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6 Resümee in:

Uwe Albrecht

Bilder aus dem Tierleben, page 453 - 462

Phillip Leopold Martin (1815-1885) und die Popularisierung der Naturkunde im 19. Jahrhundert

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4039-3, ISBN online: 978-3-8288-6758-1, https://doi.org/10.5771/9783828867581-453

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Resümee Ausgehend von den ersten ausführlichen Studien zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert – Ende der neunziger Jahre – in denen vornehmlich der „literarische Markt“ sowie das populärwissenschaftliche Vereinswesen beleuchtet wurden, entstanden zu Beginn des neuen Jahrtausends mehrere wegweisende sozial- und wissenschaftshistorische Arbeiten zur Geschichte des Naturkundemuseums im Deutschen Kaiserreich.1 Diese Arbeiten kommen – bezüglich der Bewertung Philipp Leopold Martins – übereinstimmend zu dem Schluss, dass dem – in Fachkreisen – bis heute bekannten zoologischen Präparator beim Wandel des alten naturhistorischen Museums zu einer modernen Volksbildungsinstitution eine wichtige Rolle zukommt. Hierbei beschränken sich die jeweiligen Autoren jedoch auf dessen Reformbestrebungen im Zusammenhang mit der Gestaltung lebenswahrer Tiernachbildungen und der Inszenierung von Tiergruppen. Die gesamte Bandbreite des Martinschen Schaffens und Wirkens – das weit darüber hinaus geht – konnte in diesen Untersuchungen selbstverständlich nicht berücksichtigt werden. Aus diesem Grund widmet sich die vorliegende Monografie primär Philipp Leopold Martin, seinem Leben sowie seinem umfangreichen und vielfältigen Werk, das in einem fachlichen, wissenschaftshistorischen und sozialgeschichtlichen Kontext betrachtet, analysiert und bewertet wird. Philipp Leopold Martin lebte und wirkte – vornehmlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – in einer Atmosphäre des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aufbruchs, in dem der Popularisierung der Naturwissenschaften eine immens wichtige Rolle zukam. Im Gegensatz zu dem meisten anderen „okkasionellen“ und „professionellen“ Wissenschaftspopularisatoren dieser Zeit tat er sich allerdings weniger als Autor populärwissenschaftlicher Druckwerke oder Vereinsgründer hervor, sondern wandte sich primär der Entwicklung moderner visueller Präsentationsformen – in naturhistorischen Museen, Ausstellungen sowie zoologischen Gärten – zu.2 Diesen kam, unter anderem aufgrund einer „grundlegenden Neustrukturierung“ der Wahrnehmung und des Sehens während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine weit höhere Bedeutung zu als bisher. So sorgten dynamische und interaktive visuelle Medien, wie das Panorama oder Daguerres Diorama ebenso wie die immer zahlreicher werdenden zoologischen Gärten mit ihren lebendigen Inszenierungen, für eine wachsende Unzufriedenheit der Besucher mit den Sammlungen herkömmlicher naturhistorischer Museen – sofern diese der Öffentlichkeit überhaupt zugänglich waren. Analog zu diesen Veränderungen bezüglich des Se- 6 1 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006. Nyhart, Modern Nature, 2009. 2 Vgl. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998. 