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8. Die Konsekrationen der Sechzigerjahre in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 147 - 164

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-147

Tectum, Baden-Baden
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147 8. Die Konsekrationen der Sechzigerjahre Zwischen dem Erscheinen der Tauben im Gras und der Veröffentlichung von Reisen nach Frankreich liegen genau zehn Jahre. Dieses Jahrzehnt (1951–61) mit sechs Buchpublikationen umfasst Koeppens literarisch unstreitig produktivste Werkphase. Ihm folgt der Schatten einer langen und dunklen, von vielen Plänen und wenig Veröffentlichungen geprägten Periode, die in der Öffentlichkeit zunehmend als schwerwiegende Schaffenskrise wahrgenommen wurde. Auf der anderen Seite markiert das Jahr 1961 den Beginn einer nachgetragenen Wertschätzung und Rehabilitierung der Werke Koeppens durch die literarische Öffentlichkeit: Literaturpreise, Einträge in Lexika und Urteilsrevisionen der Literaturkritik sind hier an erster Stelle zu nennen.499 Im Jahre 1961 bekam Wolfgang Koeppen seinen ersten Literaturpreis: den mit 3.000 DM dotierten Preis zur Förderung der Literatur der Landeshauptstadt München. Dass Preis und Preisträger hier nicht ganz zusammen passten, war äu- ßerlich betrachtet richtig. Marcel Reich-Ranicki spottete in der Zeit: „Der also ‚geförderte’ Autor ist übrigens fünfundfünfzig Jahre alt und hat sein erstes Buch 1934 veröffentlicht.“500 Es war das zweite Mal binnen Kurzem, seit dem Artikel Der Fall Koeppen, dass Reich-Ranicki vom Literaturbetrieb eine angemessene Würdigung des von ihm geschätzten Autors einklagte. Koeppens zweite Auszeichnung wäre Reich-Ranickis Kopfschütteln ebenso sicher gewesen. Wiederum im Jahre 1961 wurde Koeppen der Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie zugesprochen; „zu meiner Verwunderung“, wie Koeppen später äußerte.501 Treibende Kraft hinter der Verleihung war wahrscheinlich der Lektor und Merkur-Mitherausgeber Joachim Moras (vgl. KU 66), der für den Kulturkreis die jährlich erscheinende Anthologie Jahresring herausgab.502 Auch wenn Koeppen, vermutlich aufgrund der eher literaturfernen Stifter, verriet, „die zwiespältigsten Gefühle“ (KU 66) zu haben, fand er sich als Preisträger in bester Gesellschaft. Für die Auszeichnung und mehr noch für 499 Die Konsekrationsakte beziehen sich zuallererst und meist auch explizit auf die Nachkriegsromane Koeppens. Insofern ist der These Bazarkayas, Koeppen sei durch „kleinere Veröffentlichungen“, wie Die elenden Skribenten, Jugend oder den Film Ich bin gern in Venedig warum „zum ‚modernen Klassiker’“ avanciert, deutlich zu widersprechen. (Beide Zitate: O. Bazarkaya: „Ärgernis“ und „moderner Klassiker“. S. 38) Es ist eher im Gegenteil so, dass die Aufmerksamkeit, die diese Werke auf sich zogen, erst durch die vorgängigen konsekrativen Prozesse bedingt war. 500 Marcel [d. i. Marcel Reich-Ranicki]: Literaturpreise in der Bundesrepublik. In: Die Zeit v. 5.1.1962. 501 Anonym: „Man könnte sagen, er fahre ziellos“. Der Dichter als Fremder in der Welt. Der 81jährige Wolfgang Koeppen stellte sich in Regensburg zu einem Pressegespräch. In: Mittelbayerische Zeitung v. 3.2.1988. 502 Ich danke Ferdinand Moras (Kempten), der mir liebenswürdigerweise eine biografische Skizze seines Vaters übersandt hat. 148 die Jury spricht, dass der Preis des Kulturkreises ebenso wie der Hörspielpreis der Kriegsblinden als „klassische Vorgängerpreise des Georg-Büchner-Preises“503 bezeichnet werden können. Schließlich finden sich unter den Preisträgern viele Schriftsteller, die wie Wolfgang Koeppen kurze Zeit später ebenfalls den Georg- Büchner-Preis erhielten.504 8. 1 Allgemeines zu Literaturpreisen und zum Georg-Büchner-Preis Zu Beginn der Sechzigerjahre gab es in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich ca. 120 Literaturpreise. Die manierlich erscheinende Zahl relativiert sich, wenn man die 500 Literaturpreise daneben stellt, die zur selben Zeit in Frankreich verliehen wurden.505 Viele der deutschsprachigen Preise wurden erst nach Kriegsende ins Leben gerufen und konnten folglich nicht auf eine lange Tradition oder Preisträgerliste zurückblicken, von der ein nicht geringer Teil der Strahlkraft eines Literaturpreis ausgeht. Die Höhe des Preisgeldes, das in aller Regel an die Auszeichnung gekoppelt ist, entscheidet hingegen nicht zwingend über das Prestige eines Literaturpreises. Ein markantes Beispiel hierfür ist der wichtigste Literaturpreis Frankreichs, der Prix Goncourt, der heute mit der rein symbolischen Summe von zehn Euro dotiert ist.506 Literaturpreise übertragen den ausgezeichneten Autoren symbolisches und ökonomisches Kapital mit jeweils unterschiedlicher Ausprägung. Es ist nicht allein die Dotierung, die den Literaturpreisen ähnlich dem symbolischen Kapital eine „materiell-immaterielle Doppelnatur“ verleiht, da sich bei ihnen „die immateriellen Bestandteile, nämlich Auszeichnung und öffentliches Ansehen, unter den Bedingungen marktwirtschaftlicher Literaturzirkulation in materielle Wirkungen verwandeln.“507 So unterschiedlich wie ihre Träger (Verbände, Akademien, Kommunen, Länder etc.) sind auch die Funktionen und Ziele der Literaturpreise. Sie können politische Zwecke der Repräsentation oder mäzenatische der Literaturförderung 503 Judith S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. Soziologie eines Rituals. New York; Berlin: de Gruyter 2006. S. 123, Anm. 228. 504 Vgl. Handbuch der Kulturpreise und der individuellen Künstlerförderung in der Bundesrepublik Deutschland 1978. Im Auftrage des Bundesministeriums des Innern erstellt von Karla Fohrbeck und Andreas Johannes Wiesand. Köln: DuMont 1978. S. 95, 445. 505 Vgl. A. Siebert: Die wichtigsten Preise für Literatur. In: Welt und Wort. H. 16 (1961). S. 298. Die Zahl ist allerdings nicht gesichert. Allein für die Bundesrepublik schwanken die Angaben zu jener Zeit zwischen 58 und 115 Literaturpreisen. Vgl. M. Reich-Ranicki: Literaturpreise in Deutschland. In: Die Zeit v. 5.1.1962. 506 Vgl. http://www.academie-goncourt.fr/?article=1229180041 (abgerufen am 21. Januar 2018). 507 Beide Zitate: H. Altenhein: Dichters Preis und Lohn. S. 87. Bei Literaturpreisen mit einem sehr starken literarischen Renommee ist die Auswirkung auf den Absatz, im Gegensatz etwa zum Literaturnobelpreis, indes eher gering. Vgl. Sonja Vandenrath: Literaturpreise. In: Das BuchMarktBuch. S. 236–240, hier S. 239. 149 erfüllen. Im Kern handelt es sich bei der Verleihung eines Literaturpreises jedoch immer auch um einen konsekrativen Akt, oder wie Dücker formuliert, die „Ehrung des Autors ist dessen Legitimation als ‚Autor’, d. h. als kulturelle und kulturpolitische Instanz. So tragen Verleihungen von Literaturpreisen zur ‚Machung’ von Literatur und Autor bei.