Content

5 Nachwirkung in:

Uwe Albrecht

Bilder aus dem Tierleben, page 415 - 452

Phillip Leopold Martin (1815-1885) und die Popularisierung der Naturkunde im 19. Jahrhundert

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4039-3, ISBN online: 978-3-8288-6758-1, https://doi.org/10.5771/9783828867581-415

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Nachwirkung Zum Abschluss der Untersuchung über Philipp Leopold Martins Leben und Wirken in seinem fachhistorischen, wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Kontext wird ein knapper Überblick über aktuellere Entwicklungen der in dieser Arbeit beleuchteten Fachgebiete gegeben, in denen der zoologische Präparator und Popularisator Pionierarbeit geleistet oder maßgeblich zu deren Weiterentwicklung und Erfolg beigetragen hatte. Dies soll den Blick darauf lenken, welche Bedeutung Martin – diesmal mittelbar und längerfristig – im Zuge des Wandels an den Naturkundemuseen und der naturkundlichen Volksbildung – vornehmlich im Zusammenhang mit visuellen Konzepten und Non-print-Medien zukommt beziehungsweise zugeschrieben werden kann. Wissen über die Natur Philipp Leopold Martin war es immer ein besonders Anliegen, das Wissen über die Natur und Tierwelt weiteren Kreisen der Bevölkerung zu vermitteln. Hierbei lagen ihm – neben anderem – auch die Förderung des naturkundlichen Unterrichts an den allgemeinbildenden Schulen sowie die Vermittlung naturhistorischer Kenntnisse an Kinder und Jugendliche am Herzen. Fast einhundertfünfzig Jahre, nachdem er seine diesbezüglichen Forderungen veröffentlicht hatte, ergibt sich ein zwiespältiges Bild. So hat sich einerseits das Wissen über die Natur und die Tierwelt rasant vermehrt und es steht zudem, unter anderem durch moderne Naturkundemuseen, zoologische Gärten sowie den neuen Medien Film, Funk und Fernsehen beziehungsweise Internet, nahezu jedem fast zu jeder Zeit zur Verfügung – eine Situation, von der Martin nur träumen konnte. Im Gegensatz dazu wird laut aktueller Studien die „Naturdistanz“ Jugendlicher und auch vieler Erwachsener in Deutschland – wie auch in zahlreichen anderen Industrienationen – aber immer größer.1 Dies trifft überraschenderweise nicht nur auf die Stadt- sondern auch auf die Landbevölkerung zu.2 Vor allem vielen Kindern und Jugendlichen fehlt mittlerweile ein fundamentales Wissen über die sie umgebende Natur, während abstraktes, vornehmlich über Film und Fernsehen transportiertes, Wissen durchaus präsent ist. So können viele Kinder die oftmals komplizierten Namen diverser Dinosaurier auswendig aufsagen, dass das Jungtier vom Hirsch „Kalb“ heißt, wissen aber nur 6% der befragten Jugendlichen.3 Neben dem mangelnden Grundlagenwissen weisen andere – damit zusammenhängende – Ent- 5 5.1 1 Brämer, Natur: Vergessen? Erste Befunde des Jugendreports Natur 2010, 2010, S. 16. 2 Ebd. 3 Brämer, Natur: Vergessen? Erste Befunde des Jugendreports Natur 2010, 2010, S. 5. 415 wicklungen noch deutlicher auf eine zunehmende Entfremdung von der Natur hin. So sehen sich viele Kinder nicht mehr als Teil der Natur, sondern nehmen diese zunehmend als etwas Abstraktes wahr, das mit ihnen und ihrem Leben nicht mehr viel zu tun hat.4 Die Natur wird damit einem zoologischen Garten oder einem Naturkundemuseum gleichgesetzt, die beide ab und zu gerne besucht werden, aber nicht mehr als Teil des eigenen Lebensumfelds empfunden wird.5 Vor allem dem naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen kommt in diesem Zusammenhang eine maßgebliche Rolle zu. Dieser erhält in der erwähnten Studie kein gutes Zeugnis. Demnach bringen viele Kinder und Jugendliche die dort unterrichteten naturwissenschaftlichen Fächer kaum mehr mit der eigentlichen Natur in Verbindung. Nur mehr 10% der Befragten sind der Überzeugung, dass die Naturwissenschaften tatsächlich wichtiges Wissen über die Natur vermitteln.6 Zudem tragen Lehrer und Eltern wenig zum Überbrücken der Distanz und zu einem realistischen Naturbild bei. Sie verklären oftmals die Natur und Tierwelt, beziehungsweise blenden vermeintlich unangenehmes oder grausames aus, eine Haltung, der in Fachkreisen die Bezeichnung „Bambi-Syndrom“ verliehen wurde.7 Damit haben sich bereits zu Martins Zeiten, während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, angedeutete Entwicklungen innerhalb der letzten einhundertfünfzig Jahre erheblich beschleunigt. So hat sich das Wissen über die Natur und die Tierwelt, man denke nur an die Entdeckung zahlloser neuer Tier- und Pflanzenarten sowie die Genetik und vor allem moderne Molekulargenetik vervielfacht. Des Weiteren gab es in der Menschheitsgeschichte bisher noch nie so viele Möglichkeiten – für interessierte Laien – sich dieses Wissen auf die unterschiedlichste Art und Weise sowie mittels der verschiedensten Medien und visuellen Konzepte anzueignen. Aber all dies hat die bereits von Martin angemahnte Entfremdung teilweise sogar Missachtung der Natur nicht ganz verhindern können. Die meisten Kinder, Jugendlichen und Erwachsene verfügen über kein solides und vor allem praxisorientiertes naturkundliches Wissen mehr, was der Stuttgarter Präparator schon damals als besonders wichtig erachtete. Stattdessen sind nur mehr rudimentäre Kenntnisse vorhanden oder Spezialwissen, das mit dem Alltag des Einzelnen sehr wenig zu tun hat. Auch die Schulen kommen ihrem diesbezüglichen Bildungsauftrag kaum nach, da vor allem abstraktes theoretisches Wissen vermittelt wird. Aus diesen Gründen haben sich die diesbezüglichen Hoffnungen und Wünsche Martins für die Zukunft nicht in Gänze erfüllt. Was Medien und visuelle Konzepte anbelangt, sieht es allerdings weit besser aus, was im Folgenden dargestellt wird. 4 Blawat, Verkrampftes Verhältnis zur Natur, in: Süddeutsche Zeitung vom 26.4.2012, 2012, URL: www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/kinder-verkrampftes-verhaeltnis-zur-natur-1.1130302 (Abgerufen am 13.06.2013). 5 Ebd. 6 Brämer, Natur: Vergessen? Erste Befunde des Jugendreports Natur 2010, 2010, S. 11. 7 Blawat, Verkrampftes Verhältnis zur Natur, in: Süddeutsche Zeitung vom 26.4.2012, 2012, URL: www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/kinder-verkrampftes-verhaeltnis-zur-natur-1.1130302 (Abgerufen am 13.06.2013). 5 Nachwirkung 416 Visuelle Konzepte Einige der einst von Martin, seinen Kollegen und Epigonen propagierten und entwickelten visuellen Konzepte beziehungsweise deren zugrundeliegende Prinzipien setzten sich – wie bereits ausführlich dargestellt wurde – an den Naturkundemuseen, bei naturkundlichen Ausstellungen sowie in den zoologischen Gärten weitgehend durch. Natürlich unterlagen sie während der letzten über einhundert Jahren einem mehr oder weniger großen Wandel. Einige wurden modernisiert und weiterentwickelt, andere wiederum gänzlich neu eingeführt. Präparationswesen Als erstes wird das zoologische Präparationswesen angesprochen. Hier ist zuvörderst festzustellen, dass die von Martin bereits Mitte der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts angemahnte Professionalisierung des Präparatorenberufs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nach und nach umgesetzt wurde. Schon bald nach der Jahrhundertwende waren aus den ehemaligen „Ausstopfern“, die in zugigen Werkstätten oftmals einen bloßen „Maschinendienst“ verrichteten und keinerlei Anerkennung erhielten, mehr und mehr bisweilen selbstbewusste „Partner“ der Konservatoren und Direktoren naturhistorischer Museen geworden.8 Mit der „Deutschen Künstlervereinigung der Museumsdermoplastiker (DEUKÜMUS), deren Mitbegründer der Martin- und Kerz-Schüler Herman H. ter Meer war, entstand 1931 die erste Standesvertretung der Präparatoren in Deutschland.9 Diese machte bereits wenige Jahre nach ihre Gründung von sich reden, als sie im Berliner Museum für Naturkunde eine umfangreiche Ausstellung zum Thema „Dermoplastik einst und jetzt“ initiierte und damit der Tierpräparation zu neuer Popularität verhalf.10 1954 ging die DEUKÜMUS in den Verband deutscher Präparatoren (VDP) über, in dem nicht nur die zoologischen sondern auch die medizinischen und geowissenschaftlichen Präparatoren vereinigt sind.11 Mit der Zeitschrift „Der Präparator“ veröffentlicht der Verband auch ein in Fachkreisen renommiertes Periodikum. Heute – Stand 2010 – sind im VDP ungefähr 500 Präparatoren – davon die Hälfte zoologische – organisiert, die unter anderem in Museen, Universitäten und privaten Präparationswerkstätten tätig sind.12 Die Ausbildung der zoologischen Präparatoren oblag bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts und damit noch über hundert Jahre, nachdem Martin die Einrichtung einer Schule für angehende Präparatoren angeregt hatte, weitgehend in den Händen der einzelnen Museen. Erst 1976 entstand an der Berufsfachschule in Bochum eine staat- 5.2 5.2.1 8 Vgl. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 112ff. 9 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 53. 10 Ebd. 11 Ebd. Vgl a. Fiebig/Stein, Verband Deutscher Präparatoren e.V. 54. Internationale Arbeitstagung. Berlin, 5.-9. April 2016, 2016. 12 Die Zahl der in Deutschland arbeitenden Präparatoren insgesamt ist ungefähr doppelt so hoch. 5.2 Visuelle Konzepte 417 lich anerkannte Ausbildungsstätte für Präparatoren in der Bundesrepublik Deutschland.13 Die Ausbildung zum „Präparationstechnischen Assistenten“ beträgt dort drei Jahre und endet mit der Gesellenprüfung.14 Auch wenn der Beruf des zoologischen Präparators in manchen Kreisen der Bevölkerung immer noch nicht die Anerkennung gefunden hat, die ihm eigentlich zustünde, haben sich der soziale Status und die gesellschaftliche Anerkennung dieser Berufsgruppe dennoch grundlegend verbessert. Dazu tragen nicht nur die auch für Laien sichtbaren Fortschritte im Präparationswesen bei, sondern auch die regelmäßig stattfindenden publikumswirksamen Weltmeisterschaften der Taxidermie in Deutschland, den USA und anderen Ländern sowie deren Berichterstattung in den Medien.15 Abbildung 88: Präparat eines Weißbüscheläffchens von Matthias Studte zur Weltmeisterschaft der Taxidermie 2012, 1. Platz. Kategorie PEG und Gefriertrocknung. Ähnliches gilt auch für die am Berliner Museum für Naturkunde initiierte neue Dauerausstellung zur Geschichte der Tierpräparation, die 2014 unter anderem vom Naturkundemuseum Erfurt und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart durchgeführte Sonderausstellung mit dem Titel „WELT Meisterwerke der Präparation sowie die 2015 stattgefundene Ausstellung „Die präparierte Welt“ im Naturhistorischen Museum in Wien.16 13 Gradenwitz, Taxidermie. Edel sei der Hirsch, flauschig die Brut, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.12.2005, 2005, URL: www.faz.net/aktuell/wissen/natur/taxidermie-edel-sei-der-hirsch-flausch ig-die-brut-1280570.html (Abgerufen am 20.06.2013). 