453 hens und der Wahrnehmung fand auch in den Naturwissenschaften – vor allem in der Naturgeschichte – ein Wechsel hin von einer statischen zu einer eher dynamischen und in Bewegung befindlichen Sicht von der Natur statt. Dieser Vorgang wurde von Susanne Köstering treffend der Terminus „Wandel vom System zum Leben“ verliehen.3 Dieser Wandel hatte große Auswirkungen auf die Vermittlung naturhistorischen Wissens im Allgemeinen und vor allem die im Entstehen begriffenen Schausammlungen naturhistorischer Museen. All diese Entwicklungen gemeinsam begünstigten eine „biologisch“ geprägte Präsentationsweise sowie die Verbreitung neuer visueller Konzepte. Philipp Leopold Martin waren einige dieser Entwicklungen, ob es der „Takeoff “ der Wissenschaftspopularisierung im Allgemeinen war, die verstärkte Nachfrage nach populärwissenschaftlichem Schrifttum und vor allem nach visuellen Medien und Konzepten durchaus bewusst. Er erkannte, dass das „Bestreben, die Naturwissenschaft zum Allgemeingute des Volks zu machen“ niemals „lebhafter“ war als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.4 Zudem wusste er um die Rolle und Bedeutung naturkundlicher Bildung im Zusammenhang mit der Landwirtschaft, der Industrialisierung sowie der Entfremdung der Stadtbevölkerung von der Natur, der es zunehmend gegenzusteuern galt. Diese gesamtgesellschaftlichen Begleitumstände korrelierten in gewisser Weise mit den in seiner Herkunft und in seiner Biografie zu suchenden Gründen, sich für die Vermittlung naturhistorischen Wissens mit geradezu missionarischem Eifer einzusetzen. Martin wandte sich bereits seit seiner Jugend – unter anderem auf Grund der Erziehung im Umfeld der Herrnhuter Brüdergemeine – der praktischen Naturkunde zu und strebte den Beruf des zoologischen Präparators an. Da es zur damaligen Zeit keinen offiziellen Ausbildungsgang gab, musste er sich die dazu erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten autodidaktisch aneignen. Hierbei orientierte er sich an zeitgenössischen Lehrbüchern der Taxidermie und dem Wirken ihrer Verfasser wie Christian Ludwig Brehm und Johann Friedrich Naumann. Unter anderem aufgrund dieser Vorbilder und „Lehrmeister“ war es Martin von Beginn an ein besonderes Anliegen, lebendig wirkende Tiernachbildungen in natürlichen Posen zu erschaffen und die entsprechenden Tiere zuvor in der freien Natur zu beobachten. Ähnliches gilt für seine Beweggründe, es nicht bei einzelnen Tiernachbildungen zu belassen, sondern Tiergruppen zu inszenieren. Auch diesbezüglich orientierte er sich teilweise an der Arbeit von Naumann, Brehm und anderen Präparatoren. Eine besondere Rolle spielte in diesem Zusammenhang aber sein berühmtester Vordenker und Ideengeber – Alexander von Humboldt. Dessen im „Kosmos“ veröffentlichte innovativen Ideen, im Besonderen bezüglich naturhistorischer Panoramen und im Allgemeinen über visuelle Medien zur Popularisierung der Naturkunde, prägten ihn zutiefst. Dies gilt auch für Humboldts – aus heutiger Sicht „ökologisch“ zu nennende – Welt- und Natursicht. Auch diese klingt einerseits in den Martinschen Vorstellungen von einer umfassenden und ganzheitlichen Präsentation der Natur und der Erdgeschichte sowie andererseits in seinem mahnenden Worten 3 Zit. n. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 3. 4 Martin, Illustrierte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882, S. V. 6 Resümee 454 bezüglich der Notwendigkeit des Schutzes der natürlichen Lebensgrundlagen und der Tier- sowie Pflanzenwelt nach. Während seines jahrzehntelangen Wirkens als zoologischer Präparator an mehreren naturhistorischen Museen und Sammlungen musste Martin feststellen, dass die damals vorherrschende Präparations-, Sammel- und Ausstellungspraxis nicht einmal annähernd seinen Vorstellungen oder den Idealen und Prinzipien seiner Vorbilder entsprach. Auch die eingangs erwähnten, gestiegenen und veränderten Ansprüche der Museumsbesucher sowie die ihnen zugewiesene Aufgabe naturhistorisches Wissen an weitere Kreise zu vermitteln, konnten sie