“508 Literaturpreise üben über ihre Stifter und öffentlichen Träger, die häufig nicht dem literarischen Feld angehören, mithin Einfluss auf die Frage aus, was (gute) Literatur ist. In der zur Unübersichtlichkeit neigenden Landschaft der literarischen Auszeichnungen, der Stipendien, Förderungen, Ehrengaben usw. kommt es zu mannigfachen Schnittpunkten zwischen dem wirtschaftlichen, politischen, intellektuellen und literarischen Feld (was zuweilen in der Besetzung der Jurys abgebildet wird) und folglich zu unterschiedlichen Interessen. Literaturpreise sind daher sowohl im literarischen wie auch im Macht-Feld situiert und als „Instrumente der Hierarchisierung von ästhetischer Kultur, Organe kulturpolitischer Steuerung“509 zu verstehen, die der institutionalisierten Anomie des literarischen Feldes ein Stück axiologischer Letztgültigkeit entgegen setzen. Genauer betrachtet bilden die ‚reinen’, will sagen die feldinternen Literaturpreise wie etwa der Preis der Gruppe 47 eine Seltenheit. Selbst der bedeutendste deutschsprachige Literaturpreis, der Georg-Büchner-Preis, ist kein rein interner Preis. Der Büchner-Preis bewegt sich, wie Ulmer in ihrer Studie festgehalten hat, seit seinen Anfängen im Spannungsfeld zwischen Literatur und Politik.510 Erstmals im Jahre 1923 begründet, war der Büchner-Preis ein Kunstpreis, der vom damaligen Volksstaat Hessen gestiftet wurde und Schriftsteller und Künstler aus der Region fördern und auszeichnen sollte. Zwischen 1933 und 1944 wurde der Büchner-Preis nicht verliehen, da Namenspatron Georg Büchner bei den nationalsozialistischen Machthabern verpönt war. 1945 kam es zu einer Neuauflage des Büchner-Preises. Der Landtagsabgeordnete Julius Reiber, auf dessen Antrag der Preis 1923 initiiert worden war, war im März Bürgermeister der Stadt Darmstadt geworden und arbeitete erfolgreich an einer Neugründung des Büchner-Preises. Stifter war nun nicht mehr das Land Hessen, sondern der Regierungspräsident und der Magistrat der Stadt Darmstadt. Der Preis blieb weiterhin Künstlern vorbehalten, die aus Hessen stammten oder eine geistige Verbindung mit dem Land Hessen unterhielten. Dies änderte sich im Jahre 1951, als der Georg-Büchner-Preis in einen überregionalen Literaturpreis umgewandelt und der Verwaltung der 1949 gegründeten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung überstellt wurde.511 Auch 508 Burckhard Dücker: Literaturpreise. In: LiLi. H. 154 (2009). S. 54–76, hier S. 54. 509 Sybille Cramer: Der Literaturpreis. In: Der Kulturbetrieb. Dreißig Annäherungen. Hrsg. v. Andreas Breitenstein. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996 (st 2578). S. 12–15, hier S. 13. 510 Vgl. J. S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. S. 175–177. 511 Vgl. Ernst Johann: Der Georg-Büchner-Preis 1923–1951. In: Der Georg-Büchner-Preis 1951–1978. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs Marbach und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft. o. J. S.13–38. 150 wenn der Preis damit einer feldinternen Institution zufiel, übten die Stadt Darmstadt und das Land Hessen weiterhin einen großen Einfluss aus. So sind bis heute beide neben dem Bund maßgeblich an der Finanzierung des Preises beteiligt und stellen je ein stimmberechtigtes Jurymitglied, die beide mit dem erweiterten Präsidium der Akademie über die Preisvergabe entscheiden.512 Der Büchner-Preis ist bis auf das Jahr 1952513 jährlich an einen deutschsprachigen Schriftsteller verliehen worden. Ein spezifisches ästhetisches Profil ist von der Akademie nicht vorgegeben. In der Satzung von der Fassung vom 21. März 1958 heißt es betont vage: „Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.“514 Erwartet wurde von den Preisträgern nach dem Beispiel des Namensgebers Georg Büchner „das Frühvollendete der Kunst, das Sozial-Politische des Engagements wie das Zukunft- Trächtige der Aussage.“515 Die Liste der Laureaten zeigt jedoch, dass ein politisches oder gesellschaftskritisches Engagement nicht unbedingt vorhanden sein musste, um ausgezeichnet zu werden. Gerade in den ersten Jahren befanden sich unter den Preisträgern Vertreter der weltabgewandten Kunstautonomie (Gottfried Benn, 1951) und der religiösen Innerlichkeit (Ernst Kreuder, 1953), was nicht verwundert, wenn man sich vor Augen führt, dass das Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in ihrer Frühphase mit prominenten Autoren der inneren Emigration besetzt war.516 So war und ist der Georg-Büchner-Preis seit seinem Beginn als reiner Literaturpreis auch ein verlässlicher Indikator für jeweils dominante literarische Positionen. In den Sechzigerjahren dominieren, parallel zur Hochphase der Gruppe 47, Vertreter der Gruppe, wie Enzensberger (1963), Bachmann (1964), Grass (1965), Hildesheimer (1966) und Böll (1967) unter den Preisträgern. In den Siebzigerjahren werden wiederholt Schriftsteller prämiert, die im weiteren Sinne der Neuen Subjektivität zugerechnet werden, wie Bernhard (1970), Handke (1973) und Hermann 512 Vgl. J. S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. S. 2, Anm. 3, S. 177. 513 Im Jahr 1952 wurde die Preisvergabe infolge finanzieller Schwierigkeiten der Akademie und interner Querelen des Präsidiums ausgesetzt. Vgl. ebd. S. 178, Anm. 21. 514 Zit. nach: Ernst Johann: Vorwort. In: Büchner-Preis-Reden. 1951–1971. Mit einem Vorwort von Ernst Johann. Stuttgart: Reclam 1987. S. 5–9, hier S. 8. 515 E. Johann: Vorwort. S. 5. Ernst Johann war von 1960–1978 Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 516 Zum Präsidium gehörten Rudolf Pechel (Vorsitzender), Frank Thiess und Kasimir Edschmid. Dem Beirat gehörten u. a. an: Rudolf Alexander Schröder, Otto Flake, Gertrud von Le Fort und Wilhelm Lehmann. Vgl. J. S. Ulmer: Geschichte des Georg- Büchner-Preises. S. 142–143. Siehe auch: Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland. Begleitbuch zur Ausstellung. Erarbeitet von Helmut Böttiger unter Mitarbeit von Lutz Dittrich. Göttingen: Wallstein 2009. 151 Lenz (1978).517 Das sichere Gespür und die literarische Expertise der Vergabegremien ist als wichtiger Prestigefaktor des Büchner-Preises ausgemacht worden.518 Zusätzliches Gewicht wurde ihm durch die institutionelle Trägerschaft der Akademie verliehen, die unter der Präsidentschaft von Hermann Kasack (1953–63) die konkurrierende Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur auf die Plätze verwies und zu einer einflussreichen geistigen Institution avancierte, auch wenn sich der bei der Gründung verlautbarte und hehre Anspruch, „einmal ihrer großen Schwester der ‚Académie Française’ ähnlich, der Ort der geistigen Repräsentation der Deutschen [zu] werden“519, vielleicht nicht ganz erfüllte. In den zehn Jahren, in denen Kasack der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vorsaß, ist ferner ein stetiger Anstieg der Dotierung zu verzeichnen, der zugleich den symbolischen Bedeutungszuwachs des Büchner-Preises anzeigt: 1953 wurde die Preissumme von 3.000 DM auf 5.000 DM erhöht. 