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7. Der Wechsel zum Suhrkamp Verlag in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 129 - 146

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-129

Tectum, Baden-Baden
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129 7. Der Wechsel zum Suhrkamp Verlag Die intrikate Situation aus Offerten, Forderungen und langwierigen Verhandlungen ließ Koeppen von einem „EulenspiegelUndKafkaRoman [!] der Verlagsentscheidung“ sprechen. Alte Verbundenheit und eine Vertragsklausel hatten ihn fast zwei Jahre an den Goverts Verlag gekettet, an dessen Zukunft er nicht mehr glauben wollte. In der Gunst um den abtrünnigen Autor konkurrierten neben Suhrkamp u. a. Rowohlt, Piper und der schweizerische Walter Verlag. (Vgl. KU 549) An Alfred Andersch, Autor des Walter Verlags, schrieb Koeppen: „Wahrscheinlich werde ich zu Suhrkamp gehen, wenn ich mich auch beinahe für Rowohlt entschlossen hätte, und Otto Walter war sicher der netteste und ehrlichste von allen.“439 Suhrkamps neuer Verlagschef Siegfried Unseld hatte in einem Brief an Koeppen vom 12. Juni 1959 seine Hochachtung vor dessen Arbeiten bekundet und vor dem Hintergrund der Veränderungen bei Goverts sein Interesse signalisiert, ihn unter Vertrag zu nehmen. Geschickt bewarb er den Suhrkamp Verlag als „geistige Heimat [...], in der Ihre dem Publikum genehmen wie die ihm schwerer zugänglichen Arbeiten gut und lebendig aufgehoben sind.“ (KU 13) Ein klarer Hinweis darauf, dass der Reiseschriftsteller und der Romancier gleichermaßen willkommen waren. Im August kam es zu ersten Treffen in München und Frankfurt. Die Gespräche nahmen einen guten Gang, und Anfang Dezember legte Unseld Koeppen einen unterschriftsreifen Vertrag vor. Aufgrund der Ansprüche des alten Verlags wurde dieser mit wenigen Änderungen erst am 1. Januar 1961 wirksam. (Vgl. KU 30–31) Der Vertrag enthielt, so Unseld, „ein großes Engagement des Verlages [...].“ (KU 17) Nach der Fassung vom 12. Januar 1960 sollte Koeppen zwischen 1961 bis 1963 eine monatliche Summe von 2.000 DM erhalten. (Vgl. KU 17–18, Anm. 2) Die Zahlungen wurden bis zum Frühjahr 1964 fortgesetzt, sodass eine Summe von knapp 80.000 DM erreicht wurde. (Vgl. KU 104) Wie Unseld Peter Weiss verriet, handelte es sich hierbei um „Vorauszahlungen [...], wie sie bisher in der Geschichte des Verlages wohl kaum vorgekommen sind.“440 Koeppen war sich dieser Generosität durchaus bewusst: „Das Engagement des Verlages ist gross. Ich verkenne es nicht.“ (KU 18) Gleichwohl gab es anscheinend finanziell noch lukrativere Angebote; Koeppen erwähnte Andersch gegenüber einen Verleger, der „mit voller Brieftasche“441 lockte, aber aus anderen, ungenannten Gründen nicht in Betracht kam. Der wirtschaftliche Aspekt war für ihn gewiss von großer Bedeutung, aber durchaus nicht alles, worauf es ihm ankam. Koeppen war der Ansicht, dass ein Verlag für einen „Autor nicht nur geschäftliche Basis, vielmehr Erwartung, Verständnis, Freundschaft, Heimat bedeutet.“ (KU 171) Ganz in diesem Sinne bekräftigte Unseld seine Ab- 439 Beide Zitate aus dem Brief Wolfgang Koeppens an Alfred Andersch v. 30.12.1959 (DLA Marbach. A: Andersch, Mikrofiche, Fiche-Nr. 011649). 440 Siegfried Unseld / Peter Weiss: Der Briefwechsel. Hrsg. v. Rainer Gerlach. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007. S. 405. Brief v. 13.1.1965. 441 Wolfgang Koeppen an Alfred Andersch. Brief v. 29.7.1959 (DLA Marbach. A: Andersch, Mikrofiche, Fiche-Nr. 011649). Wer der Verleger war, wird in dem Brief nicht erwähnt. 130 sicht, Koeppen „eine wirkliche Heimstatt zu errichten. Der Vertrag soll Ihnen Sicherheit geben, in Ruhe und Intensität an Eigenem arbeiten zu können.“ (KU 17) Auch Suhrkamps Cheflektor Walter Boehlich beeilte sich, Koeppen den roten Teppich auszurollen: „Bei uns zu sein, soll Ihnen leichter werden als zu uns zu kommen.“442 Der derart Umworbene schrieb anerkennend: „[...] alle Verlagsstimmen sind sehr wohltuend in ihrem Verständnis für die Schwierigkeiten der Lage und in ihrer bedingungslosen Gewährung einer großen Freiheit.“ (KU 54) Koeppen, mittlerweile 53 Jahre alt und immer noch auf den ‚Durchbruch’ wartend, sah in dem Wechsel zu Suhrkamp „die grosse, die letzte Chance meines Lebens [...] so zu arbeiten, wie ich immer arbeiten wollte, und das zu erreichen, was ich als junger Mensch mir erträumte, ohne in verlorenen Jahren immer danach zu streben.“ (KU 18) Koeppens Vorstellungen sicherlich sehr nahe kam die Verlags-Maxime, in langfristigen Zyklen zu planen, anstatt sich auf kurzlebige Bestsellererfolge zu versteifen. Das noch aus der Zeit Peter Suhrkamps stammende Credo des Verlags war, keine Bücher, sondern Autoren zu verlegen: „Es ging Suhrkamp nicht so sehr um das einzelne Werk eines Autors, sondern um die Darstellung seiner Gesamtphysiognomie.“443 So war es nur folgerichtig, dass sich der Verlag auch um die Rechte der vorher bei Goverts erschienenen Bücher bemühte. Diese gingen nach dem Verkauf des Goverts Verlags an den Holtzbrinck-Konzern 1972 an Koeppen zurück. Koeppen schloss daraufhin am 27. Januar 1972 einen Generalvertrag mit dem Suhrkamp Verlag, dem damit das gesamte Werk Koeppens zufiel. Noch im selben Jahr erschienen Das Treibhaus als Taschenbuch und eine Ausgabe der Trilogie unter dem Titel Drei Romane. Es sollten nach über zehn Jahren Verlagszugehörigkeit tatsächlich die ersten Veröffentlichungen sein. Nach Koeppens Tod im Jahr 1996 hat Unseld eine Darstellung lanciert, wonach für ihn am Beginn seiner Beziehung zu Koeppen die Wiederveröffentlichung der Nachkriegsromane vordringlich gewesen sei.444 Diese nachträgliche Akzentverlagerung sollte das factum brutum abschwächen, dass Koeppen in all den Jahren kein neuer Roman entlockt werden konnte. Denn ganz auf die Retrospektive verengt war der Blick des Verlegers 36 Jahre zuvor nicht. Der Vertrag vom 1. Januar 1961 sah die Abgabe neuer Romanmanuskripte für die Frühjahre 1961 und 1962 vor. (Vgl. KU 31, Anm. 1) Unseld war „sicher, uns, Ihnen und dem Verlag, wird das Unternehmen Koeppen glücken“, und in dieser Überzeugung zitierte er eine Redewendung seines Vorgängers Peter Suhrkamp: „Miteinander auf Gedeih und Verderb!“ (Beide Zitate: KU 17) 442 Walter Boehlich an Wolfgang Koeppen. Brief v. 15.1.1960 (WKA 21800). Hervorhebung im Original. 443 Geschichte des Suhrkamp Verlages. 1. Juli 1950 bis 30. Juni 1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990. S. 26. 444 Vgl. Siegfried Unseld: Auf dem Fantasieroß. Der Dichter Wolfgang Koeppen und seine Verleger. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.4.1996. 