14 Vgl. URL: www.praeparation.de/berufs_information/ausbildung (Abgerufen am 20.06.2013). 15 Vgl. Fischer, WELT – Meisterwerke der Präparation. The World Champions of Taxidermy, 2012. Gradenwitz, Taxidermie. Edel sei der Hirsch, flauschig die Brut, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.12.2005, 2005, URL: www.faz.net/aktuell/wissen/natur/taxidermie-edel-sei-der-hirsch-flausch ig-die-brut-1280570.html (Abgerufen am 20.06.2013). 16 Vgl. Fischer, WELT – Meisterwerke der Präparation. The World Champions of Taxidermy, 2012. Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, ges- 5 Nachwirkung 418 Abbildung 89: Schaukasten zur Geschichte der Tierpräparation im Museum für Naturkunde Berlin. Die Fortschritte bei der Tierpräparation im Laufe des 20. Jahrhunderts sind in erster Linie auf neue Materialien und den damit zusammenhängenden Arbeitsweisen zurückzuführen.17 Für lange Zeit basierte die Präparation vornehmlich auf den beiden bekanntesten dermoplastischen Methoden, der von Martin und Ter Meer einerseits sowie der von Akeley aus den USA andererseits.18 Im Lauf der Zeit setzte sich zunehmend die Akeleysche Methode durch, da Martins und Ter Meers Arbeitsweise aufwändiger ist und dem ausführenden Präparator noch weit mehr an Arbeitszeit, Erfahrung sowie Wissen abverlangt. Auch wenn einige Präparatoren bis heute an den früheren Methoden, wie der Akeleys, festhalten und diese nach wie vor als die beste Möglichkeit individuelle Tierkörper von Grund auf anzufertigen bevorzugen, ist dieser Aufwand in vielen Fällen gar nicht mehr notwendig. Die Körper der meisten Präparate bestehen heutzutage aus einem modernen und weitaus flexibler zu handhabenden Material als Holz, Leinen oder Stroh und Gips. Hierbei handelt es sich um tern und heute, 2010, S. 55. Vgl. dazu Abb. 88, S. 418, Abb. 92, S. 423 u. Abb. 93, S. 423. VET-Magazin.at, Ausstellung „Die präparierte Welt“. URL: http://www.vet-magazin.at/tierarzt-magazin/aktuellemeldungen/Ausstellung-Die-praeparierte-Welt.html (Abgerufen am 25.01.2016). 17 VET-Magazin.at, Geschichte der Präparation. URL: http://www.vet-magazin.at/tierarzt-magazin/akt uelle-meldungen/Ausstellung-Die-praeparierte-Welt/Geschichte- Praeparation.html (Abgerufen am 25.01.2016). 18 Vgl. z. B. Kap. 3.1.6, S. 193ff. 5.2 Visuelle Konzepte 419 PU(Polyurethan)-Schaum19. PU-Schaum lässt sich besser verarbeiten, modellieren und zudem schnitzen. Vor allem ist er stabil und leicht. Eine außerordentlich große Erleichterung für den Präparator ist es, dass im Fachhandel für Präparationsbedarf vorgefertigte Tierkörper aus PU-Schaum für zahlreiche unterschiedlichen Arten zu erwerben sind, auch wenn diese in den meisten Fällen noch bearbeitet und angepasst werden müssen.20 Als weitere zukunftsweisende Methoden und Techniken sind in diesem Zusammenhang die Computertomografie, der 3D-Scan und vor allem der 3D-Druck zu nennen, welche die Arbeit des Präparators sowohl bei der Vermessung und Vorbereitung als auch der Herstellung der Tierkörper weiter vereinfachen und professionalisieren werden.21 Abbildung 90: Oben Tierkörper aus PU-Schaum. Unten ein Tierkörper nach der Methode von Friedrich Kerz. Auch bezüglich der eigentlichen Präparation gab und gibt es erhebliche Fortschritte. Dies betrifft beispielsweise die Herstellung sogenannter Trockenpräparate.22 Die bekanntesten davon sind die etwas ältere Paraffin-Imprägnierung sowie die neueren wie 19 VET-Magazin.at, Geschichte der Präparation. URL: http://www.vet-magazin.at/tierarzt-magazin/akt uelle-meldungen/Ausstellung-Die-praeparierte-Welt/Geschichte- Praeparation.html (Abgerufen am 25.01.2016). Naturhistorisches Museum Wien, Mit dem richtigen G’spür, 2003, S. 11. 20 Vgl. Abb. 90, S. 420. Für kleinere Säugetiere oder Vögel sind auch noch die Verfahrensweisen aus Martins Zeit gebräuchlich, wobei der Tierkörper durch Wickeln von Holzwolle gestaltet wird. 21 Vgl a. Fiebig/Stein, Verband Deutscher Präparatoren e.V. 54. Internationale Arbeitstagung. Berlin, 5.-9. April 2016, 2016, S. 18. 22 Piechocki/Altner, Makroskopische Präparationstechnik, Teil 1, 1998, S. 207ff. 5 Nachwirkung 420 Plastination und Teilplastination. Bei der Paraffin-Imprägnierung wird dem Präparat, wie beispielsweise einem kleinen Tier oder auch den haarlosen Körperteilen eines größeren Tieres, Wasser und Fett entzogen und dieses anschließend in Paraffin getränkt.23 Ein bekanntes Beispiel für ein – teilweise – mit Paraffin imprägniertes Präparat stellt die 1934 von Gerhard Schröder (1896-1945) und Karl Kaestner (1895-1983) geschaffene Dermoplastik des Flachlandgorillas „Bobby“ aus dem Berliner Zoo dar. Bei „Bobby“ kam die Paraffin-Imprägnierung zum ersten Mal in größerem Umfang zum Einsatz und zwar beim Gesicht des Tieres, den Füßen sowie den Händen. Dies führte – im Vergleich mit früheren Verfahren – zu außerordentlich guten und naturgetreuen Ergebnissen. „Bobby“, der übrigens bis heute in der Schausammlung des Berliner Museums für Naturkunde zu bewundern ist, gehört – nicht nur deshalb – zu den besten jemals hergestellten Dermoplastiken.24 Abbildung 91: Die Dermoplastik des Gorillas „Bobby“ von Karl Kaestner und Gerhard Schröder nach der Methode der Paraffin-Imprägnierung. Ein weiteres Verfahren zur Präparation hat erst in den letzten Jahren für Furore gesorgt – die sogenannte Plastination.25 Ursprünglich in der Histologie angewandt, entwickelte sie Gunter von Hagens am Anatomischen Institut der Universität Heidel- 23 Ebd. 24 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 52. 25 URL: http://www.koerperwelten.com/de/plastination/idee_plastination.html (Abgerufen am 24.09.2013). 5.2 Visuelle Konzepte 421 berg entsprechend weiter, dass damit auch größere Präparate – von kompletten Organen über menschliche Körper bis hin zu Elefanten – plastiniert werden können. Bei der Plastination wird dem zuvor entsprechend präparierten Körper zunächst mittels eines Bades in einem Lösungsmittel, wie beispielsweise Azeton, Fett und Wasser entzogen. Hierbei löst das Azeton die Körperflüssigkeiten sowie das Fett heraus. Anschließend ersetzt, während eines monatelangen Prozesses in einem Vakuumbad, Kunststoff das Azeton.26 Zum Abschluss wird das nun vollkommen mit Kunststoff imprägnierte Präparat entsprechend gestaltet und positioniert. Nachdem es mittels Gas, Licht oder Wärme gehärtet wurde, kann es schließlich in der Ausstellung präsentiert werden.27 Die Plastination hat vor allem durch die umstrittenen Körperwelten- Ausstellungen Gunter von Hagens große Berühmtheit erlangt. Neben der Präsentation plastinierter menschlicher Körper, Körperteile oder Organe hat von Hagens mittlerweile – auf die gleiche Weise – auch einige Tiere präpariert.28 Diese wurden seit 2010 – zunächst im Zoo von Neunkirchen und später an anderen Orten, wie beispielsweise im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt – zeitweise der Öffentlichkeit präsentiert.29 Neben zwei Elefanten – den bisher größten jemals hergestellten Plastinaten überhaupt – waren dort eine Giraffe, ein Gorilla sowie andere Tiere zu sehen. Diese zeigten erstmals – und zwar an Hand des Originals – einen Blick in das Innere der Tiere, mit der Muskulatur, dem Nervensystem und den Organen.30 Ein Ersatz für herkömmliche Präparationsverfahren stellen Paraffin-Imprägnierung und Plastination natürlich nicht dar. Der Aufwand ist groß, die Kosten hoch und nicht zuletzt dauert es sehr lange, bis ein entsprechendes Präparat fertiggestellt ist. Zudem sind diese Verfahren – nach heutigem Stand der Technik – wenig dazu geeignet, komplette Nachbildungen von Tieren für Schausammlungen anzufertigen – von Ausnahmen abgesehen. Als eine sinnvolle und zielführende Einsatzmöglichkeit hat sich hingegen die Teilplastination erwiesen.31 Die Kombination traditioneller Präparationstechniken mit der Plastination ermöglicht bei Tieren mit nackten Hautpartien sowohl eine bessere Konservierung als auch eine ansprechende und lebenswahre Darstellung.32 Zusammenfassend lässt sich feststellen: Bis heute spielen naturwahre Tiernachbildungen Martinscher Prägung und anderer fortschrittlicher Präparatoren in den Naturkundemuseen und einschlägigen Ausstellungen eine zentrale Rolle. Wie gezeigt wurde, ist das Präparationswesen nicht auf dem damaligen Stand stehen geblieben, sondern hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Die Fortschritte beschränken sich in erster Linie auf die endlich vereinheitlichte Ausbildung der Präparatoren sowie auf neue Arbeitsmaterialien, Arbeitsweisen und Methoden. Das eigentliche Ziel der Prä- 26 Ebd. 27 Ebd. 28 Vgl. Schüling, Weltpremiere. Gunter von Hagens’ Körperwelten der Tiere, 2010, S. 34 f. Von Hagens/ Whalley, Körperwelten der Tiere, 2010 sowie URL: http://www.koerperweltendertiere.de/de/home.ht ml (Abgerufen am 24.09.2013). 29 Ebd. 30 Ebd. 31 Vgl a. Fiebig/Stein, Verband Deutscher Präparatoren e.V. 54. Internationale Arbeitstagung. Berlin, 5.-9. April 2016, 2016. 32 Ebd. 5 Nachwirkung 422 paratoren bleibt nach wie vor dasselbe wie vor fast einhundertfünfzig Jahren: Lebenswahre Dermoplastiken in natürlichen Posen zu erschaffen, die vom lebenden Tier kaum zu unterscheiden sind. Martin, seine Epigonen und Kollegen haben den Grundstein dafür gelegt. Aber nicht nur was die Präparationsmethoden und die Einführung der Dermoplastik anbelangt hat Martin bis heute noch seine Verdienste, er war es auch, der eine einheitliche und institutionalisierte Ausbildung des Präparatorennachwuchses anmahnte. Abbildung 92: Teilplastinat eines Weißkopfsakis von Jan Panniger, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart. Abbildung 93: Teilplastinat eines Dreibindengürteltiers von Jan Panniger zur Weltmeisterschaft der Taxidermie 2012, 1. Platz. Kategorie PEG und Gefriertrocknung. 5.2 Visuelle Konzepte 423 Dioramen Ebenso wie das Präparationswesen und die Präparationsmethoden haben sich die Gestaltung und die Inszenierung von Tiergruppen sowie Dioramen weiterentwickelt. Schon in den vorherigen Kapiteln wurde angesprochen, dass in Ergänzung der Tiergruppen und Semi-Habitat-Dioramen Martinscher Prägung – zunächst in den USA und später auch in Skandinavien und Mitteleuropa – die ersten richtigen Habitat-Dioramen entstanden waren. Habitat-Dioramen zeigen nicht nur die Tiere in einer nachgebildeten natürlichen Umgebung, sondern haben die Aufgabe so viel wie möglich über ihr Leben und vor allem über ihr Verhältnis zu ihrem Lebensraum zu erzählen.33 Beim Habitat-Diorama hat eine möglichst perfekte Naturtreue, die mittels unterschiedlichster Methoden erzeugt wird, absolute Priorität.34 Das Ziel hierbei ist, dass der Betrachter des Habitat-Dioramas den Eindruck erhält, wie durch ein Fenster in die reale Natur zu blicken.35 Abbildung 94: Habitat Diorama im Zoologischen Museum Kopenhagen. In noch weitergehenden Konzepten, wie der „Faunistic habitat group“, wird sogar ganz von den Tieren oder einer Tierart als Mittelpunkt des Dioramas Abstand genommen und der bisher oft nur als Staffage dienende Hintergrund oder besser der nachgebildete Lebensraum einer Spezies rückt noch weiter in den Vordergrund.36 Trotz aller Fortschritte bei der Gestaltung und Inszenierung naturhistorischer Dioramen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden diese einst so revolutionären visuellen Konzepte ab den Fünfziger und Sechziger Jahren – vornehmlich auf- 5.2.2 33 Parr, The Habitat Group, 1959, S. 108. Zum Vergleich der unterschiedlichen naturhistorischen Dioramen vgl. Tabelle 1, S. 463. 