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6. Platzwechsel: Die Reisebücher der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre in:

Christian Winter

"In der Freiheit des freien Schriftstellers", page 105 - 128

Wolfgang Koeppens literarische Laufbahn 1951-1996

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4042-3, ISBN online: 978-3-8288-6763-5, https://doi.org/10.5771/9783828867635-105

Tectum, Baden-Baden
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105 6. Platzwechsel: Die Reisebücher der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre Das nachfolgende Jahr 1955 verlief für den Schriftsteller Koeppen durchwachsen. Der Plan der Göttinger Filmaufbau GmbH, Der Tod in Rom nach einem Drehbuch von Koeppen zu verfilmen, führte ihn quer durch die Lande zu Gesprächen mit Intendanten und Programmverantwortlichen, zu einer Realisierung des Vorhabens kam es jedoch nicht.347 Auch der ambitionierte Eulenspiegel-Roman ging immer noch nicht voran, unbeschadet der Tatsache, dass die Münchner Abendzeitung nach einem Hausbesuch bei Koeppen den Roman für den Herbst 1956 ankündigte.348 (Der Roman erschien freilich nicht, aber der geneigte Beobachter hätte bereits hier ein Muster studieren können, das sich in späteren Jahren öfter wiederholen sollte.) Um finanziell nicht völlig auf dem Trockenen zu sitzen, wandte sich Koeppen vermehrt feuilletonistischen Auftragsarbeiten zu. Er verfasste für die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und kleinere Kulturzeitschriften Porträts und Rezensionen über Lautréamont, Pavese, Lowry, Cummings und andere Autoren. Ein weiterer dankbarer Abnehmer dieser Arbeiten war der Süddeutsche Rundfunk (SDR), der in den nächsten fünf Jahren neben dem Goverts Verlag die wichtigste Anlaufstelle für Koeppen werden sollte. Der damals 41-jährige Alfred Andersch war im Jahr 1955 Leiter der von ihm gegründeten Redaktion ‚Radio Essay’ des SDR geworden und machte sich sogleich daran, literarische Geheimtipps wie Koeppen und Arno Schmidt oder den noch unbekannten Hans Magnus Enzensberger als Zulieferer für sein Programm zu gewinnen.349 Ihnen bot Andersch nicht nur ein Forum, um sich einer kulturell aufgeschlossenen Hörerschaft zu präsentieren, sondern darüber hinaus die Möglichkeit, sich mit gut bezahlter literarischer Brotarbeit über Wasser zu halten. Für Koeppen, der bereits über Erfahrungen mit dem SDR verfügte350, schien der Rundfunk „der letzte große Mäzen zu sein, den wir in Deutschland haben.“ (ES 26) Speziell in den Fünfzigerjahren war der Rundfunk ein beliebtes Tätigkeitsfeld für Schriftsteller, die in Form freier Mitarbeit oder im öffentlichen Dienst (z. B. Ernst Schnabel) ihre literarischen Hauptaktivitäten abzusichern wuss- 347 Vgl. W. Koeppen / M. Koeppen: „... trotz allem, so wie du bist“. S. 99, Anm. 1. 348 Vgl. Anonym (Libellus): Wolfgang Koeppen liebt Meer und Medizin. In: Abendzeitung v. 4./5.2.1956. 349 Vgl. Ansgar Warner: „Kampf gegen Gespenster“. Die Radio-Essays Wolfgang Koeppens und Arno Schmidts im Nachtprogramm des Süddeutschen Rundfunks als kritisches Gedächtnismedium. Bielefeld: Aisthesis 2007 (Moderne-Studien 3). S. 43–53, 58–61. Des Weiteren veröffentlichte Koeppen von 1955–57 folgende Artikel in Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen: einen Aufsatz über T. E. Lawrence und Henry Miller mit dem Titel Der kleine und der große Aufstand (vgl. GW 6, 243–249), den Göttingen-Essay Schön gekämmte, frisierte Gedanken, (vgl. GW 3, 157–163) und den Proust-Essay Die Summe der Sensibilität (vgl. GW 6, 175–180). 350 1952, 1953 und 1954 übertrug der SDR Lesungen aus Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom. 106 ten.351 Was Koeppen betrifft, bestand die Attraktivität des Radios neben der sofortigen Entlohnung für in ihren Umfang überschaubare Arbeiten vor allem in Anderschs Angebot, andere Länder auf Senderkosten zu bereisen, um anschließend darüber zu berichten: „Als Leiter des Radio-Essays war er ein Gott, der mir die Welt anbot. Der Erdball lag in Anderschs Hand. Ich brauchte ihn nur zu ergreifen.“ (GW 6, 393. Vgl. ES 150) Die große weite Welt zeigte sich zunächst in Form der iberischen Halbinsel. Anfang September bis Anfang Oktober 1955 machte Koeppen sich mit seiner Frau Marion im Auftrag des SDR nach Spanien auf. Diese Reise, Ausgangspunkt für den Bericht Ein Fetzen von der Stierhaut, der am 13.4.1956 im SDR gesendet wurde, war gleichzeitig Auftakt vieler Reisen, die Koeppen um den halben Globus führte und nach außen hin den Platzwechsel vom Romancier zum Reiseschriftsteller markierte.352 Der Argwohn in Teilen der literarischen Öffentlichkeit, die Koeppens Wechsel zu vermeintlich politisch unverbindlicher Reiseliteratur einer Resignation vor den deutschen Zuständen zuschrieb, setzte nicht unmittelbar ein. Zunächst griffen noch altbewährte Reflexe auf neue Reize: Koeppen als Enfant terrible, das eher aus persönlicher Schmähsucht denn aus einem objektiven Befund heraus nun auch das Ausland in nachtschwarzen Farben zeichne. So urteilte Clara Menck anlässlich der Ausstrahlung des Reiseberichts Neuer Römischer Cicerone, Koeppen habe sein politisches Unbehagen aus Bonn nach Rom mitgebracht und sei „[i]mmer noch mit der Weltgeschichte böse“353. Ein vergleichsweiser moderater Tadel, denkt man an die Reaktion des spanischen Generalkonsuls, der sein Land in Ein Fetzen von der Stierhaut derart durch den Dreck gezogen sah, dass er lautstark beim Intendanten des SDR protestierte und sogar ein Einreiseverbot für Koeppen erwirkte.354 351 Auf die Besonderheiten des Rundfunks im Nachkriegsdeutschland und die Verflechtung von Schriftstellern mit diesem Medium kann in dieser Arbeit nicht genauer eingegangen werden. Stattdessen sei auf folgende Herausgeberschriften verwiesen: Buch, Buchhandel, Rundfunk 1950–1960. Hrsg. v. Monika Estermann / Edgar Lersch. Wiesbaden: Harrassowitz 1997 (Mediengeschichtliche Veröffentlichungen 2); Schriftsteller und Rundfunk. Hrsg. v. Jörg Hucklenbroich / Reinhold Viehoff. Konstanz: UVK 2002 (Jahrbuch Medien und Geschichte). Ferner: Konstellationen. Literatur um 1955. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft 1995 (Marbacher Kataloge 48). S. 157–198. 352 Wie die an einer stärkeren Berücksichtigung der Reiseliteratur arbeitende jüngere Koeppen-Forschung hervorgehoben hat, gibt es kaum eine längere Werkphase, in der Koeppen keine Reisetexte publiziert hätte. Die Behauptung, „[d]as Verfassen von Reiseliteratur gehörte zu den wenigen Kontinuitäten in seinem Werk“ (W 8, 389), ist sicherlich zutreffend. Gleichwohl ist es, gemessen an der Publikationsaktivität Koeppens in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre, nicht weniger zutreffend, von einer Positionsveränderung Koeppens zu sprechen. In dieser Zeit tritt er vornehmlich als Reiseschriftsteller und Essayist in Erscheinung, nicht jedoch als Erzähler. 353 Clara Menck: Immer noch mit der Weltgeschichte böse. Koeppens „Neuer Römischer Cicerone“ im Süddeutschen Rundfunk. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 1.6.1957. 354 Vgl. G. Häntzschel / H. Häntzschel: Wolfgang Koeppen. S. 107–108. 107 Vor diesem Hintergrund mag es überraschen, dass der sowjetische Schriftstellerverband Koeppen im Juni 1957 zu einer Reise in die UdSSR einlud. Vielleicht erhoffte sich der Verband von einem, der in seinen Romanen Faschismus und Restauration so entschlossen befehdete, eine unvoreingenommene Sichtweise und möglicherweise Sympathie für die sozialistische Gesellschaftsform, wie sie in der Sowjetunion Gestalt angenommen hatte.355 Unter dem Vorzeichen des Ost-West- Konflikts waren Reisen in die UdSSR für Westbürger eine Seltenheit, dementsprechend groß war die (wenn auch mit Skepsis) gemischte Neugier auf Einblicke hinter den Eisernen Vorhang. Waren in der DDR bzw. der SBZ in den ersten Nachkriegsjahren einige russische Reiseberichte namhafter ostdeutscher Autoren erschienen356, war Koeppen nach der Absage der ebenfalls eingeladenen Walter Jens und Wolfgang Hildesheimer der erste bundesrepublikanische Schriftsteller von Rang, der einen Reisebericht aus der Sowjetunion vorlegte. Die Reise, die ihn von Moskau über Saratow, Stalingrad und Sotschi nach Leningrad führte (vgl. W 8, 407–408), verarbeitete er zu dem Rundfunktyposkript Herr Polevoi357 und sein Gast. Eine empfindsame Reise durch die Sowjetunion in Aufzeichnungen von Wolfgang Koeppen. „[E]s wurde sogleich Koeppens bekanntester und am weitesten verbreiteter Radio- Essay“ (W 8, 409), der erstmals am 12.11.1957 im SDR gesendet wurde. Es folgten Ausstrahlungen im Hessischen und Norddeutschen Rundfunk sowie ein Abdruck in Alfred Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen. Darüber hinaus sollte Herr Polevoi und sein Gast das Kernstück des ersten Reisebuchs bilden, das Koeppen ein Jahr darauf veröffentlichte. 6. 1 Nach Rußland und anderswohin. Empfindsame Reisen (1958) Koeppens in der Rubrik Radio Essay gesendete Reiseberichte wandten sich einerseits an ein literarisch gebildetes Publikum. Andererseits antworteten sie auf eine spezifische Nachfrage, die nicht rein literarischer Natur war: Die Bürger der jungen Bundesrepublik hatten einen großen Nachholbedarf an zivilen Auslandsreisen, der von den Verheißungen der wiederaufgebauten Tourismusindustrie zusätzlich intensiviert wurde. Wachsender Wohlstand, Freizeit und Fernweh verliehen dem 355 Übersetzungen seiner Werke ins Russische existierten zum Zeitpunkt von Koeppens Reise nicht. Eine Rezeption seiner Bücher setzte erst kurze Zeit später ein. Vgl. Peter Bukowski: Der Zensor als Lektor. Der Tod in Rom und seine „Aufbereitung“ für den russischen Leser. In: Wolfgang Koeppen – Mein Ziel war die Ziellosigkeit. Hrsg. v. Gunnar Müller-Waldeck / Michael Gratz. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1998 (eva wissenschaft). S. 128–138. 356 Z. B. Stephan Hermlin: Russische Eindrücke (1948), Werner Eggerath: 10000 Kilometer durch das Sowjetland (1949), Stefan Heym: Reise in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Bericht (1954), Kuba [d. i. Kurt Barthel]: Osten erglüht (1954). 357 Boris Polevoi (1908–81), Schriftsteller und Journalist, war Präsidiumsmitglied des Schriftstellerverbands der UdSSR und hatte die Rolle als Koeppens offizieller Gastgeber übernommen. 108 Wunsch nach fremden Ländern förmlich Flügel.358 Gleichwohl bemühte sich der SDR, Koeppen, den „unzeitgemäße[n] Individualist[en]“ (W 8, 12), von jeglicher Form des Massentourismus und seine Berichte von den Erzeugnissen konfektionierter Gebrauchsliteratur deutlich abzuheben: „koeppens rußlandbericht ist ein neuer versuch in dieser reihe von ebenso empfindsamen wie unbestechlichen, nicht journalistischen, sondern dichterischen reiseschilderungen.“359 Koeppens Reiseberichte für den Hörfunk waren, trotz dichterischer Grundierung und ihrer teils ungewöhnlichen Länge360, ein großer Erfolg. Der Gedanke lag daher nahe, die vorliegenden Typoskripte zu bündeln und in Buchform herauszubringen. Umso mehr, als der Buchmarkt einen rasanten Anstieg der Reiseliteratur verzeichnete, mit dem Autoren verschiedenster Couleur „das springflutartig wachsende Interesse für Schilderungen fremder Länder“361 bedienten. Abgesehen von literarisch eher anspruchslosen Tourismusführern, journalistischen Reisereportagen und politischen Auslandssachbüchern gab es, im Bereich ernst zu nehmender Belletristik, eine Reihe namhafter Autoren wie Erhart Kästner, Ernst Schnabel oder Gerhard Nebel, die sich der Reiseliteratur verschrieben oder die, wie Rolf Schroers (Herbst in Apulien, 1958), Rudolf Hagelstange (How do you like America?, 1957) und Heinrich Böll (Irisches Tagebuch, 1957), mit kurzen Ausflügen in dieses Genre reüssierten. Unter dem breiten Segel der Reiseliteratur schipperte freilich auch viel Eskapismus mit und Biedermeierliches, das sich in das fremdländische Gewand der Exotik hüllte, um wirtschaftswundermüden Bundesbürgern Zerstreuung und Kompensation zu bieten. Die Reiseberichte, die Koeppen über den Äther und dann in gedruckter Form verbreiten ließ, gehörten zu den „rühmlichen Ausnahmen“ dieser Art der „Fluchtliteratur“362, die bereits der Reiseschriftsteller Heinrich Heine kritisiert hatte. Nach Rußland und anderswohin erschien im Frühjahr 1958. Der Band beinhaltete neben den bereits erwähnten Ein Fetzen von der Stierhaut, Neuer Römischer Cicerone 358 Vgl. Margit Berwing: Die Reisewelle der fünfziger Jahre: Capri und die Folgen. In: Reise- Fieber. Begleitheft zur Ausstellung des Lehrstuhls für Volkskunde der Universität Regensburg. Oberpfälzer Volkskundemuseum Burglengenfeld. Stadtmuseum Cham (Kordonhaus). Stadtmuseum Deggendorf. Hrsg. v. Margit Berwing / Konrad Köstlin. Regensburg 1984 (Regensburger Schriften zur Volkskunde 2). S. 202–218. 359 SDR-Werbebroschüre des Radio-Essay aus dem Jahr 1957. Zit. nach: A. Warner: „Kampf gegen Gespenster“. S. 64. 360 Die Übertragung von Ein Fetzen von der Stierhaut etwa dauerte von 20:45 Uhr bis 24 Uhr, unterbrochen von einer halbstündigen Pause. (Vgl. W 8, 438) Die originalen Lesungen der Hörfunktexte liegen seit 2008 als CD-Edition vor: Wolfgang Koeppen: Nach Russland und anderswohin. Neun originale Radio-Essays des SDR. Georgsmarienhütte: cpo 2008. 361 Hans Klingbeil: Was ist eigentlich die Reiseliteratur wert? Moderne Reisebücher als „Fluchtliteratur“. In: Deutsche Volkszeitung v. 8.11.1958. 362 Beide Zitate: Ebd. 109 und Herr Polevoi und sein Gast die beiden Reiseberichte Im Spiegel der Grachten. Holländische Impressionen und Zauberwald der roten Omnibusse, die zuerst vom Sender Freies Berlin ausgestrahlt wurden. Die Hörfunktyposkripte wurden von Koeppen für die Publikation bearbeitet und um zwei Texte ergänzt, die gleichsam „Prolog und Epilog“363 des Buches bilden. Den Auftakt markiert Der Reinfelder Mond, eine Reise an den Herkunftsort Matthias Claudius’, Reinfeld in Holstein, einem trügerischen Idyll. „Wer ein Reisebuch derart einleitet, zählt nicht auf Leser, die ‚sich entspannen’ möchten“364, kommentierte Horst Rüdiger im Berliner Tagesspiegel. In der Tat: Die refrainartig wiederholte Zeile „Der Mond ist aufgegangen“ (W 8, 7, 8) aus Claudius’ Abendlied kontrapunktiert einen Schnelldurchlauf durch die jüngere deutsche Schreckensgeschichte, der zentrale Themen der koeppenschen Nachkriegsromane zitiert: das deutsche Verhängnis des Nationalsozialismus, die vertane Chance eines Neuanfangs, stattdessen Geschichtsvergessenheit und völkische Dumpfheit unbelehrbarer Biedermänner. Den verstörenden Abschluss des Bandes bildet die Prosaskizze Landung in Eden. Sie zeigt das Thema ‚Reisen’ in seiner technisiertesten, und das heißt pervertiertesten Form. Sie handelt von einem Piloten eines Militärjets, der sich mit dem Codewort „Zebaoth“ den Befehl erteilt, das Feindesland unter dem Bauch seines Flugzeugs zu bombardieren und damit eine atomare Apokalypse auslöst: „Wo ich nun lande, ist Eden. Niemand spricht mehr von Zebaoth. Im Paradies wohnen keine Menschen.“ (Beide Zitate: W 8, 284) Umrahmt von einem deutschen Geschichtspanorama im Miniaturformat und einer apokalyptischen Zukunftsvision, die die Angst vor einem Atomkrieg zum Ausdruck bringt365, befinden sich Koeppens Reisetexte, über deren Gattungszuordnung damals wie auch heute kein eindeutiger Konsens besteht. Der Tendenz nach werden sie aber damals wie heute überwiegend der Gattung ‚Essay’ zugerechnet, obschon Hans Mayer diese Lösung als „bare Verlegenheit“366 bezeichnet hat. Die Problematik existiert nicht allein bei Koeppen, sondern in dem Genre der Reiseliteratur insgesamt. Die neuere Forschung hat den Reisebericht als „hybride 363 Karl Krolow: Bravour-Leistung deutscher Prosa. Zu Wolfgang Koeppens Reiseberichten. In: Darmstädter Echo v. 28.6.1958. 364 Horst Rüdiger: Koeppen in der Sowjetunion. Unsentimentale Reisen eines deutschen Poeten. In: Der Tagesspiegel v. 13.7.1958. 365 Wolfgang Koeppen gehörte im Frühjahr 1958 zusammen mit Alfred Andersch, Walter Jens, Erich Kästner, Martin Walser u. a. zu den Unterzeichnern der Erklärung „Gegen die atomare Bewaffnung“. Außerdem unterzeichnete er im selben Zeitraum eine von Ernst Kreuder initiierte Aufforderung an den damaligen Oppositionsführer Erich Ollenhauer (SPD), sich gegen die atomare Aufrüstung stark zu machen. Vgl. Ralf Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik. Autoren, Geschichte, Literaturbetrieb. Mit 208 Abbildungen. Stuttgart: Metzler 1986. S. 109; Sven Hanuschek: Die Geschichte des bundesdeutschen PEN-Zentrums von 1951 bis 1990. Tübingen: Niemeyer 2004 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 98). S. 143–144. 366 Hans Mayer: Die umerzogene Literatur. Deutsche Schriftsteller und Bücher 1945–1967. Berlin: Seidler 1988. S. 123. 110 Gattung“367 deklariert, da ihm einerseits verschiedene Textsorten untergeordnet werden (Brief, Reportage, Essay usw.) und andererseits in ihm ein authentisches Erlebnissubstrat (die Reise eines Autors) mit unterschiedlicher Fiktionalisierungsintensität ausgebreitet wird, die Trennungslinie zwischen ‚fact’ und ‚fiction’ mithin nicht klar verläuft.368 Ein nicht unerheblicher Grad an Fiktionalisierung ist ebenfalls charakteristisch für Koeppens Reiseberichte, die, wie Grimm feststellt, „keine eigentliche Wirklichkeitsbeschreibung“369 leisten. Die Wirklichkeit, die Koeppen beschreibt, ist immer literarisch überformt, etwa in Form von „anekdotisch zugespitzten Schilderungen“370, die gleichsam „Ansätze zu Erzählungen“ (ES 106) bilden. Mitunter gerät der Reisende in romanhafte Situationen, etwa in der kafkaesken Episode, in der Koeppen in das verschlungene Labyrinth der spanischen Bürokratie gelangt, nachdem ihm in Toledo das Portemonnaie entwendet worden ist. (Vgl. W 8, 53– 58) Die Perspektive, die sich Koeppen dementsprechend zugedacht hat, ist nicht die eines souveränen Berichterstatters, sondern die einer literarischen Figur: „Ich bin sozusagen nicht nur ein Reisender, sondern, wenn ich darüber schreibe, werde ich vielleicht manchmal zu einer Romanfigur. Das ist der Inhalt dieser Reiseberichte, von mir aus gesehen.“371 Was den nicht-mimetischen Charakter der Reise-Essays verstärkt, ist, dass die bereisten Orte immer wieder nach Spuren abgesucht werden, welche die Historie und die Weltliteratur tief in sie eingegraben haben. (Vgl. W 8, 410) Ein Verfahren, das Hans Mayer zu dem Fazit geführt hat: „In Koeppens Reisebüchern besucht man nicht Städte und Landschaften, sondern erlauchte Bücher und ihre Autoren. [...] Reisen mit Koeppen: das meint gleichzeitig den Totenkult und den Bücherkult.