Content

2 Biografie in:

Uwe Albrecht

Bilder aus dem Tierleben, page 51 - 158

Phillip Leopold Martin (1815-1885) und die Popularisierung der Naturkunde im 19. Jahrhundert

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4039-3, ISBN online: 978-3-8288-6758-1, https://doi.org/10.5771/9783828867581-51

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Biografie Für das Thema dieser Arbeit ist es erforderlich, Philipp Leopold Martins Lebensweg umfassender als bisher geschehen zu skizzieren.1 Der Schwerpunkt liegt hierbei auf seinem beruflichen Werdegang, wobei seine einschlägigen populärwissenschaftlichen Bestrebungen besonders berücksichtigt werden. Die Strukturierung, Analyse und Einordnung der aus der Biografie Martins gewonnen Erkenntnisse erfolgt im Schlusskapitel. Kindheit und Jugend Über die Kindheit und Jugend Philipp Leopold Martins ist in den vorliegenden Quellen wenig zu finden. Aus diesen wenigen Zeugnissen geht hervor, dass Philipp Leopold Martin am 5. November 1815 in der im Jahre 1743 gegründeten „Herrnhuter Kolonie“ Gnadenberg (Godnów) im Kreis Bunzlau (Boles Zaviec) in Niederschlesien – heute Polen – als Sohn des Bäckers Christian Gottlieb Martin und dessen Frau Sophie, geb. Zwick, zur Welt gekommen ist.2 Martins Lebenslauf im Zuge der Bewerbung am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart vom 4. Oktober 1858 ist zu entnehmen, dass sich bei ihm „schon sehr früh […] die Neigung zur Be- 2 2.1 1 Vgl. unter anderem Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 13-44 u. S. 61-89 u. Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 473-480. Koch/Hachmann, Lebenslauf Philipp Leopold Martin (1815-1885), 2013, URL: http://www.bfn.de/fileadmin/MD B/documents/service/Martin_Lebenslauf.pdf. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 31ff. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, vgl. S. 104-108, S. 222ff. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 154ff. Jahn, Ein Pionier der „Museumsdermoplastik“, 1995. Peters, Philipp Leopold Martin, 1957/58. 2 UAH Kirchenbuchabschrift Gnadenberg, Taufregister 1815 (Laut Auskunft des Unitätsarchivs Herrnhut). StAS Sterbeurkunde Philipp Leopold Martin, Nr. 542 (9. März 1885). Koch/Hachmann 2013, Lebenslauf Philipp Leopold Martin (1815-1885) URL: http://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/se rvice/Martin_Lebenslauf.pdf. Noell, Paul Martin (1861-1937), 1987, S. 2. Ziegler, Friedhöfe in Stuttgart Bd. 1, 1987, S. 75. Über den Namen der Mutter Martins gibt es in den Quellen und der Sekundärliteratur unterschiedliche Angaben. Koch und Hachmann sowie Ziegler nennen Zwick als Geburtsname der Mutter. Auch in der Sterbeurkunde aus dem StAS wird Zwick als Geburtsname erwähnt. Noell hingegen gibt den Namen Gericke an und führt als Quelle das „Familienbuch“ an. In der Tat gehörte 1745 zu den ersten Mitgliedern der kleinen Herrnhuter Handwerkerkolonie Gnadenberg ein Fleischer und Bäcker mit Namen Andreas Zwick (1705-1788), dessen Bäckerei bis 1942 in Familienbesitz verblieb und für die Versorgung der Kolonie von großer Bedeutung war. Es wäre daher möglich, dass Martins Vater Christian Gottlieb eine Tochter der Familie Zwick ehelichte und damit in die Bäckerei einheiratete. Leider sind während des Zweiten Weltkrieges die gesamten Akten der Gemeinde Gnadenberg vernichtet worden. Zur Geschichte der Herrnhuter Kolonie Gnadenberg vgl. Kessler-Lehmann, Gnadenberg – eine Herrnhuter Siedlung in Schlesien, 2002, insbesondere S. 60 sowie Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 66. 51 schäftigung mit der Natur […]“ entwickelt hatte.3 So hielt Martin bereits als Knabe in seinem Elternhaus in Gnadenberg und später im nur drei Kilometer entfernten Bunzlau zahlreiche Tiere, darunter Singvögel wie Amseln und Stare sowie Raubvögel, wie „Thurm- und Lerchenfalken“, die er dressierte. Während er den Singvögeln Melodien beibrachte, kamen die Raubvögel auf den Pfiff zu ihrem „Herrchen“ geflogen.4 Die anfängliche – in unterschiedlicher Ausprägung – wohl fast jedem Kind eigene Neugier und Freude an der Natur und der Tierwelt wurde durch den Besuch der Bildungseinrichtungen der von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) im Jahre 1722 begründeten Herrnhuter Brüdergemeine zusätzlich gefördert. Der junge Leopold wuchs in deren Umfeld auf und er erhielt auch seine „erste Bildung in der Herrnhuter „Unterrichtsanstalt“ in Niesky bei Görlitz, wo er zudem „sehr fleißig“ das ebenfalls in Niesky befindliche Naturalienkabinett der Brüdergemeine nutzte.5 Die ihm zugänglichen Berichte der „in alle Welt verstreuten Herrnhuter Missionäre“ hätten bei ihm die „Sehnsucht nach fremden Welttheilen und gefahrvollen Reisen wachgerufen und stets lebendig erhalten“, so dass er sein „Streben schon frühzeitig nach dieser Richtung leitete“.6 Neben dem Naturalienkabinett der Herrnhuter besuchte Martin auch das Museum der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz. Es beherbergte, wie er später bekannte, „für [sein] jugendliches Gemüt wahre Wunderwerke, denen zu Lieb‘ [er] oft den 6 Meilen langen Weg von Bunzlau nach Görlitz zu Fuss hin- und zurückgelegt [habe] um an ihnen [seine] anfänglichen Studien zu machen“.7 Die Sammlung „schön dargestellter Sänger und Vögel der Lausitzer Gegend“ habe, so Martin, ihn „für das später eingeschlagene Fach von früher Jugend an“ bestimmt.8 3 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart. Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 4 Martin/Brehm, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus, 1872, S. 87 f. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 134. 5 UAH. Verzeichnis der Zöglinge der Knaben-Erziehungs-Anstalt der Brüder-Unität zu Niesky zu 1771-1907, NB. I. R. 2. 120. b.) Laut einer Auskunft des Archivs der Brüderunität ist es möglich, dass Martin zuvor die Herrnhuter Knabenanstalt in Gnadenberg besucht hatte. Allerdings sind die Akten und Schülerverzeichnisse aus dieser Zeit nicht erhalten. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart. Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 6 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart. Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 7 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 29. 8 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 29. Die naturforschende Gesellschaft zu Görlitz wurde unter anderem von dem Tuchkaufmann Johann Gottlieb Kretzschmar im Jahre 1811 als „Ornithologische Gesellschaft“ mit der Intention zur Erforschung der Vogelwelt der Oberlausitz gegründet. Die von Martin erwähnte Vogelsammlung des Naturalienkabinetts der Naturforschenden Gesellschaft bestand im Jahre 1819 aus 130 Arten von Land- und 51 Arten von Wasservögeln, vor allem der heimischen Vogelwelt aber auch aus Übersee. So erwarb das Naturalienkabinett 1822 für 100 Taler in- und ausländische Vögel aus Herrnhut, wahrscheinlich Exemplare, die durch Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine dorthin 2 Biografie 52 Abbildung 1: Das Pädagogium und die Knabenanstalt der Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky. Die Herrnhuter Brüdergemeine Martins Besuch der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen der Herrnhuter Brüdergemeine sowie das Studium der Reiseschilderungen Herrnhuter Missionare hatten also einen großen Einfluss auf seine berufliche Orientierung und Laufbahn. Zudem prägten zahlreiche Aspekte der Herrnhuter Weltanschauung und Pädagogik sein späteres Wirken als Naturforscher und „Popularisator“ der Naturkunde. Aus diesem Grunde wird im Folgenden knapp auf die Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeine, ihrer Bildungseinrichtungen, Missionstätigkeit, Pädagogik und Natursicht eingegangen.9 Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine dem Pietismus und der böhmischen Reformation entstammende evangelische Freikirche.10 Sie wurde im Jahre 1722 auf dem 2.1.1 gelangt waren. Zudem gab es zwischen der Naturforschenden Gesellschaft zu Görlitz und dem wenigen Kilometer entfernten Naturalienkabinett der Herrnhuter in Niesky eine lebhafte und fruchtbare Zusammenarbeit. Vgl. Frömelt 1961, Rückblick auf Entstehung und Geschichte der Naturforschenden Gesellschaft, S. 9ff. Krezschmar, Verzeichnis der Vögel, 1827 u. Stolz, Bibliographie der naturwissenschaftlichen Arbeiten aus dem Kreise der Brüdergemeine, 1916, S. 108. 9 Die Angaben zur Herrnhuter Brüdergemeine beschränken sich auf das für das Verständnis von Martins Leben und Werk Notwendige. Für weitergehende Studien vgl. zum Beispiel Meyer, Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine 1700-2000, 2000. Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995. 10 Über die Brüdergemeine hinaus bekannt sind die seit 1731 jährlich herausgegebenen „Losungen“. Dabei handelt es sich um losartig ermittelte Verse aus dem Alten und heute auch dem Neuen Testament für jeden Tag des Jahres. Vgl. URL: http://www.losungen.de (abgerufen am 09.08.2012). 2.1 Kindheit und Jugend 53 Gut Berthelsdorf von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) begründet. Zinzendorf, der von seiner Großmutter Henriette Katharina von Gersdorf (1648-1726) erzogen wurde, wollte zunächst die geistliche Laufbahn einschlagen, gab aber dem Drängen der Großmutter statt dessen ein Jurastudium zu beginnen – der besseren Karriereaussichten wegen – nach.11 Allerdings sah Zinzendorf seine eigentliche Berufung in einem durch die Religion geprägten Leben und der Gründung einer „Hausgemeinde von Jüngern und Jüngerinnen“.12 Nach einer Bildungsreise durch Europa erwarb er von seiner Großmutter das Gut Berthelsdorf, um dort mit seiner Frau Erdmute Dorothea eine dem Christentum verpflichtete „Hausgemeinde“ zu begründen.13 Die nach dem dortigen „Hüteberg“ für das herrschaftliche Vieh „Herrnhut“ genannte „Hausgemeinde“ in der Oberlausitz bot schon bald bedrängten habsburgischen Protestanten, den „Böhmischen und Mährischen Brüdern“, eine neue Heimat.14 Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang am 13. August 1727 unter der Regie von Zinzendorf die Vereinigung der in Herrnhut befindlichen und dorthin geflüchteten Protestanten zu einem „brüderlichen Verein.“15 Herrnhuts Beispiel einer christlichen Gemeinschaft, in der die Leibeigenschaft aufgehoben wurde und Standesunterschiede keine große Rolle mehr spielen sollten, übte eine große Anziehungskraft aus, so dass weitere Auswanderungswellen von Böhmen und Mähren auf das Gut des Grafen folgten.16 Die Aktivitäten Zinzendorfs und seiner Gemeinschaft wurden von der Obrigkeit, vor allem von Seiten des sächsischen Kurfürsten, zunehmend kritisch beobachtet. In Folge dessen wurde Zinzendorf 1736 aus Sachsen ausgewiesen und trat eine Pilgerreise durch Europa an.17 Die Gefahren für seine Brüdergemeine in Sachsen veranlassten Zinzendorf dazu, neben Herrnhut andere Niederlassungen in Ländern zu gründen, die seiner Gemeine wohlwollender gegenüberstanden, wie zum Beispiel in den Niederlanden.18 Missionstätigkeit der Brüdergemeine Die Niederlassungen in Ländern mit kolonialen Besitzungen boten zudem die Möglichkeit einer ausgeweiteten Missionstätigkeit.19 Als „Auslöser“ dieser Missionstätigkeit wird eine persönliche Begegnung Zinzendorfs im Jahr 1731 am dänischen Königshof angenommen.20 Dort habe er einen schwarzen Kammerdiener aus St. Thomas kennengelernt, der ihm von der „Situation der Sklaven auf den westindi- 11 Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 55ff. Zu Francke und den Halleschen Anstalten vgl. Raabe, Die Franckeschen Stiftungen zu Halle an der Saale, 1990. 12 Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 58. 13 Ebd. 14 Ebd., S. 58 f. 15 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 26. Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 60 f. 16 Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 59. 17 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 35. 18 Ebd., S. 35 f. 19 Ebd., S. 36 f. 20 Nippa, Ethnografie und Herrnhuter Mission, 2003, S. 10. 2 Biografie 54 schen Inseln“ berichtet hatte.21 Bereits im Jahre 1732 reisten die ersten Herrnhuter Missionare auf diese „Inseln der Heiden“22 in die Karibik, wie auf die dänische Insel St. Thomas oder 1735 in die holländischen Kolonien „Suriname“ und „Berbice“ auf dem südamerikanischen Kontinent.23 Ihre Missionstätigkeit galt im Vergleich mit den Evangelisationsformen anderer Glaubensgemeinschaften als äußerst zurückhaltend, ihre Missionare waren meist theologisch nicht gebildete Handwerker.24 Sie wussten, allein durch ihr Beispiel und Leben in „brüderlicher“ Gemeinschaft, mit Seelsorge, Toleranz gegenüber den Mitmenschen und ihre Solidarität mit den Sklaven, zu überzeugen.25 Im Rahmen dieser Missionstätigkeit erwarben die Missionare der Herrnhuter auch Kenntnisse über die jeweilige Kultur sowie die Flora und Fauna des Landes.26 Zudem wurden naturkundliche Sammel- und Forschungsreisen unternommen, deren Erträge und Ergebnisse den Grundstock für das Naturalienkabinett der Herrnhuter im Jahre 1757 in Barby und ab 1809 in Niesky, welches später vom jungen Philipp Leopold Martin aufgesucht wurde.27 Bereits im Jahre 1747 erschienen die ersten Berichte der Missions- und Reisetätigkeit im Auftrage der Brüdergemeine.28 Als eines der bedeutendsten Werke zur Darstellung der Missionsgeschichte, welches ausführliche Naturschilderungen und Beschreibungen der Flora und Fauna der Karibik enthielt, gilt Christian Georg Andreas Oldendorps (1721-1787) „Geschichte der Mission evangelischer Brüder auf den Caraibischen Inseln St. Thomas, St. Croix und St. Jan“.29 Mit ziemlicher Sicherheit waren es derartige Berichte und Reisebeschreibungen, die Philipp Leopold Martin als „Zögling“ der Herrnhuter in der dem Naturalienkabinett angegliederten Bibliothek in Niesky studierte.30 21 Ebd. 22 Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 62. 23 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 37. 24 Nippa, Ethnografie und Herrnhuter Mission, 2003, S. 12. Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 70. 25 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 37. 26 Nippa, Ethnografie und Herrnhuter Mission, 2003, S. 15. 27 Dessen Vorbild war das bereits 1698 gegründete Naturalienkabinett August Hermann Franckes in Halle, für das ebenfalls Missionare als Sammler tätig waren. Beyreuther, Einführung in die Geschichte der Mission der evangelischen Brüder, 1995, S. 49. Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 702. Zum Naturalienkabinett Franckes vgl. Müller, Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen, 1998. Müller/Theato, Die Franckeschen Stiftungen mit ihrer Kunst- und Naturalienkammer, 1996. Raabe, Die Franckeschen Stiftungen zu Halle an der Saale, 1990. Storz, Das Naturalien- und Kunstkabinett der Franckeschen Stiftungen, 1962. 28 Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 256. 29 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 64. Kessler, Die evangelische Brüdergemeine, 1975, S. 257. Oldendorp, Geschichte der Mission evangelischer Brüder auf den Caraibischen Inseln St. Thomas, St. Croix und St. Jan, 1777. 30 Zur Bibliothek vgl. Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 702. Die Bibliothek besaß 15.000 Bände, darunter auch Werke über Entdeckungsreisen sowie Missionsberichte. 2.1 Kindheit und Jugend 55 Naturkunde und Natursicht bei der Brüdergemeine Der studierte Theologe Oldendorp – Verfasser des oben genannten Missionsberichts – galt gegenüber den Naturwissenschaften und der Naturgeschichte als besonders aufgeschlossen. Er erhielt in der Akademie der Herrnhuter in Barby – eine Art Universität der Brüdergemeine – seine erste Prägung in dieser Richtung.31 Die naturwissenschaftliche und naturkundliche Allgemeinbildung sowie deren praktische Anwendung besaßen in Akademie einen hohen Stellenwert, allerdings sollte sie auf Geheiß Zinzendorfs stets „in den Dienst der kirchlichen Arbeit der Brüdergemeine“ gestellt werden.32 Als eigentlicher Begründer der brüderischen Naturwissenschaft gilt Friedrich Adam Scholler (1718-1795), der in Jena Theologie, Sprachen und Naturwissenschaften studiert hatte und ab 1754 Lehrer am Seminar der Brüdergemeine in Barby wurde.33 Mit seinen Schülern unternahm Scholler botanische und zoologische Exkursionen.34 Den Grund für die Pflege der Naturwissenschaften und der naturwissenschaftlichen Ausbildung sah Scholler hauptsächlich darin, dass seine Schüler später in „alle Weltteile“ auszögen, um zu missionieren.35 Dabei könnten sie „die herrlichen Werke des Schöpfers […] bewundern“ aber auch Pflanzen und andere Naturkörper zu ökonomischen und medizinischen Zwecken verwenden lernen.36 Die Beschäftigung mit der Natur blieb aber keine rein auf Wissenschaft oder Anwendung begrenzte Tätigkeit; es sollte damit auch die Ehrfurcht vor den in der Natur waltenden Kräften vermittelt werden.37 So wurden beispielsweise auf Frühlings- und Herbstspaziergängen, wie der ehemalige Zögling Hans Wildekinde Jannasch in seinen „Herrnhuter Miniaturen“ berichtet, „Morgenchoräle“ gesungen und ein „Psalm gehört, der das Wunder der göttlichen Schöpfung pries.“38 Für Zinzendorf selbst war die Natur Ausdruck der Harmonie der Fülle der Schöpfung und er vertrat die typisch pietistische Haltung, dass der „Gerechte“ sich auch „seines Viehs“ erbar- 31 Beyreuther, Einführung in die Geschichte der Mission der evangelischen Brüder, 1995, S. 45. Der Herausgeber von Oldendorps Werk „Geschichte der Mission evangelischer Brüder auf den Caraibischen Inseln St. Thomas, St. Croix und St. Jan“, Johann Jakob Bossart (1721-1789), ebenfalls Mitglied der Akademie in Barby, bezeichnete diesen als einen „Liebhaber der Natur“. Beyreuther, Einführung in die Geschichte der Mission der evangelischen Brüder, 1995, S. 55. 32 Uttendörfer, Die Entwicklung der Pflege der Naturwissenschaften in der Brüdergemeine, 1916, S. 96 u. S. 104 f. Vgl. a. Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, in: Unitas Fratrum 55/56, 2005, S. 34. Zinzendorf selbst stand dem herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb kritisch gegenüber, lehnte das Studium „gelehrten Kleinkrams“ ab und forderte stattdessen eine auf Nützlichkeitsaspekte und praktische Anwendung bezogene Ausbildung. Uttendörfer, Die Entwicklung der Pflege der Naturwissenschaften in der Brüdergemeine, 1916, S. 97. 33 Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, in: Unitas Fratrum 55/56, 2005, S. 21. Uttendörfer, Die Entwicklung der Pflege der Naturwissenschaften in der Brüdergemeine, 1916, S. 98. 34 Becker, Die Pflege der Naturwissenschaften in der Herrnhuter Brüdergemeine, in: Unitas Fratrum 55/56, 2005, S. 21. 35 Uttendörfer, Die Entwicklung der Pflege der Naturwissenschaften in der Brüdergemeine, 1916, S. 103. 36 Ebd., S. 103. 37 Ranft, Das pädagogische im Leben und Werk des Grafen Ludwig von Zinzendorf, 1958, S. 73. 38 Jannasch, Herrnhuter Miniaturen, 1953, S. 129 f. 2 Biografie 56 men müsse.39 Das Ziel müsse sein, „Frieden mit allen Kreaturen und zuletzt auch mit den Menschen [zu] kriegen“, denn nur dadurch seien die Menschen endgültig als „Kinder Gottes“ erkennbar.40 Alle „Kinder Gottes“ hätten letztendlich die Aufgabe, die Welt „liebend in das göttliche Leben“ hineinzuziehen.41 Zinzendorf betrachtete die Welt als einen „großen Zusammenklang“, die sich „wie ein Glockenspiel selbst spielt“ und von ihrem Schöpfer auch in ihrer „Harmonie und noblen Gestalt“ gesehen würde.42 Die Naturaliensammlungen der Brüdergemeine Für die Pflege der Naturkunde, die Ausbildung brüderischer Missionare und zur Lobpreisung der Schöpfung beherbergte die Akademie der Herrnhuter in Barby ein Naturalienkabinett. Dessen „Vorbild“ waren die Sammlungen der Franckeschen Anstalten in Halle, die bereits Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf während seiner Ausbildung dort kennengelernt hatte.43 Es wurde um 1760 in einem Nebengebäude der Akademie eingerichtet.44 Die Exponate stammten aus der näheren Umgebung sowie zum Teil aus den Missionsgebieten der Brüdergemeine in Übersee.45 Der Zweck dieser Sammlungen war es, im Rahmen der oben erwähnten naturwissenschaftlichen und geografischen Ausbildung am Theologischen Seminar den Studenten Anschauungsobjekte zur Verfügung stellen zu können. Zudem dienten die Exponate – zum Teil auch ethnografischer Natur – dazu, den zukünftigen Missionaren die Sitten und Gebräuche in den Missionsgebieten nahe zu bringen.46 Aber auch wissenschaftliche Interessen oder dem Besucher die Vielfalt der Schöpfung vor Augen zu führen, waren Beweggründe für den Aufbau und Unterhaltung dieses Naturalienkabinetts.47 Zu Beginn wurde das Naturalienkabinett von dem bereits erwähnten Friedrich Adam Scholler, dem „Vater der Naturwissenschaften“ bei der Brüdergemeine, geleitet.48 Später wurde ihm ein Gehilfe zur Seite gestellt, Johann Jakob Bossart (1721-1789), der in Basel Theologie studiert hatte und seit 1747 als Lehrer an Herrnhuter Seminaren wirkte.49 Bossart führte die von Scholler begründete Tradition der Naturwis- 39 Uttendörfer, Zinzendorfs Weltbetrachtung, 1929, S. 346. 40 Ebd., S. 346 f. 41 Ein Gedanke, der in ähnlicher Form auch bei den pietistischen geprägten Gründern des ersten Tierschutzvereines in Württemberg und Deutschland zu finden ist. Vgl. dazu Jung, Die Anfänge der deutschen Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert, 1997. 42 Uttendörfer, Zinzendorfs Weltbetrachtung, 1929, S. 349. 43 Augustin, Das Naturalienkabinett in Barby, 2005, S. 3. 44 Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 696. 45 Ebd., S. 696 f. 46 Vgl. oben. 47 Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 702. Der Ruf des Naturalienkabinetts der Brüdergemeine drang bis zu Goethe, der im Dezember 1776 das Kabinett besucht hatte. Beyreuther, Einführung in die Geschichte der Mission der evangelischen Brüder, 1995, S. 49. Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 695. Zum Naturalienkabinett in Barby vgl. a. Bossart, Kurze Anweisung Naturalien zu Samlen, 1774. 48 Augustin, Das Naturalienkabinett in Barby, 2005, S. 4 f. 49 Ebd., S. 6 f. 2.1 Kindheit und Jugend 57 senschaften bei der Brüdergemeine fort. Unter seiner Leitung nahm die Naturaliensammlung einen außerordentlichen Aufschwung.50 Die durch zahlreiche Missionare aus Übersee vermehrte Sammlung wurde von Bossart nach den neuesten wissenschaftlichen Kenntnissen geordnet und gepflegt. Die Sammlungskataloge legte er nach der Linnéschen Systematik an und er versuchte zudem vorhandene Lücken durch weitere Fundstücke aus den Missionsgebieten der Herrnhuter zu schließen.51 Außerdem publizierte Bossart zahlreiche Werke, zu denen auch die 1777 herausgegebenen Missionsberichte von Christian. Georg Andreas Oldendorp gehörten und eine der ersten Anleitungen zum Präparieren von Naturalien mit dem Titel „Kurze Anweisung Naturalien zu sameln.“52 Das Herrnhuter Naturalienkabinett genoss im ausgehenden 18. Jahrhundert einige Berühmtheit – auch über die Kreise der Brüdergemeine hinaus.53 So wurde es in der einschlägigen Literatur als eines der besten Naturalien- und Kunstkabinette in „Teutschland“ bezeichnet, welches zudem mit zahlreichen Naturforschern in Kontakt stand.54 Bossart starb 1789 und das Naturalienkabinett wurde in den Jahren 1807-1809 nach Niesky verlegt, später dem Pädagogium angegliedert und von vielen Schülern und Absolventen – auch der theologischen Seminare – besucht, so auch von Philipp Leopold Martin.55 Laut Stolz beherbergte es während des 19. Jahrhunderts die folgenden Sammlungen und Exponate: Eine Mineraliensammlung, eine Konchyliensammlung, Skelette oder Präparate großer Säugetiere, eine Schädelsammlung, „Vertreter der Vogelwelt aller Erdteile“, die „deutsche Avifauna“, Reptilien, Amphibien und Fische, ja selbst eine ethnografische Sammlung und eine Münzsammlung.56 50 Ebd., S. 7. 51 Ebd., S. 9. 52 Oldendorp, Geschichte der Mission evangelischer Brüder auf den Caraibischen Inseln St. Thomas, St. Croix und St. Jan, 1777. Bossart, Kurze Anweisung Naturalien zu sameln, 1774. Auch wenn dieses Werk von Martin nicht explizit erwähnt wurde, so ist es dennoch sehr wahrscheinlich, dass er es studiert hatte. In diesem zur damaligen Zeit sehr fortschrittlichen Lehrbuch behandelte Bossart auch später von Martin aufgegriffene Fragen: Wie konserviert man Naturalien am besten, wie stellt man Präparate der verschiedensten Naturalien her und auf welche Weise können Naturalien in den klimatisch extremen Missionsgebieten am besten erhalten werden. Der Herrnhuter Historiker Augustin nimmt an, dass diese Anweisung allen ausgesandten Missionaren an die Hand gegeben wurde. Vgl. Augustin, Das Naturalienkabinett in Barby, 2005, S. 7 f. u. S. 10. Vgl. dazu auch Nippa, Ethnografie und Herrnhuter Mission, 2003, S. 16-17. 53 Augustin, Das Naturalienkabinett in Barby, 2005, S. 12. 54 Augustin, Das Naturalienkabinett in Barby, 2005, S. 13. Bei der von Augustin erwähnten Publikation handelt es sich um Hirsching, Nachrichten von sehenwürdigen Gemälde und- Kupferstichsammlungen in Teutschland, Bd. 1, 1786, S. 102 f. 55 Augustin, Das Naturalienkabinett in Barby, 2005, S. 15. Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 704. Stolz, Bibliographie der naturwissenschaftlichen Arbeiten aus dem Kreise der Brüdergemeine, 1916, S. 108. 56 Stolz, Bibliographie der naturwissenschaftlichen Arbeiten aus dem Kreise der Brüdergemeine, 1916, S. 108 f. Die Sammlungen wurden im Jahre 1937 aus Platzmangel verpackt und in verschiedenen Gebäuden der Brüdergemeine in Niesky untergebracht. Dort blieben sie bis zu ihrer Zerstörung im Frühjahr 1945. Nach Auskunft des Unitätsarchivs Herrnhut hat ausschließlich die Mineraliensammlung die Kriegs- und Nachkriegswirren überstanden. Vgl. Augustin, Das Naturalienkabinett der Evangelischen Brüder-Unität, 1994, S. 704. 2 Biografie 58 Abbildung 2: Das Naturalienkabinett der Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky Anfang des 19. Jahrhunderts. Herrnhuter Erziehungswesen Neben der brüderischen Naturkunde prägte das Herrnhuter Erziehungswesen und vor allem die damals einzigartige Pädagogik Martins Lebens- und Berufsweg. Das Schul- und Ausbildungssystem der Brüdergemeine bestand zum einen aus den Knaben- oder Mädchenanstalten für Kinder im Alter von drei bis ungefähr dreizehn Jahren, die es in jeder Gemeine der Herrnhuter gab, sowie zum anderen dem Pädagogium – das einem Gymnasium vergleichbar war.57 In der Akademie, einer Art „Universität“, wurde schließlich der theologische, juristische und medizinische Nachwuchs der Brüdergemeine ausgebildet.58 Die Erziehungsanstalten der Brüdergemeine waren Internatsschulen, die bis 1782 generell nur Kinder von Herrnhutern aufnahmen.59 Zunächst stand vornehmlich die religiöse Erziehung im Vordergrund.60 Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich das Pädagogium der Brüdergemeine in Niesky – unter dem Eindruck der Öffnung der Herrnhuter Erziehungsanstalten für „nichtbrüderische" Kinder – zu einer Art humanistischem Gymnasium, in dem nun 57 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 74ff. u. S. 77. 58 Erbe, Erziehung und Schulen der Brüdergemeine, 1975, S. 315ff. u. S. 319 f. Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 74ff. 59 Rublack, Erziehung und Schulwesen, 1967, S. 151. Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 76 f. Erbe, Erziehung und Schulen der Brüdergemeine, 1975, S. 327. 60 Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, 1995, S. 75. 2.1 Kindheit und Jugend 59 auch Naturwissenschaften, Literatur und Philosophie unterrichtet wurden.61 Den Biografien berühmter ehemaliger Zöglinge der Herrnhuter, wie zum Beispiel von Friedrich Schleiermacher (1768-1834) oder Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913), ist zu entnehmen, dass die Schulen der Brüdergemeine, insbesondere das Pädagogium in Niesky, aufgeschlossen für die Strömungen ihrer Zeit waren und als Bildungsstätten „christlich-humanistischen Geistes“ die „Hingabe an die Wissenschaften“ und auch die Ehrfurcht vor der Schöpfung zu vermitteln wussten.62 Das herausragende Merkmal des Erziehungswesens der Brüdergemeine“ war die von Zinzendorf und seinen Nachfolgern entwickelte Herrnhuter Pädagogik. Natürlich wurden seine, von ihm selbst nie in einem Lehrbuch festgehaltenen, pädagogischen Grundsätze im Laufe der Zeit ergänzt und den neuen Erfordernissen angepasst.63 Aber noch heute gilt Zinzendorf als der „Entdecker der Kindlichkeit“ und sein Hauptverdienst war es, den Blick auf den Eigenwert des Kindes zu lenken.64 Des Weiteren ist in diesem Zusammenhang die Herrnhuter Kritik der einseitig rationalen „Buchgelehrsamkeit“ zu nennen. In der Herrnhuter Pädagogik bekommt der „lebendige Umgang mit Menschen und Dingen“ einen höheren Stellenwert als alle „Vielwisserei“.65 Die Welt solle, laut Zinzendorf, nicht von der Studierstube aus betrachtet, sondern durch lebendigen Umgang und Anschauung mit dem Herzen erfahren werden.66 Durch „Umgang“ und „Anschauung“ wäre es möglich, nicht nur alle notwendigen Fertigkeiten auszubilden, sondern die Welt im Gegensatz zur rein theoretischen Bildung in „ihrer inneren Ordnung zu erfahren.“67 Durch die Einbeziehung von Sinnen, Gefühl und Verstand werde demnach eine „ganzheitliche Begegnung mit den Dingen möglich“, die einen weit höheren Bildungswert habe als rein verstandesmäßiges Lernen.68 Das Ideal eines Gelehrten im Sinne Zinzendorfscher Pädagogik sei daher „der geniale, die Hauptsache mit intuitiver Sicherheit und Leichtigkeit erfassende Geist, der seinen geistigen Besitz souverän beherrscht, geschmackvoll darstellt und unmittelbar im praktischen Leben verwendet.“69 61 Ebd., S. 77. 62 Ranft, Das pädagogische im Leben und Werk des Grafen Ludwig von Zinzendorf, 1958, S. 73. Vgl. a. Kittel, Alfred Graf Schlieffen, 1939, S. 72 f. 63 Rublack, Erziehung und Schulwesen, 1967, S. 152 f. 64 Ranft, Das pädagogische im Leben und Werk des Grafen Ludwig von Zinzendorf, 1958, S. 20. u. S. 33ff. 65 Ebd., S. 14. 66 Ebd., S. 14. 67 Ebd., S. 47. 68 Ebd., S. 48. 69 Uttendörfer, Zinzendorf und die Jugend, 1923, S. 56 f. Hervorhebung durch den Autor. 2 Biografie 60 „Anfängliche Neigungen“ Der junge Philipp Leopold Martin besuchte die Unitäts-Knabenanstalt in Niesky von 1824-1827.70 Ein Wechsel auf eine weiterführende Schule, das Pädagogium der Brüdergemeine, wurde von seinen Eltern offenbar nicht in Betracht gezogen, da der junge Philipp Leopold nach Vorstellung seiner Eltern Handwerker werden sollte.71 Nachdem Martin die Unitäts-Knabenanstalt verlassen hatte, ging sein „Streben“ in eine „andere Richtung“. Zuerst hatte er sich zum „Schulfach bestimmt […]72, dann aber, durch überringende Neigung für die practische Beschäftigung mit den Naturkörpern“, entschlossen Präparator und Sammler zu werden.73 Mit „spärlichen Hilfsmitteln“74 ausgestattet, begann er „mit dem 13. Jahr“ damit, „auf eigene Faust, nach Naumanns Taxidermie […] Vögel auszustopfen, Insekten zu präpariren“ und bald hatte er eine „ziemliche Sammlung beisammen“.75 Er wollte ihnen „nach ihrem irdischen Leben das taxidermische […] geben,“ das aber „anfänglich oft noch sehr wunderbar von dem physischen Leben abstach.“76 Dennoch strebte Martin bereits damals danach, „die eigene Beobachtung in der Natur nach Möglichkeit auszuführen“ und sie in allen Dingen als alleinigen Lehrmeister“ zu betrachten – eine Maxime, die auch in Zukunft sein ganzen Schaffen und Wirken bestimmen sollte.77 „Aus dem Quell unmittelbarer Beobachtung schöpfend“ und durch „gewissenhaftes Selbststudium naturgeschichtlicher Werke“ suchte er die „mangelnde akademische Bildung“ zu ersetzen.78 Sein Talent als Präparator und seine künstlerische Begabung muss schon zur Jugendzeit im Umfeld seines Elternhauses bekannt gewesen sein. Denn laut einer von Martin im „Zoologischen Garten“ geschilderten Anekdote aus seinen Jugendjahren habe er einmal einen Sperber präpariert, der einem Nachbarn die Fenster- 2.2 70 Nach Auskunft des Unitätsarchivs Herrnhut. UAH Verzeichnis der Zöglinge der Knaben-Erziehungs- Anstalt der Brüder-Unität zu Niesky zu 1771-1907, NB. I. R. 2. 120. b.). 71 Dies geht ebenfalls aus der Auskunft des Unitätsarchiv Herrnhut hervor. Es ist möglich, dass Martin bereits in seinem Geburtsort Gnadenberg die dortige Knabenanstalt besucht hatte. Denn die übliche Schulzeit in der Knabenanstalt betrug insgesamt sechs bis sieben Jahre. Laut Unitätsarchiv Herrnhut sind die Schülerverzeichnisse dieser Anstalt nicht mehr vollständig, so dass diese Annahme nicht verifiziert werden konnte. Vgl. a. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten A. P. L. Martin 1858-1874 A, Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 72 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, Bl. 132. 73 Ebd. 74 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. V. Das Vorwort der dritten Auflage der Taxidermie haben seine Söhne Paul und Leopold Martin verfasst. 75 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. V. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. Mit Naumann meinte Martin Johann Friedrich Naumann (1780-1857). Er prägte die wissenschaftliche Ornithologie im 19. Jahrhundert. 76 Martin, Zur Naturgeschichte des Sperbers, 1879, S. 95. 77 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 78 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. V. 2.2 „Anfängliche Neigungen“ 61 scheibe durchbrochen hatte und sich dabei so schwer verletzte, dass er „todt zu Boden fiel“. Der Sperber wurde als „sichtbares Andenken an jenen Schreck“ von Martin „ausgestopft“ und „über dem Fenster aufgehängt.“79 Auf Grund seiner Herrnhuter Erziehung und der frühen Beschäftigung mit der Tierpräparation erscheint es in der Tat nicht verwunderlich, dass sich Martins Neigungen zur „Beschäftigung mit der Natur“ nicht mit dem von seinen Eltern vorgezeichneten Weg als Handwerker deckten.80 „Nach und nach“ gelang es dem jungen Philipp Leopold Martin vorwiegend seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Präparieren von Naturalien, nachgehen zu können.81 Dieser Umstand brachte es aber auch mit sich, dass er schon „sehr früh sein Leben mit der Naturalienpräparation fristen“ musste.82 „Privat-Konservator“ in Bunzlau Als nächstes gesichertes Datum in Martins Biografie ist die Heirat mit seiner ersten Frau Ida, geborene Grubert zu nennen, die er im Jahre 1840 im oberschlesischen Bunzlau ehelichte.83 Von 1840-1848 wirkte er schließlich unter der Berufsbezeichnung „Privatkonservator“ als Präparator und Naturalienhändler in Bunzlau – allerdings mit geringem wirtschaftlichen Erfolg.84 Von Bunzlau aus wandte er sich 1841 das erste Mal an den Direktor des Zoologischen Museums der Friedrich Wilhelm Universität Martin Hinrich Lichtenstein (1780-1857).85 Über den Inhalt dieses Briefes ist nur wenig bekannt.86 Einem Antwortschreiben Martins an Lichtenstein 2.3 79 Martin, Zur Naturgeschichte des Sperbers, 1879, S. 95. 80 Auch wenn Martin die Knabenanstalt nur für relativ kurze Zeit besucht hatte, war die Herrnhuter Erziehung prägend für sein zukünftiges Leben. Viele Zöglinge der Herrnhuter Unterrichtsanstalten fühlten sich zeit ihres Lebens als Herrnhuter. Vgl. Ranft, Das pädagogische im Leben und Werk des Grafen Ludwig von Zinzendorf, 1958, S. 73. Im letzten Teil dieser Arbeit wird eingehender erläutert, in welcher Weise Martins Herrnhuter Herkunft und Erziehung maßgeblichen Einfluss auf seinen späteren Lebensweg und Berufsweg hatte. 81 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. Eine förmliche Ausbildung zum zoologischen Präparator gab es damals nicht. 82 Ebd. 83 Philipp Leopold Martin war zweimal verheiratet. Seine erste Frau Ida, geb. Grubert starb laut Ilse Jahn im Herbst 1849 während seiner Sammel- und Forschungsreise in Venezuela. Vgl. Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995, S. 55 u. Jahn, Philipp Leopold Martin (1815-1885), 1989, S. 4. Im September 1852 heiratete Martin in Bunzlau Charlotte Amalie Valeska Beck. Mit ihr hatte er zwei Söhne, der 1854 in Berlin zur Welt gekommene Leopold und der 1861 in Stuttgart geborene Paul. Noell, Paul Martin, 1987, S. 7. 84 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 40. Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995, S. 54. Mit der Bezeichnung „Privatkonservator“ erregte er Missfallen bei studierten Konservatoren. Vgl. Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995. Zu Martin vgl. Abb. 10, S. 81. 85 Zu Lichtenstein vgl. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010 u. Frädrich/Klös, Die Arche Noah an der Spree, 1994, S. 27 f. Zu Lichtenstein vgl. Abb. 3, S. 64. 86 In den Akten der Historischen Schrift- und Bildgutsammlungen des Museums für Naturkunde in Berlin über Martin war dieser und möglicherweise weitere Briefe bis zum Jahre 1848 jedoch nicht zu finden. Lichtenstein bezieht sich allerdings in einem späteren Schreiben auf den erwähnten ersten 2 Biografie 62 vom 16. Juli 1848 zufolge soll ihm vage in Aussicht gestellt worden sein, in irgendeiner Weise am Berliner zoologischen Museum oder in dessen Auftrag tätig werden zu können.87 Martin bemerkte, er habe aus „Euer Hochwohlgeboren Munde […] so bedeutungsvolle Worte vernommen“, dass er seine zukünftigen Planungen nun doch noch nicht vollendete, obwohl er sich „nichts sehnlicher wünsche, als eine baldige Veränderung meiner jetzigen Lage.“88 Um sich seiner dauernden Existenzsorgen entledigen zu können, sandte Martin am 16. Juli 1848 Lichtenstein „einige Belege zu meiner Beurtheilung“ – wohl in der Hoffnung eine Stelle als Präparator oder zumindest Präparationsaufträge des Museums zu erhalten.89 Zu diesen „Proben seiner Arbeit“ gehörten nicht nur eine „Fuchs- und Eulengruppe“, mit der er Lichtenstein seine Ansichten über „Bilder aus dem Thierleben“90 näher „zu versinnlichen“ trachtete, sondern auch „Bruchstücke“ aus seinem Tagebuch, in dem er bereits damals seine „theoretischen Ansichten“ notiert hatte.91 Hierbei handelte es sich unter anderem um Überlegungen bei der Anwendung von Konserviermittel wie „Arsenik“ und die Verwendung von Glasaugen in der Taxidermie.92 Er denke zudem daran, wie er Lichtenstein weiter schreibt, zu einem späteren Zeitpunkt unter besseren Verhältnissen ein Werk zur praktischen Naturgeschichte zu veröffentlichen, in dem auch seine „Erfahrungen in Thierwartung- und Zähmung, sowie eine „ausführliche Abhandlung über das wissenschaftlich genaue Sammeln und Beobachten enthalten sei.93 In den „jetzigen bewegten Zeiten“ – die ja bekanntlich von der bürgerlichen Revolution von 1848/49 geprägt wurden – würde es allerdings „vergebliche Mühe sein [an] die Veröffentlichung eines derartigen Werkes zu denken.94 Erst über zwanzig Jahre später erschien schließlich der erste Band dieses Werks mit dem Titel „Taxidermie“.95 Trotz all seiner Bemühungen wurde aus einer Anstellung am Berliner zoologischen Museum zunächst jedoch nichts. In einem weiteren Brief an Lichtenstein vom 26. Juli 1848 klagte Martin schließlich sein Leid über die ihm ausweglos erscheinende Situation: „Ich bin jetzt 32 Jahre u. fast 8 Jahre schon Privat-Konservator und habe es in dieser Zeit bei aller möglichen Einschränkung noch nicht dahin bringen können mir auch nur etwas zu erübrigen, in Gegentheil habe ich fortwährend zugesetzt […]. Die Aussicht für die Zukunft ist traurig. […] „Könnte mir je in meinem Leben der Wunsch zur Wahrheit werden, mich ungestört der Naturkunde widmen zu können, so würde ich jedenfalls mehr als Mit- Brief Martins. MfN d. HUB, Historische Bild- und Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, Bl. 133. 