131 7. 1 Zur Entstehung des Suhrkamp Verlags Als der Suhrkamp Verlag Wolfgang Koeppen am 1. Januar 1961 als neuen Autor begrüßte, konnte er bereits auf eine Riege deutschsprachiger Autoren verweisen, die sich im literarischen Feld einen Namen gemacht hatten oder im Begriff waren, sich einen Namen zu machen: Unter den Lyrikern sind Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger und Karl Krolow zu nennen. (In den Sechzigerjahren folgten noch Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann und Paul Celan.) Wichtige Prosautoren zu jener Zeit waren Martin Walser, Hans Erich Nossack und Max Frisch. 1960 stieß der noch unbekannte Peter Weiss zum Verlag, der in den darauf folgenden Jahren zusammen mit Rolf Hochhuth und Heinar Kipphardt (ebenfalls Suhrkamp-Autor) zu einem der einflussreichsten deutschsprachigen Dramatiker werden sollte. Formal betrachtet war der Suhrkamp Verlag zur Zeit des Eintritts von Wolfgang Koeppen ein noch junges Unternehmen, lag die Gründung doch erst elf Jahre zurück. Tatsächlich jedoch ist seine Geschichte älter, sie beginnt mit dem Engagement des Namensgebers Peter Suhrkamp beim Verlag S. Fischer. Der vorher als Lehrer und Dramaturg tätige Johann Heinrich (genannt Peter) Suhrkamp ging 1929 nach Berlin und arbeitete auf Vermittlung Bertolt Brechts als Bildtexter für das Magazin Uhu des Ullstein-Verlags. Anfang der Dreißigerjahre lernte Suhrkamp Samuel Fischer kennen, der ihn in seinen Verlag holte. Am 1. Januar 1933 übernahm Suhrkamp die Redaktionsleitung der Neuen Rundschau und ab Herbst 1933 gehörte er dem Vorstand des S. Fischer Verlags an. Im Jahr 1934 verstarb Samuel Fischer, Nachfolger wurde sein Schwiegersohn Gottfried Bermann-Fischer. Dieser übernahm den Verlag in schwieriger Zeit. Die Gleichschaltungs- und Arisierungsmaßnahmen der Nationalsozialisten bedrohten den Verlag, der aufgrund seiner jüdischen Eigner und regimekritischer Autoren wie Thomas Mann den neuen Machthabern ein Dorn im Auge war. Eine Zerschlagung des Verlages kam aufgrund des großen internationalen Renommees vorläufig nicht in Betracht. Stattdessen erzielte Bermann-Fischer mit dem Propagandaministerium eine Abmachung, der zufolge seine Familie das Land verlassen durfte, während die Publikation der Werke der unerwünschten Autoren für das Ausland freigegeben wurde. Der in Deutschland verbleibende Teil umfasste hingegen diejenigen nichtjüdischen Autoren, deren Werke beim Regime noch keinen Anstoß erregt hatten. Peter Suhrkamp erwarb 1936 als persönlich haftender Gesellschafter einer Kommanditgesellschaft den S. Fischer Verlag und führte diesen durch das ‚Dritte Reich’.445 Die Nationalsozialisten begleiteten Suhrkamp gleichwohl mit Argwohn. 445 Auf Suhrkamps Rolle als Verleger im Nationalsozialismus kann hier nicht näher eingegangen werden. Verwiesen sei stattdessen auf folgende Darstellungen: Falk Schwarz: Die gelenkte Literatur. Die „Neue Rundschau“ im Konflikt mit den Kontrollstellen des NS- Staates und der nationalsozialistischen ‚Bewegung’. In: Die deutsche Literatur im Dritten Reich. Themen – Traditionen – Wirkungen. Hrsg. v. Horst Denkler / Karl Prümm. Stuttgart: Reclam 1976. S. 66–82; Reiner Stach: 100 Jahre S. Fischer Verlag 1886–1986. Kleine Verlagsgeschichte. Frankfurt am Main: S. Fischer 1986. S. 141–147. 132 Sein Verlag galt ihnen bald als Herd geistigen Widerstands. Ein Agent der Gestapo wurde auf Suhrkamp angesetzt. 1944 verhaftete man ihn und klagte ihn wegen ‚Landes- und Hochverrats’ an. Suhrkamp wurde ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht, wo man ihn, von schwerer Krankheit gezeichnet, im Februar 1945 wieder entließ.446 Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Suhrkamp für seinen Verlag, der 1942 von den Nationalsozialisten umbenannt wurde in Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer, von der britischen Militärregierung als erster deutscher Verleger die Lizenz. (Aufgrund der politisch schwierigen Situation in Berlin gründete Suhrkamp unter seinem Namen 1946 einen zweiten Verlag in Frankfurt.) Mit dem aus dem Exil zurückkehrenden Gottfried Bermann-Fischer kam es nach anfänglich guter Kooperation zu Kompetenzstreitigkeiten und Differenzen hinsichtlich der zukünftigen Ausrichtung des Verlags. Bermann-Fischer warf Suhrkamp ein elitäres Verlegerverständnis vor, während ihm ein breiter aufgestelltes, ‚demokratischeres’ Verlagsprofil vorschwebte.447 Ab dem Jahr 1949 sann Bermann-Fischer darauf, Suhrkamp auszubooten. Dieser war stets gewillt, den von ihm treuhändig geleiteten Verlag wieder seinen früheren Eigentümern zu übergeben. Einige der Verlagsautoren, allen voran Hermann Hesse, bedrängten Suhrkamp jedoch, seinen Posten in der Verlagsleitung nicht aufzugeben. Die Angelegenheit war 1950 auf bestem Wege, vor Gericht zu landen. Aus Sorge vor einer langwierigen juristischen Auseinandersetzung wurde im letzten Moment ein Vergleich angestrebt: Die beiden Verlage in Frankfurt und Berlin gingen in den Besitz der Familie Fischer über. Allen der seit 1936 von Suhrkamp betreuten Autoren wurde die Entscheidung anheimgestellt, ob sie beim S. Fischer Verlag bleiben oder zu einem neuen von Suhrkamp zu gründenden Verlag wechseln wollen. Von 44 Autoren votierten 30 für Suhrkamp, darunter Rudolf Alexander Schröder, Hermann Kasack, Bertolt Brecht und natürlich Hermann Hesse. George Bernhard Shaw hatte bereits vorab erklärt, dass für ihn nur Suhrkamp als sein deutscher Verleger in Frage komme.448 Am 1. Juli 1950 wurde der Suhrkamp Verlag gegründet. Sein Hauptsitz war Frankfurt am Main; eine kleine Dependance wurde in Berlin eröffnet. Die Entscheidung der 30 Fischer-Autoren für Suhrkamp war für den neuen Verlag von doppelt wichtiger Bedeutung. Einerseits konnte er mit den Autorenrechten eine 446 Vgl. Peter Suhrkamp. Zur Biographie eines Verlegers in Daten, Dokumenten und Bildern vorgelegt von Siegfried Unseld unter Mitwirkung von Helene Ritzerfeld. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975 (st 260). S. 101–108. 447 Vgl. Gottfried Bermann-Fischer: Bedroht – bewahrt. Weg eines Verlegers. Frankfurt am Main: Fischer 1981. 2. Aufl. S. 319. 448 Vgl. Friedrich Voit: Der Verleger Peter Suhrkamp und seine Autoren. Seine Zusammenarbeit mit Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder, Ernst Petzoldt und Bertolt Brecht. Kronberg im Taunus: Scriptor 1975 (Theorie – Kritik – Geschichte 6). S. 19–43. Ausführlicher bei Corinne Michaela Müller: Ein bedeutendes Stück Verlagsgeschichte – Die Trennung der Verlage Suhrkamp und S. Fischer im Jahre 1950. Diss. masch. Heidelberg 1989. S. 136–214. 