bei weitem nicht erfüllen. Martins Antwort auf diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit an den naturhistorischen Museen und Sammlungen war ein ganzes Konglomerat von Maßnahmen. Dieses betraf die Entwicklung von Konservierungsmitteln und -methoden ebenso wie die Tierpräparation, die Inszenierung von Tiergruppen oder neue Konzeptionen von Schausammlungen. Auch hierbei nahm er Anleihen bei seinen Vorbildern, Vorgängern sowie weiteren Vordenkern und Pionieren der jeweiligen Fachgebiete, entwickelte diese aber nach seinen Vorstellungen weiter oder schuf gänzlich neue. Die von Martin während seiner Jahre am Berliner zoologischen Museum, am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart und als „Privatkonservator“ erarbeiteten Reformvorschläge, visuellen Konzepte und Arbeitsmethoden, die er zumeist in Zeitschriften und Lehrbüchern publiziert hatte, dienten nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch noch Jahre und Jahrzehnte nach seinem Tod als ein „Entwurf “, dem von reformorientierten Präparatoren und Konservatoren nach und nach Gestalt verliehen wurde. Die moderne Taxidermie und Dermoplastik Martinscher Provenienz ebenso wie – wenn auch etwas langsamer – tiergeografisch und vor allem „biologisch“ geprägte Inszenierungen von Natur setzten daher, trotz der zum Teil vehementen Kritik einiger konservativer Museumsdirektoren, nach und nach zu einem „Siegeszug“ durch die deutschen naturhistorischen Museen an. Ihre Verbreitung erfolgte durch ein informelles Netzwerk reformorientierter Präparatoren und Konservatoren, die zum Teil bei Martin am Stuttgarter Naturalienkabinett hospitierten oder die sich über dessen Publikationen weitergebildet hatten. Natürlich entwickelten seine „Epigonen“ und Kollegen die Taxidermie und Dermoplastik ebenso wie die Tiergruppen unterschiedlichster Prägung im Laufe der folgenden Jahrzehnte kontinuierlich weiter. Dabei setzten sie auf andere Materialien und Arbeitsweisen oder beseitigten einige der zweifellos vorhandenen Schwächen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kristallierten sich an den naturhistorischen Museen im Deutschen Kaiserreich schließlich zwei Schulen der modernen Tierpräparation heraus, die von Philipp Leopold Martin und Herman Ter Meer, der die Martinsche Methode später übernommen und verbessert hatte sowie die von Carl Akeley aus den USA und dessen deutschen Epigonen wie Karl Küsthardt, der sich an die etwas modernere und vor allem einfacher zu erlernende Methode des Ward’s-Schülers anlehnte. Aber auch wenn sich die Vorgehensweisen und Arbeitsmaterialien von Martins Zeit bis in die heutige zum Teil stark unterschieden, so blieb das Ziel immer dasselbe, und zwar lebenswahre Tiernachbildungen zu erschaffen, die anatomisch korrekt und ansprechend gestaltet dazu in der Lage waren, das Wissen von der Natur und Tierwelt auf ansprechende Weise zu vermitteln. Dies 6 Resümee 455 gilt ebenso für die Tiergruppen und Semi-Habitat-Dioramen Martinscher Prägung. Auch sie wurden, vor allem aufgrund der Herausbildung neuer wissenschaftlicher Disziplinen und der dadurch gewonnenen Erkenntnisse – zum Beispiel der Biologie und Ökologie – kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt. An die Seite der bis dahin die Schausammlungen und Ausstellungen prägenden Semi-Habitat-Dioramen traten – zunächst vor allem die in den USA sowie in Skandinavien und später auch in anderen Ländern – modernen Habitat-Dioramen, bei denen die Tiernachbildung oder Tiergruppe zugunsten der sie umgebenden Landschaft oder des Ökosystems in den Hintergrund rückten. Der rührige Präparator beschränkte sich bei seinen zahlreichen Reformvorschlägen aber nicht auf die Tierpräparation oder die Inszenierung von Tiergruppen – also sein ureigenes Fachgebiet. