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1 Einleitung in:

Uwe Albrecht

Bilder aus dem Tierleben, page 1 - 50

Phillip Leopold Martin (1815-1885) und die Popularisierung der Naturkunde im 19. Jahrhundert

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4039-3, ISBN online: 978-3-8288-6758-1, https://doi.org/10.5771/9783828867581-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Zur Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert Im Vorwort seiner „Illustrirten Naturgeschichte der Thiere“ aus dem Jahre 1882 bemerkte der zoologische Präparator, Popularisator der Naturkunde und frühe Naturschützer Philipp Leopold Martin (1815-1885)1: „In keiner Zeit ist das Bestreben, die Naturwissenschaft zum Allgemeingute des Volks zu machen, lebhafter gewesen als gerade jetzt. Der früher so vernachlässigte naturhistorische Unterricht […] ist außerordentlich gehoben, die Zahl der bestehenden Thier= und Pflanzengärten beträchtlich vermehrt worden und außerdem haben zahlreiche naturwissenschaftliche Vereine durch Vorträge und Ausstellungen das Interesse des großen Publikums auf die Naturwissenschaft hinzulenken gesucht“ Diese Einschätzung Martins – einer der „eifrigsten Naturforscher“ seiner Zeit2 – ist, wie wir heute wissen, absolut zutreffend. In der Tat ist die Blütezeit der Popularisierung der Naturwissenschaften in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts3 – einer Zeit des wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „Take-offs“ anzusiedeln.4 Neben einer Flut populärwissenschaftlicher Publikationen etablierten sich damals nicht nur das öffentliche Vortragswesen und die populärwissenschaftliche Vereinskultur, sondern es kamen auch eine Vielzahl neuartiger Vermittlungsgenres und Medien auf. So entstanden aus den ehemaligen Naturalien- und Raritätenkabinetten Naturkundemuseen mit Schausammlungen, in denen mittels lebenswahrer Tiernachbildungen und Tiergruppen, Fauna und Flora plastisch und naturgetreu präsentiert wurde. An die Stelle fürstlicher, ehemals dem Amüsement des Hofes sowie der Repräsentation dienender Menagerien traten bürgerliche, dem „Vergnügen und der Belehrung“ des Volkes dienende zoologische Gärten, deren Gebäude und Gehege der Heimat ihrer „Bewohner“ nachempfunden wurden.5 Die Vielzahl 1 1.1 1 Martin, Illustrirte Naturgeschichte der Tiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882, S. V. Die Vogelwelt 6 (1885), S. 1. Noch bis Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts besaßen die Naturwissenschaften in den Lehrplänen eine geringere Bedeutung als die „klassische Bildung“. Erst mit der Reform des höheren Schulwesens im Jahre 1882 wandelte sich langsam das Bild. Vgl. dazu Bonnekoh, Naturwissenschaft als Unterrichtsfach, 1992. 2 Die Vogelwelt 6 (1885), S. 1. 3 Auf dem Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1871. 4 Siemann, Gesellschaft im Aufbruch: Deutschland 1849-1871, 1996, S. 89ff. Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999, S. 17. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 5 f. Orland, Reisen zum Mittelpunkt der Erde, 1996, S. 48 f. Bayertz, Spreading the Spirit of Science, 1985, S. 209. 5 Vgl. Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 5. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. Allgemeiner: Nipperdey, Deutsche Geschichte Bd. 1 – Arbeitswelt und Bürgergeist, 1990, S. 182 f. 1 und der Facettenreichtum der Vermittlungsgenres, Medien und Methoden war so ausgeprägt wie nie zuvor in der Geschichte. Selbstverständlich wurden bereits in früheren Jahrhunderten naturwissenschaftliche Erkenntnisse und naturkundliches Wissen verbreitet, wie beispielsweise im Zuge der Aufklärung.6 Der Boom der Wissenschaftspopularisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, basierte aber auf einer Vielzahl von unterschiedlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Entwicklungen, die in dieser Kombination und Dynamik zu einem früheren Zeitpunkt noch nicht zu finden waren.7 Diese verbesserten und beschleunigten die Produktion, Verbreitung und Rezeption von Wissen und bereiteten den Boden für die zunehmende Offenheit sowie das wachsende Interesse weiter Kreise der Bevölkerung an den Naturwissenschaften im Allgemeinen und der Naturkunde im Besonderen. Ursachen und Aspekte Das „naturwissenschaftliche Jahrhundert“ An erster Stelle sei der Siegeszug der Naturwissenschaften genannt. Das 19. Jahrhundert gilt als das „naturwissenschaftliche Jahrhundert“ per se, wie es Werner von Siemens (1816-1892) auf der 59. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte im Jahr 1886 postulierte.8 Vor allem die gesellschaftliche Bedeutung und Gestaltungskraft der Naturwissenschaften nahm während dieser Zeit dramatisch zu, was nicht zuletzt auch an der fortschreitenden Institutionalisierung, wie dem Bau neuer Universitäten sowie universitärer und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen zu erkennen war.9 So verdoppelte sich in Deutschland im Zeitraum von 1864 bis 1910 die Zahl der naturwissenschaftlichen Lehrstühle nahezu. Darunter befanden sich einunddreißig Professuren für Zoologie.10 Zudem verzehnfachte sich – ungefähr im selben Zeitraum – die Zahl der Studenten naturwissenschaftlicher Fächer.11 Von 1840 bis 1900 wurden nicht weniger als fünfzig naturhistorische Museen sowie zwanzig zoologische Gärten neu oder erneut gegründet.12 Ungefähr gleichzeitig fand eine zunehmende Spezialisierung und Differenzierung der Naturwissenschaften, die Heraus- 1.1.1 6 Wolfschmidt/Reich/Hünemörder, Methoden der Popularisierung, 2002, S. 16ff. Bezüglich des naturhistorischen Museums und Sammelwesens vgl. auch Siemer, Geselligkeit und Methode – Naturgeschichtliches Sammeln im 18. Jahrhundert, 2004 oder Grote, Macrocosmos in Microcosmo: die Welt in der Stube: zur Geschichte des Sammelns 1450-1800, 1994. 7 Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 2. 8 Engelhardt, der Bildungsbegriff in den Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts, 1990, S. 111. Siemens, Das naturwissenschaftliche Jahrhundert, in: Tageblatt der 59. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte (1886), S. 92-96. 9 Brecht/Orland, Populäres Wissen, 1998, S. 6. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 10. 10 Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 10. 11 Ebd., S. 10. 12 Zu den Gründungen von Naturkundemuseen vgl. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 294-303. Zu den Gründungen zoologischer Gärten vgl. Wessely, Künstliche Tiere, 2008, S. 11. Rie- 1 Einleitung 2 bildung neuer Disziplinen sowie die Etablierung der experimentellen Naturwissenschaften und nicht zuletzt eine Professionalisierung der wissenschaftlichen Tätigkeiten statt.13 Die Bedeutung und Stellung der Naturwissenschaften, ihre größere gesellschaftliche Rolle und vor allem die praktische Umsetzung ihrer Erkenntnisse im Zuge der Industrialisierung ließen daher die Notwendigkeit erkennen, die breiteren Schichten der Bevölkerung nicht vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt auszuschlie- ßen und ihnen dieses Wissen nicht vorzuenthalten.14 Gesellschaftliche Faktoren Neben dem Siegeszug der Naturwissenschaften begünstigten und ermöglichten – auch im Zusammenhang mit der Industrialisierung – weitere bedeutsame Faktoren gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Art die Blüte der Populärwissenschaften. Dazu gehören das Entstehen einer „bürgerlichen“ Öffentlichkeit, der Ausbau der Verkehrs- und Kommunikationswege, die zunehmende Verstädterung, die Schulpflicht und Alphabetisierung sowie weitere soziale Errungenschaften, wie beispielsweise die Verkürzung der Arbeitszeit. Eine grundlegende Voraussetzung war – nach dem Zerfall der alten repräsentativen und „höfischen“ Öffentlichkeit – die Genese einer neuen „öffentlichen“ und „bürgerlichen Sphäre“ sowie eines „Netzes öffentlicher Kommunikation“.15 Schon im Laufe des 18. Jahrhunderts begannen sich wissenschaftliche Aktivitäten in die im Entstehen begriffene „öffentliche Sphäre“ zu verlagern.16 So fanden beispielsweise wissenschaftliche Demonstrationen und Experimente in Kaffeehäusern und anderen mehr oder weniger öffentlich zugänglichen Etablissements statt.17 Auch die Raritäten- und Naturaliensammlungen, die während der Renaissance noch vorwiegend dem „Privatvergnügen“ dienten, wurden während des 17. und 18. Jahrhunderts allmählich für Besucher zugänglich und deren Unterhaltung und Belehrung wurde neben der Forschung, der Produktion von Wissen und der „Ordnung der Dinge“ der Natur, eine ihrer Aufgaben.18 ke-Müller, Die Gründung zoologischer Gärten, 2001, S. 84. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. 13 Zur Geschichte der Naturwissenschaften und Technik im späteren 19. Jahrhundert vgl. Hermann/ Schönbeck, Technik und Wissenschaft, 1991. Allgemeiner: Nipperdey, Deutsche Geschichte Bd. 1 – Arbeitswelt und Bürgergeist, 1990, S. 603ff. Knight, The Age of Science, 1986. 14 Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999, S. 48ff. Brecht/Orland, Populäres Wissen, 1998, S. 6. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 1 f. Siemann, Gesellschaft im Aufbruch: Deutschland 1849-1871, 1996, S. 155. Orland, Wissenschaft und Laienöffentlichkeit – Internationale Forschung zur Popularisierung von Naturwissenschaft und Technik, 1995/1996, S. 127. 15 Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1990, S. 89. Habermas Thesen waren und sind nicht unumstritten. Es ist hier allerdings nicht der Raum um ausführlicher darauf einzugehen oder sie einer Kritik zu unterziehen. Für weitergehende Untersuchungen dazu vgl. unter anderem Requate, Öffentlichkeit und Medien als Gegenstände historischer Analyse, 1999. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 8 f. sowie Brooke, Reason und Passion in the Public Sphere,1998. 16 Golinski, Making Natural Knowledge, 1998, S. 93. 17 Ebd., S. 93. 18 Ebd., S. 96. Vgl. dazu auch Siemer, Geselligkeit und Methode – Naturgeschichtliches Sammeln im 18. Jahrhundert, 2004. 1.1 Zur Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert 3 Neben dem Entstehen einer „öffentlichen Sphäre“ war es die „Verkehrs- und Kommunikationsrevolution“19 im Zuge des industriellen Aufbruchs Deutschlands und dem damit verbundenen Ausbau der Infrastruktur, die den Boom der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert ermöglichten. Informationen und Wissen fanden dadurch eine wesentlich schnellere und größere Verbreitung als bisher. Zusätzlich trugen technologische Fortschritte im Druck, Verlags- und Zeitschriftenwesen, viel dazu bei, dass Druckerzeugnisse, wie Abbildungen, Zeitschriften und Volksausgaben, in größerer Zahl und vergleichsweise kostengünstig hergestellt und vertrieben werden konnten.20 Bisher fast nur kirchlichen und höfischen Kreisen zugängliche „Kulturgüter“ wurden nun zu fast überall verfügbaren und erschwinglichen „Massenwaren“.21 Trotz der immer „kürzeren Wege“ und rascheren Verbreitung von Informationen und Wissen war der Ort, an dem man am ehesten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in Berührung kam, aber immer noch die Stadt.22 Daher ist auch die zunehmende Urbanisierung einer der Faktoren, die den Boom der Wissenschaftspopularisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ermöglichten und begünstigten. Die Verstädterung und das rasante Bevölkerungswachstum sorgten dafür, dass die Nachfrage nach Information und Unterhaltung stark zunahm, wobei etwa zeitgleich die „Demokratisierung des Lesens“, also die Lesefähigkeit und die Erfahrung im Umgang mit dem Buch, auch in Bibliotheken und Lesegesellschaften voranschritten.23 Zur Alphabetisierung trug auch die – in Preußen bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert geltende – allgemeine Schulpflicht bei.24 Allerdings setzte sich diese nur zögerlich durch und hatte ihren eigentlichen Durchbruch erst im Jahr 1870 mit der Einführung des kostenlosen Schulbesuchs.25 Eine grundlegende Schulbildung, die damit einhergehende nachhaltige Alphabetisierung der Bevölkerung, verbunden mit einer schnelleren und besseren Verfügbarkeit von Informationen, Medien und Kulturgütern, waren daher einige der wichtigsten Voraussetzungen, welche die Rezeption 19 Vgl. Siemann, Gesellschaft im Aufbruch: Deutschland 1849-1871, 1996. 20 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. III, 1995, S. 440. In der Geschichtsschreibung hat sich für diesen Zusammenhang zwischen den Fortschritten in „Produktion und Kommunikation“ – wobei Kommunikation hier das Verkehrs- und Nachrichtenwesen miteinschließt – der Begriff „Kommunikationsrevolution“ eingebürgert. Vgl. Siemann, Gesellschaft im Aufbruch: Deutschland 1849-1871, 1996, S. 93. Berentsen, Vom Urnebel zum Zukunftsstaat, 1986, S. 19. Zur Entwicklung des Druckwesens vgl. Historische Kommission, Geschichte des Deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Band 1: Das Kaiserreich 1870-1918, 2001, S. 170ff. Wolf, Geschichte der graphischen Verfahren, 1990. 21 Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1990, S. 97 f. 22 Tiemann, Institutionen und Medien zur Popularisierung wissenschaftlicher Kenntnisse in Deutschland zwischen 1800 und 1933, 1991, S. 176. 23 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. III, 1995, S. 1232. Vgl. a. Quarthal, Leseverhalten und Lesefähigkeit in Schwaben vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, 1989, S. 339-350. 24 Tiemann, Institutionen und Medien zur Popularisierung wissenschaftlicher Kenntnisse in Deutschland zwischen 1800 und 1933, 1991, S. 165 f. 25 Ebd., 165 f. Zur Geschichte und Stellung des naturwissenschaftlichen Unterrichts vgl. Scheele, Von Lüben bis Schmeil. Die Entwicklung von der Schulnaturgeschichte zum Biologieunterricht zwischen 1830 und 1933, 1981 sowie Schöler, Geschichte des naturwissenschaftlichen Unterrichts im 17. und 19. Jahrhundert, 1970. 1 Einleitung 4 „popularisierter“ wissenschaftlicher Erkenntnisse und damit auch den Boom der Wissenschaftspopularisierung erst möglich machten. Politische Entwicklungen Des Weiteren gab es eine Reihe von sehr unterschiedlichen – im Großen und Ganzen – „politisch“ zu bezeichnenden Rahmenbedingungen und Entwicklungen, die den Boom der Wissenschaftspopularisierung begünstigten und beförderten. Bei den späteren Produzenten populären Wissens, den „Popularisatoren“, sorgten beispielsweise die bereits 1819 erlassenen Karlsbader Beschlüsse – unter anderem zur Vorzensur – oder auch die Restaurationsbestrebungen in Folge der gescheiterten bürgerlich-liberalen Revolution von 1848/49 zu einer Abkehr von der Publikation politisch motivierter Schriften, da ihre politische Handlungsfähigkeit und die Möglichkeit zur Ver- öffentlichung stark eingeschränkt wurden.26 Stattdessen wandten sie sich vermeintlich „unpolitischen“ Inhalten wie der Wissenschaftspopularisierung zu. Dieser Bereich des gesellschaftlichen Lebens war weniger der Kontrolle des Staates unterworfen.27 Zudem richtete sich ihr Kampf gegen die Religion als einen Grundpfeiler der feudalen Gesellschaft und sie suchten durch „Bildung der unteren Schichten die Basis des Liberalismus zu vergrößern“.28 Die Tätigkeitsbereiche und Popularisierungsbemühungen dieser ehemaligen „Revolutionäre“ beschränkten sich aber nicht nur auf den literarischen Markt. Auch unter den Gründern zoologischer Gärten um die Mitte des 19. Jahrhunderts – die Haltung von exotischen Tieren galt lange Zeit als ein Privileg des Adels – befanden sich ehemalige Revolutionäre oder Sympathisanten der Revolution von 1848/49.29 Nicht zuletzt ermöglichten und begünstigten auch bezüglich der Adressaten und Rezipienten einige – im weiteren Sinne – „politische“ Entwicklungen den Boom der Wissenschaftspopularisierung. Dazu gehörte der Wunsch weiter Kreise der Öffentlichkeit nach einer „Demokratisierung“ des Wissens. Vor allem naturwissenschaftliches Wissen wurde zunehmend als Mittel zur Befreiung von „klerikaler“ sowie „feudaler“ Bevormundung erkannt.30 Zudem konnte sein „Besitz“ dazu dienen, soziale Standesgrenzen zu überwinden und fehlendes Vermögen zu kompensieren.31 Gerade naturwissenschaftliche Bildung galt als „Motor des Fortschritts“ und wer am Fortschritt teilhaben wollte, musste über ein Mindestmaß davon verfügen.32 26 Bayertz, Siege der Freiheit, 1987, S. 170 f. Kelly, The Descent of Darwin, 1981, S. 17 f. 27 Vgl. dazu Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998. Junker, Darwinismus, 1995, S. 285. Bayertz, Siege der Freiheit, 1987, S. 173ff. Kelly, The Descent of Darwin, 1981, S. 17 f. Bölsche, Zur Geschichte der volkstümlichen Naturforschung, 1901, S. XXV. 28 Junker, Darwinismus, 1995, S. 286. 29 Vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. 30 Hünemörder/Reich/Wolfschmidt, Methoden der Popularisierung, 2002, S. 26. Orland, Wissenschaft und Laienöffentlichkeit – Internationale Forschung zur Popularisierung von Naturwissenschaft und Technik, 1995/1996, S. 127. 31 Berg (Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte Bd. IV (1870-1918), 1991, S. 15. 32 Orland, Wissenschaft und Laienöffentlichkeit – Internationale Forschung zur Popularisierung von Naturwissenschaft und Technik, 1995/1996, S. 128. 1.1 Zur Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert 5 Naturkunde als bevorzugtes Betätigungsfeld In der Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielte die Naturkunde eine besondere Rolle. Sie diente vielen Wissenschaftspopularisatoren als bevorzugtes Betätigungsfeld.33 Hierfür gibt es die unterschiedlichsten Gründe: Ihre Popularität, die Möglichkeit sie für gesellschaftspolitische und weltanschauliche Zwecke zu instrumentalisieren, eine im Vergleich mit anderen Wissenschaften auch für Laien relativ gute Zugänglichkeit und nicht zuletzt die zahlreichen unterschiedlichen Medien, die zu ihrer Vermittlung eingesetzt werden konnten. Popularität Als eine eher populäre Naturwissenschaft galt die Naturkunde allerdings schon lange vor dem 19. Jahrhundert. So stellten beispielsweise der „Kieler Museumsgründer“ Johann Daniel Major (1634-1693) Ende des 17. Jahrhunderts sowie der Arzt und Naturforscher Michael Bernhard Valentini (1657-1729) in seinem Anfang des 18. Jahrhunderts erschienenen Werk „Museum Museorum“ fest: „Unter allen weltlichen Wissenschaften ist keine so lieblich, keine den Menschen so vergnüglich und die Begierde dazu ihm gleichermaßen angebo[h]ren als die Wissenschaft von den Dingen der Natur.“34 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts postulierte schließlich Philipp Leopold Martin in der 1865 erschienenen Ausgabe der Familienzeitschrift „Über Land und Meer“: „Die gesammte Naturkunde“ sei „eine populäre Wissenschaft, und muss als solche behandelt werden, weil die Natur selbst ein Gemeingut aller ist.“35 Wie Andreas Daum in seinem Standardwerk über die Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert feststellt, spricht also in der Tat „vieles dafür, dass die an der lebensweltlichen Erfahrung orientierten, anschaulichen und der Laienpraxis aufgeschlossenen Themen der beschreibenden Naturgeschichte besonders leicht vermittelbar waren und vor 1914 bevorzugt als populäre Wissensgebiete definiert wurden“.36 1.1.2 33 Beispielsweise erschienen in den Jahren von 1870 bis 1914 weit mehr populäre Veröffentlichungen zu naturkundlichen Themen als zu anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen. Vgl. Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999, S. 115 f. Zur Definition von Schlüsselbegriffen wie „Naturkunde“ vgl. Kap. 1.3.2, S. 19ff. 34 Valentini, Museum museorum, 1704. Zit. n. Jahn, Zoologische Gärten – Zoologische Museen. Parallelen ihrer Entstehung, 1994, S. 17. 35 Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands. Zweiter Teil. Der zoologische Garten in Frankfurt a. M., 1865, S. 603. 