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Ludger Eversmann

Die Große Digitalmaschinerie

Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4038-6, ISBN online: 978-3-8288-6756-7, https://doi.org/10.5771/9783828867567

Tectum, Baden-Baden
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Ludger Eversmann Die Große Digitalmaschinerie Ludger Eversmann Die Große Digitalmaschinerie Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften Tectum Verlag Ludger Eversmann Die Große Digitalmaschinerie Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften © Tectum Verlag - ein Verlag in der N om os VerlagsgesellschaS, Baden-Baden 2017 ISBN: 978-3-8288-6756-7 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes W erk unter der ISBN 978-3-8288-4038-6 und als ePub unter der ISBN 978-3-8288-6757-4 im Tectum V erlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 93450080 von Paul Sakuma, picture alliance / AP Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird. Karl Marx Wir müssen die Eigentumsfrage stellen. Denn die Automatisierung ist nur dann ein Horrorszenario, wenn man innerhalb der kapi talistischen Logik denkt. Sie könnte ein Paradies sein, wenn die Maschinen allen gehörten. Patrick Spät GROUP ORDER 1 290' 0RDER*m i3 100%-SlLK ORDER #1437 I00%SHK ORDER #4343 100%SHK 100 UNITS 1 UNIT 1 UNIT GROUP ORDER 2 291J ORDER #4321 10Ü%COTTON ORDER # 4394 100% COTTON ORDER #917 100%COTTON 5 UNITS 1UNE 40 UNITS 17Q t - : \ \ QC ! \ Station , n n n n n A ,o o o □ y \ / —a Packing Station <7 zw Amazon’s Textilfabrik IN H ALT Vorw ort................................................................................................................................9 Einleitung.......................................................................................................................... 13 Ein Kantischer W ertehorizont........................................................................................33 Normative Implikationen des M enschenbildes.................................................... 41 Das Kantische und das Aristotelische G ute............................................................ 48 Menschenwürde, Freiheit und Notwendigkeit......................................................51 Vernunft und Autonom ie.......................................................................................... 56 Rationalität................................................................................................................... 58 Kultur..............................................................................................................................61 W issenschaftstheorie.................................................................................................63 Ästhetik......................................................................................................................... 67 Grundlegende Begriffe und Annahm en....................................................................... 75 Poietische und Praktische Handlungen...................................................................75 Dispositive und exekutive (funktionale) Handlungen...........................................75 Automatisierbare und nichtautomatisierbare (Arbeits-)Handlungen...............76 Wertschöpfung und W erteverzehr..........................................................................76 Zielsetzungsautorität..................................................................................................76 Grenzen der Automatisierbarkeit.............................................................................76 Endliche und nichtendliche Bedürfnisse.................................................................78 Rationale Bedürfnisse.................................................................................................78 Objektive (nichtteilbare) und subjektive (teilbare) W erte ..................................79 Vermehrbare und nichtvermehrbare G ü ter.......................................................... 79 Automatisierbare Ökonom ie.....................................................................................79 Ziele der Ökonom ie.................................................................................................... 80 Marktökonomie und Autom ation............................................................................80 Sicherung der Funktionsfähigkeit.............................................................................81 Nichtautomatisierbare Ökonomie............................................................................81 Transform ation............................................................................................................82 [7] Kapitalismus: Blüte, Degeneration und Götterdämmerung...................................... 85 Krisentheorien.............................................................................................................87 Die Krise der Realwirtschaft................................................................................. 89 Das Goldene Zeitalter........................................................................................90 Die Krise der Eurozone......................................................................................96 Kondratieff, Rostow ,Toffler.............................................................................98 Die Bankenkrise.................................................................................................... 102 Die Krise der öffentlichen H aushalte................................................................113 Die Krise der Institutionen und der öffentlichen M einung.......................... 117 Neoliberalism us.........................................................................................................133 Die Krise der Intellektuellen - Kritik ohne Lösungen..........................................140 Neue politische Ökonomie mit „Commons" und „Open Source Ecology"?.. 157 Im Maschinenraum: Die Emergenz produktiver Universalität................................171 Digitale Fabrikation...................................................................................................174 Lehren aus dem M aschinenfragment................................................................... 195 Make or buy or buy the m aker............................................................................... 208 Evolution der Produktionssysteme im Wandel des M arktumfeldes...............219 Automobilproduktion gestern, heute und m orgen............................................230 Chancen für Start-Ups und Unternehm ensgründer?........................................ 242 Seif Sufficient Cities? Smart C ities?....................................................................... 250 Ausblick: Keine Plünderung der Erde!...................................................................257 Weltfabrik und W eltzivilisation................................................................................... 261 Perspektiven des tertiären Sektors....................................................................... 272 Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen................................................. 277 E p ilo g ...............................................................................................................................282 Literatur und L in k s........................................................................................................ 285 Abbildungen .................................................................................................................. 298 [8] V O R W O R T Lebt die Welt schon bald im „Maschinopozän“? Der israelische Historiker Yuval Noah Harari findet mit dieser Deutung seiner „kurzen Geschichte von Morgen“ große publizistische Aufmerksamkeit. Die sinnstiftende Erzählung der „Digitalmo derne“ ist der „Dataismus“: Datenfluten und die sie auswertenden Algorithmen be herrschen die Menschenwelt, und geben ihr einen Sinn, den die Menschen nicht ver stehen müssen. Auf der CeBIT desjahres 2017 präsentierte der japanische Premierminister Shinzo Abe den Entwurf seines Landes für das „fünfte Zeitalter der Menschheitsgeschichte“, die „Gesellschaft 5.0“. Darunter versteht man in Japan die „Integration von Senso ren, Robotern, Big Data und Cloud Computing in die Gesellschaft, um die Lebens qualität zu verbessern und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln“.1 Wachstum ankurbeln — das klingt vertraut. So wenig man auch weiß über das „fünfte Zeitalter derMenschheitsgeschichte“, die „Gesellschaft 5.0“ oder die „kurze Geschichte von morgen“, so doch scheinbar dies: ein Wirtschaftswachstum wird schon dazugehören. Warum — vielleicht, weil Daten für die Tech-Konzerne dann zu Geld werden können. Aber entsteht so Lebensqualität? Yuval Noah Harari schreibt dazu in seinem Buch „Homo Deus“, die Algorithmisierung der Gesellschaft erodiere die Autonomie des Einzelnen; der Mensch werde so entmündigt. Das „Smart Home“ wird zu einer Fabrikhalle, in der Daten produziert werden, schreibt der jungejournalist Adrian Lobe in der ZEIT. Und noch die Kapitalismus kritik selber, der politische Diskurs, diffundiere auf Facebook oder Google zu „Treib stoff für die riesige Datenmaschinerie“ — weil „die Tech-Konzerne damit nur ein paar Werbedollar mehr verdienen. Es ist diese Kapitalisierung des Diskurses, die jeden Protest in den Serverfarmen diffundieren lässt.“ Es wäre zu wünschen, dass die Politik diesen Techno-Utopien eine Erzählung ent gegensetzt, sagt Lobe, eine positive Erzählung, „die nicht nur die Gefahren der Au tomatisierung beschwört, sondern auch das Menschsein in einer maschinellen Welt fabrik betont.“2 Betonung des Menschseins? Wenn damit gemeint ist, die Autonomie und die Würde des Menschen zu betonen und anzuerkennen, sollte es durchaus möglich sein, eine „maschinelle Weltfabrik“ zu beschreiben, in der der Mensch ihr sinnstiftender Mittelpunkt ist, auch ihr Schöpfer; und ihr Nutznießer, der sie nutzen darf zu legiti men Zwecken. Dann geht es auch nicht mehr um ewiges Wachstum. Wirtschafts wachstum ist kein Selbstzweck, und auch die Wirtschaft ist nicht Selbstzweck, son dern soll dem Menschen dienen. Letzter und einziger Zweck allen Wirtschaftens ist der Konsum, sagte Adam Smith, der zweckdienliche Gebrauch. Einen letzten Zweck in sich selber hat nur der durch seine unantastbare Würde ausgezeichnete Mensch. 1 A. Lobe: Japans smarte Utopie. Die ZEIT online vom 9.4.2017 2 A. Lobe: Is td ie M enschheitbald am Ende... Die ZEIT online vom 10.4.2017 [9] Um die entstehende maschinelle Weltfabrik aber in diesem Sinne nutzbar zu ma chen, wird sie sich in einem entscheidenden Punkt unterscheiden müssen von allen bisherigen maschinellen Fabriken. In aller uns bisher bekannten industrialisierten Ökonomie brachte die einzelne spe zialisierte Fabrik das individuelle Wirtschaftsgut hervor, das dem Konsumenten den individuellen Nutzen stiftet. Viele spezialisierte private Fabriken im Wettbewerb brachten viele Wirtschaftsgüter hervor, in der Summe diese Marxsche „ungeheure Warensammlung“, die den Kapitalismus kennzeichnet, und der Gesellschaft den größtmöglichen Nutzen stiften soll. Allokiert wurden diese Güter über den Markt. Vor unseren Augen entsteht aber nun eine universale digitalisierte Weltfabrik, und dies nicht etwa nur in dem allegorischen Sinne, den Journalisten oder Philosophen diesem Begriff gerne unterlegen. Ein Beispiel: Im April desjahres 2017 gewann der Versandhändler Amazon, auf dem besten Wege zu einem weltweite Warenströme beherrschenden Monopolisten zu werden, ein Patent auf ein vollautomatisches Fab rikationssystem zur Herstellung von Bekleidung.3 Die Kunden wählen im Internet das Design ihres Wunschartikels, in diesem Fall das Bekleidungsstück, passen es ihren Wünschen und Bedürfnissen an, und geben seine Produktion in Auftrag. Die maschi nelle Fabrik erstellt dann universal (fast) jedes beliebige Kleidungsstück. So etwas ist sicher eine tolle Sache für die Kunden. Aber es liegt darin eine Gefahr: es unterstützt leider auch die Tendenz zur Bildung eines sogenannten natürlichen Monopols, denn der erste Anbieter, der ein solches weltumspannendes System instal liert, ist von seiner Marktposition kaum noch zu verdrängen. Nicht nur, weil diese Möglichkeit in einer kapitalistischen Ökonomie trotzdem immer besteht, ist er mehr oder weniger gezwungen, Monopolpreise durchzusetzen, so weit und so lange es ihm möglich ist. Und das ist dann keine tolle Sache mehr für die Kunden. Dieses Fabrikationssystem von Amazon ist nun nicht etwa ein Unikat, sondern, ganz im Gegenteil: es stellt gewissermaßen einen (bisherigen) Gipfelpunkt der Evo lution von Fertigungssystemen dar, dem die gesamte industrielle Produktion bereits seit Jahrzehnten folgt. Das Prinzip heißt: Produktion on demand, hochflexibel und möglichst universal, dezentral und klein. Amazon ist nur der Trendsetter. Darum sehen wir hier in nuce große Chance, Gefahr — und kritischen Scheidepunkt: entweder die Öffentlichkeit, die Menschen als Verbraucher übernehmen Betrieb und Nutzung dieser maschinellen Produktionssysteme selber, vertreten durch demokra tisch legitimierte Organe, oder — der Kapitalismus siegt sich vollends zu Tode. Vor gut zwanzigJahren wurde in Deutschland einmal eine Revolution ausgerufen. Die deutsche Wirtschaftsinformatik, eigentlich eher konservative Professoren, hatte die „Vollautomation des Unternehmens“ proklamiert. Auch die amerikanische ACM, die AssoyiationforComputingM achinery, hatte sich forschend die Frage gestellt, was die Information "Technology eigentlich treibt und will, und fand: sie will immer nur das gleiche — alles automatisieren, was irgendwie automatisiert werden kann. 3 Detailing A m azon’s Custom-Clothing Patent: Bericht der N ew York Times vom 30.04.2017. https://www.nytimes.com/2017/04/30/technology/detailing-amazons-custom-clothing-patent.html [Stand 1.07.2017] [10] Diesen Trend hatte schon Karl Marx erkannt, wie man sich heute auch etwa aus Anlass des 150.Jahrestages der Kapital-Veröffentlichung nur zu gut erinnert. In sei nem „Maschinenfragment“ sah Marx dadurch die bürgerliche Gesellschaft eines Ta ges „in die Tuft gesprengt“. Wie aber das nun genau vor sich gehen soll, konnte weder Marx genauer beschreiben, noch wäre dies bisher in den Debatten um das Ende des Kapitalismus deutlich geworden. Offensichtlich spielt die Automation eine zentrale Rolle, aber man weiß nicht genau wie.4 Wie mir damals genauere Betrachtung zeigte, entfaltet sich der Begriff Automation in gwei Dimensionen: Produktivität und Universalität. Ich hatte als Kind der Utopie gläubigen 1968erjahre irgendwie zur Informatik gefunden, und schrieb später meine Doktorarbeit über diese proklamierte Vollautomation des Unternehmens. Gedank lich weniger von Marx geleitet als etwa von Kant und der Vernunftphilosophie fand ich, dass ein vollautomatisiertes Unternehmen eigentlich kein Unternehmen mehr ist, sondern ein Automat. Da aber nun die Automaten der Informatik notwendigerweise universale Automaten sind — ohne die Universale Turing Maschine gäbe es keine Computer, und ohne die keine Informatik —, kam ich zu dem Schluss, dass ein Auto mat, der einmal ein Unternehmen war, auch ein universaler Automat sein muss, in dem Fall also eine universale Fabrikationsmaschine, denn sonst könnte er — normativ beschrieben — das Unternehmen als Wohlstand erzeugende Instanz nicht ersetzen. Meine Doktorarbeit wurde angenommen; allerdings gab es damit noch keine uni versale Fabrikationsmaschine. Aber wie gerufen betrat dann einigejahre später Neil Gershenfeld die Bühne, Informatik-Professor am berühmten MIT5, der auch als Phy siker auf dem Feld der Nanotechnologie mit Nano-Bots geforscht hatte, und erklärte die universale Fabrikationsmaschine zum nächsten großen Thema der Informatik, zum N extBig Thing. Seine neue Wissenschaft der Informatik nannte er Science o f Digital Fahrication, ihr Forschungsgegenstand sei die UniversalDesktop Fabrication oder der Per sonal Fabricator, und jeder macht sich damit selber anything, anytime, anywhere. Aus der Automatisierung wurde dadurch die Digitalisierung. Die Idee der Universalen Digitalen Fabrikation war damit geboren. Aber sie muss nun noch recht verstanden werden, sowohl in ihrer Verursachung, als auch in ihren — positiven wie negativen — Potenzialen.6 Wie im Brennglas werden diese sichtbar in der vollautomatischen Textilproduktion des Versandhändlers Amazon: das System ist zwar (noch) spezialisiert auf die Produktion von Textilien, von diesen kann aber universal, also so gut wie jedes beliebige Teil auf Knopfdruck hergestellt werden; es werden nur die in digitaler Form abgelegten Produktmodelle benötigt. Und genau darum braucht es kein spezialisiertes Textil-Unternehmen mehr, um so ein System zu betreiben: jeder kann es betreiben, auch ein privater Versandhändler, oder eben, am besten, mit dem größten Wohlfahrtseffekt: die Verbraucher „selber“. 4 Vgl. dazu auch die von M. Grefrath herausgegebene Sammlung von „neuen Lektüren des Kapital“ . RE: Das Kapital. München 2017 5 M assachusetts Institute ofTechnology, in Cambridge, Massachusetts, USA. 6 Ein Kolloquium, das am 4. Juni 2016 in Leipzig stattfand, bemühte sich um ein Verständnis der Bedeutung der „digitalen Revolution“ für die „sozialen Verhältnisse des 21. Jahrhunderts“ . Über die Feststellung hinaus, dass die „digitale Revolution“ oder die „Industrie 4.0“ m it „fundamentalen Veränderungen in den Produktions und Lebenswelten“ in verursachendem Zusammenhang steht, hat man sich der Frage, was „das Bestimmende“ sei an diesen Veränderungen, offenbar kaum weiter annähem können. Vgl. Janke / Leibiger (Hrsg.) (2017). [11] Digitalisierung ist nun irgendwie in, ohne dass man recht wüsste, warum. Wer von Digitalisierung spricht, auf vielerlei Konferenzen, meint damit etwas, das man nicht verpassen darf, sonst wird man abgehängt. Es müsse sich eben alles vernetzen, sagte Premierminister Abe auf der CeBIT. Auch wer sich nicht upgradet, wird abgehängt. Die Industrie soll die Vierte Industrielle Revolution nicht verpassen, und alle ändern sollen Digitalunternehmer werden und Start-Ups gründen. Ja, Start-Ups gründen — die Gründung eines Start-Ups ist tatsächlich nicht automatisierbar. Das Scheitern der großen Mehrheit aller Start-Up-Versuche ist allerdings so gut wie vor-programmiert. Die Idee der Vollautomation indes taucht wieder auf bei jungen Revolutionären, die die verlorene Zukunft wieder entdecken wollen. „Künftig soll niemand mehr ar beiten müssen!“, schreiben sie sich auf die Fahnen. Und sie wissen möglicherweise nichts von dem Automationsplan der deutschen Wirtschaftsinformatik, von der Di gitalen Fabrikation, oder von Marx‘ Maschinenfragment. Ist das aber nun die Erzählung des „Maschinopozäns“? Vollautomation? Niemand soll mehr arbeiten? Die Erzählung ist die, dass die ehemals private Maschinerie der „großen Industrie“ im Verlauf der Digitalisierung öffentlich und gesellschaftlich wird (genauer: werden muss). Sie muss dazu nicht per politischem Dekret erklärt werden, denn sie kann nur auf diese Weise ihren wohlstandserweiternden und ihrer Funktionsweise eingeschrie benen Zweck erfüllen. Genau diese weltweit vernetzte digitale Maschinerie hervor zubringen, war der Kapitalismus „transitorisch notwendig“. Wenn die Menschen, die Gesellschaften diesen Zusammenhang erkennen und die weltweite digitale Maschi nerie dieser ihr ureigensten Bestimmung zuführen, dann kann es sein, dass die Welt fabrik zu einer großen automatischen Maschine für alle Menschen, und zur Grund lage einer verbesserten Chance für das bonum humanum geworden ist. Sie muss dann tatsächlich für alle da sein und kann nicht an der Börse gehandelt werden, so wenig wie die ganze Welt an der Börse gehandelt werden kann. Dann kann das „fünfte Zeitalter der Menschheitsgeschichte“ beginnen, die Gesellschaft 5.0. Ist diese Erzählung Historischer Materialismus? Jürgen Habermas legte vor über 40 Jahren seine Bemühungen um eine Rekonstruktion des Historischen Materialis mus vor. Dessen Tradition sah Habermas damals noch nicht verschüttet, weshalb der Marxismus eine „Renaissance nicht nötig“ habe. Aber eine Rekonstruktion: „Das be deutet in unserem Zusammenhang, dass man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen: das ist der normale (ich meine: auch für Marxisten normale) Umgang mit einer Theorie, die in mancher Hinsicht der Revision bedarf, deren Anregungspoten tial aber noch (immer) nicht erschöpft ist.“ In der Tat ist das Anregungspotential des Marxismus spätestens nach der Finanz krise ab 2008 wiederentdeckt worden. Aber vielleicht kommt der entscheidende Im puls zu einer Wieder- oder auch erst Neubelebung der zuerst von Marx ausgespro chenen und ausgearbeiteten Ideen und Hoffnungen aus ganz anderen Wissensquellen als jenen, in denen Marx, Marxisten nach ihm, Ökonomen, Soziologen, Psychologen, Politologen und Philosophen danach je gesucht haben. [12] E IN L E IT U N G Wie sieht die nächste Gesellschaft aus? Was erwartet uns nach dem Kapitalismus? In aller Kürze wird in diesem Buch die folgende Antwort auf diese — nicht unerheb liche — Fragestellung versucht: Man kann den Einstieg wählen über die Frage nach dem Ort der wirtschaftlichen Belange in einer Gesellschaft. Seit den Anfängen der klassischen Wirtschaftswissen schaften, durch alle Schulen und Lager hinweg, war die ordnungspolitische Frage nach der Aufgabenverteilung zwischen Staat und Privatwirtschaft eine entscheidende und richtungweisende, von der die Mehrzahl der weiteren abhängt. Gehören die wirt schaftlichen Belange der Gesellschaft ganz oder überwiegend in die öffentliche, oder in die private Sphäre? Welche Sphäre ist die dominierende? Etwa nachjoseph Schum peters heute rund 70 Jahre alter Definition war eine sozialistische Gesellschaft ein „institutionelles System, in dem die Kontrolle über die Produktionsmittel und über die Produktion selbst einer Zentralbehörde zusteht“,7 mit anderen Worten, in dem die wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft in die öffentliche Sphäre gehören. In einem nichtsozialistischen System gehören sie in die private Sphäre. Schumpeter unterscheidet hier nun zwischen Kontrolle über die Produktionsmittel und Kontrolle über die Produktion selbst. Unabhängig davon wo Schumpeter den Unterschied sah, kann man danach unterscheiden, ob sich die Kontrolle auf die Ab läufe in der Produktion selber richtet, also deren Verfahrensrationalität und die res sourceneffiziente Verwendung der Produktionsfaktoren, oder auf die Kontrolle über die Produktentwicklung und die Produktionsentscheidungen, also was produziert wird, in welchen Mengen, und zu welchem Preis es verkauft wird. Nach welchen Kriterien werden diese letzteren Entscheidungen getroffen? In privatwirtschaftlich verfassten Ökonomien wird hier nach erwerbswirtschaftlichen Prinzipien entschie den, also nach der Marktrationalität. Liegt die Kontrolle darüber in der öffentlichen Sphäre, kann nach Prinzipien einer politischen Vernunft entschieden werden, die Produktionsentscheidungen können also nach öffentlichen, allgemeinen, überpriva ten Interessen ausgerichtet werden. Die vergangenen Jahre seit der Finanzkrise ab 2008 haben nun Zweifel an der Steuerungskapazität der Marktkräfte nach marktrationalen Prinzipien geweckt. In zu nehmend reifen, wohlhabenden und konsolidierten Ökonomien mit gesättigten Märkten führt die Suche nach renditetragenden Verwendungen des nicht in den Pro duktionsmitteln gebundenen Kapitals zu immer weniger wohlfahrtsichernden oder erweiternden Investitionen; das Geld wird aufgesogen von der Finanzindustrie, und wandert in unproduktive, spekulative Verwendungen. Auf der anderen Seite hat sich im Laufe des realsozialistischen Experiments gezeigt, dass die Steuerungsfünktion frei gebildeter Marktpreise kaum effizient zu ersetzen ist; die politische Vernunft ist bei der Planung und Festlegung solcher mikroökonomischer Produktions- und Preisent- 1 Schumpeter (1947 / 2005), S. 268 [13] Scheidungen offenbar überfordert. Dieses Dilemma hat seither immer wieder die Su che nach „dritten Wegen“ motiviert, nach neuen Modalitäten der wirtschaftlichen Kooperation und Ordnungsbildung zwischen oder jenseits von Markt und Staat — gefunden wurden sie bisher nicht. Die Entwicklungen der digitalen Fertigungstechnologien haben nun im Verlauf eines bereits seit mehr als dreijahrzehnten anhaltenden Prozesses dazu geführt, dass diese Trennung zwischen „Kontrolle der Produktionsmittel selbst“ und den Produkt design- und Produktionsentscheidungen sich in den Fertigungsprozess selbst hinein verlagert hat. Der Fertigungsprozess selbst wird gesteuert durch das digitale Design, den „digitalen Zwilling“8 des Produkts, eine auf verschiedensten Datenträgern ver fügbare Menge von Daten, die das zu fertigende Produkt und seinen Produktions prozess digital beschreiben. Ist dieser digitale Zwilling einmal entwickelt, steuert er seinen Produktionsprozess weitgehend selber. Die Entscheidung, wie er aussieht, und ob er real und physisch das Licht der Welt erblicken soll, ist dann an anderer Stelle getroffen worden. Absicht dieses Buches ist es, die Annahme zu begründen, dass sich durch diese Aufspaltung des Fertigungsprozesses, durch die Entkopplung von Fertigung und De sign, ein neuer dritter Weg der ordnungspolitischen Gestaltung der Sphäre des Öko nomischen eröffnet. Ermöglicht würde dies dadurch, dass man die physische Gestal tung, also die industriellen Produktionsmittel, die (fast) beliebige digitale Datenmo delle realisieren und dem Konsumenten zur Verfügung stellen können, der Kontrolle der Öffentlichkeit9 übergibt, während die Produktentwicklung, der kreative und ei gentlich wertschöpfende Prozess, in privater oder teilprivater Zuständigkeit verblei ben. Eine damit gekoppelte bzw. resultierende Annahme ist die, dass öffentliche Pro duktionssysteme die in den vergangenenjahrzehnten und zuletzt in der sog. Finanz krise kulminierten Funktionsstörungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise korrigie ren können, indem sie das in ihnen gebundene Kapital vom globalen Kapitalverwer tungsprozess isolieren, und es privaten, renditeorientierten Verwendungen verweh ren. In der längeren Frist könnte ihnen dadurch das Potential Zuwachsen, die von privaten Kapitalverwertungsinteressen dominierte wachstumsabhängige Wirtschaft in ein stabiles, ökologisch nachhaltiges und am Ziel der Erhaltung oder Erweiterung öffentlicher und privater Wohlfahrt orientiertes System zu transformieren. Das Niveau der Leistungsfähigkeit der industriellen Produktion muss dabei gene rell bzw. mindestens als Potential erhalten werden können. Dies wird durch die Ent 8 In einem Bericht des „Handelsblatt“ m it dem Titel „Ein digitaler Zwilling fürjedes Produkt“ heißt es zu dessen Begründung: „Die Idee: Künftig bekom m tjedes zu fertigende Produkt einen „digitalen Zwilling“, der von den ersten Entwürfen bis zur Fertigungslinie kontrolliert und angepasst werden kann.“ http://www.handelsblatt.com/technik/hannovermesse/digitalisierung-in-der-produktion-ein-digitaler-zwilling-fuer-jedes-produkt/13496866-2.html [Stand 05.02.2017] 9 Nach Einschätzung von J. Rifkin wird „das Internet der Dinge eines Tages alles und jeden verbinden, und das in einem integrierten, weltumspannenden Netz.“ Das Internet wird auch „Dinge aus Daten“ transportieren, und damit zur technologischen Basisplattform dezentraler Produktion werden. Das Internet der Dinge als Basis plattform und die von den „digitalen Zwillingen“ entkoppelte Produktion haben die Tendenz, zu natürlichen M onopolen zu werden, und müssen darum öffentlich sein. Vgl. Rifkin (2014) S. 25, S. 109, S. 198 ff. [14] kopplung der Fertigung vom Produktdesign und eine weitgehend maschinelle faktor unspezifische Produktion prinzipiell ermöglicht. Eine maximal ressourcensparende Effizienz der materiellen Produktion kann wegen ihres zunehmend maschinellen Charakters auch in öffentlicher oder teilöffentlicher Verantwortung gewährleistet werden. Wertschöpfung geschieht dann nur noch in der Produktentwicklung, die mit Vertrieb und Markenrechten etc. in privater, zumindest zum Teil auch gewinnwirt schaftlich getriebener Regie und Verantwortung verbleibt, und so die an sich wün schenswerte Produktvielfalt gewährleistet, dies jedoch bei stark vermindertem rendi tegetriebenem Gewinnerwartungsdruck und damit reduziertem Wachstumsdruck. Gleichzeitig eröffnete sich so aber auch Einzelpersonen (dem einzelnen Konsumen ten) oder sonstigen Gruppierungen der Weg zu Ressourcen zur Produktentwicklung (Open-User-Innovation; „Wiki o f Things"“), die ihre Produktentwürfe zur Selbstver sorgung nutzen oder sie der Öffentlichkeit zum Kauf anbieten können. Der unterliegenden Erwartung gemäß wird dies ermöglichen, dass in weit größe rem Umfang überprivate Interessen bei Produktionsentscheidungen berücksichtigt werden können, und in der längeren Perspektive ein zentraler Quell der Interessen kollision zwischen privaten Erwerbsinteressen und öffentlichen Wohlfahrtsinteres sen neutralisiert werden kann. Dabei wird dies nicht mit einem Verlust von verfah rensrationaler Effizienz und einer Reduzierung der Produktvielfalt, oder der Ein schränkung der Souveränität und Wahlfreiheit des privaten Konsumenten erkauft; die verfügbare Produktvielfalt und -qualität soll erhalten bleiben, soweit die private, nicht künstlich stimulierte Nachfrage danach eben besteht. Die Überführung der Produktion in (teil)-öffentliche Hände kann die Bildung und Nutzung von Produktionsnetzwerken induzieren und befördern, woraus sich Syner gieeffekte ergeben, die sonst durch die Initiative privater Initiatoren kaum realisierbar wären, im Falle ihres Entstehens aber mit der Gefahr von Monopolbildung, der Er zielung von Monopolrenten und wettbewerbsverzerrenden Effekten zum Nachteil der Konsumenten verbunden wären. Die politische Verantwortung für die Koordination, Steuerung und Fortentwick lung der wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft in diesem Sinne wäre dann eher einem Automationsministerium10 zu übergeben, das das Ziel einer wohlfahrtsorien tierten Steuerung der automationsorientierten Umwandlung und Gestaltung der Ökonomien verfolgt, in Ablösung eines Wirtschaftsministeriums, das wachstumsori entierte Ziele verfolgte, in der Hoffnung auf die immer weiter bestehende Möglich keit der Entfesselung gewinngetriebener Wachstumskräfte. Soweit die sehr gestraffte Darstellung des Inhalts dieses Buches. Etwas weniger gestrafft und ausführlicher mögen nun die folgenden Gedanken und Überlegungen in den Problemzusammenhang einführen, und die Motive für den verfolgten Lö sungsansatz verdeutlichen. 10 Schumpeter dachte an ein demokratisch kontrolliertes „Produktionsministerium“ . Schumpeter (1947) S. 269 [15] Joseph A. Schumpeters Klassiker „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ er schien 1942 in englischer Sprache, und 1947 auch in Deutsch, bevor er dann im Laufe der Jahre in mindestens 20 weitere Sprachen übersetzt worden ist. Schumpeter war ein konservativer Ökonom, dessen Begriff von Innovation und wirtschaftlichem Fortschritt als „schöpferische Zerstörung“ und seine emphatische Verehrung der Unternehmerpersönlichkeit als „Führer“ mit „Siegerwillen“ ihm in wirtschafts freundlichen Kreisen wesentlich größere Sympathien und höhere Akzeptanz ver schafft haben dürften als etwa in linken Sozialrevolutionären Milieus. Dennoch stammt von ihm dieser Satz, den Menschen mit postkapitalistischen Hoffnungen und Denkweisen mit ganz anderen Augen und Empfindungen zur Kenntnis genommen haben dürften als „Konservative“: „Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, mei nes Erachtens nicht.“ Schumpeter hat in diesem Werk seine Auffassung entwickelt und vorgetragen, dass der Kapitalismus sich auf eine ganz natürliche und zwanglose Weise in einen staatlich und zentral gelenkten Sozialismus verwandeln werde. Diese Entwicklung betrachte er aber nicht mit Sympathie oder Antipathie, sondern als unparteiischer Beobachter; er stelle eine Prognose auf der Basis der ihm zur Verfügung stehenden Daten, so wie ein Arzt eine positive oder negative Prognose auf der Grundlage seiner Befünde stelle, ohne sich hierbei durch Sympathie für den einen oder anderen zu erwartenden Ausgang beeinflussen zu lassen. Bisher hat nun diese Entwicklung — die Transformation des privatwirtschaftlich dominierten Kapitalismus in einen staatlich-öffentlich dominierten Sozialismus — ganz offensichtlich nicht stattgefünden. Allerdings hat die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, spätestens mit Hereinbrechen der bislang letzten großen Krise, der sog. Finanz- oder Hypothekenkrise zwischen den Jahren 2007 und 2010 eine ganz neue und wohl nie erlebte Aktualität erhalten. Die Stimmen, die dem Kapitalismus eher geringere Uberlebensaussichten bescheinigten, dürften dabei in Anzahl und der Eindeutigkeit und Differenziertheit ihres Urteils diejenigen optimistischen Stimmen überwogen haben, die unverdrossen von einer unerschöpften Regenerationsfähigkeit des Kapitalismus ausgehen, und für die Welt der Börsen, der Konzerne, der Produk tivitätssteigerungen, des Wachstums und der Vollbeschäftigung am Horizont kein Ende aufziehen sehen, und die dabei möglicherweise noch nicht einmal die ökolo gisch verursachten Wolken am Himmel des ewigen Wachstums ihre Stimmung trü ben lassen. Wer allerdings eher geneigt ist, eine Endlichkeit der kapitalistisch geprägten Ent wicklung für wahrscheinlich zu halten, ist damit noch nicht unbedingt und in jedem Fall in der Lage oder auch willens11, einen Nachfolger zu benennen, also die wirt schaftlichen und politischen Umstände anzugeben oder zu umreißen, unter denen jenseits kapitalistischer ökonomischer Prinzipien und Regularien würde gelebt und gearbeitet werden. Dass es allerdings nicht ein Sozialismus — so wie wir ihn kannten — sein wird, in den sich die sozioökonomische Wirklichkeit verwandelt, bezweifelt 11 W olfgang Streeck legt seine Sicht au f die Endphase des Kapitalismus dar und reklam iert für sich das Recht, dies tun zu dürfen, ohne in der Pflicht zur Präsentation eines „Nachfolgers“ zu stehen (Streeck 2013). ln (Sfreeck 2017) schlägt er dazu Antonio Gramscis Begriff des „Interregnums“ vor: „ ...e ine Zeit von unbestimmter Dauer, in der eine alte Ordnung schon zerbrochen ist, eine neue aber noch nicht entstehen kann.“ [16] nach den gemachten Erfahrungen in den realsozialistischen Ökonomien des ehema ligen Ostblocks kaum jemand. Insofern würde man zu Schumpeters Erwartung nun aus der heutigen Sicht ein fach konstatieren müssen, dass er sich in dem Punkt offenbar geirrt hat. Schumpeters Werk hat im Laufe derjahre wellenförmig an- und wieder absteigende Aufmerksam keit erfahren, und seine Erwartung eines Abschwächens oder eben sogar Verebbens und Versiegens der kapitalistischen Dynamik und wohlfahrtsteigernden Kraft wurde durchaus geteilt, kaum aber jemals seine Prognose eines Ubergleitens in einen staat lich gelenkten Sozialismus. Inwieweit kann denn nun ein erneuter Blick in Schumpeters Werk und Gedanken aus dem ersten Drittel des vergangenenjahrhunderts dazu beitragen, möglicherweise Antworten zu finden auf die heute ja noch immer nicht obsoleten und umgekehrt immer mehr drängenden Fragen nach der Zukunft des Kapitalismus, und, wenn die sem tatsächlich über kurz oder lang keine Zukunft beschieden sein sollte, nach der dann entstehenden oder zu erwartenden Ordnung des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens? Es ist vielleicht hilfreich, zunächst einmal in seinen Fragen und Antworten dieje nigen zu isolieren, die tatsächlich noch immer Gültigkeit beanspruchen können, und von diesen Fragestellungen und Antworten ausgehend auf die Entwicklungen in der Wirtschaft, in den Gesellschaften, der Politik und der Technik zu schauen, wie sie sich dem heutigen Blick darstellen. Wo finden sich seine Erwartungen bestätigt, und wo nicht — und lässt sich auch sagen, warum, oder warum nicht? So hat sich etwa seine Erwartung eines langfristigen Absinkens des Zinsniveaus der entwickelten Volkswirtschaften der Welt ganz offensichtlich bestätigt12, oder seine Erwartung der „Verbürokratisierung“ der Unternehmensleitungen, also des Übergangs der aktiven Geschäftsführung aus der Hand der Gründerpersönlichkeiten oder —familien in die der angestellten Gremien und zeitlich und in ihrer persönlichen Erfolgshaftung be schränkten Manager. Schumpeter war beileibe kein Marxist, trotz seiner intensiven Auseinandersetzung mit der „Marxschen Lehre“, seiner Verehrung und Bewunderung für die bleibende „Größe“ der Marxschen Schöpfung, für den Marxismus und die „Macht seines Baus“. Dies hinderte ihn aber nicht, „Fehler in den Grundlagen oder den Einzelhei ten“ aufzudecken, wo immer sie ihm als solche erschienen. Aber es blieben eben auch Übereinstimmungen, wie etwa hinsichtlich der zentralen Rolle des technischen Fort schritts für die Entwicklungsperspektiven des Kapitalismus. Während aber Marx die sen — nach der Unterkonsumtionstheorie — in absolute und relative Verelendung der Massen einmünden sah, erwartete Schumpeter über Phasensequenzen von Überpro duktion und Unterbeschäftigung und sich ablösende Konjunkturen hinweg letztlich eine „Vervollkommnung“ der Technologie, eine damit verbundene Sättigung der Be dürfnisse, und ein daher rührendes Erlahmen der Dynamik und der Innovations 12 Trotz immer wieder angekündigter „Zinswenden“ bleibt der Leitzins zum indest im Euroraum unverändert bei 0 Prozent: „Zentralbank lässt Leitzins bei null Prozent“, meldete DIE ZEIT online am 19.01.2017. http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-01/leitzins-ezb-tief-euroraum-null-prozent [Stand 24.01.2017] [17] kräfte des Kapitalismus. Der Kapitalismus werde an einem Mangel an Investitions möglichkeiten und an Betätigungen für die ihn treibende Schicht der Unternehmer (ab)sterben, und einem geplanten Sozialismus, geleitet von einer staatlichen Zentral behörde, Platz machen. Er glaubte, die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt, hätte die Tendenz zu verschwinden“; „für die Unternehmer werde nichts mehr zu tun bleiben“, sie werden also — nach geschichtlich erfülltem Auftrag sozusagen — freiwillig abtreten, und der Staat werde die Privatwirtschaft — offensicht lich ohne nennenswert auf deren Widerstand zu stoßen — „erobern“.13 Die in den vergangenen Jahrzehnten etwa seit 1980 zu beobachtenden Entwick lungen bieten offensichtlich reichlich Belege, dieser Annahme zu widersprechen. Zwar ist der Mangel an Investitionsmöglichkeiten14 ganz offensichtlich eingetreten, und das Zinsniveau hat jedenfalls im Euroraum den negativen Bereich erreicht, kei neswegs aber hat der Staat die Privatwirtschaft erobert — ganz im Gegenteil hat die Privatwirtschaft sich in Domänen eingekauft, die über lange Phasen der kapitalisti schen Entwicklung als öffentliche, von gemeinnützigen Trägern zu erledigende Auf gaben des Staates oder der Kommunen angesehen worden sind. Es hat, jedenfalls bis dato, auch keinesfalls den Anschein, als habe die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt“, die Absicht abzutreten und zu verschwinden, und ihren Drang nach Erwirtschaftung von Kapitalrenditen aufzugeben. Die Entwicklungen nach Eintreten dieses Stadiums der Sättigung haben offenbar geradezu zu einer Flut von „Erfindungen“ von Investitionsmöglichkeiten geführt, dies dann aber bezeich nenderweise vor allem auf dem Gebiet der unproduktiven — und eben nicht wohl standserweiternden — Finanzinvestitionen. Auf dem Feld der Technik, von Marx und Schumpeter immer nur als „Automa tion“ oder „Perfektion“ bzw. „Verwandlung der lebendigen Arbeit in totes Kapital“ beschrieben, hat sich aber nun — und zwar eben als Folge der ja wie erwartet eingetre tenen Sättigung auf einer Vielzahl von Massenmärkten — eine Art von Vervollkomm nung der „Automation“ herausgebildet, die in dieser Form weder von Marx noch von Schumpeter noch von sonst einem der großen modernen Ökonomen vorausgesehen worden ist, und, so muss man es wohl sagen, auch nicht vorausgesehen werden konnte. Es entstand der Trend zur Flexibilisierung oder sogar zur Universalisierung der Produktion, also die Entstehung von großindustriellen Fertigungsanlagen, die mit geringem oder fast gänzlich ohne Aufwand („innerhalb von Sekunden“15) auf die Her stellung vollkommen verschiedener Produkte umgestellt werden können. Aus Man gel an Absatzmöglichkeiten für das Massenprodukt und wegen der Volatilität der Nachfrage auf den umkämpften und eben sehr weit gesättigten Märkten musste das möglichst weitgehend individualisierbare Produkt entwickelt und angeboten werden, 13 „.. Eroberung der Privatwirtschaft durch den S taa t...“ . Schumpeter (1947 / 2005) S. 510 14 Die FAZ m eldet anlässlich eines Treffens der Finanzinvestoren in Berlin, die Branche habe ein „Fuxusproblem: viel zu viel Geld“ . K. M. Smolka: „Ringen um Rendite. In Berlin treffen sich kommende W oche Finan zinvestoren aus aller W elt zu ihrem wohl wichtigsten Kongress. Die Branche hat ein Fuxusproblem: viel zu viel Geld.“ FAZ vom 26.02.2017 http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/investorenmesse-in-der-hauptstadt-14893990.html [Stand 27.02.2017] 15 Vgl. etwa Haag, C.: Universal M anufacturing Technologies for the Digital M anufacturing Future. In: Haag, C., Niechoj, T. (Hrsg.): Digital Manufacturing. Prospects and Challenges. Marburg 2016 [18] und die Fertigungsanlagen wurden möglichst bis zur Kapazität der kostengünstigen Produktion von Klein- und Kleinstserien bis hinab zur Losgröße 1 — also dem Unikat — fortentwickelt. Es entstand ein neuer evolutionärer Trend der industriellen Produk tion, mit einer neuen Evolutionsrichtung: gleichberechtigt neben den seitjahrtausen den bekannten Trend der Steigerung der Produktivität, über lange Zeit nur auf Kos ten von Variabilität und Flexibilität erreichbar, tritt nun der Trend zur Flexibilität und Universalität. Durch einen hohen Grad von Universalität vermindert sich die Faktor spezifität von Fertigungsanlagen, dadurch werden sie „resilient“, also produktbezo gen vielfach verwendbar, und erhalten bei einem notwendig werdenden Produkt wechsel aufgrund nachlassender Nachfrage ihren Wert. Die hochproduktive und gleichzeitig möglichst vielseitig und idealerweise universal einsetzbare Fabrik wird zum neuen „Leitbild der Produktion“, und damit zur „Fabrik der Zukunft“. Schumpeter zitiert Marx‘ „berühmte Feststellung, dass die Handmühle die feudale, die Dampfmühle die kapitalistische Gesellschaft hervorbringt“,16 und ist der Mei nung, dies lege „dem technischen Element ein gefährliches Gewicht bei, kann aber akzeptiert werden unter der Voraussetzung, dass bloße Technik nicht alles ist“. In diesem Buch wird nun die Auffassung vertreten, dass dieses „technische Ele ment“, die im skizzierten Sinne hinreichend reife, hinreichend hoch produktive wie gleichzeitig hoch variable „Fabrik der Zukunft“ das Produktionsmittel ist, das die „nächste Gesellschaft“ hervorbringt. Diese Art von Fabrik der Zukunft wird als ein gänzlich neuer ökonomisch rele vanter Tatbestand zu verstehen und plausibel zu machen sein, der bisher noch von keiner ökonomischen Theorie in ihren Beobachtungsbereich aufgenommen wurde, um durch ihn ihr analytisches und prognostisches Instrumentarium zu erweitern.17 In diesem Sinne soll auch gezeigt werden, dass erst diese Art von Universalen Fabriken, die der Tendenz nach beliebige, als digitaler Datensatz verfügbare Dinge in physische Güter, in Gebrauchswerte verwandeln können18, den wohlstandsbewahrenden und — erweiternden Übergang der Produktionsmittel in öffentlichen Besitz ermöglichen werden.19 Es ist nicht etwa der Computer für sich genommen ist, noch der gesamte 16 Schumpeter (1947 / 2005), S. 28 17 Als einen ersten Schritt in diese Richtung kann man das von T. Niechoj und C. Haag herausgegebene Kom pendium „Digital M anufacturing. Prospects and Challenges“ verstehen. In einem Beitrag von Niechoj über den Einfluss des Digitalen Fabrikation au f die Theorie des Unternehmens heißt es: „Digital manufacturing has the potential to change the world o f production and the world o f academia analyzing this world o f production.“ H inzufugen hätte man: N icht nur die W elt der Produktion, sondern auch die der Ökonomie. T. Niechoj: Eco nomic Theory o f the Firm in the Era o f Digital Manufacturing. In: Niechoj / Haag (Hrsg.) (2016), S. 232 18 Ein Forschungsprojekt innerhalb des 7. Rahmenprogramms der Europäischen Union, betitelt m it dem Akro nym DIGINOVA („Innovation for Digital Fabrication“) und durchgeführt in den Jahren zwischen 2011 und 2014, hatte die Zielsetzung, das Potenzial der Digitalen Fabrikation für die Zukunft der Fertigung und der M aterialforschung in Europa zu erfassen und zu fördern; die Forschungsergebnisse wurden in einem Dokument m it dem Titel „Roadmap to Digital Fabrication“ im Frühjahr 2014 vorgestellt. Digitale Fabrikation wurde dabei wie folgt definiert: „Digitale Fabrikation ist definiert als eine neue Produktionsweise, in welcher computerge steuerte M aschinen und Prozesse digitale Entwürfe direkt in physische Produkte übersetzen. W ichtigste trei bende Kraft und zentraler Erfolgsfaktor werden die Entwicklung gut aufeinander abgestimmter neuartiger Pro zesse der M aterialauftragung sowie die Entwicklung neuartiger Materialien sein.“ DIGINOVA: Roadmap to Digital Fabrication. S. 4. (eigene Übersetzung), http://cordis.europa.eu/result/rcn/147130_en.html [Stand 19.01.2017] 19 Ein auf dem W orld Economic Forum in Davos 2015 erschienener „Survey Report“ über die zukünftig zu er wartenden technologischen „Tipping Points“ betrachtet dies als einen von sechs „Megatrends, die die Gesell- [19] Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, noch das Internet der Dinge, also nicht „Big Data“, die „Cloud“, Robotik, Sensorik oder die Künstliche Intelligenz an sich, wodurch dieser Schritt möglich gemacht werden kann. Erst die Kombination der Vielfalt dieser neuen Technologien, die Digitalisierung der Produk tion mit ihrer Entkopplung von (lokaler) Fertigung von (global verfügbaren) digitalen Produktmodellen20 und dem Potenzial der Übertragung der Universalität des Com puters aus der Welt der 2-Dimensionalität in die physische Welt der 3-Dimensionalität, in die Welt der nützlichen Dinge, der Gebrauchswerte, können diese neue Ge sellschaft Wirklichkeit werden lassen. Dass die „bloße Technik“ ist nicht alles ist, ist richtig, wie gesehen. Aber richtig ist auch: ohne sie wäre alles nichts. Ohne sie ist der Schritt in neue nichtkapitalistische Verhältnisse aussichtslos und wirkt, wo er versucht wird, überanstrengt und zuweilen nachgerade verzweifelt.21 Richtig ist zur gleichen Zeit auch, dass die Notwendigkeit mit immer peinigenderer Dringlichkeit ins Bewusstsein rückt, aus der Welt der Märkte, der Investoren und der weltumspannenden Kapitalströme auszusteigen; aus der Welt der Kapitaleigner und ihrer bezahlten Verwalter und Manager, die immer mehr zu Getriebenen ihrer selbst und von ihresgleichen werden und geworden sind, und die möglicherweise auch schon selber auf die erlösende Macht einer gesellschaft lichen Kraft hoffen22, die diesem zunehmend bösartigen23 und irrationalen Spiel24 ein Ende macht. Hiermit scheinen sich geeignete Mittel dazu anzudeuten. Es wird an dieser Stelle nun noch nicht unmittelbar einsichtig sein, wie diese Art von neuen hochgradig flexiblen oder universal einsetzbaren Produktionsmitteln diese große Transformation ins Werk zu setzen vermag, und zu deren Voraussetzung wer den kann. Die folgende knappe Skizze möge dies zur Einleitung illustrieren. schäften beeinflussen“ : „The digitization o f matter. Physical objects are “printed” from raw materials via ad ditive, or 3D, printing, a process that transforms industrial manufacturing, allows for printing products athom e and creates a whole set o f human health opportunities.” „Deep Shift. Technological Tipping Points and Societal Impact“ . W orld Economic Forum 2015 20 Die Definition der Fa. Bosch Rexroth für „smarte“ Fabrik lautet: „Smart Factory: lokale Produktion global steuern“ . „Die Antwort au f zunehmende Variantenvielfalt, immer kleinere Fosgrößen und eine enorme Nach fragevolatilität heißt Smart Factory. Doch die intelligente Fabrik ist nicht nur für die lokale Fertigung optimiert, sondern auch international vernetzt.“ https://www.boschrexroth.com/de/de/trends-und-themen/directions/smart-factory [Stand 05.02.2017], Dazu auch, wie vorne bereits erwähnt: „Detailing A m azon’s Custom Clothing Patent“ : https://www.nytim es.com /2017/04/30/technology/detailing-amazons-custom-clothing-patent.html [Stand 16.06.2017] 21 Ohne sie bleiben die „klassischen“ linken Themen und Haltungen eben auch in einer eher hoffnungslosen Position, so etwa die Beschwörung einer „solidarischen Gesellschaft“, die dem Trend zur „Abstiegsgesell schaft“ und zur „regressiven M oderne“ entgegenzusetzen wäre. O. Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Frank furt 2016. Das gleiche gilt wohl auch für Versuche der Revitalisierung eines „W irtschaftswunders“ Erhartscher Prägung unter Beibehaltung des m arktwirtschaftlichen Paradigmas, wie etwa bei S. Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Frankfurt/New York 2016 22 Rüsten die „Superreichen“ schon für das „Ende der Zivilisation“? So jedenfalls ein Titel von SPIEGEF online vom 24.01.2017: „Bunker, Waffen, Fluchtimmobilien: Superreiche rüsten sich für das Ende der Zivilisation“ . http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/apokalypse-so-bereiten-sich-superreiche-auf-das-ende-der-weltvor-a-1131490.html [Stand 24.01.2017] 23 Der M ailänder Philosoph Diego Fusario weist darauf hin, dass Karl M arx im dritten Band des Kapitals „ein ganzes System des Schwindels und Betrugs“ vorausgesagt hat, das von einer neuen „Finanzaristokratie“ aus „W ucherern und Parasiten“ betrieben werde, nachdem der Produktivkapitalismus durch den spekulativen Fi nanzkapitalismus abgelöst worden ist. M arx schein tdam it Recht behalten zu haben. Fusario (2017b). 24 Man denke hier etwa an Frank Schirrmachers „EGO“, das diesen Aspekt in bedrückender Dichte zur Sprache gebracht hat. Schirrmacher (2013) [20] Wir wollen vorher kurz rekapitulieren, wie sich die Argumentation von der Schum peters unterscheidet, der den Entwicklungsgang des Kapitalismus auf eine „natürli che“ Weise in einen Sozialismus einmünden sah. Schumpeter sah dazu zwei Voraus setzungen, die erfüllt sein müssen: a) ein genügend hoher Grad an Nachfragesätti gung (der wegen der „Ausdehnbarkeit“ der Bedürfnisse schwer zu erreichen sei, wie Schumpeter — offensichtlich richtig — bemerkte), und b) ein hinreichender Zustand von Vollkommenheit der Produktionsmittel, „der keine weitere Verbesserung mehr zulässt“.25 Mit Vollkommenheit konnte Schumpeter nur sehr hohe Produktivität (un terstelltermaßen bei gegebenen sonstigen Anforderungen wie Qualitätsstandards und Ressourceneffizienz) meinen. Wir argumentieren hier nun, dass ein hinreichend ho her Grad an Universalität dazu kommen muss, um einen qualitativ neuen und höhe ren Zustand der wirtschaftlichen Organisation zu erreichen, der aber keineswegs „So zialismus“ heißen oder sein muss — der diesen noch unbekannten und unerfahrenen Zustand kennzeichnende Begriff wird wohl noch erst gefunden werden müssen. Was meint nun „hoher Grad an Universalität“? Das bedeutet, dass ein und das selbe Fertigungsystem nahezu beliebige Produkte herstellen kann, ohne dass an dem Fertigungssystem (Maschinen und Menschen, also deren spezifischer Qualifikation) etwas verändert werden müsste. Ein Computer kann beliebige Softwareprogramme implementieren, und ist darum ein Universalrechner. Eine Universalfabrik könnte entsprechend beliebige Dinge herstellen. Es scheint offensichtlich, dass dies ein Ide albild ist, dem die Realität sich nur annähern kann — die Frage ist also, wann diese Annäherung hinreichend weit erreicht ist. Dass die Entwicklung seitJahrzehnten dabei ist, sich diesem Ideal anzunähern, und zwar getrieben vom erreichten Zustand der Marktsättigung, werden wir weiter hinten sehen. Fragt man nun, was den „Wohlstand der Nationen“ heute ausmacht, so findet man in grober Zusammenfassung die folgende Aufteilung der Konsumausgaben (am Bei spiel Deutschlands, das aber in den Dimensionen sicherlich auf andere entwickelte Industrienationen übertragbar wäre): es ist zum größeren Teil das Wohnen (etwa 37%), in das die durchschnittlichen Konsumausgaben fließen, also Kosten fürMiete oder selbstgenutztes Wohneigentum, zugehörige Nebenkosten wie Strom, Heizung und Wasser; ferner die Mobilität (13%), häufig in Gestalt des privaten Automobils mitsamt seinen Unterhalts- und Betriebskosten, sowie das Mobiliar in der Wohnung (5,3%); sodann die Bekleidung (4,4%), die Bildung (0,7%), und etwa Ausgaben für Freizeitbetätigung und Hobbies (10,5%). Es sollen durchschnittlich rund 10.000 Dinge sein, die sich im Laufe der Jahre in einem Haushalt ansammeln, die zusam mengenommen diese vielzitierte Marxsche „ungeheure Warensammlung“ bilden mö gen, aus denen der Reichtum der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften besteht, wobei diese Dinge sich in der Qualität und der Gesamtheit ihrer Nutzen und Ge brauchswert stiftenden Eigenschaften ständig weiterentwickeln. Ferner gehört dazu 25 Die Textstelle bei Schumpeter heißt: „W ir sind zweifellos von solch einem Zustand der Sättigung noch sehr weit entfernt, selbst wenn wir uns innerhalb des heutigen Bedürfnisschemas halten; und wenn wir die Tatsache berücksichtigen, dass m it der Erreichung eines höheren Lebensstandards diese Bedürfnisse sich automatisch ausdehnen und neue Bedürfnisse entstehen und geschaffen werden, so wird die Sättigung ein bewegliches Ziel (...) . W ir wollen immerhin einen Blick au f diese M öglichkeit werfen und die noch unrealistischere Annahme machen, dass die Produktionsmethoden einen Zustand der Vollkommenheit erreicht haben, der keine weitere Verbesserung m ehr zulässt.“ Schumpeter (1947), S .213 [21] die gesamte Infrastruktur, um diese Dinge eben hersteilen und verteilen zu können, sodann eine Reihe von Dienstleistungen etwa in Gesundheit und Kultur, ein freier Zugang zu Informationen, und eine hinreichende soziale Sicherheit sowie Rechts staatlichkeit und Rechtssicherheit. Alle diese Dinge und Leistungen sind es, die den Wohlstand der modernen Gesellschaften ausmachen. Mit der Herstellung dieser 10.000 Dinge ist — jedenfalls zum Teil, sofern es sich nicht um handwerklich hergestellte Dinge handelt, oder etwa um gar nicht im engeren Sinn hergestellte Dinge wie Mineraliensammlungen oder aufbewahrte Liebesbriefe — die „große Industrie“ beschäftigt, und zwar durchaus nicht nebenher. Noch immer sind die Menschen zu etwa 25% im produzierenden Gewerbe beschäftigt, und ein großer Teil der Leistungen des Dienstleistungssektors wie Banken und Versicherun gen, Berater, Makler, Transportlogistik und der Einzel- und Großhandel ist darauf bezogen und davon abhängig. Im Auto-Land Deutschland steht dabei die Automo bilproduktion mit ihrer großen Zahl von Zulieferbetrieben absolut an erster Stelle der wertschöpfenden Industrien; in Deutschland waren in diesem Sektor im Jahr 2015 fast 800.000 Menschen beschäftigt.26 Wie könnte eine „universale“ und hoch produktive Fabrik hier nun das Bild tiefgreifend ändern? Grundsätzlich kommt es auf die Dimensionen an — das Marxsche Bild vom „Um schlag der Quantität in Qualität“ drängt sich hier geradezu auf. Dies gilt sowohl für den Grad an Produktivität bei gleichzeitiger Universalität der Produktionssysteme, wie auch für die Anzahl der Branchen, die von dieser Entwicklung erfasst sind. Ein hoher Grad von Flexibilität etwa in der Automobilindustrie würde bedeuten, dass in einem Werk nicht nur ganz bestimmte und auf dieses Werk zugeschnittene Modell reihen produziert werden, sondern ganz verschiedene, ja bis zu einem gewissen Grad beliebige. Wenn die Faktorspezifität eines Werkes, seiner Anlagen und seines Perso nals hinreichend niedrig ist, also nicht auf ein bestimmtes Modell abgestimmt, können in einem Werk verschiedene Modelle oder sogar Modelle ganz verschiedener Her steller gefertigt werden; es würden sich dann also verschiedene Hersteller ein Werk teilen. Möglich würde dies (unter anderem) eben dadurch, dass man idealerweise ver sucht, die Produktionsabläufe so zu gestalten, dass alle den Produktionsablauf steu ernden Informationen — wenn auch auf den verschiedensten Datenträgern — digital verfügbar sind, und das Werk, das Produktionssystem, die Fertigungsstraße, die je weils nächste Fertigungsinsel „weiß“, welches Automodell gefertigt werden soll.27 26 Dass der Automobilindustrie m it dem W echsel zum E-Mobil ohnehin ein tiefgreifender W andel bevorsteht, der insbesondere auch m it einem erheblichen Schrumpfen verbunden sein dürfte, ist für die hier vorgeschla gene Argumentation zunächst irrelevant, dürfte die vorgeschlagene Transformation aber zusätzlich begünsti- 27 g e n 'Tatsächlich ist dieser Vorschlag weniger unrealistisch als es zunächst erscheinen mag: nach einer 2013 er schienen Studie der Beratungsfirma Barkawi M anagem ent Consultants könnte das VW -Stammwerk in W olfs burg sich in den nächsten Jahrzehnten „in ein M useum“ verwandeln, weil die Fahrzeuge von vielen dezentralen Kleinproduzenten hergestellt werden, während die Automodelle in einem Netzw erk von Designerbüros entwi ckelt werden: „Die klassische Autoproduktion in einem W erk existiert nicht mehr.“ In: „Das Ende der großen A utofabriken“, Teil 6 eines Artikels des „M anagermagazin“ vom 17.5.2013. Titel „W ie 3D-Drucker ganze Branchen verändern können“ . http://www.manager-magazin.de/untemehmen/it/a-900285-6.html [Stand 27.02.2017] Im Survey Report des W orld Economic Forum 2015 wird für 2022 m it dem ersten 3D-gedruckten Auto ge rechnet. Ingenieure der RW TH Aachen um den Produktionswissenschaftler Prof. Schuh haben derweil ein E- [22] Eben dies, ein hoher Automationsgrad und niedrige Faktorspezifität, wären die Bedingung dafür, dass auf die typischen Potenziale eines Unternehmens — die Struk turierung eines komplexen Möglichkeitsraumes unter Unsicherheit — verzichtet wer den kann,28 und ein derartig hochflexibles Fertigungssystem mit dem größeren Wohl fahrtseffekt von der öffentlichen Hand, in einem gemeinnützigen Auftrag betrieben werden könnte — auch wenn dies auf den ersten Blick allem widerspricht, was jemals über die „Industrie 4.0“ , die „smarte Fabrik“ oder das Prinzip „Plug and Produce“ je gesagt und geschrieben wurde. Das Automobil als „Modell“, als Innovation und für den Kunden attraktives Gut sowie als Datensatz, als maschinenlesbarer CAD-Entwurf und als Produktionsvor schrift für die Vielzahl der produzierenden maschinellen und menschlichen Aufga benträger würde von privaten Entwicklern, von Open-Innovation-Projekten oder von dezentralen Designbüros hergestellt — der Autobauer würde sich so zum AutomobildesignerYerwandeln. Die physische Fertigung dagegen übernimmt eine — öffent liche, kommunale, staatliche — Fabrik, die keine Gewinninteressen verfolgt, sondern lediglich bestrebt ist, im Auftrag der Öffentlichkeit als abstraktem Konsumenten res sourceneffizient und kostendeckend zu arbeiten. Was wäre der gesamtwirtschaftliche Vorteil einer öffentlichen Trägerschaft? Kurz gesagt, geht es darum: hoch automatisierte Fertigungsysteme mit niedriger Faktor spezifität sind vergleichsweise risikoarm zu betreiben, und erzeugen nur noch geringe Wertschöpfüng. Das Interesse eines Kapitalinvestors läge dann darin, einen eher ge ringen, aber risikoarmen und beständigen Monopolaufschlag durchzusetzen. Dies wäre aber aus gesamtwirtschaftlicher Sicht schädlich. Um dies abzuwenden, müssten Fertigungssysteme nach Erreichen dieses Reifegrades von öffentlichen Trägern be trieben werden.29 Auf den ersten Blick mag das unerheblich erscheinen, bedeutet aber langfristig einen Richtungswechsel des technischen Fortschritts hin zu einer Veröf fentlichung oder „Vergesellschaftung“ des Kapitals, statt zu weiterer infiniter privater Kapitalkonzentration. Mobil entwickelt, das schon 2018 in Serie gehen soll, und bis auf Motor und Getriebe aus dem 3D-Drucker stammt. http://www.ingenieur.de/Themen/Elektromobilitaet/Dieses-Elektroauto-fuer-16000-Euro-geht-2018-in-Aachen-in-Serie [Stand 12.06.2017] 28 Die Faktorspezifität gibt den Grad der wirtschaftlichen W iederverwendbarkeit eines Investitionsobjektes an, und damit das m it einer Investition eingegangene Risiko. Es werden die folgenden Spezifitäten unterschieden: Standort-, Sachkapital-, Humankapital-, Sachwertspezifität. Digitale Fabrikation verm indert tendenziell alle Arten von Spezifität. Niedrige Faktorspezifität m acht den Inputfaktor homogen, verringert dam it die Risiken des Betriebs, und m acht dam it gleichzeitig die Notwendigkeit einer Firma tendenziell obsolet. „ If so, an im portant argum ent for the existence o f the firm vanishes.“ Niechoj (2016), S. 231 29 Dies ist strukturell die gleiche Argumentation wie sie etwa für die Energieerzeugung oder die geplante Priva tisierung der Bundesautobahnen anzuwenden ist. In einem Artikel von ZEIT online etwa findet man das da hinterliegende Interesse der Investoren erläutert: „Eine Beteiligung von Privatuntem ehm en an der Betreiber gesellschaft käme der Banken- und Versicherungsbranche entgegen, die einen besseren Zugang zu Infrastruk turprojekten fordert. W egen der niedrigen Zinsen suchen die Finanzinstitute langfristige Anlageformen m it sicherer Rendite.“ Die ZEIT vom 12.09.2016: „Koalition streitet um Privatisierung von Autobahnen“ . http://w ww.zeit.de/politik/deutschland/2016-ll/autobahnen-pkw-m aut-privatisierung-bundesregierung [Stand 10.03.2017] Vgl. dazu auch J. Koschnik: Die wundersame Verwandlung von Autobahnen in Finanz produkte. Onlinemagazin Telepolis vom 05.04.2017. https://www.heise.de/tp/features/Von-der-wundersamen-Verwandlung-von-Autobahnen-in-Finanzprodukte- 3674871.html [Stand 06.04.2017] [23] Ohne den Gedanken an dieser Stelle schon ausführlich zu entwickeln, sei das Ar gument einmal am Beispiel eines großen Konzerns wie etwa des Zwölf-Marken-Konzerns Volkswagen knapp skizziert. Was bedeutete die Verfügbarkeit dieser techni schen Möglichkeiten? Gäbe es sie nicht, also unter der Bedingung der Verfügbarkeit „herkömmlicher“ bzw. konventioneller Produktionsmittel, stünde als Alternative zur privatwirtschaftlichen Trägerschaft nur der Weg der Verstaatlichung des gesamten Konzerns zur Wahl, um öffentliche Interessen zur Geltung zu bringen. Würde nun der gesamte Konzern in staatliches Eigentum überführt, stünde ein nun staatlich be auftragtes und kontrolliertes Managergremium vor der Aufgabe, ein für den Welt markt attraktives Angebot von Automobilen zu entwickeln, und dies so kostengüns tig wie möglich zu produzieren und zu vertreiben. Dieses Gremium stünde — auch bei den allerbesten und lautersten Absichten — sehr bald und kaum vermeidbar unter sehr ähnlichen, ja nahezu identischen Sachzwängen wie das heutige von privaten Ka pitaleignern unter Gewinnerwartungsdruck gesetzte Management30. Es stünde als ko härenter Block von Produktions- und Entwicklungskapazität, als Marke oder Mar kenverbund den Mitbewerbern um Anteile des Weltmarktes gegenüber, und stünde mit diesen in einem Wettbewerb letztlich um das Überleben als selbstständiger An bieter. Ganz kapitalistisch ginge es um Wachsen oder Weichen, um das Ausnutzen aller Potenziale zur Kosteneinsparung und Erhöhung der Profitabilität, wobei man sich nicht die kleinste Nachlässigkeit erlauben darf, „bei Strafe des Untergangs“. Der Blick zu den staatlich gelenkten Autokonzernen Chinas zeigt in der Tat, dass diese sich nicht grundsätzlich anders verhalten als private Autokonzerne, weder gegenüber ihren Mitarbeitern, noch ihren Kunden, noch ihren Mitbewerbern. Dass sie recht erfolgreich auf ihren Märkten mit durchschnittlich noch immer anhaltendem Um satzwachstum operieren liegt wohl hauptsächlich daran, dass in China noch immer ein erheblicher Nachholbedarf besteht, und die Automobildichte pro Haushalt hier noch lange nicht an ähnliche Sättigungsgrenzen gestoßen ist wie sie im entwickelten Westen erreicht worden sind.31 Wie verhielte sich dies nun mit staatlichen oder kommunal getragenen Produkti onsstätten oder -Systemen, die nicht an eine bestimmte Marke gebunden sind? Man muss erneut kurz bei der Überlegung verweilen, ob dies denn überhaupt jemals tech nisch möglich sein könnte. Es dürften sich nicht leicht Automobilmanager finden lassen, die dies bei dem heutigen Stand der Technik bejahen würden. Aber es lassen sich doch eine Reihe von Gründen nennen, die die Annahme stützen, dass dies zu mindest in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein könnte. Zum einen hat sich der Qualitätsstandard in der Automobilproduktion generell angeglichen, so dass Quali tätsstandards bzw. das diese garantierende Fachwissen gerade mit zunehmender Ver wissenschaftlichung der Produktionsprozesse immer mehr aus den firmeneigenen 30 Die vorübergehend aus den Schlagzeilen wieder verschwundene Abgaskrise bei V W und die dafür immer mehr an die Öffentlichkeit dringenden Hintergründe mögen diesen Gewinnerwartungsdruck illustrieren. Man ist of fenbar diese m it Einsatz einer betrügerischen Software verbundenen erheblichen Risiken eingegangen, um die vergleichsweise geringen Kosten zur tatsächlichen Einhaltung der Abgasnormen einzusparen. 31 Vgl. dazu den umfassenden Bericht der Beratungsfirma PW C für den Verband der Automobilindustrie über die Automobilindustrie in China. https://www.pwc.de/de/automobilindustrie/assets/automobilindustrie-und-mobilitaet-in-china.pdf [Stand 19.01.2017] [24] Datenbanken und „Wikis“ sowie den Köpfen der Belegschaften in öffentliches Ei gentum bzw. allgemeine Verfügbarkeit überfuhrt wird. Wissen und Fertigkeiten im Bereich der Produktion haben darum heute nicht mehr die gleiche Bedeutung für den Markterfolg wie vielleicht vor 50 Jahren, als die Verarbeitungsqualität, die Solidität, Betriebssicherheit und Haltbarkeit eines Fahrzeugs die Kaufentscheidung der Kun den wesentlich beeinflussten. Dies wären außerdem zum Teil konstruktive Merkmale und nicht solche der Verarbeitung, die zu früheren Zeiten noch gleichermaßen mit dem Image und dem hausinternen Ethos einer Marke verbunden waren. Im Übrigen ist es ja bereits heute so, dass zumindest Bauteile oder Teilegruppen schon von meh reren Herstellern verbaut werden, oder Zulieferer nicht nur einen Hersteller beliefern, sodass schon heute in einem Automobil der einen Marke Teile eines anderen Her stellers zu finden sind, oder Teile, die eben auch in den Fahrzeugen anderer Hersteller verwendet werden; für die Marken innerhalb eines Konzernverbundes ist dies ja be reits eher die Regel als die Ausnahme. Aber auch die neuen technischen Mittel im engeren Sinne, und darunter ist vor allem wohl die immer weiter vordringende additive Fertigung mittels 3D-Druck zu nennen, stützen diese Annahme. Additive Fertigung wird die Anzahl der Einzelteile eines Fahrzeugs verringern, da durch 3D-Druck wesentlich komplexere Teile ohne Zusatzkosten hergestellt werden. So können Einzelteile in einem Zug hergestellt wer den, die bisher aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden mussten.32 Die Qualität der additiv hergestellten Teile hängt zum größeren Teil von der Qualität bzw. Kapa zität des genutzten Mittels, des 3D-Druckers, selbst ab, wenn zu Teilen sicher auch von der Qualifikation des ihn einsetzenden Personals; größer dürfte aber der Anteil der Teistungsfähigkeit der Maschine selber sein. Die „Key Performance Indicators“, die entscheidenden Teistungsparameter eines Fertigungssystems verlagern sich so im mer weiter in die Maschinerie selbst, sowie — in den meisten Fällen — in die diese steuernde Software. Und beides ist eben austauschbar, so dass diese „Vision“ einer ganz abstrakten, hochleistungsfähigen Universalfabrik33 in immer schärferen Kontu ren am Horizont der Möglichkeiten auszumachen ist. Aber auch wenn auf dem heute erreichten Stand der Technik eine weitgehende Austauschbarkeit und Universalität der Fabrikationsysteme noch nicht erreicht sein sollte, so ist doch klar erkennbar, dass Fortschritt nur in dieser Richtung möglich ist, sodass für die weitere Entwick lung anzunehmen ist, dass der auf den Fertigungssystemen lastende Evolutionsdruck, sich genau in diese Richtung zu entwickeln, anhalten wird.34 32 Vgl. auch A. Domscheit-Berg: „In zw ölf Stunden ein Auto drucken - ganz nach W unsch“ . http://www.manager-magazin.de/untemehmen/it/3d-druck-wird-alle-industriezweige-umkrempeln-a- 1039419.html [Stand 19.01.2017] 33 So sieht es auch T. Niechoj: „Nevertheless, even in the near tuture, production will very likely concentrate more on the invention and the design o f digital models, the adjustment to (or creation of) the requests o f users and the set-up o f more automated production facilities.” D am it wird der Input-Faktor des physischen Kapitals homogen. „Factor specifity does no longer exist.“ Niechoj (2016) S. 212, 231. 34 S. Krüger beschreibt diesen Trend zur Überwindung der „fordistischen“ starren M assenproduktion in Großse rien zugunsten der „höheren Betriebsweise“ einer hochflexiblen kundenindividuellen Produktion, beschreibt aber gleichzeitig auch die bereits wieder eingetretenen „Blockaden“ zur Durchsetzung dieser Betriebsweise, da man die kurzfristige Realisierung von Profiten wenn möglich dem Aufbau nachhaltig wirksamer Restruk turierungen der Produktionssysteme in diesem Sinne vorzieht. Längerfristig wird aber kein W eg an dieser Um strukturierung zu einer postfordistischen Betriebsweise vorbeiführen, will man nicht den völligen Verlust der W ettbewerbsfähigkeit seines Anlagekapitals riskieren. Krüger (2016) S. 118 ff. [25] Um also auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: wie würden sich staatliche oder kommunal getragene Fertigungsbetriebe verhalten, die nicht an eine bestimmte Marke gebunden sind? Angenommen, die etwa 150.000 Personen starke Belegschaft des VW-Konzerns in Deutschland, die direkt und indirekt mit der Fertigung im en geren Sinn beschäftigt ist, würde aus dem VW-Konzern herausgelöst, und in einen staatlichen Produktionsbetrieb überführt. Die Fertigungsanlagen sind dahingehend modifiziert worden, dass — zumindest in gewissen Grenzen und unter noch zu um reißenden Bedingungen — beliebige Automodelle als „Design“, als „digitaler Zwil ling“ in Gestalt eines Datensatzes der weltweit produzierenden Anbieter dieser Mo delle hergestellt werden können. Es wäre nun zuerst zu fragen, ob die Konzentration auf bestehende Standorte mit einer sehr großen Fabrik in Wolfsburg bestehen bleiben müsste, oder ob nicht ge nauso gut viele leistungsfähige Module von Fabrikationssystemen dezentral, jeweils näher am Ort des späteren Verbrauchs, angesiedelt werden sollten, sofern dies ohne Effizienverluste möglich zu machen wäre35. Sodann wäre zu fragen, ob diese Beleg schaftsgröße, die für den Kapazitätsbedarfs eines Weltmarktführers ausgelegt ist, un bedingt beibehalten werden müsste. In wessen Interesse läge das? Läge es unter der artigen Umständen im Interesse eines öffentlichen Betreibers eines abstrakten Pro duktionssystems, den Weltmarkt zu beliefern? Es läge im Interesse des Betreibers, seine bestehenden Kapazitäten auszulasten, um Verschwendung zu vermeiden. Aber wie groß sollten diese Kapazitäten sein? Ein öffentlicher Betreiber eines Produktes oder einer Dienstleistung, etwa ein kommunaler Gas- oder Stromanbieter, hat ge wöhnlich nur das Interesse, den lokal bestehenden Bedarf zu decken, sofern aller dings Besonderheiten der verwendeten Art der Energieerzeugung nicht Skaleneffekte und Kostenvorteile durch Betriebsgröße bedeuten, wie es etwa zu Beginn der Strom erzeugung durch Kohleverstromung bei den Energieerzeugern des Ruhrgebiets der Fall war. Heute hat ein kommunaler Betrieb aber gewöhnlich kein Interesse, zu ex pandieren und seine Leistungen überregional anzubieten und zu vertreiben, sofern nicht Einsparpotenziale von Kosten dafür sprechen würden. In dem Fall wäre aber eher eine Kooperation mit anderen kommunalen Betrieben die Option. Ähnlich könnten sich dann regionale Anbieter von Fertigungskapazitäten „aufstellen“. Sie müssten sich schwankender Nachfrage nach bestimmten Produkten bestimmter Her steller nicht anpassen, sondern könnten etwa die Kapazität zur Herstellung der durch schnittlich erwartbaren Gesamtanzahl lokal nachgefragter Automobile Vorhalten. Dies würde eben — wie etwa für lokale kommunale Energieerzeuger — für jeden regi onalen Anbieter von Produktionskapazitäten gelten. Es wäre sogar möglich, in einem zu präzisierenden Sinne 'Templates, also eine Art von Schablonen zum Aufbau und Implementierung hochleistungsfähiger Produktionssysteme zu entwickeln, und diese zu vertreiben und zu exportieren, so dass auch international jeweils lokal verfügbare 35 Eine solche Entwicklung scheint sich anzudeuten, wie bereits erwähnt. W. Huber sieht „weiter in der Zukunft“ die Möglichkeit, dass z. B. das Presswerk und die Lackiererei aus der Automobilproduktion ganz verschwinden und durch 3D-Druck abgelöst werden, und w irft die - von ihm allerdings nicht betrachtete - Frage auf, ob dann „die bestehenden Fabrikbegriffe überhaupt noch Bestand haben“ . Diese Entwicklungen sollen im weiteren V erlauf ausführlich diskutiert werden. Huber, W.: Industrie 4.0 in der Automobilproduktion. Ein Praxisbuch. W iesbaden 2016, S. [26] Kapazitäten zur Herstellung international vertriebener Automobilmodelle entstün den. Aus Sicht kommunaler, nichtgewinngetriebener Unternehmen stünde dem nichts entgegen, denn sie stünden untereinander nicht in einem Verdrängungswett bewerb, sondern allenfalls in einer Art von Qualitätswettbewerb um die bessere und effizientere Leistung, denn der Kostendruck als solcher, zur Vermeidung von Res sourcenverschwendung, würde ja bestehen bleiben. Der Automobilkonzern selber aber wäre erheblich geschrumpft, und damit das in ihm gebundene Kapital. Diese gesamte Kapitalmasse würde als „Renditesucher“ und damit etwa auch als Faktor der Beeinflussung politischer Entscheidungen in seinem Sinne aus der kapitalistischen Wirklichkeit verschwinden.36 Produktivitätsgewinne könnten von öffentlichen Unternehmen ohne systematische Einschränkungen durch Ansprüche der Kapitaleigner über die Preise an die Konsumenten bzw. die Öffent lichkeit weitergegeben werden. Der generelle volkswirtschaftliche Effekt einer Kapi talnutzung auf der Konsumseite (öffentlich oder privat) wäre der, dass es zu einer Bilanzkürzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung käme; die tatsächlich Wertschöpfüng wäre unverändert, ebenso das zur Verfügung stehende Inlandspro dukt, abgenommen hätten aber die Kapitalerträge, und damit deren Beitrag zu weite rer Kapitalbildung.37 Darüber hinaus wären unternehmerische Entscheidungen der Betriebsführung wie etwa allgemeine Anpassungen der Arbeitszeiten oder ökologi sche Ansprüche an verwendete Materialien im Rahmen des Gebots der Ressour ceneffizienz ohne weiteres im Einklang mit öffentlichen Interessen durchführbar. Dennoch stünden diese öffentlichen Unternehmen nicht unter dem Druck, ihre Marktanteile auszuweiten und neue Produkte zu erfinden und am Markt zu etablie ren. Diese Aufgabe verbliebe bei den Automobildesignern. Diese aber wiederum stünden nicht unter dem Druck, eine dermaßen große Masse an gebundenem Kapital gewinnbringend in den ökonomischen Prozess einzubringen, wie vorher bzw. in der Gegenwart. Zwar stünden sie im Wettbewerb, aber mit erheblich verringerter Inten sität und Schärfe. Ihre Produktionsmittel wären lediglich Netze von Computern, und ihr vernetztes Knowhow auf Wissensdatenbanken, aber keine Fabrikhallen, Roh stoff- und Teilelager, und Heere von Robotern und autonomen Transportsystemen. Wenn dies auch nicht gerade am Beispiel eines so hochkomplexen Produkts wie einem modernen Automobil mit all seinen ständig sich erneuernden technischen Raf finessen am leichtesten zu beschreiben ist, lässt sich der beschriebene Trend zur Universalisierung der Produktion dahingehend zusammenfassen, dass abstrakte Produk tionssysteme und —prozesse entstehen, die einem — privaten oder öffentlichen — 36 Vgl. dazu den alarmierenden Bericht von Harald Schumann: Die Herrschaft der Superreichen. Die Macht der Geldelite und die Kapitulation der Politik. Blätter für Deutsche und internationale Politik, 12/2016, S. 67-78. Noch eindeutiger äußerte sich bereits 1974 die Ökonomin Joan Robinson: „Die Verfügung über finanzielle M ittel gibt den großen Unternehmen die Freiheit, ihren eigenen Plänen zu folgen und nicht nur die M arktwirt schaft, sondern auch die nationale und internationale Politik zu manipulieren. ... Damit ist das Fundament der Lehre zerstört, dass das Gewinnstreben die Ressourcen auf die verschiedenen Verwendungen zum Vorteil der ganzen Gesellschaft aufteilt.“ Joan Robinson: Ökonomische Theorie als Ideologie. Frankfürt 1974 37 Der M aterialwissenschaftler J. Pierce hat in mehreren Studien nachgewiesen, dass die Nutzung eines 3D-Druckers am O rt des Konsums Kosten einsparen kann, und sich die Investition in seine Anschaffungskosten nach wirtschaftlich vertretbarer (zwischen einem und drei Jahren) Zeit amortisiert. Der makroökonomische Effekt wäre der, dass diese Einsparung den Nutzen des Investors zw ar erhöht, in der volkswirtschaftlichen Gesamt rechnung aber gar nicht auftaucht. Die Bilanz der V GR wäre einfach gekürzt. (Pierce 2015, 2017). [27] Nachfrager abstrakte Produktionskapazität anbieten, die dieser dann seinen individu ellen Nutzenpräferenzen entsprechend individualisieren kann. Dies ist vor einigen Jahren am Beispiel der aufkommenden 3D-Drucker breit diskutiert worden38, und hier ist dieser Zusammenhang zwischen einem Datensatz, auf den man etwa per In ternet zugreifen und an seinen privaten 3D-Drucker weiterleiten kann, leicht einseh bar: ein 3D-Drucker kann eben im Rahmen seiner Möglichkeiten — die etwa durch die Größe des Bauraums und der verarbeitbaren Materialien vorgegeben sind — be liebige „Dinge aus Daten“ herstellen. Allerdings ist auf diese Weise — bis auf weiteres — nur ein verschwindend kleiner Teil der genannten 10.000 Dinge herstellbar39, die gewöhnlich für unser hochsensibles und anspruchsvolles Lebensgefühl zu einem Leben in Fülle und Wohlstand dazuge hören. Um all diese Dinge eben auch auf diese Weise, unter Nutzung öffentlichen Kapitals, herzustellen, müsste sich in der skizzierten Weise Schritt für Schritt die ge samte Struktur der modernen industriellen Konsumgüterproduktion verwandeln, was in der Tat eine Revolution bedeutete, angesichts der Dimensionen so einer offen sichtlich sehr umfangreichen und tiefgreifenden Transformation. Dies ist die in diesem Buch ausgearbeitete Intuition. Diese kleine Skizze, mit we nigen Stiften in wenigen Farben gezeichnet, steht für ein Bild, das in Wirklichkeit in Abertausenden von Farben und Schattierungen schillert, und hier nicht annähernd vollständig ausgemalt werden kann40, und doch ist es der Kern aller folgenden An nahmen, die sich für die Beschreibung und auch Herstellung eines vernünftigen, ra tional begründbaren und allgemein wünschbaren ökonomischen Zustands einer nachkapitalistischen Wirtschafts- und Lebensordnung ergeben. Zwar steht nun diese Technik im Kern der Betrachtung und bildet die unverzicht bare Bedingung, aber dennoch ist diese „bloße Technik“ nicht alles, wie bereits gese hen. Eine Fülle von Maßnahmen zur Herstellung eines ökologisch nachhaltigen, stabilen ökonomischen und politischen Klimas und Handlungsrahmens werden not wendig sein, die andernorts teilweise bereits umrissen und diskutiert worden sind.41 Daraus ergeben sich etwa Inhalt und Aufbau des Buches: um die beabsichtigte Argu mentation methodisch aufzubauen und abzusichern, sind zunächst einige begriffliche Klärungen notwendig, auf die sich die spätere Argumentation stützen kann. Dazu gehört das Aufspannen eines Wertehorizonts, mit Vergewisserungen über Werte und Wahrheit, Methoden und Ziele des Erkenntnisgewinns, und über geschichtliche Ziele. Damit verbunden ist die Frage nach einem verbindenden und verbindlichen Verständnis davon, wie geschichtlicher oder kultureller Fortschritt zu definieren ist,42 38 Stellvertretend für viele: Anderson, C.: Makers. The N ew Industrial Revolution. N ew York 2012 39 Dazu eine Aussage im Technology Survey Report 2015: bis 2025 werden 5% der Produkte des Endverbrau cherkonsums 3D-gedruckt sein. 40 Das Beispiel der Automobilproduktion wird weiter hinten wieder aufgenommen und ausführlich diskutiert. 