133 Backlist bilden, was für einen jungen Verlag in der Nachkriegszeit geradezu eine Bedingung wirtschaftlichen Überlebens darstellte.449 Andererseits war es dank dem symbolischen und sozialen Kapital der Autoren möglich, finanziell potente Gesellschafter zu finden. Auf Vermittlung Hermann Hesses unterstützten die Unternehmer Peter und Balthasar Reinhart Suhrkamp mit einem Darlehen und traten dem Verlag nach der Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft als stille Teilhaber bei. Die Familie Reinhart blieb bis zum Ausstieg Andreas Reinharts im Jahre 2006 dem Verlag treu und ließ den jeweiligen Verlagschefs bei literarischen Angelegenheiten weitgehend freie Hand. 7. 2 Profil und Programm Nach Bourdieu ist ein wichtiges Merkmal zur Unterscheidung von Verlagshäusern, welchen Anteil sie einerseits Werken einräumen, die sofort, dafür aber lediglich über einen kurzen Zeitraum ein Publikum finden und andererseits Werken, die nur langfristig, dafür aber dauerhaft gefragt sind. (Vgl. RK 232) Auch auf die wirtschaftliche Gefahr hin, dass es sich bei letzteren um Bücher handelt, „nach denen noch niemand gefragt hat – und nach denen möglicherweise zu Lebzeiten der Beteiligten niemand fragen wird.“450 Der Suhrkamp Verlag war von Anfang an als ein Verlag ausgerichtet, „der sich an der Jagd nach bloßen Bestsellern nicht beteiligt [...]“451, ein Verlag, bei dem die langen Produktionszyklen die kurzen überwiegen: „Ein literarischer Verlag baut nicht auf Einzelbücher, schon gar nicht auf Bestseller; die Bestseller-Listen von heute sind oft Friedhofstafeln von morgen.“452 Die Zurücksetzung ökonomischer Profite zugunsten der symbolischen des Prestiges schließt langfristig gesehen jene allerdings nicht aus, denn „in einer Verlagsökono- 449 Vgl. Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. Ein Überblick. München: Beck 1991. S. 369. „Von den zum Zeitpunkt der Währungsreform lizenzierten rund 850 Verlagen waren jedenfalls 1955 nach der sogenannten ‚Reinigungskrise’ des Buchhandels bereits ein Drittel vom Markt verschwunden, während Altverleger wie C. H. Beck, Bruckmann, Callwey oder Franz Schneider wieder Positionen als Marktführer einnehmen konnten. [...] Aus noch weiterem Abstand hat sich sogar gezeigt, daß auch längerlebige Neugründungen der Nachkriegszeit [...] trotz ihres Profils ohne ‚Backlist’ älterer Verlags auf die Dauer dem Konkurrenzkampf mit ihren alteingesessenen Kollegen nicht gewachsen waren.“ (Hannes Schwenger: Buchmarkt und literarische Öffentlichkeit. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 10. S. 99–124, hier S. 105–106). 450 Hans Altenheim: Autor, Buchmarkt, Literaturförderung. In: Sprache im technischen Zeitalter 28 (1990). H. 116. S. 294–297, hier S. 295. 451 Siegfried Unseld: Der Autor und sein Verleger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985 (st 1204). S. 20. 452 Ebd. S. 41. 134 mie, die als eine ‚verkehrte’ Ökonomie verstanden werden kann, bleibt das Prestige ein wesentlicher, irreduzibler Garant wirtschaftlichen Erfolgs.“453 Durch die Übernahme der Fischer-Autoren verfügte der Suhrkamp Verlag von Beginn an über symbolisches Kapital, das ein neugegründeter literarischer Verlag erst mühsam akkumulieren muss. Infolgedessen war es möglich, ziemlich früh in die Phase der Nutzung dieses Kapitals zu treten, für die zwei unterschiedliche Strategien typisch sind, „wobei die eine an der Produktion und am Experiment ausgerichtet ist [...], die andere an der Vermarktung der Backlist und dem Vertrieb der kanonisierten Produkte [...].“ (RK 233) Beispielhaft für die zweite Strategie ist die 1951 gegründete Reihe Bibliothek Suhrkamp, die parallel zum Hauptprogramm geführt wurde. Die Bibliothek Suhrkamp war konzipiert als eine „Bibliothek der Klassiker der Moderne“454, deren Autoren sich bereits bewährt hatten. Die Bände waren zwar schmal und preiswert, in ihrer Aufmachung hoben sie sich indes deutlich ab von wohlfeilen Taschenbuchreihen, beispielsweise des Rowohlt Verlages455, und wandten sich weniger an die große Masse denn an eine „Leser-Elite“456 (Peter Suhrkamp). Zum optischen Äquivalent dieses Elitebewusstseins wurde die einheitliche, zugleich klassische und moderne Umschlaggestaltung von Willy Fleckhaus. Auch sie verhalf der Bibliothek Suhrkamp zu jenem konsekrativen Charakter, der im Kern auf Reziprozität basiert: Die in ihr vertretenen Werke und Autoren nobilitierten die Reihe, und schon bald nobilitierte die Reihe die in ihr aufgenommenen Autoren und Werke. Im Hauptprogramm hingegen setzte der Suhrkamp Verlag bereits in den ersten Jahren auf riskante Investitionen. Darunter fielen allerdings weniger Debüts von radikalen Neuerern, sondern Publikationen, wie die fünfbändige Gesamtausgabe Rudolf Alexander Schröders (1952) oder der erstmals komplett ins Deutsche übertragene Romanzyklus À la recherche du temps perdu von Marcel Proust (dt.: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 1953–57, zuerst: 1913–27). Garanten für das ökonomische Überleben waren anfänglich die Bücher Hermann Hesses, später dann die von Max Frisch und Bertolt Brecht.457 Es dürfte bis hierhin deutlich geworden sein, dass der Suhrkamp Verlag insgesamt für eine ästhetisch gemäßigte Modernität stand. Unter den Publikumsverlagen nahm er von seinem Profil her eine mittlere Stellung ein. Auf der einen Seite 453 Hervé Serry: Symbolisches Kapital und intellektuelle Affinität im Feld der Verlage. Der Fall der Editions du Seuil (1935–1975). In: Text und Feld. S. 277–290, hier S. 277. Vgl. auch RK 228–249. 454 Siegfried Unseld: Kleine Geschichte der Bibliothek Suhrkamp. In: Geschichte des Suhrkamp Verlages. S.233–253, hier S.253. 455 Vgl. R. Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik. S. 84–85; Ludwig Fischer: Literarische Kultur im sozialen Gefüge. In: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 10. S. 142–163, hier S. 154–155. 456 Hermann Hesse / Peter Suhrkamp: Briefwechsel 1945–1959. Hrsg. v. Siegfried Unseld zum 31. März 1969. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1969. S. 179. Brief v. 4.8.1951. 457 Vgl. R. Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. S. 383. 135 gab es große Verlagshäuser wie Fischer oder Rowohlt, deren Verlagsprogramme weit aufgefächert waren. Diesen gegenüber standen Kleinverlage wie Stahlberg oder Walter, in den Sechzigerjahren Wagenbach und der österreichische Residenz Verlag, die sich mit einem dezidiert gesellschaftspolitischen bzw. avantgardistischen Programm positionierten.458 Die mittlere Position des Suhrkamp Verlags hat Siegfried Unseld 1959 so beschrieben: „Er ist ja kein Verlag, der ausschließlich auf Avantgarde oder gar Avant-Avantgarde oder auch nur auf junge oder jüngste Autoren eingestellt ist. Und dann ist er auch nicht so groß, daß seine Produktion, wie bei manchen Großverlagen, in die Gefahr des Unpersönlichen, rein Mechanischen und bloß Kommerziellen geriete.