36 Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 5 f. Selbstverständlich war die Naturgeschichte nicht in Gänze zugänglich und populär. Die Zugänglichkeit beschränkte sich auf die deskriptive oder beschreibende Naturgeschichte. Schon die Systematik Linnés, in welcher die „Naturkörper“ klassifiziert und diagnostiziert wurden, war für Laien weniger zugänglich. Dies gilt erst recht für die sich – ab der Mitte des 19. Jahrhunderts – herausdifferenzierenden neuen naturgeschichtlichen, zoologischen und geologischen Disziplinen und Teildisziplinen. Die gilt es zu beachten, wenn im Folgenden von einer besonderen Offenheit und Zugänglichkeit der Naturkunde gesprochen und ausgegangen wird. Vgl. dazu Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999, S. 53. Nyhart, Natural 1 Einleitung 6 Vehikel moralischer und weltanschaulicher Erziehung Ihre Popularität und Nähe zur Lebenswirklichkeit der Menschen prädestinierte die Naturkunde außerdem dazu, den unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen und weltanschaulichen Zwecken zu dienen. Während im vorrevolutionären Frankreich Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788) in seiner „Histoire naturelle“ bemerkte, dass die strenge, der Natur innewohnende, Ordnung die Gesellschaftsordnung des Absolutismus rechtfertige, wurde im Zuge der Französischen Revolution indessen der demokratische und „republikanische Charakter der Naturgeschichte“ hervorgehoben.37 So sollten die Besucher eines nun für alle Klassen der Gesellschaft zugänglichen Jardin des Plantes durch die Beobachtung der Tiere und ihrem Verhalten auch „moralisch-sittliche“ Wertmaßstäbe gewinnen.“38 Auch für Alexander von Humboldt (1769-1859), den „berühmtesten Wissenschaftspopularisator des 19. Jahrhunderts“39, besaß die Naturgeschichte und Naturkunde eine der moralischen und weltanschaulichen Erziehung des Menschen dienende Dimension. Im Vorwort seiner im Jahre 1808 erschienenen „Ansichten der Natur“, das als sein „volkstümlichstes“ Werk gilt40, betonte Humboldt, dass der Anblick der „physischen Natur“, selbst in Form von Naturbeschreibungen, großen Einfluss auf die „moralische Stimmung der Menschheit und ihre Schicksale“ ausüben könne.41 Um die Verbundenheit der Menschen mit der Natur und die Ehrfurcht vor ihr zu bekräftigen, forderte er in seinem „Kosmos“ eine verstärkte Popularisierung der Naturkunde und der Naturwissenschaften. Die „Kenntniß und das Gefühl von der erhabenen Größe der Schöpfung [müsse] kräftig vermehrt werden“.42 „Der Begriff eines Naturganzen“, so Humboldt, werde „umso lebendiger unter den Menschen als sich die Mittel vervielfältigen die Gesammtheit der Naturerscheinungen zu anschaulichen Bildern zu gestalten.“43 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trug schließlich die Evolutionstheorie Charles Darwins (1809-1882) einen großen Teil zur besonderen Stellung und Po- History and the “New Biology”, 1996. Drouin/Bensaude-Vincent, Nature for the People, 1996. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1980, S. 30. Secord, The Crisis of Nature, 1996 u. Secord, Essay Review: Natural History in Depth, 1985. Zum Herausbildungsprozess naturkundlicher und biologischer Disziplinen vgl. Jahn, Geschichte der Biologie, 1998, S. 274ff. Guntau, Der Herausbildungsprozeß moderner wissenschaftlicher Disziplinen, 1987. Coleman, Biology in the Nineteenth Century, 1971, S. 57ff. Baron, Die Entwicklung der Biologie im 19. Jahrhundert, 1966. 37 Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978, S. 113 u. S. 154. 38 Dittrich/Rieke-Müller, Von Zoos, Menagerien und Wandermenagerien, 1996, S. 160. Die Erforschung der lebenden Natur und die Haltung von Tieren im Jardin des Plantes dienten auch während der Französischen Revolution nicht ausschließlich der „moralischen Erziehung“. Die Bedeutung der Naturgeschichte für die Landwirtschaft, die Akklimatisation und Zucht neuer Nutztierarten wurde ebenso betont. Harten, Die Versöhnung mit der Natur, 1989, S. 68. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978, S. 113 f. u. S. 154. 39 Bayertz, Spreading the Spirit of Science, 1985, S. 209. Zu Humboldt vgl. Abb. 4, S. 66. 40 Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe). Ansichten der Natur. Klappentext, 2008. 41 Ebd., S. IXf. 42 Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe). Kosmos, Band VII/2, 2008, S. 80. 43 Päch, Alexander von Humboldt als Wegbereiter naturwissenschaftlicher Volksbildung, 1980, S. 499 u. Humboldt, Werke. (Darmstädter Ausgabe). Kosmos, Band VII/2, 2008, S. 80. 1.1 Zur Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert 7 pularität der Naturkunde – gerade in Deutschland – bei.44 Sie war, wie Alfred Kelly bemerkte, „a popularizers dream“.45 Ihre Aussagen waren prinzipiell für Laien verständlich, tangierten die meisten Bereiche des gesellschaftlichen und politischen Lebens und konnten daher leicht für weltanschauliche Zwecke eingesetzt werden.46 Vor allem den ehemaligen Protagonisten der Revolution von 1848/49 und professionellen Wissenschaftspopularisatoren wie Carl Vogt (1817-1895), Ludwig Büchner (1824-1899) oder Emil Adolph Rossmässler (1806-1866) kam Darwins Evolutionstheorie sehr gelegen. Sie gehörten zu den ersten Anhängern dieser Theorie in Deutschland.47 Ihrer Weltanschauung des wissenschaftlichen und populären Materialismus bot sie die noch notwendige naturwissenschaftliche Basis für ihre „Versuche der Identifizierung alles Geistigen mit dem Physischen“48 und ihren Glauben an die „Unaufhaltsamkeit des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts.“49 Mit der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung bekam der unbegrenzte Fortschrittsglaube aber auch die ersten Risse. Mahnende Stimmen beklagten die stetige Zurückdrängung sowie die Entfremdung – vor allem der Stadtbevölkerung – von der Natur oder das Verschwinden von Tierarten.50 Auch in diesem Zusammenhang spielte die offensichtliche Popularität sowie Zugänglichkeit der Naturkunde eine wichtige Rolle. Sie wurde nun auch dazu genutzt, das Bewusstsein der Menschen diesbezüglich zu schärfen, innerhalb von entsprechenden Vereinen Aufklärungsarbeit zu leisten oder sogar auf eine nationale ja sogar internationale Tier- und Naturschutzgesetzgebung hinzuarbeiten.51 Offenheit und Teilhabe Neben ihrer „Volkstümlichkeit“ per se und der daraus folgenden Instrumentalisierung durch unterschiedlichste Kreise für ihre jeweiligen Zwecke, bot – im Gegensatz zu den meisten anderen Naturwissenschaften – die Naturkunde aber vor allem eine weit bessere Möglichkeit der Partizipation von Laien oder Amateuren. Aus diesem Grunde galt sie als eine besonders offene, ja geradezu „demokratische“ naturwissenschaftliche Disziplin.52 Ihre prinzipielle Offenheit lag einerseits darin begründet, dass zu ihrem Verständnis in der Regel keine speziellen Kenntnisse der Grundlagenwissenschaften Mathematik, Physik oder Chemie benötigt wurden53 und zum anderen, dass ihre Inhalte während des Transformationsprozesses vom Begriffssystem der pro- 44 Zur Popularisierung der Darwinismus in Deutschland vgl. zum Beispiel Junker, Darwinismus, 1995. Kelly, The descent of Darwin, 1981 u. Altner, Der Darwinismus, 1981. Dove, Was macht Darwin populär, 1871, S. 1-6. 45 Kelly, The Descent of Darwin, 1981, S. 4. 46 Ebd., S. 4 f. 47 Junker, Darwinismus, 1995, S. 295. 48 Altner, Der Darwinismus, 1981, S. 185. 49 Bayertz, Siege der Freiheit, 1987, S. 174. 50 Vgl. Kap. 2.12, S. 149ff. 51 Ebd. 52 Nyhart, Natural History and the „New Biology“, 1996, S. 408. 53 Drouin/Bensaude-Vincent, Nature for the People, 1996, S. 409. 1 Einleitung 8 fessionellen Wissenschaftler in das der Amateurwissenschaftler oder Laien keinen allzu großen Änderungen unterlegen waren. Schließlich konnten ihre Erkenntnisse in einer weitgehend allgemein verständlichen Sprache übermittelt werden.54 Damit steht die Naturkunde – im Gegensatz zu den meisten anderen Naturwissenschaften – vielleicht mit Ausnahme der Astronomie – auch Laien sowie praxisorientierten Amateurwissenschaftlern offen, die sich zum Beispiel als Fossilien-, Mineralien- oder Muschelsammler – auch im Auftrag wissenschaftlicher Naturaliensammlungen – betätigen konnten.55 Diese akademisch nicht gebildeten Personenkreise konnten daher in mancherlei Hinsicht am Produktionsprozess naturkundlichen Wissens teilhaben und kooperierten bis zu einem gewissen Grad auch mit professionellen Wissenschaftlern, indem sie die eher praktischen Tätigkeiten übernahmen.56 Sie nahmen damit aber nicht nur auf den Erkenntnisprozess Einfluss, sondern setzten unter Umständen sogar eigene – zum Teil der etablierten Forschung widersprechende – Akzente.57 Vielfältige Vermittlungsgenres Ein weiteres Merkmal, welches auf die Rolle der Naturkunde als bevorzugtes Betätigungsfeld für Wissenschaftspopularisatoren in der zweiten Jahrhunderthälfte hinweist, ist die Vielfalt der Vermittlungsgenres und vor allem die herausragende Bedeutung der sogenannten „non-print-media“.58 Neben dem literarischen Markt, der populärwissenschaftlichen Vereinskultur und dem öffentlichen Vortragswesen59 kamen bei der Vermittlung naturkundlicher Themen und Inhalte, Institutionen wie dem naturhistorischen Museum und dem zoologischen Garten sowie deren unterschiedlichen visuellen Konzepten eine wichtige Rolle zu. Naturhistorische Sammlungen und zoologische Gärten waren auf Grund ihrer Verankerung im Wissenschaftsbetrieb ebenso wie in der neu entstehenden „öffentlichen Sphäre“, wie kaum eine andere wissenschaftliche Institution, dazu geeignet, neben ihren eigentlichen Zielen auch Aufgaben der Bildung und Wissenschaftspopularisierung zu übernehmen.60 Das aus den fürstlichen Naturaliensammlungen, Wunderkammern, Raritätenkabinetten hervorge- 54 Ebd., S. 409. 55 Nyhart, Natural History and the New Biology, 1996, S. 426 u. Drouin/Bensaude-Vincent, Nature for the People, 1996, S. 417. 56 Private Fossiliensammler oder ehrenamtliche Vogel- und Naturschützer arbeiten bis heute Naturkundemuseen oder anderen Forschungseinrichtungen zu. 57 Zu den Beiträgen von Amateurwissenschaftlern und ihrer Kooperation mit professionellen Wissenschaftlern im Bereich der Naturkunde vgl. Köstering, Transformatoren des Wissens, 1999, S. 15-38. Secord, Science in the Pub, 1994. Kohlstedt, The Nineteenth-Century Amateur Tradition, 1976 u. Star/Griesemer, Institutional Ecology, ‘Translations’ and Boundary Objects, 1989. 58 Zur Definition des Begriffs „non-print-media“ vgl. Kap. 1.3.2, S. 27. 59 Die populärwissenschaftliche Publizistik, das Vortrags- und Vereinswesen wird von Andreas Daum ausführlich behandelt. Vgl. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998. In den Jahren von 1870 bis 1914 erschienen beispielsweise weit mehr populäre Veröffentlichungen zu naturkundlichen Themen als zu anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen. Vgl. Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999, S. 116. 60 Dies prädestiniert sie als Untersuchungsgegenstand für zahlreiche Facetten der Wissenschaftspopularisierung. S. Golinski, Making Natural Knowledge, 1998, S. 97. 1.1 Zur Blütezeit der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert 9 gangene naturhistorische Museum war auf Grund seiner Organisationsstruktur, sowie der primär wissenschaftlichen Orientierung allerdings kaum dazu in der Lage, diesen neuen Herausforderungen adäquat begegnen zu können. Aus diesem Grunde war eine neue Ausrichtung und Konzeption der naturhistorischen Sammlungen zwingend erforderlich. Diese Neuorientierung des naturhistorischen Museums im Laufe des 19. Jahrhunderts und seinen Wandel hin zu einem modernen Naturkundemuseum mit Volksbildungsanspruch, sowie eines Raumes „öffentlicher Kommunikation“ repräsentierten, neben neuen Sammlungs- und Ausstellungskonzeptionen, vor allem visuelle Konzepte zur allgemein verständlichen, ansprechenden und lebenswahren Darstellung und Nachbildung von Natur.61 Dabei handelte es sich in erster Linie um natur- und lebenswahr angefertigte Präparate und Tiernachbildungen sowie ihre Präsentation in Rahmen sogenannter „Tiergruppen“ und den späteren Dioramen. Diese visuellen Konzepte repräsentierten aber nicht nur die Reform an den naturhistorischen Museen, sondern stellten letztendlich ihren eigentlichen „Motor“ dar und waren für die erfolgreiche Vermittlung naturkundlichen Wissens unverzichtbar.62 Beim zoologischen Garten zeigt sich ein etwas anderes Bild. Er war auf dem Weg von der zu repräsentativen Zwecken sowie zur Unterhaltung dienenden fürstlichen Menagerie zum bürgerlichen zoologischen Garten mit Bildungsanspruch etwas weiter vorangekommen. So waren beispielsweise der aus der Französischen Revolution hervorgegangene Jardin des Plantes in Paris, der Londoner Zoological Garden sowie der Berliner Zoo von Anfang an weitgehend für die Öffentlichkeit zugänglich und erfüllten damit zum Teil auch einen Bildungsauftrag.63 Von einer an den Vorstellungen und Bedürfnissen der Besucher orientierten Zookonzeption, die bei zoologischen Gärten des 19. Jahrhunderts meistens noch auf der zoologischen Systematik basierte, konnte jedoch kaum eine Rede sein. Daher wurden auch für den zoologischen Garten neue visuelle Konzepte erforderlich, die in der Lage waren, den Bildungsauftrag zu unterstützen und zu befördern. Hierzu gehörte unter anderem ein neues „Zoodesign“, eine allgemein verständliche Beschilderung der Gehege sowie ein populärer Zooführer.64 Thema und Fragestellung Die Geschichte der Popularisierung naturwissenschaftlichen und naturkundlichen Wissens fand in der Wissenschaftsgeschichte im Allgemeinen und nicht nur bezogen auf nichtliterarische Vermittlungsgenres – bis in die letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts hinein – ziemlich wenig Beachtung.65 Ein Grund hierfür war, dass sich die über einen vorwiegend intentions- und innovationsorientierten Ansatz hi- 1.2 61 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003. 62 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 117. 63 Der Besuch des Londoner Zoos blieb an Sonntagen – bis 1847 – den Mitgliedern der Zoological Society vorbehalten. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 18, S. 21 u. S. 65. 64 Zur Bedeutung von gedruckten Zooführern vgl. Wessely, Künstliche Tiere, 2008, S. 68 f. 65 Vgl. Kap. 1.3, S. 14ff. und den Überblick über die Sekundärliteratur in Kap. 1.3.3, S. 29ff. 1 Einleitung 10 nausgehende interdisziplinäre Wissenschaftsgeschichtsschreibung erst im Lauf der letzten zwanzig bis dreißig Jahre des 20. Jahrhunderts, anfangs vorwiegend in den USA und Großbritannien, etabliert hat.66 Im Rahmen dieser sogenannten „social history of science“ oder „externalist history“ genannten Forschungsrichtung werden unter anderem die Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und damit auch die Geschichte der Wissenschaftspopularisierung thematisiert.67 In Deutschland kamen umfassendere Forschungen im Rahmen dieses modernen Ansatzes erst um die Jahrtausendwende in Gang – vor allem im Zuge der Studien von Andreas Daum und Angela Schwarz.68 Beide Autoren widmen sich ausführlich der Popularisierung der Naturkunde, sie beschränken sich dabei jedoch auf den literarischen und publizistischen Markt, beziehungsweise das naturwissenschaftliche sowie naturkundliche Vortrags- und Vereinswesen.69 Die außerordentlich bedeutsame Rolle des Naturkundemuseums und des zoologischen Gartens sowie ihrer visueller Konzepte zur Präsentation von Natur finden allenfalls am Rande Erwähnung.70 Diese Lücke wurde zu einem großen Teil erst durch die in den Jahren 2003 und 2006 erschienenen Dissertationen von Susanne Köstering sowie Carsten Kretschmann geschlossen.71 Beide Arbeiten beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie dem eher museumsgeschichtlichen und museumstheoretischen bei Köstering sowie dem sozialhistorischen bei Kretschmann.72 Beide Autoren weisen in ihren Arbeiten akademisch nicht gebildeten Personenkreisen im Naturkundemuseum und dessen Umfeld, wie beispielsweise Sammlern, Amateurforschern und vor allem zoologischen Präparatoren eine bedeutsame Rolle für den Wandel des naturhistorischen Museums alter Prägung hin zu einer modernen Bildungsinstitution – dem Naturkundemuseum – zu. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Wissenschaftshistorikern Lynn Nyhart.73 In ihrer umfassenden Monografie mit dem Titel „Modern Nature“ über den Wandel der Sichtweise von der Natur im Deutschland des 19. Jahrhunderts, betrachtet sie neben zoologischen Gärten oder dem naturhistorischen Unterricht ebenfalls das Naturkundemuseum und dessen Umfeld. Auch sie erwähnt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die große Bedeutung praxisorientierter Akteure. Einer dieser praxisorientierten Naturforscher, der als zoologischer Präparator zwar über ein umfassendes, autodidaktisch angeeignetes Fachwissen, nicht aber über 66 Ihre ersten Ansätze reichen allerdings bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Zum Überblick über die Forschungsansätze vgl. Kap. 1.3, S. 14ff. 67 Vgl. Kap. 1.3, S. 14ff. 68 Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999 u. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998. 69 Ebd. Vgl. dazu auch Kretschmann, Wissenskanonisierung und -popularisierung in Museen des 19. Jahrhunderts, 2003, S. 174. Zur ausführlichen Bewertung dieser Studien für das Thema der vorliegenden Arbeit vgl. die Literaturübersicht in Kap. 1.3.3, S. 39ff. 70 Vgl. a. Kretschmann, Wissenskanonisierung und -popularisierung in Museen des 19. Jahrhunderts, 2003, S. 174. 71 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006. 72 Vgl. Kap. 1.3.3, S. 34ff. 73 Nyhart, Modern Nature, 2009. 1.2 Thema und Fragestellung 11 ein naturwissenschaftliches Studium verfügte, taucht in allen dieser drei Arbeiten an prominenter Stelle auf.74 Dabei handelt es sich um Philipp Leopold Martin. (1815-1885).75 Martin wirkte nicht nur bezüglich der zoologischen Präparation prägend und gilt als Erfinder der modernen Dermoplastik.76 Er tat sich auch als Museumsreformer hervor. So propagierte er die Sammlungstrennung an naturhistorischen Museen, als dies zumindest in den deutschen Instituten noch nicht praktiziert wurde. Des Weiteren initiierte der umtriebige Präparator die Einführung naturwahrer Tiergruppen im naturhistorischen Museum ohne die eine ästhetisch ansprechende, lebenswahre und naturnahe Gestaltung von Schausammlungen kaum möglich geworden wäre. Und nicht zuletzt skizzierte Martin die Grundzüge der praktischen Museologie in seinem gleichnamigen Werk.77 Doch damit nicht genug. Auch für weitere Bereiche des naturkundlichen Ausstellungswesens schuf der vielseitig begabte Naturforscher neue visuelle Konzepte, wie beispielsweise lebensgroße und plastische Nachbildungen ausgestorbener Tiere. Zudem gilt Martin bis in die heutige Zeit als einer der ersten „Zoodesigner“ und Naturschützer.78 So skizzierte er in seinen zahlreichen Werken und Aufsätzen nicht nur die Konzeption eines neuartigen zoologisch-botanischen Gartens, sondern thematisierte auch die Zurückdrängung der Natur und Tierwelt als Folge extensiver Landwirtschaft und der zunehmenden Industrialisierung und Urbanisierung in der Gründerzeit.79 Sogar der Begriff „Naturschutz“ – in seiner modernen Bedeutung – geht nach neueren Erkenntnissen – auf den weitsichtigen Präparator zurück.80 Köstering und Kretschmann erwähnen Martin und sein Werk vor allem im Zusammenhang mit der Reform des naturhistorischen Ausstellungswesens, wobei sie sein Wirken in dieser Hinsicht untersuchen und in den Gesamtzusammenhang einordnen.81 Lynn Nyhart holt in ihrer Studie weiter aus und bezieht auch andere Bereiche seines Schaffens und Wirkens, ob als „Zoodesigner“, Schöpfer von Nachbildungen ausgestorbener Tiere oder sogar als Tier- und Naturschützer, mit in das Gesamtbild ein.82 Trotz aller Unterschiede stimmen die drei er- 74 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 154ff. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 100ff. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 35ff. 75 Vgl. auch Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 31. 76 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 50. 77 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie (1. Aufl.), 1870. Der Begriff der „Museologie“ soll erstmals von Martin verwendet worden sein. Vgl. URL: http://www.museo-on.com/go/museoon/home/news/_page_id_168.xhtml (Abgerufen am 14.01.2013). 78 Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 92. Hediger, Zoologische Gärten. Gestern – Heute – Morgen, 1977, S. 34. 79 Vgl. dazu Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 13-44 u. S. 61-89 u. Koch/Hachmann, „Die absolute Nothwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …“ in: Natur und Landschaft 86 (2011) Heft 11, 2011, S. 473-480. 80 Ebd., S. 473-480. Martins Eintreten für den Tier- und Naturschutz wird in der vorliegenden Arbeit im Zusammenhang mit seinen Bestrebungen zur Popularisierung der Naturkunde thematisiert. 81 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, vgl. zum Beispiel S. 154-184. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, vgl. zum Beispiel S. 104-108. 82 Nyhart, Modern Nature, 2009, vgl. S. 38-61. 1 Einleitung 12 wähnten Studien darin überein, dass Martins Bedeutung und Rolle über die eines bloßen talentierten zoologischen Präparators weit hinausgeht. Daher ist es an der Zeit für eine Studie, die ein umfassendes Bild über sein Leben und Werk zeichnet und dieses in einen historischen und fachhistorischen Kontext einordnet sowie würdigt. Hierbei soll in erster Linie untersucht werden, welche Rolle Martin während des eingangs erwähnten Booms der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert spielte, inwieweit er als „artisan scientist“83 am Wandel der naturkundlichen Institutionen naturhistorisches Museum und zoologischer Garten zu modernen Bildungseinrichtungen mitwirkte und welchen Anteil er an der Entwicklung der diesen Wandel maßgeblich mitprägenden und symbolisierenden „non-print-media“ sowie visuellen Konzepten besaß. Dies geschieht an Hand der folgenden Fragestellungen. Zunächst wird untersucht, welche Beweggründe Martin dazu veranlasst haben könnten, sich der „praktischen“ Naturkunde und der Frage nach allgemein verständlicher Vermittlung ihrer Inhalte mittels Non-Print-Medien sowie neuer, visueller Konzepte zu widmen. Hierbei findet auch der Einfluss von Vorbildern und Vordenkern Berücksichtigung. Anschließend werden die seiner Weltsicht zugrundeliegenden Motive herausgearbeitet ebenso wie fachliche oder im gesellschaftlichen Kontext zu suchende Impulse. Des Weiteren stellt sich die Frage nach Helfern, Gegnern und deren Netzwerken, also nach Personen und Personenkreisen aus Gesellschaft, Wissenschaft und dem Umfeld des Naturkundemuseums, die Martins Methoden, Ideen und Konzepte unterstützten. Fürsprecher und Finanziers spielen hier ebenso eine Rolle wie Mitstreiter und Mitarbeiter, Illustratoren und Tiermaler sowie Fachkollegen, „Epigonen“ oder Schüler. Martins zum Teil revolutionäre Vorstellungen stießen zum Teil auch auf erbitterte Kritik und Gegnerschaft. Besonders bei den primär der Systematik und Taxonomie verpflichteten Wissenschaftlern trafen seine Forderungen, dabei vor allem seine konkreten Vorschläge für eine Reform der naturkundlichen Schausammlungen, nicht immer auf Zustimmung. Daher werden in diesem Zusammenhang auch deren Einwände thematisiert. Im negativen aber vor allem im positiven Sinn spielten zudem Netzwerke und Beziehungsgeflechte an den naturhistorischen Museen sowie in deren Umkreis eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ihrer Bedeutung für den Erfolg oder Misserfolg von Martins Reformideen und Methoden wird ebenfalls nachgegangen. Im nächsten Schritt soll dann die Rezeption sowie Rückwirkung von Martins Werk und seinen Schöpfungen untersucht werden. Wie wurden seine Konzepte, Ideen und Pläne aufgenommen? Im Gegensatz zur Untersuchung über seine Helfer und Nachfolger steht in diesem Zusammenhang die Rezeption durch die Lokal- und Fachpresse sowie die Öffentlichkeit im Vordergrund. Die Frage nach einer Rückwirkung popularisierender Darstellungen auf die Wissenschaft selbst ist vor allem in moderneren Forschungen zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung zu finden. In der vorliegenden Ar- 83 Als „artisan scientists“ werden akademisch nicht gebildete und semiwissenschaftlich sowie technisch und praktisch tätige „Wissenschaftler“ bezeichnet, die prinzipiell außerhalb des eigentlichen Wissenschaftsbetriebes tätig sind. Sie entwickeln zum Teil unabhängig von der „scientific community“ eigene Theorien und Ideen, welche dem herrschenden Paradigma widersprechen können. Vgl. Kap. 1.3.2, S. 28 f. 1.2 Thema und Fragestellung 13 beit wird dieser Fragestellung daher ebenfalls Raum gegeben. Hierfür eignet sich die durch zeitgenössische Quellen gut dokumentierte Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Stuttgarter Mammutnachbildung von Philipp Leopold Martin, ihrer Kopien und Abbildungen besonders gut.84 Anschließend findet eine Einordnung von Martins Leben und Wirken, in einen wissenschaftshistorischen, sozial- und landesgeschichtlichen Kontext statt. Auch hierbei stehen selbstverständlich seine populärwissenschaftlichen Bestrebungen und visuellen Konzepte im Vordergrund. Aber nicht nur Martins Konzepte und Werke werden angesprochen, sondern auch seine Rolle und Stellung im Umfeld des Naturkundemuseums. Dies schließt auch die Frage mit ein, welchen sozialen Status Tierpräparatoren besaßen und wo diese im Wissenschaftsbetrieb und Museumsumfeld zu verorten waren. Zum Schluss soll ergänzend untersucht werden, welche von Martin und anderen im 19. Jahrhundert propagierten Vermittlungsgenres sowie visuellen Konzepte und „non-print-media“ bis heute Verwendung finden, wie sich diese verändert haben und welche aktuellen Entwicklungen festzustellen sind. Methoden und Grundlagen Dem Thema und der Fragestellung dieser Arbeit liegen die Forschungsansätze und Methoden der modernen „Geschichte der Wissenschaftspopularisierung“ zugrunde. Im folgenden Kapitel ist daher ein Überblick über die entsprechenden Konzepte und Methoden zu finden, vor allem die, welche einen besonderen Bezug zum Thema besitzen.85 Dem folgt eine Erläuterung wichtiger Begriffe, die im Kontext dieser Arbeit immer wieder auftauchen und daher einer genauen Definition bedürfen. Zum Abschluss erfolgt ein Überblick über die verwendete sowie wichtige Forschungs- und Sekundärliteratur. Neue Forschungsansätze „Explaining Absence“ Noch bis vor wenigen Jahrzehnten konnte von einer systematischen Erforschung der Wissenschaftspopularisierung und ihrer Geschichte keine Rede sein. In Deutschland sind die ersten ausführlichen Studien sogar erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erschienen.86 Bis dahin hatten die wenigen, zu dieser Thematik vorliegenden Arbeiten, vornehmlich das Werk einzelner Popularisatoren oder die Popularisierung und Rezeption bestimmter wissenschaftlicher Theorien zum Inhalt.87 Davon ab- 1.3 1.3.1 84 Vgl. dazu Kap. 4.4, S. 361ff. 85 Der Themenwahl und den Fragestellungen liegen diese Forschungsansätze sowie der moderne, externalistisch geprägte Begriff der Wissenschaftspopularisierung zu Grunde. 86 Vgl. Kap. 1.3, S. 14ff. 87 Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 13. 1 Einleitung 14 gesehen lag ihnen außerdem ein vorwiegend traditionell geprägter Popularisierungsbegriff zugrunde, bei dem Popularisierung als Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Sinne einer „One-way-Kommunikation“ vom Wissenden zum Laien verstanden wurde.88 Für das Fehlen umfassender Forschungsarbeiten zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung gibt es unterschiedliche Gründe, die vor allem im Wissenschaftsbetrieb an sich und im früheren Selbstverständnis der Wissenschaftshistoriker zu suchen sind. Einer dieser Gründe ist, dass in der Wissenschaftsgeschichte bis vor wenigen Jahrzehnten – von Ausnahmen abgesehen – die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse isoliert von Gesellschaft und Öffentlichkeit betrachtet wurden. So stellen die Wissenschaftshistoriker Roger Cooter und Stephen Pumfrey in einem 1996 erschienenen Artikel mit dem Titel „Science in Popular Culture“ fest: „historians of science […] forclosed any study of the interactions between élite science and popular culture. Science as product was boxed away from society […].“89 Die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse hätte demnach nichts mit ihrer Verbreitung und Vermittlung zu tun und ihre Popularisierung habe auf keinen Fall Einfluss auf den Wissenschaftsbetrieb.90 Ein weiterer Grund war die Geringschätzung der Wissenschaftspopularisierung und ihrer Protagonisten. Die Vermittlung der von „richtigen Wissenschaftlern“ gewonnenen Erkenntnisse an die Laienöffentlichkeit wurde als Betätigungsfeld für pensionierte Forscher, Amateure und „gescheiterte Wissenschaftlerexistenzen“ angesehen, denn diese sei – so hieß es – dem Ansehen eines „richtigen“ Wissenschaftlers nicht förderlich.91 Daraus folgte, dass die Wissenschaftspopularisierung kein Forschungsgebiet für Wissenschaftshistoriker der „science proper“ sein konnte.92 Neben den auch in anderen Ländern vorhandenen Vorurteilen gegen die Erforschung der Wissenschaftspopularisierung im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte gibt es noch weitere, für Deutschland spezifische, Ressentiments. Andreas Daum beklagt, dass die Vernachlässigung der Geschichte der Wissenschaftspopularisierung in der deutschen Wissenschaftsgeschichtsschreibung noch ausgeprägter gewesen sei als in den USA, England oder Frankreich.93 Dies läge am mangelnden Interesse für die „historischen Bezüge zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und deren Überlagerung in populärwissenschaftliche[n] Genres“.94 Außerdem sei in Deutschland ein abschätziger oder gar pejorativer Gebrauch des Begriffes „populärwissenschaftlich“ oder „populär“ sehr verbreitet, was den damit zusammenhängenden Vorwurf der Trivialität derart transformierter wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Folge habe.95 Weiterhin sei eine Ursache, dass es in Deutschland im Gegensatz zu den USA und Großbritannien, keine so große Tradition populärwissenschaftlicher Literatur und Ver- 88 Orland, Reisen zum Mittelpunkt der Erde, 1996, S. 52. 89 Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 240. 90 Orland, Reisen zum Mittelpunkt der Erde, 1996, S. 52. 91 Ebd., S. 52. 92 Ebd., S. 52. 93 Daum, Naturwissenschaft und Öffentlichkeit in der deutschen Gesellschaft, 1998, S. 58. 94 Ebd., S. 58. 95 Ebd., S. 58 f. 1.3 Methoden und Grundlagen 15 mittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse gäbe. Die deutsche Wissenschaftsgeschichtsschreibung habe sich, so Andreas Daum, auf die „institutionell verankerte, […] staatlich geförderte und von einem Forschungsimperativ geleitete [Natur]wissenschaft“ konzentriert.96 Externalistische Wissenschaftsgeschichte Damit überhaupt eine angemessene und moderne Historiografie der Popularisierung naturwissenschaftlichen Wissens, ihrer unterschiedlichen Facetten und Methoden möglich und in Angriff genommen werden konnte, bedurfte es zuvor eines grundlegenden Paradigmenwechsels in der Geschichte sowie der Wissenschaftsgeschichte. Ohne die Entwicklung der traditionellen, ereignisorientierten und an den Taten „gro- ßer Männer“ orientierten Historiografie hin zu einer Geschichtsschreibung, die auch den sozialen und kulturellen Kontext berücksichtigt sowie von einer rein internalistischen Wissenschaftsgeschichte zu einer externalistischen, wäre eine erfolgreiche Erforschung der Popularisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse kaum möglich geworden. Deren Ursprünge reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Bereits damals wurde versucht, einen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen und politischen Revolutionen herzustellen oder die Veränderungen in den Wissenschaften aus der „allgemeinen Kulturentwicklung“ zu erklären.97 Aber erst ein Jahrhundert später machte sich schließlich der lange Zeit umstrittene Historiker Karl Lamprecht (1856-1915) daran, die Geschichtsschreibung in vergleichbarer Hinsicht zu modernisieren.98 Er setzte der traditionellen Geschichtsschreibung im oben genannten Sinne eine moderne Geschichtswissenschaft entgegen, die sich auch für andere wissenschaftliche Disziplinen, vor allem für die Sozial- aber auch die Naturwissenschaften öffnen sollte.99 Zur damaligen Zeit traf er damit bei der eher konservativen und den Traditionen verhafteten Historikerzunft auf wenig Verständnis.100 Die von Lamprecht angeregte Öffnung in erster Linie gegenüber den Sozialwissenschaften blieb daher bis nach dem Zweiten Weltkrieg eine Randerscheinung. Erst in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden dessen Ansätze und Leistungen wiederentdeckt 96 Daum, Naturwissenschaft und Öffentlichkeit in der deutschen Gesellschaft, 1998, S. 59. Auch andere historische Disziplinen, die sich mit sozial- und kulturgeschichtlichen Themen befassen, haben lange Zeit der Geschichte der Wissenschaftspopularisierung nicht die ihr gebührende Beachtung geschenkt. Vgl. Brecht/Orland, Populäres Wissen, 1998. 97 Vgl. Engelhardt, Sozialgeschichte der Wissenschaften, 1987, S. 129. MacLeod, Changing Perspectives in the Social History of Science, 1977, S. 154. Vgl. a. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978, S. 107. 98 Zu Karl Lamprecht vgl. Flöter/Diesener (Hrsg.), Karl Lamprecht (1856-1915). Durchbruch in der Geschichtswissenschaft, 2015. 99 Brocke, Karl Lamprecht (1856-1915). Leben und Werk im Kontext der Wissenschaftsentwicklung, in: Flöter/Diesener (Hrsg.), Karl Lamprecht (1856-1915). Durchbruch in der Geschichtswissenschaft, 2015, S. 30 f. 100 Ebd. S. 35. 1 Einleitung 16 und entsprechend gewürdigt.101 Auch in der Wissenschaftsgeschichte vollzog sich Mitte der siebziger Jahre – zunächst im englischen Sprachraum und später auch in Deutschland – ein Paradigmenwechsel.102 Ähnlich wie in den anderen historischen Disziplinen wurden hier ebenfalls sozialgeschichtliche Ansätze und Herangehensweisen integriert. In dieser neuen Sozialgeschichte der Wissenschaften oder auch „externalistischen Wissenschaftsgeschichte“ wird jedoch nicht nur die soziale Dimension und Funktion der Wissenschaft untersucht, sondern auch von einem „umfassenderen Verständnis des Begriffes ‚Wissenschaft‘“ ausgegangen.103 Im Gegensatz zur Herangehensweise traditioneller Wissenschaftshistoriker befasst sich die moderne Wissenschaftshistoriographie daher nicht nur mit der, oftmals aus dem gesellschaftlichen und allgemeinhistorischen Kontext herausgelösten, Entwicklung wissenschaftlicher Theorien, Institutionen oder Forscherbiografien sondern auch mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit. Zu den Forschungsbereichen einschlägiger Wissenschaftshistoriker gehören daher Fragen zum Einfluss politischer und ökonomischer Faktoren auf die Entwicklung der Wissenschaft oder die Einwirkung weiterer sozialer Determinanten.104 Auch die Rolle von Nichtwissenschaftlern in der Forschung, wie Techniker, Labordiener, Zeichner und andere, der sogenannten „Amanuenses“ oder „unsichtbaren Hände“, welche Wissenschaftler bei ihrer Arbeit unterstützen, wird hierbei untersucht.105 Und nicht zuletzt stehen auch außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebes wirkende Personen und Personenkreise mit ihren Ideen und Konzepten im Fokus, wie Amateurwissenschaftler oder die professionellen und „okkasionellen“ Popularisatoren.106 In diesen Fällen wird unter anderem erforscht, inwieweit deren meist autodidaktisch und mittels Praxiserfahrung gewonnenen Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess einfließen, auf ihn zurück wirken oder ob sie sogar die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Theorien befördern können.107 101 Chickering, Der Lamprecht-Streit (Fortsetzung), in: Flöter/Diesener (Hrsg.), Karl Lamprecht (1856-1915). Durchbruch in der Geschichtswissenschaft, 2015, S. 335-347. 102 Vgl. Engelhardt, Sozialgeschichte der Wissenschaften, 1987, S. 129. MacLeod, Changing Perspectives in the Social History of Science, 1977, S. 154. Vgl. a. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978, S. 107. 103 Bayertz, Siege der Freiheit, 1987, S. 169. 104 Hierzu gehören auch die Bedeutung des demografischen Wandels sowie der Einfluss politischer Parteien und sozialer Bewegungen, wie zum Beispiel der aufkommenden Friedens- und Umweltschutzbewegung in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf die Wissenschaft. Vgl. dazu MacLeod, Changing Perspectives in the Social History of Science, 1977, S. 172 f. 105 Vgl. dazu Shapin, The Invisible Technician, 1989, S. 554-563. Deutsche Übersetzung: Shapin, Unsichtbare Labortechniker, in: Hentschel (Hrsg.), Unsichtbare Hände, 2008, S. 26-43. Vgl. auch Hentschel (Hrsg.), Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern, Zeichnern u.a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit, 2008 sowie Hentschel, Unsichtbare Hände in der Wissenschaft, 2009, S. 37-40. 106 Vgl. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 377ff. sowie S. 407ff. 107 Vgl. Kap. 1.3.2, S. 19 f. 1.3 Methoden und Grundlagen 17 Traditionelle und moderne Sicht der Wissenschaftspopularisierung Im Zuge dieses „Paradigmenwechsels“ in der Wissenschaftsgeschichte fand auch bezüglich des Popularisierungsbegriffs ein Wandel statt.108 Bei der traditionellen Sicht der Wissenschaftspopularisierung wurde das rezipierende Publikum immer als eine große, diffuse, indifferente und unorganisierte Masse betrachtet, die von der Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgeschlossen sei und der die Fähigkeit zu beurteilen, ob die popularisierten Inhalte verfälscht oder zu sehr vereinfacht wurden, vollkommen abgehe.109 Im Gegensatz dazu galten die Produzenten wissenschaftlicher Erkenntnisse als eine hoch organisierte, autonome Gemeinschaft, welche allein die Fähigkeit und Ausbildung besitze, „wahre“ Wissenschaft mehr oder weniger in Abgeschiedenheit vom Rest der Gesellschaft, den Nichtwissenschaftlern, zu betreiben. Zudem seien nur sie in der Lage, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse unverändert und unverfälscht der Allgemeinheit zu vermitteln sowie zu beurteilen, ob diese von „Au- ßenseitern“, wie zum Beispiel Journalisten, inhaltlich korrekt dargestellt wurden.110 Allein die Produzenten des Wissens könnten gewährleisten, dass sich die vermittelten Inhalte während des Transformationsprozesses nicht verändern oder gar verfälscht werden. Eine Rückwirkung von Popularisierungsbemühungen nicht fachwissenschaftlicher Kreise auf den Prozess des Erkenntnisgewinns ist in der traditionellen Sicht der Wissenschaftspopularisierung daher ausgeschlossen.111 Als bedeutendstes Medium zur Popularisierung der wissenschaftlichen Erkenntnisse werden die Literatur und sonstige publizistische Erzeugnisse herangezogen. Weitere Vermittlungsgenres und Medien, wie die im Falle der Naturkunde so bedeutsamen „non-print-media“, Naturkundemuseen sowie zoologische Gärten und die visuellen Konzepte zur Präsentation von Natur, die ihnen zugrunde liegen, bleiben in der traditionellen Sicht der Wissenschaftspopularisierung weitgehend unberücksichtigt. Bei der modernen Sicht der Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse hingegen werden die Wissenschaft und die rezipierende Öffentlichkeit differenzierter betrachtet. So gilt hier die Öffentlichkeit nicht mehr als eine diffuse, träge Masse, die im Laufe der Geschichte keinerlei Änderungen unterworfen sei, sondern als heterogen zusammengesetztes Publikum, dessen Konsistenz, Rezeptionsfähigkeit und Interessen sich unterscheiden und im Laufe der Zeit verändern können.112 Auch die „scientific community“ wird als eine aus unterschiedlich organisierten Einheiten zusammengesetzte Gemeinschaft gesehen, die nicht nur untereinander im regen Austausch stehen, sondern auch mit nichtwissenschaftlichen Organisationen und gesellschaftlichen Gruppen sowie der Öffentlichkeit. Auch das Verhältnis zwischen „genuinem“ und po- 108 Zur weiteren Definition dieses und anderer für die vorliegende Arbeit wichtiger Begriffe vgl. Kap. 1.3.2, S. 19ff. 109 Shinn/Whitley, Expository Science, 1985, S. 4. Hilgartner, The dominant view of Popularization, 1990, S. 519 f. 110 Hilgartner, The Dominant View of Popularization, 1990, S. 520. 