87 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 1. 88 Ebd. Martin plante mit seinem Freund Ferdinand Appun in Bunzlau eine naturhistorische Reise nach Südamerika um seiner beruflichen Misere ein Ende zu bereiten. 89 Ebd. 90 Vom Autor hervorgehoben. 91 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 1 a. 92 Ebd., 2. 93 Ebd., 2. 94 Ebd., 2. 95 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. 2.3 „Privat-Konservator“ in Bunzlau 63 telmäßiges zu leisten im Stande sein, so aber hemmt die Sorge um die liebe Existenz meine Bestrebungen nur allzusehr.“96 Er wünsche sich, so Martin weiter „täglichen Eintritt in ein Museum als das Berliner“ zu bekommen sowie „freie Benutzung einer Bibliothek“. Welchen „Grad von Bildung“ könne er sich dabei aneignen, schlussfolgert Martin dann mit einer rhetorischen Frage.97 Er habe schon oft daran gedacht, „Bunzlau mit Berlin zu vertauschen“, denn ein Fortkommen sei dort eher möglich als in seiner Heimat.98 Bezüglich einer Anstellung am Berliner Museum konnte Lichtenstein ihm zu diesem Zeitpunkt allerdings keine Hoffnungen machen, aber was Martins anderes Projekt einer naturhistorischen Sammelreise nach Südamerika betraf, so durfte er mit Unterstützung Lichtensteins rechnen. Nachdem Martin bereits in dem oben zitierten Brief an Lichtenstein vom 16. Juli 1848 seine Planungen eine „naturhistorische“ Reise nach Südamerika in Angriff nehmen zu wollen erwähnt hatte, nahm diese Idee im Spätsommer 1848 Gestalt an. Abbildung 3: Martin Hinrich Lichtenstein (1780-1857). Martins und Appuns „amerikanische Reise“ In zwei Briefen wandten sich Philipp Leopold Martin sowie der Botaniker und Landschaftsmaler Karl Ferdinand Appun (1820-1872), der ebenfalls aus dem schlesischen Bunzlau stammende Sohn eines Buchhändlers, der „privatim“ Botanik studiert hatte, im Spätsommer 1848 an Lichtenstein. Er möge sich, so Appun in seinem Schreiben, wohl noch daran erinnern, dass er bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin von seiner geplanten „naturwissenschaftlichen Reise […] in Begleitung des 2.4 96 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 3. 97 Ebd., 3. 98 Ebd., 3. 2 Biografie 64 hiesigen Conservators Martin nach Südamerika“ berichtet habe.99 Da in dieser „fürwahr bewegten Zeit […] dergleiche Unternehmen mit der nöthigen Unterstützung von Seiten des Staates“ nicht rechnen könnten, habe er beschlossen „die Sache auf dem Wege der Actienzeichnung auszuführen.“ Sowohl „Herr Martin als auch ich“ würden „mit allem Fleiß und aller Liebe“ ihren „Verpflichtungen nachkommen und die größten Anstrengungen und Mühen nicht scheuen.“100 Er bitte deshalb „Euer Hochwohlgeboren“ dieses Unternehmen durch eine „Empfehlung“ zu unterstützen.101 Martin wiederum bemerkte in dessen Brief vom 26. August, er habe sich nun endgültig dazu entschlossen „diesen Herbst […] auf eigene Kosten“ die geplante Reise nach Südamerika anzutreten. „Die Motive zu diesem schnellen Schritt, sind in der jetzigen so überaus schlechten Zeit zu suchen, denn ich stehe schon lange ohne alle Aussicht für die Zukunft da.“ Deshalb bleibe ihm, so Martin weiter, nichts mehr übrig als auf diese Weise dem „langsamem aber unausbleiblichen Elend zu entgehen.“102 Er wage daher besser dieses „gefahrvolle Ringen mit den rohen Kräften der Natur“ und lasse sich lieber durch diese „bezwingen“ als „hier dem elenden Verhängnis so vieler Leiden anheimzufallen.103 Es sei „freilich bitter, so schnell […] Hab und Gut, Freunde und Vaterland zu verlassen“, aber „man bedarf meiner nicht mehr, man findet größeren Genuß in dem Getümmel maßloser Leidenschaften als in dem Umgang mit der Natur“ schreibt Martin verbittert an Lichtenstein.104 Weiterhin teilte Martin mit, sie hätten vor „Anfang Oktober von hier abzureisen“ aber zuvor wollten sie noch das „nöthige Publikandum“ mit einer Empfehlung Lichtensteins veröffentlichen.105 Dessen Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Lichtenstein mag zwar auch durch die emotionale Schilderung Martins über seine unsichere wirtschaftliche und berufliche Situation dazu bewogen worden sein, ihm wenigstens auf diese Weise weiter zu helfen, aber er dachte dabei natürlich auch an das Wohl seines Museums. Es war durchaus üblich, dass junge Wissenschaftler und Forscher im Auftrag naturhistorischer Museen in die Fremde geschickt wurden, um Naturalien zu sammeln. Als Gegenleistung konnte der Sammler und Forscher nicht nur mit Ruhm, vielerlei Erfahrungen sowie neuen Erkenntnissen rechnen, es bestand auch die Möglichkeit, sich durch den Erlös eine Existenz aufzubauen oder am Museum angestellt zu werden – Hoffnungen, die sich für Martin allerdings erst viele Jahre später erfüllen sollten.106 Die Reise selbst rückte bald in greifbare Nähe. Bereits einige Tage später hielt Martin die ersehnte „Empfehlung“ Lichtensteins in Händen.107 Mit dieser „Empfehlung“ suchten Martin und Appun nun um weitere Unterstützung nach, die bislang ver- 99 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 5. 100 Ebd., 5 f. 101 Ebd., 5 f. 102 Ebd., 8 a. 103 Ebd., 8 a. 104 Ebd., 8 a. Wahrscheinlich bezieht sich Martin hier auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse während der bürgerlichen Revolution von 1848/49. 105 Ebd., 8 a. 106 Zur Bedeutung von Sammelreisen für die Karriere vgl. auch Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 172ff. 107 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 10. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 65 schlossene Türen öffnen sollte. „Bald nach dem Empfang ihres Gütigen Schreibens hatte sich Gelegenheit gefunden,“ so Martin in seinem Dankesbrief an Lichtenstein vom 23. September 1848, „Herrn Alexander von Humboldt mit unserem Unternehmen bekannt zu machen.“108 Der „gütigen Empfehlung“ Lichtensteins sei es zu verdanken gewesen, dass „Herr von Humboldt sich so theilnehmend an derselben bethätigt hat.“109 Abbildung 4: Alexander von Humboldt (1769-1859). Alexander von Humboldt als Vorbild und Förderer junger Forscher Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt galt unter jungen Naturforschern und wagemutigen Forschungsreisenden als erste Adresse, wenn es darum ging, ideelle, fachliche aber auch finanzielle Unterstützung für ihr Reisevorhaben zu gewinnen.110 Durch seine Vermittlung und sein Vorbild angeregt – zum Teil auch in dessen Auftrag – konnten während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von Forschern und Künstlern in die neue Welt reisen, so auch nach Venezuela und Guyana, den Reisezielen Martins und Appuns.111 Neben unzähligen weitgehend unbekannten Forschern begaben sich mit Unterstützung Humboldts im Jahre 1842 beispielsweise auch der berühmte Landschafts- und Tropenmaler Ferdinand Bellermann (1814-1889) nach Venezuela und in den 1834-1839 sowie 1840-1844 die Ge- 2.4.1 108 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 10 a. Lichtenstein war mit Alexander von Humboldt bereits seit Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts befreundet. Vgl. Frädrich/Klös, Die Arche Noah an der Spree, 1994, S. 28 109 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 10 a. Lichtenstein war dessen Berater in zoologischen Fragen. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 121. 110 Krätz, Alexander von Humboldt, 2000, S. 179-186. 111 Ebd. u. Pfüller/Jahn/Lübcke, Traditionen des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität, 1980, S. 183-192. Löschner, Deutsche Künstler in Lateinamerika, 1978. 2 Biografie 66 brüder Richard (1811-1891) und Robert Schomburgk (1804-1865) nach Britisch- Guyana, um dort die Landvermessung Humboldts, diesmal im Auftrage der Britischen Krone, fortzusetzen.112 Während Bellermann, ermuntert durch Humboldt und angeregt durch dessen Naturbeschreibungen, zahlreiche Tropenlandschaften und Pflanzenstudien schuf, betätigten sich die Schomburgks neben ihren Grenzvermessungen auch als Naturaliensammler für das Berliner zoologische Museum.113 Sie alle brachten nicht nur zahlreiche Erfahrungen und Eindrücke mit zurück in die Heimat, sondern sie belieferten auch Museen und Sammlungen mit zahllosen Naturalien.114 Ganze Generationen von Forschern überließen dem Berliner zoologischen Museum einen Großteil ihrer Naturalien, von denen viele bis heute noch nicht erschlossen sind.115 Martin und Appun waren also nicht die ersten wagemutigen und wissbegierigen Forschungsreisenden – viele von ihnen mit einem Empfehlungsschreiben Humboldts in der Tasche – die neben anderem alles daran setzten, Sammlungsgegenstände, Zeichnungen und sogar Daguerreotypien in die Heimat zurück zu senden. Humboldt ermutigte in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die ihn um Unterstützung bittenden jungen Naturforscher, sich der Daguerreotypie anzunehmen.116 Er erkannte schon sehr früh, welches Potenzial für Wissenschaft und Kunst in diesem Vorläufer der Fotografie steckte.117 Die Bilder besäßen seinen „unnachahmlichen Naturcharakter“, den die Natur nur selbst „hat aufdrücken können.“118 Er betonte weiterhin ihren Wert für die Dokumentation wissenschaftlicher Reisen und ihr Potenzial zur Darstellung tropischer Landschaften, welches ihm im Zusammenhang mit der Landschaftsmalerei immer ein besonderes Anliegen war.119 Dass ihre praktische Ausübung – im tropischen Klima fernab der Heimat – aber alles andere als ein einfaches Unterfangen war, mussten schließlich auch Martin und Appun auf ihrer Forschungsreise feststellen.120 112 Weißgärber, Ferdinand Bellermann, 1987. Pfüller/Jahn/Lübcke, Traditionen des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität, 1980, S. 183-192. Löschner, Deutsche Künstler in Lateinamerika, 1978. Scurla, Im Lande der Kariben, 1964. 113 Weißgärber, Ferdinand Bellermann, 1987, S. 11. Pfüller/Jahn/Lübcke, Traditionen des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität, 1980, S. 183-192. Scurla, Im Lande der Kariben, 1964. 114 Bellermann, Landschafts- und Vegetations-Bilder aus den Tropen Süd-Amerika's, 1894. Appun, Unter den Tropen, 1871. Vgl. a. Schomburgk, Robert Hermann Schomburgk's Reisen in Guiana und am Orinoko, 1835/1839. 115 Pfüller/Jahn/Lübcke, Traditionen des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität, 1980, S. 183-192. 116 Krätz, Alexander von Humboldt, 2000, S. 181ff. 117 Beck, Alexander von Humboldt (1769-1859). Förderer der frühen Photographie, 1989, S. 41. 118 Alexander von Humboldt in einem Brief an Herzogin Friederike von Anhalt-Dessau (1796-1850) vom 7. Februar 1839, Zitiert nach Beck, Alexander von Humboldt (1769-1859). Förderer der frühen Photographie, 1989, S. 41. 119 Beck, Alexander von Humboldt (1769-1859). Förderer der frühen Photographie, 1989, S. 46 f. 120 Martin hatte sich schon früher mit der Daguerreotypie beschäftigt, als einer der „ersten Jünger“ er sich bezeichnete. Vgl. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 67 Das „Publikandum“ Im September 1848 erschien schließlich der Aufruf zur Unterstützung der naturhistorischen Reise Martins und Appuns nach Südamerika: „Unterzeichnete haben beschlossen, eine naturwissenschaftliche Reise nach Süd-Amerika, Neu-Granada, Ecuador, Peru und Bolivia zu unternehmen. Diese Reise soll, um mehreren Naturfreunden Gelegenheit zu geben, sich an der Ausbeute derselben betheiligen zu können, auf dem Wege der Actienzeichnung ausgeführt werden […]. Der alleinige Zweck unserer Reise ist ein möglichst genaues Forschen und Sammeln aller, in jenen Gegenden vorkommenden organischen Naturkörper und werden wir es uns ganz besonders angelegen sein lassen, über viele, bisher noch schwankenden Ansichten im Bereiche der Naturwissenschaft, die nöthige Aufklärung zu erlangen, um wo möglich manches Dunkel zu lösen, was bis jetzt noch über dem grössten Theile jener Gegenden in Bezug auf Zoologie und Botanik schwebt; […]. Damit ein in allen Beziehungen genaues Beobachten und ersprießliches Sammeln erzielt wird, haben wir dahin entschieden, uns in die Fächer, denen wir durch jahrelanges Studium und praktischen Erfahrung am meisten gewachsen, zu theilen, so daß demnach L. Martin das Sammeln, Präpariren, etc. der Wirbelthiere, C. Appun das der Glieder- und Bauchthiere, wie auch das Fach der Botanik übernehmen. Zudem würde Carl Ferdinand Appun, der sich „seit 14 Jahren der Landschaftsmalerei gewidmet, getreue Scizzen interessanter Pflanzengruppen entwerfen und dadurch einen gewiss nicht unwichtigen Beitrag zu Pflanzenpyhsiognomik jener Länder liefern; L. Martin dagegen, durch jahrelange Praxis in der Daguerrotypie geübt, sich angelegen sein lassen, Landschaften, namentlich aber Portraits und Gruppen von Indianern, etc. durch das Daguerrotyp aufzunehmen“.121 Der Finanzierungsplan war folgender: Es wurden Aktien zu einem Betrag von jeweils 20 RThlr (preußische Reichstaler) ausgegeben, die bis zum 1. Oktober jeden Jahres eingezahlt werden sollten.122 Die Reise war auf acht Jahre angelegt, deshalb wurde angestrebt, dass Aktienzeichnungen für einen möglichst langen Zeitraum vorgenommen wurden. Alle sorgfältig verpackten zoologischen Gegenstände sollten von den Brüdern Otto (1810-1857) und Richard Schomburgk (1811-1891) sowie Martin Hinrich Lichtenstein „wissenschaftlich bestimmt“ werden, botanische von Johann Friedrich Klotzsch (1805-1860) in Berlin.123 Außerdem war vorgesehen, dass in „dafür geeigneten Journalen“ Berichte über den Verlauf der Reise und die „be- 2.4.2 121 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 38. Das erwähnte „Publikandum“ wurde unter anderem auch in der Zeitschrift Flora veröffentlicht. Vgl. Flora 31, 1848, S. 604-607. 122 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 38. 123 Johann Friedrich Klotzsch (1805-1860) war Arzt, Pharmazeut und Botaniker. Von 1838 bis 1860 leitete er das Herbar der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Richard Schomburgk, (1811-1891) ein gelernter Gärtner, unter anderem tätig in den königlichen Gärten von Sanssouci, bereiste in der Nachfolge Humboldts Südamerika, um dort dessen Forschungen fortzusetzen. Vgl. Pfüller/Jahn/ Lübcke, Traditionen des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität, 1980, S. 187 f. Otto Schomburgk (1810-1857) studierte Theologie und Medizin, kam auf Grund seiner politischen Gesinnung in Konflikt mit dem preußischen Staat und publizierte die Forschungsberichte seiner Brüder. 2 Biografie 68 merkenswerthesten Beobachtungen“ erscheinen sollten.124 Das „Publikandum“ wurde von Martin Hinrich Lichtenstein unterschrieben, der Martin und Appun als „in einer so vollkommenen Weise befähigt und vorbereitet“ für diese Reise bezeichnete, „wie Wenige, welche vor ihnen zu gleichem Zweck das Vaterland verlassen haben.“ Ihre Kenntnisse würden „einen ungewöhnlichen Erfolg ihrer Unternehmung erwarten“ lassen.125 Auch Alexander von Humboldt kam der Bitte um Unterschrift und ideeller Unterstützung nach. Er schließe sich „mit Freude all dem an, was mein Freund, Herr Professor Lichtenstein, in obigem Zeugnis über das Reise-Unternehmen […] gesagt hat. Neben der Bereicherung naturhistorischer Sammlungen wird auch die Darstellung des großartigen Naturcharakters der Gegend und der Vegetationsgestaltungen in der Tropenwelt ein wichtiger und anmuthiger Zweig des Unternehmens sein […].126 Trotz der Unterstützung durch Lichtenstein und Humboldt wurde zunächst keine hinreichende Anzahl von Aktien gezeichnet. In seinem Brief vom 23. September an Lichtenstein erwähnte Martin zwar, dass „wir schon einige recht angenehme Zulieferungen an Betheiligung an unserem Unternehmen erhalten“ hätten, aber er vermute auch, dass „bei jetzigen Zeitverhältnissen“ nur noch wenige nachfolgen würden.127 Deshalb bitte er Lichtenstein um weitere Vermittlung von „Actienkapital.“128 Das „verlorene Paradies“ Im November 1848 machten sich Karl Ferdinand Appun und Philipp Leopold Martin dennoch auf den Weg nach Cuxhaven, dem Ausgangsort ihrer Reise. Die Abfahrt sollte sich um einige Tage verzögern, da wegen des „fortwährend herrschenden Westwindes“ an ein Ablegen nicht zu denken war. Somit blieb das Schiff mit Martin und Appun an Bord „14 Tage auf der Elbe vor Anker“ liegen.129 Erst am 18. Dezember konnten sie „in die See stechen.“130 Die vierundfünfzig Tage lange Reise verlief zunächst ruhig, bis auf wenige stürmische Tage um Weihnachten und Silvester 1848, an denen sie „fast beständig mit dem furchtbarsten Sturme zu kämpfen hat- 2.4.3 124 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 38. Vgl. dazu Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849 u. Appun, Ein Tag in San Estevan, 1849. 125 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 39. 126 Ebd., 39. Neben den Empfehlungen Lichtensteins und Alexander von Humboldts erhielt Martin zudem ein „Führungszeugnis“ seiner Heimatstadt Bunzlau, in dem ihm bescheinigt wurde, dass er sich „während seines hiesigen Aufenthalts stets sehr gut geführt, und niemals zu irgend einer Beschwerde Veranlassung“ gegeben habe. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Führungszeugnis des Magistrates der Stadt Bunzlau vom 8. August 1848. 127 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 11. 128 Ebd. Inwieweit er dieser Bitte entsprechen konnte geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor. 129 Ebd. Zu Martins und Appuns Reise nach Venezuela vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 45. 130 Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849, S. 124. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 69 ten“ und es daher nicht möglich war, die für Alexander von Humboldt anzufertigenden Temperaturbeobachtungen, die in den Monatsberichten über die Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin veröffentlicht werden sollten, vorzunehmen.131 Abbildung 5: In den Verhandlungen der „Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin“ im Jahr 1849 veröffentlichte Messungen Martins und Appuns auf ihrer Überfahrt nach Venezuela. Sie schwebten, so berichten Martin und Appun, „fortwährend in der größten Lebensgefahr.132 Am 5. Januar 1849 passierte das Schiff die Insel Madeira und am 25. Januar die westindischen Inseln.133 In seinen Werken schilderte Martin noch Jahrzehnte später seine Beobachtungen und Empfindungen während der letzten zweibis dreihundert Seemeilen vor den ersten Inseln der neuen Welt:134 131 Ebd., S. 129 f. 132 Ebd., S. 124. 133 Ebd., S. 124 f. 134 Die zoologischen Beobachtungen auf seiner Reise nach Venezuela publizierte Martin zumeist in seinen teilweise erst Jahrzehnte später erschienenen Aufsätzen und Werken. Sie stellen eine wichtige Grundlage für seine spätere literarische und gestalterische Arbeit dar. 2 Biografie 70 „Nach langer Fahrt auf offenem Meere wo nur Haifische […], Delphine, fliegende Fische, Seetang und Physalien die krystallenen Wogen des azurnen tropischen Oceans beleben, macht es einen ganz eigentümlichen Eindruck, die ersten Boten und Kinder eines noch fernen Landes […] am dunkelblauen Himmel umher kreisend zu erblicken. Merkwürdigerweise sind es pelekanartige Vögel, welche in unbeschreiblich schöner Linie die Höhengrenze des organischen Lebens über dem Ozean zu bezeichnen scheinen […].“ „Einen wunderschönen Anblick gewährt es, wenn man, den westindischen Inseln auf 3-200 Seemeilen nahe gekommen die kurze Morgendämmerung benutzt, um die Dinge auf dem Meere und in der Luft zu beobachten“.135 Am 25. Januar passierte das Schiff die Insel Barbados, „an der wir in nicht weiter Entfernung einige Stunden lang dahinsegelten und so zum Erstenmale mit wahrlich unnennbarem Entzücken den herrlichen Anblick einer Tropenlandschaft genossen.“136 „Wir konnten uns nicht satt genug sehen an diesen Herrlichkeiten, und viel zu schnell für unsere Neugierde segelte das Schiff dahin“ so daß bald wieder „umgeben von Himmel und Meer, Zeit genug blieb über das verlorene Paradies“ nachzudenken.137 Dem Festland näherkommend, beobachtete Martin die Vorboten der „befiederten Welt“ wie den Fregattvogel und den Albatros, die in „schiefer Linie einer hinter dem andern zu 10 bis 40 Stück […] in haushohem Abstand vom Wasser ruhig dahinfliegen.“138 Abbildung 6: Vögel der Karibik aus Martins „Illustrirter Naturgeschichte der Tiere“. 135 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 37 f. 136 Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849, S. 125. 137 Ebd. 138 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 40. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 71 Zwei Tage später erreichten sie das Ziel ihrer beschwerlichen Reise. Am Abend des 27. Januars als „der wachhabende Matrose ‚Land’ rief […] eilte alles auf das Verdeck […]“, um den längst ersehnten Anblick der „venezuleanischen Küste von La Guaira zu genießen […]“, die „gleich kleinen dunkelblauen Wölkchen […]“ sich am Horizont abzeichnete.139 Abbildung 7: August. C. Haun, Ansicht von La Guaira nach Ferdinand Bellermann, 1843. Am Morgen des nächsten Tages lag die Küste von Venezuela und die Stadt La Guaira mit ihrem Hafen, „vor unseren Blicken ausgebreitet“ da.140 „Eine schwüle Temperatur empfing uns, und köstliche, vanilleartige Wohlgerüche vom Lande her dufteten uns entgegen.“141 „Das Land, welches auf längere Zeit unsere neue Heimath werden sollte“ erinnerte, so berichteten Martin und Appun am 27. April 1849 schwärmerisch aus Puerto Cabello, gar „an den großartigen Charakter einer Schweitzer-Alpenlandschaft, namentlich dem südlicheren Theil des Vierwaldstätter Sees […] nur daß die herrschende Vegetation und das Colorit beider Gegenden himmelweit von einander verschieden sind!“142 Dass diese, dem „verlorenen Paradies“ so ähnliche, Tropenlandschaft viele Gefahren in sich barg und zur „grünen Hölle“ werden konnte, war Martin zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Als sie „von starkem Seewind getrieben“ am 28. Januar „um 11 Uhr Vormittags 1/2 Meile vor der Stadt die Anker“ warfen, fanden sich als Vorboten einer an Hindernissen reichen und gefahrvollen Reise in der Nähe einige „Kriegsschoner“ und „Kriegsdampfboote“ der „Republik Venezuela, die sämmtlich in den kürzlich gelieferten Treffen bei Maracaybo als Prise aufgebracht 139 Appun, Unter den Tropen, 1871, S. 2. 140 Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849, S. 127. 141 Ebd., S. 127. 142 Ebd., S. 126. 2 Biografie 72 worden waren.“143 Nach der Visite der „Medizinalpolizei“ und der Zollbeamten fuhren sie mit einem Boot auf das Land zu. Wegen zu starker Brandung erreichten Martin und Appun, getragen auf den Schultern „halbnackter, kräftiger brauner Kerls“, zum ersten Mal in ihrem Leben das südamerikanische Festland.144 Die „große Pracht der tropischen Vegetation“ beeindruckte und berührte sie schon bald nach ihrer Ankunft aufs Tiefste, so dass sie sich nicht „satt genug […] an diesen Herrlichkeiten sehen“ konnten.145 „Mit großer Sehnsucht schweiften unsere Blicke nach den hohen Berggipfeln, und nur zu gern hätten wir eine Excursion nach denselben unternommen” berichteten sie an Alexander von Humboldt.146 Ihr Aufenthalt in La Guaira dauerte nur sechs Tage, so dass an längere Ausflüge ins Landesinnere nicht zu denken war. Die Reise führte sie weiter nach Puerto Cabello, wo sie erneut an Land gingen und nun endlich beginnen konnten, „in dieser von der Natur so begünstigten Gegend […] Beobachtungen anzustellen und [ihre] Sammlungen in großem Maße zu vermehren.“147 Schon bald nach ihrer Ankunft wurden die beiden Forschungsreisenden mit den ersten Schwierigkeiten konfrontiert. So berichtete Philipp Leopold Martin, der beauftragt war Daguerreotypien von Landschaften und Eingeborenen anzufertigen, dass die „Feuchtigkeit der Luft“ und die Nässe „alles auf die störendste Weise angreift.“148 Aus diesem Grunde hatten andere Forschungsreisende die wichtigsten Teile ihrer Ausrüstung doppelt mit sich geführt und diese, für ihren Einsatz in den Tropen, in gut verschlossenen und weitgehend wasserdichten Behältern verpacken lassen.149 Ob Martin diesbezüglich nachlässiger war oder sich eine entsprechende tropentaugliche und doppelte Ausrüstung nicht hatte leisten können, geht aus den vorliegenden Quellen leider nicht hervor. Zudem, so Martin weiter, seien „die Wedel der Palmen und die langen, zarten Blätter der Pisange, Pflanzen, die in einem Tropenbilde nicht fehlen sollten, in fortwährender Bewegung“, was für das „Daguerrotypieren“ eine „mißliche Sache“ sei.150 Auch das Reisen an sich sei „mit großen Kosten verbunden,“ so dass sie es vorgezogen hätten, ihre Exkursionen „zu Fuße“ zu machen, „was bei weiterem Vordringen ins Innere“ allerdings unmöglich werde.151 143 Ebd., S. 128. 144 Appun, Unter den Tropen, 1871, S. 7. 145 Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849, S. 128. 146 Ebd. 147 Ebd. 148 Ebd. 149 Moeshart, Daguerreotypien unter der Tropensonne, 1989, S. 461-462. 150 Martin/Appun, Beobachtungen auf ihrer Reise nach Venezuela im December 1848 und Januar 1849, 1849, S. 129. 151 Ebd., S. 129. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 73 Abbildung 8: „Vamypre einen Pisang plündernd“ aus Martins „Illustrirter Naturgeschichte der Tiere“. Der erste Brief Martins an Martin Hinrich Lichtstein, in dem er über seine Erfolge beim Sammeln von Naturalien berichtete, trägt das Datum vom 22. April 1849.152 Erst zu diesem Zeitpunkt sei er „im Stande gewesen […] einiges über unsere Beobachtungen und Sammlungen“ zu berichten.153 Wegen der „schon sehr geschmälerten Mittel u. d. Unbeholfenheit in der spanischen Sprache“ hätten sie sich bereits Anfang Februar „in dem Thale von San Estevan“, in der Nähe von Puerto Cabello, niedergelassen. Das Tal sei von „dichtbewaldeten Bergen umschloßen“ und die Temperatur schwanke „zwischen 18 u. 22 Graden“ (Reaumur), berichtete Martin.154 Er habe sich hauptsächlich auf die Beobachtung und Sammlung von Säugetieren und Amphibien beschränkt, da die Vogelwelt mit der in anderen Gegenden Südamerikas im Großen und Ganzen übereinstimme.155 Zudem glaubte er, dass „neben dem Beobachten auch das Ausstopfen und Malen nach der Natur, bei diesen Thieren sehr erwünscht“ sei.156 Mittlerweile sei es ihm gelungen, für das Berliner Museum, neben zahlreichen anderen Tieren, zwei rote Brüllaffen, einen großen „Leguan von 192 cm Länge“ zu präparieren und zu malen, der wegen seiner Größe „selbst hier Bewunderung“ gefunden hätte.157 Auch eine „interessante Giftschlange“ von 122 cm hätte er 152 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 18 a. 153 Ebd. 154 18-22° Reaumur entsprechen 22,5-27,5° Celsius. 155 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 18. 156 Ebd., 18 a. 157 Ebd., 18 a u. 19 a. 2 Biografie 74 für das Berliner Museum präpariert.158 Zu diesem Zeitpunkt war der Versand der Naturalien in die Heimat mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Bisher hätte sich, so schreibt Martin an Lichtenstein „keine Gelegenheit finden können“, denn die „in Puerto Cabello liegenden Schiffe“ hätten wegen „der hier herrschenden Furcht eines Krieges mit Dänemark“ keine Ladung nach Deutschland aufgenommen.159 Durch die politischen und militärischen Wirren in Europa war der Erfolg der Sammel- und Forschungsreise gefährdet. Martin befürchtete, dass durch die langen Lieferzeiten der in Aussicht gestellten Naturalien, die Aktionäre die Geduld verlieren würden und sie bald „ganz ohne Unterstützung“ da stünden.160 Schon jetzt seien ihre Mittel äußerst knapp: „Obgleich unsere Ansprüche an das Leben sehr gering sind“, sei es ihm mittlerweile doch klar geworden, „daß zu einer Reise als wir sie uns vorgestellt haben, bei den größten Einschränkungen doch eine Summe gehört, die unseren jährlichen Actienbeiträge bedeutend übersteigt.“161 Er bitte aus diesem Grunde Lichtenstein „unsere Angelegenheit […] höheren Orts gütigst vertreten zu wollen“.162 Anfang Mai 1849 war es Martin dann gelungen, mit englischen Schiffen die erwähnten Präparate sowie weitere, wie einen Marder und einen Tukan, nach Europa zu übersenden.163 Und vierzehn Tage später, am 20. Mai, bot sich erneut die Gelegenheit eine Sendung mit dem Schiff „Herzog von Cambridge“ nach Europa aufzugeben, berichtete Martin in einem weiteren Brief an Lichtenstein.164 Zudem würde sich in der Umgebung „gegenwärtig […] ein großer Jaguar“ aufhalten, den er „im Fall er erlegt wird für das Königliche Museum ausstopfen werde.“165 Auch wolle er anfragen, in welcher Weise seine Beobachtungen in der Heimat bekannt gemacht werden sollen, allerdings müsse er wegen der ständigen Geldsorgen darauf bedacht sein, für diese Veröffentlichungen bezahlt zu werden. Denn „in Wahrheit gesagt, ist unsere Existenz hier keine beneidenswerthe und sie würde bitter sein, wenn es nicht unsere eigene Wahl gewesen wäre“ schrieb er am 20. Mai 1849 an Lichtenstein.166 Trotzdem machte Martin während der entbehrungsreichen Monate in den Tropen eine Vielzahl von Forschungen und Beobachtungen, deren Ergebnisse er später veröffentlichte und ver- 158 Ebd. 159 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 20. Erste Handelsverträge und regelmäßige Schiffsverbindungen zwischen den drei Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck mit Venezuela wurden bereits im Jahre 1837 abgeschlossen. Preußen suchte ab 1838 durch Entsendung von Diplomaten nach La Guaira und Puerto Cabello den Vorsprung der drei Hansestädte aufzuholen. Vgl. Walter, Preußen und Venezuela, 1991, S. 24 u. 28 f. Der durch die Intervention der Großmächte England und Russland zwischen Preußen und Dänemark zustande gekommene Waffenstillstand von Malmö am 27. August 1848 hatte den offenen Krieg zwar beendet, der Konflikt schwelte aber weiter. Eine Folge davon war, dass die Schifffahrtsverbindungen zu den Hansestädten unterbrochen waren. Vgl. Mann, Politische Entwicklung Europas und Amerikas 1815-1871, 1960, S. 496 f. 160 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 20. 161 Ebd. 162 Ebd., 20 a. 163 Ebd., 21. Vgl. a. Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 4. 164 Ebd., 29. 165 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 29. 166 Ebd., 29 a. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 75 wertete. So studierte Martin die Lebensweise von Brüllaffen, wie er in seiner „Illustrirten Naturgeschichte der Thiere“ bemerkte: „Ihre kupferbraunen Pelze leuchteten im Lichte der schönen Morgensonne; zwei der eifrigsten Vorsänger saßen mir gegenüber die wie ein paar alte Kater sich ansahen und in allen Tonarten sich anjodelten, wobei durch die lebhafte Bewegung der Stimmkapfeln die langen Bärte höchst sonderbar sich bewegten.“167 Des Weiteren besuchte Martin Fledermaushöhlen im Küstengebirge Venezuelas und beobachtete „Vampyre“ in einem verlassenen Hospital.168 In einem „in mitten einer üppigen tropischen Urwaldnatur“ gelegenen „Haus nach dortiger Bauart“ hielt er in einem abgeschlossenen, nur mit einem vergitterten Fenster versehenen, Kammer Tiere wie Affen, Agutis, Faultiere, Ameisenbären und die sogenannten „Vampyre“ (amerik. Blattnasen), um Verhaltensstudien zu betreiben.169 Mit dem Gewehr bewaffnet ging er sogar auf „Faultierjagd“, freilich nicht um sie zu bejagen, sondern um die Äste durchzuschießen, an denen sie sich festhielten, um die Tiere dann mittels eines „vorgehaltenen Astes“, an den sie sich erschrocken sofort wieder festklammerten, nach Hause zu tragen.170 Als Fazit seiner Beobachtungen der verschiedensten Tiere Venezuelas konstatierte er in seinen späteren, populären Werken, wie dem „Vogelhaus und seine Bewohner,“ dass alle Waldtiere Südamerikas ein „schwermüthig tiefes Seelenleben“ besäßen.171 Weiter schreibt er: „So ziemlich alles was da den Urwald bewohnt, wird, melancholisch von Natur, niedergeschlagen, und geht in kurzer Zeit auch dort zu Grunde, wenn es seinen Gewohnheiten entrückt, in andere Verhältnisse gebracht wird. Ich habe Brüllaffen, Kapuziner, Uistitis, Faulthiere, Pfefferfresser […] Hockohühner172 und vieles Andere dort selbst genugsam besessen […] und bei allen war der Kummer über das verlorene Paradies deutlich vorherrschend.“173 Dies lehre, so Martin weiter, warum die südamerikanischen Tiere „bei uns so bald dahin sterben“ und dass sie daher „angemessener“ verpflegt, versorgt und wohl auch untergebracht werden müssten.174 167 Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882, S. 39. 168 Ebd., S. 93. Vgl. a. Abb. 8, S. 74. 169 Ebd. 170 Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882, S. 404. Vgl. Abb. 9, S. 77. 171 Martin, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner, (3. Aufl.), 1872, S. 129 f. 172 Vgl. Abb. 32, S. 181. Martin präparierte ein Hokkohuhn für das Berliner zoologische Museum. Ob es von der Forschungsreise Reise nach Venezuela stammt, ist dem Autor nicht bekannt. 173 Martin, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner, (3. Aufl.), 1872, S. 129 f. 174 Ebd. 2 Biografie 76 Abbildung 9: „Ai oder dreizehiges Faultier“ aus Martins „Illustrirter Naturgeschichte der Tiere“. Im Laufe der folgenden Monate verschärfte sich Martins Lage weiter. Neben Existenzsorgen und finanziellen Problemen war es auf Grund des Bürgerkriegs zunehmend schwieriger geworden, Reisen in das Landesinnere zu unternehmen.175 Zu diesen negativen Begleitumständen seines Aufenthalts in Venezuela, deren Ursache bei der instabilen politischen und gesellschaftlichen Lage zu suchen war, kam zudem persönliches Unglück. Im Herbst 1849 verstarb seine Frau Ida, die ihn auf dieser Reise begleitet hatte – wahrscheinlich an einer Tropenkrankheit – und Martin selbst erkrankte ebenfalls.176 So blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich „nach Jahresfrist“ von Appun zu trennen und im Oktober 1849 die eigentlich auf acht Jahre angelegte Forschungsreise vorzeitig abzubrechen.177 175 Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 4. Der Bürgerkrieg in Venezuela wurde zwischen den sogenannten „Liberalen“ unter dem Präsidenten José Tadeo Montaga und den „Konservativen“ unter dem früheren Präsidenten General Páez ausgetragen. Montaga ging zwar aus dem Konflikt als Sieger hervor, wie auch aus der oben erwähnten Seeschlacht vor Maracaibo, das Land war in Folge des Krieges allerdings in weiten Teilen verwüstet worden. Politische und wirtschaftliche Maßnahmen der neuen Regierung provozierten zudem soziale Unruhen. Vgl. König, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, 1992, S. 608ff. 176 Noch Jahrzehnte später betonte Martin die von ihm nicht in diesem Maße erwarteten schwierigen Begleitumstände dieser Reise. Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 45. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. 105. Zu seiner ersten Frau Ida vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 45 u. Noell, Paul Martin, 1987, S. 7. 177 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858 u. Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 4. Appun blieb noch weitere zehn Jahre in Venezuela und sandte während dieser Zeit „reichhaltige Sammlungen aus dem Gebiete der Zoologie und Botanik“ sowie selbst gefertigte Vegetationsansichten „nach verschiedenen Ländern Europas“. Später bereiste er Britisch-Guyana sowie einen kleinen Teil Brasiliens und setzte die Arbeit der Gebrüder Schomburgk aus den Jahren 1840-44 fort. Nach einem letzten Aufenthalt in seiner schlesischen Heimat, währenddessen er seinen Reisebericht „Unter den Tropen“ verfasste, kehrte er Anfang der siebziger Jahre nach Britisch-Guyana zurück. 2.4 Martins und Appuns „amerikanische Reise“ 77 Wanderjahre Nach seiner Rückkehr in die Heimat stand Martin erneut vor dem Nichts. Alleine das Angebot, befristet fürs Berliner zoologische Museum tätig zu werden, half ihm, in der Heimat wieder etwas Fuß zu fassen. Der fest angestellte Präparator des Berliner zoologischen Museums, Julius Rammelsberg (1785-1860) sowie dessen Gehilfe waren – einem Bericht Lichtensteins vom 26. Juni 1850 an das Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten zufolge – nämlich kaum mehr in der Lage, die Vielzahl der ankommenden Naturalien zu bearbeiten.178 Auf Grund dessen habe er es für zweckmäßig gehalten, „daß solche Beschäftigungen unterstützt werden.“ In diesem Zusammenhang sei, so Lichtenstein weiter, „insbesondere ein […] gewisse[r] Leop. Martin aus Bunzlau zu rühmen, der […] sich mit dem Ausstopfen und Nachbilden der Thiere nach dem Leben vielfach beschäftigt hat.“179 Martin habe, so Lichtenstein in einem weiteren Bericht an das Ministerium, dazu beigetragen die Präparate „in eine wohlgefällige Gestalt zu bringen.“180 Nach der Beendigung dieser Aufgabe im April 1850 war es Lichtenstein dennoch nicht möglich gewesen, ihn weiter zu beschäftigen. Aus diesem Grund plante Martin, „gemachte Erfahrung nutzend […] die „angefangenen Reisen“ mit neuem Muthe und besseren Mitteln“ allein fortzusetzen.181 Die „Nachwehen der politischen Ereignisse von 1848 verhinderten“ allerdings, dass er sein Vorhaben umsetzen konnte.182 Im Zoologischen Museum der Universität Halle In den kommenden Monaten konnte Martin seinen Lebensunterhalt zunächst mit der Aufstellung und dem Verkauf weiterer „mitgebrachte[r] Thiere“ bestreiten, bis er im Mai 1850 vom Zoologischen Museum der Universität Halle einen befristeten „Kontrakt“ angeboten bekam.183 Dort sollte er für Prof. Hermann Burmeister (1807-1892) „die meisten vorräthigen Thiere“ der zoologischen Sammlung aufarbei- 2.5 2.5.1 Bereits ein Jahr später verstarb Appun auf Grund eines tragischen Unglücksfalls. Die stets zur Selbstverteidigung mitgeführte Schwefelsäure übergoss sich während des Schlafes über sein Gesicht. Vgl. Pfüller/Jahn/Lübcke, Traditionen des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität, 1980, S. 188. Scurla, Im Lande der Kariben, 1964, S. 43 f. Vgl. a. Appun, Unter den Tropen (2 Bde.), 1871. 178 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1851-1855, Nr. 17, Bl.105 f. Rammelsberg arbeitete bereits seit 1811 am Berliner zoologischen Museum. Zu Rammelsberg vgl. Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 49 u. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 102 f. 179 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1851-1855, Nr. 17, Bl.106. 