“ (KU 13) Diese Mittelstellung zeigte sich betriebswirtschaftlich in einer Mischkalkulation, programmatisch in einer „Amalgamierung von jungen und alten Autoren, von gut und mit Sicherheit schlecht oder auch nicht absetzbaren Büchern [...].“459 Dominierten in der Konstitutionsphase durchaus zeittypisch460 Autoren konservativen Gepräges (z. B. Niebelschütz, Schröder, Kasack), kristallisierte sich in der Folgezeit eine gemäßigte „elitär-linksintellektuelle Grundtendenz“461 heraus. Zu dieser Tendenz trug in mindestens demselben Maße wie das belletristische Programm das geisteswissenschaftlich-theoretische Segment des Verlags bei. Zu den frühen Publikationen des Verlags gehörten die Essaybände Berliner Kindheit um Neunzehnhundert von Walter Benjamin (1950) und Minima Moralia von Theodor W. Adorno (1951). Diese beiden Namen stehen für eine Wiederanknüpfung an eine deutschjüdische Geistestradition, die später mit der Aufnahme von Autoren wie Ernst Bloch und Gershom Sholem intensiviert wurde. In den Sechzigerjahren baute der Suhrkamp Verlag seine theoretisch-essayistische Sparte systematisch aus. Dank Autoren wie den genannten und neuhinzugekommenen wie Herbert Marcuse, Alexander Mitscherlich und Jürgen Habermas wurde er zum führenden Verlag für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, der das intellektuelle Leben in der Bundesrepublik entscheidend mitprägte. Zur wichtigen diskursiven Plattform sollte die 1963 initiierte Taschenbuchreihe edition suhrkamp werden, die sowohl literarische als auch theoretische Texte brachte und von Habermas wie folgt charakterisiert wurde: „Die e. s. [edition suhrkamp, Anm. C. W.] repräsentiert mit einer gewissen Überprägnanz einen Zug der intellektuellen Entwicklung, von dem man 458 Vgl. O. Lorenz: Die Öffentlichkeit der Literatur. S. 44. Wagenbach verlegte u. a. Biermann, Delius und Karsunke, der Residenz Verlag Artmann, Achleitner, Jonke und die ersten Erzählungen von Thomas Bernhard. 459 S. Unseld: Der Autor und sein Verleger. S. 41–42. 460 Im Hanser Verlag, der nach 1945 nationalkonservative Autoren wie Friedrich Georg Jünger und Emil Strauß verlegte, sperrte man sich lange gegen die jüngere deutschsprachige Literatur. Dies änderte sich Mitte der Fünfzigerjahre, als sich der Verlag unter dem Einfluss der Herausgeber der ästhetisch progressiven Literaturzeitschrift Akzente, Hans Bender und Walter Höllerer, der Gegenwartsliteratur annäherte. Vgl. Reinhard Wittmann: Der Carl Hanser Verlag 1928–2003. Eine Verlagsgeschichte. München; Wien: Hanser 2005. S. 103–157. 461 O. Lorenz: Die Öffentlichkeit der Literatur. S. 45. 136 sagen kann, daß er im Nachkriegsdeutschland dominiert hat: ich meine den dezidierten Anschluß an Aufklärung, Humanismus, bürgerlich radikales Denken, an die Avantgarden des 19. Jahrhunderts – die ästhetischen wie die politischen.“462 Die edition suhrkamp, äußerlich untermauert durch die einheitliche und heute ikonische Umschlaggestaltung von Willy Fleckhaus, half dabei mit, dass Suhrkamp wie kaum ein anderer westdeutscher Verlag einen hohen Grad an inhaltlicher Konsistenz und geistiger Identität erlangte, für den sich ab den Siebzigerjahren der Begriff der ‚Suhrkamp Kultur’ einbürgerte. Ihren Ursprung verdankte die Formulierung einer Rezension des Literaturwissenschaftlers George Steiner463, die die Marketingabteilung des Suhrkamp Verlags geschickt für ihre Zwecke zu nutzen verstand. Dass Steiner mit ‚Suhrkamp Kultur’ nicht unbedingt (nur) das meinte, was man heute gemeinhin unter dieser Bezeichnung versteht464, war dabei nicht weiter von Belang. Der Begriff der ‚Suhrkamp Kultur’ hat bis heute unterschiedliche Facetten und Konnotationen465, aber er weist immer auch auf das immense Renommee des Verlags. Es ist kein Zufall, dass der mit ihm verbundene kritische gesellschaftliche Impuls konvergent ist mit der mentalen Struktur seiner Verlegerpersönlichkeiten, die beide in unterschiedlicher Form über einen „pädagogischen Eros“466 verfügten. Peter Suhrkamp, der „praeceptor Germaniae“467 (Hermann Hesse), der nach dem Krieg den Deutschen die klassische moderne Literatur nahebringen wollte und Siegfried Unseld, der sich als Verleger nach ’68 mit dem Widerspruch zwischen ökonomischem Interesse und gesellschaftlicher Emanzipation konfrontiert sah. 7. 3 Siegfried Unseld Nach dem Tod Peter Suhrkamps im Jahr 1959 rückte an seine Stelle der bisherige Gesellschafter Siegfried Unseld, der den Verlag im Geiste seines Gründers weiterführte, ohne den weiteren Ausbau zu vernachlässigen. Unseld konnte bereits in den ersten Jahren für eine signifikante Umsatzsteigerung sorgen468 und wurde im Feuil- 462 Jürgen Habermas: Einleitung. In: Stichworte zur ‚Geistigen Situation der Zeit’. Hrsg. v. Jürgen Habermas. 1. Band: Nation und Republik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979 (es 1000). S. 7–35, hier S. 7–8. 463 George Steiner: Adorno: Love and Cognition. In: Times Literary Supplement v. 9.3.1973. 464 In seiner Besprechung der Gesammelten Schriften Adornos kritisierte Steiner den Suhrkamp Verlag dafür, die Gesamtausgabe auf monumentale 20 Bände aufgeblasen und dabei Neben- und Gelegenheitsarbeiten eines Autors aufgenommen und somit potenziell kanonisiert zu haben, der stets auf das Fragmentarische und Transitorische seiner Texte hinwies. Vgl. Peter Michalzik: Unseld. Eine Biographie. München: Blessing 2003 (btb 73120). S. 208–210. 465 Vgl. ebd. S. 322–323. 466 S. Unseld: Die Aufgaben des literarischen Verlegers. S. 53. 467 Hermann Hesse - Peter Suhrkamp. Briefwechsel 1945–1959. S. 10. Brief v. 27.11.1945. 