41 Zu nennen wäre hier unvermeidlicherweise Paul Masons „Postkapitalismus“, der neben Jeremy Rifkin bislang als einziger m it einem umfassenden Entw urf einer nachkapitalistischen Ordnung an die breitere Öffentlichkeit getreten ist, und diese auch erreicht hat. Vgl. M ason (2015), Rifkin (2014). Ferner wäre zu nennen: Stephan Krüger: W irtschaftspolitik und Sozialismus. Hamburg 2016. Krüger bleibt in seinem Entw urf allerdings sehr stark marxistischen Denkfiguren („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen..“) verhaf tet. 42 Vgl. dazu etwa Johano Strassers „Das Drama des Fortschritts“, in welchem er das Schillern der Zukunftser wartungen zwischen Apokalypse und „Erneuerung des Humanismus“ schildert. Strasser (2015) [28] und nach Werten, die Aussicht haben, auf allgemeine Anerkennung zu stoßen. Wie wären ihre Begründung, und ihr Ursprung? Es stellt sich ferner die Frage nach einem Menschenbild, in dem die Menschen sich zwanglos wiederfinden können, und dem sie zustimmen können; die Frage nach Hoffnungen, denen wir uns gemeinsam zu wenden können, oder nach verbindenden und verpflichtenden Zielen, die uns sagen, was wir tun sollen. Ferner sind einige Begriffe zur Technik zu klären, die ja eine bedeutende Rolle spielen wird — ob es einem gefällt oder nicht. Aus der skizzierten Transformation von Ökonomie und industriellen Prozessen geht hervor, dass Technik, automatische Ma schinen und kommunizierende Systeme eine zentrale Rolle spielen werden, und dass sich aus der Einbeziehung dieses Potenzials die Definition eines Richtungsstrahls von geschichtlichem Fortschritt ergibt, dessen vorstellbares Ende oder Ziel gedanklich scharf definiert sein muss. Es resultiert die Notwendigkeit, wirtschaftliche Zustände zu definieren unter der Voraussetzung, dass unbegrenzte maschinelle Kapazitäten zur Verfügung stehen. Es stellt sich so etwa die Frage, ob es erkennbare Grenzen des Einsatzes von Maschinen, von programmierbaren, „intelligenten“ Automaten und Robotern gibt. Tässt sich etwas sagen über eine „Natur“ von universal programmier baren Automaten, was universale Automaten „sind“, und was ihr Telos ist? Was macht ihre Universalität aus? Wie wirkt dieser Telos im Umfeld möglicher Anwendungen, wie eben der Ökonomie, oder der Produktion? Tässt sich etwa auch eine Idee eines „perfekten“ Produktionsautomaten konstruieren, als Ideal, als schlechterdings un übertreffliches Vorbild? Tässt sich so ein Ideal so rational konstruieren, wie etwa die idealen und in der Realität nicht anzutreffenden Figuren der Geometrie? Auch für den Bereich der Ökonomie sind einige allgemeine Klärungen voranzu stellen, die den Bereich dessen was ganz technik- und zeitinvariant möglich ist, ein schränken, wie etwa der Begriff des Bedürfnisses, die Unterscheidung von endlichen und unendlichen Bedürfnissen, von vermehrbaren und nichtvermehrbaren Gütern, von teilbaren und unteilbaren Gütern, von subjektiven und objektiven Werten, von dispositiven und exekutiven Handlungen und Arbeiten; sodann die Definition des Arbeitsbegriffs, und die Bestimmung von automatisierbaren (maschinenexekutierbaren) Handlungen und nichtautomatisierbaren Handlungen. Hieraus ergeben sich wie derum einige Folgerungen für eine Art von Ökonomie, die das Potenzial der Substi tution menschlicher Arbeit durch Maschinen als präsent und wünschenswert voraus setzt, und dies nicht — wie wohl die gesamte gegenwärtig an den Hochschulen gelehrte Ökonomie — für einen immer wieder durch Nachfragewachstum zu korrigierenden Einbruch der Maschinenproduktivität in die Stabilität der marktlich verfassten Volks wirtschaften hält. Eine ausführliche Herleitung wäre an dieser Stelle zu aufwendig43, stattdessen stehen diese thetisch gestrafft formulierten Bestimmungen am Anfang der Diskussion, um im späteren Verlauf auf sie zugreifen zu können, und sie auf diese Weise dann auch zu erläutern und zu begründen. 43 Eine umfassendere Begründung ist gegeben worden in der 2003 erschienenen Dissertation der Verfassers zu den langfristig zu erwartenden Entwicklungen im Zusammenspiel von Automationstechnik und Ökonomie: Eversmann, L.: W irtschaftsinformatik der ,langen F ris f. Perspektiven für Menschen, Automaten und Arbeit in einer lebensdienlichen Ökonomie. W iesbaden 2003 [29] Diese Klärungen und thetischen Bestimmungen bilden also den Inhalt des ersten Teils. Im Anschluss bewegt sich die Diskussion auf der konkreteren und plastischeren Ebene der geteilten oder teilbaren Erfahrungen, so dass die abstrakteren Aussagen des ersten Teils auf diese Weise konkretisiert werden; jedenfalls ist dies die Absicht. Im zweiten Teil geht es also um die Diskussion der „Zukunft der entwickelten Volks wirtschaften“, wie sie aus ihrem bisherigen Verlauf etwa seit Ende des Zweiten Welt kriegs bis in die Gegenwart und unter der Voraussetzung der Verfügbarkeit der be kannten technischen Mittel und Methoden zur wirtschaftlichen Mittelbeschaffung herzuleiten ist bzw. mit Blick auf die entstandene Debatte dazu von veröffentlichten Stimmen aus Wissenschaft und Publizistik erwartet wird. Der Tenor einer Mehrheit der Meinungen sieht hier einen krisenhaften Verlauf. Die sich immer mehr zuspit zende Krise des überbelasteten Klimahaushalts ist dabei ebenfalls in Betracht zu neh men, wenn diese Entwicklungen in der ökonomischen Diskussion gewöhnlich auch als der Ökonomie „externe“ und minder relevante Tatbestände betrachtet werden. Ziel ist die Herstellung von Plausibilität für die Annahme, dass die Aussicht auf Rück kehr zu marktharmonischen, stabilen und berechenbaren Tebensverhältnissen mit stetem Wachstum, kontinuierlich steigenden Töhnen und Vollbeschäftigung illusio när ist, weil dies nicht nur die politischen Steuerungsinstitutionen der reifen Ökono mien maßlos überfordern würde, sondern auch erkennbaren ethischen Imperativen widerspricht. Tatsächlich führt die kapitalistisch dominierte Entwicklung in eine in nerhalb des marktwirtschaftlichen Paradigmas unauflösliche Krise: nein, der „reine“ Kapitalismus als dominantes System kann nicht weiterleben, er wird seine Fähigkeit zur Herstellung von Wohlfahrt und Tebensglück unvermeidlich, notwendig und un wiederbringlich verlieren. Der vierte Teil wird sich konzentrieren auf die Beschreibung der Evolution der technischen Mittel im engeren Sinne, auf die Entwicklung der „großen Maschinerie“, wie noch Marx und Schumpeter und andere früh aufgetretene Ökonomen sie nur vergleichsweise unscharf erfassen konnten. Welche Perspektiven ergeben sich nun für eine nicht-kapitalistische Ökonomie und Gesellschaft? Der fünfte Teil widmet sich also der Frage nach den Möglichkeiten der Herstellung einer skizzierten Perspektive. Es dürfte zu erwarten sein, dass ganz entgegen der Annahme Schumpeters Widerstände der Bezieher von Kapitaleinkünf ten gegen eine Transformation des privaten Sektors in öffentliche Verantwortung auftreten werden. Vorausgesetzt, man teilt die skizzierten Annahmen, stellt sich fol gerichtig die Frage, wie — auch gegen diese zu erwartenden Widerstände — eine Trans formation vorbereitet werden könnte, wie ihre Notwendigkeit und Wünschbarkeit in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden kann, und wie dieser gesellschaftliche Kraftakt zu ihrer Initiierung und Realisierung ausgelöst und ins Teben gerufen wer den könnte. Es stellte sich dann auch die Frage, wie zu erwartende Widerstände über wunden, wie eine rationale öffentliche und politisch wirksame Debatte in Gang ge setzt werden könnte, um den erforderliche Aufmerksamkeitsgrad zu erreichen. Mög licherweise könnte die Wirtschaft selbst, etwa in diesen Prozess aktiv eingebundene Unternehmen selbst zu aktiven „Transformern“ werden, oder auch solche Besitzer von Vermögen, die die Aussichtslosigkeit der kapitalistischen Perspektive erkennen, [30] und einen Wandel unterstützen wollen. Oder muss auch der Staat zu einer neuen Art von Unternehmer werden? Die Frage nach einer ausreichenden öffentlichen Unter stützung stellt sich vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass diese Transfor mation sehr hohe Investitionen erfordern dürfte. Möglicherweise erscheint im Sinne dieser neuen Intention auch ein neuer Typ von Aktivator, der dem Typ des Schumpeterschen Unternehmers für die Früh- und Blü tezeit des Kapitalismus entspricht. Wird es also nur die demokratisch informierte und aktive Öffentlichkeit sein, die die Dinge vorantreibt, oder könnten es auch charisma tische und in diesem Sinne dynamische, aktivierende Persönlichkeiten sein, die die Aktivitäten formieren, bündeln und als Katalysator auftreten können? Oder, und das wäre das letzte, an das zu denken wäre, wird man möglicherweise auch hier auf„außerordentliche katalytische Ereignisse“ warten oder setzen müssen, die, wie etwa die Katastrophe von Fukushima für den Automausstieg, einem solchen Umschwung und Aufbruch den notwendigen initialen Anschub verleihen? Im Sinne guter wissenschaftlicher Tradition sollte es aber natürlich dabei bleiben, dass man auf den „eigentümlich zwanglosen Zwang des Arguments“ (Habermas) set zen wird, und auf die Verständigungsbereitschaft der gutwilligen Gemeinschaft auf geklärter „Republikaner“, im ursprünglichen Sinne des Wortes von demokratischer parlamentarischer Willensbildung. Beginnen wir also mit dem Aufspannen eines Wer tehorizonts, für den die Bedingung gelten muss, dass jeder ihm prinzipiell zustimmen kann. [31] Ein Kantischer Wertehorizont Die Frage, ob es die „bloße Technik“ ist, die die Epochen und die Lebensverhältnisse der Menschen bestimmt, zieht einen ganzen Strom von Fragestellungen nach sich. Wenn die Technik bestimmend ist, sind dann „wir“, die Menschen, also aufgeklärter Wille und informierte Öffentlichkeit oder moderne demokratische Institutionen, sind wir Menschen es dann nicht, die über unser Schicksal bestimmen? Ist unsere Ge schichte dann determiniert? Verläuft sie nach einem von uns nicht festgelegten, uns nicht einmal bekannten Plan? Umgekehrt stellt sich die Frage nach der Qualität, dem Ursprung oder der Gültig keit des Orientierungswissens, wenn es doch der Mensch selbst sein soll, der in die sem Sinne die Zügel über sein Schicksal in der Hand hat. Wie gewinnen wir dann Gewissheit? Wie wollen wir sicher sein, dass wir nicht vielleicht heute einer Wahrheit oder Meinung unter vielen folgen, die sich morgen schon als Irrtum erweist? Dem Banner des „Sozialismus“ und den Versprechungen des „Arbeiter- und Bauernstaa tes“ sind Menschen der halben Welt gefolgt, über mehrere Generationen, und offen bar sind sie tragisch gescheitert; sie haben das von ihnen erhoffte Ziel nicht erreicht. Woran sind diese Menschen gescheitert: an mangelnder Technik? Oder waren die Idee, die Werte, die Orientierung „falsch“? War die Idee „richtig“, aber sie scheiterten an der „egoistischen Natur“ des Menschen, an mangelndem Willen oder fehlender sozialistischer Moral? Oder an mangelnden charakterlichen Qualitäten der politischen Führung, die sich durch den Besitz der Macht hat korrumpieren lassen? Woran liegt es umgekehrt, dass sich der Kapitalismus heute offenbar noch immer nicht überwin den lässt? Ist es ebenfalls fehlende „bloße Technik“? Soll er denn überwunden wer den? warum? woher gewinnen wir Gewissheit, ob an diesem Kapitalismus etwas falsch ist, was wäre es, und wie ließe es sich gegebenenfalls korrigieren? Die vorherrschende Wertorientierung des „Westens“ ist jedenfalls klar; der Westen versteht sich heute als „Wertewesten“, und betont bei allen politischen Entscheidun gen mit einer gewissen Tragweite die gemeinsame Verwurzelung in einem Werteka non. Sowohl die Europäische Union als auch die Erweiterungen der NATO finden ihre Legitimation in der Bezugnahme auf diesen Wertekanon, wie er etwa im Artikel 2 des Vertrages von Lissabon formuliert wird: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte, einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, To leranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern aus zeichnet.“ Die Präambel des EU-Vertrages versteht das „kulturelle, religiöse und humanisti sche Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als uni verselle Werte entwickelt haben“, als eine der Kraftquellen, aus der normative Kraft beim Beschluss zur Gründung der Europäischen Union zu schöpfen war. [33] Aber es scheint, als mache der Kapitalismus mit dieser wertegestützten Europäi schen Union und der ganzen globalisierten Welt dennoch, was er will.Jürgen Haber mas etwa beklagte 2014 einen „für die Industrieländer empirisch belegten Trend einer seit zweiJahrzehnten stetigen Zunahme sozialer Ungleichheit“.44 Trotz der politisch beschworenen Gleichheit als universellem Wert der EU ist also soziale (wirtschaftli che) Ungleichheit entstanden. Die Ursachen waren für ihn leicht zu erkennen: „Man muss keine marxistischen Hintergrundannahmen teilen, um in der Entfesselung des Finanzmarktkapitalismus eine der entscheidenden Ursachen für diese Entwicklung zu erkennen und um daraus den Schluss zu ziehen, dass wir eine aussichtsreiche Reregulierung des weltweiten Bankensektors zunächst in einem Wirtschaftsgebiet von mindestens dem Gewicht und der Größe der Eurozone durchsetzen müssen.“ Ha bermas verlangte also politisches Eingreifen in Form einer Reregulierung des Ban kensektors, und nicht nur das: die europäischen Banken sollen abgewickelt werden, weil sie „das aufgeblähte, von der Realwirtschaft abgehobene virtuelle Kapital nicht mehr gewinnbringend anlegen können.“ Denn aus diesem Grund verfielen die Ban ken bekanntlich auf die Idee, wenig kreditwürdigen Staaten Kredite zu gewähren, in der Annahme, dass bei Zahlungsunfähigkeit dieser Staaten die EU einspringen werde. Was auch geschah, jedoch mit harten Sparauflagen seitens der EU (und des IWF) für die betroffenen Krisenstaaten. Wer am Ende „die Zeche bezahlt“ (und auf welchen Konten die Zahlungen landen) ist damit noch nicht vollumfänglich festgelegt; Ha bermas glaubte damals (2014), das sei durch eine „von uns“ gewählte Politik zu be stimmen: „Und abgesehen von den handgreiflichen Opfern in den von Sparauflagen betroffenen Krisenstaaten, die wir jetzt schon kennen, werden wir erst am Ende der Krise feststellen, wer die Zeche bezahlt haben wird. Auch das hängt von der Politik ab, die wir heute wählen.“ Die Politik, die wir gewählt haben, war die, die von den Banken eingegangenen Risiken zu übernehmen, sie auszubezahlen und so zu retten, im Gegensatz zu den betroffenen Krisenstaaten, und trotz des beschworenen humanistischen Erbes der EU. Der blanke Kapitalismus hatte gewonnen. Was bestimmt den Kapitalismus, wenn es nicht die legitimierte, wertgeleitete Politik ist? Habermas zitiert in diesem Artikel den Soziologen Claus Offe: „Claus Offe hat die „Falle“ beschrieben, in der das europäische Projekt zwischen den „ökonomischen Zwängen“ und dem, was „po litisch machbar“ ist, festsitzt.“ Woher kommen die ökonomischen Zwänge? Was kann man dagegen tun? Was hilft? Etwa „bloße Technik“, wenn die Politik offenbar machtlos ist? Wir wollen hier in der Tat die Auffassung vertreten, dass es die „bloße Technik“ ist, die der Politik das letztlich wirkungsvolle Mittel an die Hand gibt, der ökonomi schen Sachzwänge Herr zu werden. Was führt uns trotzdem fragend zu den Wissens quellen der Philosophie? Weil die Philosophie Gewissheiten und Orientierung zu ge ben vermag, auch wenn das technische Wissen noch nicht zur Verfügung steht. Sie hilft uns, das technische Unvermögen auszuhalten. Sie hilft uns, mit den Mängeln des 44 Jürgen Habermas: „Für ein starkes Europa - aber was heißt das?“ Blätter für deutsche und internationale Politik H eft 3 2014, S. 85-94 [34] Kapitalismus weiterzuleben, auch wenn die Mängel uns mit klarem Verstand ersicht lich sind. Sie hilft uns zu verstehen, dass wir nichts Besseres tun können, als die Män gel nach Kräften zu lindern und zu korrigieren und langsam fortschreitend besser zu werden; und sie bewahrt uns davor, vor den Realitäten zu flüchten, oder gegen sie zu revoltieren. Beides hilft nicht, die Mittel hervorzubringen, die der Kapitalismus noch hervorbringen muss, bis er sich endlich zur Ruhe begeben kann. Hat der Kapitalismus diese Mittel in statu nascendi hervorgebracht, hilft die Philosophie uns zu entscheiden, ob es die richtigen sind, und ob wir sie zur Reife bringen wollen, oder sogar müssen. Die Philosophie muss dazu nicht neu erfunden werden. In gewisser Weise befin den wir uns in der gleichen Situation wie jemand, der ein selbstfahrendes Automobil mit einem Weltwissen und einem Weltgewissen ausstatten muss. Man schaut sich dann um in den „Lehren der Philosophie“45, und fragt sich, mit welcher Gewissens lehre, welcher Ethik das Auto am besten fahren wird, wenn ein solches Maß an Ver einfachung einmal gestattet sei. Es kommen, so darf man — ebenfalls nicht ohne stark zu vereinfachen — vielleicht sagen, im Wesentlichen zwei Ethiken in Betracht: eine Kantische, und eine utilitaristische.46 Wir werden uns hier für die Kantische entschei den. Für eine ausführliche Begründung fehlt an dieser Stelle der Raum, aber so viel sei gesagt: eine utilitaristische Ethik ist zu einfach und zu schlecht begründet, um auch in einem so umfassenden Sinne orientierungsleitend wirksam sein zu können; der Utilitarismus kann kein oberstes normenbegründendes Prinzip angeben. Die Kantische Ethik enthält zumindest implizit auch den Bedeutungsgehalt eines „to orekton“, eines universalen und verbindlichen Wertes als Fixpunkt eines Ausgerichtet seins des Handelns, das sich aus apriorischen Bestimmungen vernunftgeleiteten Han delns ergibt. In diesem Sinn, der sich etwa auch aus der späteren diskursethischen Fortentwicklung der Ideen der Zweiten Aufklärung ergibt, ist der Kapitalismus kri tikwürdig; die Formel bei Habermas war der Konflikt zwischen dem — durch die Me dien Geld und Macht strukturierten — kapitalistischen Geldsystem, und der sprachlich durch Vernunftansprüche gesteuerten Lebenswelt, in dessen Verlauf die Lebenswelt durch das Geldsystem „kolonialisiert“ wird. Das sind die „ökonomischen Sach zwänge“. Mit diesen Sachzwängen leben wir nun in einer Welt, die wir noch nicht ändern können. Diese Welt, wie sie ist, enthält aber immer auch die Möglichkeiten, wie sie noch nicht sind, die zu entdecken oder auch zu bewerten sind, und über die vielleicht zu entscheiden sein mag, ob sie im Sinne einer übergeordneten Orientierung wünsch bar sind, oder ob deren Realisierung sich sogar ethisch gebietet, und sie verpflichtend ist. Elmar Altvater zitiert in diesem Sinne die emphatische Beschreibung Robert Mu sils: „Die Möglichkeiten haben etwas sehr Göttliches in sich, ein Feuer, einen Flug, einen Bauwillen und bewussten Utopismus, der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt ... Es ist die Wirklichkeit, welche die 45 Michael Hampe: Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. Frankfurt 2014 46 F. Rötzer diskutiert das Problem m oralischer Dilemmata als Aufgabenstellung bei der Entwicklung von M a schinenethiken für Autos. F. Rötzer: M oralisches Dilemma für autonome Fahrzeuge und ihre Nutzer. In: Pro grammierte Ethik (Telepolis): Brauchen Roboter Regeln oder Moral? (German Edition) (Kindle-Positionen385-386). Heise Medien. Kindle-Version. [35] Möglichkeiten weckt, und nichts wäre so verkehrt als dies zu leugnen.“ Die wissen schaftliche Analyse der wirklich gewordenen Welt müsse die Potenzialitäten erkun den, und diese seien durch die Praxis zu verwirklichen. „Das wirklich Mögliche be ginnt mit dem Keim, worin das Kommende angelegt ist“, zitiert Altvater Ernst Bloch.47 Dieses Kommende immer wieder zu entdecken, verdankte sich nach Ernst Bloch dem „Zufluss der Ströme utopischen Denkens“. Eben diese Ströme scheinen vielen aber nun unterbrochen, und nicht nur das; nicht nur die Ströme utopischen Denkens sind unterbrochen, dem einen oder ande ren schwinden offenbar jegliche Zuversicht und Optimismus. Stephen Hawking glaubt, die Menschheit stehe am „gefährlichsten Zeitpunkt ihrer Geschichte“.48 Was ihn beunruhigt, sind die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung, die wirtschaftli che Ungleichheit, der beschleunigte technologische Wandel, und die Krise der Öko logie: „Wir stehen vor gewaltigen und überaus beunruhigenden Umweltproblemen: Klimawandel, Lebensmittelsicherheit, Überbevölkerung, Rückgang der Artenvielfalt, Epidemien, Übersäuerung der Meere.“ (ebd.) Die Frage nach Wegen der kurzfristigen Gefahrenabwehr steht offenbar in einem Zusammenhang mit langfristigen und verbindlichen Orientierungen; hilfreich wären Ideen und „Visionen“, die das ferne Ziel eines Weges definieren und Kräfte entfes seln und bündeln können, es zu erreichen, die aber die drohenden Gefahren, von denen Hawking spricht, nicht ausblenden, sondern, ganz im Gegenteil, als Heraus forderung begreifen und annehmen, aber doch auch bei diesen Herausforderungen in der Zielorientierung nicht stehenbleiben. Lange hat im entwickelten Westen das Vertrauen vorgeherrscht, der „Kapitalis mus“ könne diese Probleme lösen. Der Kapitalismus ist, nach eingeübtem Sprachge brauch, als ein kulturprägendes Geflecht von politischen Institutionen, sozialen Nor men und Orientierungen und einer spezifischen Strukturierung der wirtschaftlichen Sphäre zu verstehen, in der, nach Schumpeters Definition, die wirtschaftlichen Be lange der Gesellschaft in die private Sphäre gehören. Und man glaubte, das sei richtig so. Der Westen hat sich lange Zeit mit einer durch diese Orientierungen strukturier ten Welt wohl befünden, und nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Staatsso zialismus 1989 hielt man das „Ende der Geschichte“49 für gekommen, das in der ge fundenen Lebens-, Staats- und Wirtschaftsform des Kapitalismus mit der an ihn ge koppelten parlamentarischen und liberalen Demokratie nun nicht mehr zu übertref fen sein werde. Heute aber findet sich die Welt wieder vor einer Phalanx aus Proble men. Francis Fukuyama ist heute noch immer der Auffassung, das Ende der Geschichte sei gekommen, dies aber als Ende der Geschichte des alten Streits um Ideen oder Ideologien, da eine neue, dem Kapitalismus an theoretischer Geschlossenheit und motivierender Kraft ebenbürtige Idee eben noch immer nicht aufgetreten sei.50 47 Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen. M ünster 2005. Altvater zitiert R. Robert Musil aus: Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1978, S. 16, und Em st Bloch aus: Das Prinzip Hoffnung. Frank furt 1973, S. 274 48 Stephen Hawking: „G efährlichsterZeitpunkt der Menschheitsgeschichte“, IPG-Journal vom 06.01.2017. http://www.ipg-joumal.de/kommentar/artikel/gefaehrlichster-zeitpunkt-der-menschheitsgeschichte-1779/ 49 F. Fukuyama: Das Ende der Geschichte, Kindler, München 1992 50 Vgl. F. Wiebe: Die Geschichte nach dem Ende der Geschichte. Handelsblatt vom 07.06.2014. [36] Der Frankfurter Philosoph und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialwis senschaften Axel Honneth hat sich nun vor einiger Zeit darum bemüht, „die Idee des Sozialismus“ zu neuem Leben und neuer Aktualität zu erwecken.51 Einleitend in sein Werk diagnostiziert er den beschriebenen Vertrauensverlust der Gesellschaften im Angesicht der „global entfesselten Ökonomie“ und deren eigentümlich wort- und ideenlose Passivität: „Die Gesellschaften, in denen wir leben, sind durch einen höchst irritierenden, schwer zu erklärenden Zwiespalt geprägt. Einerseits ist das Unbehagen über den sozioökonomischen Zustand (...) in den letztenjahren enorm gewachsen; wahrscheinlich haben sich (...) niemals so viele Menschen gleichzeitig über die sozi alen und politischen Folgen empört, die mit der global entfesselten Marktökonomie des Kapitalismus einhergehen. Andererseits aber scheint dieser massenhaften Empö rung jeder normative Richtungssinn, jedes geschichtliche Gespür für ein Ziel der vor gebrachten Kritik zu fehlen, so dass sie eigentlich stumm und nach innen gekehrt bleibt; es ist, als mangele es an dem Vermögen (...) einen gesellschaftlichen Zustand jenseits des Kapitalismus zu imaginieren.“ (S. 15) Seine neue Hoffnung auf den Sozialismus begründet er nun darauf, in dem bisher bekannten Konzept des Sozialismus Irrtümer ausfindig machen zu können, deren Beseitigung den Sozialismus in seinem Verständnis nun lebbar, praktikabel und at traktiv machen werde. So sei es etwa „eine von Marx vorgenommene Ineinssetzung von Marktwirtschaft und Kapitalismus“, die eine „Wiederbelebung der sozialisti schen Tradition“ verhindere, und korrigiert werden müsse. Hier deutet sich an, dass Honneth eine andere Definition von Sozialismus vor schwebt als Schumpeter (und Marx), und tatsächlich liegt das Kriterium für Honneth weniger in äußeren Fakten der Organisation der wirtschaftlichen Prozesse (staatlich und zentral gelenkt vs. privatwirtschaftlich und über Preisinformationen gelenkt), sondern in der Beschaffenheit einer inneren Disposition der Akteure. Die spezifi schen Merkmale des Sozialismus seien die Geisteshaltungen „Brüderlichkeit“ und „Solidarität“, und die seien auch in marktvermittelten Transaktionen sichtbar und wirksam zu machen. So habe schon Adam Smith den Markt ursprünglich als „eine wirtschaftliche Institution charakterisieren wollen, auf der sich die an ihrem Eigen nützen interessierten Objekte mit einem wohlwollenden Gefühl für die begründeten Interessen des jeweils anderen begegnen.“ (S. 95) Honneth unterscheidet die Hand lungssphären des Politischen, des Wirtschaftlichen und des Privaten, und entwickelt im Ergebnis die Idee eines „experimentellen Sozialismus“, in dem das, was „in den verschiedenen Sphären herbeigeführt werden soll, stets erst wieder neu durch expe rimentelle Erkundungen und entsprechend veränderte Erkenntnisse in Erfahrung“ gebracht werden muss. Trotz und jenseits aller experimentellen Variabilität soll dabei aber eine gesellschaftliche Lebensform entstehen, „in der individuelle Freiheit nicht auf Kosten, sondern mit Hilfe von Solidarität gedeiht.“ (S. 166) Tatsächlich waren die frühsozialistischen Ideen geprägt von einer moralischen Op position gegen die menschliche Kälte der marktlichen Koordination durch Eigennutz http://www.handelsblatt.com/politik/international/francis-fukuyama-die-geschichte-nach-dem-ende-der-geschichte/10006158.html [Stand 03.03.2017] 51 A. Honneth: Die Idee des Sozialismus. Frankfurt 2015 [37] und das Gesetz von Angebot und Nachfrage; auch der junge Marx kritisierte die auf kommende kapitalistische Gesellschaft, in der die Mitglieder auf anonymisierten Märkten mit Hilfe des Mediums Geld ihre Produkte austauschen; wo jeder für den anderen nur ein Kaufmann ist, und man sich gegenseitig gegenübertritt „in der Ab sicht der Plünderung“. (S. 37) Ähnlich glaubt auch die Idee der ,,Commons based Peer Production“52, auf die auch Rifkin und Mason große Hoffnungen setzen, an eine veränderte, von Solidarität und sozialen Motiven geprägte innere Einstellung der ökonomischen Akteure, oder wie auch die Sharing Pconomy, der mit den aufkommenden Möglichkeiten der ortsunab hängigen Interaktion über das Internet eine Möglichkeit zu entstehen schien, den Gesetzen von Angebot und Nachfrage und der kapitalistischen Herrschaft über die Produktion zu entkommen, indem man Wege schuf, das Nutzrecht an Gütern vom Eigentum zu entkoppeln. Der spätere Marx war allerdings zu Einsichten vorgedrungen, die sich seinem in tensiven Studium der ökonomischen Prozesse verdankten, und mit denen es immer hin möglich war, die heutigen Erscheinungen der Finanzkrise und das Entstehen des Finanzmarktkapitalismus schon in der damaligen Zeit vorauszusagen, und auch, sie in der heutigen Zeit zu erklären, wozu Honneth offenbar nicht einmal den Versuch unternimmt. Marx konnte den Trend zu Nullzinsen, Automation und Spekulation erklären, Honneth kann dagegen nur Brüderlichkeit und Solidarität beschwören.Jedoch — eine Alternative oder besser eine zukunftsfähige Nachfolgekonzeption des Kapitalismus ist auf der Basis der Marxschen Einsichten auch nicht entstanden. Sind denn überhaupt gültige Einsichten über Werte und gesellschaftliche Ziele, über ein end in view, entstanden? Diese Frage wird man bejahen dürfen. Es sind durch aus Gewissheiten entstanden, die innerhalb jenes Spektrums an Auffassungen über Ethik, Werte und Ziele, das sich etwa seit der Zweiten Aufklärung gebildet haben, im Zentrum stehen und weitgehend unangefochten stehen geblieben sind. Dazu gehö ren wohl in erster Linie die Idee der Menschenwürde, und die diese begründende Idee der Autonomie. Auch der auf Max Weber zurückgehende und von Habermas im Rahmen seiner Kommunikationstheorie ausgebaute Begriff der Rationalität dürfte dazugehören. Daraus lassen sich durchaus einige normative Bestimmungen einer mo dernen, demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft, und einige resultierende An sprüche an die Ausgestaltung eines ökonomischen Regel- und Handlungssystems ge winnen. Diese Art von Reflexion auf überzeitlich gleichbleibende Charakteristika oder Ei genschaften von Erscheinungen in der Realität, wie etwa Formen von menschlichen Gesellschaften, kann man auch Idealisierung kennen; in diesem Sinne handelt es sich bei einer Idealisierung um einen Erkenntnisprozess.53 In der Physik oder der Mathe 52 Eine ausführliche Stellungnahme zu den „Commons“ findet sich weiter hinten in diesem Buch. 53 D iesjedenfalls in der Auffassung des „M ethodischen Konstruktivismus“. Vgl. etwa Janich, P.: Konstruktivis mus und Naturerkenntnis. A u f dem Weg zum Kulturalismus, Frankfurt 1996, oder ders.: H andwerk und M und werk. Über das Herstellen von Wissen, München 2015; weiter Lorenzen, P.: Konstruktive W issenschaftstheo rie. Frankfurt 1974. W. Hüttemann beschreibt Idealisierungen als im Sinne des „Ziels der Physik“ durchzufüh rende Maßnahmen, das darin besteht, eine vereinheitliche Beschreibung von Dispositionen physikalischer Sys tem e zu geben. A. Hüttemann: Idealisierungen und das Ziel der Physik. Berlin 1997 [38] matik entspricht die erkannte ideale Gestalt oder Figur immer auch einem Herstel lungsziel, etwa bei der Herstellung idealer Messinstrumente. Kann man also auch von einer idealen Gesellschaftsform sprechen, und von einer idealen Ökonomie? Oder offenbart sich da ein totalitärer gleichmacherischer Anspruch? Wäre dann eine wirk lich demokratische Gesellschaft totalitär? Oder eine wirklich soziale Marktwirtschaft? In der Physik oder der Mathematik kann man die Gültigkeit von Definitionen, Gleichungen oder Messergebnissen nicht dem Zufall überlassen. Auch von Compu tern und Automaten verlangt man, dass sie sich berechenbar verhalten, und dass die Bits sich nicht nach dem Zufallsprinzip an oder ausschalten; auch bei Quantencom putern wird sich dies nicht ändern können. Kann man die Ökonomie oder die Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens dem Zufall, der Beliebigkeit oder sich selbst überlassen, und damit dem Faustrecht des Stärkeren? Ein end in view als ein sorgfältig hergeleitetes Ideal sollte also verfügbar sein — denn dann kann man sich auf etwas einigen. Ist das Ideal dem vorgefündenen Realen im Verlauf dieses Erkenntnisprozess abgewonnen, kann das Reale auch der erkannten idealen Form im geschichtlichen Prozess angenähert werden; so ist jedenfalls das Vorgehen in der Physik. Seit der Zweiten Aufklärung und dem Beginn der Moderne gilt die parlamentari sche Demokratie, und im Bereich des Wirtschaftlichen eine freie oder auch soziale Marktwirtschaft als Ideal oder Vorbild, obwohl hier die Meinungen schon recht weit auseinandergehen. Noch mehr gehen die Meinungen darüber auseinander, was zu tun ist, wenn die Marktwirtschaft möglicherweise die historischen Grenzen ihrer Funkti onsfähigkeit erreicht hat; oder aber auch, wie Schumpeter und Keynes dies gesehen haben: wenn sie ihren geschichtlichen Auftrag erfüllt hat. Arbeit und Kapital stehen sich dann zunehmend kooperationsunfähig gegenüber, weil das Kapital immer mehr menschliche Beschäftigung abbaut, und sie den Maschinen überträgt. Kommt man aus der Beschreibung eines Seins überhaupt zur Beschreibung eines Sollens? Das ist in der Ethik nicht möglich, und wäre seit George Edward Moore ein naturalistischer Fehlschluss. In der Physik oder der Mathematik ist dies aber eben durchaus möglich. Man kann das Ideale im Realen entdecken, durch Beobachtung und Abstraktion. Vor einem ganz anderen weltanschaulichen Hintergrund bemühte sich der Mathematiker und Philosoph G. W. von Leibniz541710, die „beste aller mög lichen Welten“ zu entdecken, kam allerdings zu der Überzeugung, dass keine andere als die Welt in der wir gerade leben, mit all ihren „von Gott zugelassenen Übeln“, schon die beste aller möglichen Welten ist. Den Physiker Stephen Hawking würde diese Erkenntnis nicht beruhigen. Wäre diese Welt die beste aller möglichen Welten, gäbe es wenig Hoffnung. Die Frage ist also, woher der „fehlende Richtungssinn“ zu gewinnen ist, von dem Johano Strasser in seinem Buch über das „Drama des Fortschritts“ schreibt, und wie die „miese Stimmung im gelobten Land“ aufgehellt werden kann, die er beobachtet. 54 In der 1744 erschienenen „Theodizee“ versuchte G. W. v. Leibniz zu belegen, dass die von Gott geschaffene W elt vollkommen sein müsse, da G ott sie „durch seine W eisheit erkannt, durch seine Güte erwählt und durch seine M acht verwirklicht“ hat. [39] Woher können wir das Wissen gewinnen, „wohin es mit uns gehen soll, wie wir in Zukunft leben könnten und leben möchten“?55 Ein in dieser Absicht immer wieder beschrittener Weg ist der, aus der Besinnung auf das Ureigenste des Menschen, auf das, was ihn „von allen Wesen“ unterscheidet, einen Wertehorizont und normative Gewissheiten zu gewinnen. Die Besinnung auf das, was der Mensch ist, und die Welt, in der er lebt, enthält immer auch den Keim einer Besinnung auf das, was sein soll, und den Keim einer Klärung dessen, wozu uns das Menschsein verpflichtet. Es wäre dann auch die Frage zu klären, ob sich etwa eine Verpflichtung zu Solidarität und Brüderlichkeit herleiten lässt, und ferner, ob sich daraus hinreichende Bestimmungen für eine Organisation der Sphäre des Öko nomischen gewinnen lassen. Ist es etwa möglich, in den Tauschakt, in die Rechtsbe stimmungen eines Kaufvertrages zwischen zwei Rechtssubjekten eine Anforderung an die mentale Disposition der Vertragspartner wie etwa Wohlgesonnenheit aufzu nehmen? Könnte die Bestimmung einer mentalen Disposition, mit der Menschen im gewöhnlichen wirtschaftlichen Verkehr miteinander in Austausch treten, in den Rang einer basalen Rechtsnorm erhoben werden, wie etwa die Unantastbarkeit der Men schenwürde? 55 Strasser (2015), S. 7ff. In diesem Sinne fragen N. Sm icek und A. W illiams in ihrem Buch „Postkapitalismus und eine W elt ohne Arbeit“ einleitend: „W o ist die Zukunft geblieben“? [40] E delse id erM en sch , hilfreich und gu t denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen die w irkennen J . W. von Goethe Normative Implikationen des Menschenbildes Am ersten Januar des Jahres 2017 starb der britische Philosoph Derek Parfit.56 Es scheint absolut bewunderungswürdig, mit welcher Energie und Ausschließlichkeit er sich Fragen nach „dem Guten“ gewidmet hat; denjahrtausende alten Fragestellungen der Ethik, die die Philosophen immer wieder beschäftigt haben, und zu denen ja wahre Schätze an bleibenden Antworten gefunden worden sind. Dennoch haben sie ihm keine Ruhe gelassen und ihn immer wieder von neuem herausgefordert, seine ihn wieder und wieder befallenden Zweifel gegen mühsam errungene neue Gewiss heiten auszutauschen. Mit den Anfängen der abendländischen Vernunftphilosophie entstand der An spruch, das Wissen um das Gute und den Ursprung der Obligation, es auch zu wollen, aus dem menschlichen Erkenntnisvermögen und der Vernunft selber zu gewinnen, statt aus göttlicher Offenbarung. Der Philosoph Volker Gerhardt sagte in seiner Ab schiedsvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität: „Die philosophische Be schäftigung mit dem Menschen gibt uns seitJahrtausenden die Auskunft, in ihm ein mit Vernunft ausgestattetes Wesen zu sehen. Er wird als animal rationale und somit als Tier begriffen, das vernünftig und verständig, berechnend und nachdenklich sein kann. Er soll ein durch und durch zur Natur gehörendes Lebewesen sein, das über Wissen verfügen, Einsichten haben, Schlüsse ziehen, „ja“ und „nein“ nicht nur sagen, sondern auch Meinungen und Überzeugungen haben und sie in seinem Tun umset zen kann. Transponieren wir animal rationale in die Theoriesprache der heutigen Phi losophie, ist der Mensch ein Wesen, das in allem, was ihm wichtig ist, seine eigenen Gründe haben kann.“57 Vernunft versteht man als Befähigung, nach mitteilbaren, teilbaren und in dem Sinne rationalen Gründen zu handeln, und unterscheidet sie von der strategischen Rationalität des Handelns aus oder mit zweckrationaler, instrumenteller Berechnung. Der Computerpionier und Mitbegründer der Künstlichen Intelligenz joseph Weizen baum58 bemühte sich mit Leidenschaft, die Vernunft als verbindende, verbindliche und „höhere“ Rationalität, als Sprachrationalität (wie Diskursethiker sagen würden) und „eigentlich menschliche“ Vernunft der „bloßen“ Zweckrationalität gegenüber zustellen, also einer lediglich instrumentellen Vernunft, deren „Imperialismus“ er be kämpfen wollte; die eigentliche menschliche Vernunft suchte er zu verteidigen gegen die „Hybris“ der sich zu dieser Zeit ihrer Macht bewusst werdenden Computerwis senschaftler, die mit zunehmendem Verständnis der Möglichkeiten des Rechners und 56 http://dailynous.com/2017/01/02/derek-parfit-1942-2017/ [Stand 21.01.2017] 57 V. Gerhardt: Die M enschheit in der Person einesjeden Menschen. Abschiedsvorlesung in der Humboldt-Uni versität zu Berlin am 10.07.2014 58 W eizenbaum, J.: Die M acht der Computer und die Ohnm acht der Vernunft. Frankfurt 1978 [41] seiner prozedural-algorithmischen Intelligenz glaubten, den Menschen selber als ei nen berechenbaren Automaten verstehen und dechiffrieren zu können. Weizenbaum brachte die Vernunft mit der menschlichen Würde, mit Selbstachtung und individu eller Autonomie in Zusammenhang, denn nur der Mensch kann begründet Entschei dungen treffen und seine Entscheidungen begründen, im Gegensatz zu einer Ma schine. Weizenbaum demonstrierte dies damals am Beispiel des „Roboters von Winograd“, der Warum-Fragen zwar beantworten konnte, aber nur „mechanisch“ und programmiert und nicht „genuin menschlich“, denn als letzte Instanz seiner Begrün dungen verwies er notwendigerweise immer auf einen Befehl oder eine Anordnung eines Menschen.59 Weizenbaum war auch die „Ohnmacht der Vernunft“ bewusst; die Vernunft als moralische Instanz besitzt keine Macht, und kann nur an den guten Willen appellie ren. Philosophen bzw. die Philosophie und die aus ihr und mit ihr sprechende Stimme der Vernunft kann letzten Endes nichts anderes und besseres bewirken und sein als Appell, als Aufklärung und Herstellung von klarem Wissen und Verständnis; den gu ten Willen zur Tat muss jeder Mensch dennoch selber aufbringen, und den guten Einsichten die guten Taten folgen lassen — sofern es denn möglich ist. Auch für Derek Parfit60 war es die Fähigkeit des Menschen, nach Gründen zu han deln, die ihn einzigartig macht. Damit verwandt ist seine Fähigkeit — und Verpflich tung! — zur Autonomie und zur Mündigkeit; zur Fähigkeit, sich selbst nach verallge meinerbaren Prinzipien Gesetze des Handelns zu geben, wie man in Anklang an den kategorischen Imperativ Kants sagen kann. Sapere aude, sagte Kant, wage es, deinen Verstand zu gebrauchen. Diese Vermögen ist es, das dem Menschen seine Würde verleiht, die im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland festgeschrieben ist, und deren Unantastbarkeit und Unveräußerlichkeit die Väter des Grundgesetzes höchsten Verfassungsrang eingeräumt haben. Nach dem berühmten ersten Satz aus der „Metaphysik der Sitten“ I. Kants ist es der gute Wille, der den Menschen zu allererst einzigartig und bewunderungswürdig macht: „Es ist überall nichts in der Welt, j a überhaupt auch außer derselben %u denken möglich, was ohne Einschränkungßürgutkönntegehalten werden, als allein einguterWilk Man muss diesen Urgrund der guten Intention, die freie, spontane und einfühlende Empathie, der dennoch als Verstandestätigkeit gute Gründe anerkennen und abwä gen muss, tatsächlich für unvergleichlich bewunderungswürdig halten, und er er scheint gerade im Vergleich mit dem programmierten Ablauf eines Kalkulus in einer Rechenmaschine, als welcher eine „Computermoral“ schließlich ja nur denkbar wäre, als letztlich unfassbarer Inbegriff des Guten schlechthin. Spontane Intentionalität ist 59 Inzwischen ist etwa m it dem bevorstehenden Einsatz selbstfahrender Autos die Notwendigkeit zur Entwick lung und Implementierung von Maschinenmoral entstanden. Dies ist auch keineswegs unmöglich, bedeutet aber nicht, dass damit die M aschine tatsächlich „moralisch“ und rechtsmündig würde. Die Verantwortung kann die M aschine nicht übernehmen, und die Verantwortlichkeit des Menschen sollte hinreichen, dies anzuerken nen. Vgl. F. Rötzer (Hrsg.): Programmierte Ethik. Hannover 2016 60 Derek Parfit hinterließ ein Monumentalwerk von 1400 Seiten m it dem Titel: On W hat Matters. Teil 1 Oxford University Press 2011 [42] einer Maschine, einem programmierbaren Automaten unmöglich; wäre sie es, würde sie diesen letztlich zu einem Wesen gleicher Würde machen. Diese Fähigkeit, die Po sition des anderen einzunehmen, die nach der Diskursethik in die symbolverarbei tende und die Sichten der Akteure vermittelnde Sprache sozusagen eingelassen ist, die Fähigkeit, die Rechtmäßigkeit des eigenen Handelns anhand des Gedankenexpe riments der Verallgemeinerbarkeit zu überprüfen (so könnte man den Kant‘schen Kategorischen Imperativ einmal stark vereinfacht zusammenfassen), und die Fähig keit zur spontanen Emphase und zum Mitgefühl sind offenbar die den Menschen in besonderem Maße auszeichnenden Eigenschaften, die durch „künstliche“, maschi nelle und algorithmische Erkenntnisleistungen als Informationsverarbeitung prinzi piell nicht eingeholt werden können. Darin, in der Autonomie und der Freiheit des Willens begründet sich für Kant die Freiheit des Menschen. Diese begründet seine Würde, und seine Position, im wirt schaftlichen Geschehen sinngebendes Subjekt zu sein. Darüber hinaus ist sie Grund lage seiner Fähigkeit, kreativ zu sein, also der Fähigkeit zur Hervorbringung gänzlich neuer, originärer schöpferischer und damit wertschöpfender Leistungen, wozu die Maschine wiederum nicht in der Lage ist. Und schließlich zeichnet den Menschen eine Fähigkeit aus, die bei allen Wesen die wir kennen auch sehr selten anzutreffen ist, und bei maschinellen Wesen ganz sicher und auch jenseits aller vorstellbaren tech nischen Vollkommenheit niemals, nämlich die Liebesfähigkeit. Lassen sich aus diesen menschlichen Charakteristika nun auch Eigenschaften der Lebenswelt ableiten, in der Menschen Zusammenleben, und Beschreibungen eines besseren oder besten, idealen Zustandes, in dem diese sich befinden sollte? Und dür fen wir darauf hoffen? Diese erste der sogenannten Kant-Fragen richtet ihr Interesse also offenbar auf die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer besseren, idealen, zu künftigen Lebenswelt, auf die die menschlichen Hoffnungen sich richten könnten. Die Diskursethik der Frankfürter Schule sah in der „Idealen Diskursgemeinschaft“ die denkbar beste Form des Zusammenlebens, die nach rationalen Vernunftkriterien beschrieben werden könnte; sie ist eine Lebensgemeinschaft von Menschen ohne jede Herrschaft, die sie sich nicht selbst gegeben hätten. Die „Herstellung der An wendungsbedingungen“ der Diskursethik, also die Realisierung der so charakterisier ten politischen Zustände ist nach Auffassung der Diskursethiker den Menschen ge schichtlich aufgegeben. Je nachdem wie kompromisslos man diesen Anspruch ver wirklicht sehen will, kommen demokratische rechtsstaatliche Lebensverhältnisse die sem Ideal offenbar recht nahe; Unterschiede mag man darin sehen, wie mittelbar oder unmittelbar diese Beteiligung am Diskurs ausgestaltet ist, und ob das Modell der par lamentarischen Demokratie mit ihren periodisch gewählten Volksvertretern diesem Anspruch gerecht wird, oder wie gleichberechtigt die Chancen zur Teilnahme am Diskurs ausgestaltet sind, und vor allem die Chancen, diesen Diskurs auch wirkungs voll zu gestalten. Normativ beschrieben sind damit zunächst einmal nur Verfahren der politischen Willensbildung. Das herstellbare Maß an Freiheit ist in diesem Sinne beschrieben als maximale Abwesenheit nichtlegitimierter politischer Herrschaft, durch welche das, was „der Fall ist“ oder zu tun ist, einer Gesellschaft oder einem Teil einer Gesellschaft [43] von einem anderen Teil ohne Recht aufgezwungen wäre. Der Kant’sche Autonomie begriff geht aber nun darüber hinaus. Er versteht Autonomie als „Abwesenheit von Heteronomie“, als Überwindung naturwüchsig gegebener, vorkultureller „Naturnot wendigkeit der wirkenden Ursachen“.61 In diesem Verständnis sind es auch die rohen, widrigen Naturgegebenheiten, das vorgegebene Faktum der Lebensnot aus Mangel an Überlebensmitteln, das die Freiheit und Autonomie des Menschen einschränkt; so ist es schließlich die ökonomische Grundtatsache der Begrenztheit und der „Knapp heit“ der wirtschaftlichen Mittel, die zu überwinden er in diesem Verständnis aufge rufen und berechtigt ist, sofern und in dem Maß wie dies nach übergeordneten Ge sichtspunkten auch zu rechtfertigen ist. Ist der Mensch nun auch zu einer Haltung der Solidarität, der mitmenschlichen Verbundenheit und Brüderlichkeit aufgerufen, und wie würde sich dies äußern? Oder „ist“ der Mensch egoistisch, und darf es auch sein? Die Universitätsökonomie unter stellt in ihren Modellen gewöhnlich den selbstinteressierten Nutzenmaximierer als atomares Wirtschaftssubjekt. Wenn dieser mit einem anderen Nutzenmaximierer in Interaktion und Austausch tritt, suchen beide ihren Vorteil zu maximieren, mit teils harmonierenden, teils konfligierenden Interessenlagen, also zum Nachteil des ande ren. Sind in einem Tausch- oder Kaufakt Spielräume vorhanden, ist der Kaufpreis oder die Menge der als gleichwertig betrachteten und zu tauschenden Güter also ver handelbar, so ist die entsprechende Annahme, dass beide sich tatsächlich „wie Kauf leute“ verhalten, also ihren Vorteil aus diesem Tauschgeschäft suchen. Auf diese Weise, in ständigen Vergleichen und Verhandlungen von einzelnen oder institutiona lisierten selbstinteressierten Akteuren, kommen die Marktpreise zustande. Ohne nun die Diskussion ausführlich um werttheoretische Aspekte zu erweitern, kann man in aller Kürze vielleicht in Erwähnung bringen, dass schon nach Adam Smith die Güter einen „natürlichen“ Wert haben, der sich nach der in ihnen enthaltenen Arbeitsmenge richtet, um den die Marktpreise im Verlaufe dieses vielfachen Kräftemessens und Vorteilssuchens auf dem Markt „oszillieren“, und auf den sie sich schließlich einpen deln; dies jedenfalls mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, und sofern nicht beson dere Faktoren auf die Preisbildung Einfluss nehmen.62 Kann man nun die Marktteilnehmer darauf verpflichten, einander in diesem Akt „mit Wohlwollen“ gegenüberzutreten? Kann eine Ethik die Bestimmung enthalten, den Interaktionspartner auf Märkten zu einem „bewussten Gegenstand der Besorg nis“ zu machen, wie Honneth formuliert63? Zu fragen wäre, wie sich dies äußert, und ferner, ob diese Bestimmung einer mentalen Disposition im wirtschaftlichen Verkehr zum zentralen und bestimmenden Merkmal eines Wirtschaftssystems gemacht wer 61 Kant (1999), S .6 7 62 Im „W asser-Diamanten-Paradox“, m it dem auch Smith sich auseinandersetzte, wird deutlich, dass die beiden den W ert bestimmenden Faktoren Arbeitsmenge und subjektive Nutzenzumessung (als Nachfrage) zu höchst unterschiedlichen Preisen luhren können. W asser kann unter Umständen lebenswichtig sein und jem andem höchste Zahlungsbereitschaft entlocken, obwohl es gewöhnlich frei verfügbar ist, aber nicht zu jed e r Zeit an jedem Ort, und Diamanten können der gleichen Person, die an W assermangel leidet, wertlos sein, obwohl in ihnen sehr viel Arbeit (auch „Arbeit der Natur“) enthalten ist, und sie gewöhnlich zu hohen Preisen nachgefragt werden; dies wiederum, obwohl sie keinen Gebrauchswert haben, aber Prestigegewinn bedeuten. 63 Honneth (2015),S .40 [44] den kann. Zur ersten Frage: würde dies bedeuten, dass etwa Tauschpartner dazu ver pflichtet sind, sich gegenseitig zu beschenken, oder den Preis unbestimmt oder dem Zufall zu überlassen? Oder dass man auf die Benutzung eines Tauschmittels gar ganz verzichtet, zugunsten von Natural-tausch? Wie schon angedeutet, sollte schon der Versuch, eine solche Verpflichtung in eine Rechtsnorm einfließen zu lassen, klar ma chen, dass eine solche Geisteshaltung nicht zu einer verbindlichen Norm erhoben werden kann. Man kann im Rahmen des Vertragsrechts und der da formulierten Ver tragsfreiheit nicht etwa einem Vertragspartner generell verbieten, einen von ihm fest gelegten Preis zu fordern, bzw. verlangen, diesen in einem „Geist des Wohlwollens“ festzulegen. Wenn man unterstellt, dass beide Partner sich in einem Geist etwa einer Kaufmannsethik auf einen Preis einigen, sollte es im besten Fall eben der übliche Marktpreis sein, und dessen Zustandekommen von dem Vorhandensein eines Geis tes des Wohlwollens vollkommen unabhängig. Uber die Bestimmungen des Privat rechts hinaus, das etwa Betrug und arglistige Täuschung etc. verbietet, wird man eine mentale Disposition beim Zustandekommen wirtschaftlicher Kooperationen kaum verbindlich festlegen können, und damit wäre dieses Merkmal für die gelebte Wirk lichkeit einer Ökonomie offenbar irrelevant. Man könnte noch hinzufügen, dass, wenn der „Geist des Wohlwollens“ etwa zum Verzicht auf die Bestimmung eines marktüblichen Kaufpreises führt und dieser dadurch de facto jenseits dessen liegt, was recht und billig wäre, hätte einer der beiden Interaktionspartner offenbar einen Nachteil zu erleiden, oder aber eine Einigung käme deshalb womöglich gar nicht zu stande; für die volkswirtschaftliche Wohlfahrt wäre offensichtlich nichts gewonnen, bzw. sogar ein Schaden entstanden. Wenn aber eine Wirtschaftsordnung durch eine bestimmte Geisteshaltung defi niert sein soll, in der die wirtschaftlichen Akteure dieser Ordnung miteinander inter agieren, und diese Geisteshaltung die wirtschaftlichen Interaktionen gar nicht in einer definierten Weise formieren oder beeinflussen kann, dann ist diese Wirtschaftsord nung offenbar schlecht definiert. Sie hätte außer dem Vorhandensein dieser inneren Geisteshaltung auch keine Kriterien dafür zur Verfügung, ob eine Wirtschaftsord nung etwa wohlstandserweiternd wirkt, oder ob sie die allgemeine Wohlfahrt beför dert. Es könnte nicht einmal das Gerechtigkeitskriterium zur Geltung gebracht und überprüft werden, denn es fehlten wenigstens annähernd objektiv überprüfbare Kri terien dafür, ob etwa ein Preis, ein Tohn oder ein Gehalt gerecht oder gerechtfertigt ist. Es scheint also einigermaßen irrational, eine solche Geisteshaltung zu einer ethi schen Norm erheben zu wollen, und zum Merkmal einer Wirtschaftsordnung. Im seit dem Aufkommen dieses Begriffs eingeübten Sprachgebrauch bedeutet Solidarität eine Haltung von Toyalität und „Brüderlichkeit“ innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppierung oder Interessengemeinschaft, in Abgrenzung zu den Interessen einer im Interessenskonflikt stehenden Gruppierung; in der Frühzeit des sozialistischen Denkens waren dies die Klassengegensätze. Würde man lediglich das Vorhandensein einer Geisteshaltung als Spezifikum einer Wirtschaftsordnung zur Verfügung haben, könnte man die Interessen einer Solidargemeinschaft gar nicht definieren. Es gäbe [45] auch keine Möglichkeit, wirtschaftlichen oder sozialen Fortschritt nach objektiven Kriterien zu definieren. Auch der Freiheitsbegriff wird so vollkommen inhaltsleer. Honneth erklärt einfach das Vorhandensein einer Haltung des Wohlwollens und der Brüderlichkeit zu sozialer Freiheit. In diesem Verständnis kann auch der Ein-Euro-Jobber perfekte soziale Frei heit genießen, oder die Fabrikarbeiter bei Foxconn, die sich schriftlich dazu verpflich ten müssen, keinen Selbstmord zu begehen. Tatsächlich glaubt Honneth, „den Liberalismus von innen heraus“ durch eine „Harmonisierung von Freiheit, Gleichheit und Solidarität“ „überwunden“ zu haben; nach außen könne eigentlich alles bleiben wie es ist. Von der „Idee des Proletariats als revolutionärem Subjekt“ müsste aber nun „endgültig Abschied genommen“ wer den, und es scheine „vorbei zu sein (...) mit dem Vertrauen auf eine dem Kapitalis mus innewohnende Tendenz zur Selbstzerstörung, vorbei auch mit der Hoffnung auf eine vom Kapitalismus selbst erzeugte Klasse, die den Keim des Neuen schon stets in sich trägt.“ Man solle sich zum „Anwalt von Freiheitserweiterungen nicht nur in den Produktionsverhältnissen, sondern auch in den persönlichen Beziehungen und in den politischen Mitbestimmungsmöglichkeiten“ machen. (S. 164) Wie die Frei heitserweiterungen in den Produktionsverhältnissen aussehen sollen, bleibt ungesagt; die politischen Mitbestimmungsmöglichkeiten wiederum sind eben nicht Teil der Sphäre des Wirtschaftlichen, und können für diese nicht definierendes Spezifikum sein. Die nun schon einige Jahre in der Folge der Finanzkrise anhaltende Debatte um ein Ende des Kapitalismus scheint an Honneth vollkommen vorbei gegangen zu sein, und tatsächlich ist er mit seinem begrifflichen und erkenntnistheoretischen Instru mentarium überhaupt nicht in der Lage, diese Vorgänge verständig zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn sich dazu ein Urteil zu bilden, noch auch, in solidarischer Mitverantwortung für das Schicksal der betroffenen Menschen und vor allem auch das Schicksal der durch einen möglichen Verlauf des sich auflösenden „K ap ita lis mus“64 in der Zukunft bedrohten Menschen, diesen einen gangbaren Weg in eine bessere Zukunft zu weisen. Man muss schon diese Bemerkung anfügen: es scheint geradezu abenteuerlich, dass ein Professor für Philosophie der Universität Frankfürt auf dem ehemaligen Lehrstuhl vonJürgen Habermas, dazujack C. Weinstein Profes sor der Columbia University und Direktor des berühmten und traditionsreichen Frankfürter Instituts für Sozialwissenschaften, sich dermaßen ahnungslos, und damit verantwortungslos und damit unsolidarisch gegenüber den Nöten und Zukunftssor gen seiner Zeitgenossen zu Wort meldet und verhält, und sie ohne Verständnis für die gesellschaftlich, ökonomisch und global entstandene Krisensituation ihrem Schicksal überlässt. Der verlorene Richtungssinn wird auf diese Weise kaum wieder zugewinnen sein. Führen wir nun die Frage, wie er denn wiederzugewinnen sei, weiter mit der Kon zentration auf den Begriff der Freiheit. Freiheit ist ein mit sehr vielen Bedeutungen, 64 Anfang des Jahres 2016 erschien das Buch „Kaputtalismus“ des Journalisten Robert Misik, das seine Hoffnun gen ebenfalls auf den „Commonismus“ setzt. R. Misik: Kaputtalismus. W ird der Kapitalismus sterben, und w ennja, würde uns das glücklich machen? Aufbau Verlag Berlin 2016 [46] und von ebenso vielen politischen und ökonomischen Denkrichtungen mit Vorliebe und meist an zentraler Stelle verwendeter Begriff, dem meistens sehr positive Konnotationen zugeordnet sind. Es ist also lohnend, diesem Begriff größere Aufmerk samkeit zu widmen. In Anlehnung an den Autonomiebegriff Kants war schon die Bedeutung als Abwesenheit von Heteronomie angeklungen, die etwa auf nichtlegitimierte Herrschaftsverhältnisse verweisen kann, die die Freiheit unberechtigt ein schränken. Der wirtschaftliche Liberalismus verwendet den Freiheitsbegriff zur Rechtfertigung des möglichst weitgehenden Verzichts auf das Leben bzw. vor allem das Wirtschaftsleben im Sinne eines überprivaten politischen Interesses regulierende Einschränkungen; die Betonung der individuellen Freiheit des Einzelnen zur Gestal tung seines Lebensbedingungen wurde später vom Neoliberalismus zu einer zentra len Doktrin und Maxime erhoben; wir kommen später zu einer ausführlichen Dis kussion. Freiheit im Kant’schen Sinn, als Autonomie, zielt ab auf Verbesserung der allge meinen und durchschnittlichen Lebensbedingungen des Mangels, die — auch und vor nehmlich — durch Wirtschaftstätigkeit zu beheben sind. In dem Sinne ist Arbeit bzw. allgemein die Wirtschaftstätigkeit normativ als eine emanzipatorische, befreiende Kulturleistung verstanden. Ein solches Verständnis von Kultur entwickelt etwa auch der „Methodische Kulturalismus“ nach P.Janich65 oder der ihm vorausgehende Kon struktivismus der Erlanger Schule, die die Überwindung vorkultureller Mangelzu stände als zentrale, geschichtlich zu realisierende Aufgabe der menschlichen Kulturen verstanden, zu welchem großen Zweck dann auch die Wissenschaften und die sinn stiftenden Kulturleistungen der schönen und bildenden Künste dem Menschen zur Verfügung stehen. Treten wir in der Reflexion auf die Frage „Was ist der Mensch?“ nun einen Schritt weiter zurück und lösen die Frage in ihre Bestandteile auf, so kommen wir Schritt für Schritt zu den Fragen nach dem Aristotelischen „Guten“; nach grundlegenden Wer ten wie der Menschenwürde; nach dem Verhältnis zwischen der Menschenwürde, dem aus ihr erwachsenden Freiheitsanspruch und der Notwendigkeit; dem Verhältnis von Vernunft und Autonomie; dann zu einem modernen Begriff von Rationalität, und schließlich zur Diskussion eines Verständnisses von Kultur, von Wissenschafts theorie und von Ästhetik. In all diesen aufeinander bezogenen Feldern der Besinnung des Menschen auf sich, seine Möglichkeiten und eigentlichsten Werte und Zielideen sind Hinweise zu finden auf den verlorenen historischen Richtungssinn, und hoffent lich auch Möglichkeiten, den Kompass neu auszurichten, auch wenn die Mittel des Fortschreitens in die erkannte Richtung auf anderen Handlungsfeldern zu finden sein werden. 65 W ikipedia Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/M ethodischer_Kulturalismus [Stand 25.01.2017] [47] Das Kantische und das Aristotelische Gute „Jede Kunst undjede Methode, dergleichenjede Handlung und Entscheidung, scheint ein Gut %u erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige be^eichnethat, wonach alles strebt Mit diesem Satz beginnt Aristoteles die Nikomachische Ethik. Ganz offensichtlich verlangt diese Definition nach weiterer Spezifizierung: es ist ja nicht klar, ob der Han delnde vielleicht nach der Befriedigung eines Bedürfnisses strebt, oder nach Geld und Gütern, oder ob sein Streben im Mangel begründet ist, also in der Knappheit der Güter, oder ob er vielleicht nach der Verwirklichung einer „Vision“ strebt, also nach einem Gut, das in der Welt, so wie sie ist, noch gar nicht vorzufinden ist. Für den einen verwirklicht sich das Gute vielleicht in ökonomischer Wertschöpfüng, für den anderen in der Verwirklichung einer besseren Welt, und es stellt sich die Frage wie steht das eine mit dem anderen in Zusammenhang oder in Verbindung steht, oder etwa auch in Widerspruch. Der in der Gegenwart zu beobachtende Zustand einer reifen, reichen und konso lidierten und damit durchaus auch erfolgreichen, aber auch überreifen und überrei chen Volkswirtschaft fordert die philosophisch-ethische Reflexion auf die Beschaf fenheit einer „humanen Ökonomie“ heraus, macht es ihr aber durchaus nicht leicht. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin etwa hat eine solche „Philosophie einer huma nen Ökonomie“ vorgelegt66, und fragt darin auch nach der „vollkommenen Tugend“: „Da die Glückseligkeit eine Tätigkeit der Seele gemäß der vollkommenen Tugend ist, haben wir nach der Tugend zu fragen“, zitiert er Aristoteles, aus der Nikomachischem Ethik. Er benennt deren Kardinaltugenden, und belebt und beschwört deren Bedeu tung für die heutige Zeit: Verlässlichkeit, Urteilskraft, Entscheidungsstärke, Beson nenheit, Autarkie und Empathie, Toyalität und Respekt, Gerechtigkeit und Charakter. Wie nun vor nicht allzu langer Zeit in der Tagespresse gemeldet wurde, schwim men die Konzerne im Geld, die deutschen sowie die US-amerikanischen, und sicher lich nicht nur sie. 18 US-Konzerne, das reichste Prozent jener Firmen, die von Stan dard & Poor's benotet werden, hielten im jahre 2014 535 Milliarden Dollar an Bargeld und kurzfristig angelegten Finanzmitteln.67 Dabei waren Banken und andere Finanz unternehmen in der Statistik nicht enthalten, weil man sie der Einfachheit halber gar nicht untersucht hat. Der Apple-Konzern wusste schon 2012, mit rund 100 Mrd. Dollar in der Kasse, nicht wohin mit dem Geld68; die inzwischen auf rund 215 Mrd. Dollar angewachsen sind69; in 2014 besaß Apple viermal mehr Barreserven als etwa 66 Julian Nida-Rümelin: Die Optimierungsfalle. Irisiana eBooks 2010 67 A. Endres: Reich, reicher, Microsoft. US-Konzem e schwimmen im Geld. Nach einer Meldung aus „Die ZEIT“ vom 18.08.2014: http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2014-08/vermoegen-us-konzerne-steuergesetzeungleichheit [Stand 10.10.2014] 68 B. Brinkmann: Apple weiß nicht wohin m it dem Geld. M eldung aus der „Süddeutschen“ vom 24.02.2012: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fast-milliarden-auf-der-hohen-kante-apple-weiss-nicht-wohin-mitdem-geld-1.1292278 [Stand 10.10.2014] 69 Die Zahlen für 2016 nach Statista: https://www.haufe.de/media/apples-barreserven-2016_373834.html [Stand 24.01.2017] [48] die Bundesrepublik Deutschland.70 Von den deutschen DAX-Konzernen wurde die Liste vom Volkswagen-Konzern angeführt, der 22 Mrd. Euro in der Firmenkasse hortete, dann folgten Daimler-Benz mit rund 10 Mrd. Siemens mit 8,6, und die Deut sche Telekom mit 7,7 Mrd. Euro.71 Was tun die Firmenlenker nun mit so viel Geld? Viele wissen offenbar damit nichts Besseres anzufangen, als es vor dem Zugriff der Steuerbehörden zu verstecken. Die größten amerikanischen Firmen wie Apple und Google jedenfalls parken ihre Gewinne tugendhaft auf ausländischen Konten, um Steuern zu vermeiden. 2015 wurde gemeldet, dass die 500 größten US-Konzerne die unvorstellbare Summe von 2,1 Billionen Dollar im Ausland horten, davon alleine Apple 181,1 Milliarden Dollar.72 Man muss sich einmal vor Augen fuhren, in welch fundamental gewandelter Situ ation die Lenker großer Konzerne sich heute befinden, verglichen mit den Gründer jahren der Krupps, Siemens, Bosch oder Daimler, deren Aufgabe darin bestand, ganz neu entstehende Möglichkeiten zu entdecken und unter großem persönlichem Ein satz und auch Risiko zur Entfaltung zu bringen, und insgesamt eine gewaltige gesell schaftspolitische Aufgabenstellung auszufüllen. Dies ist offensichtlich eine Aufgabe einer anderen moralischen Qualität — die zu beschreiben war ja großes Thema und Leidenschaft Joseph Schumpeters, und seine Erwartung für den charakteristischen Moralverfall der Führungsetagen findet sich hier glänzend bestätigt — als die, für diese enormen angesammelten Mengen an Liquidität händeringend nach irgendeiner ren ditebringenden Verwendung zu suchen, wobei das Hauptaugenmerk eben oftmals darauf liegt, dem Anspruch der Allgemeinheit auf Teilhabe an diesem Reichtum, durchzusetzen durch die Finanzbehörden, zu entgehen. Sicherlich sitzen nicht alle Firmenlenker in den Chefsesseln der Top-Unternehmen der Welt, nicht alle sind so erfolgreich und verfügen über so viel Geld, und in vielen Firmen, die um ihre Stellung im Wettbewerb kämpfen müssen, sind Führungskräfte gefragt, die die genannten Kardinaltugenden in den Wettkampf einbringen können, und die mit diesen Tugenden ihren Mitarbeitern ein inspirierendes Beispiel geben. Dennoch ist diese Situation in den Spitzenunternehmen für die gesamte volkswirt schaftliche Entwicklungsphase bezeichnend; der angesammelte und offenbar stark konzentrierte und sehr ungleich verteilte Reichtum73 in den Volkswirtschaften hat in 70 Dominic Benz: Apple besitzt viermal m ehr Cash als Deutschland. Nach einer M eldung des schweizerischen „Handelszeitung“ vom 08.04.2014. http://www.handelszeitung.ch/untemehmen/apple-besitzt-viermal-mehrcash-als-deutschland-594261 [Stand 10.10.2014] 71 „Die ZEIT“ vom 13.08.2014: Deutsche Konzerne schwimmen im Geld. http://www.zeit.de/wirtschaft/untemehmen/2014-08/infografik-dax-konzeme-liquide-mittel [Stand 10.10.2014] 72 M eldung aus Spiegel-online vom 06.10.2015: US-Konzem e horten zwei Billionen an Gewinnen im Ausland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/steuem-us-konzeme-horten-zwei-billionen-im-ausland-a- 1056344.html [Stand 15.05.2017] 73 „Reiche werden reicher, Arme werden m ehr“ : ZEIT-online am 24.04.2014 m it Bezug auf eine DIW-Studie. http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-02/diw-studie-vermoegensverteilung-deutschland [Stand 20.02.2017], Dieser Befund hat sich nicht geändert: Der Armutsbericht für das Jahr 2016 sieht die „Armutsquote auf Re kordhoch“ . Geradezu entlarvend ist der Umgang der Regierungskoalition m it diesem Bericht. Ein in der Studie enthaltener Hinweis au f einen Zusammenhang zwischen Arm ut und W ahlbeteiligung wurde gestrichen: „Alle Passagen, in denen au f eine ,Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der A rm en‘ eingegangen wurde, fehlen nun. Der Armuts- und Reichtumsbericht soll im Januar in eine zweite Ressortabstimmung gehen und im Frühjahr vom Kabinett verabschiedet werden.“ Bericht der Tagesschau vom 13.12.2016 [49] zwischen solche Höhen erreicht, dass das Bestreben und die Anstrengungen der wirt schaftlichen Eliten, diesen Reichtum nun noch immer weiter anwachsen zu lassen, mit ethisch zu rechtfertigenden Motiven und all diesen persönlichen Kardinaltugen den noch kaum in Einklang zu bringen ist. Hat es Sinn, für Führungskräfte in dieser Situation, die vor der „Aufgabe“ stehen, immense Vermögen möglicherweise auch zu Lasten ihrer Mitarbeiter und offensichtlich ohne Rücksicht auf die soziale Ver pflichtung des Eigentums weiter zu vermehren, die Tugenden „Autarkie und Empa thie, Loyalität und Respekt, Gerechtigkeit und Charakter“ zu beschwören? Es scheint von daher sinnvoller zu sein, in der Reflexion auf ethische Orientierun gen weniger diese Kampf- und Uberlebenstugenden mit dem Focus auf erfolgreiche Durchsetzung von Partikularinteressen in den Vordergrund zu stellen, als die Besin nung auf „das Gute“ als ausgezeichnete Qualität eines für alle Menschen gleicherma ßen lebenswerten Zustandes der Lebenswelt; der Welt, in der wir alle leben. Auch mit 180 Mrd. Dollar ist es niemandem möglich, eine ganze Welt zu kaufen: diese Welt ist einzige Heimat aller Menschen, auch wenn man mit viel Geld vielleicht hohe Mauern und Zäune errichten kann, die den Blick auf Zustände dieser Welt versperren, in de nen zu leben eines Menschen nicht würdig ist. https://www.tagesschau.de/inland/armutsquote-101.html [Stand 24.03.2017] [50] Menschenwürde, Freiheit und Notwendigkeit Ein normativ gehaltvoller Begriff, dem noch immer die am wenigsten bezweifelte oder relativierte Gültigkeit und Verbindlichkeit zugesprochen wird, ist eben der der Menschenwürde. Die Menschenwürde gilt in neun europäischen Staaten als oberstes Verfassungsprinzip. Auch in der Präambel der UN-Menschenrechtscharta werden Würde und Wert der menschlichen Person als grundlegendes Menschenrecht dekla riert. Aus der unantastbaren Würde des Menschen als einem dem Menschen unver äußerlich zukommenden Wesensmerkmal leitet sich in diesem Verständnis ein Ge staltungsauftrag ab für jedes nach diesem Verfassungsprinzip verfasste Gemeinwe sen. Viele der Verfassungen und der konstitutiven politischen Ideen moderner demo kratischer Staaten haben ihre Wurzeln in der geistigen Tradition der Zweiten Aufklä rung, aus der auch der Begriff der Menschenwürde und die Begründung seines Stel lenwertes stammen. In dieser Denktradition, zurückgehend auf die Denkschulen Kants und Hegels und später auch einmündend nach der sprachkritischen Wende in die beiden Diskursethiken der sog. Frankfürter und der Erlanger Schule, finden sich viele noch heute orientierungsleitfähige und hinreichend verbindliche Bedeutungs festlegungen wichtiger ökonomischer und gesellschaftlicher Begriffe. „Die eine Ver nunft und die vielen Rationalitäten“74 finden, so wird man sagen dürfen, noch immer kaum einen besseren Grund, sich ihrer selbst zu vergewissern, als hier. Die ja gewissermaßen wesenstypische „Ohnmacht der Vernunft“ hat nun inzwi schen durchaus einige Enttäuschungen hervorgerufen, und das noch immer unvoll endete Projekt der Moderne mag dem einen oder anderen auch schon als nicht voll endungsfähig erscheinen, oder auch als nicht vollendungswürdig. Der unvergessene Paderborner Groß-Systemtheoretiker Niklas Luhmann erklärte 1992 die Bemühun gen einer „europäischen Rationalität“ für gescheitert, „eine polykontexturale Welt auf einheitliche Prinzipien der Vernunft festzulegen“; eine Einsicht, die Luhmann auf den Ausruf „Nie wieder Vernunft!“ zuspitzte. Der Soziologe Dirk Baecker machte diesen Ausruf sechzehnJahre später zum Titel eines Bandes mit „kleineren Beiträgen zur Sozialkunde“75, in welchem er Abschied nahm von den „Hoffnungen einer Ver nunftphilosophie“. Dieser Ausruf Luhmanns hat in den letztenjahren eine erhebliche Popularität er reicht, und der eine oder andere mag glauben, es liege in der individuellen Beliebig keit, die Stimme der Vernunft überhaupt hören und befragen zu wollen. Aber eine der zentralen diskursethischen Einsichten war gerade die, dass jeder vernünftig dis kutierende Mensch in dem Moment, in dem er sich auf eine Gesprächssituation von ernsthafter Rede und Gegenrede einlässt, diese Selbstverpflichtung zur Anerkennung des vorgetragenen Vernunftarguments schon implizit anerkannt haben muss, wenn er sich nicht in einen performativen Selbstwiderspruch begeben will. Die Verpflich tung zur Anhörung der Stimme der Vernunft ist sozusagen in die Sprache, in den Diskurs eingelassen. 74 M atthias Kettner, Karl-Otto Apel (Hrsg.): Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten. Frankfurt 1996 75 Dirk Baecker: N ie wieder Vernunft. Kleinere Beiträge zur Sozialkunde. Heidelberg 2008. [51] Die Tatsache der Ohnmacht der Vernunft in dem Sinne, dass zum guten Wollen und zum erkannten Sollen auch das „gute Können“ gehört, kann den Menschen nicht aus der Pflicht zum verständigen Räsonieren und zur Anerkennung von Vernunft gründen entlassen. Der Gestaltungsauftrag moderner Verfassungen gilt, auch wenn die realen Möglichkeiten, so wie sie jeweils geschichtlich vorfmdbar sind, dem Gren zen setzen mögen. Der Auftrag liegt dann darin, diese Grenzen nach Möglichkeit zu verschieben. In der Idee der Menschenwürde ist aber ein noch weiter gehender Gestaltungsauf trag aufzuspüren; er mag auch durch das präzisiert sein, was die Frankfurter Schule „Herstellung der Anwendungsbedingungen der Diskursethik“ genannt hat. Dies ist nicht nur die Herstellung einer Verfassungswirklichkeit, sondern einer ganzen umfas senden gesellschaftlichen und ökonomischen „Totalität“. In der Tat geht es um die Würde des Menschen, und um seinen Anspruch, autonom und damit „Herr im Reich der Zwecke“ zu sein; also selber der Zweck zu sein, und nicht nur „Mittel“, etwa in der Funktion einer unselbstständigen Arbeitskraft. Das bedeutet zum einen, dass nur sprachrational gerechtfertigten Vernunftansprüchen Geltung zugebilligt werden darf, also keinen bloß faktischen Sach- oder Machtzwängen, und darüber hinaus, dass die Welt kultürlich, wohlgeordnet und wohl bestellt sein soll, zum Wohl und Gedeihen eines guten Tebens auf nachhaltige Weise Früchte tragend. Ferner deutet sich hier die moralische Norm gleicher, den Menschen nicht subordinierender und als Mittel nut zender Arbeitsverhältnisse. Der geschichtliche Auftrag zur Herstellung in diesem Sinne menschengerechter Arbeitsverhältnisse ist also durchaus bei Kant schon ent zifferbar. Offen bleibt allerdings, wie sie hergestellt werden können. Die Vernunft philosophie kann nur die Empfehlung geben, dass der Mensch zur Erfüllung dieses Auftrages sich des Verstandes bediene, also der Erkenntnismittel der theoretischen und praktischen Vernunft, die ihm auch technische Hilfsmittel zur Erfüllung seines Auftrages zur Seite stellt, wie sich im Taufe der weiteren Erörterungen erweisen soll. In einer Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte76 stellte dessen dama liger Direktor Heiner Bielefeldt fest, dass der „Achtung der Menschenwürde der Stel lenwert einer unhintergehbaren Prämisse aller moralischen und rechtlichen Verbind lichkeiten“ zukomme. Im deutschen Grundgesetz ist dieser Status unabänderlich festgelegt; die Unantastbarkeit der Menschenwürde kann auf legalem Wege nicht auf gehoben werden, denn „sie ist nach Artikel 79 Absatz 3 GG der Verfügung des ver fassungsändernden Gesetzgebers entzogen.“ Wie ist diese Stellung der Menschenwürde zu begründen? Nach Kant erwächst die Menschenwürde aus der Idee und dem Potenzial des menschlichen freien und guten Willens; Willensfreiheit und Autonomie des Menschen sind bei Kant „denknotwen dige Ideen“. Diese Freiheit des Willens wird nun durchaus bezweifelt, dennoch gehen heutige Begründungen für die Unhintergehbarkeit dieser Prämisse von Rechts- und Moralverbindlichkeit, wie Heiner Bielefeldt zeigt, auf eine notwendig anzunehmende Freiheit des Willens zurück; etwa auf die Freiheit und das Vermögen, dass der Mensch „überhaupt Vereinbarungen eingehen und Versprechen abgeben und sich dadurch 76 Heiner Bielefeldt: Menschenrechte. Der Grund der Menschenwürde. http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/uploads/tx_com m erce/studie_menschenwuerde_2008.pdf [Stand 24.01.2017] [52] binden kann. Wir stoßen damit wieder einmal darauf, dass die Achtung der Würde des Menschen als Verantwortungssubjekt als unhintergehbare Prämisse im Feld des Normativen vorausgesetzt werden muss. Sie erweist sich insofern auch als die Vo raussetzung — und nicht etwa erst das Ergebnis — aller (realen oder imaginären) in tersubjektiven Vereinbarungen. Die Würde ist deshalb nicht Gegenstand einer in tersubjektiven vertraglichen „Zuerkennung“, mit der ggf. auch die Option ihrer Ver weigerung oder Aberkennung verbunden wäre, sondern sie ist zuallererst Gegenstand einer vorgängigen Anerkennung.“77 Aus der Menschenwürde erwachsen die grundlegenden Rechtsprinzipien der Men schenrechte: Universalismus, Freiheit und Gleichheit. Die Menschenwürde kann Verbindlichkeit nur dadurch entfalten, dass sie jedem Menschen, kraft seines Menschseins, zukommt; der Anspruch ist also universal. In Bezug auf dieses Grund recht sind wiederum alle Menschen gleich. Der Respekt vor der Menschenwürde ist Ausdruck einer freiheitlichen Orientierung, die sich materialisiert in dem Grundrecht auf freie Selbstbestimmung, und in den politischen Freiheitsrechten. Aus der Würde des Menschen erwächst sein Anspruch, niemals ausschließlich als Mittel, sondern im mer zugleich als Selbstzweck behandelt zu werden. Jenseits etwa neurowissenschaftlich hergeleiteter Zweifel an der Willensfreiheit darf für ein anerkanntes Faktum gehalten werden, dass Menschen Autonomie-begabt sind; sie besitzen Vernunft und Autonomie jedenfalls — in der Regel, also wenn sie nicht durch Krankheit oder sonstige konstitutionelle Faktoren beeinträchtigt sind — als Disposition; deshalb gebietet es sich, Menschen in der Regel in einer Weise anzu sprechen, die diese Autonomie als aktiv-aktualisierte voraussetzt, also voraussetzt, dass Menschen ihre Freiheit zur Willensbetätigung auch auf verantwortliche Weise aktualisieren und ausfüllen. Daraus ergibt sich für Kant der Begriff der Menschen würde und die Pflicht der gegenseitigen Anerkennung der Menschen als Wesen glei cher Würde. Das Verbot, den Menschen als bloßes Mittel zu gebrauchen, hat Kant aus der Menschenwürde begründet: „Der Mensch aber ist keine Sache, mithin nicht etwas, das bloß als Mittel gebraucht werden kann.“78 Sachen, die als Mittel gebraucht werden können, haben ein Preis und sind durch Äquivalente ersetzbar: „Im Reich der Zwe cke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“79 77 Der Philosoph M atthias K ettner beschreibt W illensfreiheit als ein ,.$elbstkonstrukt von Personen als Akteu re n “', W illensfreiheit ist demzufolge nicht eine empirisch beweisbare oder widerlegbare Beschaffenheit des M enschen oder seines Gehirns oder an wissenschaftlich beweisbare Eigenschaften des Gehirns gebunden, son dern ein Vermögen, das wir uns selbst als Personen im Zustand körperlicher und geistiger Unversehrtheit zu schreiben. Der Philosoph G eertK eil verteidigt eine „Konzeption von W illensfreiheit als eines komplexen Ver mögens gesunder M enschen im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte“ . Auch für Kant war der freie W ille ein Zu schreibungsbegriff; Kant behauptet, „dass wir jedem vernünftigen W esen, das einen W illen hat, notwendig auch die Idee der Freiheit leihen müssen, unter der es allein handelt.“ (aus „B egriff der Freiheit“, in der „Grund legung zur M etaphysik der Sitten“). 78 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg 1999, S. 55 79 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg 1999, S.61 [53] Kant spricht von der „Würdigkeit eines jeden vernünftigen Subjekts, ein gesetzge bendes Glied im Reich der Zwecke zu sein.“80 Insofern ist für Kant die Autonomie des Willens oberstes Prinzip der Sittlichkeit, die Heteronomie des Willens dagegen der Quell aller unechten Prinzipien der Sittlichkeit: „Der Wille ist eine Art von Kau salität lebender Wesen, sofern sie vernünftig sind, und Freiheit würde diejenige Ei genschaft dieser Kausalität sein, da sie unabhängig von fremden sie bestimmenden Ursachen wirkend sein kann; so wie Naturnotwendigkeit die Eigenschaft der Kausa lität aller vernunftlosen Wesen, durch den Einfluss fremder Ursachen zur Tätigkeit bestimmt zu werden. (...) Die Naturnotwendigkeit (war) eine Heteronomie der wir kenden Ursachen.“81 Die Naturnotwendigkeit ist offensichtlich das, was den Menschen sozusagen als erstes, als geschichtlich vorgängiges Naturprinzip vor jedem Kulturprinzip, zum Han deln im Sinne der naturnotwendigen Daseinsvorsorge bestimmt, ja eben zwingt, bei Strafe des physischen Untergangs. Insofern sieht Kant diese Würdigkeit vernünftiger, zur Freiheit berufener Subjekte in einem Gegensatz zur faktisch-historisch gegebe nen, heteronom wirkenden Ursächlichkeit der Naturnotwendigkeiten. Für die Be stimmung der Autonomie kommt es darauf an, ob ein vernünftiges Subjekt die Würde besitzt, „gesetzgebendes Glied im Reich der Zwecke“ zu sein, die Zwecke — nach Vernunftgesetzen oder im Einklang mit Vernunftgesetzen — zu bestimmen, und nicht der Bestimmtheit durch Zwecke zu unterliegen. Die Ethikerin Anette Pieper beschrieb die Idee oder den Begriff des Aristoteli schen „höchsten Gutes“ als „Inbegriff einer als im Ganzen gelungenen, schlechthin erfüllten unüberbietbaren Praxis, die die vollkommenste Weise des Menschseins dar stellt“82, und die für ethisch motiviertes Handeln eine letzte Orientierung darstellt. Für Kant bedeutet dies die Synthese von Tugend „als die Würdigkeit, glücklich zu sein“ mit Glückseligkeit: „Es ist a priori (moralisch) notwendig, das höchste Gut durch Freiheit des Willens hervorzubringen; (...) In dem höchsten für uns prakti schen, d. i. durch unseren Willen wirklich zu machenden, Gute, werden Tugend und Glückseligkeit als notwendig verbunden gedacht.