“372 Letzterer ist, ähnlich wie bei seinen Nachkriegsromanen, bereits an 367 So etwa Ulla Biernat im Anschluss an Stephan Kohl. Vgl. Ulla Biernat: „Ich bin nicht der erste Fremde hier“. Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004 (Epistemata. Würzburger Wissenschaftliche Schriften 500). S. 19. 368 Biernat folgt Brenner, der Reiseberichte lakonisch als „sprachliche Darstellung authentischer Reisen“ definiert. (Peter J. Brenner: Einleitung. In: Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Hrsg. v. Peter J. Brenner. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989 [st 2097]. S. 7–13, hier S. 9) Folglich grenzt sie die literarische Darstellung fiktiver Reisen von der Gattung des Reiseberichts aus. Biernat schlägt für diese Texte die Bezeichnungen ‚Reiseromane’ und ‚Reiseerzählungen’ vor. Vgl. U. Biernat: „Ich bin nicht der erste Fremde hier“. S. 21. 369 Gunter E. Grimm: Flanieren im Geiste. Großstadtbilder in Wolfgang Koeppens Reiseberichten. In: Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 2 (2003). S. 169–184, hier S. 181. 370 S. Doering: Das phantastische Gefängnis. S. 26. 371 Gunna Wendt: Ich glaube an die Literatur. In die Irre reisen – Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen im Gespräch. In: Stuttgarter Zeitung v. 25.5.1991. 372 Hans Mayer: Sentimentale Reisen eines Weltfremdlings. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.6.1976. 111 prominenter Stelle platziert. Denn im Untertitel hat Koeppen ein literarhistorisches Zitat untergebracht: Empfindsame Reisen, eine Anspielung auf Laurence Sternes 1768 erschienenes Werk A Sentimental Journey Through France and Italy (dt.: Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien) und darüber hinaus eine Selbsteinordnung in eine Tradition subjektiver, poetischer und frei assoziierender Reiseberichte, deren absoluter Gegenpol für Koeppen der rein auf Fakten und Sehenswürdigkeiten fixierte Reiseführer à la Baedeker ist. (Vgl. W 8, 416; ES 150) Die im Grenzgebiet zwischen Journalismus und Literatur anzusiedelnde Reiseliteratur sollte durch den Titelzusatz vom Zwielicht des Semiliterarischen befreit werden. Dieselbe Strategie verfolgte auch der Umschlagtext, der die journalistische Auftragsherkunft der Reiseberichte zwar nicht verschwieg, dafür Koeppen zwei Mal als einen „Dichter“ apostrophierte, von dem man „etwas anderes als nur Reportagen erwarten“ könne, einen durchdringenden „Röntgenblick“ nämlich, mit dem der Leser „die Hintergründe von Geist und Kultur, Staatsform und Politik fremder Völker“ und nicht zuletzt „das fremde Sein im eigenen“ 373 zu erkennen vermag. Die literaturkritischen Stimmen folgten dieser Charakterisierung ohne Widerspruch und deuteten Koeppens Reisebuch primär als „literarisches Ereignis“374. „Der Stil“, so Karl Heinz Kramberg in der Süddeutschen Zeitung, „schafft die Distanz, enthebt die Reportage dem bloßen ‚Hörfunk’-Journalismus.“375 Ähnlich urteilte Helmut M. Braem in der Stuttgarter Zeitung. Koeppens empfindsame Reisen stellten den Kritiker vor die Aufgabe, „Reiseliteratur mit Maßstäben zu messen, wie sie für jene Gattung selten üblich sind.“376 Der Maßstab sei nicht die politische, soziologische oder wirtschaftliche Richtigkeit der Aufzeichnungen, sondern ihre poetische Wirklichkeit. Es scheint, als habe Koeppens Appell aus der Treibhaus-Vorrede, das Beschriebene in erster Linie nach seiner poetischen Wahrheit zu beurteilen, mit fünfjähriger Verzögerung endlich Gehör gefunden. Gehör gefunden hat Koeppen auch (und nicht zum ersten Mal) bei seinen Berufskollegen; Nach Rußland und anderswohin wurde überhäuft mit Literaten-Lob. Besonders die sprachlich-stilistische Meisterschaft der Reise-Essays erregte Bewunderung, sei es bei Karl Krolow („Bravour-Leistung deutscher Prosa“377), Siegfried 373 Zit. nach der Erstausgabe: Wolfgang Koeppen: Nach Rußland und anderswohin. Empfindsame Reisen. Stuttgart: Goverts 1958. 374 H. Rüdiger: Koeppen in der Sowjetunion. In: Der Tagesspiegel v. 13.7.1958. Hervorhebung im Original. 375 K[arl] H[einz] Kramberg: Russische Tatsachen und Märchen. In: Süddeutsche Zeitung v. 2./3.8.1958. Bereits nach der Hörfunk-Ausstrahlung von Herr Polevoi und sein Gast hieß es in einer Rezension: „Das ist schon nicht mehr nur Radio, das ist Literatur, und es ist gute, ergreifende Literatur.“ (Johannes Weidemann: Empfindsamkeit statt Einfühlung. Anmerkungen zu einem ungewöhnlichen Reisebericht. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 3 [20.1.1958]. H. 1. S. 49–53, hier S. 49). 376 Helmut M. Braem: Im Spiegel der Empfindsamkeit. Mit Wolfgang Koeppen „Nach Rußland und anderswohin“. In: Stuttgarter Zeitung v. 24.5.1958. 377 K. Krolow: Bravour-Leistung deutscher Prosa. In: Darmstädter Echo v. 28.6.1958. 112 Lenz („Vor allem aber ist der Stil zu bewundern […]“378), Walter Jens („[…] neben Max Frisch gegenwärtig der brillanteste Stilist deutscher Sprache […]“379) oder Hans Magnus Enzensberger („Die Prosa des Romanciers Koeppen ist die zarteste und biegsamste, die unsere verarmte Literatur in diesem Augenblick besitzt […]“380). Hans Bender verglich die Assoziationstechnik mit moderner Lyrik und schwärmte, was Koeppen vor den Augen des Lesers erstehen lasse, seien Bilder, keine Klischees.381 Vom Standpunkt des Ästhetischen also waren Koeppens Reiseberichte über jeden literaturkritischen Zweifel erhaben. Die Rezensenten scheuten auch den Vergleich mit den großen Namen der Reiseliteratur nicht. Der seit Jahren loyale Karl Korn schrieb: „Koeppen dürfte seinen Rang unter den großen literarischen Reisenden […] behaupten.“382 Ähnlich, wenn auch im Duktus hymnischer, sah dies Enzensberger: „Reisebeschreibungen wie diesen hat die deutsche Literatur nicht viel an die Seite zu stellen. Man muß schon zu Einzelgängern wie Forster, Chamisso und Fallmerayer zurückgehen, um Ebenbürtiges zu finden.“383 Die Lobeshymnen schlossen auch die eine oder andere kritische Bemerkung ein. Manche Essays schnitten ein wenig schlechter ab, hie und da wurde die Empfindsamkeit des Russland-Berichts („gesuchte Eigenbrötelei“384) gescholten. Insgesamt jedoch war das literaturkritische Echo ausgesprochen positiv und von einem veritablen Verriss war weit und breit keine Spur. Koeppen gewann nach dem kommerziellen Flop von Der Tod in Rom nicht nur die Zuneigung der Rezensenten, sondern auch das Interesse größerer Leserschaften. Nach Rußland und anderswohin tauchte in einschlägigen Bestsellerlisten auf, zusammen mit Titeln wie Die Atombombe und die Zukunft des Menschen von Karl Jaspers oder Gerd Gaisers Abschlußball.385 Laut Ulrich Greiner erreichte „Koeppens erstes Reisebuch […] binnen 378 Siegfried Lenz: Die blitzende Neuheit der Alten Welt. Wolfgang Koeppens Reiseberichte über England, Holland, Spanien und die Sowjetunion. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt v. 6.7.1958. 379 Walter Jens: Koeppens Reise-Protokolle. In: Die Zeit v. 8.5.1958. Die Rezension erschien in der Rubrik Mein Buch des Monats. 380 Hans Magnus Enzensberger: Ahnung und Gegenwart 1958. In: Neue deutsche Hefte 5 (August 1958). H. 49. S. 450–451, hier S. 450. 381 Vgl. Hans Bender: Wenn Koeppen eine Reise tut. In. Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung v. 18.6.1958. 382 Karl Korn: Koeppen ging auf Reisen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.6.1958. 383 H. M. Enzensberger: Ahnung und Gegenwart 1958. S. 451. 384 Kurt Welkisch: Wenn einer eine Reise tut... Koeppen fuhr „Nach Rußland und anderswohin“. In: Die Welt v. 28.6.1958. Vgl. auch J. Weidemann: Empfindsamkeit statt Einfühlung. S. 49–53; Anonym: Zarenplüsch im Sowjetland. In: Der Spiegel v. 13.8.1958. S. 45–46. 385 Vgl. R. W. L. [d. i. Rudolf Walter Leonhardt]: Unser Seller-Teller Mai 1958. In: Die Zeit v. 5.6.1958; Anonym: Bücher, die ihre Leser finden. In: Ruhr-Nachrichten v. 13.9.1958. Die Erhebung erfolgte in beiden Fällen auf Befragung führender Buchhandlungen. Der Definition nach handelt es sich bei einem Bestseller um ein Buch, dass „in einem bestimmten Gebiet und während eines bestimmten Zeitraums besser verkauft wurde als alle 113 kurzem vier Auflagen und 16.000 Exemplare.“386 Ein Achtungserfolg, der mit Vehemenz eine Wiederholung des koeppenschen Reise-Experiments verlangte. Die seinem zweiten Reisebuch zugrunde liegende Amerikafahrt war zu diesem Zeitpunkt bereits absolviert und erschien im Jahr darauf. 6. 2 Amerikafahrt (1959) Nachdem Koeppen die Sowjetunion bereist hatte, plante der SDR nun, ihn zum großen ideologischen und weltpolitischen Gegenspieler jenseits des Atlantiks zu entsenden. Realisiert wurde die Reise in die USA sowohl durch den Sender als auch durch die Kooperation und finanzielle Mithilfe des amerikanischen Außenministeriums: „Die amerikanische Regierung zeigte sich in den 1950er Jahren überaus großzügig bei politisch und kulturell motivierten, potentiell öffentlichkeitswirksamen Besuchen – dies immer noch als Folge einer nach 1945 betriebenen reeducation sowie der Beziehungspflege beider Staaten innerhalb des westlichen Bündnisses.