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, die als zoologische Präparatoren durchaus ähnliche Ziele verfolgten, wollte er weit mehr, und zwar das gesamte populäre naturhistorische Ausstellungswesen von Grund auf reformieren und es den Erfordernissen des „Jahrhunderts der Naturwissenschaften“ sowie des damit einhergehenden Booms der Wissenschaftspopularisierung anpassen.5 Neben den lebenswahren Tiernachbildungen und Tiergruppen gehörten die Neuorganisation und Neukonzeption der Schausammlungen naturhistorischer Museen ebenso dazu, wie die lebendige und plastische Darstellung vergangener Erdzeitalter sowie nicht zuletzt – als Ergänzung zu den herkömmlichen Museen – die Gründung umfassender naturhistorischer Bildungsinstitute. Zunächst einmal sollten – nach Martins Vorstellungen – die Sammlungen naturhistorischer Museen eine grundlegende Umgestaltung erfahren. Hierzu gehörte ihre Aufspaltung einerseits in Schausammlungen für die normalen Museumsbesucher sowie andererseits in wissenschaftliche Sammlungen für Forschung und Lehre. Des Weiteren forderte Martin nur mehr eine Auswahl der bedeutendsten lebenswahren Tiernachbildungen und Tiergruppen zu präsentieren. Und drittens regte er an, den Besuchern, mittels allgemeinverständlicher und informativer Etiketten an den Exponaten sowie einem populären Museumsführer, eine umfassende und didaktisch aufbereitete Schausammlungsdokumentation zur Verfügung zu stellen. Wie schon bei der Tierpräparation griff Martin auch in diesem Zusammenhang auf bereits bestehende und zum Teil publizierte Ansätze zurück, entwickelte diese teilweise weiter und setzte eigene Akzente. Was die eigentliche Konzeption betraf, so zielten seine Vorstellungen vornehmlich auf eine tiergeografische sowie chronologische Gliederung der Schausammlung. Auf diese Weise wollte er den Besuchern einen Überblick über das gesamte „Naturleben“ – von der „Urzeit bis zur Gegenwart“ – bieten. Die Umsetzung der entsprechenden Vorstellungen, was die von ihm propagierten, populären Schausammlungen betraf, blieb Martin – mit Ausnahme seines kleinen Privatmuseums der „Urwelt bis zur Gegenwart“ – weitgehend versagt. Einige der auch von ihm herausgearbeiteten und kolportierten Reformvorschläge flossen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die im Zuge der Museumsreformbewegung gestalteten, modernen Schausammlungen einiger Museumsneubauten – im 5 Vgl. Siemens, Das naturwissenschaftliche Jahrhundert, in: Tageblatt der 59. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte, 1886, S. 92-96. 6 Resümee 456 Deutschen Kaiserreich, in Mitteleuropa und in Großbritannien – mit ein, wie zum Beispiel die Sammlungstrennung oder die von ihm angemahnte allgemeinverständliche Sammlungsdokumentation. Die Schausammlungskonzeptionen basierten allerdings vorwiegend auf den neuen naturhistorischen Disziplinen und den durch sie gewonnenen Erkenntnissen. Hierbei kristallisierten sich die – bis dahin reformierte – zoologische Systematik, die Biologie und die deskriptive Biologie sowie später auch die Ökologie als maßgeblichste Schausammlungskonzeptionen heraus. Diese blieben für lange Zeit prägend. Erst in neuerer Zeit kamen weitere konzeptionelle Ansätze und natürlich auch Präsentationsformen, zum Teil mittels neuer Medien und Technologien, hinzu. Damit wollen die Museen einerseits aktuellen Fragestellungen und Themen gerecht werden und andererseits auch das Interesse der Besucher an den Naturkundemuseen wachhalten