468 „Aus einem kleinen Qualitätsverlag mit ½ Million Jahresumsatz, der sich bewußt Beschränkungen auferlegte, ist unter der Leitung von Dr. Unseld ein großes Unternehmen 137 leton mit spöttischem Unterton als „der sportlich-braungebrannte Starverleger des neuen Jung-Deutschland“469 gefeiert. Ihm gelang es, den Suhrkamp Verlag zügig zu modernisieren und zu einem der führenden Publikumsverlage der Bundesrepublik zu machen. Maßgeblich für seinen verlegerischen Erfolg waren Maßnahmen, die sich in Stichworten wie folgt zusammenfassen lassen: - Ausbau des Verlagsbereichs für Rechte und Lizenzen, - Intensivierung des Kontakts zum Sortimentsbuchhandel (Reorganisation des Außendienstes, persönlicher Kontakt zu führenden Sortimentsbuchhändlern, Übernahme von Buchhandlungen), - Aufbau einer modernen Werbeabteilung (Verteilung von Prospekten und Newslettern in großer Zahl, Reformierung des Anzeigenwesens, Direktwerbung), - Überarbeitung alter und Einführung neuer Reihen (Neugestaltung der Bibliothek Suhrkamp, Gründung von Taschenbuchreihen, z. B. edition suhrkamp, suhrkamp taschenbuch und suhrkamp taschenbuch wissenschaft), - Etablierung der ‚Marke’ Suhrkamp (Branding, Suhrkamp = kritisch-intellektuellaufgeklärt, Aufbau von Autoren zu Markenartikeln), - Expansion (Übernahme des Insel Verlags und des Jura-Verlags August Lutzeyer samt eigener Druckerei 1963, Gründung des Deutschen Klassiker Verlags 1979 und Angliederung des Jüdischen Verlags 1990), - Netzwerkpflege (Kontakt zu Multiplikatoren und einflussreichen Instanzen des Literaturbetriebs), - Initiierung literarischer ‚Events’ (Kritikerempfänge, Suhrkamp-Verlagsabende, Dramatikertreffen).470 Unselds mannigfaltige Modernisierungs- und Expansionskampagnen bewegten sich stets im Spannungsfeld wirtschaftlichen Kalküls und der Wahrung suhrkampscher Maximen. Siegfried Unseld war sich dieser Ambivalenz, der „janusköpfigen Tätigkeit des Verlegers“471, durchaus bewusst. Mehrfach zitierte er Brechts Formulierung geworden mit 112 Bänden Jahresproduktion und einem Umsatz von 7 Millionen (1964).“ (Fritz J. Raddatz: Tradition und Kommerz. Zur Situation des Verlagswesens. In: Der Monat 18 [September 1966]. H. 216. S. 13–28, hier S. 14). Zum Vergleich: Im Jahr 1959 erwirtschaftete der Verlag einen Umsatz von 800.000 DM und veröffentlichte rund 30 Bücher. Vgl. P. Michalzik: Unseld. S. 104. 469 Urs Jenny: Legenden über Literatur und Theater. Zu Diskussionsabenden mit Siegfried Unseld und Hans Daiber. In: Süddeutsche Zeitung v. 17.5.1965. 470 Nach der Darstellung von Gerlach. Vgl. Rainer Gerlach: Die Bedeutung des Suhrkamp Verlags für das Werk von Peter Weiss. St. Ingberg: Röhrig Universitätsverlag 2005 (Kunst und Gesellschaft. Studien zur Kultur im 20. und 21. Jahrhundert 1). S. 64–66, 306–319. 471 S. Unseld: Der Autor und sein Verleger. S.14. 138 vom Buch als der „geheiligten Ware“472: „Ich kenne keine schönere und zugleich treffendere Definition des ‚Buches’ als diese paradoxe Zusammenführung von ‚Geheiligtem’ und ‚Ware’. Die Paradoxie besteht, seit es das Buch gibt; jeder Schriftsteller, Verleger, Buchhändler weiß es.“473 Bei keinem anderen Akteur des literarischen Feldes ist die Paradoxie indes so ausgeprägt wie bei einem Verleger, der gegensätzliche, ja einander ausschließende Eigenschaften besitzen muss: „Realismus, der minimale Konzessionen an die verleugneten (und nicht negierten) ‚ökonomischen’ Notwendigkeiten beinhaltet, und ‚interesselose’ Überzeugung, die diese ausschließt.“ (RK 240) Die von Unseld und Bourdieu diagnostizierte Janusköpfigkeit der Verleger besteht darin, dass sie Dispositionen mitbringen müssen, die sie zu Ebenbildern und gleichzeitig zu Gegenbildern der Autoren machen: „ökonomische, die in manchen Sektoren des Feldes den Produzenten völlig fremd sind, und intellektuelle, mit denen sie den Produzenten nahestehen, deren Arbeit sie ja auch nur in dem Maße ausnutzen können, in dem sie sie zu schätzen und zur Geltung zu bringen wissen.“ (RK 343) Besaß Siegfried Unseld beide Dispositionen und waren sie in seiner Persönlichkeit ausbalanciert? Seine Wirtschafts- und Marketingkompetenz stand nie ernsthaft in Frage. Das Buchhandels- und Verlagsgeschäft erlernte Unseld von Grund auf. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, war er mehr noch als sein Vater eine Aufsteigernatur.474 Nachdem er im Jahr 1942 18-jährig zur Marine eingezogen wurde, holte Unseld nach dem Krieg das Abitur nach und begann eine Ausbildung zum Buchhandelsgehilfen im Ulmer Aegis-Verlag. Nach der Ausbildung wechselte er 1947 zum Wissenschaftsverlag J. C. B. Mohr in Tübingen und begann ein Studium, das er 1951 mit einer Promotion über Hesse abschloss. Im selben Jahr trat Unseld in den Suhrkamp Verlag ein – zunächst als ‚Mädchen für alles’ in den Bereichen Produktion, Vertrieb und Werbung. Dank seinem Geschick und der Förderung durch Hermann Hesse stieg er 1955 zum Lektor und Prokuristen auf. Am 1. Januar 1958 wurde Unseld zum Komplementär ernannt und war damit Peter Suhrkamp formal gleichgestellt. Die Nachfolgeregelung für den schwer kranken Verlagsgründer war dadurch vorentschieden. In den Porträts und Charakterisierungen Siegfried Unselds herrscht das Bild des vitalen Tatmenschen vor. ‚Energisch’, ‚willensstark’, ‚sportlich’, ‚dynamisch’, ‚ehrgeizig’ – das dürften die Attribute sein, die ihn am häufigsten zugeschrieben wurden. Doch seine Hexis, angefangen von der wuchtigen Statur bis zum leicht abgehackten Sprachduktus475, wirkte fremdartig auf die asketisch-feingliedrigen 472 Bertolt Brecht: Leben des Galilei. In: Ders.: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 3. Stücke 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967 (werkausgabe edition suhrkamp). S. 1228– 1345, hier S. 1339. 473 Siegfried Unseld: Goethe und seine Verleger. Frankfurt am Main; Leipzig: Insel 1991. S. 661, Anm. 2. 474 Der Vater Ludwig Unseld hatte es in seiner beruflichen Laufbahn vom Hilfsschreiber zum Verwaltungsobersekretär gebracht. Vgl. P. Michalzik: Unseld. S. 19. 475 Vgl. ebd. S.169. 139 Vertreter der Geistesaristokratie, die auf den ungestümen Erfolg des „braungebrannten Starverlegers“ mit filigraner Bösartigkeit reagierten. In Teilen des Literaturbetriebs und selbst im eigenen Verlag wurde Unseld als intellektualisierender Parvenü mit dem Erscheinungsbild eines Skilehrers beargwöhnt476, seine wenigen dichterischen Versuche wurden bestenfalls belächelt.477 Um sich dennoch als literarischer Sachverständiger zu präsentieren, nutzte Unseld seine guten Kontakte zu Periodika-Herausgebern und veröffentlichte in regelmäßigen Abständen literaturhistorische Aufsätze.478 Höhepunkt dieser Bemühungen war die beinahe 800 Seiten umfassende Studie Goethe und seine Verleger (1991), auf die Unseld 12 Jahre Arbeit verwandte. Unselds Zugang zur Literatur war, vermutlich geprägt durch seine frühe Hesse-Lektüre, hauptsächlich identifikatorischer Natur. Im Umgang mit Schriftstellern und ihren Werken bewies er ein großes Maß an Einfühlungsvermögen, das sich gegenüber den mitunter schwierigen Verlagsautoren in einer erstaunlichen Langmütigkeit äußern konnte. Unseld pflegte, die mittlerweile edierten Briefbände belegen es479, einen kontinuierlichen, mitunter intensiven und freundschaftlichen480 Austausch mit seinen Autoren. Er verstand sich nicht allein als ihr Geschäfts- 476 Vom niederländischen Schriftsteller Adriaan Morriën ist die stichelnde Bemerkung überliefert, Unseld wirke „wie ein Rugbyspieler, den ein Backfisch zu den schönen Künsten bekehrt habe […].