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1. Theoretischer Zugang: Der literatursoziologische Ansatz Pierre Bourdieus in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 13 - 32

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-13

Tectum, Baden-Baden
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13 1. Theoretischer Zugang: Der literatursoziologische Ansatz Pierre Bourdieus Das Werk des 2002 verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu ist auch im deutschsprachigen Wissenschaftsraum nach anfänglich reservierten Reaktionen5 längst zu einem Klassiker seiner Zunft avanciert.6 Was im Allgemeinen für die zeitlich verzögerte Rezeption ausländischer Theorie-Importe gilt, trifft insbesondere auf die Aufnahme von Bourdieus kultur- und literatursoziologischen Arbeiten zu. So beklagte Holler im Jahr 2003 die spärliche Rezeption Bourdieus innerhalb der Germanistik: „Arbeiten, die den Kategorien von Bourdieus Feldtheorie folgen, liegen kaum vor.“7 Mittlerweile lässt sich allerdings feststellen, dass immer mehr germanistische Arbeiten sich in ihrer Methodik an Bourdieu orientieren8, freilich mit dem Effekt, dass es – um mit Bourdieu zu sprechen – keinen unmittelbaren Distinktionsgewinn mehr verschafft, sich als Forschender für Bour- 5 Vgl. Gerhard Fröhlich / Boike Rehbein: Die Rezeption Bourdieus im deutschsprachigen Raum. In: Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. v. Gerhard Fröhlich / Boike Rehbein. Stuttgart; Weimar: Metzler 2009. S. 381–386. 6 Vgl. Claudia Bohn / Alois Hahn: Pierre Bourdieu. In: Klassiker der Soziologie. Bd. II. Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu. Hrsg. v. Dirk Kaesler. München: Beck 2002. 3. Aufl. (beck’sche reihe). S. 252–271, hier S. 266–268. 7 Verena Holler: Felder der Literatur. Eine literatursoziologische Studie am Beispiel von Robert Menasse. Frankfurt am Main: Lang 2003 (Europäische Hochschulschriften. Reihe I. Deutsche Sprache und Literatur 1861). S. 26. Zu einem ähnlichen Befund kommt auch Markus Schwingel: Kunst, Kultur und Kampf um Anerkennung. Die Literatur- und Kunstsoziologie Pierre Bourdieus in ihrem Verhältnis zur Erkenntnis- und Kultursoziologie. In: IASL 22 (1997). H. 2. S. 109–151, hier S. 149. Frühe Beispiele für eine produktive germanistische Anverwandlung der Literatursoziologie Bourdieus sind die Arbeiten von Rahner und Cofalla: Mechthild Rahner: „Tout est neuf ici, tout est à recommencer...“. Die Rezeption des französischen Existentialismus im kulturellen Feld Westdeutschlands (1945–1949). Würzburg: Königshausen & Neumann 1993 (Epistemata. Würzburger Wissenschaftliche Schriften 142); Sabine Cofalla: Der „Soziale Sinn“ Hans Werner Richters. Zur Korrespondenz des Leiters der Gruppe 47. Berlin: Weidler 1997. 8 Als Beispiele seien folgende Monografien und Sammelbände genannt: „Ach, wie wünschte ich mir Geld genug, um eine Professur zu stiften.“ Sophie von La Roche im literarischen und kulturpolitischen Feld von Aufklärung und Empfindsamkeit. Hrsg. von Gudrun Loster-Schneider / Barbara Becker-Cantarino unter Mitarbeit von Bettina Wild. Tübingen: Francke 2010; Matthias Beilein: 86 und die Folgen. Robert Schindel, Robert Menasse und Doron Rabinovici im literarischen Feld Österreichs. Berlin: Schmidt 2008 (Philologische Studien und Quellen 213); Text und Feld. Bourdieu in der literaturwissenschaftlichen Praxis. Hrsg. v. Markus Joch / Norbert Christian Wolf. Tübingen: Niemeyer 2005 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 108); Christine Magerski: Die Konstituierung des literarischen Feldes in Deutschland nach 1871. Berliner Moderne, Literaturkritik und die Anfänge der Literatursoziologie. Tübingen: Niemeyer 2004 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 101); Heribert Tommek: J. M. R. Lenz. Sozioanalyse einer literarischen Laufbahn. Heidelberg: Synchron 2003. 14 dieus Ansatz zu entscheiden. Da aber die Wahl einer Theorie idealiter weder von dem „Streben nach Originalität um jeden Preis“9 geleitet sein sollte, noch von einer „fromme[n] Anhänglichkeit an diesen oder jenen kanonischen Autor, die zu rituellen Wiederholungen treibt“ (RK 287–288), sondern einzig und allein von der Eignung eines wissenschaftlichen Instrumentariums, einen Gegenstand möglichst kohärent und systematisch zu erfassen und zu analysieren, erscheint es alles andere als fragwürdig, an Bourdieu festzuhalten, und der Einwand, eine Theorie komme nur deshalb nicht infrage, weil sie derzeit vielfach gebraucht werde, scheidet als Argument aus. Was Bourdieu für die Literaturwissenschaft so attraktiv macht, ist nicht zuletzt sein Versuch, sich durch Einbezug mehrerer Perspektivierungen vor Verkürzungen und Reduktionismen in Acht zu nehmen. Insofern erklärt sich auch seine strikte Ablehnung traditioneller sozialgeschichtlicher und literatursoziologischer Ansätze, die sich entweder mit „vagen Verweisen auf die soziale Welt (mittels Begriffen wie ‚Milieu’, ‚Kontext’, ‚sozialer Hintergrund’)“10 zufriedengeben oder die „die Werke direkt auf die Positionen der Produzenten oder ihrer Kunden im sozialen Raum (der sozialen Klasse) bezieh[en], ohne ihre Position im Produktionsfeld zu berücksichtigen [...].“11 Eben dieses Produktionsfeld in Rechnung zu stellen, unterscheidet Bourdieus Sicht auf Literatur und Kunst von den vorgenannten und von ihm so bezeichneten externen bzw. ‚allegorischen’ Analysen; zugleich jedoch grenzt er sich damit auch von den internen bzw. ‚tautegorischen’ Analysen ab, worunter Bourdieu alle hermeneutischen, textimmanenten wie auch intertextuellen und dekonstruktivistischen Lektüreverfahren versteht.12 Was Bourdieu hingegen mit seiner Konzeption des Feldes künstlerischer Produktion anstrebt, ist weniger eine Verwerfung denn eine Synthese immanenter und externer Analyseverfahren: „Die Feld-Theorie führt tatsächlich zur Ablehnung des Ansatzes, der von einem 9 Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001 (stw 1539). S. 287. Zitate aus diesem Buch werden im Folgenden mit der Sigle ‚RK’ und der Seitenzahl im Text angegeben. 10 Pierre Bourdieu: Rede und Antwort. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992 (es 1547). S. 155. 11 Pierre Bourdieu: Soziologische Fragen. Aus dem Französischen von Hella Beister und Bernd Schwibs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993 (es 1872). S. 111. Als Hauptvertreter dieses Ansatzes, der in seiner „karikaturhaftesten Form“ das Kunstwerk allein von seiner gesellschaftlichen Funktion und Nachfrage her begreife, nennt Bourdieu Georg Lukács und Lucien Goldmann. Vgl. ebd. S. 198. Zur Kritik an dieser Kritik und dem Versuch einer literatursoziologischen Rehabilitation Lukács‘ vgl. C. Magerski: Die Konstituierung des literarischen Feldes. S. 40–43 u. ö. 12 Vgl. Pierre Bourdieu: Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen. Aus dem Französischen von Ulrich Raulff und Bernd Schwibs. Berlin: Wagenbach 1989 (Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek 20). S. 20. Diese Unterscheidung ist freilich idealtypischer Natur und unterschlägt Ansätze (etwa systemtheoretische oder diskursanalytische Literaturtheorien), die sich der strengen Dichotomie extern vs. intern nicht fügen. 15 direkten Zusammenhang zwischen Individualbiographie und Werk (oder sozialer Herkunftsklasse und Werk) ausgeht, als auch der immanenten Werkinterpretation und der ein Ensemble von Werken in Beziehung setzenden intertextuellen Analyse: Denn das alles zusammen ist zu tun!