180 Ebd., Bl.132 a. 181 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 182 Ebd. 183 Ebd. 2 Biografie 78 ten.184 Sein Wirken in Halle blieb nur von kurzer Dauer. In einem Brief an seinen Kollegen Rammelsberg am Zoologischen Museum in Berlin, bemerkte Martin, dass er „binnen eines Monats“ seine Aufgabe in Halle beendet haben werde und er sich nach einer anderen Beschäftigung umsehen müsse.185 Aus diesem Grund sandte er am 14. Juni 1850 erneut einen Brief an Professor Lichtenstein in Berlin, um ihm darin sein Leid zu klagen: Der Leiter des Zoologischen Museums in Halle, Professor Hermann Burmeister hätte sich zwar darum bemüht, es sei ihm aber dennoch nicht gelungen ihm eine „längere Existenz“ zu verschaffen.186 Nach einer weiteren Absage der Universität Greifswald und den vergeblichen Bemühungen, seine Anstellung in Halle zu verlängern, befand sich Martin in der schwierigsten Phase seines bisherigen Lebens, was den folgenden Zeilen an Lichtenstein entnommen werden kann: Wenn ich bedenke, daß ich jetzt in den Jahren stehe, wo schon jeder daran denkt, sein Alter sicher zu stellen, wenn ich wieder bedenke, daß meine schönste Zeit, u. meine besten Kräfte verloren gehen ohne der Wissenschaft erfolgreich gedient zu haben; wenn ich endlich daran denke, daß ich das schönste Gut meines Lebens, die liebende Gattin, daß ich Vermögen u. Ehre vergebens geopfert habe mein Ziel zu erreichen, dann befällt mich eine Traurigkeit, die mich an dem Glauben einer Bestimmung der Menschen irre macht. Wie wenig gehört dazu, mein Leben zu erhalten da ich schon sehr anspruchslos zu leben gewöhnt bin, aber selbst […] so geringe Existenzmittel, vermag meine brodlose Kunst mir nicht zu gewähren.187 Er plane nun, so schreibt Martin weiter, wieder nach Berlin zu gehen, um dort als freier Präparator tätig zu werden.188 Dabei hoffte er auch auf Aufträge des dortigen zoologischen Museums. In der „Vogelburg“ in Halberstadt Doch es kam anders. Bereits im Herbst 1850 nahm Martin eine weitere befristete Anstellung – diesmal in Halberstadt – an, wo er ein halbes Jahr lang an der „schönen ornithologischen Sammlung des Oberamtmanns Heine beschäftigt war“.189 Der studierte Jurist Ferdinand Heine (1809-1894) war bereits seit seiner Jugend passionier- 2.5.2 184 Ebd. Unter der Regie des Zoologen, Forschungsreisenden und Wissenschaftspopularisators Hermann Burmeister (1807-1892) war seit Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts aus der zoologischen Sammlung der Hallenser Universität ein ansehnliches Museum entstanden. Im Jahre 1850 bestand die Sammlung aus 1803 aufgestellten Präparaten von Wirbeltieren, darunter Säugetiere, Vögel und Amphibien. Vgl. Heidecke, Die Zoologischen Sammlungen, 1994, S. 309. 185 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 34. Eine Bewerbung an der Universität Greifswald als Präparator blieb erfolglos. Ebd., 35. 186 Ebd., 34-35. Die Anstellung in Halle oder Greifswald war deshalb nicht möglich, weil nicht genug finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Beide Sammlungen unterstanden dem Preußischen Ministerium der Geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Vgl. Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995, S. 55. 187 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 36 f. 188 Ebd., 37 f. 189 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Zeugnis des Oberamtmann Heine vom 10. Mai 1851. 2.5 Wanderjahre 79 ter Vogelliebhaber und brachte seine beträchtliche Vogelsammlung in den Räumen über dem großen Eingangstor des ehemaligen Klostergutes Burchardt, der sogenannten „Vogelburg“, unter.190 Seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts bemühte sich Heine darum, die Sammlung systematisch zu ordnen. Aus diesem Grunde studierte er nicht nur die in seiner umfangreichen Bibliothek befindlichen ornithologische Fachliteratur, korrespondierte mit dem Zoologischen Museum in Berlin und bildete sich autodidaktisch weiter, sondern wandte sich auch an den Ornithologen Jean Cabanis (1816-1906), der zu dieser Zeit am Berliner Museum angestellt war.191 In diesem Zusammenhang war Heine wahrscheinlich Philipp Leopold Martin als fähiger Präparator für seine Vogelsammlung empfohlen worden. Martin widmete sich Heines Sammlung, so heißt es in seinem Zeugnis, „mit größter Liebe und Sorgfalt“ und dieser bescheinigte ihm „in seiner Sache großes Talent“ sowohl was die Präparation anbelangt als auch „in der saubern und sorgfältigen Aufstellung.“192 Die anfangs begründete Hoffnung, nun endlich Aussicht auf eine feste Anstellung zu haben, erfüllte sich nicht. Der dort fest angestellte Präparator plante zwar eine neue Stellung anzunehmen, sein Vorhaben scheiterte jedoch an zu hohen Forderungen.193 Daher musste Martin nach nur wenigen Monaten Halberstadt wieder verlassen. Er sei, so schrieb Martin an Lichtenstein, wieder einmal „ganz leer ausgegangen“ und habe erneut „eine lange ungesicherte Leere“ vor sich. Es bleibe ihm daher nichts Anderes übrig, als an „Pläne für meine weitere Existenz“ zu denken.194 Auch eine zweite Reise nach Süd- und Mittelamerika war wieder im Bereich des Möglichen. Martin plante diesmal nach Guatemala und Nicaragua zu reisen, wo „gewiß sehr viel neues zu erbeuten“ sei und er hoffe „mit geringen Mitteln […] mehr zu leisten als dies in der unglücklichen Verbindung mit Appun“ möglich gewesen sei.195 Als Präparator und Jäger in Galizien Aus dieser weiteren „amerikanischen Reise“ wurde jedoch nichts, da Martin von dem polnischen Adeligen und Amateurornithologen Kasimir Graf Wodzicki (1816-1889) überraschend eine unbefristete Anstellung als Jäger und Präparator angeboten bekam, die er im März 1851 antrat.196 Die Annahme dieses Angebotes befrei- 2.5.3 190 Nicolai/Neuhaus/Holz, Museum Heineanum, 1994, S. 8. 191 Ebd. 192 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Zeugnis des Oberamtmanns Heine vom 10. Mai 1851. 193 Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 5. 194 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 41 a. 195 Ebd. Was Martin genau mit dieser „unglücklichen Verbindung“ meinte, ist unklar. Jedenfalls hatten sich die beiden Forschungsreisenden schon wenige Monate nach der Ankunft getrennt, während Appun in Südamerika blieb, reiste Martin wieder zurück in die Heimat. 196 Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 5. Kasimir Graf Wodzicki (1816-1889) war ein polnischer Ornithologe, Jäger und Gutsbesitzer. Er erforschte die Tierwelt Galiziens und war ein Wegbereiter des Vogelschutzgedankens. Mit zahlreichen deutschen Kollegen und Gesinnungsgenossen pflegte er Kontakte, so auch mit Philipp Leopold Martin. Zu seiner Vorbildfunktion für Martin vgl. Kap. 4.1.2, S. 306 f. 2 Biografie 80 te ihn vor den schlimmsten Existenzsorgen. In einem Brief vom Oktober 1851 an Lichtenstein bemerkte er: Ich befinde mich hier in einer Entfernung von 16 Meilen von Lemberg, von den Karpathen der Buccovina durch den Dnjester geschieden, am Anfang einer endlosen getreidereichen Ebene, die sich bis weit ins Innere Russlands erstreckt u. Podolien heißt.“197 Zwar sei seine Stellung „äußerlich angenehm“ und der Graf würde ihn zuvorkommend behandeln, dennoch sei er nicht in Gänze zufrieden, schreibt Martin. Jagd und Vogelfang sei eben nicht gerade sein Metier und er bedauere es, hier „mehr zerstörend“ als schaffend zu wirken. „Zwei Drittel meiner Zeit gehen hier mit der Jagd […] verloren […]. Es thut mir unendlich leid, daß ich mit der Ausbildung in meiner Kunst hier still stehen muß“, klagte er gegenüber Lichtenstein.198 Auch wenn diese Hilfstätigkeit im Dienst des polnischen Grafen Wodzicki wenig befriedigend für Martin war, versuchte er das Beste daraus zu machen. Die ausgedehnten Jagdausflüge in die weiten Ebenen Podoliens und Ostgaliziens, wo Wodzicki seinen Sommerwohnsitz besaß, nutzte er zu zoologischen Beobachtungen, die er auch Lichtenstein schilderte.199 Zudem profitierte Martin davon, dass Wodzicki zu den bekanntesten Ornithologen seiner Zeit gehörte und eine modern zu nennende Forschungs- und Arbeitsweise pflegte. Nicht zuletzt gilt er als einer der ersten Vogelschützer. 200 Auf dem Weg nach Berlin Nachdem sich Martin damit abgefunden hatte, längere Zeit in Galizien zu bleiben, erreichte ihn am 21. Oktober 1851 ein vielversprechendes Schreiben von Pro- Abbildung 10: Philipp Leopold Martin (1815-1885), Daguerrotypie um 1850. 2.5.4 197 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 43. Podolien liegt heute in der südwestlichen Ukraine und gehörte bis 1918, als der östlichste Teil von Galizien, zu Österreich-Ungarn. 198 Ebd., 43 a. 199 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 43 f. Vgl. auch Wodzicki, Einige Worte gewissenhafter Beobachtungen über die Fortpflanzung des Rallus aquaticus, Lin.,1853, S. 267ff. 200 Vgl. Wodzicki, Einige Worte gewissenhafter Beobachtungen über die Fortpflanzung des Rallus aquaticus Lin.,1853, S. 267ff. 2.5 Wanderjahre 81 fessor Lichtenstein.201 Der „zweite technische Gehülfe“ des Zoologischen Museums in Berlin war überraschend gestorben und Lichtenstein hatte Martin davon in Kenntnis gesetzt und ihn ermuntert, sich auf diese Stelle zu bewerben.202 Bereits am Tag darauf antwortete Martin auf diesen von ihm so lange ersehnten Brief: „Mit welchen Worten soll ich beginnen, um Ihnen meine Dankbarkeit […] auszusprechen. […] Die Wege Gottes sind oft wunderbar, so auch hier. Ich hätte es nicht gedacht, daß der gute Beyer das Feld so schnell räumen würde, so krank er auch stets war, da solche Naturen oft sehr zäh sind.“203 Nun sei sein weiterer Aufenthalt hier umso angenehmer, da „Sie Herr Geheimrath mir ein so schönes Ziel eröffnet haben“, wovon er schon immer geträumt habe. Graf Wodzicki habe keine Bedenken gegen seine zukünftigen Pläne zu erkennen gegeben.204 Doch sein lang erwarteter Dienstantritt in Berlin verzögerte sich noch um einige Zeit. Am 10. Dezember 1851 schlug Lichtenstein dem Preußischen Ministerium der „geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“ Martin schließlich als Nachfolger für den mittlerweile verstorbenen „zweiten technischen Gehülfen“ Beyer vor.205 Er habe, so Lichtenstein, bereits am 25. November das „Ableben des Gehülfen“ angezeigt und wolle sich nun bezüglich der Wiederbesetzung dieser Stelle erneut an das Ministerium wenden. Dieser sei zwar „ein fleißiger treuer Arbeiter von stiller bescheidener Gemütsart“ gewesen und gerade für die „Zubereitung der kleineren Vögel und Säugethiere sehr brauchbar“, wäre aber auf Grund seiner „beschränkten Bildung“ keinesfalls als Nachfolger für den betagten Inspektor Rammelsberg und sein umfangreiches Aufgabengebiet in Frage gekommen.206 Der Nachfolger Rammelsbergs müsse vielmehr ein „vollkommen geschickter Künstler im besten Lebensalter, ein Mann von guter Schulbildung und von guten naturhistorischen Kenntnissen sein, der sich in früheren Verhältnissen […] bereits bewährt hat.“207 Alle dafür in Frage kommenden Präparatoren seien, so Lichtenstein, entweder zu alt oder würden bereits besser bezahlte Stellen bekleiden. Deshalb schlage er allein einen „gewissen Leopold Martin, aus Bunzlau gebürtig“ vor, „ein Mann etwas über 30 Jahr alt, von guter Schulbildung, der sich auch ursprünglich zum Schulfach bestimmt hatte, dann aber durch überwiegende Neigung für practische Beschäftigung mit den Naturkörpern auf eigene Hand zum Sammler und Präparatoren wurde und es in den dazu erforderlichen Künsten soweit brachte, daß er selbst ein Verkaufsgeschäft dafür in Bunzlau“ betrieb.208 201 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 44. 202 Ebd. 203 Ebd. Bei Fritz Beyer handelte es sich um einen Waisen, der „etwas lahm,“ „kränklich“ und schwerhörig gewesen war. Er war seit 1816 am zoologischen Museum als Gehilfe von Rammelsberg tätig. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 103. 204 Ebd. 205 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, 131ff. 206 Ebd., 131 a. 207 Ebd. 208 Ebd., 132. 2 Biografie 82 Des Weiteren wies Lichtenstein in diesem Schreiben auf dessen Forschungsreise nach Südamerika und seine vielfältigen Tätigkeiten als Präparator und Sammler in Halle, Halberstadt und Galizien hin. Zudem habe Martin ja bereits einmal im Jahre 1850 zusammen mit Inspektor Rammelsberg, der dies auf Grund seines Alters ohne Hilfe nicht mehr bewältigen konnte, „einige große vierfüßige Thiere“ bearbeitet und in „wohlgefällige Gestalt“ gebracht.209 Für Martins „Bevorzugung“ sprächen, laut Lichtenstein, vor allem folgende Gründe: „Seine anerkannte Geschicklichkeit in Behandlung aller Arten von Thieren. die auf Reisen, in Tropenländern erworbene Anschauung der Bewegungen und Lebensverhältnisse der […] Thierformen. sein Lebensalter und ein kräftiges durch viele Reisen abgehärtetes Naturell. seine in jeder Beziehung fleckenlose bisherige Führung. insbesondere seine, während der viermonatlichen vorübergehenden Beschäftigung in unserem Laboratorium bewiesene stille Bescheidenheit und Verträglichkeit.“210 Weiterhin spräche für Martin, dass er mit dem jetzigen Inspektor Rammelsberg bereits bekannt und als „Wittwer“ von „dringenden Familienverhältnissen“ befreit sei.211 Und nicht zuletzt wäre Martin, so Lichtenstein weiter, einer der „ältesten Bewerber“, der sich bereits im Jahre 1841 um eine Anstellung bemüht hättesowie ein „einigermaßen wissenschaftlich gebildeter Mann“, der „zugleich das Institut mit gegen das zahlreich besuchende gelehrte und ungelehrte Publikum vertreten“ könne.212 Sein „vorübergehendes Verhältnis zu seinem jetzigen Ernährer“ könne Martin jederzeit lösen.213 Das Schreiben Lichtensteins verfehlte seine Wirkung nicht. Das Ministerium folgte der Argumentation Lichtensteins und ließ diesen bereits am 10. Januar 1852 wissen, dass Martin „hierdurch die erledigte Stelle des zweiten technischen Gehülfen bei der hiesigen Königlichen zoologischen Sammlung mit dem etatmäßigen Jahrgehalte von 400 Rthl. übertragen“ werde.214 Lichtenstein solle nun „Martin von der Beschlußnahme in Kenntniß setzen,“ was dieser umgehend veranlasste.215 Martin erhielt dessen Brief gegen Ende Januar 1852 und bedankte sich darin geradezu überschwänglich.216 Es sei gerade erst von einer dreiwöchigen Besuchs- und Jagdreise von der russischen Grenze mit dem Grafen zu- 209 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, 132. 210 Ebd., 132 a u. 133. Während Martin von Lichtenstein Bescheidenheit und Verträglichkeit attestiert wurde, urteilte dessen Nachfolger Peters weit weniger wohlwollend über ihn. 211 Ebd., 133. 212 Ebd. Martin sollte später auch die Aufgabe eines „Museumsführers“ zufallen. Lichtenstein stellte bereits seit 1814 Museumspersonal für die Betreuung von Besuchern ab. Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 233. Zu den Museumführern in den naturhistorischen Museen und Naturkundemuseum des 19. Jahrhunderts allgemein vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 233ff. 213 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, 133. 214 Ebd., 135. 215 Ebd. 216 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun, 46. 2.5 Wanderjahre 83 rückgekommen und zugleich durch den Empfang dieses „so bedeutungsvollen Schreibens“ überrascht worden: „Ich habe es fast nicht glauben mögen, daß ich so nahe an der Schwelle einer längst ersehnten Zukunft mich befinde die ich, so lange wie vergeblich danach gerungen habe. Möge der Himmel geben, daß meine Gesundheit wie bisher auch noch länger dieselbe bleibe damit ich, namentlich ihnen, Freude mit meiner Thätigkeit bereiten kann.“217 Weiterhin berichtete er Lichtenstein in diesem Brief „über einige naturhistorische Neuigkeiten“ von seinen Reisen, so zum Beispiel über das private Naturalienkabinett eines Grafen in der Nähe der russischen Grenze, von dem er zwei Bälge für die Berliner Sammlung „akquiriert“ habe.218 Die restliche Zeit seines Aufenthaltes in Podolien und Galizien wolle er gerne nutzen, um für das Berliner Museum weitere „schöne Exemplare verschiedener kl. Säugethiere und Vögel“ zu sammeln. Aus diesem Gründe wäre es ratsam, so Martin weiter, nicht zu früh von hier abzureisen, da „die eigentliche Ernte für eine ornithologische Sammlung […] hier von Mai bis Juli“ sei.219 Lichtenstein leitete daraufhin in die Wege, dass Martin bereits ab 1. April sein Gehalt erhielt, obwohl er erst Ende Mai seinen Dienst in Berlin antrat, um in Galizien noch den „Vogelzug zu beobachten“ und „gut präparierte Exemplare für die Vogelsammlung mitzubringen.220 Martin, der nun im Alter von siebenunddreißig Jahren zum ersten Mal eine unbefristete und seinen Fähigkeiten angemessene Stelle antrat, traf im Juni in Berlin ein. Dort erlebte er, wie seine Söhne im Vorwort der dritten Auflage seines Lehrbuches über Präparation bemerkten, „die glücklichste und fruchtbarste Tätigkeit.“ 221 Berliner Jahre Berlin und sein zoologisches Museum waren für Martin natürlich keine „terra incognita“ mehr. Bereits nach der vorzeitigen Rückkehr von der Sammel- und Forschungsreise nach Venezuela, hatte er dort für einige Monate gearbeitet und neben dem Direktor des Museums Lichtenstein, mit dem er schon seit 1841 in Kontakt stand, auch seine zukünftigen Kollegen wie Präparator Rammelsberg kennen gelernt.222 2.6 217 Ebd., 46 a. 218 Ebd. 219 End., 47 a. 220 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, 142-143. Vgl. a. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 221 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. VI. 222 Vgl. a. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010 sowie Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 50 f. 2 Biografie 84 Das Zoologische Museum der Friedrich-Wilhelm-Universität Das Zoologische Museum der Friedrich-Wilhelm-Universität war bereits 1810, nur ein Jahr nach der Stiftung der Universität durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), auf Anregung des Grafen Johann von Hoffmannsegg (1766-1849) sowie Alexander von Humboldt (1769-1859) begründet worden.223 Seine Sammlung bestand zunächst aus den zoologischen Objekten der königlichen Kunstkammer, verschiedenen kleineren Sammlungen und nicht zuletzt aus zahlreichen von Graf von Hoffmannsegg gestifteten Säugetieren und Vögeln aus Brasilien.224 Es erhielt im zweiten Stock des östlichen Flügels des Universitätsgebäudes Unter den Linden – anfangs in nur vier Räumen – seinen Platz.225 Nach dem Willen seiner Gründer wurden dem neuen Museum folgende Aufgaben zugewiesen: die Unterstützung des Lehrbetriebs an der Universität, als „Zentrale für die zoologischen Sammlungen des Staates“ gleichrangig neben den etablierten großen zoologischen Museen in Europa wie dem Muséum d’histoire naturelle in Paris zu stehen226; und nicht zuletzt als „Unterrichtsanstalt für das ganze Volk“ zu dienen.227 Erster „Aufseher“ des zoologischen Museums wurde der vom Grafen von Hoffmannsegg nach Berlin geholte Entomologe Dr. Johann Karl Wilhelm Illiger (1775-1813), der bereits nach wenigen Dienstjahren verstarb.228 Die Leitung übernahm anschließend – zunächst nur provisorisch – Martin hinrich lichtenstein229. Lichtenstein war zwar von Hause aus Mediziner, hatte sich aber, unter anderem bei einem längeren Aufenthalt als Hauslehrer und Forschungsreisender in Südafrika, umfangreiche naturhistorische Kenntnisse angeeignet.230 Er bemühte sich – obgleich als ordentlicher Professor für Zoologie vornehmlich für die Lehre zuständig – vor allem um den Aufbau der zoologischen Sammlung, sowie ihre Organisation und Nutzbarmachung für weitere Kreise.231 Bereits zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung im Jahre 1814 war diese weitgehend systematisch geordnet und die Exponate hatten zur besseren Orientierung sogar farbige Etiketten erhalten.232 Die zoologische Sammlung stand an zwei Tagen in der Woche Besuchern offen, wobei zunächst auf Grund der beengten Verhält- 2.6.1 223 Daber, Zur Frühgeschichte der wissenschaftlichen Sammlungen, 1970, S. 252. Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 373. 224 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 373. 225 Daber, Zur Frühgeschichte der wissenschaftlichen Sammlungen, 1970, S. 252. Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 373. 226 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 373. 227 Ebd. 228 Zu Illiger vgl. Heß „Illiger, Johann Karl Wilhelm“, 1881. 229 Vgl. a. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 120. Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 374. 230 Ebd. 231 Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 120. 232 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 374. 2.6 Berliner Jahre 85 nisse nur ein begrenztes Kontingent an Eintrittskarten ausgegeben wurde.233 Bei Fragen konnten sich die Besucher an das vor Ort befindliche Museumspersonal wenden und im Jahre 1816 gab Lichtenstein sogar einen allgemein verständlichen Führer durch die Sammlung heraus – einer der ersten Museumführer überhaupt.234 Die Sammlungskonzeption blieb freilich eine systematische und die Hauptaufgabe des Museums war es weiterhin, primär als Universitätssammlung zu dienen.235 Lichtenstein verstand es im Laufe seines langen Wirkens als Direktor des Zoologischen Museums die Sammlung zu vermehren und junge begabte Wissenschaftler, wie die aus Württemberg stammenden Zoologen David Friedrich Weinland (1829-1915) und Eduard von Martens (1831-1904) sowie ferner den Ornithologen Jean Cabanis (1816-1906), anzuziehen und – zumindest zeitweise – an das Museum zu binden.236 „Zweiter technischer Gehülfe“ Zu der Zeit als Martin in das Zoologische Museum in Berlin eintrat, waren dort neben Lichtenstein, Weinland, von Martens und Cabanis, dem Martin schon seit Jahren freundschaftlich verbunden war, als „Kustoden“ tätig.237 Für Präparationsarbeiten war der betagte Inspektor Rammelsberg zuständig und von 1817-1851 zudem ein „zweiter Technischer Gehülfe“ namens Fritz Beyer.238 Dessen Stelle nahm Philipp Leopold Martin ein. Die wichtigsten Aufgaben und Verhaltensmaßregeln 2.6.2 233 Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 118ff. Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 374. Vgl. a. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 126 u. 188. 234 Vgl. a. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 120. Landsberg, Das erste Zootier des Museums, 1994, S. 86. Vgl. a. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 228 f. und 233. 235 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 30ff. u. 76ff. 236 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 375ff. Zu Weinland vgl. Albrecht, Du sollst an Gott glauben, nicht ihn wissen, 2004, S. 10-11. Binder, Dr. David Friedrich Weinland, 1999, S. 335-343. Berger, David Friedrich Weinland, 1967. Zu Martens s. Hoppe, „Martens, Eduard von“, in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 268 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd 120818922.html. Zu Cabanis vgl. Stresemann, „Cabanis, Jean Louis“, in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 87 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd116395877.html. Lichtensteins Wirken als Direktor des Museums und ab 1844 auch als Begründer und Direktor des ersten eigentlichen Zoos in Deutschland war nicht nur von Erfolgen geprägt. So ließ Lichtenstein – vermeintliche – Dubletten aus der Sammlung des Museums versteigern, um damit dem finanziellen Engpass in Folge der Napoleonischen Freiheitskriege begegnen zu können. Hierdurch gingen dem Museum einige wertvolle Stücke verloren. Vgl. a. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010, S. 121. Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 376 u. S. 378. 237 Zu Weinland vgl. Albrecht, Du sollst an Gott glauben, nicht ihn wissen, 2004, S. 10-11, Binder, Dr. David Friedrich Weinland, 1999, S. 335-343, Berger, David Friedrich Weinland, 1967. Zu Martens vgl. Hoppe, „Martens, Eduard von“, in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 268 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd120818922.html. Zu Cabanis vgl. Stresemann, „Cabanis, Jean Louis“, in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 87 [Onlinefassung]; URL: http://w ww.deutsche-biographie.de/pnd116395877.html. 238 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 49. 2 Biografie 86 für den neuen Zweiten Technischen Gehilfen Philipp Leopold Martin, wurden in einer Instruktion des Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten vom 3. April 1852 wie folgt festgelegt: § 1 Seine Arbeiten bestehen in allem dem, was zur kunstmäßigen Aufstellung der in der zoologischen Sammlung enthaltenen Thier-Arten und ihrer Theile gehört, also in der Zubereitung der Exemplare für die verschiedenen Arten der Aufbewahrung und der Erhaltung derselben […].“ § 9. Er darf nie eine Sammlung von Naturalien für sich selbst oder für einen anderen anlegen, und eben so wenig mit solchen Gegenständen Handel oder Tausch treiben § 10. In Betreff der auf seinem Geschäfte zu verwendenden Zeit wird erwartet, daß er mit Ausnahme der Sonn- und Festtage täglich von 9 bis 1 Uhr und von 3 bis 6 Uhr Nachmittags anwesend sei, […] § 11 Es soll ihm nicht verwehrt sein, in den Räumen des Museums länger zu verweilen ja selbst darin in freien Mußestunden Arbeiten, die nicht zu seinem Dienst gehören, zu verrichten, zum Beispiel das Zubereiten von Thierkörpern für Privatpersonen, und so weiter.239 Laut dieser Instruktionen war es Martin im Prinzip zwar verboten worden, eine eigene Sammlung anzulegen, Präparationsarbeiten für sich selbst und andere Privatpersonen außerhalb der Dienstzeiten waren ihm aber ausdrücklich erlaubt. Zudem wurden die Arbeitsinstruktionen von Lichtenstein eher großzügig ausgelegt. Ihm war es wohl bewusst, dass Martin ein talentierter Präparator und kreativer Geist war und daher entsprechenden Freiraum benötigte. Diese Freiheiten wusste Martin zu nutzen. So entwickelte er während seiner Tätigkeit am Berliner Museum die ersten Ansätze einer neuartigen Sammlungskonzeption für naturhistorische Museen sowie neue Arbeitsmethoden und Techniken der Taxidermie und publizierte diese erstmalig unter dem Titel „Ueber zweckmäßiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen.“240 In diesem, im Jahre 1856 erschienenen Aufsatz in der Beilage der „Naumannia“, war unter anderem davon die Rede, dass „unsere zoologischen Sammlungen dem größten Theile nach ihrem Zwecke wenig entsprechen, weil sie wenig von dem Leben der Thierwelt in der Natur darstellen.“241 Den „höheren Thieren“ müsse „eine der ihrem wirklichen Leben sich wenigstens annährende Form“ gegeben werden, so Martin weiter. Aber bisher führe in den meisten unserer Sammlungen allein „die Systematik und Diagnostik […] das Szepter,“ wobei in dem „Individuum nichts weiter“ gesehen werde „als: das todte Exemplar zur äußeren De- 239 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Personalakte Martin Bl. 2-3 a. Martin musste demnach auch Aufgaben als Museumswärter wahrnehmen, vor allem während der Zeiten wo das Museum Besuchern zugänglich war. 240 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 485-500. Martins Ansätze und Methoden bezüglich der Popularisierung naturkundlicher Themen werden im folgenden inhaltlichen Kapitel ausführlich erläutert. 241 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 485. 2.6 Berliner Jahre 87 monstration.“242 Auch das Sammeln und Aufbewahren, sowie der Transport aus vornehmlich südlichen Ländern und die Präparation würden zum großen Teil so dilettantisch betrieben, dass dem endlich Einhalt geboten werden müsse.243 Aber all diese angesprochenen Kenntnisse und Fähigkeiten seien – mit Ausnahme von besonders talentierten Autodidakten – „nicht Jedem erreichbar.“ Daher plädiere Martin dafür, „eine Schule für Naturalien-Präparation, Taxidermie und Conservation“ zu errichten, wie dies gerade [von ihm selbst] im Zoologischen Museum in Berlin vorangetrieben werde.244 Darin sollten „eine mäßige Anzahl von sich qualifizierenden jungen Leuten zu mehrjährigen, theoretischen und praktischen Unterrichts-Cursen aufgenommen werden.“245 Er legte sogar eine Art Lehrplan vor, in dem einmal theoretische Kenntnisse zur Geschichte des Naturaliensammelns und der Tierpräparation sowie des Sammelns, Konservierens und Verpackens von Naturalien an sich gelehrt würden, weitere theoretische Grundlagen der Taxidermie, wie Anatomie und Naturbeobachtung und in einem letzten Schritt schließlich das praktische arbeiten.246 Mit diesem Vorschlag wandte er sich auch an das Preußische Kulturministerium. Er begründete sein Anliegen unter anderem damit, dass auf diese Weise dem Museum viele Präparationsgehilfen zur Verfügung stehen würden, die während ihrer Ausbildung ohne Lohn arbeiten könnten – in modernen Sinne also „Praktikanten.“247 Die Reaktion des Ministeriums auf Martins Vorschlag soll zwar positiv gewesen sein, aber Lichtenstein – Martins Vorgesetzter – hatte dem Ministerium gegenüber gewisse Vorbehalte geäußert. Ein derartiges Unternehmen würde seiner Ansicht nach die „gute Ordnung“ stören und könne Martin von seiner Arbeit abhalten.248 Von diesen Vorbehalten hatte er Martin aber wohl nicht in Kenntnis gesetzt, denn dieser war der Überzeugung, dass er sowohl vom Ministerium als auch Lichtenstein Unterstützung für sein Schulprojekt erhalten würde. Der „oberste Leiter der Anstalt“ sowie die „hohe staatliche Departementsbehörde“ stünden, so stellt Martin am Schluss seines Artikels in der „Naumannia“ fest, seinem Ansinnen wohlwollend gegenüber.249 Letzten Endes hat Lichtenstein seinem zoologischen Präparator nicht untersagt, auf dem Dachboden des Universitätsgebäudes Unter den Linden, in dem sich das zoologische Museum befand, einen eigenen Raum für private Arbeiten einzurichten, in dem auch die geplante „Konservatorenschule“ untergebracht werden sollte.250 Auf dem Dachboden des Museums konnte Martin laut Lichtenstein –außerhalb der Dienstzeit – je- 242 Ebd., S. 486. 243 Ebd., S. 497. 244 Vgl. a. Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 51. 245 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 500. 246 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 105. 247 Ebd. 248 Ebd., S, 106. Zit. n. Kretschmann. 249 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 500. 250 Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995, S. 55 u. Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 6. 2 Biografie 88 denfalls „tun und lassen was er wolle.“251 Trotz seiner vielfältigen Nebentätigkeiten hat Martin seine dienstlichen Verpflichtungen, zumindest während der Ära Lichtensteins, keinesfalls vernachlässigt. Jedenfalls war Lichtenstein mit Martins Arbeit für das Museum sehr zufrieden, da auf seine Initiative hin im Februar 1856 eine Erhöhung seiner Bezüge um 100 Rthlr. auf nun insgesamt 500 Rthlr. (preußische Reichstaler) erfolgte und ihm inzwischen sogar die Erlaubnis erteilt worden war, den Titel „Conservator“, der anderswo nur akademisch gebildeten Wissenschaftler zustand, zu führen.252 Welche Tätigkeiten Martin im Rahmen seiner Anstellung am Museum im Einzelnen ausgeführt hatte, kann im Detail nicht mehr nachvollzogen werden. Martin führt in einem Lebenslauf bezüglich seiner Bewerbung am Naturalienkabinett in Stuttgart aus, dass er „über 5 Jahre […] theils aus eigener Vorliebe, theils um dem jetzt [1858] 76jährigen Inspektor Rammelsberg ein Nutzen zu sein, […] unter Mitwirkung einiger Gehilfen, das Ausstopfen aller Säugethiere, großer Vögel, Amphibien u. Fische“ übernommen habe.253 Den von Lichtenstein – mit gewissen Bedenken – geduldeten Plänen und Nebentätigkeiten Martins, wurde allerdings bald Einhalt geboten. Nachdem im September 1857 Martins Vorgesetzter, Förderer und väterlicher Freund Lichtenstein während einer Schiffsreise auf der Ostsee verstarb, wurde dessen Nachfolger der strenge Systematiker Wilhelm Peters (1815-1883).254 Peters unterstützte Lichtenstein bereits seit Dezember 1856 als „Mitdirektor“, aber seine Auffassung von der Organisation und Aufgabe des Zoologischen Museums war in weiten Zügen eine vollkommen andere.255 Nach seinem Amtsantritt machte er sich an die Reorganisation des Museums, welche er als unabdingbare Grundlage für eine erfolgreiche wissenschaftliche Abbildung 11: Wilhelm Peters (1815-1883). 251 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S, 106. Zitat nach Kretschmann. Martin nutzte diese Freiheiten leidlich aus und erstellte bereits ab 1852 lebenswahre Tierpräparate für Privatpersonen und andere Museen, wie zum Beispiel das Museum des Naturwissenschaftlichen Vereins für das Fürstentum Lippe in Detmold. Die Arbeiten stießen dort auf großes Interesse und halfen, seine neuen Methoden der Taxidermie weiter zu verbreiten. Rickling/Springhorn, 175 Jahre in 175 Tagen. Lippisches Landesmuseum Detmold, 2010, S. 30. 252 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Personalakte Martin Bl. 3 a. MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17, 153 u. 166. 253 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, Personalakten Martin, Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. Leider lässt sich nicht mehr genau feststellen, welche Präparate im Magazin des heutigen Museums für Naturkunde an der Humboldt-Universität von Martin angefertigt wurden. 254 Zu Peters s. Frädrich/Klös, Die Arche Noah an der Spree, 1994, S. 65. Zu Peters vgl. a. Kap. 4.2.4, S. 347ff. Vgl. Abb. 11, S. 89. 255 Braun, Das zoologische Museum 1910, S. 380. 2.6 Berliner Jahre 89 Arbeit betrachtete.256 Zuerst galt es, seiner Ansicht nach, Ordnung zu schaffen und – so war sein Plan – jedes Stück der Sammlung zu bestimmen.257 Auch die Anlage von wissenschaftlichen Katalogen, die Abgleichung mit den Sammlungsgegenständen, ihre Etikettierung, Nummerierung und systematische Ordnung und Aufstellung trieb er voran.258 Sein Impetus als Schüler des Physiologen und Anatomen Johannes Müller (1801-1858) war es, die Anatomie als hauptsächliche Basis für die taxonomische Systematik heranzuziehen und nicht nur die äußeren Merkmale zu berücksichtigen.259 Auch eine neue Aufgabenverteilung unter den Angestellten des Museums nahm er in Angriff. So wurden zum Beispiel die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums von „mechanischen Arbeiten“, wie dem Schreiben von Listen oder Präparationsaufgaben, befreit, um sich stärker der Forschung widmen zu können.260 Die Folgen dieser Reorganisation des Museums bekam auch Philipp Leopold Martin zu spüren. So schränkte Peters die von seinem Vorgänger großzügig gewährten Privilegien ein. Martin sollte sich von nun an wieder mehr seinem eigentlichen Aufgabenbereich im Museum widmen. Daher ordnete Peters, woran sich Martin Jahrzehnte später noch schmerzlich erinnerte, sofort „die Aufhebung [der] im Entstehen begriffenen Conservatorenschule“ an.261 In einer von dem „2ten technischen Gehülfen“ Martin zu unterzeichnenden „Erinnerung“ wies er diesen nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt darauf hin, dass er von nun an wieder „täglich von 9 bis 1 Uhr Vormittags und Nachmittags von 3 bis 6 Uhr oder bis zum Dunkelwerden auf dem Museum zu arbeiten habe“.262 Auch dürfe er, so Peters, „keine Arbeiten für sich oder andere gegen das Interesse des Museums“ übernehmen.263 Peters entzog mit dieser „Ermahnung“ Martin die Erlaubnis, „andere Arbeiten auszuführen,“ da er es sie „zum Nachtheil des Museums“ missbraucht habe und „gegen die ihm gegebene Verfügung einen vollkommenen Handel mit Naturalien getrieben habe“.264 Jedes „Ansinnen fremder Personen [… an Martin] ein einheimisches frisches Thier auszustopfen“ müsse ab jetzt von Peters genehmigt werden.265 Martin, der sich unter Peters seiner privilegierten Stellung im Museum beraubt sah und die Auflösung der „Konservatorenschule“ als „Ausfluß einer persönlichen Opposition“ verstand, war nicht willens dies so einfach hinzunehmen und fühlte sich daher schon bald zu seinem 256 Jahn, Zur Vertretung der Zoologie, 1985, S. 270. 257 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 381. 258 Jahn, Zur Vertretung der Zoologie, 1985, S. 270. 259 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 381. Zu Johannes Müller vgl. Jahn, „Müller, Johannes“, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 425-426 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biogr aphie.de/pnd118585053.html. 260 Braun, Das zoologische Museum, 1910, S. 380. 261 Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 304. 262 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Personalakte Martin Bl. 4. 263 Ebd. 264 Ebd. 265 Ebd. 2 Biografie 90 „Abgang bewogen“.266 Eine neue Anstellung lag freilich noch in weiter Ferne und so blieb Martin vorerst nichts anderes übrig, als sich mit den neuen Verhältnissen am Museum zu arrangieren. Einem Bericht Peters an das Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten vom 30.8.1858 – anlässlich eines Urlaubsgesuchs Martins – ist zu entnehmen, dass Martin den Anordnungen Peters weitgehend Folge geleistet hatte.267 Er müsse, so Peters, „Martin das Zeugnis geben, dass er in den letzten Monaten stets fleißig für das Museum gearbeitet hat.“ Er könne „aber nicht unterlassen zu bemerken, dass es [ihm] große Schwierigkeiten gemacht hat, ihn dahin zu bringen, seine Pflichten zu erfüllen“ und er „wegen der beständigen Aufsicht“ nicht anders könne.268 Des Weiteren bemerkte er in diesem Bericht, dass Martin sich – jedenfalls Peters Aussage nach – „gegen den Willen des Direktors […] in den Besitz eigener Arbeitsräume gebracht“ hatte, wo es nicht möglich gewesen sei, ihn zu kontrollieren und die Zahl der „für seinen eigenen Vortheil ausgestopften Thiere“ stets eine viel größere gewesen sei, als die, welche er für das Museum präpariert habe, obgleich er ein Gehalt beziehe, „das dem der ersten wissenschaftlichen Kustoden gleichkommt.“269 Zu dieser weit strengeren Auslegung der Dienstanweisung durch Peters und der damit verbundenen Einschränkung von Martins „künstlerischen Freiheiten“ kamen zudem noch konträre Ansichten bezüglich der Aufgaben eines zoologischen Präparators und der Konzeption der zoologischen Sammlung hinzu. Für Peters hatte ein naturhistorisches Museum in erster Linie wissenschaftliche Aufgaben, vor allem bezüglich der taxonomischen Systematik, zu erfüllen.270 Martin hingegen betonte mehr die Bedeutung des zoologischen Museums als Medium der Volksbildung und maß daher einer lebenswahren Aufstellung der Tiere, möglichst umgeben von einer Nachbildung ihres natürlichen Lebensraums, eine weit größere Bedeutung zu.271 Daher sah er sich nicht in der Lage, „einen solchen Maschinendienst“, wie Peters ihn forderte, auf längere Zeit „aushalten zu können“ und „alle Thiere gerade aussehend aufstellen zu müssen, damit sie zu allen Launen einer stets schwankenden Systematik nach rechts und links passen, […]“.272 Sein verehrter Lehrer und Mentor Lichtenstein, der zu „seiner Zeit schon richtig erkannte, dass die damaligen Anstrengungen der Taxidermie selbst den geringen An- 266 Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 304. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 32 u. S. 224. 267 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Personalakte Martin Bl. 5-5 a. 268 Ebd. 269 Ebd., 5 a. 270 Peters, Philipp Leopold Martin, 1957/58, S. 30. Die Taxonomie ist die Theorie und Praxis der biologischen Klassifikation und entspricht weitestgehend dem Begriff Systematik. Taxonomische Merkmale können – heute – sowohl morphologische, ethologische als auch chemische sein. 271 Ebd. 272 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 32. 