“ (H. Heißenbüttel: Nachruf auf die Gruppe 47. S. 37). Hans Christoph Buch hat vor einigen Jahren bekannt, Unseld ähnlich eingeschätzt zu haben: „[…] im Umgang mit Siegfried Unseld hatte ich eher das Gefühl, einem Skilehrer oder Bademeister zu begegnen, als einem feinsinnigen Literaten, und habe dessen Genius als Verleger, aber auch seine intellektuelle Kapazität unterschätzt.“ (Hans Christoph Buch: Zu Gast bei Grass und Walser. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch ist zu Gast bei Günter Grass und Martin Walser. Ein Essay über die sprudelnde Vitalität von Walser und die Ähnlichkeit von Grass mit einem Tyrannosaurus Rex. In: Frankfurter Rundschau v. 7.8.2012). 477 P. Michalzik: Unseld. S. 167. 478 Vgl. ebd. S. 91. 479 Abgesehen von den zuvor zitierten Briefwechseln mit Koeppen und Weiss sind bislang erschienen: Uwe Johnson / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Hrsg. v. Eberhard Fahlke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999; „So müßte ich ein Engel und kein Autor sein“. Adorno und seine Frankfurter Verleger. Der Briefwechsel mit Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld. Hrsg. v. Wolfgang Schopf. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003; Siegfried Unseld: Briefe an die Autoren. Hrsg. v. Rainer Weiss. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004; Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Hrsg. v. Raimund Fellinger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009; Peter Handke / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Hrsg. v. Raimund Fellinger / Katharina Pektor. Berlin: Suhrkamp 2012. 480 Für den Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger war das freundschaftliche Werben Unselds eine „Strategie [...], um Konflikte mit seinen Autoren einzudämmen.“ (Sven Michaelsen: „Welcher Schriftsteller ist kein Kotzbrocken?“ Er hat sich von Handke beleidigen lassen, Unverschämtheiten von Bernhard ertragen, Johnson beim Ausrasten zugesehen: Als Cheflektor von Suhrkamp weiß Raimund Fellinger, was es heißt, große Literatur zu bearbeiten. In: Süddeutsche Zeitung Magazin v. 19.2.2016). 140 partner und gelegentlicher Mäzen, sondern darüber hinaus als Ratgeber in künstlerischen wie auch privaten Angelegenheiten.481 Sein Ideal war der Verleger als „literarische Hebamme“482, die durch Rat und Kritik das Werk und auch den Autor wesentlich mit hervorbringt. Vor dem Hintergrund dieses Ideals erscheint Unselds Formulierung von dem „Unternehmen Koeppen“ (KU 17) in einem anderen Licht. Das Unternehmen war vonseiten Unselds von Vornherein an angelegt als „ein Gemeinschaftsprojekt von Autor und Verleger“483, bei dem auf letzteren wesentlich mehr Arbeit zukommen sollte, als er anfangs angenommen haben dürfte. Der Suhrkamp Verlag verstand sich meisterhaft auf die kollektive Erzeugung des Wertes von Kunstwerken, und er verstand es ebenso meisterhaft, die Spuren dieser Kollektivität zu verwischen und die bei ihm veröffentlichten Werke als die individuellen Hervorbringungen außergewöhnlicher Autoren zu verkaufen. Das Beispiel Wolfgang Koeppen bietet hierfür wenige, aber äußerst eindrucksvolle Beispiele, wie in späteren Kapiteln noch zu zeigen sein wird. 7.4 Siegfried Unseld und sein Autor Wolfgang Koeppen In seiner Rezension über August Scholtis’ Ein Herr aus Bolatitz aus dem Jahr 1960 warf Koeppen die rhetorische Frage auf: „Aber sollte es nicht jedes Verlegers Ehrgeiz sein, einen schwierigen Autor zu haben?“ (GW 6, 340) Unerläutert bleibt, wie Koeppen in diesem Zusammenhang das Wort „schwierig“ versteht, „schwierig“ in Bezug auf den persönlichen Umgang, auf die Werke eines Autors, oder „schwierig“ verstanden als die stark begrenzte ökonomische Verwertbarkeit von Autor und Werk? Sofern man davon ausgehen darf, dass Koeppen die Frage auch im Hinblick auf die eigene Adresse formulierte, kann man die Aussage wagen, dass Unseld mit Koeppen einen Autor hinzugewann, der mehr oder minder in jeder der drei Bedeutungen als schwierig einzustufen war. Einen Vorgeschmack darauf, mit welch einem sensiblen Autor er es zu tun hatte, bekam Unseld zum Jahreswechsel 1960/61, als er nach Überweisung der ersten Rate in froher Erwartung auf die gemeinsame Zusammenarbeit an Koeppen schrieb: „Der Verlag hat ja nun Vorleistungen ideeller und materieller Natur erbracht. Ich hoffe sehr, daß dieses Vertrauen Sie bewegt und befeuert, in jedem Falle aber stärkt.“ Die freundliche Absicht der Ermunterung des Neu-Autors hatte auf diesen jedoch eine gegenteilige Wirkung. Koeppen zeigte sich „schockiert“ über den Brief Unselds, der ihn „verwundert, befremdet, stutzig gemacht und gekränkt“ (alle Zitate: KU 46) habe: 481 Vgl. R. Gerlach: Die Bedeutung des Suhrkamp Verlages. S. 312. 482 S. Unseld: Der Autor und sein Verleger. S.52. 483 Roman Bucheli: Der Verleger als stiller Koautor. In: Neue Zürcher Zeitung v. 24.6.2006. 141 Sie betonen so schwer und vorwurfsvoll des Verlags „Vorleistungen ideeller und materieller Natur“, dass man meinen könnte, Sie hätten mich zehn Jahre lang erhalten und nun beinahe die Hoffnung aufgegeben, auch nur eine Manuskriptseite von mir zu empfangen. Dabei schreiben Sie eine Zeile vorher, dass Sie gerade die erste Rate unseres Vertrages anweisen wollen. Überdies ermahnen Sie mich, wie ein strenger Vater den faulen Sohn, das Vertrauen des Verlages nicht zu enttäuschen. Ist dieser Zeigefinger nicht zu früh erhoben? (KU 46–47) Es nicht ohne Ironie, dass diese Überreaktion Koeppens, der Unseld sogar anbot, vom Vertrag zurückzutreten (vgl. KU 47), auf beinah prophetische Weise zukünftige Verhältnisse vorwegnahm, insofern Unseld Koeppen in der Tat über Jahre unterstützte, ohne „auch nur eine Manuskriptseite [...] zu empfangen.“ (KU 46)484 Interessant ist ferner, dass Koeppen sich in die Rolle des Sohns gedrängt sah, der sich gegenüber der Vaterfigur des Verlegers zu rechtfertigen hatte. Dabei kehrte dieses Bild das altersmäßige Verhältnis der beiden um, wäre doch biologisch gesehen Koeppen (*1906) eigentlich in der Rolle des Vaters und Unseld (*1924) in der des Sohnes. Die Missverständnisse waren zwar nach einem persönlichen Gespräch schnell ausgeräumt, doch was vorläufig blieb, war eine Beziehungsstruktur, die für Unseld entgegen seines jüngeren Alters vorsah, eine gleichsam paternale Position gegenüber seinem säumigen Autor einzunehmen: „Zum ersten Mal bedauere ich mein noch verhältnismäßig junges Alter. Suhrkamp hätte Ihnen jetzt einen Brief geschrieben, in dem ein väterlich-entschiedenes Wort enthalten wäre, dies kann ich nicht.