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10. Dichtung und Soziales. Schriftstellernöte vor dem Hintergrund eines sich ändernden Berufsbildes in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 187 - 194

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-187

Tectum, Baden-Baden
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187 10. Dichtung und Soziales. Schriftstellernöte vor dem Hintergrund eines sich ändernden Berufsbildes Die Rede vom Schweigen Koeppens hat einen ökonomisch-materiellen Boden, auf den die in höheren Sphären spielenden Spekulationen letztlich alle gravitieren. Koeppens Bericht eines Krankenaufenthaltes in einem der Linder-Interviews verdeutlicht dies. Ein Blinddarmleiden hatte um das Jahr 1971 herum den Mitte 60- Jährigen in eine äußerst missliche Lage gebracht, weil eine stationäre Behandlung unumgänglich und Koeppen in keiner Krankenkasse war. (Vgl. ES 72–73) Wohl auch dank dieser Erfahrung verglich Koeppen seine Situation mit der eines Seiltänzers, der ohne das Netz einer sozialen Absicherung arbeitet: „Werde ich krank, unfähig, bleibe ohne Einfall, stürze ich ab.“ (ES 54) Der Beruf des Schriftstellers, der kein Beruf ist673, ernährt seinen Mann schlecht. Und er ernährt ihn noch schlechter, wenn die Honorare für größere Werke ausbleiben, weil die Arbeit an ihnen kein Ende findet. Koeppens große Schriftsteller-Vorbilder waren die Autoren der heroischen Konstitutionsphase des literarischen Feldes in Frankreich, die gleichzeitig und notwendigerweise materiell abgesicherte Erben waren. Koeppen nannte sie immer wieder als Musterbeispiele dafür, wie ein großes, kompromissloses Werk aus finanzieller Sekurität erwächst: Flaubert und Baudelaire und ferner Proust und Gide. (Vgl. ES 40 u. ö.) Wieder zeigt sich die Krux der ‚reinen’ Literatur: Man braucht Geld, um Bücher schreiben zu können, die kein Geld einbringen. Ökonomisches Kapital ist wichtige Bedingung dafür, sich auf künstlerische Unternehmungen einzulassen, die langfristig dazu angetan sind, symbolische Profite abzuwerfen. Und wenn es an ökonomischem Kapital mangelt? Koeppen fand „‚finanzielle Notlagen [...] immer bedrückend und vom Schreiben abhaltend.’“674 Allerdings kennt die Literaturgeschichte auch genügend Beispiele, in denen Autoren unter solchen Bedrängnissen der Versuchung marktgängiger Formen erlagen, anstatt zu verstummen. (Vgl. RK 413– 414) Über die Absichtserklärung, sich einer literarisch wenig anspruchsvollen „Geldbeschaffungsarbeit“675 zu widmen, gingen Koeppens Versuche offensichtlich kommerzieller Zugeständnisse an das Lesepublikum aber nie hinaus. Obschon in seinem Werk immer wieder Kolportage-Elemente auftauchen, war marktorientiertes Schreiben mit seinen Dispositionen nicht vereinbar (hier zeigt sich die von Bourdieu angenommene Trägheit des Habitus). Dem finanziellem Druck nachgebend, wandte er sich in den Siebzigerjahren wohl verstärkt journalistischen Brotar- 673 Dieser Meinung waren sowohl Koeppen als auch Bourdieu. Vgl. RK 359, ES 70 u. ö. 674 Renate Just: „Ich bin nicht mit mir im reinen“. Sein Nicht-Schreiben wurde Legende, die Arbeit für ihn oft zur Qual. Und auch mit 85 Jahren sitzt Wolfgang Koeppen neben Schreibmaschinen und Büchern in seiner Münchener Wohnung und kämpft. Weniger mit Texten als mit dem Leben. In: Süddeutsche Zeitung Magazin v. 21.6.1991. 675 Wolfgang Koeppen: Brief an Magnus Enzensberger vom 23.11.1965. In: Text + Kritik. H. 34. 