“ (W 9, 263) Ende April 1958 brach Koeppen vom französischen Le Havre aus mit dem Schiff Liberté zu einer sechstägigen Seefahrt nach New York auf und verbrachte anschließend sieben Wochen in den Vereinigten Staaten. Die Reiseroute führte ihn per Bahn und Flugzeug entlang der Westküste (New York, Washington D. C.) über den Süden (New Orleans) in Richtung Westküste (Los Angeles, San Francisco) und in östlicher Richtung (Salt Lake City, Chicago) allmählich zurück gen Atlantik (Boston, Washington D. C., New York). Zurück in Deutschland, war Koeppen in der zweiten Jahreshälfte damit beschäftigt, die Eindrücke zu einem Hörfunktext auszuformen. Vereinbart waren mit dem SDR zwei Manuskripte mit einer Länge von je 60 Seiten. (Vgl. W 9, 264) Beim Stuttgarter Sender hatte sich unterdessen ein Wechsel vollzogen: Der frühere Redaktionsassistent Helmut Heißenbüttel hatte Alfred Andersch als Leiter der Redaktion Radio Essay abgelöst. Heißenbüttel erhielt die Texte gerade noch pünktlich genug, damit sie produziert und am 29. und am 30. Dezember 1958 unter dem Titel Die Früchte Europas. Amerika westwärts – Amerika ostwärts. Wolfgang Koeppen in den USA ausgestrahlt werden konnten. (Vgl. W 9, 266) Auf Drängen von Henry Goverts bearbeitete Koeppen in den Folgemonaten den Hörfunktext der Amerikareise, um im Frühling mit einem Nachfolger von Nach Rußland und anderswohin aufwarten zu können. Anders als beim ersten Reisebuch erwies sich die Bearbeitung des ursprünglichen Radioberichts als umfänglicher und beschwerlicher: „Die Umarbeianderen. Es handelt sich also um einen relationalen Begriff, der wenig über die tatsächlichen Verkaufszahlen aussagt.“ (David Oels: Bestseller. In: Das BuchMarktBuch. Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen. Herausgegeben von Erhard Schütz zusammen mit Silke Bittkow, David Oels, Stephan Porombka und Thomas Wegmann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2005 [re 55672]. S. 47–53, hier S. 47). 386 U. Greiner: Wolfgang Koeppen oder Die Geschichte eines Mißerfolgs. S. 11. 114 tung ist diesmal erheblich, ganze Passagen werden umformuliert und das Manuskript wird um fast ein Viertel der ursprünglichen Länge erweitert.“387 Das Buch mit dem Titel Amerikafahrt ist in mehrere Abschnitte untergliedert und liefert vielseitige Impressionen der bereisten Städte, wobei die Schilderung New Yorks, das Koeppen zweimal besuchte, den größten Raum einnimmt. Das für Koeppen bereits typische Markenzeichen sind seine Leseerfahrungen, die er nicht nur als Bildungszitate einstreut, sondern die er auch als Maßstab für die von ihm erfahrene Wirklichkeit nimmt. Walt Whitman, Mark Twain, William Faulkner, Theodore Dreiser und James Fenimore Cooper, aber auch Friedrich Gerstäcker, Karl May und Franz Kafka sind mit ihren Amerika-Beschreibungen stets gegenwärtig. Kafka hatte Amerika zwar nie mit eigenen Augen gesehen, doch hatte er von Amerika „den wahrsten Traum [...].“ (W 9, 15) Die soziale Realität Amerikas gerät durch die vielen literarischen Querverbindungen indes nicht ins Hintertreffen. Koeppen nimmt konsequent die Perspektive des außenstehenden Europäers ein, der unbefangen, aber nicht unkritisch das große Versprechen der Neuen Welt einer Prüfung unterzieht. Auffällig ist der Aufweis vielfältiger Einflüsse der Alten Welt, der ‚Früchte Europas’, wie der Titel der Rundfunkübertragung dies nannte, die sich in vielen kulturellen Bereichen, zumal der Architektur und der Städteplanung niederschlagen. Nicht immer ist die Konfrontation mit dem europäischen Erbe für den Reisenden angenehm. In der 86. Straße in New York, dem deutschen Viertel, bemerkt Koeppen „deutsche Enge, deutsche Kleinstädterei, eine trutzige nationale Muffigkeit“ (W 9, 48), die ihn das unmissverständliche Resümee ziehen lässt: „Die Sechsundachtzigste Straße war ein deutscher Alptraum.“ (W 9, 49) Vom deutschen Alptraum zum amerikanischen Traum ist es nicht weit; letzterer wird in seiner Fragilität klar erkannt. Wiederholt werden soziale Ungleichheiten registriert (vgl. W 9, 163), speziell die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung, die im Süden regelrecht die Form einer Apartheid annimmt, gerät immer wieder in den Blick.388 Amerikafahrt wurde schließlich vom Goverts Verlag im Juni 1959 veröffentlicht. Wogegen die UdSSR vergleichsweise eine terra incognita darstellte, waren die Vereinigten Staaten auf dem westdeutschen Buchmarkt bereits vielfach erkundet. (Vgl. W 9, 275–276) Der Verlag war sich dieser Konkurrenzsituation durchaus 387 Frank Rainer Huck: Für das Radio auf Reisen. Zur Entstehung von Wolfgang Koeppens Rundfunkmonologen. In: W. Koeppen: Nach Russland und anderswohin. S. 10–23, hier S. 17. An Andersch schrieb Koeppen: „Amerika für Goverts entwickelt sich zur Katastrophe. Bei der Umarbeitung stürzt alles ein. Ich muss jetzt auch sagen, das Manuskript Radio-Essay war gar nicht schlecht. In seiner Art kann man es nämlich nicht ändern. Zufügungen wirken geschwätzig. Hätte man es nur gebraucht, wie es war!“ (Brief v. 18.3.1959, DLA Marbach. A: Andersch, Mikrofiche, Fiche-Nr. 011649). 388 Koeppens Blick auf die schwarze Bevölkerung Amerikas ist indes nicht frei von Stereotypen, Vorurteilen und romantisierenden Projektionen des ‚Edlen Wilden’. Vgl. Bianca Kurth: Spiegelung des Ich im Anderen. Juden und Schwarze im Werk von Wolfgang Koeppen. Heidelberg: Manutius 1998. S. 109–113. 115 bewusst: „Ein neues Amerika-Buch?“, fragte der Umschlagtext mit skeptischen Unterton, um sogleich alle Zweifel auszuräumen: „Ja! Denn der Autor heißt Wolfgang Koeppen.“389 Der Verweis auf den bereits etablierten Autornamen genügte – worauf auch der bewusst schlicht gewählte Titel Amerikafahrt hindeutete –, um den Lesern ein schon altbekanntes Sujet wie die Neue Welt schmackhaft zu machen. Die Rezensenten der ersten Stunde verwiesen nicht selten auf diesen Aspekt und stellten die Frage, unter welchen Umständen ein weiteres Amerika-Buch noch legitim sein könnte. Für Karl Krolow stand fest: „[...] nur von seiner stilistischen Eigenart her kann ein Buch, das sich mit dem Thema Amerika befaßt, noch diskutabel sein, da sonst seine Lage – bei der Fülle vorliegenden und zugänglichen Materials – von vornherein hoffnungslos ist.“ Gerade die stilistischen Eigenheiten aber sind es, die Koeppens Buch nicht nur sein Existenzrecht verschaffen, sondern die Krolow zufolge die anderen Amerika-Berichte in den Schatten stellen. Er hebt die „unwiderstehliche Schönheit“ und die „hinreißend ‚genaue’, vibrierend notierte Diktion“390 hervor und bilanziert: „Die sensorielle, die ästhetische, die geistige ‚Raffung’ von Vorgängen, ihre vollkommen dichterische Durchdringung, gehört zu den wichtigsten Vorzügen dieses an Vorzügen beinahe überreichen Buches.“391 Für Eva M. Röder von der schweizerischen Weltwoche ist es Koeppens „besondere Art zu sehen und der sehr persönliche Filter“, die es erlauben, „diesen so oft geschilderten Kontinent in einem Licht [zu sehen], das bisher kein Reiseschriftsteller anzuzünden vermochte.“392 In ähnlicher Weise äußerte sich auch Paul Hühnerfeld: „Diese äußerste Sensibilität zeichnet Koeppen vor einer Vielzahl ohne Zweifel tüchtiger anderer Amerikafahrer aus, die hinterher auch Bücher darüber schreiben.“ Für Hühnerfeld ist Amerikafahrt angesichts des insgesamt beklagenswerten Niveaus der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur „eine rechte Sensation: ein Maßstab ist gesetzt, an dem keiner vorübergehen kann, der heute oder morgen in Deutschland ein Buch schreiben will – auch wenn es nicht über Amerika ist.393 Uneinigkeit herrschte bei den Rezensenten, ob man das von Koeppen dargestellte Amerika mit empirischen oder poetischen Kategorien zu Leibe rücken solle. Der Spiegel legte Koeppen zur Last, dass er seinem Vorhaben eines von falschen europäischen Vorstellungen bereinigtes Reisebuches „nur unvollständig gerecht“ werde und der Leser lediglich „längst Bekanntes“394 über Amerika erfahre. Helmut 389 Zit. nach der Erstausgabe: Wolfgang Koeppen: Amerikafahrt. Stuttgart: Goverts 1959. Hervorhebung im Original. 390 Alle Zitate: Karl Krolow: Minuten-Notiz und Vision. In: Zeitwende / Die Neue Furche 30. H. 9 (September 1959). S. 634–635, hier S. 634. 391 Ebd. S. 635. 392 Eva M. Röder: Wolfgang Koeppen: Amerikafahrt. In: Die Weltwoche v. 17.7.1959. 393 Beide Zitate: Paul Hühnerfeld: Wolfgang Koeppen setzt Maßstäbe. Eines der bisher wichtigsten deutschen Bücher des Jahres. In: Die Zeit v. 12.6.1959. 394 Beide Zitate: Anonym: Neu in Deutschland. Wolfgang Koeppen: „Amerikafahrt“. In: Der Spiegel v. 1.7.1959. 116 Heißenbüttel hielt dem entgegen, dass das Amerika Koeppens „in jedem Satz ein Amerika der Imagination [ist].“395 Ebenso sah dies Krolow: „Man erfährt etwas vom Amerika des Wolfgang Koeppen, von der poetischen Konzeption eines gewaltigen Gegenstandes mittels eines pointillistischen Schafsinns, der [...] die Kraft persönlicher Vision entfaltet.“396 In den im Allgemeinen positiven Kritiken fand auch der eine oder andere Tadel Platz. Als nachteilig wurde empfunden, dass im Gegensatz zu Nach Rußland und anderswohin diesmal nur eine Länderreise im Mittelpunkt stand. Trotz oder vielleicht auch wegen Koeppens sprachlichen Reichtums stellte sich bei einigen Kritikern der Eindruck des Langatmigen ein. Karl Krolow registrierte bei der Lektüre „kleine Benommenheiten, kleine Erschöpfungen.“397 Wolf Jobst Siedler störte sich im Berliner Tagesspiegel an einem Zuviel an expressionistischen Metaphern und geistreichen Bonmots. Dennoch hielt er Koeppens Buch für „das intelligenteste, präziseste und lesbarste Amerikabuch der letzten Jahre.