34 Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 204 f. 35 Ebd., S. 205. Vgl. Abb. 94, S. 424. 36 Parr, The Habitat Group, 1959, S. 113ff. Vgl. a. Wonders, Habitat Dioramas, 1993. 5 Nachwirkung 424 grund der damals in Mode gekommenen Medien wie Film und Fernsehen – als ad- äquate Vermittlungsgenres für naturhistorische Themen in den Naturkundemuseen zunehmend in Frage gestellt.37 Bezüglich ihrer primären Aufgabe, dem Beschauer die Natur möglichst nahe zu bringen, schienen sie gegenüber Film und Fernsehen, in denen die Tierwelt und Natur lebendig und in „Aktion“ präsentiert werden konnte, immer mehr ins Hintertreffen zu geraten. Im Vergleich dazu wirkten naturhistorische Dioramen bisweilen wie aus der Zeit gefallen und beinahe schon obsolet. Zudem waren einige der Dioramen und Präparate mittlerweile in die Jahre gekommen und bedurften der Instandhaltung oder gar Restaurierung. Manchen Museen erschien dies den Aufwand nicht wert und zu kostspielig. Aus diesen Gründen wurde an einigen Museen damit begonnen, bestehende Dioramen zu demontieren sowie Tierpräparate zu entsorgen.38 Dieser bedauerliche Trend hat sich jedoch – trotz des Aufkommens der neuen Medien ab Ende der Achtziger Jahre – nicht fortgesetzt. Nach wie vor bleiben Tierpräparate in Schaukästen oder Semi-Habitat- sowie Habitat-Dioramen zentrale Elemente in den Schausammlungen und Sonderausstellungen naturkundlicher Museen weltweit.39 Zudem erkennen die Verantwortlichen an den Naturkundemuseen in zunehmenden Maße, dass historische Dioramen und Tierpräparate beileibe nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch kulturgeschichtlichen Wert besitzen. So stellen die visuellen Konzepte und Präsentationsweisen an den Naturkundemuseen ebenso wie in den zoologischen Gärten auch immer einen Spiegel der jeweiligen Epoche dar, in der sie entstanden sind und sie künden nicht nur vom damaligen Stand der Wissenschaft, sondern auch von der zu dieser Zeit vorherrschenden Natursicht. Dioramen mit historischem und wissenschaftlichem Wert werden daher nicht mehr demontiert und ins Archiv verbannt oder gar entsorgt, sondern unter Umständen sogar aufwändig restauriert und bei Bedarf in die Schausammlung oder Sonderausstellungen passender Thematik integriert. Auch darüberhinausgehend gibt es eine Reihe triftiger Gründe für die „Renaissance“ der Dioramen und lebenswahren Tiernachbildungen. Einerseits sprechen sie nicht nur den Intellekt an sondern auch die Gefühlsebene.40 Die überwiegende Anzahl der Museumsbesucher, darunter besonders viele Kinder, vermögen sich nach wie vor eher für Dermoplastiken und Inszenierungen von Tiergruppen zu begeistern als für Schautafeln oder Multimediapräsentationen.41 Während die modernen Medien oftmals zu einem schnellen eher oberflächlichen Blick verleiten, erfordert die Betrachtung eines Dioramas oder einer lebendig wirkenden Dermoplastik hingegen eine intensivere und tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema. Erst diese Verlangsamung der Wahrnehmung eröffnet ihnen den für 37 Neben der Konkurrenz durch Film, Funk und Fernsehen spielt in diesem Zusammenhang aber auch die zunehmende Ablehnung von Tierpräparaten aus „ethischen“ Gründen sowie Vorbehalte und Vorurteile gegenüber zoologischen Präparatoren eine Rolle, auch wenn mittlerweile kaum mehr Tiere gejagt und getötet werden, um diese für Ausstellungen zu präparieren. 38 Poliquin, The Matter and Meaning of Museum Taxidermy, 2008, S. 123 f. 39 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 54. 40 Feustel, Die tiergeografischen Gruppen im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, 1968, S. 90. 41 Feustel, Die tiergeografischen Gruppen im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, 1968, S. 90. 5.2 Visuelle Konzepte 425 einen nachhaltigen Wissenserwerb erforderlichen emotionalen Zugang.42 Des Weiteren ermöglichen es derartige visuelle Konzepte natürlich auch, dass der Museumsbesucher die Tiere und ihre nachgebildete Umgebung in Ruhe und ohne den Einfluss von Wind und Wetter betrachten und studieren kann.43 Selbst im zoologischen Garten oder in der freien Natur ist es in dieser Form nicht möglich, sich Tieren zu nähern und ihre Lebensweisen zu studieren. Im Rahmen von Dioramen oder als lebenswahre Tiernachbildungen dagegen erscheinen Natur und Tierwelt gleichsam eingefroren in Raum und Zeit; zudem zeigen sie in aller Regel den Ausschnitt einer von menschlichen Einflüssen weitgehend unberührten Natur, was nicht nur für die Stadtbevölkerung schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einem oftmals ungewohnten Anblick geworden ist.44 Einer der wohl bedeutendsten Gründe für die Beliebtheit von Dermoplastiken und Dioramen ist es jedoch, dass lebensgroße und lebenswahre Tiernachbildungen, zudem eingebettet in ihre rekonstruierte natürliche Umgebung, gleichsam die „Aura des Originals“ inne haben.45 So betont der Philosoph Walter Benjamin (1892-1940) in seiner Abhandlung über „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, dass das Original eines Kunstwerks eine besondere Ausstrahlung besitzt, die einer jeglichen Reproduktion schlichtweg fehle.46 Ähnliches gelte – betont Benjamin – „über den Bereich der Kunst hinaus.“47 Also bleibt das Betrachten einer Dermoplastik, in der ein Tier in gewisser Weise „weiterlebt“, auch im Informationszeitalter ein besonderes Erlebnis, das weder durch Multimediastationen noch durch Naturdokumentationen ersetzt werden kann. Im Diorama und der Dermoplastik oder der Tiernachbildung spricht daher nicht zuletzt die „Kraft des Exponats“ für sich.48 Es regt zum Staunen an und bringt den Betrachter dazu, sich damit – ohne große Hilfestellung – auseinanderzusetzen.49 Die besondere Rolle lebenswahrer Tiernachbildungen im naturhistorischen Museum war Philipp Leopold Martin schon zu seiner Zeit bewusst. Nicht zuletzt deshalb hatte er sich so vehement dafür eingesetzt. Dass allerdings zahlreiche neue Möglichkeiten, die Natur und Tierwelt so eindrucksvoll und lebendig zu präsentieren wie niemals zuvor, in Konkurrenz dazu traten, konnte er nicht ahnen – allerdings mit einer Ausnahme: der aufkommenden Fotografie, deren Potential er in diesem Zusammenhang erkannt hatte.50 Dass Tiergruppen und Dioramen sämtlicher Ausprägung 42 Vgl. dazu Meyer, Unterrichtsmethoden II: Praxisband, 1987, S. 213. 43 Huber, Tierpräparate als Ausstellungsobjekt, 2001. URL: http://homepage.swissonline.ch/bellwald/H uber/tierpraeparate.html (Abgerufen am 25.06.2013). 44 Vgl. z. B. Kap. 4.1.5, S. 324ff. 45 Huber, Tierpräparate als Ausstellungsobjekt, 2001. URL: http://homepage.swissonline.ch/bellwald/H uber/tierpraeparate.html (Abgerufen am 25.06.2013). 46 Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Dritte Fassung), 1980, S. 4 f. 47 Ebd., S. 5. 48 Mühl, Die Verteidigung des Schaukastens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.08.2012, 2013, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/fuer-das-analoge-museum-verteidigung-des-schaukasten s-11844685.html (Abgerufen am 26.06.2013). 49 Ebd. 50 Vgl. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A. Lebenslauf Philipp Leopold Martins vom 4. Oktober 1858. 5 Nachwirkung 426 und Provenienz bis heute zu den beliebtesten Exponaten in naturhistorischen Museen und Ausstellungen gehören ist mit ein Verdienst des Berliner und Stuttgarter Präparators, der zu den ersten Verfechtern von Tiergruppen im Museum gehörten und zudem einige der bis heute beliebtesten Darstellungsformen wie die biologischen oder tiergeografischen Semi-Habitat-Dioramen mitschuf.51 Abbildung 95: Semi-Habitat-Diorama im Museum für Naturkunde, Stuttgart. Abbildung 96: Semi-Habitat-Diorama im Museum für Naturkunde, Berlin. 51 Zu Habitat Dioramen in heutigen Naturkundemuseen vgl. Abb. 95 u. Abb 96, S. 427. 5.2 Visuelle Konzepte 427 Nachbildungen urweltlicher Tiere Eine ebensolche Faszination – vielleicht eine noch größere als bei lebenswahren Tierpräparaten und Dioramen – geht von den lebensgroßen und plastischen Nachbildungen ausgestorbener Tiere, wie Mammuts oder Dinosaurier aus, die zwar nicht die „Aura das Originals“ besitzen aber dennoch in der Lage sind, einen realistischen Eindruck vom Aussehen und der Größe des ehemals lebenden Tieres zu vermitteln. Urzeitliche Tiere genossen – wie umfassend dargestellt wurde – bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Popularität. Hierzu trugen nicht nur die zahlreichen Funde ausgestorbener Tiere bei, die Ende des 18. Jahrhundert und zu Beginn des 19. Jahrhunderts für Furore sorgten, sondern vor allem die Versuche, Lebensbilder von ihnen – in bildlicher oder plastischer Form – erstehen zu lassen. Zudem stellten diese oftmals als übermächtig und bedrohlich oder im ewigen Ringen miteinander dargestellten urzeitlichen Kreaturen Sinnbilder der Industrialisierung, des Kolonialismus und weiterer gesellschaftlicher Entwicklungen ihrer Zeit dar. Erst gegen Ende des 19. Jahrhundert veränderte sich – ausgehend von den USA – die Darstellung der „schrecklichen Echsen“ wieder grundlegend. So zogen die Funde großer Saurier aus dem Jura und der Kreidezeit, wie beispielsweise des Tyrannosaurus Rex durch die Paläontologen Barnum Brown (1873-1963) und Henry Fairfield Osborn (1857-1935), nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Künstler und nicht zuletzt die Öffentlichkeit in ihren Bann. Damit erreichte die „Dinomania“ einen weiteren Höhepunkt. Vor allem die Nachbildungen und Wandbilder von Charles R. Knight (1874-1953), dem herausragenden US-amerikanischen Tierbildner und Künstler, besaßen eine große Ausstrahlungskraft.52 Neben den bereits erwähnten lebensgroßen Saurierskulpturen von Josef Pallenberg (1882-1946) im neu begründeten und richtungsweisenden Tierpark Hagenbeck in Hamburg, stellten sie die Vorlage für weitere Darstellungen unterschiedlicher Provenienz, Art sowie Zielsetzung dar. Zunächst sind in diesem Zusammenhang die 1907 von der deutschen Firma Etruria vertriebenen Sauriermodelle zu nennen.53 Diese „Serie von rekonstruierten Modellen […] vorweltlicher Tiere, auf Grund der neuesten Veröffentlichungen und Illustrationen“, waren in Terrakotta plastisch ausgeführt. Unter ihnen befand sich ein zwanzig Zentimeter langer Brontosaurus, ein Triceratops sowie ein Tyrannosaurus Rex – korrekt auf zwei Beinen stehend dargestellt.54 Auch zwei Flugsaurier waren Teil der Serie. Zwar wurden die Modelle in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Kosmos“ seinerzeit wohlwollend beurteilt – so seien sie durchaus geeignet gewesen „dem Laien ein gutes Bild dieser längst ausgestorbenen Thiere zu geben“ – der Paläontologe Othenio Abel hingegen beurteilte aber zumindest die Modelle der Flugsaurier weit weniger positiv.55 5.2.3 52 Vgl. Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 24 f. 53 Abel, Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere, 1925, S. 11ff. Schütze, Tiere der Vorwelt in rekonstruierten Modellen, 1907, S. 337ff. 54 Schütze, Tiere der Vorwelt in rekonstruierten Modellen, 1907. 55 Die Modelle seien, so schreibt Abel in seiner „Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere“ von „vollständig verfehlten Größenverhältnissen und dilettantenhafter Auffassung.“ Vgl. Schütze, Tiere der 5 Nachwirkung 428 Abbildung 97: Modelle von Sauriern und weiteren urzeitlichen Tieren der Firma Etruria, 1907. Neben diesen Sauriermodellen vertrieb die Firma Etruria zudem Modelle eines Megatheriums und eines Mammuts, über die sich Abel nicht äußerte.56 All diese Darstellungen dieser nun neuen, „klassischen Epoche“ der Sauriernachbildungen waren übrigens nicht mehr ganz so düster und dramatisch gestaltet wie die ersten Lebensbilder urzeitlicher Lebewesen aus der viktorianischen Zeit. Stattdessen wurden die Sauropoden als mehr oder weniger schwerfällige Kreaturen, auf Grund ihrer Größe und ihres Gewichts in Sümpfen oder halb an Land und halb im Wasser lebend dargestellt, während der furchteinflößende Tyrannosaurus Rex sich im immerwährenden Kampf mit dem Triceratops und anderen Pflanzenfressern befand. Diese Vorstellungen sind auch bei den, nach den „Crystal Palace Dinosaurs“ und Martins urweltlichen Tieren, erstmals wieder in Lebensgröße ausgeführten Nachbildungen zu finden. Auch für diese neuerlichen Versuche zeigte sich kein naturkundliches Museum verantwortlich sondern das US-amerikanische Ölunternehmen Sinclair Oil, das für die Weltausstellung von 1933 in Chicago einen großen Pavillon mit dem Titel „The World A Million Years Ago“ in Form einer Halbkugel erbauen ließ.57 In diesem Ausstellungsgebäude wurden die wichtigsten Epochen der Erdgeschichte, unter anderem an Hand nahezu lebensgroßer Nachbildungen urweltlicher Tiere, nachgestellt.58 Die Besucher wurden auf einem „Rollsteig“ durch die Ausstellung gefahren, in der sie Lebewesen vom Perm bis zum Tertiär zu sehen bekamen, darunter einen Brontosaurus – heute Apatosaurus genannt – Flugsaurier, Säbelzahnkatzen, ein Wollnashorn und Mammut. Das Besondere daran war, dass diese Nachbildungen zum Teil beweglich waren und Geräusche von sich gaben. Dies wurde durch eine aufwändige Konstruktion mittels „Zahnrädern, Federn und Motoren“ erreicht.59 Gestaltet und errichtet wurde der Pavillon durch die Firma Messmore & Damon, die normalerweise für die Ausstattung von Fil- Vorwelt in rekonstruierten Modellen, 1907, S. 337ff. Vgl. a. Abel, Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere, 1925, S. 11. 56 Abel, Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere, 1925, S. 11ff. Zu den Etruria-Modellen vgl. a. Schütze, Tiere der Vorwelt in rekonstruierten Modellen, 1907, S. 337ff. 57 Dingus/Norell, Die Entdeckung der Dinosaurier, 2009, S. 38-39. 58 Ebd. 59 Ebd. 5.2 Visuelle Konzepte 429 men sowie die Bühnengestaltung zuständig war.60 Diese Firma hatte bereits in den zwanziger Jahren damit begonnen, „Tierroboter“ zu konstruieren – hierbei machten Elefanten den Anfang.61 Diese neuen „Dinosaurier-Roboter, die später auf Wanderausstellungen in den USA zahlreiche Besucher in ihren Bann zogen und ebenfalls auf den Nachbildungen Knights basierten, standen wiederum selbst Pate für die ersten Dinosaurierdarstellungen in Filmen wie „The Lost World“ aus dem Jahre 1925 oder „King Kong und die weiße Frau“ von 1933, in denen die Urzeittiere mittels Stop-Motion-Technik von dem Tricktechnik-Spezialisten Willis O’Brian (1886-1962) zum Leben erweckt wurden.62 Ähnlich wie einst Martins lebensgroße Mammutnachbildung dienten seit der Jahrhundertwende die Darstellungen Knights als Vorlagen für zahlreiche weitere Lebensbilder. Neben den bereits erwähnten Beispielen inspirierten sie auch die Künstler Rudolph Zallinger (1919-1995) sowie Zdeněk Burian (1905-1981).63 Zallinger schuf von 1943-1947 ein Wandgemälde mit dem Titel „The Age of Reptiles“ sowie 1961-1967 ein vergleichbares mit dem Thema „The Age of Mammals“ für das Peabody Museum der Yale University.64 Burian galt vor allem in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts als einer der bekanntesten Künstler, der die Urzeit vor den Augen des Betrachters erstehen ließ.65 Burians Urzeittiere und Landschaftsdarstellungen fanden ebenfalls nicht nur durch Publikationen sondern auch einen populären tschechischen Film von Karel Zeman (1910-1989) aus dem Jahr 1955 mit dem Titel „Reise in die Urzeit“, große Verbreitung.66 Die fiktive Reise dreier Kinder führt diese aber nicht nur ins Erdmittelalter sondern auch ins Tertiär und Quartär, daher sind in diesem Film auch entsprechende Landschaften und Tiernachbildungen zu sehen, wie die eines Mammuts.67 60 Ebd. 61 Ebd. 62 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 26. 63 Ebd. S. 25. Zu Burian vgl. a. URL: http://www.j-verne.de/verne_burian_jw.html (Abgerufen am 06.09.2005). 64 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 25 sowie URL: http://peabody.yale.edu/collections/archi ves/zallinger-murals (Abgerufen am 06.08.2013). 65 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 25. 66 In dem bekannten tschechischen Film „Reise in die Urzeit“ von Karel Zeman aus dem Jahre 1955 war Burian für die Kulissen und die künstlerische Beratung zuständig. Auch die darin verwendeten Saurier- und Mammutmodelle tragen eindeutig seine Handschrift. Vgl. Kempen, Das Dinosaurier Filmbuch, 1993, S. 70-72. Vgl. URL: http://www.muzeumkarlazemana.cz/en u. URL: http://www.imdb.co m/title/tt0047930/?ref_=fn_al_tt_1 (Abgerufen am 24.09.2013). 67 Vgl. S. Kempen, Das Dinosaurier Filmbuch, 1993, S. 70-72. Vgl. URL: http://www.muzeumkarlazem ana.cz/en u. URL: http://www.imdb.com/title/tt0047930/?ref_=fn_al_tt_1 (Abgerufen am 24.09.2013). 5 Nachwirkung 430 Abbildung 98: Szene aus dem Film „Reise in die Urwelt“ von Karel Zeman, 1955. Aber nicht nur Burian auch Knight wagte sich bereits, nach dem für lange Zeit beispielhaften Martinschen Mammut, seiner Kopien und weit verbreiteten Abbildungen, an Nachbildungen der eiszeitlichen Elefanten. Charles R. Knight gestaltete 1916 für die neue „Age of Man gallery“ im American Museum of Natural History in New York ein Panoramagemälde mit einer Mammutherde.68 Die bekanntesten und wohl besten Mammutdarstellungen des 20. Jahrhunderts stammen jedoch – in Zusammenarbeit mit dem Paläontologen Josef Augusta (1903-1968) – von Burian. So publizierten Burian und Augusta im Jahre 1962 die erste umfassende und reich bebilderte populärwissenschaftliche Monographie über das Mammut, dessen Abbildungen, ähnlich wie einst Martins plastische und lebensgroße Mammutnachbildung, weite Verbreitung fanden und das Bild des Mammuts für lange Zeit prägten.69 In den sechziger Jahren entstanden die nächsten lebensgroßen Sauriernachbildungen, für die sich erneut die Sinclair Oil Company verantwortlich zeigte. So wurden zur Weltausstellung von 1964 in New York – in Zusammenarbeit mit dem mittlerweile greisen Paläontologen Barnum Brown (1873-1963) als wissenschaftlichem Berater – zehn bewegliche Dinosauriernachbildungen erschaffen – vom Brontosaurus bis zum Tyrannosaurus Rex.70 Diese fanden – ausgeführt in Glasfaser – in einer „Dinoland“ genannten Inszenierung ihren Platz. Mit mehr als 10.000.000 Besuchern galt das „Dinoland“ als größte Attraktion der damaligen Weltausstellung.71 Später gelang- 68 Cohen, The Fate of the Mammoth, 2002, S. 10. 69 Burian/Augusta, Das Buch von den Mammuten, 1962. 70 Dingus/Norell, Die Entdeckung der Dinosaurier, 2009, S. 39. 71 Ebd., S. 38 f. 5.2 Visuelle Konzepte 431 ten die meisten dieser Sauriernachbildungen in andere Museen und Ausstellungen in den USA.72 Bei „Dinoland“ von Sinclair Oil handelt es sich um eine der letzten gro- ßen Dinosaurierausstellungen der sogenannten „klassischen Ära“, denn bereits in den Sechziger Jahren begann sich das Bild von den Dinosauriern und ihrer Lebensweise langsam aber sicher erneut zu wandeln. Nach weiteren Fossilienfunden, wie denen des Deinonychus sowie des Maiasaurus, wurden Dinosaurier nun nicht mehr als plumpe und wechselwarme Riesenechsen sondern, aufgrund neuer Forschungsergebnisse und Erkenntnisse, als weitaus grazilere, agilere und bezüglich der Brutpflege sogar fürsorgliche Lebewesen erkannt und eingeordnet.73 Zudem wurde ihre Darstellungsweise der von Vögeln immer ähnlicher, mit einer annähernd parallel zum Boden verlaufenden Wirbelsäule.74 Entsprechend dazu veränderte sich die Farbgebung. Einheitlich braune, graue und grüne Farbtöne wurden zugunsten lebendiger Farben sowie Mustern und Tarnstreifen aufgegeben. Das neue Bild der Dinosaurier, welches die sogenannte „Dinosaurier-Renaissance“ einläutete und diese bis heute bestimmt, vermitteln aber nicht nur zahlreiche neue paläontologische Abbildungen, sondern auch die in den folgenden Jahren und Jahrzehnten entstandenen lebensgroßen Sauriernachbildungen75 Auch eine Idee aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts – der „klassischen Ära“ – bewegliche Nachbildungen anzufertigen, wurde gegen Ende des Jahrhunderts wieder aufgegriffen. Diesmal gelangten – über die US-amerikanische Firma Dinamation neuartige Dinosaurierroboter aus Japan, die dort von der Firma 72 Ebd., S. 39. 73 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 26. 74 Ebd. 75 Zum Begriff „Dinosaur Renaissance“ vgl. Mitchell, The Last Dinosaur Book, 1998, S. 207. Abbildung 99: Darstellung eines Mammuts von Zdeněk Burian. 