2. Aufl. Neufassung (Dezember 2014). S. 14–15, hier S. 15. 188 beiten zu. Doch war Koeppen seit seinen Anfängen als Autor nie nur auf das Medium Buch beschränkt gewesen. Arbeiten für Hörfunk, Film, Fernsehen und Zeitungen begleiteten seine gesamte Laufbahn. Und eben diese „Mobilität [...] zwischen den Medien“ wurde in den Siebzigerjahren als „Charakteristikum und Kennzeichen des freien Schriftstellers“676 ausgemacht, dessen Berufsbild sich entscheidend gewandelt hatte. Im Gefolge der Studentenbewegung und weitreichender Akzentverschiebungen im intellektuellen und den künstlerischen Feldern veränderte sich auch die Semantik der Diskursfigur ‚Autor’. Das auratische Bild des sozial losgelösten, marktjenseitigen Dichters, das noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit von den Autoren der inneren Emigration gepflegt wurde, geriet in den Sechzigerjahren, von ‚Elfenbeinturmbewohnern’ à la Handke677 einmal abgesehen, zunehmend in den Hintergrund. Die Vorstellung des Schriftstellers als einsames Genie in seiner Klause, des armen Poeten in seiner Dachwohnung war anachronistisch geworden angesichts eines marxistisch inspirierten Verständnisses vom Autor als ein Produzent von Texten, der sich mit seinen Erzeugnissen auf einen hart umkämpften Markt begibt, in dem durch Konzentrationen678 ausgedehnte und immer professioneller arbeitende Verlage mitunter mehr auf die Akkumulierung ökonomischen als symbolischen Kapitals bedacht waren. Verlierer dieser Professionalisierung und Ausdifferenzierung des Literaturmarkts war meist der Autor, der von dem Erlös seines Produkts nur einen relativ unbedeutenden Bruchteil abbekam. Am Beispiel des bei Lesern besonders beliebten, weil günstigen Formats, des broschierten Taschenbuchs, hat Koeppen in einem Interview aus dem Jahr 1972 die Übervorteilung der Schriftsteller ausgeführt: Ich war immer für das broschierte, für das billige Buch. […] Aber den Autor bringt das Taschenbuch, wie es heute gehandelt wird, ins Elend. Es untergräbt seine so schon gefährdete Existenz. Viele Leser zu bekommen, junge Leser zu erreichen, das ist wunderbar. Wer wünschte es sich nicht? Aber ich las eine Abrechnung, ein Roman hatte eine Taschenbuchauflage von 40000, das ist ein Erfolg, das ist viel, doch was ich am Ende dafür erhielt, waren 2000 Mark. Ich finde das unrecht. […] Das gegenwärtige Verhältnis ist eine Ausnützung und blamabel. Drei- ßig, fünfzig Pfennig pro Exemplar wären nicht zuviel. Das Buch kostete dann 3,50 statt 3,- Mark. Da erheben sich aber gleich der Verleger, der Vertreter, der Sorti- 676 Beide Zitate: Friedrich Knilli / Knut Hickethier / Wolf Dieter Lützen: Einleitung. In: Literatur in den Massenmedien – Demontage von Dichtung? Hrsg. v. Friedrich Knilli / Knut Hickethier / Wolf Dieter Lützen. München; Wien: Hanser 1976 (Reihe Hanser Medien 221). S. 7–15, hier S. 10. 677 Vgl. Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972. 678 Vgl. Helmut H. Diederichs: Konzentration in den Massenmedien. Systematischer Überblick zur Situation in der BRD. Mit einem Nachwort von Dieter Prokop. München: Hanser 1973 (Reihe Hanser Kommunikationsforschung 120). S. 156–166. 