1959 stieg sie auf 8.000 DM und 1963, ein Jahr nachdem Wolfgang Koeppen der Preis zugesprochen wurde, auf 10.000 DM. 8.2 Der Georg-Büchner-Preis an Wolfgang Koeppen (1962) Wolfgang Koeppen war der elfte Laureat nach der Reorganisation des Büchner- Preises im Jahr 1951. Wie seine Vorgänger war er kein unbeschriebenes Blatt, kein ‚angry young man’ und schon gar kein „Frühvollendeter“, wie Ernst Johann der Preisträger vorschwebte und wie er durch den Namenspatron Georg Büchner verkörpert war.520 Diese Diskrepanz zu Büchner, der zeit seines Lebens durch keinen Literaturpreis geadelt, aber durch einen Steckbrief verfemt war, machte Koeppen denn auch in seiner Dankesrede deutlich. Aber der Reihe nach. Dass Koeppen ein aussichtsreicher Kandidat für den Büchner-Preis war, verriet Hermann Kesten in einem Bericht von der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie im Mai 1962. Kesten spekulierte, dass Akademie-Präsident Hermann Kasack Koeppen als Preisträger vorgeschlagen haben könnte, habe er doch „nicht nur unbestrittene Verdienste um die Darmstädter Akademie sich erworben, sondern ebenso auch um den Verlag Suhrkamp, dessen Lektorat er lange geführt hat.“521 Kestens Vermutung ist nicht zu belegen, augenfällig ist nur, dass die Preis- 517 Vgl. J. S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. S. 190–191, 247, 344–347; O. Lorenz: Die Öffentlichkeit der Literatur. S. 65–70. 518 Vgl. S. Vandenrath: Literaturpreise. S. 237–238. 519 Adolf Grimme in einer Festrede anlässlich des 200. Geburtstags Goethes in der Frankfurter Paulskirche. Zit. nach: Zwischen Kritik und Zuversicht. S. 17. 520 Die Preisträger entstammten bis zum Jahr 1963 größtenteils der Generation der um 1900 geborenen. Die Ausnahme bildeten Karl Krolow (*1915) und Paul Celan (*1920). 521 Hermann Kesten: Gedanken und Taten der scharfsinnigen Akademie zu Darmstadt. Frühjahrstagung in Münster und Übersetzerpreis 1962. In: Deutsche Zeitung mit Wirtschaftszeitung v. 10.5.1962. Zitat ebenfalls abgedruckt in: KU 78, Anm. 1. 152 trägerliste zwischen den Jahren 1958–63 mit Ausnahme von Paul Celan ausschließlich Suhrkamp-Autoren aufweist, ein Umstand, der zunächst für die vorzügliche Autorenakquise des Suhrkamp Verlags, aber nicht unbedingt für Interessensvermengungen oder gar Seilschaften des Akademie-Präsidenten spricht. Seiner kritischen Distanz zur Akademie zum Trotz gab Kesten zu erkennen, dass er Koeppen als Preisträger nachdrücklich begrüßen würde. Und Koeppen selbst? Auf die Aussicht, den bedeutenden Preis zu erhalten, reagierte er mit „panischer Furcht“ (KU 74) und bekannte Unseld vor dem Hintergrund seiner damaligen Probleme mit dem Roman: „Natürlich den Büchnerpreis. Es wäre schön. Aber nicht jetzt.“ (KU 75) Seine Sorge blieb unberücksichtigt, denn wenige Wochen später wurde aus dem Gerücht Gewissheit: Ein Jahr, nachdem er zum ordentlichen Mitglied gewählt worden war (und fünf Jahre, nachdem seine Zuwahl an zu vielen Gegenstimmen gescheitert war), zeichnete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Verbindung mit dem Hessischen Staatsministerium und dem Magistrat der Stadt Darmstadt Wolfgang Koeppen mit dem Georg-Büchner-Preis aus. Die feierliche Übergabe fand im Rahmen der Herbsttagung der Akademie am 20. Oktober im Theatersaal der Orangerie in Darmstadt statt. Das Programm für jenen Abend sah eine Begrüßung des Darmstädter Oberbürgermeisters Ludwig Engel und eine Laudatio des Schriftstellers und Rhetorik-Professors Walter Jens vor, gefolgt von der Übergabe der Preisinsignien durch den Vizepräsidenten Kasimir Edschmid und einer Rede des Preisträgers Wolfgang Koeppen.522 Die Laudatio und die Rede sollen im Folgenden näher beleuchtet werden. 8.2.1 Die Laudatio Die Laudatio auf Wolfgang Koeppen hielt Walter Jens, der sich trotz seines noch recht jungen Alters von 39 Jahren bereits auf vielfältige intellektuelle Weise hervorgetan hatte, sei es als Romancier und Erzähler, als Literaturkritiker oder als Gelehrter. 1962 wurde Jens auf den neueingerichteten Lehrstuhl für Rhetorik der Universität in Tübingen berufen. Dank seiner Vielseitigkeit als Literat, Kritiker und Professor stellte er einen idealen Mittler zwischen der Akademie und dem Dichter dar. Mit der Kunst der Rede in Theorie und Praxis vertraut, war Jens, zugleich ein intimer Kenner der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, für die Laudatio auf Wolfgang Koeppen nachgerade prädestiniert.523 Seine Lobrede mit dem Titel Melancholie und Moral ist eine gelehrte und beredte Tour d’Horizon durch das Werk Koeppens, das verschiedene Streiflichter auf die abendländische Geistesgeschichte wirft und mit ausgiebigem Namedropping aus den Bereichen Literatur, Kunst, Mythologie, Philosophie und Kultur aufwar- 522 Vgl. Der Georg-Büchner-Preis 1951–1978. S. 149. 523 Walter Jens hielt später noch einmal die Laudatio auf einen Büchner-Preisträger (Peter Weiss 1982, posthum). 153 tet.524 Die Rede kann als erste ausführliche kritische Würdigung des koeppenschen Œuvres gelten, die die Romane (mit Ausnahme des seinerzeit vergriffenen Die Mauer schwankt) und Reise-Essays einer Gesamtschau unterzieht und einen nicht unerheblichen Einfluss auf die spätere literaturkritische und -wissenschaftliche Rezeption Koeppens ausübte. Gleich zu Beginn seiner Rede konstatiert Jens bei Koeppen eine große Werkkontinuität, die sich in der Konzentration auf „einige wenige Motive und Themen“ zeige. Als durchgängiges Motiv, der Titel seiner Laudatio verrät es bereits, bestimmt Jens die Melancholie. Koeppens Romanhelden seien ohne Ausnahme Melancholiker, „Saturnier“ 525, „Partisanen der tristesse“526, die in ihrem Charakter die Schwermut mit dem Mut vereinen, sich gegen den herrschenden (Un-)Geist ihrer Umwelt zu stellen. Jens ordnet Koeppen der Tradition der Melancholiereflexion zu und schafft es so, einen Bezug zum Namenspatron des Büchner- Preises herzustellen. Es ist ein Bezug, der Sozialkritik außer Acht lässt und dafür eine metaphysisch-existenzielle Dimension betont: „Der Tod und die Melancholie, der Kampf des Ritters von der traurigen Gestalt gegen den schwarzgekleideten Schlächter, den es zu stellen, zu entlarven und in all seinen Masken zu beschreiben gilt: das ist Koeppens großes, einziges, wahrhaft Büchnersches Thema.