem (literarischen) Wert.“ (Ebd. S. 177). 705 Beide Zitate: E. Wieckenberg: Der Erzähler Wolfgang Koeppen. S. 195. 197 Neubert schrieb dazu in ihrer Studie Der Außenseiter im deutschen Roman nach 1945 aus dem Jahr 1977: „Der aktuelle Gesellschaftsbezug rückt die Romane Koeppens mit zunehmendem zeitlichen Abstand von ihrem Erscheinungsdatum in ein historisch interessantes Feld für Untersuchungen gesellschaftspolitischer Abläufe.“706 Man kann von einer Wiederentdeckung und gleichzeitigen Überprüfung Koeppens als zeitkritischen Autor sprechen, die durch ‚Germanistik-Importe’ eingeleitet wurde: Einerseits das Kapitel über Koeppen in The German novel and the affluent society des britisch-deutschen Autorenduos Richard Hinton Thomas und Wilfried van der Will aus dem Jahre 1968 (dt.: Der deutsche Roman und die Wohlstandsgesellschaft).707 Und andererseits der Abschnitt über Koeppen im 1970 erschienenen Buch Postwar German literature von Peter Demetz (dt.: Die süße Anarchie).708 Diesen Werken gemeinsam und die weitere Diskussion im westdeutschen Raum vorwegnehmend ist die kritische Intention, hinter das zeitgeschichtliche „Design des Konkreten“ (Hei- ßenbüttel) der Romane Koeppens zu blicken und ein jeweils existenzielles, idealistisch-romantisches oder melancholisch-resignatives Grundgerüst bloßzulegen. 11.1 Ansätze und Grenzen einer politischen Lesart Koeppens 1972 erschien ein Band von Text + Kritik mit Wolfgang Koeppen als Themenschwerpunkt. Die von Heinz Ludwig Arnold von 1963 bis zu seinem Tod 2011 herausgegebene Zeitschrift hat sich die Vermittlung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur zur Aufgabe gemacht und versammelt je Band Beiträge von Schriftstellern, Kritikern und Literaturwissenschaftlern zu einem bestimmten Autor oder einem spezifischen Thema. Der Koeppen-Band verzeichnet neben dem Koeppen-Text Vom Tisch eine Koeppen-Bibliografie und ein Koeppen-Interview (beide von Christian Linder)709 sowie Aufsätze von Helmut Heißenbüttel, Peter Laemmle und Stephan Reinhardt. Diese drei Arbeiten bilden ein Spektrum von unterschiedlichen Ansätzen, das Repräsentativität für den seinerzeitigen Koeppen-Diskurs beanspruchen kann. Gewissermaßen am ästhetischen Pol anzusiedeln ist Heißenbüttel, der, wie oben bereits beschrieben, den möglichen künstlerischen und psychologischexistenziellen Gründen für Koeppens Ringen mit der autobiografischen Form 706 Brigitte Neubert: Der Außenseiter im deutschen Roman nach 1945. Bonn: Bouvier 1977 (Studien zur Literatur der Moderne 3). S. 34. 707 Vgl. R[ichard] Hinton Thomas / Wilfried van der Will: Der deutsche Roman und die Wohlstandsgesellschaft. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Kohlhammer 1969 (Sprache und Literatur 52). S. 38–56. 708 Vgl. Peter Demetz: Die süße Anarchie. Deutsche Literatur seit 1945. Eine kritische Einführung. Aus dem Amerikanischen von Beate Paulus. Berlin: Propyläen 1970. S. 197– 202. 709 Vgl. Christian Linder: Schreiben als Zustand. Ein Gespräch mit Wolfgang Koeppen. In: Text + Kritik. H. 34 (April 1972). S. 14–32 (identisch mit ES 57–77); Christian Linder: Auswahlbibliographie zu Wolfgang Koeppen. In: Ebd. S. 53–59. 198 nachgeht.710 Eine ‚mittlere’ Position nimmt der Aufsatz des Doktoranden der Germanistik und späteren Verlagslektors Peter Laemmle ein, für den das Scheitern von Koeppens Romanfiguren aus dem Widerspruch der sie umgebenden politischen Realität und ihrer utopischen, unerreichbaren Sehnsüchte resultiert. Dem immer wieder misslingenden Ausbrechen aus diesen Wirklichkeiten, das sich in den Romanen in der wiederkehrenden Metapher der Grenze manifestiere, setze Koeppen in seinen Reisebüchern die Modellierung von poetischen Gegenorten entgegen. Charakteristisch für sein Schreiben sei der Schwebezustand zwischen Utopie und Resignation, mit der Koeppen der Wahrheit der Dinge nahezukommen versuche.711 Das Stichwort der ‚Resignation’ steht ebenfalls im Vordergrund in Stephan Reinhardts Anmerkungen zu Koeppens Romanen, die er Politik und Resignation überschrieben hat.712 Die relative poetische Autonomie, die Laemmert den Romanen zubilligt, wird von Reinhardt zugunsten eines mimetisch-engagierten Literaturbegriffs hintangestellt. Diesen übernimmt er von Andersch und Richter, die nach 1945 die Möglichkeit einer politischen, existenziellen und literarischen Neuerung sahen, sich mit ihrer Vorstellung einer engagierten Literatur aber nicht gegen die literarische ‚Reaktion’ (Benn, Jünger, Holthausen, Sieburg, Curtius, Süskind) durchsetzen konnten. In diesem restaurativen Klima habe nach Reinhardt „Koeppens literarische Arbeit einer der wichtigsten Antipositionen“713 eingenommen. Reinhardt legt die von ihm zugegebene „pauschale Formulierung“ ‚politscher Schriftsteller’ als „vagen Maßstab“714 an alle fünf Romane an. Der Erstling Eine unglückliche Liebe kann unter dieser Prämisse nur enttäuschen. Reinhardts Einlassungen ähneln der ‚linken’ Kritik, die der Roman bei seinem Erscheinen in der Exilzeitschrift