oder erneut wecken. Wie eingangs erwähnt gehörte zu den wichtigsten Forderungen Martins an populäre Schaumuseen und Schausammlungen, dass auf die bloße Präsentation von Einzelpräparaten oder gar Bälgen rezenter Tiere möglichst verzichtet werden sollte, weil er dies für wenig sinnvoll und zielführend erachtete. Diese Meinung vertrat er auch was die Ausstellung von – zum Teil fossilen – Überresten, Gipsabdrücken oder Abgüssen ausgestorbener Tiere in naturhistorischen Museen oder Naturaliensammlungen betraf. Mit derartigen Exponaten konnten – nicht nur seiner Ansicht nach – Museumsbesucher ohne einschlägige Vorbildung so gut wie nichts anfangen, denn es war ihnen nicht möglich sich dadurch eine Vorstellung von dem einst lebenden Tier zu machen. An ihre Stelle sollten zunächst bildliche und später plastische, lebensgro- ße Nachbildungen der Urzeittiere sowie Urweltpanoramen treten. Was ihre Darstellung und Inszenierung betraf, gab es – im Gegensatz zur rezenten Natur und Tierwelt – allerdings kaum Vorläufer oder Vorbilder, an denen er sich hätte orientieren können. Neben diversen Abbildungen unterschiedlichster Herkunft und Qualität sowie den sogenannten „Menageriebildern“ orientierte er sich an den einzigen plastischen und lebensgroßen Nachbildungen dieser Zeit – den „Crystal Palace Dinosaurs“ im Park von Sydenham in London. Auch wenn diese – was Martin durchaus bewusst war – einige Fehler und Konstruktionsmängel aufwiesen, so war er von der Idee, urzeitliche Kreaturen auf diese Weise den Besuchern vor Augen zu führen, sehr angetan. Für seine Nachbildungen verwendete er jedoch einfacher zu bearbeitende und vor allem leichtere Materialien. Des Weiteren zog er eine umfangreiche und breite Quellenbasis heran. Dies gilt vor allem für seine Mammutnachbildung – weltweit die erste plastische in Lebensgröße überhaupt. Bei ihr setzte er nicht nur auf Knochen- und Stoßzahnfunde und bildliche Darstellungen, sondern sogar auf Mammuthaare aus dem Permafrost Sibiriens und Kunstwerke eiszeitlicher Jäger und Sammler. Die Martinschen Schöpfungen urweltlicher Tiere, vor allem seine überaus populäre und mehrfach kopierte Mammutnachbildung, blieben – nach den „Crystal Palace Dinosaurs“ – für die kommenden Jahrzehnte die letzten bekannten Versuche, urweltliche Kreaturen in Lebensgröße vor den Augen der Besucher erstehen zu lassen. Vergleichbare Darstellungen entstanden erst wieder zu Beginn des 20. Jahrhundert. Damals schuf Charles Knight, mit seinen Nachbildungen von Dinosauriern aus der Kreide Nordamerikas, eine moderne Ikone des Naturkundemuseums, die zum Vorbild für 6 Resümee 457 viele weitere Darstellungen werden sollte, ob es das Urweltpanorama im Tierpark Hagenbeck, die ersten Versuche urzeitliche Wesen in einem ganz neuen Medium – dem Film – zum „Leben“ zu erwecken oder bewegliche „Dinosaurierroboter“ waren. Bis in die heutige Zeit gehören derartige Nachbildungen urweltlicher Tiere, vor allem in Lebensgröße oder als Skelettrekonstruktionen zu den Besuchermagneten in den Naturkundemuseen. Mittlerweile werden sie durch multimediale und virtuelle Inszenierungen ergänzt. Die aufgeführten, von Martin entwickelten und zum Teil auch umgesetzten, visuellen Konzepte zur Popularisierung der Naturkunde, ob es sich um Urweltpanoramen oder Inszenierungen der rezenten Tier- und Pflanzenwelt unterschiedlicher geografischer Regionen handelte, sollten – seiner Vorstellung nach – im „Centralgarten für Natur- und Völkerkunde“, vereint werden. Martins „Centralgarten“ umfasste die prägendsten Elemente und Präsentationsformen eines zoologischen und botanischen Gartens, einer populären