“527 Die Werkkontinuität, die Jens in Koeppens Motiv- und Thementreue erblickt, sieht er auch in dem Gattungswechsel nicht unterbrochen. Für ihn ist der Wechsel zum Reise-Essay kein Bruch, sondern Ausdruck einer organischen und logischen Entwicklung, bei dem Der Tod in Rom eine Scharnierfunktion zukomme. Ursächlich für den Wechsel zum Reise-Essay ist Jens’ Interpretation nach die Abwesenheit der Fabel, die den Assoziationen und Reflexionen viel Raum lasse: „[…] der Roman ist nun einmal zu handlungsbeschwert, zu vordergründig und zu krud, als daß er das freie, zeitüberspringende Phantasiespiel: den Tiefenblick der Schwermut erlaubte. Wer sich mit eingestreuten Assoziationen nicht begnügen will – Gedanken zwischen Aktion und Aktion –, […] dem wird der Roman nicht genügen.“528 Mit dem Übergang zu den Reise-Essays hebt Jens’ Lobrede nun eigentlich erst an. Im Gegensatz zum Autor selbst und zu Reich-Ranicki habe Koeppen mit den Reisebüchern, so Jens, keinen Seitenpfad oder eine Sackgasse betreten, sondern den „richtigen Weg“ eingeschlagen: „Ich meine, er ging einen richtigen Weg, als er in seinem Meisterstück, dem Spanienessay, die Fabel zerschlug und statt dessen daran ging, mit einem plötzlich ‚freigegebenen’ Vokabular jene kühnen raumzeitlichen Muster zu schaffen, deren Perfektion wir bewundern.“529 Ihrem Rang nach 524 In der gut zehnminütigen Rede gibt es an die 50 Namensnennungen. Vgl. W. Jens: Von deutscher Rede. S. 200–213. 525 Beide Zitate: Ebd. S. 200. 526 Ebd. S. 201. Hervorhebung im Original. 527 Ebd. S. 209. 528 Ebd. S. 203. 529 Ebd. S. 204. 154 ließen sich die Reise-Essays den Arbeiten von Hofmannsthal und Georg Forster an die Seite stellen.530 Dass Jens sie in ihrer Bedeutung über die Nachkriegstrilogie stellt, klingt hin und wieder durch, besonders in seiner Formulierung, dass Koeppen „als Prosaist (ich spreche nicht vom Romancier) heute seine Konkurrenten suchen muß.“531 Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Reserviertheit gegen- über dem Roman nicht speziell auf Koeppen bezogen, sondern Ausdruck einer allgemeineren Skepsis des Literaturkritikers Jens ist, die bereits in seinem im Jahr zuvor erschienenen Essay Deutsche Literatur der Gegenwart zum Ausdruck kam. In diesem Versuch einer Bestandsaufnahme der jüngeren deutschsprachigen Literatur wirft Jens dem Roman vor, den anderen Gattungen darin unterlegen zu sein, die Gegenwart auf überzeugende Weise darzustellen.532 Das Gedicht und das Hörspiel hätten diesbezüglich die Oberhand, und was die Epik betrifft, so vertritt Jens auch hier die Meinung, „daß viele der bedeutendsten Prosa-Werke nach 1945 Reisebeschreibungen waren […].“533 Die in Jens’ Laudatio artikulierte Bevorzugung der Reiseprosa kann dahingehend interpretiert werden, dass der Büchner-Preis in Wahrheit dem ‚unpolitischen’ Reiseschriftsteller und nicht dem Verfasser unbequemer Zeitromane gegolten habe. Dies wäre nicht nur unzutreffend, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. In der Verleihungsurkunde werden die Reiseberichte gar nicht erwähnt. Stattdessen ist explizit von den Romanen sowie dem „Mut“ und der „Verantwortung des Schriftstellers“ die Rede, „gesellschaftliche Zustände zu beobachten und ihre Schwächen aufzudecken.“534 Die Begriffe „Mut“, „Verantwortung“ und „gesellschaftliche Zustände“ haben eine besondere Signalwirkung. Sie legen ein politisiertes, den sozialen Revolutionär betonendes Bild Georg Büchners nahe, dessen künstlerisch-moralisches Erbe zu folgen dem Preisträger nachgerühmt wird. Dieses Büchner-Bild, mit dem sich auch Koeppen in seiner Preisrede auseinandersetzt, unterscheidet sich grundlegend von dem, das Walter Jens in seiner Lobrede anklingen lässt. Bezeichnend, dass an einer Stelle, an der er auf Moral zu sprechen kommt, leise Kritik an der Gesellschaftskritik der Nachkriegsromane geübt wird: „[…] Haß und Schwermut sind ungleiche Brüder.“535 Der grobe Degen und die spießbürgerliche Karikatur, 530 Vgl. ebd. S. 210. 531 Ebd. S. 210–211. 532 Vgl. W. Jens: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 107 u. ö. 533 Ebd. S. 149. Seine kritische Auseinandersetzung mit der Form des Romans setzte Jens fort in dem 1963 erschienenen Werk Herr Meister. Dialog über einen Roman. 534 „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den Georg-Büchner-Preis 1962 an Wolfgang Koeppen, dessen Romane von der Verantwortung des Schriftstellers getragen sind, gesellschaftliche Zustände zu beobachten und ihre Schwächen aufzudecken. So liegt ein Gesamtwerk vor, das sich gleichermaßen durch Mut wie durch künstlerische Darstellungskraft auszeichnet.“ (Verleihungsurkunde 1962. Online unter: http://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/wolfgangkoeppen/urkundentext (abgerufen am 21. Januar 2018). 535 W. Jens: Von deutscher Rede. S. 212. 155 dies seien nicht Koeppens Stärken. Es fügt sich dieser Sichtweise, dass Jens „die grimmigste Zeitanalyse“536 weder bei Koeppen noch allgemein im Roman verwirklicht sieht, sondern in der Lyrik Enzensbergers. Somit lässt sich konstatieren, dass die Huldigungen des Laudators zu den Beweggründen der Preisspender einen interessanten Kontrast bilden. Ein denkbar großer Unterschied bestand auch im Gestus der beiden Redner. Dort der kosmopolitische, gewandte, in rhetorischen Finessen schwelgende Walter Jens. Hier der spröde, linkische, zweifelnde und seine Zweifel thematisierende Wolfgang Koeppen.537 8.2.2 Die Preisrede Nachdem er das Podium erklommen, den Preis empfangen, die anwesenden Honoratioren begrüßt und die obligatorischen Dankesworte gesprochen hatte, beeilte sich Koeppen sogleich, das Auditorium auf eine Enttäuschung vorzubereiten. So sei zu seinem Bedauern das, was er im Folgenden vorzutragen habe, keine Preisrede, die seit 1951 eigentlich zum festen Repertoire des Verleihungszeremoniells gehörte.538 Eine gelehrte und zugleich anregende Rede, wie sie Walter Jens offenbar so mühelos aus dem Ärmel schüttelte, wollte Wolfgang Koeppen allen Vorbereitungen zum Trotz nicht gelingen. „Je mehr ich mich mit der Rede, die ich halten wollte, beschäftigte, je mehr Bücher ich aufschlug, je gelehrter ich wurde, desto unfähiger fühlte ich mich, meine Rede zu vollenden und sie Ihnen gar vorzutragen.“ Stattdessen „wuchsen und steigerten sich unüberwindliche Hemmungen in mir und ließen mich langsam verzweifeln.“ (Beide Zitate: GW 5, 253) Der Preisträger bekennt, kein Mann des gesprochenen Wortes zu sein; Schreiben, nicht Reden ist seine Form des Handelns.539 Das Eingeständnis, als Rhetoriker versagt zu haben, ist selbst jedoch ein rhetorischer Kniff, der darin besteht, sich einen Hintereingang in die vorhin noch als gescheitert erklärte Rede zu bahnen. 536 W. Jens: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 149. 