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Kapitel 3 Die Neurowissenschaften in:

Severin Mosch

Schuld, Verantwortung und Determinismus im Strafrecht, page 89 - 164

Eine Grundlegung unter Bezugnahme auf die Neurowissenschaften

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4037-9, ISBN online: 978-3-8288-6760-4, https://doi.org/10.5771/9783828867604-89

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Rechtswissenschaften, vol. 105

Tectum, Baden-Baden
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Die Neurowissenschaften „Die Neurowissenschaften weisen nun diesen extremen Subjektivismus nach, dass wir als Menschen zwingend erdverbunden sind, dass wir der Schwerkraft gehorchen müssen und unsere Leiblichkeit nicht nur nicht loswerden können, sondern aus ihr heraus leben – also leiblich sind“1. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens In den letzten Jahrzehnten hat sich das naturwissenschaftliche Methodenarsenal zur Erforschung der menschlichen Physiologie und Psychologie erheblich erweitert. Noch vor etwa hundert Jahren nutzte der Gründervater der modernen Neurowissenschaften, der spanische Neuroanatom Santiago Ramón y Cajal,2 lediglich ein Mikroskop, um der Funktionsweise des Gehirns auf die Spur zu kommen.3 Die Faszination Gehirn hat bis heute nicht nur die Wissenschaft in ihren Bann gezogen, sondern auch den interessierten Bürger, der die bunten Bilder vom Gehirn mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen4 und seinen Trillionen Synapsen5 in den Medien betrachten kann. Neue Bildgebungsverfahren6 ermöglichen es, die Mechanismen, nicht je- Kapitel 3 I. 1 Schlimme, SANP 158 (2007), 97 (99). 2 Zu ihm Grawe, Neuropsychotherapie, S. 16. 3 1906 beschreibt Cajal die Kommunikation von Nervenzellen untereinander (Carter, Das Gehirn, S. 9). 4 Carter, Das Gehirn, S. 39; Grawe, Neuropsychotherapie, S. 45. 5 Grawe, Neuropsychotherapie, S. 45, 57. 6 Z.B. MRT (Magnetresonanztomografie), fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie), PET (Positronenemissionstomografie), MEG (Magnetenzephalographie). Siehe zur Funktionsweise Zilles, in: Barton (Hrsg.), "…weil er für die Allgemeinheit gefährlich ist!", S. 49 (50 ff.). 89 doch die bildlichen Inhalte von Kognition, Emotion und Entscheidungsfindung örtlich und zeitlich sichtbar zu machen.7 Neu ist die klarere Lokalisation von Aktivitätszentren, die es ermöglichen, dem Gehirn bei der Arbeit zuzuschauen; hinzukommt das bessere Verständnis über die Wirkung chemischer Prozesse im Gehirn. Die Faszination Gehirn entsteht, weil es wesentliche Grundlage für unser Selbst – für unsere Persönlichkeit – ist.8 Während Freud aufgrund unüberwindbarer gesellschaftlicher Hindernisse in Bezug auf die Trennung zwischen der geisteswissenschaftlich ausgerichteten Psychologie und die naturwissenschaftlich ausgerichteten Physiologie die Erforschung der menschlichen Psyche anhand von Neuronen aufgeben musste9, ist die Verbindung von Psychologie, Neurologie und Neurochemie heute selbstverständlich10. So zeigen sich an frontalhirngeschädigten Personen11 und Personen, die mit frontaler Leukotomie12 behandelt wurden, Persönlichkeitsveränderungen.13 Eingriffe in das Gehirn vermögen den Menschen in seinen Wesenszügen stark zu verändern.14 Ohne Gehirn könnten wir nicht die Welt um uns herum erfahren, mit anderen Menschen kommunizieren, Erfahrungen verarbeiten, hö- 7 Zilles, Hirnforschung widerlegt nicht Freiheit, http://www.sprache-werner.info/28- X-Hirnforschung-widerlegt-nicht.2058.html (Stand: 07.04.2018). 8 Eccles, Die Evolution des Gehirns, S. 350 f. Ohne Gedächtnis wären wir immer jemand anderes – wir hätten keine Identität (Pöppel, Grenzen des Bewußtseins, S. 120). 9 Verbeek, in: Oehler (Hrsg.), Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, S. 155 (156). 10 Heute steigt die Tendenz, psychische Erkrankungen als Hirnkrankheiten aufzufassen (Küchenhoff, SANP 158 (2007), 129 (129, 130), vgl. z.B. Holsboer, Psychische Störungen sind Hirnerkrankungen, G&G 2011, 36 (36, 37)). 11 Beispielsweise Unfallverletzungen, Kriegsverletzungen, selbst beigebrachte Verletzungen. 12 Siehe dazu unten Kapitel 3 III. 13 Kornhuber/Deecke, in: Petzold/Sieper (Hrsg.), Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie I, S. 77 (102 f.); zu den Folgen einer Lobotomie siehe Freeman/ Watts, Psychochirurgie, S. 146 ff. 14 Deswegen ist heute eine aktuelle Frage des „Neurorechts“, ob Eingriffe, die ggf. die Persönlichkeit des Menschen ändern, zulässig sind (dazu Northoff, Personale Identität und operative Eingriffe in das Gehirn, 2001; Rothärmel, in: Hübner (Hrsg.) Dimension der Person: Genom und Gehirn, 2006, S. 130 ff.; Hans-Werner Bothe, Vortrag, zit. nach S. Müller, in: dies./Zaracko/Groß/Schmitz (Hrsg.), Chancen und Risiken der Neurowissenschaften, S. 63 (65)). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 90 ren, singen, glauben, hoffen, erleiden, denken, Gefühle wie Liebe, Hass, Trauer, Sehnsucht spüren, sich fortbewegen und zu guter Letzt einen – wenn auch begrenzten – Blick auf uns selbst werfen. Wesentliche Aspekte unserer Selbsterfahrung würden entfallen. Die modernen Neurowissenschaften haben sich die Erforschung von Gefühlen sowie des menschlichen Verhaltens zur Aufgabe gemacht. Nun geht es nicht mehr allein darum, wie Muskeln von Nervenzellen aktiviert werden, um einfache oder komplexe Bewegungen auszulösen, sondern wie Gründe und Motive in Gehirnkorrelaten menschliches Verhalten auslösen. Anstatt einfacher Reflexhandlungen rücken komplexe menschliche Willenshandlungen in den Vordergrund. Die Naturalisierung des Geistes bzw. des Mentalen, die im 17. Jahrhundert begann, schreitet voran und findet aktuell ihren Höhepunkt in der Erforschung des menschlichen Gehirns. Die Hirnforschung untersucht, welche Rolle die jeweilige Handlungsintension, die bewusste Entscheidung bzw. das Bewusstsein überhaupt spielt. Sie ergründet, wie Handlungsintentionen neuronal korreliert im Gehirn zustande kommen. Angelehnt an die Psychoanalyse Ende des 19. Jahrhunderts erfährt das Unterbewusstsein besondere Bedeutung in der neurowissenschaftlichen Forschung. Die Erklärungsbefugnis der Hirnforscher Zunehmens wird deutlicher, wie die Psyche von der Physiologie bzw. Mentales vom Materiellen abhängt, mit der Folge, dass die Annahme einer rein mentalen Steuerungsinstanz unseres Verhaltens (Ich-Instanz) immer mehr im Schwinden begriffen ist.15 Gegen den Schluss, Willensfreiheit und Schuld seien unhaltbar, wenden sich verschiedene Wissenschaftsdisziplinen mit Hinweis auf verschiedenartige Sprach- 1. 15 Singer, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 31 (43); ders., Der Beobachter im Gehirn, S. 65 ff; Mundt, in: Tröger (Hrsg.), Wie frei ist unser Wille, 59 (669 f.). Bis Mitte der 1990er Jahre wurde die Vermutung für die Lokalisation eines Ortes mit „zentraler exekutiver Kontrollfunktion“ („Zensor“) gehegt, die sich mittlerweile in Richtung der Vorstellung eines Orchesters ohne Dirigenten hin verschob (Mundt, in: Tröger (Hrsg.), Wie frei ist unser Wille, 59 (68 ff.)). Vgl. Kapitel 1 I 3.3.1. Fn. 152. I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 91 spiele und unterschiedliche Perspektiven (sog. Kategorienfehler).16 Es wird dabei die Kompetenz der Neurowissenschaften bei der Beantwortung von Fragen, die bisher vordergründig der Philosophie, aber auch den anderen Geisteswissenschaften, wie etwa der Rechtswissenschaft vorbehalten waren, bestritten.17 Es erfolgt eine Trennung zwischen physikalischer, allein den Naturwissenschaften obliegender Betrachtungsebene (Mensch als Körper) und psychologischer, allein der Geisteswissenschaften obliegender Betrachtungsebene (Mensch als mentale Person).18 16 Dazu gehört auch die Unterscheidung zwischen Ursachen und Gründen: Hirnforscher untersuchen lediglich Ursachen (physische Erklärungen, physikalische Vorgänge, physiologische Vorgänge, neuronale Korrelate), aber zur Willensfreiheit führten nur Gründe (die mentalen Motive). Die Hirnforschung könne daher nie auf Willensfreiheit stoßen und über sie Aussagen treffen. Näher zum Problem des Kategorienfehlers: Bieri, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 20 (21 f.); Cruse, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 223 (225 f.); Günther, Schuld und kommunikative Freiheit, S. 246; Hassemer, ZStW 121 (2009), 829 (846); Hillenkamp, in: T. Fuchs/Schwarzkopf (Hrsg.), Verantwortlichkeit – nur eine Illusion?, S. 391 (408 f.); ders., in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 72 (85); H. J. Hirsch, ZIS 2010, 62 (65); Kempermann, Infektion des Geistes, FAZ v. 2.3.2004, S. 37 = in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 235 (239); Roth, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 66 (82); NK-Schild, StGB, § 20 Rn. 8; ders., in: Buchheim/Pietrek (Hrsg.), Freiheit auf Naturbasis, S. 155 (161 ff.); Schockenhoff, Wir Phantomwesen, FAZ v. 17.11.2003, S. 31; ders., Diskussion zum Vortrag von Prof. Schockenhoff, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 67 (68 f.); ders., in: Stompe/ Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 3 (5 ff.); H. Walter, in: Barton (Hrsg.), "…weil er für die Allgemeinheit gefährlich ist!", S. 309 (317); Welzel, Das neue Bild des Strafrechtssystems, 3. Aufl. 1957, S. 42 ff.; Zabel, Rezension von Detlefsen, "Grenzen der Freiheit", HRRS 5/2007, 230 ff. 17 Bieri, in: Heinze/T. Fuchs/Reischies (Hrsg.), Willensfreiheit – eine Illusion, S. 35 (37 ff.). Der aktuelle Streit um die Willensfreiheit ist nicht nur ein Streit über Wahrheit und Erkenntnis, sondern auch ein Streit über die Deutungshoheit und die Leitdisziplin des 21. Jahrhunderts (Rosenberger, Determinismus und Freiheit, S. 191, 219). 18 Vgl. Bieri, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 20 (21 f.). Er geht von einer Supervenienzbeziehung zwischen physischer und psychischer Ebene aus (ebda; vgl. Schild, in: Buchheim/Pietrek (Hrsg.), Freiheit auf Naturbasis, S. 155 (161); zur Supervenienz siehe R. Merkel, Willensfreiheit und rechtliche Schuld, S. 93 ff.). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 92 Daher beklagt Roth: „Von einer Reihe von Philosophen und anderen Geisteswissenschaftlern wurde jüngst wieder nachdrücklich der Standpunkt vertreten, Hirnforscher dürften sich grundsätzlich nicht zu Problemen der Willensfreiheit äußern, weil die Frage nach der Willensfreiheit eine moralisch-ethische, philosophische, juristische und gesellschaftliche Frage sei, aber keineswegs eine Frage der Naturwissenschaften. Ein solcher Standpunkt ist unakzeptabel, weil er fruchtlose Denk- und Sprachverbote ausspricht und auf einer völlig überholten Trennung von Geistes- und Naturwissenschaft beruht“19. Es lässt sich weiterhin einwenden, dass im Falle der Trennung beider Ebenen die Bedeutung des Menschen als Ganzes verloren geht. Dieser besteht aus Körperlichkeit und aus Psyche. Zum Menschen gehört neben seinen mentalen Fähigkeiten und Erscheinungen auch seine Körperlichkeit. Es ist unbestritten, dass Körperlichkeit die Grundlage für Mentales bildet. Wolfgang Schild ist recht zu geben, wenn er meint, „die Hirnforschung ist eine Wissenschaft vom Menschen, der immer mehr ist als Gehirn; bzw. der ein Gehirn ist, mit dem er lebt, denkt usw., was er deshalb kann, weil er die Einheit von Körper/Leib und Psyche/Person ist“20. Dadurch kommt es zwangsläufig zu Überschneidungen verschiedener Disziplinen, sodass die eine der anderen aus ihren Erkenntnissen Anregungen geben darf. Die eigentliche Frage ist nicht das Äußern-Dürfen zu bestimmten Themen, sondern wem die Entscheidungshoheit obliegt. Die Neurowissenschaften dürfen sich zu der Art und Weise des Entstehens von Gefühlen, Entscheidungen und Verhalten äußern und auch Thesen aufstellen, die gewisse Freiheitsverständnisse anderer Disziplinen tangieren. Die Neurowissenschaften haben jedoch nicht die Letztentscheidung über Deutungsinhalte von wertausfüllungsbedürftigen Begriffen. Was diejenige Wissenschaftsdisziplin, die die Entscheidung am Ende zu treffen hat, aus dem interdisziplinären Diskurs macht, liegt letztlich bei ihr. Für das Strafrecht bedeutet dies, dass die Strafrechtswissenschaft bestimmt, was unter strafrechtlicher Schuld zu verstehen ist und wann ein Mensch strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden darf, dass sich die Neurowissenschaften aber durchaus dazu äußern 19 Roth, in : Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 66 (74). 20 Schild, in: Buchheim/Pietrek (Hrsg.), Freiheit auf Naturbasis, S. 155 (165 f.). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 93 dürfen, welche Fähigkeiten der Mensch tatsächlich besitzt, also auch zu der hier diskutierten Frage, ob der Mensch objektiv tatsächlich anders handeln kann, soweit dies Voraussetzung von Schuld ist. Roth kritisierte nur eine bestimmte Freiheitsannahme: Das Anders-Können unter den gleichen Bedingungen (Indeterminismus), wonach sich der Mensch im Zeitpunkt der Tat t von auf ihn einwirkende Faktoren lösen oder daran verhaftet bleiben könne – beide Wege stünden ihm in Willensfreiheit bzw. Entscheidungsfreiheit offen. Er bezweifelt den „starken Begriff “ bzw. „alternativistischen Begriff “ von Willensfreiheit.21 Dabei ging er davon aus, dass dieser Freiheitsbegriff Grundlage des strafrechtlichen Schuldbegriffs ist. Deshalb ist seine Schlussfolgerung: Wenn diese Freiheit fällt, muss auch der dazugehörige Schuldbegriff fallen. Die unbewussten Prozesse der Verhaltensplanung und -steuerung Die Libet- und Nachfolgeexperimente Die Libet-Experimente Eine Experimentenreihe aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts sorgte in der aktuellen Diskussion für Aufsehen. Die Argumentationskette der Willensunfreiheit stützt sich teilweise auf die sog. Libet-Experimente, die in neuerer Zeit durch andere Experimente weitestgehend bestätigt wurden. Alles begann mit der Entdeckung des Bereitschaftspotentials in den 1960er Jahren durch die deutschen Neurowissenschaftler Hans H. Kornhuber und Lüder Deecke.22 Sie konnten mit Hilfe des EEG23 zeigen, dass bei einfachen Handlungen, wie einer Handbewegung, ein Vorzeichen im Gehirn auftritt: das Bereitschaftspotential. Der Willens- 2. 2.1. 2.1.1. 21 Vgl. z.B. Roth, Diskussion zum Vortrag von Prof. Hillenkamp, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 90 (90). 22 Kornhuber/Deecke, Pflügers Arch Physiol 281 (1964), S. 52; dies., Pflügers Arch Physiol 284 (1965), S. 1 ff. 23 Elektroenzephalogramm. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 94 handlung24 geht 800 Millisekunden oder länger (bis zu 1,5 Sekunden) eine elektrische Veränderung der Gehirnaktivität, ein negatives Hirnpotential, im Bereich der Kopfhaut des Parietallappens (supplementär motorischer Cortex) voraus.25 Dieses sog. Bereitschaftspotential gehört nach Kornhuber und Deecke zu jenen Prozessen im Gehirn, „die im Bewusstsein als Bereitschaft zum Handeln erscheinen“.26 Libet fand es überraschend, dass zwischen Bereitschaftspotential und Ausführung der Handlung etwa 1 Sekunde lag. Entsprechend der Alltagserfahrung müsste die Entscheidung vor der Bereitschaftshaltung fallen und anschließend die Handlung erfolgen. Dann müsste bei einer spontanen Willenshandlung die Entscheidung mitunter bis zu 1,5 Sekunden (0,8 bis 1,5 Sekunden) vor der Handlung getroffen sein, was bei Spontanhandlungen zu lang wäre. Das legt den Verdacht nahe, dass bereits vor der bewussten spontanen Entscheidung die Ausführung der Handlung initiiert sein könnte. Dementsprechend vermutete Libet, „dass es eine Diskrepanz zwischen dem Beginn der Gehirnaktivität und der Zeit des Erscheinens der bewussten Handlungsabsicht geben könnte“27. Dass etwa 1,3 Sekunden28 zwischen Reiz und Handlungseinleitung zu lang sind, veranschaulicht Eduard Dreher anhand mehrerer Bespiele, 24 Im Sinne von „willensgetragen“. Willenshandlungen nach Libet liegen vor, wenn es keine äußeren Hinweisreize für den Handlungsvollzug gibt, keine äußeren Beschränkungen auf den Zeitpunkt, das Gefühl der Verantwortlichkeit und Urheberschaft der Handlung beim Probanden vorhanden ist (Libet, Mind Time, S. 164). 25 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 271; Kornhuber/Deecke, SANP 159 (2008), 133; Libet, Mind Time, S. 164. 26 Kornhuber/Deecke, Pflügers Arch Physiol 284 (1965), S. 1 (5). 27 Libet, Mind Time, S. 161. 28 Dreher kommt in einer Addition aus 0,8 Sekunden, die laut Kornhuber/Deecke für das Zustandekommen einer Aktion, an die die Pyramidenzellen in der motorischen Rinde beteiligt sind, benötigt werden und 0,5 Sekunden, die zur Bewusstwerdung eines Reizes zudem noch vergehen müssen, auf 1,3 Sekunden (Die Willensfreiheit, S. 287 f.). Libet beschäftigte sich bereits seit den 50er Jahren des 19. Jh. mit dem menschlichen Bewusstsein und seiner zeitlichen Entstehung. Im Rahmen von Hirnoperationen hatte er die Möglichkeit, direkt den menschlichen Cortex elektrisch zu stimulieren. Dabei spüren Patienten nicht die Stimulation des somatosensorischen Cortex, sondern ein Kribbeln auf einen in diesem Cortex repräsentierten Hautareals. Libet fand heraus, dass die elektrische, kortikale Stimulation mindestens eine halbe Sekunde andauern musste, bis sie der Patient bewusst verspürte. Wurde dagegen das Hautareal direkt stimuliert, genügte ein einziger elektrischer Impuls. Dies veranlasste Libet zu einem weiteren Experiment, aus dem er I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 95 wie einem Pianisten, der 133 Klaviertastenanschläge pro Minute schafft, einem Leichtathleten, der 0,10 Sekunden benötigt, um sich nach dem Startschuss in Bewegung zu setzen, sowie einer Sekretärin, die sechs Anschläge in der Sekunde bei einem unbekannten Diktat benötige.29 Libet untersuchte daher, wann der Handlungswille im Verhältnis zum Bereitschaftspotential und der Handlung auftrat. Er bezweifelte die Ergebnisse von Kornhuber und Deecke; so wollte er die Willensfreiheit vielmehr beweisen30 anstatt sie mit unbewussten Handlungseinleitungen und zeitlichen Rückdatierungen von Bewusstseinsinhalten31 zu widerlegen. Libet untersuchte dazu den zeitlichen Ablauf einer spontanen Willenshandlung hinsichtlich: (1) Bereitschaftspotential (als Anzeichen der Vorbereitung einer motorischen Handlung im Gehirn), (2) Auftreten der bewussten Handlungsabsicht und (3) Ausführung der motorischen Handlung. Dazu wies er seine Probanden an, ihre Hand zu beugen, wann immer sie das zu tun wünschten – ohne aber die Handlung im Voraus zu planen.32 Anhand eines schnell rotierenden Punktes auf einer Art „Wundtschen Komplikationsuhr“ (aus einem Kathodenstrahloszilloskop) sollten sie sich den Zeitpunkt des Auftretens ihres bewussten Handlungswillens merken. Die Uhr besteht aus einer Scheibe mit Ziffern, auf der der im Uhrzeigersinn rotierende Punkt für eine Umdreschlussfolgerte, dass es einer mindestens 0,5 Sekunden andauernden kortikalen Aktivität bedürfe, bis der Reiz bewusst wahrgenommen wird, und dass in diesem Falle das Gehirn die bewusste Wahrnehmung der Stimulierung des Hautbereichs rückdatiert (sofern das „Zeitsignal“, ein spezielles evoziertes Potential im somatosensorischen Cortex, auftritt), sodass der Mensch glaubt, ihm wird alles echtzeitlich bewusst, Libet/Alberts/Wright/Delattre/Levin/Feinstein, Journal of Neurophysiology 27 (1964), 546 (546 ff.); Herrmann/Dürschmid, in: T. Fuchs/Schwarzkopf (Hrsg.), S. 128 f.; Libet, Mind Time, S. 57 ff., 101 ff. Bereits zu dieser Zeit war Libet klar, dass der bewussten Wahrnehmung unbewusste neuronale Aktivität vorausgeht, die mindestens 0,5 Sekunden andauern muss. Damit stellte sich für ihn die Frage, ob dies auch bei Willensentscheidungen der Fall ist. 29 Dreher, Die Willensfreiheit, S. 287 f. 30 Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 518 f. 31 Siehe dazu Libet, Mind Time, S. 57 ff., 123 ff.; sogleich mehr. 32 Libet, Mind Time, S. 162. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 96 hung nur 2,56 Sekunden benötigt.33 Der Zeitpunkt der Bewegung wurde in das Belieben der Probanden gestellt.34 Zugleich wurde mittels EEG das Bereitschaftspotential, das durch mehrere Versuche gemittelt wurde, gemessen.35 Das Einsetzen der Bewegung wurde mithilfe eines Elektromyogramms (EMG), das kleinste Bewegungen registriert, ermittelt.36 Die Ergebnisse sind:37 (1) Das Bereitschaftspotential setzt etwa 0,55 Sekunden, (2) das Bewusstsein (der bewusste Entschluss) hingegen erst etwa 0,20 Sekunden vor der Handlung ein. Der bewusste Entschluss ist damit erst etwa 0,35 Sekunden nach der Aktivierung des Bereitschaftspotentials lokalisiert; d. h. etwa 0,35 Sekunden nach dem das Gehirn mit der Vorbereitung der Handlung begonnen hat. Das führt zur Annahme, dass unbewusste Prozesse wesentlich an der Handlungsinitiation beteiligt sind – vielleicht stärker beteiligt als das Bewusstsein und der bewusste Wille? Die geläufige Interpretation Damit scheint sich zu bestätigen, was der schottische Philosoph David Hume vor über 250 Jahren unter „Wille“ verstand, nämlich nicht mehr und nicht weniger als lediglich der „innerliche Eindruck, den wir fühlen und dessen wir uns bewußt werden, wenn wir mit Bewußtsein eine Bewegung unseres Körpers oder eine Perzeption des Geistes ins Dasein rufen“38. 2.1.2. 33 Vgl. Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 278; Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 519; Libet, Mind Time, S. 162; Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (99). 34 Libet, Mind Time, S. 162. 35 Libet, Mind Time, S. 163. 36 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 278; Roth, Denken, Fühlen, Handeln, S. 519. 37 Libet, Unconscious Cerebral Initiative and the Role of Conscious Will in Voluntary Action, Behavioral and Brain Sciences 8 (1985), 529 ff. 38 Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur, S. 136. I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 97 Der Wille sei ein bloßer subjektiver Eindruck; seine initiierende oder bloß beeinflussende Eigenschaft eine Illusion39, die entsteht, wenn wir uns einer Bewegung bewusst werden.40 Heutige Neurowissenschaftler scheinen diese Vorahnung zu bestätigen und interpretieren Libets Ergebnisse dahin, dass die Handlungsentscheidung bereits vor der bewussten Intention unbewusst gefällt werde, sodass jedenfalls nicht die bewusste Intention die kausale Grundlage für die Handlung sei, sondern vielmehr unbewusste Prozesse.41 Damit werde die Vermutung bestärkt, wie Roth ausführt, „dass der Willensakt nicht die Ursache, sondern vielmehr eine direkte oder indirekte Folge des Bereitschaftspotentials und damit der mit ihm zusammenhängenden Hirnprozesse ist“42. „Der Willensakt tritt auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird“43. Die Ungleichzeitigkeit wird als Beleg für die Entscheidung durch das Gehirn – anstatt unserem bewussten Selbst – herangezogen. 39 In der aktuellen Diskussion sprachen von einer Illusion bspw.: Singer, Ein neues Menschenbild, 58 f.: „Er wird von uns als Realität erlebt und wir handeln und urteilen so, als gäbe es ihn. Der freie Wille, oder besser, die Erfahrung, einen solchen zu haben, ist somit etwas reales, extrem Folgenreiches. Insofern als sich die Mehrheit der gesunden Menschen zu dieser Erfahrung bekennt, ist sie also keine Illusion, wie etwa eine Halluzination. Aber aus Sicht der Naturwissenschaft ergibt sich die mit der Selbstwahrnehmung unvereinbare Schlussfolgerung, dass der ‚Wille‘ nicht frei sein kann“; Roth, Biologie in unserer Zeit 28 (1998), 6 (13): „[Wir müssen] das Gefühl, unser subjektives Ich sei Ursache und Ausgangspunkt unserer Handlungen als Illusion ansehen. Dieses Gefühl kommt offenbar nachträglich auf, nachdem im Gehirn schon 'alles' entschieden ist“; auch Markowitsch, Psychologische Rundschau 55 (2004), 163 (164, 167); Wuketits, in: Petzold/Sieper, Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie I, S. 57 (66) betont die Nützlichkeit; so auch Grün, in: Roth/Grün, Das Gehirn und seine Freiheit, S. 29 (40), der eine nützliche Illusion für möglich hält; Verbeek, in: Oehler (Hrsg.), Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, S. 155 (162): „Freier Wille im idealen immateriellen Sinne ist eine Illusion, aber Verantwortung hat man“; siehe bereits den Titel bei Wegner, The Illusion of Conscious Will. 40 Drewermann, Atem des Lebens II, S. 835. 