naturhistorischen sowie völkerkundlichen Ausstellung – und das alles unter „einem Dach“. Damit plante er die Grenzen der einzelnen übergeordneten wissenschaftlichen Disziplinen und deren öffentlichen Institutionen zu transzendieren, um damit den Besuchern einen ganzheitlich geprägten Überblick über die belebte und unbelebte Natur, die rezente Tierwelt und die Tierwelt vergangener Erdzeitalter bieten zu können. Vorbilder oder Beispiele für diese weit in die Zukunft weisende Idee gab es zu Martins Zeit allerdings so gut wie keine, sieht man von einigen wenigen Ansätzen ab, bei denen der Versuch unternommen worden war, einen zoologischen Garten sowie ein naturhistorisches Museum zumindest in Analogie treten zu lassen. All diese aufgeführten unterschiedlichen Ansätze Martins zu einer Reform der naturkundlichen Volksbildung und insbesondere des naturhistorischen Präparations-, Sammel- sowie Ausstellungswesens trafen – zu seinen Lebzeiten sowie in den Jahren nach seinem Tod – in Fachkreisen und der Öffentlichkeit auf unterschiedliche Resonanz. Unumstritten ist, dass der für viele Jahre in Berlin und später in Stuttgart wirkende zoologische Präparator maßgeblich zur Reform des zoologischen Präparationswesens, seiner Professionalisierung und Fortentwicklung beigetragen hat. Hierbei setzte er zum Teil auf überlieferte und bestehende Präparationsmethoden, initiierte mit seiner Dermoplastik aber auch ein gänzlich neues Verfahren zur lebenswahren Nachbildung – vor allem größerer – Säugetiere, welches dem ausführenden Präparator nicht nur großes handwerkliches Geschick, sondern auch fundierte naturhistorische Kenntnisse und nicht zuletzt künstlerisches Talent abverlangte. Des Weiteren geht die Inszenierung und Präsentation der entsprechenden Tierpräparate und Dermoplastiken in Rahmen „biologischer“ – mit Einschränkungen auch tiergeografischer – Semi-Habitat-Dioramen an den naturhistorischen Museen und Sammlungen in Deutschland zu einem bedeutenden Teil auf ihn zurück. Zudem gehörte Martin zu den ersten, im Umfeld des naturhistorischen Museums wirkenden, Fachleuten im Deutschen Reich, die einer Sammlungstrennung das Wort redeten. Denn erst durch eine Aufspaltung der herkömmlichen Sammlungen naturhistorischer Museen in eine für Forschung und Lehre dienende wissenschaftliche Sammlung sowie eine populäre, ansprechende und instruktive Schausammlung konnten die naturhistorischen Muse- 6 Resümee 458 en ihren Bildungsauftrag erfüllen. Diesbezüglich blieb Martin, trotz vielversprechender Ansätze, eine im Detail ausgearbeitete Schausammlungskonzeption aber weitgehend schuldig. Mit seinen – nach den „Crystal Palace Dinosaurs“ im Park von Sydenham in London – einzigartigen plastischen und lebensgroßen Nachbildungen ausgestorbener Tiere leistete er hingegen Pionierarbeit. Seine Stuttgarter Mammutnachbildung war die erste ihrer Art. Sie prägte für viele Jahrzehnte das Bild des eiszeitlichen Elefanten nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Wissenschaft. Die zu seiner Zeit ambitionierten, aber auch umstrittenen Pläne mit dem „Centralgarten für Natur- und Völkerkunde", ein neuartiges integrales naturhistorisches Institut zur Volksbildung zu begründen, fand schließlich – im Gegensatz zu seinen anderen Reformvorschlägen und visuellen Konzepten – kaum Beachtung oder gar Anerkennung und wurde auch in den folgenden Jahrzehnten nicht wieder aufgegriffen. Erst in neuerer Zeit stießen die diesem Plan zugrundeliegenden Ideen und Prinzipien wieder auf Interesse. In der Regel bleiben derartige, integrierte und umfassende Institute mit Lebendtierhaltungen, Elementen botanischer Gärten