189 menter und behaupten, das müsse ganz anders kalkuliert werden, das Taschenbuch käme dann auf 5 oder 6 Mark und wäre zu teuer. Warum eigentlich? Warum nicht die Extrawurst für den Urheber? (ES 55) Erkennbar ist in diesen mahnenden Worten ein Aufbegehren gegen die herrschende marktwirtschaftliche Ordnung, das Heinrich Böll mit seiner Losung vom ‚Ende der Bescheidenheit’ von seinen Berufsgenossen gefordert hatte. In der so betitelten Rede hatte Böll auf der Gründungsversammlung des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) im Jahr 1969 sich und seine Kollegen dargestellt als „tarifgebundene Mitarbeiter einer Großindustrie, die hinter einer rational getarnten Kalkulationsmystik ihre Ausbeutung verschleiert.“679 Die Gründung des VS hatte die Absicht, die westdeutschen Autoren über alle Differenzen hinweg zu einer machtvollen Interessengemeinschaft zu einen; der erste Vorsitzendes des VS und spätere Bundestagsabgeordnete Dieter Lattmann (SPD) lieferte dafür das Stichwort von der ‚Einigkeit der Einzelgänger’. Im Jahr 1973 gliederte sich der VS der Gewerkschaft IG Druck und Papier an. Nicht alle Mitglieder vollzogen diesen Schritt, den Koeppen zuvor begrüßt hatte.680 Der Vorgang war von gewisser historischer Tragweite; er „signalisierte das vorläufige Ende der Mystifikation des Schriftstellers als charismatisch-naiver Sondergestalt. Er war Mitglied einer Berufsgruppe, die ihre Lobby aufbaute, um nun für berufseigene Altersversorgung, Rechtsberatung der Autoren, Rahmenverträge mit Verlagen und Sendern, Durchführung einer Sozialenquête zu streiten.“681 Zu den Errungenschaften des VS zählt die Novellierung des Urheberrechtsgesetzes aus dem Jahre 1972, die zur Abschaffung des umstrittenen ‚Schulbuchparagraphen’ führte, der den kostenfreien Abdruck von literarischen Texten in Fibeln und Schulbüchern erlaubt hatte. Ein weiteres Resultat der Lobbyarbeit des VS war das Inkrafttreten des Künstlersozialversicherungsgesetzes 1983, der die Grundlage einer flächendeckenden Altersvorsorge für Schriftsteller und Künstler schuf. Die Notwendigkeit für diese sozialpolitischen Reformen war zu Beginn der Siebzigerjahre allerdings nicht unumstritten. Als Andreas Wiesand und Karla Fohrbeck vom SPIEGEL-Institut für Projektstudien in ihrem 1972 veröffentlichten 679 Heinrich Böll: Ende der Bescheidenheit. Zur Situation der Schriftsteller in der Bundesrepublik. Rede zur Gründungsversammlung des Verbandes deutscher Schriftsteller am 8.6.1969 im Kölner Gürzenich. In: Ders.: Werke. Essayistische Schriften und Reden 2. 1964–1972. Hrsg. v. Bernd Balzer. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1978. S. 374–386, hier S. 375. 680 „Ich bin für den gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Schriftsteller, die in der Arbeitswelt auch ihre Arbeit vor Ausbeutung sichern sollten.“ (Wolfgang Koeppen: An Friedrich Hitzer. In: Kürbiskern 8 [1972]. H. 3. S. 435). 681 Frank Trommler: Auf dem Wege zu einer kleineren Literatur. Ästhetische Perioden und Probleme seit 1945. In: Tendenzen der deutschen Gegenwartsliteratur. Hrsg. v. Thomas Koebner. Stuttgart: Kröner 1984. 2., neuverf. Aufl. (Kröners Taschenausgabe 405). S. 1– 106, hier S. 85–86. 190 Autorenreport die Einkommenssituation freier wie nebenberuflicher Schriftsteller – angefangen vom Lyriker, Drehbuchautor über den Journalisten bis zum Übersetzer usw. – in der Bundesrepublik durchleuchtet hatten, kamen sie zu dem Ergebnis, dass es den ‚Worturhebern’ im Durchschnitt nicht nur wirtschaftlich besser gehe als allgemein angenommen, sondern dass auch der geplante ‚Bibliotheksgroschen’ mehr Kosten für Verwaltungsaufwand als Erlöse für die Autoren verursachen würde.682 Die Ergebnisse dieser Autoren-Enquete forderten seitens des VS massiven Widerspruch heraus, insbesondere wurde