“83 Hiermit ist der Anspruch und das Ziel der Ethik markiert, Freiheit als Abwesenheit von Heteronomie als das unbedingt Gesollte reflexiv zu vermitteln, und ferner auch der schließlich resultierende An spruch formuliert, diesen „wirklichen Vollzug der Freiheit in der Praxis“ herzustellen. Aber hier liegt dann eben auch die schon angesprochene Grenze der Wirkmöglichkeiten der E thik:,,.. .sie kann diesen wirklichen Vollzug der Freiheit in der Praxis nicht selbst herstellen.“ Dieses Herstellen ist also anderen menschlichen Begabungen und Vermögen aufgetragen. Ethisch ist es demzufolge nicht nur erlaubt, sondern so gar gesollt, Technik, menschliche Arbeit erleichternde oder ganz ersetzende Automa tionstechnik mit dem Ziel und dem Erfolg einer allgemeinen Verringerung der Wir kungsmächtigkeit der vorgefündenen Naturnotwendigkeiten einzusetzen. Ein zweck mäßiger, zweckmäßig vorgenommener Einsatz von Technik und (automatischen) Maschinen verringert trivialerweise die von vorgefündenen Naturnotwendigkeiten 80 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg 1999, S. 67 81 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg 1999, S. 75 82 Anette Pieper: Einluhrung in die philosophische Ethik. Hagen 1988 83 Immanuel Kant: W as ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften. Hamburg 1990, S. 130/131 [54] ausgehende Fremdbestimmtheit des Menschen. Es kommt darauf an, ob dieser Zweck der Befreiung von Fremdbestimmtheit auch erreicht wird, also nicht seiner seits wiederum Fremdbestimmtheit erzeugt, und ob er verhältnismäßig verfolgt wird, das Ausmaß an Naturverbrauch also einen so legitimierten Zweck nicht überschreitet. [55] Vernunft und Autonomie „Das Gute“, das „höchste Gut“ im aristotelischen Sinne als ein höchstes oder letztes erkennbares oder nennbares „Worum-Willen“ ist im Sinne der Aufklärung zu finden in den Ideen der Freiheit, der Vernunft und der menschlichen Autonomie. Im Ver ständnis der Diskursethik ist ein solchermaßen umfassendes „Worum-Willen“ später formuliert worden als „ideale Kommunikationsgemeinschaft“, als Minimierung der „Differenz im Apriori der Kommunikationsethik“, die ihrerseits „geschichtlich auf gegeben“ sei. Diese Kantische Idee der Freiheit wie auch die diskursethische der politischen und moralischen Freiheit sind nun vor allem auch im Kontext ihrer Entstehung zunächst zu verstehen als Bestimmungen einer inneren geistigen Disposition, die zuerst eine „innere“ Freiheit und Würde dadurch verleihen, dass ein Mensch sich selbst zu einem verständigen und moralischen, und damit würdigen Herren seiner selbst macht. Er versteht sich selbst als Wesen, das sich selbst kraft Vernunft diese Gesetze seines Handelns zu geben vermag, und ist dadurch frei, sowohl von Fremdbestimmung etwa durch fremde Gesetze, als auch durch Fremdbestimmung durch Neigungen, das Sich-Bestimmen-Lassen durch zufällig in das Erleben einschwebende Neigungen o der Begierden, oder sonstige fremde „Ursachen“ von Heteronomie. Es geht letztlich darum, das Handeln aus Gründen gegen das passive Bestimmtsein durch äußere Ur sachen als moralisches Spezifikum zu benennen und auszuzeichnen. Zu diesen äußeren Bestimmungen des Handelns gehören natürlich nun auch die vorgefunden Beschränkungen, Unzulänglichkeiten und Mangelerscheinungen der ge wöhnlichen Lebenswirklichkeit, der urwüchsigen Lebensnot, gegen die der Mensch die Kraft der Vernunft und des kreativen Schöpfergeistes aufzubieten aufgerufen ist. Die Autonomie und die Freiheit in Würde und diskursiver Verantwortungsfähigkeit sind die „letzten“ Zwecke, und im Sinne der Beförderung dieser Zwecke kann natür lich auch ökonomisch rationales und den ökonomischen Mittelbestand erweiterndes Handeln sinnvoll sein. Dieses kann sich aber eben nur so, als auf das Ziel der Auto nomie abzielend, legitimieren. Daraus folgt offenbar, dass eine Ökonomie sich nicht ihrerseits als „imperativisch“ wirkendes System verhalten darf, was sie aber offenbar tut, wenn nicht demokratisch legitimierte Instanzen der Politik die Ökonomie beherrschen, sondern Instanzen der Ökonomie (Märkte, Lobby-Gruppen, Sachzwänge des wirtschaftlichen Wettbewerbs etc.) die Politik. Diese Kritik lässt übrigens auch Honneth gelten, wenn er feststellt: „Heute bietet der kapitalistische Markt wieder ein Bild, das allen von Marx vorausge sagten Entwicklungstendenzen haargenau zu entsprechen scheint: nicht nur, dass dem alten Industrie- und dem neuen Dienstleistungsproletariat jede Aussicht auf eine längerfristige Beschäftigung in sozial geschützten Arbeitsverhältnissen genommen ist und der finanzielle Ertrag aus den Kapitalrenten so hoch wie selten zuvor ausfällt, so dass der Einkommensunterschied zwischen den wenigen Vermögenden und der gro ßen Masse enorm zugenommen hat; in zunehmendem Maße werden vielmehr inzwi schen auch immer mehr öffentliche Sektoren dem Prinzip der ökonomischen Renta bilität unterworfen, so dass die Marxsche Prognose einer ,reellen Subsumtion‘ aller [56] Lebensbereiche unter das Kapital in Erfüllung zu gehen scheint“. (S. 93) Honneth ist aber nun der Meinung, dass dies weder immer so gewesen sei, noch auch mit „histo rischer Zwangsläufigkeit so bleiben“ müsse. Darüber, wie es geändert werden könnte, schweigt er sich jedoch aus. Diese Auskunft können nun auch Ethiker nicht geben. Sie opfern der Erkenntnis dieses faktischen Unvermögens aber nicht den Begriff und den Anspruch der Frei heit, sondern erklären die Herstellung vernünftiger und die Freiheit des Menschen ermöglichender Lebensbedingungen zu seinem geschichtlichen Auftrag. Eine geistige Disposition, derer sich der Mensch zu diesem Zweck bedient, ist die ökonomische, politische und moralische Rationalität. [57] Rationalität Auch wenn die Veröffentlichung des Hauptwerks des Frankfurter Philosophen Jür gen Habermas inzwischen mehr als dreijahrzehnte zurückliegt84, wird man behaupten dürfen, dass dessen Aktualität und Relevanz gerade für das Verständnis zentraler öko nomischer und gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene kaum nachgelassen hat. Die Habermassche Explikation des Rationalitätsbegriffs etwa ist noch immer von großer klärender Kraft. Habermas hat im Rahmen seiner Kommunikationstheorie die Unterscheidung zwischen zwei Bedeutungsaspekten der Rationalität eingeführt: „Wenn wir von der nicht-kommunikativen Verwendung propositionalen Wissens in zielgerichteten Handlungen ausgehen, treffen wir eine Vorentscheidung zugunsten jenes Begriffs kognitiv-instrumenteller Rationalität, der über den Empirismus das Selbstverständnis der Moderne stark geprägt hat. Es führt die Konnotation erfolgreicher Selbstbehaup tung mit sich, welche durch informierte Verfügung über, und intelligente Anpassung an Bedingungen einer kontingenten Umwelt ermöglicht wird. Wenn wir hingegen von der kommunikativen Verwendung propositionalen Wissens in Sprechhandlun gen ausgehen, treffen wir eine Vorentscheidung zugunsten eines weiteren Rationali tätsbegriffs, der an ältere Logosvorstellungen anknüpft. Dieser Begriff kommunika tiver Rationalität führt Konnotationen mit sich, die letztlich zurückgehen auf die zentrale Erfahrung der zwanglos einigenden, konsensstiftenden Kraft argumentativer Rede, in der verschiedene Teilnehmer ihre zunächst nur subjektiven Auffassungen überwinden und sich dank der Gemeinsamkeit vernünftig motivierter Überzeugun gen gleichzeitig der Einheit der objektiven Welt und der Intersubjektivität ihres Le benszusammenhangs vergewissern.“ Er unterscheidet die hier erkennbar werdenden unterschiedlichen Verwendungsaspekte der Rationalität nach dem ihnen innewoh nenden Telos: „Unter dem einen Verwendungsaspekt scheint instrumentelle Verfü gung, unter dem anderen kommunikative Verständigung als das der Rationalität in newohnende Telos.“ Der so gewonnene Begriff der Rationalität als erfolgreicher instrumenteller Verfü gung bedarf dann kaum weiterer Erläuterungen. Er meint die Qualität einer Vorge hensweise in einer gegebenen Zweck-Mittel-Relation: die Wahl eines zum Erfolg füh renden Mittels ist rational. Dies schließt auch eine „ökonomisch“ rationale Vorge hensweise ein: in diesem Sinne ist mit ökonomisch eine Vorgehensweise der mög lichst effizienten, sparsamen und auf kürzestem Wege zielführenden Ressourcenver wendunggemeint. Dies impliziert das Wissen um eine grundsätzlich zu unterstellende Knappheit und Beschränktheit der zur Verfügung stehenden Ressourcen; das kann dann auf dem Wege der Bepreisung bzw. Auswertung von Preisinformationen zu diesen Ressourcen zur Durchführung eines Nutzenkalküls des ökonomischen „selbstinteressierten Nutzenmaximierers“ führen, also zu „Kostenminimierung“, o der etwa aus einer ökologisch informierten bzw. interessierten Gewissenhaftigkeit des Umgangs mit aus dieser Interessenlage gesehen knappen Ressourcen zu deren spar samer Verwendung. 84 Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt 1981 [58] Kommunikative Rationalität muss sich nun nicht beschränken auf die Qualität ei nes zielführenden Verhaltens in einer Gesprächssituation, also eben so, dass eine in tendierte Verständigung erreicht wird. Sie ist erweiterbar auf das Telos, verständi gungsorientierte Situationen überhaupt herbeizuführen oder zu bevorzugen, oder, auf das Telos, eine verständigungsorientierte Haltung generell einnehmen zu wollen. In einem so erweiterten Sinn findet sich diese Differenzierung dann wieder in der fundamentalen Differenzierung des Rationalitätsbegriffs bei Max Weber als Diffe renz von Wert- und Zweckrationalität bzw. formaler und materialer Rationalität. Wertrationalität im Sinne Max Webers meint nun noch nicht unmittelbar diese kom munikative Rationalität, sondern eine rationale Vorgehensweise bei der Wahl oder der Begründung oder Bindung an Werte, im Gegensatz zu einer vormodernen Bin dung an überkommene Traditionen, oder etwa an religiöse Wertideen. Erweist sich allerdings eben nur dieser Wert der kommunikativen Rationalität oder der „politi schen Vernunft“85 als universal begründbar und bindungsfähig, fallen kommunikative und materiale bzw. Wertrationalität dann wieder zusammen. Als kulturprägende Charakteristika ergeben sich daraus: Parlamentarismus, als Konsequenz aus der „politischen Vernunft“; die Forderung nach einer friedensori entierten Gesetzgebungspraxis in der parlamentarischen Situation freier, gleicher, un gehinderter und transparenter Diskurse; Gerechtigkeit im Sinne der allgemeinen, freien Zustimmungsfähigkeit von Gesetzen; und daraus sich ableitend die Forderung einer politischen Kultur im Sinne von aktiver Partizipationsfähigkeit der Bürger. Fer ner ergibt sich die Forderung moderner verfasster säkularer Staaten mit Gewaltentei lung und den für moderne Verfassungen typischen Grundrechten, die sich aus dem Grundrecht der unantastbaren Menschenwürde herleiten. Als kulturprägendes Merkmal ist eine habituell gelebte und vorfindbare materiale oder kommunikative Rationalität mit der Einnahme einer verständigungsorientierten Haltung aber noch nicht erschöpfend beschrieben: dazu gehört auch die Einnahme des Interessenstandpunktes eines verallgemeinerungsfähigen Anderen, also die Fä higkeit und die Intention einer aktiven, intersubjektiven Solidarität. Eine Kultur ma terialer Rationalität heißt auch, das allgemeine Interesse an demokratischen, gerech ten und allgemein zustimmungsfähigen Zuständen und Tebensbedingungen zu teilen und anzuerkennen, und das allgemeine Interesse, den Interessenstandpunkt des an deren generell zu respektieren, und im Rahmen verallgemeinerbarer Interessenabwä gungen anzuerkennen. Kantische Autonomie als das Aufbieten des menschlichen Willens gegen Vorge fundene bloße Naturnotwendigkeiten, instrumentelle Vernunft bei Wahl und Einsatz der Mittel zur Erweiterung der menschlichen Handlungsmöglichkeiten, und kommu nikative Rationalität bei der Einnahme des Standpunktes eines verallgemeinerbaren anderen wären also als prägende mentale Dispositionen einer fortschrittsbezogenen modernen Kultur zu verstehen. Die Effizienz des zweckrationalen Mitteleinsatzes muss sich dem übergeordneten Kriterium der allgemeinen, wohlverstandenen und 85 „Politische Vernunft“ ist die Formel des Erlanger Konstruktivismus nach Paul Lorenzen. Sie hat das Telos der Etablierung der Institution des allgemeinen, freien Konsenses als letzte Legitimationsinstanz. [59] abgewogenen Zustimmungsfähigkeit unter Wahrung der Interessen aller beugen und gegebenenfalls unterordnen. „Das Gute“ als Idee ist also, soweit bisher bestimmt, auf die Formel zu bringen: Freiheit in Verantwortung. Die Habermassche Formel lautete: politische und mora lische Freiheit. Beides ist so gut wie irgend möglich herzustellen. Diese Zielsetzung ist nun durchaus nicht unbekannt geblieben, und in einer Vielzahl auch von wirt schaftsethischen Untersuchungen berücksichtigt und so oder ähnlich formuliert wor den. Man kann es auch auf die Formel bringen: es geht um das ethische Korrektiv oder die ethische Wertbindung ökonomischer Effizienz und Rationalität, um die Har monisierung von „Gerechtigkeit und Effizienz“, und im Ergebnis um eine möglichst „humane Ökonomie“86. Die entscheidende Frage wird sein, ob dies mit den bisher bekannten und ange wendeten Mitteln der ökonomischen Handlungskoordination und auf dem erreichten Niveau und Reifestadium der ökonomischen Entwicklung noch weiterhin möglich sein wird, und welche Alternativen einer ökonomischen Handlungskoordination zur Verfügung stehen, die die bestehenden Mittel effizient ergänzen, unterstützen oder auch ersetzen können. „Eine humane Ökonomie“ ist das Resümee der Frage Julian Nida-Rümelins nach Auswegen aus der „Optimie rungsfalle“, wie bereits angesprochen. [60] Kultur Das Aristotelische Gute kann auch verstanden werden als Telos im Sinne eines be stimmten sinnbezogenen Selbstverständnisses einer Kultur; als innere geistige Dispo sition eines ganzen aufeinander bezogenen Ensembles von politischer Kultur, von Bürgerkultur, von Kultur des menschlichen Miteinander, von medialer Kultur, von Bildungsauftrag und Wissenschaft, und von Kultur in diesem engeren Sinne der bil denden und darstellenden Kunst. Kultur erhält sich durch den Sinn für den Sinn. Von allen Unterschieden nun abgesehen, die sich aus bestimmten historischen, überlieferten und mit einer regionalen Zugehörigkeit verbundenen Inhalten im Sinne einer kulturellen Identität ergeben, sind die zentralen Inhalte einer modernen, säku laren Kultur also etwa der Umgang mit Wissen im Sinne der Schöpfüng, Bewahrung und Verbreitung von Wissen, mit Verständigung und Konfliktlösung, mit Recht und Gerechtigkeit, und mit der Gestaltung des öffentlichen Gemeinwesen und darauf be zogenen partizipativen Rechten und Pflichten. Als nicht unproblematisch wurde im Grunde schon seit Aristoteles der Umgang mit dem Wirtschaftlichen in der Kultur gesehen, oder der Umgang „der Wirtschaft“ — also wirtschaftlicher Organisationen, ökonomisch-strategisch denkender und han delnder Akteure — mit der Kultur, oder die Frage: wie ist ein menschenwürdiges Le ben in der heutigen Wirtschaft möglich, oder: wie lassen sich Ökonomie und Kultur, ökonomische Rationalität und kulturelle, sprachliche, verständigungsorientierte Rati onalität vereinbaren? Auf der Grundlage diskursethischer Einsichten hat Habermas seinerzeit diesen zentralen Konflikt als Differenz zwischen System und Lebenswelt konzipiert, als prinzipiell unversöhnte Differenz der Interessen, der Steuerungssys teme und der Steuerungsmedien zweier Welten: der Welt des „Systems“ der Ökono mie, das sich durch die Medien Geld und Macht organisiert und steuert auf der einen Seite, und andererseits der Lebenswelt der sich sprachlich vergesellschaftenden Men schen, die nach Gründen urteilen und ihre Zielsetzungen in politischen Diskursen nach Vernunftgründen bewerten, rechtfertigen und abwägen. Das in dem Sinne sprachlose System von Geld und Markt- oder Geldmacht ist in dem Sinne kulturlos: es kennt nur diesen Operationsmodus der ökonomischen Verwertung und der Be wertung von Operationen in Geldeinheiten. Habermas verstand diesen inneren Kon flikt nicht etwa als Ausdruck einer Art von Zuspitzung, als Uber-Ökonomisierung, sondern als einen innerhalb einer Marktökonomie prinzipiell unüberwindbaren, und — mangels Alternative — hinzunehmenden, aber nach Möglichkeit eben zu kultivie renden.87 Mit den Erscheinungen der jüngeren Vergangenheit kommt nun eine verschärfte Kritik an einem maßlosen Uberhandnehmen dieser Art von systemischen Imperati ven und dem Phänomen einer immer weitere Domänen der Lebenswelt erfassenden Ausbreitung als „Kommerzialisierung der Gesellschaft“88 zur Artikulation. Und diese 87 Man könnte dies m it Philippe van Parijs auch so ausdrücken, am Kapitalismus sei etwas „intrinsisch falsch“ . Vgl. Jaeggi (2013). So etwa der Sammelband „Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Gesellschaft“ der von den Ethikern M atthias Kettner und Peter Koslowski herausgegebenen Aufsätze hierzu. Der britische Soziologe Colin Crouch geht in seinem Befund wesentlich weiter und sieht die Bildung einer „Post-Demokratie“, in der demokratische [61] Frage wird in dem Zusammenhang eben auch immer wieder neu gestellt: wie weit lassen sich Antworten per philosophischer Arbeit, also durch die Arbeit der philoso phischen, theoriegeleiteten Reflexion gewinnen? Wir werden hier, wie ja schon deutlich geworden ist, die Auffassung vertreten, dass Antworten und vor allem auch praktische Lösungen mit anderen Mitteln und an an deren Orten zu finden sein werden. Dies soll aber dennoch den Wert der Arbeit der Philosophen zur besinnenden Klärung nicht schmälern, denn es ist deshalb ja nicht weniger notwendig, sich der Navigationsinstrumente des philosophischen Sinn- und Zielfinders sozusagen zu bedienen. Und gerade im Zusammenhang mit ökonomi schen Fragestellungen wird ein unverstellter und unbestechlicher Blick auf das „Schöne, Wahre, Gute“ vonnöten sein, da die Versuchungen einer chrematistischen Ab weichung von sinnvoller Ökonomik — um hier der späteren Diskussion ein wenig vorzugreifen — mit zunehmendem Reichtum offenbar anwachsen. Es hat den An schein, als ob gerade mit zunehmendem Erfolg „des Wirtschaftlichen“, mit zuneh mendem Erfolg der bisherigen ja schon seit Jahrhunderten sich auf kumulierenden Erfolge rationaler Wirtschaftstätigkeit diese Kluft zwischen ethischer, begründbarer, sprachlicher Rationalität und der sich am ökonomischen Parametersystem orientie renden funktionalen, strategischen Rationalität immer weiter aufreißt. Die philoso phisch-ethische Besinnung auf bewährte Tugenden alleine wird hier nur beschränkt von Erfolg gekrönt sein können; dennoch ist es erforderlich und sinnvoll, diese Fra gen noch einmal zu stellen und zu beantworten, um sich dieser Antworten zu verge wissern und zu verstehen, dass der — vernunftgeleitete! — Griff nach technischen Lö sungen nicht aus einem Mangel an Reflektiertheit geschieht, sondern gut begründet ist. Teilhabe der Bürger am Diskurs und an Entscheidungen nur zum Schein und als Showveranstaltung stattfindet, während die Regierungsmacht in W irklichkeit zu einem Selbstbedienungsladen von W irtschaftsverbänden zur Durchsetzung ihrer neoliberalen Agenda geworden ist. In seinem Buch „Die bezifferte W elt“ beschreibt Crouch das Eindringen des ökonomisierenden „Benchmarkings“ und der Bezifferung von Leistungen anhand von ökonomischen Kennziffern in die Bereiche des Gesundheitswesens, der sozialen Dienste und der Kultur, wodurch soziale Dienste am Menschen und W issen zu Handelsware degradiert werden. Colin Crouch: Die bezifferte W elt. W ie die Logik der Finanzmärkte das W issen bedroht. Frankfurt 2015. [62] Wissenschaftstheorie Den Wissenschaften wird in Zukunft zur Lösung der gewaltigen sich auftürmenden Probleme eine enorme Verantwortung zukommen. Es wird durchaus zu problemati sieren sein, wie weit die im Zuge des Bologna-Prozesses vorgenommenen Verände rungen in den Hochschulen, den Lehrplänen, den Studiengängen und den Studienund vor allem auch Forschungsbedingungen der jüngeren Vergangenheit dieser Ver antwortung gerecht werden. Mit diesem Bologna-Prozess wird die Abkehr vom hu manistischen Humboldt’schen Bildungsideal beklagt89, wodurch die Wissenschaften statt von zweckfreier „Curiositas“ oder einem lebenspraktischen Interesse an der Entwicklung einer effizienteren Praxis90 von kurzfristigen Interessen einer kommer ziellen Verwertung geleitet werden. Der Bewertungshorizont eines kommerziellen Verwertungsinteresses ist aber in der Regel recht kurz und von den Renditezielen und der Berechnung des ROI, des Zeitpunktes des „Return on Investment“ bestimmt. Dazu kommt, dass wissenschaftlich erforschenswerte Fragestellungen Grundlagen probleme betreffen können, deren direkte kommerzielle Verwertbarkeit sich über haupt nicht oder nur schwer oder erst nach einem längeren Zeitraum ermitteln lässt. Die prinzipiellen Gründe der Humanisten um Wilhelm von Humboldt für eine Los lösung der Bildung aus einer unmittelbaren „Verzwecklichung“ vor rund 200Jahren scheinen offenbar bei näherer Betrachtung noch immer stichhaltig.91 Colin Crouch beklagt die „Privatisierung der Wissensallmende“, die die „Zukunft einer wissensbasierten Gesellschaft“ bedrohe.92 Hier bedient sich die Privatwirtschaft zwar direkterer Wege der Einflussnahme als etwa den, eine bestimmte Wissenschafts theorie mit ihr genehmen Gehalten zu fördern, aber im Zusammenhang mit der Re flexion auf das, was Sinn und Inhalt von Wissenschaft ausmachen, ist es angebracht diese Vorgänge zur Sprache zu bringen. Das an den Universitäten hervorgebrachte, gelehrte und bewahrte Wissen hat überlebenswichtige Bedeutung für die Gesell schaft; Universitäten, Institute und öffentliche Medien sollten eigentlich die Think- Tanks der Gesellschaften sein, der Ort der Hervorbringung von Know-That, Know- How und Know-Why, von Orientierungs- und Zukunftswissen, und dieses sollte nicht privaten partikularen Zwecken untergeordnet sein; es sollte Allgemeingut sein, 89 Julian Nida-Rümelin hat sich dazu unter anderem in einem Interview m it der ZEIT geäußert: http://w ww.zeit.de/2013/20/ruemelin-interview-bildungsideal [Stand 10.10.2014] 90 Die W issenschaftstheorie der sog. Erlanger Diskusethik versteht den Menschen als „technisch-ökonomisches Lebewesen“, dessen kultürliche Lebenspraxis durch die Bereitstellung auch physikalisch-technischen W issens zu unterstützen ist. Oberstes Ziel in dem Sinne sind diese „Lebensvollzüge“ der Menschen. Paul Lorenzen: Philosophische Lundierungsprobleme einer W irtschafts- und Unternehmensethik. In: H orst Steinmann, Albert Löhr (Hrsg.): Untemehmensethik, S. 35 ff. Vgl. dazu auch Christoph Hubig: Kommerzialisierung von For schung und W issenschaft. In: Kettner und Koslowski (Hrsg.), Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Gesellschaft, S. 159 ff. 91 Ein Referat au f der gemeinsam von der Arbeitsgruppe Alternative W irtschaftspolitik, dem BdW i dem Bildungs- und förderungsw erk der GEW im DGB e.V., dem DGB Brandenburg und der Gewerkschaft Erziehung und W issenschaft (GEW ) veranstalteten Tagung „Öffentlich vor privat - Die Zukunft der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge“ am 19.9.2015 in Berlin gibt hierzu hochinteressante Einblicke. Der Autor W olfgang Liebig war selbst 10 Jahre lang in einem Hochschulrat tätig. W olfgang Liebig: Funktionale Privatisierung staatlicher Aufgaben - am Beispiel öffentlicher Hochschulen. http://www.nachdenkseiten.de/?p=27623 [Stand 22.9.2016] 92 Crouch, Colin. Die bezifferte Welt: W ie die Logik der Finanzmärkte das W issen bedroht (German Edition) (S.90). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version. [63] wie Crouch hervorhebt: „Grundsätzlich ist Wissen ein Allgemeingut; sein Wert be ruht wesentlich darauf, dass es der Allgemeinheit zugänglich ist. Nehmen wir das Periodensystem. Zu dieser Klassifizierung chemischer Elemente haben über Jahr zehnte hinweg zahlreiche Wissenschaftler beigetragen, ihre Verwendung ist von fun damentaler Bedeutung für die chemische Forschung. Wäre ein Privatunternehmen alleiniger Besitzer des Periodensystems gewesen, hätte es aus diesem Monopol kolos sale Profite schlagen können, indem es von jedem Chemiker eine Gebühr für dessen Verwendung verlangt hätte. Viele Chemiker hätten diese Gebühr womöglich nicht zu entrichten vermocht, und mancher Fortschritt in ihrem Fach wäre ausgeblieben. Dasselbe gilt für unser Alphabet: Von Gelehrten entwickelt, darf es von jedermann kostenfrei genutzt werden. Wäre es Privateigentum, könnte uns der Besitzer nicht nur jedesmal zur Kasse bitten, wenn wir einen Text schreiben wollen, sondern es überdies in bestimmten Zeitabständen »runderneuern«.“ Inhalt einer Wissenschaftstheorie ist immer auch eine Besinnung auf den Zweck von Wissenschaft, von Forschung und Lehre, aber auch auf die Methoden der Wis sensgewinnung, und die Methoden der Theoriebildung. Die „Konstruktive Wissen schaftstheorie“ des Ethikers und Mathematikers Paul Lorenzen93 versteht Wissen schaftstheorie als „Prinzipienlehre“, als reflexive, also „zurückbeugende“ Besinnung auf die Anfänge, die ersten Schritte und Zielsetzungen von Fachwissenschaften. Die konstruktive Wissenschaftstheorie stellt sich die Aufgabe, „wissenschaftliche Fach sprachen zu konstruieren, als ob es sie noch nicht gäbe“. Dadurch werden Wissen schaften neu konstruiert und widerspruchsfrei und logisch konsistent aufgebaut. Hierzu ist es aber — nach der „praktizistischen Wende“ — notwendig, die Ziele wis senschaftlichen Redens zu bestimmen, und diese seien aus der vorwissenschaftlichen Praxis der Menschen zu bestimmen, mit anderen Worten: Theorie ist „aus der Praxis für die Praxis“ zu begründen; damit besteht die Begründung fachwissenschaftlicher Theorien darin, dass sie „Stützen einer für das Leben, ja für das Überleben nötigen vorwissenschaftlichen Praxis“ sein sollen. Dies bedeutet offenbar nun auch eine „Verzwecklichung“, aber eben keine unmit telbare: zwar gibt es hier eine Wertbindung der Wissenschaft und damit einen Dissens zur Forderung der Zweckfreiheit und der Überantwortung der Wissenschaft an das Motiv der reinen und nicht interessegebundenen Neugier. Aber es wird wohl nie ein einmal getriebener wissenschaftlicher Forschungsaufwand sich der Frage nach Rele vanz und damit letztlich nach der Dienlichkeit in einem im weitesten Sinne lebens dienlichen Interesse verweigern können. Niemand wird es für gerechtfertigt halten, wenn einen Forscher die Neugier überkommt, die Anzahl Sandkörner eines bestimm ten Strandabschnittes einer Karibikinsel genauestem bestimmen zu wollen und hierzu ein Forschungsteam zu einem Sandkornzählprojekt auf eine Karibikinsel ein zufliegen. Offensichtlich ist mit einer Zweckbindung an die „Lebensvollzüge der Menschen“ keine Kommerzialisierung und kein „zweckrationaler Umgang mit Mitteln und Zwe cken, Aufwand und Ertrag“ gemeint, der sich eben dann immer auf den kurzfristig als kommerzieller Erfolg messbaren Ertrag bezieht und den zu diesem ins Verhältnis 93 Paul Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven W issenschaftstheorie. Mannheim 1987. [64] gesetzten Aufwand. Dies würde eben eine Orientierung an Zielen, deren Verwertbar keit in diesem Sinne sich vielleicht erst noch erweisen muss, unmöglich machen, und damit jeden freien innovativen, kreativen, nonkonformistischen Impuls. Andere wissenschaftstheoretische Festlegungen beziehen sich etwa auf den Wahr heitsbegriff, oder auf die Wertfreiheitsthese, wonach wissenschaftliche Erkenntnis „positiv“ eben sei wie sie sei und keinem Wertmaßstab unterliege. Ein solches „posi tivistisches“ Wissenschaftsverständnis ist etwa in den Wirtschaftswissenschaften häu fig anzutreffen, die sich zur Gewinnung rein quantitativ-empirischer Erkenntnisse berufen fühlen. In Konsequenz aus diskursethischen Einsichten ist wissenschaftliche Erkenntnis dagegen an ein „emanzipatorisches“ Erkenntnisinteresse gebunden, was sich auch anbinden lässt an die kantische Norm der Autonomie, gegenüber der vor kulturellen Natur ebenso wie gegenüber nicht-legitimierter Fremdherrschaft. Die eine Wissenschaft bindenden Konsequenzen aus der sprachkritischen und der praktizistischen Wende liegen in der normativen Bindung an ein emanzipatorisches Erkennt nisinteresse, als Wertbindung an die regulative Idee der Erhaltung und Erweiterung fündamentaler Lebensinteressen und der Erhaltung, Schaffung und Erweiterung von Frieden und Gerechtigkeit im Sinne einer sprachpragmatischen Ethik, also in der Rückbindung an die hypothetische Zustimmungsfähigkeit einer letztlich als universal zu denkenden Kommunikationsgemeinschaft. Emanzipation in diesem Sinne wäre allgemein die Ablösung aus als nicht zustimmungsfähig zu denkenden, bloß fakti schen, naturgegebenen, nicht-kultivierten Lebensvollzügen. Paul Lorenzen äußerte sich zu diesem Wissen um legitimationsfähige Ziele wie folgt: „Wenn wir nicht, wie gegenwärtig üblich, unser Menschenbild von Biologie und Frühgeschichte vorgeben lassen (zu dem als für den Menschen nötiges Wissen dann nur technisch-ökonomisches Wissen gehört), sondern wenn wir ernst nehmen, dass uns die Kulturgeschichte in die zweite Aufklärung geführt hat - unabhängig da von, ob uns das gefällt oder nicht - dann sehen wir, dass uns ein anderes Wissen noch viel nötiger ist als alles technische oder strategische Wissen.(...) Allein mit technisch strategischem Wissen ausgerüstet, haben wir nur den Kampf der Lebensformen.“94 Tatsächlich scheint die Gegenwart bedroht von einem Rückfall in vorkulturelle Zustände eines möglicherweise sogar bewaffnet auszutragenden „Kampfes der Lebensformen“95.Jedenfalls scheinen militärische Maßnahmen wie Erhöhung der Rüs tungsausgaben, Verschärfung der militärischen Rhetorik, Auflösung einiger zur Deeskalierung und zur Vertrauensbildung geschaffener Institutionen und die Stationie rung von Waffen und Personal in provozierender Nähe des potenziellen militärischen Gegners an Gewicht gewonnen zu haben. Eine Besinnung auf diese identitätsstiften den und europäische und auch außereuropäische kulturelle Inhalte und Traditionen im Dialog vereinigenden Ideen der Zweiten Aufklärung täte Not, wie an dieser Stelle mit Blick auf offensichtlich außerökonomische und außerkulturelle, dennoch aber 94 Paul Lorenzen, a. a. O., S. 53 95 Die zur Zeit der Erstellung dieses Textes ja noch immer bestehenden Konfliktfelder in der Ukraine und in Syrien lassen sich offenbar verstehen als K am pf um Lebensformen, den bew affnet auszutragen sich den „auf geklärten“ säkularen Kultumationen des W estens eigentlich schon aus diesem Gesichtspunkt verbieten sollte, zugunsten des Austragens über die geschaffenen weltpolitischen Institutionen. [65] möglicherweise durch die diskutierten ökonomischen Krisenphänomene mit verur sachte Erscheinungen angemerkt werden soll. [66] Ästhetik In der Ästhetik ist nun von „Befreiung“ und Freiheit in einer anderen Sprache, und wohl auch mit anderen, auch weitergehenden Inhalten die Rede, als es in der Ethik oder der Wissenschaftstheorie möglich wäre. Die Kunst oder die Musik können Dinge sagen, sichtbar und fühlbar machen, die Worte nicht sagen können. Es mag entbehrlich erscheinen, hier nun auch ästhetische Reflexionen anzuschlie ßen. Wegen der sich andeutenden Möglichkeit der Entstehung eines ökonomischen Zustandes jenseits von Vollzeitarbeit, von Knappheit und Mangel, gar jenseits des „Reiches der Notwendigkeit“ scheint es aber angebracht, einen Blick zu werfen auf einige der vorzufindenden philosophischen Gedanken und Urteile über die uns zur Verfügung stehenden Schätze der bildenden und darstellenden Künste, und über das, was die dichterische öder künstlerische Phantasie denn über diese verschwiegenen Reiche mitzuteilen hatte. Man trifft hier auf die Auffassung, dass das Schöne eben auch zum Guten gehört; im Verständnis der klassischen altgriechischen Philosophie gehörte es als „Kalokagathia“ unauflöslich zusammen. „Kalokagathia“ ist ein Kunstwort, das zunächst einfach nur schön (kalos), und (kai), und gut (agathos) meint. Wie der österreichische Philosoph Eugen-Maria Schulak96 erläutert, geht dieses Kunstwort zurück auf die homerische Wendung „kalos kai agathos“, die aber nicht bloß „schön und gut“, sondern auch „feinsinnig und nobel“ oder „überlegen und exzellent“ bedeutete und die damit „das Beste be nennen wollte, was man sich vorstellen kann.“ Schulak zitiert den italienischstämmi gen amerikanischen Schriftsteller Joseph Salemi mit der folgenden, vielleicht leicht ironisch überzeichneten Pointierung dieses Begriffs und des ganzen klassischen grie chischen Kultur: ,(You an Greek. You an free. You an a non-worker (you don’t labor withyour hands). You an affluent (you have enough money to be comfortably well off). You an healthy. You comefrom a respectable family. You aregood-hoking, wellgroomed, and clean. You an intelligentandsensible. You can takepart in an intellectual discussion. You an not a coward (youfight bravely in battle). You an a city-dweller. You have leisure time. You stick to the Golden Mean (you never take an extreme position, or act wildly). You honor the gods. You avoid hubris. You act honorably. You an agood citiyen ofyourpolis. You appreciate beautiful things. You an in theprime hebdomad (you an between the age of21 and 28).” Schön und Gut meinte ursprünglich tatsächlich zunächst nur die Zusammengehö rigkeit von moralischer Güte und körperlicher Schönheit, also ethische und ästheti sche Qualität. Aus Salemis Beschreibung deutet sich an, dass eine solche körperliche Schönheit der Erscheinung eines Menschen sich wohl auch den Lebensumständen verdankte, in denen die griechischen Freien Bürger eben ihr Leben zubrachten: sie waren frei und nicht zu körperlicher Arbeit mit den Händen genötigt; sie waren wohl habend und leisteten sich den Komfort ihrer Zeit; sie waren gesund und entstammten angesehenen Familien; sie waren körperlich gepflegt, intelligent, sensibel, gebildet, und überdies militärisch geschult und in Kampftugenden ertüchtigt. Sie sind auch 96 Eugen-M aria Schulak: Kalokagathia. Über das Schöne und das Gute, http://www.philosophische-praxis.at/kalokagathia.htm [Stand 15.10.2016] [67] charakterlich gebildet, vermeiden extreme Standpunkte und Hochmut und ehren die Götter; sie lieben die schönen Dinge, und sind, wie Salemi ironisch hinzufugt, zwi schen 21 und 28Jahre alt. Aber diesem Guten und Schönen wohnt eben auch das Telos inne, diese Lebens umstände, die im klassischen Griechenland nur den Freien Vorbehalten waren und vor allen Dingen eben nicht den Sklaven, allen Menschen zukommen zu lassen, allen Menschen als Wesen gleicher Würde. Die Idee dieses Guten und Schönen weitet sich aus auf die Beschaffenheit der Lebensbedingungen in einem Staat, des Staatswesens und seiner Kultur. Bei Friedrich Schiller entstand schließlich die Idee eines idealen Zusammenlebens in einem „ästhetischen Staat“, der sowohl “schön“, folgerichtig und zweckmäßig aufgebaut ist, als auch eben so, dass er seinen Bürgern ein Leben in Freiheit ermöglicht. Schillers Ästhetik entdeckt das Kant’sche Sittengesetz sozusagen in der Erscheinung des Kunstschönen: „Die Schönheit oder vielmehr der Geschmack betrachtet alle Dinge als Selbstzwecke und duldet schlech terdings nicht, dass eins dem ändern als Mittel dient oder das Joch trägt. In der ästhetischen Welt istjedes Maturwesen ein freier Bürger, der mit dem 'Edelsten gleiche 'Rechte hat, und nicht einmal um des Ganzen willen darf gezwungen werden, sondern zu allem schlechterdings konsentieren muss. (...) A njeder großen Komposition ist es nötig, dass sich das Einzelne einschränke, um das Ganze zum Effekt kommen zu lassen. Ist diese Einschränkung des Einzelnen zugleich eine 'Wirkung seiner Freiheit, d.i. setzt es sich diese Grenze selbst, so istdie Komposition schön. Schönheitistdurch sich selbstgebändigte Kraft;Beschränkung aus Kraft. (..) Daraus eben geht sie hervor, dassjedes aus innerer Freiheit sich gerade die 'Einschränkung vorschreibt, die das andere braucht, um seine 'Freiheit zu äußern. (..) Darum ist das Reich des Geschmacks ein Reich der Freiheit— die schöne Sinnenwelt das glückliche Symbol, wie die moralische sein soll, undjedes schöne 'Naturwesen außer mireinglücklicherBürger, dermir zuruft: seifrei wie ich.'91 Bei Ernst Bloch ist das Schöne der „Vor-Schein“ der Utopie98, das Vorscheinen des Noch-Nicht-Verwirklichten in die unvollkommene Gegenwart. Eine Metapher einer solchen unüberbietbaren Vollkommenheit von In-der-Welt-Sein ist für Bloch, durchaus in Zuwendung zu jüdisch-christlich eschatologischen Heilserwartungen, die „Heimat“, die Heimkehr in das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen, und in dem die Odyssee der heimatlosen vertriebenen Menschheit ihre endgültige Bestim mung findet. Die näheren Bestimmungen einer so erwarteten Befreiung findet der marxistisch geschulte Philosoph Bloch — zumindest zeitweilig — auch in einer aus dieser Denkschule stammenden Idee der klassenlosen Gesellschaft, oder, dem Her austreten aus dem Reich der Notwendigkeit, in ein Reich der Fülle und Vollkommen heit, in dem „wir keinen Mangel fühlen“. Auch die Ästhetik Theodor W. Adornos99 erkennt in der Kunst ein Glücksverspre chen: „In jedem genuinen Kunstwerk erscheint etwas, was es nicht gibt“; hier er scheint das Glück „als Erscheinung, die eschatologisch der Erfüllung harrt“. Adorno definiert Schönheit als „Exodus dessen, was im Reich der Zwecke sich objektivierte, 91 Friedrich von Schiller: Kallias oder über die Schönheit. In: Theoretische Schriften. Erster Teil. DTV M ünchen 1963 98 Etwa: E m stB loch: Geist der Utopie, München, 1918. 99 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970 [68] aus diesem“. In den Kunstwerken sieht Adorno eine Art von Zweckmäßigkeit, die Kritik an der praktischen Setzung von Zwecken ist; so versteht Adorno das Kantische Oxymoron der „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“. Die Kunst „ergreift Partei für die unterdrückte Natur; ihr verdankt sie die Idee einer anderen Zweckmäßigkeit als der von Menschen gesetzten.“ Adornos Begriff einer ästhetischen Rationalität wendet sich kritisch gegen die Rationalität der Naturbeherrschung: „Ästhetische Rationalität will wiedergutmachen, was die naturbeherrschende draußen angerichtet hat.“ Die Kunst erschafft das Vor-Bild einer unbeherrschten, unverschandelten, unzerstörten, sich selbst zurückgegebenen Natur, über die nicht wie eine Sache nach Zwecken ver fügt wird, sondern die ihre eigene Würde hat, und die ihr eigener Zweck ist. Offensichtlich kollidiert nun ein solcher Impetus einer sich vollkommen selbst zu überlassenden Natur mit den ja durchaus auch legitimen Freiheitsrechten des Men schen, sich aus Willkür und Mangel eines rohen, vorkulturellen Naturzustandes zu befreien. Naturbeherrschung kann offensichtlich auch mit Zerstörungen der Natur einhergehen. Aber muss sie das? Vielleicht ist hier ein nochmaliger Blick auf Schillers Ästhetik aufschlussreich: „An jeder großen Komposition ist es nötig, dass sich das Einzelne einschränke, um das Ganze zum Effekt kommen zu lassen.“ Trifft dies auch zu auf die Einschränkung der Rechte des Menschen im Verhältnis zu den Rechten der Natur? „Ist diese Ein schränkung des Einzelnen zugleich eine Wirkung seiner Freiheit, d. i. setzt es sich diese Grenze selbst, so ist die Komposition schön. Schönheit ist durch sich selbst gebändigte Kraft; Beschränkung aus Kraft.“ Offenbar ist der Eingriff des Menschen in die Natur vor allem und möglicherweise erst dann zerstörerisch, wenn er alles Maß verliert; wenn die Eingriffe in die Natur einen Umfang erreichen, der auf der einen Seite die Fähigkeit der Natur zur Selbstregeneration überfordert, und auf der anderen Seite die berechtigten Lebens-, Erhaltungs- und Freiheitsansprüche des Menschen weit übersteigt. Mit anderen Worten: die Zweckmäßigkeit ohne Zweck verweist auf einen Zustand des überwundenen Reiches der Zwecke, auf einen Zustand der Harmonisierung der Ansprüche von Mensch und Natur, in dem beide voneinander erhalten können, was ihnen billigerweise zusteht, und in dem beide nicht ihrer Würde verlustig gehen. Technik ist notwendigerweise eine Form von Beherrschung der Natur, der Ressour cen, der Gesetze, der Energien der Natur.100 Der Mensch kann nicht einem vorkultu rellen Mangelzustand entfliehen, ohne diese Kräfte sich untertan zu machen; ande renfalls müsste er schon auf die Nutzung des Rades, von Pfeil und Bogen, oder des Faustkeils verzichten. Damit beließe er die Welt in einem Zustand, der keinem Men schen, keinem lebenden und keinem Neugeborenen, keinem Gesunden und keinem Kranken, keinem jungen und keinem alten Menschen zuzumuten wäre. Der Mensch hat kein Recht einen Menschen Hungers sterben zu lassen mit der Begründung, die Benutzung von Technik verletze die Würde der Natur. Dennoch ist der Anblick einer unberührten Natur ergreifend und erhebend; er entrückt den Geist in das Erleben eines in dieser Welt nicht möglichen Zustands. 100 M arx sprach m it Blick au f die Nutzbarmachung der Naturressourcen von „Gratisleistungen der Natur“ . [69] Technik, technischen Gerätschaften bei der Arbeit zuzusehen, ist gewöhnlich nicht ein ästhetisches Erlebnis: der gewöhnliche Modus der Nutzung von Technik ist der, dass sie zuverlässig und berechenbar da sein und ihre Arbeit wunschgemäß erledigen soll, aber ohne damit groß in Erscheinung zu treten.Jeder hat gerne eine funktions tüchtige Wasch- oder Spülmaschine im Haushalt zur Verfügung, stellt sie sich aber nicht ins Wohnzimmer, das in der Regel auch ästhetischen Ansprüchen gerecht wer den und wohnlich eingerichtet sein soll. Die kleinen Reiche der Zweckmäßigkeit im privaten Wohnhaus — etwa häusliche Werkstätten, oder der Keller mit Vorrats- und Funktionsräumen wie dem früheren Kohlen- oder Heizungskeller — werden vom Wohnbereich getrennt. In den Städten trennte man die Wohn- und die Gewerbege biete voneinander, jedenfalls so lange es in diesen Gewerbe- oder Industriegebieten laut und schmutzig zuging. Im Haushalt ist es möglich, moderne intelligente Technik sozusagen unsichtbar zu machen, und sie unhörbar und unscheinbar hinter dem Putz verschwinden zu lassen. Sie soll aber dennoch da sein, und, unsichtbar und zauber mächtig wie von Geisterhand, ihre Zwecke erfüllen. Vielleicht ist dies nun auch die Tösung für eine moderne, nachindustrielle Tech nikgestaltung und Nutzung? Man kann dies auf den Nenner bringen, die Technologie solle sich insgesamt bruchlos in das tägliche Teben integrieren, und ihren Dienst im mer vollkommener, aber auch immer unauffälliger und unaufdringlicher verrichten. In diesem Sinne entstehen Ansätze, moderne Orte der industriellen Fabrikation äs thetischen Ansprüchen zu unterwerfen, und als in die in diesem Sinne ultimative Tö sung wären dann die Versprechen des „Internets der Dinge“ zu sehen, das in einer großen inter-vernetzten Zusammenschau von Informationen über einzelne Dinge und Funktionen, die mit funktionalem Gewinn manches voreinander „wissen“ kön nen und sollen, diesen Nutzeffekt der Dinge eben weiter ausweitet, ohne dass dies dem einzelnen Benutzer zu Bewusstsein gebracht würde. Neil Gershenfeld undjean- Philippe Vasseur brachten dies in einem Aufsatz über „The Promise (and Pittfalls) of the Internet of Things” einmal auf die Formel: „The füture of the internet is to literally disappear in the woodwork.“101 Für Neil Gershenfeld besteht nun die „ultimative Realisation” des Internets der Dinge seiner Idee der digitalen Fabrikation102 entsprechend darin, durch das Internet eben auch „Dinge“ in Gestalt ihrer digitalen Datensätze zu transportieren: „The ultimate realization of the Internet of Things will be to transmit actual things through the Internet. Users can already send descriptions of objects that can be made with personal digital fabrication tools, such as 3-D printers and laser cutters. As data turn into things and things into data, long manufacturing supply chains can be replaced by a process of shipping data over the Internet to local production facilities that would make objects on demand, where and when they were needed.“ Sollte dies nun eines Tages in einem sehr weit greifenden Umfang, über komplette Fertigungsprozesse hinweg und in vielen Produktsegmenten möglich, ökonomisch 101 Neil Gershenfeld, JP Vasseur: As Objects Go Online. The Promise (and Pitfalls) o f the Internet o f Things. http://w ww.cba.m it.edu/docs/papers/14.02.FA .pdf [Stand 10.10.2014] 102 Das weitreichende Konzept der digitalen Fabrikation wird weiter hinten ausführlich diskutiert. [70] sinnvoll und auch ökologisch verantwortbar sein, dann könnten in letzter Konse quenz tatsächlich Bereiche der gesamten Konsumgüterindustrie, also Gewerbe- und Industriegebiete und Bürostädte aus dem — nach dem Empfinden Adornos — ver schandelten Angesicht der Welt verschwinden; es entstünde dann also diese wahrhaft postindustrielle Vision, dass dies alles, die Produktion, das Herstellen und Transpor tieren der Dinge und die Verwaltung all dieser Transaktionen sich für das Auge und die äußere Wahrnehmung auflöste, und verschwände „in the woodwork“, im Gebälk, unter dem Putz, in der Versenkung. Wenn auch erst ganz in weitester Ferne des Ho rizonts, entsteht auf diese Weise eines fernen Tages aber doch eine Welt mit harmo nisch vereinten Interessen, Ansprüchen und Rechten von Mensch und Natur, und zwar eben auf diese Weise, dass jeder Mensch ein „freier Bürger eines ästhetischen Staates“ sein kann, dann wohl auch in einiger Entfernung vom „Reich der Notwen digkeit“, und doch auch gleichzeitig so, dass auch ein Ästhet wie Theodor W. Adorno an ihr ohne Einschränkung Gefallen finden könnte. Dies ist allerdings eine sehr ferne „Vision“, und auch in einiger Annäherung erheblich leichter gesagt als getan, wie sich bei näherer Betrachtung noch zur Genüge erweisen wird. Damit soll jedenfalls nun diese knappe Reflexion auf„das Gute“ und das, was die geschaffenen Schätze der Kultur darüber an Auskunft geben können, abgeschlossen sein. Es war das Ziel deutlich zu machen, dass eine Idee einer Fortentwicklung von Kultur, Ökonomie und Gesellschaft sich nur im Anschluss an Geschaffenes, in der Bewahrung und der Aufnahme dieses geschichtlich über die Generationen sich er haltenden und dennoch immer wieder neu schaffenden und erfindenden Bestandes an Wissen um Vergangenheit und Zukunft, um die Hoffnungen, Entbehrungen und Teistungen der früheren Generationen und die sich daraus ergebenden Verpflichtun gen ins Teben rufen und aus Vergangenheit und Gegenwart in eine gute Zukunft überleiten kann. Ein Ur-Bild des „Guten“ in diesem Sinne, das einen solchen Zustand von Welt und „In-der-Welt-Sein“ symbolisiert, der sich aus einer gemeisterten und von Tag zu Tag neu auf-gehobenen Vergangenheit herleitet, und das in der westli chen Welt wohl jeder kennt, ist „Der siebte Tag“. Dies bedeutet eben anderes und mehr, als ewiges wirtschaftliches Wachstum und Vollbeschäftigung, wenn auch mit einem erträglichen Maß an Ungleichheit.103 Was es genauer bedeuten kann, wird sich im Folgenden — so jedenfalls die verfolgte Absicht — zeigen. Was diese kurze Besinnung auf die reflektorischen Bestände der abendländischen Kultur auch zeigen sollte ist dies: auf der Ebene des Denkens, der Philosophie, von 103 Thomas Piketty rechnet für die Zukunft m it einem - ewigen? - durchschnittlichen wirtschaftlichen W achstum von etwa einem bis 1,2 Prozent. Das entspräche in 30 Jahren einem kumulativen W achstum von 35 Prozent. Ist es möglich, 35 Prozent m ehr wirtschaftliche Leistung zu erstellen, mehr Güter und Dienstleistungen, ohne auch 35 Prozent m ehr Natur zu verbrauchen? Von dem hohen Niveau ausgehend, au f dem der Verbrauch sich schon befindet? Ist dies sinnvoll? Ist es - auch angesichts der sich andeutenden neuen technischen Möglich keiten - intellektuell befriedigend, an einem Paradigma ewigen W achstums festzuhalten? Man vergleiche dazu auch etwa: Birgit Mahnkopf: „Peak Capitalism? W achstumsgrenzen als Grenzen des Kapitalismus.“ Veröf fentlicht im Rahmen der W SI-M itteilungen http://boeckler.de/index_wsi.htm [Stand 16.10.2014], B. M ahn ko p f weist auch daraufhin, dass gewöhnlich erst ab einem Wachstum von 2,3 Prozent m it einem resultierenden Nachfrageanstieg nach Arbeitsplätzen gerechnet wird. Auch dies würde dem von Piketty offenbar erwarteten ungestörten weiteren kapitalistischen Entw icklungsverlauf m it etwa 1 bis 1,2 Prozent W achstum widerspre chen. [71] Ethik und Moral gibt es im Grunde nichts Neues zu entdecken;104 was „gut“ ist, was Vernunft und vernünftiges Handeln wissen wir eigentlich mit hinreichender Be stimmtheit, und wir dürfen uns vermutlich ganz eigentlich und vielleicht auch mehr heitlich für guten Willens halten — dennoch reichen Vernunft, Einsicht und auch bes ter Wille für sich genommen noch nicht hin. Wir werden unsere Handlungsoptionen mit Hilfe neuer technischer Mittel erweitern müssen, von denen der übernächste Ab schnitt handeln wird. Vernunft und Ethik lehren uns aber auch schon seit Beginn der klassischen grie chischen Philosophie, dass die Rationalität des Gewerbes, das Handels, des Bewertens in Geld der menschlichen Würde entgegensteht; Aristoteles hat die Ökonomie der „widernatürlichen“ Chrematistik entgegengesetzt, in der das grenzenlose Streben nach Gelderwerb die Sittlichkeit verdirbt und die Menschen das Maß verlieren lässt. Den Reichtum an sich, der sich in nützlichen Gebrauchswerten bemisst, betrachtete Aristoteles als endlich, wogegen das Streben nach Gelderwerb diese Grenzen nicht kennt. Mit der Zweiten Aufklärung wurde die menschliche Autonomie, die Fähigkeit zur Selbstherrschaft kraft des Erkenntnisvermögens der Vernunft zur Leitidee, und die unveräußerliche menschliche Würde kraft seines Menschseins wurde dem handelba ren Wert der Sachen entgegengesetzt; auch diese Ideenwelt verlangt nach Begrenzung der Kommodifizierung, nach einer Eingrenzung des Erwerbsgedankens auf den übergeordneten Zweck der Sicherung und Kultivierung der Lebensumstände. Die moderne Diskursethik setzt die instrumentelle Vernunft und die Einnahme einer strategischen Einstellung gegen die verbindende kommunikative Vernunft, die auf Verständigung abzielt; sie sieht letztlich in den Akt der Eigentumsübertragung von Handelswaren auf Märkten einen unauflöslichen Konflikt der Interessen der „Erwerbskontrahenten“ eingelassen, der nach Auflösung im geschichtlichen Prozess der Überwindung des anonymen Systems des Warenaustauschs drängt, des „Systems von Geld und Macht“, das, solange es in Ermangelung einer praktikablen Alternative existieren muss, jedenfalls keine die durch politischen Diskurs gesteuerte und geord nete „Lebenswelt“ dominierende Übermacht erhalten darf; die Lebenswelt darf nicht „kolonialisiert“ werden. Das ist es aber, was gegenwärtig im Gefolge der „Finanziali- 104 Auch eine zwischen normativ und deskriptiv pendelnde Beschreibung einer „Kultur der Digitalität“, die 2016 von F. Stalder vorgelegt wurde, liefert in dem Sinne keine neuen orientierungsleitenden Aspekte. Er verweist m it diesem B egriff „au f historisch neue M öglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung der unterschied lichsten menschlichen und nichtmenschlichen Akteure“; der B egriff D igitalität tauche „als relationales Muster überall auf“ und verändere den „Raum der Möglichkeiten vieler Materialien und Akteure“ . W ie das - eine Unterscheidung der M öglichkeiten von Materialien von der von Akteuren hätte man sich im Zusammenhang m it der Beschreibung einer Kultur schon gewünscht. Eine „Hybridisierung“ des Digitalen nun auch in ehedem analoge, jedenfalls nicht spezifisch durch digitale Medien geprägte Bereiche hinein verleihe „der Kultur der D igitalität ihre Dominanz“ . Aber von welcher Dominanz ist hier die Rede, wessen Dominanz, m it welchen Intentionen, welchen W irkungen? Er sieht gleichzeitig als „weit fortgeschrittene politische Tendenz“ der Kul tur der D igitalität die „Postdemokratie“, wie sie etwa von Colin Crouch ausgem acht worden ist. Als kontras tierende positive Tendenz sieht er die „Commons“: das seien „Ansätze, neue, umfassende Institutionen zu entwickeln, die nicht nur Beteiligung und Entscheidung direkt miteinander verbinden, sondern die die in der M oderne weitgehend getrennten Sphären des Ökonomischen, Sozialen und Ethischen zusammenführen“ . (Stalder 2016, S. 15ff.) Können „Commons“ Institutionen entwickeln? Es hat den Anschein, als konzentrierten sich in diesem B egriff sowohl von Staats- als auch von Privateigentum enttäuschte - aber illusionäre - Erwar tungen. W ir werden uns weiter unten damit ausführlicher beschäftigen. [72] sierung“ der Ökonomien ganz offensichtlich geschehen ist, und die Kommodifizierung der nützlichen Dinge mit einem „Brand“, einem Logo dringt bis in die zwischen menschlichen Beziehungen vor, bis in die intimsten Bereiche des Fühlens, Denkens und Handelns; sogar Philosophien, Weltbilder, Religionen oder politische Konzepte von Parteien werden zu einer Ware, die diese zu verkaufen haben, und umgekehrt versucht man profane Dinge dadurch zu „heiligen“, dass man sie zu einem „Super brand“ erklärt, das der Warenempfänger dann in „geweihten“, aufgedonnerten Ver kaufstempeln in Empfang zu nehmen hat.105 Der Blick auf die Philosophie sollte umgekehrt aber auch offenbaren: es ist uns offenbar durchaus gestattet, das Reich der Notwendigkeit hinter uns zu lassen, wir dürfen uns getrost den Schweiß aus dem Angesicht wischen, wenn dieses Menschen werk einmal geschaffen ist, und die Dienste und Kräfte der Natur dem Menschen untertan gemacht sind, sodass die Herstellung und Beschaffung der notwendigen Uberlebensmittel nicht mehr die Kräfte des Menschen vollständig beansprucht, sein ganzes arbeitsfähiges Leben lang, und nur durch einige Wochen von Erholungsurlau ben unterbrochen. Die Bedingung ist, dass diese Dienste nicht überbeansprucht wer den, so dass sich ihre Ressourcen nicht erschöpfen, und dass diese Ressourcen tat sächlich dem Menschen zukommen, und nicht etwa einigen Wenigen, auf Kosten der anderen Vielen. Wir dürfen dann durchaus auch zuschauen, wie das geschaffene Werk auto-matisch, selbstbewegt seinen Dienst verrichtet, wir müssen es nur in der verständigen Haltung desjenigen tun, der dieses Werk mitgeschaffen hat, der seine Funktionsweise versteht, auch mit Respekt und vor allem in einer Haltung der Ver antwortungsfähigkeit ihm gegenübersteht; der weiß, wie und wozu es geschaffen wor den ist, mit welchen Anstrengungen, und der unter Umständen auch in der Lage wäre, einzugreifen und möglicherweise gestörte Funktionen zu korrigieren oder zur Not selbst zu übernehmen. Der Mensch darf nicht sich selbst verlieren über dem Fort schritt, seine Kräfte und Begabungen vergeuden und sich unwürdigem Zeitvertrieb hingeben. Wenn aber dieser Schritt getan ist, wenn die Fülle der verfügbaren Güter und Dienstleistungen so groß geworden ist, dass der durchschnittliche Konsument — nicht nur die Bezieher von Spitzeneinkommen! — seine Konsumbedürfnisse im Großen und Ganzen befriedigt findet106, wenn ein weiteres Vermehren dieses gemeinschaft lich erzeugten Produkts in der Summe sinnlos wird, weil es die allgemeine Wohlfahrt nicht mehr erhöhen kann und die erwirtschafteten Mittel in spekulative Blasen an den Finanzmärkten wandern, dann kommen andere Ziele in den Blick: im weitesten Sinne 105 G em ot Böhme beschreibt dies eindringlich am Beispiel eines Vortrages des Architekten der Autostadt W olfs burg, Gunter Henn, der in einer Rede au f dem Evangelischen Kirchentag in Leipzig 2002 den Raum, in dem das damals neue VW -Luxusmodell Phaeton dem Kunden übergeben wird, als „Aussegnungshalle“ bezeichnete. G. Böhme: Ästhetischer Kapitalismus. Frankfurt 2016, S. 114. Nichtsdestotrotz sind dem Architekturbüro Henn n. M. d. V. sehr gelungene und ideenreiche Entwürfe für Industriebauten zu verdanken, sowie ein ermu tigender Entw urf einer „Fabrik der Zukunft“, au f den au f S. 168 ff. Bezug genommen wird. 106 Der Sachverhalt ist der ökonomischen Theorie geläufig in Gestalt der Gossenschen Sättigungsgesetze. Der aggregierte Konsum in beliebigen Güterkombinationen stößt an die Grenze seiner Möglichkeiten, Nutzen zu stiften. Frank Ramsey nahm einen maximal erreichbaren Grenznutzen der Konsumtätigkeit für einen repräsen tativen Haushalt an, den er „State o f Bliss“ nannte. Jenseits dieses Zustandes wird verfügbares Einkommen bevorzugt gespart bzw. investiert, und zwar eben auch, im Falle mangelnder Alternative, spekulativ. Vgl. Ha gemann (2011) S. 301. [73] ästhetische und schöpferische, im privaten wie im öffentlichen Bereich. Der Mensch kann sich selbst, seine Fähigkeiten und Anlagen vervollkommnen, seine moralischen und geistigen Anlagen, seine musischen, kreativen, wissenschaftlichen, handwerkli chen oder sportlichen Begabungen ausbauen und fortentwickeln. Er kann sich der großen Welt widmen, und die Verletzungen und Verwüstungen lindern und heilen, die die immer irrationalere Unrast des überreif gewordenen Kapitalismus auf der aus weglosen Suche nach einer Zukunft in seiner eigenen Vergangenheit angerichtet hat.107 107 Das Thema „Automatisierung“ hat sich derzeit auf einen vorderen Platz in der Aufmerksamkeit auch der so genannten M ainstreammedien vorgeschoben. In Anbetracht der Tatsache, dass diese wechselseitig verflochte nen Zusammenhänge zwischen Automation, Ökonomie und Kultur ja bereits seit Schopenhauer und M arx ,ja schon seit A ristoteles1 Räsonieren über das „selbstbewegte W eberschiffchen“ betrachtet worden sind, das es dem Herren erlauben würde seine Sklaven zu entlassen, scheint das N iveau derjournalistischen Bewältigung oftmals eher dürftig. W ieder und wieder wird die Frage gestellt, ob die Automation etwa m ehr Arbeitsplätze vernichte als schaffe (das ist ihr Sinn, sonst gäbe es sie nicht!), ob dem M enschen seine „Sinnstiftung“ durch sie genommen werde (eine Frage, die etwa J. M. Keynes 1930 aufgeworfen, und beantwortet hat!), oder ob „die Technik wirklich allen dient“ . Oder dient sie nur „den Armen“ - weil nur „die Armen“ einen Vorteil dadurch haben, dass Produkte und Dienstleistungen dadurch billiger werden? Dass von Anbeginn aller „Oikonom ika“, aller systematischen Betrachtung wirtschaftlichen Handelns der Sinn planvollen und rationalen Arbeitens darin gesehen wurde, durch rationalen M itteleinsatz Ressourcen (und darunter die m enschliche Arbeit!) einzusparen, um dadurch letzten Endes Güter „billiger“ zu machen - d.h. die Kaufkraft einer menschlichen Arbeitsstunde zu erhöhen -, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Dies „dient“ per definitionem jedem Konsumenten, sei er nun arm oder reich. Vgl. etwa den Beitrag von A. Lobe in der ZEIT online „W er leistet sich den M enschen?“ vom 4.2.2017. http://www.zeit.de/kultur/2017-02/automatisierung-pflege-roboter-prekariat-soziale-spaltung [Stand 08.03.2017] [74] Grundlegende Begriffe und Annahmen Vor der weiteren Diskussion der ökonomischen Bestandsaufnahme und der daraus abzuleitenden „Soll-Konzeption“ — um einmal den nüchternen Jargon des System analytikers zu verwenden sollen nun knapp und thetisch einige Begriffsklärungen folgen, die der Erleichterung, Vorbereitung und Strukturierung der folgenden Dis kussion dienen sollen. Im Zusammenhang der Diskussion der Folgen, Grenzen und Möglichkeiten der technischen Arbeitssubstitution tauchen immer wieder die Fragen auf, wie weit dies möglich und sinnvoll ist, wie weit ist der Mensch „ersetzbar“, wa rum kann oder soll er es sein, oder soll und kann er es nicht sein, was ist Sinn von Arbeit, fehlt sie dem Menschen womöglich, was ist Wert der Arbeit, was ist Sinn der Ökonomie. Es ist möglich, diese Fragen für den verfolgten Zweck hinreichend prä zise zu beantworten, und den verwendeten Begriffen eine heuristisch hilfreiche und zur gedanklichen Klärung brauchbare Definition zu geben. Es wird im hier gegebe nen Rahmen nicht möglich sein, diese ausführlich herzuleiten und einzuführen, im weiteren Verlauf wird sich deren Fruchtbarkeit und Anwendbarkeit aber hoffentlich erweisen. Poietische und Praktische Handlungen Die Aristotelische Philosophische Handlungstheorie unterscheidet poietische und prak tische Handlungen. Poietische Handlungen geschehen um eines herzustellenden Wer kes willen und sind mit der Herstellung dieses Werkes abgeschlossen. Zum Charak teristikum der poietischen Handlung gehört ihre Lehrbarkeit als Technik oder Ver fahren, dessen schrittweise Ausführung „unerbittlich“ und regelmäßig zum Fertig stellen des Produkts führen soll. Praktische Handlungen dagegen geschehen um ihrer selbst willen, ihren Zweck in sich selbst tragend, oder — nach der Aristotelischen Auf fassung — um der inneren „Glückseligkeit“, des menschlichen Gedeihens des Han delnden willen. Praktische Handlungen können auch auf die Herstellung oder Ge staltung unteilbarer und nicht-privatisierbarer, wünschbarer äußerer Zustände des Gemeinwesens gerichtet sein, also etwa die Ausübung politisch gestaltender Funkti onen beinhalten.108 Wissenschaftliche, künstlerische, kreative, sportliche Tätigkeiten würden typischerweise ebenfalls darunter fallen, insgesamt also solche Tätigkeiten, die aus einer intrinsischen, in der Tätigkeit selbst liegenden Motivation erfolgen. Dispositive und exekutive (funktionale) Handlungen Exekutive Handlungen sind auf die Erfüllung oder Erreichung eines durch disposi tive Handlung gesetzten Zieles ausgerichtet. Abhängig von der überlegten Mittelwahl sind exekutive Handlungen also eine Funktion der Disposition. Die unveräußerliche 108 Vgl. Conolly (1984), S. 47 [75] Würde des Menschen und seine in der Kantischen Vernunftphilosophie ausgearbei tete normensetzende Autonomie begründen seine Autorität, Ziele für dispositive Handlungen zu setzen.109 Automatisierbare und nichtautomatisierbare (Arbeits-)Handlungen Poietische (Arbeits-)Handlungen sind algorithmisch beschreibbar und damit prinzi piell automatisierbar. Im Falle vollständiger Automation ist das zur Herstellung eines vermehrbaren Gutes erforderliche Wissen vollständig maschinenimplementiert, und es werden im Herstellungsprozess nur Energien, Rohstoffe und Maschinenabnut zung verbraucht, aber keine menschliche Arbeit. Praktische Arbeit dagegen ist nicht automatisierbar, wenngleich in einigen Bereichen maschinell zu unterstützen. Wertschöpfung und Werteverzehr Subjekt des Wertschöpfüngsprozesses sowohl an dessen Anfang (als Produzent) als auch an dessen Ende (als Konsument) ist nur der Mensch. Maschinen (Automaten) können weder Werte schöpfen, noch Werte konsumieren. Maschinen sind im Ge gensatz zum Menschen Sachen und haben Nutzwert, aber keinen personalen Selbst wert, keine Würde und kein selbstständiges Existenzrecht. Zielsetzungsautorität Die Autorität, Handlungsziele zu setzen ist nicht auf Maschinen übertragbar, und sie bedarf in ihrer materialen Bestimmung der politischen (demokratischen) Legitima tion. Die Wahl und Festlegung von Gestaltungszielen, deren Begründung und mate riale Ausformung bilden einen dem menschlichen Schaffen vorbehaltenen Raum, der durch jede denkbare maschinelle Perfektion nicht einholbar ist. Insofern bleibt in diesem Bereich der praktischen und politischen Gestaltung eine nicht maschinell sub stituierbare Wirkungsdomäne des Menschen. Die Wahl und Festlegung von Handlungs- und Gestaltungszielen unterliegt dem Anspruch diskursiver Rechtfertigung und Begründung. Hieraus resultiert der Anspruch, die Gestaltung der materialen Le benswelt zunehmend den anonymen Sachzwängen durch heteronome Marktmecha nismen zu entziehen. Grenzen der Automatisierbarkeit Nach der Churchschen 'These wird der intuitive Begriff des Berechenbaren durch die formale, mathematische Definition des Turing-Maschinen-Berechenbaren exakt wie dergegeben; es gibt also keine mächtigeren Berechnungsmodelle als die Klasse der Turing-berechenbaren Funktionen. Berechenbarkeit eines Problems wird auch so umschrieben, dass es zu seiner Lösung ein effektives Verfahren gibt. Für „effektives 109 K ant (1999a), S. 67 [76] Verfahren“ ist wiederum der Begriff „Algorithmus“ gebräuchlich, der in einer um gangssprachlichen Analyse dieses Begriffs bei Wiener et al.110 folgendermaßen be schrieben wird: „(1) „Ein effektives Verfahren manipuliert konkret gegebene, diskrete, endliche Ge genstände. Wir setzen voraus, dass diese Gegenstände ebenso wie die diskreten end lichen Handlungen, denen sie unterliegen, stets eindeutig erkennbar und voneinander unterscheidbar sind. (2) Ein effektives Verfahren wird durch eine endliche Anzahl von diskreten endli chen Handlungsvorschriften beschrieben. Die einzelnen Vorschriften müssen schrittweise (das heißt jede für sich) ausführbar sein und ausgeführt werden. Die ein zelnen Vorschriften müssen alle Handlungen bis ins (relevante) Einzelne festlegen, es darfkein Platz für freie Entscheidungen bleiben. (3) Die Vorschriften eines effektiven Verfahrens müssen reproduzierbare Handlungen beschreiben: die einzelne Handlung muss auf einer wiederkehrenden Konfiguration von Gegenständen immer das gleiche Resultat hervorbringen. (4) Die Reihenfolge der Anwendungen der Vorschriften darf nur durch Informatio nen beeinflusst werden, die im Algorithmus als Vorschriften formuliert oder in den jeweils hergestellten Konfigurationen der Gegenstände im Hinblick au f den Algorithmus kodiert sind. Wendet man also den Algorithmus immer wieder auf die gleiche Anfangs konfiguration an, so erfolgen immer die gleichen Transformationen und die Reihen folge der Anwendungen der Vorschriften bleibt immer dieselbe. Dabei ist die Mög lichkeit zugelassen, dass der Algorithmus im Verlauf der Anwendungen modifiziert wird (etwa durch Tabellen, die während einer Anwendung hergestellt werden und danach als neue Vorschriften füngieren); diese Modifikationen müssen indes in der ursprünglichen Sammlung von Vorschriften bereits angelegt sein. In so einem Fall wird der Algorithmus die ursprünglichen Transaktionen bis hin zu den Modifikatio nen exakt wiederholen, wenn man die einmal eingetretenen Modifikationen wieder entfernt hat. (5) Das Ergebnis eines effektiven Verfahrens muss als solches eindeutig feststehen, das heißt einerseits muss erkennbar sein, wann der Algorithmus ein Resultat erreicht hat (Abbruch-Bedingung), und andererseits was als Ergebnis vorliegt.“ Es sollte an dieser Stelle verständlich werden, dass rechnergesteuerte Verfahren der digitalen Fabrikation111 und insbesondere Verfahren der additiven Fertigung einem so beschriebenen effektiven Verfahren als Produktionsvorgang in idealer Weise nahe kommen, sodass hiermit die Annahme um einige Plausibilität bereichert wäre, dass mit der Verfügbarkeit digitaler Fabrikationsverfahren die Bereiche der automatisier baren Güterproduktion bis zu ihren theoretischen Grenzen auch tatsächlich ausge schöpft werden könnten. Ökonomisch bedeutsam ist hier insbesondere auch der Umstand, dass es sich bei diesen Verfahren im Kern um Produktionsweisen handelt, denen ab ovo die gleiche Universalität nahe und wesensverwandt ist wie dem — bisher 110 W iener e ta l. (1998), S. 117-118 111 Die ausluhrliche Diskussion der digitalen Fabrikation erfolgt weiter hinten. [77] — Informationen verarbeitenden Universalrechner; dies bedeutet im Kern eben auch die langfristige Möglichkeit, minimale Faktorspezifität zu erreichen, also auf produkt spezifische Spezialisierungen der Verfahren, der Werkzeuge, der Anlagen, des Know Hows etc. verzichten zu können, und damit eben letztlich auch auf den warenförmi gen Austausch von Gütern aufMärkten. Auf der anderen Seite zeichnen sich mit dem Erkennen der Grenzen der Automatisierbarkeit die Umrisse und Möglichkeiten von solchen Wirtschaftsräumen ab, die dem menschlichen Schaffen, Vermögen und Gestalten auch jenseits aller denkbaren technischen Vollkommenheit offen stehen. Dies heißt zunächst auch, dass diese denkbare und erreichbare technische Vollkommenheit auch von Menschen geschaf fen werden muss, denn die Grenzen der Berechenbarkeit bedeuten auch: es gibt keine Automation der Automation; diese Technik, inkorporiert als Hardware und Software, muss von Menschen geschaffen werden. Ist dies aber erreicht, stehen dem Menschen jenseits dieses „Reiches der Notwendigkeit“, der industriellen Herstellung profaner Gebrauchsgüter, prinzipiell endlose Bereiche der Gestaltung offen, als kulturelle Schöpfungen, in Kunst und Wissenschaft, oder etwa auch in einem neu auflebenden Handwerk um seiner selbst willen112. Endliche und nichtendliche Bedürfnisse Hinsichtlich der Endlichkeit der Bedürfnisse, die durch industriell vermehrbarer Gü ter befriedigt werden können und die insofern nachfragewirksam sind, besteht zwar durchaus Uneinigkeit, nicht jedoch hinsichtlich der Endlichkeit oder Unendlichkeit von Bedürfnissen überhaupt; so gibt es etwa das Bedürfnis nach Selbstentfaltung, nach Anerkennung, aber durchaus auch materielle Bedürfnisse wie etwa die nach dem Besitz von Prestigegütern, von nicht vermehrbaren Gütern wie Antiquitäten oder von Dingen mit einer speziellen Geschichte etc., die als unendlich gelten müssen. Es wird im vorliegenden Kontext davon ausgegangen, dass die Bedürfnisse nach industriell vermehrbaren Gebrauchsgütern endlich sind.113 Rationale Bedürfnisse Rationale Bedürfnisse sind solche, die einem Anspruch nach Rechtfertigung genügen. In Anbetracht der Endlichkeit der verfügbaren Ressourcen der Natur und der er kennbaren Belastungen des ökologischen Haushaltes durch Schadstoffeinträge im Zusammenhang mit Produktions- und Konsumtionsvorgängen ist von einem ratio nalen Bedürfnis dann zu sprechen, wenn es in diesem Sinne der Verhältnismäßigkeit entspricht und seine Befriedigung gerechtfertigt erscheint, es also nicht maßlos ist. 112 M it Verweis au f J. Fourastie werden derartige Beschäftigungen m eist „tertiäre“ genannt. Fourastie (1956) 113 Vgl. etw aR euter(2000) [78] Objektive (nichtteilbare) und subjektive (teilbare) Werte Dieser Unterscheidung entspricht die zwischen teil- bzw. privatisierbaren, individuell verbrauchbaren Konsumgütern mit Nutzenexklusivität (Rivalität im Verbrauch), und nichtteilbaren öffentlichen Kollektiv- oder Konsumgütern ohne oder fast ohne Kon sumrivalität. Etwa der Rechtsfriede, und die den Rechtsfrieden oder die Rechtsstaat lichkeit sichernden Institutionen sind zu den nichtteilbaren und nichtrivalen Gütern zu zählen. Vermehrbare und nichtvermehrbare Güter Nicht beliebig vermehrbare Güter werden auch Seltenheits- oder Monopolgüter ge nannt, wie etwa nicht reproduzierbare Kunstwerke, Sammlerartikel, Antiquitäten, Weine besondererjahrgänge oder Grundstücke in begehrten Wohnlagen. Vermehr bare Güter sind die, die durch poietische Arbeit unter Verwendung von Wissen, Roh stoffen und Energie hergestellt werden können, oder durch praktische Arbeit, wie etwa in Kunst und Wissenschaft. Automatisierbare Ökonomie Der Bereich der wirtschaftlichen Mittelbeschaffüng, soweit er die Befriedigung end licher Bedürfnisse durch die Bereitstellung vermehrbarer Güter betrifft, ist unter den skizzierten Bedingungen und Einschränkungen vollständig automatisierbar. Die Endlichkeit verfügbarer Ressourcen verlangt hier die Einschränkung des erzeugten Produkts auf das rationale Produkt. Die materiale Festlegung des Umfangs des ratio nalen Produkts ist politisch zu treffen. Die Möglichkeiten, die Bedürfnisse der Kon sumenten zu befriedigen, sind also dann unbeschränkt, wenn die Bedürfnisse endlich und rational sind, und die maschinellen Kapazitäten sowie Rohstoffe und Energie ausreichen, um das volkswirtschaftliche Produkt in der erforderlichen Menge und Qualität herzustellen. Die Nutzenmöglichkeitsgrenze ist in funktionaler Abhängigkeit festgelegt durch vorhandene Produktionskapazitäten sowie verfügbare Energie und Rohstoffe. Von Rohstoffen und Energie ist vorauszusetzen, dass die Energien nicht endlich, und die Rohstoffe wiederverwendbar sind114. Es entsteht dennoch die Not wendigkeit übergeordneter, überindividueller, politischer Festlegungen bezüglich etwa des gesamtwirtschaftlich (in einer betrachteten Volkswirtschaft) angestrebten Ressourcenverbrauchs, der individuell dann in ein rationales individualisiertes Pro dukt einfließen kann. Diese Festlegungen sind in legitimationsabhängigen politischen Verfahren zu treffen. 114 Diese M öglichkeit wird für die digitale Fabrikation und die Verwendung von digitalen Materialien diskutiert, steht aber gegenwärtig nicht ausgereift zur Verfügung. [79] Ziele der Ökonomie Volkswirtschaftlich gilt es als wünschenswert, das Wohlfahrtsmaximum zu erreichen. Wenn technisch die Möglichkeit geschaffen ist, das nachgefragte volkswirtschaftliche Produkt überwiegend oder gar vollständig maschinell herzustellen, ist es zur Mini mierung des Arbeitsleides des homo oeconomicus als zu diesem Wohlfahrtsmaximum zugehörig zu betrachten, diese technische Möglichkeit zu nutzen. Gleichzeitig darf kein Konsument vom Konsum ausgeschlossen sein, ohne das Wohlfahrtsmaximum zu verfehlen. Die Technologie der dezentralen individualisierbaren Fertigung stellt hierzu die technische Voraussetzung dar. Eine philosophische Begründung einer sol chen Zielsetzung leitet sich ab aus der Kantischen Vernunftphilosophie und dem Be griff der Autonomie als „Autonomie des Willens gegen die Heteronomie der wirken den Ursachen“, sowie dem Begriff der Menschenwürde, wonach der Mensch niemals bloßes Mittel sein darf, sondern immer zugleich Zweck.115 Marktökonomie und Automation Ein vollständig automatisiertes System der wirtschaftlichen Mittelbeschaffüng ist nicht als inkonsistentes dynamisches marktwirtschaftliches System zu beschreiben, sondern nur als ein vollständig berechenbares, konsistentes und statisches maschinel les System. Offensichtlich ist ein marktwirtschaftlich verfasstes dynamisches ökonomisches System nicht als vollständig automatisiert vorstellbar. Unterstellt man eine maximale und zur Versorgung aller rationalen Bedarfs hinreichende Maschinenausstattung so wie hinreichenden Zugriff auf Energie und Rohstoffe, so käme es bei einer marktlich verfassten Organisation mit Wettbewerb und Preissteuerung dennoch zu keinem volkswirtschaftlichen Zustand von Wohlfahrt und gesicherter Güterversorgung: Sind die maschinellen Produktionsmittel nicht auf alle Wirtschaftssubjekte verteilt und ha ben nicht alle darauf Zugriff, wäre dieser Teil der Wirtschafts Subjekte per se unver sorgt. Setzt man aber gleichen Zugriff aller voraus, jedoch marktliche Organisation, müsste vorausgesetzt werden, dass jeder Produzent sich als Nischenanbieter von möglichst erfolgreich monopolisierten Spezialangeboten auf dem Markt zu behaup ten suchte. Theoretisch könnte ein Produzent dann im erfolgreichen Fall Profit durch geheimen Wissensvorsprung erzielen. Er könnte diesen Profit aber nicht realisieren, da er ihn bei Erwerb eines anderen Nischenproduktes wieder an den nächsten An bieter abgeben würde. Ein derartiger volkswirtschaftlicher Zustand wäre ferner durch große Unsicherheit, Instabilität und Volatilität gekennzeichnet. Der mit dieser Tech nologie an sich gegebene Vorteil der kürzesten Distanz zwischen Produktion und Konsumtion wäre aufgegeben und ad absurdum geführt. Ein volkswirtschaftliches Wohlfahrtsmaximum wäre offensichtlich nur dann er reichbar, wenn alles gesellschaftlich vorhandene zur Produktion von Gütern verwen dete Wissen prinzipiell frei zugänglich ist, und eine gesicherte Versorgung aller Men- 115 K ant (1999b), S. 54/55 [80] sehen einer Volkswirtschaft auf technischem und auch auf politischem Wege sicher gestellt werden kann. Unter dieser Voraussetzung wäre ein vollständig maschinelles System der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung als konsistentes berechenbares System zu beschreiben. Es entstünde insgesamt ein Makro-System der wirtschaftlichen Mit telbeschaffung mit einigen (wenigen) Steuerungsparametern (etwa globaler Energie verbrauch, globaler Ressourcenverbrauch, Festlegungen hinsichtlich der Art verwen deter Rohstoffe etc.), die nach Maßgabe politischer Verfahrensregeln einzustellen wä ren; es bestehen aber keine nichtsprachlichen anonymen Systemzwänge. Sicherung der Funktionsfähigkeit Die Sicherung der Funktionsfähigkeit der je (nationalen, lokalen) maschinellen Sys teme der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung wird jenseits einer bestimmten Grenze des erreichten Produktionsumfangs und der horizontalen und vertikalen Versor gungsdichte zu einer hoheitlichen Aufgabe. Dies betrifft die Rohstoffversorgung, Energieversorgung und die Sicherung der zentralen Funktionen (Leitungen, Netze, Server, zentrale Rechnerleistung). Mit zunehmender Bedeutung für die Bewältigung des Lebens der Menschen, also für Beschaffung der alltäglichen Lebensmittel wären zentrale Funktionen des Systems offensichtlich auf übergeordneter Ebene sicherzu stellen; dieses Sicherstellen und alle zugeordneten und abhängigen Funktionen hätte den Rang einer hoheitlichen Aufgabe einzunehmen. Nichtautomatisierbare Ökonomie Inhalt der nichtautomatisierbaren Wirtschaft ist die Beschaffung, Herstellung oder Vermittlung subjektiver und objektiver Werte, sowie von Gütern, die nicht Konsum güter sind. Diese Güter können nichtvermehrbar sein. Der Bedarf an diesen Gütern ist nicht-endlich. Innerhalb dieser Sphäre herrschen marktwirtschaftliche Systembe dingungen, also im Wesentlichen eine Steuerung der Güter- und Faktorallokation über frei gebildete Marktpreise, sofern es sich nicht um hoheitliche Aufgabenbereiche handelt. Wird also unterstellt, dass der Bereich der wirtschaftlichen Mittelbeschaffüng voll ständig maschinell zu bewältigen ist, bleiben dem menschlichen Gestaltungsdrang und seinem Streben nach Betätigung sowie ferner seinem Bestreben nach Differen zierung und Anerkennung die Bereiche der sogenannten tertiären Beschäftigungen. Ferner ist folgendes zu bedenken: diese vollständige maschinelle Bewältigung der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung wird immer nur annäherungsweise zu erreichen sein, also immer nur in einer bestimmten gegebenen Produktionsgeschwindigkeit, ei ner bestimmten Qualität der Verfahren, der Produkte, einer bestimmten Effizienz des Ressourcenverbrauchs. Dies wird immer noch zu verbessern sein, bis zu einer theoretisch erreichbaren und mit vertretbarem Aufwand nicht mehr zu überschrei tenden Grenze. Es kann aber ein Grad von Automation der wirtschaftlichen Mittel beschaffüng erreicht werden, den man — die Gesellschaft — zunächst einmal als hin sichtlich Produktqualität und Produktionsgeschwindigkeit hinreichend betrachten [81] will, so dass damit die Alternative offen steht, sich mit anderen Inhalten zu beschäf tigen als dieser wirtschaftlichen Mittelbeschaffung. Es wird auch immer die Möglich keit offen stehen, auf herkömmlich industrielle Weise eine bestehende Nachfrage zu bedienen. Insofern ist zu erwarten, dass — wie bereits oben erwähnt — diese zwei For men der Wirtschaftsorganisation nebeneinander her bestehen bleiben. Es kommt aber diese neue Organisation als dem alltäglichen Leben sich bietende Option sozu sagen dazu: auf diese Weise kann und muss eine Sicherheit der Versorgung mit den Mitteln des Lebensbedarfs hergestellt werden, die jedem Menschen prinzipiell offen steht. Beliebige Möglichkeiten der beruflichen und wirtschaftlich verwertbaren Betä tigung sind damit nie ausgeschlossen. Geschichtlich neu wäre nur die fundamentale und prinzipiell jedem Menschen offen stehende Lebenssituation, hierzu nicht ge zwungen zu sein. Transformation Im Kern bedeutet diese Technologie den Übergang von einer preisgesteuerten Wirt schaft zu einer gebrauchswertorientierten, sprachrational bzw. vom Primat der Politik gesteuerten Wirtschaft; Tausch, das Tauschmittel Geld, Kapital, Kapitalbildung und Verzinsung spielen eine immer mehr marginale Rolle in der Ökonomie (im Bereich der industriellen Konsumgüterproduktion). Ökonomische Notwendigkeiten innerhalb der umgebenden Marktwirtschaft füh ren nun zur Entwicklung universaler, „smarter“, dezentraler Produktionssysteme, de ren Eignung zur Produktion immer weiterer Bereiche des Konsumgütersegmentes sich ständig erweitert116. Parallel entstehen „Open-User-Innovation“-Produktionssysteme in nicht-kommerzieller, überprivater Verwendung, oftmals mit Organisation in öffentlicher Trägerschaft117. Unzweifelhaft wachsen diese Technologien gegenwärtig im Schöße der umgeben den Marktwirtschaft heran. Software und Hardware und die diversen Konzeptionen industrieller Produktion entstehen in verschieden Umfeldern und Kulturen, in ge winnwirtschaftlich betriebenen Unternehmen, in Universitäten, auch in privaten Ini tiativen, und in öffentlichen Projekten; das Wissen entsteht, und ist dank der Kom munikationswege des Internet immer schneller und breiter öffentlich verfügbar. In sofern besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass diese Technologien auf diesem Weg ihren Weg in die Lebensgestaltung der Menschen nehmen werden. An dieser Stelle ist aber auch an die eingangs gestellten Fragen anzuknüpfen, die mit Blick auf den Prozess einer herbeizuführenden oder sich ereignenden, sich ungeplant entwickelnden Transformation gestellt worden sind. Ein Trend zu einer Minia turisierung und Dezentralisierung der Produktion hin zum Ort des Konsums ist ge nerell auszumachen, aber es ist fraglich, ob dieser Trend stark und dynamisch genug sein kann und wird, die ökonomisch relevanten Tatbestände spürbar und, mit Blick auf die ökologischen Prozesse, schnell genug zu verändern. Es dürfte auch einiger 116 vgl. etwa Piller (2000), Reichwaldt (2006); dieser Prozess der Transformation wird im dritten Teil ausführlich diskutiert 117 Zu nennen wäre hier etwa die FabLab-Bewegung, m it ihren oftmals Universitäten angeschlossenen FabLab, wenn auch nur als ein die ferneren Intentionen skizzierender rudimentärer Ansatz. [82] Widerstand zu erwarten sein aus der Schicht der Profiteure der gegenwärtigen groß industriellen und gesellschaftlichen Strukturen.118 Es wird notwendig sein, großindust rielle Produktionsverfahren und —Systeme in diesem Sinne unter erheblichem Mittel aufwand zu entwickeln; die Allgemeinheit, die demokratische Gesellschaft wird Kos ten und Mühen auf sich nehmen müssen, also Investitionen aufwenden, um diese Veränderungen herbeizuführen. Umso mehr stellt sich die Frage, wie sich ein solches Projekt in Bewegung setzen und sich anschieben ließe, so dass es sich aus eigener Kraft in Bewegung halten, oder sogar selber zum vorantreibenden Motor werden kann. Die Ökonominnen I. Seidl und A. Zahrnt haben sich um die Entwicklung von Ansätzen zur Transformation der wachstumsabhängigen kapitalistischen Gesell schaft in eine „Postwachstumsgesellschaft“ bemüht, also im Kern um die Beantwor tung der Fragestellung: „Wie kommt es zu politischen Entscheidungen, die eine Transformation hin zu gesellschaftlicher Wachstumsunabhängigkeit befördern?