2.6 Berliner Jahre 91 forderungen der Wissenschaft nicht mehr entsprachen“, hatte es ihm im Gegensatz zu Peters bereitwillig gestattet „von dem steifen Schablonenwesen“ abzuweichen und „lebendigere Stellungen in das zoologische Museum“ zu bringen.273 Diese gegensätzlichen Ansichten ließen sich, ganz abgesehen von weiteren Animositäten, auf Dauer nicht vereinbaren. Aus diesem Grund kam Martin die notwendige Neubesetzung einer Präparatorenstelle am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart gerade recht. Neubeginn in Stuttgart Zu der Zeit als in Berlin der Konflikt Martins mit Prof. Peters eskalierte und dieser bereits mit dem Gedanken spielte, sich eine neue Stellung zu suchen, wurde im Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart ein Nachfolger des „Ersten Präparators“ gesucht. Der bisherige Amtsinhaber, der weithin bekannte Präparator Hermann Ploucquet (1816-1877), musste wegen eines schweren Augenleidens pensioniert werden.274 Ploucquet war seit seinem siebzehnten Lebensjahr, nachdem er zuvor eine Gärtnerlehre absolviert hatte, am Naturalienkabinett – zunächst als Gehilfe und später als Präparator – angestellt.275 Er entstammte einer „hugenottischen Patrizierund Adelsfamilie aus Lyon“, die unter Verzicht ihres Besitzes und des Adelstitels 1685 nach Württemberg ausgewandert war.276 Ähnlich wie Martin begann Hermann Ploucquet schon in frühester Jugend damit „Vögel und kleines Getier“ zu fangen, zu halten und die toten Tiere dann auszustopfen.277 Seine Verwandten sowie einige Stuttgarter Familien, die von der Fertigkeit des kleinen Hermann erfahren hatten, brachten nach und nach ihre verstorbenen Haustiere zu ihm, die er dann für ein kleines Entgelt präparierte.278 Sein handwerkliches Talent und seine künstlerische Begabung trugen dazu bei, dass er ein herausragender Präparator wurde, der in seinem Fachgebiet außerordentliches zu leisten im Stande war. Die fehlende wissenschaftliche Bildung und sein „schüchternes, ungewandtes und schwerfälliges Wesen“ setzen einer weiteren Karriere jedoch Grenzen.279 Dennoch machte er sich mit der Teilnahme an der Londoner Weltausstellung im Jahre 1851 und der Anfertigung von dramatischen Tiergruppen sowie grotesken und anthropomorphen Tierdarstellungen einen Namen.280 Diese Tiernachbildungen wurden zum Grundstock seiner privaten zoologi- 2.7 273 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 224. Vgl. oben die museologischen Ansätze Lichtensteins. 274 Vgl. Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 104. Zu Ploucquet vgl. a. Kap. 4.1.2. S. 302 f. u. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 61-65. 275 Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 99. 276 Ebd., S. 94ff. 277 Ebd., S. 98. 278 Ebd. 279 Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 100 u. 111. 280 Zu Ploucquet , seiner Präparationskunst und der Teilnahme an der Weltausstellung 1851 in London vgl. Kap. 3.1.1, S. 168ff. 2 Biografie 92 schen Ausstellung sowie eines kleinen Museums, das im Laufe seines Bestehens an verschiedenen Orten in Stuttgart beheimatet war.281 Dort verlebte der unverheiratet gebliebene, mittlerweile fast erblindete, Hermann Ploucquet in einem Anwesen mit großem Garten seine letzten Lebensjahre.282 Auf Grund seiner Augenerkrankung, die bereits Ende der fünfziger Jahre seine Tätigkeit als Präparator stark beeinträchtigte und das Ausscheiden aus den Diensten des Naturalienkabinetts zur Folge hatte, wurde Ploucquet von der Leitung des Stuttgarter Naturalienkabinetts und der übergeordneten Behörde, der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen, gebeten, Vorschläge für seine Nachfolge zu unterbreiten.283 Ploucquets Wahl fiel einmal auf Philipp Leopold Martin, den er während eines Aufenthaltes in Berlin auf Grund der Konsultation eines Arztes im Sommer 1858 im zoologischen Museum kennengelernt hatte und außerdem einen „gewißen Schmid,“ einen Naturalienhändler aus Offenburg.284 Dessen Bedingung, neben seiner Tätigkeit als erster Präparator, auch die private Naturalienhandlung weiter betreiben zu dürfen, geriet jedoch laut des „Anbringens des Ministerium des Kirchen- und Schulwesens“ an König Wilhelm I. in „Collisionen mit den dienstlichen Interessen.“285 So entschloss man sich Ploucquets Stelle Martin anzutragen.286 Aus einem Schreiben des am Berliner zoologischen Museum tätigen Zoologen Eduard von Martens geht hervor, dass der Leiter des Königlichen Naturalienkabinetts in Stuttgart Prof. Ferdinand Krauss bereits am 9. September angefragt hatte, ob Martin für die vakante Stelle des „Ersten Präparators“ in Stuttgart in Frage käme.287 Martens erwiderte am 27. September Krauss, dass Martin „vortrefflich ausstopfe“ und er sich wünsche, dass er dessen Präparate, wie „Antilopen, Löwen und sein Argali“ sehen könne, er würde sicherlich seine „Freude daran haben“.288 Auch der gegenwärtige erste Präparator des Königlichen Naturalienkabinetts Ploucquet, der während seines Aufenthalts in Berlin Martin kennengelernt hätte, könne dies bestätigen. Zudem wies Martens auf die Publikationstätigkeit Martins im „Journal für Ornithologie“ hin und dass dieser außerdem eine „größere Publikation“ plane.289 Die Differenzen mit Prof. Peters ließ Martens nicht unerwähnt. Er wolle dies nicht „verschweigen“, messe dem allerdings auch keine besondere Bedeutung zu. Vielmehr sei das Zerwürfnis mit seinem Vorgesetzten in nicht geringem Maß darauf zurückzuführen, dass dieser durch seine bestimmende Art und Kompromisslosigkeit Martin gereizt habe. Auch die Verschlechterung sei- 281 Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 104ff. 282 Ebd., S. 111. 283 HStAS E 14 Bü 1570. 284 Ebd., 34. 285 Ebd. 286 Ebd. Die Personalakten Philipp Leopold Martins bezüglich seiner Einstellung und Tätigkeit am Königlichen Naturalienkabinett sind zum großen Teil erhalten. Sie befanden sich zunächst im Archiv des Museums für Naturkunde in Stuttgart und sind mittlerweile zum großen Teil in die Bestände des Staatsarchivs Ludwigsburg eingegliedert worden. Bestand EL 229. 287 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Eduard Martens vom 27.9.1858. Zu Krauss vgl. Abb. 13, S. 105. 288 Ebd. Ein Argali ist ein im Osten Zentralasiens verbreitetes Riesenwildschaf, wiss. Name Ovis ammon. 289 Ebd. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 93 ner Stellung am Museum – er musste nun wieder mit seinem Kollegen Rammelsberg ein Zimmer teilen und seine „private“ – mit Duldung Lichtensteins – gegründete „Präparatorenschule“ wurde geschlossen, habe daran wohl großen Anteil.290 Trotzdem sei Martin ein sehr „thätiger und strebsamer“ Mensch, was auch andere Kollegen bezeugen könnten. Er sei, so bemerkt Martens am Ende seines Schreibens noch einmal derjenige, der am ehesten in der Lage ist Ploucquets Nachfolger in Stuttgart zu werden.291 In Folge dieses für Martin positiven Schreibens wandte sich Ferdinand Krauss am 28. September persönlich an Martin.292 Er habe von Ploucquet selbst erfahren, dass Martin geneigt sei, seine Stellung in Berlin zu verlassen und er wolle ihn darauf aufmerksam machen, dass dessen Stelle in Stuttgart in absehbarer Zeit „in Erledigung“ trete.293 Am 4. Oktober 1858 bewarb sich Martin mit dem folgenden Wortlaut um die Stelle des „Ersten Präparators“ in Stuttgart: „Euer Hochwohlgeboren gütige Zuschrift vom 28. Sept. d. J. gehorsamst erwidernd, kann ich nicht leugnen, dass es mir sehr erwünscht sein würde die Stellung, welche Herr Ploucquet zu verlassen im Begriff ist, […] am Königlichen Naturalienkabinett einnehmen zu dürfen.“294 Er habe, so Martin weiter, an sich nichts an seiner jetzigen Stelle in Berlin auszusetzen, „wenn nicht seit dem Tode des Professor Lichtenstein ein „[…] System eingeführt worden wäre, das sich mit ächter wissenschaftlicher Thätigkeit so wenig verträgt als mit sorgsamer, getreuer Nachahmung der Natur“. […] Zudem sei es in letzter Zeit zu „einigen Kränkungen gekommen, die mich um so mehr verletzten als ich gewohnt war, von […] Lichtenstein mit äußerster Achtung, ja ich würde fast sagen, liebevoll behandelt zu werden.“ „Deshalb bewerbe ich mich hiermit“, so Martin, „bei Ihnen um die Stellung als erster Präparator am Königlichen Naturalienkabinett, auf welche mich aufmerksam zu machen Sie die Güte gehabt haben.“295 Der Bewerbung waren ein Lebenslauf, Zeugnisse und Bescheinigungen, sowie ein „Kurzer Abriß [s]einer gegenwärtigen Methode im Ausstopfen größerer Säugethiere, etc.“ beigefügt.296 Am 9. Oktober stellte Ferdinand Krauss Martin die „Erlangung der Stelle“ als Erster Präparator in Stuttgart in Aussicht.297 Er solle sich offiziell bei der dem Naturalienkabinett übergeordneten Behörde, der sogenannten „Königlichen Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen“, welche wiederum eine Abteilung des 290 Ebd. 291 Ebd. 292 HStAS E 200 Bü 71. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Philipp Leopold Martin vom 4.10.1858. 293 HStAS E 200 Bü 71. 294 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Philipp Leopold Martin vom 4.10.1858. 295 Ebd. 296 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. 297 HStAS E 200 Bü 71. 2 Biografie 94 „Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens“ war, bewerben.298 Krauss hätte seinen „Abriß“ über seine Methode des Ausstopfens größerer Säugetiere gelesen und freue sich, „Proben [seiner] Geschicklichkeit zu sehen.“299 „Jedenfalls dürfe [er] überzeugt sein“, so Krauss weiter, „dass es niemandem angenehmer ist als mir möglichst naturgetreue Präparate zu erhalten und eine Naturaliensammlung nach allen Richtungen auf den Standpunkt zu bringen, auf welchem sie der Wissenschaft u. dem wissbegierigen Publikum Nutzen bringt.“300 Er werde zudem „Gelegenheit genug haben […] Taxidermie auszuüben und die Sammlung zu verschönern.301 Martin erwiderte in seinem Brief vom 14. Oktober, dass er „ganz besonders“ darüber erfreut sei, dass Professor Krauss ebenfalls „eine möglichst korrekte Aufstellung der Thiere“, hervorgehoben habe, „denn gerade in dieser Aufgabe liegt das ganze Wesen meiner Richtung und meines gesamten Strebens.“302 Der Aufforderung von Prof. Krauss folgend, sandte Martin am 14. Oktober seine „offizielle Bewerbung“ an die „Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen.“303 Darin erwähnte er die ihm bereits von Krauss unterbreiteten Bedingungen unter welchen die Stelle als erster Präparator vergeben werde: Eine „tägliche Arbeitszeit, mit Ausschluß der Sonn- und Feiertage von 8 bis 12 u. 2-6 Uhr, jährliche Besoldung 800 Gulden, Gestattung von Privatarbeiten innerhalb der Privatwohnung, wogegen es streng untersagt ist, eigene Sammlungen zu halten oder mit Naturalien Handel zu treiben“304 Martins selbst bitte „gehorsamst“, da er „alle seine hiesigen Verhältnisse aufgeben müsse“, dass ihm „alle Rechte eines Staatsbeamten zu Theil“ würden.305 Krauss wandte sich am 20. Oktober 1858 an die „Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen“.306 Er schlage hiermit „L. Martin aus Gnadenberg“ für die Neubesetzung der Stelle des ersten Präparators vor. Es sei notwendig, so Prof. Krauss, dass „diese Stelle wieder durch einen Mann besetzt wird, der im Ausstopfen von großen wie von kleinen Säugethieren u. Vögeln […] Meister ist u. der Sinn und Geschmack für eine schöne u. zweckmäßige Aufstellung der Thiere hat.“307 In dem darauffolgenden Schrift- 298 Ebd. 299 Ebd. 300 Ebd. 301 Ebd. 302 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 14.10.1858. Martin soll auch deswegen nach Stuttgart gewechselt sein, weil das Königliche Naturalienkabinett bereits damals als eines der Zentren für innovative Taxidermie galt. Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 9 u. S. 60. 303 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 14.10.1858 an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen. 304 Ebd. 305 Ebd. 306 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Ferdinand Kraus vom 20.10.1858 an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen. 307 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 14.10.1858 an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 95 wechsel zwischen Martin und der Leitung des Naturalienkabinetts, namentlich mit Krauss, kommen die Voraussetzungen und Begleitumstände des Stellen- und Ortswechsels Martins zu Sprache. So war er gezwungen, sein Mietverhältnis zu lösen, das Mobiliar zu veräußern, einen Weg zu finden wann und wie seine zweite Frau Valeska, geborene Beck, und sein vierjähriger Sohn Leopold nach Stuttgart übersiedeln konnten sowie die angefangenen Präparationsarbeiten am Berliner Museum zu beenden. Nicht zuletzt hatte er um Entlassung aus dem Staatsdienst und der preu- ßischen Staatsbürgerschaft nachzusuchen.308 „Erster Präparator“ am Naturalienkabinett Nachdem am 6. November 1858 im Staatsanzeiger von Württemberg offiziell die Pensionierung Ploucquets „wegen seiner durch Augenleiden herbeigeführten Dienstuntüchtigkeit“ bekannt gegeben wurde erhielt Martin vier Tage später, am 10. November, die erlösende Antwort auf seine Bewerbung am Naturalienkabinett in Stuttgart.309 In einem von Prof. Ferdinand Krauss am 11. November verfassten Brief heißt es: „Es freut mich sehr Ihnen zugleich in der Beilage das amtliche Decret überschicken zu können. Ich gratuliere Ihnen […] und wünsche, daß es Ihnen hier […] gefallen möge.“310 Martin wurde, laut „amtlichem Decret“ vom 9. November, das in Folge des oben erwähnten „Anbringens des „Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens“ an den König vom 8. November ergangen war, eingestellt. Darin heißt es: „Vermöge höchster Entschließung“ wurde durch „Seine Königliche Majestät dem hiesigen Naturalien Cabinet die unerledigte Stelle eines ersten Präparators mit dem Gehalte von 800 fl. dem Präparator vom zoologischen Museum in Berlin […] gnädigst übertragen, wovon die Direktion […] des Weiteren mit dem Auftrag in Kenntnis gesetzt wird, dem Präparator Martin nunmehr zur Lösung seines Dienstverhältnisses in Berlin zu veranlassen und darüber ob er für seine hiesige Anstellung wirklich die Pensionsberechtigung der Staatsdiener wünsche, des Weiteren mit ihm zu unterhandeln, wobei er jedoch das in Aussicht gestellte Zeugnis von dem Vorstande des Berliner zoologischen Museums noch beizubringen hätte.“311 Auf Grund seines zerrütteten Verhältnisses mit Prof. Wilhelm Peters konnte Martin jedoch kaum mit einem entsprechenden Zeugnis rechnen.312 Auch seine Dienstentlassung gestaltete sich komplizierter als erwartet, was seinen Arbeitsbeginn in 2.7.1 308 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Unter anderem der Brief Philipp Leopold Martins vom 20.10.1858 und 7.11.1858 an Ferdinand Krauss (A3/A5). 309 Staatsanzeiger für Württemberg vom 6.11.1858, S. 2249. 310 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Ferdinand Krauss vom 11.11.1858 (A6). 311 HStAS E 14 Bü 1570. 312 In den Personalakten Martins findet sich kein Zeugnis des Berliner zoologischen Museums. Martin hatte sich um ein solches bemüht und aus diesem Grunde auch direkt an den preußischen Kulturminister Moritz August von Bethmann-Hollweg gewandt. Er erhielt jedoch nur eine Anerkennung der „Tüchtigkeit seiner Leistungen […] am hiesigen zoologischen Museum“. Ein Zeugnis könne ihm 2 Biografie 96 Stuttgart weiter verzögerte. Besonders das zuständige „Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“ widersetzte sich.313 So schilderte Martin in einem Schreiben an Krauss vom 19. November 1858, mit welchen Mitteln die preußische Ministerialbürokratie seinen Weggang hinauszuzögern suchte.314 So hieß es zum Beispiel, dass kein geeigneter Nachfolger zur Verfügung stünde.315 Der preu- ßische Kulturminister Moritz August von Bethmann-Hollweg316 selbst hätte ihm, so Martin, „unverholen seine Mißbilligung in Betreff des Herrn Professor Peters zu erkennen gegeben und [sei] anfänglich für gütliche Einigung“ gewesen, was von Martin zu diesem Zeitpunkt allerdings „gar nicht mehr gewünscht“ wurde. Auch sei versucht worden, so Martin, ihm die Stelle des ersten Präparators in Breslau anzutragen, da der Amtsinhaber schwer erkrankt sei.317 Trotzdem suchte Martin gegen Ende November beim „Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“ um seine Entlassung aus dem preußischen Staatsdienst nach. Am 6. Dezember 1858 ließ Minister von Bethmann-Hollweg (1795-1877) den Direktor des Zoologischen Museums Wilhelm Peters wissen: „Der Conservator am zoologischen Museums, Martin hat mir angezeigt, daß er einen Ruf als erster Präparator an das Königlich Württembergische Naturalien=Cabinett zu Stuttgart erhalten habe und gebeten ist ihn in möglichst kurzer Zeit sein seiner jetzigen Verpflichtungen zu entbinden.318 Er bat Peters, Stellung dazu zu nehmen. Peters kam der Bitte des Ministers vier Tage später mittels eines langen Berichtes nach. Das Fazit war: Als sein Vorgesetzter habe er gegen die „sofortige Entlassung des Leopold Martin als zweiten technischen Gehülfen bei dem hiesigen zoologischen Museum nicht allein keine Bedenken entgegenzusetzen, sondern daß dieselbe […] besonders wünschenswert ist.319 Anschließend folgte eine Aufzählung der diversen „Vergehen“ Martins. Zudem hätte er, wenn Martin ihm nicht zuvor gekommen wäre, selbst dessen „Amtsentsetzung“ jedoch persönlich nicht ausgestellt werden. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Bethmann-Hollweg vom 8. März 1859. 313 Als Grund wurde später, so Martin, ein Formfehler seinerseits genannt. Martin vermutete allerdings, dass der Grund für die Verzögerung eine geplante Neubesetzung einer Präparatorenstelle in Breslau – und zwar mit ihm – gewesen sei. Vgl. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 29.12.1858 an Ferdinand Krauss. 314 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 19.11.1858 an Ferdinand Krauss. 315 Ebd. 316 Moritz August von Bethmann-Hollweg (1795-1877). Jurist und Politiker. Berater von Friedrich Wilhelm IV. 1823 u. 1829 Professor in Berlin und Bonn. 1858-1862 Minister für „geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“ im Königreich Preußen. Vgl. Fischer, “Bethmann-Hollweg, Moritz August von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 187 f. [Onlinefassung]; URL: http://w ww.deutsche-biographie.de/pnd118510339.html. 317 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 19.11.1858 an Ferdinand Krauss. 318 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Personalakte Martin Bl. 6. 319 Ebd., 9 2.7 Neubeginn in Stuttgart 97 beantragt.320 Am 21. Dezember ereilte Peters die Antwort des Ministeriums, dass „Leopold Martin die ihm nachgesuchte Entlassung aus seinem Amte zum 1ten Januar k. Jahres“ erteilt werde und er diesen davon in Kenntnis setzen solle.321 Einen Tag später, am 22. Dezember, wurde ihm die „mündliche Entlassung seitens des Museums, durch Herrn Professor Peters zu theil“, wie er in einem Brief an Prof. Krauss vom 29. Dezember bemerkte.322 Mit dieser „mündlichen Mittheilung“ war Martin jedoch noch nicht zufrieden, weshalb er sich erneut an das Ministerium wandte. Nun endlich – am 27.12.1858 – erfolgte mit Wirkung zum 1. Januar 1859 seine offizielle Entlassung aus dem preußischen Staatsdienst.323 Nachdem am 19. Januar, laut dem „Staatsanzeiger für Württemberg“, bekannt gegeben wurde, dass „Seine Königliche Majestät die Stelle eines ersten Präparators am K. Naturalienkabinett“ Martin „gnädigst übertragen“ hatte324, teilte er einen Tag später seinem neuen Vorgesetzten Krauss mit, dass „ich am künftigen Montag am 24. von hier nach Frankfurt abreisen werde, wo ich etwa 1 Tag zu bleiben gedenke um das Senckenbergsche Museum etc. besuchen zu können um dann jedenfalls den 27. Abends in Stuttgart einzutreffen.“325 Seine finanzielle Lage sei für einen „Beamten“, der seit 1. Oktober kein Gehalt mehr bezogen habe, doch etwas sehr hart.“326 Erst am 16. Februar wurde Martin „aus der Casse des Naturalienkabinetts“ ein Beitrag von 60 fl. „zu den Kosten seines Umzugs von Berlin hierher“ bewilligt.327 Am 1. Februar 1859 trat Martin endlich seine neue Stelle als „Erster Präparator“ mit dem Gehalt von 800 fl. am K. Naturalienkabinett in Stuttgart an.328 Laut des Entwurfs der „Dienstanweisung des ersten Präparators“ vom 13. Januar 1859 aus der Feder von Ferdinand Krauss und mit Korrekturen des Direktors der wissenschaftlichen Sammlungen versehen, oblagen ihm im Rahmen seiner neuen Tätigkeit unter anderem folgende Aufgaben: § 1 Der erste Präparator hat alle für das K. Naturalienkabinett erforderlichen Präparationsarbeiten auszuführen und die Conservatoren in ihren Arbeiten an der Anstalt zu unterstützen. Die Präparationsarbeiten bestehen […] im Abbalgen u. Ausstopfen der Säugethiere, Vögel, Reptilien u. Fische. […] Die Dienstleistungen zur Unterstützung der Conservatoren bestehen in der Mithilfe oder Ausführung aller zur Vermehrung u. zum Betrieb der Sammlung erforderlichen Arbeiten, […]. § 2 Der erste Präparator hat ferner ganz besonders dafür Sorge zu tragen, daß alle Sammlungsstücke […] vor dem Insektenfraß oder anderen schädlichen Einflüssen geschützt, […] ausgebessert und gereinigt werden. […]. 320 Ebd., 9 a. 321 Ebd., 7. 322 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 29.12.1858 an Ferdinand Krauss. 323 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Personalakte Martin Bl. 8. 324 Staatsanzeiger für Württemberg vom 19.1.1859. 325 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Philipp Leopold Martins vom 20.1.1859 an Ferdinand Krauss. 326 Ebd. 327 HStAS E 200 Bü 81. 328 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 16.2.1859. 2 Biografie 98 § 5 Derselbe hat jeden Werktag von 8-12 Uhr und von 2-6 Uhr in dem ausgewiesenen Locale zu arbeiten und in besonders dringenden Fällen auch zu anderen Zeiten das nöthige zu besorgen. […].329 Seine neue Tätigkeit am Naturalienkabinett unterschied sich daher – jedenfalls laut den ihm obliegenden Tätigkeitsbereichen – nicht grundsätzlich von der am Berliner zoologischen Museum.330 Zudem war es ihm auch in Stuttgart, wie der folgende Paragraf zeigt, offiziell nicht gestattet, privat Naturalien im Museum zu präparieren und eine eigene Sammlung aufzubauen: § 9 Dem Präparator ist es gestattet in seiner Freizeit in seiner Privatwohnung, aber nie in den Lokalen des Kabinets […] anderen Anstalten oder von Privatleuten übergebene Naturalien auszustopfen und zuzubereiten, dagegen ist es streng untersagt eigene Sammlungen zu halten und Naturalien zu verkaufen.331 Der zuletzt zitierte Paragraf der Dienstanweisung, in welchem wohl auch Bezug auf die Vorkommnisse in Berlin genommen wurde, legte Martins neuer Vorgesetzter Ferdinand Krauss anfangs nicht besonders streng aus. Martin selbst fand wenige Wochen nach seinem Dienstantritt für seine neue Wirkungsstätte nur lobende Worte. So schrieb er in einem Brief an einen Freund in Berlin, das Stuttgarter Naturalienkabinett sei: „zwar nicht so reichhaltig als das berliner zoologische Museum, doch mit viel größerer Sorgfalt aufgestellt und zugleich bei Weitem instructiver als jenes.332 Es birgt neben seiner unvergleichlichen Petrefacten=Sammlung auch eine sehr schöne Sammlung künstlicher Scelette u. die Säugethiere sind ganz besonders gut vertreten u. enthalten manche unica. An Vögeln ist die berliner Sammlung bedeutend [...] weil dort sehr viel nach Lokal-Fauna u. Altersverschiedenfarben etc. gesammelt worden ist.333 Bevor im Folgenden Martins Wirken in Stuttgart thematisiert wird, wenden wir uns zunächst – in aller Kürze – der Geschichte des Königlichen Naturalienkabinett und speziell der Situation zum Zeitpunkt des Dienstantritts Martins zu. Das Königliche Naturalienkabinett in Stuttgart Das spätere Königliche Naturalienkabinett ging aus der Kunst- und Wunderkammer der württembergischen Herzöge hervor, in der bereits gegen Ende des 16. Jahrhun- 2.7.2 329 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Dienstanweisung des ersten Präparators des K. Nat. Kabinetts. 330 Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 56. 331 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Dienstanweisung des ersten Präparators des K. Nat. Kabinetts. 332 Laut Lynn Nyhart war Martin die herausgehobene Stellung des Naturalienkabinetts bezüglich moderner Taxidermie und Ausstellungspraxis bekannt. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 9, S. 56 u. S. 60. 333 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief Martins an Herr Boehnow vom 25.3.1859. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 99 derts Naturalien gesammelt und aufbewahrt wurden.334 Dem Inventarbuch aus dem Jahre 1670 ist zu entnehmen, dass der damalige „Antiquarius“, der Lehrer Adam Ulrich Schmidlin (1627-1686), die Sammlung gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Gruppen von Kunstgegenständen, archäologischen Funden und Naturalien eingeteilt hatte, zum Beispiel in „Ausgebälgte Thier“, „Monstris auf Erden“ und „Monstris im Wasser.335 Erst mit dem „Antiquarius“ Johann Schuckardt (1640-1725) – zwanzig Jahre später – wurde ein naturwissenschaftlich Gebildeter Aufseher der herzoglichen Kunstkammer.336 Während der Zeit Schuckardts fanden die im Jahre 1700, auf Anordnung des württembergischen Herzogs Eberhard Ludwig (1676-1733) in Cannstatt ausgegrabenen, berühmten „Fossilia Cannstadiensia“ – Skelettreste eines Mammuts – ihren Weg in die Herzogliche Kunstkammer.337 Sie begründeten die reichhaltige Sammlung von Überresten eiszeitlicher Elefanten. Die dort befindlichen Mammutüberreste dienten hundert Jahre später nicht nur Georges Cuvier (1769-1832) als Forschungsobjekt für Studien zu seinem Werk „Recherches sur les ossemes fossiles“ und damit der Begründung der Wirbeltierpaläontologie, sondern auch Martin für seine lebensgroße Mammutnachbildung.338 Unter dem aufgeklärten absolutistischen Herrscher Herzog Carl Eugen (1728-1793) bekam die Naturaliensammlung einen höheren Stellenwert.339 Carl Eugen kümmerte sich sogar persönlich um die Geschicke des Naturalienkabinetts. So erließ er bereits im Jahre 1749 die Anordnung, auf Fossilfunde im Gebiet von Holzmaden zu achten und diese gegebenenfalls im Naturalienkabinett in Stuttgart abzuliefern.340 Und nicht zuletzt befürwortete Herzog Carl Eugen 1789 die Anlage einer „vaterländischen zoologischen Sammlung“ und die Präsentation „Wirtembergischer Thiere“ – jeweils ein Männchen, ein Weibchen sowie ein Jungtier in einem be- 334 Dehlinger, Württembergs Staatswesen, 1951, S. 597. Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 5. Unter diesen befand sich der bis heute erhalten gebliebene Schädel eines eiszeitlichen Riesenhirsches, der laut Aufschrift bereits im Jahre 1600 der Sammlung zugeführt worden war. Auch im ältesten Inventarbuch der Herzoglichen Kunstkammer, dem „Inventarium über die Fürstl. – Kunstkammer allhie zu Stuttgardten“, des „Antiquarius“ Johan Betzen, dem sogenannten „Betzschen Inventar“ aus dem Jahre 1654 sind Naturalien, darunter auch ein „Stückh von einem langen Horn oder Zahn“ – wohl ein Mammutstoßzahn aufgeführt. Lampert, Die zoologische Sammlung, 1906, S. 1. Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 5 u. Lampert, Zur Geschichte des Könglichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 364 f. Schüz, 175 Jahre Staatliches Museum für Naturkunde in Stuttgart, 1967, S. 4. 335 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 366. 336 Ebd. 337 Lampert, Die Zoologische Sammlung, 1906, S. 1. Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 371. Vgl. Fraas, Die Mammutausgrabungen zu Cannstatt im Jahre 1700, 1861 und Memminger, Zu Canstatt ausgegrabene fossile Thierreste 1818. 338 Ziegler, Aus der Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 2. Schüz, 175 Jahre Staatliches Museum für Naturkunde in Stuttgart, 1966, S. 5 f. Zur Mammutnachbildung Philipp Leopold Martins vgl. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung Philipp Leopold Martins, 1961. Ziegler, Aus der Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 2. 339 Quarthal, Die „Hohe Carlsschule“, 1988, S. 36. 340 Ziegler, Aus der Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 2. 2 Biografie 100 sonderen Raum des Naturalienkabinetts.341 Schon damals sollen, wie Lampert berichtet, die 400 „wirtembergischen“ „vierfüßigen Tiere und Vögel“ von dem naturkundlich bewanderten Uracher Bürgermeister nach annähernd „biologischen“ Gesichtspunkten ausgestopft worden sein.342 Das Herzogliche Naturalienkabinett in Stuttgart gehörte damit wohl zu den ersten naturhistorischen Sammlungen, in denen zumindest in Ansätzen auf eine naturnahe Darstellung Wert gelegt wurde.343 Der zu dieser Zeit für die naturkundliche Sammlung zuständige Antiquarius Johann Friedrich Vischer (1726-1811) führte außerdem ein nach wissenschaftlichen Kriterien orientiertes Inventarisierungssystem ein. Zwar ordnete Vischer die zoologische Sammlung noch nicht nach dem damals aktuellen System Carl von Linnés (1707-1778) sondern nach eigenen Prinzipien, aber trotzdem stellten Vischers Inventarisierungen einen nicht unerheblichen Fortschritt gegenüber der vorher mehr oder weniger willkürlichen Ordnung der Sammlung dar.344 Im Jahre 1791 erfolgte schließlich, durch Herzogliches Reskript vom 21. Mai, der erste Schritt zur Aufteilung des württembergischen Kunst- und Naturalienkabinetts in vier Teilgebiete. Die Teilung der Kunstkammer markierte den eigentlichen Beginn der Geschichte des Herzoglichen, später Königlichen, Naturalienkabinetts.345 Ein Jahr später, am 18. Juni 1792, wurden die „drei Reiche“ der Naturgeschichte, das „regnum animale“, „regnum vegetabile“ und das „regnum minerale“ – im Nebenamt – Professoren der „Hohen Carlsschule“ übertragen.346 Die Naturaliensammlung von damals ungefähr 10.000 Exponaten diente zu dieser Zeit hauptsächlich dem Unterricht an der Hohen Carlsschule“.347 Nach der Auflösung der „Hohen Carlsschule“ – wenige Monate nach dem Tod Carl Eugens am 24. Oktober 1793 – durch Herzog Ludwig (1731-1795) im Frühjahr 1794, verblasste der Glanz der württembergischen Naturaliensammlung.348 Sie sollte für die nächsten fünfzig Jahre im Nebenamt von den jeweiligen Hofmedici und Leibärzten des württembergischen Herzogs, so zum Beispiel von Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth (1772-1835) oder Carl Christoph Friedrich 341 Ges. d. Freunde u. Mitarb. d. Staatl. Museums f. Naturkunde i. Stuttgart e. V. 1952, Das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart, S. 4. Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 372. Zur Identitätsstiftung durch Naturaliensammlungen und dem nationalen Prestige vgl. auch Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 268. 342 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896. S. 373. Überprüfen lässt sich dies heute nicht mehr. 343 Ges. d. Freunde u. Mitarb. d. Staatl. Museums f. Naturkunde i. Stuttgart e. V. 1952, Das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart, S. 4. Vgl. dazu auch Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 57 f. u. S. 60. 344 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 6. 345 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 10. Dehlinger, Württembergs Staatswesen, 1951, S. 603. Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts,1896, S. 367. 346 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 10. Dehlinger, Württembergs Staatswesen, 1951, S. 603. Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 367. Zur Hohen Carlsschule vgl. Quarthal, Die „Hohe Carlsschule“, 1988, S. 35-48. 347 Ziegler, Aus der Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 2. Dehlinger, Württembergs Staatswesen, 1951, S. 603. 348 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 10ff. Zur Hohen Carlsschule vgl. a. Quarthal, Die „Hohe Carlsschule“, 1988, S. 35-48. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 101 Jäger (1773-1828), betreut werden.349 Zudem befand sie sich während der Regierungszeit der Herzöge Friedrich Eugen (1732-1797) und Friedrich II. (1754-1816) – ab 1806 der erste König Württembergs – in sehr beengten Verhältnissen im Alten Schloss in Stuttgart. König Wilhelm I. (1781-1864) schenkte dem Naturalienkabinett wieder mehr Beachtung. Bereits im ersten Jahr seiner Regentschaft wurde durch königliches „Reskript“ vom 17. Februar 1817 eine neue Oberbehörde der Mittelstufe350, die sogenannte „Direction der wissenschaftlichen Sammlungen des Staates“ ins Leben gerufen, welcher die Münz-, Medaillen-und Kunstsammlungen sowie das Naturalienkabinett und die öffentliche Bibliothek unterstellt wurden.351 Erster Direktor dieser dem Ministerium des Kirchen- und Schulwesens zugehörigen Mittelbehörde wurde der Professor Carl Friedrich Kielmeyer (1765-1844) , der unter anderem als einer der Wegbereiter des Entwicklungsgedankens gilt.352 Mit der Grundsteinlegung des neuen Gebäudes für die seit 1806 Königliches Naturalienkabinett genannte Sammlung und das Königliche Haus- und Staatsarchiv an der Stuttgarter Neckarstraße 4/6 am 28. Mai 1822, begann die Blütezeit des Naturalienkabinetts im 19. Jahrhundert.353 Erster „Aufseher“ des neuen, in den Jahren 1826/27 bezogenen und bereits 1837 um ein weiteres Stockwerk erweiterten, Museums wurde der bisherige Leiter Georg Friedrich Jäger (1785-1866), ein Arzt sowie Professor für Chemie und Naturgeschichte an einem Stuttgarter Gymnasium, der diese Tätigkeit zunächst im Nebenamt ausübte.354 Leider fanden nur wenige in der ehemaligen Herzoglichen Kunstkammer und dem Herzoglichen Naturalienkabinetts aufbewahrten Naturalien, in erster Linie paläontologische Exponate, wie die 1816 am Cannstatter Seelberg entdeckte Gruppe von Mammutstoßzähnen, eine Heimat im neuen Naturalienkabinett, so dass die Ergänzung und Erweiterung der Sammlung unumgänglich wurde.355 Den Anfang machten Präparate aus der von König Wilhelm I. aufgelösten Menagerie seines Vorgängers im Stuttgarter Schlossgarten, die von 1812-1817 Bestand hatte.356 Auch durch Forschungsreisende, wie Herzog Paul Wilhelm von Württemberg (1797-1860), dem Vetter Königs Wilhelms I. sowie Baron von Ludwig (1784- 1847) erhielt das Naturalienkabinett zahlreiche Präparate von Säugetieren, Vögeln und Reptilien aus der Tierwelt Nordamerikas und Südafrikas.357 Der Umzug, die Einrichtung der Sammlung und natürlich die Inventarisierung neuer Präparate und Sammelobjekte überforderten den alleinigen neuen Aufseher des Naturalienkabinetts jedoch 349 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 10ff. 350 Dehlinger, Württembergs Staatswesen, 1951, S. 585. 351 Ebd. u. Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 368. 352 Dehlinger, Württembergs Staatswesen, 1951, S. 585. Zu Kielmeyer vgl. Kanz, Philosophie des Organischen in der Goethezeit, 1994. 353 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 375. 354 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 16. 355 Ebd., S. 13 f. Die Sammlung war zudem aufgrund von Insektenfraß und häufigen Umzügen erheblich dezimiert worden. 356 Zur Menagerie König Friedrichs I. vgl. zum Beispiel Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910. Stricker, Geschichte der Menagerien und der zoologischen Gärten, 1879. 357 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 22. 2 Biografie 102 bald, so dass zudem eine Aufstockung des Personals erforderlich wurde.358 Zu diesem Zeitpunkt bestand das Personal des Naturalienkabinetts nur aus dem Aufseher Georg Friedrich Jäger, dem alle „drei Naturreiche“ zugeordnet waren, einem „Unteraufseher“ und einem „Zubereitungsgehilfen“, der beim Abbalgen und Ausstopfen behilflich sein musste.359 Abbildung 12: Das Königliche Naturalienkabinett in Stuttgart Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Nach einer Visitation des Naturalienkabinetts durch Ministerialbeamte im Jahre 1838 wurden neue finanzielle Mittel und Stellen – erneut für nebenamtliche „Aufseher“ – in Aussicht gestellt.360 Aber erst zwei Jahre später trugen die Bemühungen Jägers Früchte und die neu geschaffene Stelle eines zweiten Aufsehers für die mineralogische und geognostische Abteilung wurde mit dem Bergrat Dr. Johann Karl Ludwig Hehl (1774-1853) besetzt.361 Die Stelle des Unteraufsehers, die seither ein Militärarzt inne hatte, dem auch die Präparationsarbeiten oblagen, erhielt ebenfalls im Jahre 1840 Dr. Ferdinand Krauss (1812-1890), der von einer Forschungsreise nach Südafrika zurückgekehrt war, auf welcher er auch für das Stuttgarter Naturalienkabinett Naturalien gesammelt hatte.362 Aufgrund seiner besonderen Verdienste wurde für Krauss fünf Jahre später eine Stelle als dritter Aufseher geschaffen.363 Nachdem Hehls Stelle, wegen seines Abschieds aus gesundheitlichen Gründen im Jahre 1852, der ehemalige Pfarrer und Schüler des berühmten Paläontologen und Geologen 358 Ebd., S. 17. 359 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 380. 360 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 19. 361 Ebd., S. 18. 362 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts,1896, S. 381. Zu Krauss vgl. Kap. 4.2.4, S. 350ff. 363 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 381. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 103 Friedrich August Quenstedt (1809-1889), Oscar Friedrich Fraas (1824-1897) erhielt, befanden sich nun die zwei Persönlichkeiten in Diensten des Naturalienkabinetts, die dessen Geschick bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmen sollten.364 Die Situation kurz vor dem Eintritt Philipp Leopold Martins in das Naturalienkabinett im Jahre 1859 stellte sich also wie folgt dar:365 Baulichkeiten Die Naturaliensammlung befand sich in dem 1822 begonnenen und 1826-1827 fertig gestellten Neubau des Naturalienkabinetts und Staatsarchivs an der Neckarstraße 4/6 in Stuttgart, der auf Anordnung König Wilhelms I. errichtet worden war.366 Die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen hatte zu diesem Zeitpunkt der bereits erwähnte Carl Friedrich Kielmeyer inne, der bei der Einrichtung sein Hauptaugenmerk auf eine ordnungsgemäße, das Auge zufriedenstellende Aufstellung richtete.367 Das Gebäude war ein „einfaches Längshaus mit Hochparterre“, mit anfangs einem und ab 1837 drei Stockwerken. Im Hochparterre war das Königliche Haus- und Staatsarchiv beheimatet, im ersten und zweiten Stock das Naturalienkabinett. 1865 wurde entlang der Archivstraße noch ein weiterer Flügel angebaut, der für die Aufnahme der Naturaliensammlung des 1817 von König Wilhelm I. gegründeten Landwirtschaftlichen Vereins dienen sollte.368 Diese Sammlung wurde 1850 in den Besitz des Vereins für Vaterländische Naturkunde überführt und 1863 dem Naturalienkabinett angegliedert. Die Aufgabe derartiger Regional- und Heimatsammlungen, die es auch in anderen deutschen Staaten gab, war es, neben der Forschung und Volksbildung auch identitätsstiftend zu wirken.369 Gegenüber dem neuen Flügel befand sich das Verwaltungsgebäude, in dem auch die Präparationswerkstatt untergebracht war, in der Ploucquet, Martin und andere wirkten. Der erste und zweite Stock in der Neckarstraße war allein der Naturaliensammlung vorbehalten. Die Ausstellungsfläche betrug insgesamt ungefähr 1230 qm.370 Personal Zu Martins Zeit war Prof. Dr. Ferdinand Krauss erster Konservator und administrativer Leiter des Naturalienkabinetts. Er zeigte sich für die zoologische und botanische Sammlung verantwortlich und wurde damit sein direkter Vorgesetzter. Der zweite, für die paläontologische und geognostische [geologische] Sammlung zuständige, Konservator war Prof. Dr. Oskar Fraas.371 Martins Vorgänger im Amt 364 Ebd., S. 380 f. 365 Vgl. dazu auch Büchele, Stuttgart und seine Umgebungen für Einheimische und Fremde, 1858, S. 130-137. 366 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 14. 367 Rauther, Rückblick auf das Werden der Württ. Naturaliensammlung, 1941, S. 9. 