111 Shinn/Whitley, Expository Science, 1985, S. 8. 112 In Bezug auf die Naturgeschichte vgl. zum Beispiel Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978, S. 160. 1 Einleitung 18 pularisiertem Wissen wird neu definiert.113 So kommt es bei der Beurteilung, ob Wissen „genuin“ oder popularisiert ist, nun auch auf den Betrachter an.114 Ein Aufsatz, der für einen Fachwissenschaftler bereits als „populär“ gilt, kann für fachfremde Wissenschaftler bereits schwer verständlich und für Laien sogar unverständlich sein. Die popularisierten Inhalte gelten bei der modernen Sicht daher nicht als unveränderbar, sondern sie unterliegen zwangsweise, da sie von einer Ebene des Diskurses in eine andere transformiert werden, gewissen Veränderungen.115 Geringeren Änderungen sind Themen der wissenschaftlichen Disziplinen unterworfen, deren Konzepte und Inhalte sich auch in einem fachfremden Kreisen verständlichen „Code“ darstellen lassen. Zu diesen wissenschaftlichen Disziplinen gehören beispielsweise die historischen Wissenschaften oder die beschreibende Naturkunde. Dieses bessere Verständnis für nichtwissenschaftliche, amateurwissenschaftliche oder fachfremde Kreise ermöglicht die Teilhabe von Amateurwissenschaftlern oder „artisan scientists“ an der Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sogar die selbstständige Produktion von Wissen durch „artisan scientists“ oder Laien, welches sich vom gegenwärtigen Stand der Wissenschaft unterscheidet oder diesem sogar fundamental widerspricht, wird so möglich.116 Zu den weiteren Facetten des modernen Begriffs der Wissenschaftspopularisierung gehören die Möglichkeit der Rückwirkung popularisierender Darstellungen auf die Wissenschaft selbst sowie die ausdrückliche Einbeziehung nichtliterarischer Vermittlungsgenres. So finden auch die „non-print-media“117 genannten Genres der Popularisierung wie Naturkundemuseen, zoologische Gärten und ihre visuellen Konzepte Berücksichtigung. Diese mehrdimensionale Sicht der Popularisierung und ihrer Medien geht somit weit über die eindimensionale, traditionelle Sicht der vorwiegend auf Ideen und Texte fixierten traditionellen Historiographie der Wissenschaften, was dieser den Vorwurf der „papyrocentricity“ einbrachte, hinaus.118 Dieser Dissertation liegt daher die moderne Sichtweise zugrunde. Begriffsdefinitionen Auf den folgenden Seiten werden die wichtigsten Schlüsselbegriffe der Arbeit knapp erläutert. Detailliertere bedeutungs- und begriffsgeschichtliche Definitionen können gegebenenfalls den zitierten Werken beziehungsweise in einigen Fällen auch den ge- 1.3.2 113 Hilgartner, The Dominant View of Popularization, 1990, S. 524 f. 114 Ebd., S. 524 f. 115 Shinn/Whitley, Expository Science, 1985, S. 7. 116 Vgl. Köstering, Transformatoren des Wissens, 1999. Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 249, Secord, Science in the Pub, 1994. Kohlstedt, The Nineteenth-Century Amateur Tradition, 1976 u. Star/Griesemer, Institutional Ecology, `Translations´ and Boundary Objects, 1989. 117 Shapin, Science and the Public, 1990, S. 1001. 118 Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 255. 1.3 Methoden und Grundlagen 19 nannten Werken zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert entnommen werden.119 Popularisierung und Wissenschaftspopularisierung Der Begriff „Popularisierung“ existiert erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während nach den bisherigen Untersuchungen das Verb „popularisieren“ bereits um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in einem literarischen Werk auftaucht.120 Beiden Wortbildungen liegt der Terminus der „Popularität“ oder „popularitas“ aus der römischen Antike zugrunde.121 Dessen ausschließlich mit Politik assoziierte Bedeutung – kurz, das Gewinnen der Gunst und Zustimmung des Volkes – wandelte sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zur bloßen „Gemeinverständlichkeit“ oder „Gemeinfasslichkeit“.122 Auch das Verb „popularisieren“ erlangte seine eigentliche Bedeutung, als etwas „gemeinverständlich“ oder „gemeinfasslich“ darzustellen, erst in dieser Zeit.123 Sowohl das Substantiv „Popularisierung“ als auch das Verb „popularisieren“ wurden in erster Linie im Zusammenhang mit den Naturwissenschaften verwendet.124 Vor allem in Deutschland weckte der Begriff der Popularisierung und der „Populärwissenschaft“ eher negative Assoziationen. So wurde der „Populärwissenschaft“ ausdrücklich der Begriff der „Fachwissenschaft“ entgegengestellt und auf die Unterschiede zwischen der „Wissenschaftlichkeit“ der Fachwissenschaft und der „Unwissenschaftlichkeit“ der „Populärwissenschaft“ hingewiesen.125 Beide galten als nahezu unvereinbar.126 Dieser im 19. Jahrhundert aufgekommene „Dualismus“ prägte die Sicht auf die Wissenschaftspopularisierung bis in die heutige Zeit.127 Nicht selten wurde und wird Wissenschaftspopularisierung mit bloßer Vereinfachung und damit einhergehender inhaltlicher Verfälschung gleichgesetzt. Der Wissenschaftspopularisierung wird hierbei der Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit gemacht sowie das „Herabziehen“ in das „Gemeine“ und die „Verpöbelung“ der Wissenschaft angelastet.128 Sie gilt als „Einbahnstraße“, von der sich im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit wähnenden „scientific community“ zur zwar lernwilligen und wissbegierigen, aber eben auch wissenschaftlich ungebildeten, Laienöffentlichkeit.129 Wissenschaft und Öffentlichkeit werden als zwei strikt voneinander getrennte Bereiche betrachtet. 119 Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 25ff. Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999, S. 38ff. 120 Zur genauen Begriffsgeschichte der Popularisierung vgl. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 33-41. 121 Ebd., S. 33. 122 Ebd., S. 34. 123 Ebd., S. 37. 124 Ebd., S. 37 f. 125 Ebd., S. 38. 126 Ebd., S. 39. 127 Ebd., S. 39. 128 Kretschmann, Wissenschaftspopularisierung – ein altes, neues Forschungsfeld, 2003, S. 8 f. Schwarz, Bilden, überzeugen, unterhalten: Wissenschaftspopularisierung und Wissenskultur im 19. Jahrhundert, 2003, S. 222 f. 129 Brecht/Orland, Populäres Wissen, 1998, S. 4. 1 Einleitung 20 Eine Einwirkung der Öffentlichkeit auf die Wissenschaft wird negiert, eine Rückwirkung der Populärwissenschaft auf die Fachwissenschaft gar gänzlich ausgeschlossen. Der vorliegenden Untersuchung liegt selbstverständlich der erweiterte, weiter oben bereits ausführlicher dargelegte, Popularisierungsbegriff der modernen Wissenschaftsgeschichtsschreibung zugrunde.130 Dieser wird wie folgt definiert: Der Prozess der Popularisierung ist keine bloße „Einbahnstraße“, sondern es wird ausdrücklich davon ausgegangen, dass populärwissenschaftliche Inhalte die Entwicklung der Fachwissenschaft beeinflussen und auf sie zurückwirken können. Dadurch verwischen zunehmend die bisher klar gezogenen Grenzen zwischen dem akademischen Wissenschaftsbetrieb im „Elfenbeinturm“ und der diffusen Masse halb- oder ungebildeter Kreise der Bevölkerung sowie der Amateur- und Laienwissenschaftlern.131 Hierdurch entsteht eine teils wissenschaftliche, teils populärwissenschaftliche Grauzone, in der sich die Popularisatoren bewegen.132 Damit unterscheidet sich die moderne Definition des Begriffs der Popularisierung beziehungsweise Wissenschaftspopularisierung grundsätzlich von dem bisherigen überkommenen „Diffusions-Modell“ mit seiner meist negativen Konnotation des Begriffes der Popularisierung. Davon abgesehen werden bei der modernen Definition neben der populärwissenschaftlichen Publizistik, dem literarischen Markt oder dem Vortragwesen auch die sogenannten „nonprint-media“, wie Naturkundemuseen, Ausstellungen, Modelle, Präparate oder Tiernachbildungen berücksichtigt.133 Naturkunde Der Begriff der „Naturkunde“ wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Grimms Deutschem Wörterbuch als „die Wissenschaft von den Dingen, die in der Natur sind“ definiert.134 Ungefähr zeitgleich hielt die „Naturkunde“ auch Einzug in das Preußische Schul- und Bildungswesen.135 Mit diesem Neologismus – ursprünglich eine Bezeichnung für das entsprechende Schulfach – wollte man sich einerseits von der umstrittenen Evolutionstheorie Darwins abgrenzen und andererseits einen spezifisch deutschen Begriff schaffen.136 Auch bei der Benennung des Neubaus des Berliner Zoologischen Museums der Friedrich-Wilhelm-Universität von 1889 wollte man mit dem Begriff „Naturkunde“ ein Zeichen setzen. So forderte der preußische Kulturminister diese „explizit deutsche“ Bezeichnung zu etablieren und zwar auch um das Museum als Volksbildungsanstalt kenntlich zu machen“, wie Susanne Köstering be- 130 Zum Diffusions- und Zwei-Phasen-Modell der Popularisierung vgl. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 25ff. 131 Ebd. u. Kretschmann, Wissenschaftspopularisierung – ein altes, neues Forschungsfeld, 2003, S. 11 f. 132 Vgl. Kap. 1.3.1, S. 14ff. 133 Ebd. 134 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. 1854-1961, Bd. 13, Sp. 452-454. URL: http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=naturkunde (Abgerufen am 17.04.2013). 135 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 43. 136 Ebd., S. 43. 1.3 Methoden und Grundlagen 21 merkt.137 Der Begriff „Naturkunde“ wird im Kontext dieser Arbeit dahingehend definiert, dass es sich dabei um – wie Andreas Daum es formulierte – die an der „lebensweltlichen Erfahrung, anschaulichen und der Laienpraxis aufgeschlossene“ Themen der alten beschreibenden Naturgeschichte handelt.138 Diese Inhalte der alten Naturgeschichte beschränken sich – im Rahmen dieser Arbeit – auf die heutigen Teildisziplinen Zoologie und Paläontologie, da sich Philipp Leopold Martins Bestrebungen zur Popularisierung fast ausschließlich auf die erwähnten Disziplinen in ihrer Ausprägungen als beschreibende und praxisorientierte Wissenschaften beschränkte. Naturgeschichte Die – alte –„Naturgeschichte“ wird in Grimms Wörterbuch von 1889 als „Beschreibung der Natur oder Naturreiche, der Naturkörper nach äußeren Merkmalen“ definiert.139 Sie hat ihren Ursprung in der griechischen und römischen Antike und basierte auf den damals entstandenen Werken wie der „Naturgeschichte“ beziehungsweise der „Naturalis historia“ von Aristoteles (384-322 v. Chr.) und Plinius dem Älteren (23-79).140 In der alten Naturgeschichte wurden die drei Naturreiche“ „Animalia“, „Vegetabilia“ und „Mineralia“ und ihre einzelnen Objekte ausschließlich nach dem „äußeren Erscheinungsbild […] im Rahmen eines ganzheitlichen integrativen Weltbildes“ dargestellt und klassifiziert.141 Bis in die Neuzeit hinein wurden die Erkenntnisse der alten Naturgeschichte über die Natur, die Tier- und Pflanzenarten nicht auf Grund empirischer Naturbeobachtungen gewonnen, sondern diese stellten im Grunde nur eine Zusammenstellung und Neubearbeitung dessen dar, was „Autoritäten“ wie Aristoteles und Plinius der Ältere in den Jahrhunderten zuvor aufgeschrieben hatten.142 Erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wurde diese Vorgehensweise in Frage gestellt. Die Naturgeschichte begann sich langsam von einer „Buchwissenschaft“ in eine auf empirische Beobachtung und Systematik basierende Wissenschaft zu wandeln. Daran hatte nicht nur die drastisch zunehmende Entdeckung neuer Arten auf Grund von Forschungsreisen großen Anteil, sondern auch die Aufklärung und die daraus folgende Emanzipierung der Naturwissenschaften und der Naturgeschichte von der Philosophie und Theologie.143Als erste „Früchte“ dieses Wandels sind die bahnbrechenden Werke von Georges-Louis Buffon (1707-1788) 137 Ebd., S. 43. 138 Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 6. 139 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden, 1854-1961, Bd. 13, Sp. 450-451. URL: http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=naturgeschichte (Abgerufen am 17.04.2013). Zuerst führt das Grimmsche Wörterbuch eine – damals – aktuelle Definition der Naturgeschichte an. Demnach wird die „Naturgeschichte“ als die „Geschichte der Natur, des Weltund Erdganzen oder einzelner Theile desselben nach den Veränderungen in Raum und Zeit“ bezeichnet. Diese Definition besitzt bereits eine geografische und zeitliche Komponente, die der „alten“ Naturgeschichte ursprünglich nicht zu eigen war. Vgl. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978. 140 Aristoteles, Naturgeschichte der Thiere, 1866. Plinius der Ältere, Naturalis historia, 2005. 141 Jahn, Geschichte der Biologie, 1998, S. 235. 142 Wuketis, Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie, 1998, S. 31. 143 Jahn, Geschichte der Biologie, 1998, S. 235. 1 Einleitung 22 und Carl von Linné (1707-1778) sowie das Entstehen der ersten Lehrstühle für Naturgeschichte während des 18. Jahrhunderts zu betrachten. Buffons – zwischen 1749 und 1789 publizierte – „Allgemeine und spezielle Naturgeschichte“ löste die überkommenen Autoren der Antike und ihre mehr oder weniger gelungenen „Plagiate“ während der nachfolgenden Jahrhunderte ab.144 Buffon stützte sich vorwiegend auf eigene, empirische Untersuchungen im Jardin du Roi, dem späteren Jardin des Plantes sowie dem königlichen Naturalienkabinett, dem späteren Muséum d’histoire naturelle.145 Neben Buffon prägte den „Paradigmenwechsel“ der Naturgeschichte im 18. Jahrhundert vor allem Linné mit seiner neuen Systematik und der binären Nomenklatur.146 Sein Anliegen war es, den unterschiedlichen Systemen einzelner Naturforscher, in welchen die Familien und Arten nach dem Gutdünken und dem Impetus des Sammlers geordnet wurden, ein Ende zu bereiten. Er entwarf ein revolutionäres Organisationssystem für die Naturgeschichte, in welchem nicht nur die bisherigen Arten, Gattungen, Familien und Ordnungen ihren Platz finden sollten, sondern auch neu entdeckte Arten besser integriert werden konnten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich das Verständnis, was unter „Naturgeschichte“ zu verstehen war, noch einmal grundlegend zu verändern.147 So hat die Naturgeschichte im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts und der zunehmenden Spezialisierung ihre integrierende und vereinigende Rolle eingebüßt und es haben sich, neben den bereits bestehenden naturhistorischen Disziplinen wie Zoologie, Botanik und Geologie, weitere empirische Disziplinen und Teildisziplinen herausgebildet. Besonders die Evolutionstheorie Charles Darwins (1809-1882) markierte einen Wendepunkt im Selbstverständnis der Naturgeschichte. Der Entwicklungsgedanke und die „Verzeitlichung“ der Natur löste die statische, auf Beschreibung und Festlegung des Schöpfungsplanes ausgerichtete Sicht in der alten Naturgeschichte ab. In Folge der aufkommenden Evolutionstheorie entstanden weitere naturhistorische Disziplinen, wie zum Beispiel die Paläontologie, die Biogeographie und Ökologie, welche auch den wissenschaftlichen Konzeptionen sowie der Gestaltung der Schausammlungen naturhistorischer Museen neue Impulse verliehen.148 Von der Naturgeschichte im überkommenen Sinne kann also ungefähr ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr gesprochen werden. Der Begriff „Naturgeschichte“ bezeichnete von nun an nicht mehr die alles integrierende Disziplin, sondern er stellte vielmehr einen Überbegriff für die Einzeldisziplinen, wie Zoologie, Botanik, Geologie sowie ihre sich noch weiter ausdifferenzierenden Teil- und Unterdisziplinen dar. 144 Wuketis, Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie, 1998, S. 30ff. 145 Ebd., S. 30. 146 Vgl. Kap. 3.4.2, S. 257ff. 147 Vgl. dazu zum Beispiel Jahn, Geschichte der Biologie, 1998. Wuketis, Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie, 1998 u. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978. 148 Vgl. Jahn, Geschichte der Biologie, 1998, S. 366ff. 1.3 Methoden und Grundlagen 23 Zoologischer Garten sowie Akklimatisationsgarten Der moderne Begriff des „zoologischen Gartens“ für eine Lebendhaltung exotischer Tiere zu wissenschaftlichen und volksbildenden Zwecken hat erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größere Verbreitung gefunden.149 Er tauchte erstmals 1828 im Zusammenhang mit der Gründung des „Zoological Garden“ im Londoner Regents Park in Großbritannien auf.150 Die Idee eines – „Zoo“ – genannten „zoologischen Gartens“ ist freilich einige Jahrzehnte älter. Gemeinhin wird in der Literatur der im Zuge der Französischen Revolution entstandene Jardin des Plantes als erster „richtiger“ zoologischer Garten bezeichnet.151 Folgende Ziele sind, laut Rieke-Müller, für einen „zoologischen Garten“ des 19. Jahrhunderts – in etwas abgewandelter Form auch bis heute – bezeichnend: „Naturnahe Haltung vorwiegend exotischer Tiere unter Beachtung ihrer Lebensbedürfnisse, wissenschaftliche Leitung und öffentliche Zugänglichkeit zur naturkundlichen und sittlich-moralischen Belehrung […].“152 Selbstverständlich gehörte zu den Hauptaufgaben eines zoologischen Gartens auch die wissenschaftliche Forschung – eine Aufgabe, die ihn von der fürstlichen Menagerie unterschied. Zudem war ihm eine „Landschaftsinszenierung“ als weitläufiger Park mit Bäumen und Pflanzen zu eigen, sowie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auch eine architektonische Ausgestaltung zum Teil mit Gehegen und Gebäuden im Stil des Exotismus.153 Der Akklimatisationsgarten ist hingegen eine Sonderform des zoologischen Gartens. Der erste Akklimatisationsgarten wurde 1860 im Bois de Boulogne eingerichtet und seine Aufgaben waren es, fremde Haus- und Nutztierrassen sowie Pflanzen zu akklimatisieren und zu züchten.154 Des Weiteren diente er als „Schaufenster“ der Akklimatisierung und ihrer Produkte sowie der Popularisierung des Kolonialgedankens.155 Der Akklimatisationsgarten beherbergte daher weniger Tiere mit großem Schauwert und es gehörte auch nicht zu seiner primären Aufgabe, der naturkundlichen Volksbildung zu dienen. Die Tierhäuser waren meist nach praktischen Gesichtspunkten gestaltet und die Gehege waren weitläufiger, um eine möglichst naturnahe Haltung zu gewährleisten. Mit der Zeit veränderten sich Aufgaben der Akklimatisationsgärten, nachdem die erwarteten Erfolge bei der Akklimatisation exotischer Nutz- 149 Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000, S. 92. Der Begriff „Zoo“ und „zoologischer Garten“ ist nicht geschützt und es gibt keine gesetzliche Regelung für seinen Gebrauch. Vgl. dazu auch Kourist, Typologische Symbolik in der Wildtierhaltung, 1980, S. 50ff. und Brunner, Tiere, Neger, Sensationen, 2003. Zu Menagerien und Wandermenagerien vgl. Rieke-Müller/Dittrich, Unterwegs mit wilden Tieren, 1999. 150 Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000, S. 92. 151 Vgl. zum Beispiel Rieke-Müller, Die Gründung zoologischer Gärten, 2001. Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. 