41 Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (99). 42 Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 37 (39). 43 Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 523. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 98 Die Kritik an den Libet-Experimenten Die Kritik44 an den Libet-Experimenten als Beweisgrundlage für das Fehlen von Willensfreiheit ist zahlreich. Experimente unter Laborbedingungen spiegeln nicht reale Situationen wider. Die Anweisungen waren zu ungenau, denn was bedeutet die Anweisung „Drang, sich zu bewegen zu verspüren“ für den Probanden?45 Unter einem Drang bzw. dem Innehorchen nach einer Willensregung wird eher als etwas Passives verstanden, aber bewusste Entscheidungen werden dagegen vielmehr als etwas Aktives empfunden. Daher wird eingewendet, dass Libet unbewusste Bewegungsimpulse anstatt echter Intentionen maß, die durch die Experimente lediglich bewusst gemacht wurden.46 Zudem stünden die Entscheidung und die konkrete Handlung (innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens und nur 1x pro Versuchsdurchgang) bereits zu Versuchsbeginn mit der Handlungsanweisung fest, nur der Zeitpunkt der Ausführung wäre noch unklar gewesen.47 Damit wird die im Versuch erfolgte Intention zur Handbewegung unter der Qualität einer Entscheidung herabgewürdigt. 2.1.3. 44 Eine sehr gute, umfassende Auseinandersetzung mit den Libet-Experimenten findet sich bei Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 280 ff., m.w.N. In Anbetracht dieser Darstellung und dem mittlerweile erfolgten Abschluss der Diskussion über die Aussagekraft, soll hier eine derart tiefgehende Auseinandersetzung unterbleiben. 45 Heun, in: Lampe/M. Pauen/Roth (Hrsg.), Willensfreiheit und rechtliche Ordnung, S. 276 (285). 46 Heun, in: Lampe/M. Pauen/Roth (Hrsg.), Willensfreiheit und rechtliche Ordnung, S. 276 (285); H. Walter, Neurophilosophie der Willensfreiheit, S. 307; Keller/Heckhausen, Readiness Potentials Preceding Spontaneous Motor Acts, Electroencephalography and Clinical Neurophysiology 76 (1990), S. 351 (360). 47 Bridgeman, Free Will and the Function of Consciousness, Behavioral and Brain Sciences 8 (1985), 540; Herrmann/M. Pauen/Min/Busch/Rieger, in: Herrmann/M. Pauen/Rieger/ Schicktanz, Bewusstsein, 121 (123); Hillenkamp, JZ 2005, 313 (319); H. J. Hirsch, ZIS 2010, 62 (63); H. Helmrich, Das verbiete ich mir, FAZ v. 30.12.2003; ders., in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 92 (94); Heun, JZ 2005, 853 (856); Habermas, Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2004, S. 871 (871); Keller/Heckhausen, Readiness Potentials Preceding Spontaneous Motor Acts, Electroencephalography and Clinical Neurophysiology 76 (1990), S. 360; Schreiber, Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik 2005, 23 (27 f.); H. Walter, Neurophilosophie der Willensfreiheit, S. 307 f.; Zilles, Hirnforschung widerlegt nicht Freiheit, http://www.sprache-werner.info/28-X-Hirnforschung-widerlegt-nic ht.2058.html (Stand: 07.04.2018). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 99 Was dieses Argument abschwächt, ist die Tatsache, dass Libet seinen Probanden die Wahl bezüglich der einzelnen Bewegungsart beließ. So konnten sie etwa ihr Handgelenk beugen oder mit den Fingern einfache Schnippbewegungen machen.48 Die Entscheidung über die konkrete Bewegungsausführung, die hunderte Armbewegungen umfasst, war also noch nicht gefällt. Handlungsentscheidungen gab es demnach49. Diese Kritik wurde auch zum Großteil durch die modifizierte Versuchsanordnung des Nachfolge-Experiment von Haggard und Eimer50 entkräftet, da sie die Handlungsentscheidung einbauten, den linken oder den rechten Finger zu bewegen. Diese spezifischen Entscheidungen waren bei Versuchsbeginn noch nicht gefällt.51 Zudem kann eine einige Zeit (Stunden, Tage, Wochen, etc.) vorher gefällte Entscheidung im spezifischen Moment bestätigt bzw. aufgehoben werden, man denke etwa an eine vorher gefällte Tötungsabsicht, die zu Beginn der Ausführungshandlung (Zeitpunkt des Versuchsbeginns) mit Wollen bestätigt oder bei Nicht-Mehr-Wollen fallen gelassen wird. Diese zweite Entschließung hat Entscheidungscharakter und ist für das Strafrecht sogar der Anknüpfungspunkt der Beurteilung. Es wurde aber berechtigt kritisiert, dass die Einführung dieser Entscheidungsoption nicht der Realität nahe komme: Es handelt sich um eine andere Art der Entscheidung, weil sich der Mensch oftmals zwischen Optionen entscheiden muss, an denen echte Konsequenzen hängen. Dieser Entscheidungsprozess dauere durch das Abwägen oftmals länger, was nicht in Millisekunden gemessen werden könne.52 Dieser Einwand trifft jedoch nicht immer auf deliktisches Verhalten zu, bei dem es sich durchaus und nicht selten um Spontanverhalten handelt (z.B. Körperverletzungsdelikte, Tötungsdelikte); nicht alle De- 48 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 282; Libet/Wright/Gleason, Readiness Potentials Preceding Unrestricted Pre-Planned Voluntary Acts, Electroencephalography and Clinical Neurophysiology, 54 (1982), 322 (324); Libet, Do We Have Free Will?, Journal of Consciousness Studies 6 (1999), 47 (49). 49 Dagegen Heun, in: Lampe/M. Pauen/Roth (Hrsg.), Willensfreiheit und rechtliche Ordnung, S. 276 (286). 50 Haggard/Eimer, On the relation between brain potentials and the awareness of voluntary movements, Exp Brain Res 126 (1999), 128 (128 ff.). 51 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 282. 52 Heun, in: Lampe/M. Pauen/Roth (Hrsg.), Willensfreiheit und rechtliche Ordnung, S. 276 (286); Brücher/Gonther, Fortschr Neurol Psychiat 74 (2006), 194 (197). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 100 likte sind im Voraus durchdacht und im Einzelnen durchgeplant. Der Mann der seine Frau im Streit erschlägt, hat seine Entscheidung plötzlich, wenn nicht sogar unter einer Sekunde gefällt. Entscheidungen können in kürzester Zeit aus dem situativen Kontext heraus getroffen werden. Und dennoch hat der Täter für dieses Spontanverhalten strafrechtlich grundsätzlich die Verantwortung zu tragen.53 Diese Entscheidungen haben jedoch aufgrund der drohenden Konsequenzen eine andere Qualität als das bloße Bewegen einer Hand oder das Drücken einer Taste. Die obige Interpretation scheint sehr plausibel zu sein; aber aus der Kritik heraus entstand eine andere interessante Interpretation, die bereits bei der Frage ansetzt, was das Bereitschaftspotential tatsächlich ist. Bis heute ist nicht geklärt, was es genau anzeigt:54 Leitet es eine spezifische Handlung ein oder nur eine unspezifische Erwartung, sodass es lediglich das unspezifische Bereitmachen für irgendeine Handlung ankündigt.55 Vieles spricht dafür, dass es lediglich die allgemeine Bereitschaft zur Handlung vorbereitet: „Für den Fall, dass etwas passiert, wird schon einmal das Wichtigste vorbereitet“. Das hieße, dass es lediglich Anzeichen der allgemeinen Bereitschaft wäre und nicht die spezifisch gefällte Entscheidung anzeige. Der Neuroanatom Karl Zilles bezweifelt sogar darüber hinaus die gängige Interpretation des Bereitschaftspotentials und meint, es wäre kein „simpler motorischer Befehl an hierarchisch untergeordnete motorische Stationen […], [sondern] das messbare Phänomen einer kognitiven Leistung, die eine willentliche Entscheidung des Subjekts repräsentiert“56. 53 Siehe kritisch zu Affekten Schiemann, Unbestimmte Schuldfähigkeitsfeststellungen, S. 246 ff., m.w.N. 54 Urbaniok/Hardegger/Rossegger/Endrass, in: Senn/Puskás (Hrsg.), Gehirnforschung und rechtliche Verantwortung, S. 117 (130). 55 Herrmann/M. Pauen/Min/Busch/Rieger, in: Herrmann/M. Pauen/Rieger/Schicktanz (Hrsg.), Bewusstsein, 121 ff.; siehe auch Birbaumer, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 27 (28), der im Bereitschaftspotential lokale vorbereitende Erregungsveränderungen repräsentiert sieht, die lediglich eine mobilisierende Wirkung auf neuronale Verarbeitungsvorgänge haben. 56 Zilles, Hirnforschung widerlegt nicht Freiheit, http://www.sprache-werner.info/28- X-Hirnforschung-widerlegt-nicht.2058.html (Stand: 07.04.2018). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 101 Es ist daher denkbar, dass es mehr ist als die bloße motorische Steuerung, nämlich das Bewusstwerden der Entscheidung. Trotzdessen schließt er nicht aus, dass eine Entscheidung unbewusst gefällt wird. Eine Entscheidung werde, so Zilles, immer erst nach neuronalen Mechanismen „post hoc“ bewusst.57 Mit der bisher nicht geklärten Frage nach der Bedeutung des Bereitschaftspotentials fehlt es schon an der Grundlage für die sichere Interpretation der Libet-Experimente. Die Bedeutung der Libet-Experimente für die Willensfreiheitsfrage Es lässt sich bereits vorwegnehmen, dass die Debatte darüber, ob die Libet-Experimente die Willensfreiheit widerlegt haben, auch unter der gängigen Interpretation als beendet angesehen werden kann und muss.58 Es wurde nicht die Existenz der Willensfreiheit als solche und schon gar nicht die Frage nach Verantwortung untersucht, sondern vielmehr die Bedeutung des (Unter-) Bewusstseins. Libet untersuchte letztlich nur, ob den bewussten Willensentscheidungen unbewusste Prozesse, die je nach Interpretation die Handlung mehr oder weniger einleiten, vorausgehen oder ob allein der bewusste spontane Wille die Handlung einleitet. In der Diskussion um Willensfreiheit und Verantwortung erfährt die Frage nach der Rolle des Bewusstseins eine hohe Bedeutung, was daran liegt, dass Willensfreiheit und Bewusstsein aneinandergekoppelt zu sein scheinen. Willensfreiheit und Verantwortung werden oftmals nur dann bejaht, wenn das Bewusstsein entscheidungsleitend ist.59 Als 2.1.4. 57 Zilles, Hirnforschung widerlegt nicht Freiheit, http://www.sprache-werner.info/28- X-Hirnforschung-widerlegt-nicht.2058.html (Stand: 07.04.2018). 58 Im Ergebnis auch Küchenhoff, in: Heinze/T. Fuchs/Reischies (Hrsg.), Willensfreiheit – eine Illusion, S. 195 (196). 59 Der Brockhaus (Bd. 24, 1999, 219) beispielsweise definiert den Willen als bewusstes, zielgerichtetes Streben (Hervorhebung durch Verf.); Falkenburg, Mythos Determinismus, S. 391; Griffel, ZStW 98 (1986), 28 (40, 41); C. Herrmann/M. Pauen/Min/Busch/Rieger, in: C. Herrmann/M. Pauen/Rieger/Schicktanz (Hrsg.), Bewusstsein, S. 120 (130); Jakobs, ZStW 117 (2005), 247 (247): Verhalten ist ein „bewusst gesteuerte[r] oder steuerbare[r] Zustand des Körpers“; Libet, Mind Time, S. 186; Lüderssen, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 98 (99) = wir können nicht anders, FAZ v. 04.12.2003, der für einen selbstinitiierenden Willen auf ein von körperlichen Vorgängen losgelöstes Bewusstsein abstellt; Nida- Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 102 Grundlage des Rechtssystems gilt „ein sich selbst initiierender Wille, ein Bewusstsein, das nicht nur eine Folge bloß körperlicher Vorgänge ist“.60 Nach der geläufigen Interpretation der Libet-Experimente liegt jedoch das menschliche Verhalten in der Hand des Unterbewussten und das Bewusstsein habe allenfalls eine Vetofunktion61 gegenüber der Ausführungshandlung, wie Libet selbst annimmt. Wenn der bewusste Wille durchschnittlich 200 ms vor der Handlung erscheint bzw. 150 ms vor der Muskelaktivierung, die 50 ms vor der motorischen Handlung erfolgt, dann bliebe dem Bewusstsein noch ausreichend Zeit, um das Endergebnis des Willensprozesses zu beeinflussen bzw. zu steuern und damit den Vollzug der Handlung.62 Er ordnet diese Blockierfähigkeit einer außerhalb des Unbewussten63 agierenden „bewußt geistigen Kraft“ zu, die „in einem materialistischen und deterministischen Rahmen nicht erklärt werden kann“64, wodurch er den Dualismus an dieser Stelle einführt65. Nur so kann er die indeterministische Freiheit retten: nur wenn dem Veto keine unbewussten neuronalen Prozesse zugrunde liegen, bleibt das bewusste Veto unabhängig von determinierenden Gehirnfunktionen.66 Dagegen lässt sich einwenden, dass eine Gegenentscheidung auch nicht aus dem Nichts resultiert, sondern, wie für alle bewussten Erlebnisse auch, zumindest aus Teilen des Unbewussten. Unbewusste neuronale Mechanismen und Motive sind daher oftmals auch im Veto Rümelin/W. Singer, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 253 (255); Velleman, What Happens When Someone Acts, Mind 101 (1992), 461 (461 ff.); siehe auch die Erläuterung über Welzels Verständnis von der „Zwecktätigkeit“ seiner finalen Handlungslehre bei Lampe, ZStW 118 (2006), 1 (7 Fn. 24). Siehe unten Kapitel 3 I 2.4. 60 Schreiber, Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik 2005, 23 (25); Lüderssen, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 98 (99). 61 Zur Rettung der bewussten Willensfreiheit mit Hilfe Theorie von der Vetofunktion des Bewusstseins setzen neben Libet, Mind Time, S. 177 ff. an: Helmrich, in: Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, S. 92 (95); Heun, in: Lampe/M. Pauen/ Roth (Hrsg.), Willensfreiheit und rechtliche Ordnung, S. 276 (285); Lampe, ZStW 118 (2006), 1 (30); Reinelt, NJW 2004, 2792 (2793). 62 Libet, Mind Time, S. 176 f. 63 Libet, Mind Time, S. 187. 64 Libet, Mind Time, S. 183 unter Verweis auf Schwartz/Begley, The Mind and the Brain. 65 Rosenberger, Determinismus und Freiheit, S. 193. 66 Vgl. Brücher/Gonther, Fortschr Neurol Psychiat 74 (2006), 194 (198). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 103 selbst relevant.67 Dann erscheint aber auch das Veto nicht mehr allein der bewussten Willensfreiheit angelagert. Libet kann nicht erklären, wie das Veto von neuronalen Prozessen losgelöst entstehen soll.68 Ein Willensfreiheitsverständnis, das vom Bewusstsein als mentale Steuerungsinstitution abhängt, ist dennoch nicht widerlegt worden. Dass das Bewusstsein eine steuernde Bedeutung im indeterministischen Sinn haben kann, bleibt trotz der Libet- und seiner Nachfolgeexperimente prinzipiell, wenn auch mit Hilfe problematischer dualistischer Annahmen69, weiterhin denkbar. Die Annahme eines nichtmateriell handelnden Agens kann nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden. Ein Determinismus, der aus Tausenden oder gar Millionen Faktoren besteht, kann nicht derart bewiesen werden, dass der kleinste Funke jenes immateriellen Agens erlischt. Lediglich eine Indizwirkung des modernen Determinismus kann mit Offenlegung verschiedenster beeinflussender Faktoren, wie sie etwa die Naturwissenschaften darzulegen versuchen, postuliert werden. Ein Anders-Können ist damit jedoch nicht widerlegt. Auch wenn man es in Anbetracht neuerer Forschungsergebnisse für unwahrscheinlich hält bzw. man nicht daran glaubt70, dass dieses Anders-Können von einer mentalen Instanz, wie sie der Dualismus vorsieht, gesteuert wird, bleibt es doch immerhin denkbar. Damit bleibt auch eine Vetofunktion des Bewusstseins im Sinne Libets möglich. Die neurobiologische Erklärung von Verhalten (Gerhard Roth) Wohlwissend der begrenzten Aussagekraft der Libet-Experimente zieht auch Roth sie nicht zur alleinigen Begründung seiner These her- 2.2. 67 Roth, in: Elsner/Lüer (Hrsg.), „…sind eben alles Menschen“, S. 223 (238 f.); ders., Das Gehirn und seine Wirklichkeit, S. 309; Hofe/Klimchak, G&G 2004/1, 28 (28); R. Merkel, Willensfreiheit und rechtliche Schuld, S. 95 Fn. 151; vgl. zur tieferen Auseinandersetzung mit der Vetotheorie Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 296 ff. 68 G. Merkel, in: FS Herzberg, S. 3 (9). 69 So z.B. Eccles, wonach ein immaterielles, mentales Ereignis (sog. selbstbewusster Geist) auf materielle Strukturen, etwa Neurone, einwirken kann (Eccles, Die Evolution des Gehirns, S. 302 ff., 376, vgl. dazu auch die Ausführungen von Dreher, Die Willensfreiheit, S. 313 ff.; krit. zum Dualismus Kapitel 4 III 1.1.2.2). 70 Letztendlich handelt es sich um eine Glaubensfrage. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 104 an.71 Vielmehr stützt er sich auf die, seiner Auffassung nach, „empirisch robusteren“ Erkenntnisse der Hirnforschung über die Steuerung von Willkürhandlungen. Danach durchläuft die Verhaltenssteuerung Roth zufolge mehrere wesentliche Phasen72, die hier nur kurz zusammengefasst dargestellt werden.73 Die Verhaltenssteuerung erfolgt durch das Zusammenarbeiten der bewusst arbeitenden corticalen Zentren, also Zentren der Großhirnrinde, sowie der prinzipiell unbewusst arbeitenden subcorticalen Zentren, Zentren die außerhalb der Großhirnrinde liegen.74 Als erstes tauchen Wünsche, Ziele und Pläne in den subcorticalen Strukturen, insbesondere der Amygdala, dem Hippokampus und dem mesolimbischen System auf und werden in den präfrontalen und orbitofrontalen Cortex geleitet, wo sie bewusst werden. Es kommt zum rationalen und emotionalen Abwägen der Wünsche, Ziele und Pläne. Dies geschieht neuronal durch Kreisprozesse zwischen Großhirnrinde und den subcorticalen Strukturen (limbisches System, Basalganglien, Hippokampus, Amygdala). Der orbitofrontale Cortex hat dabei eine hemmende Wirkung75 und entspreche sozusagen der rationalen Entscheidungskomponente76; die subcorticalen Strukturen entsprächen eher der emotionalen Komponente, die zum Großteil unbewusst bleibt und einen weitaus größeren Einfluss auf die Entscheidung nehme, als bisher von uns angenommen. Die Großhirnrinde könne nur mit „Zustimmung“ des limbischen Systems, dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis und Bewertungssystem77, das 71 Vgl. Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 37 (39); ders., Aus Sicht des Gehirns, 2009, S. 7. 72 M. Pauen/Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung, S. 96 f. 73 Für eine ausführliche Darstellung siehe M. Pauen/Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung, S. 80 ff. 74 M. Pauen/Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung, S. 80; Roth, in: Gestrich/ Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 37 (39). 75 Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 37 (47). Etlichen Befunden zufolge ist der präfrontale Cortex an der Selbstkontrolle beteiligt. Strittig ist, ob es sich eher um die dorsalen oder die orbitofrontalen Areale handelt (Knoch, Z. Neurophsychol 18 (2007), S. 183 (184)). 76 Er hat eine wichtige Rolle bei der Einschätzung des Nutzens von Verhalten (Thier, in: Karnath/Thier (Hrsg.), Neuropsychologie, S. 471 (477)). 77 Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, S. 194; ders., Biologie unserer Zeit 28 (1998), 6 (9); ders., ZfPäd 50 (2004), 496 (499 f.). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 105 Affekte, Gefühle und Motivation vermittelt78, entscheiden. Sie habe lediglich eine „beratende“ Funktion79, denn letztendlich „entscheide“ das limbische System. Sämtliche Erfahrungen seit der pränatalen Phase würden dort gesammelt und „bewertet“ (ob lustvoll, vorteilhaft, negativ, schmerzhaft) und mit dem jeweiligen zur Auswahl stehenden Verhalten abgeglichen werden.80 Damit habe das limbische System „das ‚erste Wort‘, nämlich beim Entstehen der Wünsche und Pläne, und das ‚letzte Wort‘ bei der Entscheidung“.81 Nach der Entscheidung erfolgt die Handlungsausführung, die vom prämotorischen, supplementär motorischen und primär motorischen Cortex gesteuert wird. Danach werde die Handlung durch corticale und subcorticale Strukturen, z.B. dem dopaminergen Belohnungssystem, „bewertet“. Stark vereinfacht plant aufgrund von Wünschen, die im limbischen System entstünden, der präfrontale Cortex eine Willkürhandlung, die der „Zensur“ subcortikaler Strukturen (mesolimbisches System, Amygdala82) des limbischen Systems sowie der „letzten Abfrage“ der Basalganglien (dem „Handlungsgedächtnis“83) über das Ob und Wie des Verhaltens unterlägen (Doppelkontrolle)84, um anschließend durch prämotorische und motorische Zentren ausgelöst und gesteuert zu werden.85 Die subcorticalen Prozesse finden alle unbewusst statt. Nur die Prozesse des präfrontalen und orbitofrontalen Cortex sind bewusstseinsfähig. Das limbische System hat einen größeren Einfluss auf die Großhirnrinde als umgekehrt.86 Damit findet Roth zufolge der Großteil der Verhaltenssteuerung unbewusst statt. 78 Roth, ZfPäd 50 (2004), 496 (498). 79 Roth, Diskussion zum Vortrag von Prof. Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 48 (51). 80 Roth, ZfPäd 50 (2004), 496 (499 f.). 81 M. Pauen/Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung, S. 97. 82 Neuere Untersuchungen weisen insbesondere der Amygdala eine besondere Bedeutung für die emotionale Reizbewertung und Reaktionsauslösung zu (Gahr, in: Dudel/Menzel/ Schmidt (Hrsg.), Neurowissenschaft, S. 465 (479); M. Pauen/Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung, S. 91 f.; vgl. unten Kapitel 3 III 2). 83 Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 37 (40). 84 Roth, Biologie unserer Zeit 28 (1998), 6 (12 f.). 85 Roth, Biologie unserer Zeit 28 (1998), 6 (10 f.). 86 Roth, Diskussion zum Vortrag von Prof. Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 48 (51). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 106 Demzufolge gehen bewusster geistiger Tätigkeit unbewusste Prozesse voraus, die bestimmend seien für den Zeitpunkt ihres Auftretens, ihre Intensität und ihre wesentlichen Inhalte.87 Die unbewussten Prozesse beziehen sich nicht nur auf neuronale Prozesse, wie die Signal- übertragung, sondern auch auf Prozesse, die unbewusste Motive und Faktoren repräsentieren. Dass Entscheidungsprozesse wesentlich unbewusst ablaufen und das menschliche Entscheiden und Verhalten stark beeinflussen, stimmt auch mit den Annahmen aus Psychologie und Psychiatrie überein.88 Die erste neurowissenschaftliche Vorhersage unbewussten Wollens (John-Dylan Haynes) Zu dem Schluss, dass unbewusste Prozesse bei Willkürhandlungen bedeutend sind, kommt auch der Psychologe und Hirnforscher John-Dylan Haynes, der in einem Interview mit Ulrich Schnabel Folgendes erklärt: „Eine Kaskade von unbewussten Prozessen fängt an, eine Entscheidung vorzubereiten, lange bevor diese ins Bewusstsein dringt. […] Was uns bewusst wird, ist nur dessen Spitze [eines Eisbergs]. Neunzig Prozent liegen unter Wasser – das sind die unbewussten Prozesse in unserem Gehirn“89. In seinem Experiment90, bei dem sich seine Probanden frei zwischen dem Drücken eines Knopfes mit der linken oder mit der rechten Hand 2.3. 87 M. Pauen/Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung, S. 69. 88 Vgl. Nedopil, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 209 (215). Eine grafische Darstellung über die Entsprechung Freuds Dreiteilung des „psychischen Apparates“ (Über-Ich; Ich; Es) mit der Dreiteilung zerebraler Areale (Assoziationskortex; Hippocampus, Amygdala, Orbitalhirn; Hypothalamus, Septum, Hirnstamm) findet sich bei Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (336). 89 Haynes zit. von Schnabel, Der unbewusste Wille, DIE ZEIT online v. 17.04.2008, http://www.zeit.de/2008/17/Freier-Wille (Stand: 07.04.2018). 