Die Sammlung erfahren hatte.715 Bemängelt wird die als eskapistisch aufgefasste Liebesgeschichte, in der Liebe zu einer Zeit, in der der Faschismus sich in Deutschland ausbreitete, in mythisierender Überhöhung als unausweichliche Schicksalsmacht dargestellt werde. Der zweite Roman Die Mauer schwankt stelle demgegenüber einen Fortschritt dar, insofern der Narration eine Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Wirklichkeit eingearbeitet sei – Reinhardt spricht von einer „Vivisektion des bürgerlichen Zeitalters“716 –, gleichzeitig aber kranke der Roman an einem Widerspruch, der darin bestehe, dass einerseits soziale Ungerechtigkeit und Sympathie mit der beherrschten Klasse artikuliert würden, revolutionäre 710 Vgl. H. Heißenbüttel: Literatur als Aufschub von Literatur? 711 Vgl. Peter Laemmle: „Annäherung an die Wahrheit der Dinge“. Wolfgang Koeppens Bildersprache zwischen Utopie und Resignation. In: Text + Kritik. H. 34 (April 1972). S. 46–52, hier S. 52. 712 Vgl. Stephan Reinhardt: Politik und Resignation. Anmerkungen zu Koeppens Romanen. In: Ebd. S. 38–45. 713 Ebd. S. 38. 714 Beide Zitate: Ebd. S. 39. 715 Vgl. J. Döring: „...ich stellte mich unter, ich machte mich klein...“. S. 107–110. 716 S. Reinhardt: Politik und Resignation. S. 39. 199 Gewalt als Form der Auflehnung gegen die Herrschenden andererseits Ablehnung erführe und auch keine anderen Wege politischer Reformen aufgezeigt würden. Reinhardts Einwand gegenüber dem Roman ist gemäß seinem aufklärerischen Gestus mithin der Mangel an gedanklicher Reflexion. Nicht die Komposition, nicht die Figurenzeichnung, nicht die Erzählerrede stört ihn, auch nicht, was bei seinem ideologiekritischen Ansatz vielleicht überraschen mag, die Passagen, die andere Kommentatoren als nationalistisch und kriegsverherrlichend verstanden. Reinhardt wendet vielmehr ein, dass aus einer treffenden kritischen gesellschaftlichen Inventur keine Konzepte für eine bessere Gesellschaft erwüchsen, und diesen Einwand erhebt er auch gegenüber der Nachkriegstrilogie. Alle drei Teile erhalten Lob für die zeitkritischen Aspekte und Tadel für die mangelnden politischen Schlussfolgerungen der gesellschaftlichen Durchleuchtungen: In Tauben im Gras sei Koeppen zwar „ein hervorragender und vehementer Kritiker seiner Zeit“, aber „seine Empörung über Unterdrückung bleibt im Rahmen gefühlsmäßigen, naiven Protestes.“ Sein Plädoyer für Menschlichkeit sei „zu [...] pauschal“, er ergreife „keine Partei“, weshalb er „im Grunde unpolitisch“717 sei. Das Treibhaus hingegen, vom Thema her Koeppens politischster Roman, sei zugleich sein unpolitischster, da er Politik und Macht als etwas „Schlechthin Böses“718 dämonisiere und damit eine metaphysische und der Aufklärung entgegengesetzte Position einnehme. Der Roman präsentiere ebenso wie Der Tod in Rom „keine Strategien zur Veränderung.“719 Der Tenor dieser Bücher sei resignativ angesichts der sich nach der Währungsreform vollendenden konservativen Restauration. Da Koeppen von einer humanistischen Warte aus lamentiere und revolutionäre Gewalt strikt ablehne, gehe es ihm wie seinen Protagonisten, deren Engagement zu Resignation erstarre und die äußerstenfalls „sinnlos empört“720 sein können. Ähnlich argumentiert Manfred Koch in seiner Studie Wolfgang Koeppen. Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation, mit der Koch 1972 an der Universität Kiel promoviert wurde und die ein Jahr später in der renommierten Reihe Sprache und Literatur des Kohlhammer Verlags Aufnahme fand. Der Begriff der Resignation721, der nun zum dritten Mal in Folge im Titel einer Arbeit über Koeppen begegnet, verdankt sich auch hier einem Erkenntnisinteresse, das primär an der gesellschaftskritischen Dimension und der politischen Relevanz der Werke Koeppens orientiert ist. Die im Vergleich zu heutigen Verhältnissen relativ schmale, damaligen quantitativen Standards aber entsprechende Dissertationsschrift (die Buchausgabe 717 Alle Zitate: Ebd. S. 42. 718 Ebd. S. 43. 719 Ebd. S. 45. 720 Ebd. S. 43. Hervorhebung im Original, es handelt sich um ein Zitat aus Tauben im Gras (W 4, 152). 721 In einem Interview, das der Süddeutsche Rundfunk am 24. September 1971 sendete, entgegnete Koeppen auf den Einwurf des Interviewers Ekkehart Rudolph, dass seine Romane der Nachkriegszeit zu Pessimismus und Resignation neigen würden: „... zur Resignation neige ich sehr, aber ich resigniere nicht.“ (ES 49). 200 umfasst mitsamt Literaturverzeichnis, Anmerkungsapparat und Personenregister 151 Seiten) unternimmt als erste in der BRD erschienene Monografie über Koeppen den Versuch, dessen bisher erschienenes Werk und schriftstellerisches Selbstverständnis zwischen eben jenen titelgebenden Polen ‚Nonkonformismus’ und ‚Resignation’ zu verorten. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf den Romanen, die in den zwei umfangreichsten Kapiteln behandelt werden (30 Seiten für das sogenannte „Jugendwerk“722, bestehend aus Eine unglückliche Liebe und Die Mauer schwankt; ca. 70 Seiten für die Romane der Fünfzigerjahre). Sehr viel knapper fällt dagegen das zehn Seiten umfassende Kapitel über die Reisebücher aus. Mit nur einer Seite muss sich der Abschnitt über Koeppens Tätigkeit beim Film begnügen. Geschildert werden ein fehlgeschlagener (1957) und ein aktueller Versuch, ein Drehbuch für einen Film zu entwickeln. Koeppens Aktivitäten in der Filmindustrie des Nationalsozialismus werden hingegen in zwei Sätzen mehr angedeutet als thematisiert.723 Dies hängt damit zusammen, dass zu der Zeit sehr wenig über dieses Thema bekannt war, zumal auch Koeppen, abgesehen von einem Rundfunkinterview724, erst in den Achtzigerjahren ausführlicher über seine Zeit beim NS- Film berichtete.725 In den Einzelinterpretationen der Romane untersucht Koch formale Aspekte wie Motivik, Sprache und Erzähltechnik, die mit großer Regelmäßigkeit in ideologiekritische Resümees überführt werden. In Übereinstimmung mit Thomas und Will hebt er in der sprachlichen Analyse von Die Mauer schwankt hervor, dass Koeppen sich stellenweise dem Jargon des Nationalsozialismus nähere.726 In Tauben im Gras werden dagegen die Dschungel- und Urwaldmetaphern gerügt: „Trotz der ironischen Verwendung des Dschungelmotivs an einigen Textstellen scheint es zuweilen, als wolle der Autor die Undurchschaubarkeit der Welt zum Programm erheben. Die Entfremdung der Menschen sich selbst gegenüber, ihre Isolation, ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Ängste und ihre Ohnmacht werden [...] verabsolutiert. Die Theorie von der Undurchschaubarkeit der Welt aber ist Teil der Ideologie der Herrschenden, die Koeppen doch gerade bekämpfen will [...].“727 722 M. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 14. 723 Vgl. ebd. S. 122. 724 Eben jenes oben (Anm. 721) erwähnte Interview mit Rudolph. (Vgl. ES 45–46). 725 Koch nutzte die Gelegenheit, Koeppen in München zu sprechen, stieß bei Fragen zu dessen Werdegang aber auf Schweigen: „Beharrlich verweigert Koeppen detaillierte Auskünfte über seine Vergangenheit und beteuerte dem Verfasser gegenüber mehrmals, nicht weiter an seiner Autobiographie arbeiten zu können, wenn er vorzeitig ‚alles preisgebe’.“ (M. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 14). 726 Vgl. ebd. S. 49–51; R. H. Thomas / W. v. d. Will: Der deutsche Roman und die Wohlstandsgesellschaft. S. 41–42. 727 M. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 70–71. Hervorhebung im Original. 201 Kochs damaliger Betreuer, Manfred Durzak, hat wohl auch aufgrund solcher Passagen eine stärkere Akzentuierung der stilistischen Komponenten in Koeppens Werk vermisst, die für ihn ergiebiger und einsichtsvoller gewesen wäre als der politische Ansatz, den sein Doktorand verfolgte und der offensichtlich vom damaligen Zeitgeist motiviert war.728 Die Doktorarbeit von Manfred Koch fällt genau in die sogenannte Reformphase der Nachkriegsgermanistik, die bestimmt war von einer signifikant steigenden Zahl an Studierenden, universitären Neugründungen, Revision des Kanons und Pluralisierung der wissenschaftlichen Methodologie. Lange Zeit vorherrschend in den Lehrplänen der Universitäten waren werkimmanente, autonomieästhetische Interpretationen literarischer Werke. Die Anfang der Sechzigerjahre einsetzende methodische Neuorientierung hin zu Historisierung und gesellschaftlicher Kontextualisierung steht in engem Zusammenhang mit der Forderung meist jüngerer Professoren nach einer geschichtlichen Aufarbeitung des Fachs. Im Zuge der Liberalisierung und Politisierung der Germanistik flankierte der Versuch der innerdisziplinären Vergangenheitsbewältigung (u. a. auf dem Germanistentag 1966 in München) die Öffnung für rezeptionsästhetische, sozialgeschichtliche und literatursoziogische Literaturtheorien, die auf den Prämissen des Marxismus und der Kritischen Theorie fußen. Die rasante Ausdifferenzierung und zunehmende Politisierung innerhalb der Germanistik zeigte sich besonders deutlich auf dem Germanistentag 1968 in Westberlin. Studierende versuchten die Diskurshoheit der Ordinarien zu brechen und mischten sich mit Aktionen, Podiumsdiskussionen, aber auch Parolen wie ‚Schlagt die Germanistik tot, macht die blaue Blume rot’ lautstark ein.729 Bezüglich ihrer politischen Akzentsetzung spaltete sich „die westdeutsche Germanistik in drei Richtungen, die sich mit den Adjektiven ‚konservativ’, ‚reformbetont’ und ‚rebellisch bis umstürzlerisch’ umschreiben lassen.“730 Diese Aufspaltung zeigte sich in der Folge auch in den Methoden, wobei es angemessener wäre, von einem Nebeneinander von im weiteren Sinne ‚internen’ (werkimmanenten, strukturalistischen) und ‚externen’ (sozialgeschichtlichen, marxistischen) Analysen zu sprechen, statt von einer Verdrängung jener durch diese. Um nach diesem kleinen Exkurs auf Kochs Koeppen-Dissertation zurückzukommen, so lässt sich deren Zugehörigkeit zum Spektrum der ‚externen’ Literaturbetrachtung leicht am Literaturverzeichnis ablesen, in dem sich neben politikwissenschaftlichen und historiografischen Werken sowie soziologischen und sozialpsychologischen ‚Klassikern’ (Adorno, Habermas, Mitscherlich & Mitscherlich) auch der Band Methodenkritik der Germanistik. Materialistische Literaturtheorie und bürgerliche Praxis (1970) von Gansberg und Völker findet. Darin propagieren die Autoren die Abkehr von der traditionellen, idealistischen Germanistik zugunsten einer 728 Vgl. Manfred Durzak: Erfahrungen mit Koeppens Das Treibhaus. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 3 (2006). S. 139–148, hier S. 146. 729 Vgl. Anonym: Exil im Wedding. In: Der Spiegel v. 14.10.1968. S. 200–201; Walter Boehlich: Der deutsche Germanistentag. Oder: Lehren aus einem unfreiwilligen Lernprozeß. In: Die Zeit v. 25.10.1968. 730 Jost Hermand: Geschichte der Germanistik. Reinbek bei Hamburg 1994 (re 534). S. 141. 202 materialistischen Literaturwissenschaft. Statt weiterhin die absolute Autonomie des literarischen Werks zu postulieren, müsse es Aufgabe der Interpretation sein, die gesellschaftliche Verfasstheit der Dichtung, „die höchst konkrete Verflochtenheit von Kunst und Herrschaft“731 zu reflektieren. Bei Koch hat es den Anschein, dass die von Gansberg formulierte Aufgabe der materialistischen Literaturwissenschaft, Literatur und Ökonomie sowie die „Gesamtheit der dazwischenliegenden Vermittlungsfaktoren in ihrer Interdependenz und Wechselseitigkeit“732 zu analysieren, nicht nur Sache des Interpreten sei, sondern auch die des interpretierten Gegenstandes, wenn er über den Russlandessay Herr Polevoi und sein Gast schreibt: „[...] um eine Aufhellung der unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Verhältnisse bemüht er [d. i. Koeppen, Anm. C. W.] sich nicht. Den Armen und Unterdrückten gelten zwar seine Sympathien, während er den Reichen Mißtrauen entgegenbringt, allzu leicht aber wird die Darstellung ökonomischer Verhältnisse aus ihrem historisch-politischen Kontext gelöst und in abstrakte, zuweilen mythisierende oder emotional aufgeladene Begriffe gefaßt [...].“733 Eine ähnliche Kritik wird in einem Beitrag von Klaus Haberkamm vorgebracht, der in dem Sammelband Zeitkritische Romane des 20. Jahrhunderts (1975) veröffentlicht und von Jürgen Egyptien mit gewisser Berechtigung zum „Gipfel dieser ideologiekritischen Lektüre“734 erklärt wurde. Haberkamm, seinerzeit akademischer Oberrat am Germanistischen Seminar der Universität Münster, thematisiert das mythisch-naturhafte Gesellschafts- und Geschichtsbild der Romantrilogie, das er mit großem wissenschaftlichen Selbstbewusstsein auf die „geistige Verfassung Wolfgang Koeppens“735 bezieht. Dessen Hang zu mythologischen Verweisen und seiner, so Haberkamm, mythischen (nicht mythologischen!) Weltsicht wird sowohl zeitgeschichtlich als auch psychologisch hergeleitet: Zeitgeschichtlich begünstigt sei seine Mythophilie durch den Mythoskult der Zwanzigerjahre, die seine literarische Bildung maßgeblich beeinflusst hätten. Psychologisch wird die „Sprunghaftigkeit von Koeppens Biographie“ als Symptom für dessen geistige Unordnung interpretiert. So zusammenhang- und konturlos, wie Koeppens bürgerliche Laufbahn erscheine auch seine Weltsicht, ein „Schwanken in der geistigen Orientierung“736 sei die natürliche Folge. Sein „durch mangelnde Disziplinierung geschwächte[s] be- 731 Marie Luise Gansberg: Zu einigen populären Vorurteilen gegen materialistische Literaturwissenschaft. In: Methodenkritik der Germanistik. Materialistische Literaturtheorie und bürgerliche Praxis. Hrsg. v. Marie Luise Gansberg / Paul Gerhard Völker. Stuttgart: Metzler 1970 (Texte Metzler 16). S. 7–39, hier S. 21. 732 Ebd. S. 15. 733 M. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 130. 734 Jürgen Egyptien: Einleitung. Stand und Perspektiven der Koeppen-Forschung. In: Wolfgang Koeppen. Neue Wege der Forschung. Hrsg. v. Jürgen Egyptien. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009. S. 7–18, hier S. 9. 735 K. Haberkamm: „Bienenstock des Teufels“. S. 244. 736 Beide Zitate: Ebd. S. 245. 203 griffliche[s] Denken“737 manifestiere sich in seinen Werken in mythischen und naturhaften Metaphern und Vergleichen, die enthistorisierend wirken und den zeitkritischen Ansatz erheblich abschwächen würden. Weder in den Vorkriegsnoch in den Nachkriegsromanen, so einer der wesentlichen Schlussfolgerungen, sei Koeppen ein politischer Schriftsteller gewesen, weshalb der Wechsel zum unpolitischen Reisebericht keine Sackgasse, sondern eher die Umkehr aus einem Irrweg darstelle. Einen ‚Fall Koeppen’, wie Reich-Ranicki ihn herbeigeredet habe, gebe es nicht, oder allenfalls insoweit, als aus Koeppen überhaupt ein politischer Autor gemacht wurde.738 Die Gründe für die nun seit zwei Jahrzehnten unterbrochene Romanproduktion müssten folglich nicht in der wenig euphorischen Erstrezeption gesucht werden, sondern „hauptsächlich in der geistigen Konstitution einer unsicheren Persönlichkeit [...].