“13 Es ist unnötig zu betonen, dass diese von Bourdieu vertretene Analysemethode „nur um den Preis eines enormen Arbeitsaufwandes zu leisten“14 ist, um einer wahrhaften „Wissenschaft von den kulturellen Werken“ (RK 340) gerecht zu werden. Bourdieu selbst hat seinen Anspruch mit sehr ausgreifenden empirischen Studien sowie mit den eng an der empirischen Arbeit entwickelten theoretischen Konzepte ‚Habitus’, ‚Kapital’ und ‚Feld’ eingelöst15, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll. 1.1 Habitus Ähnlich wie seine synthetisierende Überwindung interner und externer Analyseverfahren auf der Ebene der Kunst- und Literaturbetrachtung kann Bourdieus allgemeine theoretische Position in den Geistes- und Sozialwissenschaften durch ein tertium datur charakterisiert werden, das aus dem partiellen Bruch mit zwei wissenschaftlichen Paradigmen resultiert, die entweder zu einer sozialen Irreduzibilität des Subjekts tendieren (so etwa der interaktionistische Ansatz Goffmans, die Subjektphilosophie Sartres und die phänomenologische Soziologie in der Nachfolge Husserls, die allesamt von Bourdieu dem Subjektivismus bzw. der phänomenologischen Erkenntnisweise zugeordnet werden)16, oder bei denen das Subjekt hinter der Prädomination regelhafter bzw. mechanisch-normativer Strukturen beinahe verschwindet (der sogenannte Objektivismus, zu den Bourdieu insbesondere die strukturalistischen Theorien Lévi-Strauss‘ und Althussers zählt).17 Die Notwendigkeit, überkommene philosophische und sozialwissenschaftliche Begriffspaare wie Subjekt und Struktur, Bewusstes und Unbewusstes, Individuum und Gesellschaft zu überdenken und zu revidieren, ergab sich für Bourdieu aus seinen ethnologischen und soziologischen Studien der algerischen Gesellschaft der 1950er und 1960er Jahre.18 Vor dem Hintergrund des algerischen Unabhängigkeitskampfes wurde Bourdieu Zeuge einer rasanten gesellschaftlichen Entwicklung, in deren Folge es zur Etablierung rationaler ökonomischer Strukturen kam, die die traditio- 13 P. Bourdieu: Rede und Antwort. S. 163. Vgl. auch RK 328. 14 P. Bourdieu: Rede und Antwort. S. 164–165. 15 Vgl. M. Schwingel: Kunst, Kultur und Kampf um Anerkennung. S. 118. 16 Vgl. Pierre Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976. S. 147. 17 In Bezug auf Lévi-Strauss, der für Bourdieus intellektuellen Werdegang sehr wichtig war, vgl. Pierre Bourdieu: Ein soziologischer Selbstversuch. Aus dem Französischen von Stephan Egger. Mit einem Nachwort von Franz Schultheis. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002 (es 2311). S. 52–54 u. ö. 18 Bourdieu selbst hat dieses Kapitel in seinem „intellektuellen Bildungsroman“ im Nachhinein als Konversion von der Philosophie zur Soziologie beschrieben. Vgl. ebd. S. 68. 16 nale, auf den Prinzipien der Ehre und des Gabentauschs beruhenden Ökonomie aber nicht sofort verdrängten, sondern mit ihr koexistierten, da die ökonomischen Handlungsmuster der sozialen Akteure der neuen Wirtschaftslogik nicht vorangepasst waren.19 Diese dauerhaften Handlungsmuster hat Bourdieu zuerst in Anlehnung an Max Weber mit dem Begriff ‚Ethos’ bezeichnet, bevor er ihn Ende der 1960er Jahre allmählich durch den Begriff ‚Habitus’ ersetzte.20 Der Begriff des ‚Habitus’, der in unterschiedlichen Akzentuierungen bereits von früheren Autoren bis hin zu Aristoteles benutzt wurde21, wird von Bourdieu in systematischer Weise zum ersten Mal 1967 in einem Nachwort zu Erwin Panofskys Gothic Architecture and Scholasticism verwendet.22 Panofskys Sprachgebrauch – Habitus als Kollektives in Form individueller Äußerungsformen (Kunstgegenstände) – folgend und diesen an Noam Chomskys Konzept der generativen Grammatik anschließend, definiert Bourdieu den Habitus „als ein System verinnerlichter Muster […], die es erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur zu erzeugen – und nur diese.“23 Der Habitus als „generative Grammatik der Handlungsmuster“24 ist dem Einzelnen im Unterschied zur grammatischen Kompetenz bei Chomsky allerdings nicht eingeboren, sondern sozial und historisch bedingt.25 Er ist das Resultat eines Verinnerlichungsprozesses äußerer sozialer Strukturen, die bedingt durch Erziehung, Erfahrungen und soziale Klassenzugehörigkeit transformiert werden zu „Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata“26. Der Habitus als System dieser Schemata, die sowohl strukturierte Strukturen als auch strukturierende Strukturen sind27, wird als Verinnerlichtes, Inkorporiertes für den sozia- 19 Vgl. Pierre Bourdieu: Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort von Franz Schultheis. Konstanz: UVK 2000 (édition discours 25). S. 7–20. 20 Vgl. Boike Rehbein / Gernot Saalmann: Habitus (habitus). In: Bourdieu-Handbuch. S. 110–118, hier S. 112. Zur Differenzierung der Begriffe ‚Habitus’ und ‚Ethos’ bei Bourdieu vgl. Markus Schwingel: Bourdieu zur Einführung. Hamburg: Junius 2005. 5., verb. Aufl. S. 176–177, Anm. 54. 21 Zur Begriffsgeschichte vgl. A[lexander] Košenina: Habitus. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hrsg. v. Gert Ueding. Redaktion: Gregor Kalivoda, Heike Mayer, Franz- Hubert Robling, Thomas Zinsmaier. Bd. 3: Eup-Hör. Tübingen: Niemeyer 1996. Sp. 1272–1277. 22 Vgl. Pierre Bourdieu: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Aus dem Französischen von Wolf H. Fietkau. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970 (Theorie). S. 125–158. 23 Ebd. S. 143. 24 Ebd. S. 150. 25 Vgl. Pierre Bourdieu: Der Tote packt den Lebenden. Schriften zu Politik & Kultur 2. Hrsg. v. Margareta Steinrücke. Aus dem Französischen von Jürgen Bolder unter Mitarbeit von Ulrike Nordmann u. a. Hamburg: VSA 1997. S. 62. 26 Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Übersetzt von Günter Seibt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993 (stw 1066). S. 101. 27 Vgl. ebd. S. 98. 17 len Akteur zu einer Art zweiten Natur. Diese körperliche Dimension des Habitus wird von Bourdieu besonders hervorgehoben, denn die inkorporierten habituellen Dispositionen haben nicht nur einen prägenden Einfluss auf die mentalen Strukturen, sondern auch auf Motorik, Sprechweise und Körperhaltung eines Individuums.28 „Als im Körper […] eingelagertes Soziales“29 funktioniert der Habitus als sozialer, praktischer Sinn, mit dem sich die Akteure im sozialen Raum orientieren und Praxisformen hervorbringen können, die situativ abgestimmt sind und dem jeweiligen sozialen Umfeld entsprechen.30 Die Praxisformen, die ein Habitus auf diese Weise generiert, sind systematisch insofern, als sie einerseits objektiv, aber nicht zwingend bewusst bestimmten Zwecken angepasst sind und andererseits ein kohärentes Muster erzeugen, die mit einem bestimmten Stil, einem modus operandi identifiziert werden können, der bestimmte Verhaltensmuster ermöglicht und andere ausschließt: Der Begriff Habitus bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist. Wer z. B. über einen kleinbürgerlichen Habitus verfügt, der hat eben auch, wie Marx einmal sagt: Grenzen seines Hirns, die er nicht überschreiten kann. Deshalb sind für ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar, unmöglich, gibt es Sachen, die ihn aufbringen oder schockieren. Aber innerhalb dieser seiner Grenzen ist er durchaus erfinderisch, sind seine Reaktionen keineswegs immer voraussehbar.31 Als Alternative zur „Zwangsalternative“32 der subjektivistischen Sicht eines frei handelnden Individuums und der objektivistischen Unterwerfung des Subjekts durch gesellschaftliche Zwangsmechanismen verortet die Habitustheorie soziales Handeln in einer relativen Freiheit innerhalb abgesteckter Grenzen als spontane, nicht-intentionale und gleichwohl zweckmäßige Praxis. Dem dennoch erhobenen Vorwurf des Determinismus entgegnete Bourdieu u. a. mit dem Hinweis, dass ein Habitus als geschichtlich entstandenes System dauerhafter Dispositionen niemals starr ist, sondern kontingent, veränderbar und in einem steten Wandel begriffen. Diese Veränder- und Wandelbarkeit kommt dadurch zustande, dass die verinner- 28 Für die körperlichen Aspekte verwendet Bourdieu auch das altgriechische und bei Aristoteles vorkommende Wort für Habitus, ‚Hexis’. Vgl. Gerhard Fröhlich: Habitus und Hexis. Die Einverleibung der Praxisstrukturen bei Pierre Bourdieu. In: Grenzenlose Gesellschaft? […] Bd. II/2. Ad-hoc-Gruppen. Foren. Hrsg. v. Hermann Schwengel unter Mitarbeit von Britta Höpken. Pfaffenweiler: Centaurus 1999. S. 100–102. 