90 Haynes/Soon/Brass/Heinze, Unconscious determinants of free decisions in the human brain, Nature Neuroscience 11 (2008), S. 543 ff. Zum Versuchsaufbau siehe Bor, G&G 2011/6, 14 (17). Kritisch dazu Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 127 ff.; ders., Die Hirnforschung und die Mär von der Freiheit, heise online v. 29.05.2008, http://www.heise.de/tp/artikel/28/28025/1.html (Stand: 07.04.2018). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 107 entscheiden sollten91, gelang es ihm, die Entscheidungen seiner Probanden noch vor deren Bewusstwerden mit Hilfe eines Kernspintomografen aus der Aktivität des frontopolaren präfrontalen Cortex an der Stirnseite des Gehirns vorherzusagen: „Bereits etwa sieben bis acht Sekunden vor einer Entscheidung können wir diese anhand der gemessenen Hirnaktivität vorhersagen. Allerdings weist die Kernspintomografie eine drei- bis viersekündige Verzögerung auf. Das bedeutet, es vergehen tatsächlich mindestens zehn Sekunden, bevor die Information zu einer Entscheidung im Gehirn präsent ist“92. Die Entscheidung der Probanden ließ sich jedoch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit voraussagen. Die Häufigkeit richtiger Prognosen lag lediglich bei sechzig Prozent, was der Neurophilosoph Stephan Schleim als „keine wahnsinnig hohe Trefferquote“ kritisiert93. Haynes erwidert, dass viele hundert Messungen durchgeführt wurden, sodass „600 aus 1000 […] ganz klar nicht Zufall, sondern […] klar statistisch auffällig“94 ist, was zumindest darauf hindeutet, dass die Entscheidung schon zu einem gewissen Grad unbewusst angebahnt war.95 Interessant ist daher, dass Haynes und seine Mitarbeiter statistisch über dem Zufall liegende Vorhersagen machen konnten, noch bevor die Entscheidung dem Probanden bewusst wurde und das nicht lediglich im Millisekunden-Bereich, in dem sich Libets Experimente bewegten, sondern im Sekundenbereich. Auch wenn es sich um einfache Entscheidungen der Probanden handelte, lässt sich einerseits zeigen, dass unbewusste Prozesse eine große Bedeutung haben. Jedoch gab es eine hohe Zahl an Messungen, bei denen die Entscheidung von der Vorhersage abwich, was andererseits die Schlussfolgerung zulässt, dass die 91 Anhand einer vor ihren Augen abgespielten Buchstabenfolge sollten sie angeben, zu welchem Zeitpunkt ihre Entscheidung gefallen war. 92 Haynes im Interview mit Sprenger/Gevorkian, G&G online, Hirngespinst Willensfreiheit, http://www.gehirn-und-geist.de/alias/dachzeile/hirngespinst-willensfreihe it/968930 (Stand: 07.04.2018). 93 Schleim, Die Hirnforschung und die Mär von der Freiheit, heise online v. 29.05.2008, http://www.heise.de/tp/artikel/28/28025/1.html (Stand: 07.04.2018). 94 Haynes, Fortschritt und Dilemma, Interview mit Müller-Schmid, Deutschlandradio Kultur v. 01.07.2008. 95 Haynes wiedergegeben von Spiegel Online v. 14.04.2008, Studie nährt Zweifel an freiem Willen, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-studienaehrt-zweifel-an-freiem-willen-a-547074.html (Stand: 07.04.2018); vgl. auch Presseinformation Max-Planck-Gesellschaft B/2008 (77) v. 13.04.2008. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 108 Entscheidung noch nicht endgültig gefallen war.96 Damit widerlegt auch Haynes Experiment nicht mit Sicherheit den Indeterminismus, weil im Bewusstsein die Willensfreiheit noch wirken könnte; Haynes hält jedoch, entgegen Libet, „einen Eingriff des freien Willens für unplausibel“97.98 Unbewusste Entscheidungen und Entscheidungskomponenten als Ausschluss von Willensfreiheit und Verantwortung? Dass dem Bewusstsein, trotz der Existenz unbewusster Abläufe, eine eigenständige Funktion zukommen muss, wie die Abweichler-Vorhersagen in Haynes Experiment vermuten lassen, entspricht evolutionsbiologischen Gedanken, wonach es einen Sinn haben muss, dass sich Bewusstsein evolutionär beim Menschen entwickelt und etabliert hat.99 Naheliegend und für das Strafrecht relevant ist, dass das Bewusstsein dem bildlichen und „hautnahen“ Durchspielen der mögli- 2.4. 96 Vgl. Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft v. 13.04.2008, Unbewusste Entscheidungen im Gehirn, http://www.mpg.de/562931/pressemitteilung20080409 (Stand: 07.04.2018). 97 Haynes, wiedergegeben von Spiegel Online v. 14.04.2008, Studie nährt Zweifel an freiem Willen, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-studienaehrt-zweifel-an-freiem-willen-a-547074.html (Stand: 07.04.2018). 98 Es handelt sich schließlich hierbei um eine Glaubensfrage, weil bisher keine der beiden Seiten des Determinismus-Indeterminismus-Streits bewiesen ist (vgl. Urbaniok/ Hardegger/Rossegger/Endrass, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 179 (187)). Daher verbleibt nur die Frage nach der Plausibilität: Überspitzt dargestellt, entscheidet es sich zwischen einem dualistischen Geist im Bewusstsein oder einer materiell basierten Systemdynamik. Die Experimente erlangen hierbei sozusagen eine „Indizwirkung“. 99 Vgl. Wuketits, in: Petzold/Sieper (Hrsg.), Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie I, S. 57 (68); Singer, Ein neues Menschenbild, S. 58; Verbeek, in: Oehler (Hrsg.), Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, S. 155 (159); Roth, Aus Sicht des Gehirns, 2009, S. 141. Roth vermutet die Funktion des Bewusstseins in der Erzeugung von Erlebniszuständen mit der Kennzeichnung corticaler Reorganisationsprozesse. Warum eine derartige Kennzeichnung jedoch genau nötig ist, kann auch er nicht beantworten (Roth, Biologie unserer Zeit 28 (1998), 6 (13)). Jedenfalls ermöglicht das Bewusstsein eine besondere Art der Informationsverarbeitung von komplexen und umfangreichen Daten, die zu Flexibilität führt: Die Großhirnrinde mit ihrer Fähigkeit zur schnellen Umverknüpfung ist in der Lage, neue Inhalte aus der Wahrnehmung mit bereits vorhandenen Gedächtnisinhalten zu neuen Informationen zu verknüpfen (Roth, Aus Sicht des Gehirns, 2009, S. 141 f.). I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 109 chen Konsequenzen von den zur Auswahl stehenden Verhaltensmöglichkeiten („Zukunftsfolgenabschätzung“100) dient. So geht Singer davon aus, dass durch die bewusste Vorstellung über das Was-Wäre- Wenn, ermöglicht durch unsere gemachten Erfahrungen, der Mensch in die Lage versetzt wird, Gefahren zu vermeiden.101 Das Durchspielen von Verläufen und Konsequenzen, auch wenn nicht frei von unbewussten Prozessen, wirke auf den Entscheidungsprozess zurück, denn „der Körper reagiert auf vorgestellte Ereignisse ähnlich wie auf tatsächliche Ereignisse, wenn auch subtiler“102. Dieses „mehr an Bedeutung“ könnte strafrechtlich erklären, warum bewusstem Verhalten mehr Handlungsunwert zukommt als unbewusstem Verhalten und bei der Strafzumessung mit einer höheren Strafe gewürdigt wird. Jedenfalls ist die Funktion des bewussten Durchspielens sowohl mit der Determinismusannahme von zusätzlichen Determinanten im systemisch-dynamischen Prozess als auch mit einer Indeterminismusannahme vom Akt des Loslösens von Determinanten vereinbar. Bewiesen ist in Bezug auf die Willensfreiheitsfrage daher nichts – weder zu Gunsten des Indeterminismus noch des Determinismus. In Bezug auf die unbewussten Prozesse ist es letztlich nicht überraschend, dass das Bewusstsein nicht allein entscheidungserheblich ist, sondern uns viele Prozesse und Motive unbewusst bleiben und darüber hinaus Entscheidungen im Unbewussten gefällt werden können.103 Allenfalls jene würde dieser Gedanke ins Wanken bringen, die davon ausgehen, das Bewusstsein sei der unabhängige Hauptakteur – der „unbewegte Beweger“104. Diejenigen, die das Bewusstsein als Äu- ßerung eines freien und unabhängigen dualistischen Geistes verstehen oder die Willensfreiheit bzw. die Verantwortung allein im Bewusstsein verankert sehen105, würden, sofern nicht etwa auf die Vetotheorie zu- 100 Verbeek, in: Oehler (Hrsg.), Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, S. 155 (159). 101 Singer, Ein neues Menschenbild, S. 58. 102 H. Walter, in: Newen/Vogeley (Hrsg.), Selbst und Gehirn, S. 265 (279). 103 Vgl. Singer, in: Petzold/Sieper (Hrsg.), Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie I, S. 197 (216, 223); Wuketits, APuZ 2008, 3 (4). 104 Bieri, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 20 (24). 105 Siehe oben Kapitel 3 I 2.1.4. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 110 rückgegriffen wird, die Verantwortung und Willensfreiheit des Menschen aufgeben oder zumindest stark abschwächen müssen. Ihnen zufolge setze ein Anders-Können im klassischen Sinn voraus, dass der Täter alle wichtigen Faktoren kennt und sich deswegen letztlich bewusst für oder gegen eine Verhaltensvariante entscheiden und damit die unbewussten Prozesse und Motive „überentscheiden“ kann.106 Das Vorliegen wesentlicher Faktoren für die Entscheidung im Unbewussten würde dem entgegenstehen. Diejenigen, die Verantwortung auch mit unbewussten Prozessen für kompatibel halten, würden weiterhin von Verantwortung und ggf. von der (Willens)Freiheit des Menschen ausgehen. Dass Handlungen im Gedächtnis unbewusst korreliert sind, dass darüber hinaus Handlungen unbewusst eingeleitet werden und dass im Unterbewusstsein Entscheidungen allein getroffen werden können, ist mitunter sogar sinnvoll: man denke etwa an die spontane Vermeidung eines Autounfalls, bei der der Fuß reflexartig auf die Bremse tritt. Eine Entscheidungsfindung mit aktiver Beteiligung des Bewusstseins und Abwägung über ein eventuelles Veto würde in solchen Momenten zu lang dauern. Unbewusste Abläufe dienen als Schutz vor Überforderung durch Selektion mit Hilfe von vorgeschalteten Filtern.107 In der Strafrechtswissenschaft wird dem Problem der unbewussten Entscheidungsprozesse im Rahmen der Schuld eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt108, obwohl die Neurowissenschaftler vor allem den unbewussten Prozessen besondere Bedeutung zumessen: Gegenwärtige psychologische und neurowissenschaftliche Konzepte der Handlungssteuerung gehen nicht nur davon aus, dass menschliches Verhalten von bewussten und unbewussten Motiven und Vorgängen lediglich 106 Für Libet war die Vorstellung, dass unbewusste Entscheidungen noch als freier Wille aufgefasst werden könnte, unannehmbar, wenn sie keine Möglichkeit bewusster Steuerung haben (Mind Time, S. 186 f.). Deswegen entwickelte er auch die Vorstellung von der Vetofunktion des Bewusstseins (siehe oben Kapitel 3 I 2.4). 107 Kornhuber/Deecke, in: Petzold/Sieper (Hrsg.), Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie I, S. 77 (138). Sie sehen die Aufgabe des Bewusstseins in der Informationsverarbeitung von wichtigen Dingen. 108 Siehe dazu z.B. Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 240 ff.; Schiemann, Unbestimmte Schuldfähigkeitsfeststellungen, S. 160. I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 111 mitbestimmt sind109, was seit der Psychoanalyse110 keinesfalls neu wäre, sondern noch stärker als bisher gedacht unbewusst gefällt werden. Der Bereich des Unbewussten sei noch größer. Bewusste Handlungsplanung und bewusste Entscheidungen seien nur ein Bereich eines großen Spektrums, neben automatisierten Handlungen, automatisierten Entscheidungen und Spontanverhalten111, bei denen auch vom Strafrecht anerkannt unbewusste Prozesse großen Einfluss haben. Deutlich wird dies im Rahmen der Fahrlässigkeit. In einen (Willens-) Freiheitsbegriff bzw. Verantwortungsbegriff, der Grundlage von Schuld ist, sollten die neuen und zugleich alten Erkenntnisse über unbewusste Willensbildungsfaktoren sowie unbewusste Entscheidungsabläufe stärker einfließen als dies bisher der Fall ist.112 Die Entscheidung kommt jedenfalls nicht unwesentlich ohne unbewusste Komponenten zustande. Daraus zieht G. Merkel den Schluss: „Bewusste Wahrnehmung entsteht nicht ad hoc, sondern ist […] das Ergebnis unbewusster Hirnaktivitäten, hängt also von diesen vorgelagerten Aktivitäten ab; damit wird aber auch die bewusste Entscheidung bzw. der (ggf. vorwerfbare) Willensentschluss hiervon abhängig“113. Das menschliche Selbstverständnis ist geneigt, nur die eigenen bewussten Erfahrungen in den Freiheitsbegriff einfließen zu lassen, was deswegen nicht verwundert, weil der Mensch subjektiv aus seiner Erste- Person-Perspektive schon per definitionem nur die bewussten Abläufe 109 Roth/Lück/Strüber, in: Barton (Hrsg.), "…weil er für die Allgemeinheit gefährlich ist!", S. 335 (335). 110 Die Neurowissenschaften und die Psychoanalyse haben viele gemeinsame Schnittpunkte. Sie untersuchen die menschliche Psyche jedoch von zwei verschiedenen Perspektiven aus: Die Neurowissenschaften nehmen die Dritte-Person- Perspektive und die Psychoanalyse die Erste-Person-Perspektive ein. Aus beiden Forschungsgebieten hat sich ein neuer gemeinsamer Forschungszweig herausgebildet: die Neuro-Psychoanalyse (dazu näher, Solms, G&G 2006/1-2, 50 (50 ff.); ders./Kaplan-Solms, Neuro-Psychoanalyse; Ayan, G&G 2006, 44-49; Hubert, DRadio Wissen v. 01.07.2011, DlfNova 10.18 Uhr, Neurowissenschaften und Psychoanalyse, http://srv.deutschlandradio.de/themes/dradio/script/aod/index.html?au dioMode=2&audioID=4 (Stand: 07.04.2018)). 111 Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 475 mit kurzer Information zum derzeitigen Stand der Handlungs- und Volitionspsychologie von Heinz Heckhausen, Wolfgang Prinz, Thomas Goschke, u.a. 112 Im 4. Kapitel wird aufgezeigt, dass der Schuldbegriff wesentlich vom Indeterminismus aus bestimmt wird. 113 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 301. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 112 und Motive wahrnehmen kann und sich deswegen sein Weltbild vorwiegend daraus entwirft. Der Mensch erfährt sich nur über seine bewussten Erfahrungen und deshalb haben für ihn bewusste Abläufe, Gedanken, Entscheidungen, Handlungen etc. einen besonderen Stellenwert.114 Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch unbewusste Prozesse maßgebend sein können. Im Strafrecht ist Bewusstsein nicht ausschlaggebend für Verantwortungszuschreibung. Angenommen A geht in Gedanken verloren die Fußgängerpassage entlang und rempelt dabei ungewollt Rentnerin B an, die daraufhin fällt und einen Hüftschaden erleidet. Das Gehen ist ein automatisierter Vorgang, für den sich A im Moment des Loslaufens entschieden hat, bei dem jedoch nicht jeder einzelne Schritt bewusst gesteuert wird; gerade das Anrempeln (als schädigendes Verhalten) erfolgte nicht bewusst und willentlich – eine Entscheidung bzw. ein Wille dazu fehlt sogar115. Dennoch liegt ein Verhalten vor, das den strafrechtlichen Handlungsbegriff, als einen vom menschlichen Willen getragenes Verhalten, erfüllt und für das A strafrechtliche Verantwortung zu tragen hat: Die Bewegung als solche, das Gehen, war vom Willen umfasst – auch wenn nicht in jeder Sekunde bewusst präsent; so genügt das latente Wissen ohne bewusste Finalität des Willens auf die Schädigungshandlung und den Erfolg. Auch wenn die Schädigungshandlung (Anrempeln) und der Schädigungserfolg nur unbewusst fahrlässig erfolgten, so doch nach heutigem Strafrecht schuldhaft. Würde (Willens-)Freiheit tatsächlich zwingend an das bewusste Entscheiden und Handeln gekoppelt sein und würde nur eine bewusste (Willens-)Freiheit Verantwortung legitimieren, dann müsste das Vorliegen von Schuld verneint werden. Lediglich beim Vorsatzdelikt und bei der bewussten Fahrlässigkeit könnte die Schuld attestiert werden – zumindest die Rechtsfigur der unbewussten Fahrlässigkeit müsste aufgegeben werden116. 114 Vgl. Singer, in: Petzold/Sieper (Hrsg.), Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie I, S. 197 (222 f.). 115 Vgl. Herzberg, in: FS Achenbach, S. 157 (182) abstrakt für die unbewusste Fahrlässigkeit. 116 Dass dies lebensfremd wäre, so Herzberg, Willensunfreiheit und Schuldvorwurf, S. 94. Man denke auch an Fälle, in denen Eltern ihr Kind mit tödlicher Folge im Auto vergessen (Wuketits, APuZ 2008, 3 (3); Herzberg, Willensunfreiheit und Schuldvorwurf, S. 93). Wenn hierbei von einer Strafe abgesehen wird, dann nicht I. Erklärungsversuche des menschlichen Verhaltens 113 Der Gedanke, unbewusste Entscheidungsprozesse und Handlungen zu berücksichtigen, ist für das Strafrecht keineswegs fremd. Viele Straftaten sind sog. Spontantaten, die aus ungeplanten und unreflektierten Entscheidungen resultieren117, die stark durch unbewusste Faktoren geprägt sind und bei denen ein bewusstes Abwägen, wenn überhaupt, nur sehr marginal stattfindet. Täter berichten, dass ihre Gefühle die Oberhand gewannen und sie „einfach nur handelten“, was nicht zwingend einen schuldunfähigkeitsbegründenden Affekt zur Folge hat. Dieses Empfinden ist vergleichbar mit dem umgekehrten Fall, in dem eine Person eine anderen das Leben rettet – und im Nachhinein davon berichtet, dass sie nicht bewusst ihr Verhalten plante, sondern nur zum Hilfebedürftigen stürzte und lediglich „funktionierte“. Dabei lief alles so schnell und automatisch ab, dass sie „gar nicht anders konnte“ als dem anderen zu helfen. In einem solchen Fall, auch wenn die Handlung automatisch, ohne bewusstes Abwägen stattfindet und Willensfreiheit im klassischen Sinn deswegen zu verneinen wäre, weil keine bewusste freie Entscheidung getroffen wurde118, loben wir die Person für ihr Verhalten. Mit dem Lob, der Achtung, der Anerkennung und der Bewunderung schreiben wir ihr Verantwortung für ihr Verhalten zu. Ein Willensfreiheitsbegriff oder eine Verantwortungszuschreibung, die als Erfordernis an die bewusste Entscheidung anknüpft, ist damit schon im Alltag nicht haltbar. Auch das Strafrecht stellt bei Spontantaten keine hohen Anforderungen an die Wissens- und Wollenskomponente des Vorsatzes und schreibt prinzipiell Verantwortung zu, wenn nicht außergewöhnliche Umstände vorliegen, die die Schuld ausschlie- ßen, wie schwerwiegende, hochgradige Affekte. Die Gründe, die den Täter zu seiner Tat bewogen haben, müssen nicht bewusst, sondern können auch unbewusst abgewogen worden sein. Über die Vorsatzdelikte hinaus, die zumeist mit der Willensfreiheit und dem Bewusstsein in Verbindung gebracht werden, erfasst das Strafrecht, wie gesehen, auch das auf die Folgen bezogene unbewusste wegen fehlender Schuld, sondern aufgrund § 60 StGB, wonach das Gericht von Strafe absieht, wenn die Folgen der Tat für den Täter derart schwer wiegen, dass eine Strafe verfehlt wäre. Der Täter ist sozusagen durch die eingetretenen Folgen bereits genug bestraft. 117 Siehe dazu bereits Kapitel 3 I 2.1.3. 118 Siehe Kapitel 3 I 2.1.4. Fn. 60. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 114 und unreflektierte Handeln (Anrempeln) im Rahmen der unbewussten Fahrlässigkeit. Strafrechtlich kommt es daher für die Schuld nicht zwingend auf das Bewusstsein119 oder gar auf eine Entscheidung zu einer spezifischen Folge an.120 Das bestärkt zugleich die Annahme, dass das Strafrecht nicht zwingend auf die indeterministische, i.S.e. im Bewusstsein agierenden Willensfreiheit abstellt, sondern vielmehr dem Streit gegenüber neutral ist.121 Dass uns unser Gehirn hinsichtlich der Rolle des Bewusstseins als Letztentscheidungsinstanz hinters Licht führen mag, ist letztlich irrelevant für die Frage nach Verantwortung und Freiheit, wenn wir Gehirn und Person nicht trennen, sondern als Einheit begreifen. Wenn wir es also vermeiden, den Gehirn-Person/Selbst-Dualismus (bzw. Leib-Seele-Dualismus) zu postulieren122 und das Unterbewusstsein als Unterstützer unseres Selbst anerkennen. Das Unbewusste ist ebenso Teil des Menschen wie das Bewusste.123 Nichts als Illusion – und doch mehr Das Konstrukt eines initiierenden Willens Dass der Wille keine psychische Kraft – keine spezifische Instanz für bewusst gewolltes Verhalten sei, ist Auffassung der Psychologen und Neurowissenschaftler Daniel M. Wegner und Thalia Wheatley.124 1999 publizierten sie ein Experiment, mit dem sie die Voraussetzungen für das subjektive Empfinden einer Kausalbeziehung zwischen Wille und II. 1. 119 Dennoch bleibt die Abgrenzung bezüglich Vorsatz und Fahrlässigkeit anhand des Bewusstseins auch im Determinismus möglich, sodass für das Strafrecht hierbei keine Änderungen notwendig sind. 120 Der Verlust des Bewusstseins ist nicht strafbegründend, man denke an Patienten mit apallischem Syndrom. Das Verhalten an sich muss vom Bewusstsein zumindest latent begleitet sein, weil dies für das Gefühl der Autorenschaft unerlässlich ist – nicht dagegen die Folge bzw. der strafrechtliche Erfolg, wenn Fahrlässigkeit strafbar ist (vgl. Kapitel 5 III 3.2.2.2). 121 Siehe dazu Kapitel 5 I. 122 Siehe auch NK-Schild, StGB, § 20 Rn. 7 f. 123 So bspw. auch Schiemann, Unbestimmte Schuldfähigkeitsfeststellungen, S. 160; 124 Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 318. II. Nichts als Illusion – und doch mehr 115 Handlung untersuchen.125 In ihrem Experiment sorgten sie dafür, dass die Probanden die Handlungen nicht selbst initiierten – ohne deren Kenntnis. Es sollte die Frage beantwortet werden, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich Personen Handlungen als ihre eigenen, gewollten und selbstinitiierten zuschreiben, obwohl sie sie objektiv gar nicht verursacht haben. Sie kamen zu folgen drei Bedingungen126: (1) Der Wille und das Geschehen müssen übereinstimmen. (2) Das bewusste Wollen muss in einem bestimmten zeitlichen Abstand dem Handeln vorgehen. (3) Andere plausible Ursachen, wie andere Personen, die als Handelnde in Frage kommen, müssen ausgeschlossen werden können. Auch wenn keine vom Probanden verursachte Handlung vorliegt, kann das Empfinden einer selbst-initiierten Handlung manipulativ erzeugt werden. Das führt zu dem Schluss, dass das Gefühl der Autorschaft ein Konstrukt ist, das bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen entsteht, ohne nach der tatsächlichen, objektiven Kausalbeziehung zu fragen. Es genügt, dass der Wille in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der erfolgten Handlung übereinstimmt – ohne die Möglichkeit der Einbindung von Alternativverursachern. Dass aber auch das zugrunde liegende Gefühl, eine Handlung gewollt zu initiieren, trügen kann, verdeutlichen andere Experimente127: Im Rahmen von Operationen unter Lokalanästhesie am offenen Gehirn von Epilepsiepatienten wurden von dem Neurochirurgen Wilder Panfield seit den 1930er Jahren Gehirnzentren elektrisch stimuliert, sodass z.B. bei Reizung des somatosensorischen Cortex vor der Zentralfurche ein Kribbeln zu spüren war, bei Reizung des primären motorischen Cortex ein Zucken einzelner Muskeln oder Muskelgruppen erfolgte und schließlich bei Reizung des prämotorischen und supplementärmotorischen Cortex ganze Bewegungen von Gliedmaßen aus- 125 Wegner/Wheatley, Apparent Mental Causation, American Psychologist 54 (1999), 480 (480 ff.); Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 64, 74 ff.; vgl. auch Vierkant, in: Buchheim/Pietreck (Hrsg.), Freiheit auf Basis von Natur, S. 69 (81). 126 Vgl. dazu auch Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 323 f. 127 Dazu Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 515 f.; Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 45 ff. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 116 gelöst wurden.128 Die Patienten berichteten von dem Gefühl aufgedrängter Bewegungen. Dagegen führte die Reizung am Fuß der Zentralfurche im Übergang zur sylvischen Furche zuverlässig zu gewollten Bewegungen einzelner Gliedmaßen, wie Händen oder Füßen.129 Dass der Wille also durch Manipulation des Gehirns hervorgerufen werden kann, bestätigten für die elektrische Stimulation José Delgado130 und für die transkranielle Magnetstimulation Joaquim Brasil-Neto131.132 Die Probanden Delgados gaben sogar noch für die nicht von ihnen ausgelösten, aber als freiwillig empfundenen Bewegungen Erklärungen ab, wie „ich schaue gerade nach meinen Pumps“ oder „ich habe ein Geräusch gehört“.133 Delgado ging noch davon aus, dass die Möglichkeit bestünde, das Verhalten werde nicht einfach nur nachträglich mit Sinn gefüllt (sog. Konfabulation), sondern dass Halluzinationen ausgelöst wurden, auf die die Probanden einfach nur reagierten.134 Heute weiß man jedoch, dass es normal ist, zu konfabulieren135: „Obwohl die meisten mentalen Prozesse unbewusst sind, antworten viele Menschen nicht mit ‚ich weiß nicht‘, wenn sie Entscheidungen erklären sollen, sondern geben Begründungen für ihre Handlungen und Präferenzen an, die ‚konfabuliert‘ sind“136. Sämtliches Verhalten wird vom Gehirn mit (ggf. falschen) Erklärungen interpretiert, die den Großteil unseres Bewusstseins ausmachen. Das ist dem Bestreben geschuldet, „Wahrnehmungen und Handlungen einen Sinn zu verleihen“, was „dem Verhalten Beständigkeit und dem Individuum das Gefühl von Kausalität und Stabilität verleiht“.137 Ge- 128 Penfield, The Excitable Cortex in Conscious Man, 1958, zit. nach Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 515. 129 Penfield/Rasmussen, The Cerebral Cortex of Man, 1950, zit. nach Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 516. 130 Delgado, Physical Control of the Mind, 1969. 131 Brasil-Neto/Pascual-Leone/Valls-Solé/Cohan/Hallett, Focal Transcrinal Magnetic Stimu-lation and Response Bias in a Forced-Choice Task, J Neurol Neurosurg Psychiatry 55 (1992), 964 (964 ff.). 132 Siehe auch Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 45 ff.; Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 516. 133 Delgado, Physical Control of the Mind, S. 115 f. 134 Delgado, Physical Control of the Mind, S. 116. 135 Siehe dazu auch Hirstein, Brain Fiction, 2005. 136 Heidler, Fortschr Neurol Psychiat 78 (2010), 256 (256). 137 Heidler, Fortschr Neurol Psychiat 78 (2010), 256 (256). II. Nichts als Illusion – und doch mehr 117 danken und Erinnerungen sind daher konstruiert und können mit der objektiven Wirklichkeit divergieren.138 Darin liegt die Bedeutung der viel zitierten Worte des Psychologen und Kognitionswissenschaftlers Wolfgang Prinz: „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“139. Für den Willen würde dies bedeuten, dass er sozusagen ein „addon“140 ist. Er scheint nämlich nicht stark in die Mechanismen der Handlungserzeugung involviert zu sein, was die These bestätigt, dass auch er nachtäglich konstruiert wird.141 Prinz zufolge unterliegt nicht nur die Wahrnehmung von Physischem einem „realistischen Konstruktivismus“, sondern auch die Wahrnehmung von Mentalem. Realistisch meint dabei, dass sich die Wahrnehmung auf real existierende Sachverhalte bezieht und konstruktivistisch, dass der Wahrnehmungsinhalt das Ergebnis von konstruktiven Prozessen ist, z.B. selektiver Repräsentation, inhaltlicher Fokussierung, autonomer Organisation und kategorialer Überformung.142 Dieser Konstruktivismus findet unbewusst, also „subpersonal“ statt („submentale Maschinerie“).143 Die Ergebnisse subpersonaler Prozesse werden mit Hilfe des alltagspsychologischen Common Sense zu personalen (mentalen) Prozessen rekonstruiert.144 Handlungsentscheidungen werden so 138 Vgl. K. A. Braun/Ellis/Loftus, Make My Memory: How Advertising Can Change Our Memories of the Past, Psychology & Marketing 23 (2002), 1 (1 ff.); Loftus, Our Changeable Memories: Legal and Practical Implications, Nature Reviews Neuroscience 4 (2003), 231 (231 ff.). 139 Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (87). 140 Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 47. 141 Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 47. 142 Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (93 ff.). 143 Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (96 f.). 144 Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (97). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 118 „in subpersonalen Prozessen fabriziert und dann, nachdem sie vorliegen, als Ergebnis personaler Entscheidungsprozesse interpretiert“145. Aus dem Zusammenspiel von unbewussten Prozessen und sozialer Alltagspsychologie entsteht Prinz zufolge sozusagen Personalität in Form von gewollter Autorschaft. Die Illusion eines immateriellen Selbst – wie das Gefühl einer unabhängigen Entscheidungsinstanz entsteht Neben dem Willen und dem Gefühl der Bewusstseins-Initiierung einer Handlung wird auch das menschliche Selbstgefühl als solches, also das Gefühl vom Selbst, von der Konstruktivismusthese erfasst.146 Dass es keine materielle oder auf dualistischen Annahmen beruhende immaterielle Instanz innerhalb bzw. außerhalb unseres Gehirns gebe, die in Willensfreiheit Verhalten steuert, ist unter Naturwissenschaftlern eine gängige These. Das Selbst ist „eine psychologische Funktion, die auf ganz konkreten, empirisch erforschbaren neuronalen Grundlagen beruht“147. Vor allem Singer hat sich näher mit der Frage befasst, wie es entsteht. Wie kommt es also dazu, dass Menschen ihr Selbst als Entscheidungsund Verhaltensinstanz wahrnehmen? Ausgehend von zwei der wichtigsten Funktionen des Nervensystems, der Aufnahme von Informationen aus der Umwelt und der Erkennung von Gesetzmäßigkeiten, die für die überlebenswichtige Verhaltensanpassung ausschlaggebend sind, erklärt er als Ursache die von Natur aus beschränkte Wahrnehmungsleistung des Menschen: 2. 145 Prinz, in: v. Cranach/Foppa (Hrsg.), Freiheit des Entscheidens und Handelns, S. 86 (98). 146 Siehe zu einer neurophilosophischen Theorie, wie die Erfahrung vom Selbst entsteht, Metzinger, in: C. Herrmann/M. Pauen/Rieger/Schicktanz (Hrsg.), Bewusstsein, S. 242 (242 ff.): Wir unterliegen einem „naiv-realistischen Selbstmissverständnis“, weil wir nicht in der Lage sind, unser Selbstmodel als Selbstmodell zu erkennen (ebda S. 261). 147 H. Walter, in: Newen/Vogeley (Hrsg.), Selbst und Gehirn, S. 265 (265). II. Nichts als Illusion – und doch mehr 119 „Die exekutiven Funktionen der Nervensysteme [haben sich] an diesen schmalen Ausschnitt der Welt angepasst“148. Die Beschränkung der Wahrnehmung auf den kleinen Ausschnitt der Welt, die sich darin äußere, dass wir nur lineare Systeme verstehen könnten, weil wir evolutionsbiologisch gar nicht in der Lage seien, nicht-lineare Systeme, wie beispielsweise chaotische Systeme, zu begreifen, führe sozusagen zu einer beschränkten Wahrnehmung unseres Inneren: „Es gab vermutlich keinen Selektionsdruck für die Ausbildung kognitiver Funktionen zur Erfassung nichtlinearer dynamischer Prozesse. […] Weil wir Linearität annehmen, uns und unser Gegenüber als kreativ und intentional erleben“, erklärt Singer, „kommt unsere Intuition zu dem falschen Schluss, in unserem Gehirn müsse es eine übergeordnete, lenkende und autonome Instanz geben, welche die vielfältigen verteilten Prozesse koordiniert, Impulse für Neues gibt und den neuronalen Prozessen vorgängig über deren zukünftige Ausrichtung entscheidet“149. Diese Instanz verbinden wir mit unserem Selbst und können nicht aus dem eigenen Erleben begreifen, dass beispielweise Intentionalität, Entscheidungsfähigkeit und Kreativität Eigenschaften sind „die unsere Gehirne aus sich heraus entwickeln können, ohne einer intentionalen Instanz zu bedürfen, die von neuronalen Prozessen unabhängig ist“150. Unser Gehirn, das nicht linear organisiert ist, sei damit für die Erste- Person-Perspektive nicht fassbar. Aus diesem Defizit erklärten sich letztlich die Illusionen, die von und über uns entstehen. Dennoch: Die Evolution hat das Gefühl der Autorschaft, welches auf dem Selbstgefühl fußt, hervorgebracht, was die Annahme zulässt, dass das Gefühl vom Selbst eine Funktion inne hat. 148 Nida-Rümelin/W. Singer, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 253 (262). 149 Nida-Rümelin/W. Singer, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 253 (263). 150 Nida-Rümelin/W. Singer, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 253 (264). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 120 Der Nutzen der Illusion vom Selbst-Autor als Überbauphänomen Der Mensch besitzt das Gefühl, sein Selbst habe sich entschieden und verhalten und damit eine bestimmte Konsequenz ausgelöst. Dieses „man selbst“ entspricht dem Gefühl von Urheber- bzw. Autorschaft.151 Aus evolutionsbiologischer Sicht müssen diese Konstruktionen, auch wenn sie illusorisch sein sollten, einen Nutzen haben, wenn sie sich auf so lange Sicht beim Menschen etabliert haben. Die Bedeutung in der sozialen Kommunikation Das Gefühl der Autorschaft bzw. der Selbstzuschreibung von bestimmten Handlungen erlangt Roth zufolge Bedeutung für die soziale Kommunikation.152 Wegner sieht darin die Funktion der Abgrenzung zwischen Vorgängen, die einer Beeinflussung durch den Menschen zugänglich sind und jenen, die es nicht sind.153 Das fügt sich in ein systemisches Determinismusverständnis ein: Danach existieren nämlich direkte und indirekte Einflussnahmen eines bestimmten Menschen auf das ihn umgebende System, sowie Dinge bzw. Verläufe, auf die der Mensch keinerlei Einfluss hat, wie etwa auf den Wechsel von Ebbe und Flut – er kann dafür keine Determinante sein. Der Mensch kann durch Interaktion mit anderen Menschen diese in ihren Einsichten und damit in ihrem Verhalten prägen und beeinflussen. Er ist damit selbst Faktor für das Verhalten eines anderen Menschen154 und im Zusammenschluss mit anderen Faktoren selbst Faktor einer ganzen Gesellschaft. Er ist nicht nur Etwas, auf das eingewirkt wird, sondern er wirkt selbst auf seine Umgebung155. Dieses Wissen um Einfluss, um das „in den Händen halten“156 bestimmter Verläufe, führt zum Gefühl der Autorschaft. Der Mensch wägt ab – bewusst und unbewusst. Und in diesen Abwägungsprozess 3. 3.1. 151 Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 327. 152 Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 517. 153 Wegner, The Illusion of Conscious Will, S. 327. 154 Er ist natürlich auch Faktor für die Entwicklung der Natur, man denke an das Artensterben und an umweltschädigende Immissionen. 155 Zum Fatalismus-Einwand siehe Kapitel 4 III 1.2.2.1. 156 Das erfährt unter einem systemisch-multikausalen Determinismus gegenüber einem Indeterminismus eine Abschwächung. Es meint hier, eine relevante Deter- II. Nichts als Illusion – und doch mehr 121 wirkt die soziale Kommunikation ein, die dem Menschen immer wieder, beispielweise durch Verantwortungszuschreibungen im gesellschaftlichen Miteinander (z.B. durch soziale Kontrolle und Strafrecht)157, seine beeinflussende Kraft ins Gedächtnis ruft – wiederum bewusst und unbewusst. Im Bewusstsein laufen die Alternativen in den Entscheidungssituationen und deren Handlungsfolgen assoziativ, gekoppelt an unbewusste Prozesse, vor dem „geistigen Auge“ ab.158 Beim Abwägen anhand der durch Antizipation ermittelten Alternativen spielen Gefühle, die mitunter für die unbewusste Vorauswahl von Alternativen sorgen159, Erfahrungen, Assoziationen, gedachte und vorgestellte rationale Konsequenzen des sozialen Umfeldes, der eigene Charakter, die eigenen Fähigkeiten, die eigene Zuversicht in sich selbst, Stimmungen, etc. eine Rolle und bilden das Netz des Menschen im Geflecht mit seiner (sozialen und biologischen) Umwelt. Indem Ziele und Konsequenzen antizipiert werden, können geeignete Wege zu dessen Erreichung erdacht werden. Dadurch kann dem Psychologen Thomas Goschke zufolge der Mensch aktuelle Bedürfnisse für ein höheres, längerfristiges Ziel aufschieben.160 Darin kann zwar nicht, entgegen Goschke, ein Freiwerden von äußeren und inneren Determinanten erblickt werden161, aber eine Abkehr von linearer Kausalität zu etwas, was man durchaus einen Gewinn an Freiheit nennen kann – zwar keine indeterministische Willensfreiheit, aber sozusagen eine deterministische Freiheit aufgrund von Komplexität.162 Die Wirkung als Überbauphänomen Unabhängig von der Frage nach der Illusion, Fiktion bzw. Konstruktion hatte bzw. hat das Gefühl vom autonom handelnden Selbst Einfluss auf den Menschen und weist damit zumindest einen Realitätsbezug auf. Es wirkt auf das Verhalten zurück. Klaus-Jürgen Grün hat das mit 3.2. minante zu sein, anstatt die Fähigkeit, etwas völlig Neues beginnen zulassen. Ohne bzw. mit dem menschlichen Einfluss wäre der Kausalverlauf anders gewesen. 157 Vgl. dazu auch Kapitel 5 III 2. 158 Siehe bereits oben Kapitel 3 I 2.4. 159 H. Walter, in: Newen/Vogeley (Hrsg.), Selbst und Gehirn, S. 265 (279). 160 Goschke, Psychologische Rundschau 55 (2004), 186 (189). 161 Goschke, Psychologische Rundschau 55 (2004), 186 (189, 191). 162 Siehe zur deterministisch verstanden Freiheit Kapitel 5 V. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 122 der Vorstellung vom sog. Überbauphänomen umschrieben. Es handelt sich dabei um mentale Substrate, die aus dem Materiellen hervorgehen und einem „vorgaukeln“, dass es von primärer Natur ist, obwohl es von sekundärer ist.163 Zum Beispiel wirkt der geistige Überbau von Religiösität derart auf das Verhalten von Menschen ein, dass sie sich zu Selbstmordattentätern entwickeln oder Religionskriege führen können.164 Ein mentales Konstrukt kann daher einen Realitätsbezug aufweisen. Das Farbsehen wird in unserem Gehirn konstruiert, um für den Menschen Orientierung in der Welt zu schaffen – und dennoch vermag das Konstrukt Farbe beim Anblick in der Lieblingsgestalt Freude auszulösen, die sich in der Stimmung niederschlägt, die wiederum auf das soziales Umfeld wirkt. „Obgleich das autonome und einheitliche Ich ebenso wie das Gefühl der Willensfreiheit165 eine Illusion sein können, haben sie recht massiven Einfluss auf das Handeln der Menschen“166. So hat auch das Gefühl vom Selbst sowie das Gefühl der Autorschaft167 Wirkung in der Realität. Die Gesellschaft reagiert wiederum darauf und begründet in einem Zuschreibungsprozess Verantwortung168, die für die Einhaltung sozialer Regeln, die vom Recht erfasst werden, von Bedeutung ist. Zusammenfassend lässt sich also kurz und prägnant sagen: Konstruktionen bzw. Illusionen, wie etwa das Gefühl der Autorschaft oder das Gefühl vom Selbst, entfalten auch unter einem deterministischen Menschenbild Wirkung, sodass sie nicht funktionslos sind. 163 Grün, in: Roth/ders. (Hrsg.), Das Gehirn und seine Freiheit, S. 29 (40). 164 Grün, in: Roth/ders. (Hrsg.), Das Gehirn und seine Freiheit, S. 29 (40). 165 Dazu konkret Kapitel 4 II 1.2.4. 166 Grün, in: Roth/ders. (Hrsg.), Das Gehirn und seine Freiheit, S. 29 (40). 167 Autorschaft und Verantwortungsgefühl sind voneinander zu trennen: So kann ein Delinquent sich durchaus als Autor sehen und trotzdem kein Verantwortungsgefühl haben. 168 Dazu genauer Kapitel 5 IV 3.2. II. Nichts als Illusion – und doch mehr 123 Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? Seit jeher versuchen Menschen ihren Mitmenschen anzusehen, ob sie einem wohlgesinnt oder ob sie gefährlich und böswillig sind. Die von Josef Gall (1756-1828)169 Ende des 18. Jahrhunderts begründete Phrenologie, wonach von der menschlichen Schädelform auf die Charaktereigenschaften des Menschen geschlossen wurde, faszinierte weltweit die Menschen jener Zeit.170 Gall glaubte, dass im Gehirn spezifische Organe für unterschiedliche Deliktsarten existieren würden, beispielsweise einen Raufsinn, einen Mord- und Würgesinn oder einen moralischen Sinn.171 Besonders ausgeprägte Gehirnbereiche würden mehr Platz benötigen und ließen sich daher durch Wölbungen am Schädel ertasten.172 Die heutige Hirnforschung versucht ebenfalls Moral, Charaktereigenschaften, Sozialverhalten (z.B. dissoziale Persönlichkeitsstörung, insbes. Psychopathie), Suchtverhalten und sogar delinquentes Verhalten ausfindig zu machen.173 Zwar erfolgt dies nicht mehr unter Zuhilfenahme des Schädeläußeren, dafür aber unter Zuhilfenahme des Schädelinneren, was ihr oftmals den Vergleich mit der Phrenologie und zugleich mit ihrem Scheitern einbringt. Die Phrenologie prägte auch den „Vater“ der wissenschaftlichen Kriminologie, Cesare Lombroso (1835-1909)174, der von körperlichen Merkmalen auf den Verbrecher schloss. Nicht nur am Schädel (fliehende Stirn, riesiger Unterkiefer, Asymmetrie des Gesichts, große Augenhöhlen) könne man den Verbrecher erkennen, sondern auch anhand der Gangart, dem Körperbau und sogar an der Gestalt der Finger.175 Dass Sozialverhalten, Gewalttätigkeit und Delinquenz von der physischen Beschaffenheit des Gehirns abhängt, sollen den Hirnforschern zufolge eine Vielzahl von Fällen und Studien beweisen. Zugetragene Hirnläsionen, also Schädigungen bzw. Verletzungen der phy- III. 169 Gall, Sur les fonctions du cerveau et sur celles de chacune de ses parties, 1822-1825. 170 Einen kleinen Exkurs zur Phrenologie gibt A. Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 39 ff. 171 Schwind, Kriminologie, § 4 Rn. 27. 172 Siehe dazu Carter, Das Gehirn, S. 10. 173 Siehe bereits den Titel des Buches von Hans Markowitsch „Tatort Gehirn“, 2007. 174 Lombroso, Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung, 1887. 175 Siehe dazu Schwind, Kriminologie, § 4 Rn. 15 ff. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 124 siologischen Struktur bestimmter Hirnareale, sollen mit teilweise sehr gravierenden Persönlichkeitsveränderungen einhergehen, die wiederum Auswirkungen auf das Sozialverhalten haben und mitunter sogar mit strafbarem Verhalten einhergehen können. Dabei steht vor allem die Region des Stirnhirns, der orbitomediale bzw. ventromediale präfrontale Cortex (OMPFC/VMPFC), der in erster Linie mit der Steuerung und Kontrolle von Persönlichkeitsfaktoren in Zusammenhang gebracht wird176, im Mittelpunkt der Suche nach delinquentem Verhalten. Die Leukotomie bzw. Lobotomie177, die durch den Neurologen und Nobelpreisträger Egas Moniz178 um 1950 populär war,179 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Gehirn und Wesenszügen eines Menschen. Mit einem Messer bzw. einem Eispickel wurden die Nervenbahnen der weißen Substanz zwischen frontalem Cortex und Thalamus in der Hoffnung durchtrennt, psychotische Symptome wie Schizophrenie, Angststörungen, Zwangsstörungen und Erregung zu lindern. Die Schädigung der weißen Substanz führte zu einer drastischen Reduzierung von Gefühlen180 und damit einhergehend auch zu einer Charakteränderung. Diese Art der Psychochirurgie geriet alsbald in Verruf, weil mit ihr oftmals irreversibel der Verlust von Trauer- oder Freudeempfindungen einherging. Anstatt starker Angst trat starke Ruhe auf und anstatt gesteigerter Emotionalität und Erregung waren Emotionslosigkeit und Gefühlskälte die Folge.181 Diese chirurgischen Eingriffe zeigen auf, dass es Zusammenhänge zwischen Gehirn und Persönlichkeit gibt. Doch weder Deterministen noch Indeterministen 176 Birbaumer/Schmidt, in: Schmidt/Thews/Lang (Hrsg.), Physiologie des Menschen, S. 159 (266 f.); Markowitsch, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 169 (171); zu Läsionen der Amygdala siehe Jänig/Birbaumer, in: Schmidt/Lang/Heckmann (Hrsg.), Physiologie des Menschen, S. 218 (224). 177 Vgl. A. Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 93 ff.; Freeman/Watts, Psychochirurgie, S. 106 ff.; Sabbatini, The History of Psychosurgery, Brain and Mind v. 14.06.1997, http://www.cerebromente.org.br/n02/historia/psicocirg_i.htm (Stand: 07.04.2018). 178 Moniz, Die präfrontale Leukotomie, Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 181 (1949), 591 ff. Moniz begann bereits 1936, diesen chirurgischen Eingriff zu erforschen. 179 Carter, Das Gehirn, S. 11. 180 A. Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 96. 181 Zu den Folgen einer Lobotomie siehe Freeman/Watts, Psychochirurgie, S. 146 ff. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 125 würden dies bestreiten. Einige Hirnforscher haben in der Diskussion weitere Beispiele angeführt, die die Abhängigkeit des Charakters, des Selbst bzw. der Persönlichkeit vom Gehirn aufzeigen sollen. Vier sich widersprechende Fälle Der Fall Phineas P. Gage Als Paradebeispiel für den Zusammenhang zwischen Gehirn und Persönlichkeit eines Menschen182 und als „Meilenstein“183 in der Geschichte der Hirnforschung gilt der Fall des 25jährigen nordamerikanischen Eisenbahnarbeiters Phineas P. Gage, dem bei einem Arbeitsunfall am 13. September 1848 eine ca. 6,5 Kilogramm schwere, etwas über einen Meter lange und 3 cm dicke Eisenstange aufgrund einer unachtsam selbstausgelösten Fehlsprengung beim Bau von Eisenbahnschienen durch den Kopf schoss.184 Die Eisenstange trat unterhalb des linken Wangenknochens in den Kopf ein und durchbrach dabei die Schädelknochen, verletzte sein linkes Auge, passierte den Frontallappen des Gehirns, trat aus der vorderen Schädeldecke wieder aus und flog danach noch mehrere Meter weiter.185 Diesen Unfall überlebte 1. 1.1. 182 Neurowissenschaftler, Philosophen, aber auch Rechtswissenschaftler bedienen sich gern an dem Fall, z.B. Beckermann, in: Saimeh (Hrsg.), Zukunftswerkstatt Maßregelvollzug, S. 15 (23); Birbaumer/Schmidt, in: Schmidt/Thews/Lang (Hrsg.), Physiologie des Menschen, S. 259 (266); Carter, Das Gehirn, S. 139; Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 25 ff.; Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 313; Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (224); Markowitsch, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 169 (170); J. L. Müller, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), 95 (102); Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (73); H. Walter, in: Schleim/Spranger/ders. (Hrsg.), Von der Neuroethik zum Neurorecht, S. 67 (87). 183 H. Walter/Herbold, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 304 (306). 184 Vgl. zum Fall Phineas P. Gage Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 75 ff.; H. Damásio/Grabowski/ Frank/Galaburda/A. Damásio: The Return of Phineas Gage: Clues About the Brain from the Skull of a Famous Patient; Science 264 (1994), S. 1102 (1102); Harlow, Passage of an Iron Rod Through the Head, Boston medical and surgical journal 39 (1848), 389 (389). 185 Hanna Damásio und Kollegen fotografierten und röntgten 1994 den Schädel, der im Warren Anatomical Medical Museum der Harvard-Universität aufbewahrt wird (https://www.countway.harvard.edu/chom/about-collections, Stand: Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 126 Gage ohne Beeinträchtigung seines Intellekts, seiner Wahrnehmung, seiner motorischen und sensorischen Fähigkeiten und seines Sprachvermögens. Nur sein linkes Auges wurde irreversibel geschädigt. Bereits nach zwei Monaten wurde er wieder für gesund erklärt. Man könnte zu dem Ergebnis kommen, dass der Unfall doch nicht so folgenlos blieb, wenn man die Sekundärliteratur über den Fall Gage liest. In der Literatur wird von der auffälligen Persönlichkeitsveränderung Gages berichtet: „früher ein ordentlicher und gerechter Vorarbeiter, war er jetzt mürrisch, launisch und unstet“186; vormals charakterstark, geschäftstüchtig und beliebt und nun launisch und respektlos gegenüber seinen Mitmenschen, ungeduldig, halsstarrig und wankelmütig187; anfangs besonnen, freundlich und ausgeglichen und am Ende ungeduldig und planungsunfähig188. „He is no longer Gage“, sollen die ehemaligen Arbeitskollegen Gage beschrieben haben. Gage erzähle Geschichten, „die, allein seiner Phantasie entsprungen, jeder Grundlage entbehrten“189. Seine Ausdrucksweise soll sogar so gemein und abscheulich geworden sein, dass man den Frauen in Gages Umgebung riet, ihn zu meiden.190 Diese Beschreibungen seiner Charakteränderung stützen sich allesamt auf die Darstellung des Neurologen und Psychologen António R. Damásios, der den Fall 1994 in seinem Buch „Descartes‘ Error“ ausführlich schilderte.191 Seiner Darstellung zufolge wurde aus einer vorbildlichen, sozial anerkannten Person ein konventionsloser Vagabund, 07.04.2018), um ein Modell zu entwickeln, dass das Ausmaß der Schädigung aufzeigen kann (H. Damásio/Grabowski/Frank/Galaburda/A. Damásio: The Return of Phineas Gage: Clues About the Brain from the Skull of a Famous Patient; Science 264 (1994), S. 1102 (1102 ff.)). Daneben rekonstruierten Peter Ratiu und Ion-Florin Talos in einer computerbasierten 3D Animation den Schädel Gages (Ratiu/ Talos, The Tale of Phineas Gage, Digitally Remastered, New England Journal of Medicine 351 (2004); e21 = http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMicm0310 24 (Stand: 07.04.2018)). 