537 Vgl. Heinz Schöffler: Ich glaube an das Wort. Die Darmstädter Akademie verleiht den Büchner-Preis an Wolfgang Koeppen. In: Deutsche Zeitung mit Wirtschaftszeitung v. 24.10.1962. Koeppens Nervosität und seine nicht sehr ausgeprägten Rednerqualitäten sind von mehreren Anwesenden registriert worden. Auf manche wirkte er dadurch aber gerade gewinnend. Vgl. Elisabeth Römer: Georg-Büchner-Preis an Wolfgang Koeppen. Der Dichter ist berufen, Ärgernis zu geben. In: Die Welt v. 23.10.1962; Hans Erich Nossack: Die Tagebücher 1943–1977. 3 Bände. Hrsg v. Gabriele Söhling. Mit einem Nachwort von Norbert Miller. Bd. 1. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1997. S. 574. 538 Vgl. J. S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. S. 153. 539 Siehe auch Koeppens Interviewaussage aus dem Jahr 1971: „Schreiben ist eine Form des Handelns, und zwar für mich die geeignetste; und als Willy Brandt von den Schreibtischtätern sprach, hatte er nicht unrecht – in guten und in bösen Dingen. Aber der Schriftsteller ist in den seltensten Fällen ein Mann der Rostra.“ (ES 62). 156 Vor einer größeren Öffentlichkeit540 und vor der Akademie, die ihn wegen seines Mutes ausgezeichnet hatte, präsentierte sich Koeppen nicht als beherzter Gesellschaftskritiker, als der er in der Larve seiner Romane auftrat.541 Im Scheinwerferlicht gab sich vielmehr ein scheuer, den Repräsentationszwängen des Literaturbetriebes abholder Zeitgenosse zu erkennen, für den das Schreiben ein Ersatz für das Handeln und für den seine Bücher eine Kompensation für das sind, „was mir als Person versagt geblieben ist: zu sprechen, zu agieren, zu wirken, die Mitmenschen zu erregen, sie zu bewegen, wenn es gegeben ist, sie auch zu erfreuen, und, wenn es sein muß, sie zu ärgern.“ (GW 5, 253–254) Den demütigen, beinahe schon hadernden Ton seiner Rede setzt Koeppen fort, indem er seine Irritation einräumt, mit der Auszeichnung des Büchner-Preises dem Namenspatron gewissermaßen gleichgestellt worden zu sein. In den Reden der Preisträger war der Rekurs auf Büchner obligatorisch542, Koeppen aber fragte: „was hätte ich gegen ihn in die Waagschale zu legen?“ Seine bisherigen Arbeiten jedenfalls gäben ihm „nicht den Mut, Ihren Preis mit gutem Gewissen zu empfangen.“ Die Entgegennahme des Preises könne er nur rechtfertigen, indem, so Koeppen, „ich ihn nicht als Krönung, sondern als Förderung betrachte […].“ (Alle Zitate: GW 5, 255) Seine Irritation geht aber über den bescheidenen Unwillen hinaus, sich mit Büchner, dem bereits als Jugendlichen vollendeten „Genius“ (GW 5, 254) auch nur flüchtig zu vergleichen. Koeppen äußert seine „Verwunderung“, ja sogar sein „Mißtrauen“, lauter „Männern mit Titeln, Würden, Ämtern“ (alle Zitate: GW 5, 255) gegenüber gestellt und öffentlich im Namen eines Mannes geehrt zu werden, der selbst keine Ehrung, sondern Ächtung erfahren hatte, denn „die einzige Auszeichnung, die Georg Büchner zuteil geworden, war ein Preis auf seinen Kopf: ich meine den Steckbrief, der hinter dem Flüchtling erlassen wurde.“ (GW 5, 256) Un- überhörbar schwingt hier ebenso eine Kritik an der Inszenierung der Literatur als prestigeträchtigem Event mit543 wie eine Infragestellung der Instrumentalisierung und Neutralisierung Büchners im Namen von Kultur und Politik. Koeppen charakterisiert Büchner als Synthese aus poète maudit und auteur engagé und beschreibt damit sein eigenes Schriftstellerideal, das er nun ausführt. Der Dichter ist zugleich ‚verfemt’ und ‚engagiert’, denn seine Sympathie gehört „den Außenseitern der Gesellschaft“, er ist „Sprecher der Armen“, „Anwalt der Unterdrückten“ und „Verfechter der Menschenrechte gegen der Menschen Peiniger“. Sein Mandat ist es, die Mächtigen zu opponieren: „Der Schriftsteller ist engagiert gegen die Macht, gegen die Gewalt, gegen die Zwänge der Mehrheit, der Masse, der großen Zahl, gegen die erstarrte faule Konvention, er gehört zu den Verfolgten, zu den Verjag- 540 Die Rede wurde vom Bayerischen Rundfunk übertragen. Des Weiteren wurden Auszüge in mehreren Zeitungen veröffentlicht. Vgl. A. Estermann: Wolfgang Koeppen. Eine Bibliographie. S. 417. 541 Vgl. dazu O. Bazarkaya: „Ärgernis“ und „moderner Klassiker“. S. 90 u. ö. 542 Vgl. J. S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. S. 155. 543 Eine ähnliche Kritik hatte Koeppen in der Beschreibung des Vortrags von Mr. Edwin im Roman Tauben im Gras platziert. 157 ten […].“ (Alle Zitate: GW 5, 257) Diese Äußerungen reflektieren nicht nur Koeppens literarische Sozialisation und seine Zeitzeugenschaft des Faschismus. Sie sind auch unter dem Eindruck der sich gerade anbahnenden Spiegel-Affäre544 und vor dem Hintergrund eines zunehmend eisigen politischen Klimas zu lesen, in dem die Gesinnung der Schriftsteller in dem Maße (und bisweilen über die Maßen545) hinterfragt wurde, in dem sie sich in politische Themen einzumischen wagten. Unter dem Vorzeichen der ideologischen Blockbildung des Kalten Krieges war es gerade für systemkritische westdeutsche Autoren schwierig sich politisch zu positionieren, da nur ein Blick über die Mauer genügte, um zu erkennen, dass die sozialistische Gesellschaftsordnung als anscheinend einzige Alternative zum westlichen Kapitalismus lediglich Unterdrückung statt Freiheit garantierte. Aus dieser noch jungen geschichtlichen Erfahrung heraus benennt Koeppen mit Verweis auf den Hessischen Landboten das Problem, „daß es immer schwieriger wird, die Hütten und die Paläste auseinanderzuhalten. Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr.“ Mit der anschließenden Festlegung: „Der Schriftsteller ist kein Parteigänger“ (beide Zitate: GW 5, 259), nimmt er kritisch die Unterstützung von Oppositionsparteien, insbesondere der SPD durch Schriftsteller vorweg, die sich zumeist im Umkreis der Gruppe 47 bewegten.546 Die von Koeppen propagierte partei- und machtpolitische Enthaltung hat den traumatischen Kern, einer Generation anzugehören, „die leider nicht die Unmenschlichkeit, die Macht in ihrer bösesten Gestalt genug geärgert und bekämpft hat und deshalb der Welt zu einem Ärgernis geworden ist.“ (GW 5, 257) Der Aufstieg Hitlers, die 544 Am 11. Oktober 1962 wurde gegen die Redaktion des Spiegel Anzeige wegen Landesverrats erstattet. Grund der Anzeige war ein Artikel, der in der Ausgabe vom 8. Oktober erschienen war und die mangelhafte Wehrfähigkeit der Bundesrepublik im Falle eines Angriffs durch Warschauer-Pakt-Staaten bloßlegte. Am 26. Oktober, also sechs Tage nach der Büchner-Preisverleihung, wurden die Redaktionsräume des Spiegel durchsucht und besetzt, Redakteure wurden festgenommen und Chefredakteur und Herausgeber Rudolf Augstein kam am 28. Oktober in Untersuchungshaft. 545 Beispiele lieferten der CDU-Politiker und frühere Außenminister Heinrich von Brentano sowie Bundeskanzler Ludwig Erhard. Brentano verglich 1957 den späten Brecht mit dem nationalsozialistischen Liedtexter Horst Wessel. 