und musealen Präsentationsformen oder Teilen davon jedoch thematisch begrenzt.6 Einen „Centralgarten“, wie von Martin geplant, existiert bis heute nicht. So unterschiedlich alle diese Ideen, Pläne und visuellen Konzepte Martins auch gewesen sein mögen, sie zielten alle in dieselbe Richtung. Er wollte den Besuchern ein allumfassendes und lebendiges Bild von der Natur, der Tierwelt und der Erdgeschichte präsentieren und damit der Spezialisierung sowie der seiner Ansicht nach „naturwidrigen“ Trennung der entsprechenden Disziplinen – jedenfalls was die Vermittlung und Präsentation ihrer Inhalte für die Öffentlichkeit betraf – entgegenwirken. Auch wenn längst nicht alle seine Konzepte und Ideen – vor allem zu seinen Lebzeiten – auf Zustimmung trafen oder sich durchsetzten; aufgrund seiner nachdrücklich und deutlich formulierten Kritik am damaligen naturhistorischen Sammel- und Ausstellungswesen sowie den zahlreichen Reformvorschlägen und visuellen Konzepten kommt Martin eine bedeutsame Rolle während des Wandels des alten naturhistorischen Museums rein wissenschaftlicher Prägung zu einer modernen Institution mit Volksbildungscharakter zu. Die von Martin, seinen Kollegen sowie Epigonen geschaffenen visuellen Konzepte repräsentierten aber nicht nur den „Wandel vom System zum Leben“ an den damaligen Museen, sie dienten auch als dessen Katalysator.7 Auf Basis der vorangegangenen detaillierten Untersuchungen der Biografie Martins und seines Werkes im historischen und wissenschaftshistorischen sowie fachbezogenen Kontext kann daher folgendes konstatiert werden: Philipp Leopold Martin wirkte während des Booms der Wissenschaftspopularisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland sichtbar und prägend als Vermittler naturkundlichen Wissens. Die Motive, sich dieser Aufgabe zuzuwenden, waren gesellschaftlicher und fachlicher Natur aber lagen auch in seiner Herkunft, seinem persönlichen Umfeld sowie seiner Weltsicht begründet. Martin, der ebenfalls als Autor populärwissenschaftlicher Publikationen sowie Mitbegründer eines entsprechenden 6 Vgl. Kap. 5.2.6, S. 448ff. 7 Zit. n. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 3. 6 Resümee 459 Vereins, des „Vereins für Vogelfreunde“ in Stuttgart sowie Württemberg, tätig war, setzte sich in erster Linie für die Popularisierung der Naturkunde mittels „non-printmedia“ und visueller Konzepte ein – vornehmlich im Rahmen naturhistorischer Museen, Ausstellungen und zoologischer Gärten beziehungsweise naturhistorischer Gärten Martinscher Provenienz. Hierbei war er aufgrund seines ursprünglichen Berufes als zoologischer Präparator einerseits praktisch tätig aber andererseits – weit über sein eigentliches Tätigkeitsfeld hinaus – auch konzeptionell und als Ideengeber. Martins dementsprechendes Wirken als zoologischer Präparator, Museumsreformer sowie Popularisator der Naturkunde ist nicht zuletzt ein Beleg dafür, dass autodidaktisch gebildete, in ihrem ureigenen Fachgebiet großes leistende „artisan scientists“ wie Philipp Leopold Martin – auch ohne einschlägiges Studium und in der damaligen „Scientific community“ etabliert zu sein prägend an ihrer Popularisierung mitwirken können. Des Weiteren zeigt das eindrucksvolle Beispiel seiner Stuttgarter Mammutnachbildung, ihrer Kopien und weltweit verbreiteten Abbildungen, dass deren Konzepte und Theorien unter Umständen auch auf die von ihnen popularisierte wissenschaftliche Disziplin zurückwirken können. Gleichwohl waren „artisan scientists“– was die Begriffsdefinition ohnehin beinhaltet – selbstverständlich keine streng wissenschaftlich ausgebildeten und arbeitenden Gelehrten. Ihr