29 P. Bourdieu: Rede und Antwort. S. 84. 30 Vgl. Pierre Bourdieu: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Aus dem Französischen von Hella Beister. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998 (es 1985). S. 41–42. 31 P. Bourdieu: Satz und Gegensatz. S. 26–27. Hervorhebung im Original. 32 P. Bourdieu: Praktische Vernunft. S. 85. 18 lichten Strukturen des Habitus sich nur in Beziehung zu externen, objektiven Strukturen realisieren, die Bourdieu als ‚Felder’ bezeichnet.33 1.2 Feld Genau genommen entsteht soziales Handeln kraft des Zusammenspiels zweier „Existenzweisen des Sozialen“, deren eine Seite der Habitus als „Leib gewordene“ Geschichte und deren andere Seite das Feld als „Ding gewordene Geschichte“34 ist. Bourdieu konzeptualisiert die soziale Welt nicht im Sinne einer substanzialistischen Entität (die Gesellschaft), sondern topologisch und relational als sozialen Raum.35 Ähnlich wie für Niklas Luhmann36 sind für ihn moderne westliche Gesellschaften in relativ autonome Teilbereiche ausdifferenziert, die er ‚Felder’ (bzw. ‚Räume’) nennt: politisches Feld, wirtschaftliches Feld, künstlerisches Feld, literarisches Feld (um nur einige zu nennen), die in einem Verhältnis struktureller Homologie37 zueinander stehen. Jedes Feld verfügt über eine individuelle Geschichte, und diese ist objektiviert in Form von Institutionen und inkorporiert in Form der Habitus, d. h. der „Dispositionen und Einstellungen derjenigen, die diese Institutionen am Leben erhalten oder bekämpfen […].“38 In Anlehnung an die Physik definiert Bourdieu Felder als Kräftefelder, die „nach Art eines magnetischen Feldes ein System von Kraftlinien“39 bilden, in „denen um Wahrung oder Veränderung der Kräfteverhältnisse gerungen wird.“40 Dieser Kampf der Akteure, die bestimmte Positionen im Feld besetzen, ist nicht nur Gegenstand, sondern auch Bedingung für das Funktionieren des Feldes. Bei allen Unterschieden und Differenzen, die in den Auseinan- 33 Vgl. Pierre Bourdieu: Antworten auf einige Einwände. In: Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis. Beiträge zur Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Klassentheorie. Hrsg. v. Klaus Eder. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989 (stw 767). S. 395–410, hier S. 406–407. 34 Alle Zitate: Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen. Übersetzt von Bernd Schwibs. Mit einer Bibliographie der Schriften Pierre Bourdieus von Yvette Delsaut. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985 (stw 500). S. 69. 35 Vgl. Pierre Bourdieu / Loïc J. D. Wacquant: Reflexive Anthropologie. Übersetzt von Hella Beister. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996. S. 126–127; P. Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. S. 9–10; P. Bourdieu: Praktische Vernunft. S. 48. 36 Bourdieu selbst hat zwar gewisse Ähnlichkeiten mit Luhmanns Systemtheorie eingeräumt, sich aber zugleich deutlich von diesem Ansatz abgegrenzt. Vgl. P. Bourdieu / L. J. D. Wacquant: Reflexive Anthropologie S. 134–135. Eine Gegenüberstellung der beiden unternimmt der Sammelband: Bourdieu und Luhmann. Ein Theorienvergleich. Hrsg. v. Armin Nassehi / Gerd Nollmann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004 (stw 1696). 37 Bourdieu definiert Homologie als „Ähnlichkeit im Unterschied“ und hebt damit auf „das Vorhandensein strukturell äquivalenter – was nicht heißt: identischer – Merkmale in unterschiedlichen Komplexen“ ab. (P. Bourdieu: Rede und Antwort. S. 155, 155–156). 38 P. Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. S. 35–36. 39 P. Bourdieu: Zur Soziologie der symbolischen Formen. S. 76. 40 P. Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. S. 74. 19 dersetzungen der Akteure zutage treten können, gibt es doch ein einigendes Band, das noch die ärgsten Antagonisten umschließt, nämlich die Anerkennung der Existenz des Feldes, genauer: der „Glaube[] an den Wert dessen, was in diesem Feld auf dem Spiel steht […].“41 Dieser Glaube wird von Bourdieu mit dem Begriff ‚illusio’ bezeichnet, der zum einen den Spiel-Charakter der feldinternen Auseinandersetzungen unterstreicht42, die auf den meist impliziten und von den Teilnehmern stillschweigend akzeptierten Spiel-Regeln eines Feldes basieren.43 Andererseits kehrt der illusio-Begriff die affektive Besetzung des sozialen Spiels hervor sowie die von den Akteuren individuell oder kollektiv erbrachten Einsätze und Investitionen, die aus einer feldexternen Perspektive unnütz, unsinnig, kurz: illusionär anmuten: „Die illusio im Sinne von Investition ins und Besetzung des Spiels wird Illusion, Selbsttäuschung, Zerstreuung im Pascalschen oder Unwahrhaftigkeit im Sartreschen Sinne nur im Blick außerhalb des Spiels, vom Standpunkt des unparteiischen Betrachters aus, der nicht spielt und nichts einsetzt.“44 Die Homologie der Felder als Ähnlichkeit im Unterschied zeigt sich auch daran, dass deren Akteure ihre feldspezifischen Spiele ernst nehmen und an sie glauben, während sie für die Spiele in anderen sozialen Feldern weniger Verständnis aufbringen. Die Spiel-Metapher aufgreifend, lässt sich die Differenz von illusio (Innensicht) und Illusion (Außensicht) besonders gut am Beispiel des Fußballsports illustrieren: Was für die Außenstehenden nicht mehr als eine merkwürdige Veranstaltung darstellt, bei der 22 Menschen sinnlos einem Ball nachjagen, ist für die Beteiligten – nach einem berühmten Ausspruch des Fußball-Trainers Bill Shankly – nicht nur eine Angelegenheit von Leben und Tod, sondern noch wichtiger als das. Dasjenige, was die Akteure in die sozialen Spiele bzw. Kämpfe einsetzen, um ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen, wie auch dasjenige, was in den sozialen Feldern auf dem Spiel steht und worum gerungen wird, ist Kapital. Kapital stellt Verfügungsmacht über eine spezifische Ressource dar, die je nach Feld variiert, wobei der aus der Ökonomie stammende Terminus von Bourdieu erweitert und differenziert wird. Als prominenteste Kapitalsorten bei Bourdieu sind ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital und symbolisches Kapital anzusehen.45 Ökonomisches Kapital meint Produktionsmittel, Grundbesitz und Vermögenswerte, die direkt in Geld umgewandelt werden können. Soziales Kapital ist das Gesamt sozialer Konnexionen in Form von mehr oder weniger institutionalisierten 41 P. Bourdieu: Soziologische Fragen. S. 109. 42 Illusio leitet sich von dem lateinischen Wort ‚ludus’ (dt.: ‚das Spiel’) her. Zu unterscheiden ist die illusio von dem Begriff ‚doxa’, der eine „fraglose[] Unterwerfung“ der Spielenden unter die Gesetze eines Feldes meint. (P. Bourdieu / L. J. D. Wacquant: Reflexive Anthropologie. S. 104). Vgl. auch P. Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis. S. 325. 43 Zur Spiel-Metapher vgl. P. Bourdieu: Rede und Antwort. S. 85. 44 P. Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. S. 75–76. 45 Zu den folgenden Ausführungen vgl. Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Soziale Ungleichheiten. Hrsg. v. Reinhard Kreckel. Göttingen: Otto Schwartz & Co. 1983 (Soziale Welt. Sonderband 2). S. 183–198. 20 Beziehungen (z. B. Zugehörigkeit einer Gruppe). Kulturelles Kapital existiert auf dreierlei Weise: a) als inkorporiertes kulturelles Kapital (z. B. bestimmte erlernte Fähigkeiten wie Fremdsprachenkenntnisse oder die Fähigkeit, ein Musikinstrument spielen zu können), b) als objektiviertes kulturelles Kapital (etwa der Besitz von Gemälden, einer Hausbibliothek etc.) und c) als institutionalisiertes kulturelles Kapital (z. B. Bildungsabschlüsse, akademische Titel). Institutionalisiertes kulturelles Kapital kann nicht von einer Person auf eine andere übertragen werden. Objektiviertes kulturelles Kapital als einverleibte und so zum Habitus gewordene Kompetenz ist ebenfalls an eine Person gebunden und kann ebenso wenig kurzfristig weitergegeben werden wie sie kurzfristig erworben werden konnte. Objektiviertes kulturelles Kapital dagegen ist zwar materiell übertragbar, die symbolische Aneignung eines Kunstwerks zum Beispiel (die spezifische Weise, ein Kunstwerk zu betrachten und darüber zu diskutieren) setzt jedoch wiederum inkorporiertes kulturelles Kapital voraus. Neben dem ökonomischen, dem sozialen und kulturellen Kapital mit seinen Unterarten existiert als weitere wichtige Kapitalsorte das sogenannte symbolische Kapital als „Kapital an institutionalisierter oder nicht-institutionalisierter Anerkennung“46, das auch als Prestige oder Renommee bezeichnet werden kann. Gleichwohl stellt symbolisches Kapital keine eigenständige Kapitalform dar, da es nicht isoliert existieren kann, sondern nur als „wahrgenommene und als legitim anerkannte Form der drei vorgenannten Kapitalien […].“47 Bourdieu hat deshalb auch statt von symbolischem Kapital von „symbolischen Effekten des Kapitals“48 gesprochen. Die von Bourdieu nicht immer trennscharf voneinander abgegrenzten Kapitalsorten sind zum Teil und mitunter zeitversetzt konvertierbar: Soziales Kapital ist konvertierbar in ökonomisches Kapital (z. B. Beziehungen, die zu lukrativen Posten verhelfen) und ökonomisches Kapital ist konvertierbar in (objektiviertes) kulturelles Kapital (z. B. Geld, mit dem prestigeträchtige Kunstgegenstände erworben werden) usw. Auseinandersetzungen um und mittels Kapital finden Bourdieu zufolge sowohl in den einzelnen Feldern wie auch in einem übergeordneten Feld statt, das Bourdieu Macht-Feld nennt. Das Macht-Feld bzw. Feld der Macht ist der Ort, an dem die Kämpfe der Akteure benachbarter Felder, die zugleich Inhaber verschiedener Kapitalsorten sind, zum Austrag kommen, etwa wenn ein Schriftsteller sein kulturelles und symbolisches Kapital in die Waagschale wirft, um den Machthabern des politischen Feldes die Stirn zu bieten, wie Zola in der Dreyfus- Affäre. (Vgl. RK 342, 209–214) In den internen Auseinandersetzungen der Felder hingegen gibt es eine je eigene Hierarchie der Kapitalsorten, d. h. dass jeweils eine Kapitalsorte kursiert, deren Besitz wie Trümpfe in einem Kartenspiel hohe Ge- 46 P. Bourdieu: Rede und Antwort. S. 156. 47 P. Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. S. 11. 48 Pierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Aus dem Französischen von Achim Russer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001. S. 311. Hervorhebung im Original. 21 winnchancen versprechen, während andere Kapitalsorten außer Kurs gesetzt sind.49 Die jeweilige Kapitalstruktur und das jeweilige Kapitalvolumen determinieren die Strategien50 der Akteure im Feld: Diejenigen, die eine herrschende Position einnehmen und ein Monopol auf eine bestimmte gängige Kapitalform besitzen, neigen zu Erhaltungsstrategien, wohingegen diejenigen, die über wenig Kapital verfügen und oft Neulinge im Feld sind, es nicht selten zu häretischen Umsturzstrategien treibt.51 Die relationalen Beziehungen zwischen Häretikern und Orthodoxen, die zu permanenten Kämpfen um Wahrung oder Veränderung des Feldes führen, die gleichzeitig ein Kampf um Deutungshoheit und Festschreibung der Feldgrenzen ist, macht sich insbesondere im literarischen Feld mit seinen permanenten symbolischen Revolutionen und seiner geradezu „institutionalisierte[n] Anomie“ (RK 364) geltend. Die bislang noch recht abstrakt gebliebenen Ausführungen über die Logik der Felder sollen nun am Beispiel der Darlegungen Bourdieus über das literarische Feld konkretisiert und veranschaulicht werden. 1.3 Literarisches Feld Die Relevanz der Bereiche Kunst und Literatur für das Werk Pierre Bourdieus zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Arbeiten, die Bourdieu über diese Themen kontinuierlich verfasst hat52, sie wird auch dadurch ersichtlich, dass seine Konzeption der Feldtheorie nach eigenen Angaben durch die Auseinandersetzung mit Problemen der Literatursoziologie motiviert war.53 Die Homologisierung mit dem religiösen Feld, die sich in Begriffen wie ‚Orthodoxie’, ‚Weihe’ oder ‚Fetische des Glaubens’ ausspricht, drückt zunächst eine Distanz aus54, hinter der sich jedoch eine tief verwurzelte Leidenschaft für künstlerische Avantgarden verbirgt, die Bourdieu mit 49 Vgl. P. Bourdieu / L. J. D. Wacquant: Reflexive Anthropologie. S. 128. 50 Strategien sind für Bourdieu weniger die Folge eines vorausplanenden Kalküls, sondern vom Habitus produzierte „Handlungen, die sich objektiv auf Ziele richten, die nicht unbedingt auch die subjektiv angestrebten Ziele sein müssen.“ (P. Bourdieu: Soziologische Fragen. S. 113). 51 Vgl. ebd. S. 109. Diesen speziell den künstlerischen Feldern eigentümlichen Antagonismus von Orthodoxie und Häresie hat Bourdieu in Homologie zur Religionssoziologie Max Webers und seinen Ausführungen zum Verhältnis von Priester, Prophet und Magier entwickelt. Vgl. P. Bourdieu: Zur Soziologie der symbolischen Formen. S. 112; Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß einer verstehenden Soziologie. Hrsg. v. Johannes Winckelmann. 1. Halbband. Tübingen: Mohr 1976. 5., revidierte Aufl. mit Textkritischen Erläuterungen. S. 259–261, S. 268–275. 52 Vgl. Joseph Jurt: Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieus in Theorie und Praxis. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1995. S. 73, Anm. 6. 53 Vgl. P. Bourdieu: Satz und Gegensatz. S. 20. 54 Vgl. Lutz Raphael: Diskurse, Lebenswelten und Felder. Implizite Vorannahmen über das soziale Handeln von Kulturproduzenten im 19. und 20. Jahrhundert. In: Kulturgeschichte heute. Hrsg. v. Wolfgang Hardtwig / Hans-Ulrich Wehler. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1996 (Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft 16). S. 165–181, hier S. 178. 