1961 verlangte er, unter Berufung auf einen Zeitungsartikel von Hermann Kesten, der Uwe Johnson fälschlicherweise lobende Zitate über die Berliner Mauer in den Mund legte, Johnson das Villa-Massimo-Stipendium zu streichen. Brentano blieb bei seiner Forderung, auch nachdem erwiesen war, dass der Artikel Johnson falsch zitiert hatte. Erhard wiederum bezeichnete bei Wahlkampfveranstaltungen Schriftsteller wie Günter Grass und Rolf Hochhuth als ‚Pinscher’ und verbat sich ihre Einmischungen in innen- und wirtschaftspolitische Fragen. 546 Das Votum namhafter Schriftsteller für einen Regierungswechsel dokumentiert der von Hans Werner Richter herausgegebene Band Plädoyer für eine neue Regierung oder Keine Alternative (1965). Vgl. Helmut L. Müller: Die literarische Republik. Westdeutsche Schriftsteller und die Politik. Weinheim; Basel: Beltz 1982 (Edition Monat); Keith Bullivant: Gewissen der Nation? Schriftsteller und Politik in der Bundesrepublik. In: Literaturszene Bundesrepublik – Ein Blick von Draußen. Symposion an der Freien Universität Amsterdam. Hrsg. v. Ferdinand van Ingen / Gerd Labroisse (Amsterdamer Beiträge zur Germanistik 25). Amsterdam: Rodopi 1988. S. 59–78. 158 nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg bedeuteten für Koeppen, der „nicht mitmarschierte, nicht in der braunen Reihe ging, verlorene, erlittene, sprachlose Jahre.“ Immerhin, so Koeppen, gereiche es der deutschen Literatur zur Ehre, dass es keinen „Stendhal des Nationalsozialismus“ (alle Zitate: GW 5, 258), keinen bedeutenden Dichter gab, der sich auf die Seite Hitlers schlug.547 Die literarisch beschlagenen Autoren seiner Generation seien allesamt aufseiten der Verfolgten und Emigrierten zu finden gewesen, und so möchte Koeppen den „Büchnerpreis mit für die annehmen, die für immer verstummt sind, die umkamen, die vertrieben waren, die als Emigranten ihr Dasein fristeten, die zum Freitod gezwungen wurden, die tragisch in des Unmenschen Schlachten fielen.“ (GW 5, 259) Judith Ulmer zufolge gehört der Vortrag Koeppens zu den politischen Büchner-Preis-Reden und markiert für die Rezeptionsgeschichte des Namenspatrons außerdem „den Übergang zur endgültigen Repolitisierung des Büchnerbildes […].“548 Die frühe Koeppen-Forschung der Nach–68er-Ära hat hingegen eingewandt, dass Begrifflichkeiten wie ‚Macht’, ‚Engagement’ oder ‚Herrschaft’ zu abstrakt und pauschalisierend benützt würden, um als politisch durchzugehen.549 Der Einwand ist berechtigt, doch zielt er am Kern der Sache vorbei. Koeppen mimt in seiner Rede keinen Politiker, er nimmt die Rolle des engagierten Schriftstellers ein, die literaturgeschichtlich auf Émile Zola zurückgeht. Wie Zola beruft sich Koeppen auf Prinzipien wie ‚Freiheit’ und ‚Gerechtigkeit’, die keine genuin politischen Kategorien sind, sondern universalisierte Normen, die der autonomen Sphäre des literarischen Feldes entstammen und auf das politische Feld angewandt werden. (Vgl. RK 211) Indes gehe, um wieder auf die Rede zurückzukommen, die größte Gefahr für die Literatur nicht von der Politik aus. Sie lauere viel eher in der Konkurrenz der modernen Massenmedien. Koeppen nähert sich dem Ende seiner Rede mit einer kulturkonservativ getönten Stellungnahme gegen das Fernsehen („Zauberspiegel“) und die „menschenverwirrenden Apparate“. Er warnt vor einem „neuen heraufziehenden Analphabetentum von Bildzeitungen, Comicstrips, Fernsehen und auf höherer Ebene von technischen Formeln, die uns manipulieren, automatisieren, vielleicht zum Mond führen werden […].“ (Alle Zitate: GW 5, 260) Die von den technisierten Massenmedien erzeugten Bilder und Töne blieben letztlich zusam- 547 Es war Koeppens Überzeugung, dass es zwischen dem literarischen Können eines Autors und seiner moralischen Integrität eine Interdependenz gibt. (Vgl. ES 27) Folglich stand für ihn fest: „Ein Dichter kann nicht Faschist sein.“ (GW 6, 386). 548 J. S. Ulmer: Geschichte des Büchner-Preises. S. 193. 549 Vgl. Manfred Koch: Wolfgang Koeppen. Literatur zwischen Nonkonformismus und Resignation. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Kohlhammer 1973 (Sprache und Literatur 88). S. 10–11; Klaus Haberkamm: Wolfgang Koeppen. „Bienenstock des Teufels“ – Zum naturhaft-mythischen Geschichts- und Gesellschaftsbild in den Nachkriegsromanen. In: Zeitkritische Romane des 20. Jahrhunderts. Die Gesellschaft in der Kritik der deutschen Literatur. Hrsg. v. Hans Wagener. Stuttgart: Reclam 1975. S. 241–275, hier S. 242. 159 menhanglos, da sie „nur ein Geräusch erzeugen, Geräusch und Schatten und Wind und den letzten Tornado, der alles begräbt.“ (GW 5, 260–261) Aufgabe des Dichters – Koeppen zieht hier die weihevolle Bezeichnung gegenüber den beim ihm sonst gebräuchlichen ‚Schriftsteller’ vor – Aufgabe des Dichters sei es, sich der Medienkonkurrenz zu stellen, denn nur er sei es, der den „Griffel führen“ (GW 5, 260) und der formlosen Fülle der Informationen Zusammenhang und Sinn abringen könne. Die so zaghaft begonnene Rede schwingt sich dergestalt zu immer feierlicheren Höhen auf und streift das Pathos, wenn Koeppen mit den Worten schließt: „Ich bekenne mich zu Georg Büchner. Ich bekenne mich zu dem Beruf des Schriftstellers. Ich glaube an das Wort.“ (GW 5, 261) In der Koeppen-Forschung ist bemerkt worden, dass die in seiner Büchner-Preisrede geäußerten Gedanken zur gesellschaftlichen Rolle des Schriftstellers teilweise in einem starken Gegensatz stehen zu seiner eher pessimistischen Sichtweise, wie sie in einigen Interviews oder den Romanen ausgedrückt wird.550 Die Emphase vom Schriftsteller „als Regulativ aller weltlichen Ordnung“ (GW 5, 257) mag dem feierlichen Rahmen der Veranstaltung und der Erwartungshaltung des Auditoriums geschuldet sein. Die von Koeppen bezeugte illusio, sein Glaube an das Wort, führte kurzerhand zu der Illusion, die Verteidigung der Zivilisation sei alleiniges Amt des Dichters.551 Vor allem aber enthält die Rede die Pointe, dass Koeppen als poète maudit in dem Augenblick zu existieren aufhört, in dem er sich öffentlich zu dieser Rolle bekennt. Bei seinem Außenseitertum handelte es sich nunmehr, wie er bereits zwei Jahre zuvor erkannte, um einen institutionell honorierten und „öffentlich anerkannten Nonkonformismus.“ (GW 5, 245) 8.3 Weitere Auszeichnungen und Konsekrationsindizes Der Büchner-Preis war der frühe Höhepunkt in Koeppens Preisbiografie und rief eine Art Nachahmungseffekt hervor. Obwohl er bis zum Jahr 1976 wenig Neues veröffentlichte, wurde Koeppen in zwei- bis dreijährigen Abständen zum Träger verschiedener Preise gekürt. 