“398 Wenngleich Amerikafahrt in der Literaturkritik ein wenig schlechter abschnitt, konnte Wolfgang Koeppen auf dem Buchmarkt an den Erfolg von Nach Rußland und anderswohin anknüpfen. Der Seller-Teller der Zeit, einer der ersten Bestsellerlisten der Bundesrepublik, führte Koeppens zweites Reisebuch in den Monaten Juni und Juli unter den Top 5.399 Amerikafahrt erlebte noch im selben Jahr eine zweite Auflage, eine Taschenbuch-Ausgabe erschien 1962 bei Fischer. 395 Helmut Heißenbüttel: Hörtext und Lesetext Amerika. In: Deutsche Zeitung v. 25./26.7.1959. 396 K. Krolow: Minuten-Notiz und Vision. S. 635. 397 Ebd. S. 634. 398 Wolf Jobst Siedler: Dichter auf Reisen. Wolfgang Koeppen fuhr nach Amerika, Alberto Moravia nach Rußland. In: Der Tagesspiegel v. 23.8.1959. 399 Vgl. Anonym (DZ): Unser Seller-Teller Juni 1959. In: Die Zeit v. 3.7.1959; R. W. L. [d. i. Rudolf Walter Leonhardt]: Unser Seller-Teller im Juli 1959. In: Die Zeit v. 7.8.1959. 117 6. 3 Akklamation für politische Resignation? Eine Einordnung des Erfolgs der Reisebücher Worin liegen die Ursachen für den respektablen Erfolg der Reiseberichte Wolfgang Koeppens? Der britische Germanist David Basker ist Mitte der Neunzigerjahre dieser Frage nachgegangen hat verschiedene Antworten zutage gefördert.400 Die Gründe, die er aufzählt, sind zum einen literarischer Natur: Koeppens Reiseberichte sind zugänglicher als die Romane. Ihre Struktur ist klarer, linearer, da sie von der Reiseroute vorgegeben ist. Ihr Ton wirkt durch die wiederholt durchklingende Begeisterung des Autors und seiner sanft-humorvollen Haltung einnehmend auf den Leser bzw. Zuhörer. Koeppen versteht es zudem, seine Texte mit möglichst viel Lokalkolorit der bereisten Länder anzureichern. Die vielen sinnlichen Details, z. B. einheimische Speisen, markante Städtebilder oder Schilderungen aus dem Alltag, sorgen für einen lebendigen Stil. Diese Aspekte sind für Basker jedoch nicht hinreichend, um die Wirkung der Reiseberichte zu erklären. Ihre eigentliche Anziehungskraft auf die Landsleute Koeppens geht über schönen Stil und flotte Beschreibung hinaus. Nach Basker erfüllen die Reiseberichte zusätzlich eine gleichsam nationalpsychologische Funktion. Koeppen konfrontiert, wenn auch unbewusst, Land und Leute mit seinem Wertesystem als Bürger der Bundesrepublik. Auch wenn er gängige Klischees unterläuft, befinden sich auch in seinem Gepäck Vorurteile und Stereotypen, die er aus der Heimat mitgebracht hat und die seine Berichte formen. Viele dieser Stereotypen stammen allerdings aus einem größeren und älteren Zusammenhang: dem der abendländischen Kultur. Sie ist gewissermaßen das Fernglas, mit dem Koeppen auf die fremden Länder schaut und die er mit mythologischen Anspielungen, literarischen Verweisen und geschichtlichen Referenzen zu erfassen versucht. Auf diese Weise wird aus westdeutscher Perspektive ganz Wichtiges geleistet, denn das gemeinsame kulturelle Erbe, das Deutschland über den klaffenden Abgrund des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs mit den bereisten Ländern eint, wird hervorgehoben: „Alle Nationen, die er besucht, haben ihre gemeinsame Herkunft in den griechischen und römischen Zivilisationen. Das kulturelle Bezugssystem des deutschen Autors ist dasselbe wie in anderen Ländern. Deutschland nimmt auf diese Weise teil an einer internationalen Kulturgemeinschaft, wie die Vergleiche, die Koeppen zwischen Ausland und Heimatland ständig anstellt, beweisen [...].“401 David Basker hat sich speziell mit der Wirkung der Reiseberichte auf das Lese- und Hörpublikum der damaligen Zeit befasst. Im Folgenden soll es stärker um 400 Vgl. David Basker: Ein Bundesbürger geht auf Reisen. Wolfgang Koeppens Reiseliteratur. In: Reisen im Diskurs. Modelle der literarischen Fremderfahrung von den Pilgerberichten bis zur Postmoderne. Tagungsakten des internationalen Symposions zur Reiseliteratur. University College Dublin vom 10. – 12. März 1994. Hrsg. v. Anne Fuchs / Theo Harden. Unter Mitarbeit von Eva Juhl. Heidelberg: Winter 1995 (Neue Bremer Beiträge 8). S. 587–601. 401 Ebd. S. 599. 118 ihre Aufnahme in der zeitgenössischen Kritik im Vergleich zu den Romanen Koeppens gehen. Die Bewertung der koeppenschen Reiseberichte im literarischen Feld war lange geprägt durch eine Art Chiasmus. Grob gesprochen kann man von zwei entgegengesetzten Positionen sprechen, die sich teils ablösten, teils einander überlagerten. Die erste Position besteht in einer relativen Geringschätzung der Romane bei gleichzeitiger Wertschätzung der Reisebücher. Die zweite besteht in einer Wertschätzung der Romane bei gleichzeitiger relativer Geringschätzung der Reisebücher. Die erste Position spiegelt sich in erster Linie in der Nachfrage des Lesepublikums und in Teilen in der zeitgenössischen Literaturkritik wider. Die zweite Position zeigt sich in einer langjährigen Vernachlässigung der Reisebücher in der Germanistik, die sich der Werke Koeppens (und das heißt zunächst seiner Romane) ab den Siebzigerjahren annimmt. Koeppen, der seine Reisebücher als „Umwege zum Roman“ (ES 26) und in ihrem Wert gar als zweitrangig bezeichnet hat402, ist an dieser stiefmütterlichen Behandlung sicherlich eine Teilschuld zuzusprechen.403 In ihr drückt sich aber zweifellos auch der nomos des literarischen Feldes aus, der dem Reisebericht (bzw. dem Essay) eine niedrigere Stellung in der Hierarchie der Gattungen zuweist als dem Roman oder dem Gedicht. Besonders gut kommt dieser nomos in der Haltung Reich-Ranickis zum Ausdruck, der Koeppens Reisetexte als „Nebenwerk“ abtat und sogar von einer „bedauerlichen Entwicklung“ sprach, die den Schriftsteller Koeppen „von seiner eigentlichen Aufgabe weggedrängt“ habe: dem Schreiben von gegenwartskritischen Romanen. Reich- Ranicki behagte der Beifall durchaus nicht, den Koeppen mit seinen poetischen Schilderungen aus der Fremde daheim in Deutschland erntete. Er sah in ihm eine Strategie, mit der Koeppen dazu angehalten werden sollte, den „Rückzug ins Unverbindliche“ anzutreten, statt mit politisch unangenehmen Romanen die träge und satte Adenauerrepublik weiterhin zu frondieren: „Man hat den Eindruck, daß Koeppen nicht nur dafür gelobt wurde, was er geschrieben hatte, sondern auch dafür, was er zu schreiben unterließ.“ Für Reich-Ranicki war die Rezeption Koeppens in der BRD mehr als ein normaler Gegenstand der Literaturkritik, sie war ein Politikum, mehr noch: ein „beschämendes Symptom des literarischen Lebens in der Bundesrepublik“ und, so der Untertitel dieses flammenden Appells, ein „Lehrbeispiel, wie man in Deutschland mit Talenten umgeht“404. Reich-Ranicki hörte in fast jedem Kritikerlob ein Zähneknirschen und argwöhnte vielleicht nicht zu Unrecht, dass in den Worten Karl Korns über Koeppens vermeintliche politische Entsagung auch ein Frohlo- 402 Auf die Frage nach der Stellung der Reiseberichte im Gesamtwerk hat Koeppen dem französischen Germanisten Jacques Le Rider geantwortet: „Ils ont une valeur très secondaire, bien que je ne songe pas à les remier.” (J. Le Rider: Wolfgang Koeppen, romancier de la tragédie allemande. In: Le Monde Dimanche v. 30.8.1981). 403 Vgl. Natacha Royon: Wiederkehr im Wort – Östliche Erinnerungsorte in Werken von Wolfgang Koeppen, Johannes Bobrowski, Czes aw Mi osz und Stefan Chwin. Hamburg: Kova 2010 (Poetica. Schriften zur Literaturwissenschaft 111). S. 83. 404 Alle Zitate: M. Reich-Ranicki: Der Fall Wolfgang Koeppen. In: Die Zeit v. 8.9.1961. 119 cken über diese Entwicklung durchklingt: „Der Koeppen, der das ‚Treibhaus’ schrieb, [...] ist in dem Reisebuch kaum noch wiederzuerkennen. Er ist mild geworden und scheint sich, was den politischen Anspruch des Intellektuellen angeht, zu den Entsagenden geschlagen zu haben.“405 Um für einen Moment bei dieser Einschätzung zu verweilen: Dass der ‚empfindsame Reisende’ Wolfgang Koeppen sich vollständig dem ‚Unverbindlichen’ und der ‚Entsagung’ verschrieben habe, trifft auf die Reise-Essays nicht zu. Dies zeigen bereits einige zeitgenössische Reaktionen, von denen die Invektiven des spanischen Konsuls sicherlich das eindrücklichste, wenn auch extremste Beispiel darstellen. Nicht nur das Ausland wird mit kritischwachem Blick gemustert, sondern auch Koeppens Wahlheimat in dem Bericht München oder die bürgerlichen Saturnalien, den der Rezensent der Stuttgarter Zeitung einen „böse[n] Essay“406 nannte. Aber auch außerhalb seiner Reiseberichte bezog Koeppen immer wieder kritisch Stellung zu Deutschland407 und nahm, wie in dem Essay Wahn, seine und die pausbackige Saturiertheit der Wirtschaftswunderrepublik aufs Korn.408 Dass Koeppen nicht allenthalben als handzahm gewordener Autor galt, zeigt ein im Frühjahr 1960 erschienenes ‚Rotbuch’ mit dem Titel Verschwörung gegen die Freiheit, das Koeppen nebst anderen Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen der „kommunistische[n] Untergrundarbeit in der Bundesrepublik“ bezichtigte.409 Zurück jedoch zum Vorwurf der tendenziösen Kritikerhaltung gegenüber Wolfgang Koeppen. Legt man die Bibliografie von Alfred Estermann zugrunde410, fällt auf, dass es sich bei den Rezensenten, die über die Reisebücher voll des Lobes waren, nur in seltenen Fällen auch um dieselben handelte, die sich gegenüber den Romanen ablehnend verhielten.411 Allerdings gab es unter den Kritikern, bei denen auch der Romancier Koeppen gelitten war, den einen oder anderen, der keinen 405 K. Korn: Koeppen ging auf Reisen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.6.1958. 