368 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 377 f. 369 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 268 f. 370 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 378. 371 Ebd., S. 381. Zu Krauss und Fraas vgl. Abb. 13 u. 14, S. 105. 2 Biografie 104 des ersten Präparators, der schon mehrere Male erwähnte Hermann Ploucquet, wirkte von seinem siebzehnten Lebensjahr an als Präparationsgehilfe und später als Erster Präparator am Naturalienkabinett.372 Ferdinand Krauss (1812-1890). Abbildung 13: Oskar Fraas (1824-1897).Abbildung 14: Im Zuge des personellen Revirements Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde zudem noch die Stelle eines zweiten Präparators geschaffen, die meist mit „Militärunterärzten“ – aufgrund ihrer anatomischen Kenntnisse – besetzt wurde.373 Des Weiteren waren am Naturalienkabinett Hilfskräfte angestellt, die unter anderem den Präparatoren zur Hand gingen.374 Sammlung Die Sammlungen, insbesondere auch die Schausammlung, erfuhren unter der Leitung von Ferdinand Krauss und Oskar Fraas großen Auftrieb.375 Krauss suchte nicht nur die zoologische Sammlung, zum Beispiel durch seine vielfältigen Kontakte ins Ausland, zu mehren, sondern legte auch großen Wert auf eine gefällige, sowohl den Wünschen des Publikums als auch der von Wissenschaftlern entsprechende, Aufstellung.376 So waren dort neben der nach systematischen Gesichtspunkten gegliederten und präsentierten Hauptsammlung in der württembergischen Lokalsammlung 372 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 60-65. Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 99. Adam, Aus der 200jährigen Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 5. 373 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 383. 374 Ebd. 375 Lampert, Zur Geschichte des Königlichen Naturalienkabinetts, 1896, S. 382 376 Ebd. Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 60. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 105 auch lebenswahr gestaltete Präparate und Tiergruppen zu besichtigen.377 Der Zweite Konservator Oskar Fraas trug im Rahmen seiner Tätigkeit als Verwalter der paläontologischen Sammlung, Erforscher der frühen Tierwelt Württembergs und nicht zuletzt auch als Popularisator paläontologischen und geologischen Wissens, viel dazu bei, dass das Königliche Naturalienkabinett, wie Adam bemerkte, bereits während des 19. Jahrhunderts „zu einer im Lande weithin bekannten und allgemein geschätzten Bildungseinrichtung“ wurde.378 So propagierte Fraas im Mai 1855, als er seinen Dienst antrat, eine Verschmelzung der paläontologischen und geognostischen Sammlung, um dadurch „das vollständigste Bild von den Entwicklungsstufen der Erde“ zu erhalten.379 Auch die Öffnungszeiten verbesserten sich im Laufe dieser Umgestaltung kontinuierlich. Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Besuch des Naturalienkabinetts und seiner Sammlungen nicht ohne „bürokratische Umwege“ möglich war, stand es zu Martins Zeit an bestimmten Tagen und Zeiten allen interessierten Besuchern offen.380 So war die Sammlung am Sonntag um die Mittagszeit sowie an Feierund Werktagen nachmittags für einige Stunden dem freien Zutritt des Publikums ge- öffnet.“381 Weiterhin konnten „auf besonderes Anmelden […] einzelne Besucher von 11 bis 12 Uhr eingeführt“ werden. Ein Zutritt aus „wissenschaftlichen Zwecken“ wurde nach Antrag an die Direktion oder die Konservatoren des Naturalienkabinetts gewährt.382 Erste Konflikte Die Anstellung Martins als neuer zoologischer Präparator des Königlichen Naturalienkabinetts und Nachfolger Hermann Ploucquets war auf Grund der zur damaligen Zeit modernen Konzeption der Sammlung folgerichtig. Allerdings ahnte der damalige Leiter Ferdinand Krauss anfangs noch nicht, dass er sich nicht nur einen au- ßerordentlich talentierten Präparator in sein Museum holte, sondern auch einen eigenwilligen und selbstbewussten Charakter. Martins Ansehen und seine Reputation als Präparator, der „vortrefflich größere Säugetiere und Vögel in sehr lebendigen, schönen Stellungen ausstopfen“ konnte, wie der Zoologe Eduard von Martens an Prof. Krauss in Stuttgart berichtete383, bekam daher schon bald erste Risse. Einer der ersten Konflikte mit seinem neuen Vorgesetzten wurde bereits wenige Jahre nach seinem Dienstantritt in Stuttgart aktenkundig. So ist in den im Archiv des Museums für Naturkunde in Stuttgart befindlichen Personalakten Martins ein Protokoll von 2.7.3 377 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 60. 378 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 19. Adam, Aus der 200-jährigen Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 4 f. 379 Zit. n. Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 19. Zur paläontologischen Sammlung vgl. auch Fraas, Die geognostische Sammlung Württembergs, 1869. 380 Warth/Ziegler, Aus der Frühzeit des Naturalienkabinetts, 1991, S. 14. 381 HStAS E 200, Bü 71. 382 Ebd. 383 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Brief von Eduard von Martens vom 27.9.1858. 2 Biografie 106 Krauss über einen „Auftritt“ Martins erhalten.384 Hierbei gerieten Martin und Krauss über die Behandlung eines Kängurubalgs in Streit. Krauss kritisierte Martins Vorgehensweise, den beschädigten Balg – aus konservatorischen Gründen – zu lange in „Alaunwasser“ liegen zu lassen, Martin widersetzte sich der Kritik von Krauss385, was dieser als Affront betrachtete. Krauss entgegnete Martin daraufhin, dass er sich „solche Auftritte ein für allemal verbitte“ und er [Martin] ohnehin „einen ungeheuren Kamm auf dem Kopf […]“ trage, denn sonst würde er auf die Einwendungen seines Vorgesetzten nicht so unverschämt reagieren.386 Martins Reaktion ist durchaus nachvollziehbar. Auf Grund seiner bereits langjährigen Erfahrung als zoologischer Präparator dachte er wahrscheinlich, derartige Belehrungen nicht notwendig zu haben und betrachtete diese als persönlichen Angriff. Im Laufe der Zeit wurde Martins Verhältnis zu Krauss – nach anfänglich beidseitigem Respekt und Bewunderung – immer angespannter. Krauss überwachte misstrauisch die Arbeit Martins und seiner Kollegen, was eine im Archiv des Museums für Naturkunde befindliche Abbildung treffend karikiert. Darauf ist zu erkennen, wie Krauss mit strengem Blick die Arbeit seiner Präparatoren durch ein Fenster des Präparatorium beaufsichtigt.387 Abbildung 15: Präparatorium des Königlichen Naturalienkabinetts in Stuttgart. Zweiter v. r., Philipp Leopold Martin. Dritter v. r. Ferdinand Krauss. Zeitgenössische Karikatur von Ferdinand Schlotterbeck. 384 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 C. Protokoll über einen Auftritt zwischen Prof. Krauss und Präparator Martin am 14.12.1861. 385 Ebd. 386 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 C. Protokoll über einen Auftritt zwischen Prof. Krauss und Präparator Martin am 14.12.1861. 387 Adam, Aus der 200jährigen Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 20. u. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 49. Vgl. a. Abb 15, S. 107. 2.7 Neubeginn in Stuttgart 107 Dass diese Karikatur tatsächlich die Wirklichkeit widerspiegelt, belegt ein nur wenige Monate nach ersten Konflikt von Krauss minutiös festgehaltener neuer „unverschämter Auftritt“ Martins. Dieses Mal entzündete sich der Konflikt am Präparat eines Schakals.388 Die wiederholte Nachfrage von Krauss, um welches Präparat es sich genau handele, an dem er arbeitete, quittierte Martin ungehalten, woraufhin Krauss ihm mangelndes „Betragen“ vorwarf.389 Martin begann sich in zunehmendem Maß gegen die dauernde Überwachung seiner Arbeit zu wehren. Dem selbstbewussten und fast gleichaltrigen Philipp Leopold Martin missfiel die Gängelung durch seinen Vorgesetzten sehr, was die zum Teil überzogenen Reaktionen auf Fragen von Krauss deutlich zeigen. Der „kernige schwäbische Charakter“ von Krauss, dessen „Rauheit der äußeren Schale manchen vielleicht den trefflichen Kern“ nicht sofort erkennen ließen, wie ihn sein Nachfolger Lampert charakterisierte, mag einer Entschärfung des Verhältnisses zwischen Krauss und Martin ebenfalls nicht zuträglich gewesen sein.390 Daher sollten diese beiden Konflikte nicht die einzigen bleiben. Aufgrund seines angespannten Verhältnisses zu Prof. Krauss war Martin umso mehr an einem guten Kontakt zur übergeordneten Dienststelle, der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen gelegen. Bereits einige Monate vor diesem Vorfall, im Juli desselben Jahres, sandte er einen Sonderdruck seines Artikels über „Conserviermittel für naturhistorische Gegenstände“ an den Direktor des wissenschaftlichen Sammlungen Ministerialrat Dr. von Schmidlin und stellte die Sendung anderer von ihm verfassten Artikel in Aussicht.391 Seine weiteren Schreiben, von denen weiter unten noch die Rede sein wird, zeigen, dass dies wahrscheinlich nicht ohne Hintergedanken geschah. Martins Eingaben blieben in der Sache zwar erfolglos, dennoch scheinen sie ihm an der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen und später wohl auch am württembergischen Hof einen gewissen Bekanntheitsgrad verschafft zu haben. Dies zeigt die bereits 1862 an ihn herangetragene „Bitte“, die Pläne König Wilhelms I. zur Anlegung eines Akklimatisationsgartens im Unteren Schlossgarten in Stuttgart mit umzusetzen.392 Martin ist dieser Bitte, trotz seiner vielfältigen dienstlichen sowie weiterer Verpflichtungen, mit großer Freude nachgekommen. Hierbei wusste er nicht nur ausführend zu agieren, sondern durchaus auch eigene Akzente zu setzen.393 Ein Grund für seinen Enthusiasmus war sicherlich auch das Verhältnis zu Krauss und die, wie einer seiner frühen Biografen Karl Dietrich Adam bemerkte, seiner Krea- 388 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 C. Protokoll über einen Auftritt zwischen Prof. Krauss und Präparator Martin am 24.9.1862. 389 Ebd. 390 Lampert, Zum 100. Geburtstag von Direktor Dr. Ferdinand Krauss, 1912, S. 12. 391 HStAS E 200, Bü. 71. 392 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 100 f. Zur Akklimatisationsidee und ihrer Geschichte vgl. Anderson, Climates of Opinion, 1992, S. 135ff. 393 Vgl. im Folgenden. 2 Biografie 108 tivität und Begeisterungsfähigkeit nicht förderliche, „museale Enge“ des Naturalienkabinetts.394 Des Königs „Zoodirektor“ „Rex Agricolarum“ Der eigentliche Initiator des Akklimatisationsgartenprojektes war niemand geringer als der württembergische König Wilhelm I.395 Der als „Rex Agricolarum“ in die Landesgeschichte eingegangene Wilhelm erwarb sich im Laufe seiner langen, von 1816-1864, andauernden Regentschaft in vielfältiger Weise Verdienste um die württembergische Landwirtschaft, darunter auch um die Einführung neuer Nutztierarten.396 So gründete er bereits im Jahr 1818 das „Landwirtschaftliche Institut zu Hohenheim“ und begründete das „Landwirtschaftliche Fest“ in Cannstatt. Dieses sollte von nun an jedes Jahr am 28. September – einen Tag nach dem Geburtstag des Königs – stattfinden und den württembergischen Landwirten eine Plattform für die Präsentation ihrer Leistungen bieten.397 Des Weiteren förderte der König die Rinder- und Schafzucht und betrieb auf seinen Domänen selbst die Zucht edler Rassepferde.398 Nicht zuletzt unterhielt Wilhelm I. bereits seit mehreren Jahrzehnten im Favoritepark in Ludwigsburg – in der Nähe des Schlösschen Monrepos – einen kleinen „Akklimatisationsgarten“ zur „Heranbildung fremder Haustierrassen“ wie Yaks, Zebus, Kaschmir- und Angoraziegen sowie Axishirschen.399 Mit diesen Versuchen fremde, 2.8 2.8.1 394 Adam, Aus der 200jährigen Geschichte des Stuttgarter Naturkundemuseums, 1991, S. 20. Zudem zeigte Martin schon bevor er von Berlin an das Königliche Naturalienkabinett Stuttgart wechselte Ambitionen, tiergärtnerisch tätig zu werden. So hatte er sich 1858 um die Direktorenstelle des neu gegründeten Kölner Tiergartens beworben. Die Stelle erhielt allerdings der Mediziner Dr. Heinrich Bodinus (1814-1884) aus Greifswald. Vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 111 u. 189. Stadtarchiv Köln, Bestand 950, Nr. 1. Brief Philipp Leopold Martins vom 23.8.1858. 395 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 100 f. 396 Vgl. Sauer, Reformer auf dem Königsthron, 1997, S. 347ff. Grauer, Wilhelm I.,1960, S. 199ff. Es erscheint nur auf den ersten Blick paradox, dass Wilhelm I. die 1812 gegründete väterliche Menagerie im unteren Schlossgarten in Stuttgart auflöste. Die Haltung und Verköstigung der Tiere während der Agrar- und Hungerkrise in den ersten Jahren seiner Regentschaft war selbst für einen Monarchen mit nahezu absoluter Macht vor seinen Untertanen nicht verantwortbar. Zur Menagerie König Friedrichs I. vgl. Dittrich/Rieke-Müller, Von Zoos, Menagerien und Wandermenagerien, 1996, S. 149-167. Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 14-15. Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 7-13, Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 100 f. Zum Tierbestand vgl. a. Rueff, Zur Geschichte der zoologischen Gärten, 1875, S. 93-102. 397 Sauer, Reformer auf dem Königsthron, 1997, S. 350. Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 16. Grauer, Wilhelm I., 1960, S. 199ff. 398 Sauer, Reformer auf dem Königsthron, 1997, S. 351, Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 16 f. 399 Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 17. Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 22. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 109 exotische Nutztierarten einzuführen, gebührte König Wilhelm I. schon zu diesem Zeitpunkt die „Krone“, den wahrscheinlich ersten ernsthaft betriebenen Versuch auf dem europäischen Kontinent unternommen zu haben, mit „großem Kostenaufwand […] edle Haustierrassen erst auf seine Domänen und dann überhaupt in sein Land einzuführen“ wie David Friedrich Weinland im „Zoologischen Garten“ berichtete.400 Die Akklimatisationsidee „erobert“ Europa Während der letzten Jahre seiner Regentschaft plante der greise Monarch die Anlage eines größeren königlichen Akklimatisationsgartens bei Schloss Rosenstein in den „unteren Anlagen“ des Stuttgarter Schlossgartens.401 Wann genau Wilhelm I. den Wunsch zur Gründung eines solchen Instituts zum ersten Male formuliert hatte, lässt sich im Detail nicht mehr nachvollziehen. Es ist davon auszugehen, dass Wilhelm I. bei seinem Besuch in Paris im Jahre 1856, der aus politischen Gründen „inkognito“ erfolgte402, wohl über die Planungen im Bois de Boulogne einen Akklimatisationsgarten zu gründen informiert wurde. Wie bei Neugebauer und Klunzinger zu lesen ist, soll er diesen besucht haben, was aber recht unwahrscheinlich ist, da der Bau ein Jahr später überhaupt erst in Angriff genommen wurde.403 Die Gründung des Pariser Akklimatisationsgartens wurde von der „Société anonyme Zoologique d’Acclimatation“ initiiert, deren erster Präsident der Lehrstuhlinhaber für Zoologie am Museum d’ Histoire Naturelle Iisidore Geoffroy St. Hilaire (1772-1844) war.404 Die Hauptaufgabe dieser Gesellschaft war es, die Bestrebungen der Akklimatisation und Ansiedlung neuer Tiere und Pflanzen in Europa zu fördern und zu unterstützen. Daneben sollte sie die Verwaltungen der französischen Kolonien bei der Akklimatisation von Pflanzen und Tieren beraten und zur Seite stehen.405 1858 besaß die „Société anonyme Zoologique d’Acclimatation“ bereits 1.800 Mitglieder, darunter auch zahlreiche einflussreiche Bankiers und Offiziere.406 Dies zeigt recht deutlich, welche Rolle maßgebliche Kreise aus der Regierung, Politik und Wirtschaft der Akklimatisations- 2.8.2 400 Weinland, Ein Besuch im Acclimatisationsgarten bei Paris, 1862, S. 46. 401 Zur Geschichte des Schlossgartens in Stuttgart vgl. John, Die königlichen Gärten des 19. Jahrhunderts in Stuttgart, 2000. Fecker, Stuttgart – Die Schlösser und ihre Gärten, 1996. Gerhardt, Stuttgarts Kleinod, 1936. 402 Zum Besuch Wilhelms I. in Paris und den politischen Gründen vgl. Sauer, Reformer auf dem Königsthron, 1997, S. 543ff u. Grauer, Wilhelm I., 1960, S. 367ff. 403 Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 18, Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 21. Zum Akklimatisationsgedanken und dem Pariser Akklimatisationsgarten vgl. Baratay/ Hardouin-Fugier, Zoo, 2000 u. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 115ff. 404 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 116ff. Hoage/Deiss, New Worlds, New Animals, 1996, S. 38ff. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 88. 405 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 116 f. 406 Anderson, Climates of Opinion, 1992, S. 144. 2 Biografie 110 idee beimaßen. Die Planungen zum Bau des Gartens „im Boulogner Gehölz“407 begannen schon 1853, realisiert wurden sie aber erst ab 1857.408 Das notwendige Kapital von 140.000 Franc wurde durch den Verkauf von Aktien beschafft. Das Gelände des zukünftigen Akklimatisationsgartens betrug 19-20 Hektar.409 Die ursprünglichen Aufgaben des Gartens bestanden darin, als „Versuchsgarten“ zur Akklimatisation fremder Tierarten sowie als „Schaufenster“ für deren Erfolg zu dienen.410 Aber auch wirtschaftliche Interessen standen dahinter.So konnten im Garten Tiere oder ihre Erzeugnisse, wie Milch und Wolle, erworben werden, genauso wie Pflanzen und Blumen.411 Und nicht zuletzt sollte der neue Pariser Akklimatisationsgarten zur „Popularisierung des Kolonialgedankens“ beitragen.412 Wie Martin selbst erwähnte, besaß der Pariser Garten „seinem Programm“ als Institut zur Akklimatisierung „gemäß […] keine Affen und nur wenig Papageien, keine Raubthiere und Raubvögel, war aber mit Pferden, Wiederkäuern, Hühnern etc. desto reichlicher besetzt.“413 Trotz seines primär utilitaristischen und wissenschaftlichen Charakters machte man bereits in den ersten Jahren seines Bestehens Zugeständnisse an das Publikum.414 So wurden auch „Ponny’s, Strauße, Kamele und Elephanten“ gehalten, „auf welchen die Jugend reiten 407 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 89. 408 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 118. 409 Ebd. u. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 88 f. 410 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 118. Nyhart, Biology and Imperialism, 1995, S. 538. 411 Nyhart, Biology and Imperialism, 1995, S. 538. 412 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 118. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen der Kolonialisierung und dem Akklimatisationsgedanken ist nicht zu übersehen. So schreibt Anderson vom 19. Jahrhundert als dem „Century of Acclimatization“. Die europäischen Mächte – allen voran Frankreich und England – hatten damit begonnen auch die fremde, exotische Natur für ihren wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt zu nutzen und auszubeuten. So wie die europäischen Führer die politische Geografie veränderten, versuchten nun auch Wissenschaftler und Landwirte das bio- und tiergeografische Antlitz der Erde durch die Akklimatisierungsversuche von exotischen Tieren und Pflanzen zu verändern. Anderson, Climates of Opinion, 1992, S. 135. Osborne schreibt daher von der Akklimatisation als einer „colonial science par excellence". Vgl. Nyhart, Biology and Imperialism, 1995, S. 537 u. Osborne, Nature, the Exotic and the Science of French Colonization, 1994. 413 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 89. Dazu ist ergänzend zu erwähnen, dass der Garten bereits auf Grund des Krieges von 1870/71 stark gelitten hatte. Die größten Verluste und Verheerungen waren allerdings während der Zeit der sogenannten Pariser Kommune entstanden. Damals wurden viele Tiere geschlachtet und verzehrt oder kamen im Kugelhagel um. Vgl. Anderson, Climates of Opinion, 1992, S. 145. 414 Auf die Unterhaltungs- und Bildungsfunktion wird bei Martins Konzeption des Akklimatisationsgartens in Stuttgart noch einmal hingewiesen. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 111 oder mit ihnen fahren konnte.“415 Treffend und metaphorisch bezeichnete Philipp Leopold Martin in seiner „Praxis der Naturgeschichte“ den Garten im Bois de Boulogne als ein „heiteres, hübsches Blumenmädchen, […] das in aller Bescheidenheit uns die Auswahl der Blumen überläßt gegen den der ehrwürdige Jardin des Plantes wirke „wie ein alter liebenswürdiger Professor mit nicht endenwollender Redseligkeit.“416 Tatsächlich fand der Pariser Akklimatisationsgarten zunächst viel Zuspruch beim Publikum und das nicht zuletzt auch deswegen, weil neben den Schaustellungen der Tiere und den Fahr- und Reitmöglichkeiten für die Kinder auch öffentliche Vorträge angeboten wurden.417 Von Paris ausgehend verbreitete sich der Akklimatisationsgedanke in ganz Europa.418 Vereine, wie 1856 der „Acclimatisationsverein für die Königlich Preußischen Staaten“, entstanden und zahlreiche Fürsten wurden Mitglieder der „Société Zoologique d’Acclimatation“, so auch der württembergische König Wilhelm I. im Jahre 1858.419 Die Pläne des preußischen Akklimatisationsvereins, einen Garten zu gründen, blieben trotz prominenter und kompetenter Mitglieder, wie David Friedrich Weinland, der sich als Begründer der Zeitschrift „Der Zoologische Garten“ für die Akklimatisierungsidee engagierte sowie Alfred Edmund Brehm (1829-1884), in den Ansätzen stecken.420 Die meisten gekrönten Häupter Europas, die Mitglieder des Pariser Akklimatisationsvereins waren, beließen es bei der bloßen Mitgliedschaft und ideellen Unterstützung. Nur das Projekt Wilhelms I., wurde ansatzweise umgesetzt – wohl auch deshalb, weil dessen Interesse an Landwirtschaft und Tierzucht besonders ausgeprägt war. Bei den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland erfolgten zahlreichen Gründungen zoologischer Gärten spielte der Akklimatisationsgedanken allerdings keine herausragende Rolle mehr. Wenn, wie im Falle des Kölner und Frankfurter Zoos, auf Akklimatisierungserfolge hingewiesen wurde, so bedeutete Akklimati- 415 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 89. In den folgenden Jahrzehnten bis zur Jahrhundertwende wurde die eigentliche Aufgabe des Gartens mit seinen exotischen Nutzund Haustierrassen durch immer spektakulärere Ausstellungen von Elefanten, Tigern, Giraffen oder gar Völkerschauen an den Rand gedrängt. Die Akklimatisationsbewegung wurde immer bedeutungsloser und der Garten musste Konkurs anmelden. Vgl. Nyhart, Biology and Imperialism, 1995, S. 538. 416 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 88. Zu den Pariser Zoos und dem Jardin des Plantes vgl. zum Beispiel Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000, S. 84ff. Hoage/Deiss, New Worlds, New Animals, 1996, S. 33ff. Weinland, Ein Besuch im Jardin des Plantes, 1862. Weinland, Ein Besuch im Acclimatisationsgarten bei Paris, 1862. 417 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 88. 418 Zur Verbreitung des Akklimatisationsgedankens vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 115-124. Osborne, Nature, the Exotic and the Science of French Colonization, 1994. 419 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 119. 420 Ebd. S. 124. 2 Biografie 112 sierung vornehmlich die erfolgreiche Haltung und Zucht fremder Tierarten und weniger die „Einführung neuer Pflanzen und Thiere“.421 Das Akklimatisationsgartenprojekt König Wilhelms I. Der Plan König Wilhelms, einen Akklimatisationsgarten nach dem Vorbild des Pariser Instituts auch in der Residenzstadt Stuttgart zu projektieren, muss spätestens bis zum Jahre 1862 konkretere Züge angenommen haben.422 Zu diesem Zeitpunkt hatte Philipp Leopold Martin die ersten Entwürfe verfasst und dem Obersthofmeisteramt vorgelegt.423 Er habe sich die „Freiheit“ genommen, „Eurer Excellenz [dem Obersthofmeister]424 einen allgemeinen Entwurf für den von des Königs Majestät beabsichtigten Acclimatisationsgarten“ auszuhändigen und ihn „zur hochgeneigten Mittheilung an seine Majestät gelangen zu laßen“.425 Dass Martin, wie bei Dittrich und Rieke-Müller erwähnt, aus eigenen Stücken oder in Abstimmung mit anderen interessierten Stuttgarter Bürgern den Bau eines zoologischen Gartens angeregt und vorangetrieben hatte, ist wenig wahrscheinlich.426 Einem Brief Martins an das Obersthofmeisteramt vom 8. Februar 1863 kann jedenfalls entnommen werden, dass seine Entwürfe für den „von des Königs Majestät beabsichtigten427 Acclimatisationsgarten“ gedacht seien.428 In seinem ersten Schreiben mit dem Titel „Über den Zweck, den Werth u. über die Anlage zoologischer Gärten“ vom 30. Oktober 1862 führte er zunächst einmal „die allgemeinen Aufgaben“ zoologischer Gärten aus. Ihr Wert sei „nicht bloß ein wissenschaftlicher allein“ sondern sie würden insbesondere „national- ökonomischen Zwecken, die zu verfolgen ihr eigentlicher Beruf ist“ dienen, sowie „die allgemeine Bildung befördern“, weil sie in einem hohen Grade eine Gelegenheit „zum Selbststudium der Naturgeschichte“ böten.429 Dem „Beschauer“ würde zudem „eine Welt im Kleinen vor den Augen“ ausgebreitet, „die ihn mit Achtung und Liebe zu der Natur erfüllen muß.“430.Eine „Hauptaufgabe der zoologischen Gärten“ läge al- 2.8.3 421 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 121ff. Martin, Philipp Leopold, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), Weimar, 1878, S. 88. 422 Zum Beitrag Martins am Akklimatisationsgartenprojekt König Wilhelms I. vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 92-94. 423 StAL E 21, Bü 74, 1-2. 424 Anmerkung des Autors. 425 StAL E 21, Bü 74, 4. 426 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 192. Jedenfalls findet sich in den dem Autor vorliegenden Primärquellen kein entsprechender Hinweis. Die Idee den Akklimatisationsgarten eventuell über einen „Actienverein“ zu finanzieren, war allerdings Martins Idee. 427 Hervorhebung des Autors. 428 StAL E 21, Bü 74, 4. Neugebauer, Gerhardt und Klunzinger führen als alleinigen Initiator der Idee König Wilhelm I. an. Vgl. Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 18, Gerhardt, Stuttgarts Kleinod, 1936, S. 49 f. und Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 20ff. Vgl. a. StAL E 21, Bü 74, 10. 429 StAL E 21, Bü 74, 1. 430 Ebd. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 113 lerdings, wie Martin fortfährt, tatsächlich in der „Acclimatisation fremder Thiere, wodurch sie in directer Weise auf den Wohlstand der Menschheit einzuwirken berufen sind.“431 So beschränkt er sich in den folgenden Ausführungen vor allem auf Aspekte der Akklimatisation, verweist auf Erfolge in Frankreich, listet bereits akklimatisierte Tiere auf und legt nicht zuletzt dar, wie ein zur Akklimatisation von fremden Tierarten gedachter Garten zu planen und anzulegen ist.432 Der zweite Teil seines Schreibens an das Obersthofmeisteramt enthält schließlich den ersten, groben „Entwurf zu einem zoologischen Garten in den unteren Königlichen Anlagen“. Darin bezeichnet er das „von Seiner Majestät des Königs hierzu auserwählte Grundstück“ als „ganz geeignet“ und führt die Einteilung des Gartens für die verschiedenen Tierarten aus sowie die Art und Verteilung der Gehege und Gebäude, der Bassins und der Umzäunung. Als Tierarten, die den Garten bevölkern sollten, waren fast nur die vorgesehen, welche mehr oder weniger zur Akklimatisation geeignet schienen und langfristig einen gewissen Nutzwert für „Land- und Forstkultur“ darstellen konnten, so zum Beispiel verschiedene Hirscharten, Antilopen, Schafe, Ziegen, Esel, Kamele, Lamas, Rentiere, Kängurus, sowie Vögel wie Strauße, Hühnerarten, Enten, Gänse, und weiteres „Wasser- und Sumpfgeflügel.“433 Den ersten Entwürfen Martins nach zu urteilen war vornehmlich ein Akklimatisationsgarten geplant, welcher der Einführung neuer Nutztierarten dienen sollte und weniger die von Martin propagierten Aufgaben der Volksbildung wahrzunehmen hatte. Dennoch ist es anzunehmen, dass Martin, wie Rieke-Müller und Dittrich bemerken, mit seinen Ausführungen bewusst „auf ein allgemein bekanntes Steckenpferd des Königs einging“, um das Projekt für einen zoologischen Garten in Stuttgart generell voranzutreiben.434 Denn Stuttgart war, wie Martin bemerkte, „die einzige größere Residenzstadt Deutschlands, welche eines derartigen zeitgemäßen Instituts noch entbehrt[e].“435 Eine Antwort ließ lange auf sich warten, so dass sich Martin in der Zwischenzeit mehrmals per Brief an den Obersthofmeister wandte.436 Diese Briefe enthielten zudem einige „Skizzen nebst kurzen Erläuterungen“ und den „vorläufigen Schluß“ seiner Ausführungen über den „zoologischen Garten für Acclimatisation“.437 Das Obersthofmeisteramt solle die besagten Ausführungen in die Hände „Seiner Majestät“ gelangen lassen. Er würde, so Martin weiter, wenn er das „Glück“ haben sollte, dass Seine Majestät die Vorschläge anerkennen würde, sofort nach „Rückkunft“ seiner Majestät weitere Schritte „in dieser Angelegenheit unternehmen, zumal in München noch in diesem Jahre ein zoologischer Garten errichtet wird und das hiesige Publikum ein ähnliches Institut freudig begrüßen würde.“438 König Wilhelm I. befand sich zu diesem Zeitpunkt bei seinen 431 Ebd. 432 Ebd. 433 StAL E 21, Bü 74, 2. 434 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 192. 435 StAL E 21, Bü 74, 10. Eine Ausnahme war der private Tiergarten von Gustav Werner (1809-1870) im Hof seiner Gastwirtschaft – im Volksmund „Affen-Werner“ genannt. Vgl. Albrecht, Vergnügen und Belehrung 1. Teil: G. Werners „Zoologischer Garten“, 2000. 436 StAL E 21, Bü 74, 4 u. 9. 437 Ebd. 438 Ebd., 9. 2 Biografie 114 alljährlichen Winteraufenthalt in Nizza, so dass er über Martins Pläne und Vorschläge wohl nicht unterrichtet war.439 Als Martin auch einige Wochen noch keine Antwort erhalten hatte, schrieb er am 17. Mai erneut an den Obersthofmeister:440 Die Zeit würde drängen, da er Nachrichten erhalten habe, dass man in Karlsruhe und Hannover mit der „Bildung zoologischer Gärten“ begonnen habe und daher „ein rascheres Vorgehen in dieser Angelegenheit“ an den Tag gelegt werden müsse. Zudem brachte er seinen Vorschlag der Gründung eines „Actienvereins“ vor, versicherte aber, dass trotzdem nicht den „hohen Absichten Seiner Majestät“ vorgegriffen werden würde und an der Spitze des Vereines nur einer stehen dürfe: König Wilhelm I. – als „Nestor aller Acclimatisation“.441 Er erwarte nun, so beendet Martin diesen Brief, dass er „bald die Ehre habe“, die Meinung „darüber entgegen nehmen zu dürfen.“442 Diesmal ließ die Antwort nicht lange auf sich warten. Schon einen Tag später, am 18. Mai, erhielt Martin die Mitteilung, dass „seine Excellenz der Herr Obersthofmeister von Uexküll“ den Erhalt seines „gefälligen Schreibens“ bescheinige, er aber zum „gegenwärtigen Augenblick Sr. Kgl. Majestät keinerlei Vortrag von weitergreifender Wirkung“ unterbreiten könne. Dennoch werde „aber Sr. Excellenz [Martins] Ideen fortwährend im Auge behalten.“443 In den folgenden Wochen erhielt Martin „nach dem Befehl Seiner Königlichen Majestät“ zunächst den Auftrag, zur Vorbereitung einige zoologische Gärten zu besuchen und weitere Informationen einzuholen.444 Im Sommer 1863 besuchte und besichtigte Martin auf einer zwanzigtägigen Reise einige zoologische Gärten zum Beispiel in „Frankfurt, Dresden, Berlin, Hamburg und Cöln“ sowie weitere – unter anderem in Holland.445 Im Laufe des Besuchs dieser Tiergärten war Martin zur Überzeugung gekommen – wie er in einem Brief an das Obersthofmeisteramt vom 4. September bemerkte – „daß es von höchster Wichtigkeit sei, wenn Seine Majestät der König bewogen werden könnte, den betreffenden Plan in nächster Zeit zur anfänglichen Ausführung bringen zu laßen.“446 Er führte in einer gesonderten Abhandlung mit dem Titel: „Die ersten Anlagen im Königlichen zoologischen Garten betreffend“ folgende Gründe für einen möglichst raschen Baubeginn an: Der Baubeginn der meisten von ihm besuchten zoologischen 439 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 192. Sauer, Reformer auf dem Königsthron, 1997, S. 566. 440 StAL E 21, Bü 74, 10. 441 Ebd. 442 Ebd. 443 StAL E 21, Bü 74, 10. Auch während der Sommermonate verbrachte der gesundheitlich angeschlagene König Wilhelm I. längere Zeit in Kurorten außerhalb Württembergs. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 192. 444 StAL E 21, Bü 74, 14. 445 StAL E 21, Bü 74, 14. Aus diesem Grunde musste er bei der Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen – er war ja immer noch erster Präparator am Königlichen Naturalienkabinett – Urlaub beantragen. Ihm wurde ein dreiwöchiger Urlaub „zum Besuche einiger zoologischer Gärten im Ausland“ genehmigt. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Vgl. a. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 6. 446 StAL E 21, Bü 74, 11. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 115 Gärten wäre aus gutem Grund im Spätherbst oder Winter erfolgt, weil sich diese Jahreszeit für „alle betreffenden Erdarbeiten am besten eigne[n] und wegen billigerer Arbeitslöhne am wohlfeilsten herzustellen sind.“447Auch für Anpflanzungen sei dieser Zeitpunkt am besten geeignet. Zudem wären der Transport der Säugtiere, besonders der Wiederkäuer aber auch anderer Tiere und ihre Einsetzung in den Wintermonaten am gefahrlosesten möglich.448 Bezüglich der Besetzung des Gartens mit Tieren gäbe es bereits Fortschritte: So seien viele von ihm auf dieser Reise angesprochenen Tiergärten bereit, sich bei „etwaigen Erwerbungen“ erkenntlich zu zeigen, da die meisten ihrerseits Tiergeschenke von König Wilhelm erhalten hätten.449 Und nicht zuletzt beantragte Martin in diesem Brief einen Kredit von 12.000 fl., um Erdarbeiten, Anpflanzungen und Einfriedungen ausführen zu lassen sowie die ersten Tiere anzusiedeln.450 Der König stand dem Ansinnen Martins nach einem raschen Baubeginn und einem ersten „Kredit“ zunächst zurückhaltend gegenüber. Aber rund drei Wochen nach dem Antrag Martins ließ er das Obersthofmeisteramt in einer Königlichen Note vom 23. September 1863 wissen, dass seine Majestät nach Vollendung bereits begonnener Bauvorhaben schließlich gewillt sei, den zoologischen Garten einzurichten.451 Außerdem solle „der zum zoologischen Garten bestimmte Platz […] durch einen Eisendraht und eiserne Stangen eingezäunt werden, […] damit die Neugierde des Publikums in Grenzen gehalten wird“.452 Und letztens erbat er einen „vorläufigen Überschlag, wieviel der Ankauf der fremden Thiere kosten würde“ und „wieviel die innere Einrichtung für die Thiere kosten würde.“453 Die bereits von Martin angefertigten Zeichnungen und Pläne ließ der König zunächst zurücksenden, weil sie nicht seinen Vorstellungen entsprachen.454 447 Ebd., 12. 448 Ebd. 449 Ebd. 450 Ebd. 451 HStAS E 14, Bü 189, 1ff. 452 Auch wenn dies auf den ersten Blick daraufhin deutet, dass der geplante Akklimatisationsgarten nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollte, so war dies dennoch vorgesehen. In dem unten genannten, hauptsächlich von Philipp Leopold aufgestellten, Finanzierungsplan des Gartens wurden zu erwartende Einnahmen durch Eintrittsgelder jedenfalls aufgeführt. 453 HStAS E 14, Bü 189, 1ff. 454 Ebd., 1. Mit dem Projekt des Akklimatisationsgartens könnte auch der Besuch König Wilhelms I. im damals einzigen Stuttgarter Tiergarten dem sogenannten „Affen-Werner“ zusammenhängen. So ist in einer Aufstellung Martins über die Rentabilität von Tiergärten und die zu erwartenden Einnahmen durch Eintrittsgelder im Rahmen des Akklimatisationsgartenprojektes vom März 1864 zu lesen, dass Werners Tiergarten jährlich 12000 fl. Gewinn abgeworfen haben soll. Auch wenn in den Akten kein direkter Hinweis zu finden ist, der einen Zusammenhang zwischen dem Zooprojekt und dem Besuch des Königs dort zweifelsfrei belegt, so besuchte König Wilhelm I. nur wenige Monate nach der oben zitierten Note vom 23. September 1863 am 3. November 1863 die Tierhaltung Gustav Werners zusammen mit seiner Tochter Sophie, der damaligen Königin von Holland. Ihre Majestäten hätten dabei „Allerhöchst […] ihre Zufriedenheit über diese Anstalt“ zu erkennen gegeben. Vgl. a. StAL E 19 Bü 716, 15. Albrecht, Vergnügen und Belehrung 1. Teil: G. Werners „Zoologischer Garten“, 2000, S. 187. u. Schwäbische Chronik vom 5.11.1863. 2 Biografie 116 Die Finanzierung In Folge der Königlichen Note vom 23. September, „Ueberschläge“ der zu erwartenden Kosten sowie neue Pläne zu erstellen, wandte sich das Obersthofmeisteramt an die Königliche Bau und Gartendirektion. Unter der Aufsicht des Bau- und Gartendirektors Friedrich Wilhelm Hackländer (1816-1877) sollten in Verbindung mit dem Hofbaumeister Josef Egle (1818-1899), Philipp Leopold Martin, der Architekt Prof. Wilhelm Bäumer (1829-1895) und der Tierarzt Prof. Gottlob Adolf Rueff (1820-1885) die notwendigen Schritte unternehmen.455 Die Königliche Bauund Gartendirektion sandte schließlich am 20. Februar 1864 den hauptsächlich von Martin aufgestellten Finanzierungsplan an das Obersthofmeisteramt.456 Die von Martin berechnete Gesamtsumme des auf drei Jahre angelegten Projektes belief sich auf insgesamt 116.155,50 fl., wobei für die Anschaffung von Tieren insgesamt 18.000 fl. über einen Zeitraum von drei Jahren vorgesehen war.457 Die „projektirten Jahreseinnahmen“ wurden mit 20.000 fl. bei 18 oder 24 Kreuzer Eintrittsgeld veranschlagt. Basis dieser Berechnungen waren die Jahreseinnahmen anderer zoologischer Gärten, wie dem Zoologischen Garten von Köln (42.000 fl.) und Frankfurt (36.000 fl.) sowie Werners privater Tiergarten in Stuttgart (12.000 fl.).458 Neun Tage später, am 29. Februar 1864, schickte das Obersthofmeisteramt den in der Substanz unveränderten Finanzplan an König Wilhelm I. Darin heißt es: „Eure Königliche Majestät haben in einer gnädigsten Note vom 23. September vorigen Jahres in Betreff der Einrichtung eines zoologischen Gartens die vorgelegene Idee, einen solchen auf einem […] 18 Morgen großen Stück des äußeren Schloßgartens in der Nähe von Berg […] anzulegen, zur Ausführung gutgeheißen.“ […]459 Die Gesamtkosten wurden auf 116.000 fl. abgerundet und „nach Eurer Königlichen Majestät Befehlen soll diese Vertheilung in der Weise stattfinden, daß […] in dem Etat-Jahr 1864/65 mit einer Summe von 40.000 fl. begonnen […] wird.“460 Damit sollten, wie von Martin und der Bau- und Gartendirektion vorgesehen, die äußere 455 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 194. Gerhardt, Stuttgarts Kleinod, 1936, S. 50. Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 21. StAL E 21 Bü 74, 14. StAL E 21 Bü 74, 23. Später schildert Martin in seiner „Praxis der Naturgeschichte“ den Vorgang folgenderma- ßen: Gegen das Ende seiner Regierung wollte der greise König der Stadt Stuttgart noch ein schönes Andenken hinterlassen und kam auf den Gedanken, einen Akklimatisationsgarten zu gründen […]. Der damalige Bau- und Gartendirektor Hackländer wurde damit betraut, und mir dessen Ausführung übergeben.“ Vgl. dazu Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 100 u. Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 21. Zu Wilhelm Bäumer s. Bach, Max, „Bäumer, Wilhelm“, 1902 sowie Cathiau, „Wilhelm Bäumer", 1904. Zu Gottlob Adolf Rueff s. Bollinger, „Rueff, Gottlob Adolf “, 1889. 456 StAL E 21 Bü 74, 23. 457 Vgl. a. StAL E 19 Bü 716, 14. Martins Zusammenstellung seiner auf Grund der Reise durch die zoologischen Gärten gewonnenen Erkenntnisse „Über den Kostenbetrag der Thiere und deren Unterhaltungsaufwand.