1965 erhielt er den mit 5.000 DM dotierten Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste. Neben den Einsichten und der klassischen Sprache der Reisebücher wurde in der Begründungsurkunde die „Tiefenpsychologie“ gerühmt, mit der in Der Tod in Rom „die politisch schuldig gewordene Familie unseliger deutscher Vergangenheit bis in ihre Ausläufer zur Gegenwart“552 nachgezeichnet worden sei. Dieselbe Preissumme von 5.000 DM konnte Koeppen 550 Vgl. M. Hielscher: Wolfgang Koeppen. S. 121; Dagmar von Briel: Wolfgang Koeppen als Essayist. Selbstverständnis und essayistische Praxis. Mainz: Gardez! 1996 (Germanistik im Gardez! 4). S. 32; M. Kußmann: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich. S. 158. 551 Hielscher spricht in diesem Zusammenhang sogar von „grandioser Selbstüberschätzung“. (M. Hielscher: Wolfgang Koeppen. S. 125). 552 Zit. nach einer Pressenotiz in: Die Welt v. 13.7.1965. 160 einstreichen, als ihm 1967 der Dichterpreis der ebenfalls in München ansässigen Stiftung zur Förderung des Schrifttums zuerkannt wurde. (Der Preis wurde später in den Friedrich-Märker-Preis umbenannt und hatte bis 2002 Bestand.) Die andere Auszeichnung aus dem Jahr 1967 führte Koeppen aus dem bayerischen Gesichtskreis hinaus nach Düsseldorf. Dort wurde er von der Landeshauptstadt mit dem Immermann-Preis geehrt. Der Vorgang als solcher untermauert nochmals die Verschiebungen im literarischen Feld, insbesondere wenn man sich die Geschichte des Preises vergegenwärtigt. Der Immermann-Preis wurde im ‚Dritten Reich’ gestiftet und von 1936–43 jährlich verliehen. Vor dem Hintergrund des bevorstehenden 150. Geburtstages Heinrich Heines wurde der Preis kurz nach dem Krieg neu aufgelegt, eigentümlicherweise aber nicht unter Heines, sondern unter dem Namen Karl Leberecht Immermanns. Die Gründe hinter dieser Entscheidung sind nicht überliefert, aber es kann vermutet werden, dass zeittypische Vorbehalte gegen den ‚Exilanten Heine’, womöglich auch gegen den ‚Juden Heine’ den Ausschlag gegeben haben könnten. Zeittypisch war jedoch nicht nur die Entstehung des Immermann-Preises, sondern auch die Präferenz der Jury für eine Literatur, „die sich heraushielt, eine Literatur der Innerlichkeit, die sich auf die Innere Emigration als ihre Herkunft berief […].“553 Mit Koeppen als Preisträger wurde der Immermann-Preis 1967 das letzte Mal verliehen. Ihm folgte 1972 schließlich doch der Heine-Preis – „unter diesem Namen hätte ich ihn lieber gehabt“554, wie Koeppen unumwunden zugab. Dass anlässlich des 175. Geburtstages Heines realisiert werden konnte, was zum 150. Jubiläum noch nicht opportun war, deutet auf einen politischen wie ästhetischen Mentalitätswandel hin, der Ende der Sechzigerjahre den sozialen Raum der Bundesrepublik erfasst. Auch die Jury scheint bei der letztmaligen Vergabe des Immermann-Preises einen Paradigmenwechsel vollzogen zu haben, zieht man ihre Begründung heran: „Die Jury würdigt Wolfgang Koeppen als einen kritischen Autor, dessen oft radikale Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen, politischen und historischen Verhältnissen der deutschen Nachkriegszeit aus einem tiefen Leiden an unserer eigenen Epoche entstand.“555 Mit dieser Akzentsetzung erscheint die Entscheidung für Koeppen im Nachhinein als konsequenter Übergang vom Immermann- zum Heine-Preis. Wolfgang Koeppen wurde über die Sechzigerjahre hinaus mit weiteren Auszeichnungen, Förderungen und Literaturpreisen bedacht. Nennenswert sind der Andreas-Gryphius-Preis (1971), der Arno-Schmidt-Preis (1983) das Hauptstipendi- 553 Bernd Kortländer: Der Karl Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf in den Jahren 1947– 1967. In: Literaturpreise. Literaturpolitik und Literatur am Beispiel der Region Rheinland/Westfalen. Hrsg. v. Bernd Kortländer. Stuttgart; Weimar: Metzler 1998 (Heinrich- Heine-Institut Düsseldorf. Archiv – Bibliothek – Museum 7). S. 175–192, hier S. 187. 554 W. Koeppen: „Greifswald, ein bescheidener Fundort“. S. 209. 555 Anonym: Immermann-Preis für Wolfgang Koeppen. Oberbürgermeister der Landeshauptstadt überreichte in Schloß Benrath die diesjährigen Kunstpreise der Stadt Düsseldorf. In: Rheinische Post v. 22.4.1967. 161 um des Arbeitskreises Europa Forum für Literatur (1977/78) und das Stadtschreiberamt der Gemeinde Bergen-Enkheim (1974/75). Das Handbuch der Kulturpreise aus dem Jahr 1978 listet Koeppen mit insgesamt 12 Auszeichnungen sogar als den am zweithäufigsten prämierten deutschsprachigen Autor nach Peter Huchel556 und bestätigt somit die Faustregel Reich-Ranickis: „Preisgekrönt wird, wer preisgekrönt ist.“557 Warum war Koeppen auf einmal so attraktiv geworden, oder waren die Preisgaben etwa nur einer hartnäckigen Lobbyarbeit für einen Not leidenden Künstler zu verdanken? Ein wichtiges Motiv für die nachträgliche Wertschätzung, die der einst übergangene Autor in den Sechzigerjahren von Literaturjurys und anderen Instanzen erfuhr, hat der bekannte Bonner Germanist Benno von Wiese in seiner Laudatio auf den Immermann-Preisträger benannt: Erst heute, zu einem Zeitpunkt, an dem die Aktualität der Nachkriegszeit sich bereits von der geschichtlichen Perspektive her darbietet und daher Koeppens Zeitromane schon historische Romane geworden sind, können wir ermessen, wie präzise dieses Bild unserer damaligen Wirklichkeit war, wie kühn und treffend Koeppens Prognosen und Diagnosen, wie meisterhaft dieses Gewebe aus Vergangenheit und Gegenwart. Damals jedoch verwechselten die Kritiker Koeppens aufrichtiges Leiden an Deutschland und an der Bundesrepublik mit Zynismus, und die gequälte, im Kern humane Wehrlosigkeit seiner Leitfiguren galt ihnen als mangelnde Kraft zur Entscheidung.558 Auch die Literaturkritik hatte die gewachsene Distanz zu den Nachkriegsromanen zum Anlass genommen, überkommene Werturteile zu überdenken. Ein bemerkenswerter und, wie der Literaturkritiker Ulrich Greiner schrieb, „seltener Fall in der Geschichte der Literaturkritik“559 war dabei der Widerruf, den der Schriftsteller und Kritiker Hans Schwab-Felisch 1966 im Monat veröffentlichte. Kurz nach Erscheinen der Tauben im Gras hatte Schwab-Felisch an gleicher Stelle die formalen Qualitäten des Romans zwar gewürdigt, ihn aus weltanschaulichen Gründen („Weil dieses Buch sich fast ausschließlich im Morbiden, im Sumpfe tummelt […]“560) aber abgelehnt. Mit dem Abstand von knapp fünfzehn Jahren bedauert Schwab-Felisch seine „sauertöpfische Kritik“ von damals und räumt ein, dem „Autor Unrecht 556 Vgl. Handbuch der Kulturpreise und der individuellen Künstlerförderung in der Bundesrepublik Deutschland. S. XLIII. 557 M. Reich-Ranicki: Literaturpreise in Deutschland. In: Die Zeit v. 5.1.1962. 558 Benno von Wiese: Preis a conto. Literarisches Porträt des Schriftstellers Wolfgang Koeppen. In: Die Zeit v. 21.4.1967. Bei dem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus der Laudatio. 559 U. Greiner: Wolfgang Koeppen oder Die Geschichte eines Mißverständnisses. S. 14. 560 H. Schwab-Felisch: [o. T. ]. S. 428. Siehe S. 86 dieser Arbeit. 