5 Nachwirkung 432 Kokoro entwickelt wurden, ihren Weg in die USA.76 Sie besaßen zwar nicht ganz die „urweltliche“ Größe ihrer einst lebenden Vorbilder, wurden aber mittels neuester Computertechnik gesteuert und durch Pressluft in Bewegung gehalten.77 Ähnliches gilt für einen Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhundert in Frankreich konstruierten Mammut-Roboter, dessen Bewegungen ebenfalls durch Pressluft erzeugt wird, welche sich per Computer regulieren und steuern lässt. Diese Mammutnachbildung befindet sich noch heute im Museum „Le Thot – Espace Cro-Magnon“, das unweit der Schauhöhle Lascaux II, dem Nachbau der Originalhöhle zu finden ist.78 Die meisten dieser beweglichen Nachbildungen waren und sind – im Gegensatz zu ihren unbeweglichen Pendants – aber weniger in Naturkundemuseen anzutreffen, sie begeistern vorwiegend auf Wander- und Sonderausstellungen ihr nicht nur jugendliches Publikum.79 Zusammen mit dem US-amerikanischen Spielfilm „Jurassic Park“ aus dem Jahre 1993 und der BBC-Dokumentation „Walking with Dinosaurs“, in denen Dinosaurier entsprechend der „Dinosaurier-Renaissance“ als bewegliche, intelligente, warmblütige und um ihren Nachwuchs besorgte Lebewesen gezeigt wurden, lösten sie mit den weltweiten Dinosaurier-Boom ab den späten achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus, der bis in die heutige Zeit anhält.80 Mittlerweile sorgt die seit dem Jahr 2007 in zahlreichen Ländern gastierende Show „Dinosaurier im Reich der Giganten“, welche der bereits erwähnten und richtungsweisenden Dokumentation „Walking with Dinosaurs“ nachempfunden wurde, für erhebliches Aufsehen.81 Dabei wurden keine Kosten und Mühen gescheut, fünfzehn bewegliche und interagierende Sauriernachbildungen auf die Bühne zu bringen, die nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet wurden.82 Diese beweglichen „Saurierroboter“ wirken so lebensecht wie niemals zuvor in der Geschichte der Nachbildungen urweltlicher Tiere, sie werden von Motoren und Seilzügen bewegt und mit Computern sowie zum Teil von im Innern der Saurier befindlichen Akteuren gesteuert. Die Initiatoren der Show setzen aber beileibe nicht nur auf spektakuläre Showeffekte, sondern es wird den Zuschauern dabei auch wissenschaftlich fundiertes Wissen über das Zeitalter der Dinosaurier und dessen Ende vermittelt. Obwohl die meisten der Dinosaurier-Roboter ebenso wie die erwähnten Filme und Dokumentationen unter Mitwirkung von Fachleuten und bekannten Paläontologen entstanden sind, sehen auch heute noch einige Vertreter ihres Fachs diese neuen Medien und visuellen Konzepte eher kritisch. Sie befürchten – analog zur Entwicklung in den zoologischen Gärten – nicht nur eine zunehmende Kommerzialisierung und „Disneyisierung“ sondern auch, dass dadurch „der Blick für das Wesentliche, nämlich die Fossilien und die mühsame Arbeit der Paläontologen, […]“ verloren ge- 76 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 26. 77 Ebd. 78 Vgl. URL: http://www.hominides.com/html/lieux/le-thot.php (Abgerufen am 08.08.2013). 79 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 26. 80 Kempen, Das Dinosaurier Filmbuch, 1993, S. 136ff. Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 26, S. 32ff. URL: http://www.imdb.com/title/tt0214382/?ref_=sr_3 (Abgerufen am 24.09.2013). 81 Vgl. URL: http://www.dinosaurier-live.de (Abgerufen am 07.08.2013). 82 Ebd. 5.2 Visuelle Konzepte 433 hen könnte.83 Dennoch sind mittlerweile auch in zahlreichen Naturkundemuseen – darunter in renommierten Häusern wie beispielsweise dem Naturhistorischen Museum in Wien oder auch dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart – lebensgroße Dinosauriernachbildungen zu sehen. Abbildung 100: Die Live-Show von „Dinosaurier im Reich der Giganten“. Bei diesen wird das Augenmerk freilich weniger auf hohem Schauwert gelegt, sondern auf eine naturgetreue Darstellung. Die Dinosauriernachbildungen sowie die Nachbildungen anderer ausgestorbener Tiere für Museen und Ausstellungen werden daher von wissenschaftlichen Modellbauern – in Zusammenarbeit mit Paläontologen – angefertigt, wobei immer die neuesten Forschungsergebnisse in deren Darstellung mit einfließen und außerdem auf allzu spektakuläre Effekte verzichtet wird.84 83 Graser, Dinosaurier in den Medien, 1996, S. 27. 84 VET-Magazin.at, Geschichte der Präparation. URL: http://www.vet-magazin.at/tierarzt-magazin/akt uelle-meldungen/Ausstellung-Die-praeparierte-Welt/Geschichte- Praeparation.html (Abgerufen am 25.01.2016). 5 Nachwirkung 434 Abbildung 101: Lebenswahre Dinosauriernachbildungen im Museum für Naturkunde am Löwentor in Stuttgart. Abbildung 102: Moderne Mammutnachbildungen im Museum für Naturkunde am Löwentor in Stuttgart. 5.2 Visuelle Konzepte 435 Abbildung 103: Das „Juraskop“ im Museum für Naturkunde in Berlin. Einige Museen beschreiten ergänzend weitere, auf den neuen Medien und Technologien basierende, Wege, um ausgestorbene Tiere lebenswahr zu präsentieren. Im Museum für Naturkunde in Berlin beispielsweise können Besucher einige der dort ausgestellten Skelettrekonstruktionen von Dinosauriern durch das sogenannte „Juraskop“ betrachten, in dem diese mittels Computeranimationen schrittweise mit Muskeln und Haut überzogen werden und sich anschließend inmitten einer ebenfalls virtuellen nachgestellten Umgebung bewegen.85 Zusätzlich sind auf berührungsempfindlichen Bildschirmen „dynamische Legenden“ im Einsatz, bei denen per Fingertipp eine Animation des jeweiligen urzeitlichen Tieres und seines damaligen Lebensraums abgerufen werden kann.86 Im Museum Senckenberg in Frankfurt hingegen erlaubt ein sogenannter „Dino-Simulator“ die wichtigsten Skelettrekonstruktionen von allen Seiten und Perspektiven aus zu betrachten und diese in Bewegung zu versetzen.87 Dinosaurier virtuell wieder zum „Leben“ zu erwecken wird seit Herbst 2016 in zahlreichen Naturkundemuseen weltweit in Angriff genommen, darunter in den beiden erwähnten renommierten deutschen Häusern in Berlin und Frankfurt sowie im Natural History Museum in London und im American Museum of Natural History in New 85 Worm, Das Gruseln aus der Urzeit, 2007, S. 49. 86 Ebd. 87 Ebd., S. 50. 5 Nachwirkung 436 York.88 Zusammen mit „Google Arts & Culture“ wurden zahlreiche Exponate digitalisiert und per virtueller Realität erfahrbar gemacht. Darunter befindet sich das größte rekonstruierte Skelett eines Brachiosaurus brancai – Giraffatitan genannt – das sowohl online als auch vor Ort mittels VR-Brille und Smartphone betrachtet werden kann.89 Das große Interesse der Öffentlichkeit und der Museumsbesucher an urweltlichen Tieren ist also bis heute – nahezu ununterbrochen – wirksam. Ihre Skelettrekonstruktionen aber vor allem ihre lebensgroßen Nachbildungen wurden – egal ob es sich um die von Sauriern aus dem Erdmittelalter oder Säugetieren aus dem Tertiär und Quartär, wie das Mammut, handelte – spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu Publikumsmagneten ersten Ranges.90 Aufgrund des enormen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts unterlagen selbstverständlich auch die Darstellungsarten urzeitlicher Tiere in den letzten hundert Jahren einem tiefgreifenden Wandel. Zudem gab und gibt es mittlerweile neue, damals noch ungeahnte, Möglichkeiten, Kreaturen längst vergangener Zeiten wieder zum „Leben“ zu erwecken.91 Dennoch vermag nach wie vor keine auch noch so perfekte Computeranimation, ob im Film, in einem anderen Medium, digitalisiert und virtuell, den überaus imposanten Eindruck einer lebensgroßen und lebenswahren Nachbildung eines urweltlichen Tieres zu ersetzen, was letzten Endes auch der große Erfolg zahlreicher mehr oder minder gelungener und wissenschaftlich korrekter Wanderausstellungen, Urzeit- oder Dinosaurier-Parks zeigt.92 Diese Ausstellungen haben letzten Endes alle ein Vorbild, die Mitte des 19. Jahrhunderts im Park von Sydenham in London geschaffenen „Crystal Palace Dinosaurs“. Auch Philipp Leopold Martin regten diese – neben anderem – in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts dazu an, sich der Nachbildung urzeitlicher Tiere zu widmen. Hierbei schuf er – nach den Skulpturen von Waterhouse- Hawkins – die nächsten Darstellungen dieser Art. Auch wenn seine Sauriernachbildungen keinen allzu großen Bekanntheitsgrad erlangten und es auch nicht einmal mehr in Gänze nachvollzogen werden kann, wie diese im Detail ausgesehen hatten, so gehört er dennoch zu den Pionieren dieses Fachgebiets. Größere Berühmtheit erlang- 88 Vgl. Meißner, Juliane, Virtual Reality: Im Naturkundemuseum werden Saurier wieder lebendig, URL: http://www.berliner-zeitung.de/wissen/virtual-reality-im-naturkundemuseum-werden-saurier-wiede r-lebendig-24739990. (Abgerufen am 08.12.2016). 89 Google Germany GmbH, Mit "Google Arts & Culture" Naturkunde in Virtual Reality erleben, URL: http://www.pressebox.de/pressemitteilung/google-germany-gmbh/Mit-Google-Arts-Culture-Naturk unde-in-Virtual-Reality-erleben/814403/print. (Abgerufen am 08.12.2016). 90 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 148 f. 91 Zum Beispiel die zahlreichen Dokumentationen der BBC, wie Dinosaurier – Im Reich der Giganten aus dem Jahre 1999. URL: http://www.imdb.com/title/tt0214382/?ref_=fn_al_tt_1 (Abgerufen am 25.09.2013) oder Die Erben der Saurier aus dem Jahre 2001 URL: http://www.imdb.com/title/tt0286 285/?ref_=fn_al_tt_1. (Abgerufen am 25.09.2013). 92 Vgl. zum Beispiele den Dinosaurier-Park Münchehagen URL: http://www.dinopark.de (Abgerufen am 25.09.2013) oder auch der Saurierpark Kleinwelka URL: http://www.saurierpark.de (Abgerufen am 25.09.2013). Das Gondwana Prähistorium hat hingegen einen noch umfassenderen und moderneren Ansatz. URL: http://www.gondwana-das-praehistorium.de (Abgerufen am 25.09.2013). 