186 Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (224); Markowitsch, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 169 (170). 187 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 313. 188 Beckermann, in: Saimeh (Hrsg.), Zukunftswerkstatt Maßregelvollzug, S. 15 (23). 189 Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 32, 35. 190 Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 31; siehe auch Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 313. 191 Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 25 ff. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 127 der Kurzzeitjobs annahm, Lügen erzählte und der Ähnlichkeiten zu einem Psychopathen aufweise; mit dem Unfall wurde aus dem sozialen Vorbild sozusagen ein Quasi-Psychopath.192 Rückzuführen sei dies laut Damásio auf den durch den Unfall ausgelösten Verlust der Fähigkeit zur Verknüpfung einer aktuellen Entscheidung mit biografisch gemachten Erfahrungen bezüglich negativer und positiver Folgen einer Handlung. Die Hirnverletzung soll danach knapp formuliert den Verlust der Antizipationsfähigkeit erworbener Erfahrungen verursacht haben.193 Der Philosoph Ansgar Beckermann schließt daraus, dass die „Zerstörung eines Teils insbesondere des präfrontalen Kortex […] bei Gage also zu einer deutlichen Beeinträchtigung der für Freiheit und Verantwortung entscheidenden Fähigkeiten [führte] – der Fähigkeit zur Impulskontrolle, der Fähigkeit sein Handeln vernünftig zu planen, sowie der Fähigkeit, sein Handeln an sozialen Normen auszurichten“194. Die Neurowissenschaftlerin Rita Carter betont als Ursache der Charakteränderung die Zerstörung des beschädigten Hirnareals, das mit moralischem Empfinden im Zusammenhang steht.195 Gegen die oftmals dramatisierte Darstellung der Charakterveränderung Gages wendet sich der Neurophilosoph Stephan Schleim, der den Fall näher untersuchte und die historischen Berichte, darunter die der behandelnden Ärzte Edward Williams, John Harlow und Henry 192 Daneben schätzen die führenden Neuroforensiker Adrian Raine und Yaling Yang Gage als „pseudopsychopathisches Individuum“ ein, der nach dem Unfall gewissenlos, unzuverlässig und unverantwortlich gewesen sei (Raine/Yang, in: Patrick (Hrsg.), Handbook of psychopathy, S. 278 (287 f.); vgl. die Darstellung bei Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 77, 79 f.; dass die Symptomatik der von „Psychopathy“ gleiche, vertritt auch J. L. Müller, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), 95 (102), der von der „Acquired Psychopathy“ also der „erworbenen Psychopathie“ spricht; ebenso Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (73); H. Walter, in: Schleim/Spranger/ders. (Hrsg.), Von der Neuroethik zum Neurorecht, S. 67 (87). Zur „Acquired Psychopathy“, H. Walter/Herbold, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen; S. 304 (304 ff.)). 193 Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 277 ff. 194 Beckermann, in: Saimeh (Hrsg.), Zukunftswerkstatt Maßregelvollzug, S. 15 (24). 195 Carter, Das Gehirn, S. 139. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 128 Bigelow, 196 las und Folgendes feststellte: Die geschilderten Auswirkungen auf die Psyche und den Charakter sind in der Literatur „oft übertrieben, zum Teil sogar frei erfunden“197. In den Berichten „lassen sich“, so Schleim, „erstaunlich wenige Hinweise auf Persönlichkeitsver- änderungen finden“198. Gleichzeitig rückt er die Ursachen der Charakterveränderung in ein anderes Licht: Keiner hatte geglaubt, dass Gage den Unfall überleben werde, sodass man bereits seinen Sarg anfertigen ließ. Zudem konnte man sich vor rund 167 Jahren noch weniger als heute vorstellen, dass solch ein Fremdkörper das Gehirn durchdringen kann, ohne den Menschen dabei umzubringen oder schwerste körperliche Schäden zu verursachen. In einer Zeit, in der man von heutigen Hygienestandards weit entfernt war, steckten gleich mehrere Personen, darunter der Hotelbesitzer sowie Harlow selbst, ihre Finger in die Wunde, um zu überprüfen ob sie sich tatsächlich in der Mitte trafen.199 Das bald darauf eine Pilzinfektion im feuchten Klima des Gehirns ausgelöst wurde, die alsbald auf das Gehirn übergriff, ist denkbare Folge. Erst nach der Heilung der Infektion stellte man die ersten Persönlichkeitsveränderungen fest: Gage konnte nicht mehr richtig Geldbeträge einschätzen. In Harlows Bericht, verfasst 20 Jahre nach dem Unfall und 8 Jahre nach dem Tod Gages infolge eines epileptischen Anfalls, lassen sich deutlichere Hinweise auf oben beschriebene Persönlichkeitsveränderungen finden: Die Arbeitgeber lehnten die Wiederaufnahme der Arbeit Gages ab, denn er sei respektlos, ungeduldig, launenhaft und in seinem Verhalten unvorhersehbar und stur, das Gleichgewicht zwischen seinem Intellekt und seinen Trieben sei gestört. Andererseits berichtet die Mutter Gages, dass er eine große Vorliebe für Kinder und Tiere gehabt habe und gern Geschichten erzählte – entgegen Damásio keine Lügen – sondern frei erfundene Geschichten zur 196 Harlow, Passage of an Iron Rod Through the Head, Boston Medical and Surgical Journal 39 (1848), 389 ff.; ders., Recovery After Severe Injury to the Head, Bulletin of the Massachusetts Medical Society 2 (1868), 3 ff.; Bigelow, Dr. Harlow's Case of Recovery From the Passage of an Iron Bar Through the Head, American Journal of the Medical Sciences July 1950, 13 ff. 197 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 76. 198 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 77. 199 Harlow, Passage of an Iron Rod Through the Head, Boston Medical and Surgical Journal 39 (1848), 389 (390); ders., Recovery after Severe Injury to the Head, Bulletin of the Massachusetts Medical Society 2 (1868), 3 (6). III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 129 Unterhaltung der Nichten und Neffen.200 Als mögliche Ursachen für die Persönlichkeitsveränderung benennt Schleim den Schock nach dem Unfall, das psychische Trauma, ausgelöst durch das Umfeld, dass ihn bereits als verstorben abschrieb, die andauernden Blutungen und Infektionen.201 Auch Roths übertriebene auf Damásios Einschätzung202 beruhende Schlussfolgerung, Gage habe die Fähigkeit verloren, Handlungsabläufe zu wählen, die für sein Überleben am günstigsten waren mit der Folge der völligen Lebensunfähigkeit203, lässt sich nach genauerer Untersuchung der historischen Berichte nicht aufrechterhalten. Schließlich war Gage fähig, mehrere Jahre nach dem Unfall, wie Schleim anmerkte, durch Amerika zu reisen. Auch Beckermanns obige Schlussfolgerung ist nach alledem fraglich. Es gibt zu wenige Informationen zu den Persönlichkeitsveränderungen, um solch bedeutende Schlussfolgerungen über die fehlende Verantwortungsfähigkeit aufstellen zu können.204 Der Fall E.V.R. In einem anderen Fall geht es um den Patienten E.V.R., besser bekannt unter dem Pseudonym „Elliot“, bei dem durch eine Entfernung eines Hirntumors große Teile des orbitomedialen präfrontalen Cortex (OM- PFC) sowie des dorsomedialen präfrontalen Cortex (DMPFC) mit entfernt wurden.205 Vor der Operation war er privat und beruflich erfolgreich, nach der Operation unfähig, seinen Tagesablauf sinnvoll zu organisieren, sodass ihm gekündigt wurde. Er investierte seine gesamten Ersparnisse in ein Unternehmen, das kurz darauf Bankrott ging. Nach 17 Jahren Ehe reichte die Frau die Scheidung ein und verließ ihn mit 1.2. 200 Harlow, Recovery after Severe Injury to the Head, Bulletin of the Massachusetts Medical Society 2 (1868), 3 (13 f.). 201 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 79. 202 Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 43, 63. 203 Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, S. 211. 204 Siehe sogleich Kapitel 3 III 1.4. 205 Saver/Damásio, A., Preserved Access and Processing of Social Knowledge in a Patient With Acquired Sociopathy Due to Ventromedial Frontal Damage, Neuropsychologia 29 (1991), 1241 (1241 ff.); Eslinger/Damásio, A., Severe Disturbance of Higher Cognition After Bilateral Frontal Lobe Ablation, Neurology 35 (1985), 1731 (1731 ff.); A. Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 64 ff. Von einem ähnlichen Fall neuerer Zeit berichten Klos/Deike, Z. Neuropsychol. 17 (2006), 249 ff. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 130 zwei Kindern. Die zweite Ehe hielt lediglich zwei Jahre.206 Damásio entdeckte, dass E.V.R. wenig bis kaum Emotionen zeigte; er war darin weit gemäßigter als vor seiner Tumorentfernung. E.V.R. hatte normale Kenntnis über soziale Konventionen, konnte das Wissen aber nicht in den Alltag umsetzen. Deswegen vermutete Damásio, dass die reduzierte Emotionalität bzw. Gefühlsarmut zu den gestörten Entscheidungsprozessen führte.207 Der heutige Stand der Neurobiologie über die Rationalität der Entscheidung ist, dass „rationale Entscheidungen“ stark emotional gefärbt sind bzw. es sogar sein müssen, weil es ohne die emotionale Komponente zu Entscheidungsfehlabläufen kommt.208 Es gebe „keine rein rationalen Entscheidungen“, wie Roth ausführt, „sondern immer nur rationale Entscheidungen im Rahmen emotionaler Vorgaben“.209 Entgegen der bisherigen und in der Gesellschaft noch weit verbreiteten Meinung, soll die Beteiligung „des Herzens“ bzw. „des Bauches“ zu angemessenen Entscheidungen führen. Damásio und Eslinger zufolge läge eine erworbene Soziopathie vor, die erst im Erwachsenenalter auftritt.210 Keine Dissozialität und sogar die Aufhebung von Dissozialität durch Hirnläsionen In anderen Fällen, ähnlich Gage und „Elliot“, standen die Betroffenen diagnostisch besser da: Ein Fall ereignete sich während des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939). Bei der Flucht durch ein Fenster an einem Rohr hinab stürzte ein 21jähriger Mann auf ein mit Eisenspitzen bestücktes Tor. Der Eisenpfahl drang in seinen Kopf und verletzte den orbitomedialen präfrontalen Cortex (OMPFC) sowie den dorsomedialen präfrontalen 1.3. 206 Siehe dazu Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 80 f. 207 Damásio, Descartes‘ Irrtum, S. 77 f. 208 So z.B. A. Damásio, Descartes' Irrtum, S. 262; T. Fuchs, in: Buchheim/Pietrek (Hrsg.), Freiheit auf Naturbasis, S. 101 (110); Northoff/Witzel/Bogerts, Nervenarzt 77 (2006), 5 (5); Northoff/Heinzel/Bermpohl/Niese/Pfennig/Pascual-Leone/Schlaug, Human Brain Mapping 21 (2004),202 ( 202 ff.). 209 Roth, Diskussion zum Vortrag von Prof. Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 48 (51). 210 Eslinger/Damásio, A., Severe Disturbance of Higher Cognition After Bilateral Frontal Lobe Ablation, Neurology 35 (1985), 1731 (1731 ff.) III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 131 Cortex (DLPFC). Im Gegensatz zu Gage attestierte man dem „spanischen Gage“211 keine antisoziale Persönlichkeitsstörung, sondern ein stabiles Familienleben, ein stabiles Berufsleben und eine gute gesellschaftliche Integration. Es ist möglich, dass gerade das stabile, ihn unterstützende und an ihn glaubende soziale Umfeld (seine Frau wollte ihn auch nach dem Unfall noch heiraten, er konnte im Familienbetrieb weiter arbeiten, auch wenn er dabei durch den Unfall einige Probleme mit der Ausführung bekam) dazu führte, dass es zu keiner gravierend negativen Persönlichkeitsveränderung kam.212 Obwohl auch er ähnliche Verletzungen wie Gage erlitt, zeigt der Fall, dass nicht jedwede Verletzung in bestimmten Hirnarealen zu einer antisozialen, psychopathischen bzw. soziopathischen Persönlichkeitsdiagnose führt. Dies wird durch einen anderen Fall bestätigt: Ein 33 jähriger Mann wollte sich das Leben nehmen und schoss sich dazu mit einem Pfeil in den Mund und durch den ventromedialen präfrontalen Cortex (VMPFC).213 Vor dem Suizidversuch habe er gewaltbereites Verhalten aufgewiesen; jedoch nach dem Suizidversuch war er wie ausgewechselt: fügsam, gleichgültig in Bezug auf seine Situation und übertrieben gut gelaunt.214 Demnach kann es sogar vorkommen, dass entgegen der Fallbeispiele Gage und E.V.R., Schädigungen im VMPFC zu einer entgegengesetzten Persönlichkeitsveränderung führen können. Unter Bezugnahme auf Gage hätte eine Schädigung in diesem Bereich eigentlich gerade zu dissozialem Verhalten bzw. sogar zu einer verstärkten Gewalttätigkeit führen müssen. Da dem aber nicht so war, vermuten Ellenbogen und Kollegen, dass der Mann bereits vorher eine Fehlfunktion gehabt haben muss, die durch die Schädigung geheilt worden sei.215 Der Behauptung, dass eine Fehlfunktion durch eine weitere Schädigung zur Gesundung führen kann, steht Schleim kritisch gegen- über.216 Jedenfalls sei betont, dass die These von der Vorschädigung 211 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 83. 212 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 84. 213 Ellenbogen/Hurford/Liebeskind/Neimark/Weiss, Ventromedial Frontal Lobe Trauma, Neurology 64 (2005), 757; Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 84 f. 214 Ellenbogen/Hurford/Liebeskind/Neimark/Weiss, Ventromedial Frontal Lobe Trauma, Neurology 64 (2005), 757; Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 84 f. 215 Ellenbogen/Hurford/Liebeskind/Neimark/Weiss, Ventromedial Frontal Lobe Trauma, Neurology 64 (2005), 757. 216 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 85. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 132 nur eine These bleibt, die in diesem Fall wohl nicht bewiesen werden kann. Es zeigt sich in all den vier Fällen, dass eine Schädigung im präfrontalen Cortex einerseits zu Dissozialität und anderseits zu Sozialkonformität führen kann.217 Die Schlussfolgerung aus allen vier Fällen Zu beachten ist, dass es sich bei all den Fällen um seltene Ausnahmen handelt, die nicht verallgemeinert werden können. Gerade die letzten beiden Fälle verdeutlichen, dass aufgrund bestimmter Hirnläsionen nicht ohne Weiteres auf eine (Pseudo-)Psychopathie, Soziopathie bzw. antisoziale Persönlichkeitsstörung, ja einem „Verbrecher-Hirn“ schlechthin zu schließen ist. Dass Läsionen im präfrontalen Cortex nicht zwingend mit einer negativen Charakterveränderung, sozusagen einer „Charakterverschlechterung“ einhergehen müssen, belegt der vierte Fall des „nicht-mehr-Dissozialen“. Somit ist es unmöglich, allein von Hirnläsionen in spezifischen Hirnarealen auf antisoziales oder gar delinquentes Verhalten und damit auf die Gefährlichkeit einer Person zu schließen. Betont sei noch, in keinem der dargestellten Fälle wurde aus einem Betroffenen ein Straftäter.218 Die Diagnosen, bei Gage eine quasi-Psychopathie und bei E.V.R. eine erworbene Soziopathie, sind mit Vorsicht zu genießen. Bei einer Soziopathie fehlt den Betroffenen bereits das theoretische Wissen um soziale und moralische Normen. Sie können im Gespräch oder beim Lösen einer moralischen Aufgabe nicht das angemessene Verhalten nennen, wozu E.V.R. aber im Stande war.219 Im Fall Gage lassen die Berichte zu wenig Rückschlüsse auf eine sichere Diagnose zu, weil es an umfangreichen, detaillierten Beschreibungen über seine Persönlichkeit vor dem Unfall fehlt. Anhand weniger Zeilen in einem Bericht, der erst 20 Jahre nach dem Unfall und 8 Jahre nach dem Ableben Gages verfasst wurde, eine so gewichtige Diagnose zu stellen, ist deshalb problematisch, weil nicht auszuschließen ist, dass in diesem langen Zeitraum zwischen Unfall und Ableben u. a. das soziale Umfeld mitprägend war. 1.4. 217 J. L. Müller, in: Roth/Hubig/Bamberger (Hrsg.), Schuld und Strafe, S. 59 (62). 218 Vgl. Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 82. 219 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 81. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 133 Trotz aller Kritik ist es aber nicht von der Hand zu weisen, dass es zu Veränderungen in der Persönlichkeit aller vier Personen kam. Es bleibt möglich, dass nicht allein die Hirnschädigung zur Veränderung führte, sondern das soziale Umfeld entscheidend mitwirkte, unbeachtet wie stark und in welchem Umfang dies geschah. Die (negativen) Auswirkungen von Hirnläsionen könnten mit Hilfe eines stabilen sozialen Gefüges des Betroffenen (Familie, Beruf, gesellschaftliches Umfeld) im gewissen Grad aufgefangen werden oder sich bei ihrem Fehlen verstärken. Diese Annahme wird durch die moderne deterministische These gestützt, wonach Umwelt und Hirnphysiologie zwei sich gegenseitig beeinflussende Faktoren für die Bildung und die Entwicklung des Charakters eines Menschen sind. Bei aller Kritik lässt sich eine Beziehung zwischen Gehirn und Charakter einer Person ausmachen220, unabhängig davon, welche Intensität man ihr beimisst, die jedoch nicht ohne die Umwelt zu betrachten sind. Auch die epigenetische Forschung weist darauf hin, dass die Gene nicht losgelöst von der Umwelt sind, sondern erst durch die Umwelt aktiviert und deaktiviert werden. Die genetische Ausstattung ist durch das komplexe Wechselspiel mit den Umwelteinflüssen flexibel.221 Trotzdessen bleibt Raum für die indeterministische These. In ihrer relativierten Form geht sie grundsätzlich davon aus, dass der Mensch sich in einem bestimmten Rahmen bewege, in welchem ein Alternativismus möglich sei. Dieser Rahmen könne entweder größer oder kleiner ausfallen: Bei Gage oder E.V.R. verkleinere er sich und beim „nichtmehr-Dissozialen“ vergrößere er sich. Ein Willensfreiheitsrahmen, der trotz Hirnläsionen grundsätzlich ein Anders-Können ermögliche, auch wenn man ihn bei Gage oder E.V.R verneinen möge, bleibe noch immer bei anderen Personen mit und ohne einschränkende Hirnläsionen, möglich. Dass Hirnläsionen den Charakter und das Verhalten beeinflussen können, davon gehen auch Indeterministen aus. Für sie stellt sich die Frage, ab wann die Hirnläsion das Anders-Können ausschließt. 220 Vgl. auch Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 314. 221 Klein/Gasser, Nervenarzt 84 (2013), 1 (1); Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/ Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (231); Markowitsch, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 169 (172). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 134 Drei „Verbrechertypen“ unter besonderer Beobachtung der Hirnforschung Die Entwicklung moderner bildgebender Verfahren (Neuroimaging) wie der Positronen-Emissions-Tomographie (PET), der Single-Photon-Emissionscomputertomographie (SPECT) und im Besonderen der statischen Magnetresonanztomographie sowie der funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT/fMRT) führten zu einer rasanten Zunahme von Untersuchungen über das Gehirn (Gehirnfunktion, Gehirnstoffwechsel, Gehirnstruktur, Gehirnmorphologie). Sie führten ebenfalls zu einer Zunahme von Untersuchungen über den Zusammenhang von Gehirn und delinquentem Verhalten. Besondere Aufmerksamkeit erhielten dabei die Psychopathie, die Gewaltdelinquenz und die Pädophilie.222 Anhand der Fälle E.V.R. u. a. kann allenfalls die ganz allgemeine Verbindung zwischen Gehirn und Charakter aufgezeigt werden, jedoch nicht die Verbindung zwischen Gehirn und delinquentem Verhalten, weil es an den verwirklichten Straftaten fehlt. Einigen Hirnforschern zufolge sollen stattdessen bestimmte Delinquenzarten bzw. „Tätertypen“ aufzeigen, wie abhängig der Menschen von seinem Gehirn ist und ihn deshalb keine Schuld treffe. Pädophilie Pädophilie, deren Diagnosekriterien von ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) und DSM-IV-TR (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) erfasst sind, ist eine „psychiatrische Erkrankung, die sich durch vorwiegende oder ausschließliche sexuelle Fixierung auf Personen vor der Geschlechtsreife auszeichnet. Hierdurch kann es in der Folge von starken Sexualfantasien zu sexuellen Handlungen von Erwachsenen gegenüber minderjährigen Personen kommen“223. 2. 2.1. 222 Vgl. Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (227). 223 Wiebking/Northoff, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 386 (386). III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 135 Pädophilie ist nicht gleichzusetzen mit sexuellem Missbrauch von Kindern gem. §§ 176, 176a und 176b StGB.224 Nicht jeder Täter, der ein Kind sexuell missbraucht, ist pädophil.225 Umgekehrt muss Pädophilie nicht zu sexuellem Missbrauch führen.226 Pädophilie als sexuelle Triebstörung fällt unter das Eingangsmerkmal der „schweren anderen seelischen Abartigkeit“ von §§ 20, 21 StGB227. Wegen neuerer Studien der Hirnforschung, die insbesondere die Frage nach einer krankheitsbedingten Exkulpierung aufwerfen, steht eine Einordnung unter das Merkmal „krankhafte seelische Störung“ im Raum.228 In Bezug auf Pädophilie berichteten Jeffrey Burns und Russell Swerdlow von einem Lehrer und Familienvater aus den USA, der sich plötzlich seiner vorpubertären Stieftochter gegenüber pädophil verhielt.229 Seit seiner Jugend hatte er ein starkes Interesse an Pornografie. Mit 40 Jahren begann er vermehrt, pornografische Zeitschriften zu sammeln und auf pornografischen Internetseiten zu surfen, wobei er anfing, heimlich auch kinderpornographisches Material zu sammeln. Alsbald begann er seine Stieftochter sexuell zu belästigen. Am Vorabend seines Haftantritts litt er an heftigen Kopfschmerzen. Bei der anschließenden MRT-Aufnahme wurde ein tennisballgroßer Tumor im rechten orbitofrontalen und dorsolateralen präfrontalen Cortex zusammen mit einer Zyste entdeckt. Nach der Entfernung des Tumors verschwand das Verhalten zunächst und er schloss ein Rehabilitationsprogramm erfolgreich ab. Die These, dass das Verhalten mit dem Hirntumor im Zusammenhang steht, wird vom weiteren Verlauf be- 224 Neben dem sexuellen Missbrauch von Kindern gem. §§ 176, 176a und 176b StGB kommt als Straftat auch die Verbreitung pornographischer Schriften gem. § 184 StGB in Betracht. 225 Fagan/Wise/Schmidt/Berlin, Pedophilia, JAMA 288 (2002), 2458 (2459). 226 Fagan/Wise/Schmidt/Berlin, Pedophilia, JAMA 288 (2002), 2458 (2460). 227 Fischer, StGB § 20 Rn. 36, 41. 228 Vgl. für die „Psychopathy“ Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (139). 229 Burns/Swerdlow, Right Orbitofrontal Tumor With Pedophilia Symptom and Constructional Apraxia Sign, Arch Neurol 60 (2003), 437 ff.; siehe auch: Beckermann, in: Saimeh (Hrsg.), Zukunftswerkstatt Maßregelvollzug, S. 15 (24), Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (226), Markowitsch/Reemtsma, Neuronen sind nicht böse, DER SPIEGEL, v. 30.07.2007, S. 117 (117 ff.); R. Merkel, G&G Dossier 2008/1, Zukunft des Gehirns, 56 (58); Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 85 ff. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 136 kräftigt: Einige Monate später fing er erneut an, heimlich pornografisches Material zu sammeln. Eine anschließende Untersuchung ergab, dass der Tumor wieder gewachsen war, sodass eine weitere Operation durchgeführt wurde, auf die das Verhalten wiederum verschwand.230 Nach Markowitsch und R. Merkel verdeutlicht der Fall, dass das Gehirn das Verhalten bestimme: Veränderungen im Gehirn führen zu Änderungen im Verhalten.231 Es wird vermutet, dass die Kontrolle über sexuelles Verhalten vom präfrontalen Cortex ausgeht232 , was mit der Annahme übereinstimmt, dass der präfrontale Cortex generell an der Selbstkontrolle beteiligt sei233. Bei Menschen mit pädophiler sexueller Ausrichtung existieren verschiedene neuronale Korrelate, die sich von Korrelaten nicht-pädophiler Probanden unterscheiden. Fagan und Kollegen berichten über Störungen der Wahrnehmung und Bewertung von Reaktionen eines Kindes: Signale des Kindes und die Folgen eines sexuellen Missbrauchs werden missgedeutet.234 Diese Defizite könnten mit abweichenden neuronalen Aktivierungsmustern korrelieren.235 Der orbitofrontale Cortex wird der kognitiven Komponente in der sexuell-emotionalen Verarbeitung zugeordnet.236 Dreßing und Kollegen237 fanden abwei- 230 In einem ähnlichen Fall belästigte ein Mann seine Stieftochter sexuell, sodass es immer wieder zum Konflikt mit seiner Ehefrau kam, bis er diese eines Tages im Bett erdrosselte und anschließend die Stieftochter vergewaltigte. Im Prozess wurde er für schuldfähig befunden und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Da der Mann im Gefängnis berichtete, Stimmen zu hören, wurde eine kranielle Magnetresonanztomographie durchgeführt, um organische Ursachen auszuschließen. Sie zeigte jedoch eine große Defektzone im linken frontotemporalen Übergang (siehe dazu Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (75)). 231 Markowitsch, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 169 (171); ders./R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (226). 232 Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (196). 233 Knoch, Z. Neurophsychol 18 (2007), S. 183 (183 f.); s.o. 234 Fagan/Wise/Schmidt/Berlin, Pedophilia, JAMA 288 (2002), 2458 (2460). 235 Wiebking/Northoff, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störung-en, S. 386 (390). 236 Wiebking/Northoff, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störung-en, S. 386 (390). 237 Dreßing/Obergriesser/Tost/Kaumeier/Ruf/Braus, Fortschr Neurol Psychiat 69 (2001), 539 (539 ff.). III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 137 chende Aktivierungsmuster in diesem Bereich sowie in der Amygdala, welche mit der emotionalen Komponente in Zusammenhang steht. Das Amygdalavolumen sei nach einer Studie von Schiltz und Kollegen reduziert.238 Weiterhin entdeckten sie während der sexuellen Verarbeitung neuronale Abweichungen im dorsolateralen präfrontalen Kortex und während der emotionalen Verarbeitung neuronale Abweichungen im dorsomedialen präfrontalen Cortex und im Amygdala-Hippokampus-Komplex. Schiffer und Kollegen fanden ein vermindertes Volumen der grauen Substanz im orbitofrontalen Cortex239 sowie funktionelle Unterschiede während der sexuellen Verarbeitung im orbito- und dorsolateralen Cortex240. Die Palette von Auffälligkeiten, Abweichungen bzw. Abnormalitäten ist also groß241 und ließe sich noch weiter fortführen242. Bisher existieren aber keine übereinstimmenden Hinweise auf ein einheitliches, spezifisches Aktivierungsprofil, woran Pädophilie diagnostiziert werden könnte243. Würden dagegen spezifische Aktivierungsprofile von Pädophilie entdeckt werden, könnten Neuroimaging- 238 Schiltz/Witzel/Northoff/Zierhut/u.a, Brain Pathology in Pedophilic Offenders, Arch Gen Psychiatry 64 (2007), 737 (737 ff.). 239 Schiffer/Peschel/Paul/Gizewski/u.a., Structural Brain Abnormalities in the Frontostriatal System and Cerebrellum in Pedophilia, J Psychiatr Res 41 (2007), 753 (753 ff.). 240 Schiffer/Paul/Gizewski/Forsting/Leygraf/u.a., Functional Brain Correlates of Heterosexual Paedophilia, Neuroimage 41 (2008), 80 (80 ff.). 241 Aufzählung von Wiebking/Northoff, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 386 (390 f.). 242 Siehe weitere Befunde sowie deren Kritik bei Döhnel/Sommer/Hajak/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 144 (145 ff.); Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (193 ff.); Schiltz/ Witzel/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), 59 (59 ff.). 243 Ponseti/Granert/Jansen/Wolff/u.a., Assessment of Pedophilia Using Hemodynamic Brain Response to Sexual Stimuli, Arch Gen Psychiatry 69 (2012), 187 (188). Ponseti und Kollegen untersuchten mit Hilfe des fMRT, ob Pädophilie bei Betrachtung sexueller Stimuli anhand spezifischer Hirnaktivitäten identifiziert werden könnte. Die Reaktionsmuster auf bestimmte sexuelle Stimuli (unbekleidete Kinder und Erwachsene sowie deren Genitalien für eine Präsentationsdauer von einer Sekunde) könnten anhand des „Blood-oxygenation-level-dependent“ (BOLD-Signal) Aufschluss auf die sexuelle Ausrichtung geben. 24 Männer mit Diagnose Pädophilie (DSM-IV-R) und 32 männliche Kontrollprobanden nahmen an der Studie teil. Der Vorhersagewert für die Diagnose Pädophilie aufgrund der Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 138 Diagnosen dank ihrer Suggestivwirkung244 dazu verleiten, Pädophilie prinzipiell als exkulpierendes Krankheitsbild aufzufassen.245 Dagegen spricht jedoch, dass die Subsumtion unter das Merkmal der „krankhaften seelischen Störung“ i.S.d. § 20 StGB nicht per se schuldausschließend wirkt. Die Prüfung erfolgt zweistufig: Neben dem Eingangsmerkmal darf der Täter nicht fähig sein, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Kritik erfährt die neurowissenschaftliche Pädophilie-Forschung wegen ihrer geringen Zahl an Studien, die keine sicheren Rückschlüsse auf funktionelle und strukturelle Störungen im Gehirn zulassen, weil „die bisherige Datenlage noch widersprüchlich“246 ist. Zudem weisen die meisten Studien über Pädophilie Probleme bezüglich der Anzahl der Probanden auf. Die Stichproben sind zu klein und lassen keine Rückschlüsse auf die Gesamtheit pädophiler Straftäter zu. Zudem wird die Probandengruppe oftmals nicht ausreichend definiert. Dazu lassen sich gemittelte Gruppenergebnisse nicht so einfach auf einzelne Personen übertragen.247 Weiterhin ist die Abgrenzung zu anderen Verhaltensauffälligkeiten anhand von Hirnbildern problematisch, denn die hirnphysiologischen Veränderungen sind auch bei anderen Störungs- Aktivierungsmuster auf sexuell spezialisierte Reize (die Wahrscheinlichkeit, dass ein Proband tatsächlich an Pädophilie leidet) läge bei einer Prävalenz für eine pädophile Akzentuierung in der Bevölkerung von ca. 10 % zwischen lediglich 19 und 100 Prozent: „Eine für den Einzelfall valide Diagnose einer Pädophilie mithilfe bildgebender Verfahren [lässt sich] also nicht stellen“ (König, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 62 (63)). Ungewiss bleibt, ob die Hirnaktivierungen tatsächlich als pädophile sexuelle Erregung zu werten sind. Vielmehr könnte es sich um Korrelate von Schamgefühl und Leidensdruck handeln, wie der forensische Psychiater Andrej König ausführt. Bei den Probanden handelt es sich um Personen, die freiwillig an dem ambulanten Hilfsangebot „Kein Täter werden“ teilnehmen, sodass bei ihnen ein starkes Schamgefühl sowie ein hoher Leidensdruck vorliegen könnten (König, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 62 (62)). 244 Vgl. Tebartz v. Elst, DIE ZEIT v. 16.08.2007; J. L. Müller, in: ders./Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 131 (131). 245 Vgl. Kalus, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 41 (47 f.). Kritisch dazu unten Kapitel 3 IV 2. 246 Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (197). 247 Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (200), m.w.N. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 139 bildern zu finden. Es mangelt an der Spezifität für die pädophile Störung.248 Die Frage, ob es moderierende Variablen gibt, die entscheiden, wann hirnstrukturelle Veränderungen zu sexueller Devianz führen,249 ist bis heute nicht einmal im Ansatz geklärt. Die Pädophilie- Forschung ist daher bislang nicht aussagekräftig genug, um weitreichende Folgen einer einzelnen Tätergruppe oder gar aller Straftäter für das Schuldstrafrecht zu veranlassen. Gewalttäter (Mehrfach- und Intensivtäter) Da Läsionen im präfrontalen Cortex mit Persönlichkeitsveränderungen und sogar mit kriminellem Verhalten in einer gewissen Verbindung stehen können und weil diesem Gehirnbereich zudem die Steuerung von Gefühlen, die Regulation aggressiven Verhaltens, die Selbstkontrolle und Impulsivität sowie ethisch-moralische Bewertungsprozesse zugeschrieben wird250, liegt es nicht fern, im Gehirn eine mögliche Ursache für weiteres delinquentes Verhalten zu suchen. Insbesondere Roth beruft sich zur Untermauerung seiner Thesen auf die Gewaltdelinquenz.251 Bei Personen, die Gewaltstraftaten begangen haben, finden sich oftmals strukturale und funktionale Abweichungen in Gehirnbereichen, die mit der Emotions- und Gedächtnisverarbeitung sowie der Emotionskontrolle im Zusammenhang stehen: dem medialen und lateralen temporalen Cortex (Schläfenlappen) sowie den bereits schon vielfach genannten präfrontalen Cortex.252 Aus Beobachtungen bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen, wie der fronto-tempo- 2.2. 248 Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (197); vgl. für Serotonin und Dopamin auch Lackinger, Newsletter IGF Wien 2007/02, S. 7 (8). 249 Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (197); vgl. für Serotonin und Dopamin auch Lackinger, Newsletter IGF Wien 2007/02, S. 7 (8). 250 Kalus, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 41 (44). 251 Siehe G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (68); G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (151); Roth, Information Philosophie 2004, 14 (14 f.). 252 Piefke/Markowitsch, in: Grün/Friedman/Roth, Entmoralisierung des Rechts, S. 96 (96); J. L. Müller, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), 95 (99); Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 140 ralen Demenz, zeigte sich, dass bei Patienten mit Degeneration des fronto-temoralen Netzwerkes auf der linken Seite Sprachveränderungen auftraten, wohingegen sich bei Patienten mit Degeneration der rechten Seite aggressive, asoziale und andere sozial unerwünschte Verhaltensweisen (Taktlosigkeit, Unzuverlässigkeit bis hin zu kriminellen Handlungen) sowie verminderte Empathie zeigten.253 Drei medial bekannte „Opfer“ ihrer „aggressiven Hirnbiologie“ Der Neuropathologe und Hirnforscher Jürgen Pfeiffer und der Psychiater und Hirnforscher Bernhard Bogerts untersuchten das Gehirn von Ulrike Meinhof, seit 1970 Führungsmitglied der „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die am 9. Mai 1976 in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim Suizid beging. Pfeiffer entdeckte Abweichungen in der für Emotionen zuständigen Hirnregion, eine Folge der Tumoroperation aus dem Jahr 1962, als Ulrike Meinhof 27 Jahre alt war. Der gutartige Tumor in Nähe der Amygdala wurde zwar nicht entfernt, jedoch abgeklemmt.254 In den basalen Teilen des rechten Schläfenlappens, insbesondere im limbischen Bereich und speziell in dem Bereich, der die Amygdala umgibt, wurden Schädigungen festgestellt.255 Es stehe zweifelsohne fest, so Bogerts, dass eine derartige Schädigung der Hirnsubstanz zu erheblichen psychischen Störungen und zu erhöhter pathologischer Aggressivität führe. Das Abgleiten in den Terror sei durch die Hirnerkrankung mit zu erklären.256 Dass sich ihre gesteigerte Aggressivität gerade im Terrorismus ausdrückte, müsse im Zusammenhang mit dem damaligen politischen Zeitgeschehen und der eigenen Biografie betrachtet werden.257 Die Ziehmutter, Renate Katharina Riemeck, 2.2.1. Northoff/ Bermpohl, Trends in Cognitive Sciences 8 (2004), 102 (104 f.); Roth, Information Philosophie 2004, 14 (14 f.). 253 Knoch, Z. Neurophsychol 18 (2007), S. 183 (184, 189); siehe auch Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (229). 254 Förster, Wer war Ulrike Meinhof?, Berliner Zeitung v. 09.11.2002; Kalus, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 41 (46). 255 Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (341). 256 Bogerts, RAF-Terroristin Ulrike Meinhof litt unter Hirnschädigung, FAZ v. 12.11.2002. 257 Bogerts, RAF-Terroristin Ulrike Meinhof litt unter Hirnschädigung, FAZ v. 12.11.2002. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 141 bestätigte Persönlichkeitsveränderungen – eine Art „Selbstentfremdung“, wie sie es beschrieb. Klaus Rainer Röhl, der geschiedene Ehemann, war bereits 1970 der Meinung, dass die Operation den Weg in den Terrorismus ebnete, weil Ulrike Meinhof erst infolge dieser so gefühllos geworden sei.258 In einem weiteren Beispiel tötete der Lehrer Ernst August Wagner 1913 seine Frau und seine vier Kinder mit einem Messer, erschoss acht männliche Einwohner des Dorfes Mühlhausen und verletzte weitere zwölf schwer; zudem beging er Brandstiftung.259 Wegen Paranoia wurde er für unzurechnungsfähig erklärt. Im Gehirn wurde ein Rindendefekt entdeckt, der als Hirnentwicklungsstörung einzustufen war. Dieser Defekt lag in unmittelbarer Nähe der Amygdala, einer Region, die für die emotionale Wahrnehmung und die Realitätsbewertung von grundlegender Bedeutung ist.260 Auch der Amoklauf von Charles Whitman im Jahre 1966261 ist ein Beispiel für die Annahme einer Beziehung zwischen hirnorganischer Läsion und kriminellen Verhaltens. Er wandte sich an einen Psychiater, weil er von gewalttätigen Gedanken heimgesucht wurde. Dieser konnte ihm jedoch nicht helfen. In einem Brief bat er für den Fall seines Todes um eine Autopsie, weil er selbst eine hirnphysiologische Ursache vermutete. Er erstach anschließend seine Frau und seine Mutter und schoss von einem Turm der Universität Texas aus mit einem Gewehr auf vorbeikommende Passanten und tötete dabei 14 von ihnen und verletzte 38 weitere, bevor er sich selbst erschoss. Man fand einen walnussgroßen, schnellwachsenden Hirntumor im Bereich der rechten Amygdala, der die Funktion im limbischen Hirnareal beeinträchtigte, das für die Emotions- und Aggressionskontrolle bedeutend ist.262 258 Förster, Wer war Ulrike Meinhof?, Berliner Zeitung v. 09.11.2002. 259 Vgl. Blom, Bestellt mich zum Exekutor, SZ v. 28.07.2011, http://www.sueddeutsch e.de/kultur/2.220/paranoider-hass-parallelfall-von-bestellt-mich-zum-exekutor-1 .1125523 (Stand: 07.04.2018). 260 Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (338 f.); Kalus, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 41 (46). 261 Fahrenbach, Der Amokläufer, der ein Militärbegräbnis bekam, Die Welt v. 31.07.2016, https://www.welt.de/vermischtes/article157413098/Der-Amoklaeuf er-der-ein-Militaerbegraebnis-bekam.html (Stand: 07.04.2018). 262 Vgl. Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (342); Kalus, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 41 (46). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 142 Hirnphysiologische, biochemische und genetische Abweichungen Nicht nur Schädigungen bzw. Fehlfunktionen im präfrontalen, orbitofrontalen und anterioren cingulären Cortex stehen also im Verdacht, delinquentes Verhalten zu verursachen bzw. zu fördern263, sondern auch andere Hirnareale: das limbische System, bestehend u. a. aus der Amygdala.264 Roth bezeichnete es als „emotionales Erfahrungsgedächtnis“, das Emotionen „steuere“ und „kontrolliere“.265 Schädigungen der Amygdala beeinträchtigen die emotionale Verarbeitung, sodass ihre Überaktivität zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen führen könnte.266 Hirnschädigungen können damit „das adäquate Erfassen und Bewerten sozialer Situationen beeinträchtigen“.267 Verletzungen oder Fehlentwicklungen des Frontalhirns würden zu erhöhter Risikobereitschaft und zu gesteigerter Impulsivität268 führen.269 Zum Verhältnis Großhirnrinde und limbisches System bei einem impulsiven Gewalttäter führt Roth aus: „Das limbische System ist um Jahre früher ausgereift als die Großhirnrinde (zum Teil 10-15 Jahre). […] Was die Amygdala in früher Jugend erlernt, vergisst sie offenbar ein Leben lang nicht. Wir können cortical vergessen – die Amygdala vergisst an Traumatisierungen nichts. Die Großhirnrinde ist der Ort des schnellen Lernens, Umlernens und Entscheidens. Unsere Persönlichkeit entwickelt sich im limbischen System Jahre, bevor unsere den- 2.2.2. 263 G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (68); G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (150). 264 Vgl. etwa Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (337): „Eine Struktur- oder Funktionspathologie des Mandelkerns, des Hypothalamus sowie der paralimbischen kortikalen Areale […] sowie eine Unterfunktion des serotonergen Systems [disponieren] zu einem stark erhöhten Risiko aggressivdelinquenten Verhaltens“. 265 vgl. G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (68). 266 Markowitsch, Z. Neuropsychol. 20 (2009), 169 (171); ders./R. Merkel, in: Bonhoeffer/ Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (228). 267 Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (229). 268 Impulsives Verhalten wird verstanden als „Verhalten, das nicht genügend reguliert ist und das einem spontanen Impuls entspringt“, Knoch, Z. Neurophsychol 18 (2007), S. 183 (183). 269 G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (68), m.w.N. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 143 kende vernünftige Großhirnrinde sich entwickelt – und sie versucht dann einen mäßigenden, zügelnden Einfluss auf dieses limbische System auszu- üben […] Und alle Fälle starken impulsiven gewalttätigen Verhaltens sind – neben vielen anderen Ursachen – immer auf eine Schwäche dieser Zügelung durch das Stirnhirn zurückzuführen […] Die Großhirnrinde kann nichts alleine entscheiden. Sie kann beraten, mitwirken, aber inwieweit ihre Beratung, ihre Mitwirkung respektiert wird, entscheidet das limbische System“270. Impulsives Verhalten sei danach Folge von fehlender Selbstkontrolle, für die der präfrontale Cortex zuständig sei.271 Daneben würden sich auch Volumenveränderungen in Teilen des Gehirns abzeichnen und dies bereits während der kindlichen Entwicklung.272 In einer randomisierten Doppelblindstudie in acht niederländischen Gefängnissen führte die zusätzliche Gabe von Spurenelementen, Vitaminen und essenziellen Fettsäuren für die Experimentalgruppe zu einer Reduktion der besonderen Vorkommnisse um 34 Prozent und bei der Placebogruppe zu einem Anstieg um 14 Prozent. Bezüglich besonderer Vorkommnisse speziell bei aggressivem und regelwidrigem Verhalten ergab sich ebenfalls eine Reduktion bei der Experimentalgruppe.273 Damit gewinnt der Ausspruch des Philosophen und Anthropologen Ludwig Andreas Feuerbach (1804-1872) „der Mensch ist, was er isst“, neue Bedeutung. Weiterhin soll ein hoher Testosteronspiegel zu Aggressivität beitragen.274 Daneben zieht man Verbindungen zur Genetik. Ganz allgemein wird die Vererbbarkeit aggressiven Verhaltens mit 50 bis 75 Prozent 270 Roth, Diskussion zum Vortrag von Prof. Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 48 (51); vgl. auch G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (68). 271 Knoch, Z. Neurophsychol 18 (2007), S. 183 (184); Beispiele und weitere Quellen über die Beeinträchtigung der Kontrolle limbischer Areale durch präfrontale Areale siehe Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (69 ff.). 272 Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (230). 273 Zaalberg/Nijman/Bulten/Stroosma/van der Staak, Effects of Nutritional Supplements on Aggression, Rule-Breaking, and Psychopathology Among Young Adult Prisoners, Aggr Behav 36 (2010), 117 (117 ff.); König, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 4 (2010), 280 (280 f.), m.w.N. 274 Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (232). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 144 angegeben.275 Eine bedeutende Rolle spielt dabei das sog. MAO-A- Gen. Es beeinflusst die Produktion des Enzyms Monoaminoxidase A, das verschiedene Neurotransmitter und Hormone wie Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin im Gehirn spaltet.276 Serotonin habe einen beruhigenden und angstmindernden Effekt und spiele bei der Impulskontrolle eine bedeutende Rolle, sodass ein Mangel gewalttätiges Verhalten begünstige.277 Serotonin habe daher eine hemmende Wirkung auf impulsiv-aggressives Verhalten.278 Roth gesteht jedoch ein, dass die Bedeutung im Zusammenspiel mit anderen Faktoren noch „unklar“ ist.279 Nicht nur die Genetik habe Einfluss auf den Serotoninhaushalt, sondern auch (soziale) Umwelteinflüsse. Damit wird wieder auf die neueren Erkenntnisse der Epigenetik verwiesen. Die Delmenhorster Studie280 untersuchte, welche Merkmale Gewalttäter charakterisieren. Sie bestätigte, dass die Bedingungen, die zu Gewaltdelinquenz führen, multifaktoriell sind: Hyperaktivität, mangelnde Impulshemmung, niedrige Frustrationstoleranz, Defizite im Erlernen sozialer Regeln, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen, Mangel an Empathie und verminderte Intelligenz. Ursachen dafür seien Geschlecht, Alter, hirnanatomische und -physiologische Störungen, gestörte frühkindliche Bindungserfahrung, frühkindliches Trauma, Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, ungünstige soziale Bedingungen wie Armut, Familiengeschichte, Gewalt im sozialen Umfeld.281 275 Piefke/Markowitsch, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 96 (97). 276 Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 112. 277 G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (68); G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (151). 278 J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 127 (129). 279 G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (69); G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (150). 280 Lück/Strüber/Roth, Psychobiologische Grundlagen aggressiven und gewalttätigen Verhaltens, Oldenburg 2005 = http://oops.uni-oldenburg.de/509/1/luepsy05.pdf (Stand: 07.04.2018). 281 G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (66 f.); G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (149 f.). III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 145 Es muss aber nicht zu gewalttätigem Verhalten kommen, weil kompensatorische Hirnentwicklungen und günstige soziale Umstände dem entgegenwirken können.282 Umgekehrt muss gewalttätiges Verhalten aber auch nicht zwangsläufig eine hirnpathologische Ursache haben.283 „Psychopathy“ Neben der Erforschung von extremen Gewalttätern hat sich die Hirnforschung nun auch gezielt die Untersuchung von „Psychopathy“ zur Aufgabe gemacht. Dabei lassen sich Gewalttäter und psychopathische Persönlichkeiten nicht immer klar voneinander trennen. Oftmals sind Gewalttäter nämlich auch psychopathisch284 – andererseits wird nicht jeder Psychopath gewalttätig oder gar delinquent. So ist es sogar möglich, dass sich psychopathische Persönlichkeiten in sozial erfolgreichen Positionen, beispielweise als Börsenmarkler, Banker oder gar Psychiater, tätig sind, wie der Psychiater Hervey Cleckley herausfand.285 Die sog. „Psychopathy“286 ist eine besondere Form der dissozialen Persönlichkeitsstörung (ICD-10)287 und zeichnet sich dadurch aus, dass bei Betroffenen die Emotionsverarbeitung und die soziale Inter- 2.3. 282 G. Merkel/Roth, in: Grün/Friedman/Roth (Hrsg.), Entmoralisierung des Rechts, S. 54 (70); G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (152). 283 Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (344). 284 Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 (335). 