“739 Dieser bei Haberkamm mitunter auftretende Zug zur Überhebung lässt erahnen, warum Germanisten in manchen Äußerungen Koeppens nicht sonderlich gut wegkamen, wobei die Verachtung akademischer bzw. institutionalisierter Literaturbetrachtung bei Schriftstellern bisweilen freilich zum guten Ton gehört. Ein Jahr vor Erscheinen dieses Aufsatzes äußerte Koeppen gegenüber Heinz Ludwig Arnold im Zusammenhang mit der Diskussion um sein ‚Schweigen’: „Die Sekundärliteratur lebt vom Mißverständnis und der Eitelkeit ihrer Schreiber.“ (ES 113) Ein Verdikt, dass er auf Nachfrage Reich-Ranickis stärker auf die Literaturwissenschaft als auf die Literaturkritik bezogen wissen wollte.740 Doch nicht alle Koeppen-Interpreten, die sich an eine gesellschaftskritische Lektüre machten, traten mit dem Gestus der „ideologischen Borniertheit“741 auf. Ein Beispiel hierfür ist die Dissertation von Dietrich Erlach, die 1973 an der Universität Uppsala vorgelegt wurde. Die Untersuchung mit dem Titel Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler ist die erste Monografie, die sich auf überzeugendem wissenschaftlichen Niveau mit Koeppen auseinandersetzt. Zwar enthält auch sie die einschlägigen Vorhaltungen aus dem Repertoire der ‚linken’ Koeppen-Kritik (Vorwurf der Resignation, des Mangels an utopischen Gegenentwürfen, der Dämonisierung der Macht und damit des Politischen schlechthin), dennoch ist sie um Differenzierung und Ausgewogenheit bemüht. Dies kann anhand Erlachs Analyse der mythischen Verweise in Koeppens Romanen gut veranschaulicht werden. Einerseits verurteilt für „die ganz unanalytische und irrationale Tendenz, die Geschichte sowie auch ökonomische, soziale und politische Vorgänge zu mythisieren und zu dämonisieren“742, leisteten sie unter dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Aufklä- 737 Ebd. S. 247. Grundsätzlich ähnlich gelagert ist die Kritik Manfred Kochs, der Koeppen anlässlich der Büchner-Preisrede „mangelnde politische Reflexion“ vorhält. (M. Koch: Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. S. 11). 738 Vgl. K. Haberkamm: „Bienenstock des Teufels“. S. 263–266. 739 Ebd. S. 266. 740 Vgl. W. Koeppen: Ohne Absicht. S. 175. 741 J. Egyptien: Stand und Perspektiven der Koeppen-Forschung. S. 9. 742 Dietrich Erlach: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. Diss. masch. Uppsala 1973 (Acta Universitatis Upsaliensis. Studia Germanistica Upsaliensa 11). S. 175. 204 rung andererseits ganz Elementares: Zum einen dienten sie dazu, soziale Archetypen kenntlich zu machen, zum anderen werde durch die Diskrepanz zwischen „mythischem Urbild und heutiger Gestalt“743 ein parodistischer Effekt erzielt. In den Reiseberichten seien sie allerdings ihres kritischen Potenzials beraubt und in ihrer Bedeutung demnach nichts weiter als ausschmückendes Beiwerk und bildungsbürgerliche Reverenz.744 Den Anstoß zu seiner Arbeit, wie Erlach in seinem Vorwort verrät, hatte der in Uppsala als Gastprofessor tätige Marcel Reich-Ranicki gegeben, der im Ausgang seiner Besprechung von Romanisches Café auch auf die Dissertation hinwies und sie dafür lobte, dass ein „sehr beachtlicher“745 Anfang in der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Koeppens Werk gemacht sei. In der Tat bewegt sich Erlachs Argumentation zum Teil in den Bahnen, die Reich-Ranickis Deutung der Werke und Laufbahn Koeppens vorgezeichnet hat. Dass Erlach ebenso wie Reich- Ranicki Wolfgang Koeppen zuvörderst als einen Autor ansieht, der Zeitchronik mit der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen verbindet, klingt bereits im Titel seiner Arbeit an. Koeppens Romane, namentlich diejenigen, die nach 1945 geschrieben wurden, seien „im höchsten Grade zeitgenössisch“746 und bezögen „ihren Impetus [...] aus der Zeitkritik.“747 Den Abbruch des zeitkritischen Schreibens führt Erlach einerseits auf den Umschlag des Engagements in totale Resignation zurück, der sich in Der Tod in Rom beobachten lasse.748 Andererseits macht er ebenso wie Reich- Ranicki die verhaltene Aufnahme seiner Romane geltend und untermauert dies mit einer Rezeptionsanalyse der Trilogie, die mit dem freundlichen literaturkritischen Echo der Reisebücher kontrastiert wird.749 Diese stuft Erlach, wiederum ähnlich wie Reich-Ranicki, als obskure Nebenwerke herab, indem er sie als Symptom für „den Rückzug ins Feuilleton eines welt- und kunstverliebten Globetrotters“750 wertet. Den Unterschied zwischen zeitkritischem Erzählen und politischer Kritik, um diesen Abschnitt abzuschließen, verdeutlicht Josef Quack in einem Essay, der 1974 in den Frankfurter Heften publiziert wurde. Koeppens Romane der Fünfzigerjahre, so Quack, „sind nicht politisch-historische Zeitanalysen, sondern die literarische Darstellung der Nachkriegszeit in typischen Figuren und Ereignissen.“751 Was 743 Ebd. S. 119. 744 Vgl. ebd. S. 186. 745 M. Reich-Ranicki: Krümel von Koeppens Tisch. In: Die Zeit v. 27.4.1973. 746 D. Erlach: Wolfgang Koeppen als zeitkritischer Erzähler. S. 68. 747 Ebd. S. 169. 748 Vgl. ebd. S. 184–185. 