“ 458 StAL E 21 Bü 74, 23. 459 HStAS E 14 Bü 189, 3. 460 Ebd. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 117 Umzäunung, die Erdarbeiten, die Wasserleitung, kleinere Bauten und die Anschaffung von Tieren finanziert werden. Auch die Mittel für die Bezahlung Martins und des Architekten Professor Bäumer für den Zeitraum des gesamten Projektes mit einer Summe von 3800 fl. waren darin enthalten.461 Am 1. März 1864 erließ König Wilhelm I. schließlich, achtzehn Monate nachdem Martin seine ersten Entwürfe an das Obersthofmeisteramt gesandt hatte, das Dekret zum Bau des Akklimatisationsgartens.462 Die Gesamtsumme von 116.000 fl. wurde bewilligt, ebenso die Aufnahme der 40.000 fl. in den Neubauetat 1864/65. Für Tiereinkäufe wurden 8000 fl. zur Verfügung gestellt, allerdings sollte kein Ankauf von Tieren ohne „besondere Genehmigung“ des Königs stattfinden.463 Einen Tag später wurde das Königliche Dekret der Bau- und Gartendirektion nebst Erläuterungen übersandt und Martin sowie Professor Bäumer beauftragt, „Spezial-Ueberschläge“ für die auszuführenden Bauarbeiten zu unterbreiten. Martin wurde im Besonderen dazu aufgefordert, seine „speziellen Anträge“ bezüglich der „Thier-Anschaffungen“ und Ankäufe „baldigst vorzulegen.464 Dieser teilte am 7. März 1864 der Fachzeitschrift „Der Zoologische Garten“ mit, „daß seine Majestät der König […] den Bau eines Acclimatisationsgartens constituirt hat und schon am 7. mit den ersten Arbeiten an dem dazu bestimmten Grundstück (bei Berg) begonnen worden ist.“465 Baubeginn und Einstellung des Projekts Im Laufe der folgenden Monate wurde der Bau des Akklimatisationsgartens in Angriff genommen. Während Professor Bäumer die Umzäunung und die Gebäude des Gartens plante, kümmerte sich Martin um die für den Garten zu beantragenden Stellen für „Beamte“ sowie den Ankauf von Tieren. Als Personal des Akklimatisationsgarten waren von Martin unter anderem vorgesehen: Der „Chef des Gartens“ mit einem Gehalt von 1500 fl. mit „freier Wohnung im Garten“ und „freier Fahrt in der II. Wagenklasse“. Des Weiteren sollten ein Kassierer und ein Kontrolleur eingestellt werden sowie zur Eröffnung des Gartens drei Wärter, die fast „ununterbrochenen Tag- und Nachtdienst“ zu leisten hatten.466 In einem Bericht des Bau- und Gartendirektors Friedrich Wilhelm Hackländer vom 8. März 1864 an das Obersthofmeisteramt kam neben den von Martin unverändert übernommenen Personalvorschlägen auch die mögliche Besetzung der Direktorenstelle zur Sprache. Hackländer, der ein Vertrauter des Königs war, befürwortete in diesem Schreiben zwar die Stelle zunächst „offen“ zu lassen, sie könne jedoch vorerst durch „Martin in provisorischer Eigenschaft bei der Anlage etc. des Gartens […] mit einem Gehalte von fl. 800-1000 neben freier Wohnung“ besetzt werden.467 Aus diesem Grunde wurde bei 461 Ebd. 462 StAL E 21 Bü 74, 31. 463 Ebd. 464 StAL E 19 Bü 716, 7. 465 Martin, Briefliche kurze Mitteilung über den Bau eines Akklimatisationsgartens in Stuttgart, 1864, S. 155. 466 StAL E 19, Bü 716, 16. 467 StAL E 21, Bü 74, 35. 2 Biografie 118 der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen um Beurlaubung Martins für ein Jahr nachgesucht.468 Martin blieb aber bis zum Ende des Projekts am Naturalienkabinett tätig und übte seine Tätigkeit für den Akklimatisationsgarten im Nebenamt aus. Im Bericht des Obersthofmeisteramts vom 22. März 1864 an König Wilhelm I. ist schließlich davon die Rede, dass Martin für seine Leistungen bezüglich des Akklimatisationsgartens entlohnt werden solle, seine „spätere Stellung zu dem Garten“ könne allerdings „bis die nothwendigsten Bauwesen vollendet werden noch in Schwebe bleiben“.469 Am 20. April 1864 sandte Martin seine Vorschläge zur „Ersten Anschaffung von Thieren betreffend“ an die Königliche Bau- und Gartendirektion. Laut Martin, sollte ein Teil der Tiere aus den „königlichen Domänen“ übernommen und der Rest angekauft werden.470 Unter den für den Garten vorgesehenen Tieren der „Königlichen Domänen“ befanden sich unter anderem Hirscharten, wie ein Rot-, Dam- und Axishirsch, ein Yak nebst Kühen, ein „Angora-Ziegenbock mit zwei Ziegen“, „ein wilder Eber nebst Sau“ und „ein Paar Mandarinenten“ – insgesamt mehr als 28 Tiere. Zum Ankauf schlug Martin weitere Tiere vor, darunter befanden sich „ein männliches Lama, […] direkt aus Südamerika eingeführt“ für 280 fl., ein „männliches Rennthier“ für 385 fl., zwei Gazellenziegen für 42 fl.. Raubtiere, Affen oder Papageien, die normalerweise zum Tierbestand eines der „Schaulust“ des Publikums dienenden zoologischen Gartens gehörten, befanden sich nicht darunter. Alle genannten Tiere sollten vom Hamburger zoologischen Garten erworben werden.471 Weiterhin würde im Kölner zoologischen Garten ein größerer Tiertransport aus Ägypten erwartet, aus dem man noch weitere Tiere wie Antilopen erhalten könne, bemerkte Martin.472Auch „auf directem Weg aus England“ seien diesen Sommer „noch manche gute Aquisitionen zu erwarten, wie „Zebra’s, Wildesel, Kamele, Lamas, […].473 Die Aufstellung Martins wurde einen Tag später mit einem Begleitschreiben Hackländers an das Obersthofmeisteramt gesandt, das am 10. Mai in einem „Decret an die K. Bau- und Gartendirektion“ verkündet hatte, dass „S. Kgl. Maj. heute nun der Anschaffung von Zebus, Dromedar’s und Zebra’s […] gutgeheißen habe“ und Martin nähere Erkundigungen über den Erwerb und die Preise einholen und vorlegen solle.474 Im Laufe der folgenden Wochen reiste Martin erneut nach Frankfurt und holte im zoologischen Garten ein „Rennthier“ und ein Zebu ab.475 Auch war laut eines Briefes des beauftragten Architekten Prof. Bäumer vom 24.6.1864 an das Obersthofmeisteramt geplant, mit dem Bau der ersten Tierunterkünfte zu beginnen.476 468 Ebd. 469 HStAS E 14 Bü 189, 5. 470 StAL E 21 Bü 74, 46. 471 Ebd. Hierbei handelte es sich aber nicht um den erst Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten Tierpark Hagenbeck, sondern um den alten Hamburger Tiergarten, der bereits 1863 eröffnet wurde. Zum Hamburger Tiergarten vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt neben an, 1998, S. 141-157. 472 StAL E 21 Bü 74, 47. 473 Ebd. 474 Ebd. 475 HStAS E 14 Bü 189, 8. 476 StAL E 21 Bü 74, 64. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 119 Dazu kam es allerdings nicht mehr. Am selben Tage verstarb der Mentor und Bauherr des Unternehmens König Wilhelm I. in Schloss Rosenstein, ganz in der Nähe seines im Entstehen begriffenen Akklimatisationsgartens.477 Der Tod des greisen württembergischen Königs wurde offiziell erst am darauffolgenden Tage bekannt gegeben.478 Sein Nachfolger, König Karl I., zeigte keinerlei Neigungen, das Lieblingsprojekt seines Vaters fortzuführen.479 Bereits zwei Tage nach dessen Tod am 26. Juni 1864 erging an die ausführende Stelle, die Königliche Bau- und Gartendirektion, ein Dekret des Obersthofmeisteramts. Dieses besagte, dass „Der jetzt regierenden Königs Majestät gedenken den in Ausführung begriffenen zoologischen Garten nicht nur nicht fortzusezen, sondern haben befohlen, daß alle Arbeiten daran definitiv eingestellt und die vorhandenen Einrichtungen, soweit immer möglich, beseitigt werden.“480 So sei das „bis jetzt vorhandene […] Drahtgitter […] sofort an das Königliche Hofjägermeisteramt zu übergeben“ und auch zwei bereits im Garten befindlichen Tiere, das Rentier und das Zebu seien sofort abzuliefern.481 Der Beschluss König Karls I, das Projekt seines Vaters nicht fortzuführen, wurde der Öffentlichkeit erst am 5. Juli mitgeteilt.482 Noch am 29. Juni war dem Stuttgarter „Neuen Tagblatt“ zu entnehmen, dass die „neueste Schöpfung“ König Wilhelms I. in den unteren Anlagen der „Vollendung“ entgegen gehe.483 Zur „Abwicklung dieses Unternehmens“ und zur Begleichung ausstehender Rechnungen wurden von König Karl I. am 6. Juli 21.000 fl. aus dem Neubauetat 1864/65 bewilligt.484 Martin sandte am 18. Juli 1864 seine Forderungen an das Obersthofmeisteramt, in welchen er für alle seine mit dem Akklimatisationsgartenprojekt angefallenen Arbeiten ein „rundes Honorar“ in der Höhe von 600 fl. erbat.485 Die Forderung Martins sei, so bemerkte das Obersthofmeisteramt, durchaus angemessen, da er „seine Arbeiten an Entwürfen und Zeichnungen […] in der von seinem ordentlichen Berufe als Präparator an Naturalienkabinett erübrigten freien Zeit zu besorgen genöthigt war.“ Er habe zudem „über dieser Aussicht auf eine dauernde beßere Versorgung bei dem Betrieb jenes Gartens andere annehmbare Anstellungen in seinem Berufe versäumt.“486 Des Weiteren erhielt Martin ein bereits einige Tage zuvor erbetenes Zeugnis des Obersthofmeisteramts für die im Rahmen des Projektes 477 Sauer, Reformer auf dem Königsthron, 1997, S. 571ff. 478 Ebd., S. 572. 479 Zur Einstellung des Projektes vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 194. Neugebauer, Die Wilhelma, 1993, S. 18. Gerhardt, Stuttgarts Kleinod, 1936, S. 50. Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910, S. 18. 480 StAL E 19 Bü 176, 51. 481 Ebd. 482 Schwäbische Chronik vom 6. Juli 1864. 483 Neues Tagblatt vom 29. Juni 1864. 484 HStAS E 14 Bü 189, 7 u. 8. 485 HStAS E 14 Bü 189, 8. 486 HStAS E 14 Bü 189. Um welche Angebote es sich dabei im Einzelnen handelte, konnte leider nicht mehr festgestellt werden. 2 Biografie 120 geleisteten Tätigkeiten.487 Dieses erging am 12. Juli und beinhaltete eine Beschreibung und Beurteilung seiner Tätigkeiten. „Herr Präparator Martin dahier“ habe „sich bei der Ausführung des von dem verewigten Königs Wilhelm […] beabsichtigt gewesenen Acclimatisationsgartens […] in sehr lebhafter und fachkundiger Weise betheiligt. Er habe zudem „nach Eruierung seiner Erfahrungen durch eine Reise nach den größeren zoologischen Gärten Deutschlands und des Auslandes den Situations- und Hauptplan über die Anlegung und Eintheilung des Gartens und über die Vertheilung der verschiedenen Thierarten denselben entworfen […]“ und „die ersten Anlagen von Wegen, Seen, Waßerleitungen […] Gittern und Zäunen […] geleitet.“488 Abschließend bezeichnete der „Obersthofmeister Sr. Majestät des Königs von Württemberg“ „Herrn Martin […] als einen sehr verständigen, gewandten, auch im schriftlichen Vortrag recht erfahrenen Mann“.489 Nach der Einstellung des Akklimatisationsgartenprojektes durch König Karl war Martin gezwungen, erneut in die „museale Enge und Stille“ des Naturalienkabinetts zurückzukehren.490 Allerdings war er weit davon entfernt, sich seinem Schicksal zu fügen und sein Talent sowie seine Schaffenskraft ausschließlich dem Naturalienkabinett zur Verfügung zu stellen. Die Tätigkeit im Rahmen des Tiergartenprojektes hatte ihm mittlerweile weit mehr zugesagt, als das Anfertigen von Tierpräparaten und er bedauerte dessen Einstellung – noch viele Jahre später – sehr.491 Aus diesem Grunde bemühte er sich in den folgenden Monaten, auf Basis seiner Erfahrungen als Tiergärtner und mit einem guten Zeugnis in den Händen, um eine Anstellung am Zoologischen Garten in Hannover sowie als Verwaltungsleiter am Zoologischen Garten in Breslau – beide Male allerdings ohne Erfolg.492 Daher blieb ihm die praktische Anwendung seiner tiergärtnerischen Erfahrungen zunächst weitgehend versagt und er konzentrierte sich in den folgenden Jahren stattdessen auf ihre literarische Verwertung. So veröffentlichte er in der von Friedrich Wilhelm Hackländer, dem ehemaligen Bau- und Gartendirektor König Wilhelms I., herausgegebenen Familienzeitschrift „Über Land und Meer“, mehrere populärwissenschaftliche Artikel über seine Reisen durch die zoologischen Gärten Deutschlands und Europas.493 Und auch der erst 1878 erschienene, „Naturstudien“ genannte, dritte Band seiner „Praxis der 487 StAL E 21 Bü 74, 70. 488 Ebd. 489 Ebd. 490 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung Philipp Leopold Martins, 1961, S. 49. 491 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 49. 492 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. S. 189. Rieke-Müller und Dittrich erwähnen eine Bewerbung Martins am Berliner zoologischen Garten. Tatsächlich bewarb sich Martin beim Zoologischen Garten Breslau. Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 41. Adam schreibt zudem von einer Bewerbung am Hannoveraner Zoo. Vgl. Adam, Die Stuttgarter Mammutnachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 49. 493 Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands, 1864, S. 582 f. Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands. Erster Teil: Werners Zoologischer Garten in Stuttgart, 1865, S. 167-168. Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands. 2.8 Des Königs „Zoodirektor“ 121 Naturgeschichte“ über „die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwickelung“ basierte zu einem bedeutenden Teil auf den während dieses Projektes gesammelten Erfahrungen.494 Ausstellungen „urweltlicher Thiere“ Nach dem vorzeitigen Ende des Akklimatisationsgartenprojekts widmete sich Martin allerdings – neben seiner Anstellung als Präparator am Königlichen Naturalienkabinett – wieder einem neuen Aufgabenbereich: der plastischen und lebensgroßen Nachbildung ausgestorbener und fossiler Tierarten. Dies half ihm, seiner eigenen Aussage nach, dieses „traurige Ereignis“ zu vergessen.495 Statt zu resignieren, wandte er sich der „Beschäftigung mit den Fossilresten dieses schönen Landes“ zu.496 So würde, bemerkte Martin weiter, der „Umgang mit einer vieltausendjährigen Vergangenheit“ Trost spenden für das, was ihm die „Gegenwart zu verweigern suchte“. Die Tierwelt der Schachtelhalme des Jurameeres“, welche Scheffel so meisterhaft besang, hätte Martin gefangen genommen und nach „ihren uralten Gebeinen formte [er] lebensgroße Gestalten.“497 Während der folgenden Jahre entstanden in seiner Privatwohnung in der Neckarstraße 66 eine Reihe ausgestorbener „schwäbischer Ureinwohner“.498 Bei diesen urweltlichen Tiernachbildungen handelte es sich um ein sogenanntes „Neckarkrokodil“ (Phytosaurier) aus dem „Stuttgarter Stubensandstein“, einen „Fischdrachen“ (Ichthyosaurier) sowie einen „Schlangendrachen“ (Plesiosaurier). Daneben präsentierte er die Nachbildungen eines Höhlenbären (Ursus spelaeus), eines Höhlenlöwen (Pantera leo spelaea) und des erst im 18. Jahrhundert auf Neusee- 2.9 Zweiter Teil: Der Zoologische Garten in Frankfurt a. M., 1865, S. 603-606. Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands. Dritter Teil: Der Wiener Tiergarten, 1865, S. 731-734. 494 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882. 495 Mit dem „traurigen Ereignis“ meinte Martin den Tod König Wilhelms I. und das damit einhergehende Ende des Akklimatisationsgartenprojektes. Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 305. 496 Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 305. Martin war auf Grund seiner Tätigkeit am Naturalienkabinett natürlich bekannt, dass Württemberg außerordentlich reich an Fossilienfunden ist. Vgl. dazu Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 68. 497 Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884, S. 305. Vgl. Scheffel, Gaudeamus! 1886, S. 11-19. Württemberg gilt bis heute als das „Saurierland“ par excellence. „Die schwäbischen Saurier sprechen eine durchdringende und gewichtige Sprache; ihr Klang ist unüberhörbar im Stimmengeräusche der Wirbeltiere der Welt“. Huene, Der Anteil der schwäbischen Saurier am Aufbau der paläontologischen Kenntnisse, 1994 (1940), S. 46. 498 Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 68 f. 2 Biografie 122 land ausgestorbenen riesigen Laufvogel Moa. (Moa palaeopterix) 499 Diese hauptsächlich aus Papiermaché500 angefertigten Nachbildungen wurden in Originalgröße im Rahmen einer kleinen Ausstellung im „Vestibule“ des Stuttgarter Königsbaus erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt und von der lokalen Presse sowie der Fachzeitschrift „Der Zoologische Garten“ in höchsten Tönen gelobt.501 Ergänzend wurden die im Naturalienkabinett befindlichen Fossilien, Funde ausgestorbener Tiere und deren Gipsabdrücke, die Martin als Quellen für die Herstellung der Nachbildungen verwandte, sowie Abbildungen aus damals populären paläontologischen und zoologischen Werken präsentiert.502 Bei dieser Ausstellung handelte es sich wahrscheinlich um die erste ihrer Art in Deutschland.503 Das „Stuttgarter Neue Tagblatt“ und der „Zoologische Garten“ schlugen vor, dass Martin „seine Sammlung urweltlicher Thiere vervollständigen, und sodann die Hauptstädte Europa’s mit derselben besuchen“ sollte.504 Auf Grund des großen Interesses an der temporären Ausstellung im Königsbau plante Martin anschließend, seine Nachbildungen urweltlicher Tiere der Öffentlichkeit in einer eigenen Ausstellungshalle oder einem Museum in Stuttgart 499 Vgl. Fraas, Vor der Sündfluth, 1866, S. 209ff. u. Abb. 56-59, S. 240-245. Martin, Katalog zur vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere, 1866. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 79 f. u. S. 220ff. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 51. Naturhistorisches, in: Allgemeine Zeitung Nr. 339 vom 5. Dezember.1865, S. 5498 f. Zu den Nachbildungen urweltlicher Tiere im Detail vgl. Kap. 3.3.3, S. 232ff. Vgl. a. Abb. 56-59, S. 237-242. 500 Auch der wissenschaftliche Modellbauer Louis Thomas Jerome Auzouz (1797-1880) stellte in seiner Firma anatomische und später auch zoologische Modelle aus Papiermaché her. Diese wurden an zahlreiche universitäre Sammlungen und Institute verkauft. Vgl. dazu Grob, Papieren Anatomie. De wonderschone papier-machémodellen van dokter Auzouz, 2008. Teile der späteren Mammutnachbildung Martins wurden ebenfalls aus Papiermaché angefertigt. Vgl. Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 3. 501 Im 1856-1860 erbauten Stuttgarter Königsbau – im Volksmund auch „Stuttgarter Akropolis“ genannt – befanden sich Ladengeschäfte, Restaurants und Festsäle. Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden dort öffentliche Vorträge zu verschiedenen Themenbereichen, vor allem den „exacten Wissenschaften“, gehalten. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass Martin diesen Ort bewusst gewählt hat, um seine Nachbildungen urweltlicher Tiere zum ersten Mal der Öffentlichkeit zu präsentieren. Vgl. Schwäbische Chronik vom 29. Dezember 1863, S. 3241. Martins Ausstellung urweltlicher Thiere, in: Der Zoologische Garten 6, 1865, S. 436 f. Vgl. a. Naturhistorisches, in: Allgemeine Zeitung Nr. 339 vom 5. Dezember 1865, S. 5498 f. Zum Königsbau vgl. auch Lutz, Die schwäbische Akropolis war die Idee von Wilhelm I., 2006, S. 6. 502 Fraas, Vor der Sündfluth, 1866 sowie Unger, Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden, 1858. 503 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 68. 504 Martins Ausstellung urweltlicher Thiere, in: Der Zoologische Garten 6, 1865, S. 436 f. Der Artikel war laut dem „Zoologischen Garten“ vorher bereits im Stuttgarter Neuen Tagblatt erschienen. 2.9 Ausstellungen „urweltlicher Thiere“ 123 dauerhaft zugänglich zu machen.505 Bis dahin fanden die Exponate in seinem privaten provisorischen „Archäologischen Museum“ in der Neckarstraße 66 ihre Heimstatt.506 Um Unterstützung für sein Vorhaben zu erhalten wandte sich Martin am 19. November 1866 an den Präsidenten der württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel Ferdinand von Steinbeis (1807-1893).507 Er würde sich sehr freuen, wenn er die Ehre haben dürfe, Ferdinand von Steinbeis persönlich in seiner Ausstellung herumführen zu dürfen, schreibt Martin. Außerdem zweifle er nicht daran, „daß es ihrem Einfluß gelingen wird [meiner Sache] einen günstigen Fortgang zu verschaffen.“508 Des Weiteren sandte er Steinbeis einen Katalog seiner „gegenwärtigen Ausstellung“. Die ersten Pläne würde er, so Martin weiter, in nächster Zeit vorlegen.509 Eine Antwort Steinbeis’ auf Martins Anfrage war in den vorliegenden Akten nicht zu finden. Trotzdem hatte er sich mit von Steinbeis und seiner Zentralstelle für Gewerbe und Handel durchaus an den richtigen Adressaten gewandt, was sich zu einem späteren Zeitpunkt zeigen sollte. Auf dem Weg zum „plastisch-paläontologischen Museum“ Martins Ziel war es zunächst, ein passendes Gebäude zu finden, in dem er seine Nachbildungen dauerhaft unterbringen und einem größeren Kreis präsentieren konnte. Zuerst machte er eine Eingabe an das Ministerium des Kirchen- und Schul- Abbildung 16: Ferdinand von Steinbeis (1807-1893). 2.9.1 505 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 15. Februar 1867. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 24. Februar 1867. 506 Vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 189. Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995, S. 58. Welche Besucherkreise Zugang zu diesem „Museum“ hatten und ob Martin für einen Besuch dasselbe Eintrittsgeld verlangt hat geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor. 507 StAL PL 702, Bü 721. Brief Philipp Leopold Martins vom 19.11.1866. Zu Steinbeis vgl. Abb. 16, S. 124 u. Kap. 4.2.1, S. 335 f. 508 Vgl. Martin, Katalog zur vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere, 1866. 509 StAL PL 702 Bü 721. Brief Philipp Leopold Martins vom 19.11.1866. 2 Biografie 124 wesens zur Überlassung eines „geeigneten Lokals“ für die permanente Ausstellung seiner bereits im Königsbau öffentlich gezeigten urweltlichen Tiere.510 Minister Ludwig von Golther (1823-1876) sandte hierauf an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen einen Erlass, dass „ehe das Ministerium in dieser Sache eine Entscheidung treffen würde, zuerst ein Gutachten der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen“ nach Rücksprache mit den Conservatoren des Naturalienkabinetts über das von dem Präparator Martin beabsichtigte Unternehmen" erstellt werden müsse.511 Das Gutachten fiel – was auf Grund der bereits geschilderten Vorkommnisse und Konflikte zwischen Krauss und Martin wohl zu erwarten war – wenig schmeichelhaft aus. Eine „eigentliche wissenschaftliche Bedeutung“ wurden dem Vorhaben Martins nicht zugestanden, vielmehr bestünde der „Werth desselben“ darin, „der Schaulust des Publikums eine andere Richtung zu geben“.512 Und dies führe, so heißt es im Gutachten, zu einer „blos […] die Phantasie ansprechenden Beschäftigung mit den Naturwissenschaften“.513 Daraus ergebe sich, dass dem „Bittsteller“ kein „Lokal“ vom Naturalienkabinett zugeeignet werden könne und dass das „Staatsinstitut mit seinem Etat“ auch sonst keine Unterstützung bieten könne.514 Auf Grund dieses „Gutachtens“ konnte das Ministerium der Bitte Martins, ein Gebäude für sein „plastisch-paläontologisches Museum“ zur Verfügung zu stellen, nicht entsprechen und die von ihm geplante Dauerausstellung konnte auch sonst nicht mit Unterstützung durch staatliche Stellen oder gar das Naturalienkabinett rechnen. Aber Martin gab nicht auf und suchte in den folgenden Jahren weiter ein passendes Ausstellungsgebäude. In der Zwischenzeit bot sich für ihn – dank der Hilfe und Vermittlung Ferdinands von Steinbeis und der Zentralstelle für Gewerbe und Handel – aber eine andere Gelegenheit, seine Nachbildungen urweltlicher Tiere einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren – und zwar auf der Weltausstellung von 1867 in Paris. Weltausstellung – „Schwäbische Ureinwohner“ an der Seine Bereits am 30. März 1865 gab die Königliche Zentralstelle für Gewerbe und Handel in ihrem Organ, dem Gewerbeblatt aus Württemberg bekannt, dass die „Kaiserl. französische Gesandtschaft dahier“ die Mitteilung gemacht habe, „daß von Sr. Majestät 2.9.2 510 Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 69. In den folgenden Jahren bis zu seinem Dienstaustritt im Jahre 1874 wandte sich Martin wiederholt an das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens zur Überlassung eines geeigneten Gebäudes oder eines Bauplatzes für sein „plastisch-paläontologisches Museum“. 511 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 15. Februar 1867. Das Gutachten verfasste Ferdinand Krauss. Vgl. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 24. Februar 1867. 512 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 24. Februar 1867. 513 Ebd. 514 Ebd. 2.9 Ausstellungen „urweltlicher Thiere“ 125 dem Kaiser der Franzosen die Eröffnung einer allgemeinen Ausstellung von landwirthschaftlichen Produkten und Erzeugnissen der Industrie und Kunst in Paris auf den 1. Mai 1867 festgesetzt worden sey.“515 Diese Pariser Weltausstellung von 1867 war die vierte Weltausstellung nach der ersten vom Jahre 1851 im Londoner Crystal Palace, der zweiten im Jahre 1855 in Paris und der dritten wiederum in London sieben Jahre später.516 Die Teilnahme des Königreichs Württemberg an den bisherigen Weltausstellungen hatte Tradition – und das auch im Rahmen der Ausstellung von Bildungsmitteln, die dazu dienen sollten, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften einem weiteren Kreis auf verständliche Weise zu vermitteln und anschaulich darzustellen. So wurden bereits im Rahmen der Londoner Ausstellung Medien zur Vermittlung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse präsentiert, wie zum Beispiel die Präparate und „biologischen Gruppen“ von Martins Vorgänger Hermann Ploucquet.517 Unter den von Ploucquet eigens für den Beitrag des „Kingdom of Wurtemberg“ auf der ersten Weltausstellung angefertigten „23 naturgetreuen Gruppen ausgestopfter Thiere, theilweise en miniature“518, befand sich das „Halali eines starken Hirsches und als Pendant, das eines Ebers“ sowie weitere dramatische Tiergruppen.519 Neben diesen realistischen und dramatischen Tiergruppen wurden von Ploucquet aber auch groteske oder anthropomorphe Tierdarstellungen ausgestellt.520 Auch wenn derartige Darstellungen keinen eigentlichen Bildungswert besaßen, so waren sie in besonderem Maße dazu geeignet, zu demonstrieren, wie weit die Präparierkunst mittlerweile vorangeschritten war.521 Das Publikum der Weltausstellung jedenfalls war von Ploucquets Darstellungen begeistert.522 Selbst Queen Victoria (1819-1901) soll Ploucquets Werke in ihrem Tagebuch als „really marvellous“ bezeichnet haben und ein anderer Besucher der Weltausstellung bemerkte: „The most amusing exhibit was the Wurtemberg Collection of Stuffed Ani- 515 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 9. April 1865. 516 Zur Geschichte der Weltausstellungen im 19. Jahrhundert vgl. Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, 1999. Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975. Beutler/Metken/ Sembach, Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1973. Lessing, Das halbe Jahrhundert der Weltausstellungen, 1900. Zur ersten Weltausstellung im Londoner Crystal Palace vgl. Auerbach, The Great Exhibition of 1851, 1999. 517 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 62 f. Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 102 f. Martin, Dermoplastik und Museologie, 1870, S. 6. 518 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 1. Februar 1851, S. 33. 519 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 6. Zu einer dramatischen Tiergruppe Ploucquets vgl. Abb. 26, S. 169. 520 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 64 f. Die Abbildungen dieser Darstellungen sind auch unter der Adresse URL: http://www.acaseofcuriosities.com/pages/01_1_00grotesque.html (Abgerufen am 09.07.2014) zu finden. Zu einer grotesken Tiergruppe von Plouquet vgl. Abb. 271, S. 170. 521 Zur dramatischen und grotesken Schule der Taxidermie von Ploucquet und anderen. Vgl. Henning, Anthropomorphic Taxidermy and the Death of Nature, 2007, S. 664ff. und Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 223. Kretschmann betont die Problematik dieser auf „Schaueffekte“ zielenden Darstellungen Ploucquets, verkennt aber, wie wichtig diese für die Entwicklung der Taxidermie gewesen waren. 522 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 62. 2 Biografie 126 mals […]“.523 Ploucquet, dessen Präparate ein „fesselnder Anziehungspunkt der gesamten Ausstellung“ gewesen waren, erhielt, wie Martin sechzehn Jahre später, für seinen Beitrag sogar eine Preismedaille.524 Die vierte Weltausstellung von 1867 in Paris stand in noch größerem Maße als die vorangegangenen im Zeichen des Freihandels und des wissenschaftlichen, technischen sowie wirtschaftlichen Wettstreits der Nationen.525 Auch soziale Fragen bekamen auf dieser Ausstellung mehr Gewicht.526 Hierzu gehörte unter anderem die Förderung der Allgemein- und Weiterbildung. So wurden neben der Ausstellung von technischen, landwirtschaftlichen, gewerblichen, kunstgewerblichen und künstlerischen Erzeugnissen und Exponaten – erstmals auf einer Weltausstellung – auch eine Galerie zur „Geschichte der Arbeit“ (histoire du travail) initiiert.527 In dieser Galerie, des von Frédéric Le Play (1806-1882) entworfenen ovalen Ausstellungsgebäude mit 494 Metern Länge und 384 Metern Breite und einer „projizierten Dachfläche [von] 153138 qm,“528 sollten im Rahmen der X. Gruppe alle „Gegenstände“ ausgestellt werden, die in der Lage waren, „die physische und moralische Lage der Völker zu verbessern“.529 523 Birch, Shop Boy, 1983, S. 142 u. 143. Anm. des Autors: Posthum im Jahre 1983 publiziert. Vgl. URL: http://www.acaseofcuriosities.com/pages/01_1_00grotesque.html (Abgerufen am 09.07.2014). 524 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 6. Oktober 1852, S. 325. Ploucquet war nur deshalb in der Lage gewesen die Weltausstellung zu beschicken, weil er einen finanzkräftigen Unterstützer gefunden hatte. Hierbei handelte es sich um einen „opferbereiten Menschen= und Tierfreund, Stadtrat und Bierbrauereibesitzer aus Stuttgart", namens Denninger. Dolmetsch, Hermann Ploucquet, 1930, S. 103. 525 Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975, S. 175. 526 Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, 1999, S. 81. 527 Ebd., S. 78-87 u. Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975, S. 178. 528 Walch, Das Gebäude der Pariser Weltausstellung, 1967, S. 96. Das Ausstellungsgebäude wurde nach einem einmaligen und genialen Konzept gestaltet, das auf der Idee einer gegenständlichen Enzyklopädie, gegliedert nach Nationen und Themen, basierte. Es bestand aus acht von außen nach innen abgestuften ringförmig verlaufenden Galerien, in denen in zehn Gruppen und 90 Klassen aufgeteilt, die Exponate präsentiert wurden. Zudem war das Gebäude in tortenförmige Segmente aufgeteilt, wobei jeder Nation ein Segment zugeordnet war, so dass der Besucher entweder die Produkte einer Nation im Zusammenhang besichtigen konnte, in dem er von außen nach innen durch die Galerien schritt oder die Produkte einer ganzen thematischen Gruppe, in dem er den ovalen Galerien folgte. Vgl. dazu Walch, Das Gebäude der Pariser Weltausstellung, 1967 unter anderem S. 96 f. Vgl. Abb. 17, S. 128. 529 Ebd., S. 98. 2.9 Ausstellungen „urweltlicher Thiere“ 127 Abbildung 17: Der Grundriss des Ausstellungsgebäudes der Pariser Weltausstellung von 1867. Der Beitrag des Königreichs Württemberg, das gemeinsam mit anderen süddeutschen Staaten an der Pariser Weltausstellung teilnahm, war in der X. Gruppe und der 89. 2 Biografie 128 Klasse mit dem Titel „Gegenstände zur Verbesserung des physischen und moralischen Zustandes der Bevölkerung“ zu finden.530 Die Koordination der Ausstellungen der süddeutschen Staaten Bayern, Baden, Württemberg und Hessen übernahm die württembergische Zentralstelle für Gewerbe und Handel mit ihrem Präsidenten Ferdinand von Steinbeis.531 Sein Interesse galt in besonderem Maße dem Ausstellungswesen.532 Er erkannte schon sehr früh, dass Württemberg verstärkt auf den Export angewiesen war und daher ein internationales Schaufenster für die Leistungen der württembergischen Industrie und des Gewerbes benötigte.533 Hierbei setzte Steinbeis aus Prestigegründen vor allem auf Neuheiten, die noch auf keiner anderen Ausstellung zu sehen waren.534 Zu diesen Novitäten gehörten auch die Schöpfungen Martins. Dieser entschloss sich Anfang 1867 mit seiner Ausstellung urweltlicher Tiere, unter anderem mit der Nachbildung eines „Keupersauriers“, an der Weltausstellung in Paris teilzunehmen.535 Diesbezüglich wandte er sich im Februar an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen im Ministerium des Kirchen- und Schulwesens. Dort bat er am 23. Februar 1867 um finanzielle Unterstützung für sein Vorhaben und suchte um Gewährung eines fünfunddreißig Tage langen Sonderurlaubs zum Zweck der Vorbereitung und Teilnahme an der Pariser Weltausstellung nach.536 Er habe sich nach „längerem Widerstreben“ nun doch entschlossen, „die große pariser Weltausstellung mit einigen plastisch restituierten urweltlichen Thieren und Pflanzen zu beschicken“ und er glaube, damit „nicht nur dem allgemeinen nationalen Wettstreit, sondern ganz besonders auch dem bedeutungsvollen rein lokalen naturwissenschaftlichen Bestreben Württembergs […] Rechnung zu tragen.“537 Er glaube, dass „wenn jener Geist der gegenwärtig so gewaltig die ganze industrielle und künstlerische Welt bewegt, auch in die friedlichen Disziplinen der Naturwissenschaften eindringt, […] um so mehr annehmen zu dürfen, dass auch von dieser Seite aus [sein] bisher […] projektirtes Unternehmen bereitwilligste Unterstützung finden werde“.538 Wohl um bei der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen für die Unterstützung seiner Reise zu werben, hob er am Schluss dieses Schreiben hervor, dass er 530 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 9. September 1866. Im zitierten „Organ der Zentralstelle für Gewerbe und Handel“ wurde eine erste Liste der Teilnehmer veröffentlicht. Darunter befanden sich unter anderem Aussteller für Schulunterrichtsmittel, wie der von Ferdinand von Steinbeis ins Leben gerufenen „K. Kommission für die gewerblichen Fortbildungsschulen“ in Stuttgart sowie weitere Verlage beziehungsweise Lehrmittelhandlungen. Martins Beitrag wird zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgeführt. 531 Müller, Ferdinand von Steinbeis, 1907, S. 143. 532 Boelcke, Glück für das Land, 1992, S. 87. 533 Ebd., S. 89. 534 Rottmann, Die Förderung beruflicher Bildung in Württemberg, 2006, S. 174. 535 In Martins Brief vom November 1866 an den Präsidenten der Zentralstelle Ferdinand von Steinbeis war von einer Teilnahme an der Weltausstellung jedenfalls noch nicht die Rede StAL PL 702, Bü 721. Brief Philipp Leopold Martins vom 19.11.1866. 536 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief Philipp Leopold Martins vom 23. Februar 1867. 537 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief Philipp Leopold Martins vom 23. Februar 1867. 538 Ebd. 2.9 Ausstellungen „urweltlicher Thiere“ 129 seinen Aufenthalt in Paris noch zur Besichtigung der „dortigen naturwissenschaftlichen Anstalten“ nützen wolle und er „glaube annehmen zu dürfen, dass sein Vorhaben auch der Förderung seiner technischen Fähigkeiten an der hiesigen Anstalt“ förderlich sei.539 Die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen ebenso wie die Leitung des Königlichen Naturalienkabinetts vermochte der Argumentation Martins jedoch nicht zu folgen und zeigte geringes Interesse ihn zu unterstützen.540 Krauss war zunächst nicht einmal gewogen, der Bitte Martins um Gewährung eines Sonderurlaubs stattzugeben, da er bereits jetzt schon auf Grund seiner vormaligen Ausstellungen und „Privat-Arbeiten“ mit seinen dienstlichen Obliegenheiten in Rückstand gewesen sei und die Leitung „vermöge[n] es nicht zu beurtheilen, ob die Ausstellung des plastisch dargestellten Keupersauriers, auf welche nach der Angabe des Bittstellers Herr Ferdinand von Steinbeis so hohen Wert legt, zur Verherrlichung der von Württemberg nach Paris zu schickenden Gegenstände dienen soll, im Rahmen der Produkte des Königreichs Württemberg passend und erforderlich sei. […]“.541 Dem Gesuch könnte er daher „in dieser Weise nicht entsprechen“.542 Selbst, dass Martin in seinem Ansinnen „auf das Anerkennenswerteste“ von der Zentralstelle für Handel- und Gewerbe unterstützt wurde, vermochte Krauss nicht restlos zu überzeugen.543 Erst die Intervention von Ferdinand von Steinbeis und dessen Zusage, aus den Mitteln der Zentralstelle für Handel- und Gewerbe Martin einen Reisekostenzuschuss von 100 fl. zur Verfügung zu stellen, bewog die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen letztendlich dazu, trotz der Einwände von Krauss, dem Urlaubsgesuch Martins stattzugeben. Es dürfe nun aber keine Zeit mehr „verloren gehen“, so das Ministerium, die Direktion solle Martin umgehend den Erlass des Ministeriums in dieser Sache eröffnen und ihn auf das „Außerordentliche der gewährten Vergünstigung“ hinweisen.544 Auch aus Paris war bereits am 23. Februar die Antwort eines im Auftrage der Zentralstelle tätigen Mitarbeiters gekommen, dass die "Kaiserl. Commission" an der Unterbringung der „vorweltlichen Thiere“ Martins im Rahmen der Erzeugnisse des Königreichs Württemberg nichts auszusetzen habe.545 Damit war sichergestellt, dass Martin – wie einst Hermann Ploucquet – an einer Weltausstel- 539 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Ferdinand Krauss vom 23. Februar 1867. 540 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief Philipp Leopold Martins vom an das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens 23. Februar 1867. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Ferdinand Krauss an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 23. Februar 1867. 541 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Ferdinand Krauss an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 23. Februar 1867. 542 Ebd. 543 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief Philipp Leopold Martins vom 23. Februar 1867. 544 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Erlaß des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens vom 28. Februar 1867. 545 StAL E 170, Bü. 471, Brief vom 23. Februar 1867. 2 Biografie 130 lung teilnehmen konnte. Welche seiner Nachbildungen urweltlicher Tiere genau – au- ßer dem „Keupersaurier“ und einem „antediluvialen“ Löwen – in Paris tatsächlich präsentiert wurden, ist leider nicht mehr zweifelsfrei festzustellen.546 Die Exponate wurden – wie vorgesehen – in der „89. Classe. Erfordernisse und Methoden des Unterrichts“ und der 10. Gruppe, die „Gegenstände, welche speziell in Hinsicht auf Verbesserung des leiblichen und geistigen Zustandes der Bevölkerung ausgestellt werden“ umfasste, präsentiert.547 Zu dieser Kategorie gehörten auch Unterrichtsmittel und „Begriffe der physikalischen Wissenschaften und der Naturgeschichte „für den praktischen Gebrauch.