“ (KU 64) Unseld lehnte die von ihm als unpassend empfundene Vaterrolle ab und setzte auf ein kooperatives Modell, das den Verleger als „Partner“ (KU 65) des Autors einsetzte, was gelegentliche Ermahnungen und Vorhaltungen nicht ausschloss. Koeppen seinerseits mochte sich bei seinem Vater-Sohn-Vergleich möglicherweise an seine Anfänge unter dem Verleger Bruno Cassirer erinnert fühlen, der Vorschüsse fordernde Autoren angeblich per Verlagspacker an die frische Luft befördern (vgl. KU 316) und den jungen Koeppen in ein Zimmer einsperren ließ, damit dieser endlich am überfälligen Romanmanuskript arbeitete. (Vgl. GW 5, 313–314) Koeppens Autor-Verleger-Verhältnis mit Unseld war wesentlich anderer Natur als das mit dem einer reichen jüdischen Familie entstammenden Bruno Cassirer, der „kein Geldmensch gewöhnlicher Art“ (GW 5, 317) war, und dem ebenfalls wohlsituierten, aus liberalen hanseatischen Verhältnissen kommenden Henry Goverts, der im persönlichen Umgang als eher ironisch-distanziert beschrieben wurde.485 Was diese unterschiedlichen Verlegerpersönlichkeiten eint, ist dass sie als 484 Vgl. Martin Huber: Das „Unternehmen“ Koeppen. Zur Freundschaft von Siegfried Unseld und Wolfgang Koeppen. In: Strong ties / Weak ties. Freundschaftssemantik und Netzwerktheorie. Hrsg. v. Natalie Binczek / Georg Stanitzek. Heidelberg: Winter 2010 (Beihefte zum Euphorion 55). S. 197–209, hier S. 201. 485 Vgl. A. Wallrath-Janssen: Der Verlag H. Goverts im Dritten Reich. S. 36. 142 dem Pol der eingeschränkten Produktion nahe stehende Akteure zu dem Risiko bereit waren, mit einem Autor wie Wolfgang Koeppen eine „Investition va banque“486 zu tätigen. Was Unseld von Cassirer und Goverts unterscheidet und was seine Beziehung zu Koeppen so spezifisch macht, ist dass die vielen seiner finanziellen Zuwendungen sich gar als Investitionen à fonds perdu herausstellten: Die ursprünglich zum Vertragsgegenstand gehörenden zwei Romane sowie ein Bühnenstück (vgl. KU 31, Anm. 1) wurden von Koeppen nie abgeliefert und auch seine wenigen Veröffentlichungen standen in keinem Verhältnis zum enormen Engagement des Suhrkamp Verlags und seines Chefs Siegfried Unseld. Aus der Perspektive der Ökonomie bzw. des Ökonomismus ist der Fall klar: „Wolfgang Koeppen war, betriebswirtschaftlich gesehen, über die Jahrzehnte gewiss die gigantischste Fehlinvestition in der Suhrkamp-Geschichte. Der Verlag übernahm alles: von monatlichen Vorschüssen über Schecks für Miete bis Autoreparaturen, von den Kosten für Arbeitswohnungen und Sekretärinnen bis schließlich zur Zahlung der Pflegeheimkosten.“487 Der finanzielle Reinfall, der Koeppen für den Suhrkamp Verlag bedeutet hat, lässt sich sogar genau beziffern: „Die Suhrkamp- Verlagsabrechnung vom 31. Juli 1993 weist ein Minus von DM 268574,01 für Koeppen auf.“488 Die jahrzehntelange Unterstützung Koeppens durch den Verlag spottet nicht nur jeder betriebswirtschaftlichen Logik, sie ist darüber hinaus auch mit der ‚umgekehrten’ Ökonomie des literarischen Feldes nicht hinreichend zu erklären. Zwar sind riskante und interesselose Investitionen für den autonomen Pol des Feldes nichts ungewöhnliches, doch der eingeschobene Zeitintervall, in dem Häretiker zu Klassikern und symbolisches in ökonomisches Kapital umgewandelt werden, verschleiert die Profite, die selbst Investitionen abwerfen, die scheinbar à fonds perdu getätigt werden. (Vgl. RK 238–239) Im Subfeld der eingeschränkten Produktion werden materielle Gewinne verleugnet, was jedoch nicht bedeutet, das sie zielgerichtet vermieden werden. Die unverbrüchliche Treue, die Siegfried Unseld seinem augenscheinlich schreibgehemmten Autor bezeigte, lässt sich demzufolge weder aus Sicht der Ökonomie, noch mit den Kriterien der eingeschränkten Produktion rational begründen. Sie ist nicht der Effekt einer objektiven Beziehung zwischen Autor und Verleger, sondern Ergebnis und Beleg einer über die Jahre gewachsenen Freundschaft.489 486 A. Müller: Ich riskiere den Wahnsinn. In: Die Zeit v. 15.11.1991. 487 Jan Schulz-Ojala: Ein Tisch aus Träumen. Der Briefwechsel zwischen Wolfgang Koeppen und seinem Verleger Siegfried Unseld. In: Der Tagesspiegel v. 30.3.2006. 488 G. Häntzschel / H. Häntzschel: „Ich wurde eine Romanfigur“. S. 163. 489 Beide Seiten hatten sich öffentlich zu dieser Freundschaft bekannt. Koeppen: „Als Henry Goverts sich aus der Literatur zurückzog, fand ich zu Siegfried Unseld und dem Suhrkamp Verlag. Ich habe die Wahl nie bereut und darf sagen, der Verleger ist mein Freund.“ (Wolfgang Koeppen: Der Dichter und sein liebster Feind. Eine ZEIT-Umfrage unter deutschsprachigen Autoren über Verleger. In: Die Zeit v. 19.5.1989) Unseld: „Ich glaube, wir waren Freunde, was ja nicht so häufig ist in einer Beziehung zwischen Autor und Verleger.“ (Christoph Haas / Jochen Rack: Ganz merkwürdige Hemmung. Verleger Siegfried Unseld über seinen [Nicht-]Autor Wolfgang Koeppen. In: Die Tageszeitung v. 143 Martin Huber hat in einem Aufsatz die Stationen dieses Verhältnisses skizziert, „das sich immer wieder auf dem messerscharfen Grat zwischen professioneller Vermarktung und Vernetzung und tief gefühlter persönlicher Freundschaft bewegt.“490 Als bestimmend für das Verhältnis zwischen Autor und Verleger sieht Huber die Form der Bekenntnisfreundschaft an. Nach sieben Jahren stetigen Ankündigens, Aufschiebens und Verwerfens gibt Koeppen in einen ausführlichen Brief an Unseld einen Einblick in seine desolate häusliche Situation. Er berichtet offen von Depressionen, Wohnungsproblemen und der Alkohol- und Tablettensucht seiner Frau Marion, die für den Schriftsteller und Privatmann Koeppen eine große Belastung darstellten. (Vgl. KU 146–150) Unseld reagiert auf diesen Brief sensibel und verständnisvoll, gleichzeitig ist er, losgelöst von der persönlichen Tragik seines Autors, fasziniert von der literarischen Qualität des Bekenntnisses491 und offenbart damit eine Affinität zum hochgradig ästhetisierten Realitätsbezug Koeppens, der sein Leben oftmals als romanhaft beschrieben und sich selbst als literarische Figur empfunden hat. In seinem Antwortschreiben, das, um Augenhöhe zu demonstrieren, spürbar um einen literarisch hohen Ton bemüht ist, gibt Unseld Koeppen den Rat, seine Schwierigkeiten beim und mit dem Schreiben zum Gegenstand seiner Literatur zu machen: „Sie müssen sich selber schreiben. Sie müssen sich umgraben mit eigenem Wort.