5.2 Visuelle Konzepte 437 te Martin aber mit seiner Mammutnachbildung, die nicht nur die allererste ihrer Art war, sondern auch noch spätere Darstellungen beeinflusste.93 Naturkundemuseen Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich die naturhistorischen Museen – aufgrund der Pionierarbeit Martins, anderer fortschrittlicher Präparatoren und Konservatoren sowie natürlich vor allem im Zusammenhang mit der „New Museum Idea“ in Großbritannien und der Museumsreformbewegung im Deutschen Kaiserreich – schrittweise zu Naturkundemuseen moderner Prägung weiterentwickelt. In diesem Zusammenhang verinnerlichten sie – neben der Forschung und Lehre – zunehmend die Aufgabe, naturkundliches Wissen weiteren Kreisen zu vermitteln. Die Art und Weise, wie dies umgesetzt und praktiziert wurde, änderte sich in den folgenden Jahrzehnten aber nur marginal. Für lange Zeit dominierten die bis dahin vorherrschenden Schausammlungskonzeptionen der Systematik, der Biologie sowie der Ökologie die Szenerie und die Museen setzten vor allem auf einen – damals durchaus modernen – „schuldidaktischen Ansatz“94 Auch die visuellen Konzepte blieben weitgehend die gleichen, wie Tierpräparate und Fossilien in Schaukästen sowie Semi-Habitat-Dioramen beziehungsweise Habitat-Dioramen. Letzten Endes wurde von den Museen naturkundliches Wissen noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein auf eine ähnliche Weise vermittelt wie am Ende des 19. Jahrhunderts. Viele Museumsleiter waren der festen Überzeugung, damit eine für alle Zeiten gültige Methode gefunden zu haben, naturkundliches Wissen unter die Leute zu bringen.95 Aber nicht nur die Welt außerhalb der Museen hatte sich verändert, auch die Ansprüche der Besucher, beispielsweise an die Art und Weise der Wissensvermittlung. Die Schausammlungen mit ihren oftmals „staubigen“ Dioramen und Präparaten oder gestalterisch aber auch inhaltlich überholten Schautafeln und Etiketten vermochten daher immer weniger Museumsbesucher anzuziehen. Aus diesen Gründen gerieten die Naturkundemuseen – im Vergleich mit den Kunstmuseen oder kulturhistorischen Museen – zunehmend ins Hintertreffen.96 Zudem fiel es den Naturkundemuseen immer schwerer, einen wie auch immer gearteten Zusammenhang und Bezug zwischen den Exponaten im Museum und dem Alltag der Besucher herzustellen. Aktuelle Fragen wie beispielsweise der immer wichtiger werdende Natur- und Umweltschutz blieben lange Zeit ebenso ausgeklammert wie interdisziplinäre Ansätze. Erst weit in der zweiten Hälfte des 20. Jahr- 5.2.4 93 Zur plastischen Nachbildung eines Mammuts heute vgl. Gibbs, Ein Mammut wird geboren, 1981, S. 53-57. 94 Köstering, Neue Bilder von der Natur – Naturkundemuseen zwischen gestern und morgen, 2004, S. 12. URL: http://www.museumsbund.de/cms/index.php?id=198&L=0 (Abgerufen am 06.08.2007). Wahlefeld, Befreit die Natur, 2005, S. 15. 95 Köstering, Neue Bilder von der Natur – Naturkundemuseen zwischen gestern und morgen, 2004, S. 12 f. URL: http://www.museumsbund.de/cms/index.php?id=198&L=0 (Abgerufen am 06.08.2007). 96 Wahlefeld, Befreit die Natur, 2005, S. 15. Vgl. a. Meyer, Wert und Bewertung naturkundlicher Sammlungen, 2000. URL: www.museumsbund.de/de/fachgruppen_arbeitskreise/naturwissenschaftliche_m useen_fg/terminordner/2000_herbsttagung/meyer/ (Abgerufen am 08.08.2013). 5 Nachwirkung 438 hunderts wurde nach und nach damit begonnen, andere Wege bei der Wissensvermittlung und vor allem der Konzeption von Schausammlungen zu gehen. Ursächlich hierfür waren unter anderem neue didaktische Methoden, die zunehmende Bedeutung des Ausstellungsdesigns und nicht zuletzt ein besserer internationaler Austausch zwischen den Naturkundemuseen und Fachwissenschaftlern weltweit.97 Ein Resultat davon war die Präsentation thematisch aktueller und inhaltlich begrenzter Wechselausstellungen – neben der eigentlichen Schausammlung und Dauerausstellung des Naturkundemuseums.98 Diese schrittweise Modernisierung der Schausammlungen blieb nicht ohne Folgen. Die Zufriedenheit der Besucher mit den Naturkundemuseen nahm wieder zu und die Erfolge mit Sonder- und Wechselausstellungen ermutigte ihrerseits die Museen, nun auch ihre Dauerausstellungen, deren Konzeptionen seit über einhundert Jahren im Grunde kaum größere Veränderungen erfahren hatten, umzugestalten und anzupassen.99 Nach einer längeren Phase der vorsichtigen Reformen befinden sich die Naturkundemuseen seit der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert schließlich im Umbruch.100 Dieser zeigt sich an mehreren unterschiedlichen – auf den ersten Blick – gegensätzlichen Entwicklungen. Zum einen wenden sich viele Naturkundemuseen vermehrt ihrer Herkunft und Geschichte zu. Dies belegen einerseits interdisziplinäre Sonderausstellungen zum Thema Wunderkammern und Kuriositätenkabinette.101 Zum anderen sind die Zeiten vorbei, in denen die Museen ihre historischen Sammlungsobjekte in den Magazinen versteckt oder sogar ausgesondert und entsorgt hatten. Neben der – bereits angesprochenen – Wiederaufarbeitung – auch kulturhistorisch – bedeutsamer Dioramen und Präparate werden zudem komplette historische Sammlungen und Museumssäle aufwändig restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie beispielsweise der Vogelsaal im Naturkundemuseum Bamberg oder die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen in Halle aus dem 18. Jahrhundert.102 Auch der Plan des Museums für Naturkunde in Berlin, schrittweise – neben der eigentlichen Schausammlung – in den renovierten historischen Räumen die wissenschaftliche Sammlung der Öffentlichkeit – nach langer Zeit wieder – zugänglich zu machen, weist in eine vergleichbare Richtung.103 Hiermit soll, so der Plan der Museumsleitung, unter anderem darauf hingewirkt werden, das Naturkundemuseum wie- 97 Vgl. dazu Köstering, Neue Bilder von der Natur – Naturkundemuseen zwischen gestern und morgen, 2004. URL: http://www.museumsbund.de/cms/index.php?id=198&L=0 (Abgerufen am 06.08.2007). Wahlefeld, Befreit die Natur, 2005, S. 15. 98 Meyer, Wert und Bewertung naturkundlicher Sammlungen, 2000. URL: www.museumsbund.de/de/ fachgruppen_arbeitskreise/naturwissenschaftliche_museen_fg/terminordner/2000_herbsttagung/m eyer/ (Abgerufen am 08.08.2013). 99 Ebd. 100 Köstering, Neue Bilder von der Natur – Naturkundemuseen zwischen gestern und morgen, 2004, S. 11. URL: http://www.museumsbund.de/cms/index.php?id=198&L=0 (Abgerufen am 06.08.2007). 101 Ebd. 102 Vgl. URL: http://www.vogelsaal.de (Abgerufen am 25.09.2013) und URL: http://www.francke-halle. de/francke.htm/wunder (Abgerufen am 25.09.2013). Vgl. Abb. 64, S. 257 u. Abb. 104, S. 4407. 103 Sentker, Naturkunde – Ein Sack voller Pläne, 2012, S. 2. URL: www.zeit.de/2012/05/Interview-Vogel (Abgerufen am 08.08.2013). Vgl. a. Vogel, Museum für Naturkunde Berlin. Jahresbericht 2014, 2015. 5.2 Visuelle Konzepte 439 der als einen mehr oder weniger offenen Raum und eine „gesellschaftliche Institution“ zu begreifen, welche die Besucher zur Partizipation einlädt.104 Ein Beispiel hierfür ist die mittlerweile zum Teil zugängliche Sammlung von Nasspräparaten, die nicht nur aus ästhetischen Gründen ein Genuss für die Besucher darstellt, sondern ihnen auch die Biodiversität und aufwändige die Forschungsarbeit des Museums eindrucksvoll vor Augen führt.105 Abbildung 104: Historischer Vogelsaal des Naturkundemuseums Bamberg. Als eine Art Wiederbelebung des Dogmas der Aufklärung, dass das Museum verpflichtet sei, den Besuchern kein einziges Sammlungsstück vorzuenthalten, darf dieser neue Ansatz aber nicht verstanden werden. Zudem ist die teilweise Rückbesinnung auf die Geschichte, im Zusammenhang mit den neuen „Wunderkammern“, auch keinesfalls ein Anzeichen dafür, dass das Naturkundemuseum in überkommen Strukturen und Konzeptionen verharrt, sondern vielmehr, dass es – sich seiner unterschiedlichen Traditionen und Aufgaben verstärkt bewusst – weiterentwickelt und, vor allem was die Wissensvermittlung anbelangt, neue Wege beschreitet. 104 Sentker, Naturkunde – Ein Sack voller Pläne, 2012, S. 2. URL: www.zeit.de/2012/05/Interview-Vogel (Abgerufen am 08.08.2013). Vgl. a. Sentker, Naturhistorische Sammlungen. Der 100-Millionen- Schatz, 2014. URL: http://www.zeit.de/2014/27/naturhistorische-sammlungen (Abgerufen am 11.07.2014). 105 Vogel, Johannes (Hrsg.), Museum für Naturkunde Berlin. Jahresbericht 2014, Berlin, 2015, S. 16 u. S. 39. Vgl. Abb. 105, S. 441. 5 Nachwirkung 440 Abbildung 105: Die für die Besucher einsehbare Sammlung von Nasspräparaten im Museum für Naturkunde in Berlin. Neben den bereits erwähnten Beispielen gehören dazu vor allem zeitgemäße Sammlungs- und Ausstellungskonzeptionen sowie neue Präsentationsformen. So widmen sich mittlerweile ganze Museen nur einem Thema, das von den unterschiedlichsten Seiten aus interdisziplinär beleuchtet und auf „ganzheitliche“ Weise präsentiert wird. Als prominentes Beispiel soll hier das „Klimahaus Bremerhaven 8° Ost“ genannt werden, welches sich der Klimageschichte, des Klimawandels sowie seiner vielfältigen Auswirkungen annimmt.106 Zum anderen haben, übrigens nicht nur in die thematisch begrenzten Museen und Ausstellungen, neben den aus Naturkundemuseen bekannten visuellen Konzepten wie lebenswahre Tierpräparate, Dioramen und Schautafeln weitere höchst unterschiedliche Präsentationsformen Einzug gehalten. Hierbei handelt es sich nicht bloß – wie zu vermuten wäre – um neue Medien, Multimediaterminals oder interaktive Exponate, sondern auch um lebende Tiere. In diesem Kontext spielen Museen wie das 2008 begründete Ozeaneum in Stralsund, das zum Deutschen Meeresmuseum gehört, eine Vorreiterrolle.107 106 Vgl. URL: http://www.klimahaus-bremerhaven.de (Abgerufen am 25.09.2013). 107 Vgl. URL: http://www.ozeaneum.de (Abgerufen am 25.09.2013). Vgl. Abb. 106, S. 442. 5.2 Visuelle Konzepte 441 Abbildung 106: Ozeaneum in Stralsund. Hafenbecken im Aquarium. Das Ozeaneum bietet mittels großzügiger Meeresaquarien, Tierpräparate, Dioramen sowie diversen Multimediainstallationen und interaktiven Elementen den Besuchern ein umfassendes Bild vom Leben in den Meeren und dessen Bedeutung für das Überleben der Menschheit.108 Aber auch andere Museen integrieren lebende Tiere in ihre Ausstellungen wie das Juramuseum in Eichstätt, das zusätzlich zu den anderen Exponaten, „lebende Fossilien“ zeigt oder das Naturkundemuseum in Karlsruhe mit seinem großen Vivarium.109 In den Museen in Eichstätt und Karlsruhe ist das inhaltliche und konzeptionelle Miteinander allerdings weniger stark ausgeprägt und sichtbar als in den Museumsneugründungen wie dem Ozeaneum. Zu guter Letzt nutzen Naturkundemuseen vermehrt das Internet um ihre Sammlungen oder Teile davon online zu präsentieren und so Menschen weltweit einen zumindest – virtuellen – Museumsbesuch zu ermöglichen.110 Natürlich sollen auf diese Weise auch Kinder und Jugendliche, also mit den neuen Medien bereits bestens vertraute Menschen, zum Besuch des Naturkundemuseums ermuntert und animiert 108 Haas, Auf zum Klimawandel, 2009, S. 74-83. Vgl. a. URL: http://www.ozeaneum.de (Abgerufen am 25.09.2013). 109 Vgl. URL: http://an01118.hp.altmuehlnet.de (Abgerufen am 25.09.2013). URL: http://www.smnk.de /ausstellungen/vivarium/aquarien/?S=xvscinbr (Abgerufen am 25.09.2013). 110 Meißner, Juliane, Virtual Reality: Im Naturkundemuseum werden Saurier wieder lebendig, URL: http://www.berliner-zeitung.de/wissen/virtual-reality-im-naturkundemuseum-werden-saurier-wie der-lebendig-24739990. (Abgerufen am 08.12.2016). 