406 Oliver Storz: München am Pranger. Wolfgang Koeppens Attacke gegen die „Stadt des Bierdunsts“. In: Stuttgarter Zeitung v. 12.6.1959. 407 Z. B. in der Antwort auf eine Umfrage des Magazins Die Kultur, in der Koeppen 1960 vor der „Gefahr des Wiederauflebens von Judenhaß und Nazismus“ (GW 6, 475) warnte. 408 Zuerst erschienen in: Ich lebe in der Bundesrepublik. Fünfzehn Deutsche über Deutschland. Hrsg. v. Wolfgang Weyrauch. München: List 1960 (LIST-Bücher 163). S. 32–36. Wiederabgedruckt in: GW 5, 244–248. 409 Verschwörung gegen die Freiheit. Die kommunistische Untergrundarbeit in der Bundesrepublik. Herausgegeben von der Münchner Arbeitsgruppe „Kommunistische Infiltration und Machtkampftechnik“ im Komitee „Rettet die Freiheit“. o. J. S. 140. Der Grund für Koeppens ‚Indizierung’ dürfte in erster Linie in seiner Unterstützung verschiedener Anti- Atom-Kampagnen zu suchen sein. 410 Vgl. Alfred Estermann: Wolfgang Koeppen. Eine Bibliographie. In Zusammenarbeit mit Eckart Oehlenschläger und Dagmar von Briel und in Verbindung mit Eugen Satschewski und Gordon J. A. Burgess. In: Wolfgang Koeppen. Hrsg. v. Eckart Oehlenschläger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987 (st 2079). S. 385–470. 411 Vgl. P. Hühnerfeld: Gespenster in Rom In: Die Zeit v. 4.11.1954; P. Hühnerfeld: Wolfgang Koeppen setzt Maßstäbe. In: Die Zeit v. 12.6.1959. 120 Hehl daraus machte, dass ihm die Reiseberichte weitaus besser gefielen. Für den vorhin zitierten Karl Korn z. B. stand nach der Lektüre von Nach Rußland und anderswohin fest: „Literarisch scheint uns dies Reisebuch die bisher reifste Leistung Koeppens zu sein.“412 Und Hansgeorg Maier, der seinerzeit für Tauben im Gras anerkennende Worte fand413, vertrat 1960 die Ansicht: „Das ansehnliche literarische Renommee des 54jährigen Wolfgang Koeppen dürfte sich auf seine Reisebücher gründen […].“414 Der Zeit-Journalistin Petra Kiphoff zufolge „erlebt man den großen Schriftsteller“ in den Reisetexten, die Romane dagegen, „Romane dem Titel nach“, waren „in ihrer Bedeutung aber doch vorwiegend ironisch-kritische Zeitdokumente.“415 Auch Walter Jens, der die deutsche Nachkriegsepik überhaupt sehr kritisch beäugte416, stellte die Reise-Essays über die Romane417, da in jenen das stete Strömen der Sprache, Koeppens sinnliche, assoziative, impressionistische, durch keine Fabel gebändigte Prosa erst richtig zur Entfaltung gelange und Distanz und Objektivität erst hier und nicht in den Romanen realisiert würden. Diese Beispiele zeigen, dass der These von einer politisch motivierten Akklamation der Reisebücher ein wichtiger Einwand gemacht werden muss: Es waren nicht allein politisch-weltanschauliche Gründe, auf die sich das bessere Abschneiden der Reiseberichte in der literarischen Öffentlichkeit zurückführen lässt. Die Reise-Essays wurden von einigen Kritikern schlicht als die künstlerisch überzeugenderen Arbeiten bewertet. Auf der anderen Seite war die Verdammung der Romane Koeppens nicht so abgrundtief, wie von Reich-Ranicki suggeriert. Im Gegenteil: Der Erfolg der Reisebücher gründet auch auf dem Renommee, das sich Koeppen mit seinen Romanen zuvor erschrieben hatte. Einem völlig unbekannten bzw. völlig verkannten Autoren wären die Sympathien von Kritik und Publikum nicht in dem Maße zugeflogen. Ganz zu schweigen davon, dass Koeppens (wenn auch bescheidener) literarischer Erfolg es war, der ihm das Angebot überhaupt erst eingetragen hat, im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Hörfunks auf Reisen zu gehen. Dieser Umstand weist auf eine neue Konstellation hin, die mit ein wenig Umschweife näher betrachtet sein will. 412 K. Korn: Koeppen ging auf Reisen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.6.1958. 413 Vgl. H. Maier: Kaleidoskop 1951. In: Die Zeit v. 1.11.1951. 414 Hansgeorg Maier: Ein Bravourstück von 34. Zur Neuauflage von Koeppens Erstling. In: Frankfurter Rundschau v. 17./18.9.1960. 415 Alle Zitate: Petra Kiphoff: Die unglückliche Liebe liegt weit hinter ihm. Begegnungen und Bücher (II): Wolfgang Koeppen – Beiträge zu einer Geschichte der jüngsten deutschen Literatur. In: Die Zeit v. 29.4.1960. Das bessere Abschneiden von Koeppens Reiseberichten rührt auch daher, dass sie größtenteils ohne literarische Figuren auskommen, die von Kiphoff wie auch von anderen Kritikern als die größte Schwachstelle der Romane ausgemacht wurden. 416 Vgl. W. Jens: Deutsche Literatur der Gegenwart. S. 107, 142–149. 417 Am deutlichsten in seiner Laudatio auf Koeppen anlässlich des Büchner-Preises 1962. Vgl. Walter Jens: Von deutscher Rede. München: Piper 1969. S. 200–213. 121 Koeppen hatte bekanntlich bei aller Anerkennung bis tief in die Fünfzigerjahre auch mit Widerstand im literarischen Feld zu kämpfen. Doch dieser Widerstand begann allmählich geringer zu werden. Als hierfür exemplarisch können folgende Begebenheiten gelten: Im Jahr 1954 war Wolfgang Koeppen von der Jury des neugegründeten Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen als Preisempfänger in Betracht gezogen worden. Nach einer ungünstigen Notiz des Vorsitzenden Rudolf Alexander Schröder an seine Jurykollegen418 bekam den Preis jedoch der heute weitgehend unbekannte Heinrich Schmidt-Barrien.419 Seinen ersten Literaturpreis sollte Koeppen erst im Jahr 1961 bekommen: Er wurde mit dem Förderungspreis der Stadt München bedacht.420 Ebenfalls 1961, am 24. April, wurde Koeppen zum Ordentlichen Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Wenige Jahre zuvor scheiterte eine von Erich Franzen angeregte Wahl auf der Herbsttagung 1957 an zu vielen Gegenstimmen (16 gegenüber 12 Stimmen für Koeppen bei sieben Enthaltungen).421 Äußerlich betrachtet, sind diese 418 „Wolfgang Koeppens ‚Tauben im Gras’ möchte ich nicht preisgekrönt sehen trotz aller Achtung vor dem Talent und der Verve des Autors. In dem pausenlosen Wirrwarr des Geschehens gewinnt man zu keiner der skizzierten Figurinen ein Verhältnis resoluten Abscheus oder entschiedener Teilnahme. Man atmet auf, wenn man aus dieser kalten, stinkenden Hölle entlassen wird, das ist alles.“ (Zit. nach: Wolfgang Emmerich: Bewundert und viel gescholten. Die Geschichte des Bremer Literaturpreises in 10 Kapiteln. In: Der Bremer Literaturpreis 1954–1987. Reden der Preisträger und andere Texte. Eine Dokumentation der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung herausgegeben von Wolfgang Emmerich. Bremerhaven: Verlag für neue Wissenschaft 1988 [edition die horen 7]. S. 7–33, hier S. 11. Kursivierung im Original). Neben Schröder und Honoratioren aus der bremischen Politik und Kultur gehörten der Jury an: der Verleger Gottfried Bermann-Fischer und die Schriftsteller Frank Thiess und Bernt von Heiseler, folglich existierte ein „Übergewicht von Vertretern der Inneren Emigration im Verhältnis zu anderen literarischen Gruppierungen [...].“ (Ebd. S. 10). 419 Vgl. ebd. S. 11. Siehe auch: Karl-Heinz Götze: „Eine kalte, stinkende Hölle”. Warum Wolfgang Koeppen in den fünfziger Jahren keinen Erfolg hatte. In: Treibhaus 2 (2006). S. 90–106. 420 Vgl. J. K. [d. i. Joachim Kaiser]: Die Kunstpreise der Stadt München. In: Süddeutsche Zeitung v. 15.6.1961. 421 Vgl. August Scholtis: Briefe. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Joachim J. Scholz. Teil 1. 1945–1957. Berlin: Gebr. Mann Verlag 1991. S. 397. Brief v. 29.10.1957. Ebd. S. 401–402, Anm. 925; Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Hrsg. v. Michael Assmann und Herbert Heckmann. Göttingen: Wallstein 1999. S. 88. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Stelle aus einem Brief Arno Schmidts an das Ehepaar Schlotter vom 8. März 1957: „Halbamtliche Benachrichtigung durch Ernst Kreuder: daß Schmidt und Köppen [d. i. Wolfgang Koeppen, Anm. C. W.] für immer aus der Liste der Anwärter auf den ‚Büchner=Preis’ [!] gestrichen. ‚Die Leute kann man doch nicht vorzeigen!’, habe der maaßgebende [!] städtische Beamte geäußert.“ (Arno Schmidt: „Und nun auf, zum Postauto!“. Briefe von Arno Schmidt. Hrsg. v. Susanne Fischer / Bernd Rauschenbach. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag. Bargfeld: Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag 2013. S. 87–88. Hervorhebung im Original) Ferner ist einem Brief Hans Henny Jahnns an Ernst Kreuder andeutungsweise zu entnehmen, dass im Jahre 1959 eine mögli- 122 beiden Beispiele dazu angetan, die These von der Belohnungshaltung gegenüber einem politisch domestizierten Autor zu stützen, fallen beide Konsekrationsakte doch in die Hochphase von Koeppens reiseliterarischer Tätigkeit. Bei genauerem Hinsehen jedoch wird ersichtlich, dass Koeppens Zuwachs an symbolischem Kapital nicht nur parallel zu seinen reiseliterarischen Veröffentlichungen verläuft, sondern auch parallel zu einer Transformation des literarischen Feldes der Bundesrepublik. Diese Transformation, auf die hier nur sehr kursorisch eingegangen werden kann, ist vor allem personeller, und das heißt generationeller Natur. Viele jüngere Autoren und Kritiker, meist aus dem Umfeld der zunehmend an Ansehen gewinnenden Gruppe 47, halten Einzug in Redaktionen, Verlagen, Akademien und Theatern. Wie bereits zu sehen war, kreuzt sich Koeppens schriftstellerische Laufbahn mit dieser Entwicklung in vielen Punkten: Im Auftrag gegeben und redaktionell betreut werden seine Reiseberichte von Alfred Andersch und dessen Nachfolger Helmut Heißenbüttel. Lobend besprochen werden sie in Zeitungen und Zeitschriften von Schriftstellerkollegen wie Karl Krolow, Siegfried Lenz, Walter Jens, Hans Magnus Enzensberger und wieder Helmut Heißenbüttel: sie alle mehr oder weniger Vertreter der jüngeren Generation, sie alle mehr oder weniger stark verbandelt mit der Gruppe 47. Über den Kreis der Schriftsteller hinaus etablieren sich im selben Zeitraum Literaturfunktionäre und -vermittler, die wenig Interesse an einer Zementierung bestehender Machtverhältnisse haben. Aus Polen meldet sich im Januar 1958 erstmals ein Bewunderer zu Wort, der im selben Jahr in die Bundesrepublik übersiedeln und als meinungsstarker Kritiker der Zeit und der FAZ der wichtigste Förderer Koeppens werden sollte: Marcel Reich-Ranicki.422 Ein Jahr darauf nimmt Koeppens späterer Verleger Siegfried Unseld nach dem Tod Peter Suhrkamps die Leitung des Suhrkamp Verlags in die Hand und gestaltet diesen zu einer Heimstätte der größten literarischen Talente und der angesehensten Autoren des In- wie auch des Auslandes. che Wahl Koeppens in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur durch Taktieren des Vizepräsidenten Frank Thiess auf die lange Bank geschoben wurde. Vgl. Hans Henny Jahnn / Ernst Kreuder: Der Briefwechsel 1948–1959. Herausgegeben und bearbeitet von Jan Bürger. Mainz: v. Hase & Koehler 1995 (Die Mainzer Reihe 78). S. 212. Brief v. 8.6.59. 422 Vgl. Marceli Ranicki [d. i. Marcel Reich-Ranicki]: Moderne deutsche Dichtung in Polen. Die allgemeine Bilanz ist nicht erfreulich – Besondere Erfolge jedoch für Böll und Koeppen. In: Die Welt v. 23.1.1958. Reich-Ranicki hat sein Engagement für Koeppen im Nachhinein auch mit der Absicht begründet, den seinerzeit angesehenen und nationalsozialistisch vorbelasteten Gerd Gaiser zu bekämpfen: „Sie dürfen nicht vergessen, daß es bedeutende Kritiker in diesem Land gab, die Gaiser zur Galionsfigur des deutschen Romans machen wollten. Ich wollte eine andere Galionsfigur machen: Wolfgang Koeppen. Leider ist es mir nicht gelungen.“ (Rolf Becker / Hellmuth Karasek: „Ich habe manipuliert, selbstverständlich!“ Kritiker Marcel Reich-Ranicki über seine Rolle im Literaturbetrieb und seinen Abgang von der „FAZ“. In: Der Spiegel v. 2.1.1989). 123 Die Autoren der ‚jüngeren Generation’ verbuchen unterdessen Erfolg um Erfolg. 1959 gewinnt mit Günter Eich ein Autor den Georg-Büchner-Preis, dessen Name, wiewohl er schon in der Weimarer Republik publiziert hatte, eng mit der Gruppe 47 und ihrer ästhetischen Stoßrichtung verknüpft ist. Ihm folgt 1960 mit Paul Celan ein junger Lyriker, der, obschon er auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1952 noch durchfiel, mit seiner symbolisch verdichteten Poesie wegweisend für die zeitgenössische Lyrik werden sollte. Wie Ingeborg Bachmann (1957, Büchner-Preis 1964) erhielt Celan zuvor den Bremer Literaturpreis (1958). Doch nicht nur auf dem Feld der Lyrik, auch in der Epik feiert die jüngere Generation Erfolge, und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem sich Koeppen eine Auszeit vom Roman genommen hat. In Interviews berichtete Wolfgang Koeppen, dass Günter Grass ihm einmal erzählt habe, von seinen Nachkriegsromanen angeregt worden zu sein, wobei er sich sicher gewesen sei, Koeppens Romane seien zu früh erschienen. „Dieser Stil und diese Art der Betrachtung sei dem Deutschen völlig fremd gewesen und unsympathisch.“423 „Von Grass an war man geneigter, diese unbehaglichen deutschen Geschichten zu akzeptieren. (ES 138) „Von Grass an“, das meint vermutlich, seit dem Roman Die Blechtrommel, mit dem der bereits als Lyriker und Dramatiker bekannte Autor seinen Durchbruch als Erzähler erlebte. Ebenfalls im Jahr 1959 erschienen die Romane Billard um halb Zehn von Heinrich Böll und Mutmaßungen über Jakob von Uwe Johnson. Diese drei Bücher standen formal für Experimente mit Sprache und Erzählperspektive, inhaltlich für kritischen Gegenwartsbezug und eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und literaturgeschichtlich mithin für den „eigentlichen Beginn einer ernstzunehmenden westdeutschen Nachkriegsepik [...].“424 Bezeichnend für das Interesse an anspruchsvoller, jüngerer Erzählliteratur und aus heutiger Sicht bemerkenswert ist der Umstand, dass das Spiegel-Cover vom 13. Mai 1959 der Charakterkopf Arno Schmidts zierte, dem das Hamburger Nachrichtenmagazin eine 17-seitige Titelgeschichte widmete.425 So nahm der Zug der jungen und doch nicht mehr jungen Nachkriegsliteratur endlich Fahrt auf, und Koeppen, der so lange auf dem Perron gestanden hatte, erwischte lediglich das hintere Abteil der Reiseliteratur. Was wäre gewesen, wenn seine Nachkriegsromane Ende und nicht Anfang der Fünfzigerjahre erschienen wären? Vielleicht, wer weiß, wären sie auf größere Resonanz gestoßen, doch das bleibt letztlich spekulativ. Allein es erscheint wenig zweifelhaft, dass die Konsekra- 423 W. Koeppen: Ohne Absicht. S. 151. 424 Manfred Durzak: Die zweite Phase des westdeutschen Nachkriegsromans. In: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Wilfried Barner. München 2006. 2., aktualisierte und erw. Aufl. (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Begründet von Helmut de Boor und Richard Newald. Bd. 12). S. 368–434, hier S. 369. Siehe auch: Das Jahr 1959 in der deutschsprachigen Literatur. Hrsg. v. Günter Häntzschel / Sven Hanuschek / Ulrike Leuschner. München: edition text + kritik 2009. 425 Vgl. Anonym: Arno Schmidt. In: Der Spiegel v. 13.5.1959. 124 tionsmacht nun mehr und mehr auf Akteure überging, deren ästhetische Dispositionen mit denen Koeppens kongruenter waren als die des noch immer dominanten konservativen Lagers. Koeppens Tätigkeit für den Rundfunk in den Jahren 1955– 62 ist für ihn gleichzeitig eine Art Sattelzeit. Sein Ansehen stieg, ebenso das Interesse an dem Schriftsteller Koeppen, das auch das Interesse an dem Romancier Koeppen einschloss. Dies zeigt zum einen die Wiederauflage des Erstlings Eine unglückliche Liebe, den der Goverts Verlag 1960 auf den Markt bringt. Und es zeigt sich in der Aufnahme des dritten Reisebuchs Reisen nach Frankreich, das erste Ermüdungserscheinungen bei Autor, Publikum und Kritik offenbart. 6. 4 Ende der Dienstfahrten? Reisen nach Frankre i ch (1961) Mitte der Fünfzigerjahre zeigte sich Koeppen zunächst angetan vom Genre des Rundfunkberichts und erkannte darin eine „neue Weise dichterischen Ausdrucks [...].“ (GW 6, 309) Koeppen schrieb dies zu der Zeit, als er an seinem ersten Radio- Essay über seine Spanienreise arbeitete. Die Aufgeschlossenheit gegenüber dieser Form ist zum Teil erklärbar durch einen „Überdruß an der Romanform“ (ES 38), der Koeppen nach den drei schnell hintereinander geschriebenen Romanen durchaus befallen haben könnte. Interessant ist allerdings, dass sich dieses Verhältnis wenige Jahre später nach Art eines Chiasmus ins genaue Gegenteil verkehrt hat. Nun war es der Roman, zu dem Koeppen unbedingt zurückkehren wollte und die später zu Reisebüchern gestalteten Rundfunktexte wurden herabgesetzt zu bloßen „Studien, Vorstudien zu anderen Produkten“ (ES 106), zur „Materialsammlung für spätere Romane [...].“ (ES 51) Die Tätigkeit für den SDR bedeutete für Koeppen relative finanzielle Sekurität, aber sie drohte auch zur Routine zu werden. Besonders erschreckend wirkte auf ihn die Vorstellung, auf die Rolle des Reiseautors festgelegt zu werden: „Wolfgang Koeppen hat die gleichen Sorgen, die Schauspieler plagen: er hat Angst, in eine Schablone gepreßt zu werden: Koeppen? Ah, das ist der Mann mit den Reisebüchern... Fetzen Stierhaut, Amerikafahrt, Rußlandreise.“426 Zunehmend wurde ihm bewusst, dass der „Versuch eines literarischen Doppellebens“427, bei dem die Auftragsarbeiten für den Rundfunk das Romanwerk materiell und ideell fundieren sollten, eine reine Fiktion war und blieb. Zu Koeppens Kummer erlag Henry Goverts nicht den Versprechungen eines neuen Romans, vielmehr drängte er seinen Autor, aus den erfolgreichen Rundfunksendungen ebenso erfolgreiche Reisebücher zu machen. Bei Andersch beschwerte sich Koeppen Anfang 1959 über seinen Verleger: „Meine Verstimmung mit Goverts [...] rührt daher, dass er mich 426 H[ans] F. Nöhbauer: Die Flucht vor dem deutschen Wald. Gespräch mit Wolfgang Koeppen, Träger des Münchner Förderungspreises für Literatur. In: Abendzeitung v. 1./2.7.1961. 427 Helmut Kreuzer: Die Boheme. Analyse und Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzler 1971. S. 248. 125 mit vielen Argumenten zu überreden versucht, aus Amerika ein Buch zu machen und den Roman wieder zu verschieben. Seine Hauptwaffe: er müsse das Manuskript für den Herbst bis zum April haben. Mein Verdacht: er bildet sich ein, Amerika besser verkaufen zu können. Seine Furcht: ich könne für den Roman vielleicht sechs oder gar acht Monate Vorschüsse fordern.