152 Rieke-Müller, Die Gründung zoologischer Gärten, 2001, S. 83. 153 Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000, S. 92. 154 Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000, S. 142 f. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 115ff. 155 Ebd. 1 Einleitung 24 tierarten ausblieben. Infolgedessen bekamen Bildungs- und Unterhaltungsfunktion größeres Gewicht.156 Diorama, Semi-Habitat- sowie Habitat-Diorama Der ursprüngliche Begriff des „Dioramas“ wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Louis Daguerre (1787/89-1851) geprägt.157 Er stammt aus dem Griechischen, ist aus „dia“ (durch) und „horama“ (sehen) zusammengesetzt und bedeutet „durchscheinen“ oder „Durchsicht“ – im übertragenen Sinn also „Durchscheinbild.“158 Das historische Diorama war vergleichbar mit einem Theater oder heutigem Filmtheater, also einem abgeschlossenen, verdunkelten Raum, in dem die Betrachter auf eine transparente Leinwand schauten, die nach einem bestimmten Verfahren deckend oder durchscheinend bemalt war.159 Durch Oberlicht oder Beleuchtung von hinten wurden die für das Diorama typischen, spektakulären dreidimensionalen Effekte – ähnlich eines Guckkastens – erzeugt.160 Daguerres Diorama hatte mit den späteren – in den Museen gebräuchlichen – Dioramen aber nur wenig gemein.161 Diese werden von Irene Cypher in ihrer 1942 erschienenen Dissertation in historische Dioramen sowie „Habitat-Groups“ unterschieden.162 Cypher versteht unter einem „Diorama“ ausschließlich eine dreidimensionale Schlachtenszene oder andere historische Szene en miniature.163 Die „Habitat Group“ sei laut Cypher’s Definition hingegen eine life-size, life-scale, three dimensional group erected as a fixed part of the exhibits in a museum, for the purpose of displaying materials and specimens against a painted background which depicts, or is a composite approximating an actual locality, and with accessories so arranged as to form an integral part of the group and usually artificially lighted.164 Noch präziser ist der von Karen Wonders verwendete Begriff des „Habitat Dioramas“ und des „Semi-Habitat-Dioramas“, der vor allem auf die Unterschiede zwischen den Tiergruppen des 19. Jahrhunderts und moderneren Präsentationsformen hinweist.165 Wonders bezieht sich hierbei auf die Definitionen von Albert Eide Parr, dem ehemaligen Direktor des American Museum of Natural History.166 Parr bezeichnete Tiergruppen, wie sie während des 19. Jahrhunderts von Martin und anderen initiiert wurden, als „semi-habitat-groups“ (oder „Semi-Habitat-Dioramen“), in 156 Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000, S. 142 f. 157 Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 12. Buddemeier, Panorama, Diorama, Photographie, 1970, S. 25. 158 Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 12. 159 Buddemeier, Panorama, Diorama, Photographie, 1970, S. 25. 160 Ebd., S. 27. 161 Der Begriff des „Dioramas“ geriet ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit, beziehungsweise fand er in der Literatur kaum mehr Erwähnung. Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 13. 162 Cypher, The Development of the Diorama in the Museums of the United States, 1942. 163 Ebd., S. 4 u. Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 14. 164 Cypher, The Development of the Diorama in the Museums of the United States, 1942, S. 19. Zit. n. Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 15. 165 Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 18 f. 166 Ebd., S. 18 f. u. Parr, The Habitat Group. 1959, S. 107ff. 1.3 Methoden und Grundlagen 25 welchen die Darstellung der Tiere in ihrer natürlichen Umgebung im Vordergrund stand.167 Zu den Semi-Habitat-Dioramen zählen auch die „Familiengruppen“, die dramatischen Tiergruppen sowie „tiergeographische Gruppen“, „Faunengruppen“ oder auch „Zonenbilder“.168 Mit der modernsten Form des naturhistorischen Dioramas, dem „Habitat Diorama“, bekommt – im Gegensatz zum Semi-Habitat-Diorama – der Hintergrund mehr Gewicht als der Vordergrund, wobei hier das Ziel ist, die geologischen, landschaftlichen Gegebenheiten sowie die Flora und Fauna eines begrenzten Lebensraumes in Gesamtheit darzustellen.169 Die Landschaftsdarstellung und Naturnachbildung dient in diesem Fall nicht mehr ausschließlich als Hintergrund zur Präsentation von Tiernachbildungen, sondern ist die eigentliche Aufgabe dieser Art des „Habitat Dioramas“. Die Präparate und Tiernachbildungen büßen dabei ihre herausgehobene Rolle ein und stellen nur noch einen Teil der gesamten Inszenierung dar.170 Nachbildungen fossiler und ausgestorbener Tierarten Bei fossilen oder ausgestorbenen Tierarten ist zum einen zwischen bildlichen oder plastischen Darstellungen und zum anderen zwischen Rekonstruktionen und Nachbildungen zu unterscheiden.171 So handelt es sich bei der Rekonstruktion eines urweltlichen Tieres um die Montage eines Skeletts aus den einzelnen zusammengehörigen – unter Umständen fossilen – Knochen, die auf Basis einer bestimmten Konstruktionsweise und den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengefügt werden. Die Skelettrekonstruktion wiederum bietet die Grundlage für die dreidimensionale, plastische und bisweilen auch lebensgroße Nachbildung eines Tieres, mit Muskulatur, Weichteilen, Haut und gegebenenfalls Federkleid sowie Fell.172 In der Literatur wird die Trennlinie zwischen diesen beiden Begriffen nicht immer eindeutig gezogen. Othenio Abel bezeichnet in seinem Grundlagenwerk über die „Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere“ plastische Nachbildungen prinzipiell als „Fossilrekonstruktionen“.173 Von einer „Fossilrekonstruktion“ spreche man, wenn sie von „fachwissenschaftlicher Seite“ stamme, den „Ausdruck des Umfanges der Kenntnisse, die ein Forscher von dem Aussehen des von ihm untersuchten fossilen Tieres“ besitze und einen „wesentlichen Bestandteil der wissenschaftlichen Erforschung desselben“ darstelle.174 Abel unterscheidet also nicht zwischen 167 Parr, The Habitat Group. 1959, S. 107ff. 168 Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 18 f. Vgl. Parr, The Habitat Group. 1959, S. 107ff. 169 Wonders, Habitat Dioramas, 1993, S. 17 f. 170 Ebd. 171 Vgl. dazu Mitchell, The Last Dinosaur Book, 1998, S. 126. Im Englischen haben die Begriffe „reconstruction“ sowie „restauration“ eine unterschiedliche Bedeutung. Während es sich bei der „reconstruction“ um eine Wiederherstellung – also um eine Skelettrekonstruktion – handelt, ist „restoration“ mit Nachbildung gleichzusetzen. Der deutsche Begriff Rekonstruktion wird daher nicht verwendet, um Missverständnisse auszuschließen. 172 Mitchell, The Last Dinosaur Book, 1998, S. 126. 173 Abel, Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere, 1925, S. IIIf. u. S. V. 174 Ebd., S. IIIf. u. S. V. 1 Einleitung 26 Nachbildung und Rekonstruktion an sich, aber qualitativ zwischen „Skelettmontagen“, Fantasiegestalten, sowie Rekonstruktionen auf wissenschaftlicher Grundlage.175 Der vorliegenden Arbeit liegt die Begriffsdefinition von Mitchell zugrunde – bei der zwischen der Skelettrekonstruktion (reconstruction) und der Nachbildung (restoration) unterschieden wird.176 Wenn im Folgenden von der Nachbildung urzeitlicher oder ausgestorbener Tiere die Rede sein wird, dann ist immer „restoration“ gemeint. Der Begriff „Rekonstruktion“ bezieht sich auf das zusammengefügte und aufgestellte Skelett eines fossilen oder ausgestorbenen Tieres. Visuelle Konzepte Die Definition „visueller Konzepte“ im Rahmen dieser Arbeit lehnt sich an die von Susanne Köstering in ihrer Dissertation über das Naturkundemuseum im Deutschen Kaiserreich entwickelte Begriffsbestimmung an.177 Visuelle Konzepte sind demnach „visuelle Leitideen“ zur Präsentation naturkundlicher Themen und Inhalte in Schausammlungen von Naturkundemuseen, wie beispielsweise lebenswahre Tierpräparate und Tiergruppen. Köstering grenzt die visuellen Konzepte selbst von der eigentlichen Ausstellungs-, Schausammlungs- oder gar Museumskonzeption ab, welche sie im Vergleich dazu als fertig „ausgearbeitete inhaltliche Drehbücher“ versteht.178 Im Rahmen dieser Arbeit wird der Begriff der visuellen Konzepte auf weitere Leitideen zur Präsentation von Natur und Naturkunde im Naturkundemuseum oder entsprechenden Ausstellungen erweitert. Hierzu gehören die bildliche und plastische Darstellung ausgestorbener Tiere ebenso wie umfassendere Inszenierungen zur Erdgeschichte. Zudem sind vergleichbare Darstellungsformen im Rahmen eines zoologischen Gartens dazu zu zählen. „non-print-media“ Der in den modernen US-amerikanischen und britischen Untersuchungen zur Wissenschaftspopularisierung erwähnte Begriff der „non-print-media“ besitzt mit den oben genannten „visuellen Konzepten“ Kösterings eine Schnittmenge, ist mit ihm aber nicht gleichzusetzen.179 Shapin sowie Cooter und Pumfrey definieren „nonprint-media“ als „vehicles“ und „non-literary products“, welche naturwissenschaftliche und naturkundliche Inhalte von dem Begriffssystem der Wissenschaft in das der Öffentlichkeit transportieren.180 Laut Shapin gehören die Fotografie dazu, moderne Medien wie Hörfunk, Fernsehen und Film, ebenso Ausstellungen und Museen.181 Cooter und Pumfrey führen als „non-literary products” auf: „’Cabinets of curiosi- 175 Ebd., S. IIIf. u. S. 12ff. 176 Mitchell, The Last Dinosaur Book, 1998, S. 126. 177 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 8-9 u. S. 151ff. 178 Ebd., S. 8. 179 Vgl. Shapin, Science and the Public, 1990, S. 1000 f. 180 Vgl. Shapin, Science and the Public, 1990, S. 1000 f. u. Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 254 f. 181 Shapin, Science and the Public, 1990, S. 1001. 1.3 Methoden und Grundlagen 27 ties’, wax models of the body, ‘stuffed’182 dinosaurs, natural history museums, and world fairs“.183 Im Kontext dieser Arbeit werden als „non-print-media“ alle Vermittlungsgenres und Methoden naturwissenschaftlichen und naturkundlichen Wissens bezeichnet, welche die Inhalte nicht – jedenfalls nicht vorwiegend – in gedruckter und schriftlicher Form transportieren. Dazu gehören im Fall der beschreibenden Naturkunde beispielsweise Schausammlungen naturhistorischer Museen, zoologische Gärten sowie die ihnen zugrundeliegende didaktische Ausgestaltung. „artisan scientists“ Der Begriff des „artisan scientist“ oder „artisan naturalists“ wird in der englischsprachigen Wissenschaftsgeschichte, wie beispielsweise von der britischen Wissenschaftshistorikerin Anne Secord, ursprünglich als Bezeichnung naturkundlich tätiger Handwerker, Arbeiter und Landwirte im Großbritannien des späten 18. und 19. Jahrhunderts verwendet.184 Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurde in diesen Kreisen praktische, naturkundliche Tätigkeiten, wie beispielsweise das Botanisieren oder das Sammeln von Naturalien, zunehmend populär, unter anderem deshalb, weil diese kein umfassendes theoretisches Wissen oder gar ein akademisches Studium voraussetzten.185 Wie Anne Secord weiterhin feststellte, bildeten sie ein loses Netzwerk, das über schriftliche und mündliche Korrespondenz und Kommunikation aufrechterhalten wurde.186 Sie besaßen damit – im Spannungsfeld zwischen akademischer Wissenschaft und Öffentlichkeit – eine nicht unerhebliche Bedeutung. Einerseits befanden sie sich außerhalb des eigentlichen Wissenschaftsbetriebes, aber andererseits hatten sie an der Wissensproduktion gewissen Anteil und entwickelten zum Teil – unabhängig von der eigentlichen „scientific community“ – Theorien und Ideen, die dem herrschenden Paradigma widersprechen konnten.187 Im Kontext dieser Arbeit wird der Begriff des „artisan scientists“ auf das technische, kunsthandwerkliche und semiwissenschaftliche Personal im Bereich der Naturkunde und im Umfeld des naturhistorischen Museums sowie des zoologischen Gartens ausgeweitet – allerdings unter der Bedingung, dass diese Personenkreise über ihren eng begrenzten Tätigkeitsbereich hinaus wirkten. Als „artisan scientists“ sind daher auch alle angestellten und freien Präparatoren oder auch Naturaliensammler zu zählen, die sich darum verdient gemacht haben, akademisches Wissen, die „science expressed in words“, in visuelle Konzepte und populäre Darstellungen zu „übersetzen.“188 182 Anführungszeichen vom Autor. 183 Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 255. 184 Vgl. Secord, Corresponding Interests: Artisans and Gentleman in Nineteenth-Century Natural History, 1994 u. Secord, Science in the Pub, 1994. Vgl. a. Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 249. 185 Secord, Science in the Pub, 1994. 186 Secord, Corresponding Interests: Artisans and Gentleman in Nineteenth-Century Natural History, 1994, S. 386. 187 Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994, S. 249. 188 Kohlstedt, Essay Review: Museums, 1995, S. 163. 1 Einleitung 28 „Amanuenses“ oder „artisan scientists“? Von den „artisan scientists“, im ursprünglichen wie im erweiterten Sinne, sind die, ebenfalls in der modernen Wissenschaftsgeschichte behandelten, „Amanuenses“ zu unterscheiden – auch wenn es auf den ersten Blick gewisse Schnittmengen gibt.189 Bei den sogenannten „unsichtbaren Händen“, welche ebenfalls erst in den letzten Jahren in den Fokus der Forschung geraten sind, handelt es sich um das den Wissenschaftlern zuarbeitende und diese unterstützende Personal, wie Assistenten, Techniker, Mechaniker, Laboranten oder Zeichner.190 Diese arbeiten zwar ebenfalls vorwiegend praktisch und nehmen auf diese Weise am Erkenntnisprozess teil, sind im Gegensatz zu den „artisan scientists“ jedoch eng in den etablierten Wissenschaftsbetrieb eingebunden. Zudem taten sich „Amanuenses“ in der Regel weder als Wissenschaftspopularisatoren hervor, noch entwickeln sie eigenen Theorien und Ideen, welche dem herrschenden Paradigma widersprechen oder dieses ergänzen. Vergleichbar ist allenfalls der soziale Status innerhalb der Scientific community, der ähnlich gering war wie der der „artisan scientists“. Zudem blieb auch ihre Arbeit lange Zeit ohne jegliche Würdigung.191 Sekundärliteratur Abschließend erhalten Sie einen Überblick über die in dieser Arbeit verwendete Sekundärliteratur und damit auch den Forschungsstand des jeweiligen Fachgebiets (bis zum Abschluss der Dissertation vorliegende Veröffentlichungen). Hierbei finden vor allem die Werke ausführlicher Erwähnung, welche für das Thema der Arbeit von grundlegender Bedeutung sind und dadurch auch – mit Einschränkungen – den Charakter eines Handbuchs besitzen. Die restliche Sekundärliteratur und alle anderen zitierten sowie weiterführenden Werke sind in den Fußnoten und im Literaturverzeichnis aufgeführt.192 Geschichte der Naturgeschichte und der Biologie Ein wichtiges wissenschaftshistorisches Grundlagenwerk stellt die von Ilse Jahn herausgegebene „Geschichte der Biologie“ dar.193 Zwar bietet das Werk für das eigentli- 1.3.3 189 Vgl. Shapin, The Invisible Technician, in: American Scientist 77 (6), 1989, ence, S. 554-563. Hentschel, Unsichtbare Hände in der Wissenschaft, in: Physik Journal 8 (2009), Nr. 1, S. 37-40. Hentschel, Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern. Zeichnern u.a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit, Diepholz/Stuttgart/Berlin, 2008 sowie Hentschel, Wie kann Wissenschafts- und Technikgeschichte die vielen „unsichtbaren Hände“ der Forschungspraxis sichtbar machen, 2008, S. 11-25. 190 Ebd. 191 Ebd. 192 Werke einschlägiger Thematik, die nach Abschluss dieser Arbeit nicht mehr vollständig berücksichtigt werden konnten, sind – soweit dem Autor bekannt – in das Literaturverzeichnis mit aufgenommen worden. 193 Jahn, Geschichte der Biologie, 1998. 1.3 Methoden und Grundlagen 29 che Thema weniger unmittelbar verwertbare Inhalte – so wird die Geschichte der Popularisierung von Naturkunde nur ganz am Rande behandelt – dafür kann es bezüglich des wissenschafts- und biologiegeschichtlichen Kontexts befragt werden. Die sehr gute Bibliografie sowie die Kurzbiografien bedeutender Naturforscher und Biologen runden das umfangreiche Buch ab und bieten eine gute Grundlage für weitere Recherchen. Die weiteren wissenschaftshistorischen Publikationen, die im folgenden Erwähnung finden, sind die von James A. Secord herausgegebene Monographie „Cultures of Natural History“ sowie Wolf Lepenies „Ende der Naturgeschichte“.194 Beide Arbeiten haben die Geschichte der Naturgeschichte, beziehungsweise die Ausprägungen der alten, vorwiegend deskriptiven Naturgeschichte und ihren Wandel hin zu den modernen lebenswissenschaftlichen Disziplinen zum Inhalt. In der 1996 erschienenen Monographie „Cultures of Natural History“ werden von namhaften Autoren die verschiedenen Facetten und „Kulturen“ der „alten“ Naturgeschichte untersucht. Dabei kommt auch der Vermittlung und Präsentation naturgeschichtlicher Inhalte Bedeutung zu. Besonders hervorzuheben und für das Thema dieser Arbeit von Wichtigkeit sind die Aufsätze von Bernadette Bensaude-Vincent, Jean Marc Drouin und Lynn K. Nyhart.195 Nyhart, die als Wissenschaftshistorikerin an der University of Wisconsin lehrt, behandelt in ihrem Essay das Verhältnis der Naturgeschichte zur neu im Entstehen begriffenen experimentellen Zoologie und Biologie im 19. Jahrhundert. Dabei spricht sie neben den universitären Institutionen auch die Entwicklung der au- ßeruniversitären Forschungsstätten wie der naturhistorischen Museen und der Naturkundemuseen an, deren Rolle sie besonders hervorhebt.196 Jean Marc Drouin und Bernadette Bensaude-Vincent untersuchen in ihrem Artikel „Nature for the People“ den einmaligen Status der Naturgeschichte unter den übrigen Naturwissenschaften. Sie kommen dabei zu dem Schluss, dass die Naturgeschichte zwar nicht per se als populär galt, aber im Gegensatz zu den meisten der übrigen Wissenschaften, vielleicht mit Ausnahme der Astronomie, eine der Laienpraxis offenstehende Disziplin darstellt und deshalb hier keine strikte Linie zwischen den professionell tätigen Forschern und der Öffentlichkeit gezogen werden kann.197 Wolf Lepenies behandelt in seiner „Ende der Naturgeschichte“ die Entwicklung und „Verzeitlichung“ der alten „Buffonschen“ Naturgeschichte Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer „Linnéschen“ „Geschichte der Natur“. Dabei analysiert er unter anderem die Methoden der alten Naturgeschichte und spricht auch die Naturaliensammlungen an. Wolf Lepenies hat ebenfalls einen breiteren Ansatz, 194 Jardine/Secord/Spary, Cultures of Natural History, 1996. Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978. 195 Drouin/Bendsaude-Vincent, Nature for the People, 1996. Nyhart, Natural History and the “New Biology”, 1996. 196 Von Lynn Nyhart stammt auch das weiter unten vorgestellte für die vorliegende Arbeit sehr ergiebige Werk „Modern Nature“. Vgl. Nyhart, Modern Nature, 2009. 197 Drouin/Bendsaude-Vincent, Nature for the People, 1996, S. 424. 