22 wissenschaftlicher Kälte zu objektivieren trachtet.55 Genauer betrachtet bezieht sich Bourdieus Distanz nicht auf Kunst und Literatur selbst, sondern auf die sakralisierende Betrachtungsweise des ‚numinosen’ Kunstwerks und des ‚demiurgischen’ Schöpfers, mit der Bourdieus Theorie des literarischen Feldes brechen will. Durchaus selbstbewusst hat Bourdieu sein literatursoziologisches Unternehmen in die Reihe der narzisstischen Kränkungen aufgenommen, die Kopernikus, Darwin und Freud mit ihren bahnbrechenden Erkenntnissen den jeweils heliozentrischen, anthropozentrischen und logozentrischen Weltbildern zugefügt haben. (Vgl. RK 12) Entsprechend war das Echo der wissenschaftlichen und feuilletonistischen Kommentatoren hierzulande nicht sehr wohlwollend, verglichen mit den großen historischen Vorbildern nahmen die Reaktionen auf Bourdieus ‚Provokation’ allerdings entschieden moderate Formen an.56 1.3.1 Genese des literarischen Feldes Gleichermaßen Ausgang und Fluchtpunkt dieser Provokation ist das 1992 veröffentlichte Buch Les règles de l’art (dt.: Die Regeln der Kunst, 1999), das eine „Summa“57, ein „Resümee“58 darstellt, in dem Bourdieus vorangegangene Studien über das Feld der Literatur systematisierend vereinigt werden. Dem Untertitel dieses Werks entsprechend untersucht Bourdieu Genese und Struktur des literarischen Feldes in Frankreich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein. Die Ausdifferenzierung eines autonomen literarischen Feldes wird dabei in drei historischen Abschnitten beschrieben, deren erster in der Zeit des Zweiten Kaiserreichs situiert ist. Hier sind die an die Konstitution eines literarischen Feldes gekoppelten Bedingungen eines Literaturmarktes sowie einer nennenswerten Population an Schriftstellern gegeben, die „eine regelrechte Gesellschaft in der Gesellschaft“ (RK 95) bilden und deren Spaltung sich grob drei Fraktionen zuordnen lässt: Zum einen die dem Bürgertum nahe stehenden und sich am Massengeschmack (seichte Fortsetzungsromane und Theaterstücke) orientierenden Vertreter der bürgerlichen Kunst, des Weiteren die zumeist aus beherrschten Klassen sich rekrutierenden und den Realismus propagierenden Befürworter der sozialen Kunst und zu guter Letzt die Exponenten des L’art pour l’art, deren wichtigste Vertreter die Parnassiens um Charles Baudelaire und – auf dem Gebiet des Romans – Gustave Flaubert sind. (Vgl. RK 118–119) Gemeinsam ist den Vertretern dieser reinen Kunst und den Vertretern der sozialen Kunst (die nicht immer eindeutig einer Fraktion zuzuordnen sind) die Ablehnung der kommerziellen bürgerlichen Kunst, die sich in der 55 P. Bourdieu: Ein soziologischer Selbstversuch. S. 121. 56 Vgl. Markus Joch / Norbert Christian Wolf: Feldtheorie als Provokation der Literaturwissenschaft. Einleitung. In: Text und Feld. S. 1–24, hier S. 5–8. 57 J. Jurt: Das literarische Feld. S. 73. 58 M. Schwingel: Kunst, Kultur und Kampf um Anerkennung. S. 110. 23 Verachtung des ‚Bourgeois’59 fortsetzt. (Vgl. RK 132) Ihr Primat der künstlerischen Form unterscheidet die reinen jedoch von den sozialen Künstlern, deren Schaffen von einem gesellschaftlich engagierten Impetus geleitet ist. Besonders gut kommt die (doppelte) Abgrenzung der L’art pour l’art-Vertreter in der ästhetischen Position Flauberts zum Ausdruck, für die er selbst den Ausdruck „das Mittelmäßige gut (be)schreiben“ verwendet hat („Bien écrire le médiocre“60, vgl. RK 157–166), und die namentlich darin besteht, vom Kanon der bürgerlichen Kunst ausgeschlossene mittelmäßige bis niedrige Sujets61 zu wählen und diese mit einer formalen Raffinesse zu gestalten, die weit über die ästhetischen Standards der sozialen Kunst hinausgeht. Ein weiteres entscheidendes Distinktionsmerkmal ist Flauberts Konzept der ‚impassibilité’, seine häufig als amoralisch gewertete auktoriale Neutralität und moralische Teilnahmslosigkeit62, die deutlich der moralisierenden Grundierung der bürgerlichen Kunst wie auch dem sozialkritischen Furor der sozialen Kunst kontrastiert. (Vgl. RK 125–126) Sozioökonomisch basiert diese Position auf einer relativ ökonomischen Unabhängigkeit, die Schriftsteller wie Flaubert u. a.63 davor bewahrte, in die Niederungen der Bohème und somit in Vulgarität und Ressentiment hinabzusinken wie die Realisten, oder sich der Wirtschaft bzw. dem Journalismus anzudienen und sich damit dem Gängelband der öffentlichen Meinung auszuliefern wie die kommerziell-bürgerlichen Literaten. Weniger Ursache als vielmehr Möglichkeitsbedingung, disponiert finanzielle Saturiertheit im Zusammenspiel mit einem anti-bourgeoisen Habitus die reinen Künstler dazu, sich von den Fesseln des Markts und der Nachfrage zu befreien und den Bourgeois „als potentiellen Kunden abzuschaffen.“ (RK 108) Was auf diese Weise erstmals gesellschaftlich zur Existenz gebracht wird, ist die Figur des „modernen Schriftsteller[s] oder Künstler[s] als Vollzeitprofessionellen, der sich seiner Arbeit total und ausschließlich widmet, den Anforderungen und Ansprüchen der Politik und den Imperativen der Moral gleichgültig bleibt und 59 Der ‚Bourgeois’ als Schreckgestalt der Künstler hat seinen Hintergrund in der wirtschaftlichen und industriellen Expansion Frankreichs zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs. Diese verzeichnete einen rasanten ökonomischen Aufstieg kulturloser Parvenüs – Kaufleute und Industrielle –, „die bereit waren, in der gesamten Gesellschaft den Mächten des Geldes und ihre allen geistigen Dingen zutiefst feindlich eingestellte Weltsicht zum Sieg zu verhelfen.“ (RK 84). 60 Gustave Flaubert: Œuvres complètes illustrées de Gustave Flaubert. Correspondance. Texte revisé et classé par M. René Descharmes. Portraits gravés sur bois par M. Achille Ouvré. Tome II (1853–1863). Paris: Librairie de France 1923. S. 122 (Brief v. 12.9.1853). 61 Überdies in Romanform, die seinerzeit als minderwertige Gattung galt. Vgl. RK 147. 62 Vgl. G. Flaubert: Correspondance II. S. 272 (Brief v. 18.3.1857); Gustave Flaubert: Œuvres complètes illustrées de Gustave Flaubert. Correspondance. Texte revisé et classé par M. René Descharmes. Portraits gravés sur bois par M. Achille Ouvré. Tome III (1864–1876). Paris: Librairie de France 1924. S. 87 (Brief v. 15./16.12.1866). 63 Flaubert verfügte nach dem Tod seines Vaters (1846) über ein auskömmliches Erbe, ebenso Baudelaire. Die Brüder Goncourt entstammten dem Provinzadel und Leconte de Lisle war Sohn eines Plantagenbesitzers. (Vgl. RK 140–141). 24 keine andere Schiedsinstanz anerkennt als die spezifische Norm seiner Kunst.“ (RK 127) Der autonome Pol des literarischen Feldes, der sich mit und dank derart disponierten Künstlern herausbildet64, ist einer reinen Ästhetik der Form verpflichtet und gekennzeichnet durch das Prinzip der beschränkten Produktion, deren Erzeugnisse keinem Massenpublikum vorangepasst sind, sondern einzig auf die Anerkennung der „literarischen peer group“ (RK 187. Hervorhebung im Original) und der Nachwelt abzielen. Im Universum der künstlerischen Autonomie, das Bourdieu als „verkehrte ökonomische Welt“ (RK 134) bezeichnet, überwiegt symbolischer Kredit die wirtschaftlichen Profite, die entwertet und gar zum Odium herabgewürdigt werden: „Auf symbolischem Terrain vermag der Künstler nur zu gewinnen, wenn er auf wirtschaftlichem Terrain verliert (zumindest kurzfristig), und umgekehrt (zumindest langfristig).