“119 Das Ziel der gesellschaftlichen Wachstumsunabhängigkeit wird hier ja unbedingt ge teilt, wenn die hier beschriebenen Mittel auch andere sind, und die Zielsetzung über sozioökonomische Wachstumsunabhängigkeit ja weit hinausgeht. Mit Bezug auf den Politologen John Kingdon (2003) nennen Seidl /Zahrnt die folgenden drei Ströme (streams) die Zusammenkommen müssen, um politische Entscheidungen herzurufen, die gewünschte Veränderungen bewirken können: 1. Klare Definition und Kategorisierung eines zu lösenden Problems, und Herstel lung öffentlicher Aufmerksamkeit dafür; 2. Unterstützung politischer Akteure und von Medien und Tobbygruppen, und Setzen des Problems auf die Agenda von Regierungen; 3. Entwicklung einer politischen Entscheidungsagenda „mit Ideen, Konzepten und Handlungsmöglichkeiten“, die von Personen mit politischer Handlungsbe reitschaftgetragenwird (S. 245). Ziel sollte also sein, im oben beschriebenen Sinne ein Agenda-Setting zu initiieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen und politische Akteure sowie sonstige Multiplikatoren einzubinden, und allgemein in einer möglichst breiten Öffentlichkeit publik zu machen, warum eine solche Installa tion lokaler gebrauchswertorientierter Produktion der Geburtshelfer einer postkapi talistischen sozioökonomischen Perspektive ist oder sein kann, und diese Message auszusenden: je breiter die gesellschaftliche und technische Basis lokaler Produktion wird, umso mehr wird der Kapitalismus als dominantes und die Tebenswirklichkeit bestimmendes System, umso mehr wird das Kapital mit seiner Agenda bestimmen den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Dominanz geschwächt und entmachtet, und durch eine aufgeklärte demokratisch legitimierte Öffentlichkeit er setzt. 118 „Das Ende der Rentenökonomie“ wird vielfach gefordert, dürfte aber auf W iderstand von interessierter Seite stoßen. Löhr / Harrison (Hrsg.) (2017): Das Ende der Rentenökonomie. 119 I. Seidl, A. Zähmt: Transformation in eine Postwachstumsgesellschaft. Marburg 2016 [83] Kapitalismus: Blüte, Degeneration und Götterdämmerung Betrachtet man die Entwicklung des Kapitalismus mit Blick auf seine Fähigkeit, wirt schaftlichen Wohlstand und eine zivilgesellschaftliche wohldefinierte Ordnung zu schaffen, so erscheint diese Entwicklung am Ende als eine Abwärtsbewegung, die sich nach langer Phase des Aufstiegs, einer Zeit beginnender Stagnation und Verun sicherung dann dramatisch zu beschleunigen scheint, sodass aus allmählichen und noch innerlichen Absetzbewegungen im Geiste, aus einer Haltung des „Rette-sichwer-kann“120 die offene und panische Auflösung und Flucht wird, die sich ja, wie er wähnt, hier und da bereits abzuzeichnen beginnt. Unter der Oberfläche der äußeren Erscheinungen, der Indikatoren der wirtschaft lichen Entwicklung wie der Wachstumsraten, der Zinssätze, der Schuldenquote, der Beschäftigungsquote, dem Durchschnittseinkommen oder auch dem Ungleichheits koeffizienten ist aber auch eine gegenläufige Entwicklung auszumachen, deren Be deutung auf den ersten Blick sich nicht erschließt, und die deshalb nicht so sehr die mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das ist die Entwicklung der technischen Werkzeuge zur wirtschaftlichen Mittelbeschaffung. Diese Entwicklung verläuft of fenbar in Richtung eines Zustands, in dem die Produktionsmittel eine andere Art von Wohlstand erzeugen als den bisher bekannten, der durch den Umfang der zur Ver fügung stehenden „ungeheuren Warensammlung“ gekennzeichnet ist. Der durch diese neuen Werkzeuge erzeugte Wohlstand wäre gekennzeichnet durch Sicherheit der materiellen Versorgung, bei gleichzeitiger Freiheit der Lebensgestaltung. Dieser Zustand wird nicht etwa durch ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ herzustel len sein, wie hier der Diskussion vorgreifend behauptet, und später ausführlicher ge zeigt werden soll. Dieser Zustand wird dauerhaft nur dadurch herzustellen sein, dass diese Produktionsmittel so umgestaltet und so verwendet werden, dass sie Ge brauchswerte erzeugen können, statt Tauschwerte und Kapitalrendite. Dass dies we sentlich leichter gesagt ist als in die Realität umgesetzt, wird sich in der weiteren Dis kussion zeigen. Wer werden zunächst also diese Abwärtsbewegung des Kapitalismus beschreiben — wissend, dass dies im Laufe der vergangenenjahre in kaum zu übersehender Fülle bereits geschehen ist —, um im nächsten Abschnitt die Aufwärtsbewegung zu be schreiben, und damit einen Prozess, von dem Karl Marx glaubte, dass er kennzeich nend ist für alle im Laufe der Geschichte bisher gesehenen Aufwärtsentwicklungen von Gesellschaften, die jeweils „im Schoß der alten Gesellschaft“ die materiellen Existenzbedingungen für „neue höhere Produktionsverhältnisse“ auszubrüten hatten und haben, wie er im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ sagte: 120 „Keine soziale Ordnung, stattdessen Zynismus und Rette-sich-wer-kann“, so fasste die „W irtschaftswoche“ die Einschätzung W. Streecks zum „Ende des Kapitalismus“ und der dieses begleitenden inneren Einstellung seiner Akteure zusammen. http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/soziologe-wolfgang-streeck-das-kann-nicht-gutgehen-mit-demkapitalism us/11195698.html [Stand 25.01.2017] [85] „Eine Gesellschaftsformation geh t nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, fü r die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stetsfinden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Eösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.Z421 Ganz ohne Zweifel ist es Marx (und uns!) zu wünschen, dass er mit diesen Sätzen Recht behalten wird, sowohl was das Untergehen einer Gesellschaftsformation an geht, als auch das Ausbrüten der materiellen Bedingungen zur Lösung der „Fort schrittsaufgabe“ der Menschheit. Nach dem nun folgenden Blick auf die sich entwi ckelnde Abwärtsbewegung hoffen wir also zeigen zu können, dass zu dieser Hoff nung in der Tat Anlass besteht. 121 Marx, K.: Zur Kritik der politischen Ökonomie, im Vorwort, in: M EW 13, S .9 . [86] Krisentheorien Je nach Provenienz und nach dem weiteren theoretischen Zusammenhang, in den Beschreibung und Verständnis der Krise eingeordnet sind, unterscheiden sich die Krisentheorien. Die einen werten sie schwerer und bedrohlicher als die anderen; für manche ist sie vorübergehend, für andere säkular; für die einen kommt die große Krise ganz wie erwartet und keineswegs überraschend, während andere ewig stei gende Aktienkurse und Wachstumsraten erwartet hatten;122 für die einen ist sie ver schuldet und vermeidbar, und für die anderen Folge unvermeidlicher innerer Wider sprüche der kapitalistischen Entwicklung. Manche halten die private und öffentliche Verschuldung für die Ursache, manche für eine Folge der krisentreibenden inneren Mechanismen des Kapitalismus. Und schließlich halten manche die „zu niedrigen“ Zinsen für krisenträchtig, und empfehlen eine „Normalisierung“, während andere ge nau dies — wie Schumpeter und viele nach und schon vor ihm — als eines von vielen Symptomen der Krise des reifen, späten Kapitalismus verstehen. Wolfgang Streeck versteht die von ihm beschriebene Krise als einen „Brand, den man nicht oder noch nicht löschen kann“123. Man darf kurz innehalten bei der Frage, ob diese Analogie greift, und ob sich die Aufgabe des Zeitdiagnostikers, sei er Öko nom, Soziologe oder Philosoph, darauf beschränken kann, auf ein brennendes Feuer aufmerksam zu machen. Die zu treffende Maßnahme liegt im Falle des Brandes auf der Hand, jedenfalls muss es das Ziel sein, den Brand zu löschen. Hier liegen Aufgabe und Arbeit der Feuerwehr; auf den Brand aufmerksam machen kann jedes Kind. Hat der Zeitdiagnostiker aber nicht auch die Aufgabe, an Lösungen mitzuarbeiten, auch wenn sie nicht unmittelbar auf der Hand liegen mögen? Oder ist dies ein „Diktat“ einer Öffentlichkeit, die sich ihr gefährdetes Hölderlinsches Urvertrauen wieder her stellen lassen möchte, wie Streeck insinuiert? Immerhin sind im Hauptberuf arbei tende Sozialwissenschaftler von der Öffentlichkeit mit dieser Aufgabe betraut. Wenn ein solcher für ein von ihm aufgezeigtes Problem, gar von der akuten Dringlichkeit eines offen lodernden Feuers, keine Lösung anzubieten hat, muss er sich unter Um ständen die Frage gefallen lassen, ob er vielleicht fahrlässig die aufkommende Gefahr unterschätzt hat, und es vielleicht zu lange unterlassen, nach einer Lösung zu suchen, oder es möglicherweise auch unterlassen hat, das Ausbrechen dieses Feuers zu ver hindern. Es scheint nicht befriedigend, die Verantwortung für den Fortgang der mo dernen Zivilisation aus der Hand zu geben und sich — wenn auch immerhin mit Be rufung auf Adorno124 — für unfähig zu erklären. 122 So mahnte etwa das m anager-magazin im Juni 2003 an, der Gesetzgeber solle dafür sorgen, dass Deutschland „Entwicklungs- und Produktionsstätte“ von „neuen, innovativen Finanzdienstleistungen“ werde, und z. B. das Steuerrecht die Ansiedlung neuer M arktsegmente wie Hedge Fonds nicht behindere. Sonst gehe „das W achs tum an Deutschland vorbei“ . Der Strömung der Zeit gemäß sah man ferner die „Altersvorsorge als Chance für den Kapitalmarkt“ . Bezeichnenderweise äußerte diese Bedenken der seinerzeitige Deutschland-Chef von Goldmann Sachs, Alexander Sibelius. http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-252179.html [Stand 25.01.2017] 123 Streeck (2013), S. 8, in einer Fußnote. 124 „W enn man m ich vorwurfsvoll fragen würde, wo denn da „das Positive“ bleibe, dann wäre das am Ende doch noch eine Gelegenheit, bei der ich m ich auf Adorno berufen könnte, dessen Antwort, natürlich viel besser formuliert, zweifellos gewesen wäre: Was, wenn es gar nichts Positives gäbe?“ Streeck (2013), S. 8 [87] Auf der anderen Seite ist zuzugestehen, dass es in dieser Situation von weit größe rem Nutzen ist, auf potentielle oder schon bestehende Gefahren hinzuweisen, als den Eindruck zu erwecken oder bestehen zu lassen, es sei alles in bester Ordnung — ohne Zweifel ein Dilemma. Entscheidend für die moralische Bewertung dieser Haltung dürfte sein, ob man so eine definitiv resignative und damit implizit des „Unabänder liche“ rechtfertigende Haltung einnimmt, oder ob man den Anspruch der Vernunft auf Herstellung eines „Besseren“, also einer dann notwendigerweise nachkapitalisti schen Wirtschaftsordnung prinzipiell anerkennt.125 War diese Krise tatsächlich unvorhersehbar, und ist sie tatsächlich so wenig erklär bar? Oder war sie doch vorhersehbar, und in ihrer Entstehung auch zu erklären, so dass aus dieser Erklärung auch ein Ansatz zu ihrer Lösung erwachsen könnte? Streeck hält die Krise jedenfalls für eine „Krise neuen Typs“, für eine dreifache „Krise, die seitJahren anhält, ohne dass ein Ende abzusehen wäre: eine Bankenkrise, eine Krise der Staatsfinanzen und eine Krise der ,Realökonomie‘. Niemand hat eine solche Si tuation, für die es keinen Präzedenzfall gibt, vorhergesehen, nicht in den 1970er, aber auch nicht in den 1990erjahren“. (Streeck 2013, S. 29). Joseph Schumpeter erwartete dagegen bereits 1942 (ebenso J. M. Keynes, etwa zum gleichen Zeitraum) eine sinkende Wachstumsrate der Gesamterzeugung, daher schwindende Investitionschancen, und dass infolgedessen die „Profite und mit ihnen der Zinsfüß (...) sich dem Nullpunkt nähern“. (S. 213) Er erwartete in der weiteren Folge eine „Zerstörung der schützenden Schichten“, der gesetzlichen Institutionen und der „Einstellung der öffentlichen Meinungen und der Politik“ (S. 219).126 Dass die Krise der Realökonomie nicht vorhersehbar gewesen wäre, lässt sich so mit nicht recht aufrechterhalten.127 Während Schumpeter aber erwartete, dass die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt“, daraufhin sozusagen ihren Dienst einstellen und dem Staat freiwillig das Zepter übergeben werde, ohne dass der Staat vorher die verlorenen Investitionsmöglichkeiten etwa durch den ent gegenkommenden Verkauf öffentlicher Unternehmen zu ersetzen bestrebt gewesen wäre, trat nun genau das Gegenteil ein: der Staat verzichtete großmütig auf Steuer einnahmen und verschuldete sich bei der Schicht der „Bourgeoisie“, wodurch dieser immerhin noch bescheidene Zinsgewinne möglich waren; und die Banken begannen, um dem vorauszusehenden Schwinden der Gewinne wegen sinkender Zinsen als Folge der immer weiter anschwellenden Sparvermögen vorzubeugen, mit diesem 125 Es wurde schon darauf verwiesen, dass Streeck Gramscis B egriff eines - unvermeidlich chaotischen - Inter regnums vorgeschlagen hat, das die Zeit bis zur Entstehung einer neuen Ordnung ausfüllt. Streeck (2017). 126 Einen solchen V erlauf der wirtschaftlichen Entwicklung erwartete auch J. M. Keynes, der ebenfalls ein nach lassendes Interesse an der Erzielung von Kapitalrenten erwartete, sah aber nicht einen zentralgelenkten Sozia lismus am Horizont, sondern zunehm ende Arbeitszeitverkürzungen, um die Stabilität von privatwirtschaftlich organisierten Ökonomien aufrechtzuerhalten. Diesen Zustand verstand Keynes als „Lösung des wirtschaftli chen Problems“, das die Herstellung eines „Zeitalters der Freizeit und der Fülle“, m it sich bringen werden; jedoch: „W enn das wirtschaftliche Problem gelöst ist, wird die M enschheit eines ihrer traditionellen Zwecke beraubt sein.“ J. M. Keynes: W irtschaftliche Möglichkeiten unserer Enkelkinder. Aus: N. Reuter: W achstum s euphorie und Verteilungsrealität. W irtschaftspolitische Leitbilder zwischen Gestern und Morgen. M it Texten zum Thema von John Maynard Keynes und W assily W . Leontief. M arburg 2007. 127 Der Ökonom Nouriel Roubini z. B. warnte seit 2004 vor den Folgen der Immobilienblase und hat Rezession und Kollaps treffend vorausgesagt. Vgl. etwa H. Schumann: Die Unwetterwarnung. 2007 stürzt die US-W irtschaftab, sagt der Ökonom Nouriel Roubini. Erst haben sie gelacht,jetzt fürchten viele: Er könnte recht haben. D er Tagesspiegel vom 9.12.2006 [88] Geld auf allerlei innovative Weise zu spekulieren, wobei bei allen „innovativen Fi nanzprodukten“ diese eine goldene Regel zu beobachten war: man bemühte sich, gut verpackte und kunstvoll verschleierte Risiken an ahnungslose Käufer zu verscher beln.128 Da so etwas ja nicht grenzenlos weitergetrieben werden kann, ohne eines Ta ges aufzufliegen, entstand die Bankenkrise. Und die Krise der Staatsfinanzen entstand nun simplerweise dadurch, dass der Staat nach Preisgabe seiner Einnahmequellen in folge großzügiger Steuergeschenke an die „Bourgeoisie“ nur durch immer weiter wachsende Kreditaufnahme seinen Aufgaben noch nachkommen konnte. Und was die schützenden Schichten angeht: erstaunlicherweise verließ die schützenden Schichten, die öffentliche Meinung in Medien und Politik keineswegs die Zuneigung zum Kapitalismus und zu den Prinzipien freien privaten Unternehmertums, sondern ganz im Gegenteil wurde dies gefördert und medial unterstützt nach Kräften. Schumpeter konnte ja nun, wie gesehen, noch an die Alternative des Übergangs zu einem staatlich gesteuerten Sozialismus glauben, der aber zur Zeit des Entstehens dieser „dreifachen Krise“ seine Zukunft ebenfalls bereits hinter sich hatte. War es also ein Art von blinder Verzweiflung in Ermangelung einer Alternative, die alle zu ständigen Institutionen, Medien, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, immer weiter an ein Fortbestehen der freien Marktwirtschaft und an ewiges Wachstum glauben ließ — obwohl diese Erklärung der Krisenursachen so simpel zu sein scheint, dass man sich schon deshalb veranlasst sehen mag, ihre Plausibilität zu bezweifeln? Aber ist diese einfache Erklärung denn tatsächlich stichhaltig? Wir können uns die Entstehung dieser drei Krisen — der Realwirtschaft, der Banken, der Staatsfinanzen und dazu noch die Legitimationskrise der inneren Verfassung der politischen Akteure — einmal der Reihe nach im Detail anschauen. Die Krise der Realwirtschaft Über den Ausgang bzw. die „Ur-Ursache“ der krisenhaften Entwicklungen gehen die Meinungen auseinander. Dass die entwickelten Volkswirtschaften vor der Herausfor derung stehen, „auf das Ende der Kapitalknappheit eine Antwort zu finden“129, scheint unbestritten. Aber was ist Ursache dieser Kapitalschwemme? Handelt es sich um ein „Phänomen der Wohlstandsgesellschaften“, um ein „Strukturmerkmal kon solidierter wohlhabender Gesellschaften“130, und ist sie daher voraussichtlich anhal tend und „säkular“131? Oder könnte eine Rückkehr zu „normalen“132 Verhältnissen 128 Trotz aller schlechten Erfahrungen versucht die EU-Kommission aktuell von neuem, das Geschäft der Banken m it gebündelten Verbrietungen wiederzubeleben. Vgl. S. W agenknecht, F. de Masio: Die EU-Kommission spielt m it dem Feuer. Die ZEIT vom 5.3.2017 129 Hagemann (2016), S. 9 130 Tichy (2016), S .3 4 131 Zu Ende des Jahres 2013 machte der renommierte US-amerikanische Ökonom Larry Summers dadurch von sich reden, dass er au f dem Abschlussforum der jährlichen Research-Konferenz des IW F die Perspektive einer „säkularen Stagnation“ in den Raum stellte, der man - wenn möglich - m it einem negativen nominalen Zins begegnen müsse. http://www.youtube.com/watch?v=KYpVzBbQIXO [Stand 27.01.2017] 132 Das gegenwärtig erreichte Zinsniveau im Euroraum, den USA und Japan ist das niedrigste seit 5000 Jahren. https://www.economissim us.de/2016/ll/07/2016-m it-niedrigstem -zinsniveau-der-m enschheitsgeschichte- 5000-jahre-finanzgeschichte-blicken-ins-zinstal-hinab/ [Stand 27.01.2017] Die Branche hält das für nicht „normal“ und hofft auf eine Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen: „Normali sierung oder das Ende des W achstum s“ . Man glaubt offenbar, eine Erhöhung der Zinsen - d ie ja nichts anderes sind als der M arktpreis für Geld, oder doch zum indest Indikator für die Nachfrage danach - könnte W achstum [89] mit positiven Zinssätzen, mäßiger kontrollierter Inflation und stabilen Wachstumsra ten erreicht werden, wie dies als offizielles Ziel ja wohl in allen Programmen der Par teien zu finden ist, die derzeit in Deutschland im Parlament vertreten sind, oder auch auf europäischer Ebene, und im Grunde weltweit, einschließlich der sozialistischen Volksrepublik China? W. Streeck beschreibt die „lange Wende vom Nachkriegskapitalismus zum Neoli beralismus“ als ausgelöst durch Initiativen der Kapitalbesitzer und Kapitalverwalter; diese, „unter dem Eindruck von 1968 und aufgeschreckt durch ein politisches Klima, das sich in politischen Absichtserklärungen niederschlug wie der, die ,Grenzen der Belastbarkeit8 der Wirtschaft erproben zu wollen, (...) machten sich daran, den Aus tritt aus einem Regime zu vollziehen, das ihnen nach 1945, den Erfahrungen der Zwi schenkriegsgeneration zum Trotz, ermöglicht hatte, in ihre Positionen auf den Kom mandohöhen der Industriegesellschaft zurückzukehren.“ (S. 55) Das neue gemein same Ziel der „Unternehmen, Industrien und Verbände“ sei dann „die Tiberalisierung des Kapitalismus“, die „Freisetzung der kapitalistischen Wirtschaft von den bü rokratisch-politischen und korporatistischen Kontrollen der Wiederaufbaujahre“, und die „Expansion seiner Märkte nach innen und nach außen“ gewesen. Ein wenig klingt dies nach verschuldet und vermeidbar; nach dieser Erklärung wäre die neoliberale Wende womöglich ohne die Ereignisse von 1968 und ein politi sches Klima mit „überzogenen“ Forderungen an die Wirtschaft ausgeblieben. Erklä rungsbedürftig bliebe aber in jedem Fall, wieso diesem Bestreben von Seiten der Ge werkschaften und der Politik offenbar geringe Widerstände entgegengesetzt wurden. Ein Blick auf die Verhältnisse des Nachkriegskapitalismus mag hier vielleicht Auf schluss geben. Das Goldene Zeitalter Der Historiker Eric Hobsbawm hat diese Periode zwischen den Jahren 1945 und 1974 bekanntlich als das „Goldene Zeitalter“ des Kapitalismus bezeichnet. Es be stand einerseits ein ungeheurer Aufholbedarf zur Beseitigung der Kriegsschäden in West-Europa und Japan, andererseits entstand eine Vielzahl neuer Massenmärkte durch einen wissenschaftlich-technischen Fortschritt, der eine Reihe von Produktinnovationen mit hoher Attraktivität für die breite Masse zur Verfügung stellen konnte, die auf dem gegebenen Niveau der industriellen Produktion mit schnell anzulernen den Arbeitskräften in den fordistisch ausgerichteten Fabriken in hohen Stückzahlen hergestellt werden konnten. Es entstanden die Märkte für Haushaltsgeräte („Weiße Ware“), die Nahrungsmittelindustrie, die Unterhaltungselektronik mit Radio und Fernseher, später Highfidelity-Anlagen, der Ausbau der Telekommunikation, eine Vielzahl von Produkten auf Basis neuartiger Kunststoffe, die Einzelhandelskonzerne und der Versandhandel, sodann der aufkommende Tourismus, und als stärkster induzieren. Dabei verhält es sich offensichtlich genau andersherum: niedrige reale Nachfrage fuhrt zu niedriger Nachfrage nach Kapital, zu erhöhten Ersparnissen (Sparschwemme) und damit zu niedrigen Zinsen. http://acemaxx-analytics-dispinar.blogspot.de/2016/08/normalisierung-der-zinsen-oder-das-ende.html [90] Wachstumsmotor die Motorisierung der Massen mittels der Automobilindustrie, mit samt ihren Zuliefererbetrieben. Die Erschließung neuer Märkte mit stürmischer Nachfrage und die für diese Phase typische Fabrikorganisation mit hohem Anteil an unqualifizierter Arbeit führten zu einer hohen Beschäftigungsnachfrage, mit einer entsprechend hohen Durchsetzungsmacht für gewerkschaftliche Forderungen, und einem hohen Gewicht der Interessen der breiten Schichten der Arbeitsbevölkerung in der politischen Auseinandersetzung; eine Situation, die durch die seinerzeitige Ost West-Konfrontation und dem allgegenwärtigen Systemvergleich noch unterstützt wurde. Die Interessen von Arbeit und Kapital fanden sich unter diesen Bedingungen in etwa in der Waage bzw. harmonierten sogar; solange das stürmische Wachstum an hielt, konnten die Beschäftigten relativ hohe Lohnzuwächse durchsetzen, die als ver fügbares Einkommen ja zur Ausweitung der Nachfrage über steigende Umsätze den Kapitalinteressen wiederum zugutekamen. Zur Einschätzung des gesamtwirtschaftlichen Klimas dieser Periode ist nicht zu vergessen, dass ja auch die gesamte Infrastruktur zur Bewältigung dieses hohen Wachstums der industriellen Produktion geschaffen werden musste; die stürmische Nachfrage des privaten Endkonsums hatte eine entsprechende Nachfrage nach Stra ßen und Brücken, nach Gebäuden und Maschinen und Anlagen zur Folge, nach Transportmitteln, Fabrik- und Büroausstattungen, und ferner nach den unterstützen den Dienstleistungen in Banken und Versicherungen, und nicht zuletzt auch in der stark expandierenden Werbeindustrie. Dieses Wachstum der Massenmärkte kam aber ab Beginn bis Mitte der 1970er Jahre offenbar zum Erliegen, oder zumindest zu einer deutlichen Verlangsamung. Die Erstausstattung vieler Haushalte mit den für diese Phase typischen Konsumgü tern war Ende der 1960er Jahre weitgehend abgeschlossen, und für die schnell auf gebauten industriellen Kapazitäten begann sich die Nachfrage auf den Ersatzbedarf zu beschränken, die aber nun nicht mehr mit der gleichen Konstanz und Dynamik an den Märkten spürbar war. Der Kauf des ersten Kühlschranks ist weit weniger aufschiebbar als der des zweiten, für den nunmehr nur die relativ schwächeren Argu mente der höheren Leistung oder des niedrigeren Energieverbrauchs sprechen, so fern Ersatz wegen eingestellter Funktionsfähigkeit noch nicht zwingend geboten ist. Jedenfalls hatten die Absatzkurven für Haushaltsgeräte die ersten Abflachungen auf zuweisen, und bis Mitte der 1970er Jahre setzte ein Konsolidierungstrend auch auf den übrigen Massenmärkten ein. Manch ein bis dato selbstständiger Anbieter ver schwand; während zu Beginn der Phase der Fernsehens in Deutschland selbststän dige Anbieter wie etwa Schaub, Lorenz, Nora, Krefft, Graetz, Imperial, Loewe, Metz und Grundig sich den Markt teilten, begann ab Mitte der 1970erjahre die Phase der Unternehmensaufkäufe und Pleiten. Etwa der einst glanzvolle AEG Konzern schüt tete 1972 zum letzten Mal eine Dividende aus; und nach einer Vielzahl von Umstruk turierungen und Führungswechseln musste der Konzern im August 1982 Konkurs anmelden. Und dieser Trend hat angehalten, wie an dieser Stelle schon eingeschoben werden soll: der Markt der „weißen Ware“ ist inzwischen tatsächlich zu annähernd 100% [91] gedeckt; Kühl- und Gefrierschrank besitzen 99,7% der Haushalte, Waschmaschine 94,5%, Elektroherd 94%, und eine Spülmaschine 67,3%. Bei Computern und Dru ckern sieht es nicht anders aus: ein PC steht in 85,2% der Haushalte, und einen Dru cker 75,3%; mit einem Internetanschluss sind 80,2% der Haushalte versorgt. Im Be reich der Unterhaltungselektronik lag der Ausstattungsgrad mit Fernsehern bei 95,1%, davon mit Flachbildfernsehern bei 67,1%, Kabelanschluss bei 47,1%, DVD- Player 70,8%, und bei CD-Playern bei 85%. Der Ausstattungsbestand bei Fernsehern liegt pro 100 Haushalte bei 158, d. h. sehr viele Haushalte besitzen mehr als einen Fernseher. (Quelle: Statistisches Bundesamt) Die Konjunktur der Baubranche hatte 1975 ein mit der überhitzten gesamtwirt schaftlichen Lage dieser Phase zusammenhängendes Hoch aufzuweisen, sowohl für Wohngebäude als auch für Nichtwohngebäude, und erlebte dann eine kontinuierliche Abschwächung bis in die 1990er Jahre, wobei das Ausgangsniveau zu Anfang der 1950erjahre unterschritten wurde.133 Insgesamt wurde die Nachfrage unbeständiger und volatiler, und der Verkäufermarkt wandelte sich allmählich zum Käufermarkt. Die Wachstumsraten in den OECD-Ländern brachen von 5,0 Prozent in denjahren I960 — 1968 bis auf 2,9 Prozent zwischen 1988 und 1992 ein. Die Nettoinvestitionen gingen dann ab 1990 im Mittel des langfristigen Trends deutlich und anhaltend zu rück, die Nettoinvestitionsquote gemessen an den Gewinnen lag 2013 fast bei 0. (vgl. Grafik:)134 D e utsch land: U n te rn e h m e n sge w in n e und N ettoinvestitionen w w w .q u e rsc h u e s se .d e I Abb. 1: U nternehm ensgew inne und N ettoinvestitionen bis 2013 133 Vgl. etwa: von Roncador, T.: Der W ohnungsbau au f dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland 1945 bis 1989. O.O. 2006, zugleich Diss. der Univ. München 134 Screenshot entnommen aus: Deutschland: hohe Unternehmensgewinne und niedrige Nettoinvestitionen. Quer schüsse, 16.10.2017. https://www.querschuesse.de/deutschland-hohe-untemehmensgewinne-und-niedrigenettoinvestitionen/ [92] O. Nachtwey nennt als „herausragendes Datum, ab dem alles anders wurde“, den 15. August 1971, den Tag, an dem der amerikanische Präsident Nixon die Weltwirt schaftsordnung der Nachkriegszeit beerdigte, „indem er die Goldkonvertibilität des Dollars aufkündigte.“135 Die Weltkonjunktur hatte aber bereits vorher nachgelassen, und in Deutschland war es 1966/67 zum ersten Mal in der Nachkriegszeit zu einer Rezession gekommen. (S. 48) Die Bruttoinvestitionen hatten eine ebenso fallende Tendenz wie anfänglich die Profitraten, die sich allerdings nach der „Revolte des Ka pitals“, die W. Streeck beschreibt, zu erholen begannen, während umgekehrt die Net torealverdienste in Deutschland ab 1970 allmählich hinter der Entwicklung der Ar beitsproduktivität zurückblieben. Die Arbeitnehmer verzichteten also auf den ihnen entsprechend dem Produktivitätsfortschritt zustehenden Anteil des „Kuchens“. Wenn die Töhne auch relativ hinter dem erwirtschafteten Produktivitätsfortschritt zurückblieben, so nahmen sie über die längere Frist absolut doch immer weiter zu. Wenn dann zusätzlich noch stärkere Tohnspreizungen auftreten, die Spitzeneinkom men also überproportional steigen, kommt zunehmend ein Faktor zum Tragen, den J. M. Keynes das „fündamentalpsychologische Gesetz“ nannte, nämlich die Tatsache, dass mit steigendem Einkommen die Sparquote steigt. Zwar können die Sparmotive im Verlauf der konjunkturellen Phasen und abhängig von weiteren gesamtwirtschaft lichen Faktoren schwanken, zwischen einem konsumbezogenen Ansparen und einem aus wirtschaftlicher Unsicherheit motivierten Vorsorgesparen; abhängig vom absolu ten Volumen der Spartätigkeit kann es so aber schließlich zu einem Überhang der Sparvermögen über die Investitionen kommen, wenn eben auch die Industrie sich mit Investitionen zurückhält. Wenn die beschriebene „Revolte des Kapitals“ dann eben auch dazu führt, dass die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen sich vergrößert und die unteren Einkommen von der allgemeinen Wohlstandsentwick lung immer weiter abgeschnitten werden, kann es zu einem Überhang der Ersparnis kommen, obwohl in den unteren Einkommensschichten die Sparquote sinkt, und im Gegenteil sogar entspart wird; darüber begünstigt dies den Anstieg der privaten Ver schuldung. Ohne nun weiter in alle Einzelheiten der Entwicklung seit diesem Wachstumsein bruch der 1970er Jahre einzugehen, auf die Folgen der Globalisierung, des Zusam menbruchs der ehemaligen Sowjetunion und ihrer verbündeten Staaten des „Ost Blocks“ und des damit entstandenen Überangebots an billigen Arbeitskräften, scheint es doch plausibel anzunehmen, dass dieser damals einsetzende Trend angehalten hat, und dass die für das „Goldene Zeitalter“ typische Konstellation hoher Nachfrage nach Konsumgütern und ebenso hoher Nachfrage nach Beschäftigung sich danach nie wieder eingestellt hat. Die Investitionen gingen tendenziell zurück, und verwan delten sich aus Erweiterungsinvestitionen zunehmend in Ersatz- und arbeitssparende Rationalisierungsinvestitionen; der technische Fortschritt führte über den ermöglich ten Anstieg der Produktivität nicht mehr unbedingt bzw. in entsprechendem Umfang zu einer erhöhten Produktnachfrage, so dass Eweiterungsinvestitionen sich nicht aus zahlen würden und daher ausblieben. 135 Nachtwey (2016) S. 49 [93] Es scheint letzten Endes also „nachlassende Nachfragedynamik“ der Faktor zu sein, der für schwindendes Wachstum verantwortlich zu machen ist; der ÖkonomJ. Priewe nennt hier „Tendenzen der Konsumsättigung, die durch Produktinnovationen nicht immer aufgefangen werden können, abnehmende Fähigkeit, keynesianische Wirtschaftspolitik anzuwenden, zurückgehendes Bevölkerungswachstum und die un gleicher werdende Einkommensverteilung“ als verursachende Faktoren.136 Gewisser maßen kann man sagen dass die Krise sich selbst verschärft: weil die Einkommens verteilung schon ungleich ist, wird sie noch ungleicher; weil die Vermögen schon so groß sind, werden sie noch größer; weil die Nachfrage schon so schwach ist, wird sie noch schwächer; und weil die Beschäftigung schon so schwach ist, wird sie noch schwächer. Die politischen Kräfte, die die Macht zum Ausgleich hätten oder haben sollten, werden durch die sich immer weiter an der Spitze konzentrierenden und in ihrer Masse immer weiter anschwellenden Vermögen geschwächt und korrumpiert; das konzentrierte Großkapital beginnt sich in die Medienlandschaft einzukaufen und er hält damit Einfluss auf die veröffentlichte Meinung und die Politik. Die Kräfte des Widerstands bröckeln, und die oppositionellen Stimmen in den Medien und der Po litik verstummen. Letzten Endes ist es wohl auch die zunehmende Unglaubhaftigkeit des Narrativs des „guten“ und sozial gerechten Kapitalismus, die ihnen die Kräfte raubt; die Geschichte der ewig wachsenden sozialen Marktwirtschaft, die angesichts der sich dramatisch zuspitzenden ökologischen Krise und des immensen und zu ab surden Höhen137 angehäuften Reichtums in der Welt immer unglaubwürdiger wird, und die daher ihre motivierende Kraft verliert, mit der nötigen Verve gegen die ganz offensichtlich vorhandenen Ungerechtigkeiten der Verteilung und der Chancen an zugehen.138 Man mag nun denken, dass die Entwicklung der Einkommen und des Wohlstands, den Privatpersonen sich dadurch gestatten können, doch nicht plötzlich ein Ende haben kann. Der Brutto-Jahresarbeitslohn je Arbeitnehmer in Deutschland lag im Jahr 2015 bei 32.643 Euro, da wird niemand denken das sei nicht noch steigerbar, und sich das durchaus auch wünschen. Dennoch ist ein Lebensstandard auf diesem Einkommensniveau nicht wirklich mehr von Knappheit und Mangel geprägt und die schiere Not, und wenn es etwa zu Arbeitskämpfen kommt, wird man im Zweifel die Sicherheit des vorhandenen Besitzstandes dem Risiko vorziehen, das mit dem Er kämpfen eines höheren Einkommens verbunden sein mag, sei es ein persönliches 130 Priewe (2016)S . 104 137 Exzessiver privater Konsum kom m t relativ zum vorhandenen Vermögen vermutlich eher selten vor, und wird auch nicht unbedingt in der Öffentlichkeit bekannt. Die konsumtiven Ausgaben von angeblich rund 2 Millionen Dollar pro Monat des US-Schauspielers Johnny Depp sind daher eher die Ausnahme, sind aber doch ein Indiz für das erreichte W ohlstandsniveau der Top-One-Percent. „W enn zwei M illionen im M onat nicht reichen“, Artikel in der W ELT vom 5.2.2017. https://www.welt.de/verm ischtes/articlel 61816241/W enn-zwei-Millionen-Dollar-pro-M onat-nichtreichen.html [Stand 16.02.2017] 138 Das Vertrauen in die Möglichkeiten der Politik, die Funktionsfähigkeit „des Systems” wiederherzustellen, scheint zu schwinden: nach einem Bericht der PR- und Kommunikationsagentur Edelman steht „das Vertrauen w eltweit in der Krise“ . F. Rötzer: „M ehrheit sagt, das System funktioniert nicht m ehr“ . Online M agazin Tele polis. https://www.heise.de/tp/features/M ehrheit-sagt-das-System-funktioniert-nicht-mehr-3606693.html [Stand 26.01.2017] [94] Risiko, das der Streikende auf sich nimmt, oder sei es das Risiko der Verlagerung der Arbeitsstätte, das in Zeiten der Globalisierung ja als Drohung des Arbeitgebers allge genwärtig ist. Dahinter liegt als demotivierender Faktor aber eben auch die schwindende Attrak tivität der ferneren Perspektive dieser alten Welt der Arbeit im Kapitalismus: solange diese Grundbedingungen bestehen, solange Kapital und Arbeit getrennt sind, können Verbesserungen grundsätzlich nur in Lohnerhöhungen, in Arbeitszeitverkürzungen, möglicherweise in Vergünstigungen wie flexiblen Arbeitszeiten oder flexiblen Arbeit sorten, vielleicht sogar auch in einem allgemeinen Grundeinkommen bestehen (dies allerdings eher nicht — wir kommen darauf zurück). Aber solange diese beiden Grund tendenzen anhalten, dass auf der Nachfrageseite die Wachstumsperspektive be schränkt ist — und das wird sie auch mit Blick auf die Entwicklung der Ökologie sein müssen —, und dass auf der Angebotsseite die Arbeitsproduktivität immer weiter ge steigert und damit das Arbeitsangebot ausgeweitet wird, ist klar, dass alle denkbaren Verbesserungen und Fortschritte mit immer höherem Aufwand und gegen immer größere Widerstände erkämpft und durchgesetzt werden müssen; die „Transaktions kosten“, die politischen und organisatorischen Aufwände werden immer höher. Es kommt kein bleibendes Ziel in Sicht, von dem man dann sagen könnte: dies ist die Schwelle, wenn die überschritten ist, ist das Ziel erreicht, dann ist „alles gut“.139 Die Entwicklung ist von gegenläufigen Zielen und Bestrebungen gekennzeichnet: auf der einen Seite Entwicklungs- und Wachstumsdynamik, steigende Einkommen und Um sätze, Wettkampf in der Gestaltung der Erwerbsbiographien, Aufstieg und Entfal tung der Persönlichkeit, Ansehen und Prestige, und auf der anderen Seite Beschrän kung und Begrenzung, Solidarität, und zum Teil auch Verzicht und Rücksichtnahme. Und dies eben mit der Aussicht, dass dies immer schwerer miteinander zu vereinba ren sein wird, je weiter die Entwicklung voranschreitet. So müsste etwa jedem, der heute auf das bedingungslose Grundeinkommen oder auf Arbeitszeitverkürzungen setzt, klar sein, dass beides immer schwieriger durchzusetzen sein wird, wie etwajan Priewe deutlich macht: „Zwar könnten fortwährende Produktivitätssteigerungen, durch technischen Fortschritt induziert, durch permanente Arbeitszeitverkürzung kompensiert werden. Dies erfordert vermutlich weitreichende und komplizierte in stitutionelle Vorkehrungen, wenn Vollbeschäftigung gewahrt bleiben soll. Menschen, die ihre Arbeit verlieren, könnte ein garantiertes Einkommen gewährt werden, was aber ständig zusätzliche Umverteilung erfordert, wenn das Arbeitsvolumen Jahr für Jahr bei Nullwachstum und technischem Fortschritt etwas kleiner wird. Allokation von Arbeit über den Markt würde jetzt nicht mehr funktionieren, wenn wir zuneh mende Massenarbeitslosigkeit und Verelendung ausschließen.“140 139 Der Sozialwissenschaftler Christoph H öft beschreibt am Beispiel des schwedischen W ohlfahrtsstaates den W andel der „Narration“, in die politische Haltungen und Ziele eingebettet sind. Er beobachtet einen „Zerfall umfassender sozialdemokratischer Lebenswelten und einen gesellschaftlicher W ertewandel von Sicherheit zu Freiheit“ ab den 1990er Jahren. Hoeft, Christoph. Narration in der Krise: Zum W andel des sozialdemokrati schen W ohlfahrtsstaatsdiskurses in Schweden (Göttinger Junge Forschung 21) (German Edition) (Kindle-Positionen502-503). ibidem. Kindle-Version. 140 Priewe (2 0 1 6 )S .7 2 [95] Aber wir greifen hier der Diskussion der Krisenfolgen vor. Die Krise der Realwirt schaft zeigt sich natürlich auch, wenn man die internationalen Wirtschaftsbeziehun gen mit in den Blick nimmt. Die Krise der Eurozone Wie schon gesehen, zeigt sich der tendenzielle Rückgang der Wachstumsraten nicht nur in West-Europa, sondern auch in Japan und den USA, wenn auch in etwas un terschiedlichen Verläufen. Die sehr hohen Wachstumsraten in den kriegszerstörten Ländern in der frühen Nachkriegsphase gab es in den USA zwar nicht, ein Nachlas sen des Wachstums war in allen Regionen der entwickelten Industriestaaten aber gleichermaßen zu beobachten. Ungleichgewichte stellten sich aber dann in den Außenwirtschaftsbeziehungen ein, wie das von den jeweiligen amtierenden Bundesregierungen in Deutschland immer wieder stolz verkündete Wort von der „Exportweltmeisterschaft“ ja deutlich macht. Wie jeder weiß ist es im Sport, etwa in einer Leichtathletikmeisterschaft oder der Fußballweltmeisterschaft, so, dass nur einer der Weltmeister sein kann, und die an deren sind es nicht. Aber der Weltmeister ist es nicht im buchhalterischen Sinn auf Kosten der Unterlegenen; es ist keine Beziehung eines Werteflusses in bestimmter Höhe. Bei der Fußballweltmeisterschaft werden die Karten jedesjahr neu gemischt; wenn einer in dem einen Jahr der Verlierer war, kann er im nächsten der Gewinner sein. So ist es aber nicht im Fall der Exportweltmeisterschaft: wenn ein Land mehr exportiert als es einführt, kumulieren sich vonJahr zuJahr diese Überschüsse, was in entsprechender Höhe natürlich auch bei den „Importweltmeistern“ so ist, wo sich Schulden aufhäufen. Hier ist die Möglichkeit der Kumulation aber begrenzt, bis zur Verschuldungsgrenze, und wenn diese erreicht ist, ist er überschuldet und fällt als Nachfrager aus, und dem Exportweltmeister schwinden die Abnehmer. Die ökonomische Theorie geht natürlich davon aus, dass dies sich langfristig von selbst regelt und ausgleicht über den Mechanismus frei gebildeter Marktpreise. Vor der Einführung des Euro haben die „Importweltmeister“ einfach ihre Währung ab gewertet, und damit ihre Importe verteuert. Dieser Weg ist aber nach Einführung des Euro im Euroraum versperrt. Es ist nun leicht einzusehen, dass die unterschiedlichen Entwicklungsstände und Niveau und Leistungsfähigkeit der Industrien in den zusammengeschlossenen Län dern der EU hier eine ganz entscheidende Rolle spielen. Die Industrien der Länder sind ja nicht so stark spezialisiert und differenziert, dass das eine mit dem anderen nicht in Wettbewerb um Absatzchancen treten würde; es ist ja nicht so, so dass etwa alle Menschen in Europa ihre Autos in Deutschland kaufen, den Rotwein in Frank reich, und den Käse in Holland, und dass die Volumina dieser Werteströme sich wert mäßig dann auch noch ausgleichen. Diese Annahme ist aber im Grunde bei der Kon struktion der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion getroffen worden, und man hat unterstellt, dass die gemeinschaftliche Währung und ihre Steuerung durch die Europäische Zentralbank im Lauf der Zeit einen hinreichend vereinheitlichenden Impuls auslösen werden. Man hoffte auf das naturwüchsige Wirken der Marktkräfte, [96] die einheitliche und in ihren Potenzialen vergleichbare Produktionsbedingungen her stellen werden, ohne dass hier wirtschaftspolitische Interventionen etwa in der Art der Strukturförderung oder des Länderfinanzausgleichs der Bundesrepublik Deutsch land notwendig sein würden. Dies hat sich offensichtlich als Irrtum herausgestellt, wie ja nicht nur das dras tischste Beispiel Griechenland141 gezeigt hat. Für die exportorientierten Länder wie vor allem Deutschland war dies natürlich ein Vorteil — kurzfristig. Die werdenden „Importweltmeister“ konnten sich mit Hilfe des stabilen Euro verschulden und die mit diesem verbundene Kreditwürdigkeit in Anspruch nehmen. Das taten sie fleißig, kauften bei dem werdenden Exportweltmeister ein, woraufhin der seine neu errun gene Exportweltmeisterschaft immer wieder von neuem bejubeln konnte. Bis aller dings das voraussehbare Ende der Party eintritt, die Importweltmeister die Grenzen der Verschuldung erreichen, und die Krise ausbricht, und der Staat des Exportwelt meisters, der Steuerzahler, für die Risiken haften muss, währenddessen die Profiteure der Exporte und der Finanzströme, die Hersteller der exportierten Waren und die Banken, ihre realen Gewinne im Trockenen haben. Dass Ungleichgewichte in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Länder des Euroraums bestehen und dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass diese sich in der längeren Sicht ausgleichen, sollte im Grunde recht leicht einsichtig zu machen sein. Für ein hochwertiges Produkt wie etwa das Automobil liegt dies eigentlich auf der Hand: der Automobilmarkt ist im Euroraum nicht mehr so aufnahmefähig, dass hier eine hohe Dynamik der Nachfrage zu erwarten wäre, und damit Investoren anziehen würde, eine neue Automobilproduktion aufzubauen. Es hat bereits eine erhebliche Konzentration stattgefunden; so sind von ehemals 11 deutschen Herstellern derjahre I960 bis 1990 bis heute drei selbstständige Hersteller übrig geblieben, die anderen Marken sind entweder verschwunden oder wurden den Konzernen dieser Hersteller einverleibt. Ein noch drastischeres Bild zeigt sich in Frankreich, hier sind von ehemals 20 Herstellern noch zwei am Markt tätig, wobei der PSA-Konzern von dem chinesi schen Autokonzern Dongfeng „gerettet“ werden musste.142 Auf dem britischen Auto markt gibt es nach ehemals 20 selbstständigen Herstellern zwischen 1950 — I960 überhaupt keine selbstständige Automobilproduktion mehr. Von den ehemals 19 ita lienischen Herstellern war nur noch der Fiat-Konzern übrig geblieben, der 2014 mit dem amerikanischen Hersteller Chrysler fusioniert hat.143 Wenn also ein Land wie in diesem Fall Deutschland hier einmal eine beherr schende Position erreicht hat, ist es für Konkurrenten so gut wie aussichtslos, ein 141 Das Online M agazin Telepolis m eldet am 30.01.2017: „Griechenland: Bürger und Staat am Ende der Sparm öglichkeiten.“ Auch der Internationale W ährungsfond (IW F) hält nach diesem Bericht die Schuldenlast Grie chenlands inzwischen wohl für untragbar. https://www.heise.de/tp/features/Griechenland-Buerger-und-Staat-am-Ende-der-Sparmoeglichkeiten- 3609875.html [Stand 30.01.2017] 142 Nach einer Meldung der DW vom 19.02.2014: Staatsgeld aus China und Frankreich soll Autobauer PSA retten. http://www.dw.de/staatsgeld-aus-china-und-frankreich-soll-autobauer-psa-retten/a-17441531 [Stand 21.10.2014] Diese Rettung ist offenbar inzwischen gelungen, und die Übernahme von Opel steh tnun an. 143 Nach einer M eldung der schweizerischen Handelszeitung vom 19.10.2014 ist die „Fusion von Fiat und Chrys ler kom plett“ , http://www.dw.de/staatsgeld-aus-china-und-frankreich-soll-autobauer-psa-retten/a-17441531 [Stand 21.10.2014] [97] Gegengewicht und eine wettbewerbsfähige Position erreichen zu wollen, die im Vo lumen mit den Exportströmen aus Deutschland mithalten könnte. Und diese Ver hältnisse von fast unüberwindbarer Marktdominanz haben sich auf anderen Märkten doch auch eingestellt. Rückblickend wird man sagen müssen: die Konstruktion des Euro hat nur einem gedient, nämlich den exportierenden Konzernen, und den die Finanzierung durch Kredite organisierenden Banken. Die Aussicht ist also nicht sehr groß, dass diese Situation sich einmal entspannt, und es zur Tendenz eines Ausgleichs der Warenströme kommt; dass also die Volks wirtschaften der Länder in Europa jeweils ihre Rollen und sich optimal ergänzenden Leistungsprofile entdecken, so dass sie in der Summe durch diese Spezialisierung rei cher und wohlhabender würden, als jedes für sich alleine. Dies war die Theorie etwa des Adam Smith, der diese seinerzeit gegen die Annahme der Merkantilisten zur Gel tung bringen wollte, die sich Wohlstand nur durch die Förderung der eigenen Indust rie und des eigenen Handwerks versprachen, das allerdings sehr wohl Überschüsse im Außenhandel erzielen sollte. Wenn die Ausgangssituation für alle wenigstens annähernd gleich ist, und wenn die Märkte so offen und die Nachfrage so unbegrenzt ist wie zu Lebzeiten des Adam Smith, zu Beginn der ersten industriellen Revolution, dann ist es in der Tat sinnvoll, eine solche internationale Aufgaben- und Arbeitsteilung anzustreben, und die Märkte für Importe und Leistungen offen zu halten. Aber heute? Kann man sich ein Produkt vorstellen, dass im gleichen Umfang Nachfrage wecken und im gleichen Umfang pro duktive Ressourcen binden könnte wie etwa das Automobil, Über jahrzehnte hinweg? Die meisten der heutigen DAX 30 Unternehmen sind rund lOOJahre alt; das sind die Big Player, die im Wesentlichen den realen Reichtum der Gesellschaften produ zieren, und ähnlich ist es in anderen Industrienationen. Kann man sich vorstellen, dass neue Produkte entstehen, mit neuen Märkten und neuen Dynastien, wie die Krupps und Siemens und Boschs sie waren, die über Generationen hinweg die Nach frage nach einem bestimmten Produktsortiment beliefern und sich gegen alle Wett bewerber behaupten? Und dass dies auch noch in allen Ländern Europas gleicherma ßen geschieht? Wie soll also jemals in dem Sinne ein einiges und harmonisches Eu ropa entstehen? Unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen?144 Kondratieff, Rostow, Toffler Paul Mason bringt zur Erklärung der realwirtschaftlichen Krise seit ihrer Entstehung die Kondratieff-Zyklen ins Spiel. Der bislang letzte Zyklus, die fünfte Periode ab 1990 habe sich nicht nach dem gleichen Muster wie die vorherigen Zyklen entwickelt, das Muster sei durchbrochen worden. Grund sei, dass die Arbeiter sich zum ersten Mal nicht mehr gegen ihre Benachteiligung bei der Verteilung des „Kuchens“, des erwirt schafteten BIP, zur Wehr gesetzt hätten. Er zitiert Thomas Piketty mit der Aussage, die Arbeitnehmer seien nicht mehr imstande, ihren Anspruch auf einen möglichst 144 W eltweit ist die Situation so, dass nach Ignacio Ramonet über 25 Prozent der W eltwirtschaftsleistung von 200 m ultinationalen Konzernen erbracht wird, die 0,75 Prozent der W eltbevölkerung beschäftigen. A. Gorz: A us wege aus dem Kapitalismus, Zürich 2009, S.81 [98] großen Teil des Kuchens durchzusetzen, und das führe zu wachsender Ungleichver teilung.145 Diese Deutung widerspricht dem bisher Gesagten offensichtlich noch nicht. Nikolai Kondratieff war ein Wirtschaftswissenschaftler der frühen Sowjetunion, der nicht Marxist war, seine Lehre gegen alle Widerstände der — aus ihrer Sicht — „orthodoxen“ Marxisten dieser Epoche verteidigte, und am 17.8.1938 schließlich we gen „antisowjetischer Umtriebe“ verurteilt und hingerichtet wurde. Nach seiner Lehre vollzieht sich die wirtschaftliche Entwicklung in etwa 50 Jahre andauernden „langen“ Zyklen, die jeweils mit einem Aufschwung beginnen, durch besondere In novationen der Produktionsmethoden hervorgerufen werden, und nach Verbreitung und Ausschöpfen der Möglichkeiten dieser Produktionsmethoden wieder zu einem Abflachen und konjunkturellen Abschwung führen. Kondratiew zählte die folgenden Zyklen: 1. Periode (ca. 1780—1849): Frühmechanisierung; Beginn der Industrialisierung in Deutschland; Dampfmaschinen-Kondratjew. Es gibt Vermutungen, dass es in England schon einen früheren Zyklus gab. 2. Periode (ca. 1840—1890): Zweite industrielle Revolution Eisenbahn-Kondratjew und Dampfschiffe). In Mitteleuropa Gründerzeit gen ann t. 3. Periode (ca. 1890—1940): Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (auch Che mie) 4. Periode (ca. 1940—1990): Eingweck-A-Utomatisierungs-Kondratjew (Basisinnovationen: Integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computerund das Automobil) 5. Periode (ab 1990): Informations- und Kommunikations-Technik-Kondratjew (Globale wirtschaftliche Entwicklung) Diese fünfte Phase dauert danach also noch an, und zum ersten Mal in der Ge schichte findet dieser Zyklus gewissermaßen nicht seinen Ausgang, es deutet sich kein Nachfolgezyklus an, jedenfalls keiner, der die Basisbedingungen der kapitalistischen Marktwirtschaft mit den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital unangetastet ließe. Die Arbeiter, die bis dahin immer den Motor der Veränderung oder gewissermaßen den konstruktiven Kontrapart bildeten, der den Weg der Entwicklung in eine Rich tung dirigierte, in der alle leben konnten, fallen als gestaltende Kraft aus — denn sie müssen nun fürchten, in der Zukunft gar nicht mehr gebraucht zu werden. Dies war im Verlauf des vierten Zyklus noch anders, als die gewerkschaftlich organisierten Ar beiter sich noch auf dem Höhepunkt ihrer Macht befanden und trotz des beginnen den Abschwungs hohe Lohnsteigerungen durchsetzen konnten, die aber nun eine Inflationsspirale in Gang setzten, die wegen ihrer Gleichzeitigkeit zu einer Stagnation den Namen Stagflation bekam; ein bis dahin in der ökonomischen Theorie unbe kanntes Phänomen. Aber diese Entwicklungen haben offenbar die Gegenbewegungen der Kapitaleig ner und ihrer wissenschaftlichen Unterstützer auf den Plan gerufen, und so waren 145 M ason (2015), S. 237. M ason zitiert Piketty nach dem „Kapital im 21. Jahrhundert“, ohne Seitenangabe. [99] „Thatcherismus“ und „Reagonomics“ geboren, und die Macht der rebellierenden Ar beiterschaft wurde systematisch gebrochen. Dabei kamen ihnen die veränderten Be dingungen auf den Märkten zur Hilfe; die Nachfrage nach Arbeit war eben effektiv gesunken, und deren Position dadurch geschwächt. Es sind nun grundsätzlich immer zwei Faktoren, von denen die Nachfrage nach Arbeitskräften abhängt bzw. die den Bedarf beeinflussen: zum einen die Produkt nachfrage, und zum anderen die Arbeitsproduktivität. Steigende Arbeitsproduktivität macht Produkte billiger, und kann die Nachfrage danach erhöhen, wenn nicht schon eine zu hohe Sättigungsgrenze erreicht worden ist, und die Preiselastizität der Nach frage gering geworden ist. Der Fünfte Kondratiew, die IuK-Technologien, haben be kanntlich einen enormen Produktivitätsschub ausgelöst, wenn auch besonders kon zentriert vor allem im — relativ schrumpfenden — produktiven Sektor; prinzipiell aber war dieser Verlauf nicht wesentlich anders ausgeprägt als der aller vorherigen Zyklen auch. Aber das vergrößerte Arbeits- bzw. Kapazitätsangebot ist bis dahin durch ent sprechend gestiegene Produktnachfrage auch immer absorbiert worden; erst bei die sem Zyklus ist es so, dass dem technisch erweiterten Kapazitätsangebot eine nicht mehr proportional mitwachsende Produktnachfrage gegenübersteht. Das ist das, was etwa der Wirtschaftswissenschaftler K. G. Zinn schon vor mehr als zweiJahrzehnten als das „Reifeproblem der entwickelten Volkswirtschaften“ beschrieben hat146, und das inzwischen nun auch seinen Fachkollegen zu Bewusstsein zu kommen scheint. Erst das ist es, was diesmal alles anders macht. Eine weitere wirtschaftsgeschichtliche Systematisierung ist I960 von Walt Whitman Rostow147 vorgelegt worden, in der er fünf Stufen von wirtschaftlicher Entwicklung unterscheidet, die nach seiner Auffassung von allen Staaten durchlaufen werden: 1. Die 'Traditionelle Gesellschaft: sie ist gekennzeichnet von einer nicht überschreitba ren Obergrenze der Produktivität, und ohne wissenschaftlich-technische Hilfen; eine agrarisch geprägte Gesellschaft mit hierarchischer Sozialstruktur und begrenzter Mo bilität 2. Die Vorbedingungen des Take-off („preconditions“) : Gesellschaften, die sich im Über gang befinden, wie die Staaten Westeuropas des 17. und 18. Jahrhunderts; es entste hen neue Produktionsmethoden im agrarischen und industriellen Bereich, und die Herausbildung eines Weltmarktes 3. Der Take-off: in dieser Phase steigt der Anteil der Investitionen von ungefähr 5 % auf über 10 %, bedingt durch schnelle Ausbreitung neuer Industrien, die hohe Gewinne abwerfen; es entsteht rasant wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften und Dienstleistungen, sowie nach industriellen Fertigwaren. Es kommt zu Städtewachs tum und Landflucht; zu stärkerer Kommerzialisierung und Technisierung der Land wirtschaft. Der Take-off umfasst eine relativ kurze Phase von 2 — 3 Jahrzehnten (in England die zweiJahrzehnte nach 1783; in Frankreich und den USA diejahrzehnte vor 1860; in Deutschland die 25 Jahre nach 1850; in japan das letzte Viertel des 19. 146 K. G. Zinn: Die W irtschaftskrise. M annheim 1994 147 W. Rostow: Stadien wirtschaftlichen W achstums. Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie. Göttingen I960 [100] Jahrhunderts, in Russland/Kanada die dreijahrzehnte vor 1914, in Indien und China seit 1950). 4. Die Entwicklung gu r Reife („The drive to maturitp“) : diese Phase umfasst ca. 40Jahre, und ist gekennzeichnet durch eine gleich bleibend hohe Investitionsrate von 10 — 20%; die Industrialisierung erfasst die gesamte Gesellschaft; die Gesamtproduktivität erlaubt weiteres Bevölkerungswachstum 5. Das Zeitalter hohen Massenverbrauchs („Age o f high-mass-consumption"): die zentralen Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Wohnungen — also nach inferioren Güter — sind befriedigt; die Nachfrage nach superioren Güter steigt. Gleichzeitig entstehen Wohlfahrtsstaaten. Ein Kennzeichen dieser Phase ist zum Beispiel die weite Verbrei tung des Autos in einer Gesellschaft.148 (vgl. auch Reuter 2000 S. 207 ff.). Rostow bemüht sich also offenbar um eine Systematisierung der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt, mit besonderem Fokus auf den ökonomischen Faktoren bzw. Indikatoren, während die Kondratiewschen Zyklen die wirtschaftlichen Auf schwungsphasen mit ihren jeweiligen produktionstechnischen „Treibern“ beschrei ben. Bei Rostow werden dann als Charakteristikum der in seiner Systematik letzten Phase 5 der „hohe Massenverbrauch“ sowie eben auch die Sättigung der Märkte einer Reihe von „inferioren“ Gütern genannt. Eine weitere an dieser Stelle zu nennende Systematisierung von gesellschaftlich ökonomischer Entwicklung, das Stufenmodell Alvin Tofflers mit seinen drei „Wel len“ (Agrargesellschaft, Industriegesellschaft und Informationsgesellschaft)149 ist nun offensichtlich auch in diesem — vergleichsweise trivialen — Sinne zu lesen; in Tofflers Systematik der drei Wellen ist jeweils eine charakteristische „Symbolik“ genannt, und ein die Epoche prägendes kulturelles Artefakt oder auch typische Wertschöpfüngsquelle, nämlich für die erste Welle der Agrargesellschaft der Acker, für die zweite Welle der Industriegesellschaft die Fabrik bzw. das Fließband, und für die dritte Welle der von ihm so genannten Informationsgesellschaft der PC oder Mini-Computer. Zu Beginn der Industrialisierung wurde die Aufgabe der Ökonomie als Tösung eines „Maximumproblems“ verstanden:,,(...) die ganze Ökonomie ist im Grunde ein solches Maximumproblem, nämlich die Aufgabe, mit den vorhandenen Kräften und Mitteln ein Maximum von Gütern zu schaffen, die größte Gesamtsumme der Befrie digung zu erzeugen, oder mit möglichst wenig Arbeitskraft und Zeit möglichst viel zu produzieren.“150 Darin besteht sie nun im Verständnis der modernen Wirtschafts wissenschaften sowie inzwischen so gut wie aller Kräfte und Parteien des politischen Spektrums offenbar immer noch; als Ziel gilt noch immer die effizienteste Faktorallo kation, und die optimale Güterallokation; also die simultane Verwirklichung der vier Ziele Vollbeschäftigung, Wachstum, Geldwertstabilität sowie außenwirtschaftliches Gleichgewicht („magisches Viereck“), worauf vorne ja schon hingewiesen worden war. 148 vgl. auch Reuter (2000) S. 207 ff. 149 Toffler (1980) 150 Voigt, A.: Der B egriff der Dringlichkeit. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 47. Jahrgang Nr. 2 S. 372-377 [101] Wenn aber diese Maximumaufgabe, das Keynessche „ökonomische Problem“ in zwischen gelöst sein sollte?151 Und für welche Gesellschaft steht dann das Symbol dieser sich ankündigenden Universalfabrik, die dazu womöglich noch eine ist, die eines Tages bei dem Konsumenten zu Hause im Keller oder auf dem Schreibtisch steht? Diese vor einiger Zeit noch recht hoffnungsfroh proklamierte Idee der „Uni versal Desktop Fabrication“152 könnte sich inzwischen als etwas zu optimistisch er wiesen haben, der Trend zur Universalfabrik, in welcher Größe und an welchem phy sischen Ort auch immer, ist allerdings ungebrochen. Bevor wir uns dieser Frage zu wenden, noch ein weiterer Blick auf die Entfaltung der Krise — um auch wirklich sicher zu sein, dass in dieser Richtung auch wirklich gar nichts mehr geht: buildung cheap, selling expensive and run is over. Die Bankenkrise Um einen Eindruck von der zerstörerischen Gewalt und dem Ausmaß der Banken krise zu bekommen, schaut man sich am besten die Entwicklung der Geldmengen MO, M l, M2 und M3 an, beispielsweise in dem Zeitraum seit Aufkündigung der Gold bindung des Dollar nach der Vereinbarung von Bretton Woods durch R. Nixon im Jahre 1971, so wie etwa Paul Mason sie darstellt (S. 141). Zu Erläuterung: MO nennt man die Menge des im Umlauf befindlichen Bargelds, also Münzen und Banknoten; M l ist die Menge des Bargeldumlaufs plus Sichteinla gen (Guthaben) bei Banken; M2 ist Menge M l plus kurz- und mittelfristig (zwei Jahre) festgelegtes Geld; und Menge M3 ist M2 plus alle erdenklichen Formen von „virtuellem“ Geld in Gestalt von Anteilen an Geldmarktfonds, Geldmarktpapieren und Bankschuldverschreibungen. Grundsätzlich muss man sich klarmachen: Geld ist erbrachte wirtschaftliche Teistung, die vom Erbringer dieser Teistung nicht direkt konsumiert wird. In einer florie renden Wirtschaft steht dieses ersparte Geld für Investitionen zur Verfügung, abge sehen von Beträgen, die vielleicht von Privatpersonen für die Altersversorgung vor gesehen sind, und die erst später konsumiert werden sollen. Aber auch diese können in Form von Krediten ja dem wirtschaftlichen Kreislauf zur Verfügung gestellt wer den. Genaugenommen müssen sie das sogar, bzw. eine stabile wirtschaftliche Tage mit positiven Zinssätzen ist darauf angewiesen, dass das gesparte Geld auch auf der anderen Seite an Kreditnehmer verliehen wird — wer sollte sonst die Zinsen bezahlen. Wenn die Summe der Geldvermögen die Summe der Kredite übersteigt, kommt es also zu einem Tiquiditätsüberhang, und dadurch mehr oder weniger zwangsläufig zu 151 J. M. Keynes rechnete bekanntlich damit, dass „das wirtschaftliche Problem“ eines Tages gelöst sein werde, die „M aximumaufgabe“ also erfüllt: „Unter der Annahme, dass keine bedeutenden Kriege und keine erhebliche Bevölkerungsvermehrung m ehr stattfinden, komme ich zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte, oder mindestens kurz vor der Lösung steht“ . Keynes 1928/1930, in Reuter (2007), S. 140 ff. 152 T. Vilbrandt, E. Malone, A. Pasko, H. Lipson: Universal Desktop Fabrication. ACM Digital Library 2008 http://dl.acm .org/citation.cfm 7idM 806169 [Stand 27.01.2017] [102] niedrigen Zinsen, möglicherweise sogar, wenn durchsetzbar, bis in den negativen Be reich hinein. Das ist die heutige Situation an den Finanzmärkten. Aber wie kommt es zu diesem Liquiditätsüberhang? E u ro zo n e : sa iso n b e re in ig te G e ld m e n g e M3 in M rd . Euro w w w .q u e rs c h u e s s e .d e Abb. 2: S a iso n b e re in ig te G e ld m e n ge M 3 153 Unbestrittenerweise wird die Größe der Geldmenge von der Zentralbank bestimmt. Das von privaten Banken geschaffene Giralgeld macht aber einen viel höheren Anteil der Geldmenge aus als das von der Zentralbank im Umlauf gebrachte Bargeld, wes halb deren steuernder Einfluss sich auf die Festsetzung der Zinsen für Kredite an die Privatwirtschaft beschränkt, bzw. auf die Guthabenzinsen für Bargeldeinlagen. Das Steuerungsziel der Zentralbank besteht in einer solchen gesamtwirtschaftlichen Situ ation darin, die Banken zur Ausgabe von Krediten zu motivieren, bzw. umgekehrt in inflationären Situationen durch Erhöhung der Zinsen eine zu starke Kreditnachfrage zu dämpfen. Die Banken sollen in der heutigen Lage also mit Krediten freigebig sein — die Kreditnachfrage bleibt aber dennoch zu schwach, trotz der extremen Niedrig zinsen, und bereits negativer Einlagezinsen für Einlagen von Banken bei der Zentral bank. Die Geldmenge, multipliziert mit ihrer Umlaufgeschwindigkeit, soll nach der Geld mengentheorie die Summe der wirtschaftlichen Transaktionen bestimmen, die das Sozialprodukt bilden; das Sozialprodukt stellt also die Verwendung des Geldes dar. Da nach dieser Theorie die Zentralbank die Geldmenge bestimmt, hat sie einen be 153 Screenshot entnommen aus: Querschüsse: Eurozone: Geldmenge M3 Juni 2014. https://www.querschuesse.de/eurozone-geldmenge-m3-juni-2014/ [103] stimmenden Einfluss auf das Wirtschaftswachstum: sie muss nur die Geldmenge er höhen, und schon wächst die Wirtschaft — jedoch, wie sich gezeigt hat, ist die Realität offenbar eine andere. Die Geldmenge M3 ist seit den 1970erjahren immer schneller gewachsen als das Bruttoinlandsprodukt (BIP), und war 2010 bereits doppelt so groß. 1970 = 1 Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesbank □ BIPnBRD-W 1970 = 1 □ M3 BRD-W 1970 = 1 □ BIPn Euro 1970 = 1 OM3 Euro 1970 = 1 14 13 - 12 - 11 - 10 - 9 8 - 7 - 6 - 5 4 - 3 2 - 1 - Wie ist das zu erklären? Nun, offenbar dadurch, dass das Geld nicht oder nur zum kleineren Teil zur Finanzierung des Sozialprodukts verwendet wird, sondern zur Fi nanzierung nationaler und internationaler Finanztransaktionen. Damit kann diese Geldverwendung nicht auf dem Arbeitsmarkt nachfragewirksam werden; sie fuhrt also nicht zum Anstieg von Beschäftigung, sondern zum Anstieg der Werte nicht industriell vermehrbarer Vermögenswerte, wie etwa von Immobilien in ausgesuchten Wohnlagen, Sammlerobjekten, Aktien, Finanzinvestitionen, Kapitalanteilen, und al len sonstigen inzwischen gut bekannten Spekulationsobjekten. 154 Screenshot, entnommen aus: von der Vring, Th.: Geldmenge und Geldpolitik. Kritische Anmerkungen zu den gängigen Interpretationen, http://www.tvdvring.de/ [Stand 31.01.2017] Abdruck m it freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. von der Vring [104] i ^ . r ^ r ^ r ' r ^ o o o o o o o a o o a ' i c n c i a ' i c n o o o o o i - i c n a i c n c i c n c r j a i a i c r i c r j a i c n o i a i c n o o o o o o i— I t H i H t H i —I t —I * —I * —I t —I iH <“N fS f*! I""*! ("S f 1*! Abb. 3: E n tw ic k lu n g v o n B IP u n d G e ld m e n g e in D e u tsc h la n d 154 Jahresdaten in Mrd. Euro Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesbank i i M3für BIPn i M3für Vermögenswerte M3 Euro 2.500 2.000 1.500 1.000 500 0 O r M ' 3 ' C D o O O r M ' v l - L C i o O O r M v j - c D c O O r N ' d ' ^ D o O Or ^ r ^ r ^ r ^ r ^ o o o o t x j o o o o C T i c n a i C T i a i o o o o o i H ^ i O hi G ^ C i C ^ o ii ^ i ^ i G ^ o ^ ö ,,i c r ,i ö ii c r i c r i O O O O O O r—I r —I r H r H r H i —I r —I r —I r H r —I r H i —I t—I r—l T H r » J r N J r N j OJ r N C'J Abb. 4: Verw endung der G eldm enge M3 in Deutschland zur Produktion des BIP und zum Handel mit V erm ögensw erten155 Auch das verlangt wiederum nach einer Erklärung. Der Ökonom Günther Tichy hat sich dieser Fragestellungen ausführlich angenommen: handelt es sich bei den ext rem niedrigen Zinsen — die ja in der Tat für die gesamte beobachtete Geschichte der Ökonomie extrem und außergewöhnlich sind — um eine „Enteignung der Sparer“156, wie in der Presse häufig zu lesen, die nur einer fehlgeleiteten Politik der Europäischen Zentralbank zu verdanken ist? Warum führen die extrem niedrigen Zinsen nicht zu einem Anstieg des BIP, und damit zu steigender Nachfrage nach Beschäftigung? Wa rum wird vornehmlich spekulativ und in Finanzprodukte investiert, statt in die Real wirtschaft? Haben wir es hier etwa mit einen „Phänomen der Wohlstandsgesell schaft“ zu tun, weshalb — unter der Annahme dass der Wohlstand anhält — auch für alle Zukunft mit Niedrigzinsen, Investitionszurückhaltung und Arbeitskräfteüber schuss zu rechnen ist? In einem Buchbeitrag zeigt Tichy157 zunächst, dass die Wirtschaft kaum noch Fremdkapital nachfragt; die europäischen (nicht-finanziellen) Kapitalgesellschaften haben in den letzten zweieinhalb Dekaden in einem von drei Jahren Finanzierungs überschüsse erzielt, davon die wohlhabenderen alten EU-Mitglieder sogar in jedem 155 Screenshot, entnommen aus: von der Vring, Th.: Geldmenge und Geldpolitik. Kritische Anmerkungen zu den gängigen Interpretationen, http://www.tvdvring.de/ [Stand 31.01.2017] Abdruck m it freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. von der Vring 156 Die W ELT titelte am 13.4.2016: „Die schleichende Enteignung der deutschen Sparer“ . In diesem Artikel wurde ein den Sparern „entgangener“ Gesamtbetrag genannt, zu unterstellender W eise nach der folgenden Logik: Da Preise für eigentlich alles in der kapitalistischen Ökonomie Marktpreise sind, bis au f die Kapitalzinsen, die durch M etaphysik oder Geldnaturrecht bei m indestens 3% festgelegt worden sind, lässt sich leicht ausrechnen, welcher Betrag den deutschen Sparern entgangen ist: näm lich bis Ende 2016 343 Mrd. Euro, 2450 Euro pro Kopf. Bei dieser Rechnung wird leider nicht die Instanz genannt, die diesen Betrag aufzubringen hätte, wenn die Nachfrager nach Krediten dafür ja offenbar ausfallen. V ielleicht kann man diese A ufgabeja den Banken schmackhaft machen. https://www.welt.de/finanzen/articlel54297020/Die-schleichende-Enteignung-der-deutschen-Sparer.html [Stand 31.01.2017] 157 G. Tichy: Vom Kapitalmangel zur Savings Glut: ein Phänomen der W ohlstandsgesellschaft? Marburg 2016 [105] zweiten Jahr. In den wohlhabenderen europäischen Industriestaaten ist also ein Trend zu Finanzierungsüberschüssen zu erkennen, wovon eingangs ja bereits die Rede war. Seit 1999 „hat die Verschuldung der Unternehmen zwar um 66% zuge nommen, ihre Finanzanlagen expandierten jedoch noch stärker, nämlich um 71%. (...) Indirekter Beweis für Finanzierungsüberschüsse, zumindest der großen Firmen, sind die Medienberichte über hohe Liquidität, die vielzitierten „Kriegskassen“ für den Kauf der Konkurrenten, Start-Ups oder Unternehmensteilen, daraus resultierend die kräftig steigenden Fusionen und der Rückkauf eigener Aktien,“158 davon war vorne bereits die Rede. Auch die privaten Haushalte erzielen anhaltend hohe Sparüberschüsse; der Finan zierungssaldo ist, wie Tichy zeigt, bis 2013 und derzeit ja noch immer erheblich höher als der Finanzierungsbedarf der Kapitalgesellschaften. In diesem Zusammenhang ist in den Medien zwar wesentlich häufiger von Überschuldung der privaten Haushalte sowie der Unternehmen die Rede, dabei wird aber meist übersehen, dass es die ag gregierten Größen sind, die letztlich für das Zinsniveau verantwortlich zu machen sind, die Schulden vieler Haushalte und Unternehmen werden von Ersparnissen per Saldo eben übertroffen. Die entstandenen und sich weiter verschärfenden Ungleich heiten in Vermögen und Einkommen unterstützen offensichtlich diesen Trend. Zur Konjunkturwirksamkeit von Zinssenkungen, die nach den Wachstumsmodel len der traditionellen Volkswirtschaftslehre für einen vollen und effizienten Einsatz der Produktionsfaktoren sorgen, bemerkt Tichy: „Sinkende Zinssätze führen cet. par. bloß dann zu steigenden Investitionen, wenn zugleich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Dass sinkende Zinssätze solches bewirken ist aber keineswegs gesi chert, da Sparen eher einkommens- und Investitionen eher kapazitätsabhängig sind und auf sinkende Zinssätze eher wenig reagieren.“159 Tichy weist zum Beleg hin auf „eine lange Tradition von Erklärungen“ von Ökonomen, darunter etwa J. M. Key nes160 und C. von Weizsäcker161. Tichy geht davon aus, dass „die weltweit (geplanten) Finanzierungsüberschüsse anhalten“, weil die Industrie wegen der zu verzeichnenden Nachfrageschwäche sich auf Ersatzinvestitionen beschränken wird, die für eine etwa notwendig werdende Ausweitung des Produktionspotenzials ausreichen, und weil „Vorsichtsmotiv, Ver mögensverteilung und Alterung“ für eine zumindest gleichbleibend hohe Sparquote sprechen. Und,,... auch die Finanzierungsüberschüsse der übrigen Welt zeigen wenig Tendenz zu einer Verringerung. (...) Geht man davon aus, dass die US-amerikani schen Spardefizite, die derzeit als die wichtigste ,Senke‘ für die weltweiten Sparüber schüsse dienen, reduziert werden, wird sich die Situation weltweit sogar verschärfen.“ (S. 51) Tichy verweist folgerichtig auf die zweifelhaften Erfolgsaussichten einer „Dis ziplinierung“ der Verschuldungsbereitschaft von Staaten: „Dass die negativen Finan 158 Tichy (2016) S. 38. Tichy w eist in einer Fußnote daraufhin , dass die im S&P 500 enthaltenen Firmen 2001 2010 eigene Aktien im W ert von 3 Bill. $ zurückgekauft haben. In Europa, wo Aktienrückkäufe weniger ver breitet sind, machten sie bei den im DAX erfassten Unternehmen 2013 immerhin 19 Mrd. Euro aus. 159 A.a.O., S. 43 160 J. M. Keynes: The general theory o f employment, interest and money, N ew York 1936 161 C. C. Weizsäcker: Staatliches Gewaltmonopol, Staatsverschuldung und individuelle Vorsorge, W alter-Adolf- Jahn-Vorlesung, Universität St. Gallen [106] zierungssalden des Staates (Budgetdefizit), die derzeit die wichtigste ,Senke‘ des je weiligen nationalen Finanzierungsüberschusses, in der ganzen EU (zugleich) verrin gert werden sollen, verschärft die schon bestehenden Verwerfungen erheblich.“ (S. 53) Wie weit die Verzweiflung der Zentralbanken angesichts ihres Unvermögens zur Ankurbelung der Kreditvergabe, der Investitionen und der Nachfrage reicht, mögen die Diskussionen um ein „Helikoptergeld“ deutlich machen, eine Maßnahme, die of fenbar von einigen Ländern ernsthaft in Erwägung gezogen worden ist. Weil der in direkte Stimulus zur verstärkten Konsumation über die Kreditvergabe der Banken offensichtlich nicht hinreicht, solle man Geld direkt an private Haushalte transferie ren.162 Im Zusammenhang mit der Suche nach wirksamen Maßnahmen zur Stimulation des Konsums sind offenbar auch Bestrebungen zur Abschaffung des Bargeldes zu sehen, das die Durchsetzung von Zinssätzen im deutlich negativen Bereich bis dato ja unmöglich machen würde, denn es bestünde dann die Möglichkeit der Flucht ins Bargeld (weshalb offenbar schon die Umsätze mit Tresoren stark gestiegen sind). Ist das Bargeld aber abgeschafft, muss Geld entweder zu Negativzinsen auf den Konten belassen werden, mit der Aussicht dass es kontinuierlich weniger wird, oder es wird eben konsumiert, also mehr oder weniger zwangsweise, wie man sich an der Stelle bewusst machen muss. Ob die Notwendigkeit zu einer dermaßen drastischen Zwangsmaßnahme zur Steigerung des Konsums, der nach Adam Smith noch als der letzte und eigentliche Zweck allen Wirtschaftens verstanden wurde, als Indiz zu wirk lich säkularen und nie da gewesenen Veränderungen in dieser Sphäre des Wirtschaf tens gesehen werden darf, wenn sie denn tatsächlich realisiert werden sollte? Alles in allem scheinen die Indizien erdrückend, die die Erscheinungen der letzten zwei Dekaden als jedenfalls mitverursacht durch eine säkulare Nachfrageschwäche nach industriell vermehrbaren Gütern verständlich werden lassen, und dies vermut lich an vorderster Stelle. Mit den gleichzeitig auftretenden technologischen Produk tivitätssteigerungen führt dies eben zum globalen Trend eines Arbeitskräfteüberan gebots, das den Trend zur Nachfrageabschwächung seinerseits wieder verstärkt. Es wären eben vornehmlich die einkommensschwachen Schichten der Erwerbsbevölke rung, die Einkommen weit überproportional direkt in Konsum umsetzten, würden sie nur über entsprechendes Einkommen verfügen. Die Bezieher höherer Einkom men präferieren dagegen zu größeren Proportionen superiore Güter, die nicht unbe dingt industriell gefertigt sein müssen, sondern im Gegenteil eben häufig in den typi schen Prestigegütern mit Seltenheitswert bestehen, die ihren Wert gerade dadurch haben, dass sie auf der Welt nur selten oder gar nur ein einziges mal Vorkommen („Gitarre vonjim i Hendrix“, Kunstwerke, Automobile mit Historie etc.). Die „Savings Glut“, die Sparschwemme, bringt die Banken nun ganz offensichtlich um ihr traditionelles Geschäftsmodell, das ja einfach darin bestand und besteht, Geld einlagen aufzunehmen, und diese zu einem höheren Kredit- als Einlagezinssatz zu 162 So wurde im Juli 2016 spekuliert, ob Japan das erste Land sein werde das Helikoptergeld „vom Himmel reg nen“ lässt, http://www.tagesspiegel.de/politik/helikoptergeld-laesst-japan-als-erstes-land-geld-vom-himmelregnen/12358440.html [Stand 31.02.2017] [107] verleihen. Ihr Geschäft besteht traditionell darin, für die Sparer eine vertrauenswür dige Anlaufstelle zu sein, der sie ihre Spargroschen anvertrauen mögen, in der Hoff nung, diese dann auch inklusive des vereinbarten Zinses eines Tages wiederzusehen, und auf der anderen Seite sorgfältig die Kreditnehmer daraufhin zu überprüfen, ob sie in der Lage sind, einen gegebenen Kredit auch inklusive Zinsen in der vereinbarten Laufzeit zurückzuzahlen. Was tun sie aber nun, wenn die Kreditnachfrage zurückgeht, und das auf den Kon ten liegende Geld nicht mehr im erforderlichen Umfang gewinnbringend angelegt werden kann, um die laufenden Sparverträge zu bedienen, und die laufenden Kosten zu decken? Es ist nun vorauszuschicken, dass diese Vorgänge an anderer Stelle bereits ausgie bigst beleuchtet und bestens verstanden und dargelegt worden sind, so dass einer weiteren Betrachtung und Beschreibung der Bankenkrise nichts wirklich Neues ab gewonnen werden kann. Es geht hier also nur darum, diese Vorgänge in den hier hergestellten Zusammenhang zu stellen, um möglichst deutlich werden zu lassen, dass an eine „Heilung“ oder Erholung oder Wiederbelebung der ehemals „gesunden“ freien sozialen Marktwirtschaft nicht wirklich zu denken ist; dazu ist der Prozess der Degeneration der ehedem wohlstandsfördernden Lebenssäfte des Kapitalismus wohl zu weit fortgeschritten. Und, was deren Widerbelebungsaussichten angeht, ist es ja auch so, dass die Konturen eines „besseren“ und „höheren“ Modells der Organisa tion von Wirtschaft und Gesellschaft schon so weit sichtbar geworden sind, dass eine Wiederbelebung der Erhartschen Wirtschaftswunderwelt als Rückschritt und Ver zicht auf eine fast schon greifbar nahe, klügere und attraktivere Zukunft und Lebens welt verstanden werden müsste; diese wird allerdings noch fördernde Unterstützung, Ermunterung und eine Art Schwangerengymnastik erfahren müssen, bis es eines Ta ges vielleicht so weit kommt, dass auch Hilfe bei dem weitaus dramatischeren Vor gang der Geburt notwendig werden könnte.163 Wie Paul Mason hervorhebt, wurde die Tendenz der kapitalistischen Entwicklung zur Finanzialisierung und dem sich schließlich einstellenden Ablauf einer Finanzkrise schon von Karl Marx beschrieben; der Kredit erhalte dann die Funktion, die Ausbeu tung „zum reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem zu entwickeln und die Zahl der den gesellschaftlichen Reichtum ausbeutenden Wenigen immer mehr zu beschränken.“164 In der Tat: besser ist das, was sich im Laufe der 1980erjahre allmäh lich zusammenbraute, und in der globalen Finanzkrise ab 2007 dann sichtbar wurde, wohl kaum auf den Nenner zu bringen. 163 Das sog. „Beschleunigungsmanifest“ derjungen Autoren Nick Sm icekund A lex W illiams ist zu weiten Teilen m it der hier entwickelten Argumentation zur Deckung zu bringen, wie noch zu zeigen sein wird. Die entschei dende Frage wird letzten Endes die nach dem konkreten sozio-techno-ökonomischen Modell sein, das die sys temischen Zwänge der renditegetriebenen Technikanwendungen hinter sich lässt. 