5 Nachwirkung 442 werden. Unterstützt werden die Museen dabei ebenfalls von „Google Arts & Culture“, auf dessen Plattform die digitalisierten Exponate sowie die virtuellen, interaktiven Museumsführungen zu finden sind.111 Vom Berliner Museum für Naturkunde wurde beispielsweise ein Teil der „Biodiversitätswand“ digitalisiert und online gestellt. Das Naturmuseum Senckenberg macht hingegen einen Ausflug ins Erdmittelalter möglich.112 Auch wenn in den Naturkundemuseen Schausammlungen mit Fossilien, Präparaten, Dioramen sowie gegebenenfalls lebenswahren Nachbildungen auf Basis der bekannten Sammlungskonzeptionen nach wie vor tonangebend sind, so sind auch diese einem dauernden Wandel unterworfen um den gestiegenen und veränderten Ansprüchen der Besucher und ihren neuen Aufgaben Rechnung zu tragen. Dies betrifft nicht nur gänzlich neue oder wieder entdeckte historische Sammlungskonzeptionen, sondern auch umfassendere und interdisziplinäre Präsentationsweisen. Und nicht zuletzt haben an den Naturkundemuseen auch die neuen Medien Einzug gehalten. Multimediaterminals und Installationen sowie online und mittels virtueller Realität besuchbare Sammlungen und Exponate stellen jedoch nur eine Ergänzung dar und ersetzen die eigentlichen Schausammlungen bislang nicht. Zoologische Gärten Nicht nur das Naturkundemuseum oder das naturkundliche Ausstellungswesen hat sich seit den Martins Zeiten erheblich weiterentwickelt, auch der nach wie vor bei Jung und Alt beliebte zoologische Garten.113 Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei der Zoogestaltung, den Gehegen sowie Tierunterkünften noch Romantizismus, Historismus und Exotismus tonangebend waren und eher die Bedürfnisse des Publikums im Vordergrund standen als die der Tiere, änderte sich im neuen Jahrhundert die Situation grundlegend. Viele Zoos verabschiedeten sich von ihrem früheren Selbstverständnis als mehr oder weniger „lebendiges“ Museum, in welchem den Besuchern möglichst viele Arten – geordnet nach der zoologischen Systematik – präsentiert werden sollten. Nachdem bereits im Jahre 1896 Carl Hagenbeck – basierend auf den im 19. Jahrhundert verbreiteten und beliebten Rundgemälden sowie den naturhistorischen Dioramen – seine „naturwissenschaftlichen Panoramen“ als Patent anmeldete, bedeutete dies einen der größten Umbrüche in der Geschichte der zoologischen Gärten.114 Hagenbecks Idee eines weitgehend barrierefreien Zoos, in dem sich die Tiere in Gehegen, die ihrer natürlichen Umgebung nachempfunden waren, möglichst frei bewegen konnten, revolutionierte die Gestaltung zoologischer 5.2.5 111 Ebd. 112 Google Germany GmbH, Mit "Google Arts & Culture" Naturkunde in Virtual Reality erleben, URL: http://www.pressebox.de/pressemitteilung/google-germany-gmbh/Mit-Google-Arts-Culture-Natur kunde-in-Virtual-Reality-erleben/814403/print. (Abgerufen am 08.12.2016). 113 Laut einer Erhebung aus dem Jahre 2009 besuchen jedes Jahr ca. 125 Millionen Menschen die mehr als 260 zoologischen Gärten in Europa. Vgl. Meier, Handbuch Zoo, 2009, S. 10. 114 Wiesner, Gefahrlose Reisen in fremde Welten. Carl Hagenbecks Tierpark in Hamburg, 2001, S. 19 f. 5.2 Visuelle Konzepte 443 Gärten. Gitter und vergleichbare Begrenzungen wurden durch Wassergräben und andere, für die Besucher nicht als solche wahrgenommene, Barrieren ersetzt. Die Tierunterkünfte fanden oftmals innerhalb der künstlich geschaffenen Kulissenlandschaft ihren Platz.115 In den folgenden Jahrzehnten hat sich das Konzept der Hagenbeckschen Freianlagen weitgehend durchgesetzt und es dominiert die zoologischen Gärten bis heute. Zoos, wie beispielsweise der 1939 in Nürnberg als Landschaftszoo neu eröffnete Tiergarten sowie der Tierpark Hellabrunn in München, der 1928 wiederer- öffnet wurde, nahmen die Vorgaben und Ideen Hagenbecks auf.116 Abbildung 107: Der Landschaftszoo Tiergarten Nürnberg. 115 Ebd. 116 Zum Tiergarten Nürnberg vgl. Mühling, Der alte Nürnberger Tiergarten 1912-1939, 1987. Zum Tierpark Hellabrunn vgl. Zedelmaier/Kamp, Hellabrunn, 2011. Vgl. a. URL: http://www.tiergarten. nuernberg.de/v 04/ u. URL: http://www.tierpark-hellabrunn.de (Abgerufen am 25.09.2013). Vgl. Abb. 107 u. 108, S. 444 f. 5 Nachwirkung 444 Abbildung 108: Der „Geozoo Hellabrunn“ in München. Die von Hagenbeck favorisierte Haltung in Freigehegen war jedoch nur für bestimmte, weitgehend akklimatisierte, Tierarten umzusetzen. Empfindlichere Tiere mussten weiterhin in entsprechend ausgestatteten Unterkünften untergebracht werden. Aber auch dies änderte nur wenig daran, dass viele in der Haltung besonders anspruchsvolle Tiere nach wie vor nur ein begrenztes Alter erreichten und immer wieder durch Wildfänge ersetzt werden mussten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahm man sich dieses Problems umfassender an, da die Zeit der großen Tierfangexpeditionen endgültig vorbei war.117 Als Hauptursache erkannte man vornehmlich mangelnde Haltebedingungen und Hygiene.118 Daher schlug in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Geburtsstunde des sogenannten „Kachelzoos“. Hierbei wurden die Innengehege in erster Linie so geplant und ausgestaltet, dass sie den höchsten hygienischen Standards sowie den Vorgaben der Tiermediziner und Verhaltensbiologen entsprachen.119 Auch das äußere Erscheinungsbild neu errichteter Tierhäuser und Gehege blieb funktional und nüchtern, um sich explizit von den Stilbauten des 19. Jahrhunderts abzugrenzen. Tatsächlich sorgten diese „Vet-functionalistic Enclosures“ dafür, dass die Tiersterblichkeit abnahm und sich die Haltungsbedingun- 117 Meier, Handbuch Zoo, 2009, S. 23. 118 Ebd., S. 24. 119 Ebd. 5.2 Visuelle Konzepte 445 gen dramatisch verbesserten.120 Bei den Besuchern stieß diese Art von Zooarchitektur allerdings nicht auf Begeisterung. Auch wenn die oftmals Badezimmern ähnlichen Innengehege mit genügend Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere ausgestattet wurden und daher durchaus artgerecht sein konnten, empfanden sie die Besucher zunehmend als trist und wenig einladend. Aber nicht nur aus diesem Grund gerieten viele zoologische Gärten in eine Krise und mussten mit sinkenden Besucherzahlen kämpfen, wie beispielsweise der Zoo Hannover.121 Hinzu kamen eine größere Sensibilität der Besucher für ökologische Fragen und den Naturschutz und außerdem war den Zoos durch aufwendige Naturdokumentationen, Bildbände und nicht zuletzt die mittlerweile modernisierten Schausammlungen naturkundlicher Museen eine gewisse Konkurrenz erwachsen – jedenfalls was neue Präsentationsformen anbelangte.122 Den gestiegenen Ansprüchen der Besucher konnten daher weder der rein funktionale Zoo, der ausschließlich das Wohl der Tiere berücksichtigte, entsprechen, noch die lange Zeit in zahlreichen zoologischen Gärten vorherrschende mehr oder weniger willkürliche Ansammlung an „Gehegen, Freigeländen und Käfigen“.123 Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bevorzugen die Zoobesucher vielmehr, die Tiere möglichst in einer Umgebung beobachten zu können, die deren Lebensraum nachempfunden ist und in der sie weitgehend ihr natürliches, arttypisches Verhalten zeigen.124 Den Zoodirektoren und Kuratoren ist es durchaus bewusst, dass ein Zoo nicht nur „für oder um der Tiere willen“ begründet wurde und betrieben wird, sondern auch für die Menschen.125 Um den Wünschen des Publikums entsprechen zu können, setzen die Zoos mittlerweile auf unterschiedliche Maßnahmen. Natürlich gilt es hierbei zu berücksichtigen, dass sich Forschung und Lehre, Aufgaben des Tier- und Naturschutzes sowie die Popularisierung und nicht zuletzt die Unterhaltung der Besucher die Waage halten. Des Weiteren besitzen die einzelnen zoologischen Gärten ihre Schwerpunkte. Während in den einen Zoos vornehmlich die Tiere sowie Forschung und Lehre im Vordergrund stehen und vor allem in den Freigehegen den Wünschen des Publikums nach Naturnähe nachgekommen wird, gehen andere Zoos neue Wege.126 Sie setzen sich als Ziel, eine nahezu perfekte „Simulation“ der Natur zu erschaffen, indem ein bestimmtes Ökosystem, wie beispielsweise der Amazonasregenwald, nachgebildet wird – übrigens inklusive der Gemeinschaftshaltung und Vergesellschaftung entsprechender Pflanzen- und Tierarten.127 Zudem sollen hierbei die Grenzen zwischen den Bereichen für die Besucher und den eigentlichen Gehegen weitgehend verschwinden oder zumindest unsichtbar werden.128 Dadurch erhalten die Besucher den Eindruck, sich inmitten der Natur zu befinden. Um die Illusion noch perfekter zu 120 Ebd. 121 Speicher, Der Elefant in seiner Pagode, 2001. 122 Dittrich, Warum ein Regenwaldhaus und keine Bärenburg, 2008, S. 343. Speicher, Der Elefant in seiner Pagode, 2001. 123 Editorial – Architektur für Tiere, 2001, S. 3. 124 Meier, Handbuch Zoo, 2009, S. 11. 125 Dittrich, Warum ein Regenwaldhaus und keine Bärenburg, 2008, S. 343. 126 Raidt, Tiere, Tempel, Sensationen. Zoovergleich: Stuttgart – Hannover, 2010. 127 Meier, Handbuch Zoo, 2009, S. 27 f. 128 Ebd. 5 Nachwirkung 446 gestalten, werden die Zoobesucher bisweilen sogar den entsprechenden klimatischen Bedingungen ausgesetzt, wie zum Beispiel in einem Tropenhaus.129 Und nicht zuletzt bekommen die Zoobesucher die Tiere nicht mehr auf einer „Schaubühne“ präsentiert, sondern sie müssen diese regelrecht suchen und aufspüren.130 Dies verstärkt den Eindruck, sich nicht in einem zoologischen Garten zu befinden, sondern stattdessen in der freien Natur. Neben dieser „Habitat Immersion“ genannten Zookonzeption, deren modernen Ursprünge in den USA zu suchen sind, setzen andere Zoos auf zusätzliche visuelle Konzepte und Inszenierungen, um den Eindruck sich nicht mehr in einem Tiergarten sondern in der eigentlichen Heimat der jeweiligen Fauna und Flora zu befinden, perfekt zu machen.131 Hierbei wird das Prinzip des „Geozoos“ – mit der Gliederung nach unterschiedlichen klimatischen oder geografischen Zonen sowie der Präsentation der jeweiligen Fauna und gegebenenfalls Flora – konzeptionell und inhaltlich erweitert. Dabei kommen vor allem die aus Freizeitparks entlehnten Methoden des „Theming“ und „Imagineering“ zum Einsatz, wobei die entsprechenden geografischen Regionen der Erde teilweise auch als Themenwelten mit landestypischen Bauten inszeniert werden.132 So wird beispielsweise die indische Tierwelt vor dem Hintergrund eines verfallenen Palasts eines Maharadschas präsentiert, einheimische Tiere vor einem alten Bauernhof und die Themenwelt Alaska wird mit einem nachgebildeten Goldgräberdorf ausgestattet.133 Die Möglichkeit, die jeweiligen Themenwelten auf besondere Art und Weise zu erkunden, beispielsweise über eine Boots- oder Eisenbahnfahrt, soll das Erlebnis abrunden sowie spannender und unterhaltsamer gestalten. Das Ziel dabei ist, zoologische Gärten zu noch beliebteren Freizeiteinrichtungen als bisher auszubauen und damit natürlich vor allem die Besucherzahl deutlich zu steigern.134 Diese umfangreichen Info- und Edutainment-Angebote stoßen aber nicht bei allen Zoodirektoren und Kuratoren auf Interesse oder gar Zustimmung. Vor allem eher konservative und auf wissenschaftliche Seriosität bedachte Direktoren befürchten, dass aus dem zoologischen Garten eine Art „Disneyland“ werden könnte und dieser in der Öffentlichkeit nicht mehr als Forschungs- und Bildungsinstitution wahrgenommen wird. Außerdem beklagen sie im Zusammenhang mit den Stilbauten und landestypischen Szenerien einen aufkommenden „Neohistorismus“ sowie „Synkretismus“.135 Der Erfolg derartiger Inszenierungen gibt den experimentierfreudigen Kollegen und den „Szenografen“ aber durchaus recht. So ziehen die modernisierten Zoos, wie der Zoologische Garten Hannover, der seit 1995 nach und nach in vergleichbarer 129 Ebd. 130 Ebd. 131 Simon, Im Reich der wilden Tiere, 2001, S. 52ff. 132 Simon, Im Reich der wilden Tiere, 2001, S. 52ff. Precht, Der Elefant im Palastgarten, 1997. 