“ (RK 136) Die Konstitutionsphase der Autonomie bringt drei wegweisende Änderungen bzw. Neuerungen zuwege: 1. Die Instituierung des freien Schriftstellers, 2. Die Inversion der Hierarchie der Gattungen (vgl. RK 187–189) und 3. Die Formulierung einer von den Gängelungen der Wirtschaft, der Moral und der Religion befreiten ‚reinen’ Ästhetik. Fernerhin kommt es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Herausbildung einer dualistischen Struktur, die sowohl das literarische Feld als Ganzes wie auch die Subfelder der einzelnen Gattungen polarisiert. Dieser Dualismus schreibt zunächst einmal die Antinomien zwischen dem heteronomen Pol der Massenproduktion mit ihrer Präferierung ökonomischen Kapitals und dem autonomen Sektor der eingeschränkten Produktion mit ihrer einzig als legitim gebilligten Gratifikation symbolischen Kapitals in Form von Anerkennung fort; allerdings konstituiert sich innerhalb des autonomen Sektors ein zweiter Dualismus, der die Arrivierten als etablierte Avantgarde und die Neulinge als noch-nicht-etablierte Avantgarde65 gegeneinander in Stellung bringt. (Vgl. RK 198) Diese Kämpfe dynamisieren sich vor allem um 1900 zu einer Abfolge permanenter symbolischer Revolutionen, die sich in Manifesten und der Ausrufung immer neuer -ismen sowie in einer Art symbolischen Ikonoklasmus überkommener Kunstformen vollziehen. (Vgl. RK 202–205) Bourdieu beschreibt diese „literarische Anarchie“ (RK 202) als einen Mechanismus, der infolge der Autonomisierungsprozesse in der zweiten 64 Die künstlerischen Autonomisierungsprozesse nehmen indes weder mit Flaubert & Co. ihren Anfang, noch sind sie auf das literarische Feld reduzierbar. Vielmehr handelt es sich um eine gemeinsame Anstrengung von Schriftstellern und Malern, allen voran Édouard Manet, der im Bruch mit der Académie des Beaux-Arts nicht nur neue Wahrnehmungsund Repräsentationsmodi in der Malerei, sondern auch eine De-Hierarchisierung des Kunst-Felds durchzusetzen verhalf, mit dem Resultat, dass das Kunst-Feld „aufgehört hat, als ein hierarchisch aufgebauter und von einer Körperschaft kontrollierter Apparat zu funktionieren, und sich allmählich als ein Feld der Konkurrenz um das Monopol auf künstlerische Legitimität ausbildet“. (RK 216. Hervorhebung im Original). 65 Zu Bourdieus Avantgarde-Begriff im Unterschied etwa zu Peter Bürgers Definition in Theorie der Avantgarde (1974) vgl. M. Schwingel: Kunst, Kultur und Kampf um Anerkennung. S. 132–133, Anm. 65. 25 Hälfte des 19. Jahrhunderts der Logik des Feldes eingeschrieben wurde und der grosso modo auch im 20. Jahrhundert noch Gültigkeit besitzt. Um einen Moment aber noch bei der diachronen Entwicklung des literarischen Feldes zu bleiben, so ist für Bourdieu ein weiterer entscheidender Markstein mit dem Namen Émile Zola verknüpft, der in der Affäre um den der Spionage verdächtigten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus sich mit einem offenen Brief an den Präsidenten in der Tageszeitung L’Aurore eingemischt hat. Diese historisch bis dato beispiellose Intervention markiert die „Erfindung des Intellektuellen“ (RK 209), den Bourdieu als jemand definiert, der mindestens in zwei unterschiedlichen sozialen Feldern agiert. Das Besondere des intellektuellen Engagements Zolas ist nach Bourdieu, dass es sich vom üblichen politischen Fortschrittlichkeitsdenken der Künstler und Schriftsteller unterscheidet, das gemeinhin „eher mit ästhetischem Konservatismus im Bunde“ (RK 193) ist. Mit Émile Zola meldet sich jedoch ein Schriftsteller zu Wort, der im literarischen Feld keine beherrschte Stellung einnimmt, sondern dem avantgardistischen Pol zugerechnet werden muss. Überdies, und dies macht für Bourdieu Zolas Erfindung des Intellektuellen überhaupt erst aus, ist Zolas Intervention kein Ordnungsruf im Namen verletzter politischer Spielregeln. Vielmehr beruft er sich mit seiner J’accuse…! titulierten Anklage auf genuine Normen des literarischen Feldes, ja er greift „im Namen der Autonomie eines kulturellen Produktionsfeldes, das zu einem hohen Grad von Unabhängigkeit gegenüber den staatlich-gesellschaftlichen Machtinstanzen gelangt ist“ (RK 210– 211. Hervorhebung im Original) in das Feld der Politik ein. Insistierend auf universale Prinzipien wie Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstlosigkeit, die „Ergebnis der Universalisierung spezifischer Prinzipien seines eigenen Universums“ (RK 211) sind, vollendet Zola einen kollektiven Emanzipations- und Insubordinationsprozess, der sich im Bruch mit der etablierten bürgerlichen Ordnung vollzieht. (Vgl. RK 210) 1.3.2 Struktur des literarischen Feldes Die Prinzipien der Autonomie, die in der Konstitutionsphase „zu einem Großteil noch auf Dispositionen und Handlungen der Akteure beruhen“ (RK 187), haben sich in der Folge im literarischen Feld institutionell objektiviert, etwa in Form von Verlagen und Instanzen der Literaturkritik, die zum Feld der Schriftsteller homologe Sub-Felder bilden. (Vgl. RK 113, 232–234, 464) Bourdieu charakterisiert das literarische (wie auch das künstlerische) Feld als eine „verkehrte Welt“ (RK 100), in der die in anderen sozialen Feldern obwaltenden ökonomischen Zwingkräfte partiell wirkungslos sind und in dem materielles Interesse untergeordnet ist. Wer im literarischen Feld agiert, hat vielmehr „an Interesselosigkeit Interesse“ (RK 342) und zeigt sich den ehernen Grundsätzen des Ökonomismus abhold. Seine Maxime lautet im Gegenteil: „Wer verliert, gewinnt.“ (RK 345. Hervorhebung im Original) Einmal erlangt, ist die relative Autonomie im literarischen Feld allerdings nicht für alle Ewigkeit garantiert, sondern einer beständigen Gefahr ausgesetzt. 26 Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass das literarische Feld (wie alle Felder der kulturellen Produktion) im übergeordneten Macht-Feld eine beherrschte Stellung einnimmt. Symbolisches Kapital, wirkmächtig in den Feldern der künstlerischen Produktion, ist im Feld der Macht sozialem und ökonomischem Kapital untergeordnet. (Vgl. RK 396) Die Autonomie im literarischen Feld ist deshalb nur relativ, weil ökonomische und politische Zwänge kontinuierlich auf es einwirken. Infolgedessen ist das literarische Feld die Stätte einer steten Auseinandersetzung zwischen zwei Prinzipien, dem internen bzw. autonomen Hierarchisierungsprinzip (dem Maßstab der symbolischen Kompetenz und Anerkennung) und dem externen bzw. heteronomen Hierarchisierungsprinzip (dem Maßstab des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgs). Je dominanter das interne Hierarchisierungsprinzip, desto größer ist die Autonomie im Feld, und je größer die Autonomie, desto eindeutiger verläuft die Grenze zwischen autonomen und heteronomen Pol. (Vgl. RK 343– 345) Die Vertreter dieser beiden Pole konstituieren den markantesten Widerspruch im Feld. Auf der einen Seite der ‚reine Schriftsteller’ mit einem kleinen, eingeschränkten Leserkreis, dessen Werke durch lange Rezeptionszyklen gekennzeichnet sind (Bestes Beispiel: der zu Lebzeiten verkannte Dichter, der posthum Klassikerstatus und Aufnahme in den Lesekanon erlangt). Und auf der anderen Seite der ‚kommerzielle Schriftsteller’, dessen Produktion kurzfristig große Leserschaften erreicht, à la longue betrachtet aber schnell der Vergessenheit anheimfällt. Die feldspezifische Differenzierung in ‚reine’ und ‚kommerzielle’ Schriftsteller ist nur eine von vielen Unterscheidungen „in einem Universum, in dem existieren differieren heißt [...].“ (RK 253) Denn noch ausgeprägter als in den anderen sozialen Feldern ist in den künstlerischen Feldern die Neigung zur Distinktion, verstanden als die „Produktion von Unterschieden, die in keinerlei Hinsicht das Produkt der Suche nach dem Unterschied ist.“66 So sind beispielsweise Eigennamen von künstlerischen Schulen und Gruppierungen in erster Linie als Distinktionszeichen anzusehen, mittels deren die mit ihnen Assoziierten im Feld „zur Existenz, d. h. zur Differenz“67 gelangen. Jeder Akteur, der in das literarische Feld eintritt, nimmt eine spezifische Position ein, die sich in Relation zu anderen Positionen befindet. Positionen können gattungsbezogen sein, wie die des innerlichen Lyrikers68, des satirischen Erzählers, des engagierten Dramatikers, des zeitkritischen Romanschriftstellers usw., oder sie 66 P. Bourdieu / L. J. D. Wacquant: Reflexive Anthropologie. S. 130. 