164 M ason (2015) S. 88. M ason zitiert M arx aus: Das Kapital, Band 3, S. 457. Der an der Universität Mailand lehrende Philosoph Diego Fusaro veröffentlichte am 27.01.2017 einen kleinen Artikel m it dem Titel: „Der Albtraum des Kapitalismus ist wahr geworden. A cht Milliardäre sind so reich wie die Hälfte der W eltbevölke rung“ . https://www.heise.de/tp/features/Der-Albtraum-vom-Kapitalismus-ist-wahr-geworden-3608638.html [Stand 31.01.2017] [108] Derjournalist Harald Schumann165 etwa hat schon 2008 die wesentlichen Mecha nismen dieser verhängnisvollen Abfolge von Ereignissen beschrieben, und wenn man sie sich lesend wieder vergegenwärtigt, ist es schwer nicht dem Eindruck zu verfallen, dass hier etwas geschehen ist, das hätte verhindert werden müssen und können, das sich auf „Gier“, auf Schuld und Versagen einzelner identifizierbarer Akteure oder Institutionen zurückfuhren lässt, und man mag sich wünschen, dass diese dafür dann auch zur Verantwortung zu ziehen sind, den entstandenen Schaden ersetzen und wie dergutmachen müssen, und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, sodass die Welt dann auch wieder in ihre gute Ordnung zurückfinden kann. Aber so einfach wird es nicht sein, auch wenn in einzelnen Fällen strafrechtlich relevantes schuldhaftes Ver halten durchaus identifizierbar sein mag. Der große historische Trend aber ist wohl dermaßen mächtig und unaufhaltsam, dass das individuelle menschliche Gerechtig keitsempfinden hier wird zurückstehen müssen, und man tut besser daran, den Blick auf die vielschichtigen Ströme der unterliegenden Ereignisse zu richten.166 Auch Schumann sieht den Beginn dieser Entwicklungen in der Aufgabe des Sys tems der festen Wechselkurse der westlichen Industrieländer 1973, also Europas,Japans und Amerikas. Die bis dahin installierten Kapitalverkehrskontrollen verschwan den damit, aber es wurde kein Ersatz durch eine internationale Aufsichtsbehörde ge schaffen. Der Operationsraum der Finanzindustrie war dadurch von den nationalen Märkten auf praktisch die ganze Welt ausgeweitet worden. Es wurden also Finanz transaktionen rund um den Globus, rund um die Uhr und in wesentlich höheren Volumina und auf vorher nicht eröffneten Geschäfts feldern möglich; es konnten die Währungsdifferenzen oder deren erwartete Verläufe zum Geschäft gemacht werden, mit vergebenen Krediten konnte wiederum gehandelt und Geschäft generiert wer den, und aus den Schwankungen der Aktienkurse wurde Profit generiert, indem man mit enormen Summen auf einen bestimmten Verlauf wettete. Diese Entwicklungen im Finanzsektor wurden natürlich gespeist und befeuert durch die gleichzeitig an schwellenden Vermögen bei Unternehmen, Privatpersonen oder deren Vermögens verwaltern, sodass das hier erzielte Volumen sich von der Entwicklung der Realwirt schaft abkoppelte und einige Jahre vor Beginn der Bankenkrise mit 140 Billionen Dollar etwa dem Dreifachen der weltweiten Wirtschaftsleistung entsprach. Die Zah len für die Entwicklung nach der Finanzkrise bis heute schwanken, doch soll das Volumen der weltweiten Kreditderivate nun das 17fache Volumen (610 Bill. Euro) 165 Schumann, H., Grefe, Ch.: Der globale Countdown. Köln 2008 166 R. Zelik erhebt in diesem Sinne Vorwürfe gegen die G8-Staaten: „Tatsächlich haben die G8-Staaten in den letzten drei Jahren nichts W esentliches unternommen, um zum indest die offensichtlichsten Ursachen der Fi nanzkrise zu bekämpfen. Trotz Obamas Change-Rhetorik haben die Finanzmärkte weiter völlig freie Hand bei ihren spekulativen Geschäften. Das westliche Krisenmanagement hat sich darauf beschränkt, große Privatver m ögen durch staatliche Hilfspakete vor Verlusten zu schützen. A uf diese W eise wurden zw ar die großen Ban ken und Stockholders gerettet, die strukturellen Probleme hingegen weiter vertieft.“ In einer Fußnote verweist Zelik au f die Position von Autoren, die die Finanzkrise m it tieferliegenden Krisen verschränkt sehen: „Ver schiedene Autoren (vgl. B ischoffu .a. 2011, Altvater 2010) haben daraufhingew iesen, dass die Finanzkrise m it tieferliegenden Krisen verschränkt ist, die sich durch politisches Krisenmanagement kaum lösen lassen. Die Aufblähung der Finanzmärkte hat in diesem Sinne m it einer strukturellen Überkapitalisierung zu tun und dem Mangel an produktiven Investitionsmöglichkeiten.“ Tatsächlich: Solange die adäquate Antwort darauf nicht gefunden ist, würde „politisches Krisenmanagement“ nur die darauf abzielende Entwicklung verschlep pen, oder auch: etwas m ehr Zeit kaufen, um das von Streeck eingeführte Bild zu verwenden. Zelik, R.: Nach dem Kapitalismus? Hamburg 2011, S .8 [109] des Volumens der Privatwirtschaft (35 Bill. Euro) erreicht haben, und das gesamte weltweite Finanzvolumen inzwischen sagenhafte 2.300 Billionen Euro, also das 65 fache der Realwirtschaft.167 Die Privatisierung der Altersversicherung sowie generell ein „Aufstieg institutio neller Investoren (Versicherungen, Investmentfonds, Pensionsfonds)“ haben diesen Trend natürlich zusätzlich befeuert und getragen. Und während man noch im Sep tember 2007, also kurz vor Ausbruch der Bankenkrise, versuchte glauben zu machen, dass die private die staatliche Rente „schlägt“168, wird dies naturgemäß heute anders gesehen. Wie W. F. Haug hervorhebt, wurden mit der Privatisierung der Alterssiche rung die dafür eingesetzten Mittel „zu einer abhängigen Variablen des Aktienmarktes und zu einer weiteren Profitquelle für die privaten Finanzinstitutionen gemacht.“ Die aggregierten Rentenbeiträge, die ja sehr „realwirtschaftlichen“ kapitalisierten Arbeits lohn darstellen, wurden „größtenteils in fiktives Kapital eingetauscht“; diese waren dann „an den Finanzoperationen, die der Finanzkrise ihre explosive Kraft gab, (...) beteiligt wie andere Geldvermögenskonglomerate.“169 Was ist nun mit „Geldvermögenskonglomerate“ gemeint — es sind etwa die be rüchtigten CDS, „Credit Default Swaps“, oder CDOs, „Collateralized Debt Obliga tions“. Wozu benötigen Banken CDS? Banken dürfen nur in einem festgelegten Um fang Geld ausleihen, der sich durch ein prozentuales Verhältnis zu ihrem Eigenkapital bemisst; in der Regel muss das Eigenkapital der Bank acht Prozent der ausgegebenen Kredite ausmachen, damit die Bank im Falle von Zahlungsunfähigkeit ihrer Schuld ner mit diesem Kapital haften kann. Wenn nun eine Bank Anlegern Papiere anbot, in denen diese sich verpflichteten, die Zahlungsverpflichtungen von ausgefallenen Schuldnern zu übernehmen, und dafür von der Bank eine feste Gebühr erhielten, konnte die Bank die mit den ausgegebenen Krediten verbundenen Risiken aus den Büchern verschwinden lassen. Anleger und Bank teilten sich Risiken und Gewinn sozusagen, und die gesetzlichen Auflagen der Banken bei der Kreditvergabe konnten dadurch unterlaufen werden. Dadurch begann, wie Schumann beschreibt, der Um fang der ausgegebenen Kredite förmlich zu explodieren. 167 „In my view, derivates are financial weapons o f mass destrnction, carrying dangers that, while now latent, are potentially letal.” So war die inzwischen zu Berühmtheit gelangte Aussage von W arren Buffet. Ein Projekt, die Größenverhältnisse der Geldmengen zu visualisieren, hat Ende 2015 J. Desjardins durchgeführt, unter dem Titel: „All o f the W orld’s M oney and Markets in One Visualization“ . http://money.visualcapitalist.com/all-of-the-worlds-money-and-markets-in-one-visualization/ [Stand 01.02.2017] 168 „Die private schlägt die staatliche Rente“, titelte Dyrk Scherff in der FAZ vom 19.10.2007, und rechnete vor, dass die Rentenkasse „doppelt so viel“ überweisen könnte, hätte sie die Beiträge am Kapitalmarkt angelegt. http://www.faz.net/aktuell/w irtschaft/wirtschaftspolitik/altersvorsorge-die-private-schlaegt-die-staatlicherente-1488441.html [Stand 02.02.2017] . Das sieht man heute anders: „Teure Produkte, kaum Zinsen - diese Situation lässt derzeit an dem Konzept der privaten Altersvorsorge zweifeln“, heißt es im Begleittext einer Sendung des N D R m it dem Titel: „Abkehr von der Riester-Rente“ vom 25.10.2016. Diese Einsicht sei inzwi schen auch bei der SPD angekommen: „R alf Stegner gibt ein Scheitern der Riester-Rente unumwunden zu: „Damals hat man auch Erwartungen gesetzt, die sich nicht erfüllt haben“, räum t der stellvertretende Bundes vorsitzende ein.“ Die Schuld versucht man dann aber doch wieder der EZB zuzuschieben, die für die „politisch gewollten“ unglaublich niedrigen Zinsen verantwortlich sei. Dass der Kapitalmarkt m it diesen unglaublichen M engen an herumvagabundierendem Kapital Überfüllt ist, scheint die Vorstellungswelt hin und wieder noch immer zu überfordem. http://w ww.ndr.de/fem sehen/sendungen/panoram a3/Abkehr-von-der-Riester-Rente,riesterrentell 8.html [Stand 02.02.2017] 169 W. F. Haug: High-Tech-Kapitalismus in der großen Krise. Hamburg 2012, S. 113 [110] Mit CDO bezeichnet man nun all die Finanzinstrumente, die „zu der Gruppe der forderungsbesicherten Wertpapiere (Asset Backed Securities) und strukturierten Kre ditprodukte gehören.“170 CDOs bestehen meist aus einem Bündel festverzinslicher Wertpapiere, die natürlich ebenfalls mit Ausfallrisiken zu bewerten sind, je höher das Ausfallrisiko, umso niedriger die Bewertung. Die Bewertung wiederum wurde von privaten Ratingagenturen vorgenommen, die die berühmt-berüchtigten Bewertungen zwischen „Triple A“ (AAA, bestens) und D (Zahlung eingestellt) für diese Papiere vergaben. Mit diesen CDOs ließen sich nun Tausende einzelner Kreditverträge bün deln, und vor allem ließen sich die mit den einzelnen Kreditverträgen verbundenen Risiken verschleiern und vom ursprünglichen Kreditgeber immer weiter entfernen, sodass dieser sich schließlich um die realen Risiken kaum noch sorgen musste. Und so kam es dazu, dass die Banken „auf breiter Front die Kriterien bei der Kredit vergabe“ senkten, und vornehmlich in den USA Hypothekenkredite an Kreditneh mer mit geringster Bonität vergeben wurden, ja man drängte ihnen die Kredite förm lich auf. Dadurch boomte natürlich der Immobilienmarkt, die Häuserpreise stiegen unaufhörlich, und die Neu-Immobilienbesitzer begannen ihre Immobilien wie eine Bank zu betrachten, die sie ihrerseits wieder als Sicherheit für Kredite einsetzen konn ten, um sich sonstige Konsumausgaben zu ermöglichen. Wenn man es als Finanzindustrieller nun geschickt genug anstellt, kann man all die Risiken, die jedem Insider dieser windigen Geschäfte nur zu deutlich bewusst gewe sen sein müssen, früh genug an ahnungslose „Investoren“ weiterreichen, die dann die letzten Dummen sind, die den Schaden zu tragen haben, wenn am Ende das ganze Kartenhaus zusammenbricht. Um sich die Bedeutung dieser Vorgänge für die innere moralische Verfasstheit dieser einstmals vorbildlichen und in ihrer Seriosität Maß stäbe setzenden Instanz der Wirtschaft klarzumachen, muss man sich den Umfang dieser betrügerischen Geschäfte vor Augen führen, den diese angenommen haben, die über rund zehn Jahre anhielten und nicht etwa von einigen kleinen Betrügern durchgeführt wurden, die die Ausnahme von der Regel des ehrwürdigen Kaufmanns waren; bis Ende jun i 2007 soll der nominale Wert der mit CDS verbundenen Kredite unvorstellbare 42 Billionen Dollar betragen haben.171 In dieser Zeit sind rund 15 Mil liarden Dollar an Boni pro Jahr an die aktivsten Antreiber und Profiteure dieses Schwindelsystems gezahlt worden. Eine Zerstörung von Kapital durch das Platzen von spekulativen Blasen ist im Taufe der Geschichte des Kapitalismus immer wieder vorgekommen, und ist gera dezu typisch für seinen krisenhaften Entwicklungsverlauf. Es haben sich dann immer wieder neue Betätigungsfelder und neue Möglichkeiten der Investition aufgetan, die eine neue Phase der Entwicklung und des Aufschwungs einläuteten. Das scheint die ses Mal aber anders zu sein: „Auf den globalisierten Märkten wird der frühere Wachs tumswettbewerb immer mehr durch einen Verdrängungswettbewerb abgelöst — eine 170 So die Definition des „Börsenlexikon“; vgl.: http://www.boerse.de/boersenlexikon/Collateralized-Debt-Obligation-CDO- [Stand 02.02.2017] 171 Schumann / Grefe geben diesen W ert an m it Bezug auf Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Die Summe von 42 Billionen Dollar überzeichne das versicherte Kreditvolumen, dokumentiere aber den Um fang der Trennung von Risiko und Kreditvergabe. [111] für Überakkumulation und fehlende Massenkaufkraft charakteristische Situation.“172 Und dies liefert in der Konsequenz wiederum Nahrung für die Annahme, dass die „Finanzialisierung“ so wesentlich und „so fortgeschritten ist (...), dass die Rückkehr zum sog. Produktivkapitalismus nicht länger möglich ist.“173 Es ist vermutlich nur die Tatsache, dass bis dato eben nur dieses verblichene Bild des „guten“, des produktiven, ehrlichen, optimistischen und mit einer heiteren Grundstimmung sich präsentierenden Kapitalismus zur Verfügung steht, das als Norm für das gelten kann, was sein soll und „richtig“ ist, weshalb die Hoffnung auf eine Wiederbelebung dieser Zeiten nicht verblasst; allenfalls oder auch darin auf gehend ist es die Hoffnung auf Freiheit und kreative Entfaltung etwa in der Grün dung eines Start-Ups, von denen nur jedes zehnte so lange überlebt, dass es schließ lich den Appetit eines Global Players anregt, es sich einzuverleiben, und dem erfolg reichen Gründer ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Auf der anderen Seite sind es die schlechten Erfahrungen mit dem Staat sowohl in der untergegangenen DDR als auch in der vorherigen NS-Zeit, die alle Ideen einer möglichen attraktiven Zukunft doch immer wieder an die regulativen Instrumentarien von Markt, Privatinitiative und frei williger Kleinteiligkeit zurückverweisen, und vor größeren, kohärenteren und verant wortungsmächtigeren Entwürfen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gebil den zurückschrecken lassen. Aber, wie im weiteren Verlauf deutlich gemacht werden soll, werden die für die nähere und fernere Zukunft anstehenden Aufgaben wohl nur von sozialen Konstruk ten von der Größe und Mächtigkeit eines demokratischen und von seinen Bürgern aktiv unterstützten und mitgetragenen Staates gemeistert werden können, was die Vorstellung und Möglichkeit, dass es auch supranationale Gebilde sein können, die, mit supranationalen Aufgaben und Kompetenzen ausgestattet, diese Aufgaben mit übernehmen können, keineswegs ausschließt; in bestimmten Hinsichten ist sogar ganz das Gegenteil der Fall; hier wird internationale Kooperation essentiell sein. Unterdessen scheint die Bankenkrise keineswegs überwunden. Die Gründe für die aufkommenden Nöte der Banken, die ja in der unterliegenden sättigungsbedingten Kapitalschwemme liegen, sind mit den getroffenen Regulierungen nach dem offenen Ausbruch der Bankenkrise keineswegs beseitigt; die Hoffnungen, dass sich wie im Gefolge der diversen Maßnahmen des „New Deal“ durch F. D. Roosevelt ab 1933 eine Wiederbelebung der Realwirtschaft und eine damit verbundene Belebung der Kapitalnachfrage einstellt, haben sich bisher nicht erfüllt, und schon tauchen erste Bestrebungen auf, die getroffenen Regulierungen trotz der ja noch lebhaft vor Augen stehenden katastrophalen Folgen wieder zu lockern.174 Angesichts der Tatsache, dass 172 K. G. Zinn: Die Keynessche Alternative. Hamburg 2008, S. 31 173 M eyerson / Roberto 2009, S. 58, aus W. F. Haug (2012), S. 119 174 Auch DER SPIEGEL online berichtete am 06.02.2017 von den Bestrebungen der EU-Kommission, die Verbrietungsm ärkte zu reaktivieren, also die Praxis der Streuung von Kreditrisiken wiederzubeleben, um die Li mitierung der Kreditvergabe der Banken durch Koppelung an deren Eigenkapital zu unterlaufen. Man hofft so, „die Versorgung der W irtschaft m it Krediten erleichtern. Denn über Verbrietungen können Banken Kreditri siken streuen und damit aus ihren Bilanzen auslagern.“ Dass es die Banken sind, die unter m angelnder Kredit nachfrage durch Kunden m it ausreichender Bonität leiden, und nicht etwa die W irtschaft unter mangelnder Versorgung m it Krediten, scheint man noch immer nicht verstanden zu haben. Solche Maßnahmen können nur den Sinn haben, Kredite an wenig kreditwürdige Kunden zu vergeben, m it der Absicht, die dam it verbundenen [112] der oberste Währungshüter Europas, der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi höchstselbst die Frage aufwarf, ob Europa und vor allem Deutschland nicht „overbanked“175 seien, es also zu viele Banken gebe, ist dies eine offenbar nur zu verständliche Verzweiflungsmaßnahme. Den Banken steht nach Zeiten exzessiver Gewinne möglicherweise das Schicksal einer „Marktbereinigung“ bevor, die zumin dest ein Teil ihnen als selbstständig am Markt operierende Einheiten nicht überleben dürften.176 Die Krise der öffentlichen Haushalte Dass die riesigen renditesuchenden Kapitalmassen des Globus vor den Gemeinwesen und den öffentlichen Haushalten nicht Halt machten, versteht sich schon fast von selbst. Die Staatsschulden stiegen sowohl in den OECD-Staaten als auch in Japan und den USA ab 1970 kontinuierlich an, von rund 40 Prozent des Sozialprodukts im Jahre 1970 auf über 90 Prozent im Durchschnitt der OECD-Länder in 2010, und etwa im Falle japans auf nahezu 200 Prozent des Sozialprodukts, (vgl. Streeck 2013 S. 33). Die kumulierten Staatsschulden werden für die G7-Industrieländer nach einer IMF-Prognose für 2015 bei etwas über 120 Prozent des BIP gesehen.J. Müller sieht dies als Folge eines Offenbarungseides der Politik gegenüber einem latenten gesell schaftlichen Verteilungskonflikt: "Aus Rücksicht auf Wählergruppen und um eigene Privilegien bei Wahlen zu sichern, fehlt in aller Regel der Mut, der jeweiligen Bevöl kerung zu sagen, dass nur das verteilt werden kann, was auch erarbeitet wurde.“177 Die Folge ist, dass die Steuern gesenkt werden zugunsten der jeweils zu bevorzugen den Wählergruppe, und zu Lasten zukünftiger Generationen, die die sich auftürmen den Schulden zu tragen haben. Nutznießer dieser Entwicklung sind natürlich die Gläubiger der zunehmend verschuldeten Staaten, die sich dadurch weitgehend risi kolose langlaufende Zinseinnahmen verschaffen. Eine Nebenfolge dieser wachsen den Handlungsunfähigkeit der Staaten durch Verzicht auf Steuereinnahmen ist der, dass sie viele ihrer Aufgaben und Wertbestände etwa an Immobilien mehr und mehr an private Eigner und Unternehmer veräußern müssen, ehedem öffentliche Unter nehmen also privatisiert werden. Mit David Harvey kann man diesen Prozess auf den Risiken so weit zu streuen, dass erneut von den erkennbaren Risiken m öglichst weit entfernte Käufer den Schaden zu tragen haben, wenn nicht wiederum als letzte Instanz der Steuerzahler. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/finanzmarkt-forscher-warnen-vor-comeback-von-verbriefungen-a- 1133288.html [Stand 06.02.2017] 175 „Draghi fordert Banken zu Reformen auf: Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) sieht die Schuld an der schlechten Ertragssituation der Banken nicht nur bei sich und mahnt stattdessen, es gebe einfach zu viele Banken.“ Bericht der „W irtschaftswoche“ vom 22.09.2016. http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/konferenz-draghi-fordert-banken-zu-reformen-auf/14589356.html [Stand 06.02.2017] 176 Der Ökonom Rudolf Hickel sieht die W irtschaft angekommen „Im M inuszinskapitalismus“. Hickel liefert eine brillante Analyse der entstandenen Situation und die Alternativlosigkeit der Niedrigzinspolitik der EZB, hofft aber unverdrossen au f die M öglichkeit der Abkehr von der „Austeritätspolitik“ und einer W iederbelebung des Produktivkapitalismus. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2016, S. 83-90 177 Johannes Müller: Ökonomische Zeitenwende. Marburg 2011, S. 53 [113] Nenner „Akkumulation durch Enteignung“ bringen, „da ursprünglich mit Steuermit teln finanzierte Gemeinschaftsgüter in die Hände von Privatunternehmen gelangten und der öffentlichen und demokratischen Kontrolle entzogen wurden.“178 Der Trend zur Absenkung von Einkommensteuer und Unternehmenssteuern hatte aber bereits mit der Abkehr von der keynesianischen „mixed economy“ der 1970er Jahre zu einer „hayekschen liberalisierten kapitalistischen Marktwirtschaft“ eingesetzt, wie sich etwa am Beispiel der Entwicklung der Spitzensteuersätze der Ver einigten Staaten zeigen lässt. Ronald Reagan senkte 1981 den Spitzensteuersatz der Einkommensteuer von 70 auf 33 Prozent. Abb. 5: Entw icklung der Spitzensteuersätze in den Vereinigten Staaten von 1913 bis 2011179 Margaret Thatcher verfolgte zwischen 1979 und 1990 in Großbritannien eine ähnli che angebotsorientierte Politik der Steuersenkung mit dem Ziel der „Verschlankung“ des Staates, der Privatisierung und Ausgliederung von Aufgaben der öffentlichen Da seinsvorsorge und einer Reduzierung des Wohlfahrtsstaates auf das Minimalziel der Existenzsicherung. Dieser Trend setzte sich im Taufe der 1980er Jahre in ganz Eu ropa durch; es vermochte keine einzelne Regierung mit zeitlich begrenztem Auftrag gegen die in einem globalen Aktionsradius operierenden Unternehmen dem dauer haft etwas entgegenzusetzen. 178 Nachtwey (2016) S. 81 179 Quelle: IGTaylor - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7646147 [114] Privater Reichtum - öffentliche Schulden in Milliarden Euro jeweils zum Jahresende IR e in v e rm ö g e n d e r privaten H aushalte (o hne G e b ra u c h s ve rm ö g e n ) ■ G e ld ve rm ö g e n d e r privaten Haushalte ■ S c h u ld e n der öffentlichen Haushalte ' of’* <£> C? cS ̂ cO' ry>& ^ ^ k J ? ^ ^ ^ ^ ^ rf ^ ^ ^ ^ r f f Abb. 6: P riv a te rR e ic h tu m -ö ffe n t lic h e S c h u ld e n b is 2 0 1 1 180 W. Streeck beschreibt diesen sich über vielejahre hinziehenden institutioneilen Wan del als vielschichtigen Prozess des Übergangs von einer keynesianischen Ökonomie zur einer hayekianischen politischen Ökonomie, der sich am besten erschließe, „wenn man sich an den Zustand am Anfang der neoliberalen Wende erinnert. Wo sich heute vormals souveräne Staaten mit unabhängigen Zentralbanken bei geöffneten Grenzen auf eine nach effizienztheoretischen Prinzipien regelgebundene Wirtschaftspolitik verpflichten müssen, verfügte die keynesianische mixed economj der Nachkriegsjahr zehnte über ein ausgebautes institutionelles Instrumentarium für diskretionäre staat liche Interventionen in die nationalen Volkswirtschaften, insbesondere für politisch motivierte Eingriffe in die Verteilung der Produktionsergebnisse und der Lebens chancen.“ Die Nationalstaaten hatten ihre eigenen Währungen, die sie abwerten konnten, „wenn sie aus innenpolitischen Gründen unvermeidliche Verluste an externer W ett bewerbsfähigkeit, vor allem infolge von Konzessionen an starke Gewerkschaften und kommunistische Parteien, zu kompensieren hatten. So konnten Staaten und Re gierungen Märkte verzerren und innenpolitischen Forderungen nach sozialer Gerech tigkeit nachgeben, ohne dafür außenpolitisch bestraft zu werden“.181 (Streeck 2013, S. 180 Screenshot, entnommen aus: N. Reuter, Verdi/RW TH Aachen: Demokratie, Staatfinanzen, Sozialsysteme. http://www.foes.de/pdf/2013-01-30-Reuter-Demografie-Sozialversicherung.pdf 181 Das gegenwärtige Erstarken der sog. „populistischen“ Bewegungen m it vielfach nationalen Untertönen ist recht offensichtlich ein Reflex dieser verloren gegangenen Handlungsräume nationaler Regierungskompetenz. Der als solcher möglicherweise von seinen Konstrukteuren geplante politische Handlungsrahmen au f EU Ebene wird als solcher nicht wahrgenommen, oder aber nicht ausgetullt, oder aber ist nicht austullbar. [115] 157) Von den Institutionen, die zur Funktionsfähigkeit eines leistungsfähigen Steuer staates notwendig waren, wie starke und gut organisierte Gewerkschaften auf der ei nen und Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände auf der anderen Seite, hat „die neoli berale Revolution (...) so gut wie nichts übrig gelassen. Ihr Ziel war es, die Staaten des Nachkriegskapitalismus möglichst weit zurückzuschneiden, sie funktional auf die Ermöglichung und Erweiterung von Märkten zu reduzieren und sie institutionell un fähig zu machen, in die selbstregulierende Durchsetzung von Marktgerechtigkeit kor rigierend einzugreifen.“ (S. 158) Neoliberale Politik bedeutet, „Korridore für die Komplizenschaft mit dem Markt zu schaffen“.182 Und da „der Markt“ kein Subjekt mit Intentionen ist, sondern ein Ordnungsprinzip, das von Subjekten mit Intentionen genutzt wird, werden es die Kapitaleigner sein, in deren Interesse neoliberale Politik „Korridore für die Kompli zenschaft“ schaffen muss. Und in deren Interesse liegt es in Zeiten eines Überange botes von Kapital, renditebringende Verwendungen für das Kapital zu schaffen. Dies gelang nun in der Regel durch ökonomische Liberalisierungen, vor allem den öffent lichen Dienst betreffend. „In Deutschland wie in den meisten europäischen Staaten (...) wurden zahlreiche Bereiche, die man als gesellschaftliche Infrastruktur betrach tete, als staatliche kontrolliertes Gemeineigentum geführt: Bildung, Gesundheitswe sen, Post, Telekommunikation, Verkehr, Wasser- und Stromversorgung.“ (Nachtwey S. 87) Diese Bereiche wurden nun zum größeren Teil seit den achtzigerjahren priva tisiert. Wie Nachtwey bemerkt, wurde dies zunächst von weiten Teilen der Öffentlichkeit begrüßt, was auch mit einem „Wandel der Mentalitäten“ in der Bevölkerung zu tun hatte; es wurde die (vermutete) größere Gewandtheit, Flexibilität und Schnelligkeit der Privatwirtschaft gegenüber der Behäbigkeit und Starrheit der Arbeitsweise der preußischen Großbehörde bevorzugt. Nicht beachtet und verstanden wurden aber die inneren Auswirkungen der Liberalisierung und Privatisierung, die die Auflösung der Funktion des öffentlichen Dienstes als gesellschaftlich regulierter Leitsektor be deuteten. „Tarifliche Standards waren ebenso garantiert wie die soziale Sicherheit der Beschäftigten. Man konnte mit einer lebenslangen Anstellung und regelmäßigen, wenn auch moderaten Lohnzuwächsen rechnen, es gab fest verankerte Interessen vertretungen der Arbeitnehmer. Ein innerbetrieblicher Aufstieg durch Erfahrungsal ter, Qualifikation oder Leistung war möglich.“ (S. 89) Diese Ausgestaltung von sozi aler Sicherheit kann durchaus eine relative Einbuße an verfahrensrationaler Effizienz bedeutet haben. Wenn man dem gemächlichen Alltag der Behörde den Modus Ope randi des dem Betriebsgewinn nachhechelnden Privatunternehmens überstülpt, und die soziale Sicherheit der Aussicht auf das Ergattern von vorderen Plätzen im Wett bewerb um Posten und Gehälter opfert, wird sich der berufliche und wirtschaftliche Erfolg bei einigen (relativ) Wenigen konzentrieren, und diese werden von dem Mo dus Operandi der Privatwirtschaft profitieren. Der angebotsorientierten Hayekschen bzw. neoliberalen Wirtschaftstheorie nach fördert dieser Mechanismus die Agilität und Fruchtbarkeit des ganzen Wirtschaftsle 182 Nachtwey (2016) S. 86 [116] bens, da die in dem einen Wettbewerb Ausgeschiedenen in zu ihren Begabungen bes ser passende Verwendungen geschleust werden, sodass sie in einem anderen Wettbe werb an anderer Stelle die Erfolgreichen sein werden. Diese Theorie dürfte aber allenfalls in jungen, noch unreifen und wachstumsoffe nen Ökonomien anwendbar sein, wenn überhaupt. Wie sich inzwischen aber hinrei chend klar gezeigt haben dürfte, kann diese Einführung von wettbewerbswirtschaft lichen Prinzipien in Bereichen, die zu den Frühzeiten der noch stürmisch expandie renden kapitalistischen Gesellschaften eben wohlweislich einer öffentlichen gemein wirtschaftlichen Kontrolle überantwortet worden sind, nicht aus sich Wachstum und Prosperität generieren, in einer ökonomischen Realität, in der Reifüng als Bedarfssät tigung und Verfügbarkeit höchstproduktiver Technologien schon lange eingetreten ist. In dem Falle bleiben die Ausgeschiedenen, die Verlierer dieses Wettbewerbs um die besseren (Arbeits-)Plätze, einfach auf der Strecke. Und damit dürfte sich der re lative (mögliche) Effizienzvorteil in der gesamtwirtschaftlichen Sicht durch die not wendig werdenden Transferleistungen an Bedürftige deutlich überkompensiert ha ben, auch wenn umso intensiver versucht wird, diese noch unter das Existenzmini mum zu treiben. Der Profit bleibt nur bei einigen wenigen Gewinnern, einigen An gestellten und den Privatunternehmen selber, die aber darum nach wie vor und umso intensiver das Hohelied der Überlegenheit der privaten Initiative singen (lassen). Die Krise der Institutionen und der öffentlichen Meinung Die öffentliche Meinung in diesem Sinne zu beeinflussen, ist im Taufe der Ausbrei tung der neoliberalen Agenda183 inzwischen schon zu einer für die privaten (und ku rioserweise wohl auch schon für die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen) Me dien überlebenswichtigen Aufgabe geworden. Dabei ist es in Anbetracht der Ge schichte des Journalismus seit seiner Neuentstehung als selbstständige „Vierte Ge walt“ nach seiner Vereinnahmung durch das totalitäre NS-Regime bzw. für Propa gandazwecke der ehemaligen DDR-Regierung essentiell, diese neue Form von „Pro paganda“ im Sinne der neoliberalen Gestaltungsziele möglichst verdeckt und einzel nen Akteuren unzurechenbar zu praktizieren. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass es eben genau die Verbindungen zu den Knoten der Interessenverwalter des Großkapitals sind, die diese Prozesse zur Konzentration und Vereinheitlichung der Meinungen einerseits und — spiegelbildlich — zur Konzentration und Vereinheitli chung der meinungsbildenden Medien vorantreiben. Ziel ist hier in der Regel, Bestre bungen zur Konsolidierung und Mehrung schon vorhandener, großer und konzen trierter Kapitalmassen zu unterstützen, also in Politik, Wirtschaft und Zivilgesell schaft auf nationaler und übernationaler Ebene alle Bestrebungen und gestaltenden Kräfte zu unterstützen, die im Sinne dieser Zielsetzung als positiv und nützlich zu bewerten sind. Dabei ist es heute — fast tragisch zu nennender Weise — so, dass dieser Interessenverfolgung vielfach als Demokratisierung und Tiberalisierung ummantelt werden kann, da zum einen die Verfolgung eines aufgeklärten und zukunftsfähigen 183 Der B egriff „neoliberal“ hat inzwischen eine etwas inflationäre und von einer klar spezifizierten Bedeutung abdriftende Verwendung erfahren. Eine genauere Präzisierung erfolgt an späterer Stelle in diesem Buch. [117] Allgemeininteresses — oftmals eben gegen kurzfristig ausgerichtete Kapitalverwer tungsinteressen — nur oder fast nur auf nationalstaatlicher Ebene artikuliert werden könnte, was sich dann leicht als „populistisch“, „nationalistisch“, „Querfront“, „rechts“ und irgendwie rückwärtsgewandt diffamieren lässt, und sich zum anderen der privatistisch-libertäre Rückzug auf das je eigene Karriere-, Verdienst- und Kon suminteresse eben auch leicht als modern, tolerant, weltoffen und demokratisch eti kettieren lässt. Eine solche Haltung der Depolitisierung und allgemeinpolitischer Ver antwortungsscheu und des Rückzugs auf die „Liberalisierung“ lediglich im privaten häuslichen Bereich184 ist offensichtlich umsatz- und wachstumsförderlich, und damit den Verwertungsinteressen des Kapitals dienlich. An erster Stelle manifestieren sich diese Entwicklungen zunächst einmal in der sich wandelnden Eigentümerstruktur der privaten Medien. „Konzentrationen im privaten TV- und Online-Bereich deuten — neben der Konversion — auf ein Kapitel in der Medienentwicklung hin, das (...) eben gerade nicht mehr Vielfalt, sondern mehr Konformität fördert. Die Eigentumsverhältnisse hinter den Medienkonzernen be zeugen, wie Vielfalt suggeriert wird, während viele Produkte aus demselben Hause kommen.“185 Gleiches ist für den Bereich der Printmedien zu beobachten: Die Konzentration im Bereich der Tageszeitungen hat „einen neuen Höchststand erreicht [hat]. Während die Werbeerlöse weiter rückläufig sind (2000 6,5 Mrd., 2012 3,2 Mrd., Tendenz fal lend) und der Vertriebsanteil von circa 1/3 auf über die Hälfte der Erlöse gesteigert werden konnte (auch durch begrenzte Preiserhöhungen), sinkt die Zahl der festange stellten Redakteure weiter und Lokalredaktionen werden zusammengelegt.“ Eine Folge ist, hier gezeigt am Beispiel des Bundeslandes NRW: „Inzwischen haben rund 45 Prozent der nordrhein-westfälischen Bevölkerung keine Auswahl mehr, wenn sie sich über das lokale Geschehen am Wohnort informieren wollen.“ Das Bundeskartellamt kann diese Vielfaltsverluste „dann nicht verhindern, wenn diese durch Kooperationen — statt Fusionen — zwischen Medienhäusern entstehen. Der Publizist und Geisteswissenschaftler Paul Sethe müsste heute die Zahl der Ak teure nach unten korrigieren, die er 1965 in seinem berühmten Zitat zur Meinungs freiheit nennt: Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.8 Die Übermacht des Hauses Bertelsmann im deutschen und internati onalen Medienmarkt ist wenig im Bewusstsein: Die ARD rangiert im internationalem Ranking weit hinten, hinter Google (Platz 2) und Facebook (Platz 17). Bei den um satzstärksten Medienkonzernen in Deutschland folgt die ARD direkt — aber weit ab geschlagen — Bertelsmann. Dann folgen Axel Springer SE, ProSiebenSat.l, Burda, Bauer, ZDF, Holtzbrinck, Funke usw. (...) 25 % des Magazins Der Spiegel gehören ebenfalls Bertelsmann, weitere 25 % halten die Erben Rudolf Augsteins. Mit der Reichweite des Magazins und der guten Platzierung von Spiegel-Online als Leitme 184 In dem Sinne gilt wohl auch etwa eine Liberalisierung der Sexualmoral oder die Erweiterung der Geschlechts identitäten über männlich und weiblich weit hinaus (von androgyn, inter*, transgender etc. bis zu Zwitter) als „enorme Vervielfältigung der kulturellen M öglichkeiten“ . Stalder (2016) S. 10 185 S. Schiffer: Medien in Deutschland. Über den Zustand des Medienbetriebes. In: ARD & Co. Selbrund Verlag 2015 [118] dium im Internet gehört die Spiegel-Redaktion zu den einflussreichsten in Deutsch land. Allerdings gehört die Online-Ausgabe zu wesentlichen Teilen zum Springer Konzern, der mit dem Zukauf von N24 auf TV und Konvergenz im Internet setzt. Gleichzeitig verkauft der Springer-Konzern große Teile seiner Printprodukte (z.B. Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, Hörzu und Bild der Frau) an die Funke-Gruppe (zuvor WAZ-Gruppe), während die Flaggschiffe BildZeitung und Die Welt im Hause Springer verbleiben. Bertelsmann hat den Traditionsverlag Grü ner + Jahr inzwischen ganz übernommen. Neben Anteilen am Spiegel zeichnet G+J auch verantwortlich für den Stern. 2012 stellte G+J die Arbeit der Financial Times Deutschland (FTD) ein.“ (S. Schiffer, a.a.O.) Sabine Schiffer verweist anschließend auf das Schicksal des inzwischen wohl schon in Vergessenheit geratenen Ablegers der Financial Times in Deutschland, der Finan cial Times Deutschland (FTD), die sich durch einen vergleichsweise unabhängigen und dem kapitalfreundlichen Mainstream gegenüber kritischen Kurs ausgezeichnet hatte, dessen Abschiedsbrief an die Öffentlichkeit in den Worten seiner Mitarbeiter hier vollständig wiedergegeben werden soll: „Die letzte Ausgabe der FTD titelte „Endlich schwarz“ und spielte damit auf die roten Zahlen an, die sie stets schrieb. Die Mitarbeiter verabschiedeten sich mit fol genden — sich selbst idealisierenden — Worten: Entschuldigung, liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft euren Formu lierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Teser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir ent schuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften — wir würden es jederzeit wieder genauso machen.“ (S. Schiffer, a.a.O.). Den sich offenbar seither immer weiter zuspitzenden Konflikt zwischen Journalisten-Ethos und der von ihm fast ausnahmslos verlangten Parteinahme für die Interessen der „Anzeigenkunden“ und der „Politiker“, die ja selber immer tiefer und auswegloser mit Kapitalinteressen verstrickt sind186, kann man wohl kaum treffender und berüh render in Worte fassen. 186 Paul Schreyer hat den Versuch unternommen nachzuzeichnen, au f welchen W egen genau die „Politiker“ (also die m it Funktionen der Staatsführung betrauten aktiven Politiker) m it dem Großkapital in deren Funktion als G läubiger von Staaten verbunden sind. Dabei lassen sich die W ege zu einzelnen Personen oder von diesen geführten oder kontrollierten Firmen sehr schwer offenlegen, und offenbar werden diese Verbindungen gezielt verschleiert. Grosso m odo ist diese Verbindung aber derart, dass trotz der vielfach geäußerten Klage über zu hohe Staatsverschuldung genau diese gewollt ist, und zwar zur Bedienung der Interessen der Kapitaleigner, die sich dadurch eine fast risikolose Kapitalrendite ermöglichen. Eine direkte Geldschöpfung durch Zentral banken, die an sich durchaus möglich wäre, wird vehem ent hintertrieben und ist darüber hinaus nach Artikel 123 des Vertrages von Lissabon gesetzlich verboten, offensichtlich um den Kapitaleignern und -Verwaltern diese lukrative M öglichkeit der Kapitalanlage nicht zu nehmen. W ie Schreyer bemerkt, wäre aber eine alter native Staatsfinanzierung absolut begründet und notwendig: „Die Notwendigkeit einer Staatsfinanzierung durch Zentralbanken aber ist tiefer begründet: nämlich im Anspruch auf die Souveränität einer Gesellschaft. U nter den Zwängen der wachsenden Verschuldung gegenüber einer kleinen, wohlhabenden Schicht ist eine Regierung nicht demokratisch kontrollierbar. Die M acht liegt am Ende immer bei den Gläubigem .“ Schreyer, [119] Die im Folgenden beschriebenen Entwicklungen weisen daraufhin, dass die Me dienkonzerne die Meinungsbildung offenbar immer weniger als Einnahmequelle be trachten, sondern sich zur Generierung von renditeträchtigem Geschäft auf andere Online-Aktivitäten verlegen. Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung wird in dem Sinne möglicherweise zu einer verlustbringenden, aber doch als notwendig er achteten Nebentätigkeit. S. Schiffer beschreibt dies wie folgt: „Der Burda-Konzern weist ebenso vielfältige Verflechtungen und internationale Beteiligungen auf, wobei in Deutschland immer noch Magazin-Titel wie Focus und Bunte Markenzeichen sind. Auffällig ist auch hier die Ausrichtung auf digitale Märkte, wozu unter anderen das Berufsprofil-Portal Xing, aber auch Chip und das Dating-Portal ElitePartner.de, gehören. Letzteres ist nur ein Beispiel aus dem Burda-Portfolio und ein Hinweis darauf, wohin die Online- Reise geht. Springer macht heute schon einen Großteil seines Umsatzes mit Ge schäftsfeldern, die dem klassischen Medienbetrieb fremd sind, wozu diverse Online Dienstleistungen wie KaufDa, Yad2, My little Paris oder La Centrale gehören. (...) Das Familienunternehmen Holtzbrinck-Gruppe kontrolliert einflussreiche Medien wie die Wochenzeitung Die Zeit, den Tagesspiegel sowie die Main-Post, das Han delsblatt und die Wirtschaftswoche. (...) Die Verlage Fischer, Rowohlt, Diesterweg sowie Online-Portale wie Buecher.de und auch Parship.de gehören ebenfalls zum Konzern. Die Datenbank der Media Perspektiven liefert weitere Informationen über die schier unübersehbaren Verknüpfungen, Beteiligungen und Eigentumsverhältnisse im Medienbereich. Zusätzlich ermöglicht die Kommission zur Ermittlung der Kon zentration im Medienbereich (KEK) wichtige Einblicke in die Übernahme- und Kon zentrationsprozesse.“187 Die Folgen der Medienkonzentration für den Arbeitsmodus der Journalisten be schreibt der Politikwissenschaftler Thomas Meyer in einem Interview, das S. Schiffer wiedergibt: „Es gibt eine Verunsicherung bei Journalisten. Sie wissen nicht, welches Medienhaus morgen noch existiert oder von einem anderen geschluckt wird.Journalisten können nicht mehr wissen, ob sie nicht vielleicht schon morgen bei der Redak tion, die sie heute wegen ihrer politischen Positionierungen kritisieren, im Zuge der Konzentrationsprozesse landen werden. Sie sind hochgradig verunsichert und suchen mehr als je zuvor den Schutz der Herde unter den wachsamen Augen der Alphajour nalisten und einiger Vorturner. Von dem auf diese Weise erzeugten Mainstream ab zuweichen, wagen nur noch wenige.” Als letztes Beispiel für die entstandene Interessenverstrickung zwischen Medien, Politik und Wirtschaft sei hier die Beeinflussung der Gesundheitspolitik im Interesse privater Kapitalverwertung genannt, das S. Schiffer mit Bezug auf die Recherchen des Arztesjan Döllein darlegt. Dieser war „im Rahmen seiner Recherchen zur Medi enreaktion auf die Arzteproteste 2008 auf ein Netzwerk gestoßen, das er zunächst einmal ,Kaffeekränzchen‘ nannte. Zu diesem gehören Angela Merkel, Friede Springer Paul: W er regiert das Geld? Banken, Demokratie und Täuschung (German Edition) (K indle-Positionenl083- 1086). W estend Verlag. Kindle-Version. 187 Ronald Thoden. ARD & Co.: Wie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen2826-2834). Selbrund. Kindle-Version. [120] und Liz Mohn. So wie die Witwe von Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn seine Geschäfte fortsetzt, so hält Friede Springer den Kurs ihres verstorbenen Mannes. Die Anspielung bezieht sich bei Döllein jedoch auf die sogenannte Gesundheitsreform und den Medien- und Meinungsbetrieb. Denn während die Bertelsmann-Stiftung Reinhard Mohns derlei ,Reformen‘ auf den Weg bringt, die einen neoliberalen Umbau in Richtung Privatisierung öffentlicher Aufgaben meint, berichten die hauseigenen, wie die Springer-eigenen, (Leit-)Medien wohlwollend darüber. Die als Fortschritt aus gegebenen Umstrukturierungen haben zum Abbau wertvoller Standards und zu enor men Gewinnen in den Tochterunternehmen Bertelsmanns, etwa der Arvato AG, ge führt. Dass mächtige Lobbygruppen, wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ins gleiche Füllhorn der Gewinnmaximierung des privaten Sektors stoßen, mag weniger an personellen als an ideellen Verbandelungen liegen — wobei das eine ja das andere nicht ausschließt, wie etwa die Netzfrauen oder Lobbypedia die kom plexen Zusammenhänge beschreiben.“188 Wie lassen sich die Interessen des globalen Kapitalnetzwerkes auf einen Nenner bringen — es ist auf der nationalstaatlichen Ebene jeweils die „neoliberale Agenda“, die es durchzusetzen gilt, nämlich Privatisierung, Deregulierung und Freizügigkeit des Kapitalverkehrs, und auf der internationalen Bühne geht es zum einen darum, neue Betätigungsfelder für das brachliegende Anlagekapital zu erschließen, also Zugang zu unerschlossenen Massenmärkten zu ermöglichen, wenn möglich natürlich auch zu unerschlossenen Ressourcen — darunter sowohl Rohstoffe und Energien als auch bil lige Arbeitskräfte —, und zum anderen darin, „Störenfriede“ auf der Weltbühne bei der Durchsetzung der neoliberalen Agende möglichst auszuschalten. Als solche kom men gegenwärtig vor allem Russland und China in Betracht, deren wirtschaftliche und militärische Potenz hinreichen könnte, diesen Bestrebungen ernsthaft und spür bar Paroli zu bieten, sowohl auf der großen internationalen politischen Bühne, etwa im Weltsicherheitsrat, als auch im jeweiligen politischen, wirtschaftlichen und militä rischen Einflussbereich. In den letztenjahren hat sich die öffentliche Meinung vor allem auf den russischen Präsidenten Putin eingeschossen, dessen politisches Wirken sich den westlichen Be strebungen zur Ausweitung ihrer Einflusssphäre Richtung Osten, später insbeson dere via Ukraine, entgegenstellte. Die Art und Weise des medialen Aufbaus des „Feindbildes Putin“ ist insofern beispielhaft für die Einvernahme der Medien in diese letztlich von privaten Erwerbsinteressen geleitete weltpolitische Strategie, die vor nehmlich von den USA und der von diesen dominierten NATO vorangetrieben wurde und wird. Dieser allmählich Aufbau des russischen Staatspräsidenten zum „Dämonen“ und personifizierten Bösen schlechthin dürfte mit Putins Auftritt auf der Münchner Si cherheitskonferenz 2007 eingesetzt haben, wo Putin den USA ein Streben nach „mo nopolarer Weltherrschaft“ vorwarf und die NATO vor ungezügelter Militäranwen dungwarnte189, und kam im Zuge der Entfaltung der Ukrainekrise ab November 2013 188 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen2847-2857). Selbrund. Kindle-Version. 189 Vgl. den Bericht des SPIEGEL online vom 10.02.2007: „Putin schockt die Europäer“ . [121] („Euromaidan“) über den noch immer rechtlich ungeklärten Abschuss des Malaysian-Airlines-Fluges MH17 bis zum aktuellen Wiederaufflammen der Spannungen in der Ostukraine zu ihrem (vorläufigen) Höhepunkt. Derjournalist Wolfgang Bittner beschreibt etwa einen am 17. 02. 2015 „zur besten Sendezeit“ ausgestrahlten Beitrag im ZDF190, der als „Dokumentation“ angekündigt war, und sich als etwas davon recht weit Unterschiedenes entpuppte: „Am 17. Feb ruar 2015 lief im ZDF (ZDFzeit) zur besten Sendezeit ein Film über den russischen Präsidenten: Mensch Putin! Vorgeführt wurde ein KGB-Mann mit stechenden Au gen, ,machtbesessen und zu jedem Risiko bereit9, ein geschiedener, hinterhältiger Tak tiker, unberechenbar, mal in Uniform, mal mit nackter Brust. Putin, der ,Triumphator‘, der nur eins fürchtet, ,seine Entmachtung und Ermordung9. Die Sowjetunion wolle er reanimieren, so war zu erfahren, als KGB-Offizier in Dresden habe er seinen ,KGB-Schlüsselbund9 verloren und wahrscheinlich sei er für einen tschetschenischen Terrorakt in Moskau verantwortlich. 45 Minuten Unterstellungen, Vermutungen, Al bernheiten und Häme, angekündigt als Dokumentation.“191 Bittner zeigt, wie in diesem Sinne tendenziöse Parteilichkeit sich durch die gesamte Berichterstattung von ARD und ZDF zieht, in Berichten und Kommentaren der Nachrichtensendungen ebenso wie in solchen umfassenderen Hintergrundberichten. ,,(..) solche Schäbigkeiten finden sich fast täglich in unseren Presseerzeugnissen und in zahlreichen anderen Fernsehsendungen, sogar in dem viel gesehenen ZDF heute journal. Moderiert von Claus Kleber wurde uns beispielsweise am 9. Februar 2015 zuerst ein brennendes Haus in Donezk gezeigt, dann eine weinende Frau und ver zweifelte Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz, danach rollte ein Panzer der Separatisten ins Bild, als ob sie ihre eigenen Häuser zerstörten, ihre Städte in Grund und Boden bombten. (...) Auch in der ARD läuft derartige Propaganda. Dort be richtet in den Tagesthemen, moderiert von dem unsäglichen Thomas Roth, gern die voreingenommene Korrespondentin Golineh Atai über die Ukraine-Krise und den angeblichen Aggressor Russland. Die Journalistin, deren tendenziöse Berichterstat tung von zahlreichen Zuschauern kritisiert worden ist, erhielt im Oktober 2014 den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für ihre „Tugend der persönlichen Zurückhaltung, der akribischen Ernsthaftigkeit und des unbedingten Willens zur Aufklärung.“192 Wer vergibt diese Preise und wertet damit die Berichterstattung der ausgezeichnetenjournalisten in der öffentlichen Wahrnehmung auf? Ein ähnlicher Preis, der M100 Media Award, wurde am 12. 9. 2014 dem ehemaligen Boxer ukrainischer Abstam mung und späteren Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko übergeben. Dieser Preis wird, wie Bittner berichtet, „jährlich von einer angeblichen Elite des europäischen http://www.spiegel.de/politik/ausland/sicherheitskonferenz-in-muenchen-putin-schockt-die-europaeer-a- 465634.html [Stand 09.02.2017] 190 Interessanterweise findet man Sendungen, denen man Absicht und handwerkliche Ausführung einer tatsächli chen Dokumentation nicht absprechen kann, weitab von der besten Sendezeit, tie f in die Nachtstunden abge schoben. Begründet wird dies, wenn überhaupt, m it mangelndem Zuschauerinteresse. Sollte das Interesse an einer „Dokumentation“ über die Person Vladimir Putin sich plötzlich so weit davon abheben? 191 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen201-207). Selbrund. Kindle-Version. 192 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen208-212). Selbrund. Kindle-Version. [122] Journalismus für Verdienste um Demokratie, Meinungsfreiheit und Völkerverständi gung vergeben. Zum Beirat bzw. zurjury gehörten unter anderen: der Vorstandsvor sitzende der Axel Springer AG Mathias Döpfner, der Gesamtherausgeber der Bild Gruppe Kai Diekmann, der Chefredakteur des ZDF Peter Frey, der Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin Ulrich Deppendorf, der Chefredakteur der Zeit Giovanni di Lorenzo, der Herausgeber der Welt und Geschäftsführer von N24 Media Stefan Aust, der Chefredakteur des Tagesspiegel Stephan-Andreas Casdorff, der Chefredakteur der Weltwoche Roger Koppel, der Chefredakteur für Digitale Medien der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Mathias Müller von Blumencron, die Leiterin des FAZ-Literaturforums Rachel Salamander, der Gründungsdirektor des Deutsch landradios Ernst Elitz, der ehemalige Fernsehdirektor der Deutschen Welle Chris toph Lanz, der Aufsichtsratsvorsitzende von Renault und ehemalige Aufsichtsrats vorsitzende von Le Monde Louis Schweitzer, der britische Verleger Lord George Weidenfeld, der ehemalige tschechische Außenminister S.D. (Seine Durchlaucht) Fürst Karel zu Schwarzenberg.193 Durch welche Interessen sind diese Persönlichkeiten und Institutionen miteinan der verbunden, und wie ist ihr Interesse an einer „Westintegration“ der Ukraine und komplementär an einer Dämonisierung und Feindbild-Stilisierung Vladimir Putins motiviert? Bittner beschreibt diese anhand folgender Beispiele: „Schlagen wir die Zeitung auf, springen uns seit Monaten Putin-Karikaturen entgegen und Leitartikel geißeln die angeblich kriegslüsternen Russen. Häme, Unterstellungen und Lügen auch in Radiound Fernsehsendungen. „Stoppt Putin jetzt!“, lautete ein Spiegel-Titel und im Deutschlandfünk wurde ge fragt: „Ist Putin noch zu stoppen?“, oder wir erführen: „Russland schürt den Kon flikt“. NDR-Weltbilder klärten uns über die „Psyche von Wladimir Putin“ auf, der sich laut ZDF als „der neue Zar“ fühlt und den Prinz Charles mit Hitler verglich. „Dem Mann fehlt Menschlichkeit“, hieß es im Tagesspiegel. Von „prorussischem Mob“ (Spiegel-Online, ARD-Tagesschau) in der Ostukraine war die Rede, in der Welt erinnerte „die Ruchlosigkeit der Putin-Propaganda erschreckend an die Hochzeiten des Stalinismus“, die Bild-Zeitung entlarvte „Moskaus Kriegshetze“, im ZDF wurde gefragt: „Ist die Angst vieler Menschen in den baltischen Staaten berechtigt?“ Dem entsprechend mahnten die US-Regierung, der NATO-Generalsekretär und Verteidi gungsministerin von der Leyen höhere Verteidigungsausgaben an. Die westlichen Po litiker fallen seit 2014 zurück in den Kalten Krieg. Sie drohen, fordern, verhängen Sanktionen, sie lassen das Militär gegen Russland aufmarschieren, verlangen aber zu gleich den Rückzug russischer Truppen von den eigenen Grenzen. Putin breche stän dig internationales Recht, ist aus Washington und Berlin zu hören, er belüge die Welt öffentlichkeit und provoziere den Westen. Die US-Sicherheitsberaterin Susan E. Rice bezichtigte die Moskauer Regierung der Brandstiftung. Die Zeit kommentierte, Putin müsse ,endlich Russlands Marsch in den nationalistischen Wahn stoppen9; er habe ,den Konflikt in der Ukraine bis zu seiner jetzigen tragischen Zuspitzung9 angeheizt. 193 Ronald Thoden. ARD & Co.: Wie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen219-228). Selbrund. Kindle-Version. [123] In der Bild-Zeitung wurde gewarnt: ,Nie zuvor seit Ende des Kalten Krieges stand der Westen so nah vor einem militärischen Schlagabtausch mit Russlands Und so weiter, eine endlose Litanei bis heute. Kein Wort zu den jahrelangen Umsturzbemü hungen westlicher Geheimdienste, Regierungsstellen und NGOs, obwohl deren sub versive Tätigkeit erwiesen ist. Die Schuld an dem Ukraine-Konflikt wird ausschließ lich Russland, namentlich dessen Staatspräsident Wladimir Putin, angelastet, und zwar in einer Weise, die allein schon von der Diktion her abstößt. Die ehemalige ARD-Russland-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz spricht in diesem Zusam menhang — eher zurückhaltend — von ,unprofessionell arbeitenden Medien5. Die Hetze gegen den russischen Präsidenten nimmt groteske und unmenschliche Züge an. So berichtete die Welt über ,Tränen in der Mongolei: ,Putin rollen in der fernen Mongolei beim Klang der russischen Nationalhymne Tränen über die Wangen. Er wischt sie weg, der kleine Narziss. Das Volk daheim soll Derartiges nicht sehen. Aber war es wirklich Selbstliebe und nicht eher der selbstmitleidige Gefühlsausbruch eines Uberforderten? Die breiten Schultern mögen noch stählern wirken, das mit Botox behandelte Gesicht aber spricht die Sprache von Selbstzweifel und Alterungsangst. Als er nach seinem Wahlsieg vor zwei Jahren mitten in Moskau bei vaterländischen Klängen die Contenance verlor, soll es der kalte Wind gewesen sein. Nie ist man es selbst“‘.194 Am 30.01.2017 stattete der ukrainische Präsident Poroschenko der deutschen Bun deskanzlerin Merkel einen Besuch ab. Kurz vorher waren die seit dem zweiten Ab kommen von Minsk beruhigten Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und den separatistischen Regionen im Osten wieder aufgeflammt, die nach der blutigen Machtübernahme in Kiew am 22. Februar 2014 nach einem Sonderstatus mit be grenzter Autonomie streben, und hierbei zumindest moralisch und argumentativ in der Weltöffentlichkeit von Russland und seinem Präsidenten unterstützt wurden. Es stellte sich nun natürlich die Frage, wer für diesen erneuten Ausbruch der Feindseligkeiten verantwortlich zu machen war. Die Antwort der auflagenstärksten westlichen Medien hierzu fiel eindeutig aus, so titelte etwa die BILD: „Putins Scher gen starten neue Ukraine-Offensive“.195 Der SPIEGEL online titelt: „Die Eskalation. Ukrainische Soldaten und prorussische Separatisten liefern sich in der Ostukraine heftige Gefechte. In Awdijiwka harren Menschen bei Kälte ohne Strom und Heizung aus. Lässt der Kreml die Kämpfe bewusst eskalieren?“196 Die ZEIT belässt es bei Andeutungen, lässt aber Präsident Poroschenko mit einem klaren Statement zu Wort kommen: „Die prorussischen Kämpfer hätten in letzter Zeit aus Wohngebieten der Separatistenhochburg Donezk heraus Artillerie eingesetzt, sagte Poroschenko. Er sprach von einem barbarischen Vorgehen. Sein Land sei bei der Lösung des Konflikts auf ein einiges und solidarisches Europa angewiesen.“197 194 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen234-262). Selbrund. Kindle-Version. 195 http://www.bild.de/politik/ausland/headlines/ostukraine-putins-angriff-50045300.bild.html [Stand 09.02.2017] 196 http://www.spiegel.de/politik/ausland/ostukraine-der-stellungskrieg-von-awdijiwka-a-1132665.html [Stand 09.02.2017] 197 „Tote bei Kämpfen in ukrainischer Industriestadt“ . Die ZEIT online vom 31.01.2017 http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/ostukraine-gefechte-tote-verletzte-separatisten [124] Ein Bericht des Journalisten Udo Lielischkies für Tagesschau und Tagesthemen zeigt die angerichteten Verwüstungen in der Region der Kleinstadt Awdijiwka, und zeigt nun ohne Kommentierung ukrainische schwere Waffen in diesem Gebiet, in dem sich diese nach dem Abkommen von Minsk II gar nicht hätten aufhalten dür fen.198 Die ukrainische Armee sei schlagkräftiger geworden, berichtet er weiter, und dass die ukrainische Armee deshalb Gebiete hätte zurückerobern können, die nach dem zweiten Abkommen von Minsk den „Separatisten“ zugeschlagen worden wären. Ja nun — die ukrainische Armee hat Gebiete zurückerobert? Dieser in aller Offenheit die Verhältnisse darlegende Bericht lässt damit wohl kaum die Frage unbeantwortet, wem der Bruch dieser Vereinbarung von Minsk II tatsächlich zuzuschreiben ist. Eine besondere Bedeutung und Aktualität bekam dieser erneute Gewaltausbruch durch die Wahl des neuen US-Präsidenten Trump, dem ja Sympathien für den russi schen Präsidenten Putin nachgesagt worden waren, und der sich nun nach seiner In auguration zum ersten Mal zu einer Position in einem offen ausgebrochenen Konflikt würde bekennen müssen. In der Öffentlichkeit wurde zunächst kolportiert, Trump habe Präsident Poroschenko in einem Telefonat Unterstützung zugesagt und sich damit gegen alle Erwartungen auf dessen Seite und damit gegen die Hoffnungen und Intentionen Vladimir Putins gestellt. Am 5.2.2017 wurde dann ein Waffenstillstand in diesem Konflikt vereinbart, und dieser scheint bis zum jetzigen Moment (9.2.2017) anzuhalten. Die Frage ist nun, wie es zu diesem Waffenstillstand kam. Gab es ein weiteres Telefonat zwischen Trump und Poroschenko? Es hat offenbar ein Telefongespräch stattgefünden, von dem vergleichsweise wenig an die Öffentlichkeit dringt; etwa die kleine „Rhein Zeitung“ berichtet unter dem Titel „Poroschenko und Trump rufen zu Waffenruhe in Ostukraine auf“: „Im Gespräch mit US-Präsident Donald Trump hat sich der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko besorgt über die jüngste Ge walteskalation im Kriegsgebiet Donbass geäußert. Poroschenko und Trump hätten zu einer vollständigen Rückkehr zur Waffenruhe in der Ostukraine aufgerufen, teile das Präsidialamt in Kiew nach einem Telefonat der beiden mit.“199 Was auch immer in diesem Gespräch nun vereinbart worden sein mag, stellt sich aber doch die fol gende Frage: wenn es tatsächlich nur eines Telefongespräches zwischen Trump und Poroschenko bedurfte, um die Waffenruhe wieder herzustellen, wie können dann „Putins Schergen“ für diesen Gewaltausbruch verantwortlich gewesen sein? Seit die vereinbarte Waffenruhe eingetreten ist, ist das Interesse der Medien an diesem Konflikt jedenfalls erlahmt, und es scheint wenig Interesse zu bestehen, den Verursacher dieser Feindseligkeiten, denen nach verschiedenen Berichten mehr als 30 Menschenleben zum Opfer gefallen sein sollen, auszumachen. Solange der Öf fentlichkeit die Geschichte vom dämonischen Bösewicht Putin verkauft werden kann, scheint das Interesse wesentlich größer. [Stand 09.02.2017] 198 Tagesschau vom 05.02.2017; https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-257195.html 199 Poroschenko und Trump rufen zu W affenruhe in Ostukraine auf. Bericht der Rhein-Zeitung vom 05.02.2017. http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/deutschland-und-welt_artikel,-poroschenko-und-trump-rufen-zuwaffenruhe-in-ostukraine-auf-_arid,1606070.html [Stand 09.02.2017] [125] Ein Gipfelpunkt der Medienkampagne gegen Vladimir Putin ereignete sich sicher lich im Sommer 2014, als am 17.7. über der Ostukraine eine Passagiermaschine der Malaysian Airlines zum Absturz gebracht wurde, jener inzwischen weltbekannte Flug mit der Nummer MH17. Bittner berichtet darüber: „Das Kiewer Außenministerium erklärte noch am selben Tag, die Maschine sei mit einer russischen Rakete des Sys tems BUK abgeschossen worden. Nahezu sämtliche westlichen Medien übernahmen diese Meldung und verursachten einen Sturm der Entrüstung und des Hasses gegen Russland, noch bevor es irgendeine Untersuchung gegeben hatte.“ Der SPIEGEL erschien am 28.7., elf Tage nach dem Ereignis, mit dem Titel „Stoppt Putin jetzt!“ in roten Großbuchstaben, vor den Fotografien der Gesichter von Opfern dieser Flugzeugkatastrophe, um so zu insinuieren, es sei Vladimir Putin persönlich für deren Tod verantwortlich zu machen, und habe deren Tod ganz gezielt und bewusst durch eine Militäraktion intendiert und verschuldet. Am 29.7. folgt ein Leitartikel unter dem Titel: „Ende der Feigheit. Europa muss Putin für den Abschuss von Flug MH17 zur Verantwortung ziehen“. Im Text heißt es: „Hier, in der ostukrainischen Einöde, hat sich Putins wahres Gesicht gezeigt. Der russische Präsident steht enttarnt da, nicht mehr als Staatsmann, sondern als Paria der Weltgemeinschaft. Die Toten von Flug MH17 sind auch seine Toten, er ist für den Abschuss mitverantwortlich, und es ist nun der Moment gekommen, ihn zum Einlenken zu zwingen - und zwar mit harten wirtschaftlichen Sanktionen.“ Zur Frage der Verantwortlichkeit und der möglichen Motive heißt es dann: „Der Abschuss von MH17 mag ein tragisches Versehen gewesen sein. Wer die Rakete abfeuerte, wollte vermutlich kein Verkehrsflugzeug treffen. Doch der Abschuss ist die direkte Folge davon, dass Russland die Separatisten in den vergangenen Wochen militärisch aufge rüstet hat. Er ist ein Symbol für die Ruchlosigkeit Putins - und für das Versagen der bisherigen westlichen Politik. Die Trümmer von MH17 sind auch die Trümmer der Diplomatie.“ Ja — war es nun „Mord“ oder ein „tragisches Versehen“, ist an der Stelle zu fragen. Man benötigt kein juristisches Staatsexamen um zu wissen, dass dies nicht das gleiche ist, und weder vor Gericht noch nach dem gewöhnlichen Rechtsempfinden dafür gehalten wird. Bei Versehen, also Handeln ohne Vorsatz, kommt es noch darauf an, wieweit dieses Versehen jemandem insofern als Schuld zuzurechnen ist, als es etwa fahrlässig oder grob fahrlässig zustande gekommen ist, oder ob mögliche Todesfol gen billigend in Kauf genommen worden sind. Mord aber bedeutet bewussten Vor satz, und ein Motiv in niederen Beweggründen, und ganz offensichtlich wurde hier nun versucht, einen Mord an 298 unschuldigen Menschen aus dem niederen Motiv etwa von „Großmachtsphantasie“ (eigentlich ist ein Putin zu unterstellendes Motiv nie explizit genannt worden) zu konstruieren und Putin persönlich zuzuschreiben. Wäre es ein Versehen gewesen, wäre es in diesem Fall den operativen militärischen Kräften im Donbass zuzurechnen. Die Übergabe der Waffen (die vermutete BUK- Raketenbatterie) durch Russland wäre ohne angebrachten Zweifel als intendiert an zusehen, die Frage der Rechtmäßigkeit indirekter militärischer Unterstützung einer Konfliktpartei in diesem Konflikt wäre aber vollkommen anders zu bewerten und zu [126] entscheiden und ist vollkommen von diesem Ereignis des Flugzeugabsturzes zu tren nen. Fahrlässig war in diesem Zusammenhang offenbar auch die Entscheidung der ukrainischen Behörden, den Luftraum über dem Kriegsgebiet für Passagierflugzeuge freizugeben, und wurde vom niederländischen Untersuchungsrat in der Tat auch ge rügt. Mit der (nicht-intendierten) eingetretenen Todesfolge dieser Entscheidung wä ren (bzw. sind) sie auf ähnlich indirekte Weise in Verbindung zu bringen wie mit einer (möglichen) nicht-intendierten Todesfolge der Übergabe eines Waffensystems an eine Kriegspartei. Aber recht offensichtlich war es Absicht der medialen Aufarbei tung dieses Ereignisses, den Unterschied zwischen Versehen und Mordabsicht ver wischen zu lassen, um eben die Mordabsicht an unschuldigen unbeteiligten Passagie ren unterstellen zu können; an Touristen, Frauen und Kindern, die sich auf ein paar unbeschwerte Ferientage freuten. Diese Mordabsicht an unschuldigen Menschen un terstellte man Vladimir Putin höchstselbst, direkt, unmittelbar und persönlich. Wie Bittner beschreibt, wurde eine regelrechte Hysterie entfacht, eine Art Mei nungsterror: „Der ukrainische Präsident Poroschenko sprach von einem terroristi schen Akt‘, für den Putin verantwortlich sei. Und der Kiewer Bürgermeister Klitschko sagte gegenüber Springer-Medien, die internationale Gemeinschaft müsse endgültig verstehen, dass es sich hier um einen Krieg handelt‘ und der russische Prä sident Putin müsse dafür ,endlich zur Verantwortung gezogen werdenf Keine kriti schen Fragen in den Medien zu den unterdrückten Informationen der US-Satelliten- überwachung, der ukrainischen Flugsicherung und der fehlenden Auswertung der Blackbox. Die nach dem Absturz des Passagierflugzeuges gegen Russland gerichtete Propaganda ist ein Tiefpunkt journalistischer ,Berichterstattung‘. Beteiligt waren in Deutschland fast sämtlich größere Medien.“200 Bittner zitiert seinen niederländischen Kollegen Karel van Wolferen: „Die Beinahe-Hysterie während der Woche nach dem Flugzeugabschuss hat verhindert, dass Leute mit Wissen über einschlägige Geschichten ihren Mund aufmachten. Arbeits platzsicherheit ist in der heutigen Welt desjournalismus ziemlich wackelig, und gegen den Strom zu schwimmen, käme fast einem Paktieren mit dem Teufel gleich, weil es die journalistische ,Glaubwürdigkeit‘ beschädigen würde.“ Wie man weiß, konnte die juristische Aufarbeitung bis heute nicht vollständig und jenseits vernünftiger Zweifel abgeschlossen werden. Trotz fehlenden Beweises einer Täterschaft oder Mitverantwortlichkeit wurden aber Sanktionen gegen Russland ver hängt, die bis heute nicht aufgehoben sind. Was ist damit beabsichtigt? Wie kommt es zu einer derart geschlossen agierenden Phalanx der Medien, seien es private oder öffentlich-rechtliche? Bittner schreibt dazu: „Die westlichen Medien überbieten sich in der Ukraine Krise in Lügen, Gemeinheiten und — wo es ins Konzept passt — geheuchelter Anteil nahme und inszenierter Empörung. Wie ist ein solches Versagen auf ganzer Linie möglich — so fragen wir uns. Wir wissen es, seit bekannt wurde, dass nicht nur viele der führenden Politiker, sondern ebenso Journalisten in maßgeblichen Positionen 200 Ronald Thoden. ARD & Co.: Wie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen276-278). Selbrund. Kindle-Version. [127] Think-Tanks und anderen Vereinigungen angehören oder nahestehen, die von staat lichen Stellen, zum Beispiel dem US-Außenministerium, der CIA oder sonstigen in teressierten Organisationen und Konzernen finanziert werden.“201 Bittner zitiert schließlich den Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, der u. a. mit seinen Büchern über „NATO-Geheimarmeen“ bekannt geworden ist: „Die NATO hat in verschiedenen Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz befreundete Journalisten, welche immer im Sinne der NATO schreiben. Das nennt man ,Information Warfaref Das ist Teil des Krieges [...] Den Gegner, in diesem Fall Putin, dämonisieren, Chaos schüren und die eigene Gewalt verdecken und Spuren verwischen [...] In fast jedem Bericht zur Ukraine ist Putin der Böse. Die NATO- Osterweiterung wird praktisch nie erwähnt. Die Hintergründe des Regierungssturzes in Kiew werden nicht ausgeleuchtet.“202 Also noch einmal die Frage: wer, welche Personen oder Institutionen, Staaten oder Staatengemeinschaften verfolgen mit derartigen Aktionen welche Absichten? Muss man sich der Monstrosität der Annahme nähern, dass moderne westliche Staaten o der hinter ihnen stehende Institutionen oder hinter diesen stehende Personen zu Ak tionen wie einem inszenierten Flugzeugabschuss fähig sind, aus dem Motiv der Pro fitgier, also einem niederen Motiv, wie es angesichts des exzessiven Reichtums des Westens niederer ja gar nicht sein kann? W. Bittner sieht hier jedenfalls eine unterliegende „Strategie der westlichen Alli anz“: „Inzwischen kann auch als erwiesen gelten, dass die Ukraine-Krise durch die USA und EU inszeniert wurde, um des Weiteren gegen Russland vorgehen zu kön nen. In einem Gespräch mit dem Spiegel warnte der ehemalige Staatspräsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, vor einem ,großen Krieg3 in Europa, der ,heute wohl unweigerlich in einen Atomkrieg münden3 würde. Dem US-Präsidenten Obama, der Russland als Gefahr bezeichnet hatte, entgegnete er: ,Es gibt heute eine große Seuche — und das sind die USA und ihr Führungsanspruch3. In der Tat zeichnet sich mehr und mehr die Strategie der westlichen Allianz unter Führung der USA ab, Russland als Machtfaktor in der internationalen Politik auszu schalten und durch Wirtschaftssanktionen, Beeinflussung der Kapital- und Energie märkte sowie die aufgebürdeten Kosten für Nachrüstung zu ruinieren. Ganz offen sichtlich ist das Ziel, Osteuropa einschließlich Russland den westlichen Kapitalinte ressen aufzuschließen und den imperialen Zielen der USA unterzuordnen. Wer sich nicht beugt, wird bekanntlich entweder bombardiert oder ruiniert.“203 Es ist nicht leicht, mit derartigen Schlussfolgerungen den Alltag mit nur minima lem Vertrauen in die unsere Geschicke lenkenden demokratischen Institutionen zu begehen und durchzuhalten, und dabei nicht ganz den Glauben an eine wünschens werte nähere oder fernere Zukunft, etwa für die eigene Familie oder gar die Kinder 201 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen301-305). Selbrund. Kindle-Version. 202 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen309-313). Selbrund. Kindle-Version. 203 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen314-323). Selbrund. Kindle-Version. [128] im Erwachsenenalter, zu verlieren. Aber, wie man leider sagen muss, sind die Hin weise da, und sie sind erdrückend. Es seien abschließend und zum bedrückenden Beleg die Worte eines „Vorden kers“ der Republikaner bzw. all derjenigen genannt, die möglicherweise an verant wortlicher Stelle Entscheidungen im Sinne dieser Strategie zu fallen haben, nämlich die Worte von George Friedman, Direktor des US-Think-Tanks Stratfor (Strategie Forecasting, Inc.), wie W. Bittner sie wiedergibt; dieser sagte „am 4. Februar 2015 im Chicago Council on Global Affairs: Ziel der US-Politik seit einem Jahrhundert sei gewesen, ein Bündnis zwischen Russland und Deutschland zu verhindern, ,weil sie vereint die einzige Macht sind, die uns bedrohen kann‘. Und weiter: ,Für die Verei nigten Staaten ist die Hauptsorge, dass [...] deutsches Kapital und deutsche Techno logie sich mit russischen Rohstoff-Ressourcen und russischer Arbeitskraft zu einer einzigartigen Kombination verbinden [...] Der Punkt bei der ganzen Sache ist, dass die USA ein ,Cordon sanitairej einen Sicherheitsgürtel, um Russland herum aufbauen [...] Die Vereinigten Staaten kontrollieren aus ihrem fundamentalen Interesse alle Ozeane der Welt. Keine andere Macht hat das jemals getan. Aus diesem Grund in tervenieren wir weltweit bei den Völkern, aber sie können uns nicht angreifen. Das ist eine schöne Sache.“204 Friedman verteidigt hier ganz ungeniert die imperialistischen Bestrebungen der USA und vergleicht sie sogar mit denen Adolf Hitlers, dem er lediglich vorwirft, in der Wahl seiner Strategie und seiner Mittel ungeschickt gewesen zu sein, weil er Herr schaft durch das untaugliche Mittel der militärischen Besetzung zu etablieren versucht habe, statt durch Einsetzung von Marionettenregimes. Nach der Wahl des neuen Präsidenten Donald Trump und seiner mehrfach geäu ßerten Sympathie bzw. seinen Respektsbekundungen für Vladimir Putin schien die Öffentlichkeit über möglicherweise zu erwartende Wechsel in dieser strategischen Ausrichtung gegenüber Russland verunsichert. Die zu stellende Frage wäre die, ob ein amtierender Präsident faktisch die Macht besitzt oder besäße, hier steuernd ein zugreifen und einen fundamentalen Richtungswechsel herbeizuführen, wenn er es denn wollte. Möglicherweise wird die Weltöffentlichkeit in nicht allzu ferner Zukunft eine Antwort darauf erfahren. Die Kräfte des „Neoliberalismus“ jedenfalls sind mit einem neuen Präsidenten wohl noch nicht aus den Angeln gehoben, zumal dieser auf anderen Gebieten wie z. B. der Steuergesetzgebung oder der Bankenregulierung ge nau dieser Tinie weiterhin zu folgen scheint.205 Diese einmal entfesselten Geister Kräfte des Neoliberalismus werden auch durch die Macht eines US-Präsidenten wohl nicht wieder zur Rückkehr in die Flasche zu bewegen sein. 204 Ronald Thoden. ARD & Co.: W ie Medien manipulieren (German Edition) (Kindle-Positionen338-347). Selbrund. Kindle-Version. Die Rede von George Friedman ist au f Youtube abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=vln_ApfoFgw [Stand 09.02.2017] 205 Die Berufung des ehemaligen Goldman Sachs-Bankers und jetzigen Hedgefonds M anagers Steven Mnuchin zum Finanzminister liegt jedenfalls au f dieser Finie. Die Steuergesetzgebung unterscheidet sich insofern, als er in die Freiheit des Marktes im Außenhandel zugunsten der heimischen Industrie eingreifen will, indem die steuerliche Absetzbarkeit von Importwaren gestrichen wird, während die Unternehmenssteuern gleichzeitig gesenkt werden. Es geht also darum, Importe unattraktiver und Exporte attraktiver zu machen. Vgl. etwa A. Armbruster: „Bringt Trump so eine Exporthilfe auf den W eg?“ FA Z.netvom 24.01.2017. http://www.faz.net/aktuell/w irtschaft/wirtschaftspolitik/neue-besteuerung-bringt-trump-so-eine-exporthilfeauf-den-weg-14743303.html [Stand 10.02.2017] [129] Die von der Trump-Administration ebenfalls vorgesehene Beibehaltung des Ge fangenenlagers in der Guantanamo Bay auf Kuba verweist auf die Vorgänge im Sep tember 2001, die in der Folge das Land Amerika nach innen tiefgreifend verändert haben, etwa durch den sog. Patriot Act und die extreme Ausweitung der Befugnisse und der Uberwachungstätigkeit der Geheimdienste, dies auch international, und nach außen zu der bis heute andauernden Verwicklung der US-Streitkräfte in eine Kette von Kriegen und Regime-Changes geführt haben, die durch die Angriffe des 11. Sep tember 2001 gerechtfertigt wurden. Nach Auffassung zahlreicher Beobachter bedürfen diese Vorgänge noch immer einer vollständigen Aufklärung, und die offizielle Erklärung etwa des Einsturzes der drei Stahlkonstruktionen des World Trade Centers und insbesondere des Gebäudes WTC7 durch Feuer scheint in vielen Punkten nicht überzeugend206, obwohl sich schon damals eine enorm geschlossene Front der öffentlichen Meinungsbildner for miert hat, diese offizielle Erklärung zu verteidigen.207 Wie auch im Zusammenhang mit dem Abschuss des Fluges MH17 führen die Spe kulationen um diese Vorgänge in Mutmaßungen um die Urheberschaft, deren Monst rosität nun noch ganz andere Dimensionen annimmt, und nun wirklich jenseits der Grenzen aller Vorstellbarkeit anzusiedeln ist. Sollte es sich jedenfalls eines Tages er weisen, dass diese Anschläge gezielt herbeigeführte „katalytische Ereignisse“ waren, um die amerikanischen Streitkräfte im Sinne des Strategiepapiers „Rebuilding America’s Defenses“208 des PNAC209 umzugestalten zum Zweck der Herbeiführung einer unipolaren Weltordnung mit unangefochtener US-Dominanz — was wären die Kon sequenzen etwa für Fragen zu „Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus“?210 Was wäre billigerweise zu erwarten für die „Loyalität der Massen“? Würden die ein stürzenden Türme des Welthandelszentrums so zum Symbol für den Kollaps des globalen Kapitalismus? 206 Am 5.9.2016 erschien im w eltweit angesehenen Physik-Fachmagazin „EuroPhysicsNews“ ein Artikel m it dem Titel: 15 YEARS LATER: ON THE PHYSICS OF HIGH-RISE BUILDING COLLAPSES, der sich um den Nachweis der These bemüht, die am 11.9.2001 eingestürzten drei Hochhäuser des W orld Trade Centers hätten nur durch eine kontrollierte Sprengung zu Fall gebracht werden können. http://www.europhysicsnews.org/articles/epn/pdf/2016/04/epn2016474p21.pdf [Stand 14.02.2017] Eine vorerst letzte Dokumentation der Ereignisse des 11. September aus einer kontroversen Sicht wurde 2015 von dem britischen Filmemacher Tony Rooke unter dem Titel „Incontrovertible“ veröffentlicht. https://www.youtube.com/watch?v=y5UyynjxAyw [Stand 14.02.2017] 207 Abweichende M einungen wurden alsbald als „Verschwörungstheorien“ qualifiziert, weshalb sie bis heute gerne in eine Reihe m it allerlei Absonderlichkeiten gestellt werden, wie etwa im Januar/Februar 2017 in einer als „Schwerpunkte der Redaktion“ beworbenen Sendung der ARD vom 28.06.2016 m it dem Titel „Die Top 5 der Verschwörungstheorien“ . A uf Platz 1 stehen hier die Anschläge des 11. September. Dieser Rangfolge liegt eine Befragung von rund 1000 Personen zugrunde, von denen immerhin gesagt wird, dass fast allen Befragten diese „Theorie“ bekannt ist, und über 51% sie für plausibel halten. Etwa 40% glauben aber auch an „Außerir dische“ oder Bewohner der versunkenen Stadt Atlantis als Verursacher der überproportional hohen Anzahl von verschwundenen Schiffen oder Flugzeugen im Berm uda Dreieck. Die „Anschlagstheorie“ ist damit eindeutig - wie gewünscht? - disqualifiziert. http://www.ardmediathek.de/tv/Quarks-Co/Die-Top-5-der-Verschw% C3% B6rungstheorien/W DR-Fernsehen/Video?bcastId=7450356&documentId=36245300 [Stand 10.02.2017] 208 http://www.informationclearinghouse.info/pdf/RebuildingAmericasDefenses.pdf [Stand 10.02.2017] 209 https://de.wikipedia.org/wiki/Project_for_the_New_American_Century [Stand 10.02.2017] 210 Vgl. etwa die Diskussion von J. Habermas 1973 erschienenem W erk „Legitimationsprobleme im Spätkapita lismus“ in der ZEIT vom 31.5.1974 von Udo Bermbach, http://www.zeit.de/1974/23/die-kemfrage-aller-reform [Stand 10.02.2017] [130] Wenn aber die Legitimiertheit des Spätkapitalismus und seiner Institutionen derart massiv in Zweifel geriete, stellte sich die Frage, was an dessen Stelle treten kann, of fenbar mit einer ungeheuren Dringlichkeit. Wie auch immer diese Fragestellung sich nun beantworten mag, sind die bisher beschriebenen krisenträchtigen Tendenzen der globalen wirtschaftlichen Entwick lung manifest und wirksam. Die in den 1930erjahren entstandene und etwa ab Ende der 1970er Jahre immer weiter verbreitete und als durchgesetzte politische Strategie wirksam gewordene Lehre des Neoliberalismus kann man in gewisser Weise als kri senverschärfend, andererseits als Antwort auf die ersten Manifestationen der Ent wicklungsstörungen des Kapitalismus verstehen; mit einer gewissen Wahrscheinlich keit ist beides der Fall. Bevor im Einzelnen auf die Inhalte und die Entstehungsge schichte dieser ökonomischen Lehrmeinung eingegangen wird, sei zur Illustration der gefühlten Wirklichkeit aus der Innensicht der neoliberalistisch geprägten Lebens welt211 etwa an den Kinofilm „The Wolf of Wallstreet“ erinnert, der 2013 in die Kinos kam und das exzessive, ebenso sinn- wie morallose Leben im Umfeld der Börsen makler der Wall Street schildert212, ferner an eine im September 2014 erschienene Stu die der Universität Cambridge213, die nachwies, dass der Einfluss weniger Reicher auf die Gesetzgebung wesentlich größer ist als der der Volksmehrheit und infolgedessen erlassene Gesetze in überproportionaler Gewichtung deren Willen und Interessen lage entsprechen, weshalb schon das Wort von einer „Plutokratie“ oder „Oligarchie“ für amerikanische Verhältnisse die Runde machte, und schließlich, um an die oben geschilderte Tendenz zur Militarisierung der Außenbeziehungen aus innerökonomi schen Erwägungen anzuschließen, an eine im Mai 2014 erschienene Studie der Stif tung für Wissenschaft und Politik mit dem Titel „Neue Macht — Neue Verantwor tung. Elemente einer deutschen Außen- und Sicherheitspolitik für eine Welt im Um bruch“214, in welcher diese in aller Offenheit die Position vertrat, dass Deutschland als „Handels- und Exportnation“ wie „kaum ein anderes Land von der Globalisie rung“ lebe und „also die Nachfrage aus anderen Märkten sowie Zugang zu internati onalen Handelswegen und Rohstoffen“ brauche. Das „überragende strategische Ziel“ müsse daher sein, die „Weltordnung zu erhalten, zu schützen und weiter zu entwickeln“. Der eben auch militärisch zu unterstützende Drang nach Osten, ab 2013/2014 in die Ukraine, findet hier seine ganz offen formulierte Begründung. Ein am 6. Februar 2014 erschienener Artikel in der ZEIT beschreibt die mehr als zweijährige Vorge schichte dieses Strategiewechsels, die seiner Verkündigung auf der Münchner Sicher heitskonferenz im Februar 2014 durch den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck vorausging, und die mindestens bis in den November 2012 zurückreicht: „ .. sie spielt an verschiedenen Orten, im Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundes- 211 In diesem Sinne ist auch die Literatur „ein feiner Seism ograf1, und schildert heute als Gegenwartsliteratur oft „Geschichten des Scheitems, der Unsicherheit, Abstiege und Abstürze“ . O. Nachtwey (2016), S. 9 212 https://de.wikipedia.org/wiki/The_W olf_of_W all_Street_% 282013%29 213 https://www.cambridge.org/core/journals/perspectives-on-politics/article/div-classtitletesting-theories-ofamerican-politics-elites-interest-groups-and-average-citizensdiv/62327F513959D0A304D4893B382B992B 214 https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/projekt_papiere/DeutAussenSicherhpol_SW P- _G M F_2013.pdf [131] Präsidenten, im Auswärtigen Amt am Werderschen Markt und im Umfeld der Stif tung Wissenschaft und Politik, des außenpolitischen Thinktanks der Bundesregie rung. Uber Monate wurde in immer neuen Runden und Gesprächen vorbereitet, was jetzt in München gipfelte.“215 Auch in der NATO wurde ein gravierender Strategiewechsel eingeleitet, was sich bei Gelegenheit des NATO-Gipfels in Lissabon am 19. und 20. November 2010 zum ersten Mal zeigte. Zum beherrschenden Thema dieses Gipfels wurden Fragestellun gen und Überlegungen unter dem Motto „Nato sucht Gegner“, wie der SPIEGEL online am 18.11.2010 berichtete: „Wer ist eigentlich der Gegner? (..) wie soll die Rolle eines Militärbündnisses aussehen in Zeiten, in denen die Gegner eher mit Spreng stoffgürteln um den Bauch als mit elektronisch gesteuerten Nuklearwaffen agieren? Und wer ist eigentlich überhaupt der Gegner der Nato?