133 Precht, Der Elefant im Palastgarten, 1997. Brandenberger, Über den Sambesi in Meyers Hof, 2001, 42 f. Zum Zoo Hannover mit seinen Themenwelten vgl. URL: http://www.zoo-hannover.de/themen welten/sambesi.html (Abgerufen am 08.08.2013). 134 Editorial – Architektur für Tiere, 2001, S. 3. Simon, Im Reich der wilden Tiere, 2001, S. 52ff. Precht, Der Elefant im Palastgarten, 1997. Zu den Besucherzahlen im Zoo Hannover vgl. http://www.zoo-h annover.de/unternehmen-zoo/aktuellespresse/aktuelle-nachricht/news/rekordjahr-fuer-erlebnis-zo o.html (Abgerufen am 08.08.2013). 135 Precht, Der Elefant im Palastgarten, 1997. 5.2 Visuelle Konzepte 447 Weise umgestaltet wird, erheblich mehr Besucher an als vorher.136 Zudem werden natürlich auch derartig konzipierte Zoos nach modernen tiergärtnerischen und tiermedizinischen Prinzipien betrieben und das Wohl der Tiere steht weiter im Vordergrund. Abbildung 109: Der „Dschungelpalast“ im Zoologischen Garten Hannover. Naturkundemuseum, botanischer und zoologischer Garten Ob Naturkundemuseum, der zoologische oder auch botanische Garten – alle drei Institutionen waren lange Zeit äußert zurückhaltend und vorsichtig, wenn es darum ging, neue Präsentationsformen zu integrieren oder ihre höchst unterschiedlichen Konzepte inhaltlich und räumlich miteinander zu vereinen. Die wohl häufigste „Kombination“ war und ist die eines zoologischen mit einem botanischen Garten – aber selbst diese ist bis heute relativ selten anzutreffen. Das erste derartige Institut war der bis heute bestehende Paignton Zoological and Botanical Garden in Großbritannien.137 Dieser öffnete 1923 seine Pforten und präsentiert die Tiere und Pflanzen zusammen, die auch in der Natur in einem gemeinsamen Ökosystem vorkommen.138 Als weitere Beispiele sind in diesem Zusammenhang der Zoologisch-Botanische Gar- 5.2.6 136 Editorial – Architektur für Tiere, 2001, S. 3. Simon, Im Reich der wilden Tiere, 2001, S. 52ff. Zu den Besucherzahlen im Zoo Hannover vgl. http://www.zoo-hannover.de/unternehmen-zoo/aktuellespre sse/aktuelle-nachricht/news/rekordjahr-fuer-erlebnis-zoo.html (Abgerufen am 08.08.2013). Vgl. Abb. 109, S. 448. 137 Lash, Landscaping, 2001, S. 706. 138 Ebd. 5 Nachwirkung 448 ten Wilhelma oder die Hongkong Zoological und Botanical Gardens zu nennen.139 Die Konzeptionen der einzelnen zoologisch-botanischen Gärten sind wie bei den reinen Zoos aber ebenfalls sehr unterschiedlich. Während es sich bei den einen um eine mehr oder weniger lose konzeptionelle Verknüpfung handelt, sind bei der anderen Flora und Fauna enger miteinander verwoben, um den Besuchern ein möglichst umfassendes Bild der Tiere und Pflanzen einer bestimmten geografischen Region zu bieten sowie deren gegenseitige Abhängigkeiten darzustellen. Noch weniger verbreitet sind zoologische oder gar zoologisch-botanische Gärten, die inhaltlich und konzeptionell mit einem Naturkundemuseum oder zumindest dessen visuellen Konzepten und Präsentationsformen ergänzt wurden. Es ist zwar durchaus üblich, in Zoos naturkundliche Sonder- oder Wechselausstellungen zu einem ausgewählten oder aktuellen Thema anzubieten und einige Naturkundemuseen halten – wie bereits oben angesprochen wurde – lebende Tiere, dass allerdings zoologische Gärten, botanische Gärten und umfangreiche museale Elemente sowie visuelle Konzepte konzeptionell und inhaltlich mehr oder minder eine Einheit darstellen ist bis heute äußerst selten. Mit dem bereits 1952 in den USA begründeten Arizona-Sonora Desert Museum und dem erst im Jahre 2012 eröffneten Darwineum im Zoo Rostock gibt es zwei unterschiedliche Institutionen, in denen dies in Angriff genommen wurde.140 Abbildung 110: Der Zoologisch-Botanische Garten Wilhelma in Stuttgart. 139 Ebd. Vgl. Abb. 456, S. 615. 140 Zum Sonora Desert Museum vgl. URL: http://www.desertmuseum.org. Zum Darwineum vgl. URL: http://www.darwineum-zoo-rostock.de (Abgerufen am 26.09.2013). Vgl. Abb. 111, S. 450. 5.2 Visuelle Konzepte 449 Abbildung 111: Die Tropenhalle des Darwineums im Zoo Rostock. Das in Europa bisher einzigartige Darwineum, das zunächst nur als neues Menschenaffenhaus geplant war, behandelt mittels einer Kombination aus den Elementen eines zoologischen und botanischen Gartens sowie modernen musealen Präsentationsformen die gesamte Evolution des Lebens von den ersten Einzellern bis zum Menschen – was immerhin eine Zeitspanne von 500.000.000 Jahren umfasst.141 Laut dem Direktor des Rostocker Zoos sei es die „perfekte Mischung aus Zoo und Museum.“142 Neben einer großzügigen Anlage für Menschenaffen mit einem weitläufigen Außengehege sowie einer Tropenhalle wird in acht sogenannten „Kojen“ die Evolutionsgeschichte in ihrer zeitlichen Abfolge dargestellt. Hierbei kommen Aquarien und Terrarien ebenso zum Einsatz wie – begehbare – Dioramen, Schautafeln, Wandbilder oder Multimediastationen.143 Die Besonderheit des Darwineums ist aber nicht nur dessen Konzeption an sich, sondern dass unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen herangezogen wurden, um den Besuchern – jenseits ausgetretener Pfade – in möglichst umfassender Weise das Thema Evolution wissenschaftlich korrekt ebenso wie unterhaltsam nahe zu bringen. Das Arizona-Sonora Desert Museum in den USA zeigt hingegen die Geologie, Flora und Fauna der Sonora Wüstenregion in Arizona, Kaliforni- 141 Zoo Rostock, Abenteuer Evolution. Das Darwineum im Zoo Rostock, 2012, S. 36-41. 142 Vetter, Darwineum Rostock – „Die perfekte Mischung aus Zoo und Museum“, 2012. Vgl. a. URL: http://www.darwineum-zoo-rostock.de (Abgerufen am 26.09.2013). 143 Zoo Rostock, Abenteuer Evolution. Das Darwineum im Zoo Rostock, 2012, S. 36-41. Vgl. a. URL: http://www.darwineum-zoo-rostock.de (Abgerufen am 26.09.2013). 5 Nachwirkung 450 en und Mexiko.144 Dabei handelt es sich weniger um ein Museum im eigentlichen Sinn, so befinden sich über neunzig Prozent der Ausstellungsfläche im Freien, sondern um eine Kombination aus Zoo, botanischem Garten und Museum. Die beiden erwähnten Beispiele beschränken sich zwar – ebenso wie andere vergleichbare Ansätze – auf eine begrenzte geografische Region oder auf ein bestimmtes Thema. Dennoch zeigen sie auf eindrucksvolle Weise, dass die unterschiedlichen visuellen Konzepte und Präsentationsformen vom Naturkundemuseum, dem zoologischen sowie botanischen Garten unter einem Dach inhaltlich sowie räumlich zielführend miteinander vereint werden können. Philipp Leopold Martin hatte schon mit seinen Dermoplastiken, Tiergruppen sowie den Nachbildungen urweltlicher Tiere einiges zur Reform des naturhistorischen Ausstellungswesens beigetragen. Nicht zuletzt war der zoologische Präparator einer der ersten Fachleute aus dem Umkreis des naturhistorischen Museums in Deutschland, welcher der Aufspaltung der Sammlungen in wissenschaftliche Sammlungen und Schausammlungen das Wort geredet hat. Auch wenn er keine umfassende auf wissenschaftlichen Prinzipien fußende Sammlungskonzeptionen entworfen und hinterlassen hat, so setzte er auch hier wichtige Impulse. Mit seinen erst in neuester Zeit wieder aufgegriffenen Plänen, den potentiellen Besuchern eines Naturkundemuseums, einer naturkundlichen Ausstellung oder auch eines zoologischen Gartens ein möglichst umfassendes und ganzheitliches Bild der Erdgeschichte sowie der rezenten Natur und Tierwelt zu bieten, war der Präparator und Popularisator seiner Zeit weit voraus. Er favorisierte nicht nur den bis heute immer noch sehr seltenen zoologisch-botanischen Garten, sondern auch die mittlerweile mehrfach in vergleichbarer Weise umgesetzte Idee, Elemente des Natur- und Völkerkundemuseums sowie des zoologisch-botanischen Gartens miteinander zu kombinieren und nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich zu verbinden. Was heute in dieser Richtung – ob von Seiten des Naturkundemuseums aus wie beim Ozeaneum in Stralsund – oder vom zoologischen Garten aus wie in Hannover oder Leipzig in dieser Richtung unternommen und umgesetzt wurde, hatte Martin nicht nur in seinen Grundzügen, sondern sogar im Detail bereits vor einhundertfünfzig Jahren geplant und veröffentlicht. Ob es die Gliederung nach geografischen Regionen war, die Verwendung von Stilbauten oder die Integration völkerkundlicher Inszenierungen und Exponate, all dies ist nicht vollkommen neu. Was heute als „Theming“ und „Imagineering“ bezeichnet wird, findet sich in seinen Plänen eines „Centralgartens für Natur- und Völkerkunde“ wieder. Nicht zuletzt versuchte er dadurch einer zu strikten Trennung der einzelnen Fachgebiete und Disziplinen entgegen zu wirken, jedenfalls wenn es um die Popularisierung ihrer Inhalte ging. Die heutzutage vielbeschworene Interdisziplinarität war also bereits Martin ein Anliegen. Die Unterschiede zu den modernen Konzepten, wie denen des Ozeaneums in Stralsund oder vergleichbaren Ansätzen sind einerseits natürlich die, dass heute eine Vielzahl von weiteren Medien und visuellen Konzepten zur Verfügung stehen, und andererseits dass die didaktischen und museumspädagogischen Methoden ebenfalls viel fortgeschrittener sind als damals. Zudem liegen da- 144 Vgl. URL: http://www.desertmuseum.org/about (Abgerufen am 26.09.2013). 5.2 Visuelle Konzepte 451 zwischen natürlich nicht weniger als einhundertfünfzig Jahre technischer und wissenschaftlicher Fortschritt. Davon abgesehen sind die aktuellen Ansätze, die Martins Plänen vergleichbar sind, sowohl inhaltlich als auch räumlich enger gefasst. Sie beziehen sich, wie beim Ozeaneum, auf ein mehr oder weniger eng definiertes Thema oder erheben generell keinen den Anspruch auf Vollständigkeit. Aber dennoch wirken diese ähnlich konzipierten Naturkundemuseen, Ausstellungen und zoologischen Gärten im Vergleich mit Martins Plänen für einen „Centralgarten“ der „Natur- und Völkerkunde” äußerst vertraut. Dass die heutigen Planer von dessen Ideen und ausgearbeiteten Konzepten aber überhaupt Kenntnis hatten, ist unwahrscheinlich. Dies mindert deren Bedeutung sowie das weit in die Zukunft weisende Wirken ihres einstigen Schöpfers allerdings in keiner Weise. 5 Nachwirkung 452

Chapter Preview

References

Chapter Preview