285 Cleckley, The Mask of Sanity, S. 193 ff. 286 Aus dem angloamerikanischen Sprachgebrauch; zur Begriffsentwicklung siehe J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 314 (315 f.). Zu welchen Taten psychopathische Persönlichkeiten im Extremfall fähig sein können, zeigt der Fall Jeffrey Dahmer, der mindestens 17 Männer zuerstückelte. Bereits im Kindesalter weidete er Hunde und Katzen aus und hatte seit dem 14. Lebensjahr sexuelle Gewaltphantasien (Kringiel, Leben mit dem Menschenfresser, SPIEGEL v. 15.02.2012, http://einestages.spiegel.de/external/ShowT opicAlbumBackground/a24364/l17/l0/F.html#featuredEntry (Stand: 07.04.2018); siehe zu seiner Biografie und den Taten Dvorchak/Holewa, Wer ist Jeffrey Dahmer). Einigen seiner Opfer bohrte er zunächst Löcher in den Kopf, um Säure hineinzugeben und sie dadurch in willenlose Sexsklaven zu verwandeln (Thadeusz, Programmiert auf Unheil, SPIEGEL 16/2010, S. 134 (137)). 287 J. L. Müller, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), 95 (96); Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak, Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (136); J. L. Müller/Sommer/Wagner/Lange/Taschler/ Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 146 aktionsfähigkeit dahingehend gestört ist, dass sie gewissenlos sind und es ihnen an Empathie fehlt, also ein Mangel an emotionaler Beteiligung, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl aufweisen, und die Fähigkeit beeinträchtigt ist, aus negativen gesellschaftlichen und staatlichen Sanktionen zu lernen. Weiterhin sind sie egoistisch und besitzen ein manipulatives Wesen und weisen einen oberflächlichen Charme auf, der zur Durchsetzung der eigenen Ziele genutzt wird. Nicht selten führen diese Defizite bei der „Entwicklungspsychopathie“, die sich vom Kindesalter an entwickelt, zur instrumentellen Aggression288 und bei der „erworbenen Psychopathie“, die im Laufe des Lebens eines gesunden Menschen durch Läsionen im präfrontalen Cortex entsteht, zur reaktiven Aggression289.290 In Studien zeigte sich, dass sie in Entscheidungsfindungen, im Umlernen und im Verlernen von Verhaltensweisen sowie im Erkennen emotionaler Gesichtsausdrücke ein Defizit aufweisen.291 Ihr Gefahrerkennungssystem ist zudem gestört, sodass sog. „Fight or Flight“292 Reaktionen aufgrund von Angstfreiheit vermindert u.a., Biol Psychiatry 54 (2003), 152 (153); H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (557). Oftmals wird der Begriff Psychopathie bzw. psychopathische Persönlichkeitsstörung auch synonym mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung verwendet (vgl. Jäncke, Z. Neuropsychol. 19 (2008), 41 (42); Bogerts, in: F. Schneider (Hrsg.), Entwicklungen der Psychiatrie, S. 335 ff.; siehe zu den Begriffsverwirrungen in der juristischen Literatur, Schiemann, Unbestimmte Schuldfähigkeitsfeststellungen, S. 287). Die „Psychopathy“ hat mehr gemeinsam mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung (ICD-10) als mit der antisozialen Persönlichkeitsstörung (DSM- IV-TR) (J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 314 (320)); siehe zu den Merkmalen der ICD-10 und der DSM-IV-TR und der PLC Saimeh, Differentielle Konzepte zur Dissozialität, https://www.lwl.org/52 7-download/pdf/Saimeh_Differentielle_Konzepte_zur_Dissozialitaet.pdf, S. 3 (Stand: 07.04.2018); P. Fiedler/Herpertz, Persönlichkeitsstörungen, S. 299 f.). 288 Aggression wird als Mittel zur Zielerreichung genutzt und muss nicht mit einer emotionalen Beteiligung einhergehen. Siehe auch Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (69). 289 Aggression erfolgt spontan und mit hoher emotionaler Beteiligung als Reaktion auf frustrierende und bedrohliche Ereignisse aus der Umwelt. 290 Zur Unterscheidung Entwicklungspsychopathie und erworbener Psychopathie H. Walter/Herbold, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 304 (304 ff.). 291 H. Walter/Herbold, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 304 (305 f.), m.w.N. 292 Es handelt sich hierbei um ein Furchtverhalten, bei dem sich der Angegriffene entweder aktiv wehrt oder die Flucht ergreift. III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 147 sind.293 Ihre Angstschwelle ist erhöht294, was förderlich für die Begehung von Straftaten ist295. Wird ihnen stimulierendes bzw. angstauslösendes Adrenalin oder Amphetamin verabreicht, normalisiert sich ihr vermindertes Bestrafungslernen.296 Der kanadische Psychologe Robert D. Hare, der die sog. „Psychopathy-Checklist“ zur Erkennung der „Psychopathy“ erstellt hat297, schätzt, dass etwa 25 Prozent der männlichen Gefängnisinsassen psychopathisch sind und dass etwa 50 Prozent der schweren Delikte von Psychopathen begangen werden.298 Das ist beachtlich und führt zu Erklärungsversuchen, wie etwa dem von G. Merkel, anhand von Psychopathen und impulsiven Gewaltverbrechern zu verdeutlichen, dass ihr 293 J. L. Müller, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), 95 (98); Schwerdtner/ J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (136); J. L. Müller/Sommer/Wagner/Lange/ Taschler/u.a., Biol Psychiatry 54 (2003), 153 (153); H.-L. Kröber, in: ders./H.-J. Albrecht (Hrsg.), Verminderte Schuldfähigkeit und psychiatrische Maßregel, S. 33 (47, 58); Rasch, Forensische Psychiatrie, S. 265 f. 294 H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (558). 295 Saimeh, Differentielle Konzepte zur Dissozialität, https://www.lwl.org/527-downl oad/pdf/Saimeh_Differentielle_Konzepte_zur_Dissozialitaet.pdf, S. 8 (Stand: 07.04.2018). 296 H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (558). 297 Diese „Psychopathy-Checklist“ (PCL) dient der Definition und Diagnose der psychopathischen Persönlichkeitsstörung mit Hilfe eines semistrukturierten Interviews (Hare/Hart/Harpur, J Abnorm Psychol 100 (1991), 391 (393 ff.)). Daneben existiert eine revidierte Version, die „Psychopathy-Checklist-revised Version“ (PCL-R), die zur Diagnose die Informationen aus dem semistrukturierten klinischen Interview, aus der Selbsteinschätzung des Betroffenen, aus der Verhaltensbeobachtung durch den Untersuchenden sowie zusätzliche Informationen aus Akten und anderen Quellen verwendet (vgl. Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (137); H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (557)). 298 Thadeusz, Programmiert auf Unheil, SPIEGEL 16/2010, S. 134 (135); 20 bis 30 Prozent laut Saimeh, Differentielle Konzepte zur Dissozialität, https://www.lwl.or g/527-download/pdf/Saimeh_Differentielle_Konzepte_zur_Dissozialitaet.pdf, S. 4 (Stand: 07.04.2018). In einer kanadischen Gefängnispopulation erfüllten 28 % der Insassen die Kriterien der PCL-R (Widiger/Hare/Rutherford/Alterman/ Corbitt/u.a., J Abnorm Psychol 105 (1996), 3 (9)), in einer schwedischen forensisch-psychiatrischen Population 25 % (Stålenheim/Von Knorring, Acta Psychiatrica Scandinavica 94 (1996), 217 (217 ff.), in einer britischen Gefängnispopulation 26 %, (Hobson/Shine, Brit J Criminol 38 (1998), 504-515; siehe dazu auch H.- L. Kröber, in: ders./H.-J. Albrecht (Hrsg.), Verminderte Schuldfähigkeit und psychiatrische Maßregel, S. 33 (58)). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 148 (geschädigtes) Gehirn sie zu den jeweiligen Straftaten gedrängt hat und von Schuld daher keine Rede mehr sein könne.299 Hirnorganische Störungen könnten die Annahme von Schuldunfähigkeit untermauern300, womit die Hirnforschung ein neues Licht auf psychopathische Persönlichkeitsstörungen wirft. Es wurde festgestellt, dass psychopathische Persönlichkeiten eine veränderte Erregbarkeit neuronaler Netzwerke im Frontallappen und im limbischen System aufweisen, die die klinische Symptomatik, also den Empathie- und Gefühlsmangel, das selbstsüchtige Verhalten und die Unfähigkeit aus Bestrafung zu lernen, erklären könnten.301 Eine Minderaktivität der Amygdala sei Ausdruck verminderter Angst.302 J. L. Müller und Kollegen kommen deswegen zu dem Schluss, dass eine gestörte Interaktion zwischen „top-down“-Kontrolle präfrontaler Areale und „bottom-up“- Signalen limbischer Areale Auslöser sein können.303 Weiterhin wurde eine Minderaktivität im rechtstemporalen Cortex, der mit Einfühlungsvermögen in Verbindung gebracht wird, festgestellt.304 Auch beim Psychopathen entdeckten morphometrische Studien eine Volumenreduktion der grauen Substanz des präfrontalen Cortex sowie des Hippokampus.305 Zudem lassen sich weitere hirnbiologische Auffälligkeiten entdecken.306 299 G. Merkel, in: FS Herzberg, S. 3 (20). 300 Vgl. Fischer, StGB, § 20 Rn. 46. 301 Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (138). 302 Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (69). 303 Vgl. zum Top-Down- und Bottom-Up-Mechanismus Jäncke, Z. Neuropsychol. 19 (2008), 41 (43). 304 J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 127 (134 f.). 305 J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 314 (322, 324); m.W.N. 306 Eine gute Zusammenfassung der aktuellen Befunde gibt J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 314 (320). III. Geschädigtes Gehirn – krankes Selbst? 149 Zusammenfassende kritische Betrachtung Der Mensch als materielles Wesen Die Mindesterkenntnis aus all den bisher dargestellten Experimenten, Fallbeispielen und forensisch-psychiatrischen Delinquenzformen ist, dass wir materielle Wesen sind, deren spezifische Eigenschaften mit der Physiologie, der Chemie, der Genetik und letztlich dem Gehirn verflochten sind. In Studien zwischen „normalen“ Personen auf der einen und psychopathischen, aggressiven und pädophilen Personen auf der anderen Seite haben Hirnforscher mittels bildgebender Verfahren sowie der Läsionsforschung Unterschiede im Gehirn bei der Emotionsverarbeitung, der Selbstkontrolle sowie der Wahrnehmung entdeckt. Innerhalb der einzelnen Gruppen finden sich dagegen vergleichbare Aktivierungsmuster, die die Frage aufwerfen, „inwieweit die zugrunde liegenden neurobiologischen Prozesse Motivation, Handlung, Tat und letztlich Täterverhalten in einer Weise festlegen, sodass ein individuelles, frei bestimmtes Verhalten reine Fiktion wird.“307 Die Antwort, die letztlich den Menschen an sich betrifft, lautet: Auch wenn die unbewussten neurobiologischen Prozesse deterministisch sein sollten, ist nicht das Individuum eine Fiktion, weil es weiterhin von anderen Individuen abgrenzbar und unterscheidbar bleibt (und dadurch auch das von ihm ausgehende Verhalten), sondern allenfalls das Selbst, wenn es als dualistisches, von weltlichen Einflüssen unabhängiges Ding verstanden wird. Ein in diesem Sinne „frei bestimmbares Verhalten“ wäre eine Fiktion, zumindest sei „der Geist“, in den Worten G. Merkels, „alles andere als unabhängig“308. „Es ist unbestritten, dass jede subjektive Erfahrung, jeder Gefühlszustand und jede Wahrnehmung auf neurobiologische Prozesse zurückzuführen sind“309. Ein (materiell verursachtes) Selbst ist bei einem deterministischen Menschenbild dann keine wirkungslose und überflüssige Fiktion, IV. 1. 307 J. L. Müller, in: ders./Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 131 (132). 308 Detlefsen, Grenzen der Freiheit, S. 301. 309 Maier/Helmchen/Saß, Nervenarzt 76 (2005), 543 (544). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 150 wenn man es als Gefühl der Autorschaft im Sinne eines Überbauphänomens versteht, das Wirkung auf bewusste sowie unbewusste Prozesse hat und dadurch auch Wirkung in der Außenwelt entfaltet. Beispielweise das Gefühl der Verantwortung, der Schuld bzw. der Reue für sein Tun hat im Sinne des Überbauphänomens rückwirkende Kraft auf das Verhalten, weil es ein wichtiger Faktor für rechtstreues Verhalten ist310.311 Die Wirkung in der Außenwelt ist vorhanden, aber nicht unabhängig von unbewussten Prozessen. Das ist grundsätzlich nicht schädlich, wenn man Bewusstsein und Unbewusstsein als zwei sich gegenseitig ergänzende Mechanismen sieht. Eine Trennung zwischen „freien“ bewussten Prozessen und „unfreien“ unbewussten Prozessen ist eine dualistische Aufspaltung, die wegen ihrer wechselseitigen Einflussnahme nicht aufrechterhalten werden kann. Hirnfunktionelle und hirnphysiologische „Störungen“, „Dysfunktionen“, „Abnormalitäten“ und „Abweichungen“ als nicht alleiniger Anknüpfungspunkt von Schuldunfähigkeit gem. §§ 20, 21 StGB Der „normale“ Delinquent Die dargestellten Untersuchungen zu den hirnbiologischen Ursachen vertypter Delinquenten mögen (allenfalls nur teilweise) spezifische Formen von Delinquenz erklären können. Die Untersuchungen erwecken den Anschein, dass sich die Hirnforscher nur die extremen Delinquenten herauspicken, um bei ihnen Anomalien zu entdecken, die beweisen sollen, dass sie sozusagen „krank“312 und bereits deswegen willensunfrei und schuldunfähig sind, um dann von ihnen auf alle an- 2. 2.1. 310 Vgl. für die limitierende Wirkung von Mitleid, Schuld und Reue bei Gewaltdelinquenz, H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (560). 311 Darin liegt ein Grund, dass Verantwortungszuschreibung mittels strafrechtlicher Schuld auch bei Annahme des Determinismus nicht abgeschafft werden sollte. Siehe zum daraus resultierenden Gefühl der Verantwortlichkeit Kapitel 5 IV 2.2. 312 Der Krankheitsbegriff in der Psychiatrie ist selbst umstritten, vgl. Heinz, in: Herrmann/M. Pauen/Rieger/Schicktanz (Hrsg.), Bewusstsein, S. 407 (407 ff.); Schramme, in: Herrmann/M. Pauen/Rieger/Schicktanz (Hrsg.), Bewusstsein, S. 383 (383 ff.). Auf eine nähere Auseinandersetzung wird hier verzichtet, weil auch bei IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 151 deren Delinquenten schließen zu können.313 Es werden die Extremfälle herausgesucht, weil bei ihnen am ehesten deutliche Unterschiede zu rechtstreuen Personen zu erwarten sind. Für die Untermauerung der These über die Abschaffung der Schuld mithilfe der Viktimisierung der Delinquenten wird sich zudem der Suggestivwirkung der bunten Bilder, vor allem des fMRT314, bedient. Nach Roth gilt das Unvermögen, die aktuellen Umstände willentlich zu überdeterminieren (Anders- Können), „für alle Straftäter […] und nicht nur für Gewalttäter. Bei letzteren treten die Zweifel nur besonders deutlich hervor, weil sich die empirischen Bedingen für das Zustandekommen ihrer Taten recht gut erforschen lassen“315. „Die Kritik am alternativistischen Willensfreiheitsbegriff darf nicht auf Gewaltkriminelle begrenzt werden“316. „Je schwerer die Straftat und die ‚moralische Schuld‘ im Lichte des herrschenden Strafrechts, desto deutlicher erkennbar ist die psychische Zwangssituation der Täter“317. Damit gilt seine Determinismusannahme hinsichtlich jedes Delinquenten: vom kleinen Gelegenheitsdieb über den Totschläger bis hin zum großen Wirtschaftskriminellen. Der Auffassung über die Schuldder Einstufung einer Abweichung als krankhaft die Schuldfrage eine Wertungsfrage bleibt, wie noch aufzuzeigen sein wird. 313 Vgl. Gschwend, in: Senn/Puskás (Hrsg.), Gehirnforschung und rechtliche Verantwortung, S. 147 (147), der auch auf die Einseitigkeit der neurowissenschaftlichen Forschung hinweist. 314 Mithilfe des fMRT wird der Blutfluss im Gehirn gemessen. Dem liegt die These zugrunde, dass arbeitende vermehrt Sauerstoff und Glucose benötigen, welche über das Blut in die jeweilige Region transportiert wird. Vermehrter Blutfluss bedeute vermehrtes Arbeiten der Synapsen der jeweiligen Gehirnregion. Es wird also nicht die neuronale Aktivität direkt gemessen, sondern vielmehr lediglich der Stoffwechsel. Die Grundlagenforschung zum Messgegenstand und zur Aussagekraft ist aber noch keineswegs abgeschlossen (vgl. dazu, Bor, G&G 2011/6, 14 (15); Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 154 ff.; Tebartz v. Elst, DIE ZEIT, 16.08.2007; Zilles, in: Barton (Hrsg.), "…weil er für die Allgemeinheit gefährlich ist!", S. 49 (56); Monyer/Rösler/Roth/Scheich/Singer/u.a., G&G 2004/6, 30 (33): „Das ist etwa so, als versuchte man die Funktionsweise eines Computers zu ergründen, indem man seinen Stromverbrauch misst.“). 315 G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (155). 316 G. Merkel/Roth, in: Stompe/Schanda (Hrsg.), Der freie Wille und die Schuldfähigkeit, S. 143 (159). 317 Roth, in: BBAW, Zur Freiheit des Willens, S. 63 (68). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 152 fähigkeit von Personen, die Recht und Unrecht unterscheiden können und dennoch Unrecht verwirklichen, widersprechen Roth zufolge „neuere Ergebnisse der Neurowissenschaften, dass nämlich zwei unterschiedliche Hirnsysteme mit den zwei Fähigkeiten befasst sind, das dorsolaterale Stirnhirn für das Erkennen der Normen und das orbitofrontale Stirnhirn für das Handeln nach Normen, und beide können unabhängig voneinander ausfallen. Das Erkennen von Normen kann aufgrund eines intakten dorsolateralen präfrontalen Cortex intakt sein: der Täter kann durchaus wissen, dass das, was er zu tun beabsichtigt, Unrecht ist. Gleichzeitig kann aber aufgrund einer Fehlentwicklung, Verletzung oder Erkrankung des orbitofrontalen Cortex die Fähigkeit, nach dieser Einsicht zu handeln, beeinträchtigt sein. Dies ist insbesondere insofern interessant, als dem orbitofrontalen Cortex eine hemmende Funktion gegenüber impulsiv-egoistischen Strukturen (z.B. der Amygdala und dem mesolimbischen System) unterstellt wird. Diese ‚niederen‘ Antriebe können sich dann gegen die im orbitofrontalen Cortex verankerte Tendenz, normgerecht zu handeln, durchsetzen. Nun kann niemand für eine Fehlentwicklung, Erkrankung, oder Schädigung seines orbitofrontalen Cortex verantwortlich gemacht werden – wenn ich als gesetzestreuer Mensch handle, dann habe ich eben ‚Glück‘ gehabt, dass ich ein normal funktionierendes Gehirn habe“318. Ungeachtet der Frage nach dem allgemeinen indeterministischen Alternativismus könnten die „Abweichungen“, die bisher bei den dargestellten Delinquenten entdeckt wurden, zur Annahme verleiten, dass zumindest diese Delinquenten allein wegen der hirnfunktionalen, hirnchemischen, hirnphysiologischen bzw. hirnmorphologischen Abweichungen schuldunfähig sein müssten. Die Bezeichnungen „Dysfunktion“, „Störungen“, „Abnormalitäten“ etc., wie sie vielfach in den Studien verwendet werden, suggerieren eine krankhafte Ursache für das strafbare, abweichende Verhalten. Würde man dann später bei allen anderen Tätern auch Hirnabweichungen finden, müsste dieser Gedanke spätestens dann auch auf sie übertragen werden. Nach aktueller Rechtslage ist das Vorliegen einer kranhaften Ursache für die Annahme von Schuldunfähigkeit gem. § 20 StGB allein nicht ausreichend. Es besteht jedoch die Gefahr der „Neutralisierung“ der Tat sowie der „Neutralisierung“ von Verantwortung durch Wissenschaft und Gesellschaft319, sollten sich die aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen resultierenden Thesen über Schuldunfähigkeit durchsetzen. In der 318 Roth, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 37 (46 f.). 319 Anstatt der Neutralisierung allein durch den Delinquenten. IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 153 Mitte der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts führten nämlich neue Erkenntnisse von psychiatrischen Kliniken zur gehäuften Attestierung von Schuldunfähigkeit bzw. verminderter Schuldfähigkeit durch forensische Psychiater.320 Die „biologisch-progressive“ Position, deren Vertreter argumentieren, die veränderten Hirnfunktionen und Hirnstrukturen seien als biologische Ursachen zu betrachten, die ähnlich dem Tourette-Syndrom oder der Epilepsie nicht mehr kontrollierbar seien, würde wohl zu diesem Ergebnis führen.321 Jedoch scheitert die Hirnforschung bisher am Schluss von der Hirnauffälligkeit auf das spezifische Erscheinungsbild von Delinquenz. So sind die Forschungsergebnisse hinsichtlich pädosexueller Straftäter und psychopathischer Persönlichkeiten nicht reliabel322, valide323 und stabil (weil bisher nicht repliziert). Von einer sol- 320 Koepsel, in: FS Rasch, S. 139 (140). 321 Vgl. H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (566). Die „biologieskeptisch-liberale“ Position nimmt zwar hin, dass die Hirnforschung Krankheitsmechanismen aufdeckt, sie sieht aber darin die Gefahr begründet, dass man die Dysfunktionen als unveränderlich, nicht therapierbar oder unheilbar einstuft, mit der Folge des Therapieabbaus zum Nachteil der Delinquenten. Sie würden nach diesem Szenario lediglich „weggesperrt“ werden – ohne klar definierte Dauer (H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (566)). Diese Gefahr ist aber nur dann begründet, betrachtete man die „Hirndysfunktionen“ als unumkehrbar, was aber keineswegs aufgrund der neuronalen Plastizität der Fall sein muss. Bereits heute sind psychische Erkrankungen trotz Verweis auf die Biologie bzw. Biochemie (vgl. Holsboer, G&G 2011, 36 (37)) heilbar oder zumindest linderungsfähig. Die Versuche der Neurowissenschaft, erfolgreiche Therapiekonzepte zu entwickeln, verdeutlichen zudem, dass die (ggf.) krankhaften Zustände selbst von ihrer Seite nicht als aussichtslos betrachtet werden. Die „antibiologisch-konservative“ Position bemängelt gerade die Ergebnisse als Krankheit im engeren Sinn zu verstehen und verweist zudem auf die Gefahr von Exkulpationsversuchen seitens des Delinquenten (H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (566)). Sie ähnelt der in der Kriminologie durch Sykes und Matza begründeten Neutralisierungstechnik der „Ablehnung der Verantwortung“, bei der delinquente Jugendliche ihre Taten in ein anderes, neutraleres Licht zu rücken versuchen, um sich so der Verantwortung vor sich selbst und vor anderen zu entledigen und Tadel von sich abzuwenden (Sykes/Matza, in: Sack/König, Kriminalsoziologie, S. 360 ff.). 322 Bezeichnet die Wiederholbarkeit der Ergebnisse (vgl. Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 172). 323 Behandelt die Frage, ob ein Verfahren das misst, was es messen soll und betrifft damit die inhaltliche Aussagekraft hinsichtlich einer spezifischen Frage (vgl. Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 172). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 154 chen Datenlage ist die Hirnforschung noch weit entfernt.324 Obwohl beispielsweise Gewaltdelinquenz mit einer statistisch belegten, signifikanten Erhöhung von Gehirnschädigungen einhergeht325, ist es denkbar, dass auch rechtskonforme Personen vergleichbare Gehirnschäden aufweisen könnten. Über die Normalität der Unterschiede und über die Schuld als Wertungsfrage Die Ergebnisse bzw. Befunde wurden im gruppenstatistischen Vergleich gewonnen. Sie müssen daher nicht zwangsläufig auf jeden einzelnen Probanden bzw. Täter zutreffen. Das Einzelergebnis kann sich erheblich vom Gruppenergebnis unterscheiden.326 Die Aufnahmen via fMRT sind statistische Mittelwerte aus tausenden Aufnahmen.327 Vom Gehirnbild auf die Delinquenz zu schließen oder von der Delinquenz auf das neurobiologische Korrelat, ist daher wenig aussichtsreich. Abgesehen von möglichen Übereinstimmungen sind also auch Abweichungen im Gehirn nicht nur zwischen Delinquenten und Nicht-Delinquenten, sondern auch zwischen Delinquenten (aber auch Nicht- Delinquenten) untereinander normal. Die sog. „neuronale Plastizität“328, wonach das Gehirn dauerhaft veränderbar ist329, führt dazu, dass kein Gehirn mit einem anderen identisch ist330. So wie der Mensch ist auch sein Gehirn individuell und einzigartig.331 Die funktionalen Strukturen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch und – 2.2. 324 J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 71 (75). 325 G. Merkel, in: FS Herzberg, S. 3 (20). 326 J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen, S. 71 (74); vgl. auch Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (248). 327 Markowitsch/R. Merkel, in: Bonhoeffer/Gruss (Hrsg.), Zukunft Gehirn, S. 224 (248 f.). 328 Die Entdeckung geht zurück auf den Psychologen Donald Olding Hebb, The Organization of Behavior, New York 1949 (sog. „Hebbsche Lernregel“). 329 Vgl. Kapitel 1 I 3.3.3. Fn. 173. 330 Vgl. Schleim, Die Neurogesellschaft, S. 162, siehe dazu die Abbildung 3 im Buchrücken. 