“428 Zu Koeppens „Verstimmung“ mit seinem Verleger gesellten sich wenige Monate später große Bedenken, als es Mitte 1959 zu einschneidenden Veränderungen beim Goverts Verlag kam. Der mittlerweile 67-jährige Goverts machte Anstalten, sich allmählich vom operativen Verlagsgeschäft zurückzuziehen und besetzte den Posten der Geschäftsleitung mit der erfahrenen Verlagskauffrau Hildegard Grosche, die den ‚Literaten’ Franz Schonauer ablöste und nach Goverts’ Ausscheiden im Jahr 1964 zur alleinigen Gesellschafterin wurde. (Vgl. KU 11, Anm. 1) Koeppen, besorgt über diese Entwicklungen und nicht recht überzeugt von Goverts’ Beteuerungen, dass trotzdem alles beim Alten bleibe, begab sich auf die Suche nach einer neuen verlegerischen Heimat, die er schließlich im Frankfurter Suhrkamp Verlag finden sollte. Die Abnabelung vom alten Verlag gestaltete sich allerdings nicht ganz ohne Komplikationen, schließlich hatte Goverts die Option auf Koeppens neuen Roman, mit dem dieser unbedingt bei Suhrkamp herauskommen wollte. Koeppen musste sich auf zähe Verhandlungen mit der ebenso hartnäckigen wie gewieften Hildegard Grosche einlassen. Am Ende einigte man sich zähneknirschend auf einen Kompromiss: Der neue Koeppen-Roman sollte bei Suhrkamp erscheinen. Im Gegenzug bekam der Goverts Verlag die Rechte an einer Sonderausgabe von Koeppens Erstling Eine unglückliche Liebe. Außerdem verpflichtete sich Koeppen, sehr zu seinem Verdruss, zur Buchausgabe der Rundfunksendungen über seine Frankreichreise. (Vgl. KU 21–23) Von Mai bis Juli 1959 war Wolfgang Koeppen im Auftrag des SDR in den Süden Frankreichs gereist. Im Jahr darauf folgten Aufenthalte in Paris und im Norden des Landes. Die Vertextungen dieser Reisen beschreiben, bildlich gesprochen, eine sich herabneigende Kurve, die den Weg des Reiseschriftstellers in die Krisis zeigte. Insgesamt kann man festhalten, dass der Frankreich-Reisebericht nicht nur den Abschied vom Goverts Verlag besiegelte, er läutete ebenfalls das Ende von Koeppens Tätigkeit für den SDR ein, wenngleich er dem Genre des Reise-Essays nie wirklich den Rücken gekehrt hat. Aber der Reihe nach: Den etappenweisen Reisen nach Frankreich entsprach eine etappenweise Übertragung von Koeppens Reisetexten. Der SDR sendete Koeppens Bericht Reise in die französische Provinz in zwei Teilen (Teil 1 mit dem Untertitel Das süße Frankreich am 20. Oktober 1959, Teil 2, Das beunruhigte Frankreich, eine Woche darauf). Die Hörer-Resonanz war groß und überwiegend positiv. Die Redaktion des SDR erreichten 78 Zuschriften und 24 Manuskriptanforderun- 428 Wolfgang Koeppen an Alfred Andersch. Brief v. 8.1.1959 (DLA Marbach. A: Andersch, Mikrofiche, Fiche-Nr. 011649). 126 gen.429 Dem Bericht der folgenden ausgedehnten Frankreichfahrt im Jahr 1960 war eine derartige Resonanz nicht beschieden. Koeppens Nordfranzösische Reisebilder wurden am 29. November 1960 ausgestrahlt. Das Unbehagen Koeppens und die Kritik des Redaktionsleiters Helmut Heißenbüttel an dem Manuskript wurden allem Anschein nach von den Hörern geteilt. Lediglich acht Zuschriften gingen in der Redaktion des SDR ein und nur die Hälfte davon war positiv. Es war möglicherweise dieses geringe Hörerecho, das Heißenbüttel dazu veranlasste, den zweiten Teil der Nordfranzösischen Reisebilder nicht mehr ins Programm zu nehmen.430 Koeppen hingegen war unterlaufen, wovor ihm immer graute, er war mit seinen Reiseberichten „in eine Routine geraten.“ (ES 38) Diese Gefahr war bei dem Kreislauf der vielen Reisen und den anschließenden Vertextungen dieser Reisen für den Hörfunk und den Buchmarkt nur sehr schwer zu umgehen. Hinzu kam, dass die Verlagsprobleme und Koeppens wiedererstarkter Romanimpuls sich nicht als ideale Grundlagen für den Frankreich-Bericht erwiesen. Dessen letzter Teil, der Essay über Paris, wurde am 16. Mai 1961 unter dem Titel Bonjour Paris. Aufzeichnungen an der Seine gesendet.431 Es handelte sich um eine stark gekürzte Fassung, die in der späteren Buchform einen beinahe doppelten Umfang annahm. Stärker noch als Amerikafahrt entwickelte sich die Arbeit an dem Buch Reisen nach Frankreich für Koeppen zu einer „Fron“432. Das letzte Reisebuch für den alten Verlag türmte sich zu einer „entsetzliche[n] Hürde“ (KU 48) auf, ehe der Weg endlich frei war für Suhrkamp und einen neuen Roman. Den Rezensenten war die heftige Unlust des Autors nicht verborgen geblieben: „Koeppen scheint in einer Fron gestanden zu haben“433, mutmaßte Karl Korn in der FAZ. Im Ganzen betrachtet fielen die Kritiken zu dem im Sommer 1961 erschienen Buch ziemlich gemischt aus. Der in den Besprechungen der Amerikafahrt hin und wieder mitgeteilte Eindruck des (bei aller stilistischen Eleganz) Ermüdenden wurde den Reisen nach Frankreich erneut und diesmal mit mehr Nachdruck vorgehalten. Das Buch wirkte auf viele Kritiker streckenweise wie eine ein wenig flüchtige, oberflächliche und routinierte Pflichtübung. Einhellig gelobt wurde dagegen der Abschnitt über Paris. Als treffendes Resümee der Literaturkritik kann die Wertung Erdmann Wingerts dienen, der Reisen nach Frankreich als „das mittelmäßige Buch eines guten Autors“434 bezeichnete. 429 Vgl. F. R. Huck: Für das Radio auf Reisen. S. 18. 430 Vgl. ebd. S. 18–19. 431 Es war eine der letzten Beiträge für die Reihe des Radio-Essays. Es folgten noch eine Besprechung einer Biografie über Gertrude Stein (Ausstrahlungstermin: 17. August 1961) und der Reisebericht Die Erben von Salamis oder Die Ernsten Griechen, der am 13.2.1962 übertragen wurde. Außerdem schrieb Koeppen 1961 den Essay New York für einen Bildband des Verlags Knorr & Hirth. Vgl. W 9, 209–220. 432 Wolfgang Koeppen an Max Tau. Brief v. 6.2.1959 (WKA 25810). 433 Karl Korn: Empfindsame eilige Reise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 5.8.1961. 434 Erdmann Wingert: Reisen nach Frankreich. In: konkret v. 5.10.1961. 127 In manchen der Artikel artikulierten die Rezensenten etwas, was über eine literaturkritische Musterung hinausging. Es waren Appelle, Ordnungsrufe, die Koeppen zu verstehen geben sollten, dass er sich mit seinen Reisebüchern im Feld falsch platziert hatte. Der lauteste dieser Ordnungsrufe kam gewiss von Marcel Reich-Ranicki, für den der Band Reisen nach Frankreich „das folgenrichtige Ergebnis einer bedauerlichen Entwicklung ist.“435 Während Reich-Ranickis Rundumschlag die gesamte literarische Öffentlichkeit an den Pranger stellte, sah Helmut M. Braem den Schuldigen in Koeppens Verleger Henry Goverts: „Die strapazierende Wiederholung des Themas ‚Reise’ mag vielleicht unseren Verlegern gut bekommen, sicherlich aber nicht dem Autor.“436 Die Forderung nach einer Rückkehr an den angestammten Platz wurde hie und da laut. Gertrud Schwärzler fragte am Ende ihrer Kritik der Reisen nach Frankreich ganz unverblümt: „Wann fängt Koeppen eigentlich wieder an, Romane zu schreiben?“437 Karl Korn, der Koeppens erstes Reisebuch noch als literarisch reifste Leistung lobte, schloss in beinahe derselben unmissverständlichen Weise: „Wir warten auf einen neuen Roman von Wolfgang Koeppen.“438 Diese Stimmen gaben gewiss auch den veränderten Machtverhältnissen und Rezeptionsschemata im literarischen Feld Ausdruck. Nicht nur erfuhr die Romangattung eine allgemeine Aufwertung, mittlerweile waren auch Romane mit gesellschaftskritischem Einschlag hoffähig geworden. Böll, Johnson, Grass und Walser feierten Erfolge bei Kritik und Publikum, während Arno Schmidt ein hoch angesehener Insider-Tipp blieb. Die Möglichkeit für Koeppen, sich mit einem neuen Roman in diese Phalanx einzureihen, war mit dem beendeten Goverts- Engagement nun endlich gegeben. 435 M. Reich-Ranicki: Der Fall Wolfgang Koeppen. In: Die Zeit v. 8.9.1961. 436 Helmut M. Braem: Marianne mit dem Januskopf. Wolfgang Koeppens zwiespältige „Reise nach Frankreich“. In: Stuttgarter Zeitung v. 29.7.1961. 437 Gertrud Schwärzler: Wolfgang Koeppens Frankreichreise. In: Panorama. Nr. 7/8 (Juli/August 1961). S. 101. 438 K. Korn: Empfindsame eilige Reise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 5.8.1961.

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References

Zusammenfassung

Wolfgang Koeppen hat sich mit Romanen wie „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ als Chronist der Adenauerrepublik seinen Platz in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gesichert. Von der Kritik allgemein geschätzt und von der Leserschaft weitgehend ignoriert, blieb ihm der größere Durchbruch nicht zuletzt deswegen verwehrt, weil ihm der vielfach angekündigte große Roman nicht gelingen wollte. In den Feuilletons machte bald der „Fall Koeppen“ Schlagzeilen. Christian Winter skizziert in seiner Studie im Rückgriff auf die kultursoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus die Laufbahn Wolfgang Koeppens im literarischen Feld der Bundesrepublik Deutschland. In chronologischer Reihenfolge werden die einzelnen Werkphasen mit ihren jeweiligen literarhistorischen Hintergründen beleuchtet. Gezeigt wird, wie ab den späten Sechzigerjahren der Diskurs über den „schweigenden“ Autor entstand, der Koeppen über seinen Tod hinaus bis zur Erschließung des Nachlasses begleiten sollte. Weitere Kapitel über seine Ausflüge in das Medium Film und die Kontroverse um die Autorschaft von „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ runden das Bild eines Schriftstellers ab, der im Prinzip immer schrieb, der ohne die Unterstützung seines Verlegers Siegfried Unseld und seines Förderers Marcel Reich-Ranicki jedoch nicht dauerhaft in der „Freiheit des freien Schriftstellers“ hätte existieren können.