67 Pierre Bourdieu: Das literarische Feld. Die drei Vorgehensweisen. In: Streifzüge durch das literarische Feld. Hrsg. v. Louis Pinto / Franz Schultheis. Texte von Pierre Bourdieu, Christophe Charle, Mouloud Mammeri, Jean-Michel Péru, Michael Pollack, Anne-Marie Thiesse. Konstanz: UVK 1997 (édition discours 4). S. 33–147, hier S. 74. 68 Auch wenn an dieser und an anderen Stellen Personengruppen nur mit der männlichen Form bezeichnet werden, sind entsprechende weibliche Vertreterinnen mitzudenken. Der Verzicht auf Binnen-I und Gender Gap erfolgt aus Gründen besserer Lesbarkeit und ist nicht Ausdruck einer androzentrischen Sichtweise. 27 können sich um eine Gruppierung von Produzenten zentrieren, wie z. B. eine Zeitschrift oder ein Dichter-Zirkel. Zwischen allen Positionen bestehen objektive Beziehungen, d. h. dass einer Position eine größere Bedeutung zugemessen wird (z. B. die des Theaterautors gegenüber der des Romanciers zu Flauberts Zeit), oder dass zwei Positionen antagonistisch gegeneinander in Stellung gebracht sind (z. B. in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts die Symbolisten gegen die Naturalisten). (Vgl. RK 365) Jede Position setzt gewisse Dispositionen des Positionsinhabers voraus. Dass die Akteure in der Regel die richtige Position im Feld besetzen, hängt mit einer großen Wahlverwandtschaft zwischen den Erfordernissen einer Position und den dem Habitus zugehörigen Dispositionen zusammen: „Die Homogenität der an eine Position gebundenen Dispositionen und deren scheinbar ans Wunderbare grenzende Angepaßtheit an die in der Position angelegten Anforderungen verdanken sich zum einen den Mechanismen, die Individuen auf Positionen hinlenken, für die sie von vornherein zugeschnitten sind [...]; zum anderen der ein Leben lang währenden Dialektik zwischen Dispositionen und Positionen, Angestrebtem und Erreichtem.“69 Dennoch ist der Fall nicht ausgeschlossen, dass ein Akteur eine Position besetzt, die ihm nicht zukommt und in der er deplatziert wirkt, was unmittelbar eine Reaktion (üblicherweise vonseiten der Literaturkritik) nach sich ziehen würde, mit der er zur Ordnung gerufen wird. Wie bereits erwähnt, sind Positionen durch das Merkmal der Differenz definiert. Dem Raum differenter Positionen entspricht ein Raum homologer differenter Positionierungen, worunter in erster Linie die Werke, aber auch Reden, Interviews und Manifeste zu verstehen sind. (Vgl. RK 366) Positionierungen sind stets auf andere Positionierungen bezogen, und das in dem Maße, in dem die jeweils homologen Positionen aufeinander bezogen sind. Als ein „‚System’ von Gegensätzen“ (RK 368) sind Positionen und Positionierungen sowohl Ergebnis als auch Einsatz von Kämpfen im literarischen Feld. Der Begriff des ‚Kampfes’ ist, wenn auch eher figurativ aufzufassen, neben der Spielmetapher die zentrale Kategorie zur Charakterisierung sozialer Felder. Denn was Felder wie das literarische im Kern ausmacht und was beständig seinen Verlauf und seine Grenzen zu definieren sucht, sind Auseinandersetzungen und Kämpfe, die in erster Linie Definitionskämpfe sind. Gegenstand dieser Kämpfe ist das Monopol auf literarische Legitimität, d. h. die Definition dessen und die Deutungshoheit darüber, was Literatur und was und vor allem wer ein Schriftsteller ist. (Vgl. RK 354) Begünstigt werden die fortwährenden Debatten und Auseinandersetzungen durch die geringe Kodifizierung (d. h. die relativ geringen Zulassungsbeschränkungen) und die schwache Institutionalisierung des literarischen Feldes, speziell das Fehlen einer übergeordneten autoritativen Instanz, die in den Legitimations- und Definitionskämpfen letztinstanzliche Urteile auszusprechen in der Lage ist. (Vgl. RK 364, 366) Dass im literarischen Feld im Gegenteil eine „institutionalisierte Anomie“ (RK 364) herrscht, bedeutet jedoch 69 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Übersetzt von Bernd Schwibs und Achim Russer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987 (stw 658). S. 189. 28 nicht, dass es – zumindest zeitweilig – keinen literarischen nomos70 und keine anerkannten Wortführer gäbe. Über Definitions- und Gestaltungsmacht verfügen stets diejenigen Akteure, die in puncto Kapitalstruktur und Kapitalvolumen (insbesondere der Besitz symbolischen Kapitals) dominant sind. Finden viele dieser Auseinandersetzungen (zumal die über die literarische Legitimität) zwischen Vertretern des autonomen und des heteronomen Pols statt, gibt es innerhalb des autonomen Sektors einen spezifischen Konflikt, der sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit zwischen Neuankömmlingen und der arrivierten Avantgarde entzündet. Bourdieu hat geschichtlich aus den literarischen Avantgardebewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einen Zyklus rekonstruiert, der sich in mehrere Phasen gliedern lässt. (Vgl. RK 400–405) Deren erste ist die sogenannte asketische Phase: Ein Schriftsteller oder eine Schriftstellergruppe mit geringem symbolischen Kapital tritt in das Feld ein und geht auf Konfrontationskurs mit der arrivierten Avantgarde. Sie sind, in Anlehnung an das religiöse Feld (vgl. RK 329), die ‚Häretiker’, die die etablierte Avantgarde in die Rolle der ‚Orthodoxen’ zwingen. In der literarischen Praxis kann sich die Häresie der Neuen in der Wahl vergangener, verdrängter oder verpönter Sujets und Gattungen äußern, die von den Älteren außer Acht gelassen worden sind: „[...] die literarische oder künstlerische Häresie findet gegen die Orthodoxie statt, aber zugleich auch mit ihr: im Namen dessen, was diese einst war.“ (RK 405) Mögen die Häretiker zunächst zwar noch auf Ablehnung und Ächtung stoßen, können sie später dennoch auf breitere Zustimmung hoffen, wenn es ihnen gelingt, die Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien, die ihren Werken zugrunde liegen, zur Durchsetzung im Feld zu verhelfen. Auf die asketische Phase folgt sodann die Phase der Akkumulierung symbolischen Kapitals, verstanden als Zuwachs an literarischem Renommee. Der solcherart anerkannte Schriftsteller (bzw. die Schriftstellergruppe) kann auf der Grundlage des symbolischen Kapitals seine Vorstellung von Literatur zum nomos des literarischen Feldes erheben, wodurch sich seine Strategie ändert: vom Umsturz zur Erhaltung der Ordnung im Feld. Die ehemals als Häretiker aufgetretene arrivierte Avantgarde akkumuliert immer mehr Kapital, das sich zeitversetzt in ökonomisches transferieren lässt, da auch ihr Lesepublikum nicht nur an Umfang zunimmt, sondern bezogen auf den sozialen Raum auch neue Leserschichten erschlossen werden. Den symbolischen und ökonomischen Profiten schließen sich nicht selten weltliche Ehrungen (z. B. feldexterne Auszeichnungen oder öffentliche Posten) an, die einen Wandel in der Lebensweise und sehr viel Argwohn hervorrufen können. Parallel zu diesen Entwicklungen nutzt sich der Erneuerungseffekt, mit dem die Avantgardisten einst angetreten waren, immer mehr ab – ein Prozess, der durch das Auftauchen von Epigonen verstärkt wird –, sodass auf dem Gebiet der Positionierungen ein immer stärker werdender Zug zur Routinisierung und Banalisierung sichtbar wird. Diese nunmehr mit allen Insignien der Orthodoxie dekorierte arri- 70 Unter ‚nomos’ versteht Bourdieu „das Prinzip der legitimen Vision und Division, das Kunst von Nichtkunst“ (RK 364) scheidet. 