dabei auf die schwierige, zuweilen prekäre Situation von Schriftstellern der älteren Generation hingewiesen.683 Auf dem VS-Kongress im Jahr 1970 hatte Rolf Hochhuth in einem vielbeachteten offenen Brief die Lage älterer und vergessener Autoren erörtert. Dies gab den Anstoß für das Buch Alte Schriftsteller in der Bundesrepublik, das Angelika Mechtel 1972 vorlegte. Mechtel, selbst Schriftstellerin und Mitglied im VS, hatte Gespräche mit 18 Schriftstellern der Jahrgänge 1879–1908 geführt, darunter Hermann Kesten, Marieluise Kaschnitz, Ina Seidel und Wolfgang Koeppen. Aufgrund ihrer Befragungen konstatiert sie einen „sozialen Notstand“684, der in das Fazit mündet: „Die soziale Lage älterer Schriftsteller heute ist beängstigend.“685 Die Ursachen für diesen alarmierenden Status quo seien vielfältig. Mechtel nennt neben ungerechter Vergütungsstruktur und fehlender Altersversorgung einen zu Moden und Schnelllebigkeit tendierenden Literaturbetrieb und den sozialen Hintergrund der Autoren, die sich nicht wie früher primär aus der Oberschicht rekrutierten. Wolfgang Koeppen, der zum Zeitpunkt des Interviews schon im gesetzlichen Rentenalter war (65), bekräftigt in dem Mechtel-Interview die von Ernst Kreuder geäußerte Einsicht, „[b]is an den Grabesrand […] schreiben [zu] müssen“686, indem er sagte: „Ich bejahe für mich das Schreiben bis zum Tod.“ Die von ihm gewährten Einblicke in seine ökonomischen Verhältnisse deuten Verheerendes an, seine Verpflichtung gegenüber Unseld drückt schlechtes Gewissen aus: „[…] ich habe Vorschüsse empfangen, ich werde sie abarbeiten, ich lebe von Schulden, leider, meine Konten bedrücken mich, mein Verleger erschießt sich in meinem Traum […].“ (Beide Zitate: ES 54) In dieser wirtschaftlichen Impasse half Koeppens neben Unseld wichtigster und einflussreichster Patron aus. Marcel Reich-Ranicki waren die Nöte des von ihm 682 Vgl. Karla Fohrbeck / Andreas J. Wiesand: Der Autorenreport. Mit einem Vorwort von Rudolf Augstein. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1972 (das neue Buch). Entstanden war die Studie auf Anregung des VS, der die Bundesregierung über die soziale Lage von Schriftstellern unterrichten wollte, aber für eine großangelegte Studie nicht über die notwendigen Mittel verfügte. 683 Siehe die Leserbriefreaktionen von Hugo Hartung u. a. im Spiegel v. 27.12.1971. 684 Angelika Mechtel: Alte Schriftsteller in der Bundesrepublik. Gespräche und Dokumente. Mit 19 Fotos von Digne Meller Marcovicz. Piper: München 1972. S. 11. 685 Ebd. S. 13. 686 Ebd. S. 67. Siehe auch Alexander Bauer: „Märchenerzähler“ Koeppen: Bis zum Grabesrande schreiben? In: Basler Zeitung v. 9.5.1977. 191 hoch geachteten Autors auch dank Interviews wie diesen nicht verborgen geblieben. Wenige Monate, nachdem ihm vom neuen Mitherausgeber der FAZ, Joachim Fest, 1973 das Literaturressort einer der wichtigsten Tageszeitungen der Bundesrepublik angetragen worden war, gewann er Wolfgang Koeppen als regelmäßigen Beiträger für das Feuilleton. Wie Reich-Ranicki ihm versicherte, konnte er schalten und walten, was Themenwahl und Häufigkeit seiner Beiträge betraf: „Mir ist ein Manuskript von Ihnen über jedes Thema und zu jeder Zeit höchst willkommen.