331 Siehe die Beispiele bei Grawe, Neuropsychotherapie, S. 83 f.; Maguire/Gadian/ Johnsrude/Good/Ashburner/u.a., Navigation-Related Structural Change in the Hippocampi of Tax Drivers, Proc. Natl Acad. Sci. USA 97 (2000), 4398 (4398 ff.). IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 155 aufgrund individueller Lebensgeschichte – ändert sich das Gehirn ständig.332 Individualität beginnt also schon in der Physiologie, Morphologie und Chemie des Gehirns. Es spiegelt in neurowissenschaftlichen Untersuchungen das wider, was wir mitunter als Charakter bezeichnen, sodass es möglich ist, die besagten Anomalien auch als Charakterausprägungen, die den Menschen individualisieren, aufzufassen. Schließlich müssen sich unterschiedliche Charaktere ja auch im Gehirn zeigen, wenn dieses die Grundlage für unser Selbst bildet. Es erstaunt daher nicht, dass die neuronalen Korrelate von normalen Probanden und Probanden mit „Psychopathy“ voneinander abweichen. Man denke nur, dass eine Unterscheidung zwischen homosexuellen und heterosexuellen Frauen und Männern anhand von Aktivitäten in bestimmten Gehirnregionen möglich sein könnte333, ohne es als pathologisch zu bewerten sowie die Verantwortungsfähigkeit zu bezweifeln. Sexuelle Orientierung kann nämlich die Aktivität bestimmter Gehirnregionen beeinflussen.334 Wenn individuelles Verhalten sich unterscheidet, müssen sich auch die ihnen zugrunde liegenden Gehirnkorrelate voneinander unterscheiden.335 Hinzu kommt die Möglichkeit, dass Hirnauffälligkeit und die jeweilige Persönlichkeitsausprägung wie Gewaltbereitschaft oder Pädophilie in keinem ursächlichen Zusammenhang zueinander stehen müssen und lediglich zufällig zusammen auftreten können. Es ist unklar, ob die neurobiologischen Korrelate ursächlich z.B. für Pädophilie 332 Rösler, G&G 2004/6, 32. 333 Vgl. Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (203). 334 Fromberger/Stolpmann/Jordan/J. L. Müller, Neurobiologische Forschung bei Pädophilie, Z. Neuropsychol 20 (2009), 193 (203). 335 Dagegen ist es nicht abwegig, dass anstatt Unterschieden zwischen Delinquenten und Nicht-Delinquenten auch Gemeinsamkeiten im Gehirn zu entdecken sind. Wenn Nicht-Delinquente vergleichbare, wenn nicht sogar die gleichen oben beschriebenen Anomalien aufwiesen, würde die Spezifizität von Gehirnauffälligkeiten auf einen Tätertyp entfallen. Dies hätte zwar keine Auswirkung auf die allgemeine deterministische Annahme des Nicht-Anders-Könnens, aber Auswirkung auf die Bewertung einer krankhaften Störung im Rahmen der normativen Beurteilung über die Schuld. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 156 sind.336 Prinzipiell sind Korrelate keine Ursachen.337 Es handelt sich dabei lediglich um begleitende Aktivierungsmuster, die nicht zwingend etwas über den Auslöser, das Hervorbringen, dem Erzeugen der Phänomene, wie etwa Wut oder Zufriedenheit sagen müssen338 (aber ggf. könnten). Korrelate können also vielmehr mit einer Spiegelung als mit einer Ursache verglichen werden. Ursachen, die zu einer neuronalen Aktivierung im Gehirn führen, können vielfältig sein; sie können sowohl im sozialen als auch im biologischen Kontext stehen: Ein Mensch verliebt sich nicht einfach nur deswegen, weil sein Gehirnkorrelat aufleuchtet. Biologisch betrachtet verliebt er sich beispielsweise deswegen, weil er sein Gegenüber gut riechen kann, da unbewusst das Sinneszentrum Nase bereits das Immunsystem über den Haupthistokompatibilitätskomplex (MHC) abgeglichen hat, um eine Ähnlichkeit zu vermeiden und damit die Widerstandsfähigkeit des Nachwuchses gegen Krankheiten zu steigern.339 Der Partner wird hierbei also u. a. nach seiner optimalen genetischen Andersartigkeit ausgesucht.340 Auch andere Faktoren, etwa soziale Gegebenheiten, spielen hierbei eine Rolle. Das passiert unbewusst in unseren Gehirnen, aber zeigt, dass die Ursachen multifaktoriell in einem Netz miteinander verwoben sind, sodass die aufleuchtenden Korrelate nur das Arbeiten des Gehirns an sich widerspiegeln. Alles in Allem legen die Forschungsergebnisse zwar nahe, dass Charaktereigenschaften, Charakteranomalien, Vorlieben und Angewohnheiten neurobiologisch verankert sind341, beinhalten aber als solche nicht das Ergebnis der Wertung über Schuldfähigkeit und Schuld- 336 König, Forens Psychiatr Psychol Kriminol 6 (2012), 62 (63). 337 Bunge, Kausalität, S. 49; Maier/Helmchen/Saß, Nervenarzt 76 (2005), 543 (544); K. Fiedler/Kliegl/Lindenberger/Mausfeld/Mummendey/Prinz, G&G 2005, 56 (60); Hoppe, in: Sokol (Hrsg.), Die Gedanken sind frei, S. 10 (12); H. Walter, in: Schleim/Spranger/ders. (Hrsg.), Von der Neuroethik zum Neurorecht, S. 67 (83). 338 Vgl. Bunge, Kausalität, S. 49 f. 339 Vgl. Beck, Biomax 20 (Herbst 2006), Der Duft der Gene – was bei der Partnerwahl wirklich entscheidet, S. 1 (1), https://www.max-wissen.de/263124/Biomax2 0-Web.pdf (Stand: 07.04.2018). 340 Vgl. Beck, Biomax 20 (Herbst 2006), Der Duft der Gene – was bei der Partnerwahl wirklich entscheidet, S. 1 (4), https://www.max-wissen.de/263124/Biomax2 0-Web.pdf (Stand: 07.04.2018). 341 J. L. Müller, in: ders./Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 131 (132). IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 157 unfähigkeit. Die Frage nach der Schuldunfähigkeit betrifft nicht in erster Linie die Unterscheidung zwischen normal und anormal, sondern, ob diese Unterscheidungen es rechtfertigen, bestimmte Tätergruppen zu exkulpieren. Das ist eine Wertungsfrage. Die Psychiater Wolfgang Maier, Hanfried Helmchen und Henning Saß haben betont, dass bei psychiatrischen Krankheitsbildern, auch wenn man Aktivierungsmuster im Gehirn entdecken würde, das „klinische Erfahrungswissen [bestünde], dass einige Patienten ihren befehlenden Stimmen folgen, andere wiederum nicht“.342 Die primäre Frage für das Strafrecht lautet daher nicht, ob die Straftaten Folge der Abweichungen war, sondern ob die Kontrolle über das strafbare Verhalten durch den Hirndefekt gestört bzw. eingeschränkt war (Steuerungsfähigkeit). § 20 StGB verlangt nicht nur das Vorliegen eines Eingangsmerkmals, wie einer „krankhaften psychischen Störung“ oder einer „anderen seelischen Abartigkeit“, sondern darüber hinaus, dass das Eingangsmerkmal die Einsichtsfähigkeit und die Steuerungsfähigkeit beeinträchtigt. Die Psychopathie beispielsweise fällt als Persönlichkeitsstörung zwar unter das Eingangsmerkmal der „anderen seelischen Abartigkeit“ gem. § 20 StGB343, der „alle den Persönlichkeitskern berührenden psychischen Dispositionen, Abweichungen und Störungen unterfallen, die nicht ‚krankhaft‘“344 i.S.d. der anderen Eingangsmerkmale sind345, die überwiegende Zahl psychopathischer bzw. persönlichkeits-gestörter Straftäter gilt aber derzeit weitestgehend als schuldfähig346. Es wird nicht allein aus der Erfüllung einer Diagnose oder Symptombeschreibung, beispielsweise der Klassifikationssysteme ICD-10 oder DSM IV347, auf das Vorliegen von §§ 20, 21 StGB ge- 342 Maier/Helmchen/Saß, Nervenarzt 76 (2005), 543 (545). 343 Fischer, StGB, § 20 Rn. 36, 41; Rasch, Forensische Psychiatrie, S. 259 f.; Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (137). 344 Fischer, StGB, § 20 Rn. 39. 345 Vgl. auch BGHSt 34, 22 (24). 346 H.-L. Kröber, in: ders./ H.-J. Albrecht (Hrsg.), Verminderte Schuldfähigkeit und psychiatrische Maßregel, S. 33 (59, 60 f.); Saß, in: FS Lampe, S. 183 (190 f.): allenfalls eine verminderte Schuldfähigkeit i.S.d. § 21 StGB wird angenommen. 347 In den offiziellen Diagnosesystemen fällt der Begriff „Psychopathie“ nicht. Beide beschreiben vielmehr nur die der Psychopathie übergeordneten dissoziale Per- Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 158 schlossen.348 So kann bei jedem zweiten Bürger eine psychiatrische Störung in Übereinstimmung mit den Diagnosesystemen festgestellt werden,349 ohne dass er forensisch auffällig wird350 und ohne dass sie nach geltendem Recht die Verantwortungsfähigkeit für das eigene Handeln im Rechtsleben beeinträchtig oder gar ausschließt. § 20 StGB verlangt neben dem Vorliegen eines Eingangsmerkmals mit einer gewissen Ausprägungsstärke die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit. Ausgehend davon, dass die dargestellten Delinquenten grundsätzlich wissen, dass das Verhalten unrecht ist, wird auf die Einsichtsfähigkeit an dieser Stelle nicht näher eingegangen. Die Steuerungsfähigkeit im Tatzeitpunkt wird zumeist bejaht, weil psychopathische Persönlichkeiten oftmals emotional nicht überstürzt, sondern bedacht, kaltblütig und zudem planvoll und sorgfältig351 vorgehen, zudem die Ausführung der Tat abwarten können sowie das Entdeckungsrisiko zu minimieren suchen.352 Ein Täter, der weiß was er tut, intelligent ist und eine normale Auffassungsgabe hat, gilt als schuldfähig. In der Praxis gelten antisoziale Verhaltensweisen und damit inbegriffen psychopathische Persönlichkeiten deswegen als charakterliche Normabweichungen, für die eine Person Verantwortung zu tragen hat.353 Die Fähigkeit sönlichkeitsstörung bzw. antisoziale Persönlichkeitsstörung. Am meisten ähnelt die ICD-Diagnose der Psychopathie. Eine kurze Gegenüberstellung der Diagnosekriterien PCL-R, ICD-10, DSM-IV findet sich bei H. Walter, Nervenarzt 76 (2005), 557 (558). 348 Vgl. auch BGH NStZ 1999, 630 (631). 349 J. L. Müller, in: ders. (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen; S. 71 (75 f.), m.W.N.: Die Prävalenz psychiatrischer Störungen liegt zwischen 50 und 80 Prozent, vgl. Meyer/Rumpf/Hapke/Dilling/John, Nervenarzt 71 (2000), 535 (538). 350 Vgl. H.-L. Kröber, in: ders./ H.-J. Albrecht (Hrsg.), Verminderte Schuldfähigkeit und psychiatrische Maßregel, S. 33 (57): Es gibt daher keinen Automatismus zwischen Persönlichkeitsstörung und Delinquenz. 351 Zielstrebigkeit und ein planvolles Vorgehen schließt jedoch die erhebliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit nicht zwingend aus (BGHSt 24, 22 (26); BGH StV 2000, 17; Fischer, StGB, § 20 Rn. 46a). 352 Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (137). Vgl. zu den Tatsachen, die gegen eine Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit sprechen Fischer, StGB, § 20 Rn. 46a. 353 Vgl. H.-L. Kröber, in: ders./ H.-J. Albrecht (Hrsg.), Verminderte Schuldfähigkeit und psychiatrische Maßregel, S. 33 (61); Schwerdtner/J. L. Müller, in: J. L. Müller/ Hajak (Hrsg.), Willensbestimmung zwischen Recht und Psychiatrie, S. 135 (137 f.). Der BGH geht bei Persönlichkeitsstörungen oftmals von einer „Spielart des menschlichen Wesens“ aus (BGH StV 1997, 630 (630)). IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 159 zur Verhaltenskontrolle bei Psychopathen bestreiten aber einige Hirnforscher.354 Hierbei legen Sie für die Steuerungsfähigkeit bzw. Kontrollfähigkeit im Rahmen der Schuldfrage den indeterministischen Alternativismus zugrunde. Diagnose und deren Beurteilung im Rahmen von §§ 20, 21 StGB sind strikt voneinander zu trennen. Eine abnorme Persönlichkeit, also eine Abweichung von der kulturellen Norm355, die sich durchaus und ganz bestimmt in den Gehirnstrukturen zeigt, muss nicht zwangsläufig in dem Sinne „krank“ sein, dass der Person die Verantwortung abgesprochen wird. Die neurowissenschaftliche Forschung zeigt die Verbindung Mensch, Person, Persönlichkeit, Selbst zum Gehirn auf sowie die Verbindung Gehirn zu seiner Umwelt. Die Frage nach der Schuld kann sie aber nicht klären. Die Frage, die sich in Bezug auf Hirnabweichungen stellt, ist vielmehr, was ist pathologisch und was ist derart pathologisch, dass es zum Verlust von Kontrolle356 führt (z.B. ein Hirntumor)357 und was ist stattdessen lediglich Ausdruck bzw. Korrelat des (ggf. „abnormen“) Charakters? Persönlichkeitsstörungen führen nicht zwingend zum Kontrollverlust und können Ausdruck eines aggressiven, impulsiven Charakters sein. Abweichungen sind nicht per se pathologisch. Es gibt cholerische, leichtgläubige, manipulative, impulsive, unnahbare, egozentrische, altruistische, strebsame etc. Menschen. Die Feststellung, was dabei „normal“ ist, bereitet bereits Schwierigkeiten. Eine gewisse Enthemmung, die zur Begehung delinquenten Verhaltens erforderlich ist, muss sich im Gehirn als Korrelation wiederfinden, bei- 354 Z.B. H. Walter/Herbold, in: J. L. Müller (Hrsg.), Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen; S. 304. 355 Saimeh, Differentielle Konzepte zur Dissozialität, https://www.lwl.org/527-downl oad/pdf/Saimeh_Differentielle_Konzepte_zur_Dissozialitaet.pdf, S. 2 (Stand:07.04.2018). 356 Der Begriff „Kontrolle“ muss dabei nicht i.S.e. indeterministischen Anders-Könnens verstanden werden. Siehe dazu Kapitel 4 IV und Kapitel 5 III 3. 357 Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (77 f.): Es „erscheint offensichtlich, dass die freie Willensbestimmung der betroffenen Täter gegenüber gesunden Personen erheblich durch eine hirnstrukturelle, also biologische Ursachen beeinträchtigt war und dass dies im Rahmen der Strafprozesse offensichtlich nicht in ausreichender Form in die Entscheidungsfindung eingegangen war.“ Daher plädieren sie für die Implementierung neurowissenschaftlicher Verfahren in den Strafprozess, um derartige offensichtliche pathologische Befunde vor Verurteilung zu erkennen. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 160 spielsweise in der verminderten Aktivierung des präfrontalen Cortex oder der verminderten Angsterregung der Amygdala. Das bloße Vorliegen einer Abweichung besagt also erst einmal nichts. Auch wenn diese Abweichung zu delinquentem Verhalten führt, ist damit noch nichts über die Schuldfähigkeit gesagt. Vielmehr bedarf es einer Wertung. Dabei kann Relevanz entfalten, was pathologisch, was normal, was unter Kontrolle zu verstehen ist, wann ein Kontrollverlust vorliegt, etc. Dass Aggressivität und ggf. auch Delinquenz nicht zwingend die Bewertung „abnorm“ oder gar „krank“ nach sich ziehen, belegen schon die berühmten Milgram-Experimente, wonach fast jeder Mensch zu Gewaltverhalten verleitet werden kann, wenn sein Verhalten von außen als richtig bewertet und ihm die Verantwortung abgenommen wird.358 Das hat nichts mit krankhafter oder unnormaler Störung zu tun. „Normale“ Menschen können, wenn soziale Normen es zulassen, gewalttätig werden.359 Kriege beispielsweise können zu extremer Gewalt führen360. Aggressives Verhalten, das sich gegen die eigene Spezies richtet, ist dem Menschen sogar eigen und kann im Krieg zu einem Selektionsvorteil führen.361 Dem Neuropsychologen Thomas Elbert zufolge zeige sich aus Urzeiten, dass ein „Blutrausch“ (Killermodus, Jagdrausch), ähnlich wie er heute noch im Krieg in Erscheinung tritt, Erfolg bei der Jagd bedeute, was wiederum eine Belohnung im Gehirn ausgelöst haben muss. Unter Umständen bereitete Gewalt damit Freude.362 358 Vgl. Jäncke, Z. Neuropsychol. 19 (2008), 41 (44), m.W.N. Die Versuchsteilnehmer müssen aber dazu gedrängt werden und ein Teil bleibt dennoch standfest (J. Bauer, Das koorperative Gen, S. 154). 359 Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (66); vgl. auch H.-L. Kröber, Töten ist menschlich, DIE ZEIT v. 11.10.2012. 360 Vgl. dazu Kröber, Töten ist menschlich, DIE ZEIT v. 11.10.2012. 361 Schiltz/Witzel/Bausch-Hölterhoff/Bogerts, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 14 (2007), 65 (66). 362 Elbert in der Fernseh-Dokumentation auf Arte „Das Böse – Warum Menschen Menschen töten“; ders. im Interview mit Skalli, ZEIT Online v. 18.08.2011, „Du darfst nicht immer töten“, http://www.zeit.de/wissen/2011-08/thomas-elbert-inte rview (Stand: 07.04.2018); Luther, Wie der Krieg Lust aufs Töten macht, ZEIT online v. 21.06.2012, http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-06/syrien-kinder-gew alt-psychologie (Stand: 07.04.2018). IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 161 „Die Bereitschaft zu töten, war damals keine [seltene] psychopathologische Erscheinung“, sondern die Regel.363 Dass wir heute weniger töten, obwohl sich unsere Biologie kaum ver- ändert hat, ist Elbert zufolge eine „kulturelle Errungenschaft“. Das stimmt mit der Aussage von Wolfgang Prinz überein: „Menschen sind aber das, was sie sind, nun einmal nicht nur durch ihre Natur, sondern vor allem auch durch ihre Kultur“364. Zu dieser Errungenschaft zählt auch, dass wir mit Hilfe des Strafrechts den Menschen zum Zwecke eines friedlichen Miteinanders365 zur Verantwortung ziehen – trotz unserer menschlichen Biologie. Die Frage nach der Schuld und Verantwortung ist damit abhängig von unserer kulturellen Wertung. Diese kulturelle Wertung, vermittelt über das Strafrecht, ist selbst wiederum ein Überbauphänomen, dass auf das Verhalten der Rechtsgemeinschaft im gewissen Rahmen zurückwirkt366 – und im besten Fall prosoziales, rechtstreues Verhalten hervorruft. Die hiesigen Ausführungen zur Normalität von Gewalt sollen sie nicht bagatellisieren. Sie zeigen aber, dass die Wertung „krankhaft“ und „unverantwortlich“ nicht einfach vom Hirnbild aus zumachen ist. Es soll dagegen aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass neuronale Strukturen pathologisch zu einer fehlenden bzw. fehlerhaften Kontrolle führen können, die letztlich die Schuldfähigkeit tangieren und aus- 363 Luther, Wie der Krieg Lust aufs Töten macht, ZEIT online v. 21.06.2012, http://w ww.zeit.de/politik/ausland/2012-06/syrien-kinder-gewalt-psychologie (Stand: 07.04.2018). 364 Prinz, G&G 2004/6, 34 (35). 365 Vgl. Schiemann, Unbestimmte Schuldfähigkeitsfeststellungen, S. 152 ff.: Schuld erlangt für das geordnete Zusammenleben eine motivierende und regulierende Funktion. Es gibt Studien, die belegen, dass prosoziales anstatt egoistisches Verhalten sich auf lange Sicht auszahlen. Strafe dient dann dazu, den Menschen zur Kooperation zu motivieren (vgl. für das „tit for tat“-Prinzip („wie du mir, so ich dir“) Axelrod, Die Evolution der Kooperation, S. 124, vgl. für Fairness und Gerechtigkeit Fetchenhauer/Bierhoff, Altruismus aus evolutions-theoretischer Perspektive, ZFSP 35 (2004), 131 (131 ff.); vgl. zum Ganzen Svec, Existiert echter Altruismus?, in: Sociology in Switzerland, http://socio.ch/health/t_bsvec.pdf, S. 1 ff. (Stand: 07.04.2018); S. Klein, Wie kommt das Gute in die Welt, DIE ZEIT v. 22.12.2009). 366 Wegen multifaktorieller Einflussnahmen nicht in einer linearen, monokausalen Weise. Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 162 schließen. Die Entscheidung über Schuldfähigkeit und Schuldunfähigkeit fällt an anderer Stelle – nämlich auf normativer Ebene. Auch ein deterministisches Menschenbild schließt normative Entscheidungen nicht per se aus. Worin genau Kontrolle und damit Verantwortung im Rahmen eines deterministischen Menschenbilds besteht, soll erst an späterer Stelle betrachtet werden.367 Fazit Die Forschungsergebnisse sind kritisch zu betrachten. Es spricht Vieles dafür, dass wir vom Gehirn nicht derart losgelöst sind, wie man glauben mag. Veränderungen im Gehirn können Veränderungen im Verhalten bewirken. Veränderungen in der Umwelt können Veränderungen in unserem Gehirn bewirken. Wir sind eingebettet in Umwelt und Gene und unser Gehirn reagiert darauf. Alles befindet sich in einem vernetzten Wechselspiel. Der Indeterminismus wurde nicht widerlegt, wie auch der Determinismus nicht bewiesen wurde. Nur eine gewisse indizielle Wirkung für den Determinismus lässt sich von den Befunden der Neurowissenschaften ableiten. Roth und Singer gestehen selbst, dass die Hirnforschung „erst begonnen [hat], die Welt der Gefühle zu erforschen“368. „Wir sind auf einer höheren Ebene wieder ganz am Anfang“369. „Ob das alles genauso abläuft, wie ich geschildert habe, bleibt der weiteren Forschung überlassen“370. Auch im berühmten Manifest von elf führenden Neurowissenschaftlern über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung aus dem Jahr 2004 wird formuliert: „Zweifellos wissen wir[…] heute sehr viel mehr über das Gehirn als noch vor zehn Jahren. Zwischen dem Wissen über die obere und untere Organisati- 3. 367 Siehe Kapitel 5 III. 368 Roth, zit. nach Hillenkamp, in: Gestrich/Wabel (Hrsg.), Freier oder unfreier Wille, S. 72 (83). 369 Singer, Ein neues Menschenbild, S. 23. 370 Roth, Fühlen, Denken, Handeln, S. 493. IV. Zusammenfassende kritische Betrachtung 163 onsebene des Gehirns klafft aber nach wie vor eine große Erkenntnislücke. Über die mittlere Ebene – also das Geschehen innerhalb kleinerer und grö- ßerer Zellverbände, das letztlich den Prozessen auf der oberen Ebene [der Ebene, die Funktionen von Hirnarealen, wie dem limbischen System erklärt] zu Grunde liegt – wissen wir noch erschreckend wenig“371. Wie aktuelle Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen und wie es dazu kommt, dass Verhalten als „eigenes“ erlebt wird und wie Aktionen genau geplant werden, „all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen“372. Seitdem – immerhin schon fast 15 Jahre her – sind keine derart neuen Erkenntnisse hinzugekommen, dass mittlerweile der Indeterminismus widerlegt oder der Determinismus bewiesen wäre. Die Neurowissenschaft reiht sich damit als weitere Position nur zur Indizbekräftigung deterministischer Positionen neben die Psychologie, Psychiatrie, Evolutionsbiologie, aber auch Philosophie des Determinismus ein. Sie regt auf Strafrechtsseite an, sich zumindest mit den neuen Erkenntnissen zu altbekannten Delinquenzformen zu befassen und der Frage nachzugehen, ob die ggf. als krankhaft zu bewertenden Anomalien unter §§ 20, 21 StGB fallen. Es wird dabei bleiben, dass dies nur im Wege einer Einzelfallbetrachtung erfolgen kann. Die Gefahr, die von der Hirnforschung ausgeht, besteht in der Suggestivwirkung ihrer Hirnbilder und dem Streben nach Uniformität auf ein menschliches Ideal in der Gesellschaft. Die Dichotomie zwischen gesundem Bürger und krankem Kriminellen ist aufzuheben, denn auch psychisch gesunde, normal sozialisierte und angepasste Personen begehen Straftaten.373 Kriminalität geht durch alle sozialen Schichten hindurch.374 Und selbstverständlich unterscheiden und gleichen sich die Menschen in ihren Gehirnen. Die Klärung, was unter Schuld zu verstehen ist und die Darlegung, dass der überwiegende Teil der heutigen Strafrechtswissenschaft bei der Schuldfrage auf einen Alternativismus abstellt, obwohl das Strafrecht jenen Alternativismus nicht verlangt, wird Aufgabe der nächsten Kapitel sein. 371 Monyer/Rösler/Roth/Scheich/Singer/u.a., G&G 2004/6, 30 (31). 372 Monyer/Rösler/Roth/Scheich/Singer/u.a., G&G 2004/6, 30 (33). 373 Vgl. Dölling, in: FS Roxin II, S. 1901 (1905). 374 Dölling, in: FS Roxin II, S. 1901 (1905). Kapitel 3 Die Neurowissenschaften 164

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Zusammenfassung

In jüngerer Zeit wurde der alte Streit um Freiheit und Verantwortung von einigen Vertretern der Neurowissenschaften wieder aufgegriffen. Behauptet wird u. a., dass aufgrund der neuronalen Determination des Menschen Schuld dem Strafrecht nicht zugrunde gelegt werden dürfe. Die Arbeit legt dar, dass neuere Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften den Determinismus nicht bewiesen haben, sodass weiterhin sowohl Indeterminismus als auch Determinismus in Bezug auf die menschliche Entscheidung möglich bleiben. Ausgehend von dem Ansatz, wonach unter einem Determinismus Freiheit und Verantwortung möglich sind, ist die Behauptung, dass das Strafrecht nicht auf Schuld und Strafe aufbauen dürfe, nicht zwingend. Maßgeblich ist, wie Freiheit, Verantwortung und Schuld begründet werden, also welchen Inhalt sie haben. Die Arbeit ist eine Grundlegung für einen agnostisch-deterministischen Schuldbegriff, der auf normativer Ebene einen Determinismus zugrunde legt und daneben die Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen in den Mittelpunkt stellt.