29 vierte Avantgarde ruft alsbald neue Häretiker auf den Plan, die die in ihren Augen von den Arrivierten desavouierten Ideale der Kunst zu restituieren suchen. Dieser Wandel im literarischen Feld wäre durch Einbezug einer internen und einer externen Perspektive noch zu verdeutlichen. Zum einen ist der Wandel bezogen auf das, was Bourdieu, wenn auch vage, als den ‚Raum des Möglichen’ bezeichnet. Der Raum des Möglichen definiert und begrenzt, je nach Beschaffenheit und Struktur des Feldes, eine endliche Anzahl potenzieller Positionen und Positionierungen. Doch welche Positionierungen ein Akteur realisiert, hängt auch von seinem Habitus, seiner Position und seiner Laufbahn ab, denn jede vorherige Positionierung schließt jene Positionierung aus und macht diese wahrscheinlich. (Vgl. RK 371–372) Entscheidend ist hier sein Standpunkt, d. h. „die Sichtweise, zu der man von einem bestimmten Punkt aus kommt, in dem er [der Autor, Anm. C. W.] einer der aktuell oder virtuell möglichen ästhetischen Positionen im Feld des Möglichen bezieht (und indem er auf diese Weise Position zu den anderen Positionen bezieht).“71 Literarische Innovationen, gar Revolutionen können nur ins Werk gesetzt werden, wenn sie im Raum des Möglichen in Form „struktureller Lücken virtuell bereits existieren, die darauf zu warten scheinen, als potentielle Entwicklungslinien, als Wege möglicher Erneuerung entdeckt zu werden.“ (RK 372. Hervorhebung im Original) Hierbei ist allerdings entscheidend, dass innovative und revolutionäre Hervorbringungen einen Resonanzraum vorfinden müssen, um als solche auch erkannt und anerkannt werden. Das Gelingen von künstlerischen Revolutionen, die in der Regel von den (strukturell, nicht notwendig biologisch) Jüngeren im Feld entfesselt werden (vgl. RK 241, 379), hängt entscheidend davon ab, ob sie von von ihr unabhängigen externen Veränderungen begleitet und unterstützt werden, etwa durch Reformen im Bildungssektor, die sich im Auftauchen neuer Konsumentengruppen niederschlagen können, deren Nachfrage von den Erneuerern gleichzeitig hervorgerufen und bedient wird.72 Wiederum wird deutlich, dass die Wissenschaft von den künstlerischen Werken, die Bourdieus Theorie des literarischen Feldes anstrebt, nicht bei den Werken und ihren Erzeugern stehen bleibt. Die Autoren mögen zwar die Produzenten der Werke in ihrer materiellen Gestalt sein, die Produktion des Werts des Kunstwerks allerdings ist Sache der „Gesamtheit der Akteure und Institutionen, die über die Produktion des Glaubens an den Wert der Kunst im allgemeinen und an den Wert dieses oder jenes Werkes im besonderen an der Produktion des Werts des Kunstwerks mitwirken [...].“ (RK 362) Verleger, Kritiker, Philologen, Buchhändler sowie das Lesepublikum in seiner ganzen Breite sind neben den Autoren Teil eines kollektiven Unternehmens, das mittels der illusio als „dem Glauben an die schöpferische Macht des Künstlers den Wert des Kunstwerks als Fetisch schafft.“ (RK 362, Hervorhebung im Original) Anerkannten Schriftstellern kommt die Macht zur 71 P. Bourdieu: Praktische Vernunft. S. 66. 72 P. Bourdieu: Soziologische Fragen. S. 201. Vgl. auch RK 207–209, 401. 30 Konsekration73 von Kunstwerken zu, d. h. ihnen ist die Fähigkeit gegeben (die passivische Konstruktion ist an dieser Stelle bewusst gewählt), Texte kraft ihres Namens, mit der sie ihre Werke gleichsam signieren, als literarische zu ‚weihen’. (Vgl. RK 239) Diese Konsekrationsmacht funktioniert wie ein Kredit oder eine Bürgschaft, die etablierte Größen im literarischen Feld noch nicht etablierten Autoren zu gewähren imstande sind, etwa in Form von Rezensionen, Vorworten, Kommentaren usw. (Vgl. RK 363–364) Der Prozess der Konsekration, die Bourdieu auch mit bunten Formulierungen wie ‚Transsubstantiation’ und ‚symbolischer Alchimie’ belegt (vgl. RK 238, 271), unterwirft die Schriftsteller einem Ensemble „von Kommentaren und Kommentatoren, die kraft ihrer Reflexion [...] direkt zur Produktion des Kunstwerks beitragen.“ (RK 275) Doch obgleich diese exegetische Entourage nebst Institutionen und sozialen Mechanismen maßgeblich an der Produktion von Sinn und Wert eines Kunstwerks beteiligt ist, verengt sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf den Autor als Ursprung und einigendes Prinzip von Texten74 und belegt derart die Hartnäckigkeit der „im Verlauf des 19. Jahrhunderts ausgearbeitete[n] Berufsideologie vom ungeschaffenen ‚Schöpfer’ [...].“ (RK 458, vgl. RK 463–464) Die Unverbrüchlichkeit dieser Ideologie verdankt sich ironischerweise nicht zuletzt der arbeitsteilig organisierten Struktur der Kunst- und Literaturproduktion, etwa der Existenz von Verlegern und Galeristen, die durch ihr vermeintlich nur von Liebhaberei und Uneigennützigkeit diktiertes Tun dazu beitragen, die Künstler in das schmeichelnde Licht der Interesselosigkeit zu rücken, indem sie sie von der Zumutung befreien, ihre Produkte selbst vermarkten und verbreiten zu müssen. (Vgl. RK 272) Es gehört zur Eigenart des literarischen Feldes – dieses „Universum [...], in dem das einzig Reale der Schein ist“75 –, dass die behauptete Interesselosigkeit stets einzelne Interessen kaschiert. So erfüllen die Kommentatoren, allen voran die Philologen und Literarhistoriker, von Karl Kraus spöttisch als „Spediteure der Unsterblichkeit“76 tituliert, in ihrer Aufgabe der Erhaltung freilich auch den Zweck der Selbsterhaltung: „„Nicht zufällig ist eines der sichersten Indizien für das Bestehen eines Feldes [...] das Auftreten einer ganzen Zunft von Konservatoren: Lebenskonservatoren – die Biographen – und Werk- 73 Zu diesem aus dem Bereich der Religion stammenden Begriff vgl. Florian Schumacher: Bourdieus Kunstsoziologie. Konstanz: UVK 2011. S. 139–140. 74 Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Aus dem Französischen von Walter Seitter. Mit einem Essay von Ralf Konersmann. Frankfurt am Main: Fischer 2003. 9. Aufl. S. 20–22. In diesem Zusammenhang ist der von Foucault geprägte Begriff der ‚Autor- Funktion’ bedeutsam. Vgl. Michel Foucault: Schriften zur Literatur. Hrsg. v. Daniel Defert / François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange. Übersetzt von Michael Bischoff, Hans-Dieter Gondek und Hermann Kocyba. Auswahl und Nachwort von Martin Stingelin. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003 (stw 1675). S. 234–270. Die Diskursanalyse nach Foucault stellt generell in vielerlei Hinsicht ein methodologisches Komplement zur Feld- und Habitustheorie Bourdieus dar. 75 P. Bourdieu: Zur Soziologie der symbolischen Formen. S. 99. 76 Karl Kraus: Schriften. Hrsg. v. Christian Wagenknecht. Bd. 3. Literatur und Lüge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987 (st 1313). S. 315. 31 konservatoren – die Philologen –, Kunst- und Literaturhistoriker [...] – lauter Leute, die ein Interesse an der Erhaltung dessen haben, was im Feld produziert wird, die also ein Interesse daran haben, zu erhalten und sich selbst als Erhaltende zu erhalten.“77 Dieser Aspekt ist für den vorliegenden Untersuchungsgegenstand von besonderer Bedeutung, da insbesondere der ausgewählte Untersuchungszeitraum das Auftauchen einer ganzen Reihe von Konservatoren und konservierenden Unternehmungen verzeichnet, zu denen strenggenommen nunmehr auch die vorliegende Arbeit gehört. 77 P. Bourdieu: Soziologische Fragen. S. 110.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.