“ Die Eventualität, dass das Verteidigungsbündnis NATO sich nun der Einfachheit (und der Kosten) halber auf lösen könnte, nachdem vom untergegangenen Gegner Sowjetunion ja keine Gefahr mehr ausging, scheint für restlos außerhalb des Bereichs der Möglichkeiten liegend gehalten worden zu sein. Gegenüber Russland sei zu diesem Moment der Ton noch ausgesprochen freund lich gewesen, doch zumindest implizit scheint eine Rolle Russlands als möglicher „Aggressor“ schon einmal angedacht worden zu sein. Es seien vor allem die osteu ropäischen Partner der NATO gewesen, die hier auf einen Strategiewechsel drängten, und in der letzten Fassung des Konzepts eine Einleitung voranstellen ließen, „in der betont wird, dass der Artikel 5 des Nato-Vertrags die wichtigste Grundlage des Bünd nisses bleibt. Dort ist die Beistandsgarantie im Falle eines Angriffs auf ein Nato-Mit glied festgeschrieben. Außerdem wurde den neuen Nato-Mitgliedern zugesichert, dass es neue militärische Notfallplanungen gegen einen möglichen Angriff geben werde. Der potentielle Aggressor wird zwar nicht genannt. Aber allen ist klar, dass Russland damit gemeint ist.“216 Vergegenwärtigt man sich hierzu die oben wiedergegebene Rede des Stratfor-Direktors George Friedman, so scheint es offenbar zu einer ganz wundersamen Inte ressenskongruenz der sicherheitsbedürftigen Staaten des ehemaligen Ostblocks und den imperialistischen Bestrebungen der USA gekommen zu sein.Jedenfalls ist ame rikanisches Militär rund um die Grenzen Russlands inzwischen fast allgegenwärtig. 215 J. Bittner, M. Naß: Kurs au f die Welt. Joachim Gauck, Frank-W alter Steinmeier und Ursula von der Leyen fordern eine entschlossenere deutsche Außenpolitik. W ie kam diese W ende zustande? Und in welche Konflikte führt sie? Die ZEIT online vom 8.2.2014 http://www.zeit.de/2014/07/deutsche-aussenpolitik-sicherheitskonferenz [Stand 10.02.2017] 216 R. Neukirch, U. Demmer: Nato sucht Gegner. Die Nato gibt sich beim Gipfel in Lissabon m it viel Pomp ein neues strategisches Konzept. Doch das lässt zentrale Fragen offen: W ie hält es die Allianz künftig m it Russland - und was passiert m it ihren Nuklearwaffen? Der SPIEGEL online vom 18.11.2010 [132] Neoliberalismus Wo sind aber nun die Verbindungen zum Neoliberalismus? Eben da, wo die Studie der SWP sie genannt hat: die höchstentwickelten und von staatlicher Regulierung weitgehend befreiten Industriestaaten haben ein vitales Interesse an der Erschließung von neuer „Nachfrage aus anderen Märkten“, am „Zugang zu internationalen Han delswegen“ und zu „Rohstoffen“, und zwar nach Möglichkeit nicht zu den Bedin gungen des Staates, auf dessen Grund und Boden diese Rohstoffe zu finden sind, sondern zu den eigenen.217 Das Erwerbsinteresse privater Großkonzerne wird einem möglichen politischen Interesse an Friedenssicherung und internationaler Stabilität durch Interessenausgleich untergeordnet. Wo ein vielleicht nur relativer oder auch absoluter Verzicht auf Umsatz und Gewinn ja an sich durchaus möglich wäre und absolut nicht existenzbedrohend, wird dessen Maximierung als strategisches Ziel ab solut gesetzt. Dieses Handeln und Denken wird unter Rückgriff auf neoliberalistische Lehrinhalte plausibilisiert und als alternativlos gesetzt. Der Begriff „Neoliberalismus“ ist bisher nun — ganz offensichtlich — in einer Be deutung verwendet worden, wie sie von Befürwortern einer solchen politischen Stra tegie eher nicht vertreten wird, sondern es wurde — wie vielerorts in der internationa len Diskussion — „Kritik und das Unbehagen gegenüber einer entwurzelten Ökono mie im globalen Maßstab“ artikuliert. Theoriegeschichtlich, also bevor Anlass zu die ser Art von Kritik entstanden war, steht der Begriff Neoliberalismus, wie man ohne allzu grobe Vereinfachung vielleicht sagen darf, für eine „seit den 1930erjahren ent standene Lehre, die den Markt als Regulierungsmechanismus gesellschaftlicher Ent wicklung- und Entscheidungsprozesse verabsolutiert. (...) Das gesellschaftliche Pro jekt des Neoliberalismus strebt nach einem Kapitalismus ohne wohlfahrtstaatliche Begrenzungen.“218 Der Neoliberalismus verfügt über prominente Vordenker, wie er wähnt werden soll, darunter acht Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissen schaften zwischen 1974 und 2002, und bestimmt bis heute „die Tagespolitik, die Me dienöffentlichkeit und das Massenbewusstsein (...) so stark wie keine andere Welt anschauung.“ (a.a.O., S. 11) Der neue Liberalismus entstand als Reaktion auf eine seinerzeit neue makroökono misch fündierte interventionistische Schule, die als Antwort auf die weltwirtschaftli che Depression der 1920erjahre entstanden war, und die damit das Ende des seit der Klassik herrschenden Marktoptimismus in der Ökonomie reflektierte. Diese neue Schule, in England angeführt von John Maynard Keynes, zielte darauf ab, „die kri senhafte kapitalistische Ökonomie aktiv durch Prozesspolitik zu stabilisieren“. In Opposition dazu begann sich eine „langfristig ausgerichtete Gegenbewegung der Marktradikalen“ zu formieren, die sich am altbekannten Liberalismus orientierte, 217 Der neue US-Außenminister James Mattis musste sich kürzlich alle Mühe geben zu beteuern, dass die USA nicht im Irak sind, „um das Öl anderer zu nehmen“, denn Donald Trump hatte im Präsidentschaftswahlkam pf und danach „mehrfach gesagt, die USA hätten während der achtjährigen Besetzung des Irak die Einnahmen aus dem irakischen Erdöl nutzen sollen, um ihre M ilitärausgaben zu finanzieren..“ SPIEGEL online vom 20.02.2017 http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-verteidigungsminister-mattis-wir-sind-nicht-wegen-oelim-irak-a-1135364.html [Stand 10.03.2017] 218 C. Butterwege, B. Lösch, R. Ptak: Kritik des Neoliberalismus. W iesbaden 2007, S . l l [133] also der Lehre der Klassiker wie Adam Smith, Bernhard de Mendeville oder David Hume, die damit zu ihrer Zeit die Befreiung der Wirtschaftstätigkeit und der persön lichen Initiative von den Beschränkungen und Auflagen der Zünfte und des absolu tistischen Ständestaates erreichen wollten. Der Neoliberalismus ist in diesem Sinne eine „modernisierte und erweiterte Variante des Wirtschaftsliberalismus in der Tra dition von Klassik und Neoklassik“,219 und „eine Reaktion auf den global aufblühen den Keynesianismus, der in den westlichen Industrienationen vornehmlich als sozi aldemokratische Reformpolitik Verbreitung fand. (...) Auf das offensichtliche Schei tern des Wirtschaftsliberalismus (das sich im Ausbruch der Weltwirtschaftskrise ma nifestiert hatte, L.E.) reagierte der neue Liberalismus mit einer erweiterten Neuauf lage der exogenen (neo)klassischen Krisenerklärung, nach der alleine äußere Faktoren — und nicht der Marktmechanismus selbst — für die Krise verantwortlich seien. Statt Marktversagen wurde die These vom Staats- und Politikversagen ins Zentrum der Analyse gerückt, die zur Kernaussage des neoliberalen Programms werden sollte.“220 Der Neoliberalismus hatte Wurzeln und Anhänger in Deutschland (Ordoliberalismus bzw. „Freiburger Schule“), in Österreich (hier verbunden mit den Namen Lud wig van Mises und Friedrich von Hayek als „Wiener Schule“), in England und in Frankreich; in den USA entstand die „Chicago School“ um Milton Friedman. Auf den Einfluss der angebotsorientierten österreichischen Schule geht der Begriff „Austeritätspolitik“ zurück. Ludwig van Mises hatte sich schon ab den 1920erjahren in scharfer Polemik gegen die sowjetische Planwirtschaft abgesetzt und in einem 1920 erschienenen Artikel221 die These vertreten, die „Theorie der Wirtschaftsrechnung“ zeige, „dass im sozialis tischen Gemeinwesen Wirtschaftsrechnung nicht möglich ist“ (v. Mises, a. a. O., S. 119); in der sich hieran anschließenden Diskussion kam es zur Formulierung des so genannten „Unmöglichkeitstheorems“, nach dem effiziente, rationale Wirtschafts rechnung im Plansozialismus wegen des Fehlens von Marktsteuerung durch informationale Auswertung frei gebildeter Marktpreise nicht möglich sei, und zur Formulie rung der These von der Unvereinbarkeit von Markt und Plan. Man wird im Rückblick auf das „monströse Scheitern des sowjetrussischen Expe riments“ (Habermas) nicht umhin können, van Mises insoweit Recht zu geben, und insoweit zumindest zu Teilen auch einem der neoliberalen Grundgedanken, nämlich der Skepsis gegenüber dem Vermögen der vorausschauenden Vernunft, so komplexe Vorgänge wie das Zusammenwirken einer ganzen Volkswirtschaft und dazu deren geschichtliche Entwicklungsgesetze erfassen und steuern zu können. Insoweit der marxistische Anspruch des Entzifferns einer Gesetzlichkeit der his torischen Wirtschaftsentwicklung und einer daraus ableitbaren Planbarkeit ja einen solchen Gedanken darstellt, hielt später auch etwajürgen Habermas diesen Gedan ken für überzogen und vorwerfbar, und sah im Scheitern des Realsozialismus ein 219 R. Ptak: Grundlagen des Neoliberalismus. In: C. Butterwege, B. Lösch, R. Ptak: Kritik des Neoliberalismus. W iesbaden 2007, S. 16 220 Ptak (2007), S. 19 221 Mises, Ludwig v.: Die W irtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, in: Archiv für Sozialwissenschaftund Sozialpolitik, Bd. 47 (1920), S. 86-121 [134] Dementi des „überschwänglichen Gedankens Marxens“, Aufhebung und Verwirkli chung der Philosophie in deren Übersetzung in politische Praxis und der Umwälzung der gesellschaftlichen Fundamente sehen zu wollen.222 Wir werden auf diese Diskus sion zurückkommen. Aus der Unmöglichkeit einer Planung wirtschaftlicher Vorgänge auf der Mikro ebene muss nicht unbedingt die Unmöglichkeit der Bestimmung langfristiger evolu tionärer Trends folgen, so zum Beispiel die im Marxschen Denken zentrale Rolle des Trends zur Verwandlung menschlicher „lebendiger“ Arbeit in „tote“ Arbeit, in Ma schinenarbeit und damit in Kapital. Die Annahme, dass ein solcher Trend auszu machen ist, dürfte erheblich schwerer zu widerlegen sein als die Möglichkeit der Wirt schaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen. Ganz im Gegenteil scheint ein sol cher Trend aktiv zu sein und sich in der Gegenwart zu beschleunigen, wie skizzenhaft bereits gesehen, und — und das ist im gegebenen Zusammenhang die zentrale Aussage — scheint er nun begleitet zu werden von einem evolutionären Trend, der weder für Marx und seine Zeitgenossen noch auch für die späteren Theoretiker des Neolibera lismus noch bis dato offenbar für überhaupt einen Vertreter der Ökonomenzunft beobachtbar war oder es heute ist (vielleicht scheint er diesen auch nicht beobachtenswert), nämlich: von dem Trend zur gleichzeitig hochproduktiven wie hochflexib len bzw. universalen Fabrik der Zukunft. Damit werden wir uns später eingehend beschäftigen. Was bleibt zum Neoliberalismus zu sagen? Die detaillierte Beschreibung der viel fältigen Ausprägungen länderspezifischer oder historischer Erscheinungsformen des Neoliberalismus dürfte im gegebenen Zusammenhang nicht von entscheidender Be deutung sein; gemeinsam ist ihnen die Ablehnung und das Misstrauen gegen staatli che Interventionen und das dem entgegengesetzte Vertrauen in die „spontanen Kräfte der Gesellschaft“; der „Kampf gegen den Kollektivismus“ und für das Frei heitsrecht des Individuums. Beherrschendes Thema blieb immer das Verhältnis des (privaten) Individuums zum Gemeinwesen, zum Kollektiv, zur Gesellschaft oder zum Staat. Damit blieb — und bleibt — der Blick zunächst einmal verengt und versagt sich die Beobachtung längerfristiger Vorgangsketten und den Versuch der Entziffe rung evolutionärer Prozesse, wie dies ja nicht nur Marx und marxistisch inspirierte Ökonomen unternommen haben, sondern auch etwa N. Kondratiew mit seinen Zyk len, wie bereits erwähnt, oder etwa die Deutsche Historische Schule um Roscher und Bruno Hildebrand und viele mehr, darunter schon Klassiker wie etw aj. S. Mill. J. M. Keynes trat im Mai 1943223 mit einer „Analyse der Zukunft westlicher Nach kriegsgesellschaften“224 an die Öffentlichkeit, in der er für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg drei Phasen ausmachte, die in diesem Zusammenhang hier kurz geschildet werden sollen, weil diese Prognose sich mit dem tatsächlich eingetretenen Verlauf teilweise verblüffend deckt. Die erste Phase sah Keynes gekennzeichnet durch erheb lichen Bedarf an Investitionen, „um die hohe Nachfrage (bedingt vor allem durch Wiederaufbau, Nachholbedarf, Mangel an Grundbedarfsgütern) decken zu können.“ 222 Habermas (1999), S. 323 223 Reuter (2000), S. 137 224 Der Text dieser Analyse wurde erstmalig von K. G. Zinn ins Deutsche übertragen worden. In: Zinn, K. G.: Das langfristige Problem der Vollbeschäftigung. In: Sozialismus, Nr. 6, 1988, S. 18 ff. [135] (S. 141) „Gewinne werden kontinuierlich in neue Produktionsanlagen investiert“, entweder zur Kapazitätsausweitung oder zur Produktion neu am Markt anzubieten der Produkte. „Das ,Akkumulationskarussell’, also die Abfolge von Gewinnerwar tungen, Investitionen und bestätigten Gewinnerwartungen, kommt marktendogen initiiert in Fahrt und führt zu einem kontinuierlichen Kapazitätsaufbau.“ (S. 141) Hohe Wachstumsraten ermöglichen hohe Gewinne und „lassen die Beschäftigung steigen“; es kommt durch höhere Realeinkommen zu höheren Steuereinnahmen, die „zum Ausbau der kollektiven Wohlfahrt, (..) zur Absicherung und Erweiterung der sozialen Sicherungssysteme etc. verwendet werden können.“ Aufgabe der Wirt schaftspolitik ist es in dieser Phase, Ersparnisbildung zu fördern, um die Deckung des hohen Kapitalbedarfs zu unterstützen.225 In der zweiten Phase nehmen renditeträchtige Investitionsgelegenheiten allmählich ab, „das notwendige Investitionsvolumen [entspricht] weitgehend der Sparquote.“ Der relativ abnehmenden konsumtiven Nachfrage entspricht ein relativer Rückgang der privatwirtschaftlichen Investitionstätigkeit, weshalb Keynes „bereits in dieser Phase zur Aufrechterhaltung eines hohen Beschäftigungsstandes“ die Notwendigkeit einer zunehmenden Beeinflussung der Investitionen durch öffentliche Stellen sieht. „Dieser Zeitabschnitt lässt sich als Ubergangsphase vom Wachstums- in das Stagna tionsstadium bezeichnen.“ (S. 142) „Die sich anschließende dritte Phase — von Keynes auch als ,goldenes Zeitalter’ bezeichnet —“ ist gekennzeichnet durch ein über das Investitionsvolumen ansteigen des Sparniveau „als Ausdruck einer sinkenden Attraktivität des Konsums infolge ei ner zwischenzeitlich erreichten hohen Güterausstattung der Haushalte.“ (S. 142) „Sättigungstendenzen auf einer größer werdenden Zahl von Märkten lassen bislang eindeutige ,Nachfragesignale’ immer undeutlicher und uneinheitlicher werden, so dass für Investoren die sichere Kalkulationsgrundlage früherer Zeiten fehlt.“ Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es nun, für einen hohen und möglichst „sinnvollen“ Kon sum zu sorgen und „dem Sparen entgegenzuwirken“. Die Möglichkeiten der Kons umförderung sind jedoch begrenzt (die Zinsen können nur bis in den Bereich der Tresorkosten negativ werden!226), sodass wegen eines Abnehmens der Investitionstä 225 Offensichtlich handelt es sich hier um die Phase, die E. Hobsbawm als „Goldenes Zeitalter des Kapitalismus“ bezeichnethat, wie bereits gesehen. 226 Bekanntlich bem üht sich die EZB ja verzweifelt, „dem Sparen entgegenzuwirken“, eben durch Senkung der Zinsen bis in den negativen Bereich. W ie Hans-W erner Sinn erläutert, sind deshalb bereits die 500-Euro- Scheine aus dem Verkehr gezogen worden, weil dies die Tresorkosten um 250% verteuert, da nun größere Bargeldmengen in Tresoren gehalten werden müssten, um einer negativen Verzinsung au f Bankkosten zu ent gehen. Sinn äußert in diesem Artikel die Meinung, die M arxsche These vom tendenziellen Fall der Profitrate habe „eine ungeahnte Relevanz bekommen“ . Allerdings m acht er dafür nicht, wie Keynes, Bedarfssättigung verantwortlich, sondern eben die EZB. Diese solle nämlich die Zinsen erhöhen, um einen „Prozess der schöp ferischen Zerstörung“ einzuleiten, der sonst durch die Politik des niedrigen Geldes verhindert werde. Sinn zitiert sinngemäß Marx: „Krisen bieten neuen Unternehmern die Möglichkeit, au f den Ruinen alter, in Konkurs gehender Unternehmen neue Firmen zu gründen, die die Maschinen und Gebäude sehr billig aus der Konkurs m asse erwerben und deshalb wieder hohe Kapitalrenditen erwirtschaften. Diese Sicht der Dinge ist später von Joseph Schumpeter vertieft worden. Er prägte den B egriff der schöpferischen Zerstörung, um den Neuanfang au f den Ruinen alter Industrien zu beschreiben.“ Aber die Unternehmen „schwimmen im Geld“ ! W o, in wel chen Branchen sollte denn ein Neuanfang lukrativ werden? Es ist eben M angel an Nachfrage, der heute die Situation kennzeichnet, und für die erlahmte Investitionstätigkeit verantwortlich ist. Da scheint die Analyse von J. M. Keynes plausibler. H.W. Sinn: „M arx‘ wahre Leistung“ , ln: Die ZEIT vom 26.01.2017 [136] tigkeiten, einem Zurückbleiben der Gesellschaft hinter ihren Produktionsmöglichkei ten und einem sich gleichzeitig weiterentwickelnden Produktivitätsfortschritt eine sukzessive „Verkürzung der Arbeitszeit unumgänglich“ wird, und mehr Freizeit er möglichtwird. (S. 143) An dieser Stelle erweist sich die Prognose nun offensichtlich als irrig — die Strategie der Arbeitszeitverkürzungen ist seit etwa Ende der 1980er Jahre verlassen worden. Aber warum, wäre hier zu fragen? War dies möglicherweise auch ein Erfolg der zu der Zeit schon lange prädominant gewordenen Lehre des Neoliberalismus? Was die Ersparnisbildung angeht, lag Keynes jedenfalls ganz offensichtlich richtig; diese folgt nach Keynes ganz eigenen „objektiven“ und „subjektiven“ Motiven; zu den objektiven Größen bzw. Einflussfaktoren zählt Keynes die Entwicklung des Re aleinkommens, nach Abzug von Steuern und Abgaben, sowie „Erwartungen über die zukünftige Höhe des Einkommens, die das momentane (Vorsorge-)sparverhalten be einflussen.“ Die subjektiven Faktoren sind u. a. Vorsorgeverhalten für diverse zu künftige Belastungen, Schaffung von Unabhängigkeit, und „Geiz“; Keynes fasst diese Motive zusammen mit den „Stichwörtern Vorsicht, Voraussicht, Berechnung, Ver besserung, Unabhängigkeit, Unternehmungslust, Stolz und Geiz.“ (S. 152) Diese Sparmotive sieht Keynes konkurrieren mit diversen Konsum-Motiven. Im Ergebnis erwartete Keynes also von der Nachfrageseite her auftretende stag native Tendenzen, die dauerhaft durch keinerlei Stimulationen der Konsumneigung oder durch öffentliche Investitionen zu kompensieren sind. Als Konsequenz empfahl Keynes einerseits „öffentliche Eingriffe, die als Ergänzung, nicht als Aufhebung des Marktmechanismus gedacht sind“227, um wachsenden Ungleichgewichten auf den Ar beitsmärkten infolge abnehmender Nachfrage nach Arbeit entgegenzuwirken. Er dachte unter anderem auch an dezentrale, „halbautonome Körperschaften und Ver waltungsorgane (..), die mit alten und neuen Staatsaufgaben betraut werden — ohne dass jedoch der demokratische Grundsatz oder die grundlegende Souveränität des Parlaments beeinträchtigt wird.“228 Wie würde sich in einem solchen gesamtwirtschaftlichen Klima und unter der Vo raussetzung der Durchsetzbarkeit derartiger von Keynes beschriebener und empfoh lener Wirtschaftspolitiken die Profitraten entwickelt haben? In der Tat: es wäre ver mutlich zu dem auch von Schumpeter erwarteten drastischen Absinken der Profitra ten und der Kapitalrenditen gekommen, und — in Ermangelung von Handlungsalter nativen — zu dem beschriebenen schleichenden Übergang in den „Sozialismus“, wie ihn im zitierten Artikel auch Sinn beschreibt — allerdings gemeint als fürchterlichste aller vorstellbaren Drohungen.229 Die neoliberale Lehre hat nun den für Kapitaleigner ungeheuer wertvollen Vorteil, erstens diese Zusammenhänge aus dem Blickfeld zu verbannen, und zweitens nach http://www.hanswemersinn.de/de/ZEIT_26012017 [Stand 14.02.2017] 227 Reuter (2000), S. 161 228 Keynes, J. M.: Bin ich ein Liberaler?, a.a.O., S. 109 229 „Im Endeffekt könnte sich Marx' Behauptung, der Kapitalismus werde am Fall der Profitrate zugrunde gehen und dem Sozialismus den W eg ebnen, also bewahrheiten - wenn auch ganz anders, als er es verm utet hatte.“ Sinn m eint also: wenn die EZB dies nicht noch schleunigst durch Anheben des Zinssatzes verhindert. A.a.O. [137] Möglichkeit immer neue Investitionsmöglichkeiten für diese enormen angesammel ten Massen von Uberersparnis zu entdecken und zu erfinden. Dies geschieht zum einen durch den „ökonomischen Imperialismus“ der neoliberalen Lehre, die das Kosten-Nutzen-Kalkül auf alle Lebensbereiche ausdehnen will (was Habermas „Koloni alisierung der Lebenswelt“ genannt hat), und zum anderen durch das Eindringen pri vatwirtschaftlichen Erwerbsstrebens in den öffentlichen Sektor. Die Argumente, die einmal für die Einrichtung eines öffentlichen Sektors und die Abkoppelung von Aufgaben der allgemeinen Daseinsvorsorge aus dem Verwertungs prozess des Kapitalmarktes gesprochen haben, verwirft der Neoliberalismus. Positive zivilisatorische Ziele der gesellschaftspolitischen Gestaltung kennt der Neoliberalis mus nicht; etwa soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und andere Wohlfahrtsziele wie Vollbeschäftigung, ein erschwingliches Bildungsangebot oder gesicherte medizi nische Versorgung haben keinen Eigenwert; die Idee einer solidarischen Gesellschaft verschwindet vollkommen hinter dem verabsolutierten Ziel der Verfolgung individu eller Nutzenerwägungen. Ein in dem Sinne durch Vernunft entworfenes zivilisatorisches Ziel einer erstre benswerten „besseren“ Gesellschaft muss sich der neoliberale Realpolitiker versagen, denn „dazu waren wir nicht intelligent genug.“230 Der Markt ist in dieser Vorstellungs welt kein „abstraktes oder gar perfektes Modell im Sinn neoklassischer Vollkommen heit (•••), sondern wird — fast bescheiden — zu demjenigen Modell erklärt, welches unter den gegebenen Bedingungen der aufgeführten Beschränktheit das einzig mög liche und damit das beste darstellt. Staatliche Interventionen zur Korrektur von Marktergebnissen oder gesamtwirtschaftliche Planungen zur Durchsetzung gesell schafts- bzw. sozialpolitischer Zielsetzungen können (...) nichts anderes als störende Fremdkörper sein.“231 H. Schui, den Ptak zitiert, verdichtet seine Kritik in der folgenden Zusammenfas sung: „Allgemeine Wohlfahrt besteht nicht länger im (Wohlstand der Nationen‘ (Ent wicklung), und nicht einmal mehr in der optimalen Allokation vorhandener Ressour cen (allokative Effizienz), sondern in der bestmöglichen Selektion und Vergesell schaftung von Einzelwissen. (...) Damit hat die allgemeine Wohlfahrt keine materi elle Substanz mehr: Die Leistungsfähigkeit des Marktes lässt sich nicht länger empi risch überprüfen.“232 Der Neoliberalismus war also offensichtlich spätestens ab Mitte bis Ende der 1970erjahre die sozioökonomische Lehre der Stunde, die den Interessen der Bezie her von Kapitalerträgen angesichts schwindender Investitionsgelegenheiten in idealer Weise entgegen kam, und die daher nach Kräften und auf allen erdenklichen Kanälen der gesellschaftlichen Kommunikation gefördert wurde. Eine „neoliberale Imple mentierungsstrategie“ wurde daher ebenfalls entwickelt, mit den folgenden vier Säu len, wie Ptak sie angibt: 230 Ptak zitiert F.v. Hayek aus: Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 2: Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit. München 1981, S. 147 ff. 231 Ptak (2007) S. 47 232 Ptak (2007), S. 47 Ptak zitiert aus H. Schui, S. Blankenburg: Neoliberalismus: Theorie, Gegner, Praxis. Ham burg 2002, S. 77 ff. [138] 1. Präsentation des Neoliberalismus als Projekt der Moderne und der Befreiung233 2. dauerhafter Kampf um die Köpfe durch permanente Propaganda für die Vor züge der freien Marktwirtschaft und Diskreditierung der Kritiker 3. systematische Politikbeeinflussung im Sinne des neoliberalen Projekts durch think tanks 4. Absicherung und Dynamisierung marktwirtschaftlicher Reformen durch unter schiedliche Formen institutionellerVerankerung (a.a.O., S. 75) Wie bereits gesehen, ist diese neoliberale Implementierungsstrategie wohl mehr oder weniger in der gesamten entwickelten westlichen Welt höchst erfolgreich voran getrieben worden, allenfalls mit kleineren Abstrichen etwa in skandinavischen Län dern mit einer nach wie vor etwas höheren Staatsquote, und einem etwas dichter und belastbarer gewebten sozialen Sicherheitsnetz. Das normative Gegenmodell zur neoliberalen Marktgesellschaft wäre nun offen sichtlich eine Gesellschaft mit sozialer Gerechtigkeit und hinreichender sozialer Si cherheit, in einem inklusiven Klima der Solidarität und sozialer Mitverantwortung und möglichst breiter Teilhabe am allgemeingesellschaftlichen Reichtum, um das ein mal auf diese Formel zu bringen. Aber wären damit die skizzierten und, wie gesehen, von Keynes schon vor rund 75Jahren prognostizierten Steuerungsprobleme des rei fen Kapitalismus dauerhaft zu lösen? Und die sich nun im Zusammenwirken etwa mit den klimatischen Bedrohungen, der zu erwartenden Ressourcenverknappung bei zentralen Rohstoffen und fossilen Energien und einem scheinbar immer mehr dro henden Zerfall eines zivilisatorischen Grundkonsenses234 drastisch verschärft haben? 233 Nancy Fraser weist daraufhin , dass es in diesem Sinne auch einen „progressiven Neoliberalismus“ gibt bzw. gegeben hat, oder der sichjedenfalls für progressiv hielt, und der sich auf die Themen Feminismus, Antiras sismus, Multikulturalismus und das Verfechten von Schwulen- und Lesben-Rechten konzentrierte; in kom merziellen, oft dienstleistungsbasierten Sektoren von hohem Symbolgehalt (W all Street, Silicon Valley und Hollywood) stehen in dem Sinne progressive Kräfte faktisch im Bündnis m it den Kräften des kognitiven Ka pitals, insbesondere der Finanzialisierung. Aus Opponenten dieser Art von progressivem Neoliberalismus re krutiert sich nach Fraser das Potential eher rechts-nationaler Protestwähler. N. Fraser: Für eine neue Linke oder: das Ende des progressiven Neoliberalismus. Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2017, S. 71 76 234 Soll man die Tatsache, dass die Deutsche Bank eine kriminelle Vereinigung genannt werden darf hier zuerst nennen, oder die Verwandlung der Kulturindustrie in Produzenten gewaltverherrlichender Computerspiele, oder etwa „die gebührenfinanzierte Faszination des Todes“, die sich in der enorm angestiegenen Zahl „kalt blütiger oder m ysteriöser Morde, Serien-, Frauen- oder Ritualmörder“ im Fernsehprogramm zeigt? Vgl. „All die schönen Toten“ . Über Mord und Tod im Fernsehen. Sendung im Deutschlandfunk von C. Schüle vom 25.09.2016 http://w ww.deutschlandfunk.de/ueber-mord-und-tod-im-femsehen-all-die-schoenen-toten. 1184.de.html?dram:article_id=364111 [Stand 14.02.2017] [139] Die Krise der Intellektuellen - Kritik ohne Lösungen Der 2014 im Alter von 54Jahren Verstorbene journalist Frank Schirrmacher hat ohne Zweifel die Rolle eines Intellektuellen ausgefüllt Er hatte einen exzellenten Werde gang aufzuweisen mit einer soliden geisteswissenschaftlichen Bildung als promovier ter Germanist mit Nebenfach Philosophie, und absolvierten Studienaufenthalten an so renommierten Universitäten wie Cambridge und Yale. Er war damit früh qualifi ziert für höhere Aufgaben, und hatte schon mit 35 Jahren als einer der Herausgeber der FAZ eine Position inne, die seinen feuilletonistischen zeitdiagnostischen Analy sen eine große Reichweite und enormes Gewicht in der öffentlichen Meinungsbil dung bescherten. Während er zunächst der eher wirtschaftsfreundlich-konservativen Linie seines Hauses treu war, begann er etwa ab 2011, nicht zuletzt unter dem Eindruck der w e n ig e Jah re zurückliegenden Finanzkrise, „zu glauben, dass die Linke recht hat.“235 In seinem 2013 erschienenen Buch „EGO - Das Spiel des Lebens“ formulierte er mas sive Kritik an einer Lebens- und Wirtschaftswelt, wie sie als Produkt einer unmittel baren Umsetzung neoliberaler Implementierungsstrategie perfekter und totaler nicht hätte sein können, „die, bis in alle Details durchökonomisiert, den Eigennutz als in nersten Kern rationalen Verhaltens erlebt.“ Schirrmachers Buch will nach seinen Worten die Geschichte erzählen, „wie nach dem Ende der Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird.“236 Wie Schirrmacher den etwa ab April 2014 offen ausgebrochenen Konflikt in der Ukraine bewertet hätte, ist nun im Verborgenen geblieben; er starb am 12. Juni 2014, und seine letzte öffentliche Äußerung dazu dürfte seine Reaktion auf das Interview des Fernsehmoderators Claus Kleber mit dem Chef des Siemens-Konzernsjoe Kaeser gewesen sein, der kurz zuvor trotz der sich zuspitzenden Spannungen in der Uk rainekrise zu einem Treffen mit Vladimir Putin nach Moskau gereist war. Seine Kritik an einem als „inquisitorisch“ und „Vaterlandsverratsrhetorik“ qualifizierten Inter view hätte nicht schärfer sein können; er formulierte sie in einem am 28.03.2014 er schienenen Artikel in der FAZ: „Dr. Seltsam ist heute online. In der Krim-Krise sieht man: Der Echtzeitjournalismus ist schneller als die Reaktionszeit für einen Atoman griff. Er setzt auf die Semantik der Eskalation und wird dadurch selbst zur Waffe.“237 Freunde dürfte er sich in den einschlägigen Kreisen mit diesem Interview nicht gemacht haben, wohl auch nicht im Hause seines Arbeitgebers. Erst wenige Wochen vorher hatte er sich in einem Artikel scharf polemisierend gegen einen Zeitgeist ge wendet, der sich für ihn exemplarisch in einem von der EU-Kommissarin Nellie Kroes bei einer Rede getragenen elektronischen Armband zur Messung körperlicher Fitness und diverser Körperfünktionen zeigte, das ihm vorkam wie ein „Schlussstein 235 F. Schirrmacher: Ich beginne zu glauben, dass die Linke Recht hat. Artikel der FAZ vom 15.8.2011 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat- 11106162.html [Stand 15.02.2017] 236 a.a.O., S. 16/17. 237 F. Schirrmacher: Dr. Seltsam ist heute online. Artikel in der FAZ vom 28.03.2014 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/echtzeitjoumalismus-dr-seltsam-ist-heute-online- 12867571.html [Stand 15.02.2017] [140] der Quantifizierbarkeit des Einzelnen, der sich nun in nichts mehr vom Modell des „homo oeconomicus“ unterscheidet: eines Wesens, das ausschließlich einer Effizi enz- und Kontrollogik gehorcht.“238 Auch unter dem Eindruck der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch aktuellen Enthüllungen zu den Abhöraktivitäten der NSA stellte er das sich hier manifestie rende Verständnis von Marktwirtschaft und Politik in Frage: „Hayeks gegen die Plan wirtschaft gerichteter Satz beispielsweise, dass es in Märkten keinen gebe, der das vollständige Wissen habe, weshalb die Selbstorganisation von Märkten das Wissen gleichsam indirekt produziere, beginnt zu zerfallen. Das absolute Wissen ist heute Unternehmenszweck von imperialen Digitalmonopolen und der NSA.“ Die Frage, die sich in der Konsequenz für ihn stellte, zielt in die Mitte des demokratischen Poli tikverständnisses: „Die Frage, die sich stellt, lautet: Wollen wir eine Politik, die Be triebsanleitungen vorliest, oder eine, die sie in demokratischen Kommunikationsver fahren verfasst? Wollen wir, dass Normen durch selbstregulierte technische Systeme gleichsam instinkthaft eingeübt werden — und genau das passiert gerade — oder dass sie reflektiert und diskutiert werden?“ (a.a.O.) Schirrmacher war als einer der Herausgeber der FAZ in der komfortablen Situa tion, keinem Chefredakteur unterstellt gewesen zu sein, den er vor Veröffentlichung seiner Texte hätte um Erlaubnis fragen müssen. Zeitgenossen mit einer von Schirr macher dann vertretenen Haltung geraten eher selten in derartige Positionen; ihm hat dies jedenfalls zu einer enormen Publikumswirksamkeit verholfen, und sein Wort als das Wort eines konvertierten Konservativen wurde dann gehört und geachtet. Aber hat es auch gewirkt? Hat er etwas erreichen und verändern können? Wird das Leben heute bestimmt von einer Politik, die mehr leistet als Betriebsanleitungen vorzulesen? Und wenn ja, worin bestünde sie, was wären ihre „Kernthemen“ und Anliegen? Möglicherweise begründet sich die Tragik der heutigen Intellektuellen darin, dass sie zwar ihr Unbehagen empfinden und ausdrücken können, aber dann — wie eingangs bereits etwa zu Wolfgang Streeck bemerkt — am Ende doch rat- und ideenlos bleiben müssen.239 Selbst wenn in den vorbildlichsten demokratischen Diskursen reflektiert und diskutiert würde — was würde dann beschlossen? Und diese Frage führt dann auf sehr kurzem Wege erneut in die Einsicht, dass in der Tat — ohne sehr massive Ein griffe, deren materiale Beschaffenheit eben noch sehr genau zu spezifizieren wäre bzw. sein wird — die derzeitig verfolgten Politik- bzw. vor allem Wirtschaftspolitik konzepte alternativlos sind, und sich nur winzige Gestaltungsspielräume auftun, wes halb es ja letzten Endes wenig überraschend ist, dass trotz gelegentlich auftauchender oppositioneller Bewegungen oder Parteien oder Personen sich am Ende doch immer 238 „Das Armband der Nellie Kroes. Längst tobt die digitale Revolution. Doch unsere politischen Repräsentanten kämpfen nicht für Freiheit und Autonomie, sondern feiern noch die bedenklichsten Gadgets der Datenhändler. Höchste Zeit, sich dem Versuch einer Programmierung der G esellschaft und des Denkens zu widersetzen. Artikel in der FAZ vom 3.3.2014 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/frank-schirrmacher-12826199.html [Stand 15.02.2017] 239 Diese Ideenlosigkeit beklagteja auch Axel Honneth, in seiner Eigenschaft als Direktor des berühmten Instituts für Sozialforschung, das W irkungsstätte der produktivsten und einflussreichsten Intellektuellen war, die in D eutschlandje gewirkt haben: „... es ist, als mangele es an dem Vermögen ( . ..) einen gesellschaftlichen Zu stand jenseits des Kapitalismus zu imaginieren.“ Diese damals m eist m arxistisch inspirierten Imaginationen konnten zu ihrer Zeit noch den Diskurs beflügelt. Honneth (2015) S. 15 [141] wieder das bekannte Spektrum an mehr oder weniger altbekannten Programmatiken durchsetzt. Insoweit scheint es vorerst tatsächlich so zu sein, wie Margaret Thatcher seinerzeit triumphierend diagnostizierte: TINA — There Is No Alternative. An Diagnosen der insgesamt wenig Anlass zu Optimismus bietenden Situation der vom Neoliberalismus abgehängten Schichten mangelt es wahrhaftig nicht, wenn man einmal die infolge unterschiedlich erfolgreicher nationaler Strategien („beggar thy neighbour“) entstandenen Unterschiede des Tebensstandards oder des Wohlstands niveaus ausnimmt. Aber wo finden sich Ansätze für Tösungen? Welche Wissensbe stände stehen dem „intellektuellen“ Zeitdiagnostiker zur Verfügung, auf welcher Grundlage beurteilt und bewertet er? Der typische „Intellektuelle“ ist, wie eben Schirrmacher, Vielleicht journalist, oder Schriftsteller, oder Wissenschaftler auf einem nicht zu sehr technischen Gebiet, also etwa Philosoph, Soziologe, Politologe oder Sozialwissenschaftler, wie etwa W. Stre eck. Auch Künstler, Kulturschaffende wie Musiker oder häufiger Filmemacher mel den sich zeitdiagnostisch zu Wort; weniger häufig hört man von Ökonomen bzw. wohl vorzugsweise dann, wenn sie die „neoliberale“ Weitsicht auszubreiten haben. Zu den typischen Intellektuellen zählt man eher nicht die Angehörigen einer techni schen Fakultät, wie etwa Informatiker, oder Vertreter sonstiger Fächer mit wenig Be zug zu allgemeingesellschaftlichen Themen, wie etwa Mediziner oderJuristen, sofern es sich nicht um spezielle Themen von gesellschaftlicher Relevanz handelt. Ein typi scher Intellektueller240 ist ein Arzt oderJurist oder Chemiker oder Biologe in der Regel wohl eher nicht — Ausnahmen bestätigen natürlich diese Regel.241 Wenn aber nun die Tösungen statt im Bereich der Wertungen, der Ethik, der Politik, der Ökonomie oder der Gesellschaftswissenschaften viel eher auf technischem Gebiet zu finden sind? Eine sehr detailreiche und beeindruckende bis bedrückende zeitdiagnostische Ana lyse wurde 2015 von A. Rolf und A. Sagawe vorgelegt, und beide sind Informatiker. A. Rolf ist genaugenommen von Hause aus Ökonom, lehrte aber bis zu seiner Eme ritierung als Professor für Wirtschaftsinformatik am Fachbereich Informatik der Uni 240 Nach Habermas ist es ein „avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen“, der den Intellektuellen ausmacht. „Es ist einfach, den Idealtypus eines Intellektuellen zu entwerfen, der wichtige Themen aufspürt, fruchtbare Thesen aufstellt und das Spektrum der einschlägigen Argumente erweitert, um das beklagenswerte N iveau öffentlicher Auseinandersetzungen zu verbessern.“ In: Information Philosophie, März 2006 241 Das M agazin Cicero erstellte im Dezember 2016 zum fünften Mal eine Rangliste der „wichtigsten Intellektu ellen Deutschlands“ . „Die Cicero-Rangliste entsteht nach einem aufwendigen Verfahren, das die Relevanz der Intellektuellen in denjew eils zehn zurückliegenden Jahren misst. Sie basiert erstens auf der Präsenz in den 160 wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften. Zweitens werden Zitationen im Internet ermittelt, drittens Treffer in der wissenschaftlichen Literaturrecherche Google Scholar gezählt. Viertens reflektieren Querverweise im biografischen Archiv M unzinger die Bedeutung der Intellektuellen im Networking. Politiker wurden nicht berücksichtigt.“ A uf diese W eise sollen die „echten Vordenker unserer Gesellschaft“ im deutsch sprachigen Raum erm ittelt worden sein. A u f den ersten zehn Plätzen stehen: 1. Martin W alser (Schriftsteller), 2. Peter Sloterdijk (Philosoph), 3. Peter Handke (Schriftsteller), 4. Hans-W erner Sinn (Ökonom), 5. Thilo Sarrazin (Politiker), 6. Jürgen Habermas (Philosoph), 7. Alice Schwarzer (Journalistin), 8. Elfriede Jelinek (Schriftstellerin), 9. Stefan Aust (Journalist), 10. Hans Magnus Enzensberger (Schriftsteller). Zu dem im ge gebenen Kontext diskutierten Problemkreis äußerten sich diese Intellektuellen bis auf Habermas und Sinn al lenfalls kursorisch, und H. W. Sinn „affirmativ“, wie man im Jargon der während der 1970er Jahre „vorden kenden“ kritischen Intellektuellen im Umfeld eines oftmals marxistisch inspirierten Milieus zu sagen pflegte; in diesem Klima g riff etwa der Soziologe Helm ut Schelsky 1975 in einem Buch die „Priesterherrschaft der Intellektuellen“ an m it dem Vorwurf: „Die Arbeit tun die anderen.“ http://cicero.de/salon/cicerorangliste-2017-dagegenhalten-ist-alles [Stand 16.02.2017] [142] versität Hamburg. In ihrem Buch beschreiben sie die Entfaltung der „digitalen Ge sellschaft“ mit dem Bild des Webens von Spinnennetzen, mit denen die wichtigsten Akteure der „neuen“ digitalen Ökonomie — Amazon, Google, Facebook, Apple — die Welt überziehen, um aus allem, was sich in ihnen verfängt, Kapital zu schlagen. Ganz ähnlich wie Schirrmacher beschreiben sie eine Welt der totalen Kommerzialisierung, die schließlich auch ins Privatleben vordringt und möglichst jedes Ereignis des priva ten Erlebens als „Event“ der Ertragsabschöpfung erschließen will; in der sich ein Unternehmen wie Amazon zum Beherrscher der Wertschöpfungskette machen kann, ohne selber Werte zu schöpfen, und in der der Konsum nicht mehr wie zur Zeit des Adam Smith als letzter und einziger Zweck allen Wirtschaftens gilt, sondern zum Stoff für Süchtige geworden ist; der Konsument wird zumjunkie, der schon Stunden vor Geschäftsöffnung vor den Ladentüren der Apple-Stores ausharrt, um ein neu angekündigtes Produkt des Hauses möglichst frühzeitig zu ergattern. Die Möglichkeiten des Internet bieten hier Wege und Verfahren des Zugriffs auf den Kunden als „Objekt der Begierde“, wie sie eben vorher nie bestanden haben, und mit dem Bild des Aufspannens von Spinnennetzen im „World Wide Web“ treffend auf den Nenner zu bringen sind: „Im Spinnennetzgeht die Macht von einem Zentrum aus mit dem Ziel der Einverleibung. Spinnen sind Kannibalen und in der Lage, sehr belastbare und dehnbare 'Netze ZP weben. Mit ihrem Net£ können sie ihre Beutefesseln und konservieren. Mit Signalfäden ergreifen sie aktiv ihre Beute. Mit einem ange hefteten Faden als Sicherungsleine können sie sich bei Gefahr abseilen. Damit sind sie auch in der Lage, durch die Luft zp reisen und neue Lebensräume zp besiedeln. Die Seidenfäden werden auch %ur Kom munikation eingesetzt. Die Fäden schwingen mit unterschiedlichen Frequenzen, so kann die Spinne an den Schwingungen schnell spüren, wo welche Beute hängt. Die Funktion der Spinnenfädenfindet sich in Kommunikationsleitungen wieder. Sie leiten die Daten von Kunden, Startups etc. an die Zentrale bzw. Chud weiter, hier werden sie fü r neue Strategien genutzt. Für die digitale Welt nicht ganz unwichtig: Spinnen, die auf engem 'Kaumgehalten werden, würden sichgegenseitig auffressenP2"'2 Die Spinnen im Zentrum dieser Netze sind eben die genannten Internetkonzerne, die „imperialen Digitalmonopolisten“, wie Schirrmacher sie nannte. Ist es erlaubt, eine Firma, einen Konzern, der doch nichts anderes tut als eine vom Kunden — ganz freiwillig — in Anspruch genommene Leistung zu erstellen, als Spinne zu bezeichnen, die ihre Opfer ja schließlich töten und aussaugen will, anstatt ihnen mit einer attrak tiven Leistung nützlich zu sein? Schaut man sich genauer an, wie diese weltumspan nenden Konzerne sich in die globale Ökonomie eingenistet haben, wird man sehen, dass der Vergleich nicht so unangemessen ist wie es zunächst scheinen mag. Soweit die Digitalisierung sich im Umfeld der „alten“ Ökonomie bewegt, stellt sie nichts anderes dar als den altbekannten Trend zur Produktivitätssteigerung; die An wendungen der Informations- und Kommunikationstechnologien haben die Steue rung der inner- und zwischenbetrieblichen Abläufe verbessert, Vorgänge gestrafft und verkürzt, und eben so weit wie immer möglich von menschlichen Aufgabenträ 242 A. Rolf, A. Sagawe: Des Googles Kern und andere Spinnennetze. Die Architektur der digitalen Gesellschaft. Konstanz und München 2015, S. 83 [143] gern auf Maschinen übertragen. Dadurch steigt die Arbeitsproduktivität der verblie benen menschlichen Arbeiter in der „alten“ Realwirtschaft — wie bereits gesehen. Sind aber die Leistungen von Amazon, Google, Apple und Facebook der Realwirt schaft zuzurechnen? Apple stellt offensichtlich ein ganz reales Produkt bzw. Pro duktsortiment her, auch wenn dies mit einer Reihe von immateriellen Produkten wie der immer breiter werdenden Palette von „Apps“, dem Zugriff auf die Musikbörse iTunes, die iCloud oder diverse Messagerdienste verbunden ist. Der Marktanteil von Apple, das 2016 rund 63 Prozent seines Umsatzes mit Smartphones erzielte, ist im letztenjahr (2016) zwar zurückgegangen, könnte sich aber im laufendenjahr infolge der Pleite des Konkurrenten Samsung mit seinen brandgefähr lichen Geräten wieder erholen. Apple bleibt aber dennoch mit einem Gewinn von rund 9 Mrd. Dollar aus etwa 47 Mrd. Dollar Umsatz profitabelstes US-Unternehmen.243 Apple ist also in der Lage, seine Produkte zu weit über den Herstellungskosten liegenden Preisen zu verkaufen, und das ist in der Regel nur möglich bei einer sehr engen und belastbaren Kundenbindung. Damit hat Apple zwar noch keine Mono polstellung inne, aber man wird sagen können, dass Apple sich nach Kräften darum bemüht, eine solche aufzubauen. Wie ist es mit den Diensten von Google, Amazon und Facebook? Amazon ist bekanntlich ein Online-Händler, der zu Anfang mit Büchern handelte, und später mehr oder weniger mit allem, was im Endverbrauchermarkt handelbar ist. Worin be steht die Leistung eines Online-Händlers — darin, ein Gut einem potentiellen Kunden mit seinen verkaufsentscheidenden Eigenschaften anschaulich und informativ zur Kenntnis zu bringen, und im Falle des Kaufs alle notwendigen Vorgänge wie Kauf vertrag und Bezahlung möglichst einfach und schnell zu regeln, und dann vor allem dafür zu sorgen, dass das erworbene Gut auch möglichst schnell beim Kunden ange liefert wird. Es liegt auf der Hand, dass ein Online-Händler diese Leistungen am besten dann erbringen kann, wenn er groß ist, sein Angebot also möglichst umfassend ist, und er alle Möglichkeiten zur Gestaltung effizienter Betriebsabläufe nutzen kann, die die Be triebsgröße mit sich bringt. Wenn er es zusätzlich schafft, attraktive Preise zu bieten, was ihm durch Druck auf die an seine Beschäftigten gezahlten Löhne sowie Druck auf Hersteller und Einzelhändler möglich ist, deren Produkte er vertreibt, so wird es nur ein Frage der Zeit sein, bis er eine zumindest monopolartige Stellung am Markt erreicht hat. Die Möglichkeiten des Smartphones, des Internet oder des Laptop und die Bequemlichkeit des Kunden sowie seine Erwartung der schnellstmöglichen Be dienung befördern im Verein mit allerlei Raffinessen der Kundenbindung, etwa der Gewinnung von Informationen über Konsumgewohnheiten und persönlicher Vor lieben des Kunden, die Bildung solcher monopolartiger Strukturen. Es ist für den Kunden am einfachsten, möglichst viele Käufe über ein und dasselbe Portal abzuwi ckeln, als wenn er sich immer die Mühe eines Leistungsvergleichs machen muss. Wer also einmal eine Monopolstellung erreicht hat, wird sie voraussichtlich ohne ernst hafte Gefährdung durch Newcomer halten können. 243 https://www.golem.de/news/quartalszahlen-apple-gewinn-und-umsatz-faellt-zum-dritten-mal-l610-124040.html [Stand 16.02.2017] [144] Die Produkte, die nun durch die Lagerhallen von Amazon zum Kunden wandern, sind ohne Zweifel in der Regel sehr real, und die Leistung besteht in der durchaus realwirtschaftlichen Erhöhung des Kundennutzens durch schnellste und bequemste Lieferung; aber die Leistung von Amazon, die ja von den einzelnen Kunden hochge schätzt wird, ist von der Gesellschaft als ganze teuer bezahlt. Der Druck, den Ama zon auf den Einzelhandel ausübt, ist enorm, wie etwa derjournalist M. Hanfeid „mit drastischen Sätzen“ zum Ausdruck bringt, den Rolf / Sagawe zu Wort kommen las sen: „Jeff Bezos ist ein Händler, der Preise drückt, ein Monopolist, der die Buchbran che vernichtet, ein Verkäufer, der in Tagesfrist die Ware zum Kunden bringt, koste es die Produzenten, was es wolle. Er beherrscht die Wertschöpfüngskette, ohne selbst Werte zu schaffen.“ Und sie fragen: „Wollen wir ihm, der die Buchhändler wie die Verlage aus dem Weg räumen will, der vom Händler zum Kulturproduzenten werden will, die Monopolherrschaft über ein ganzes Kulturgut überlassen?“244 Die Strategie des Onlinehändlers Amazon bzw. seines Gründers und Besitzers je ff Bezos, in der Ökonomie schon vorhandene Leistungen bzw. Leistungserbringer und deren Verbindungen zu ihren Kunden wie mit einem Spinnennetz zu überziehen, um diese Beziehungen kontrollieren und aus ihnen Profit saugen zu können, wird damit schon deutlich. Der originäre Wertschöpfungsanteil des Händlers ist vergleichsweise minimal, aber die Gesellschaft bezahlt mit einer Vielzahl an weggefallenen oder pre kär gewordenen Arbeitsplätzen auf einem ehedem angesehenen Tätigkeitsfeld, und die hohen abgeschöpften Gewinne von Amazon kommen auf der anderen Seite der Gesellschaft über Steuereinnahmen in nur verschwindend kleinem Umfang zu Gute, da Amazon bekanntlich jedes Steuerschlupfloch nützt, und mit seinem Firmensitz in Luxemburg seine Steuerlast auf unter sechs Prozent drücken kann. Google ist nun bekanntlich eine Suchmaschine, deren Nutzung für den Onlineanwender kostenlos ist, und die sich über Werbung finanziert. Der realwirtschaftliche Nutzen liegt also darin, Umsätze in der Realwirtschaft zu erhöhen, und zwar dadurch, dass man durch Nutzung der Informationskanäle des Internet in der Lage ist, einem potenziellen Kunden möglichst präzise seinen ermittelten Vorlieben und Gewohn heiten genau entsprechende Werbeangebote zu machen. Auch im Falle der von Google bereitgestellten Services ist es so, dass ein möglichst großer Anbieter diese Leistung am besten erstellen kann. Wenn eine Suchanfrage an eine möglichst große und mit allen in der Welt der Daten verfügbaren Informationen gefütterte Datenbank gerichtet werden kann, ist die Trefferwahrscheinlichkeit offenbar am höchsten, und die Suche die ergiebigste. Und auch hier ist es für den Nutzer das einfachste, wenn die genutzte Oberfläche immer die Gleiche ist, und er sich mit allen Suchanfragen an das gleiche Portal wenden kann. Es wird also früher oder später ein Monopolist übrig bleiben, der „seinen“ Markt mehr oder weniger vollständig beherrscht. Rolf / Sagawe beschreiben eingehend die vielfältigen Mittel und Strategien von Google, seine einmal erreichte Stellung auszubauen und seine Spinnennetze immer weiter auszudehnen, und neue Beute auszumachen und sie sich einzuverleiben. Wie sie beschreiben, möchte Google einmal statt des 4-Prozent-Anteils am Werbemarkt für Online-Werbung dessen gesamte restliche 96 Prozent für sich gewinnen, um so 244 R olf / Sagawe (2015) S. 60 [145] zur „weltweit größten Werbeplattform“ zu werden. (S. 78) In Verfolgung dieser Ab sicht versucht Google immer weiter in die Privathaushalte vorzudringen und diesen Informationen zu entlocken, die es sich zunutze machen kann, so etwa mit einem geplanten „Internet der Thermostate“, das zu einem „Einfallstor in die Haushalte“ werden soll, um mit möglichst vielen Sensoren in den Haushalten die Daten der Men schen wie mit einem „Informationsstaubsauger“ abzugreifen. (S. 81) Man muss nicht noch weitere digitale „Spinnen“ wie Airbnb, Uber, PayPal, eBay und eben Facebook und deren Strategien im Einzelnen durchgehen und beschreiben, um zu erkennen, was den Erfolg dieser Netzeweber ausmacht. Rolf / Sagawe nennen die folgenden wesentlichen Erfolgsfaktoren: • „In der digitalen Welt bekommt der Sieger häufig alles, auch wenn die Kon kurrenten nicht schlechter sind (...) • Sieger ist der Anbieter, der mit seinem Produkt früh am Markt ist, weitere attraktive Angebote „drumrum“ entwickeln kann und Start-ups zu gewin nen vermag. (...) • Spinnennetze binden gleich mehrere Gruppen: die Nutzer, Werbekunden, die Start-ups, (...) sowie zunehmend auch assoziierte Unternehmen der „al ten“ Ökonomie. Zahlen müssen lediglich die Anzeigenkunden, für die Nut zer ist alles „just for free“. • Durch stillschweigende Übereinkunft können die Nutzer auf eine Vielzahl von Informationen und Daten im Netz zugreifen. Im Gegengeschäft neh men die Internetkonzerne für sich das Recht in Anspruch, die privaten Da ten für ihre Zwecke auszuwerten und manipulieren zu können. (...) • Die Herrscher erhalten durch ihre Plattformen laufend Nutzerdaten, die sie in der Cloud Vorhalten, aus denen sich neue Geschäftsmodelle auch für die „alte“ Ökonomie generieren lassen. (...) • In vielen Fällen scheint es so zu sein, dass keine technologischen Innovati onen auf den Markt gebracht werden, wie sie für Google und Apple typisch sind. Es geht vielmehr darum, auf vorhandene Netztechnologien neolibe rale Geschäftsmodelle zu setzen, also möglichst frei von bestehenden und neuen Regelungen. Der Fokus liegt dabei auf der Identifizierung von Effi zienz- und Regulierungslücken. (...) • Um schnell und früh am Markt zu sein, braucht ein z. B. Start-up viel Geld. Deshalb muss es sich an einen Investmentkapitalgeber binden. Dieser will für sein Risiko eine ordentliche Rendite sehen. Die Ideengeber und Ent wickler verlieren so in der Regel genauso schnell ihre Unabhängigkeit (...) • Spinnennetze schotten sich ab, um Nutzern den Wechsel so unbequem wie möglich zu machen. (...) „Die Botschaft an die Kunden ist klar: Entscheide dich für das Betriebssystem deine Lebens“. (...) • Monopole wie Google & Co. Verwalten hohe Profite, die ihnen ohne Auf nahme von Fremdkapital erlauben, jederzeit Zukäufe zu tätigen und Eigen [146] entwicklungen vorzunehmen. (...) Allianzen mit interessanten Playern wer den gesucht, um in die „alte“ Ökonomie vorzudringen und Beutefänge aus zuloten. ( . . .)“ Das Resümee der Autoren ist: „Spinnennetze können offensichtlich nur dann ent stehen, wenn zu Beginn, neben einer attraktiven Idee, kapitalkräftige risikofreudige Investoren bereit sind, hohe Anfangskosten zu stemmen. Die weiteren Kosten pro Nutzer sind in der Regel durch Replizierung des Produktes gering. Für weitere Ein steiger wäre es zu riskant, die hohen Entwicklungskosten erneut in dieselbe Idee zu investieren. Das ist der typische Stoff, aus dem sich Monopolbildung entwickeln kann.“ (S. 105 - 107)245 Was A. Rolf und A. Sagawe hier beschreiben, ist also offenbar ein zusätzlicher Effekt der „Digitalisierung“, neben dem schon beschriebenen Effekt der Erweite rung der Produktionsmöglichkeiten über die ungestörte Konsumbereitschaft der rei fen Ökonomien hinaus, der zwar im Wesentlichen das Ziel der Stimulierung der Kon sumbereitschaft verfolgt, hierbei aber Mittel einsetzt, die in der Summe und per Saldo das Wohlfahrtsniveau der Gesellschaften offenbar eher absenken als es zu heben. Es ist zwar angenehm und bequem, das Angebot dieser „Spinnen im Netz“ zu nutzen, insbesondere weil die Nutzung ja für den einzelnen Konsumenten in der Regel kos tenlos ist, aber dieser Nutzen wird erkauft durch die Bildung von Monopolen mit einer letzten Endes gefährlichen Machtfülle und —konzentration, die diese wohl nicht nur auf Kosten angestammter mittelständischer Gewerbetreibender nutzen. Im Zu sammenhang mit einem erwarteten Trend zum selbstfahrenden E-Automobil, dessen am meisten werthaltige Komponenten dann wohl die elektronischen Betriebs- und Steuerungssysteme sein werden, ist dies eine sehr gefährliche und ernstzunehmende Entwicklung, wenn zu befürchten ist, dass über die Herstellung und Monopolisierung dieser Betriebssysteme durch einzelne Hersteller die Mobilität ganzer Volkswirtschaf ten kontrolliert und in Abhängigkeit gebracht werden kann. Die von den Autoren geleistete Aufklärung über diese Gefahren der monopolbil denden Spinnen im World Wide Web ist sehr dankenswert und hilfreich, aber warum ist sie hier aufgeführt als Beispiel für eine Krise der Intellektuellen? Weil sie ein hohes Gefahrenpotenzial beschreiben und aufdecken, aber sich mit Lösungsvorschlägen bedeckt halten (müssen). Sie beschreiben einen „wünschenswerten Lauf der Dinge“; einen wünschenswer ten Verlauf der digitalen Transformation mit einigen „Orientierungspunkten“, von dem sie aber zugleich Skepsis äußern, ob er denn Aussichten habe, realisiert zu wer 245 In der Tat handelt es sich um einen geradezu idealtypischen Prozess der Bildung natürlicher Monopole. Im W ikipedia-Eintrag zu „Natürliches M onopol“ heißt es: „M it der ökonomischen Erschließung des Internets hat die Bedeutung natürlicher Monopole zugenommen. Erstens sind Beschaffung, Produktion und Distribution digitalisierbarer Güter - zum Beispiel Anwendersoftware oder elektronische Dienstleistungen - m it hohen Fixkosten und geringen variablen Kosten verbunden, so dass dominierende Anbieter m it steigendem Absatz Skaleneffekte und damit höhere Gewinne realisieren können. Zweitens wächst der Nutzen von Netzwerkgütem und Netzwerkdienstleistungen m it der Anzahl der Akteure au f Anbieter- und Nachfragerseite, sodass positive Netzwerkeffekte entstehen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nat%C3%BCrliches_M onopol [147] den. Sie empfehlen politische Maßnahmen wie einen Ausbau des Datenschutzes so wohl gegen eine geheimdienstliche wie gegen die beschriebene privatwirtschaftliche Sammelwut von Daten; ferner politische Maßnahmen „gewählter Regierungen“ zur Eindämmung der Marktmacht von Finanzkapital und Internetkonzernen, und politi sche Anstrengungen zur Ermöglichung eines auskömmlichen Lebens entweder durch Arbeit oder, falls nicht möglich, durch ein bedingungsloses Grundeinkommen; ferner den Ausbau eines Arbeitnehmerdatenschutzgesetzes, und soziale Absicherung von Start-Ups und Soloselbstständigen, die sich aber gleichzeitig von der Illusion verab schieden sollen, „ein zweites Silicon Valley aufbauen zu können“. (S. 215) Da die Autoren Wirtschaftsinformatiker sind, wie bereits erwähnt, die ja die Fach kompetenz zum Vorantreiben der „digitalen Transformation“ in wirtschaftlichen An wendungen besitzen, sind ihnen auch nicht die technischen Entwicklungen verbor gen geblieben, die über die „alte“ Welt der kapitalistischen Großindustrie hinauswei sen könnten, wie etwa der schon beschriebene Trend zur Dezentralisierung und Mini aturisierung der Fabrikation in der additiven Fertigung mittels 3D-Druck, der nach ihrer Einschätzung zu einem „ Urban Manufacturing* fuhren könnte, mit einer Rück verlagerung der zentralisierten großindustriellen Fabrikation — ehedem ausgelagert in öde Gewerbegebiete — zurück in die Stadt, nun aber in direktem Kontakt und unter aktiver Beteiligung der für den Eigenbedarf produzierenden „Prosumenten“; sie se hen also eine mögliche Verwandlung der großindustriellen Produktion in „urbane Manufakturen“, in Handwerk und (digitale) Einzelfertigung, mit einer entstehenden „Vernetzung mit der lokalen Kreativ- und Kulturwirtschaft“. Sie erwähnen in dem Sinne positiv die FabLab-Bewegung246, die von Neil Gershenfeld am MIT in Boston, USA, vorangetrieben wurde, und den durch die additive Fertigung angeschobenen Trend zur De-Globalisierung und Re-Lokalisierung der Fertigung, mit dem positiven Effekt der Vereinfachung der sonst weltumspannenden und energieintensiven Teile logistik. Sie beschreiben auch sehr kenntnisreich die „smarte Transformation“ der indust riellen Produktion durch die kommende Smart Factory und das „Internet der Dinge“, die Industrie 4.0 und die dadurch ermöglichte kostengünstige Produktion von Kleinstserien bis zur Losgröße 1, dem Unikat. Aber offenbar erkennen sie nicht den all diese Phänomene verbindenden Generaltrend zur weitgehenden Flexibilisierung der Produktion, zum Leitbild der hochproduktiven General-Purpose-Fabrik, und damit zu jenem neuartigen Produktionsmittel der „nächsten Gesellschaft“, das das Poten zial und die Mächtigkeit besitzen kann, der konzentrierten Finanzmacht der Mono pole genügend frische Kraft entgegenzusetzen, um einen aussichtsreichen und erfolg versprechenden und substantiell neuen Fortschrittspfad zu beschreiben und zu be schreiten. Ansätze dazu bieten ihre Vorschläge so und ohne weiteres ganz offenbar noch nicht. Wie soll etwa eine „lokale Kultur- und Kreativwirtschaft“, betrieben von einer 246 W as ist ein FabLab? „Ein FabLab (fabrication laboratory) ist eine offene W erkstatt, die au f computergesteu erte Fertigung ausgerichtet ist. Ziel eines FabLabs ist es, dassjeder seine Ideen in die Tat umsetzen kann. Dazu werden High-Tech-M aschinen und das nötige W issen zur Verfügung gestellt, sodass ansonsten Unmögliches verwirklicht werden kann.“ Gegenwärtig gibt es w eltweit über 1100 FabLabs. https://fablab.fau.de/was-ist-ein-fablab ; das Portal der FabFoundation: http://www.fabfoundation.org/ [148] vergleichsweise verschwindend kleinen Zahl von idealistischen Bastlern und Enthu siasten, den beschriebenen gigantischen globalen Kapitalströmen und deren enormer offener und verborgener politischer Gestaltungsmacht etwas Wirkungsvolles entge gensetzen, das hier spürbare und bleibende Veränderungen vorantreiben kann? Wie soll „die Politik“ plötzlich dazu bewegt werden können, „politische Anstrengungen zur Ermöglichung eines auskömmlichen Lebens entweder durch Arbeit oder, falls nicht möglich, durch ein bedingungsloses Grundeinkommen“ aufzubringen, nach dem sie sich Über jahrzehnte resignierend oder auch aus Überzeugung auf den neoli beralen Pfad hat bugsieren lassen? Man wird der Einsicht Geltung verschaffen müssen, dass hier mächtigere gesell schaftliche Strukturen geschaffen und mit dieser Aufgabenstellung betraut werden müssen, sich diese neuen technischen Möglichkeiten mit einer den überreifen Spätka pitalismus transzendierenden Zielsetzung zunutze zu machen. Dazu müssen diese schlummernden technischen Potenziale natürlich erkannt werden. Wenn aber selbst an einer Universität lehrende Wirtschaftsinformatiker diesen in seiner Natur sehr technischen Trend und dessen Potenziale nicht erkennen, wie könnte man das dann etwa von Schriftstellern, Philosophen oder Künstlern erwarten — eben den „typi schen“ Intellektuellen?247 „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus“, sagte Jürgen Habermas 1985 leicht resignierend mit Blick auf die entstandene „Neue Unübersichtlichkeit“248. Und wenn es sich erweisen sollte, dass diese Utopien allenfalls aus den Quellen recht spezifischen technischen Fachwissens gespeist werden könnten, die gewöhnlich nur von solchen realitätsverwurzelten Ken nern der Materie aufgesucht werden, die sich vom „Wölkenkuckucksheim der Wünschbarkeiten“ nach Möglichkeit fern halten, ist das Ausbreiten dieser Wüste kaum aufzuhalten. Und das ist es in der Tat, was nach dem allmählichen Verblassen der Ideen, Bilder, Lieder und Motive der Utopie gläubigen 1960er und frühen 1970er Jahre geschehen ist. Die „Priesterkaste der Intellektuellen“ verstummte. Was dieser „Priesterkaste der Intellektuellen“ gemeinsam war, war „der Sinn für das, was fehlt und ,anders sein könnte4“ (Habermas), und ein Glaube an ökonomisch gesellschaftliche Alternativen, der sehr häufig seine Wurzeln zur Lehre des Marxis mus ausgestreckt hatte und ausgestreckt hielt, auch wenn kaum jemand den damals in der Welt praktizierten Realsozialismus für ein erstrebenswertes Modell politischer Wirklichkeit hielt. Aber man wollte den Glauben doch nicht ganz aufgeben, dass aus diesem „Pudding“ möglicherweise das Richtige doch noch zu gewinnen sein könnte, wenn man es nur richtig anstellt und gemachte Fehler vermeidet, oder wenn die „ob jektiven Bedingungen“ vielleicht andere geworden sind. Dieser Glaube wurde aber 247 Die Notwendigkeit der Bildung größerer politischer Einheiten, um so „M acht aufzubauen“, wird etwa bei N ick Sm icek (Philosoph und Psychologe) und A lex W illiams gesehen und beschrieben. Sie sehen in der zu erfin denden Zukunft auch eine W elt „Nach der Arbeitsgesellschaft“, und erheben „das Ende der Arbeit“ zu einer politischen Forderung. Allerdings setzen auch sie als Mittel zur Durchsetzung und Realisierung au f ein bedin gungsloses Grundeinkommen. Sm icek / W illiams (2016). 248 J. Habermas: Die Krise des W ohlfahrtsstaates und die Erschöpfung utopischer Energien. In: Die neue Unüber sichtlichkeit. Frankfurt (1985) S. 141-163. Dieser Sachverhalt wird von denjoum alistischen Bewältigern der neuen Ü bersichtlichkeit des „Focus“ „W olkenkuckuksheim der W ünschbarkeiten“ genannt. http://www.focus.de/wissen/mensch/tid-14588/juergen-habermas-verweigerte-philosophie_aid_408709.html [149] zunehmend brüchig, und nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Abwicklung der ehemals sozialistischen Staatengemeinschaft war er praktisch aufgelöst. Eine große, kohärente, die verschiedenen Gruppierungen und Strömungen einende Lehre ent stand danach nicht mehr. Was später anstelle einer „theoriegeleiteten“ Opposition sich formierte, ist etwas, das Srnicek und Williams „Folk-Politik“ genannt haben: „Was heißt Folk-Politik? Wir bezeichnen damit eine in der Linken gegenwärtig anzutreffende Konstellation von Vorstellungen, die geprägt sind durch einen intuitiv geteilten Common Sense darüber, wie Politik zu denken, zu organisieren und praktisch umzusetzen ist. (...) Linke Be wegungen mit einem solchen folkloristischen Politikverständnis werden vermutlich erfolglos bleiben — jedenfalls sind sie nicht dafür gerüstet, den Kapitalismus umzu wälzen. Der Ausdruck »Folk-Politik« selbst verweist in kritischer Absicht auf zweier lei: zum einen auf die aus der Kritik der Alltagspsychologie resultierende Einsicht, dass unsere intuitiven Vorstellungen der Welt sowohl historisch bedingt als auch häu fig irreführend sind; zum anderen auf die »volkstümliche« Verortung im Überschau baren und Authentischen, Traditionellen und natürlich Gegebenen. Beide kritisierten Dimensionen finden sich in der Vorstellungswelt folkloristischer Politik wieder.“249 Und weiter:,,. . . die folkloristische Politik [zielte] darauf ab, sich gegen die Zumutun gen des globalen Neoliberalismus Zufluchtsorte einzurichten. So blieb sie eine Poli tik, die defensiv orientiert und außerstande war, eine neue Welt zu entwerfen oder an ihr zu bauen.250 Dem ist ohne Zweifel zuzustimmen. Die Autoren wollen dies, den großen Ent wurf, nun offenbar leisten und beschwören große Ziele — sie wollen nichts Geringeres als den „Kapitalismus umwälzen“ und sogar „die Arbeit abschaffen“. Was sind aber nun die Mittel und Wege, die sie vorschlagen — tatsächlich, ein allgemeines bedin gungsloses Grundeinkommen. Das darf man aber, wie schon angedeutet, leider nicht für die klügste aller großen Ideen halten, wie hier nun als kleiner Exkurs zum Grundeinkommen etwas ausführ licher begründet werden soll.251 Die Tatsache, dass diese Idee einmal von niemand anderem als einem der Großfürsten des Neoliberalismus, nämlich Milton Friedman, entwickelt und vorgeschlagen wurde, in der Ausgestaltung als negative Einkommens steuer, sollte zumindest schon einmal Skepsis hervorrufen.252 Ein weiteres Argument liegt darin, dass eine solche Zahlung immer eine Transferleistung darstellt, die andere erwirtschaftet haben, auch wenn sie euphemistisch „Einkommen“ genannt wird. Es 249 Srnicek, Nick; W illiams, Alex. Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine W elt ohne Arbeit (Critica Diabolis) (German Edition) (Kindle-Positionenl99-204). edition TIAMAT. Kindle-Version. 250 Srnicek, Nick; W illiams, Alex. Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine W elt ohne Arbeit (Critica Diabolis) (German Edition) (Kindle-Positionenl3-16). edition TIAMAT. Kindle-Version. 251 Das allgemeine Grundeinkommen scheint gegenwärtig an Popularität zu gewinnen und wurde am 12.02.2017 in einem Artikel in der ZEIT online von dem Ökonomen T. Straubhaar vertreten. Eine gut fundierte Stellung nahme dagegen von H. Meyer erschien am 14.02.2017 an gleichem Ort: „Und das soll gerecht sein? Das Grundeinkommen hat einen entscheidenden Fehler: Es soll den Sozialstaat abschaffen und zielt au f eine Pri vatisierung der Risikovorsorge. Das ist extrem ungerecht.“ http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-02/sozialstaatbedingungsloses-grundeinkommen-risikovorsorge-privatisierung-kritik [Stand 21.02.2017] 252 Vgl. den Eintrag zum Bedingungslosen Grundeinkommen bei W ikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen [Stand 17.02.2017] [150] verstößt aber letztlich gegen die Würde des Menschen, dauerhaft auf Transferleistun gen angewiesen zu sein.253 Die Rentenbezieher der „Bourgeoisie“, die Karl Marx so herzhaft schelten konnte, befinden sich in dem Sinne nicht in einer wesentlich ehren hafteren Position, auch wenn sie sich immerhin zugutehalten können, das die Ren tenerträge abwerfende Vermögen einmal selbst geschaffen (oder doch immerhin er erbt) zu haben. In der Regel bzw. als innerhalb eines Ökonomiemodells zu betrach tender Regelfall sollte ein Mensch aber in der Lage sein, die Werte, die er und ggfls. seine Familie verzehrt, auch selber erzeugt zu haben; er sollte also der arbeitsteiligen Gesellschaft Werte im gleichen Umfang zur Verfügung gestellt haben oder stellen können, wie er sie konsumiert. Verzehrt er Werte in größerem Umfang, verschuldet er sich. Wenn er weniger verzehrt, spart er, und bildet vielleicht Vermögen. Dieser Wirkungszusammenhang wird sich auch unter den höchstentwickelten sozioökonomischen Zuständen kaum wesentlich ändern können.254 Gegen dieses Argument lässt sich auch die Tatsache nicht ins Feld führen, dass im Zuge der immer weiter um sich greifenden Beschäftigungslosigkeit und der knappen öffentlichen Kassen der Staat zu einer „Erzwingungs-, Kontroll- und Sozialisations agentur“ geworden ist, die mit der Hartz-4-Gesetzgebung die staatliche Subventio nierung von „Niedriglohnjobs mit der Einrichtung eines staatlichen Arbeitsdienstes“ kombiniert, wie M. Hirsch255 treffend beobachtet. Er möchte dem das bedingungslose Grundeinkommen als „bestimmte Negation des aktuellen Sozialstaatsregimes und der von ihm gestützten kulturellen Normen“ entgegensetzen. Es sei eine „konkrete Utopie“, und „der Versuch, die Restauration der Arbeitsgesellschaft einer fundamen talen Kritik zu unterziehen“. Durch das Grundeinkommen werde „der Begriff der ,Arbeitslosigkeit‘ radikal umdefiniert beziehungsweise aufgehoben: ,Das Problem ist nicht Arbeitslosigkeit, sondern Geldlosigkeit: die Koppelung von Arbeit und Ein kommen4“, zitiert er aus Ulrich Becks „Schöne neue Arbeitswelt“. (S. 111) Aber dieser Argumentation liegt offenbar ein fundamentales Missverständnis der Zusammenhänge ökonomischer Wertschöpfüng zugrunde. Es ist keine Frage einer „Umdefinition“ des Arbeitsbegriffs oder der Arbeitslosigkeit, wie Konsumtätigkeit mit Einkommen und Produktionstätigkeit gekoppelt ist, wie schon gesehen; dieser Zusammenhang besteht nicht etwa als Produkt „anachronistischer Normalitätserwar tungen.“ Einkommen ist gewöhnlich der auf dem Arbeitsmarkt gegen das Tausch mittel Geld eingetauschte regelmäßige Arbeitsbeitrag zur der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung, die in der volkswirtschaftlichen Konsumtätigkeit verzehrten Pro dukte und Dienstleistungen herzustellen. Das ist der gewöhnliche Mechanismus der Kopplung von Einkommen mit Arbeit. Hirsch versucht dem Grundeinkommen den Status einer „kulturellen und politi schen Idee“ zu geben, in welcher es „ein zentrales Element im Begriff von Emanzi pation und Demokratie“ symbolisiere. (S. 113) Es sei ein „Institut, das gegen die 253 So argumentierte auch H. A lt am 11.01.2017 in der Süddeutschen: „Das Grundeinkommen verstößt gegen die M enschenwürde.“ http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/aussenansicht-horrorvision-l.3327052 [Stand 17.02.2017] 254 Eine detaillierte Kritik ist auch von dem an der FU Berlin lehrenden Ökonomen Giacomo Com eo vorgelegt worden, in: „Bessere W elt“, Berlin 2014, S. 281 ff. 255 Michael Hirsch: Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit. W iesbaden 2016, S. 111 [151] „lähmende Gewalt der sozialen Unsicherheit“ und auf die „politische, kulturelle und finanzielle Förderung von Tätigkeiten ohne Erwerbszweck“ abziele. Das bedingungs lose Grundeinkommen sei „ein Projekt der Eingrenzung der ökonomischen Ratio nalität — ein mögliches Mittel zur Verringerung der gesellschaftlich und individuell notwendigen Arbeitszeit.“ (S. 118) Gleichzeitig soll aber auch die Arbeitszeit verkürzt werden, im Sinne der klassischen Forderungen der Arbeiterbewegung, die auf dem Arbeitsmarkt angebotene Arbeitsmenge kollektiv durch dem Produktivitätsfort schritt entsprechende Arbeitszeitverkürzungen zu begrenzen. Dies ist nun ein voll kommen andere Maßnahme als die Gewährung eines Grundeinkommens, und ist an ders zu beurteilten; dass sie mit der Forderung nach einem Grundeinkommen gleich zeitig erhoben wird ist eher selten der Fall, weil die Forderung der Arbeitszeitverkür zung sich aus einem ganz anderen Begründungszusammenhang herleitet und auf ei nem anderen Menschenbild aufruht, das dem in der Begründung eines allgemeinen „Grundeinkommens“ transportierten ja widerspricht. Das Grundeinkommen an sich kann aber offensichtlich nicht „die ökonomische Rationalität eingrenzen“, und kein Mittel sein, die gesellschaftlich notwendige Ar beitszeit zu verringern. Das Maß der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ist we niger eine Frage der Definition von Begriffen, sondern hängt davon ab, wie effizient und wie ökonomisch rational das von der Gesellschaft nachgefragte Produkt im ar beitsteiligen Prozess gewöhnlich hergestellt und verteilt wird. Letztlich ist und bleibt das Grundeinkommen also nichts anderes als eine Transferleistung von Einkommen, das andere erwirtschaftet haben; daran wird auch die wortreiche Einordnung in eine „politische Philosophie“ nichts ändern können. Der innere Widerspruch der Forderung nach einem Grundeinkommen liegt darin, dass man Einkommen von Arbeit entkoppeln, die „Freiheit zur selbstbestimmten Lebensführung“ geben und die „anachronistischen Normalitätserwartungen“ einer fündamentalen Kritik unterziehen möchte, gleichzeitig aber darauf hoffen muss, dass die umgebende Normalwirtschaft mit ihren nicht-autonomen Tätigkeiten zum ge wöhnlichen Erwerbszweck wächst, floriert und gedeiht, um eben diese „fortschrittli chen“ und „emanzipierten“ Existenzweisen zu finanzieren. Das scheint nun mehr als absurd, wie hoffentlich daraus hinreichend klar zu ersehen ist.256 Die einzige Möglichkeit, sich von der Last und Mühe der Herstellung der Werte zu befreien, die ein Mensch konsumieren möchte, ist letzten Endes also effiziente Arbeit unter Nutzung arbeitssparender Technik in Gestalt „smarter Maschinen“; dies mit dem erhofften makroökonomischen Effekt aber nur dann, wenn sie dem konsu mierenden und produzierenden Menschen selbst gehören. Erstaunlicher Weise stellt diese Einsicht bzw. ihre Umsetzung in einer Volkswirtschaft ein größeres wirtschafts organisatorisches Problem dar, ganz im Gegensatz zur Nutzung smarter Maschinen wie Waschvollautomat, Rasenroboter oder Spülmaschine im „Oikos“, dem Haushalt. 256 Neben den inneren logischen W idersprüchen sprechen aber auch die technischen bzw. finanziellen (Un-) M ög lichkeiten der Umsetzung massiv gegen diese Variante. Der Ökonom G. Com eo rechnet etwa vor, dass zur Finanzierung eines „attraktiven“ Bürgergeldes von 1.000 Euro für Erwachsene und 500 Euro für Minderjährige das Steueraufkommen in Deutschland au f der Basis der Zahlen für 2013 „grob gerechnet“ verdoppelt werden müsste. Dagegen türmen sich ja heute schon enorme W iderstände auf; diese Basis würde aber nun m it der Aussicht au f schwindende steuerpflichtige Beschäftigung noch immer weiter schrumpfen. G. Comeo: Bessere W elt, a.a.O., S. 281 ff [152] A. Lobe fragte in einem Artikel in der ZEIT257 zu Anfang desjahres (2017): „Künf tig könnte der Mensch die Maschinen für sich arbeiten lassen. Ist das eine Utopie?“ Er verweist auf einige der in den letztenjahren entstandenen Studien258 zur Arbeits platzvernichtung durch die Digitalisierung, und diskutiert dann eine Auswahl der jün geren und älteren optimistischen Visionen des technischen Fortschritts, wie den Lon doner „Fully Automated Luxury Communism“ Aaron Bastanis, die Entwürfe von Paul Mason („Postkapitalismus“) und N. Srnicek und A. Williams („Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work“), und auch den berühmten Le benstraum des Karl Marx: heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Lobe sieht hierdurch eine „entscheidende Frage“ aufgeworfen: „Die entschei dende Frage, die die Luxuskommunisten aufwerfen, (und die noch nicht einmal an satzweise beantwortet ist), ist: Wem gehören die Roboter? Wie werden die Automa tisierungsgewinne verteilt? Die Vision ist es, die Gesamtheit der Maschinen in ein genossenschaftliches System zu überführen. In einer Post-Arbeitsgesellschaft wären wir alle gemeinsam Produktionsmittelbesitzer, Maschinen würden für uns arbeiten und unsere Rente erwirtschaften. Der Mensch könnte es sich in der sozialen Hänge matte bequem machen.“ Er zitiert die Prognose des Computerwissenschaftlers Moshe Vardi259, wonach „Maschinen in den nächsten 30Jahren die Hälfte aller Arbeitsplätze vernichten wer den“, weshalb wir nach dessen Ansicht gezwungen sein werden, „die Gesellschaft neu zu erfinden“, und zwar, wie Lobe fragt, möglicherweise eben so: „Braucht es eine Vergesellschaftung der Maschinen, um Wohlstand gerecht zu verteilen? Muss die so ziale Frage neu gestellt werden, weil der Mensch zum Büttel der Maschine wird? Das sind Fragen, mit denen wir uns die nächsten Jahre auseinandersetzen müssen.“ Mit diesem Debattenbeitrag in einem der großen meinungsbildenden Medien scheint die Idee einer „Neuerfindung der Gesellschaft“ auf der Grundlage einer „Ver gesellschaftung der Maschinen“ inzwischen also sogar den Mainstream erreicht zu haben, wenn man diese tastenden und fragenden Gedankenexperimente eines jungen Intellektuellen einmal so deuten will. Aber die Rede von der „Gesamtheit der zu ver gesellschaftenden Maschinen“, die der Mensch für sich „in einem genossenschaftli chen System“ arbeiten lassen könnte, bleibt dabei doch sehr vage und im Ungefähren. 257 A. Lobe: Vollautomatischer Kommunismus. Die ZEIT vom 3. Januar 2017. http://www.zeit.de/kultur/2016-12/automatisierung-arbeitsgesellschaft-roboter-utopie-kommunismus [Stand 04.01.2017] 258 Recht häufig wurde inzwischen die Studie der Ökonomen Carl Frey und Michael Osbome genannt, der zufolge „47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden 10 bis 20 Jahren von intelligenten Robotern oder Soft ware ersetzt werden könnten“, so auch bei Lobe. Titel der Studie: „The Future o f Employment: How Suscetible are Jobs to Computerisation?” vom 17.09.2013 http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf [Stand 20.02.2017] 259 M oshe Y. Vardi ist Professor für Computerwissenschaften an der Rice U niversität in Houston, Texas, und war bis 2016 Herausgeber der „Communications o f the ACM “ . Er hat sich intensiv m it dem Problem der schwin denden Beschäftigung infolge digitaler Substitution beschäftigt und hierzu vielfach publiziert. Als ein Beispiel sei genannt: Crunching the Numbers: 10 Minutes on what jobs will be left in 10 Years. http://w w w .cs.rice.edu/~vardi/w orkaw esom el6.pdf [Stand 20.07.2017] [153] Lobe lässt die Frage nach einer Vergesellschaftung schließlich auch unbeantwortet, und scheint an der Vision eines „vollautomatischen Kommunismus“ doch eher zu zweifeln. Er diskutiert im letzten Abschnitt seines Artikels den futuristischen Anima tionsfilm "The lastjob on earth des Guardian260, in dem ausgemalt wird, wie eine vollau tomatisierte Welt aussehen könnte, und in dieser Welt, so wie sie hier geschildert wird, scheinen die Menschen ohne ihre Arbeit, nach Verlust des „letzten rationali sierten Jobs“, „nicht gerade glücklich“ auszusehen: „Es ist eine Welt ohne Arbeit, eine kühle, klinisch reine Hypermoderne, in der allenfalls das Gehirn in der virtuellen Realität arbeitet.“ Er bringt aber nicht die offensichtlichen logischen Fehler in dieser Fiktion zur Sprache, denn so ganz vollautomatisiert ist diese Welt wohl doch nicht ist: es gibt „Personal“, und Büros, in dem das Personal — wohl doch — arbeitet. Es gibt etwa auch Menschen in „heruntergekommenen Gegenden“, die die „Forderung: we need work“ an Hauswände sprühen. Warum aber sind die Gegenden heruntergekommen? Warum „brauchen“ die Menschen Arbeit? Der Mensch in dieser virtuellen Welt ist ganz offensichtlich nicht Herr der Ma schinerie, sondern — ein „Fehler im Betriebssystem Maschine“. Warum das so ist, bleibt unbegründet. So resultiert daraus aber auch keine sehr schlüssige Argumenta tion gegen die Automation und gegen die Idee, „Maschinen für uns arbeiten“ zu las sen. Warum Alice, die Frau in diesem Animationsfilm, die den letzten rationalisierten Job verliert, „darüber nicht gerade glücklich“ aussieht, bleibt jedenfalls vollkommen im Dunklen. Wenn aber nun die Menschen „in einer Post-Arbeitsgesellschaft (...) alle gemein sam Produktionsmittelbesitzer“ wären, und die „Maschinen würden für uns arbei ten“, würden sie dann „unsere Rente erwirtschaften“, wie Lobe die Vision der „Lu xuskommunisten“ zitiert? Können Maschinen denn „wirtschaften“? Erstaunlicherweise ist es genau das, was Maschinen nicht leisten können. Maschi nen können keine Werte schöpfen, wie vorne gesehen. Was sie leisten können, ist Arbeit, aber mit dem erhofften Effekt nur dann, wenn diese Arbeit nicht Tauschwert, sondern Gebrauchswert ist, bzw. nur ihr Gebrauchswert genutzt wird. Dies, und da mit der mögliche Modus Operandi einer zu vergesellschaftenden Maschinerie insge samt bleibt offenbar ohne die notwendigen Ökonomie- und automatentheoretischen Grundlagen sehr schwer zu verstehen. Eine sehr kenntnisreiche Schilderung des digitalen „Plattformkapitalismus“, der mit dem Siegeszug der großen Digitalmonopolisten Google, Amazon und Facebook entstanden ist, und vor allem auch die Formulierung zumindest der Stoßrichtung ei ner Opposition mit deren wesentlichen thematischen Inhalten stammt von demjournalisten und Kultursoziologen Thomas Wagner,261 und soll nun als letzter zeitdiag nostischer Debattenbeitrag zum Themenkomplex Digitalisierung vorgestellt werden. 