Wirken war vornehmlich praktischer Natur und das ihnen in der Regel fehlende naturwissenschaftliche Grundlagenwissen machte sich bisweilen bemerkbar. So war Philipp Leopold Martin, der zeit seines Lebens zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher, Lehrwerke und Aufsätze veröffentlichte, für einige Kapitel – beispielsweise zu den Themen Anatomie und Physiologie – gezwungen Fachautoren zu gewinnen, um sich später nicht dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit oder des Dilettantismus aussetzen zu müssen. Die mangelnde akademische Bildung zeigte sich auch bezüglich seiner Vorstellungen für neue Schausammlungskonzeptionen naturhistorischer Museen, welche – wie er richtig erkannt hatte – die überkommene systematische Konzeption ablösen sollten. Ein großer Gesamtentwurf, der auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhte, blieb ihm – trotz einiger guter Ansätze – weitgehend versagt. In diesem Kontext wäre eine – konstruktive – Kritik seiner Vorgesetzten und Gegner oder sogar eine Zusammenarbeit durchaus angebracht gewesen. Aber fachliche Differenzen, ebenso wie gegenseitige Ressentiments und nicht zuletzt wohl auch „Standesgrenzen“, haben dies verhindert. Während die Kritiker seine Kompetenzen jenseits der ihm aufgetragenen Aufgaben als zoologischer Präparator zu wirken generell in Frage stellten, zeigte Martin selbst oftmals eine allzu kompromisslose Haltung und zwar nicht nur in der Sache, sondern auch im persönlichen Umgang. Dies führte zu wiederholten Konflikten mit seinen Vorgesetzten, die erst ein Ende nahmen, als Martin auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst ausschied, um sich von nun an alleine seinen Projekten widmen zu können, wie beispielsweise „dem Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ oder seiner vielfältigen Publikationstätigkeit. Aber trotz aller Widerstände, vornehmlich im Zusammenhang mit seinen zur damaligen Zeit immer noch umstrittenen Reformvorhaben einer umfassenden und ganzheitlich geprägten naturkundlichen Volksbildung, nahm der Stuttgarter Präparator und Begründer der Dermoplastik Philipp Leopold Martin zahlreiche moderne bis heute maßgebliche Ansätze 6 Resümee 460 und visuelle Konzepte vorweg. Vor allem seinen Forderungen nach einer eher „ganzheitlichen“ auch das ästhetische Empfinden und die Emotionen ansprechenden Präsentationsweise sowie der Anspruch, den Besuchern einen Gesamtüberblick über die belebte und unbelebte Natur zu bieten, wurde mittlerweile in vielerlei Hinsicht entsprochen.8 Wenn wir heute moderne naturhistorische Museen oder zoologische Gärten besuchen, dort die sorgfältig inszenierten Lebensräume bewundern, die lebenswahren Tierpräparate und Dioramen betrachten oder die urweltliche Größe der Nachbildungen längst ausgestorbener Tierarten wie Dinosaurier oder Mammuts bewundern können, dann ist das auch deshalb möglich, weil Philipp Leopold Martin als ein maßgeblicher Protagonist einer Avantgarde von Popularisatoren, Präparatoren und Reformdirektoren zunächst entgegen aller Widerstände des wissenschaftlichen Establishments sein Lebensziel beharrlich verfolgt hat: mit einem Dreiklang von lebendigen „Bildern aus dem Tierleben“, der Präsentation einer „Welt im Kleinen“ und Fenstern in die Erdgeschichte dem „großen Publikum“ das Wissen um die Wunder und den Wert der Natur und Tierwelt – auch für das Überleben der Menschheit – natur- und lebenswahr, plastisch und ästhetisch ansprechend und doch wissenschaftlich korrekt vor Augen zu führen. 8 Vgl. das folgende Kap. 5.2 S. 417ff. 6 Resümee 461

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