749 Vgl. ebd. S. 197–210. 750 Ebd. S. 188. 751 J. Quack: Die Haltung des Beobachters. S. 827. 205 Koeppen dem Leser biete, seien „Beobachtungen, nicht Analysen der Zeit, was Aufgabe der Wissenschaft wäre.“752 11.2 Der Band Über Wol fgang Koeppen (1976) Als sich der Suhrkamp Verlag im Jahr 1971 um die Übernahme früherer Werke Koeppens vom Goverts Verlag bemühte, bekundete Unseld seine Absicht, einen Band über Wolfgang Koeppen herauszubringen, mit dem Ziel, dessen „Werk erneut in die Diskussion zu bringen.“ (KU 201) Zu diesem Zeitpunkt waren bereits andere Suhrkamp-Autoren, allesamt Aushängeschilder des Verlags (Frisch, Nossack, Bernhard, Walser, Eich, Enzensberger, Johnson, Weiss) mit solchen Bänden bedacht worden. Es handelt sich hierbei um Aufsatzsammlungen, die, obschon von größerem Seitenumfang, der Zeitschrift Text + Kritik nachempfunden waren und „sich an einen bewußt nach Information strebenden Leserkreis“753 richteten. Alle diese Bände erschienen in der edition suhrkamp, der ersten im Jahr 1963 gegründeten Taschenbuchreihe des Verlags, in der sowohl literarische, essayistische als auch geistes- und sozialwissenschaftliche Texte publiziert werden.754 Markenzeichen sind die von Willy Fleckhaus in den Farben des Lichtspektrums gestalteten Einbände, die der Reihe optische Kohärenz und ein unverwechselbares Gepräge verleihen. Die von Günther Busch bis 1979 redaktionell betreute edition suhrkamp galt nicht zuletzt dank des gesellschaftswissenschaftlichen Segments und Autoren wie Benjamin, Marcuse und Habermas „als Forum der linken Intelligenz, als die Plattform, auf der sich die Studentenbewegung geistig formieren konnte.“755 In diesem gesellschaftlich progressiven Geist heißt es im Klappentext des Koeppen-Bandes über Wolfgang Koeppen aus dem Jahr 1976: „Mit seinen Romanen Tauben im Gras, Das Treibhaus und Tod in Rom, in denen der Gebrauch avancierter Kunstmittel verbunden ist mit genauer Sozialkritik, zählt er zu den Wegbereitern einer sich ihrer politischen Rolle bewußten, allerdings nicht an der Oberfläche der gesellschaftlichen Prozesse operierenden neuen deutschen Literatur.“756 Es ist ersichtlich, dass mit diesen Worten sowohl die an Literatur als auch die an gesellschaftlichen Themen interessierten Leser der edition suhrkamp angesprochen 752 Ebd. S. 834. 753 Norbert Schöll: Literatur als Ware. In: Tendenzen der deutschen Literatur seit 1945. Hrsg. v. Thomas Koebner. Stuttgart: Kröner 1971 (Kröners Taschenbuchausgabe 405). S. 535– 546, hier S. 545. 754 Neben der Erschließung einer jüngeren Leserschicht und der Verbreitung neuerer deutschsprachiger wie auch osteuropäischer Literatur sollte die edition suhrkamp durch die „Veröffentlichung wissenschaftlicher, philosophischer, soziologischer, politologischer, anthropologischer, literaturkritischer und sozialgeschichtlicher Texte [...] den Boden für eine weitere Entwicklung des Verlags auf dem Gebiet der Wissenschaft vorbereiten.“ (Geschichte des Suhrkamp Verlages. S. 56). 755 P. Michalzik: Unseld. S. 126. 756 Über Wolfgang Koeppen (Klappentext). 206 werden sollten, wobei die Einschränkung in der zweiten Hälfte die Missverständnisse und Enttäuschungen vorbeugen helfen soll, denen die Interpreten erlagen, die in Koeppens Büchern keine konkreten Antworten auf politische Entwicklungen in der Bundesrepublik fanden. Der Herausgeber Ulrich Greiner, für den die oben genannten Titel durchaus politische Romane darstellen, bietet bezüglich einer engeren Definition des Wortes ‚politisch’ folgende Kompromissformulierung an: „[...] wenn unter politischem Bewußtsein die Fähigkeit verstanden werden soll, sein Leben dem Leitfaden einer mehr oder minder pragmatischen Handlungstheorie unterzuordnen, dann ist Koeppen ein unpolitischer Autor, und wir haben es bei seinen Werken mit den politischen Romanen eines Unpolitischen zu tun. In der Tat: wer in Koeppens Büchern irgendeine Verhaltensanleitung sucht, wird enttäuscht werden.“757 Da Koeppen insofern unpolitisch sei, als er in der Position des Beobachters verbleibe, anstatt sich, um mit Musil zu reden, der „Parole der Tat“758 zu unterwerfen, bleibe er unbestechlich und kompromisslos. In dem Paradox des unpolitischen Autors, der politische Bücher schreibe, liege allerdings auch die geringe Resonanz der Romane Koeppens beschlossen: [...] böse Kritik – und keine positive Aussage; Politik – und kein Heil.“759 Die Einleitung Ulrich Greiners trägt den Titel Wolfgang Koeppen oder Die Geschichte eines Mißerfolgs, sehr zum Missfallen Siegfried Unselds, den u. a. das Wort „Mißerfolg“ störte. (Vgl. KU 286) Greiner, zur Zeit der Publikation Redaktionsmitglied des FAZ-Feuilletons unter Marcel Reich-Ranicki, artikuliert im Wesentlichen dieselben Thesen, die Reich-Ranicki fünfzehn Jahre zuvor in seinem Artikel Der Fall Wolfgang Koeppen vertrat. Die Rezeption Koeppens seit den Fünfzigerjahren wird kritisch skizziert als ein Konglomerat aus Ressentiment, Missverstehen und eher pflichtschuldig nachgereichtem denn spontan-begeistertem Lob: „Die deutsche Literaturkritik, genauer: die literarische Öffentlichkeit hat bei Wolfgang Koeppen versagt. Als er schrieb, tadelte oder mißverstand man ihn, als er zu schreiben aufhörte, begann man, ihn zu loben – auf eine Art, die viel von einem verspäteten Wiedergutmachungsversuch an sich hatte.