“687 Mit der Personalie Koeppen schlug Reich-Ranicki zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits wusste er mit ihm einen Mitarbeiter in seinen Reihen, dessen lebendige Prosa mithelfen würde, den akademischen Staub des FAZ-Feuilletons aufzuwirbeln, der sich nach Reich-Ranickis Meinung unter seinem Vorgänger Karl Heinz Bohrer angesetzt hatte. Andererseits war es Reich-Ranicki gelungen, Koeppen aus seiner „freiwilligen dummen Zurückgezogenheit“688 zu locken und ihm „mit hohen Honoraren, den damals höchsten in der ‚Frankfurter Allgemeinen’“689 finanziell ein wenig unter die Arme zu greifen. Neben der Mitarbeit für die FAZ taten sich dank der Vermittlung Reich- Ranickis vorübergehend weitere Einnahmequellen für Koeppen auf. Seine in einem Interview mit Linder verlautbarte Wunschvorstellung, „ich bekäme von irgend jemand Geld, ohne daß dafür etwas verlangt würde – dann würde ich von schweren Sorgen befreit sein und viel freier und viel eifriger an diesem sinnlosen Buch sitzen und hätte es wahrscheinlich schon längst fertig […]“ (ES 70), wurde für eine gewisse Zeit Wirklichkeit. Um die Arbeit an Jugend nicht zu behindern, richtete Reich- Ranicki für Koeppen ein Konto ein, auf dem die auflagenstarken Autoren Max Frisch, Günter Grass, Heinrich Böll und Siegfried Lenz freiwillig Beiträge entrichteten. Von diesem Konto mit dem Namen „‚Wegen Grastauben’“690 erhielt Koeppen für ein Jahr lang eine monatliche Zahlung von 1.200 DM. Über die Herkunft des Geldes ließ Reich-Ranicki Koeppen im Unklaren.691 Diese Form kollegialen Mäzenatentums löste eine andere Apanage ab, in deren Genuss Koeppen ebenfalls für ein komplettes Jahr gekommen war. Die Rede ist von der Verleihung des Stadtschreiberamtes der Gemeinde Bergen-Enkheim. Koeppen wurde 1974 zum ersten Inhaber dieses symbolischen Amtes, das auf die mittelalterliche Tradition des Stadtschreibers anspielte.692 Angeregt wurde diese in der Bundesrepublik neuartige Literaturförderung durch den in Bergen-Enkheim lebenden Schriftsteller und Werbefachmann Franz Joseph Schneider, der eine Zeitlang auch der Gruppe 47 angehörte. Die Jury, die sich aus Honoratioren Ber- 687 Marcel Reich-Ranicki an Wolfgang Koeppen. Brief v. 4.2.1974 (WKA 3205). 688 Wolfgang Koeppen an Marcel Reich-Ranicki. Brief v. 19.2.1974 (WKA 3204). 689 Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben. München: dtv 2000. S. 502. 690 Ebd. S. 503. 691 Vgl. den Brief Marcel Reich-Ranickis an Wolfgang Koeppen v. 10.10.1975 (WKA 3425). 692 Vgl. Christian Winter: Eulenspiegel auf dem Pegasus. Wolfgang Koeppen als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. In: New German Review (2013/2014). H. 26. S. 75–89. 192 gen-Enkheims sowie aus Heinrich Böll, Hans Werner Richter und Marcel Reich- Ranicki zusammensetzte, wählte Koeppen einstimmig zum Stadtschreiber. Für ein Jahr erhielt dieser ein Gehalt von 1.500 DM; darüber hinaus wurde ihm vor Ort eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Zweifellos folgte die Ernennung Koeppens dem Prinzip des do ut des. Das Stadtschreibergehalt war zusammen mit den Honoraren der FAZ eine willkommene finanzielle Stütze. Umgekehrt ergab sich aber auch für die Initiatoren und Gönner ein Nutzen: Dass mit Koeppen „ein Schriftsteller vom hohen Range“693 zum Stadtschreiber gekürt wurde, sollte dem neuen Literaturpreis überregionale Aufmerksamkeit verschaffen. Die Stadtschreiberinitiative trug auf mehrerlei Weise der veränderten Stellung des Schriftstellers in der Gesellschaft Rechnung. Den „unter schweren materiellen Verzicht“694 arbeitenden Schriftstellern sollte das Arbeiten und der Kontakt zur Bevölkerung erleichtert werden. Die Idee des symbolisches Amtes war, die mediale Distanz und die