1 Einleitung 30 da er in seine Untersuchungen die politische Entwicklung sowie kultur- und literaturhistorische Betrachtungen mit einfließen lässt.198 Wissenschaftspopularisierung Wie in der Einleitung bereits mehrfach erwähnt wurde, kann von umfassenden Studien zur historischen Entwicklung der Wissenschaftspopularisierung und ihrer zahlreichen Aspekte erst seit Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts gesprochen werden.199 Eine unabdingbare Voraussetzung hierfür war die Genese einer externalistischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung, in welcher unter anderem das Verhältnis und Zusammenwirken von Wissenschaft und Öffentlichkeit thematisiert wurde.200 Von den wissenschaftstheoretischen und wissenschaftssoziologischen Untersuchungen, die in diesem Zusammenhang erschienen sind, wurden insbesondere die Publikationen von Terry Shinn und Richard Whitley sowie Roger Cooter und Stephen Pumfrey aus den Jahren 1985 und 1994 herangezogen.201 Richard Whitley hat im Jahrbuch der „Sociology of Science“ von 1985 in dem Aufsatz „Knowledge Producers and Knowledge Aquirers“ eine neue, modernere Sicht der Wissenschaftspopularisierung angemahnt und der überkommenen, traditionellen Sicht gegenüber gestellt.202 Im selben Band macht Kurt Bayertz – als einer der ersten deutschen Sozialwissenschaftler – in seinem Aufsatz „Expository Science: Forms and Functions of Popularisation“203 die Bedeutung sozialer Determinanten – wie berufliche Interessen der Wissenschaftler, politische Ambitionen und gesellschaftskritische Entwürfe – für den Boom der Popularisierung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert verantwortlich.204 Weitere Ansätze, die in eine ähnliche Richtung zielen, wurden in dem Aufsätzen von Roger Cooter und Stephen Pumfrey in der „History of Science“ von 1994 mit dem Titel „Separate Spheres and Public Places: Reflections on the History of Science Popularization and Science in Popular Culture“ sowie von Stephen Shapin im „Companion to the History of Science“ aus dem Jahre 1990 dargelegt.205 Cooter und Pumfrey untersuchen, weshalb die Forschungen zur Wissenschaftspopularisierung bis in die neunziger Jahre hinein meist ein „Mauerblümchendasein“ fristeten und fordern zudem dazu auf, andere Mechanismen, Medien, Methoden und Konzepte, welche für die Vermittlung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von großer Bedeutung sind, wie zum Beispiel Museen, in die Untersuchungen mit einzubeziehen.206 Dasselbe gilt, laut Cooter und Pumfrey, auch für weitere nicht li- 198 Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, 1978. 199 Vgl. dazu Kap. 1.3.1, S. 14ff. 200 Ebd. 201 Shinn/Whitley, Expository Science, 1985 u. Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994. 202 Shinn/Whitley, Expository Science, 1985. 203 Ebd. 204 Bayertz, Spreading the Spirit of Science, 1985. Vgl. a. Bayertz, Siege der Freiheit, 1987. Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 23. 205 Cooter/Pumfrey, Separate Spheres and Public Places, 1994. Shapin, Science and the Public, 1990. 206 Ebd., S. 237ff. 1.3 Methoden und Grundlagen 31 terarische Medien, wie zum Beispiel Präparate und Abbildungen, also auch visuelle Konzepte zur Präsentation von Natur.207 Stephen Shapin hebt in seinem Artikel ebenso die Bedeutung der „non-print-media“ genannten Vermittlungsgenres und ihrer Facetten hervor. Er bezeichnet sie als „channels“, über welche der Öffentlichkeit die wissenschaftlichen Erkenntnisse vermittelt werden.208 Einige dieser Ansätze vornehmlich englischsprachiger Wissenschaftshistoriker, die erst in den achtziger und frühen neunziger Jahren weitere Verbreitung fanden, wurden in zwei Grundlagenwerken zur Wissenschaftspopularisierung im deutschen Sprachraum aufgegriffen: In der Dissertation von Andreas Daum sowie der Habilitationsschrift von Angela Schwarz.209 Andreas Daum orientiert sich in seiner Dissertation – im Gegensatz zur überkommenen „internalistischen“ Sichtweise der Geschichte der Wissenschaftspopularisierung in Deutschland – an den „externalistisch“ orientierten wissenschaftshistorischen Arbeiten englischsprachiger Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftssoziologen ebenso wie an der Bürgertumsforschung und Gesellschaftsgeschichte moderner Prägung von Nipperdey, Habermas und Wehler.210 Hierbei verabschiedet er sich von der Sichtweise, Popularisierungsbemühungen alleine durch die Bestrebungen des Bildungsbürgertums oder der Arbeiterbildungsbewegung initiiert zu sehen und vor allem davon, die Wissenschaftspopularisierung als eine Einbahnstraße – von der wahren und reinen Wissenschaft hin zur Laienöffentlichkeit – zu betrachten.211 Stattdessen weist er auf die gegenseitige Beeinflussung und einen ständigen Austausch hin.212 Er betont die Bedeutung der Popularisatoren, die keinesfalls – wie dies oft dargestellt wird – nur gescheiterte Wissenschaftlerexistenzen gewesen seien, sondern auch Autodidakten und gebildete Laien, also schlicht und einfach Personen, die sich sowohl in der Welt der Wissenschaft als auch der Öffentlichkeit bewegt hätten.213 Daum untersucht in seiner Dissertation die „Idee des Popularisierens“ sowie deren unterschiedliche Genres und Medien. Hierbei handelt es sich vor allem um das Vereinswesen, das öffentliche Vortragswesen, sowie den literarischen und publizistischen Bereich. Zudem beschränkt er sich auf die naturkundlichen Disziplinen. Die für die Naturkunde so überaus bedeutsamen „nonprint-media“ und visuellen Konzepte werden jedoch – ebenso wie die Rezeptionsgeschichte – weitgehend ausgeklammert.214 Dies ist, einerseits auf Grund der Materialfülle notwendig und andererseits auf Grund des Mangels an Quellen für rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen in diesem Zeitraum verständlich. Dennoch stellt Daums umfassendes und solides Werk, auch auf Grund des umfangreichen biografi- 207 Ebd., S. 255. 208 Shapin, Science and the Public, 1990, S. 1000ff. 209 Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998 u. Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999. 210 Vgl. dazu auch Ash, Literaturbericht – Wissenschaftspopularisierung und Bürgerliche Kultur im 19. Jahrhundert, 2002, S. 324. 211 Ebd., S. 324. 212 Ebd., S. 324. 213 Vgl. dazu Daum, Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1998, S. 377-458. 214 Müller, Rezension von: Daum, Andreas: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, 1999. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/101.pdf (Abgerufen am 30.06.2014). 1 Einleitung 32 schen Teils der Arbeit, in dem er die Vermittler naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in verschiedene Kategorien, wie professionelle oder okkasionelle Popularisatoren einteilt, eine sehr gute Basis dar, auf der weitere Arbeiten zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert, wie auch die vorliegende, aufbauen können. Die von Angela Schwarz im Jahre 1999 vorgelegte Habilitationsschrift zur „Wissenschaftspopularisierung in Großbritannien und Deutschland im Übergang zur Moderne“ beschreitet einen anderen Weg. Sie behandelt unter anderem die Frage nach der Rolle der Wissenschaftspopularisierung im Rahmen des von ihr konstatierten Modernisierungsprozesses von 1870 bis 1914.215 Hierbei beschränkt sich Schwarz ebenfalls auf den literarisch-publizistischen Markt und vergleicht, mittels der Analyse populärwissenschaftlicher Publikationen, die Situation der Wissenschaftspopularisierung im Deutschen Reich und in Großbritannien. Für Angela Schwarz ist das Phänomen der Popularisierung untrennbar mit den anderen Merkmalen der Modernisierung in diesem Zeitraum wie Alphabetisierung, Säkularisierung, Verwissenschaftlichung und Industrialisierung verbunden. Deshalb untersucht sie nicht nur die „Genese der Popularisierung, sondern auch die Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft“.216 Hierbei klammert sie weder die weltanschauliche und religiöse Dimension der Wissenschaftspopularisierung – sowohl im Deutschen Reich als auch in Großbritannien – noch Themen zur sozialen Bedeutung wie Popularisierung für Kinder- und Jugendliche oder „Rollenklischees und Geschlechterbilder“ im populärwissenschaftlichen Buch aus. Damit kommt sie – ebenso wie Daum – weitgehend den Forderungen der weiter oben genannten englischsprachigen Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftssoziologen nach. Angela Schwarz verzichtet auf die Einbeziehung nicht literarischer Genres der Wissenschaftspopularisierung, die vor allem in der Naturkunde besondere Bedeutung besitzen, betont aber die besondere Stellung der Naturkunde unter den Naturwissenschaften für die Popularisierung.217 Auf die vermittelten Inhalte geht sie in ihrer eher sozialgeschichtlich orientierten Studie allerdings nicht ein.218 Geschichte des Naturkundemuseums Die meisten Arbeiten zur Geschichte des Naturkundemuseums der letzten hundert Jahre sind institutionengeschichtlicher Natur.219 Umfassendere Studien zu einzelnen Museen, naturhistorischen Museen und Naturkundemuseen in verschiedenen Ländern oder Epochen der Museumsgeschichte wurden erst ab den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Angriff genommen.220 Hierbei spielte vor allem die Geschich- 215 Schwarz, Der Schlüssel zur modernen Welt, 1999. 216 Ebd., S. 18. 217 Ebd. zum Beispiel S. 99, S. 117. 218 Ash, Literaturbericht – Wissenschaftspopularisierung und Bürgerliche Kultur im 19. Jahrhundert, 2002, S. 324. 219 Waidacher, Handbuch der allgemeinen Museologie, 1996, S. 71. 220 Ebd. 1.3 Methoden und Grundlagen 33 te der Kunst- und Wunderkammer während der frühen Neuzeit und des Barock eine Rolle.221 Exemplarisch soll an dieser Stelle der bedeutende, von Andreas Grote 1994 herausgegebene, Tagungsband „Macrocosmos in Microcosmo, Die Welt in der Stube, Zur Geschichte des Sammelns 1450 bis 1800“ Erwähnung finden.222 Dieses Werk, dessen einzelne Beiträge von namhaften Museum- und Wissenschaftshistorikern und -historikerinnen wie Paula Findlen, Ilse Jahn oder Timothy Lenoir verfasst wurden, behandelt als Schwerpunkt den Zeitraum von der frühen Neuzeit bis zum 18. Jahrhundert. Es untersucht die historischen Wurzeln des Museums am Beispiel fürstlicher Sammlungen, Sammlungen einzelner Wissenschaftler und wissenschaftlicher Gesellschaften.223„Die Welt in der Stube“ ist das Ergebnis einer im Jahre 1990 vom Institut für Museumskunde der damaligen Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz veranstalteten Tagung, bei der zum ersten Male – wie der Herausgeber in der Danksagung bemerkt – der Versuch gewagt worden ist, „die Geschichte des Sammelns, einzelner Sammlungen und Sammler in einen weiteren geistesgeschichtlichen Kontext zu stellen.“224 Besonders im Hinblick auf das Thema der vorliegenden Arbeit ist der Artikel von Timothy Lenoir und Cheryl Lynn Ross hervorzuheben, in welchem der Wandel der Kuriositätenkabinette zu „Naturgeschichts-Museen“ im 19. Jahrhundert und die daraus erwachsene Bildungsfunktion thematisiert wird.225 Die wissenschafts- und sozialgeschichtlich bedeutsame Geschichte des Naturkundemuseums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Deutschen Kaiserreich, in dem es sich von der fürstlichen Naturalienkammer oder dem Universitäts- und Schulmuseum zur einer der Volksbildung dienenden Institution wandelte, fand lange Zeit nur wenig Beachtung. Dies änderte sich erst nach der Jahrtausendwende. Anknüpfend zu den weiter oben genannten Arbeiten zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert erschienen in den letzten Jahren mehrere umfassende Arbeiten unterschiedlicher Zielsetzungen, welche sich – unter anderem – dieses Themas annahmen. Dabei handelt es sich zum einen um die 2003 publizierte Dissertation von Susanne Köstering über die Naturkundemuseen im Deutschen Kaiserreich, sowie die 2006 veröffentlichte Doktorarbeit von Carsten Kretschmann zu den naturhistorischen Museen im Deutschland des 19. Jahrhunderts.226 Die Intention von Susanne Köstering ist es, die Geschichte des Naturkundemuseums im Deutschen Kaiserreich zu den wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Umbrüchen während dieser Zeit in Beziehung zu setzen. Dazu gehören beispielsweise die Entwicklungen in der Wissenschaft und der daraus resultierende Paradigmenwechsel bei den Museums- und Ausstellungskonzeptionen, sowie die 221 Vgl. zum Beispiel Valter, Studien zu bürgerliche Kunst- und Naturaliensammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts in Deutschland, 1995. Grote, Macrocosmos in Microcosmo, 1994. Impey/MacGregor, The Orgins of Museums: The Cabinet of Curiosities in Sixteenth-Century Europe, 1985. Schleicher, Die Kunst- und Wunderkammern der Habsburger, 1979. Schlosser, Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance, 1978. 222 Grote, Macrocosmos in Microcosmo, 1994. 223 Ebd., S. 12. 224 Ebd., S. 9. 225 Lenoir/Ross, Das naturalisierte Geschichts-Museum, 1994. 226 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006. 1 Einleitung 34 Bedeutung des Naturkundemuseums für das nationale Prestige, die „Identitätssuche“ und sozial- sowie bildungsreformerische Ansätze. Die Hauptzielsetzung dieser Arbeit verfolgt die Autorin in vier Themenkomplexen. Einmal der „institutionell-räumlichen“, der Planung neuer Museumsgebäude und ihrer Architektur, der „wissenschaftlichen Konzeptionen“ und der Ebene „visueller Konzepte“ – also der Schausammlungskonzeptionen, Inszenierungen von Natur sowie der lebenswahren Tiernachbildungen – und letztens der „Rezeption durch die Fachöffentlichkeit und Besucher“.227 Positiv anzumerken ist, dass Köstering der Entwicklung der Taxidermie und Dermoplastik, sowie lebenswahrer Tiergruppen im Zusammenhang mit der Geschichte des Naturkundemuseums große Bedeutung beimisst. Die von ihr aufgestellte These eines Paradigmenwechsels an den Naturkundemuseen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, weg von den überkommenen, auf bloßer Systematik basierenden Sammlungsund Ausstellungskonzeption und hin zu „biologisch“, tiergeografisch oder gar ökologisch orientierten, wird für sie vor allem durch die Entwicklungen in der Tierpräparation und Dermoplastik charakterisiert sowie symbolisiert. Der Arbeit Martins, seiner Schüler und Kollegen weist Köstering in diesem Zusammenhang eine bedeutsame Rolle zu.228 Hervorzuheben ist zudem die Würdigung der Dermoplastik als „Kunst“, was bis heute – auch in einschlägigen Publikationen – bei weitem keine Selbstverständlichkeit ist. Die Dissertation von Carsten Kretschmann behandelt einerseits einen etwas anderen Zeitraum – in erster Linie das gesamte 19. Jahrhundert – und außerdem hat er – im Gegensatz zu Kösterings „museumstheoretischen“ Blick einen eher sozialhistorischen Ansatz.229 An Hand von vier Beispielen, den Museen in Frankfurt, Karlsruhe, Bremen und Berlin, alle mit unterschiedlichen Traditionen und Konzeptionen, untersucht Kretschmann das naturhistorische Museum als Institution der Wissenschaftspopularisierung und Wissenskommunikation in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Hierbei arbeitet er die unterschiedlichen Profile der oben genannten Museen heraus, betrachtet die „Akteure“ im Museum – von den Präparatoren, über Mäzene bis zu den Besuchern – untersucht die „Strategien des Sammelns“ sowie die „Medien und Methoden“ der Popularisierung. Kretschmann geht in seiner Untersuchung ebenfalls von der modernen Sicht der Wissenschaftspopularisierung als einer facettenreichen Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und keinem bloßen Experten-Laien-Modell aus.230 Er betont die Mitwirkung von Nichtwissenschaftlern, Laien und Amateuren, zum Beispiel als Stifter oder Sammler. Besonderes Augenmerk legt er – wie Susanne Köstering – auf die Arbeit und Mitwirkung der zoologischen Präparatoren und ihre informellen „Netzwerke“ während des Wandels des alten naturhistorischen Museums zu einer modernen und bürgerlichen Bildungsinstitution. 227 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 5. Quellen zur Rezeptionsgeschichte sind kaum zu finden, da zur damaligen Zeit an den Museen keine Besucherbefragungen durchgeführt wurden. 228 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 151-222. 229 Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 13. 230 Ebd., S. 9 f. 1.3 Methoden und Grundlagen 35 Im Zusammenhang mit den Dissertationen von Susanne Köstering und Carsten Kretschmann zur Geschichte des Naturkundemuseums im 19. Jahrhundert ist auch die umfassende Studie der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Lynn Nyhart mit dem Titel „Modern Nature“ zu nennen.231 Nyhart untersucht den Wandel von der klassischen, statischen Naturgeschichte hin zu einer modernen, dynamischen auf Biologie und vor allem Ökologie fußenden Sichtweise von der Natur im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Da einer ihrer wichtigsten Untersuchungsgegenstände das naturhistorische Museum und dessen Umfeld darstellt, findet ihr Werk an dieser Stelle Erwähnung. Nyhart berücksichtigt, neben dem naturhistorischen Museum mit seinen Schau- und Lehrsammlungen, ebenso den zoologischen Garten sowie den naturkundlichen Unterricht und in Grenzen auch die Anfänge der Tier- und Naturschutzbewegung.232 Größeren Raum weist Sie den zum Teil außerhalb der etablierten Wissenschaft stehenden und praxisorientierten Akteuren zu, wie beispielsweise Philipp Leopold Martin.Diese hatten ihrer Ansicht nach maßgeblichen Anteil an der Entwicklung hin zu einer biologischen Sichtweise. Besonders hervorzuheben ist der – wie bei den Dissertationen von Andreas Daum, Susanne Köstering und Carsten Kretschmann – sozialgeschichtliche Impetus der Arbeit, welche eine Verbindung zwischen Wissenschaft, Wissensvermittlung und gesellschaftlichen Entwicklungen im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts herstellt. Geschichte der Tierpräparation und des naturhistorischen Dioramas Mit der Geschichte der Naturkundemuseen ist die Entwicklung der Tierpräparation und Tiernachbildung sowie der Konzipierung und Umsetzung von Tiergruppen und naturhistorischen Dioramen auf das Engste verbunden. Auch zu diesem Themenbereich sind grundlegende und ausführliche Studien erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden – teilweise sogar erst in den neunziger Jahren.233 Eines der ersten, wenn nicht das erste, ausführlichere Werk zur Geschichte der Human- und Animalpräparation – allerdings mit vorwiegend populärem Charakter – legte Milan Ráček im Jahre 1990 vor. In „Mumia Viva“ schildert Ráček die „Kulturgeschichte der Tierpräparation“ vom 13. Jahrhundert bis heute.234 Neben einem allgemeinen chronologisch gegliederten Kapitel enthält das Werk Kurzbiografien bekannter Präparatoren, darunter auch die von Philipp Leopold Martin. Das Werk besitzt keinen textkritischen Apparat und es sind, wie zum Beispiel im Fall Martins, inhaltliche Ungereimtheiten festzustellen. Dafür enthält es ausführliche Quellenzitate und eine brauchbare Bibliografie. Auch die reichhaltige, einem Werk dieser Thematik ange- 231 Nyhart, Modern Nature, 2009. 232 Ebd., S. 79ff., S. 161ff., S. 293ff. 233 Vgl. unter anderem Seidel/Chwalisz, Taxidermie – Zwischen Kunst und Natur: Tierpräparation im Museum, 1994. Wonders, Habitat Dioramas, 1993. Ráček, Mumia viva, 1990. Jahn, Biologische Präparationstechnik (Lehrbrief 1): Geschichte der Präparationstechnik, 1986. Reichert, Tierpräparation gestern und heute, 1955. 234 Ráček, Mumia viva, 1990. 