“760 Die zeitgenössischen Rezensionen der Nachkriegsveröffentlichungen Koeppens nehmen in dem Band einen wichtigen Raum ein, da man, so der Herausgeber, insbesondere an der Rezeption der Romane „exemplarisch ein für die fünfziger Jahre typisches und bis heute noch verbreitetes Literaturverständnis deutlich machen“761 könne. Wenn in der Auswahl auch Verrisse von Das Treibhaus und Der Tod in Rom absichtlich unterrepräsentiert sind, wird doch die Tendenz erkennbar, der 757 U. Greiner: Wolfgang Koeppen oder Die Geschichte eines Mißerfolgs. S. 18–19. 758 Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. Erstes und zweites Buch. Bd. 1. Hrsg. v. Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1987 (Rowohlt Jahrhundert 1). S. 774. 759 U. Greiner: Wolfgang Koeppen oder Die Geschichte eines Mißerfolgs. S. 20. 760 Ebd. S. 9–10. 761 Ebd. S. 20. 207 kontroversen Rezeption der Romane eine einhellig positive Aufnahme der Reisebücher gegenüber zu stellen, schließlich fand keine einzige Besprechung der bei der Kritik nicht überaus wohlgelittenen Reisen nach Frankreich Eingang in den Rezeptionsteil des Bandes.762 Auf diese Weise wird nachträglich eine Feststellung Greiners untermauert, der in der Einleitung über die damalige Literaturkritik schreibt: „Des Lobens war keine Ende. Über die Reisebücher gab es keinen einzigen Verriß.“763 Der zweite Teil des Buches, gleichzeitig der umfangreichste Abschnitt, trägt die Überschrift „Versuche über Koeppen“ und versammelt Arbeiten unterschiedlicher Couleur. Hier finden sich die Reich-Ranicki-Artikel Der Fall Wolfgang Koeppen (1961) und Der Zeuge Koeppen (1963) neben dem bereits bekannten Döhl-Aufsatz und dem Wolfgang Koeppen-Kommentar von Heißenbüttel. Die literaturwissenschaftliche Seite wird vertreten von der Analyse der Tauben im Gras von Georg Bungter sowie einer überarbeiteten und verkürzten Version des Kapitels Die musikalische Kompositionstechnik des „inneren Monologs“ in Koeppens Roman Der Tod in Rom aus Johann Mittenzweigs Buch Das Musikalische in der Literatur, das 1962 in der DDR veröffentlicht wurde. Ein um Kohärenz und Kontinuität bemühtes Porträt der schriftstellerischen Laufbahn Wolfgang Koeppens liefert der Münsteraner Ordinarius Wolfdietrich Rasch in seinem Beitrag, der erstmals in dem von Benno von Wiese herausgegebenen Band Deutsche Dichter der Gegenwart (1973) erschien.764 Neben diesen zuvor andernorts publizierten Arbeiten verzeichnet der Koeppen-Band auch zwei Originalbeiträge von Lothar Baier und Michael Zeller. Michael Zeller, Literaturwissenschaftler an der Universität Erlangen- Nürnberg, beschäftigt sich mit Koeppens Das Treibhaus, den er als satirischen Roman liest. Als solcher erweise er sich nicht nur in seiner mangelnden Popularität (denn die Deutschen liebten von jeher keine Satiren), sondern auch im satirisch gezeichneten Bild einer konkreten zeitgeschichtlichen Situation: der Bundesrepublik Deutschland vor dem Hintergrund der Wiederbewaffnungsdebatte 1952/53. Lobend hervorgehoben wird zunächst das „präzis überzeichnete Detail“765 am Beispiel der Nebenfiguren Dörflich oder Frost-Forestier, die „als Typen ebenso unrealistisch wie wahr erfaßt“766 seien. Dass Zeller für seinen Aufsatz den Obertitel Satire und Resignation gewählt hat, lässt allerdings aus dem Vorigen erahnen, dass seine Argumentation nicht auf der Einbahnstraße der Ehrerbietung wandelt. Der Tadel folgt dem Lob auf dem Fuße: Gehe Koeppen in seinem Roman von seinem Leiden an den kulturellen und politischen Restaurationstendenzen der Bundesre- 762 Vier Rezensionen sind in dem Band abgedruckt. Zwei über Nach Rußland und anderswohin (von Karl Korn und Hans Magnus Enzensberger), zwei über Amerikafahrt (von Paul Hühnerfeld und Helmut Heißenbüttel). Vgl. Über Wolfgang Koeppen. S. 86–98. 763 U. Greiner: Wolfgang Koeppen oder Die Geschichte eines Mißerfolgs. S. 16. 764 Vgl. Wolfdietrich Rasch: Wolfgang Koeppen. In: Über Wolfgang Koeppen. S. 198–222. 765 Michael Zeller: Satire und Resignation – „fast ein deutsches Märchen“. Zu Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“. In: Über Wolfgang Koeppen. S. 230–243, hier S. 236. 766 Ebd. S. 237. 208 publik aus, so schere seine Kritik aus vom Besonderen hin zum Allgemeinen, vom historisch Spezifischen hin zu anthropologischen Konstanten, sodass ihr letztlich „das Zwingende abgeht und sie sich in die Beliebigkeit des Weltschmerzes auflösen kann.