162 zugefügt zu haben.“561 Der Grund für die sozusagen erstinstanzliche Ablehnung war Schwab-Felischs vom Klappentext stimulierte Lesart, den Roman als eine getreue Abbildung der zeitgenössischen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu verstehen. Doch diese Perspektive „verstellte den Blick auf die literarische Leistung“ und so habe er den Roman „verkannt, versimpelt, ihn nur gelesen mit den Augen des mürrischen Zeitbetrachters […].“ Koeppens eigentliches Thema, so die späte Erkenntnis, sei ein ganz anderes gewesen, nämlich die „Kontaktlosigkeit“, „die Flucht des Menschen vor sich selbst, die eine Angst vor sich selbst ist.“562 Mit diesem überzeitlich-unpolitischen Lektüreschlüssel versehen, offenbart sich Schwab-Felisch endlich „die strenge Schönheit und ganze Düsternis seines Romans.“563 Tauben im Gras wie auch Das Treibhaus und Der Tod in Rom wurden wenige Jahre später erneut Gegenstand des Feuilletons. Anlass war die vom Goverts Verlag 1969 veröffentlichte Omnibus-Ausgabe, die die Nachkriegsromane erstmals in einem Band vereinigte. Der Verlag wollte mit der Veröffentlichung gezielt eine politisierte Jugend ansprechen und rechnete auf den veränderten Rezeptionshorizont für zeitkritische Literatur. Jens Nolte sprach in der Welt denn auch von einer „Revision im Fall Koeppen“564. In den meist kurz gehaltenen Rezensionen wurde auf die ambivalente Erstrezeption kritisch zurückgeblickt und die Trilogie als herausragende Leistung der Nachkriegsdichtung rehabilitiert. Koeppen wird nun – der Sichtweise Schwab-Felischs entgegen – als Moralist und seine Nachkriegstrilogie als Gesellschaftsdiagnosen gelesen, deren Hellsichtigkeit erst bei der Relektüre richtig zutage trete.565 Gleichwohl, größerer kommerzieller Erfolg war den drei Romanen auch jetzt nicht beschieden. Überschriften wie „Verkannt und vergessen – Treibhaus-Autor Koeppen“566 und „Wolfgang Koeppen ist noch lange nicht out!“567 machten zudem deutlich, dass Literaturpreisen und Neuauflagen älterer Werke zum Trotz Koeppen immer noch ein Autor mit geringer Publikumsreichweite war, dem, wenn überhaupt, nur ein neuer Roman größere Aufmerksamkeit hätte verschaffen können. 561 Beide Zitate: Hans Schwab-Felisch: Widerruf. In: Der Monat 18 (November 1966). H. 218. S. 89–93, hier S. 90. Schwab-Felisch bekräftigte seinen Sinneswandel, indem er 1982 die Laudatio auf Koeppen anlässlich des Kulturellen Ehrenpreises der Stadt München hielt. 562 Alle Zitate: Ebd. S. 92. 563 Ebd. S. 93. 564 Jens Nolte: Revision im Fall Koeppen. In: Die Welt v. 8.5.1969. 565 Vgl. Horst Krüger: „Tauben im Gras“ / „Das Treibhaus“ / „Der Tod in Rom“. Romane von Wolfgang Koeppen. In: Die Zeit v. 11.4.1969; Anonym: Drei Romane. In: Lübecker Nachrichten v. 7.8.1969. 566 Carl Brinitzer: Verkannt und vergessen – Treibhaus-Autor Koeppen. In: Welt am Sonntag v. 20.7.1969. 567 Gustav Huonker: Wolfgang Koeppen ist noch lange nicht out! Zur Neuauflage seiner Romantrilogie. In: Tages-Anzeiger v. 30.8.1969. 163 Koeppen wurde zunehmend ein Autor der retrospektiven Betrachtung, und da sein Werk nun dank Büchner & Co. offiziell sanktioniert war, passt es ins Bild, dass er ab den Sechzigerjahren in Literaturgeschichtsschreibungen568 und Schriftstellerlexika569 aufgenommen wurde. Nachdem die ersten literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen aus der DDR und dem nichtdeutschsprachigen Ausland stammten570, legte der Wiese-Schüler Georg Bungter mit einer zehnseitigen Analyse der Montage- und Kompositionstechnik in Tauben im Gras 1968 die erste in der Bundesrepublik veröffentlichte germanistische Arbeit über Koeppen vor.571 Zu diesem Zeitpunkt hatte Koeppen das 60. Lebensjahr bereits überschritten. Das Jubiläum selbst war vielen regionalen und überregionalen Zeitungen einen längeren Artikel wert – ein weiterer Indikator für das gestiegene Renommee Koeppens. Dessen Werdegang, wie er sie in seiner autobiografischen Skizze Umwege zum Ziel (1961) (vgl. GW 5, 250–252) mitgeteilt hatte, wurde ebenso wie sein Werk rekapituliert. Im Mittelpunkt stand jedoch eine große Abwesenheit: Koeppens ausbleibendes neues großes Werk. Die große Erwartungshaltung der literarischen Öffentlichkeit unterstreichen Formulierungen wie: „kaum ein deutscher Roman wird augenblicklich mit größerem Interesse erwartet“572 oder: „Wolfgang Koeppen […] gehört zu den Schriftstellern […], die eine ganze Reihe ‚vielversprechender’ Bücher veröffentlicht haben, ihr großes Werk uns aber vorerst noch schuldig geblieben sind.“573 Karl Korn versuchte dagegen zu beschwichtigen und plädierte dafür, die älteren Werke nochmal aufzulegen und erneut zu lesen, anstatt den Autor 568 Vgl. u. a. Albert Soergel / Curt Hohoff: Dichtung und Dichter der Zeit. Vom Naturalismus bis zur Gegenwart. Zweiter Band. Düsseldorf: Bagel 1963. S. 827–828; Reinhard Döhl: Wolfgang Koeppen. In: Deutsche Literatur seit 1945 in Einzeldarstellungen. Hrsg. v. Dietrich Weber. Stuttgart: Kröner 1968 (Kröners Taschenausgabe 382). S. 103–129. 569 Vgl. u. a. Anton Groos: Wolfgang Koeppen. In: Schriftsteller der Gegenwart. Deutsche Literatur. 53 Porträts. Hrsg. v. Klaus Nonnemann. Freiburg im Breisgau: Walter 1963. S. 189–195; Nino Erné: KOEPPEN. In: Kleines Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur. 107 Autoren und ihr Werk in Einzeldarstellungen. Hrsg. v. Hermann Kunisch. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1967. S. 337–339. Siehe ferner: Hans Leuschner: Wolfgang Koeppen in der Lexikographie. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 1 (2001). S. 227–234. 570 Z. B. Johannes Mittenzwei: Das Musikalische in der Literatur. Halle: Verlag Sprache und Literatur 1962. S. 395–426; Dorothea Kleist: Struktur als Aussage im deutschen Nachkriegsroman. Diss. masch. Stanford 1966. S. 159–173; C. F. Bance: Der Tod in Rom and Die Rote: Two Italian Episodes. In: Forum for modern language studies 3 (1967). S. 126– 134. 571 Georg Bungter: Über Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“. In: ZfdPh 87 (1968). S. 535–545. 572 Hans F. Nöhbauer: Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen wird heute 60. Ich bin ein Stiller. In: Abendzeitung v. 23.6.1966. 573 Helmut Salzinger: Das Schweigen des Wolfgang Koeppen. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers. In: Hannoversche Presse v. 23.6.1966. 164 mit der Forderung nach einem neuen Buch zu „bedrängen“574. Der erste Teil von Korns Forderung wurde mit den Jahren umgesetzt. Mit dem zweiten verhielt es sich anders. Das Wort des ‚Schweigens’ machte die Runde. Der ‚Fall Wolfgang Koeppen’ nahm eine neue Wendung. 574 K. K. [d. i. Karl Korn]: Koeppen zum Sechzigsten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.6.1966.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.