1 Einleitung 36 messene, Bebilderung ist positiv hervorzuheben. Auf Grund seiner inhaltlichen Mängel ist es für die wissenschaftliche Forschung aber nur von eingeschränktem Nutzen. Da nur wenige Werke zur Geschichte der Tierpräparation existieren, wurde es dennoch berücksichtigt. Die in den letzten zwei Jahrzehnten bedeutsamsten und ausführlichsten Arbeiten zur Geschichte der zoologischen Tiergruppen und Habitat-Dioramen stammen von der schwedischen Kunsthistorikerin Karen Wonders.235 In ihrem 1993 erschienenen Werk „Habitat Dioramas – Illusions of Wilderness in Museums of Natural History“ behandelt sie die bis dahin kaum erforschte Geschichte der Tiergruppen und Habitat-Dioramen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Dabei untersucht Karen Wonders das Phänomen der Habitat- sowie Semi-Habitat-Dioramen hauptsächlich in den zwei – aus ihrer Sicht für deren historische Entwicklung bedeutsamen Ländern – Schweden und den USA. Aber auch die Bemühungen in anderen europäischen Ländern lässt sie nicht außer Acht. Wonders berücksichtigt dabei unterschiedliche Faktoren, wie zum Beispiel die Fortschritte bei der Tierpräparation während des 19. Jahrhunderts, die sogenannte „New Museum Idea“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts oder auch – auf Grund ihrer Fachrichtung – kunstgeschichtliche Aspekte. Ihr ausführliches Kapitel über die „Art of Taxidermy“ im Lauf des 19. Jahrhunderts gehört nach Meinung des Autors zum Besten, was bisher zu diesem Thema publiziert worden ist. Der breite Ansatz und die inhaltliche Tiefe des Werkes macht „Habitat Dioramas“ von Karen Wonders nicht nur zu einem Standardwerk der Geschichte des naturhistorischen Dioramas, sondern auch zu einem für die Geschichte des Naturkundemuseums sowie die Entwicklung visueller Konzepte unentbehrlichen Grundlagenwerk. Nachbildungen ausgestorbener Tierarten Die Geschichte der Nachbildung ausgestorbener Tierarten ist im Vergleich zur der rezenter noch weniger erforscht. Dies betrifft sowohl ihre bildliche Darstellung als auch ihre Präsentation durch verkleinerte oder gar lebensgroße Nachbildungen. Eines der Werke, welche dem entsprechenden Kapitel dieser Arbeit zu Grunde liegen, ist Othenio Abels „Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere“ aus dem Jahre 1925.236 Dieses – bezüglich der historischen Entwicklung – noch immer bedeutsame Werk enthält nicht nur einen allgemeinen geschichtlichen Überblick zum Thema, sondern befasst sich auch mit den wissenschaftlichen Grundlagen. Abel geht dabei auf die bekanntesten urzeitlichen Wirbeltiere wie den Ichthyosaurier und Plesiosaurier oder auch das Mammut ein. Er unterscheidet in bildliche Nachbildung, 235 Wonders, Habitat Dioramas, 1993. Wonders, Exhibiting Fauna, 1989. Wonders, Bird Taxidermy and the Origin of the Habitat Diorama, 1993. 236 Abel, Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere, 1925. Vgl. a. die anderen Werke von Abel zu dieser Thematik im Literaturverzeichnis. Aktuelleren Forschungen zufolge war Othenio Abel ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit. Vgl. Taschwer, Othenio Abel, Kämpfer gegen die „Verjudung“ der Universität, 2012. URL: http://derstandard.at/1348285545637/ Othenio-Abel-Kaempfer-gegen-die-Verjudung-der-Universitaet (Abgerufen am 25.08.2014). 1.3 Methoden und Grundlagen 37 paläontologische Skelettrekonstruktion sowie die dreidimensionale Nachbildung, wobei er die beiden ersten als unverzichtbare Grundlagen für die dritte Methode erachtet. Abel beschränkt sich jedoch auf eine rein internalistische Darstellung. Der historische und gesellschaftliche Zusammenhang wird von Abel, wohl auf Grund des frühen Erscheinungsjahrs und einer primär fachwissenschaftlichen Ausrichtung, weitgehend vernachlässigt. Daher fanden weitere Arbeiten von Nicolaas Rupke, Michael Freeman sowie W.J.T. Mitchell Berücksichtigung, in denen der historische und sozialgeschichtliche Kontext ebenfalls eine Rolle spielte. Rupke behandelt in seinem Artikel „Metonymies of Empire: Visual Representations of Prehistoric Times 1830-90“ vornehmlich die Geschichte bildlicher Nachbildungen.237 Er verharrt dabei aber nicht bei der reinen Aufzählung der einzelnen Nachbildungen und ihrer Schöpfer, sondern er interpretiert diese in ihrem historischen Kontext. Dabei bezieht er sich nicht nur auf den damaligen Stand der Forschung, sondern auch auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen, zum Beispiel den Kolonialismus. Wie Rupke befasst sich Michael Freeman in seinem Buch „Victorians and the Prehistoric“ vorwiegend mit der Bedeutung der Entdeckung, Erforschung und Nachbildung prähistorischer Tiere in der viktorianischen Gesellschaft.238 Der US-amerikanische Professor für Englische Literatur W.J.T. Mitchell spannt den Bogen noch etwas weiter. 239 Er untersucht die Rolle des „Dinosauriers“ in den Medien sowie als „moderne Ikone“.240 Geschichte des zoologischen Gartens Eine neben den naturhistorischen Museen weitere wichtige Institution für die naturkundliche Volksbildung im 19. Jahrhundert war der zoologische Garten. Auch seine Geschichte fand über viele Jahrzehnte hinweg nur in einigen vorwiegend institutionengeschichtlichen Studien Berücksichtigung. In den letzten Jahren ist jedoch eine Vielzahl neuer und wegweisender Publikationen – auch im deutschen Sprachraum –erschienen. Die ohne Zweifel bedeutendste Arbeit der letzten Jahre zur Zoogeschichte des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum ist das 1998 erschienene Werk „Der Löwe brüllt nebenan – Die Gründung Zoologischer Gärten im deutschsprachigen Raum 1833-1869“ von der Historikerin und Geografin Annelore Rieke- Müller und dem ehemaligen Direktor des Zoologischen Gartens Hannover Lothar Dittrich.241 Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts wurde von den beiden Autoren, die bereits in den Jahren zuvor eine Reihe von Publikationen zu diesem Themenbereich vorgelegt hatten, unter anderem untersucht, inwieweit sich der Gründungsboom der zoologischen Gärten im angegebenen Zeitraum in die bürgerliche Vereinsbewegung und die Emanzipationsbestrebungen des Bürgertums einbetten 237 Rupke, Metonymies of Empire: Visual Representations of Prehistoric Times 1830-90, 1993. 238 Freeman, The Victorians and the Prehistoric, 2004. 239 Mitchell, The Last Dinosaur Book, 1998. 240 Ebd., S. 48ff. 241 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. 1 Einleitung 38 lassen.242 Auch die Popularisierung naturkundlicher Themen als Impetus zur Gründung zoologischer Gärten wird von den beiden Autoren angesprochen. Allerdings wurde in diesem Zusammenhang versäumt, die Rolle der zoologischen Gärten mit der anderer Medien zur naturkundlichen Bildung, wie zum Beispiel die Naturalienkabinette und Naturkundemuseen oder die populäre naturwissenschaftliche und naturkundliche Literatur in Beziehung zu setzen.243 Das Thema des Werkes wird anhand der Gründungsgeschichten von elf zoologischen Gärten und drei versuchten Gründungen, dabei das Projekt eines Akklimatisationsgartens unter der Regie von Philipp Leopold Martin in Stuttgart sowie den Biografien ihrer Gründerpersönlichkeiten, untersucht.244 Zudem enthält das Werk eine Reihe allgemein gehaltener Kapitel zur Anlage und Architektur zoologischer Gärten, sowie zum Tierhandel und Tierbestand.245 Die zur Visualisierung der Gründungen und Projekte notwendigen Pläne der zoologischen Gärten sind im Werk leider nicht zu finden. Die ausführliche Bibliografie bietet eine sehr gute Basis für eigene Recherchen. Als weitere Werke zum Thema seien an dieser Stelle genannt: Die zookritische Monografie der französischen Autoren Eric Baratay und Elisabeth Hardouin-Fougier „Zoo – Von der Menagerie zum Tierpark“ sowie die „Kulturgeschichte des Zoos“ von Lothar Dittrich, Annelore Rieke-Müller und dem Wissenschaftshistoriker Dietrich von Engelhardt, die im Jahre 2001 herausgegeben wurde. Des Weiteren die „Encyclopedia of World’s Zoos“ von Catherine M. Bell und Vernon N. Kislings „Zoo and aquarium history“, beide ebenfalls im Jahr 2001 erschienen.246 Sekundärliteratur zu Philipp Leopold Martin Zum Abschluss finden alle die Untersuchungen Erwähnung, welche sich mehr oder weniger ausführlich mit Philipp Leopold Martin und seinem Werk beschäftigt haben. Hierbei handelt es sich um im Abstand von mehreren Jahrzehnten erschienene ältere Kurzbiografien, unter anderem in der Zeitschrift „Der Präparator“, sowie um aktuellere und etwas ausführlichere Abhandlungen.247 Unter den Kurzbiografien ist vor allem der Aufsatz der Biologiehistorikerin Ilse Jahn aus dem Jahre 1995 erwäh- 242 Zu den früheren Publikationen gehören unter anderem: Dittrich/Rieke-Müller, Ein Garten für Menschen und Tiere: 125 Jahre Zoo Hannover, 1990. Rieke-Müller, Angewandte Zoologie und die Wahrnehmung exotischer Natur in der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhundert, 1994, S. 461-484. Dittrich/Rieke-Müller, Von Zoos, Menagerien und Wandermenagerien: exotische Tiere in menschlicher Obhut, 1996, S. 149-167. 243 Vgl. Geppert, Rezension von: Zoologische Gärten in Deutschland, 1999. Annelore Rieke-Müller/ Lothar Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan. Die Gründung Zoologischer Gärten im deutschsprachigen Raum, 1833-1869, 1998. 244 Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 188ff. 245 Ebd., S. 201ff. und S. 211ff. 246 Vgl. Baratay/Hardouin-Fugier, Zoo, 2000. Dittrich/Engelhardt/Rieke-Müller, Die Kulturgeschichte des Zoos, 2001, S. 83-97. Bell, Encyclopedia of World’s Zoos, 2001. Kisling, Zoo and Aquarium history – Ancient Animal Collections to Zoological gardens, 2001. 247 Fiebig, Basisarbeit für Forschung und Wissensvermittlung – Zur Präparation am Berliner Museum, gestern und heute, 2010, S. 49 f. Nyhart, Modern Nature, 2009, S. 31ff. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006, S. 104-108, S. 222ff. Köstering, Natur zum Anschauen, 2003, S. 154ff. Rieke-Müller/ 1.3 Methoden und Grundlagen 39 nenswert.248 Ilse Jahn würdigt darin nicht nur Martins Verdienste für die Entwicklung der Präparationstechnik, sondern auch seine zur damaligen Zeit revolutionären Vorstellungen von der Konzeption naturhistorischer Ausstellungen und Museen. Ihre Ausführungen basieren dabei auf den im Zoologischen Museum der Humboldt-Universität und den zum damaligen Zeitpunkt noch im Museum für Naturkunde in Stuttgart befindlichen Akten und dem umfangreichen literarischen Werk Martins.249 Zudem liegt dem Autor noch ein etwas ausführlicheres unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrags von Ilse Jahn vergleichbaren Inhalts vor, das ebenfalls Berücksichtigung fand.250 In neuerer Zeit wurde Martins Leben und Werk im Zusammenhang mit den oben erwähnten Dissertationen zur Geschichte des Naturkundemuseums im 19. Jahrhundert behandelt.251 Susanne Köstering und Carsten Kretschmann konzentrieren sich dabei auf seine Rolle als Tierpräparator sowie als Begründer der Museumsdermoplastik. Die bisher umfassendste und ausführlichste Würdigung, welche auch weitere Bereiche seines Schaffens und Wirkens umfasst, hat die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Lynn Nyhart in ihrem Werk „Modern Nature“ vorgelegt. Sie befasst sich in zwei Kapiteln nicht nur mit seiner Arbeit als zoologischer Präparator und Museumsreformer, sondern auch mit dessen Wirken als Schöpfer von Nachbildungen urzeitlicher Tiere, als Zoodesigner sowie Vogel- und Tierschützer.252 Diesen Aspekt hat auch eine aus neuerer Zeit stammende Abhandlung zweier Bibliothekare des Bundesamts für Naturschutz (BfN), Gerhard Hachmann sowie Rainer Koch, mit dem Titel „Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes“ zum Thema. Die Autoren würdigen darin die herausragende Bedeutung Martins für den Tier- und Naturschutz.253 Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998, S. 188ff. Schüz, Philipp Leopold Martin, 1987, S. 1580. Gebhardt, Martin, Philipp Leopold, 1964. Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 47-68. Peters, Philipp Leopold Martin, 1957. Dem Gedächtnis eines bedeutenden zoologischen Präparators. Heß, „Martin: Philipp Leopold“, 1906, S. 219-220. Einen Gesamtüberblick über die Sekundärliteratur zu Philipp Leopold Martin findet sich zudem in einer ab 2011 am Bundesamt für Naturschutz erstellten Auswahlbibliografie. Vgl. a. Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 27-40 u. Koch/Hachmann, Bibliografie Philipp Leopold Martin (1815-1885), 2012, S. 10ff. URL: http://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/MartinBibl io.pdf (Abgerufen am 11.11.2011). 248 Jahn, Ein Pionier der Museumsdermoplastik, 1995. 249 Ebd. 250 Jahn, Vortrag anlässlich der Präparatorentagung am 10.10.89 (Maschinenschriftl. Manuskript), 1989, S. 1-12. 251 Köstering, Natur zum Anschauen, 2003 u. Kretschmann, Räume öffnen sich, 2006. 252 Martins Bedeutung für die Geschichte der zoologischen Gärten in Deutschland wird außerdem in dem von Annelore Rieke-Müller und Lothar Dittrich verfassten und oben vorgestellten Werk „Der Löwe brüllt nebenan“ thematisiert. Rieke-Müller/Dittrich, Der Löwe brüllt nebenan, 1998. 253 Hachmann/Koch, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 13-44 u. S. 61-89 u. Koch, Rainer/Hachmann, Gerhard, Die absolute Notwendigkeit eines derartigen Naturschutzes … Philipp Leopold Martin (1815-1885): vom Vogelschützer zum Vordenker des nationalen und internationalen Natur- und Artenschutzes, in: Natur und Landschaft 11, 2011, S. 473-480. 1 Einleitung 40 Als ergänzende Literaturangabe zum Leben und Werk Philipp Leopold Martins soll zum Schluss noch die von Elisabeth Noell 1987 publizierte Dissertation über Paul Martin (1861-1937) Erwähnung finden. Paul Martin war Philipp Leopold Martins Sohn. Er wirkte unter anderem als Veterinäranatom an der Veterinärmedizinischen Fakultät in Gießen. In dieser Biografie über Paul Martin finden sich ebenfalls einige wichtige Angaben über Philipp Leopold Martin und den Familienstammbaum.254 Quellen zu Philipp Leopold Martin Im Folgenden wird – ergänzend – ein Überblick über die wichtigsten gedruckten, ver- öffentlichten sowie archivalischen Quellen Philipp Leopold Martins und seines Werks gegeben. Des Weiteren wird dargelegt, welche bildlichen oder gegenständlichen Quellen, wie zum Beispiel Tierpräparate, Tiernachbildungen oder Tiergruppen, aus Martins Hand heute noch zu finden sind. Gedruckte Quellen Die vielfältige Publikationstätigkeit Martins erstreckte sich über einen Zeitraum von nahezu vier Jahrzehnten.255 Die ersten bekannten Veröffentlichungen aus der Feder Martins erschienen bereits im Jahre 1847, als er noch im schlesischen Bunzlau als selbstständiger Präparator arbeitete. Dabei handelte es sich um zwei zoologische Artikel in der „Allgemeinen Deutschen Naturhistorischen Zeitung“.256 Seine wohl letzte Publikation ist ein Aufsatz über den „Selbstschutz der Natur durch die nützlichen Thiere“ im Todesjahr.257Martin publizierte während dieser vier Jahrzehnte zahlreiche Artikel in Haus- und Familienlexika, beliebten Familienblättern, populärwissenschaftlichen Zeitschriften und Fachzeitschriften sowie natürlich ebenso einige umfangreichere populäre und wissenschaftliche Werke – zum Teil in Zusammenarbeit mit seinen Söhnen, Kollegen oder Wissenschaftlern entsprechender Fachgebiete. Aus diesem fast unerschöpflichen Fundus werden im Folgenden die bedeutendsten Publikationen kurz vorgestellt. Die erste veröffentlichte und fachwissenschaftlich zu nennende Arbeit Martins, in welcher er die Grundzüge seiner bereits in den vierziger und fünfziger Jahren des 19. 1.4 254 Noell, Paul Martin (1861-1937), 1987. 255 Dieser Überblick basiert auf eigenen Recherchen. Die erst vor kurzem erschienene Auswahlbibliografie des Bundesamtes für Naturschutz wurde ergänzend herangezogen. Vgl. dazu Hachmann/ Koch 2015, Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417, 2015, S. 27-40 u. Koch/Hachmann, Bibliografie „Philipp Leopold Martin“, 2012, S. 12ff. URL: http://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/Martin Biblio.pdf (Abgerufen am 24.07.2012). 256 Martin, Zur Naturgeschichte der glatten Natter, 1847. Martin, Zur Naturgeschichte des Ziesels, 1847. 257 Martin, Die Ungezieferschäden und deren Abhilfe oder der Selbstschutz der Natur durch die nützlichen Thiere, 1885, S. 167-168. 1.4 Quellen zu Philipp Leopold Martin 41 Jahrhunderts gewonnenen Vorstellungen bezüglich des Sammelns und Präsentierens von Naturalien dargelegt hat, stammt aus dem Jahre 1856. Er publizierte sie in der ornithologischen Fachzeitschrift „Naumannia“.258 Schon damals kritisierte Martin die bisherige Praxis der sogenannten „Kabinetts-Systematiker“ und propagierte ein „naturgemäße(s) Aufstellen“ der Präparate.259 Sieben Jahre später erschien schließlich – während seiner Zeit am Stuttgarter Naturalienkabinett – eine mit seinem Kollegen und Vorgänger Hermann Ploucquet (1816-1877) verfasste „Kurze Anleitung zum Sammeln naturhistorischer, vorzüglich zoologischer Gegenstände“.260 In dieser siebenseitigen Schrift legt Martin die handwerkliche Vorgehensweise des Sammelns von Naturalien dar, so zum Beispiel die von ihm verwandten Techniken des Konservierens organischer Körper. Diese damals knapp skizzierten Gedanken führte er später in seinem wichtigsten Werk aus – der in den Jahren 1869 bis 1882 in der 1. Auflage erschienenen mehrbändigen „Praxis der Naturgeschichte“, mit dem Untertitel: „Ein vollständiges Lehrbuch über das Sammeln lebender und todter Naturkörper, deren Beobachtung und Pflege im freien und gefangenen Zustand.“261 Im ersten Band, der „Taxidermie oder die Lehre vom Konserviren, Präpariren und Naturaliensammlen auf Reisen, Ausstopfen und Aufstellen der Thiere […]“ hat Philipp Leopold Martin auf der Basis seiner eigenen Arbeit, Christian Ludwig Brehms (1787-1864) Werk „Die Kunst Vögel als Bälge zu bereiten“ sowie Johann Friedrich Naumanns (1780-1857) „Taxidermie“ ein Lehrbuch für Präparatoren verfasst.262 Es umfasst nicht nur alle handwerklichen und praktischen Aspekte der Tätigkeit von Naturaliensammlern und Präparatoren, wobei hier Martin die Erfahrungen seiner Sammel- und Forschungsreise nach Südamerika mit hat einfließen lassen, sondern auch Fragen der Präsentation von Präparaten im Rahmen von Naturaliensammlungen. Die Illustrationen in diesem Werk, wie auch zum Teil in den weiteren Bänden seiner „Praxis der Naturgeschichte“ stammen von den bekannten Tier- und Landschaftsmalern Friedrich Specht (1839-1909) und Paul Meyerheim (1842-1915).263Im zweiten, 1870 publizierten Band, der „Dermoplastik und Museologie oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen“ hat Martin unter anderem mit Unterstützung von Gustav Jäger (1832-1917) und Kollegen seine Technik der „Dermoplastik“ sowie Fragen der Konzeption, Einrichtung und Unterhaltung einer Naturaliensammlung dargelegt.264 In seiner Bestandsaufnahme geht Martin mit der damals vorherrschenden Sammlungs- und Ausstellungspraxis hart ins Gericht und skizziert das Konzept einer modernen, der Volksbildung dienenden Naturaliensammlung. Die erste Hälfte des dritten, im Jahre 1878 erschienenen, Bandes von Martins „Praxis der Naturge- 258 Martin, Ueber zweckmässiges Sammeln und Aufstellen von Thieren der höheren Klassen in Sammlungen, 1856, S. 485-500. 259 Ebd., S. 487 u. 489. 260 Martin/Ploucquet. Kurze Anleitung zum Sammeln naturhistorischer besonders zoologischer Gegenstände, 1863. 261 Martin. Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch, 1869-1882. 262 Brehm, Die Kunst, Vögel als Bälge zu bereiten, 1842. Naumann, Taxidermie, 1815. 263 Zu Meyerheim vgl. Kap. 3.2.1, S. 197 f. 264 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie (1. Aufl.), 1870, S. 13-19. 1 Einleitung 42 schichte“ mit dem Titel „Naturstudien“ über „Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung“ hat die Gestaltung, Unterbringung und Haltung von lebenden Tieren in zoologischen Gärten zum Thema.265 Dieser Band enthält auch Ergebnisse und Erfahrungen seiner in den frühen sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, im Auftrag des württembergischen König Wilhelm I. (1781-1864), unternommenen, Anstrengungen zur Einrichtung eines Königlichen Akklimatisationsgartens und seiner Rundreisen durch die bedeutendsten zoologischen Gärten Europas. Am Schluss dieses Bandes stellt Martin die Konzeption eines großen „Centralgartens“ vor, in welchem er ethnografische Museen, Naturkundemuseen sowie botanische und zoologische Gärten vereint sehen wollte.266 In der zweiten Hälfte des im Jahre 1882 erschienenen dritten und letzten Teiles seiner „Praxis der Naturgeschichte“, dem „Allgemeinen Naturschutz, [der] Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel“ beschäftigt sich Martin und sein Sohn Paul (1861-1937), ein Tiermediziner, mit Fragen des Tier- und Naturschutzes sowie der Tierpflege und Akklimatisation.267 In einem begleitenden „Atlas zur Praxis der Naturgeschichte“, dessen Erstauflage 1878 erschien, wurden die dazugehörigen Abbildungen von den bekannten Tiermalern Friedrich Specht (1839-1909) und Paul Meyerheim (1842-1915) sowie seinem Sohn Leopold Martin (1854-1891) künstlerisch in Szene gesetzt.268 Einige Bände der „Praxis der Naturgeschichte“ erschienen in mehreren Auflagen, zum Teil auch posthum, unter Mitwirkung seiner Söhne Paul und Leopold Martin.269 Des Weiteren publizierte Martin zahlreiche an ein Fachpublikum gerichtete Abhandlungen, zum Beispiel im „Journal für Ornithologie“ oder im „Zoologischen Garten“. Besonders erwähnenswert ist der im Jahre 1884 im „Zoologischen Garten“ erschienene Aufsatz mit dem Titel „Die wissenschaftlichen und praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen.“270 Dieser Artikel ist eine der letzten Arbeiten Martins. Darin legte er noch einmal seine Vorstellungen bezüglich einer modernen, der Volksbildung dienenden, Naturaliensammlung dar. In gewisser Weise stellt dies sein wissenschaftliches „Vermächtnis“ dar: Er schildert darin in knapper Form – nach einem historischen Abriss der Naturdarstellung in „Kunst und Wissenschaft“ – seinen beruflichen Werdegang und seine Vorstellungen bezüglich eines von ihm in Ansätzen konzipierten zukünftigen „Universalmuseums der Natur“, in 265 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878. 266 Der Zoologische Garten 1878, S. 192. 267 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Dritter Theil. Zweite Hälfte: Naturstudien. Allgemeiner Naturschutz; Einbürgerung fremder Thiere und Gesundheitspflege gefangener Säugethiere und Vögel, (1. Aufl.), 1882. 268 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Atlas 3. Atlas zur Praxis der Naturgeschichte Theil 3 (1. Aufl.), 1878. 269 Vgl. Quellen- und Literaturverzeichnis Kap. 7.3.4, S. 487ff. 270 Martin, Die wissenschaftlichen und praktischen Aufgaben bei der Aufstellung unserer Naturaliensammlungen, 1884. 1.4 Quellen zu Philipp Leopold Martin 43 dem „die Kluft zwischen der Urwelt und der Gegenwart“ überbrückt werden sollte.271 Zudem kommt er auf die wachsende Bedeutung des Tier- und Naturschutzes zu sprechen und fordert schon in der Schule durch entsprechenden „Anschauungsunterricht“ ein Bewusstsein dafür zu bilden.272 Philipp Leopold Martin war auch als reiner populärwissenschaftlicher Autor tätig. So veröffentlichte er im „Illustrirten Haus und Familien-Lexicon“ des F. A. Brockhaus Verlages unter anderem einen Artikel über „Conservirmittel für naturhistorische Gegenstände“, in welchem er das Fachwissen zu diesem Themenbereich allgemein verständlich darzulegen suchte.273 Für das bekannte, von dem Schriftsteller und ehemaligen Bau- und Gartendirektor des württembergischen Königs Wilhelm I. Friedrich Wilhelm Hackländer (1816-1877) herausgegebene Familienblatt „Über Land und Meer“, verfasste Martin in den Jahren 1864-1865 einige Artikel über seine „Wanderungen durch die größten zoologischen Gärten Deutschlands“, welche er zur Vorbereitung des nicht zur Ausführung gekommenen Akklimatisationsgartenprojekts unternommen hatte.274 Sein zweifellos umfassendstes und ambitioniertestes populärwissenschaftliches Werk ist aber die in den Jahren 1882-1884 bei Brockhaus erschienene „Illustrirte Naturgeschichte der Thiere“. Dieses „Handbuch der populären Naturgeschichte“275 besteht aus drei großen Bänden, von denen die zwei umfangreichsten über Säugetiere und Vögel, mit Ausnahme der Kapitel über Physiologie, die sein Sohn Paul Martin ein Tiermediziner verfasste, aus Martins Feder stammen. Martins Intention war es, dem „allgemeinen Bedürfniß nach Belehrung“ mit einem „praktischen Handbuch“ der Naturgeschichte Rechnung zu tragen.276 Dabei hielt er sich an das vom „Altvater Linné geschaffene […] einfache System der Naturgeschichte.“ Er strebte mit seiner „Illustrirten Naturgeschichte“ ein Werk mit „größter Vereinfachung“ an, freilich ohne den Boden der Wissenschaft zu verlassen. Und in der Tat ist Martins „Illustrirte Naturgeschichte der Thiere“ ein zwar allgemeinverständliches Werk, trägt aber trotz allem ein „streng wissenschaftliches Gepräge“277 – im Gegensatz zu dem weit bekannteren „Tierleben“ Alfred Edmund Brehms (1829-1884). 278 271 Ebd. S. 302. 272 Ebd. S. 308. 273 Martin, Conservirmittel für naturhistorische Gegenstände, 1863, S. 137-144. 274 Martin, Wanderungen durch die zoologischen Gärten Deutschlands. Erster bis Dritter Teil, 1865. 275 Martin, Illustrirte Naturgeschichte der Thiere, Erster Band. Erste Abtheilung. Säugethiere, 1882, S. VI. 276 Ebd., S. V. 277 Heß 1906, „Martin, Philipp Leopold“, S. 220. 278 Brehm, Illustrirtes Thierleben, 1864-1869. Die Popularität und die weite Verbreitung von Brehms Werk war Martin bewusst. Vgl. Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Dritter Theil. Erste Hälfte: Naturstudien. Die botanischen, zoologischen und Akklimatisationsgärten, Menagerien, Aquarien und Terrarien in ihrer gegenwärtigen Entwicklung, (1. Aufl.), 1878, S. 184. 1 Einleitung 44 Archivalische Quellen Die wohl frühesten schriftlichen Zeugnisse Philipp Leopold Martins finden sich in der Schrift- und Bildgutsammlung des Zoologischen Museums der Humboldt-Universität in Berlin, an dem Martin von 1852-1857 als „zweiter technischer Gehilfe“ angestellt war.279 Da Martin bereits seit Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts mit dem Leiter des Zoologischen Museums Martin Hinrich Lichtenstein (1780-1857) in Kontakt stand – er bat bei diesem wiederholt um eine Anstellung – finden sich dort Briefe Martins über einen Zeitraum von annähernd zwanzig Jahren.280 Ein großer Teil davon stammt aus den Jahren 1848-1849, als Martin zusammen mit Karl Ferdinand Appun (1820-1872) eine „naturhistorische Reise“ nach Südamerika unternahm und Sammlungsgegenstände an das Berliner zoologische Museum sandte.281 Ebenfalls in einem Brief an Martin Hinrich Lichtenstein aus dem Jahre 1848 finden sich erste „Fragmente“ und Entwürfe seiner zwanzig Jahre später veröffentlichen „Praxis der Naturgeschichte“.282 Auch Martins Personalakten am Königlichen Naturalienkabinett in Stuttgart sind zum großen Teil vollständig erhalten geblieben.283 Im Archiv des heutigen Museums für Naturkunde in Stuttgart fanden sich das Bewerbungsschreiben Martins, sein Lebenslauf mit dem Titel „Kurze Notizen meines Lebens oder ein „Kurzer Abriß seiner gegenwärtigen Methode des Ausstopfens größerer Säugethiere“ ebenso wie zahlreiche Protokolle und Aufzeichnungen des Leiters des Naturalienkabinetts Prof. Ferdinand Krauss (1812-1890) über Martin.284 Auch der Entwurf zu einer „Dienstanweisung des ersten Präparators des. K. Nat. Kabinetts“, in welcher dessen Aufgabenbereich und seine Arbeitszeiten festgelegt wurden, ist erhalten geblieben.285 Des Weiteren waren im Archiv des Naturkundemuseums die Akten seines Entlassungsgesuchs aus dem Staatsdienst im Jahre 1874 zu finden.286 Im Württembergischen Hauptstaatsarchiv Stuttgart sind in den Kabinettsakten des Departements (Ministeriums) für Kirchen- und Schulwesen einige wenige Schriftstücke über die Entlassung seines Vorgängers Hermann Ploucquet (1816-1878) aus gesundheitlichen Gründen und die Neubesetzung der Stelle des Ers- 279 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun. MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Personalakte Martin. MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I, Verwaltungsakte Personal u. Geschäfte 1841-1855, Nr. 17. 280 Vgl. dazu a. Landsberg, Vom „Hottentottenarzt“ zum Museums- und Zoodirektor – Hinrich Lichtenstein, 2010. 281 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., S I Martin u. Appun. 282 Ebd., 1-2 a. 283 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, Personalakten P. L. Martin 1858-1874. A-D. Mittlerweile wurde ein Teil dieser Akten dem Staatsarchiv Ludwigsburg übergeben. Dort sind sie im Bestand EL 229 zu finden. 284 Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart, Personalakten P. L. Martin 1858-1874 A und C. Die Akten sind in der Zwischenzeit zum Teil an das Staatsarchiv Ludwigsburg ergeben worden. Sie wurden dort in den Bestand EL 229 Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart eingegliedert. 285 Ebd., A. 286 Ebd., A. 1.4 Quellen zu Philipp Leopold Martin 45 ten Präparators am Königlichen Naturalienkabinett mit Philipp Leopold Martin enthalten.287 Weitere Unterlagen befinden sich in den Kabinettsakten bezüglich des Obersthofmeisteramts zur Einrichtung eines Akklimatisationsgartens im Stuttgarter Unteren Schlossgarten von 1863-1864.288 Zu diesen gehört beispielsweise eine Zusammenstellung der zu erwartenden Kosten und ein Bericht betreffend die „Belohnung des Präparators Martin für seine Bemühungen“ nach Einstellung des Baus durch den württembergischen König Karl I. (1864-1891) , dem Sohn des Initiators Wilhelm I.289 Die meisten Akten der Königlichen Bau- und Gartendirektion und des Obersthofmeisteramts zum Zooprojekt im Stuttgarter Schlossgarten liegen aber im Staatsarchiv Ludwigsburg.290 Dabei handelt es sich unter anderem um handgeschriebene Entwürfe Martins sowie eine Abhandlung „Über den Zweck, den Werth und über die Anlage zoologischer Gärten“, die bereits aus dem Jahre 1862 stammt.291 Im Archiv der Stadt Stuttgart wiederum lagern die Bauakten des von Martin im Jahre 1873 in Nills Tiergarten eröffneten „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“.292 Bildliche Quellen Wie eingangs erwähnt, sind bildliche Quellen für das Thema dieser Arbeit von großer Bedeutung. Deshalb werden auf den folgenden Seiten die wichtigsten Abbildungen und Pläne im Zusammenhang mit Philipp Leopold Martin und seinem Werk vorgestellt. Neben den Porträts von Martin in der Schrift- und Bildgutsammlung des Zoologischen Museums der Humboldt-Universität wird im Stuttgarter Museum für Naturkunde eine sehr anschauliche Karikatur aus dem Jahre 1863 aufbewahrt, die einen Einblick in die Werkstatt eines zoologischen Präparators im 19. Jahrhundert erlaubt.293 Des Weiteren besitzt das Archiv des Naturkundemuseums in Stuttgart zwei Fotografien, der von Martin angefertigten Mammutnachbildung aus seinem „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ in Nills Tiergarten in Stuttgart. Das Original der ersten Abbildung befindet sich in den Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe.294 Die Baupläne des Gebäudes von Martins „Museum der Urwelt bis zur Gegenwart“ sind ebenfalls erhalten geblieben und liegen im Stadtarchiv Stuttgart.295 Leider existieren neben den Abbildungen von Martins Mammutnachbildung und den 287 HStAS E 14 Bü 1570. 288 Ebd., Bü 189. 289 Ebd., Bü 1570, 8. 290 StAL E 21 Bü 74 sowie StAL E19 Bü 716. 291 StAL E 21 Bü 74, 1-2. Die eigentlichen Baupläne des Stuttgarter Zooprojekts unter wissenschaftlicher Leitung von Philipp Leopold Martin aus den Jahren 1863-64 waren trotz intensiver Suche nicht mehr auffindbar. In den Akten zum Akklimatisationsgartenprojekt im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und dem Staatsarchiv Ludwigsburg finden sich zwar Hinweise auf Anlagen und Pläne; wo sich diese befinden, konnte auch mit Hilfe der Archivmitarbeiter nicht geklärt werden. 292 StAS BRA 265/2. 293 MfN d. HUB, Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen, Zool. Mus., Orn, 94,2. Archiv des Staatlichen Museums für Naturkunde. Vgl. Abb. 15, S. 107 u. Abb. 10, S. 81. 294 Adam, Die Stuttgarter Mammut-Nachbildung von Philipp Leopold Martin, 1961, S. 50. Vgl. a. Tabelle 4 auf S. 466 f. 295 StAS BRA 265/2. Vgl. Abb. 19, S. 142. 1 Einleitung 46 Bauplänen keine weiteren Innenansichten aus dem Museum mehr, so dass man sich, was andere Exponate des Museums betrifft, auf zeitgenössische Schilderungen verlassen muss. Die Abbildungen, die Martins sonstiges Werk illustrieren, sind in den Bänden seiner „Praxis der Naturgeschichte“ enthalten, in den Anhängen sowie im „Atlas“. So finden sich im ersten Band der „Taxidermie“ Abbildungen zeitgenössischer Präparierbestecke, Beispiele für die Gestaltung von Etiketten für Säugetier- und Vogelbälge, Schemata für die Herstellung von Glasaugen oder – anatomische – Tierstudien.296 Im Band „Dermoplastik und Museologie befinden sich im Anhang ebenfalls Tierstudien die von den bekannten Tier- und Landschaftsmalern Paul Meyerheim (1842-1915) und Friedrich Specht (1839-1909) nach dem Vorbild von Tieren des Zoologischen Gartens Berlin angefertigt wurden. Dazu gehören zum Beispiel Elefanten- und Vogeldarstellungen.297 In dem ebenfalls zu seiner „Praxis der Naturgeschichte“ gehörenden „Atlas“ des dritten Teils „Naturstudien“ sind schließlich Martins „Vorschläge und Entwürfe für das Anlegen von Naturgärten in kleineren Verhältnissen und grösseren Centralgärten für Natur- und Völkerkunde“ zu finden. Die bildlichen Darstellungen sind teilweise nach den Vorbildern aus bereits existierenden Tiergärten von seinem Sohn Leopold Martin anschaulich in Szene gesetzt worden.298 Darunter befinden sich der Entwurf zu einem „Ägyptischen Tempel“ oder einer „Indischen Pagode für Affen, Halbaffen und kleinere Raubthiere.“ Tafel X zeigt die Studie zu einen „Stück Jurawelt“, welches nach Martins Vorstellungen im Freien präsentiert werden sollte.299 Tafel XII bietet schließlich einen „Schematischen Plan“ zu Martins Entwurf eines „Centralgartens für Natur- und Völkerkunde“ mit einer Gliederung in verschiedene „Welttheilsgebiete“.300 Gegenständliche Quellen Ebenso wie Abbildungen sind Martins Präparate, Tiernachbildungen und Tiergruppen – soweit noch vorhanden – für die Untersuchung und Einordnung seiner Arbeit und Bedeutung zu berücksichtigen. Die Suche danach erwies sich – wie erwartet – als langwierig und nur zum Teil erfolgreich. So war es möglich, dank der Mithilfe von Museen, an denen er einst wirkte oder für die er Auftragsarbeiten anfertigte sowie über Verweise in der Literatur, wenigstens ein paar seiner Präparate ausfindig zu machen. Das Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität in Berlin besitzt, laut 296 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Erster Theil. Taxidermie oder die Lehre vom Präpariren, Konserviren und Ausstopfen der Thiere, Naturalienhandel, etc., (1. Aufl.), Tafel I-V, 1869. Vgl. z. B. Abb. 28, S. 176, Abb. 29, S. 178. 297 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch. Zweiter Theil. Dermoplastik und Museologie, oder das Modelliren der Thiere und das Aufstellen und Erhalten von Naturaliensammlungen, (1. Aufl.), Tafel I-VI, 1870. Vgl. z. B. Abb. 34, S. 183 u. Abb. 43, S. 205. 298 Martin, Die Praxis der Naturgeschichte. Ein vollständiges Lehrbuch Atlas 3. Atlas zur Praxis der Naturgeschichte Theil 3, Tafel I-XII, 1878. Vgl. Abb. 70-75, S. 291-295. 299 Ebd., Tafel X. Vgl. Abb. 75, S. 295. 300 Ebd., Tafel XII. Vgl. Abb. 69, S. 289. 1.4 Quellen zu Philipp Leopold Martin 47 Auskunft von Dr. Hannelore Landsberg, der Leiterin der Historischen Bild- und Schriftgutsammlung, noch eine große Anzahl vorzüglich präparierter Tiere aus Martins Berliner Schaffensperiode. Leider ist es auf Grund der Vielzahl der Präparate im Magazin des heutigen Berliner Museums für Naturkunde nicht möglich – bis auf die Ausnahme der im Museumsshop erhältlichen Postkarte eines Blaulappenhockohuhnes (Crax alberti) – Fotografien weiterer Präparate zu erhalten.301 Auch das Museum für Naturkunde in Stuttgart bewahrt in seinen Magazinen noch Präparate Martins auf. Fotografien von drei besonders anschaulichen Exemplaren wurden für die vorliegende Arbeit zur Verfügung gestellt; und zwar eine Raubkatzenart aus Ostindien (Prionailurus bengalensis, Kat. Nr. 915), eine Marderart aus Nepal (Martes flaviguie, Kat. Nr. 790) und ein weiterer Säuger aus Süd-Russland (Mustella eversmanni, Kat. Nr. 938).302 Des Weiteren besitzt das Naturhistorische Museum in Rudolstadt in Thüringen Präparate, die von Martin als Auftragsarbeiten angefertigt wurden. Darunter befinden sich zum Beispiel ein „Tigerweibchen“ (Panthera tigris) aus Ostindien, das Martin für 166,17 M. im Jahre 1878 präpariert hatte, ein Schimpanse (Troglodytes niger), ein Orang -Utan (Pithecus satyrus) oder auch ein Leopard (Felis pardus).303 Diese Tiere wurden von Martin ebenfalls im Jahr 1878 präpariert.304 In der naturhistorischen Sammlung des Lippischen Landesmuseums in Detmold wird zumindest ein Präparat Martins aufbewahrt. Dabei handelt es sich laut Prof. Rainer Springhorn, dem ehemaligen Leiter des Landesmuseums um das Präparat eines Adlers „Aquila Ayuja“ (Geranoaetus melanoleucus), der als Geschenk Martins im Jahre 1865 an das Naturhistorische Museum nach Detmold ging.305 Weitere Präparate Martins sind laut Ilse Jahn in den Naturkundemuseen von Halle und Halberstadt vorhanden.306 Die Anfrage bei der Zoologischen Sammlung der Martin-Luther-Universität in Halle war erfolgreich. In den Beständen dieser Sammlung konnten achtzehn Präparate ermittelt werden, darunter zahlreiche Vogelarten, ein Schuppentier und eine Stachelschweinart. Von den Nachbildungen urweltlicher Tiere, die Martin in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts angefertigt hat, ist leider keine einzige erhalten geblieben.307 Mit Ausnahme der Stuttgarter Mammutnachbildung zeugen nicht einmal mehr Abbildungen von ihrer Existenz. Hinweise darauf, wie die Nachbildungen von Ichthyosaurier, Plesiosaurier und Höhlenbär ausgesehen haben mögen, geben 301 Vgl. Abb. 32, S. 181. 302 Vgl. Abb. 37 u. Abb. 36, S. 188 und S. 187. 303 Mey, Daten zur Geschichte des Naturhistorischen Museums Rudolstadt, 1988, S. 13. Die erwähnten Präparate sind im Inventarverzeichnis des Naturhistorischen Museums Rudolstadt zu finden. Vgl. Inventarverzeichnis des Naturhistorischen Museums Rudolstadt aus dem Jahr 1880. 304 Vgl. Inventarverzeichnis des Naturhistorischen Museum in Rudolstadt aus dem Jahr 1880. 305 Vgl. dazu auch Springhorn, 150 Jahre Naturwissenschaftliche Sammlung und Naturhistorisches Museum in Detmold, 1985, S. 287-314. Springhorn, Die frühe Phase der naturhistorischen Sammlung des Lippischen Landesmuseums. Stiftungen aus der Zeit von 1835-1891, 1985, S. 98 f. 306 Jahn, Philipp Leopold Martin (1815-1885), 1989, S. 12. 307 Im Keller des Veterinäranatomischen Instituts in Gießen, der letzten Wirkungsstätte von Paul Martin, dem Sohn Philipp Leopold Martins, sollen noch jahrelang nach dessen Tod Köpfe der von Martin angefertigten Nachbildungen ausgestorbener Tierarten gelagert worden sein. Was aus diesen Überresten wurde, ist dem Autor nicht bekannt. Zu Paul Martin vgl. Noell, Paul Martin, 1987. 1 Einleitung 48 aber die Abbildungen in den Werken von Oskar Fraas (1824-1897) mit dem Titel „Vor der Sündfluth“ sowie von Franz Unger (1800-1870) und dem steirischen Künstler Joseph Kuwasseg (1799-1859) mit dem Titel „Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden“.308 Die darin enthaltenen Darstellungen gehören zu den Quellen, die Martin heranzog. Der Mammutnachbildung Martins war ein etwas längeres „Leben“ beschieden. Bereits im Jahre 1877 an den Naturalienhändler Henry Augustus Ward (1834-1906) in die USA verkauft, wurde sie dort dreimal kopiert.309 Die letzte der Kopien wurde im Jahre 1948 am Museum der University of Virginia in Charlottesville abgebrochen, eine Kopie ist verschollen und die dritte wurde beim großen Erdbeben von San Francisco im Jahre 1906 zerstört.310 Von der Stuttgarter Mammutnachbildung und ihren Kopien sind aber einige Fotografien und zahlreiche Abbildungen erhalten geblieben. In der Literatur werden diese in einigen Fällen fälschlicherweise als „Petersburger Mammut“ oder als „Ward’s Mammoth“ – bezeichnet.311 308 Fraas, Vor der Sündfluth, 1866. Unger, Die Urwelt in ihren verschiedenen Bildungsperioden, 1858. 309 Vgl. Kap. 4.4.1, S. 361ff. u. Tabelle 3, S. 465. Vgl. a. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001. 310 Vgl. Tabelle 3, S. 465 u. Debus, The Last Great Siberian Mammoth, 2001. 311 Vgl. Tabelle 4, S. 466 f. 1.4 Quellen zu Philipp Leopold Martin 49

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