“767 Ursächlich hierfür ist die laut Zeller nicht genügend durchdachte Konzeption des Romans, der ihn ebenso wie sein Vorgänger und sein Nachfolger zu rasch niedergeschrieben scheint. Ein weiterer Grund ist nach Meinung des Verfassers die Hauptfigur Felix Keetenheuve, der zu viel persönliche Betroffenheit aufgebürdet sei. Bereits Reich-Ranicki hatte moniert, dass Keetenheuve infolge seiner Willensschwäche keinen überzeugenden Protagonisten abgebe, um der korrumpierten Treibhauswelt des Romans als ernsthafter Gegenspieler entgegen zu treten.768 Zeller vermisst an ihm die Distanzlosigkeit, die den satirischen Helden auszeichne. Die prononcierte Sensibilität und der Selbsthass Keetenheuves untergrabe das satirische Fundament des Romans, denn „das Leiden an der Welt wird vom Leiden an der Individualität, der verfremdende Blick nach außen von der Selbstentfremdung eingeholt. Die satirisch gezeichnete Welt kann vom Leser allzu leicht als individuelle Halluzination, als Fehleinschätzung Keetenheuves gesehen werden [...].769 Eben diese Gefahr sieht Zeller bestätigt in der Reaktion einiger Kritiker, die den Roman wegen einer übermäßigen Verzerrung der bundesdeutschen Wirklichkeit ablehnten. Während Michael Zeller Das Treibhaus als Satire kritisch begutachtet, beschäftigt sich der Schriftsteller, Essayist und Literaturkritiker Lothar Baier mit der Gattungsbezeichnung des Tod in Rom. Ähnlich wie Walter Jens, für den Der Tod in Rom den Übergang vom Roman zum Reise-Essay einleitet770, aber diesen Eindruck noch überbietend, schreibt Baier, dass er bei der Lektüre dieses Buches weder einen Zeitroman noch überhaupt einen Roman gefunden habe, sondern allenfalls „eine Vielzahl von Hinweisen auf einen Roman“771, der womöglich irgendwo im Kopf seines Verfasser existiere, nicht aber zwischen den beiden Buchdeckeln. Was für Baier einen Roman ausmacht, was für ihn romanhaft ist, wird nicht eigens erläutert; aber es wird erahnbar in dem, was seiner Ansicht nach von der Instanz des Erzählers ständig unterbrochen, unterdrückt oder mit Assoziationen zugedeckt werde: Figuren, Handlungen und Beschreibungen, die nie für sich stehen dürften. Der Erzähler, mit „hermeneutische[r] Omnipotenz“772 ausgestattet, kommentiere, assoziiere, metaphorisiere ohne Unterlass, er lege Dinge und Figuren „ans Gängelband der Bedeutung“773, wodurch sie zu bloßen Symbolträgern gemacht und ihre Kontu- 767 Ebd. S. 239. 768 Vgl. Marcel Reich-Ranicki: Der Zeuge Koeppen. In: Über Wolfgang Koeppen. S. 133– 150, hier S. 144. 769 M. Zeller: Satire und Resignation. S. 240. 770 Vgl. W. Jens: Von deutscher Rede. S. 203–204. 771 Lothar Baier: Ein nichtgeschriebener Roman. Zu „Der Tod in Rom“. In: Über Wolfgang Koeppen. S. 223–229, hier S. 224. 772 Ebd. S. 226. 773 Ebd. S. 225–226. 209 ren zunehmend undeutlich würden. Mehr noch als die symbolische Überdeterminierung von Handlungselementen und Charakteren kritisiert Baier jedoch die symbolische Ordnung, auf der sie beruhe. Gerade im Vergleich zu Autoren der literarischen Moderne zeige sich Koeppens Verwurzelung im Konventionellen. Joyces Ulysses etwa, vielzitierte Referenz der Nachkriegstrilogie, sei, was die mythologischen Verweise betreffe, viel subversiver und satirischer, während „die Mythologie von Der Tod in Rom [...] die Mythologie des deutschen Bildungsbürgers“ sei. Koeppen übernehme zwar seine „Erzählung aus einem vorbestimmten System von Signifikanten“ wie Raymond Roussel, doch wo Roussel „seine Signifikanten auf vollkommen willkürliche Weise gewann“774, halte sich Koeppen an eine gesellschaftlich akzeptierte Ordnung der Signifikanten. Baier siedelt Der Tod in Rom daher eher in der realistischen Tradition eines Balzac als im Kontext der Avantgarde an. Wenngleich Baier Eigenheiten in Koeppens Romanprosa anspricht, die bereits von früheren Kommentatoren registriert wurden, ist sein Essay vorausweisend auf die spätere Koeppen-Forschung, gerade was den Widerspruch zwischen beschränkter Erzählperspektive und allwissendem Kommentar775 oder Koeppens Zugehörigkeit zur Moderne vor dem Hintergrund der mythologischen Verweise angeht.776 Mit den beiden Beiträgen von Baier und Zeller endet der essayistische Teil. Enthalten sind ferner das Werkstattgespräch zwischen Bienek und Koeppen, das Interview Schreiben als Zustand von Christian Linder und zu guter Letzt eine Bibliografie der Schriften von und über Wolfgang Koeppen. Der Koeppen-Band, 1971 erstmals erwogen, wurde 1976, zwischen Koeppens 70. Geburtstag und dem Erscheinen von Jugend veröffentlicht. Was dem Materialienband zugedacht war, Koeppen „erneut in die Diskussion zu bringen“ (KU 201), das brachte die erste größere Veröffentlichung seit fünfzehn Jahren nachhaltiger zuwege. 774 Alle Zitate: Ebd. S. 228. 775 Vgl. N. Altenhofer: Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras (1951); Bernhard Uske: Geschichte und ästhetisches Verhalten. Das Werk Wolfgang Koeppens. Frankfurt am Main; Bern; New York; Nancy: Lang 1984 (Analysen und Dokumente. Beiträge zur Neueren Literatur 17). S. 53–59. 776 Vgl. S. Becker: Ein verspäteter Modernist?; M. Jäger: Die Joyce-Rezeption in der deutschsprachigen Erzählliteratur nach 1945. S. 85–86.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.