“548 Zur Vorbereitung seiner Teilnahme nahm Martin vom 1. bis 20. März Urlaub, um nach der Absendung seiner Ausstellungsstücke vorübergehend – wieder seinen Dienst am Naturalienkabinett anzutreten.549 Am 22. April reiste Martin für ungefähr drei Wochen nach Paris um die Ausstellung vorzubereiten.550 Über seinen dortigen Aufenthalt ist nicht allzu viel bekannt. Er besuchte die Weltausstellung und zudem, wie in dem Brief an das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens von 23. Februar 1867 bereits angedeutet, auch die „Pariser [naturhistorischen] Anstalten“, also den Jardin des Plantes und das Muséum d’histoire naturelle.551 Martins Teilnahme an der Pariser Weltausstellung von 1867 war, trotz aller Steine die ihm in den Weg gelegt wurden, ein Erfolg. Seine urweltlichen Tiere fanden im dreizehnbändigen „Rapport“ der internationalen Jury lobende Erwähnung: Dans cet ordre de collections géologiques et paléontologiques, il faut également citer celle des animaux fossiles et antédiluviens que M. Martin avait exposée dans l'annexe du Wurtemberg.552 Auch einen der begehrten Preise konnte Martin in Empfang nehmen. Für seine „schwäbischen Ureinwohner“ wurde er in der 89. und 90. Klasse der 10. Gruppe mit der einzigen bronzenen Medaille für das Königreich Württemberg ausgezeichnet.553 546 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Martin und Appun, 58. 547 Königl. Württembergische Ausstellungs-Commission 1867, Beschreibender Katalog der Erzeugnisse des Königreichs Württemberg, S. 141. 548 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 25. März 1866, S. 113. 549 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Ferdinand Kraus an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 20. Mai 1867. 550 Ebd. 551 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 84. 552 Chevalier, Expositions Universelle, 1868, S. 757. 553 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 7. Juli 1867. Vgl. A. Chevalier 1868, Expositions Universelle, S. 47. U. Augustin 1985, Die Medaillen und Plaketten, S. 24, S. 62-64. Die Prämierungen wurden von der Ausstellungsleitung nach Beurteilung durch eine internationale Jury nach festgelegten Kriterien verliehen. Dabei gab es „Große Preise“ und Geldzuwendungen, goldene Medaillen, silberne und bronzene Medaillen, sowie sogenannte „Ehrenvolle Erwähnungen“. Die einzige Goldmedaille für Württemberg in diesen Klasse erhielt die von Ferdinand von Steinbeis initiierte Königliche Kommission für die gewerblichen Fortbildungsschulen, die Silbermedaille Ferdinand von Steinbeis selbst. 2.9 Ausstellungen „urweltlicher Thiere“ 131 Abbildung 18: Bekanntmachung im „Gewerbeblatt aus Württemberg“ über die württembergischen Medaillengewinner der Weltausstellung von 1867 in Paris. Insgesamt erhielten die deutschen Länder in allen Klassen acht „Große Preise“, sowie 101 Goldmedaillen, das Gastgeberland Frankreich hingegen allein mehr als die Hälfte der Auszeichnungen.554 Insgesamt ging – ohne damit die Erfolge Martins schmälern zu wollen – ein Medaillenregen über den Teilnehmerländern nieder.555 Kritiker bemerkten süffisant, dass jeder, der nur „einen Knopf “ auf dem Marsfeld ausgestellt hatte, dafür auch eine Medaille wollte.556 Dafür gab es allerdings gute Gründe. Die Teilnehmer – so auch Martin – standen unter enormem Erfolgsdruck. Alle Aussteller, die keine der begehrten Medaillen erhalten hatten, mussten in ihren Heimatländern mit Kritik und Sanktionen rechnen.557 Dazu mögen neben dem Verlust an nationalem Prestige auch die hohen Kosten für die Teilnahme beigetragen haben. Allein die Kosten für Reise und Unterkunft, welche viele Aussteller – so auch Martin – nicht aus der eigenen Tasche bezahlen konnten, betrugen bei einem Aufenthalt von nur 10 bis 12 Tagen schon 100 fl.558 – von den Kosten für den Transport und die Verpackung der Exponate, die allein den Ausstellern zur Last fielen, ganz zu schweigen.559 Auch Martin bekannte in einem Brief vom 23. Januar 1868, dass er die „pariser Ausstellung“ nur deshalb „frequentieren“ konnte, weil ihm „seitens des Herr Präsidenten von Steinbeis die Zusicherung gemacht wurde, sämtliche auf die Ausstellung bezugnehmende Ausgaben auf Staatskosten zu übernehmen.“560 554 Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975, S. 176. 555 Kretschmer, Geschichte der Weltausstellungen, 1999, S. 86. Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975, S. 158. 556 Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975, S. 172. Auch Ursula Rottmann erwähnt in ihrer Dissertation, dass die Medaillenflut auf Ausstellungen zur damaligen Zeit auf Kritik gestoßen sei. Vgl. Rottmann, Die Förderung beruflicher Bildung in Württemberg, 2006, S. 175. 557 Kroker, Die Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, 1975, S. 163. 558 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 10. März 1867, S. 101 u. Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 13. Oktober 1867, S. 369. 559 Landesgewerbeamt, Gewerbeblatt aus Württemberg vom 10. September 1865, S. 373. 560 StAL E 170 Bü 471, Brief Philipp Leopold Martins vom 24. Januar 1868. Ergänzend ist anzumerken, dass der Beitrag der deutschen Länder an der Pariser Weltausstellung ein eher bescheidener war. Ein Grund hierfür sei laut Julius Lessing unter anderem gewesen, dass die „eigentliche Industrie“ im Gegensatz zu England noch zu wenig entwickelt war und zudem die „Zerrissenheit“ des deutschen Ausstellungsbeitrags aufgrund der zahlreichen einzeln oder getrennt in süd- und norddeutsche Län- 2 Biografie 132 Die letzten Jahre Martins am Naturalienkabinett Weitere Konflikte Am 15. Mai 1867 kehrte Martin nach seinem „Pariser Intermezzo“ an das Königliche Naturalienkabinett in Stuttgart zurück.561 Sofort nach seiner Ankunft drohte ihm neues Ungemach. Martin hatte wegen seiner Teilnahme an der Weltausstellung seinen Urlaub – laut Krauss ohne dafür nachgesucht zu haben – um insgesamt sieben Tage überschritten.562 Diese eigenmächtige Urlaubsüberschreitung sollte ein Nachspiel haben. Am 20. Mai setzte daher sein Vorgesetzter Ferdinand Krauss die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen davon in Kenntnis, er habe Martin auf sein diesbezüglich eigenmächtiges Handeln angesprochen und zur Antwort erhalten, dass er „in Paris fortwährend an dem einzigen aufzustellenden Saurier gearbeitet habe, aber eben nicht früher fertig geworden sei“.563 Die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen beauftragte Krauss damit, Martin wegen seines eigenmächtigen Handelns einen Verweis zu erteilen und „denselben zu ermahnen seine Dienstobliegenheiten am K. Naturalienkabinett gründlich und gewissenhaft auszuführen“ und falls er dieser Weisung nicht nachkomme, würde die „Dienstaufkündigung“ eingeleitet.564 Infolgedessen bat Martin die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen persönlich um die Rücknahme dieses Verweises.565 Zudem wandte er sich an seinen Vorgesetzten und ging selbst in die Offensive. Er beklagte, dass „man in dieser Anstalt […die] Quantität u. nicht die Qualität seiner Arbeiten berücksichtige“, dass er „niemals anerkannt werde“ und die „Direktion ihm kein Gehör schenke.“566 Dieser wiederum erwiderte auf dessen harsche Kritik, „daß er mit seiner Anstellung die Obliegenheit übernommen habe, das Ausstopfen der Bälge auszuführen“ und sein Verhalten nun genauso Anlass zur Klage gebe wie einst im Berliner zoologischen Museums unter Direktor Wilhelm Peters.567 2.10 2.10.1 der teilnehmenden deutschen Staaten ihren Teil zu diesem mageren Ergebnis beitrug. S. Lessing, Das halbe Jahrhundert der Weltausstellungen, 1900, S. 21. 561 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Bericht von Ferdinand Krauss an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 20. Mai 1867. 562 Ebd. 563 Ebd. 564 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B., Brief von Ferdinand Krauss an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 23. Mai 1867 und Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief der Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 26.5.1867. 565 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Philipp Leopold Martin an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 3. Juni 1867. 566 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Prof. Ferdinand Krauss an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 5. Juni 1867. 567 Ebd. 2.10 Die letzten Jahre Martins am Naturalienkabinett 133 Der Anfang vom Ende Dieser erneute Zusammenstoß zwischen Martin und seinem Vorgesetzten weist – neben dem äußeren Anlass – auf einen grundsätzlichen Konflikt hin. Martin fühlte sich gewissermaßen zu „Höherem“ berufen und trachtete danach, seine Vorstellungen von der Vermittlung naturkundlichen Wissens zu verwirklichen. Seine Vorgesetzten verlangten dagegen die penible Einhaltung der Dienstanweisungen und Arbeitszeiten – und was noch weit schwerer wog – sie lehnten alle dementsprechenden Ambitionen Martins ab und zeigten keinerlei Interesse, ihn dabei zu unterstützen – weder praktisch noch ideell. Daher kam es auch in den folgenden Jahren immer wieder zu ähnlichen Vorkommnissen, die Martins Vorgesetzter Krauss penibel in einer Liste (1861 bis 1873) festhielt.568 Nach der Mitwirkung am 1864 eingestellten Akklimatisationsgartenprojekts König Wilhelms I., dessen Einstellung ihm lange nachhing und seiner von Erfolg gekrönten Teilnahme an der Weltausstellung von 1867 in Paris, vermochte dieser sich immer weniger mit den bestehenden Verhältnissen im Königlichen Naturalienkabinett zu arrangieren und seiner Stellung als bloßer zoologischer Präparator abzufinden.569 Sein Traum war es, stattdessen ein eigenes populäres Schaumuseums zu initiieren und dort seine eigenen Konzepte so umzusetzen wie er sich das vorstellte. Aus diesem Grund versuchte er zum wiederholten Mal ein Ausstellungsgebäude für seine urweltlichen Tiere zu finden. Diesmal wandte er sich – im August 1867 – an das preußische Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin und legte diesem einen detaillierten Plan zur Umsetzung und Finanzierung eines derartigen Projektes vor.570 Aber ebenso wie das württembergische Ministerium des Kirchen- und Schulwesens lehnten die preußischen Behörden Martins Ansinnen ab.571 Zudem führte sein Plan zu erneuten Konflikten mit früheren und gegenwärtigen Vorgesetzten sowie den übergeordneten Dienststellen. So hatte sich der umtriebige Präparator in seiner Anfrage als „Inspektor am archäologischen Museum in Stuttgart“ bezeichnet. Dies nahm sein ehemaliger Vorgesetzter am Zoologischen Museum in Berlin, Wilhelm Peters nicht nur mit Befremden zur Kenntnis, er teilte dies auch umgehend dem Leiter des Naturalienkabinetts in Stuttgart Ferdinand Krauss, mit. Dieser vermerkte Martins neuerliches „Vergehen“ in seiner „schwarze Liste“.572 Peters störte sich aber bei weitem nicht nur an dem von Martin angegebenen Titel, sondern auch an seinem „Geschenk“ für das Zoologische Museum in Berlin. Denn er hatte, im Zusammenhang mit seiner Anfrage nach einem passenden Ausstellungsgebäude für sein Museum der Urwelt, die 2.10.2 568 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 C. Protokoll von Ferdinand Krauss von 1861-1873. 569 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 49. 570 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 69 und S. 71. 571 Ebd., S. 69. 572 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 C. Protokoll von Ferdinand Krauss von 1861-1873. 2 Biografie 134 Nachbildung eines „antediluvianischen Löwen“ (Pantera leo spelaea) nach Berlin gesandt, welcher dem zoologischen Museum übergeben und im Keller des Universitätsgebäudes deponiert wurde.573 Peters war in seiner Eigenschaft als Direktor vom preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten angeschrieben worden, er solle das Modell dieses „angeblich antediluvianischen Löwen“ zum Versand an das Naturhistorische Museum in Bonn vorbereiten.574Auf Grund dessen sah sich Peters die von Martin angefertigte Nachbildung an. In einem Brief an den preußischen Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten vom 14. Dezember 1867 gab Peters sein „Expertenurteil“ über den von Martin angefertigten „antediluvianischen Löwen“ ab, das natürlich schon auf Grund seiner Erfahrungen und Konflikte mit Martin vernichtend ausfallen musste. „Das sogenannte Modell eines antediluvianischen Löwen“ sei laut Prof. Peters und anderer von ihm bestellter „Sachverständiger“, nichts weiter als ein „Phantasiegebilde“, welchem jede wissenschaftliche Basis fehle, „so daß die Aufstellung in irgendeiner dieser wissenschaftlichen Anstalten“ nicht von Interesse sei.575 Zudem sei die Idee „von antediluvianischen Thieren solche Phantasiegebilde zu machen nicht neu“.576 „Es dürfte daher auch dieses Modell höchstens als Theaterdecoration oder für ein Local […] verwendbar sein.“ Ein solches Modell hätte allein dann von Interesse sein können, wenn es von „einer wissenschaftlichen Autorität ausgeführt worden sei.“ Martin sei jedoch, so Prof. Peters weiter, als „zweiter technischer Gehülfe“ im Zoologischen Museum in Berlin angestellt gewesen und jetzt „als Präparator (Ausstopfer) für das Königlich Württembergische Naturalienkabinett“ in Stuttgart tätig.577 Trotz dieses Rückschlags und des „vernichtenden“ Urteils seines ehemaligen Vorgesetzten bemühte sich Martin weiter – allerdings erfolglos – um die Überlassung eines im Besitz des Königreichs Württemberg befindlichen Gebäudes oder gegebenenfalls Bauplatzes für sein Museum der Urwelt.578 Die „innere Kündigung“ Martins im Zusammenhang mit dem für seinen Vorgesetzten anmaßend wirkenden Vorhaben ein eigenes Museum zu gründen, waren dem Verhältnis zu Krauss selbstverständlich nicht förderlich. Als Martin im Frühjahr 1868 zudem erkrankte und aus diesem Grunde um einen sechswöchigen Erholungsurlaub nachsuchte, sah sich Krauss veranlasst, sich zum wiederholten Male an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen zu wenden.579 Professor Krauss habe „unter den obwaltenden Umständen“ zwar nichts gegen einen Erholungsurlaub einzuwenden, sprach in seinem Schreiben aber auch grundsätzliche Fragen über Martins Dienstauffassung und den daraus für den Betrieb des Naturalienkabinetts 573 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Martin und Appun, 61. 574 Ebd. 575 Ebd., 58. 576 Ebd. Peters verweist hier wahrscheinlich auf die Crystal Palace Dinosaurs im Park von Sydenham in London. 577 Ebd. 578 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 71. 579 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Ferdinand Krauss an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 9. Mai 1868. 2.10 Die letzten Jahre Martins am Naturalienkabinett 135 resultierenden Folgen an.580 So wirft er Martin vor, seit seiner Einstellung im Februar 1859, „außerordentlich langsam gearbeitet“ und nicht einmal „das Ausstopfen der jährlich organisierten Säugethiere“ bewältigt zu haben. Als konkrete Beispiele führt Krauss an, dass Martin im Jahr 1867 „nur 26 Säugethiere und 25 kleine Vögel“ ausgestopft hätte und allein für einen „Wapitihirsch“ vierunddreißig Tage benötigte.581 Seine Arbeit musste daher, so Krauss weiter, zu einem Teil von privaten Präparatoren gegen ein entsprechendes Entgelt erledigt werden. Auf kritische Bemerkungen ob seiner Leistungen antworte Martin, dass er eben mehr auf Qualität als auf Quantität Wert lege.582 Krauss betonte hingegen, dass Martin den Wert seiner Präparate bei weitem „überschätze“.583 Zudem habe dieser, wie er Krauss selbst berichtete, „am Ausstopfen gar keine Freude mehr“, und widme sich mehr anderweitigen Tätigkeiten wie beispielsweise der „Anfertigung und Ausstellung seines ‚archäologischen Museums‘.584 Da dies für das Naturalienkabinett nicht tragbar sei und unbedingt jemand benötigt werde, der die Rückstände aufarbeite und Martin dafür nicht mehr in Frage käme, befürwortete Krauss – entgegen seiner früheren Auffassung – „Martins schon früher eingereichtes Gesuch um Einräumung eines Lokals zur permanenten Ausstellung seiner urweltliche Thiere“.585 Krauss hoffte, dass dessen Gewährung ihn dazu veranlassen würde, seinen nur mehr halbherzig erfüllten Dienst am Naturalienkabinett endlich zu quittieren.586 Die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen wandte sich in Folge dieses Schreibens an das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens, das bezüglich des „Lokals zur Aufstellung seines [Martins] plastisch-paläontologischen Museums“ zuerst mit dem Königlichen Finanzministerium in Rücksprache treten müsse.587 Rund einen Monat später ließ das Finanzministerium das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens sowie die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen und Krauss in einer Note wissen, „daß in einem hiesigen Staatsgebäude kein Local verfügbar ist, welches dem Präparator Martin zu Unterbringung seines plastisch-paläontologischen Museums“ eingeräumt werden könnte.“588 Damit blieb Martin vorerst nichts anderes übrig, als weiterhin am Naturalienkabinett tätig zu 580 Ebd. 581 Ebd. 582 Die Anfertigung eines Tierpräparats konnte in der Tat – bei entsprechender Ausführung – ein langwieriges Unterfangen darstellen. So benötigten zum Beispiel Inspektor Rammelsberg am zoologischen Museum in Berlin und sein Gehilfe Beyer für das Austopfen und Aufstellen eines großen Säugetiers eine ganze Woche. Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 103 f. 583 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief von Ferdinand Krauss an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 9. Mai 1868. 584 Ebd. 585 Ebd. 586 Ebd. 587 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Brief des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens an die Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen vom 18. Mai 1868. 588 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 B. Note des K. Finanzministeriums an das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens vom 13. Juni 1868. 2 Biografie 136 bleiben – allerdings mit noch weniger Enthusiasmus, von einzelnen interessanten Aufträgen wie beispielsweise der Präparation des Kopfs eines weißen Edelhirschs aus dem Königlichen Wildpark einmal abgesehen.589 Daher blieb es selbstverständlich nicht aus, dass Krauss in seinem Protokoll weitere „Auftritte“ Martins vermerkte, wie beispielsweise sein zu spätes Erscheinen bei der Arbeit oder demonstrativ langsames Arbeiten.590 Zunehmende Publikationstätigkeit Während seiner letzten Jahre als Präparator am Naturalienkabinett, die ihm durch die weiter schwelenden Konflikte mehr und mehr verleidet wurden, widmete sich Martin der Veröffentlichung weiterer Bände seiner „Praxis der Naturgeschichte“. Bereits 1869 erschien mit der „Taxidermie oder die Lehre vom Konserviren, Präpariren und Naturaliensammeln auf Reisen, Ausstopfen und Aufstellen der Thiere, Naturalienhandel, etc.“ der erste Band seines Hauptwerkes.591 Dabei handelte es sich formell um die – dem Untertitel nach – dritte, überarbeitete Auflage des Werks des „Vogelpastors“ Christian Ludwig Brehm, „Die Kunst Vögel als Bälge zu bereiten etc.“.592 Tatsächlich hatte die „Taxidermie“ aber nicht mehr viel mit Brehms ursprünglichem Buch gemein, es war ein grundsätzlich neues Lehrbuch, in welchem Martin seine in jahrzehntelanger Arbeit gewonnenen praktischen Erfahrungen einem weiteren Kreis zugänglich machen wollte. Den Lesern sollte eine „Anleitung“ für das „Naturaliensammeln auf Reisen, das Konservieren sowie das Präparieren von allerlei „Naturkörpern“ und nicht zuletzt für die Taxidermie, das „Ausstopfen“, an die Hand gegeben werden. Martin selbst bemerkte im Vorwort, dass er letztendlich nur den Teil der Arbeit Brehms übernommen hatte, in dem es um die „Stellung der Vögel“ ging.593 Ein Jahr später erschien der „2. Theil“ der „Praxis der Naturgeschichte“ mit dem Titel: „Dermoplastik und Museologie oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und 2.10.3 589 Der Kopf wurde Martin im November 1868 „durch besondere Munificenz Sr. Maj. Des Königs“ (König Karl I. (1864-1891)) zur Präparation übergeben. Vgl. Martin, Monströse Hirschgeweihe und deren Ursachen, 1869, S. 193-199. 590 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 C. Protokoll von Prof. Krauss von 1861-1873. 591 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869. Vgl. das Vorwort der 3. Auflage der „Taxidermie“ von seinen Söhnen Leopold und Paul Martin, in Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. 6. 592 Brehm, Die Kunst Vögel als Bälge zu bereiten, 1842. 593 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), 1869, S. VIII. Bezüglich eines anderen Werkes von Martin kam es zu Differenzen mit Alfred Edmund Brehm. Vgl. dazu Fußnote 34, S. 305 f. 2.10 Die letzten Jahre Martins am Naturalienkabinett 137 Erhalten von Naturaliensammlungen“.594 Darin wird unter Mitarbeit namhafter Autoren, wie beispielsweise dem Zoologen Gustav Jäger (1832-1917), die gesamte Museumskunde abgehandelt.595 In einer Bestandsaufnahme untersuchte Martin die bisherige Ausstellungspraxis in den damaligen Naturkundemuseen und Naturalienkabinetten und kommt – von Ausnahmen abgesehen – zum Schluss, dass die überkommenen Konzeptionen dieser Sammlungen nach rein systematischen Gesichtspunkten dem Bedürfnis der Besucher nach naturwissenschaftlicher Bildung kaum entgegen kämen.596 Nicht nur die Aufstellung der Tiere wird von Martin kritisiert, sondern auch wie diese präpariert wurden. So forderte er, dass der ausführende Präparator nicht nur ein Handwerker sein müsse, sondern auch ein Künstler.597 Ebenso müsse die bisherige Taxidermie, das bloße „Ausstopfen“, durch die „Dermoplastik“ ergänzt oder in bestimmten Fällen sogar ersetzt werden.598 Das „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ Parallel zu seiner Publikationstätigkeit setzte Martin die Bemühungen unbeirrt fort, ein geeignetes Gebäude oder zumindest Grundstück für das nach wie vor geplante „Museum der Urwelt“ zu finden. Allerdings wurde auch sein erneutes Gesuch, diesmal „um Überlassung einer Baustelle zu Aufführung eines Gebäudes für seine Schaustellung“ abgelehnt. Das Finanzministeriums teilte in einer Note dem Ministerium des Kirchen- und Schulwesens mit, dass „dem Bittsteller die gewünschte Baustelle […] zur Erbauung eines Gebäudes für die Auf- und Schaustellung der von ihm plastisch hergestellten urweltlichen Thiere u. Pflanzen“ nicht eingeräumt werden könne.599 Über die andere von Martin vorgeschlagene Baustelle, eine ehemalige „Maulbeerplantage“ an der „Straße nach Berg“, habe die Staatsfinanzverwaltung keine Verfügung.600 Trotz dieser weiteren Rückschläge gab Martin nicht auf und seine Bemühungen bezüglich der Suche eines geeigneten Grundstücks waren letztendlich doch von Erfolg gekrönt. So stellte ihm der Gründer und Besitzer von Nills privatem Tiergartens in Stuttgart, Johannes Nill (1825-1894), ein unmittelbar an den Zoo angrenzendes Grundstück in der Azenbergstraße auf der Parzelle „No. 8570/1“, einem „Gras- und Baumgarten“, zur Pacht zur Verfügung.601 Nills Tiergarten war 1871, 2.11 594 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870. 595 Ebd. 596 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. VIII. 597 Ebd., S. IX. 598 Ebd., S. VIIf. u. S. 20ff. 599 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874. Note des Finanzministeriums vom 29. November 1873. 600 Ebd. 601 Stadtarchiv Stuttgart, BRA 265/2 Situationsplan zum Baugesuch. 2 Biografie 138 kurz vor dem Ende des entsprechenden Instituts von Gustav Werner (1809-1870) , im Garten einer Gastwirtschaft als zweiter privater Tiergarten in Stuttgart gegründet worden.602 Damit schien er endlich seinem Ziel, ein eigenes Museum nach seinen Vorstellungen konzipieren und leiten zu können, einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Am 28. Februar 1874 beantragte Martin schließlich eine Konzession zum Bau seines „Museums der Urwelt bis zur Gegenwart“. Er beehre sich, so ist der „Bitte um Concessionsertheilung“ zu entnehmen, „daß das seit einer Reihe von Jahren vom mir verfolgte & einem Hochloebl. Gemeinderath wohl bekannte Projekt der Gründung eines sogenannten Museums der Urwelt, durch welches zunächst vorsündflutliche Thiere, deren vormalige Existenz durch Auffindungen & wissenschaftliche Begründungen außer Zweifel gesezt ist, der Natur möglichst getreu nachgearbeitet zur Auffassung gebracht werden, nunmehr mit Hilfe einiger Kunstfreunde und Männer der Wissenschaft der Verwirklichung entgegengeht. Das zur Ausstellung erforderliche Gebäude würde auf dem Platze des Nill’schen Thiergartens mit bereits eingeholter Genehmigung des Eigenthümers errichtet werden. Überzeugt, daß ein Hochlöblicher Gemeinderath dieses Unternehmen welches eine weitere Zierde unserer Residenzstadt zu werden verspricht mit Freuden begrüßen und wohlwollend aufnehmen wird, umsomehr als ein solches bis jetzt in der projektirten Gestalt noch nirgends existirt, bittet der ergebenst Unterzeichnete um die erforderliche Concession auf die vorläufige Dauer von zehn Jahren“603 Nachdem der Besitzer des Grundstücks Johannes Nill die notwendige Unterschrift zur Einwilligung für das Bauvorhaben geleistet hatte, erging genau zwei Monate später am 28. April 1874 die „Genehmigungs Urkunde“ des Ministeriums des Innern an Martin: „Unter der Bedingung der Einhaltung der amtlich beglaubigten Pläne und der nachstehenden besonderen Vorschriften“ ist es in „widerruflicher Weise gestattet auf dem dem Werkmeister J. Nill dahier gehörigen Grundstück […] ein 28,65 m langes, 14,32 m breites bis zum First 10,025 m hohes zur Ausstellung von Nachbildungen urweltlicher Thiere bestimmtes Gebäude, mit Bretterwänden zu errichten. 604 Entlassung aus dem Staatsdienst Der Fortführung des Projekts stand nun nichts mehr im Wege. Dessen gewiss, suchte Martin um Entlassung aus dem Staatsdienst nach, damit er sich künftig ausschließlich seinem so lange gehegten Traum widmen konnte. Bereits am 18. Mai 1874, nur drei Tage nach der amtlichen Genehmigung seines Bauvorhabens, sandte Martin seine „gehorsamste Bitte […] um gnädige Entlaßung aus dem Staatsdienst“ an die 602 Vgl. unter anderem Albrecht, Vergnügen und Belehrungen Teil 2: Nills Tiergarten, 2001. Nill 1937, Geschichte des Nill’schen Tiergartens, Klunzinger, Geschichte der Stuttgarter Tiergärten, 1910. 603 StAS BRA 265/2, 2. 604 StAS BRA 265/2, 8. In einem „Revers“ vom 15. Mai 1874 wurden der Baugenehmigung noch weitere Bedingungen hinzugefügt. So sollten sich die „Baulustigen“ Martin und Nill verpflichten, „die Nordost= und Nordwestseite des Neubaues“ gegebenenfalls in „ausgemauertem Fachwerk“ herzustellen, falls dort ein geplantes Hinterhaus errichtet werden würde. Des Weiteren sei das Gebäude als Provisorium zu errichten und soweit erforderlich beim „fortschreitenden Anbau der Azenbergstraße“ wieder abzureißen. StAS BRA 265/2, 10. 2.11 Das „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ 139 Königliche Direktion der wissenschaftlichen Sammlungen.605 „Der schon längst gehegte Plan,“ so Martin in seinem Gesuch, „ein sogenanntes Museum der Urwelt zu gründen soll nunmehr in Erfüllung gehen“ und er sei „als technischer Leiter desselben bestimmt, was eine […] Verbesserung auch meiner pekuniären Lage zur Folge hat.“ Deshalb bitte er um „gnädige Entlassung aus dem Staatsdienst.“606 Die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen hielt daraufhin mit Prof. Ferdinand Krauss Rücksprache und berichtete der vorgesetzten Dienststelle, dem Ministerium des Kirchen- und Schulwesens, dass Martin um seine Entlassung nachgesucht habe.607 Krauss hätte, so ist in dem Brief zu lesen, nichts gegen das Gesuch Martins einzuwenden, da er mittlerweile ohnehin weder mit Martins „Diensteifer“ noch mit seinen Leistungen als Präparator zufrieden sei.608 Das Verhältnis zu seinem Präparator sei zudem angespannt und es habe zu „manchen unangenehmen Auftritten“ Anlass gegeben. Martin solle daher keinesfalls um eine Fortführung seines Dienstes gebeten werden.609 Dem Gesuch Martins wurde am 26. Mai 1874 „vermöge höchster Entschließung […] Seiner Königlichen Majestät“ stattgegeben und die Entscheidung noch am selben Tage der Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen und den „Conservatoren des K. Naturalienkabinetts“ mitgeteilt.610 Nunmehr im Alter von fast sechzig Jahren gab Martin seine – zumindest finanziell – abgesicherte Existenz als Staatsdiener auf und begann einen neuen, durchaus risikoreichen Lebensabschnitt. Überraschend kam sein Entschluss freilich nicht. Er war schon seit Jahren „amtsmüde“, was die – auf den vorherigen Seiten geschilderten – Vorkommnisse und Konflikte mit seinem Vorgesetzten Ferdinand Krauss eindrucksvoll belegen. Und er sah keine Chance mehr, seine Vorstellungen im engen Rahmen einer „Staatssammlung“ zu verwirklichen.611 Daher scheint es nur allzu verständlich, dass Martin die Gelegenheit, sein „eigener Herr“ zu werden, umgehend wahrnahm. Die Konzeption des „Museums der Urwelt“ Martin nahm die Umsetzung seines Planes rasch in Angriff. Mit der Konzeption seines populären „Museums der Urwelt“ hatte er sich schon viele Jahre – letzten Endes seit der ersten temporären Ausstellung im Jahre 1865 im Stuttgarter Königsbau – be- 2.11.1 605 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 D. Entlassungsgesuch Philipp Leopold Martins vom 18. Mai 1874. 606 Ebd. 607 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 D. Bericht der Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 20. Mai 1874. 608 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 D. Bericht der Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 20. Mai 1874. 609 Ebd. 610 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 D. Erlass des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens an die Direktion der Wissenschaftlichen Sammlungen vom 26. Mai 1874. 611 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (2. Aufl.), 1880, S. 15. 2 Biografie 140 schäftigt. Den Grundstock, der für sein Museum vorgesehenen Exponate, bildeten zum Teil die Nachbildungen, die er in seiner „Vermehrten Ausstellung urweltlicher Thiere“ im Königsbau und in seinem „Archäologischen Museum“ in der Neckarstra- ße 66 präsentiert hatte, sowie die auf der Pariser Weltausstellung ausgestellten Exemplare.612 Die Grundkonzeption seines „Museums der Urwelt bis zur Gegenwart“ war – wie es im „Zoologischen Garten“ im Oktober 1874 der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde – kurz zusammengefasst – folgende: Martin habe den Plan gefasst, „ein Institut zu gründen welches sich die Aufgabe stellt, die wichtigsten Naturkörper in großen plastischen Tableaux vor das Auge des Beschauers zu führen“. […] An der linken Seite des Gebäudes sollen die Hauptformationen der schwäbischen Urzeit mit ihren hauptsächlichen Thieren plastisch und bildlich dargestellt werden, während die rechte Seite des Gebäudes für Zonenbilder aus der Gegenwart bestimmt ist. Ausserdem aber soll für eine ausgewählte Aufstellung ökonomisch nützlicher und schädlicher Thiere Sorge getragen werden“.613 Ergänzend zu seinen eigenen Schöpfungen bat Martin zudem „alle Freunde dieses Unternehmens“ um „gefällige Einsendung betreffender Objecte“, um die Ausstellung zu komplettieren. Er wolle dem „durch gewissenhafte Namensangabe des Gebers […] gebührend Rechnung tragen.614 Die Hauptattraktion des im Entstehen begriffenen Museums sollte aber alle anderen in Größe und Authentizität überragen und weit über die Grenzen Württembergs hinaus bis in das 20. Jahrhundert hinein zahlreiche Bewunderer und Nachahmer finden. Dabei handelte sich um ein „Mammutprojekt“ im doppelten Sinne des Wortes. In jahrelanger Arbeit schuf Martin einen eiszeitlichen Elefanten in Originalgröße, der seinen Platz in der Mitte des Museums finden sollte. Der Kopf des 16 Fuß (ca. 4,5 Meter) hohen Mammuts war, wie die „Schwäbische Chronik“ meldete, bereits im Oktober 1874 fertig geworden.615 Über den Winter 1874/75 ruhte die weitere Ausgestaltung des Museums, weil das in „Bretterbauweise“ errichtete provisorische Ausstellungsgebäude nicht beheizt werden konnte.616 Im März 1875 meldete Martin schließlich im „Zoologischen Garten“, dass „das Museum der Urwelt bis zur Gegenwart, welches als ein für sich bestehender Annex an dem Nill’schen Thiergarten anzusehen ist, […] nach dem Verlauf der kalten Witterung, in eifrigen Fortgang genommen und womöglich schon in einigen Monaten eröffnet“ werde.617 612 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 51. Jahn, Philipp Leopold Martin, 1989, S. 9. 613 Der Zoologische Garten 15, 1874, S. 473. 614 Ebd. 615 Museum der Urwelt bis zur Gegenwart in Nills Tiergarten, in: Schwäbische Chronik vom 11. Oktober 1874 und Der Zoologischer Garten 15, 1874, S. 473. Zur Mammutnachbildung und ihrem Verbleib vgl. Kap. 4.4, S. 373ff. 616 StAS BRA 265/2, 2. 617 Der Zoologische Garten 16, 1875, S. 104. 2.11 Das „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ 141 Abbildung 19: Teil des Bauplans des „Museums der Urwelt“. Martins „Museum der Urwelt“ öffnete am 12. Mai 1875 seine Pforten für die Öffentlichkeit, was einer Anzeige in der „Schwäbischen Chronik“ vom 13. Mai 1875 zu entnehmen ist.618 Die Lokalpresse und die Bevölkerung Stuttgarts nahmen die neue „Attraktion“ der Residenzstadt zunächst äußerst wohlwollend auf. Wie sich die Ausstellung zum Zeitpunkt der Eröffnung den Besuchern darbot, schildert die Schwäbische Chronik: „Das Martin’sche Museum zeigt uns die Aufeinanderfolge der Schichten der Erdrinde, zeigt wie die Erde vor Millionen und Millionen Jahren bepflanzt und wie sie bewohnt war. Da sind die Schichten des bunten Sandsteins, des Muschelkalks, des Keupers, des schwarzen Jura aufgedeckt. Vor diesen Bildern liegt auf Tischen ausgebreitet, was an vorweltlichen Thierspuren zu unserer Kenntniß gekommen ist […]. Das Prachtstück der Ausstellung ist aber unstreitig das Mammuth. […] Der Urwelt ist die Darstellung der Gegenwart gegenübergestellt; da ist ein nordischer Vogelberg mit der ihm eigenthümlichen Bevölkerung; da ist ein deutscher Wald, da ist ein brasilianischer Urwald und daneben die egyptische Wüste zu sehen.“619 618 Schwäbische Chronik vom 13. Mai 1875. 619 Schwäbische Chronik vom 4. Juni 1875. 2 Biografie 142 Abbildung 20: Die Mammutnachbildung Martins im Museum der Urwelt. Zeitgenössische Fotografie. Da die Schausammlung in den ersten Wochen noch nicht so reichhaltig bestückt war, regte die Schwäbische Chronik am 30. Mai an, die Ausstellung noch zu erweitern, um „dem Publikum einen werthvollen Genuss zu bieten.“620 In der Tat hatte Martin vor, zusätzlich eine „permanente Ausstellung von Arbeiten anderer Künstler der Taxidermie und „Naturalienpräparation“ zu integrieren, „in welcher nicht nur Thiergruppen, sondern auch Bälge, Präparate der verschiedensten Art“ sowie Modelle, Abbildungen und Fachliteratur präsentiert werden konnte.621 Mit einer Ausstellung von an die fünfzig Tierpräparaten, die er als Auftragsarbeit für die Smithsonian Institution in den USA und die Weltausstellung von 1876 in Philadelphia angefertigt hatte, machte er selbst den Anfang.622 Damit versuchte er nicht nur Lehrer und Schüler oder weitere Kreise der Bevölkerung zum Besuch des Museums zu bewegen sondern auch Fachleute. Nicht zuletzt verfolgte er damit auch das Ziel, „angehenden Conservatoren“ die Gelegenheit zu geben, sich öffentlich bekannt zu machen.623 Hiermit knüpfte Martin an die bereits in seiner Berliner Zeit unter Martin Hinrich Lichtenstein begonnenen Bemühungen an, als er auf dem Dachboden des Berliner zoologischen Museums in der Universität unter den Linden kurzzeitig eine „Schule“ zur Aus- und Weiterbildung von Präparatoren und Konservatoren initiierte.624 Nicht zuletzt war ihm – aufgrund eigener Erfahrungen – sehr daran gelegen, seinen Berufsstand und dessen Leistungen ins rechte Licht zu rücken und wirksame Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. 620 Schwäbische Chronik vom 30. Mai 1875. 621 Der Zoologische Garten 16, 1875, S. 104. 622 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 73. 623 Der Zoologische Garten 16, 1875, S. 104. 624 Vgl. Kap. 2.6.2, S. 86 f. 2.11 Das „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ 143 Die Finanzierung seines umfangreichen Unternehmens gestaltete sich mit der Zeit aber zunehmend schwieriger. Da der Besitzer des Grundstücks und des angrenzenden Tiergartens Johannes Nill direkt an Martins Museum ein weiteres Gebäude in Ziegelsteinbauweise errichten wollte, in dem sich im Obergeschoss eine Wohnung für den Zoobesitzer und seine Familie befinden sollte, griff eine in der Genehmigungsurkunde zum Bau des Museums genannte Bedingung.625 Die an das neue Gebäude grenzenden Wände der provisorischen Ausstellungshalle mussten in diesem Fall durch „ausgemauertes Fachwerk“ ersetzt werden.626 Martin wandte sich deshalb an das Ministerium des Innern, um diesen – mit hohen Kosten verbundenen – Umbau zu verhindern oder zumindest einen Aufschub zu erreichen. In diesem Zusammenhang äußerte er sich in einem Brief vom 3. Dezember 1875 zur finanziellen Lage seines Unternehmens: „Es habe sich nun aber die Entfernung des Museums zum Mittelpunkt der Stadt“, so Martin in diesem Schreiben, „die Nähe des zoologischen Gartens“ und „ganz besonders aber dessen gänzliche Trennung und Abschließung gegen das Museum, für das materielle Interesse desselben als überaus nachtheilig herausgestellt und zwischen den Theilhabern großen Zweifel hervorgerufen, weshalb eine möglichst baldige Verlegung desselben nach einem günstigeren Ort, eine Lebensfrage für dessen Fortbestand ist.“627 Auf Grund der Widerstände des Tiergartenbesitzers Nill wurde aus der von Martin erhofften Zusammenarbeit zwischen dem Tiergarten und seinem Museum der Urwelt nichts. Stattdessen plante er, das Museum an einen anderen Ort zu verlegen, der nicht so weit von der Stadtmitte entfernt lag. Deshalb bat Martin in dem Brief an das Ministerium des Innern um eine Frist bis zum Juli 1876, weil bis dahin die „Translokation“ des Museums voraussichtlich erfolgt sein werde.628 Das Ministerium verlängerte die Frist zum Umbau schließlich bis zum 1. Juli 1877629, da das Ausstellungsgebäude mittlerweile „durch Vergleich“ am 28. Februar 1877 an „stille Mitbesitzer“ übergegangen war.630 Das Martinsche Mammut verlässt Stuttgart Zu einer Verlegung in Stadtnähe kam es aber nicht mehr. Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung wurde das Museum seiner größten Attraktion „beraubt“. Der US-amerikanische Naturaliensammler und -händler Henry Augustus Ward (1834-1906), der sich bereits zuvor mehrmals in Stuttgart aufgehalten hatte – immer auf der Suche 2.11.2 625 StAS BRA 265/2, 2. Vgl. Schwäbische Chronik vom 19. März 1876. 626 StAS BRA 265/2, 13. 627 Ebd. Die Lage eines Museums gehörte zu den entscheidenden Kriterien für Erfolg oder Misserfolg. Vgl. das Beispiel des Museums für Naturkunde in Berlin. Das neue im Jahre 1889 an der Invalidenstraße eröffnete Museumsgebäude hatte in den ersten Jahren seines Bestehens nur 12.000 Besucher jährlich. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 128. 628 StAS BRA 265/2,13. 629 Ebd., 20. 630 Ebd., 23. Dabei handelte es sich um den Kaufmann Hermann Goez und den Postmeister Albert Burckhardt. 