“ (KU 151) Spätestens seit diesem Zeitpunkt, dem offenherzigen Bekenntnis Koeppens und der sympathetischen Reaktion Unselds ist laut Huber die anfänglich reine Geschäftsbeziehung aufgesprengt und um eine private Dimension erweitert.492 Eine neue Stufe erreicht das Verhältnis 1972, als Koeppen nach der Unterzeichnung des Generalvertrags Unseld feierlich das ‚Du’ anbietet. (Vgl. KU 229, Anm. 1) Mangels eines neuen Werks hat der Suhrkamp Verlag so immerhin die Möglichkeit, die älteren Bücher Koeppens neu auf den Markt zu bringen. Das „Unternehmen Koeppen“ existiert weiterhin – wenn auch in bescheidenerem Umfang: Als „erstes gemeinsames Unternehmen“ (KU 229) kündigt Unseld in einem Brief vom 21. Februar 1972 die Veröffentlichung von Das Treibhaus als Suhrkamp Taschenbuch an. Das ursprüngliche gemeinsame Projekt, ein neuer Roman Koeppens, bleibt dennoch weiterhin der Fluchtpunkt ihrer Beziehung, 19.3.1996). Eva Demski hat Siegfried Unseld 1995 gefragt, ob es „Liebe“ war, die ihn so lange an Koeppen festhalten ließ. Daraufhin wand sich Unseld und zitierte nach einigen Sekunden des Überlegens den Ausspruch Goethes, dass es gegen große Vorzüge eines anderen kein Rettungsmittel als die Liebe gebe. (Der letzte Magier: Wolfgang Koeppen. Ein Porträt von Eva Demski. Regie: Eva Demski. Bundesrepublik Deutschland: HR 1996. 45 Min.). 490 M. Huber: Das „Unternehmen“ Koeppen. S. 198. 491 „[...] welch ein Brief, welch ein Dokument, welch ein Schreiber.“ (KU 150) „Ich folgte gespannt den Wendungen dieser Tragödie ohne Katharsis, ohne sie begreifen zu können [...].“ (KU 151). 492 Vgl. M. Huber: Das „Unternehmen“ Koeppen. S. 203. 144 wobei es zunehmend den Charakter einer geteilten Fiktion annimmt.493 Denn anders als in der Korrespondenz mit Koeppen äußert sich Unseld in seinen Notizen skeptisch, jemals einen der angekündigten Romanmanuskripte von ihm zu erhalten. Gelegentliche Besuche beim Ehepaar Koeppen trugen nicht dazu bei, diese Zweifel auszuräumen, im Gegenteil. (Vgl. KU 529–536) Unseld musste feststellen, dass er in diesem sehr speziellen Beispiel der Autorenpflege gleich in mehrfacher Hinsicht gefordert war: als Mäzen, der Koeppen mehr als einmal vor dem völligen sozialen Kollaps bewahrte, als Freund, der riet, gut zuredete, ermunterte und ermahnte, und natürlich als Verleger, der seinen nach wie vor hochrangigen Autor im literarischen Diskurs präsent hielt, ihm kleinere Auftragsarbeiten verschaffte und die Veröffentlichungen älterer und neuerer Werke wie Jugend mit großer Medienwirksamkeit inszenierte. Unseld wurde zu einem sehr engen und nach dem Tod des Duzfreundes Max Tau (†1976) und der Ehefrau Marion (†1984) zu Koeppens nahezu einzigem Vertrauten. (Vgl. KU 512) Wie sehr im Umgang mit Unseld und dem Verlag Privates und Geschäftliches miteinander verquickt waren, lässt sich aus dem Umstand ersehen, dass Koeppen die Stiftung des Suhrkamp Verlags, dessen Beirat er seit 1987 angehörte, in seinem Testament zu seiner alleinigen Erbin bestimmte. Der unermüdliche materielle und immaterielle Einsatz Unselds verleiht seiner Beziehung zu Koeppen einen humanitären Anstrich, und dennoch ist es nicht zynisch, ein Schlaglicht auf den Aspekt des Nutzens zu werfen. Doch die Frage, welche Gratifikation Unseld aus dieser anscheinend höchst asymmetrischen Freundschaft bezog, ist schwer und nur unzureichend zu beantworten. Unstreitig ist, dass Wolfgang Koeppen für den Suhrkamp Verlag von Anfang an ein eminent wichtiger Autor war. Unselds Versicherung aus der Verhandlungsphase, dass für einen Autor wie Koeppen selbstverständlich „immer die Höchstsätze angewandt werden“ (KU 24), ist alles andere als eine reine Höflichkeitsfloskel. Der Suhrkamp Verlag trachtete danach, dass langsam wachsende Prestige Koeppens zu kapitalisieren, und als ein neuer Roman ausblieb, nutzte man Koeppens guten Namen zu Neuauflagen älterer Werke und Vor- und Nachworten zu anderen Suhrkamp- Titeln. Koeppens anhaltender Produktionsstau veranlasste Unseld nicht nur, seinem Autor beizuspringen, er übernahm auch immer mehr „das gesamte Management seines Autors“494. So war Unseld maßgeblich daran beteiligt, dass das Prosafragment Jugend veröffentlicht wurde, und er war es, der Koeppen nicht nur die Poetik-Dozentur zuschanzte, sondern ihm auch einige der Vorlesungen über Koeppens eigenes Werk diktierte.495 Auf diese Weise versuchte Unseld Deutungshoheit über das Werk seines Autors zu erlangen und kam dabei seinem Ideal, dem Verleger als geheimer Mitschöpfer literarischer Werke, in gewisser Weise nahe. 493 Huber spricht von einer „Art Komplizenschaft um den Roman“ (ebd. S. 204), die darin besteht, dass beide Parteien den Glauben an einen Roman aufrechterhielten, dessen Realisierung jeder für sich jedoch als illusionär empfand. 494 M. Huber: Das „Unternehmen“ Koeppen. S. 206. 495 Siehe Kapitel 14 dieser Arbeit. 145 Koeppen hingegen war sich seiner Schuldensituation bewusst und drückte in Interviews bisweilen ein schlechtes Gewissen gegenüber Unseld aus.496 Die Schuldbegleichung in Form neuer Werke glückte nicht, wiewohl Koeppen bis zum Ende seines Lebens hartnäckig Veröffentlichungen versprach.497 Immerhin entdeckte er aus seiner ihm zur Verfügung stehenden Kapitalquelle eine kleine Möglichkeit der Rückzahlung. Immer wieder zollte er Anerkennung für die Artikel und Arbeiten seines Gönners und sparte dabei nicht mit Lob für deren literarischen Seiten.498 Es handelte sich hierbei um eine Form ‚symbolischer Kredite’ an Unseld, mit dem er dem Verleger zu seinesgleichen, zu einem Schriftsteller zu machen suchte. Diese symbolischen Kredite gewannen in dem Maße an Gewicht, wie Koeppen seit Beginn der Sechzigerjahre kraft literarischer Auszeichnungen selbst an symbolischer Macht gewann. 496 „Auf die Frage, ob er ein schlechtes Gewissen gegenüber Unseld habe, antwortete er ‚Ja, ich hatte es.’ Und er erzählte mir von einem Angsttraum. ‚Ich hatte meine Versprechen gegenüber Unseld nicht erfüllt, also die Lieferungsversprechen, und jetzt geht der Verlag pleite, so pleite, daß bei ihm die Büromöbel herausgeholt werden. Ja, das war ein schlechtes Gewissen…“ (Hanne Kulessa: Warum sind Sie so vergnügt, Herr Koeppen? In: die horen 51 (2006). H. 224. S. 112–120, hier S. 115. Vgl. auch GW 5, 276–277; ES 64). 497 In dem letzten überlieferten Brief an Unseld vom 14. August 1995 heißt es: „Lieber Siegfried,/ ich werde dieses Buch und auch andere Bücher fertig schreiben. Lasse mich das schreiben, störe mich nicht.“ (KU 516). 498 Vgl. KU 131, 163, 192, 316, 318, 325, 491. Selbst Unselds viel geschmähter Erzählung Abwärts zollte Koeppen Lob.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.