Anonymität des Literaturmarktes zu überwinden und einen Dichter ‚zum Anfassen’ zu bieten. Schließlich verband sich mit dem Stadtschreiberamt der bildungspolitische Impetus der Sprachförderung, die den Sprechblasen produzierenden Jargons von Politik, Werbung und Massenmedien dichterische Ausdruckskraft entgegensetzen wollte. Die Stiftung des Stadtschreiberpreises hatte eine volkstümliche Konnotation. Dies zeigte sich bei der Einführung Koeppens in zünftiger Festzeltatmosphäre. Koeppen, der sich in seiner Rede humorig als „Inhaber […] eines Einmannbetriebes mit kleiner schwieriger Produktion und beschränkter Nachfrage“ vorstellte, bedankte sich bei seinen Mäzenen dafür, „daß Sie es mir ermöglichen, meinen Einmannbetrieb weiter zu unterhalten.“ (Beide Zitate: GW 5, 306) Der launigironische Grundton seiner Rede wird an ein paar Stellen mit leichtem Unbehagen kontrastiert, etwa wenn Koeppen sich fragt, ob seine neuen Mitbürger ihn „nun an die Kette gelegt haben.“ (GW 5, 305) Wie sich bald zeigen sollte, hatte die Bergen-Enkheimer Bevölkerung einen Stadtschreiber, der kein Mann des Volkes war, der die Anonymität dem Plausch über den Gartenzaun vorzog und der das bürgerliche Leben in der Provinz seit jeher verabscheute. In Wahrheit war Koeppen der „Zirkus in Bergen-Enkheim“ (KU 264) fremd und anfänglich sogar lästig. Lieber identifizierte er sich mit dem Schelm von Bergen (vgl. GW 5, 306) und narrte die Einheimischen durch Abwesenheit. Die Erwartung des Stadtrats Alfred Schubert, „daß Herr Koeppen hin und wieder mal eine Dichterlesung hält, mit Bürgern Kontakt aufnimmt und sich sonst 693 Rudolf Fey: So etwas wie ein Glanzlicht. Rede zum 1. Stadtschreiberfest am 30.8.1974. In: Zeltreden. Reden zur Verleihung des Literaturpreises „Stadtschreiber von Bergen“ 1974– 1998. Hrsg. v. Wolfgang Mistereck / Adrienne Schneider. Göttingen: Wallstein 1998. S. 13–15, hier S. 15. 694 Alfred Schubert: Literatur unter die Leute bringen. Rede zum 1. Stadtschreiberfest am 30.8.1974. In: Zeltreden. S. 16–20, hier S. 20. 193 ins kulturelle Leben der Stadt einschaltet“695, erfüllte sich zunächst nicht. Erst als die Verwunderung über den abwesenden Stadtschreiber immer größer und schließlich öffentlich wurde696, ließ sich Koeppen zu einigen Aufenthalten in der Stadtschreiberwohnung herbei, die dazu führten, dass er nicht nur Gefallen am Leben in der hessischen Kleinstadt fand, sondern auch einer neuartigen Erfahrung teilhaftig wurde. Koeppen fühlte sich als „Bürger unter Bürgern. Ein neues soziales Gefühl.“ (GW 5, 308) Die Verleihung des symbolischen Stadtschreiberamtes war eines der herausragenden Konsekrationsakte der Siebzigerjahre, die mit der symbolischen Kreditwürdigkeit Koeppens697 und der beginnenden akademischen Befassung mit seinem Werk eine neue Stufe erreichten. 695 Walter Gutermuth: Ein Stadtschreiber geht um. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 14.8.1974. 696 Vgl. Ilse Werder: Der Stadtschreiber läßt auf sich warten. Eine gute Idee ist schwer zu verwirklichen. In: Frankfurter Rundschau v. 12.4.1975; Anonym: Ärger mit Koeppen. Bergen-Enkheim und sein „Stadtschreiber“. In: Nürnberger Nachrichten v. 14.4.1975. 697 Bestes Beispiel dafür, dass Koeppen selbst konsekrationsmächtig wurde, ist die Laudatio, die er im Oktober 1974 auf den Büchner-Preisträger Hermann Kesten hielt. Vgl. GW 6, 399–404.

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Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.