2 Biografie 144 nach neuen, außergewöhnlichen Naturalien und Exponaten mit hohem Schauwert – besuchte im Winter 1876 und im folgenden Frühjahr erneut die Residenzstadt des Königreichs Württemberg.631 Schon bei seinem ersten Besuch von Martins „Museum der Urwelt“ am 14. Dezember 1876 hatte ihn die von Martin erstmalig in Lebensgröße ausgeführte Nachbildung eines eiszeitlichen Elefanten so sehr beeindruckt, dass er sich umgehend danach erkundigte, ob dieses Meisterwerk käuflich zu erwerben war. Er plante das Martinsche Mammut seinen Landsleuten in Amerika zu präsentieren und war der Meinung, „they would recognize and appreciate its artistic and rare scientific merit as the greatest restoration of the greatest of extinct land animals“.632 Aus diesem Grunde wandte er sich am 16. Februar 1877 an den Konservator für Paläontologie am Naturalienkabinett Oskar Fraas, der bis zu Martins Ausscheiden aus dem Naturalienkabinett einer seiner Vorgesetzten gewesen war.633 Ward erkundigte sich in diesem Schreiben danach, ob Martins Nachbildung auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse entstanden sei.634 Die Antwort von Fraas, die mittlerweile leider verschollen ist, muss weitgehend positiv ausgefallen sein und hatte zudem den Eindruck bei Ward hinterlassen, dass dieser selbst am Entstehen der Mammutnachbildung mitgewirkt hatte.635 Zudem hatte Fraas ihm – nach Rücksprache mit Martin – mitgeteilt, dass das Original der Mammutnachbildung für 12500 Mark und eine Kopie für 8500 Mark erworben werden könne.636 Der von Martin zuerst genannte Kaufpreis des Originals erschien Ward jedoch zu hoch, so dass er aus Paris telegrafierte und einen neuen, geringeren Kaufpreis aushandelte.637 Als am 15. April 1877 der „Oberrheinische geologische Verein“, der in Stuttgart seine 10. Versammlung abhielt, das Museum Martins besuchte, berichtete die „Schwäbische Chronik“ drei Tage später über den „Abschiedsbesuch beim Mammut im Museum der Urwelt“.638 Das Mammut sei, so die Schwäbische Chronik „im Begriff […] abgebrochen zu werden und nach Amerika ins Museum Henri Ward aus Rochester zu wandern.“639 Ward berichtet in seinen „Notices of the Mammoth“ aus dem Jahre 1878, dass er zehn Arbeiter anstellen musste, um die Mammutnachbildung zu zerlegen und in vierzehn großen Kisten zu verpacken. Das Gesamtgewicht habe 14694 US-amerikanische 631 Vgl. Ward, Notices of the Mammoth, 1878. 632 Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 4. 633 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 57 f. 634 Ebd., S. 58. Leider befindet sich der erwähnte und zitierte Brief nicht mehr im Archiv des Museums für Naturkunde in Stuttgart. Nach Auskunft des mittlerweile verstorbenen Prof. Karl Dietrich Adam ist der besagte Brief verschollen. 635 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 70. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin. 1961, S. 58. Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 1 f. u. S. 6. 636 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 58. Ward gibt als ursprünglichen Kaufpreis 60000 Mark ($15000) an! Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 7. Der Kaufpreis dürfte letztendlich die von Adam genannten 12500 Mark betragen haben. 637 Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 7. 638 Mammut im Museum der Urwelt, in: Schwäbische Chronik vom 18. April 1877, S. 789. 639 Ebd. 2.11 Das „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ 145 Pfund betragen.640 Auch die „Schwäbische Chronik“ meldete am 20. April, „daß der amerikanische Reisende und Museumsdirektor aus Rochester das Mammut „dieser Tage“ angekauft habe und im Begriffe sei es abzubrechen und zu verpacken.641 Dem Mammut sei, so die Schwäbische Chronik, „unsere Stadt […] nun doch zu klein“ geworden und so trete es seine Reise nach Amerika an“.642 Der Verkauf des Mammuts bedeutete das Aus für das Museum der Urwelt. Seiner Hauptattraktion beraubt, wurde es nur wenige Wochen später geschlossen und das Ausstellungsgebäude ging am 1. Juli 1877 in den Besitz von Nills Tiergarten über.643 Statt eines Mammuts und weiteren urweltlichen Tieren beherbergte es nach dem Willen seines neuen Besitzers nun einen damals in Mode gekommenen „Skating Rink“ zur „von ärztlicher Seite“ empfohlenen „systematischen Körperbewegung“.644 Martin selbst bekannte später in seiner „Praxis der Naturgeschichte“, dass wohl „Stuttgart mit seinen 100,000 Einwohnern und einem geringen Fremdenverkehr, nicht der Ort [sei], wo eine derartige Aufstellung auch nur im geringsten sich deckt“.645 Deshalb habe das Mammut „seine Pilgerfahrt über den atlantischen Ozean bereits gemacht“.646 Und weiter bemerkte er: „Es wird hier genau so gehen wie mit vielen anderen Dingen; man überläßt die Ausführung solcher Gedanken lieber dem Ausland und adoptirt sie später von demselben […]“.647 Tatsächlich sollte sich die bittere „Prophezeiung“ Martins in den folgenden Jahren erfüllen. Der geschäftstüchtige Henry Augustus Ward ließ von Martins „Stuttgarter Mammut“ bereits im ersten Jahr drei Kopien anfertigen.648 Laut Martin sollen die Kopien zu einem Preis von umgerechnet 14000 Mark von Ward weiterverkauft worden sein.649 Martin hingegen plante, auf Grund zahlreicher Anfragen „aus Nah und Fern“, die Erstellung eines neuen, leichter zerlegbaren und transportablen Exemplars, das mit einer Höhe von 20 Fuß noch größer werden sollte. Außerdem hatte er vor, seine Nachbildungen urweltlicher Tiere mit einer „Anzahl der wichtigsten 640 Ward, Notices of the Mammoth, 1878, S. 7. 641 Museumsdirektor Henri Ward, in: Schwäbische Chronik vom 20. April 1877. 642 Ebd. 643 BRA 256/2, 23. 644 Museum der Urwelt bis zur Gegenwart in Nills Tiergarten, in: Schwäbische Chronik vom 25. August 1877. Rollschuhbahn im ehemaligen Museum der Urwelt, in: Schwäbische Chronik vom 25. August 1877. 645 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte, 1878. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), S. 80. Das Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung waren für eine hinreichend hohe Besucherzahl der Naturkundemuseen und naturhistorischen Museen mitentscheidend. Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 129. 646 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 80. 647 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 80. 648 Vgl. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001 u. Ward, Notices of the Mammoth, 1878. 649 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 223. 2 Biografie 146 Formen“ zu komplettieren.650 Doch daraus wurde – vornehmlich aus gesundheitlichen Gründen – nichts mehr. Sein „Stuttgarter Mammut“ hingegen erlangte Weltruhm. Nicht nur, dass die drei Kopien in den USA auf zahllosen Ausstellungen und in Museen einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert wurden, auch ihre Abbildungen fanden bis weit in das 20. Jahrhundert hinein große Verbreitung.651 Abbildung 21: Wards Publikation zur Ausstellung der Mammutnachbildung Martins im Jahr 1878. „Noch ist es Zeit“ – Martin als früher Naturschützer Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als das Museum der Urwelt im Entstehen begriffen war, wandte sich Martin zudem einer mittlerweile immer bedeutsameren Frage seiner Zeit zu: den Folgen der zunehmenden Industrialisierung und Zu- 2.12 650 Ebd., S. 252. 651 Vgl. Tabelle 4, S. 466. Neben den bei Ward’s angefertigten Kopien entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Parc de la Ciutadella in Barcelona eine weitere Mammutnachbildung, die dem Stuttgarter Exemplar sehr ähnlich ist und mit ziemlicher Sicherheit dieser nachempfunden wurde. Vgl. Abb. 80, S. 366. Zur Rezeptionsgeschichte der Stuttgarter Mammutnachbildung und ihrer Rückwirkung auf die Wissenschaft vgl. Kap. 4.4, S. 361ff. Vgl. A. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001 u. Ward, Notices of the Mammoth, 1878. 2.12 „Noch ist es Zeit“ – Martin als früher Naturschützer 147 rückdrängung der Natur für die Tier- und Vogelwelt.652 Auch wenn auf den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts die Errungenschaften der Wissenschaft und Ingenieurkunst begeistert gefeiert wurden und im Allgemeinen ein großer Fortschrittsglaube vorherrschte, erhoben bereits damals erste Mahner ihre Stimme, um auf die negativen Folgen des wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Fortschritts hinzuweisen. Zu diesen frühen Mahnern gehörten neben Alexander von Humboldt (1769-1859) sowie dem polnischen Grafen Kasimir Wodzicki in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, beispielsweise auch Constantin Gloger (1803-1863), Karl Russ und nicht zuletzt Philipp Leopold Martin.653 Martins „ökologisches Bewusstsein“ erwachte schon früh. Bereits in den Jahren 1848/49 auf seiner Forschungsreise nach Venezuela hatte der sorg- und gedankenlose Umgang des Menschen mit der Natur den jungen Präparator und Naturaliensammler nachdenklich und wütend gestimmt. Noch über zwanzig Jahre später geißelte er – in einem Artikel im „Zoologischen Garten“ – das damals von ihm beobachtete übermäßige Sammeln von Albatros-Eiern auf den vor Puerto Cabello gelegenen „Ilos de Albatros“. die zum Verkauf auf dem Markt bestimmt waren: „Die Vernichtung von so unzähligen Massen für den Haushalt der Natur so nothwendiger Vögel“, so Martin, müsse den Naturfreund schmerzlich berühren.654 Zu Beginn der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts machte er seine Vorstellungen bezüglich des Vogel-, Tier- und auch Naturschutzes einem breiteren Leserkreis zugänglich.655 In mehreren Abhandlungen, unter anderem im „Zoologischen Garten“, den „Blättern für Jäger und Jagdfreunde“, dem „Waidmann“, sowie in mehreren Monografien wies Martin nicht nur auf die Gefährdung der Vogel- und Tierwelt durch die moderne Technik und „rationelle Bewirthschaftung“ in der Landwirtschaft hin, sondern auch auf die Gefahren für gesamte 652 Vgl. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 13-44 u. S. 61-89 u. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 111ff. 653 Der Zoologie und Ornithologe Constantin Wilhelm Gloger (1803-1863) erforschte die schlesische Wirbeltierfauna, stellte diese in einem Verzeichnis zusammen und betrieb Studien über die europäische Vogelwelt. Mit seiner sogenannten „Färbungsregel“ – Tiere zeigen eine dem Klima angemessene Färbung des Gefieders oder Fells – wurde er auch über die Ornithologie hinaus bekannt. Gegen Ende seines Lebens publizierte er Abhandlungen zum Tier- und Vogelschutz, allerdings immer unter dem Aspekt der Nützlichkeit der Tiere. Vgl. Gloger, Kleine Ermahnung zum Schutze nützlicher Thiere, 1858 u. Barthelmeß, Vögel, Lebendige Umwelt, 1981, S. 288. Karl Ruß (1833-1899) war ursprünglich Apotheker, wandte sich später den Naturwissenschaften sowie der Naturkunde zu, hauptsächlich mit dem Ziel, diese weiten Kreisen zu vermitteln. Ruß studierte die einheimische Vogelwelt, widmete sich dem Vogelschutz sowie der Haltung und Zucht exotischer Vögel und war Begründer der Zeitschrift „Die Gefiederte Welt“. Vgl. a. Ruß, Zum Vogelschutz, 1882 u. Barthelmeß, Vögel, Lebendige Umwelt, 1981, S. 304. Zur Geschichte des Vogelschutzes in Deutschland vgl. Schmoll, Indication and Indentification. On the History of Bird Protection in Germany 1800-1918, 2005, S. 161-182. 654 Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 40. Vgl. a. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 116 f. 655 Martin, Das Vergiften der Feldmäuse und seine Folgen, 1874. Martin, Zur Sperlingsfrage, 1873. Martin, Unsere Sänger in Feld und Wald, 1873. Martin/Brehm, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner, 1872. Martin, Telegraphendrähte als Vogelmörder, 1870. 2 Biografie 148 Umwelt.656 Martin argumentierte dabei zwar vorwiegend utilitaristisch und anthropozentrisch, betonte in seinen späteren Werken aber durchaus auch den Wert und die Bedeutung der Natur und Tierwelt an sich.657 In einem kurzen Artikel mit der Überschrift „Telegraphendrähte als Vogelmörder“ stellte er beispielsweise fest, dass die überall aus dem Boden wachsenden Telegrafenleitungen unter flüchtenden oder nachtaktiven Vögeln einen immer größer werdenden Blutzoll fordern, weil sie in der Nacht dagegen fliegen würden.658 Und in einem Artikel über „Das Vergiften der Feldmäuse und seine Folgen“ im „Zoologischen Garten“ des Jahrgangs 1874 legte Martin dar, wie das verwendete Gift auch zu schwerwiegenden Problemen für die Beutegreifer und damit die gesamte Nahrungskette führen kann.659 Abschließend bemerkte er mit mahnenden Worten: „Wir stehen gegenwärtig auf einer Stufe der Cultur, die alles freie Naturleben zu ersticken droht, und sind nahe daran, auch unsere wirklichen Wohlthäter unter den Thieren gänzlich zu verdrängen […]“660 Weiter führte Martin aus, dass „[…] die vereinzelten Stimmen, welche zu ihren Gunsten sprechen […] vom Gerassel und Schnaufen zahlloser Dampfmaschinen erstickt […]“ würden.661 Noch sei es Zeit „– aber sehr bald wird es zu spät sein – zu einer naturgemässen Bewirthschaftung unserer Felder und Wälder.“662 Knapp zehn Jahre später äußerte sich Martin noch umfassender zu dieser Thematik.663 Im Vorwort der zweiten Hälfte des dritten Teils seiner „Praxis der Naturgeschichte“ bezeichnete er den „Schutz der Natur“ als die „höchste und edelste Aufgabe unserer Zeit.“664 Zudem analysierte er auf den folgenden Seiten ausführlich das Verhältnis von Mensch und Natur im Laufe der Geschichte und thematisiert den Einfluss des Menschen auf das Klima – ein im Übrigen 656 Vgl. unter anderem Martin, Mensch und Thierwelt im Haushalt der Natur, 1880. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878. Martin, Das Vergiften der Feldmäuse und seine Folgen, 1874. Martin, Zur Sperlingsfrage, 1873. Martin, Unsere Sänger in Feld und Wald, 1873. Martin/ Brehm, Christian Ludwig Brehms Vogelhaus und seine Bewohner, 1872. Martin, Das deutsche Reich und der internationale Thierschutz (Teil 1-7), 1871 f. Martin, Telegraphendrähte als Vogelmörder, 1870. 657 Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 473ff. Vgl. a. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 13-44 u. S. 61-89. 658 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), 1870, S. 98. 659 Martin, Das Vergiften der Feldmäuse und seine Folgen u. Koch/Hachmann 2011, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 1874, S. 476. Vgl. a. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN- Skripten 417, 2015, S. 17. 660 Martin, Das Vergiften der Feldmäuse und seine Folgen, 1874, S. 334. 661 Ebd. 662 Ebd. 663 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882, S. VIII. 664 Ebd. 2.12 „Noch ist es Zeit“ – Martin als früher Naturschützer 149 – sehr moderner Ansatz.665 Philipp Leopold Martin machte dabei nicht vor der deutschen oder gar württembergischen Grenze halt. Er dachte bereits in „globalen“ Maßstäben und kritisierte zum Beispiel auch den Raubbau an den Wäldern Nordamerikas.666 Deren zunehmende Abholzung hätte, so Martin, auch Einfluss auf das Klima in Europa.667 Philipp Leopold Martin wurde jedoch schnell bewusst, dass Analysen sowie die Appelle Einzelner nicht genügten, um den angemahnten Bewusstseinswandel im Umgang mit den Mitgeschöpfen und der Natur in Gang zu setzen. Dieser sollte auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden: mittels einer nationalen und internationalen Tier- und Naturschutzgesetzgebung, durch Volksaufklärung und durch die Gründung entsprechender Vereine und Verbände gemeinsam mit Gleichgesinnten.668 Der Verein für Vogelfreunde Auch wenn die eigentlichen Wurzeln der Tierschutzbewegung bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückreichten, damals veröffentlichte der in Stuttgart wirkende pietistische Geistliche Christian Adam Dann (1758-1837) seine „Bitte der armen Thiere …“, wurde der erste deutsche Tierschutzverein, der auf Dauer Bestand hatte, erst vierzig Jahre später gegründet.669 Damals wurde, mit Unterstützung adeliger und bürgerlicher Kreise, in Stuttgart der „Württembergische Tierschutzverein“ ins Leben gerufen.670 Zu diesem gesellte sich zehn Jahre später der von Philipp Leopold Martin und einigen „Thierfreunden“ in Stuttgart initiierte „Verein für Vogelfreun- 2.12.1 665 Ebd., S. 1-53. 666 Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 477. Vgl. a. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 19 u. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 112 f. 667 Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 477. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 19. 668 In der Zeitschrift „Der Waidmann“ veröffentlichte Martin in den Jahren 1871/72 eine Art „programmatische Schrift“ zum Naturschutz im Deutschen Kaiserreich. In der Artikelserie fordert er unter anderem ein modernes Tierschutzgesetz sowie weitere staatliche Maßnahmen wie Volksaufklärung und die Einrichtung von „Naturschutzgebieten“. Zudem wies Martin in der besagten Artikelserie auf die wichtige Rolle von Tier- und Naturschutzvereinen hin. Von besonderer Bedeutung ist zudem, dass Martin hier den Begriff „Naturschutz“ das erste Mal im heute gebräuchlichen Sinn verwendet hat. Vgl. Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 473ff. u. S. 478 u. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 13ff. Vgl. a. Martin, Das deutsche Reich und der Internationale Naturschutz (7. Teil), 1872, S. 52. 669 Dann, Bitte der armen Thiere, der unvernünftigen Geschöpfe, an ihre vernünftigen Mitgeschöpfe und Herrn, die Menschen, 1822. Der zwischenzeitliche Gründungsversuch des ebenfalls pietistischen Pfarrers Albert Knapp (1798-1864) in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts war nicht von Erfolg gekrönt. Vgl. Jung, Die Anfänge der deutschen Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert, 1997. 670 Bis der überregionale Deutsche Tierschutzbund entstand, sollte es fast weitere zwanzig Jahre dauern. Vgl. dazu Jung, Die Anfänge der deutschen Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert, 1997. 2 Biografie 150 de“.671 Zunächst diente der Verein vornehmlich der „Förderung […,] Zucht und Haltung von Hofgeflügel, Tauben, Schmuckvögeln und solchen Singvögeln, welche im Hause gezüchtet werden“.672 Neben „interessanten Vorträgen“ versuchte der Verein mit Vogelausstellungen größere Aufmerksamkeit zu erzielen und neue Mitglieder zu gewinnen.673 Die erste „Geflügel-, Sing- und Schmuckvögel-Ausstellung“ des Vereins mit „385 Nummern lebender Thiere“ fand am 7. bis 10. April 1872 in Stuttgart statt und stieß auf große Resonanz.674 Neben der Prämierung von Zuchtvögeln durch eine Jury „aus 2 auswärtigen und 1 hiesigen Sachkenner“ fand zudem eine Verlosung statt.675 Auch Martin, der seit frühester Jugend selbst Vögel hielt, dressierte und züchtete, wurde für sein prämiertes Ziertaubenpaar „weiße doppelkuppige Perrücken“ mit einer Urkunde bedacht.676 Die Aufgaben des Vereins der Vogelfreunde beschränkten sich jedoch nicht nur auf Fragen der Vogelhaltung oder der Zucht. Schon wenige Monate nach seiner Gründung sorgte Martin dafür, dass erste dem Vogelschutz gewidmete Aktivitäten in Angriff genommen wurden. So präsentierte er auf einer Ausstellung des Vereins „21 Nummern ausgestopfter nützlicher und schädlicher Raubvögel und Raben“, jeweils „mit Angabe der Gründe weshalb sie nützlich, bez. schädlich sind.“677 Im Laufe des Jahres 1874 ließ der Verein außerdem 2.000 Nistkästen herstellen und zum Selbstkostenpreis im ganzen Land verteilen, sowie in den königlichen Anlagen im Stuttgarter Schlossgarten „mit Zustimmung ihrer königlichen Majestäten“ anbringen.678 Als weitere Maßnahmen wurden während des Winters „von einer Anzahl Mitgliedern Futter für unsere im Freien lebenden Vögel gesammelt und denselben an geeigneten Orten gestreut.“679 Diese Aktivitäten des Vereins zum Vogelschutz wurden von nun an jedes Jahr wiederholt und weiter ausgebaut. Sieben Jahre nach der Gründung des Vereins der Vogelfreunde erschien schließlich im Januar 1879 mit der „Probenummer“ der „Vogelwelt“ auch das erste „Organ des Vereins der Vogelfreunde […].680 Die zunehmende Bedeutung des Vogelschutzes für den Verein wurde bereits im Untertitel der „Vogelwelt“, der nun „Zeitschrift für Vogelschutz, Züchtung von ausländischen Sing- und Schmuckvögeln, insbesondere von Harzer 671 Schwäbische Chronik vom 5. April 1872. 672 Ebd. 673 Ebd. 674 Ebd. U. Der Zoologische Garten 15, 1874, S. 467. 675 Schwäbische Chronik vom 5. April 1872. 676 Noel, Paul Martin (1861-1937), 1987, S. 4 f. 677 Der Zoologische Garten 15, 1874, S. 467. Der Vogelschutz wurde auch gegen Ende des 19. Jahrhundert immer noch sehr stark unter utilitaristischen Gesichtspunkten gesehen. Man unterschied zwischen „nützlichen“ und „schädlichen“ Vögeln. Insekten vertilgende Vögel und Singvögel wurden meist als „nützlich“ bezeichnet, Raubvögel und andere Vogelarten, die mit dem Menschen um Nahrungsressourcen konkurrierten, eher als „schädlich“. Vgl. Schmoll, Indication and Identification. On the History of Bird Protection in Germany 1800-1918, 2005, S. 165ff. Schmoll, Erinnerung an die Natur, 2004, S. 255 f., S. 289 f. u. S. 346ff. Vgl. a. Barthelmeß, Vögel, lebendige Umwelt, 1981, S. 110ff. u. S. 191ff. 678 Der Zoologische Garten 15, 1874, S. 467. 679 Ebd. 680 Die Vogelwelt 1, 1879, S. 1. 2.12 „Noch ist es Zeit“ – Martin als früher Naturschützer 151 Canarien, und über Geflügelzucht“ lautete, deutlich.681 In seinem Aufruf „An die Vogelfreunde in Stadt und Land“ in der ersten Ausgabe der Vogelwelt betonte der Mitbegründer des Stuttgarter Vereins der Vogelfreunde Philipp Leopold Martin die Aufgaben des Vereins zum Schutz der Vogelwelt die auch heute noch aktuell sind: „[…] in früheren Zeiten, wo der Naturhaushalt durch den menschlichen Eigennutz noch nicht so beeinträchtigt war […] bedurften die Kinder der freien Natur noch keiner Unterstützung durch Gesetze oder andere Schutzmittel […]“. „Erst mit der Einführung der rationellen Landwirthschaft, wo fast jeder faule Baum aus den Wäldern entfernt, alle Feldhecken zerstört und jedes Gewässer eingeengt oder gar zugeschüttet wurde, zeigte es sich, daß Ungeziefer aller Art sich überall vermehrte und vieles von unseren erhofften Erträgen zerstörte.682 Dadurch hätten, so bemerkte Martin, die „nützlichen Thiere“ bedeutend abgenommen, die Schädlinge sich aber vermehrt und durch Maßnahmen gegen diese seien noch mehr „nützliche Thiere“ wie insektenvertilgende Vögel umgekommen.683 Um diesem Übel zu begegnen, würde es aber nicht ausreichen, nur ein Gesetz zum Schutze der Vögel zu erlassen, wie es in Württemberg im Jahre 1878 geschehen sei.684 Auch der „bisherige „Vogelwirth“ muss in Ausübung des Vogelschutzes, seine ersten Pflicht gegen das freie Naturleben, den Staat und seine Mitmenschen erkennen.“ „Getreu des sinnigen Wahlspruches des Thierschutzvereins in Wien ‚Thiere schützen, heißt Menschen nützen!’ begrüße er, Martin, „das edle Vorhaben dieses Blattes.“685 Die Mitgliederzahl des Stuttgarter Vereines hatte sich, wie aus der ersten Ausgabe der „Vogelwelt“ hervorgeht, mittlerweile nahezu verdreifacht.686 Dem Schutz der „einheimischen Vögel“ wurde weiter – durch Winterfütterung und Verteilen von Nistkästen– „Aufmerksamkeit geschenkt“.687 Weitere Vereinsgründungen Der Gründung des ersten Vereins der Vogelfreunde in Stuttgart folgten bis zum Jahre 1879 weitere Vereinsgründungen in weiteren Städten Württembergs wie Heilbronn, Ulm, Esslingen, Ludwigsburg.688 Im Frühjahr 1879 wurde angeregt, die Gründung eines Landesverbandes der Vereine der Vogelfreunde in Württemberg zu beschlie- ßen.689 Ein Grund dieser Verbandsgründung war nicht zuletzt die zunehmende Bedeutung des Vogelschutzes, der in § 2 der Satzung festgeschrieben wurde. Zwar sei mittlerweile in Württemberg „durch ein Gesetz einigermaßen“ für den Vogelschutz 2.12.2 681 Ebd. 682 Ebd. S. 2. 683 Ebd. 684 Ebd. 685 Ebd. Der Natur- Tier- und Vogelschutz gehörte zu den Motiven Martins, Naturkunde weiteren Kreisen zu vermitteln. Vgl. Kap. 4.1.5, S. 324ff. 686 Ebd., S. 13. 687 Ebd. 688 Die Vogelwelt 5, 1879, S. 37. 689 Ebd., Die Vogelwelt 5, 1879, S. 38. 2 Biografie 152 gesorgt, nun sei aber auch dafür Sorge zu tragen, dass „durch internationale Verträge dem Massenfang der Zugvögel in anderen Ländern“ Einhalt geboten werden müsse, heißt es in der „Vogelwelt“.690 Ein gemeinsames Auftreten der Vereine der Vogelfreunde in Württemberg als Verband erschien den Verantwortlichen daher ratsam. Zudem sollte laut der Satzung des Verbandes die Vogelschutzbestrebungen mit den Tierschutzvereinen koordiniert werden, die bisher noch getrennte Wege gingen.691 „Die Vogelwelt“ als Zeitschrift für „Geflügelzucht, Vogelschutz und Vogelkunde“ wurde nun offiziell als Vereinsorgan des Landesverbandes der Vogelfreunde“ bestimmt.692 Martin hatte sich mittlerweile von der aktiven Vereinsarbeit zurückgezogen. Dennoch trat er weiter als Autor und Ratgeber der „Vogelwelt“ in Erscheinung. Dort gei- ßelte er unter anderem die zum Teil immer noch vorhandene Ignoranz der Vogelzüchter und Vogelhalter gegenüber scheinbar „schädlichen“ Vogelarten, wie zum Beispiel Bussarden, oder das zunehmende Verschwinden zahlreicher einheimischer Vogelarten in Folge der Flurbereinigung und Industrialisierung.693 Sein Engagement als Mitbegründer des Vereins der Vogelfreunde wurde beim „X Stiftungsfeste“ Anfang 1882, an dem er als Ehrengast teilnahm, noch einmal gewürdigt.694 Der Verein selbst setzte sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch Petitionen an den Deutschen Reichstag in Berlin für ein neues Vogelschutzgesetz ein.695 Auch die Schaffung eines „internationalen Vogelschutzgesetzes“ sollte vorangetrieben werden.696 Den Erlass des ersten nationalen Vogelschutzgesetzes im Jahr 1888, das in weiten Zügen immer noch unzureichend war, sollte der Mitbegründer des Vereins für Vogelfreunde Philipp Leopold Martin und einer der ersten Naturschützer nicht mehr erleben.Auch seine diesbezüglichen, weit in die Zukunft weisenden, Schriften fielen bald der Vergessenheit anheim.697 690 Ebd. Mit diesem Gesetz ist die „Königliche Verordnung, betreffend den Schutz der Vögel“ vom 16. August 1878 gemeint. Sie beinhaltete unter anderem Bestimmungen, welche Vogelarten nicht mehr bejagt werden dürfen, welche Arten zu welchen Zeiten gefangen werden können, aber auch welche weiterhin zur Jagd freigegeben sind. Zu ihnen gehörten viele Raubvogelarten. Die Vogelwelt 2, 1879, S. 9 f. u. Die Vogelwelt 3, S. 17 f. 691 Die Vogelwelt 9, 1879, S. 68. 692 Ebd., S. 71. 693 Die Vogelwelt 7, 1881, S. 53. Die Vogelwelt 9, 1881, S. 68. 694 Die Vogelwelt 4, 1882, S. 28. 695 Die Vogelwelt 5, 1882, S. 1. Im Jahre 1888 wurde das „Gesetz betreffend den Schutz von Vögeln verkündet“. Es galt inklusive einer Novellierung im Jahre 1908 bis 1935. Erstmals wurde eine „Reichseinheitlichkeit“ in der Vogelschutzgesetzgebung erreicht – eine Vorbedingung für die von den Vogelschutzvereinen geforderten internationalen Vereinbarungen. So war es laut Gesetz zum Beispiel künftig verboten, Nester und Brutstätten auszuräumen oder zu zerstören. Auch Fangmethoden, die eine „Massenvernichtung“ von Vögeln ermöglichten, wurden untersagt. Die Bejagung bereits vieler damals gefährdeter Vögel und Raubvögel wurde dagegen aus Rücksicht auf Jagd- und Landwirtschaft nicht eingeschränkt. Auch in diesem Gesetz wurde immer noch zwischen sogenannten „nützlichen“ und „schädlichen“ Vögeln unterschieden. Vgl. Zwanzig, Das Reichsvogelschutzgesetz 1888/1908, 1988, S. 99 u. S. 102. U. Schmoll, Erinnerung an die Natur, 2004, S. 290. 696 Die Vogelwelt 8, 1882, S. 1. 697 Koch/Hachmann, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …, 2011, S. 478 u. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 77. Vgl. a. Schmoll, Erinnerung an die Natur, 2004, S. 21 u. S. 56, S. 249ff. 2.12 „Noch ist es Zeit“ – Martin als früher Naturschützer 153 Die letzten Jahre Während der letzten Lebensjahre war Martins Schaffenskraft durch gesundheitliche Probleme stark eingeschränkt. Die jahrzehntelange Tätigkeit als zoologischer Präparator und die Arbeit mit gesundheitsgefährdenden Materialien und Chemikalien wie beispielsweise Arsen hatten gewiss ihre Spuren hinterlassen. Jedenfalls war es ihm kaum mehr möglich, seiner ureigenen Leidenschaft, Tiernachbildungen anzufertigen und Tiergruppen zu inszenieren, nachzugehen. Der letzte große Plan, nach dem Verkauf der Stuttgarter Mammutnachbildung an Henry Augustus Ward, eine neue, noch größere und besser transportable, Nachbildung eines eiszeitlichen Elefanten anzufertigen, konnte er nicht mehr in Angriff nehmen.698 Literarische Tätigkeit Aus diesen Gründen wirkte Martin vorwiegend als fach- und populärwissenschaftlicher Autor.699 So entstanden im Lauf der folgenden Jahre einige seiner wichtigsten Werke, wie der dritte, aus zwei Hälften bestehende, Band „Naturstudien“ der „Praxis der Naturgeschichte“, sowie die von ihm herausgegebene und zum Teil auch selbst verfasste „Illustrirte Naturgeschichte der Thiere“.700 Im dritten Teil der „Praxis der Naturgeschichte“, den „Naturstudien“, wandte sich Martin der Lebendhaltung von Tieren in zoologischen Gärten und Akklimatisationsgärten sowie Fragen des Tier- und Naturschutzes zu. Hierbei machte er wie in seiner „Dermoplastik und Museologie“ zuerst einmal eine Bestandsaufnahme der damals bestehenden zoologischen Gärten und Tiergärten Deutschlands sowie des europäischen Auslands, indem er ihre jeweiligen Vorzüge und Nachteile gegenüber- 2.13 Abbildung 22: Philipp Leopold Martin 1815-1885. 2.13.1 698 Vgl. Kap. 2.11.2, S. 144. 699 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.). 1886, S. VIff. 700 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882. Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882. Martin, Philipp Leopold, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Zweite Abtheilung. Vögel, 1884. 2 Biografie 154 stellte.701 Daran anschließend ging Martin auf die Haltung und Zucht der Tiere ein und forderte beispielsweise, dass ein zoologischer Garten sowohl tiergerecht als auch dem „Geschmack“ des besuchenden Publikums entsprechend gestaltet werden müsse.702 Des Weiteren stellte er in den „Naturstudien“ seinen weit in die Zukunft weisenden einzigartigen Plan eines „Centralgartens der Natur- und Völkerkunde“ vor, in dem er den zoologischen und den botanischen Garten sowie architektonische, ethnografische und museale Elemente in einer neuartigen naturkundlichen Bildungsinstitution vereinen wollte.703 Die zweite Hälfte der 1882 erschienenen „Naturstudien“ war dem „Allgemeinen Naturschutz“, der „Einbürgerung fremder Thiere“ sowie der Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel gewidmet, wobei ihm hierbei einige Mitautoren, wie zum Beispiel sein Sohn, der Tierarzt Paul Martin, zur Seite standen. Das eigentlich Herausragende an diesem Werk ist jedoch, dass es auf fünfzig Seiten Fragen des Tier- und Naturschutzes abhandelt, die zum Teil bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Auch mit einem weiteren großen Werk, der in den Jahren 1882 bis 1884 herausgegebenen „Illustrirte[n] Naturgeschichte der Thiere“, wollte Martin ein Bewusstsein für die Fülle und Schönheit der Natur und Tierwelt schaffen.704 Im Gegensatz zu der vorwiegend für Fachleute verfassten „Praxis der Naturgeschichte“ handelte es sich hier um ein rein populärwissenschaftliches Werk. Martin selbst bearbeitete die ersten beiden Bände über Säugetiere und Vögel, die Kapitel über Physiologie und Anatomie überließ er anderen Autoren wie seinem Sohn Paul Martin.705 So bemerkte Martin im Vorwort des Bandes über die Säugetiere er wolle mit diesem Werk „den auf das Praktische gerichteten Anforderungen unserer Zeit Rechnung tragen“; dies sei „der Zweck dieser populären Naturgeschichte.“706 Im Gegensatz zu „Brehms Tierleben“ ist Martins Werk nüchterner und sachlicher verfasst und trägt eher einen lexikalischen denn einen literarisch-erzählenden Charakter.707 Martin hatte in dieses Werk auch die im Laufe seines Lebens gewonnenen Erfahrungen als Forschungsreisender, Naturforscher, Präparator und Vogelschützer eingearbeitet. So finden sich einige Hinweise auf seine Sammel- und Forschungsreise nach Venezuela, Erfahrungen als Tiergärtner, seine Beschäftigung mit ausgestorbenen Tieren, wie dem Mammut 701 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 9-104. 702 Ebd., S. 105-200. 703 Ebd., S. 200-229. 704 Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882. Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Zweite Abtheilung. Vögel, 1884. Martin/Heincke/Knauer/Rey, et al., Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Zweiter Band. Erste Abtheilung. Kriechtiere und Lurche. Fische, 1882. Martin/Heincke/Knauer/Rey, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Zweiter Band. Zweite Abtheilung. Insekten, Tausendfüßer und Spinnentiere. Krebse und niedere Thiere, 1884. 705 Ebd. 706 Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882, S. Vf. 707 Vgl. Kap. 4.1.2, S. 301 f. Vgl a. Fußnote 34, S. 305 f. 2.13 Die letzten Jahre 155 und nicht zuletzt klingt sein so überaus großes Anliegen, die Natur und Tierwelt zu schützen, noch einmal an.708 Mit einer – im „Zoologischen Garten“ erschienenen – Artikelserie mit dem Titel „Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen“ schloss Martin seine umfangreiche Publikationstätigkeit weitgehend ab.709 Neben einem kurzen Lebenslauf skizziert er darin die Essenz seines jahrzehntelangen Schaffens und Wirkens und entwirft zudem die Konzeption eines „Universalmuseums der Natur“. In diesem „Universalmuseum der Natur“ sollten die „bemerkenswertesten Gebilde der Erde nach ihrer Zeitfolge und Entwickelung“ passend „vereint“ werden um „die Kluft zwischen Urwelt und Gegenwart“ angemessen zu überbücken.710 Einen genauen Plan dieses Museums sah Martin für eine spätere Auflage seiner „Praxis der Naturgeschichte“ vor.711 Dazu kam es allerdings nicht mehr. Martins Tod Die „ersten Vorboten des Todes“ in Form von „mehrfachen Schlaganfällen“, so die „Schwäbische Chronik“ in ihrem Nachruf, hatten sich schon im Jahre 1883 gezeigt.712 Mehr und mehr wurde der „immer thätige“ Martin genötigt, größtenteils „von seinem Schaffen abzulassen“.713 Zu „diesen Beschwerden gesellte sich schließlich noch die Wassersucht“, so dass Martin nach langer, schwerer Krankheit am 7. März 1885 gegen 22 Uhr in seiner Wohnung in der Werderstraße 9 in Stuttgart verstarb.714 In mehreren Nachrufen wurde das Leben und Werk dieses vielseitig talentierten aber auch streitbaren Mannes gewürdigt. So heißt es im „Zoologischen Garten“: „In weiten Kreisen hat er [Martin] sich durch seine Leistungen in der vollendeten Darstellung ausgestopfter Tiere sowie durch sein mit vielem Beifall aufgenommenen Werk „Die Praxis der Naturgeschichte“, durch seine Naturgeschichte des Tierreichs und andere Arbeiten bekannt gemacht.“715 2.13.2 708 Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882. Martin, Philipp Leopold, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Zweite Abtheilung. Vögel, 1884. Martin/Heincke/Knauer/Rey, et al., Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Zweiter Band. Erste Abtheilung. Kriechtiere und Lurche. Fische, 1882. Martin/Heincke/Knauer/Rey, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Zweiter Band. Zweite Abtheilung. Insekten, Tausendfüßer und Spinnentiere. Krebse und niedere Thiere, 1884. 709 Martin, Die wissenschaftlichen und die praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unsere Naturaliensammlungen, 1884. 710 Ebd. 711 Ebd., S. 302. 712 Schwäbische Chronik vom 10. März 1885. 713 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. V. 714 Vgl. Schwäbische Chronik vom 10. März 1885 u. Auszug aus dem Sterberegister der Stadt Stuttgart. URL: http://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/Martin_Sterberegister.pdf (Abgerufen am 15.01.2013). Zum Grab Martins vgl. Abb. 24, S. 158. 715 Der Zoologische Garten 25, 1885, S. 96. 2 Biografie 156 Die „Vogelwelt“, das „Central-Organ des Landesverbandes der Vereine der Vogelfreunde in Württemberg“, hebt sein Engagement für den Vogelschutz hervor: „Der teure Verstorbene hat sich durch seine Thaten und seine Schriften ein bleibendes Andenken in den weitesten Kreisen gesichert; die Naturwissenschaft betrauert in ihm einen ihrer eifrigsten Forscher, die gefiederte Sängerschaar ihren beredtesten Anwalt, der Verein der Vogelfreunde in Württemberg den Mitbegründer des Vereins, die Vogelwelt einen treuen, bewährten Ratgeber und Mitarbeiter […]“.716 Abbildung 23: Nachruf der „Vogelwelt“ zum Tod Martins im Jahr 1885. Die „Schwäbische Chronik“ geht in ihrem Nachruf am ausführlichsten auf Martins Leben und Werk ein: „Nach längerem Leiden starb am Samstag abend im 70. Lebensjahre Philipp Leopold Martin, einer der bedeutendsten Vorkämpfer des Tier- und namentlich des Vogelschutzes, neben Brehm der wohl wichtigste Vertreter der populären Zoologie. Er war Autodidakt im besten Sinne des Wortes und als solcher jeder Pedanterie und engherzigen Auffassung abhold. […] Martin war ein reiner und edler Charakter, empfänglich für jede Anregung, begeistert für die Wissenschaft, der er sein Leben gewidmet. Er verstand es nicht, sich hervorzudrängen, und dies, wie die Entschiedenheit, womit er allem entgegentrat, was er für schädlich, für verkehrt erkannte, mag der Grund gewesen sein, dass er diejenige Anerkennung weiterer Kreise nicht gefunden hat, die er nach seiner Bedeutung verdient hätte, daß er sein ganzes Leben hindurch vielfach mit äußeren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.“717 Martin hinterließ seine Frau und zwei Söhne, die beide einen ähnlichen Berufsweg wie ihr Vater einschlugen. Paul Martin wurde ein bekannter Veterinäranatom, unter anderem an der Universität Gießen tätig sowie Verfasser eines verbreiteten veterinäranatomischen Lehrbuches, der zweite Sohn Leopold wurde ebenfalls Präpara- 716 Die Vogelwelt 6, 1885, S. 1. 717 Schwäbische Chronik vom 10. März 1885, S. 2-3. 2.13 Die letzten Jahre 157 tor.718 Beide Söhne waren von ihrem Vater „vollständig in seinen Schaffenskreis und seine Denkungsweise eingeweiht“, da er ein großes „Vergnügen“ daran fand, „im Familienkreis an seinen Werken zu arbeiten und die Seinen an allem teilnehmen zu lassen, was er schuf.719 Des „Vaters höchster Wunsch“ sei es gewesen, so Paul und Leopold Martin, „seine Werke möchten einst durch uns fortgesetzt werden.720 Zwar gaben die Söhne im Jahre 1886 posthum eine überarbeitete dritte Auflage des ersten Bandes der „Praxis der Naturgeschichte“ – der „Taxidermie“ – heraus, an die großen Erfolge ihres Vaters vermochten sie damit aber nicht mehr anzuknüpfen.721 Schon wenige Jahre nach seinem Tode geriet Philipp Leopold Martin und sein facettenund umfangreiches Werk weitgehend in Vergessenheit. Alleine in Kollegen- und Fachkreisen war und ist sein Name nach wie vor ein Begriff – allerdings vorwiegend im Zusammenhang mit der Geschichte der Tierpräparation, der Dermoplastik und der Inszenierung lebenswahrer Semi-Habitat-Dioramen. Hier gilt seine Arbeit bis heute als richtungsweisend und „schulenbildend“.722 Seine weit in die Zukunft weisenden Ideen, Pläne und visuellen Konzepte, auch jenseits der Taxidermie und Dermoplastik, traten ebenfalls ihren Siegeszug durch die Naturkundemuseen und zoologischen Gärten an, auch wenn diese meist nicht mehr mit seinem Namen in Verbindung gebracht wurden. Abbildung 24: Philipp Leopold Martins Grab auf dem Bergfriedhof in Stuttgart. 718 Vgl. Noell, Paul Martin (1861-1937), 1987. 719 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886, S. VIII. 720 Ebd. 721 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, (3. Aufl.), 1886. 722 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 174ff. 2 Biografie 158

Chapter Preview

References

Chapter Preview