260 iast jo b on Earth: imagining a tully automated world - video” . Es handelt sich hier um einen kurzen Animationsfilm des M oth Collectice, in dem die M öglichkeit einer „W elt ohne Arbeit“ visualisiert werden soll, https://www.theguardian.com/sustainable-business/video/2016/feb/17/last-job-on-earth-automation-robots-unemployment-animation-video [Stand 20.07.2017] 261 Thomas W agner: Von der Datenknechtschaft zur digitalen Befreiung. In: Digitale Revolution und soziale Ver hältnisse im 21. Jahrhundert, Hamburg 2016, S. 74 ff. [154] Wagner setzt sich in diesem Text auch mit der im Umfeld der Silicon-Valley-Konzerne kursierenden und gedeihenden Ideologie der „Singularität“ auseinander, eine vor allem auf den Google-Chefingenieur und Bestsellerautoren Ray Kurzweil zurück gehende Prophetie einer sich selbst weiterentwickelnden maschinellen Superintelli genz, die eine transbiologische oder sogar postbiologische Phase des Lebens errei chen werde, an welcher der Mensch dann durch „Hochladen“ seines Geistes in eine „Cloud“ teilnehmen könne. Diese postbiologische, maschinelle und damit unsterbli che Superintelligenz werde sich dann im Universum ausbreiten und zu dessen Be herrscher werden, weshalb sich dieser Ideologie zufolge hiermit nichts Geringeres ankündigt als eine Art Gottwerdung des Menschen mittels Technologie. Wie Wagner zeigt, entwickelte sich dieser „Transhumanismus“ inzwischen zu einer „Ideologie des Kapitalismus digitaler Plattformen“, die nun sogar „im Zuge der digi talen Aufholjagd Europas auch bei den hiesigen Eliten in Politik und Wirtschaft zu nehmend auf Resonanz“ stößt. Im EU-Parlament „nehmen transhumanistische Ideen sogar schon Einfluss auf die Gesetzgebung“, wo etwa ein eigener rechtlicher Status für „elektronische Personen“ eingerichtet werden soll; oder die EU-Kommission soll Kriterien für „geistige Schöpfüngen“ als urheberrechtlich schützbare Werke ausarbeiten, die „von Computern oder Robotern erzeugt werden“. (a.a.O., S. 79) Das wirklich Bemerkenswerte an dieser Entwicklung dürfte in der folgenden Be obachtung enthalten sein: „An der Spitze von Unternehmen wie Google, Tesla und Amazon stehen Phantasten, die ihr Geld in die Entwicklung von superintelligenten Robotern stecken und durch das Hochladen des menschlichen Geistes in die Computercloud in nicht mehr biologischer Form buchstäblich unsterblich werden wollen, wie der Software-Entwickler und Autorjaron Lanier seit einigen Jahren nicht müde wird zu betonen.“ (S. 80) Die Irrationalität der internetbasierten Ökonomie, in der das schnelle Geldmachen in aberwitzigen Dimensionen als „Disruption“ und „Shooting for the Moon“ die realwirtschaftliche Wertschöpfüng mehr und mehr abgelöst hat, findet in dieser größenwahnsinnigen und selbstherrlichen Singularitätsideologie offenbar ihre perfekteste Entsprechung. Welche konstruktiven Lösungsansätze und stehen aber nun in diesem Kontext zur Verfügung? Wagner plädiert — insoweit mit den Ansätzen etwa von Rolf / Sagawe durchaus deckungsgleich — als Gegenstrategie entschieden für einen „Kampf für ein Bürgernetz“: „Eine fortschrittliche Politik braucht eine Strategie zur Rückgewinnung des öffentlichen Raums.“ (S. 86). Denn: „In einer demokratischen Gesellschaft dür fen fundamentale Informations- und Kommunikationsdienstleistungen nicht in der Hand privater Monopolunternehmen liegen. (...) Diese kommerziellen Internet dienstleister erbringen Leistungen für die öffentliche Daseinsvorsorge (auf Englisch: Public Utility). Für soziale Medien gilt das Gleiche wie für andere Leistungen der Grundversorgung (Wasser, Energie, Mobilität und Kommunikation). Sie gehören nicht in die Hand renditeorientierter Privatunternehmen, sondern in die gemeinnüt ziger Anbieter in öffentlichem Eigentum.“ (S. 86). Wagners Überlegungen münden schließlich ein in die Forderung: „Wer mehr De mokratie will, muss die Eigentumsfrage stellen. Aus dem Internet der Konzerne muss [155] ein öffentliches Bürgemetz werden.“ (S. 89) Dem ist aus Sicht der bisherigen Argu mentation ja unbedingt zuzustimmen! Einzuwenden bzw. hinzuzufügen ist aber aus dieser Sicht, dass die Digitalisierung ja eben nicht nur den Bereich der Erstellung von Informations- und Kommunikationsdienstleistungen erfasst und revolutioniert hat, also den Bereich des 2-Dimensionalen, sondern auch den Bereich der Erzeugung physischer Güter, den Bereich des 3-Dimensionalen. Und hier erscheint eben gerade durch die Digitalisierung, durch die neuen Möglichkeiten der digitalen Fabrikation mit ihrer Trennung von lokaler Fertigung und globalem, vernetztem und ortsunab hängigem Design die Möglichkeit, zusätzlich auch den Bereich der Gütererzeugung zu veröffentlichen und durch „Anbieter in öffentlichem Eigentum“ erzeugen zu las sen. Und erst mit der Realisierung dieser sich ankündigenden Möglichkeiten dürfte ein öffentliches Bürgernetz hinreichendes realpolitisches Gewicht und gestalterisches Potenzial erreichen können, um einen Primat der Politik und des demokratischen Allgemeininteresses gegen die Privatinteressen des Großkapitals und ihrer offenbar zunehmend sich den realweltlichen Anforderungen — bis auf Weiteres auf biologi scher Basis! — entziehenden Eliten durchsetzen zu können. In der Zusammenfassung dieses Kapitels lässt sich also feststellen, dass eine Kritik der Intellektuellen zwar durchaus vernehmbar ist, wenn auch in ihrer Breitenwirkung und politischen Relevanz vergleichsweise schwach, und jedenfalls den angeführten Beispielen zufolge scheinen einige diese „Lösung“ der Vergesellschaftung der Netz plattformen und der Produktionsmittel inzwischen wohl auch zunehmend ins Auge zu fassen. Man darf dies als Hoffnungsschimmer und wertvolle Denkimpulse zur Kenntnis nehmen und würdigend vermerken262. Aber eine „theoriegeleitete Opposition“ und ein Plan zum „Bau einer neuen Welt“ kommen so offenbar noch nicht zustande; die vorgeschlagenen Konzeptionen haben ohne Weiteres noch nicht das Potential, in den Kreis der Kandidaten zur Ablösung eines „Gramscischen Interregnums“ aufgenom men zu werden und eine neue stabile Ordnung zu begründen. Insbesondere dieser ganz entscheidende Punkt der Nutzung der großen Maschinerie jenseits der kapita listischen Verwertung als Gebrauchswert und die dazu erforderliche technische Vo raussetzung der Entkopplung von Fertigung und Design bleiben scheinbar ohne nä here Fachkenntnis schwer zu verstehen. Wir werden uns im übernächsten Kapitel eingehend damit auseinandersetzen. Zuvor die Auseinandersetzung mit einer ande ren Idee, die ebenfalls mit dem Anspruch auftritt, eine Lösung anbieten zu können. 262 In diesem Sinne positiv zu vermerken wäre etwa die Kolumne „Lobes Digitalfabrik“ auf der Plattform Spektrum.de, in welcher A. Lobe regelmäßig den „digitalen Wandel kommentiert“ und sich kenntnisreich zu „Digi talisierung, KI und Robotik“ äußert, http://www.spektrum.de/kolumne/lobes-digitalfabrik/ [Stand 21.7.2017] [156] Neue politische Ökonomie mit „Commons" und „Open Source Ecology"? Neben dem bedingungslosen Grundeinkommen ist die Idee der „kollaborativen Ge meinwirtschaft“ unter den vergleichsweise spärlich vorkommenden optimistischen Zukunftsentwürfen eine häufiger vorgeschlagene, und vermutlich die am weitesten theoretisch ausgearbeitete Lösung. Bei der „Commons-based-Peer-Production“ han delt es sich um ein inzwischen vor allem innerhalb einer kapitalismuskritischen Intel lektuellenszene mit Universitätsanbindung weltweit recht stark verbreitetes Modell von Ökonomie, das auf einen schon 2002 vorgestellten Ansatz des an der Harvard Law School lehrenden Professors Yochai Benkler zur Erweiterung der Neuen Insti tutionenökonomik zurückgeht, und das Phänomen erklären will, dass so umfangrei che nichtkommerzielle Projekte wie die Wikipedia Enzyklopädie, das Debian-Projekt oder das Betriebssystem Linux ganz außerhalb der etablierten Weisen von wirtschaft licher Kooperation entstehen konnten. Die Hoffnungen eines Teils der Anhänger dieser Theorie richten sich nun darauf, dass die angewandten Regeln der Kooperation bei diesen Software-Projekte sich auch auf die Produktion von Gütern und Dienst leistungen allgemein übertragen lassen, und sich hierin somit ein neues, alternatives Modell von Ökonomie ankündigt. Sowohljeremy Rifkin als auch Paul Mason messen diesem Konzept hohe Bedeu tung bei; so nennt Rifkin die „Commoners“ „prosumierende Kollaboratisten“, deren Ringen mit den „investierenden Kapitalisten“ sich zur ökonomischen Entschei dungsschlacht des 21. Jahrhunderts gestalten werde;263 Paul Mason sieht darin eine „neue Produktionsweise“ und zählt die „Ausweitung der kollaborativen Arbeit“ zu einem der „fünf Prinzipien der Transition“, die er zur Etablierung seines Entwurfs des Postkapitalismus ins Auge gefasst hat.264 Es ist inzwischen eine Vielzahl von aus gearbeiteten Ansätzen entstanden, die dieses Modell und seine konzeptionellen Be standteile beschreiben und begründen, und sich natürlich auch um Weiterentwick lung bemühen.265 Ein 2016 erschienener Essay über „Peer production, the commons and the füture of the firm“266 von Yochai Benkler bringt in der Zusammenfassung einige der wesentlichen Annahmen der Peer-Production zum Ausdruck, und stellt hier insbesondere die traditionelle Sicht der Firma als Ort der Kooperation und der Hervorbringung von Innovationen in Frage: „From free and open source Software, through Wikipedia to video journalism, peer production plays a more significant role in the information production environment 263 Rifkin (2014) S. 254 264 M ason (2016) S. 353 265 Die W ebseite Yochai Benklers W W W .Benkler.org enthält einen Link zu einer umfangreichen Publikationsliste zum Thema, ebenso die Seite der P2P-Foundation http://w iki.p2pfoundation.net/Peer_Production [Stand 03.03.2017] 266 Y. Benkler: Peer production, the commons, and the future o f the firm. Harvard Law School 2016. https://www.dropbox.eom/s/j v786cih8bjqo64/Strategic% 20Organization-2016-Benkler- 1476127016652606.pdf?dl=0 [Stand 03.03.2017] [157] than was theoretically admissible by any economic model of motivation and Organi zation that prevailed at the turn of the millennium. Its sustained success for a quarter of a Century forces us to reevaluate three core assumptions of the Standard models of innovation and production. First, it places intrinsic and social motivations, rather than material incentives, at the core of innovation, and hence growth. Second, it challenges the centrality of property, as opposed to the interaction of property and com mons, to growth. And third, it questions the continued centrality of firms to the in novation process.“ Die Kernaussagen dieses Aufsatzes sind also: 1. „Intrinsische“ und „soziale“ Mo tivationen sind im Gegensatz zu „materiellen“ Anreizen für die Hervorbringung von Innovation und daher von Wachstum von zentraler Bedeutung; 2. die zentrale Be deutung von Eigentum in diesem Zusammenhang ist zu bezweifeln, und 3. die zent rale Bedeutung der (privatwirtschaftlich geführten) Firma für den Innovationsprozess steht in Frage. Die Frage der sozialen Organisation von Innovation steht in diesem Essay nun im Vordergrund. Eine allgemeinere Definition der „P2P-Foundation“ beschreibt die Peer-Production wie folgt: „Peer to peer production describes a peer based production of goods and Services. While inter-related, it is different to crowd sourcing in that the locus of control in the production of goods and Services is not exercised by a firm, government or a particular institution for its benefit, but rather the production of goods and Services is a collaborative affair among individuals in an emergent community.”267 In Unterschied zum Crowd-Sourcing wird die Produktion von Gütern und Dienstleistungen also nicht in einer Firma ausgeübt, sondern als ein kollaborativer Prozess unter Individuen einer Gemeinschaft. Nach Michel Bauwens, dem Gründer der „Peer-to-peer Foun dation”, beinhaltet die Entstehung einer globalen Peer-to-Peer-Kultur die folgenden Veränderungen: 1) A New Mode of Production — Peer-to-peer Systems “produce use-value through the free Cooperation of producers who have access to distributed Capital: this is the P2P production mode, a 'third mode of production' different from for-profit or pub lic production by state-owned enterprises. Its product is not exchange value for a market, but use-value for a community of users.” 2) A New Mode of Governance — Peer-to-peer Systems “are governed by the com munity of producers themselves, and not by market allocation or corporate hierarchy: this is the P2P governance mode, or 'third mode of governance.’” 3) A New Mode of Distribution — Peer-to-peer Systems “make use-value freely accessible on a universal basis, through new common property regimes. This is its distribution or 'peer property mode': a 'third mode of ownership,' different from pri vate property or public (state) property.“268 267 http://w iki.p2pfoundation.net/Peer_Production [Stand 27.02.2017 268 Die Zitate stammen aus Bauwens, M. (2006): The Political Economy o f Peer Production. Post-Autistic Eco nomics Review (37). [158] Im bisher hergestellten Zusammenhang fallt auf, dass zu dem beschriebenen Ent wicklungsverlauf der spätkapitalistischen Ökonomie mit ihren kaum noch aufnahme fähigen Märkten, der zu beobachtenden Kapitalschwemme und damit einhergehen den Finanzialisierung und der dadurch hervorgerufenen Tendenz zur Instabilität of fenbar keine Beziehung hergestellt wird, jedenfalls wäre dies aus den hier wiederge gebenen Charakteristika der Peer-Production nicht herzuleiten. Diese besagen nun folgendes: Es werden in der Peer-Production Gebrauchswerte produziert, und zwar durch freie Kooperation der Produzenten, die dabei auf verteil tes Kapital zugreifen. Dies sei ein dritter Modus der Kooperation, im Unterschied zur gewinngetriebenen privatwirtschaftlichen oder zur öffentlichen Produktion durch Staatsunternehmen. Ferner handele es sich um ein neues Modell von Verwal tung, weil Peer-to-Peer-Systeme durch die Gemeinschaft der Produzenten selbst ver waltet werden, also weder durch Marktallokation noch durch betriebliche Hierar chien, und damit um einen dritten Modus der Verwaltung; und drittens handele es sich um einen neuen Modus der Verteilung, weil hier die Gebrauchswerte frei ver fügbar seien auf einer „universalen Basis“, durch ein neues gemeinwirtschaftliches „Eigentumsregime“. In der Zusammenfassung wird man etwa so definieren können: Arbeit geschieht auf freiwilliger Grundlage, durch intrinsische und soziale Motivation und ohne mate rielle Anreize, und in der Form einer freien Kooperation von Produzenten, also nicht in der hierarchischen Organisation einer Firma. Das genutzte Kapital ist nicht zentra lisiert, sondern dezentral lokalisiert, und die Produkte werden nicht über den Markt allokiert. Es besteht offenbar kein streng berechneter wertmäßig ausgeglichener Aus tausch zwischen Leistungsinput (Arbeit) und Output (Konsum); Konsumenten sind auch gleichzeitig Produzenten. Die Commons spielen auch in Felix Stalders Beschreibung der „Kultur der Digitalität“ eine zentrale Rolle. Stalder beschreibt deren Entstehung im Zuge der allge genwärtigen Verfügbarkeit digitalisierter Information, die mit einer „enormen Ver vielfältigung der kulturellen Möglichkeiten“ einhergehe, und „die Institutionen der Gutenberg-Galaxis“ in die Krise geführt habe. Die dieser Kultur „zugehörigen Ver änderungen in der Arbeitswelt“ sieht er nun geprägt durch die Entstehung der „Com mons“; sie seien Resultat einer „fortgeschrittenen Tendenz der Kultur der Digitalität“, der jedoch eine ebenfalls von digitalen Techniken beförderte Tendenz zur „Post demokratie“ kontrastiere, womit im Wesentlichen die schon beschriebenen monopo listischen Tendenzen der Internetgiganten gemeint sind. In den „Commons“ sieht Stalder „Ansätze, neue, umfassende Institutionen zu entwickeln, die nicht nur Betei ligung und Entscheidung direkt miteinander verbinden sondern die die in der Mo derne weitgehend getrennten Sphären des Ökonomischen, Sozialen und Ethischen zusammenführen“.269 Stalder unterscheidet drei „Dimensionen“ der Commons: 1. common pool ressources, also die gemeinschaftlich genutzten Güter, 2. commoners, also die Personen, die die Güter bewirtschaften, und 3. das „commoning“, womit „Praktiken, Normen 269 Stalder (2016) S. 14ff. [159] und Institutionen“ gemeint sind, „die von den Gemeinschaften selbst entwickelt wer den.“270 „Im Zentrum der Anstrengungen steht in den Commons der langfristige Nutzwert von Gütern“, sagt Stalder. Commons dürfen auch für die Herstellung „kommerzieller Güter“ genutzt werden, „die Beziehungen zwischen den Menschen, die gemeinsam eine bestimmte Ressource nutzen, werden jedoch nicht durch Geld strukturiert, son dern durch eine direkte soziale Kooperation. Damit unterscheiden sich Commons grundsätzlich von klassischen marktorientierten Institutionen, die ihr Handeln vor rangig an Preissignalen ausrichten. Commons unterscheiden sich ebenso grundsätz lich von Bürokratien — ob nun in der öffentlichen Verwaltung oder der Privatwirt schaft —, die über hierarchische Anweisungsketten organisiert sind. Und sie unter scheiden sich auch von öffentlichen Institutionen. Während diese, zumindest ihrem demokratischen Anspruch nach, die Bevölkerung als Ganze im Blick haben, sind die Commons nach innen gerichtete Formen, die primär durch und für die Mitglieder existieren.“ (S. 247) Stalder verwendet den Begriff der politischen Ökonomie zwar nicht, beschreibt die Commons aber doch als „neuartige Produktionsweise“ (S. 245), die aber dann offenbar nicht „die Bevölkerung als Ganze im Blick“ haben soll. Was auch immer mit „nach innen gerichtete Formen“ dieser neuartigen Produktionsweise gemeint sein mag, ist damit offenbar impliziert, dass die Commoners nur untereinander in wirt schaftlichen Austausch treten, womit sich im direkten Anschluss die Frage stellt, wel cher ökonomische Gewinn denn dadurch erreicht sein soll, und wie dies prinzipiell begründet wäre. Ferner stellt sich die Frage, ob die Commoners denn auch vollkom men auf konsumierenden Austausch mit der sie umgebenden Ökonomie verzichten, sie also in der Lage sind, sich mit Hilfe ihrer neuartigen Produktionsweise vollständig selbst zu versorgen. Das ist offenbar in der Regel eher nicht der Fall. Stalder nimmt dies auch zur Kenntnis: „Commons (...) existieren nicht isoliert von der Gesellschaft. Sie sind immer Teil größerer sozialer Systeme, die normalerweise entweder von Prin zipien des Marktes durchdrungen sind oder staatlicher Kontrolle unterworfen sind und daher der Praxis des Commoning feindlich gegenüberstehen.“ Er glaubt aller dings, dem durch ein in gesetzlichen Rahmenbedingungen anerkanntes Recht auf „Selbstorganisation“ begegnen zu können, das dann auch der Gefahr entgegenwirke, „durch Dritte enteignet und privatisiert zu werden.“ (S. 252) Dass dies geschehen könne, sei die „eigentliche und häufig zu beobachtende ,Tragik der Allmende' In der Tat ist dies ein häufig zu beobachtender Vorgang, dem häufig auch dann, wenn nur etwa eine öffentliche Badeanstalt oder ein Stück Badestrand betroffen ist, eine gewisse Tragik innewohnt. Aber dies ist ja eben ein Teil der „Tragik“ des gesam ten umgebenden Spätkapitalismus, und man fragt sich, wie ein „Recht auf Selbstor ganisation“ denn daran etwas ändern sollte, wie dieses Recht denn aussehen könnte, und auf welchen Rechtsprinzipien es gründete. Darüber hinaus ist es ja nicht nur ein fehlendes Recht, das die Commoners in der Regel doch dazu nötigt, mit der umge benden Ökonomie in Austausch zu treten, und die im Übrigen und Großen und 270 Stalder (2016) S. 246 [160] Ganzen von der Existenz einiger „Commons“ vollkommen unbeeindruckt so spät kapitalistisch und ihrer Entwicklungslogik folgend bleiben kann, wie sie ist. Daraus ergeben sich zwei Argumente gegen die „Commons“: erstens eben dies, das sich da raus keine schlüssigen Ansätze herleiten lassen, wie eine nachkapitalistische Gesell schaft zu gestalten wäre, und zweitens, dass man als „Commoner“ ja sogar darauf angewiesen wäre, dass sie so wie sie ist, bestehen bleibt. Das würde also gelten für den von Stalder beschriebenen Fall, dass externer Austausch besteht. Das Ziel der Herstellung vollkommener Autarkie wird nun tatsächlich vom Ansatz der „Open Source Ecology“271 verfolgt, eine von dem Teilchenphysiker Marcinjakubowski 2003 gegründete netzwerkartige Bewegung mit dem Ziel, in Eigenleistung sämtliche Arbeitsmittel, Geräte, Maschinen und Werkzeuge herzustellen, die erfor derlich sind, um „ein nachhaltiges Leben mit dem Komfort moderner Zivilisation“ zu ermöglichen. Dazu wurde ein „Global Village Construction Set“ entwickelt, das aus 50 Maschinen vom Traktor bis zum Laserschneider besteht. Ein solches Open- Source-Ecology-Projekt als Ableger ist auch in Deutschland entstanden; es beschreibt sein Ziel folgendermaßen: „Durch selbst geschaffene und frei verfügbare Produkti onsmittel eine nachhaltige Lebensweise und die Entstehung einer Open Source Öko nomie ermöglichen.“ Sich selbst beschreibt die Open Source Ecology Germany auf ihrer Webseite272 als „eine offene Bewegung, die eine Open Source Ökonomie auf baut, welche sowohl Produktion als auch Verteilung optimiert, und dabei die Rege neration der Umwelt und soziale Gerechtigkeit fördert.“ Als „Auswirkungen“ der verfolgten Strategien der „kollaborativen offenen Hardware Entwicklung“ und des Modells „reproduzierbarer Unternehmen“ werden folgende aufgeführt: • Zusammen entwickeln wir die weltweit offensten nachhaltigen Technologien, • lokalisieren die Produktion und die Ökonomie, • erfüllen unsere Grundbedürfnisse, • überwinden künstliche Ressourcenknappheit, • leben eine Kultur der Offenheit, der Kooperation, der Solidarität und des Ge meinwohls, • haben mehr Zeit für höhere Ziele, • das menschliche Potenzial entfaltet sich, • Zukünftige Generationen erben alle digitalen Informationen und physikali schen Technologien und bauen darauf. Ihr Wohl hängt von unseren heutigen Aktionen ab! Tatsächlich: mehr Zeit zu haben für höhere Ziele, also dies als Option jedem Men schen in seine lebensgestalterische Verfügung zu stellen, ist ein wünschenswertes Merkmal einer Ökonomie, oder auch das, die „künstliche Ressourcenknappheit“ zu überwinden, oder die Entfaltung menschlichen Potenzials, wie auch die Lokalisierung der Produktion. Aber wenn das alles nur dadurch zu haben sein soll, dass man auf die vorhandenen, höchst entwickelten und produktiven Mittel zur Erzeugung des 271 D ieW ebseitederO rganisation: http://opensourceecology.org/ [Stand 10.03.2017 272 https://wiki.opensourceecology.de [Stand 10.03.2017 [161] „Reichtums“ verzichtet, um sie komplett selber herzustellen, scheint das ein hoher Preis. Ist man aber bereit diesen zu zahlen und ist dies schließlich gelungen, ist der Lebenskreis beschränkt auf eine Art von Kommune, die man so recht nicht verlassen kann, weil die Mittel fehlen, oder man tritt doch als Anbieter von Erzeugnissen auf dem umgebenden Markt auf, um „echtes“ Geld, also gewissermaßen Devisen zu er wirtschaften. Ein wenig fühlt man sich da an die Exporte der ehemaligen DDR erin nert, die sich auf diese Weise West-Mark beschaffte. Kann es tatsächlich vorbildlich für Ökonomien sein, dass jeder Konsument in der Lage ist, seine Produktionsmittel mit eigener Arbeit selbst herzustellen? Und dafür auf die vorhandenen, durch hochentwickelte Arbeitsteilung und Professionalisierung entstandenen Produktionsmöglichkeiten der umgebenden Ökonomie zu verzichten? In der Tat ist die „Prosumation“, also die Möglichkeit der Produktion beliebiger Kon sumgüter am Ort des Konsums, ein Idealbild einer perfekten Ökonomie. Aber da ist die Voraussetzung die, dass eine „perfekte“ universale Maschine eben die Arbeit leis tet, und dem Menschen die Last der „Poiesis“ abnimmt. Tatsächlich ist die alte kapitalistische Ökonomie in ihrem Innern, im Maschinen raum, auf dem Weg, sich mit einer ganz ähnlichen Perspektive zu entwickeln, wie wir gleich sehen werden. Bis dahin bleibt es bei der „alten“ Industrieproduktion und der Marktallokation, die beide aber das Ziel der Optimierung von Produktion und Ver teilung ja schon verfolgen, und anhand objektivierbarer Kriterien dieser Optimierung wie eben Ressourceneffizienz, Produktivität und zunehmend der Flexibilität der Pro duktion sind sie dabei mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit erheblich erfolgreicher als die Peer Production; in der Tat sind sie — und genau das ist Problem — dabei so erfolgreich, dass gesamtwirtschaftlich eben schon ein Stadium der Übersättigung ein getreten ist. Es kommt eben darauf an, einen Modus der Organisation des Wirtschaft lichen zu finden, der die überlastete Steuerungsfähigkeit der in dem Sinne übererfolg reichen Ökonomie herstellt, ohne aber auf das erreichte Niveau von Effizienz zu verzichten. Wir können nun ein weiteres Beispiel näher betrachten. In einem Beitrag des halb jährlich erscheinenden Magazins „Journal of Peer Production“ wird der Versuch un ternommen, Grenzen und Möglichkeiten einer „remaker distributive economy“ zu untersuchen und vorzustellen273. Die Ideen der Open Source Ecology werden hier miteinbezogen, und um das „Remaking“, also das Reparieren, Wiederverwenden und „Upgraden“ schon hergestellter Konsumgüter erweitert. Es wird durchaus der An spruch erhoben, eine „ReMaker political economy and the steady state economy” zu beschreiben und zu entwerfen. Man möchte die folgende Aussage belegen: “Local, repairable, recyclable, and upgradeable goods bring to the forefront visible and readable impacts on bioregional ecological Systems, challenging imperceptible global pro duction Systems.” Begründet wird der Entwurf dieser politischen Ökonomie unter anderem mit der normativen Beschreibung des Menschen als eines “Makers”: „Making is fündamental 273 Stephen Quilley, Jason Hawreliak, Kaitlin Kish: Finding an Alternate Route: Towards Open, Eco-cyclical, and Distributed Production. Journal o fP eer Production Nr. 9 2016 http://peerproduction.net/issues/issue-9-alternative-intemets/peer-reviewed-papers/finding-an-altemate-routetowards-open-eco-cyclical-and-distributed-production/ [Stand 10.03.2017 [162] to what it means to be human. We must make, create, and express ourselves to feel whole. There is something unique about making physical things. Things we make are little pieces of us and seem to embody portions of our soul.”274 Nun hat die an den Anfang gestellte Reflexion auf das, was „der Mensch ist”, er geben, dass er ein Vernunftwesen ist, und dass er sich durch Intentionalität, Autono mie und moralische Kompetenz auszeichnet, die ihm seine wesenstypische und un antastbare Würde verleihen. Kann man auch das „Machen von physischen Dingen“ zu einer spezifisch menschlichen Begabung erklären, die normativ bindend ist, so dass der Mensch x-beliebige physische Dinge hersteilen muss, um „sich ganz zu füh len“? Weil sie „kleine Stücke von uns selber sind“ und „Teile unserer Seele verkör pern“? Die Menschenwürde ist eine Auszeichnung, die dem Menschen personale Rechte wie z. B. das Recht auf Selbstbestimmung zuerkennt, ihn aber auch verpflich tet. Könnte diese Begabung des Menschen, ein „Maker“ zu sein, ihn eben auch zum Herstellen verpflichten? Und kann man eine politische Ökonomie um ein solches ange nommenes Spezifikum des Menschen herum konstruieren, so daß sie also Möglich keit und Pflicht des Menschen enthalten muss, dass er physische Dinge herstellt? Als Selbstzweck? Weil er es aus innerem Drang eben muss? Wie vorne gesehen, kann man gemäß der Aristotelischen Handlungstheorie poietische und praktische Handlungen unterscheiden; poietische Handlungen haben eben das „physische“ Herstellen von Gebrauchsgegenständen zum Inhalt und Handlungs ziel, wobei unterstellt wird, dass diese Gegenstände gewöhnlich bestimmte Funktio nen zu erfüllen haben, woraus sich wiederum Anforderungen an den Prozess ihrer Herstellung ergeben. Dieser besteht deshalb aus präzise beschreibbaren einzelnen Handlungsschritten, und zwar so genau, dass sie lehrbar bzw. lernbar sind, und die Ausführung dieser Handlungsschritte „unerbittlich“, wie Aristoteles sagt, zu dem ge wünschten Ziel führt. In der Welt des klassischen Altertums waren sie deshalb den Sklaven und „Banausen“, den Handwerkern Vorbehalten. Durch die Lehrbarkeit und Determiniertheit der Handlungsschritte ergibt sich die Parallele zur maschinellen Be rechenbarkeit dieses Prozesses, der dadurch — wenn verfügbar — auch von einem pro grammierbaren berechenbaren Automaten ausgeführt werden könnte. In der Aristotelischen Handlungstheorie war es nun genau das Ziel, den Menschen aus dieser Sphäre des Herstellens von funktionalen Zweckgegenständen zu befreien, damit er sich eben der „höheren“ Sphäre der Praxis zuwenden kann, also dem in diesem Sinne praktischen Handeln, entweder in sogenannten „höheren“ Tätigkeiten wie Kunst, Wissenschaft, Politik etc., oder dem Herstellen von Dingen um ihrer selbst willen, etwa im Kunsthandwerk, oder eben auch in der Kunst. Normativ be schrieben ist so der den Menschen auszeichnende Anspruch auf Autonomie, also eben die Befreiung aus der Notwendigkeit des Herstellens von funktionalen Zweck gegenständen. In der Kunst wird das Herstellen eines „Dings“, des Kunstwerks des halb zum Ausdruck der gewonnenen Freiheit des Menschen. In dem Sinne ist der Mensch keineswegs verpflichtet, irgendetwas zu „machen“, damit er „sich ganz fühlen“ kann. 274 Als Quelle wird angegeben: Hatch (2013) S. 11) [163] Wäre in dem obigen Sinne denn nun den Menschen unterstützende oder ihm das „Making“ gar ganz abnehmende Technik verwerflich? Oder ist sie nur bis zu einem bestimmten Grad erlaubt, oder wenn sie eben selbst hergestellt ist? Wie wörtlich ist das „selbst“ denn zu nehmen — denn eine zwar verminderte Arbeitsteilung scheint es innerhalb so eines autarken Betriebes ja zu geben. Aber die Ökonomie der Gesell schaft verfolgt auch den Zweck, „sich selbst“ mit Gütern zu versorgen, und geht hierbei eben arbeitsteilig vor; mittelbar versorgt hier auch jedes Wirtschaftssubjekt sich selbst. Das Argument der Höherwertigkeit einer „Selbstversorgung“ ist insofern nicht stichhaltig. Scheinbar befindet sich die Argumentation da in einem Zirkelschluss. Es kann nicht der bestimmende Inhalt des Entwurfs einer politischen Ökonomie sein, den Menschen auf das „Machen“ festzulegen, weder ermöglichend noch verpflichtend. Man kann nicht das Herstellen zum Selbstzweck erklären, denn die Dinge, die im wirtschaftlichen Prozess hergestellt werden, haben gewöhnlich einen Zweck zu erfül len, sonst hätten sie in aller Regel keinen Gebrauchswert. Zweck einer politischen Ökonomie ist es aber eben, den Menschen optimal mit nützlichen Dingen zu versor gen. Die beobachteten Erscheinungen der von der Warenproduktion getriebenen ka pitalistischen Wirtschaft nach Erreichen des Reifestadiums sollten nicht den Blick dafür versperren, dass dieser Zweck der Versorgung mit brauchbaren Gütern ja eben bestens, und mehr als das, bis zum Überfluss, erreicht worden ist. Nun weiter mit dem „Making“ fortzufahren, weil das „Making“ den Menschen erst ganz macht, wäre geradezu absurd. Wie in den oben wiedergegebenen Definitionen gesehen, wird hervorgehoben, dass die Commons jedenfalls in gewissem Umfang auf Tausch und Arbeitsteilung verzichten; die erzeugten Produkte sollen keinen im Tausch festgelegten Tauschwert haben, und sollen Gebrauchswerte und frei verfügbar sein. Produziert werden sie in freier Kooperation, und die Produzenten arbeiten mit „intrinsischen“ und „sozialen“ Motivationen, anstatt „materieller“ Anreize. Der Kapitalismus mit seiner typischen Warenproduktion und deren Allokation über Märkte ist entstanden und hat sich so dynamisch entwickelt, weil die Nutzung von Maschinen, verbunden mit immer weiter verfeinerter Arbeitsteilung und Spezia lisierung, die Produktivität enorm erhöht hat, und damit auch den Spielraum zur Ver teilung des größeren Produkts an alle Beteiligten. Sofern die gesellschaftlichen Me chanismen vorhanden waren, diesen Spielraum auch im Interesse der Werktätigen zu nutzen, wuchs so der Wohlstand für alle. Wie soll nun die Peer-Production auf Tausch und Arbeitsteilung verzichten können, ohne dass das Produktivitätsniveau drastisch gesenkt würde? In den bekannten erfolgreichen Beispielen von Online-Kollaboration wie Wikipedia oder, wie bei Benker erwähnt, Apache oder Nginx, spielt die Produktivität der freiwillig beigesteuerten Arbeit derVolunteers eine so untergeordnete Rolle, dass sie überhaupt nicht gemessen wird. Wenn unter solchen Vorzeichen gearbeitet wird, muss auch die Maschinenproduktivität des genutzten Kapitals kaum beachtet wer den. Im Falle der verteilten Entwicklung von Software werden lediglich Rechnerleis [164] tung und die Speicherkapazität von Datenbanken genutzt, deren physische Lokalisie rung weitgehend unerheblich ist, weshalb das genutzte Kapital und die Frage dessen Eigentums eine sehr untergeordnete Rolle spielen; dies ist aber offensichtlich nicht der Fall in der modernen Konsumgüterproduktion, wo die Nutzung hochmoderner „Maschinerie“ neben einer eng getakteten Arbeitsorganisation den entscheidenden Faktor zur Erreichung hoher Arbeitsproduktivität darstellen. In der verteilten Soft wareproduktion oder beim Aufbau der Wikipedia Enzyklopädie ist es dagegen ohne weiteres möglich, dass ein Freiwilliger ganz nach seinem persönlichen Tagesplan und seinem inneren Befinden, also bei „Aufkommen“ einer intrinsischen Motivation, sich an den Rechner setzen kann, und einen Input liefert. Er ist davon in keiner Weise abhängig oder dazu durch äußere Umstände gedrängt, und auch das gemeinschaftli che Werk ist nicht davon abhängig, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ganz be stimmte Arbeitsleistungen an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Qualität und Menge verfügbar sein müssen. Dies ist aber bei der Produktion von Konsumgü tern in der Regel der Fall (sofern sie nicht schon weitgehend automatisiert ist), und wenn man die sich aus dieser Anforderung ergebenden Arbeitsabläufe dem Zufall überlässt, geht dies natürlich erheblich auf Kosten der Produktivität. Man setzt in der Philosophie der Peer-Production die intrinsische, aus einem inne ren Bezug zur Arbeit stammende Motivation gerne den materiellen Anreizen in Form von Entlohnung durch Geldzahlungen gegenüber. Das Geld ist nun, wie gesehen, ein Medium, das den wertgleichen Austausch von Gütern ermöglichen soll. Dabei wird davon ausgegangen, dass Leistungen getauscht werden müssen, weil sonst keine Ar beitsteilung und Spezialisierung möglich wäre; der Tausch dieser Leistungen soll in der Regel so zustande kommen, dass keiner der Tauschpartner dabei einen Schaden erleidet und übervorteilt wird. Wie ungenau oder unangemessen diese Wertzumessung in der Wirklichkeit auch immer realisierbar sein möge, ist dies Sinn und Absicht des Tausches mit Hilfe des Tauschmittels Geld. Wie unterscheidet sich nun eine intrinsische Motivation von einer „materiellen“ Motivation? Was damit gemeint ist, wird man unter Bezug auf die Aristotelische Un terscheidung von Chrematistik und Ökonomik (wir kommen darauf zurück) etwa folgendermaßen beschreiben können: etwa ein Schuster oder Schneider oder Soft werker kann in der Herstellung seines Werkes motiviert sein von dem Gedanken, für einen Kunden, einen Nutzer oder auch einen anonymen Zeitgenossen ein nützliches, gutes, brauchbares, wertvolles Werk zu schaffen. Der Gedanke, dass er dem wirt schaftlichen Geschehen zu einem anderen Zeitpunkt auch als Konsument gegenüber auftreten muss, mag dann in dieser Motivation zurücktreten. Jemand möchte gerne in erster Linie gute Arbeit leisten, und fragt erst in zweiter Linie danach, wie diese Arbeit „materiell“ entlohnt wird. Anders würde es sich verhalten, wenn jemand in erster Linie danach fragt, wie sie materiell entlohnt wird, und sein Interesse an der Herstellung einer qualitativ hochwertigen Arbeit sich in Grenzen hält, was bis zum Versuch der Täuschung und Übervorteilung des Kunden bzw. Tauschpartners gehen mag. Im zweiten Fall handelte es sich um eine chrematistische, am Gelderwerb inte ressierte Einstellung, und im ersten um die sittlich gerechtfertigte Haltung etwa des [165] ehrbaren Kaufmanns. Ein prinzipieller Interessenskonflikt bleibt dennoch unver meidlich bestehen. Aber diesen typischen Konflikt der Simmelschen Erwerbskontrahenten kann man nicht durch eine Arbeitsphilosophie auflösen. Dieser Konflikt ist da, solange ge tauscht werden muss, und würde sich, wenn denn getauscht werden muss, nur dann auflösen lassen, wenn die Warenwerte so genau und objektivierbar gemessen werden könnten wie etwa ihr Gewicht, oder sonstige bei beiden vorhandene und sie ver gleichbar machende physikalische Eigenschaften. Der Warenwert bzw. sein Markt preis wird aber eben immer auch — wie vorne bereits diskutiert — eine subjektive Komponente beinhalten, weshalb ein Verkäufer den Wert seines Angebots gewöhn lich höher ansetzen wird als der Käufer, der Eigentumsübergang daher immer auch in strategischer Einstellung erfolgt und „machtdurchsetzt“ ist, w ieJürgen Habermas dies genannt hat. Wenn also in einem Produktionsvorgang die Leistung des Einzelnen, ihre Beschaf fenheit, Zeit, Qualität, Umfang und Ort ihrer Erbringung eine so untergeordnete Be deutung haben wie bei der Erstellung einer Software oder dem Aufbau einer Enzyk lopädie, dann spielt auch die Beschaffenheit des genutzten Kapitals und dessen Ei gentumsstruktur keine besondere Rolle. Es ist im Wesentlichen die Rechnerleistung erforderlich, um die Wikipedia Datenbank zu hosten, und diese Leistung muss von einer juristischen Person mit ladungsfähiger Anschrift der „Community“ zur Verfü gung gestellt werden, und damit sind bekanntlich auch Kosten verbunden, die bei der Wikipedia durch freiwillige Spenden gedeckt werden.275 Die benutzte Infrastruktur des Internet ist nicht Teil des erforderlichen unternehmensspezifischen Kapitals, und was sonst noch erforderlich ist, befindet sich gewöhnlich im Eigentum oder Zugriff des Nutzers, also dessen Rechner und die darauf installierte Software. Mit einer solchen „Infrastruktur“ wäre aber unter den heute verfügbaren techni schen Bedingungen eben noch keine nennenswerte Industrieproduktion möglich, je denfalls nicht in einem solchen Umfang, dass tatsächlich von einem „neuen Modus der Produktion“ gesprochen werden könnte; der gesamtgesellschaftliche Output, von dem ja das Überschreiten der Grenze insjenseits des Reiches der Notwendigkeit mit abhängig ist, würde sich zurückentwickeln. Im Übrigen fehlt in der Philosophie der Peer-Production ein Verständnis für den historischen Wandel der Bedeutung von Arbeit im Kontext der sich wandelnden ge 275 W ikipedia hat ihren Ursprung im misslungenen Versuch der Gründung einer Erotik-Suchmaschine durch den Gründer Jimmy W ales, in dessen Eigentum die Marke „W ikipedia“ sowie die Server zum Hosten der Daten banksysteme sich anfangs befanden. Später wurde das Eigentum an die W ikimedia Foundation übertragen, die rechtlich von der W ikipedia Community getrennt ist, und in deren Regie die Artikel der Enzyklopädie von freiwilligen Autoren geschrieben und verwaltet werden. Die Anzahl dieser Autoren ist nun nach beginnender Stagnation 2007 deutlich zurückgegangen, so in Deutschland von 9254 Ende 2008 auf 5862 Ende 2015. Das Verhältnis der hauptamtlichen M itarbeiter der Foundation und der Com m unity sei inzwischen „zerrüttet“ . Die Spendenbereitschaft sei aber hoch, so dass die Foundation au f Barreserven von rund 80 M illionen Dollar sitzt. Als volkswirtschaftlicher Effekt steht demgegenüber der Konkurs so gut wie aller kommerziellen Enzyklopä dien. Vgl. L. Dombusch: W arum die W ikipedia nach 15 Jahren in der Krise steckt. Süddeutsche Zeitung vom 15.1.2016. http://www.sueddeutsche.de/digital/online-lexikon-warum-wikipedia-nach-jahren-in-der-krise-steckt- 1.2816858 [Stand 27.02.2017] [166] samtwirtschaftlichen Bedingungen. Die Idee von Arbeit, so wie sie hier zum Aus druck kommt, wird offenbar immer gleich bleiben, unabhängig von ihrer tatsächli chen geschichtlichen Notwendigkeit. Es gibt in dem Sinne keine Nachfrage nach Ar beit, die im Zusammenhang der Philosophie eine Rolle spielen würde, und die sich im geschichtlichen Ablauf änderte, und es gibt auch keine Unterscheidungen nach der Qualität der Arbeit. Es gibt auch keinen objektiven Sinn als Herstellungsziel von individueller Arbeit, und keine übergeordneten Aufgabenstellungen als gesellschaftli che Arbeit, die durch zweckvollen Arbeitseinsatz zu erreichen wären. Es kommt nur auf die Motivation zur Arbeit an, die intrinsisch sein soll. Wenn diese intrinsische Motivation gegeben ist, scheint es irrelevant zu sein, ob eine Arbeit auch einen Wert im Sinne eines von außen nachgefragten Arbeitsergebnisses hat, ob also jemand das Resultat dieser Arbeit verlangt oder wünscht und verwenden kann oder will. Irrele vant scheint auch die Frage zu sein ob die von einem intrinsischen Arbeiter genutzte Ressource effektiv genutzt wird, also nicht verschwendet wird. Hätte sie besser ver wendet werden können, im Sinne objektiv wertvoller Ziele, wie etwa ganz allgemein der Verminderung von Not und Mangel, oder der Beförderung einer besseren medi zinischen Versorgung, oder pädagogisch oder wissenschaftlich oder sonstwie kultu rell wertvoll? Solcherlei Fragestellungen muss die „Peer Production“ aus ihrem Be obachtungsbereich ausblenden. Aber das entscheidende Argument gegen die Annahme einer Verallgemeinerbarkeit dieser Prinzipien im Sinne eines neuen Modus von Produktion liegt darin, dass eine hochproduktive Fertigung heute ohne Zugriff auf modernste und höchst effi zient organisierte Produktionssysteme nicht möglich ist, die noch immer sehr kapi talintensiv sind, hochqualifiziertes Personal erfordern und damit die Frage des Eigen tums absolut nicht ungeklärt lassen können. Dies ist noch immer die entscheidende und eine Vielzahl von abhängigen Fragen bestimmende, m. a. W. die systembestim mende Fragestellung: liegen die Entscheidungen über die Produktionsmittel eher in privater oder in öffentlicher Hand? Das war vorne die Ausgangsannahme. Wie und auf welche Weise und mit welchen Mitteln sich hier doch ein dritter Weg eröffnen könnte, war bisher angedeutet und soll im nächsten Kapitel präzisiert werden. Es wird sich dann zeigen, dass bezüglich so zentraler ökonomischer Sachverhalte wie Wert, Preis, Tausch und Arbeit getrost alles beim Alten bleiben kann, denn was sich im Wesentlichen ändert ist die Technologie, die eine neue gesellschaftliche Nutzung ermöglicht. Diese allerdings scheint sich in der längeren Frist in eine Richtung zu bewegen, in der die Bedeutung des zentralisierten Kapitals tatsächlich abnimmt, und die Bedeu tung öffentlich verfügbarer Wissensbestände zur Produktion von Gütern am Ort des Konsums zunimmt. Dies ist aber als ein Prozess einer progressiven Verlagerung menschlicher Arbeit auf die Maschine zu verstehen, begleitet von einer progressiven Ansammlung von „Steuerungswissen“ auf einer — dann zunehmend — öffentlich ver walteten Datenbank; bei der so möglich werdenden maschinellen Produktionsarbeit handelt es sich eben vor allem um die berechenbare „poietische“ Arbeit des Herstel lens, während die kreative Arbeit des „Erfindens“, der Produktentwicklung beim Menschen verbleiben können, so weit wie eben noch erforderlich. Die Frage der [167] intrinsischen oder nicht-intrinsischen Motivation zur Arbeit ist hier eher unbedeu tend; entscheidend ist, ob die Arbeit innerhalb gesellschaftlicher Bedingungen geleis tet werden kann, in denen Gebrauchswerte erzeugt werden, und keine Waren, in Ein bindung in die Arbeitsprozesse erwerbswirtschaftlich orientierter Unternehmen. Wenn Gebrauchswerte erzeugt werden, ist das Arbeitsmotiv der bestehende Bedarf an diesen Gebrauchswerten, der zu decken ist. In einer ausschließlich kapitalistischen Wirtschaft ist es eben das Motiv der unbegrenzten Kapitalvermehrung. Erst jenseits des „Reiches der Notwendigkeit“, und jenseits einer irrationalen wett bewerbsgetriebenen Kapitalvermehrung kann die nicht mehr auf die Erzeugung des lebensnotwendigen Produkts gerichtete Arbeit sich „höheren“ Inhalten zuwenden, und dies dann auch — ohne dass es überhaupt anders möglich wäre — mit einer intrin sischen Motivation. Um dies aber nun zu erreichen, ist eben doch die Frage der Ver fügung über das Kapital von entscheidender Bedeutung. Wie ja eigentlich auch schon das Beispiel der Wikipedia selber zeigt, werden die wesentlichen Infrastrukturele mente, die zur Erzeugung einer Leistung unverzichtbar sind und in hohem Umfang Werte binden, niemals in einen Zustand geraten, in dem sie „niemand gehören“; of fensichtlich gehören die Server und die Namensrechte an der Marke Wikipedia sowie die gesammelten Spendenreserven auch nicht niemand. Dies ist im Grunde ein Irrtum, der die ganze Idee der Commons durchzieht, denn schon die vielzitierten Beispiele der Ur-Commons, die Allmendewiese oder der Allmendewald gehörten nicht nie mand, sondern einer Gemeinschaft, die diese nutzen durften und dazu ausdrücklich berechtigt waren.276 Ein volkswirtschaftlicher Zustand, in welchem das Eigentum tat sächlich seine bisher durch alle bekannten volkswirtschaftlichen Zustände ihm zu kommende Eigenschaft und Funktion vollständig verloren haben würde, wäre nur erreichbar unter der Fiktion der Verfügbarkeit sehr hoch produktiver und universaler Produktionssysteme, die jeweils direkt am Ort des Konsums „instantly“, augenblick lich jeden auf Anforderung entstehenden Bedarf vollständig decken könnten, und die Verfügbarkeit derartiger Produktionssysteme zeichnet sich am Horizont tatsächlich ab, wie später gezeigt werden soll. Die Verfügbarkeit einer in diesem Sinne vollkom menen Technologie würde auch die Frage des Eigentums obsolet werden lassen, da eine andere Verwendung als die direkte Gebrauchswerterzeugung durch die (unbe schränkte) Anzahl seiner Benutzer schlechterdings nicht vorstellbar wäre; Nutzen ausschluss wäre sinnlos. Ein höheres Niveau von Ökonomie, eine neue politische Ökonomie lässt sich nicht dadurch gewinnen, dass man etwa Güter oder Produktionsmittel einfach zu Gemeingütern erklärt. Dadurch lassen sich Mangel und Knappheit nicht überwinden. Dieser Zustand wäre (in Perfektion) nur durch eine nicht zu übertreffende technische Vollkommenheit der Mittel zur Produktion des gesellschaftlichen Reichtums erreich bar, der dadurch eben zu einem „wirklichen Reichtum“ werden würde, wie Karl Marx dies genannt hat — dazu also ausführlich später. In gewisser Weise ist der Kapitalismus dabei, diese Art von Maschinerie in seinem Maschinenraum auszubrüten, und darum geht es nun im nächsten Kapitel. Ist diese 276 Vgl. den W ikipedia-Artikel zu Allmende https://de.wikipedia.org/wiki/Allmende [Stand 27.02.2017 [168] Maschinerie allerdings vorhanden und öffentlich verfügbar, können „commonistische“ Produktionsweisen in Ergänzung zu konventionellen privatwirtschaftlichen durchaus volkswirtschaftlich sinnvoll und relevant werden. Die reine Softwarepro duktion, in dem Fall dann die innovative Entwicklung von Produktdesigns, ist in die ser offenen Arbeitsweise ja durchaus möglich und erfolgversprechend, und kann zur Herstellung von nachhaltiger Wohlfahrt beitragen. Nur kann die „commonistische“ Produktion alleine nicht den Kapitalismus sinnvoll transformieren, was an sich ja dringend notwendig ist. Zur Idee der Commons bleibt sonst noch festzustellen, dass sie sich offensichtlich einer großen Attraktivität erfreut, und mit ihrer breiten Verwurzelung im akademi schen Milieu einen beachtlichen, aber möglicherweise auch überwiegend selbstrefe rentiellen Output wissenschaftlicher Texte erzeugt. Das große Interesse277 und die Sympathie, auf das diese Ideen stoßen, dürften damit Zusammenhängen, dass sie eben auch den großen Vorzug besitzen, sich weder die Aporien des Kapitalismus noch die Fehler des staatsgläubigen Sozialismus vorwerfen lassen zu müssen. Als „Alternative“ oder Vehikel zur Transition des Kapitalismus taugen sie allerdings nicht, und die Tat sache, dass Mason und Rifkin den „commonistischen“ Ideen in ihren Entwürfen eine so zentrale Stellung einräumen, sagt viel aus über deren praktischen Wert. Rifkin zitiert einführend in seine Sicht der „Komödie der Commons“ die zentrale Passage aus Garret Hardins Essay „Die Tragödie der Commons“, mit der dieser 1968 seine Einschätzung vom unweigerlichen Schicksal der Commons begründet hat: „Darin liegt die Tragödie. Jedermann ist fester Bestandteil eines Systems, das ihn seine Herde grenzenlos zu vermehren zwingt — und das in einer begrenzten Welt. So eilen alle dem Schicksal ihres Ruins entgegen, jeder im Streben nach seinem Vorteil in einer Gesellschaft, die an die Freiheit der Allmende glaubt. Die Freiheit des Ge meinguts führt zum Ruin aller.“278 Was die Nutzung von Allmendewiesen etc. angeht, lassen sich in der Tat eine Reihe von Beispielen finden, die das Gegenteil belegen. Aber was die großen Allmenden dieser Welt angeht, die Meere, die Atmosphäre, das Trinkwasser, die verfallenden Ökosysteme, scheint sich doch Hardins Erwartung genau zu bestätigen. Die bisheri gen Versuche, den Zugriff der „Trittbrettfahrer“ auf diese Allmenden zu begrenzen, waren nicht sehr erfolgreich. Rifkin zitiert auch den Vorschlag Hardins für die „einzig effektive Art und Weise“, wie dem Verfall der Ökosysteme zu begegnen sei, nämlich durch die „schwere Hand einer zentralen staatlichen Verwaltung.“ (S. 228) Wie hier 277 Einen guten und sehr detaillierten Überblick über Geschichte und aktuellen Stand von Open Source Software Projekten gibt J.F. Schrape in einem Diskussionspapier des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart. „Open Software Projekte zwischen Passion und Kalkül“ . Danach nim m t das Interesse allerdings schon wieder ab, weil sich inzwischen viele der Hoffnungen nicht bestätigt haben, wie sie zusammenfassend berichten: „Insgesamt zeigt sich, dass die quelloffene Softwareentwicklung inzwischen zu einer allgemeinen Branchenmethode avanciert ist, dabei aber ihre Formatierung als G egenentw urf zur kommerziellen und propri etären Herstellung weitgehend verloren hat. W ährend freie Software zunächst subversiv konnotiert war, ist das Involvement in Open Source Projekte heute zu einem festen Bestandteil der Innovationsstrategien aller großen Softwareanbieter geworden.“ http://www.uni-stuttgart.de/soz/oi/publikationen/soi_2015_2_Schrape_Open_Source_Softwareprojekte_zwischen_Passion_und_Kalkuel.pdf [Stand 11.03.2017] 278 Rifkin (2014) S. 228. Als Quelle gibt Rifkin an: Garret Hardin: The Tragedy oft he Commons, Science 162, No. 3859(13. 12. 1968), S. 1244 [169] gezeigt werden soll, besteht Hoffnung, dieses im kapitalistischen Wettbewerb wur zelnde Streben nach dem eigenen Vorteil eliminieren oder doch deutlich entschärfen zu können: die von Hardin erwartete Notwendigkeit eines Hobbesschen Leviathans könnte sich aber dennoch ergeben. Auf jeden Fall wird es notwendig sein, den Primat der Politik wiederzugewinnen, und die Mittel der politischen Steuerbarkeit zu erwei tern. Und dazu wird ein nicht unwesentlicher Teil der Produktionsmittel sich weniger in „Commons“ verwandeln, sondern in öffentliches Eigentum und Verwaltung über geben werden müssen, dies aber ganz anders, als es schon einmal versucht worden ist. [170] Im Maschinenraum: Die Emergenz produktiver Universalität Das Architekturbüro Henn mit Sitz in München, das mit seinen rund 350 Mitarbei tern weltweit Unternehmens- und Industriebauten entwirft und realisiert, darunter die füturistische Autostadt für die „Automotive Expo“ in Peking (2008), die Auto stadt in Wolfsburg (2000) oder die gläserne Manufaktur für den VW Phaeton in Dres den (2002), hat sich auch einmal ganz prinzipielle Gedanken zur „Fabrik der Zu kunft“ gemacht, und stellt einen Entwurf dazu auf seiner Homepage vor, mit seinen wesentlichen Charakteristika und einer anschaulichen Bebilderung:279 „Die nächste Fabrik wird eine menschenfreundliche und roboterfreundliche Fabrik sein. Sie wird gu einem Ort der 'Wissensanwendung und der Wissensergeugung. Deshalb entwickelt sich die Fabrik gu einer Kommunikationsplatform,für den Betrieb und gum Markt hin. Eine immer höher entwickelte Automatisierung steigert die 'Flexibilität und macht den Menschen wieder gu einem souveränen Akteur. Global eV 'Wemetgt: Durch flexible 'Fertigungstechnologien rücken 'Bestellung und Produktion immernäheraneinander. Neben die Ausführung betriebsintemerAnweisungen tritt eine gunehmende Kommunikation derFabrik nach draußen. Im Industriegüterbereich werden die hierarchi schen Zulieferketten von globalen Produktionsnetgwerken abgelöst, die geitnah koordiniert wer den müssen. Die 'Fabrik wird vom 'Befehlsempfänger gum Ort der Kooperation m it Zulieferern und Kunden. Neben die klassischen Ziele der Produktivitätssteigerung und Kostenminimierung treten gleichberechtigtflexible Produktion und kooperative Innovation. A u f den Konsummärkten wird die 'Nachfrage immer heterogener, die Macht des Kunden steigt und macht seine Echtgeitpräseng erforderlich. Deshalb sitgen Zulieferer und Kundenfrühgeitig m it am Tisch, wenn es um die Entwicklung neuer Produkte geht. In dieser Situation werden alle Akteure der 'Wertschöp fungskette gu unvergichtbaren 'Wissensträgem: Entwickler, Hersteller, 'Weiterverarbeiter, A n wender und Kunden gewinnen dagu, wenn siefrühgeitigE influss aufeinander nehmen. Architektu rha td ie Aufgabe, diesen 'Wandel durch neue Raumkongepte gu ermöglichen. Flexibel eV Automatisiert: Die nächste 'Fabrik ermöglicht eine hohe 'Flexibilität in derFläche, fü r Produktionsanlagen, Embauten und Erweiterungen. Materialströme organisieren sich au f mobilen 'Transporteinheiten wie Bits and Bites au f der Platine. Roboter werden immer preiswerter und noch flex ibler in ihren Anwendungsbereichen. Zudem erwerben IndustrieroboterFähigkeiten, die bislang fü r den Servicebereich entwickelt wurden, etwa die gu r Kommunikation. Auch die Mobilität nimmt gu, so dass Roboter Industriemeister begleiten und ihnen bei schweren und g e fährlichen Aufgaben gur Hand gehen können. Die Arrangements von 'Fertigung und 'Wertrieb können sich dadurch schnell wechselnden Auftragslagen anpassen. Die 'Fabrik wird dabei gum Eemort, der das 'Wissen in seiner Anwendung geigt und gugleich immer neu infrage stellt. Die Fabrik wird gurSchule. 219 http://www.henn.com/de/research/factory-future [Stand 20.02.2017], Eine detaillierte Beschreibung findet sich in einem Heft der „Wirtschaftswoche“ zum Themenschwerpunkt Architektur: „WirtschaftsWoche“ vom 24.9.2012, S. 14 und 15. [171] Urban & Nachhaltig: In Folge von Mass Customigation, Zuliefemetgwerken und Open Inno vation müssen gan g unterschiedliche und einander fremde Gruppen und Fxpertenkulturen in einem kontinuierlichen Austausch miteinander stehen, voneinander lernen und kooperieren. Seit je h e r i s t e s eine 'lugend derStädte, die 'Begegnung und denAustausch unterFremden gu ermög lichen. Von urbanen Fäumen kann man daher lernen, in welchem Umfeld ein solcher Austausch gelingt. Die nächste Fabrik wird selbst urban sein: Froduktionsboukvards ergeugen Aufmerk samkeit fü r die ständig gu verbessernden Progesse; Fxpertenkulturen geraten au f gemeinsamen Plateaus miteinander in Berührung; Besucher und Kundenfinden Plattformen, au f denen sie ihre Erfahrungen und Ideen einbringen können. Emissionfreie Fabriken suchen Innenstadtlagen auf, um diese 'Vorgänge im städtischen Kontex tgu intensivieren. Die Zeit der luftverschmutgenden, lärmenden undEnergiefressenden 'Fabrik gehört der 'Vergan genheit an. Die nächste 'Fabrik versorgt sich selbst. Sie wird bestimmt vom nachhaltigen 'Umgang mitFessourcen und Energie. Dabei sind die Nutgung von 'Windkraft, Sonnenenergie, Geother mie und die Produktion von 'Biomasse der Schlüssel: Die 'Fabrik ist gugleich ein Kraftwerk, sie speist überschüssige Energie in das Stadtnetg ein undfunktioniert als Puffer beiEnergie-Spitgen- Zeiten. Ergängtwerden diese Maßnahmen durchgeschlossene Kreisläufe derWasserwirtschaft.“ In der Tat: ein begeisternder, Frische, Mut, Inspiration und Optimismus ausstrahlen der Entwurf, der Hoffnung und Lust auf die Zukunft macht. Im Sinne der hier entwickelten Argumentation würde diese Fabrik aber nun eine öffentliche, gemeinwirtschaftliche, staatliche oder kommunale, jedenfalls nicht von privaten Unternehmen in gewinnwirtschaftlicher Absicht betriebene Fabrik sein müs sen, dies jedenfalls nicht nur oder überwiegend. Die öffentliche Hand müsste bzw. sollte das letzte Wort haben; was auch bedeuten würde, dass die Kunden und die Passanten des urbanen Raums, die hier die fleißigen, hilfsbereiten und lernfähigen Roboter durch die gläsernen Scheiben zu Werk gehen sehen, wissen, dass diese Ro boter — wenngleich auch eher indirekt — ihnen selber gehören. Man wird annehmen dürfen, dass wohl niemand, der in der Gegenwart mit dem Bau und dem technischen Entwurf von „Fabriken der Zukunft“ oder „Smart Factories“ beschäftigt ist, dieser Ansicht oder Forderung zustimmt. Man wird es viel leicht für Utopismus oder sozialistische Träumerei halten, und in der Tat ist es ja durchaus anspruchsvoll, hier die Argumentation zwingend und einleuchtend zu füh ren, um Skepsis und Vorbehalte gegen einen solchen Vorschlag zu überwinden. Aber es wird nach der hier entwickelten Auffassung nicht anders möglich sein, einen sub stantiell neuen und nachhaltig erfolgversprechenden Fortschrittspfad zu beschreiten. Wie im Folgenden aber nun aufgezeigt werden soll, befindet sich die Entwicklung bereits seit rund dreijahrzehnten auf diesem Pfad, scheinbar ohne dass sich jemand dessen bewusst geworden wäre, dies jedenfalls im Sinne einer diesbezüglichen wis senschaftlichen Publikation. Wenn man das Woher und das Wohin dieses evolutio nären Pfades einmal rekonstruiert, und daraus einen Richtungspfeil ableitet, wird man feststellen: die Pfeilspitze weist genau in diese Richtung. [172] D i e F a b r i k d e r Z u k u n f t - e i n e ö f f e n t l i c h e S t a d t f a b r i k ? 280 ■fr Abb. 7: Fabrikder Zukunft © H EN N 280 Vgl. dazu auch: D ieter Läpple: Produktion zurück in die Stadt. E inPlädoyer. Bauwelt 35.2016, S. 22 ff. Läpple plädiert hier für ein „Urban M anufacturing“ , das durch eine „next economy“ aus Kleingewerben etwa der Kreativwirtschaft, des „M aker M ovement“ und von FabLabs getragen wird, geht damit der Diskussion des sich zuspitzenden Dilemmas der spätkapitalistischen Großindustrie aber aus dem Weg. [173] Digitale Fabrikation Der Klammerbegriff, unter dem die Vorgänge des technologiegetriebenen Wandels der Arbeitswelt meist abgehandelt werden, heißt heute Digitalisierung. In den 1950er Jahren sprach man von Automation,281 in den 1970er und 1980er Jahren vielleicht eher von Rationalisierung, und nun lautet der wohl geläufigste und meist verwendete Ausdruck „Digitalisierung“. Der volkswirtschaftliche Effekt als auch die verwendete Basis-Technologie sind aber immer noch die Gleichen: letzten Endes wird mit Rück griff auf die Leistung universal programmierbarer Automaten, vulgo Computer, an gestrebt, die menschliche Arbeit zu unterstützen, ihre Effizienz zu erhöhen, ihre Qua lität zu verbessern, ihren Einsatz optimal zu steuern, auch zu vermessen, und schließ lich, wenn möglich und kostenrechnerisch vorteilhaft, diese auch komplett zu erset zen. Man setzt dazu die verschiedensten Mittel ein; ob die Maschinen nur Informati onen auswerten und/oder sie generieren, ob sie direkt oder indirekt steuern, oder ob sie per Robotik oder 3D-Druck oder Laserschneider in die physischen Arbeitspro zesse direkt eingreifen, ist letzten Endes zweitrangig. Es sind immer digital program mierbare Maschinen, die Arbeit leisten, indem sie entweder direkt Maschinen bei ih rer Arbeit kontrollieren und steuern, oder die Arbeit von Menschen steuern und kon trollieren, oder steuernden und kontrollierenden Menschen Steuerungsinformationen an die Hand geben. Der Begriff „Digitale Fabrikation“ ist vergleichsweise jung. Obwohl die digitale, also rechnerbasierte Steuerung der Arbeitsabläufe in Betrieben ja schon in den 1950er Jahren begann, war die Verbindung des Rechners zum gesamten komplexen Gesche hen in der Fabrik doch noch vergleichsweise punktuell und lose vermittelt; die Rech ner griffen eher selten unmittelbar in die Produktion ein. Das hat sich aber mit der digitalen Fabrikation massiv geändert. Das liegt unter anderem auch daran, dass digi tale Fabrikation einen vollkommen neuartigen Begriff von Produktion umfasst, näm lich den, dass Bauteile „additiv“, durch Zusammenfügen möglichst kleiner basaler Komponenten, bis hinab zur molekularen Nanoebene, zusammengefügt werden, während konventionelle Produktionsprozesse meist eine „subtraktive“ Materialbear beitung verwendeten, also das Abtragen (Schleifen, Fräsen, Bohren) von Rohmateri alpartikeln, um ein Bauteil in die gewünschte Form zu bringen. Die Aufgabe des Rechners bei der additiven digitalen Fabrikation ist es dann, die räumlichen Koordi naten des jeweils nächsten zu platzierenden Partikels zu errechnen bzw. diese der ausführenden Maschine zu übermitteln, und es ist intuitiv einsichtig, dass eine solche Weise der Fabrikation dem Rechner einen Stellenwert zuweist, der dem Menschen im Fertigungsprozess selber so gut wie gar keinen Raum zur Mitwirkung mehr lässt. Daher wurde diese additive Fertigung auch als „werkzeuglose Fertigung“ oder „Zero- 281 Der Initiator und Geschäftsführer des ersten europäischen Softwarehauses, die „M athematischer Beratungs und Programmierdienst GmbH“, Hans Konrad Schuff, hatte unter anderen die folgenden Themengebiete zur Bearbeitung in der neuen Zeitschrift „elektronische datenverarbeitung“ vorgesehen, laut dem Vorwort zu de ren erster Ausgabe Anfang 1959: „ ... Theoretische und praktische Berichte über Betriebsautomatisierung, w o bei unterschieden wird zwischen a) Verwaltungs-Automatisierung im betriebswirtschaftlichen Bereich, b) Au tomatisierung der Ingenieurarbeiten, c) Automatisierung der Fertigung, d) Integration der Betriebsautomatisie rung; ...“ . Damit waren die Aufgaben der damaligen „elektronischen Datenverarbeitung EDV“ beschrieben. Hasenkamp / Stahlknecht 2009 S. 18 ff. [174] Skill-Manufacturing“ apostrophiert, die an den Menschen und seine Fertigkeiten praktisch keine Ansprüche mehr stellt, es sei denn in der operativen Handhabung der digitalen Fabrikationsmaschine selber.282 Anlässlich einer am 7. März 2013 am MIT Media Lab abgehaltenen Konferenz stellte der am MIT lehrende Professor Neil Gershenfeld die „Wissenschaft der Digi talen Fabrikation“ als ein neues Forschungsprogramm vor, das dem Forschungsziel gewidmet ist, „Daten in Dinge und Dinge in Daten zu verwandeln”, und dabei „von einer interdisziplinären wissenschaftlichen Forschergemeinschaft unterstützt und mit Beiträgen versorgt werden wird“.283 Gershenfeld hat dieses Bild der Verwandlung von Daten in Dinge immer wieder gerne benutzt, um das frappierende neue Prinzip der digitalen Fabrikation anschaulich zu machen, nach dem Fabrikation nunmehr nur noch in der physischen Realisierung digitaler Datensätze als „Modelle“ von Dingen besteht, die von digitalen Fabrikatoren fast komplett ohne menschliches Zutun ab gearbeitet wird. Im Vergleich mit dem 3D-Druck ist der Anspruch dieses Forschungsprogramms und des in seiner Mitte stehenden Begriffs der digitalen Fabrikation wesentlich um fassender und verhält sich zum 3D-Druck wie zu einer Teildisziplin; dies zeigt sich auch schon an Zahl und Inhalt der übrigen Teildisziplinen, die in diesem Verständnis zur digitalen Fabrikation gehören, und über die auf dieser Konferenz berichtet wurde: • Komplexität von Assemblageprozessen • Digitale Materialien • Selbst-Assemblage (~ maschinelles Wachsen) • Assemblieren auf der Nano-Ebene (1 — 999 Nanometer) • Assemblieren auf der Mikro-Ebene (1 — 999 gm) • Assemblieren auf der Meso-Ebene (1 — 25 mm) • Assemblieren auf der Makro-Ebene (> 25 mm) • Assemblieren auf der Mega-Ebene (z. B. Ziegelsteine in der Architektur) • Simulation und Optimierung • 3D Scannen • Design-Repräsentationen und Schnittstellen • Generierung von Arbeitsplänen für Maschinen • Kontrolle virtueller Maschinen (Rapid Prototyping von Maschinen) • 3D Druck • Entstehung von Objekten durch Falten/Entfalten von Materialien • Programmierbare Materialien 282 Einer der frühen Protagonisten der digitalen Fertigung und des 3D-Drucks, der an der Columbia Universität lehrende Informatiker und Biologe Hod Lipson, hat 10 Prinzipien des 3D-Drucks zusammengestellt, darunter das Prinzip 3: keine M ontage erforderlich (im Produktionsprozess), das Prinzip 4: keine Rüstzeiten (zum U m bau der Fertigungsanlage, wenn ein anderes Produkt gefertigt werden soll), und das Prinzip 6: Zero Skill M a nufacturing. Hod Fipson, M elba Kurman: Fabricated. The N ew W orld o f 3D Printing. Indianapolis 2013, S. 21 f. 283 The Science ofD ig ita l Fabrication: http://cba.mit.edu/events/13.03.scifab/ [Stand 05.11.2014] [175] • Speicherung digitaler Informationen in einer DNA • Selbst-reproduzierende Systeme Es geht in der Digitalen Fabrikation also unter anderem um das „Assemblieren“ (Montieren, Zusammensetzen) von Materialien in verschiedenen Größenordnungen, angefangen bei der atomaren Nano-Ebene, über die Mikro- und Meso-Ebene mit schon mit bloßem Auge sichtbaren Materialkomponenten, bis hin zur Makro-Ebene im Bereich der Architektur, wo etwa Ziegelsteine die dann mit Hilfe von digital ge steuerten Robotern verbauten Materialkomponenten darstellen.284 Techniken zur Beherrschung der entstehenden ungeheuren Komplexität bei der artigen Fabrikationsvorgängen auf der Nano- und Mikro-Ebene gehören offensicht lich ebenso zum Gegenstandsbereich dieser neuen Wissenschaft wie etwa die Akti onsplanung oder die Simulation und Optimierung; nicht zu vergessen natürlich auch das Scannen von Objekten, das nach der Intention der digitalen Fabrikation über das Erfassen der 3-dimensionalen äußeren Oberflächen von Dingen wesentlich hinaus gehen soll und die Herstellung digitaler Kopien von Dingen mitsamt ihren funktio nalen wie auch inneren physikalischen Eigenschaften ermöglichen soll, um diese eben als Grundlage zur Herstellung digital-präziser 3D-Kopien verwenden zu können. Um das Ziel seiner Forschungen auch einem fachfremden Publikum plastisch zu veranschaulichen, hat Gershenfeld immer wieder gerne zum aus der Science-Fiction Serie bekannten Bild des StarTrek RepUcators gegriffen, das seinem Ideal von digitalem Fabrikator am nächsten komme, und tatsächlich als fo cu s imaginarius das Ziel seiner Forschungen darstelle; Ziel seiner Forschungen sei es, eine derartige Fabrikationsma schine zu entwickeln und zu schaffen, die damit in der physikalischen Welt die gleiche Universalität zur Verfügung stelle, wie der „Allzweck-Computer“ in der Welt der Bits und Bytes.285 In einem Artikel für das renommierte Magazin 'Foreign Affairs hat Gershenfeld eine durch die digitale Fabrikation hervorgerufene neue Industrielle Revolution angekün digt; die digitale Fabrikation werde jedermann die Produktion auf Knopfdruck, on demand, an einem beliebigen Ort ermöglichen, und dadurch traditionelle Geschäfts modelle in Frage stellen: „Digital fabrication will allow individuals to design and pro duce tangible objects on demand, wherever and whenever they need them. Widespread access to these technologies will challenge traditional models of business, aid, and education.” Auch in diesem Artikel illustrierte er die Möglichkeiten der „perso nellen Fabrikation” mit den Möglichkeiten des RepUcatorzwi der Sciene-Fiction Serie StarTrek. „Personal fabrication has been around for years as a science-fiction staple. When the crew of the TV series Star Trek: The Next Generation was confronted by a particularly challenging plot development, they could use the onboard replicator to make whatever they needed. Scientists at a number of labs (including mine) are now 284 Vgl. etwa: F. Gramazio, M. Köhler: Made by Robots: Challenging Architecture at a larger Scale. Zürich 2014. Gegenwärtig wird in Zusam m enarbeit m it Airbus und der NASA versucht, m it Hilfe digitaler Materialien neue Architekturen zum Design von Flugzeugflügeln zu entwickeln. http://news.mit.edu/2016/morphing-airplane-wing-design-1103 [Stand 20.02.2017] 285 „ ... offering in the physical world exactly the same kind o f universality provided by a general-purpose Com puter.“ (Gershenfeld 2005 S. 243) [176] working on the real thing, developing processes that can place individual atoms and molecules into whatever structure they want.” Das real thing, das in den MIT Laboren erforscht wird, ist ein sogenannter 3D- Assembler, den er von einem 3D-Drucker unterscheidet: „Labs like mine are now developing 3-D assemblers (rather than printers) that can build structures in the same way as the ribosome. The assemblers will be able to both add and remove parts from a discrete set. One of the assemblers we are developing works with components that are a bit bigger than amino acids, cluster of atoms about ten nanometers long (an amino acid is around one nanometer long).” Diese 3D-Assembler können Kompo nenten also auch wiederverwenden und digital gebaute Objekte wieder in ihre Kom ponenten zerlegen, wobei er zur Verdeutlichung gerne auf das Beispiel LEGO-Steine zurückgreift, mit denen derartiges ja bekanntlich möglich ist. Diese 3D-Assembler können Komponenten verschiedener Größenordnungen verarbeiten, auf einer Skala zwischen Mikron und Millimeter, oder auch noch größere Objekte, die in Zentime tern gemessen werden, und zur Herstellung größerer Strukturen wie Flugzeugkom ponenten oder ganzer Flugzeuge verwendet werden.286 Die Herstellung von Tragflächen aus digitalen Komponenten scheint inzwischen gelungen zu sein, und hat in Kooperationen mit der NASA und dem Flugzeugher steller Airbus zu beachtlichen Erfolgen geführt.287 Bei Airbus spricht man bereits von 4D-Printing: „4D-printing and digital materials. Changing the way we make things“. Das Konzept der wiederverwendbaren Komponenten nach der Art von LEGO-Steinen scheint auch hier eine Rolle zu spielen, wie aus einer Abschnittsüberschrift des Webauftritts zu entnehmen ist: „Digital Fabrication. Developing „industrial lego“. Neil Gershenfeld wird auf der Airbus-Webseite zitiert mit der Aussage: „Aerospace will help drive a technology change that could revolutionise the construction of many other things.”288 Nun ist seit der Vorstellung des neuen Forschungsprogramms der digitalen Fabri kation 2013 bereits einige Zeit vergangen, die Forschungsergebnisse scheinen sich derzeit aber auf die Flugzeugindustrie zu beschränken, während von der Revolutionierung der Herstellung anderer Dinge bislang in der Öffentlichkeit wenig bekannt geworden ist. Der Verdacht, dass die Hersteller „anderer Dinge“ daran möglicher weise nicht sehr interessiert sind, scheint wohl nicht so weit hergeholt: während bei der Herstellung von Flugzeugen die Konkurrenz durch privat produzierende Einzel personen nicht allzusehr zu befürchten ist, verhielte sich dies bei Consumer-Produk ten offensichtlich anders. Wenn tatsächlich „jedermann jederzeit überall alles“ her stellen könnte, könnte die große Industrie ihre Funktion einstellen. Da wird die sich mit ihrer Investitionsbereitschaft eher zurückhalten. Dennoch ist die große Industrie mehr oder weniger gezwungen, diesem Leitbild in ihren prozessinnovativen Anstrengungen zu folgen. Die digitale Fabrikation in der extremen Form des Nano-Assemblers stellt die Verkörperung eines Idealbildes von 286 N. Gershenfeld: How to Make Alm ost Anything. The Digital Fabrication Revolution. Foreign Affairs Novem ber/Dezember 2012 287 Vgl. etwa einen Bericht in der Flugrevue vom 4.11.2016: NASA will den gesamten Flügel verbiegen. http://www.flugrevue.de/flugzeugbau/systeme/nasa-will-den-fluegel-verbiegen/704866 [Stand 01.03.2017] 288 http://www.airbusgroup.com/int/en/story-overview/digital-materials.html [Stand 01.03.2017] [177] Fabrikation dar, dem die industrielle Produktion, den Imperativen der Dynamik der Märkte folgend, sich in kleinen Schritten annähert. Die Universalität und damit ver bundene Minimierung der Faktorspezifität ihrer Produktionsanlagen, die die große Industrie diesen in kleinen Entwicklungsschritten mühsam antrainieren muss, besitzt der digitale Assembler von Anfang an und sozusagen von Natur aus, und ohne dass dies bei seiner Entstehung ein Entwicklungsziel gewesen wäre. Wenn die technische Beherrschbarkeit der Fabrikation auf der extremen moleku laren oder atomaren Ebene derzeit auch nicht gegeben ist, so macht die Vorstellung seiner Verfügbarkeit doch erkennbar, dass die ideale Fabrikationsmaschine offenbar eine kleine und kompakte, und eben universale Fabrikationsmaschinerie sein würde, die dadurch individuals, dem Endverbraucher, erlauben würde, Konsumgüter on demand, auf Anforderung herzustellen, wo und wann auch immer sie benötigt werden. Sie wäre eine Allzweckmaschine oder ein Allzweck-Produktionssystem, das mög lichst vollständig ohne Umrüstungsaufwand und ohne Zeit oder Geld kostende Ein griffe auf die Fabrikation unterschiedlichster Produkte umgestellt werden kann, so wie ein PC289, Laptop oder Smartfone eben ohne Umrüstungsaufwand beliebige Com puterprogramme abarbeiten kann. Transaktionskostentheoretisch bedeutete das, die Faktorspezifität eines Produktionssystems hinsichtlich Produkt, Zeit und Ort ist mi nimal; es produziert „anything, anytime, anywhere“. Die Idealgestalt der universalen Fabrikationsmaschine, der Star Trek Replicator als vollkommen universal nutzbarer Molekular-Assembler ist eine ebenso hoch produktive, also Arbeitskosten sparende, wie universale, also minimal faktorspezifische und damit auch zukünftige Kosten in klusive Transaktionskosten minimierende Fabrikationsmaschine wie die eingangs zi tierte „Fabrik der Zukunft“, oder die vor allem in Deutschland so viel zitierte und intensiv umworbene und gepriesene Modellfabrik Industrie 4.O.290 Warum ist die Industrie heute so begierig, derartige möglichst universal verwend bare Fertigungsanlagen zu besitzen? Weil die Nachfrage wegen des beschriebenen ökonomischen Umfelds eben so schwer vorhersagbar geworden ist; die Signale des Marktes an die Produzenten sind uneindeutig, uneinheitlich und „volatil“ geworden und haben sich damit in frappierender Weise eben genau so entwickelt, wie J. M. Keynes dies schon vor fast 100 Jahren erwartet hat. Die Industrie fürchtet, Produk tionskapazitäten für ein Produkt aufzubauen, nach dem die Nachfrage schon wieder erloschen sein kann, lange bevor über die erreichten Umsätze die getätigten Investi 289 Dies war übrigens bei den frühesten Computern noch keineswegs der Fall; der A usdruck Software in seiner heutigen Bedeutung wurde zuerst von 1958 von John Tukey verwendet. Die ersten IBM 950 Magnetic Drum Data Processing M achines wurden inklusive Source Code verkauft. https://de.wikipedia.org/wiki/John_W ._Tukey 290 W ir kommen hier zurück au f Schumpeter und seine Überlegungen zum „Finalzustand“ des Kapitalismus. Hin sichtlich des Reifezustandes der Ökonomie unterstellt er, dass „Sättigung“ eintritt, und hinsichtlich der Pro duktion m acht er die - bewusst „unrealistische“ - Annahme, dass „die Produktionsmethoden einen Zustand der Vollkommenheit erreicht haben, der keine Verbesserung m ehr zulässt.“ M it Vollkommenheit kann er of fenbar nur das gemeint haben, was J. Rifkin „extreme Produktivität“ nennt, also einen so hohen Output der automatisierten Industrie, dass - auch ausgedehnte - Bedürfnisse voll m aschinell befriedigt werden können. Es übersieht aber, dass bei einer weiter bestehenden Spezialisierung der Produktionsanlagen noch immer M arktallokation notwendig wäre, die Distanz der Produktion zur Konsumation also nicht bis gegen Null ver kürzt werden könnte - das aber würde den von ihm skizzierten stationären Zustand der Ökonomie erst erm ög lichen. (S. 213) [178] tionen wieder eingespielt worden sind. Hat man aber möglichst vielseitig verwend bare Produktionssysteme zur Verfügung, muss ein Investor die Volatilität der Nach frage weit weniger furchten; er kann nun einfach ohne Umstellungskosten die Pro duktion des nächsten Produkts aufnehmen. Dieses Bild des Star Trek Replicators macht noch einen weiteren ökonomisch sehr bedeutsamen Umstand deutlich. Angenommen, so eine Universalmaschine ist tech nisch realisiert worden, und man kann einen Star Trek RepUcator im Medien-Supermarkt zu einem erschwinglichen Preis erwerben, und diese Maschine ist dann auch in der Lage, Konsumentenwünsche in einem breiteren Spektrum zu erfüllen als nur den nach „Tea, Earl Grey, hot.“ Die Maschine wäre also tatsächlich in der Lage, „al most anything“291 zu produzieren, und dies, wie einmal unterstellt werden soll, zu akzeptablen Kosten, die dann ja nur die Selbstkosten (Rohstoffe und Energie) um fassten. Um ein „Ding“ herstellen zu können, ist ferner noch das digitale Modell die ses Gutes erforderlich, das an dieser Stelle der Einfachheit halber einmal kostenlos von einer öffentlichen Datenbank über das Internet beziehbar sein soll. Wenn man nun von allen technischen und physikalischen Fragen absieht und sich auf die wirklich wesentliche Frage konzentriert, gelangt man zu der im ökonomischen Zusammenhang überaus relevanten Frage: wird der Käufer dieser Fabrikationsma schine dadurch, durch diese Investition in eine Fabrikationsmaschine, zum Fabrikan ten, zum Unternehmer, zum Kapitalisten?292 In der Star Trek Serie wurde der von einem RepUcator wie beauftragt produzierte und wunschgemäß heiß servierte Tee offenbar nicht verkauft, auf einem Markt. Wenn jemand auf die Idee gekommen wäre, hieraus ein Geschäft zu machen, wären seine Aussichten damit Gewinne zu machen, nicht sehr groß gewesen. Volkswirt schaftlich ist der Unternehmerlohn definiert als Überschreitung des marktüblichen Einkommens, oder, wie Schumpeter sagt, als Lohn für die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ auf dem Markt, im Wesentlichen entweder die Produktionsme thode betreffend, oder das Produkt. Wenn nun ein derartiges Produktionsmittel all gemein verfügbar ist, dessen Faktorspezifität gleich Null ist, mit dem sich also belie bige Dinge „on demand“ am Ort des Konsums herstellen lassen, ist die Aussicht auf Realisierung eines Gewinns offensichtlich gleich Null. Der Wert des Produkts lässt sich ausschließlich als Gebrauchswert realisieren. Eine derartige Universalmaschine kann also ökonomisch sinnvoll nur genutzt wer den kann, wenn sie Gebrauchswerte produziert, also Dinge oder Leistungen, die ein Konsument für seine eigenen Zwecke verbrauchen und konsumieren will; so wie ein 291 Der erste und inzwischen zu Berühmtheit gelangte Kurs von Gershenfeld am MIT hieß: „How to make (almost) anything“ . D er Replicator wäre also Schumpeters „Produktionsmittel in Vollkommenheit“; J. Rifkin sieht dessen „tiefere Bedeutung ( .. .) darin, dass er die Knappheit abschafft“ . (Rifkin 2014 S. 139). Auch Rifkin sieht nicht, dass diese Überwindung der Knappheit (= Sättigung) nur dann eintreten würde, wenn der Replicator nicht zur W a renproduktion zum Vertrieb auf Märkten eingesetzt würde, sondern zur Produktion von Gebrauchswerten. Dies ist wiederum nur dadurch möglich, dass er eben nicht nur die Eigenschaft „extremer Produktivität“ besäße, wie Rifkin glaubt, sondern gleichzeitig die extremer Universalität bzw. m inimaler Faktorspezifität. Die Pro duktivität muss also hinreichen, beliebige bestehende Bedarfe zu decken, und zwar am O rt des Konsums. W äre ein Replicator nur extrem produktiv, aber nicht universal, wäre er also faktorspezifisch, könnte der eine bei spielsweise 100 Zahnbürsten pro Minute replizieren, und ein anderer 50 Paar Schuhe pro Minute - was offen bar seinem Besitzer nur wenig zweckdienlich wäre. Vgl. Rifkin (2014) S. 107ff.: „Extreme Produktivität“ . [179] Waschmaschinenbesitzer nur die gewaschene Wäsche für seinen eigenen privaten Be darf nutzen und gebrauchen will, oder der Spülmaschinenbesitzer das gespülte Ge schirr. Unter der Voraussetzung, dass alle technischen Bedingungen, die in diesem Zusammenhang von Relevanz sind, optimal gelöst sind, und keine Funktions- oder Qualitätsprobleme auftreten, ist die Aufgabe der Ökonomie nicht besser zu lösen, als durch Nutzung einer in diesem Sinne postindustriellen und postkapitalistischen Ma schine, also ohne die relativ ineffiziente und oftmals mit nichtabsorbierten Slack-Ressourcen293 verbundene Vermittlung des Marktes, ohne Tausch, und ohne das Tausch mittel Geld. Unter der Bedingung dieser — allerdings extrem vereinfachenden — An nahmen wären Effizienz der Faktorallokation und Optimalität der Güterallokation offenbar im Maximum. Insofern wäre eine universale und technisch vollkommene Fabrikationsmaschine eben auch die im ökonomischen Sinne ideale und hinsichtlich ihrer Perfektion schlechterdings nicht zu übertreffende Fabrikationsmaschine. Die großindustrielle „Fabrik der Zukunft“ folgt nun technisch — letztlich in Reaktion auf Marktimperative — diesem Ideal der universalen Fabrik mit minimaler Faktorspezifi tät, und auch sie wird immer weniger in dem Sinne als Kapital, zur Erzeugung einer Kapitalrendite genutzt werden können, sondern immer mehr zur Erzeugung von Ge brauchswerten. Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück, zu den Ursprüngen der digitalen Fab rikation. Die digitale Fabrikation ist zunächst ein Produkt eines „Potential Push“, wie man in der Fachsprache zu sagen pflegt. In einer Wissenschaft, in diesem Fall der Physik und dem da entstandenen Feld der Nanotechnologie, wurde die Möglichkeit entdeckt, Nanomaschinen zu bauen, sogenannte Nanobots oder auch schon Nano- Assembler, und auf dieser Grundlage entstand die Idee, Dinge per Manipulation von Atomen herzustellen, also einzelne Atome zu platzieren294 und sukzessive zu assemblieren, bis eben „Things“ entstanden sind — theoretisch kann man auf diese Weise wirklich alles herstellen, weil sich offenbar alles aus atomaren Komponenten auf bauen lässt — wohlgemerkt: theoretisch. Wie auch immer über diese Ansätze der digitalen Fabrikation zu denken und zu urteilen ist und sein wird, ist jedenfalls ist klar, dass es im Umfeld ihrer Entstehung keinerlei Verbindung zu ökonomischen Problemstellungen gegeben hat; niemand wäre an die Nanoforscher herangetreten und hätte gewissermaßen möglichst universalisierungsfähige Fabrikationsmaschinen angefordert, weil sich in der Ökonomie eine hohe Volatilität der Nachfrage abzuzeichnen beginnt, und man sich daher gerne 293 Ein einfaches Beispiel für Slack-Ressourcen sind Lagerbestände als Puffer, um au f mögliche, aber schwer einschätzbare Nachfragespitzen nicht m it Fehlverkäufen reagieren zu müssen. In der Textilbranche sind hohe Investitionen in Slackressourcen, also am Ende doch nicht verkaufte Lagerbestände die Regel. 294 Theoretisch bedeutete dies eine Fabrikation im Avogadro Maßstab, also die Platzierung von 1023 Komponenten pro Volumeneinheit. Praktisch sind diese Ansätze bisher also offensichtlich zu vernachlässigen, obwohl es etwa einer Forschergruppe um den Chemiker Lee Cronin an der U niversität Glasgow bereits gelungen ist, hochkomplexe M edikamenten-M oleküle zu „drucken“, und au f diese W eise W irkstoffe wie etwa das Schmerz mittel Ibuprofen zu kopieren. Cronin wird darüber hinaus m it der Aussage zitiert, dass au f diese W eise nicht nur M edikamente reproduziert werden können: „Sehr sehr langfristig gesehen, könnte m it dieser Technik in der Z ukunftjeder W erkstoff reproduziert werden“ . Berichtet wurde darüber in einem Artikel der W ELT vom 06.06.2014: W enn die Gucci-Tasche aus dem 3D-Drucker kommt. http://w ww.welt.de/wirtschaft/articlel28775868/W enn-die-Gucci-Tasche-aus-dem-3-D-Drucker-kommt.html [180] von starren und teuren großindustriellen Produktionssystemen lösen würde. Ent wicklungen entstehen und sind da, und irgendwann wird möglicherweise ihre ökono mische Anwendbarkeit und Nutzbarkeit entdeckt. Ist dieser Zusammenhang aber einmal da, mag aus der Ökonomie dann weiterer „Solution demand“ entstehen. Betrachtet man bei der digitalen Fabrikation oder der additiven Fertigung mehr deren Einfluss auf die ökonomischen Zusammenhänge, so kann man digitale Fabri kation verstehen als eine Technologie, die es ermöglicht, Fabrikationsprozesse hin sichtlich der beiden Dimensionen Produktivität und Flexibilität bzw. Universalität zu optimieren. Das lässt sich auch grafisch darstellen, wie es etwa F. Thiesse, Professor für Wirtschaftsinformatik, einmal getan hat, um die Potenziale und die Wirkungs weise der additiven Fertigung darzustellen: Abb. 8: E in flu ssd es 3D D ru cksa u fFe rtigu n g ssyste m e 295 „Job shob manufacturing“ ist die gute alte Werkstatt des Handwerksbetriebs, in der individuelle Einzelstücke hergestellt werden können, dies aber nur bei niedriger Produktivität, und daher zu hohen Kosten. „Flow shop manufacturing“ geschieht demgegenüber mit Hilfe des Fließbandes, das hohe Produktivität, hohe Stückzahlen und niedrige Stückkosten ermöglicht, dies aber auf Kosten der Flexibilität. Digitale Fabrikation macht es nun möglich, diesen „Antagonismus“ graduell und progressiv 295 In diesem Schaubild ist Effizienz an der Abszisse angeführt, womit die Reduktion der notwendigen Ressourcen zur Erzeugung eines bestim m ten Outputs gemeint ist. Fließbandfertigung erhöht aber offensichtlich auch die Produktivität. Additive Fertigung, m it Fließbandfertigung kombiniert, erzielt die in der Grafik dargestellten Effekte. Es könnte also genauso gut Produktivität an der Abszisse eingetragen sein. Screenshot, Quelle: https://www.repository.cam.ac.uk/bitstream/handle/1810/248381/Thiesse%20et% 20al% 202015%20Business% 20%26% 20Information%20Systems% 20Engineering.pdf?sequence=l [Stand 01.04.2017] [181] aufzuheben, zusätzlich zu anderen „Features“ wie etwa der Möglichkeit, vorher un realisierbare Produktdesigns von unerreichter Komplexität herzustellen, die nun durch die Möglichkeiten der additiven Fertigung nicht einmal mit zusätzlichen Kos ten zu Buche schlagen. Der 3D-Druck als Teilgebiet der digitalen Fabrikation verschiebt also den Mög lichkeitsraum der Fabrikation entlang der beiden Dimensionen Flexibilität und Pro duktivität, und erschließt dabei einen „Unmöglichkeitsraum“ („world of magic“); im Schnittpunkt der Extreme dieser Dimensionen taucht nun eben jener StarTrek Replicator auf, als das gedachte Perfectissimum einer ebenso hoch produktiven wie extrem flexiblen bzw. universalen296 Fertigungsmaschine. Das Konzept der digitalen Fabrikation beschränkt sich aber nicht nur auf die Vor stellung einer einzelnen Maschine, sondern, wie bereits angedeutet, auf ganze kom plexe Konzepte von Fabrikgestaltung, mit sehr vielen unterschiedlichen aufeinander bezogenen Komponenten. Wie vorne in einer Fußnote schon erwähnt, wurde inner halb des 7. Forschungsrahmenprogramms der EU das Forschungsprojekt DIGI NOVA zum Stand der Forschung und der Potenziale der Digitalen Fabrikation auf gelegt, als dessen Ergebnis eine „Roadmap to Digital Fabrication“297 entstand; die hier verwendete Definition für Digitale Fabrikation ist die folgende: „Digital Fabri cation is defined as a new industry in which Computer controlled tools and processes transform digital designs directly into physical products.” (S. 4) Man spricht hier also umfassender von der Transformation digitaler Designs in physische Produkte mit Hilfe von Werkzeugen und Prozessen, womit auch andere digital gesteuerte Verfah ren der Materialbearbeitung gemeint sein können, darunter auch subtraktive Verfah ren wie Taserschneiden oder das Fräsen durch Einsatz von CNC-Maschinen. Eines der Forschungsergebnisse dieses DIGINOVA-Projektes war die Erwartung, dass es durch digitale Fabrikation zu einem „radikalen Paradigmenwechsel in der Fer tigung“ kommen werde: „Die Fertigung wird sich entwickeln in Richtung einer glo balen Verteilung von Dateien für Designs und Spezifikationen, die die Basis lokaler Produktion bilden.“ Dadurch werde es für Endkonsumenten möglich, die Infrastruk turen der Massenproduktion zu umgehen: „Digitale Fertigung hat das Potenzial, In novationen zu ermöglichen, mit denen die etablierten Infrastrukturen der Massen produktion zu umgehen sind. Computergesteuerte Werkzeuge können digitale Ent würfe direkt in reale Produkte umwandeln. Die Wissenschaftler stellen sich vor, daß 296 C. Haag liefert aus produktionswissenschaftlicher Sicht Definitionen von Flexibilität und, in Abgrenzung dazu, von Universalität. Die heute geforderte „resiliente Produktion“ erfordere ein „portfolio o f m achinery that is highly transformable. Transformability implies first o f all flexibility, which is, in the context o f production, defined as the quickness o f m achine changeovers (changeovers o f moulds, tools, fixtures and/or materials) to switch from one product to another (Reichhart/Holweg 2008).” Diese Fähigkeit der schnellen Transformierbarkeit der „M aschinerie” reiche aber nicht aus, um angesichts der Unvorhersehbarkeit der Nachfrage hohe Produktivität der Produktionsanlagen über deren gesamte Laufzeit zu erreichen. Die Anlagen, die „Services are in infrequent demand, they will stand still m ost o f the time. And this low Capital utilization will pull down the overall productivity o f the production System. For this reason, there is another aspect relating to the efficient usage o f Capital to be considered. M achinery m ust not be too dedicated for specific products or product families, but shall rather be usable for multiple purposes, i.e. to realize any kind o f product order, at best. This attribute o f production machines shall be called “Universality” . It will be essential in the further evolutionary process towards an Industry 4.0.“ Haag (2015), S. 112 297 DIGINOVA: Roadmap to Digital Fabrication. http://cordis.europa.eu/result/rcn/147130_en.html [Stand 07.10.2015] [182] die Menschen schon bald ihre eigenen Produkte aus den Materialien ihrer Wahl be stellen und direkt vor Ort produzieren werden können. Sie werden nicht mehr an die in Massenfertigung hergestellte Warenauswahl in den Läden gebunden sein.“298 Die Abhängigkeit von den „economies of scale“, also von der Erzielung von Kos tenvorteilen durch Größe und hohe Stückzahlen und von zentralisierten Massenan bietern werde sich verringern, und die Distanz zwischen Produktion und Konsuma tion werde abnehmen — Konsument und Produzent, Kunde und Fabrikant kommen sich dadurch also näher (S. 21). Fragt man nun, wie nah Konsument und Produzent sich denn maximal kommen können, ist die Antwort naheliegenderweise: offenbar so nah, dass Konsument und Produzent ein und dieselbe Person sind, also die Rollen von Konsument und Produ zent in einer Person zusammenfallen, wie es nämlich genau dann der Fall ist, wenn der Konsument nichts weiter zu tun hat als einen digitalen Fabrikator zu beauftragen: „Tea, Earl Grey, ho t.. Dies mag auf dem gegenwärtigen Stand nur eine Fiktion sein, aber, wie die Graphik oben zeigt, auch ein Gedankenexperiment: extrapoliert man die bereits seitjahrzehn ten ablaufende Evolution der „digitalisierten“ Fertigungssysteme mit ihrem Leitbild der hochproduktiven und gleichzeitig hochflexiblen Fabrik der Zukunft, so findet sich an deren denkbarem Fixpunkt bzw. dem Schnittpunkt der Extreme eben genau dieser Replicator, und dessen „Idee“ wird damit eben auch zum Fixpunkt der realen Entwicklung. Besser und rationaler wäre die Aufgabe der Ökonomie unter den er reichten historischen ökonomischen Bedingungen mit hohem Sättigungsgrad und sehr volatiler Nachfrage nicht zu lösen, als durch die Verfügbarkeit einer in diesem Sinne idealen Fabrikationsmaschine am Ort des Konsums, von der allerdings bezüg lich ihrer technischen Beschaffenheit und ihrer Kapazität und letztlich den durch ihre Nutzung verursachten Herstellungskosten eines Produkts so gut wie nichts gesagt gesagt werden kann — man müsste einfach voraussetzen, dass Kosten und Qualität der herkömmlichen konventionellen Produktion mindestens vergleichbar sind, oder dass die Kosten durch eingesparte Material-, Arbeits-, Logistik-, Marketing- und all gemein Transaktionskosten sogar erheblich darunter liegen, bei gleicher Qualität. Die nötige Funktionalität des Internet müsste als öffentlich verfügbare unterstellt werden. Unter der Voraussetzung der Lösbarkeit bzw. Gegebenheit dieser Anforderung wäre es offenbar das perfekte Produktionsmittel2" — ob es jemals in hinreichender Perfek tion realisiert werden kann, weiß heute wohl niemand zu sagen. Die diesem Leitbild folgende Entwicklung schreitet derweil munter voran. Die Idee der digitalen Fabrikation als Konzeption von Industriefabrik ist gegenwärtig brandaktuell; so wurde am 1. September 2016 im Rahmen einer Initiative „Bayern Digital“ des Bayerischen Wirtschaftsministeriums gemeinsam mit den Partnern Fraunhofer-IIS, Fraunhofer SCS, iTiZZiMO und KINEXON300 wiederum ein für 26 298 http://cordis.europa.eu/result/rcn/147130_de.html 299 Die präzisere Begründung für die makrökonomische Vorteilhaftigkeit ist vorne gegeben worden. (Kap. 1.10.13) 300 Fraunhofer IIS ist das Institut für integrierte Schaltungen; Fraunhofer SCS das Institut für Optimierung der Supply Chain, also der W ertschöpfungskette; die iTiZZiM O AG beschäftigt sich m it der Umsetzung digitaler Business Apps für Smart Devices m it dem Schwerpunkt der digitalen Transformation, und die Fa. KINEXON beschäftigt sich m it der Lokalisierung und der Bewegungsanalyse von Dingen. [183] Monate angelegtes Förderprojekt mit Namen „Road to Digital Production (R2D)“ gestartet. Dessen erklärtes „Ziel ist es, die Entwicklung von Produkten und Techno logien zur Realisierung einer digitalen industriellen Produktion weiter voranzutreiben. Die Forschungs- und Entwicklungsergebnisse sollen zeigen, dass durch die Digitali sierung sowohl Effizienzsteigerungen als auch optimale Qualitätssicherung möglich sind. In diesem Sinne sollen sie dabei helfen, neue Technologien für „Cyber-Physi sche Produktionssysteme (CPPS)“ zu entwickeln sowie Grundsätze und Methoden bei der Fertigung und Montage eines Produktes mit der Tosgröße 1 zu definieren.“301 Die Tosgröße 1, also die Kapazität „smarter“ digitaler Fertigungssysteme, ohne Zusatzkosten Kleinstserien und sogar Einzelstücke herzustellen, stellt offensichtlich eines der ganz zentralen Ziele der heutigen Forschungsbemühungen auf dem Gebiet der Produktionswissenschaften dar. Im „Management Summary“ einer Studie der Fraunhofer-Gesellschaft mit dem Titel „Produktionsarbeit der Zukunft“ heißt es: „Volatile Märkte, neue, global agie rende Marktteilnehmer, schnelllebige Absatzmärkte, kundenspezifische Produkte und diffizile Produktionsprozesse erfordern (...) flexiblere und reaktionsfähigere Produktionssysteme und Mitarbeiter.“302 Eine der untersuchten Teitfragen sei die, wie sich der „Megatrend Flexibilität“ auf die Produktionsarbeit auswirke. Diese Buzzwords Volatilität und Flexibilität durchziehen die gesamte Debatte um die Gestaltung der Produktionsarbeit der Zukunft nach diesem Konzept der Indust rie 4.0; die der beobachteten Volatilität und Flüchtigkeit der Nachfrage unterliegende Tatsache der Sättigung in immer mehr Marktsegmenten und der damit einhergehen den Wandlung der Konsummotive von der ursprünglichen Deckung wichtiger, le bensnotwendiger und damit auch anhaltender und daher langfristig kalkulierbarer Bedarfe hin zu Tuxuskonsum und „hedonistischem“ Konsumverhalten, als „Kauferleb nis“ und „Konsumabenteuer“ oder zur Deckung von Prestige- und Geltungsbedürf nissen wird in der Diskussion und Begründung dieses Konzepts aber gerne ver schwiegen. Aber dieser unterliegende Wandel ist es, der die Industrie nun zwingt, darauf zu reagieren. Der damit verbundene systemtranszendierende Impetus ist den Verantwortlichen solcher Projekte und aller Beteiligten vermutlich überhaupt nicht bewusst, ganz zu schweigen von der Möglichkeit, dass dieser bewusst intendiert würde. Ganz im Gegenteil liegt das Motiv immer in der Erzielung von Kapitalrendite durch Kostensenkung und Erhöhung der Kapitaleffizienz, also in der Verfolgung der Interessen der Kapitaleigner. Handelt es sich hier etwa um ein Beispiel für die fausti sche Kraft, die stets das Böse will, und doch das Gute schafft? Karl Marx hätte diese Eist der Vernunft sicher gut gefallen. In der Zusammenfassung zeigt sich, dass unter dem Mantelbegriff „digitale Fabri kation“ zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Technologien mit unter schiedlichen Traditionen und Anwendungsfeldern hinsichtlich ihrer evolutionären Tendenzen, ihres Telos und ihrer ökonomischen Auswirkungen und vor allem auch ihrer Potenziale vereint sind, nämlich einmal der Entwicklungsstrang mit der Wurzel 301 Siemens und Partner arbeiten an Digitalisierung der Produktion. Mitteilung des M agazins „Digital M anufac turing vom 15.02.2017. http://www.digital-manufacturing-magazin.de/siemens-und-partner-arbeiten-digitalisierung-der-produktion 302 Dieter Späth et al. (Hrsg.): Produktionsarbeit der Zukunft - Industrie 4.0. Fraunhofer Verlag Stuttgart 2013 [184] in der großindustriellen Produktion, mit dem Entwicklungsziel Industrie 4.0 und smarte „Fabrik der Zukunft“, und zum anderen das eher exotisch scheinende Projekt der digitalen Fabrikation als Assemblieren von digitalen Materialien in Größenord nungen bis hinab zur Nanoebene. Für beide steht als Ultima Ratio, als perfectissimum und Fixpunkt bzw. Kulminationspunkt der Evolution dieser Idee die gleichzeitig ext rem produktive wie extrem flexible bzw. universale Fabrik als anzustrebendes Ziel und Leitbild am Horizont der Entwicklungsperspektiven. Die digitale Fabrikation in letzterem Sinne befindet sich gegenwärtig offensichtlich noch überwiegend im Sta dium der Grundlagenforschung und damit nach Schätzungen von N. Gershenfeld auf einem Entwicklungsniveau wie etwa die Digitalrechner der 1950er bis 1970er Jahre.303 Das Idealbild des RepUcators unterstellt nun eine universale Fabrikationsmaschine „für alles“, die sich direkt in den Haushalten befindet — was offenbar eine erhebliche Vereinfachung der beschriebenen Probleme der spätkapitalistischen Marktsteuerung bedeuten würde.304 Aber man muss dennoch realistischerweise die Frage stellen: ist es tatsächlich vorstellbar, dass von den eingangs erwähnten rund 10.000 Gegenständen in einem Durchschnittshaushalt so gut wie alle (industriell herstellbaren) Dinge von einer solchen Haushaltsmaschine hergestellt werden können?305 Heute ist es die Regel, dass etwa beim Kauf von Haushaltselektronik, Küchen- oder Heimwerkergeräten ganze Heftsammlungen mit Betriebsanleitungen, Warnungen, Pflegehinweisen und diversen Prüfsiegeln von technischen Uberwachungsinstituten beigelegt werden. Soll dies alles entfallen, einschließlich der Qualitätsprüfungen? Ist vorstellbar, dass etwa eine Wasch- oder Spülmaschine, ein Rasenroboter oder der Inhalt der Werkzeugkiste des Heimwerkers von einem Fabrikator produziert wird, komplett und fehlerfrei fünktionsfähig? Fahrräder, Textilien, Schuhwerk, Unterhaltungselektronik? Das Mo biliar, Musikinstrumente, Computer oder Hausroboter? Wer übernähme Garantien? Es lohnt sich, an der Stelle noch einmal einen genaueren Blick auf die ökonomi schen Auswirkungen des Home-Manufacturing zu werfen. Der Materialwissenschaftler J. Pierce der Universität Michigan hat in seiner Stu die306 nachgewiesen, dass sich durch Anschaffung eines 3D-Druckers im Haushalt Budget einsparen lässt, im Verhältnis zu der alternativen Budgetverwendung in Käu fen dieser Produkte am Markt. Hergestellt wurden Objekte des täglichen Gebrauchs, wie zum Beispiel ein Blumentopf, eine Handy-Hülle oder eine Befestigung für die Kamera. Unterstellt man, solche Einsparungen sind regelmäßig möglich, stellt sich 303 W ie Titel und Inhalt etwa eines im September 2014 durchgeführten Dagstuhl Seminars über „Computational Aspects o f Fabrication“ zeigen mögen, wird die Bedeutung des digitalen W andels in der Fabrikation zuneh mend auch hierzulande von der W issenschaftlergem einschaft als interdisziplinäre Herausforderung erkannt: „The digital age in m anufacturing is (..) revolutionizing the way we design, develop, distribute, fabricate, and consume products.“ M öglicherweise kann dies die Entwicklung beschleunigen. http://drops.dagstuhl.de/opus/volltexte/2015/4883/pdf/dagrep_v004_i008_pl26_sl4361.pdf [Stand 27.03.2017] 304 Der Materialwissenschaftler Joshua Pierce hat in einer Studie erneut nachgewiesen, dass sich m it einem einfa chen 3D-Drucker im Haushalt Kosten einsparen lassen. Das dazu in Frage kommende Spektrum an Produkten ist aber noch immer sehr klein. Pierce (2017). 305 An dieser Stelle nochmal der Hinweis der Berichts zu den „Technological Tipping Points“ des W orld Econo m ic Forums, wonach man bis 2025 die M öglichkeit der additiven (digitalen) Herstellung von erst 5% der End verbraucherprodukte erwartet. 306 Pierce (2017) [185] unabhängig von der Höhe dieser Einsparungen die Frage, wie sie zustande kommen. Ferner stellt sich die Frage nach den langfristigen volkswirtschaftlichen Auswirkun gen. Zur ersten Frage: digitale Fabrikation verlagert die Wertschöpfung in das Produkt design, die Fertigung an sich ist nicht mehr wertschöpfend. Die Designs können von Plattformen für 3D-Modelle geladen werden, die verschiedene Preismodelle anbie ten, oder auch als Open Source-Modelle ganz kostenlos geladen werden können. In der Regel kostet die Herstellung dieser Modelle aber Arbeit, von der man in einer modellhaften Überlegung unterstellen sollte, dass sie bezahlt wird. Unterstellt man nun, eine konventionelle Produktion kann durch Ausnutzung von Skaleneffekten keine so hohen Kostenvorteile mehr erzielen, dass die sekundären Folgekosten zentralisierter Produktion in hohen Stückzahlen (wie Transport, Handel, Lagerung, Marketing) kompensiert werden können, würde die Technologie der additiven Ferti gung am Ort des Konsums an sich einen Kostenvorteil bieten; die Kostenreduktion durch Heimproduktion beruht dann vor allem auf dem Entfall der Transportkosten. Das heißt auch: eine Firma, die dann diese Technologie nützte statt der konventio nellen Massenproduktion, könnte keinen Wertschöpfüngsbeitrag erzeugen. Ihre Existenz wäre obsolet. Das war die Aussage von T. Niechoj.307 Würde ein Unterneh mer versuchen, auf der Basis dieser Technologie ein Unternehmen zu führen, wäre er gezwungen, einen Gewinn als Unternehmerlohn zu erwirtschaften, würde diesen aber nur dann erzielen können, wenn er entweder einen geheimen Wissensvorsprung ausnutzen kann, oder eine Art von Monopolposition; in jedem Fall wäre dies volks wirtschaftlich schädlich. Zur zweiten Frage: Wie drückt sich dieser „Gewinn“ der Heimproduktion aus? Durch einen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht erscheinenden Nut zenzuwachs. Dem Haushalt steht nach dem ROI dieser Investition ein höheres Budget zur Verfügung, als wenn er seine Nutzenstiftung durch Kauf der Produkte im Handel erwirbt. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft so aber relativ. Das bemerkt auch Pierce, weil so ja auch das Steueraufkommen tendenziell schrumpft: „DIY pro duction implies a negative impact on government tax income, which needs to be investigated in more detail in the füture.” Ferner kommt es zu einem negativen Bes chäftigungseffekt, wie allerdings bei jeder Art von maschineller Arbeitssubstitution: “In addition, there could be an impact on employment/unemployment rates through its Substitution within industrial production/increase in at-home businesses, which needs to be fürther investigated.” Welche Produkte können jetzt oder in Zukunft „at home“ hergestellt werden? Hier gibt es eine “The 'Golf Ball' Rule: If it can fit inside a golf ball, it’s probably something ripe for 3D printing. That’s a rule attributed to 3D-printing Software and Services Company Materialise, and it’s one that could make 2016 a breakout year for 3D print ing. ‘Small, high-value items that need to be unique are the sweet spot,’ says 3Dprinting consultantjoris Peels. That means things like jewelry, hearing aids, and den tal implants, but also tiny pieces of larger, manufactured items.”308 Pierce zitiert diesen 307 „An im portantargum ent for the existence o fth e firm vanishes.“ Niechoj (2016) S .231 308 Zalewski, Adam: 5 Things to watch for in 3D Printing in 2016. Artikel in FORTUNE TECH, 31.21.2015. [186] Artikel, glaubt jedoch, 3D-Druck könne in einem weiteren Spektrum genutzt werden: “However, 3-D printing can be used for far more than such a limited ränge of products as shown in this study. Low-cost 3-D printers have enabled emerging additive manufacturing technology to transition from industry and academia to the average consumer, resulting in a market that has exploded from 66 purchased printing units in 2007 to 23,265 units in 2011. Improvements have made this technology both technically accessible and economically advantageous to the consumer market.” Unabhängig davon weist Pierce daraufhin, dass die Produktion am Ort des Kon sums eine Verbesserung des Konsumentenbewusstseins nach sich zieht, sowie weitere ökologisch positive Effekte: „Furthermore, the transition of additive manu facturing from industry to the consumer market has followed the growing trend of conscious consumerism. By providing a means by which to make products, Consum ers develop a heightened level of responsibility and become more selective in their consumerism. In addition, it is clear that distributed AM represents an environmental benefit because of reduced material use, transportation, and the elimination of packaging, and a growing contingent of responsible consumers are considering environ mental concerns into their purchase decisions. This has encouraged a more vibrant do-it-yourself (DIY) community, one that is driven not only by saving money but also by the enjoyment of the experience.” Das wäre alles sehr von Vorteil — wenn auf diese Weise eben ein wirklich substan tieller Teil der Endverbraucherkonsums hergestellt werden könnte; aber, wie schon betont, muss das doch sehr zweifelhaft erscheinen. Was wäre die Alternative: eben öffentliche, nicht-privatwirtschaftlich genutzte di gitale Fertigungssysteme. Der relative Kostenvorteil wäre hier nicht so einfach zu berechnen, Transportkosten würden so zum Beispiel nicht entfallen können. Der Vorteil, der bliebe, wäre die auch so mögliche Verbesserung des Konsumentenbe wusstseins, eines selektiveren Konsums, und die ökologischen Vorteile, die mit addi tiver und digitaler Fabrikation an sich verbunden sind. Der gesamtwirtschaftlich wichtigste Nutzen wäre aber wohl die Entkoppelung der Massenfertigung von Kapi talinteressen, die tendenziell ohne die Erbringung einer unternehmerischen Teistung in der Fertigung versuchen müssen, Preisaufschläge durchzusetzen. Diese Entkop pelung würde mit Hilfe digitaler Fabrikation also realisiert werden können ohne Ver lust an einzelwirtschaftlicher Nutzenstiftung. Aus derlei praktischen Erwägungen scheinen großindustrielle Produktionssysteme und —verfahren doch noch kaum verzichtbar, und somit die möglichst universale smarte „Fabrik der Zukunft“ doch die zunächst erfolgversprechendere Tösung zu sein; innerhalb eines überschaubaren Zeithorizonts jedenfalls sehr sicher. Während aber die Integration des Replicators in ein sozioökonomisches Konzept vergleichs weise einfach zu lösen wäre, bereitet dies für die komplexere „Fabrik der Zukunft“ erheblich größere Probleme. Die Grundrisse und Grundprinzipien sind aber am Ende dennoch prinzipiell die gleichen wie vorne beschrieben. Der Weg aus der Ver gangenheit der kapitalabhängigen und kapitalrenditegetriebenen Produktion und — http://fortune.com/2015/12/31/5-things-to-watch-3d-printing-2016/ [Stand 20.03.2017] [187] konsumtion in die Zukunft der gebrauchswertorientierten Produktion und —kon sumtion ist auch damit prinzipiell eröffnet, wie noch zu verdeutlichen und zu plausibilisieren sein wird. Eine essentielle und zentrale Bedingung dafür, die „Fabrik der Zukunft“ in diesem Sinne in öffentliche Verantwortung zu übergeben ist die, dass das Prinzip der Ent kopplung von Fertigung und Design hinreichend weit und vollständig realisiert ist. Dessen Wirkungen im Bereich der additiven Fertigung sind von F. Thiesse in der folgenden Grafik dargestellt worden: Abb. 9: W irkungen der additiven Fabrikation309 Die „Designs“, die Produktdatenmodelle, werden also von „Designern“ hergestellt und entweder direkt an private Konsumenten geleitet, so weit dies technisch möglich ist, oder an einen Hersteller, der daraus „on demand“, also auf spezielle Kundenan forderung, das physische Produkt herstellt. Ist der Herstellungsvorgang weniger kom plex, kann ihn auch ein „3D-Drucker in der Nachbarschaft“ übernehmen, der hier offenbar als in der Betriebsform eines privaten Kleinunternehmens geführt gedacht ist. Sollte dies evtl. auch mit dem größeren Vorteil in öffentlicher Regie betrieben werden, um der Gefahr des Zugriffs durch renditesuchende Großunternehmen zu entgehen — solcherlei Fragestellungen nach der optimalen lateralen Skalierung wären von Fachgremien zu beantworten, und können nicht ohne Weiteres pauschal beant wortet werden. Der „Manufacturer“ aber sollte, möglicherweise in einer Form von öffentlich-privater Partnerschaft, überwiegend in öffentlich-gemeinnütziger Betriebs form geführt werden.310 309 Screenshot, aus einem Fachvortrag des W ürzburger Professors für W irtschaftsinformatik Frederic Thiesse zur „Zukunft des 3D-Drucks“ , Folie 17 http://www.alphaform.de/pdf/Thiesse_05022014_FTH.pdf [Stand 09.10.2015] 310 Hierzu sagt Rifkin: „Kleine bis mittelgroße 3-D-Druckereien, die zunehmend hoch entwickelte Produkte info fertigen, w erden sich aller W ahrscheinlichkeit nach ( .. .) in lokalen Technologieparks gruppieren“ . Offenbar geht er von privatwirtschaftlich geführten 3-D-Druckereien aus. W ie sollen die aber dem Schicksal aller er folgreichen Gewinne m achenden Kleinuntem ehm en in der Ära des mit renditesuchendem Kapital überreich gesegneten Spätkapitalismus entgehen? [188] Die Entkopplung von Fertigung und Design ist die Voraussetzung dafür, dass ein „Manufacturer“ nicht auf ein bestimmtes Produkt oder Produktsortiment festgelegt ist, sondern Anbietern von Markenartikeln oder auch Privatpersonen bzw. eben Open-Innovation-Projekten abstrakte, universale Fertigungsleistung zur Verfügung stellen kann. Die Hersteller von Markenartikeln beschränken ihre Arbeit und Mitwir kung also auf die Entwicklung des „Designs“, der „digitalen Zwillinge“ ihres Pro dukts, die dann von einem öffentlichen Hersteller physisch hergestellt werden. Die Beantwortung der Frage, wie weit dies schon heute möglich ist oder wie dies im Einzelnen möglich gemacht werden könnte, dürfte den Rahmen des hier Mögli chen sprengen, und sollte in die Bearbeitung der einzelnen Fachwissenschaften zu übergeben sein.311 Hinweise darauf, dass diese Möglichkeit bereits im Werden begrif fen ist, finden sich — abgesehen von der gesamten bisher entwickelten Argumentation — aber durchaus. So wird wegen des Zusammenspiels der beiden „Megatrends“ Fle xibilität der Produktion und Volatilität der Märkte auch von der Entstehung von Fab riken „as a Service“ gesprochen, sodass bei Entstehen von unvorhergesehenen Eng pässen in der Kapazitätsauslastung bei dem einen Fertiger und bei frei werdenden Kapazitäten bei einem anderen Fertiger Fertigungsprozesse flexibel umdisponiert werden können. Ein Hersteller nimmt fremde Fertigungsleistung wie einen Service in Anspruch. In diesem Zusammenhang wird bereits das Entstehen eines weltweiten Marktes für Produktionskapazitäten mit 3D-Druckern diskutiert, da hier das Prinzip der Trennung von Fertigung und Design naturgemäß am weitesten verwirklicht ist. Designs können eben einfach online weltweit verschickt werden, und in einem Be trieb möglicherweise hergestellte Fertigungskapazitäten können im Fall ihrer Unter auslastung dann schnell und einfach mit der Fertigung „fremder“ Designs ausgelastet werden.312 Der Wirtschaftsinformatiker A. W. Scheer, einer der Pioniere und einflussreichsten Köpfe auf seinem Gebiet, sieht diesen Trend durch die „Industrie 4.0“ auch für kom plexe Werke unterstützt: „Werke werden nicht mehr für bestimmte Produktionsty pen gebaut, sondern es werden bestimmte Produktionstechnologien zur Verfügung gestellt, die nahezu beliebig auf unterschiedliche Produkte in kurzer Zeit umgerüstet werden können.“ Auch nach seiner Einschätzung werden „Betriebe zu Dienstleistern“, als Folge der unter dem Fabel Industrie 4.0 zusammenzufassenden Rekonfigurationen: „Als Folge der Rekonfiguration können Betriebe ihre Produktionstechnologien einem offenen Markt anbieten, der diese dann für die Produktion neuer Produkte, oder auch um Kapazitäten auszugleichen, kurzfristig nutzen kann.“ Als Beispiel führt Scheer dann den Apple-Konzern an, wo keine eigenen Ferti gungskapazitäten in eigener Regie mehr vorgehalten werden: „Ein Beispiel ist bereits 311 W iew eit die Universitäten zur Übernahme einer dermaßen antikapitalistischen Aufgabenstellung bereit sein würden, wäre in Anbetracht der angerichteten Verheerungen der Bologna-Reformen abzuwarten. Der an der M ailänder Universität lehrende Philosoph Diego Fusaro hält die Uni für tot: „Die Uni ist heute tot“, denn „sie wurde von der Unternehmenskultur um gebracht“ . https://www.heise.de/tp/features/Die-Uni-ist-heute-tot-3629533.html [Stand 21.02.2017] 312 „Entsteht ein weltweiter M arkt für Produktionskapazitäten m it 3D-Druckem ?“ Gastbeitrag in 3Druck vom 17.08.2015 http://3druck.com/gastbeitraege/entsteht-ein-weltweiter-markt-fuer-produktionskapazitaetenm it-3d-druckem -3337054/ [Stand 07.10.2015] [189] die Produktion der Apple Produkte, etwa des iPhones. Das Unternehmen besitzt keine eigenen Produktionswerke. Es fuhrt die Forschungs- und Entwicklungspro zesse im eigenen Haus durch, um die Produkte in Asien durch den Zukauf von Kom ponenten aus unterschiedlichen Quellen zusammensetzen zu lassen“.313 Nun: die Fer tigung von Billigstkräften in Niedriglohnländern durchfuhren zu lassen, ist offen sichtlich wenig beispielhaft und zukunftsorientiert, dies einem hochproduktiven, fle xibilisierten und automatisierten gemeinnützigen „Manufacturer“ zu übertragen, aber schon. Man muss den sich hier abzeichnenden evolutionären Trend also nur noch ein wenig weiter extrapolieren, um zur Vorstellung von von der Fertigung bestimmter Produkte oder Produktfamilien vollkommen getrennter Fertigungssysteme zu kom men, die dann auch von einem Fertiger als Kapitalgeber vollkommen getrennt sind, und als universale Anbieter von Fertigungskapazitäten auftreten können. Und diese, so die hier entwickelte Argumentation, sollten sich eben zwingend in öffentlichem Eigentum und in öffentlicher Verantwortung befinden, um auf diese Weise einen Einstieg in den Ausstieg aus den von globalen Strömen privaten Kapitalbesitzes be herrschten Volkswirtschaften zu schaffen. Wie ungeheuer aufwendig eine Umsetzung dieses Prinzips und eine Verwandlung der Fertigung in öffentliche, lokale Werkstätten sein würde, wäre am Beispiel IKEA zu zeigen — aber an genau diesem Beispiel wäre auch zu zeigen, wie die digitale Pro duktion hier die Welt verändern könnte. Das Prinzip der Trennung von Fertigung und Design ist auch bei Ikea durchaus schon verwirklicht, das seine Produkte von einer in Schweden ansässigen Designab teilung (IOS, IKEA of Sweden) entwerfen lässt, die als „das Herz“ der Firma gilt. Die Fertigung ist an eine Vielzahl von Zulieferern ausgegliedert, von denen sich 25% in China befinden, 18% in Polen, 8% in Italien, 5% in Titauen und nur weitere 5% in Schweden. Ein Teil der Fertigung wird durch die zum Konzern gehörende Firma Swedwood erledigt, die überwiegend an Standorten in Tändern des ehemaligen Ost blocks ihren Sitz hat. Auf die externen Zulieferer wird enormer Druck ausgeübt, und es werden in jährlichen Anpassungsrunden regelmäßig weitere Zugeständnisse erwar tet, weshalb es in China schon zur Gründung eines „eigenen Ikea“ gekommen ist, also einer Konkurrenzunternehmens mit einer ganz ähnlichen Philosophie; Gründer waren ehemaligen Tieferanten von Ikea.314 Der anhaltende weltweite Erfolg des Hauses Ikea ist neben seinem typischen De sign („Democratic Design“), seinem Marketing und seiner Philosophie natürlich auch den günstigen Preisen zu verdanken, die eben vor allem durch die Verlagerung der Fertigung in Billiglohnländer realisierbar sind. Dazu kommt eine sehr straffe Organi sation der enorm komplexen Togistik mit beteiligten Herstellern und Tieferanten in der ganzen Welt, und eine extreme Sparphilosophie, die sich zeigt in der Nutzung auch kleinster Einsparpotenziale, etwa durch Verwertung auch geringster Mengen 313 A. W. Scheer: Industrierevolution ist m it weitreichenden organisatorischen Konsequenzen verbunden! Eine Bestandsaufnahme. In: A. W. Scheer (Hrsg.): Industrie 4.0, a.a.O., S. 4 314 „Chinesen gründen aus Frust eigenes Ikea“ . Bericht der ZEIT online vom 21.05.2013 http://blog.zeit.de/china/2013/05/21/chinesen-grunden-aus-frust-eigenes-ikea/ [Stand 24.02.2017] [190] von Verschnitt in der Materialzuschneidung, sowie eine extreme Nutzung der „eco nomies of scale“; die bevorzugte Nutzung von furnierten Spanplatten im Möbelan gebot des Hauses Ikea lässt hier noch eine sehr effiziente Massenverarbeitung mit gleichartigen Prozessschritten in riesigen Produktionshallen wie am Fließband zu. Mit Blick auf heute verfügbare Technologien ist dies aber nun eigentlich eher als rückschrittlich zu verstehen, und eine Folge der Verlagerung fast der kompletten Fer tigung in Niedriglohnländer. Gäbe es diese enormen Wohlstandsgefälle zwischen Ländern einer ansonsten vergleichbaren Kultur mit einem vergleichbaren Ausbil dungsniveau nicht, so wäre diese Weise der Organisation einer weltumspannenden Fertigungslogistik zu so geringen Kosten nicht möglich, und ist letztlich als ein Son derfall zu betrachten, der durch den entwicklungsgeschichtlichen Sonderweg der ehe maligen Ostblockstaaten mit ihrem gescheiterten sozialistischen Experiment entstan den ist.315 Gäbe es diese ökonomischen Ausnahmebedingungen mit extremen Niedriglöhnen also nicht, hätte hier der gleiche Evolutionsdruck auf der Fertigung gelastet; in dem Fall wäre anzunehmen, dass es schon in weit höherem Maße zur Entwicklung von Produktionsstrukturen gekommen wäre, wie sie eben als Smart Factory bisher skiz ziert worden sind. Statt der Verlagerung der Fertigung in Länder mit billigen und relativ gering qualifizierten Arbeitskräften hätte man auch hier eben hochmoderne und automatisierte modularisierbare Fertigungssysteme entwickelt; diese könnten dann dem je lokalen Bedarf entsprechend entwickelt und implementiert werden, und damit könnten sie prinzipiell eben auch überprivat geführt werden. Die von der De signabteilung in Schweden entwickelten Designs würden dann dezentral und jeweils lokal gefertigt. Die skizzierte Perspektive, den Möbelbau auf der Grundlage der neuen techni schen Möglichkeiten zu „revolutionieren“, ist nun von professionellen Möbeldesig nern am Beispiel des Designs von IKEA-Möbeln bereits in den 1990er Jahren schon einmal durchgespielt worden. Der Designtheoretiker Jochen Gros316 hat für diesen das Design von der Fertigung trennenden Ansatz den Begriff„Post-IKEA“ geprägt, und vertritt ihn als „digitales Seiber-Machen in den Dimensionen des Möbelbaus“317 bis heute. Bei diesem Designprinzip geht es um „einfache, preiswerte und vom Kun den selbst montierbare Produkte; (...) Möbel, die aus nichts anderem bestehen als aus dem „intelligenten Zuschnitt“ eines Plattenwerkstoffs“. Durch neue Fertigungs technologien wie „einfach zu bedienende 5-achsige Fräsen, neue Laserstrahl- und Wasserstrahlschneider, 3D-Plotter, das zunehmend über den Modellbau hinausge hende Lasersintern und völlig neue Maschinen wie den Hexapoden“ wird eine „Fab rik der Zukunft“ vorstellbar, die „mit wenigen flexiblen Universalmaschinen aus kommt“, „digital gesteuert“ ist, und wegen der dadurch möglichen Verkleinerung ei gentlich einen anderen Namen haben müsste als Fabrik: er hat dafür in den 1990er 315 Joshua Pierce weist daraufhin, dass die Lohnkostendifferenz zwischen entwickelten Industriestaaten und Nied riglohnländern wesentlich höher ist als die Kapitalkostendifferenz, woraus folgt, dass m it zunehmendem Ein satz von arbeitssparender Technik der Vorteil der Produktionsauslagerung abnimmt, und einen Trend zur Lo kalisierung in die Nähe des Endverbrauchers befördert. Pierce et al. (2016) 316 http://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Gros 317 http://www.jochen-gros.de/Jochen_Gros/Info_Links_files/M IY%20M ake-It-Yourself%200,6M B.pdf [191] Jahren den Namen „Technofaktur“ vorgeschlagen, und verwendet heute den Begriff „FabShop“. Durch die fast vollständige Trennung von Design und Fertigung wird es möglich, dass ein Kunde ein Design als „Template“ von der Datenbank eines Anbieters (etwa IOS) herunterlädt, es seinen Wünschen entsprechend bearbeitet, und es dann in der „nächstgelegenen Technofaktur“ bearbeiten bzw. realisieren lässt. Natürlich würden sich Aufgabe und Rolle des Designers dadurch vollkommen verändern: „Der Desig ner entwickelt dann nur noch variable Grund- und Vario-Typen, und überlässt deren Differenzierung in einem interaktiven Prozess weitgehend der direkten Reaktion auf die Wünsche und Vorschläge des Kunden.“ Und hier arbeitet die Software-Industrie bereits seit langem an der Möglichkeit, das „Wissen“ des Designers vollständig in einer Software abzulegen, so dass dieser interaktive Prozess der Festlegung des end gültigen kundenindividuellen Designs sich ganz im Online-Dialog abspielen würde, also eine Mitwirkung eines Designers beim einzelnen Entwurf nicht erforderlich wäre. Die „Foresight-Company Z_Punkt“, eine „Unternehmensberatung für Zukunfts fragen“, sah ganz ähnlich in einer 2014 erstellten Studie „die mit dem 3D-Druck ein hergehenden industriellen Umbrüche“ sich dahin entwickeln, dass „eines Tages Mar kenanbieter wie Tego, Artemide, Ikea oder VW reine Designunternehmen sind und ihre Produkte bei dezentralen Kontraktherstellern mit hochflexiblen 3D-Druckern fertigen lassen“. Das Beispiel des Möbelbaus ist auch schon von Neil Gershenfeld skizziert worden: „Heute eröffnet die digitale Fertigung eine ganz neue Alternative. Statt einen Tisch bei Ikea zu kaufen, können Sie die Designdatei eines Tischs erwerben, eines Tischs, dessen Größe oder Farbe Sie selbst auswählen.. .”318 Auch er sieht den Ort der Pro duktion wahlweise im Haushalt des „Prosumenten“ oder „in der Gemeinde“: „Es genügt, die Daten seines Produkts auf eine Online-Plattform zu stellen, und die ma terielle Realisierung überlässt er dem Käufer, der dies bei sich zu Hause, in seiner Gemeinde, erledigen lässt.“ Und auch er lässt diese Frage offen, an welchem Ort in der Gesellschaft die Verantwortung und das Verfügungsrecht über diese „Info-Factory“ angesiedelt sein soll. Es ist möglicherweise eine Art von Mentalreservation als Folge der gemachten Erfahrungen mit dem Sowjet-Sozialismus, die hier die Einsicht blockieren, dass zu einer öffentlichen Verantwortung gar keine Alternative besteht, wenn es sich eben nicht doch um eine private gewinnwirtschaftliche Unternehmung handeln soll, deren Schicksal es über kurz oder lang sein würde, vom globalen rendi tesuchenden Kapital geschluckt zu werden. Dass dieses aber so oder so die Entwick lungen mit wenig Begeisterung verfolgt, lässt Gershenfeld im zitierten Interview mit der FAZ durchaus anklingen, wenn er sagt, es seien „viele klassische Unternehmen schon jetzt besorgt“. Diese „dezentralen Kontrakthersteller“ sollten nach der hier entwickelten Argu mentation nun mit dem größeren Wohlfahrtseffekt öffentliche oder teilöffentliche 318 N. Gershenfeld: 3D-Drucker sind erst der Anfang. Interview m it Neil Gershenfeld. FAZ vom 03.03.2013 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/interview-mit-neil-gershenfeld-3d-drucker-sind-erstder-anfang-12098849.html [Stand 18.10.2015] [192] Unternehmen oder Info-Factories sein, für die man auch den bekannten und eingefuhrten Begriff des Stadt-Werkes in entsprechender Erweiterung der Bedeutung verwen den könnte.319 Die lokale Fertigung von global vermarkteten und zu beziehenden (Möbel)-Designs in kommunaler Verantwortung und Wertschöpfung würde bedeu ten, dass die physische Logistik und die damit verbundenen Kosten sowie auch Um weltbelastungen komplett entfallen. Die angestrebte Universalität und der hohe Au tomationsgrad der Produktion würden die Faktorspezifität des Fertigungssystems entsprechend weit bis gegen Null reduzieren und die notwendige Investitionssicher heit herstellen, die gemeinwirtschaftliche, öffentliche Betriebe benötigen, um die spe zifische privatwirtschaftliche Unternehmerleistung der Reduktion von Unsicherheit nicht erbringen zu müssen. Die monetäre Wertschöpfüng der digitalen Fertigung wäre zwar gering, würde aber erstens nicht von einem Markenhersteller realisiert, sondern in der Kommune ver bleiben, und hier, wie gesehen, nach überprivaten Gesichtspunkten verwendet wer den können.320 Der wichtigere Beitrag zur Erzeugung von öffentlicher Wohlfahrt läge aber wohl eher darin, der Gefahr einer Monopolbildung durch Private zuvorzukom men, und einer damit ermöglichten Abschöpfung leistungsfreier Monopolrenten. Für die Konsumenten würde sich der Konsum der Produkte zunehmend in den Verzehr von Gebrauchswerten verwandeln. Der Kapitalismus bzw. die unter dem Regime kapitalistischer Regularien arbeiten den Unternehmen haben auf diese Weise einen Entwicklungsverlauf genommen, wie ihn Ökonomen gleich welcher theoretischen Ausrichtung nicht haben antizipieren können. Der polnische Ökonom Oskar Lange hat neben den optimistischen Erwar tungen von Keynes und Schumpeter, die ein Ende des Kapitalismus durch seinen Erfolg erwarteten (Keynes erwartete nur ein Ende dessen Entwicklungsdynamik), eine dritte Variante ins Spiel gebracht, nämlich einen Verzicht des Kapitals auf Inves titionen nach Erreichen des Reifestadiums; in reifen Industrien mit wenigen übrig gebliebenen Oligopolanbietern hätten diese ein Interesse daran, weiteren wirtschaft lichen Fortschritt zu hemmen, weil der in veraltete Technik investiertes Kapital be drohen würde.321 Das mag in der Tat die gegenwärtig zu beobachtende Investitions zurückhaltung der Unternehmen erklären. Wenn sie aber investieren — und dazu wer den sie trotz allem durch die bekannten Mechanismen über kurz oder lang doch gezwungen sein — dann eben nur oder vornehmlich in die skizzierte Technologie. Auf der anderen Seite könnte das aber auch bedeuten, dass nun langsam der Moment gekommen ist, an dem die Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, der Staat oder staatliche 319 Der Verfasser hat diesen Gedanken 2014 im Online-M agazin Telepolis veröffentlicht: FabLab - FabCity - CityFab - StadtW erk? Heise Verlag Hannover 2014. https://www.heise.de/tp/features/FabLab-FabCity-CityFab-StadtW erk-3364603.html [Stand 07.03.2017] 320 Jerem y Rifkin spricht hier von „Info-Fertigung“ oder „Info-Factories“, die die Funktionen von Konsument und Produzent in der des Tofflerschen „Prosumenten“ verschmelzen lassen. Er illustriert dies vornehmlich am Bei spiel des 3D-Druckers, der sich am Ort des Konsums, in dessen Haushalt befinden kann. Zu der Eigentumsform von Produktionssystemen, die die begrenzte Leistungsfähigkeit von 3D-Druckem übersteigen würden und auch nach seiner Einschätzung unverzichtbar wären, äußert er sich nicht explizit, sondern hofft au f eine Lösung dieser Frage durch den „Aufstieg der Commons“ . Rifkin (2014) S. 133 ff. 321 Davon berichtet J. Rifkin. S. 16 [193] Institutionen die Investitionen vornehmen müssen, um weiteren wirtschaftlichen Fortschritt zu initiieren, aber mit einem ganz neuen Fortschrittsziel. Wäre es so, könnte damit am Ende doch ein Ökonom Recht behalten, der vor einigenjahrzehnten, als die Ideologie des Sowjetkommunismus zusammengebrochen war, glänzend und irreversibel von der Geschichte widerlegt zu sein schien.Jedenfalls müsste man ihm so weit Recht zugestehen, als seine Annahme des explosiven Poten tials der „Maschinerie“ sich zu bestätigen scheint. Aber ganz richtig waren seine An nahmen dann doch nicht — die Maschinerie musste eben erst einer sehr tiefgreifenden inneren Operation unterzogen werden. Erst dann könnte sie wirkungsvoll und ziel führend „vergesellschaftet“ werden. Dann würden die so unter ganz neuen gesellschaftlichen Bedingungen zum Ein satz kommenden Maschinen schließlich zu einer Verwendung gekommen, wie sie vor etwa 150Jahren von Karl Marx schon einmal skizziert worden ist, wie man sie sich bis dato aber wohl so recht immer noch nicht vorstellen mag. Quelle: dangerousm inds.net3 322 Screenshot entnommen aus: Charles Hugh Smith: W hat M arx got right, http://dangerousminds.net/comments- /w hat m arx got right [Stand 8.8.2017] [194] Lehren aus dem Maschinenfragment In einem Text aus den Marxschen Grundrissen der politischen Ökonomie, der (rela tiv spät323) als „Maschinenfragment“ bekannt geworden ist, heißt es: „Die 'Vermehrung der Produktivkraft der Arbeit und die größte Negation der notwendigen Arbeit ist die notwendige Tendenz des 'Kapitals (...). Die Verwirklichung dieser Tendenz, ist die Verwandlung des Arbeitsmittels in Maschinerie (...) Das Kapitalist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zp reduzieren strebt, während es andererseits die Arbeitszeit als Maß und Quelle des 'Reichtums setzt. Es vermindertdie Arbeitszeitdaherin der 'Form der notwen digen, um sie zp vermehren in der 'Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung — question de vie et de mort—fü r die notwendige. Nach der einen Seite ruft es also alle Mächte der 'Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaft lichen Verkehrs ins Eeben, um die Schöpfung des 'Reichtums unabhängig (relativ) zp machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der anderen Seite will es diese so geschaffenen riesigen Gesell schaftskräfte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffenen Wert als Wert zp erhalten. Die 'Produktivkräfte und die gesellschaftlichen Beziehun gen — beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums — erscheinen dem Kapital nur als Mittel und sind fü r es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zp produ zieren. Infact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in dieEuft zp sprengen. (...) „Wahrhaft reich eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. 'Reichtum ist nicht Kommando von Sur plusarbeitszeit, (..) sondern verfügbare Zeit außer der in der unmittelbaren 'Produktion gebrauchten fü r jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.Die Natur baut keine 'Maschinen, keine Eokomotiven, Eisenbahnen, electric tekgraphs, selfacting mules etc. Sie sind 'Produkte der menschlichen Industrie; na türliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; verge genständlichte 'Wissenskraft. Die 'Entwicklung des Capital fixe zeigt an, bis zp welchem Grad das all gemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zpr unmittelbaren 'Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen 'Lebensprozesses selbst unter die 'Kontrolle des general intellect ge kommen und ihm gemäß umgeschaffen sind. Bis zp welchem Grade die gesellschaftlichen 'Produktivkräfte produziert sind, nicht nur in der 'Form des Wissens, sondern als unmittelbare Organe der gesellschaftli chen Praxis; des realen Lebensprozesses. (...) .. der wirkliche 'Reichtum ist die entwickelte 'Produktiv kraft aller Individuen. Es dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des 'Reichtums Dass das Kapital diese Tendenz hat erkennen lassen im Taufe der Geschichte des kapitalgestützten Wirtschaftens, dürfte kaum jemand bestreiten. Man könnte aller dings auch sagen: es liegt durchaus im alltäglichen menschlichen Bestreben, sich die Arbeit zu erleichtern und ein wenig erfinderisch zu sein, um die Arbeit mit der Un terstützung technischer Hilfsmittel zu verrichten, von Rad und Hammer bis zur Ma schine. Ab Beginn der stürmischen Entwicklung des Kapitalismus mit dem Einsatz der „großen Maschinerie“ wurde dieses Bestreben natürlich äußerst vehement unter stützt durch die Interessenlage derjenigen, die viel Geld in den Kauf dieser Maschi nerie investiert hatten, und nun hofften, dieses Geld nicht nur nicht zu verlieren, 323 P. M ason weist daraufhin, dass dieser Text erst Ende der 1960er Jahre in W esteuropa veröffentlicht wurde. [195] sondern auch möglichst kräftig vermehrt wieder zu sehn. Dieses Interesse des Kapi tals scheint Marx nun kritikwürdig insofern, als die Produktivkräfte ihm nur Mittel sind, „um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren“. Andererseits schafft das Kapital aber doch die „materiellen Bedingungen“, um einer „Nation“ „wahrhaf ten Reichtum“ zu erschließen. Schon Schumpeter beschrieb diese widersprüchliche Haltung zum Kapitalismus bei Marx: „Einerseits preist Marx unstreitig (...) die un geheure Kraft des Kapitalismus, die Produktionskapazität der Gesellschaft zu entwi ckeln. Andererseits betont er unaufhörlich das zunehmende Elend der Massen.“ (S. 70) Der „prozessierende Widerspruch“ in der kapitalistischen Produktionsweise ist je denfalls klar ersichtlich und besteht darin, dass das Kapital die Arbeitszeit zu mini mieren sucht, und zugleich die „Arbeitszeit als Maß und Quelle des Reichtums setzt.“ Diesen Widerspruch hat auch Schumpeter gesehen; ob dies nun in eine Unterkonsumtions- oder Uberproduktionstheorie einmünde, schien ihm eher von nachrangi ger Bedeutung. Zum „in die Luft sprengen“ kommt es nach Marx‘ Vorstellung wohl dann, wenn ein Status völligen Funktionsverlustes des kapitalistischen Systems er reicht ist, mit arbeitslosen und mangels Kaufkraft konsumunfähigen Massen, die nun in einer sozialistischen Revolution die brachliegenden privaten Produktionsmittel „vergesellschaften“ müssen, um zu überleben. Dennoch sah Marx ja eine „transitorische Notwendigkeit“ des Kapitalismus. Wozu? Zu dem „wahrhaften Reichtum“, statt 12 nur noch 6 Stunden zu arbeiten, könnte eine Nation sich auch einfach entschließen. Und warum sollte die Entstehung eines „Vereins freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln ar beiten“,324 nach „Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise“, vom Entwick lungsniveau der Produktivkräfte abhängig sein? Höher entwickelte Produktivkräfte könnten offenbar den Warenreichtum einer Gesellschaft erhöhen. Sofern prinzipiell dafür gesorgt ist, dass auf dem Wege eines dem Produktivitätsfortschritt angemessenen Lohnniveaus für die produzierte grö ßere Warenmenge kaufkräftige Nachfrage besteht, kommt es erst dann zu dem Sta bilitätsverlust, wenn das gewachsene Produkt aus Sättigungsgründen nicht mehr voll ständig absetzbar ist. Das kann man ebenfalls Unterkonsumtion nennen, geht aber dann nicht mit Verelendung einher. Um Überproduktion handelt es sich dann mit Blick auf die zu geringe Nachfrage. In dieser Phase, so lassen sich die Zeichen der Zeit vernünftigerweise eigentlich nur deuten, befindet sich der reife Kapitalismus in zwischen. Was aber dann? Was zeigt „die Entwicklung des Capital fixe“ heute an? Bis zu welchem Grad ist das „allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittel baren Produktivkraft geworden“? Was könnte es bedeuten, dass „die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect“ kommen und „ihm gemäß umgeschaffen sind“? Das bleibt bei Marx eigentlich im Unklaren. Soll einfach die Verstaatlichung dafür sorgen, dass das allgemeine ge sellschaftliche Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird? Diese Hoffnung, wenn 324 So beschrieben in: Das Kapital, Kritik der Politischen Ökonomie, Bd. 1, S. 92 [196] es sie gegeben hätte, hätte sich jedenfalls nicht erfüllt im Verlauf der gemachten real sozialistischen Erfahrungen. Der belgische marxistische Ökonom Ernest Mandel glaubte, ein „Park automati scher Maschinen“ sei eine Voraussetzung für eine neue sozialistische Gesellschaft: „Wenn die Gesellschaft über einen Park automatischer Maschinen verfügt, der genü gend groß ist, um ihren gesamten laufenden Bedarf zu decken, und wenn sie zusätz lich noch eine ausreichende Reserve an Mehrzweckwerkzeugmaschinen besitzt, um unvorhergesehenen Ereignissen begegnen zu können, dann ... [wird] ein von allen materiellen und wirtschaftlichen Sorgen freier Mensch geboren.“325 Dies, der große Park automatischer Maschinen, sei auch die Bedingung zur Überwindung der Waren produktion; die Warenproduktion endet nach Mandels Auffassung erst mit der Pro duktion eines Überflusses an Gebrauchsgütern in der „voll entfalteten sozialistischen Gesellschaft“. Die Warenproduktion könne nur „schrittweise absterben, in dem Maße, wie die Wirtschaft in der Lage ist, die fundamentalen Bedürfnisse eines jeden Menschen zu befriedigen, und die Verteilung daher nicht mehr auf dem Anspruch einer exakt bemessenen Gegenleistung beruhen muss.“ Denn: „Austausch (..) bedeu tet Warenproduktion. Der Tauschwert lebt fort, solange Gebrauchswerte knapp sind.“ Dazu haben die gemachten Erfahrungen mit höchstentwickelten Produktionsmit teln allerdings gezeigt, dass der Tauschwert auch fortlebt, wenn die Waren durchaus nicht mehr knapp sind, und sogar künstlich verknappt werden müssen. Der Tausch wert lebt fort und muss fortleben, solange Arbeitsteilung herrscht, mit spezialisierter Arbeit, und spezialisierten, faktorspezifischen Produktionsmitteln. Aber das ist es eben, was sich offenbar nun gerade ändert. Das zeigt „die Entwick lung des capital fixe“ heute an. Das Capital fix e hat unter dem Vorzeichen der Reife des Kapitalismus mit seinen gesättigten Märkten die Tendenz entwickelt, seine Fak torspezifität zu minimieren, und universal zu werden. Und mit der Entkopplung von Fertigung und Design und der Ubiquität des Internet wird das die Produktionen steu ernde Wissen zur entscheidenden und mehr und mehr einzigen Produktivkraft, zum generalintellect, der die „gesellschaftlichen Lebensprozesse“ steuert. Und diese Art von capital fix e ist es offenbar nun, die in Widerspruch zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise gerät, und nach einer neuen gesellschaftlichen Ordnung verlangt, bzw. diese erst ermöglicht. Der Versuch, die Produktionsmittel auf dem Reifegrad des letztenjahrhunderts zu „vergesellschaften“, musste zu Diktatur und Gewalt führen, wenn man es denn un bedingt so durchsetzen wollte. Der transitorisch notwendige Kapitalismus muß of fenbar zuerst dies beides, Wohlstand und Fülle, und in diesem Sinne reife Produkti onsmittel hervorbringen. Dann können sie in einen gesellschaftlichen Zustand füh ren, in dem „wirklicher Reichtum“ verfügbar und erfahrbar wird, sofern diese „neuen“ Produktionsmittel denn auch in diesem Sinne genutzt werden. Die beschriebene smartfactory ist nicht einfach ein Park von automatischen Maschi nen, der genügend groß ist, um den laufenden Bedarf zu decken. Die Eigenschaften dieser neuen „großen Maschinerie“ (die sich eigentlich eher dadurch auszeichnet, eine 325 Ernest Mandel: M arxistische W irtschaftstheorie. Band 2. Suhrkamp 1968. S. 715 [197] kleine Maschinerie zu sein) mit ihrem Prinzip Think globally, fabricate locally bringen letztlich erst das Vermögen mit sich, den gesellschaftlichen Lebensprozess im Sinne e in es general intellectzn gestalten, statt unter der Kontrolle der invisible hand der blinden Märkte, und der partialen Gewinninteressen des privaten Kapitals. Das in ihr „verge genständlichte“ Wissen kann in großem Umfang, fast grenzenlos, zu unmittelbar ge sellschaftlichem, öffentlich verfügbarem Wissen werden. Das den wirtschaftlichen Erfolg eines privaten Unternehmens ausmachende Wissen wurde innerhalb von des sen Mauern und Domäne entwickelt, gepflegt und gehütet, und war in dem Sinne kaum allgemein verfügbares gesellschaftliches Wissen. Genau dies aber ändert sich in ganz entscheidenden Proportionen, wenn Fabrikation aus der Verwandlung von Da ten in Dinge besteht, und diese Daten möglicherweise — jedenfalls sofern sie nicht konsequent und mit juristischem Aufwand privatisiert werden — über öffentlich zu gängige Datenbanken der Öffentlichkeit auch zur Verfügung stehen, und auch durch öffentliche Open-User-Innovation-Projekte erzeugt werden oder erzeugt worden sind. Die technische Möglichkeit dazu ist jedenfalls mit dem Internet und den be schriebenen Fabrikationsprinzipien vorhanden — was zu Marx‘ Zeiten ja definitiv nicht der Fall war. Man kann fragen, ob man dem begonnenen realsozialistischen Experiment hätte gönnen sollen, dass es überlebt. In Kuba etwa hat es überlebt. Wäre das ein besseres „Ende der Geschichte“? Dann wäre die Geschichte gewissermaßen einfach stehen geblieben. Aber die Geschichte ist nicht stehengeblieben, und hat einerseits die Ent wicklung des überreifen und überproduktiven Kapitalismus bis in extreme Erschei nungsformen fortgeschrieben und zugespitzt, wie vorne beschrieben. Die Einschät zung, dass die Entwicklung in dieser Richtung nicht fortgesetzt werden kann, und dass hier immer wieder nur etwas Zeit gekauft werden kann, um einen Kollaps zu verhindern, hat große Verbreitung gefünden. Auf der anderen Seite aber sind im In nern des Kapitalismus, in seinem „Maschinenraum“ diese technischen Möglichkeiten entstanden, die nunmehr eine irreversible, nachhaltig praktikable und nebenher hoch attraktive nachkapitalistische Wirklichkeit zu realisieren gestatten. Die „Transition“ durch den Kapitalismus bis zu seinem wirklichen Ende war also offenbar tatsächlich notwendig, und hat sich gelohnt, wenn diese eine individuelle Disposition unterstel lende Rede gestattet ist, und wenn denn die historische Weichenstellung auch noch früh genug geschieht, dass diese Potentiale erkannt und ausgebaut und zur Reife fort entwickelt werden. Wahrhafter Reichtum, sagte Marx, bestehe in der Verfügbarkeit von disposable time, in verfügbarer Zeit „außer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.“ Damit wird offenbar nicht das „Aussteigen“ gemeint sein, also das Ausdehnen der verfügbaren Zeit dadurch, dass man die An sprüche minimiert, und die in der „Kommandowirtschaft“ der unmittelbaren Pro duktion verbrachte Zeit auf ein Minimum einschränkt. Der wahrhafte Reichtum soll der ganzen Gesellschaft zur Verfügung stehen; ein geschichtlicher Fortschritt ist dies aber offensichtlich nur dann, wenn damit der Reichtum der „ungeheuren Waren sammlung“, also der Reichtum der Gebrauchswerte als verfügbare Menge von Gü tern und Dienstleistungen nicht drastisch eingeschränkt wird. Allenfalls sollte ab einer [198] gewissen Höhe sein weiteres Wachstum eingeschränkt sein oder komplett stagnieren können. Den Reichtum, nach dem der Kapitalist strebt, nennt Marx „abstrakten“ Reich tum, also das Geld und alle Erscheinungsformen, die das Geld annehmen kann, wie Wertpapiere, Aktien, Beteiligungen, Schuldverschreibungen etc. Während die Ge brauchswerte, aus denen der wirkliche Reichtum besteht — jedenfalls sofern man sie besitzt — einen abnehmenden Grenznutzen haben, ist dies bei abstraktem Reichtum nicht der Fall. Davon kann man nie genug haben, von realen Dingen, von Gebrauchs werten aber schon. Darum, so glaubte etwa schon Aristoteles, ist das Streben nach dem wahrhaften Reichtum endlich, und das Streben nach dem abstrakten Reichtum ist es aber nicht. Aristoteles unterschied zwischen „natürlichem“, „wahrem“ oder „nützlichem“ Reichtum, und dem „unnatürlichen“ Reichtum, der mit dem Ziel des Gelderwerbs als Selbstzweck aufgehäuft wird; mit Ökonomik hat Aristoteles nur die „natürliche“ Wirtschaftskunst bezeichnet, die auf die Schaffüng eines als endlich und natürlicher weise begrenzt verstandenen Reichtums abzielte. Die Wirtschaftskunst, die auf den unendlichen, widernatürlichen Gelderwerb als Selbstzweck abzielte, und meist den Tauschhandel nutzte statt der Produktion, nannte Aristoteles „Chrematistik“, und sie galt ihm als „unsittlich“. Die Begründung für die Annahme der Endlichkeit des na türlichen Reichtums ergab sich für Aristoteles aus der Beobachtung, dass ja die Menge an Gütern, Werkzeugen und Instrumenten, die den Reichtum einer Haus- und auch der Staatsverwaltung bilden, nach Menge und Größe unmöglich unbegrenzt sein könne — es können sich ja nicht alle Dinge bis unter die Decke stapeln, und die La gerräume und Wege verstopfen; ein Zu-Viel an realen, angehäuften Dingen ist offen sichtlich irgendwann unübersehbar, hinderlich und störend. Dies gilt offensichtlich nicht für den abstrakten Reichtum — wohl ein nicht zu verkennender Grund für die nach Eintreten von Sättigungsgrenzen auf vielen Märkten eingetretene Finanzialisierung der Ökonomie. Kapitalisten setzen die Maschinerie ein, um Profit zu machen, um Gewinne zu erwirtschaften. In konsolidierten, wohlhabenden Gesellschaften wird dies nun immer schwieriger, und hat, wie beschrieben, einerseits zur „resilienten“ Produktion mit fle xiblen smartfactones geführt, andererseits zur Finanzialisierung. Dennoch soll die „Ma schinerie“ noch immer, wo immer möglich, für die Kapitaleigner Gewinne erwirt schaften. Könnte die Maschinerie das auch ohne Kapitalisten? Marx sagt dazu: „Die Maschinerie verliert ihren Gebrauchswert nicht, sobald sie aufhörte, Kapital zu sein.“ Für die Kapitalisten hat sie ihren Gebrauchswert darin, Gewinne zu erwirtschaften, als Kapital. Wenn die Maschinerie aber nicht Kapital ist, erwirtschaftet sie auch keine Gewinne: sie tut dann nichts anderes als Gebrauchswerte zu erzeugen. Wann sind erzeugte Dinge nichts anderes als Gebrauchswerte - eben dann, wenn sie nicht ge tauscht werden müssen, also keinen Tauschwert haben, und nicht auf Märkten als Waren gehandelt werden. Dies ist in der reinsten vorstellbaren Form nur möglich, wenn das Endprodukt, das Erzeugnis einer „Maschinerie“ tatsächlich direkt im Haus halt des Konsumenten, in seiner Regie und Verantwortung hergestellt wird. [199] In der altgriechischen Oikonomia zur Zeit des Aristoteles war das der Fall. Der Oikos, der Haushalt war ein weitgehend autarker Betrieb, der den Großteil seines Be darfs selber decken konnte. Ein solcher Haushalt ähnelte in der Tat eher einem land wirtschaftlichen Betrieb, als einem Privathaushalt, wie man ihn heute kennt. Damit nun die Herren dieser Haushalte selbst nicht allzu viel Zeit in der unmittelbaren Pro duktion verbringen mussten, und sich den höheren Dingen, wie etwa der politischen und philosophischen Praxis, widmen konnten, erledigten diesen Part zur Erzeugung des wahrhaften Reichtums die Sklaven. Wäre die Erzeugung von Gütern im Kreis des Oikos, des eigenen Haushalts, heute möglich — wenn dies nicht mit dem Rückfall in eine vorindustrielle Subsistenzwirt schaft verbunden sein soll nur eben so, wie es sich mit den sich anbahnenden Mög lichkeiten der digitalen Fabrikation andeutet. Was es bedeuten würde, wenn diese Technologie allgemein zur Verfügung steht, hat Neil Gershenfeld einmal in einem Interview mit den folgenden Sätzen angedeutet: „What is work? For the average per son (...) you leave home to go to a place you'd rather not be, doing a repetitive Op eration you'd rather not do, making something designed by somebody you don't know for somebody you'll never see, to get money to then go home and buy some thing. But what if you could skip that and just make the thing?”126 Dass die Verfüg barkeit einer solchen Technologie die umgebende sozioökonomische Ordnung tief erschüttern könnte, ist ihm offensichtlich keineswegs verborgen geblieben: „For me the hardest thing isn't the research. That's humming along nicely. It's that we're finding we have to build a completely new kind of social order ”327 Wie auch immer diese neue Art einer sozialen Ordnung aussehen würde, wäre diese Eigenschaft, dieses „Feature” aber damit klar: es würden keine Waren, sondern Ge brauchswerte produziert, und zwar nicht an einem „place you'd rather not be“, durch die Ausführung einer „repetitive Operation you'd rather not do“, um etwas herzustel len für einen anonymen „somebody you'll never see“, und welche designed und ent wickelt worden sind von „somebody you don't know“. Dieses Produzieren soll eben möglichst direkt am Ort des Konsums geschehen, und, damit der Konsument sich nun nicht als Produzent zu sehr die Hände schmutzig machen muss, erledigt die Ar beit fast komplett die Maschine, die dazu auf Wissen, auf „knowledge“ zugreift, das irgendwo in den Weiten des Internet in der „cloud“, auf nicht unbedingt genau loka lisierbaren Datenbanken abgelegt ist, und dies sogar, sofern es von freiwilligen Spen dern dort zum freien Zugriff abgelegt worden ist, umsonst, völlig kostenlos. Dies ist nun vorerst eine theoretische, gedankliche „Vorschau“ oder Idee eines technischen Konstrukts, ein „Ideal“ von Fabrikationsmaschinerie. Der Begründer der „konstruktiven Wissenschaft“ Paul Torenzen hat in einer „Kritischen Rekon struktion von ,Idee’ und ,Ideal’“ einmal Ideen als Konstruktionsvorschriften für be liebig viele gedachte Figuren (wie zum Beispiel geometrische Figuren) von beliebigen Abstrakta unterschieden, die keine Ideen sind. Daraus folgte für ihn: „Ideale sind nicht erreichbar, sie sind nur — mit tolerablen Abweichungen — realisierbar.“ Dieses 326 Neil Gershenfeld: Digital Reality. A Conversation with Neil Gershenfeld. The Edge (2015). https://edge.org/conversation/neil_gershenfeld-digital-reality [Stand 03.04.2015] 327 Neil Gershenfeld: Digital Reality, a.a.O. [200] Ideal einer — mit tolerablen Abweichungen — zu realisierenden, idealen Fabrikations maschinerie wäre, betrachtet man den Entstehungszusammenhang im ökonomischen Kontext, aufzufassen als Gipfel oder Kulminationspunkt einer als notwendig zu den kenden Evolution einer Idee. Als notwendig zu denken wäre die Evolution dieser Idee, mit diesem Kulminationspunkt, weil man ihr die Funktion zuschreiben muss, Wohlstand zu erzeugen. Mit einer Funktionszuschreibung im Kontext einer voraus gesetzten Teleologie erscheint nach dem Philosophen John Rogers Searle der Ge sichtspunkt der Normativität: „Die Funktionszuschreibung bringt Normativität ins Spiel.“328 Die Normativität, die hier ins Spiel gebracht wird, leitet sich her aus der Funktionszuschreibung, dass diese Fabrikationsmaschine im Umfeld der Ökonomie das Gemeinwohl zu befördern hat, und offenbar erfüllte sie diese Funktion auf eine unübertrefflich perfekte Weise. Dieses Gemeinwohl kann sich eben nicht mehr zusammensetzen aus der Summe der in privater Regie erwirtschafteten Gewinne; Zuwachs oder auch nur Erhalt von Wohlfahrt sind auf diese Weise nicht mehr zu erzielen. Dies war so lange der Fall, wie die Maschinerie von privaten Eignern innerhalb der marktlich organisierten dy namischen Wettbewerbswirtschaft zur Erzielung komparativer Geschäftsgewinne eingesetzt werden konnte, und eine wachsende Wirtschaft auf dem Wege der Erzeu gung von Vollbeschäftigung und Güterreichtum mit einem positiven Wohlfahrtsef fekt verbunden war. Dies ist aber, wie gesehen, nicht mehr oder jedenfalls immer weniger der Fall. Und weil dies immer weniger der Fall ist, entsteht diese neue Maschi nerie, und daraus resultiert wiederum ein neues „Ideal“ von sozialer Ordnung, und von in dieser Ordnung existierender und diese konstituierender „Maschinerie“: die neue Ordnung ist nicht mehr beschreibbar als ein dynamisches, inkonsistentes, nicht berechenbares System mit einem inhärenten, aus der Wettbewerbsdynamik sich spei senden Wachstumsdruck, sondern als ein konsistentes, statisches, berechenbares, nichtdynamisches und nicht-wettbewerbswirtschaftlich organisiertes System. Dessen Output sind nicht Waren und warenwirtschaflich erzeugte Gewinne, sondern Ge brauchswerte, die unter Einsatz von immer weniger menschlicher Arbeit erzeugt wer den, und damit zu immer geringeren Kosten. Man muss sich klarmachen, dass erst der Ausstieg aus der Wettbewerbswirtschaft die allgemeingesellschaftliche Abschöpfung der „Automationsdividenden“ ermög licht, dies aber eben nicht in Geldform. Solange die Gütererzeugung im wettbewerbs wirtschaftlichen Modus verbleibt, wird auch die kompletteste Automation keinen Wohlstand erzeugen können. Sie wird auch keine „Dividenden“ im Sinne zu vertei lender Geldzahlungen erzeugen können.329 Mit zunehmender Diskrepanz zwischen Produktionsmöglichkeiten und realisierter Produktnachfrage würden die Wohlfahrts verluste immer größer, und die Eingriffe des privaten Kapitals in die „Lebenswelt“ 328 J. R.Searle: Geist, Sprache und Gesellschaft. Frankfurt 2001 329 Aus dem Grunde ist auch die Idee der Einführung einer Automationsdividende als Steuer au f „Automaten“ oder Roboter unsinnig. Jedes Betriebsmittel, das zweckmäßig eingesetzt wird, erhöht die Effizienz und Ar beitsproduktivität, und damit ggfls. den Betriebsgewinn, der dann zur Besteuerung herangezogen wird. Eine „Automationsdividende“ als Steuer wäre einfach nur eine höhere Gewinnbesteuerung, die sich zwar ohnehin empfehlen würde, aber ohne weiteres schwer durchsetzbar sein dürfte, als Steuer au f „Automaten“ aber auf jeden Fall. W ie ist der Automat denn definiert? Jeder PC ,jedes programmierbare Telefon, jeder Internetzugriff nufzt Automaten in der Gestalt von Programmen; jedes Softwareprogramm ist ein spezieller Automat. [201] immer destruktiver, wie bereits gesehen; kompensierender politischer Steuerungsauf wand würde immer höher, und als Transaktionskosten irgendwann prohibitiv teuer. Darum ist dies die einzig möglich Konsequenz: die Maschinerie muss zwangsläufig eine öffentliche werden, je mehr sie sich auf diesem Evolutionspfad ihrem einge schriebenen Ideal annähert, und je mehr die Entwicklungen der „alten“ Ökonomie dies verlangen. Nun kommt die Argumentation wiederum zu dem Befund, dass es sich soweit ja nur um spekulative Theorie handelt, denn der Replicator in seiner idealen Form steht ja derzeit noch nicht, und nach dem derzeit verfügbaren Stand des Wissens vermut lich wenn überhaupt, dann wohl nicht früh genug zur Verfügung. Es bleibt also nur eine Annäherung an dieses Ideal, eben in Form der Überführung hochmoderner, hochproduktiver und flexibler Produktionssysteme in öffentliches Eigentum und Trägerschaft. Hier aber Aussagen zu machen, die über das sehr Prinzipielle und Allgemeine hin ausgehen, dürfte die Möglichkeiten einer Einzelperson weit überfordern. Dies wird ja nicht einfach dadurch zu ermöglichen sein, dass man mit einem Trennschneider sich durch die Industriegesellschaft bewegt, überall die Fertigung vom Design trennt, und die übriggebliebene Fertigung verstaatlicht, oder der lokalen Kommunalverwal tung übergibt. Man muss auch die grundsätzliche Einschränkung machen, dass dies nur für den persönlichen und häuslichen Endverbrauch im Bereich der Sachgüter produktion sinnvoll sein kann; in der chemischen Industrie etwa wird man Fertigung und Design kaum entkoppeln können, und man wird die Fertigung auch nicht mit dem gleichen Effekt dezentralisieren können. Allerdings könnten zumindest Teile der chemischen Industrie komplett verstaatlicht werden — das ist aber zunächst ein ganz anderes Thema. Eine naheliegende Annahme wäre, dass man mit Massenmärkten, und Bedarfen wie eben etwa den Wohnungsausstattungen mit Mobiliar und Haushaltsgeräten be ginnt, die in der Regel bei Bezug einer ersten eigenen Wohnung immer wiederkehren, oder etwa mit Textilien, Bekleidung und Schuhwerk, oder möglicherweise tatsächlich mit Automobilen, dann aber solchen eines ganz speziellen Designs, nämlich eben mit solchen zur Selbststeuerung fähigen und elektrisch betriebenen Kleinautomobilen, wie sie vom Google-Konzern derzeit entwickelt werden. Wie bereits angesprochen, dürfte es für die Öffentlichkeit möglicherweise in einem ganz vitalen Interesse liegen, sich hier nicht in die Abhängigkeit eines privaten globalen Monopolisten zu begeben. Der Materialwissenschaftler joshua Pierce hat in einer Untersuchung über die Aus wirkungen des 3D-Drucks auf globale Wertschöpfüngsketten auch untersucht, in welche Branchen der Fertigungsindustrien der 3D-Druck in Gegenwart und Zukunft gar nicht, schwach oder stark diffündieren wird; hieraus könnten sich auch Hinweise ergeben, in welchen Branchen dann auch eine nicht-privatwirtschaftliche Fertigung von Produktdesigns sinnvoll sein könnte. [202] Heute In der Zukunft Keine, oder lang same Industrie Diffusion Herstellung von Nahrungsmitteln; Herstellung von Bekleidung; Druck und Reproduktion gespeicher ter Medien; Herstellung von Metallprodukten, außer Maschinen und Anlagen; Herstellung von Computer-, elektro nischen und optischen Produkten Herstellung von elektrischen Anla gen Herstellung von Automobilen und Anhängern Herstellung anderer Transportmittel Herstellung von Möbeln Herstellung von Getränken Herstellung von Tabakprodukten Herstellung von Textilien Herstellung von Lederprodukten Herstellung von Holz und Produkten aus Holz und Kork Herstellung von Papier und Papierpro dukten Herstellung von Kokerei- und Mineral ölerzeugnissen Herstellung von chemischen Erzeug nissen Herstellung basaler Metalle Hohe Industrie Diffusion Herstellung anderer nicht-metalli scher Mineralprodukte Herstellung von Gummi- und Plastik erzeugnissen Herstellung von Maschinen und An lagen Herstellung sonstiger Produkte Reparatur und Installation von Ma schinen und Anlagen Herstellung von Nahrungsprodukten Herstellung von Bekleidung Druck und Reproduktion von Medien und Datenträgern Herstellung von pharmazeutischen, chemischen und medizinischen Pro dukten Herstellung anderer nichtmetallischer Mineralerzeugnisse (Glas, Keramik etc.) Herstellung von Metall Produkten, au ßer Maschinen und Anlagen Herstellung von Computer-, elektroni schen, optischen und botanischen Produkten Herstellung elektrischer Anlagen Herstellung von Automobilen und An hängern Herstellung von Möbeln Herstellung sonstiger Transportmittel Abb. 10: Diffusion des 3D -Drucks in div. Fertigungsindustrien330 Die Ausweitung der Fragestellung auf die technischen Mittel der cyberphysischen Systeme (140) würde offenbar den Bereich der in Frage kommenden Branchen erwei tern, Anhaltspunkte lassen sich daraus aber durchaus gewinnen. Eine andere Frage wäre, ob begleitend Metadesigns geschaffen werden sollten — wie für Möbel am Bei spiel des „Post-Ikea“-Designs angesprochen —, die die Möglichkeit des Designs unter Verwendung normierter und vielseitig verwendbarer Komponenten unterstützen, 330 Entnommen aus: Andre O. Laplume, Bent Petersen, Joshua M. Pearce, Global value chains from a 3D printing perspective, .Journal o fln terna tiona lB usinessS tud ies 47(5), 595-609 (2016). doi:10.1057/jibs.2015.47 [203] und auf der anderen Seite die Möglichkeit des „Customizing“ dieser Designs durch den späteren Endkunden zulassen. Hilfreich im Sinne einer erfolgversprechenden Durchsetzungsstrategie könnte vielleicht auch eine Art von 'Branding und ein Marketing solcher Konsumartikel sein, die in dem Sinne keine Waren mehr sind — vielleicht sollten sie in Analogie zum Volks-Wagen Volks-Möbel, Volks-Fahrräder oder Volks-Klamotten etc. heißen — Marketingfachleute hätten hier möglicherweise die griffigeren Bezeichnungen zur Verfügung. Schließlich sollte man auch untersuchen, wie weit sich Möglichkeiten der horizon talen Arbeitsteilung bzw. Spezialisierung ergeben, sodass einzelne Betriebe mit der Entwicklung und Fertigung von Komponenten oder Rohmaterialien beschäftigt wer den, die in der weiteren Endfertigung in einem breiteren Produktspektrum verwendet werden können. Dies sind aber nur einige ganz allgemeine Hinweise und Andeutun gen, die an dieser Stelle nicht das Schwergewicht bilden sollen, und hier auch nicht vertieft werden können. Es ging in diesem Abschnitt darum zu verdeutlichen, dass die „Maschinerie“ seit Einsetzen der anhaltenden und endogenen, sättigungsbedingten Nachfrageschwä chenjahre auf den typischen Massenmärkten ab etwa Mitte bis Ende der 1970er eine Evolutionsrichtung eingeschlagen hat, die abzielt auf eine nachindustrielle Gesell schafts- und Industriestruktur mit den folgenden Charakteristika: • maximal automatisiert • gebrauchswertorientiert • stagnationsstabil • konsistent, statisch, berechenbar • Dominanz öffentlicher Steuerung • überwiegende Verfolgung gemeinnütziger Interessen Ganz lapidar lässt sich diese Entwicklung auch auf den Nenner bringen, dass es darum geht, die Produktionsmittel, die automatische „Maschinerie“ in einen Ge brauchsmodus zu überführen, wie der durchschnittliche Zeitgenosse dies von seinen maschinellen Helfern im häuslichen Umfeld gewohnt ist. Wenn diese Maschinerie dann recht hoch entwickelt ist und einen Hauptteil der notwendigen Produktion übernehmen kann, kann der durchschnittliche Zeitgenosse sich anderen Tätigkeiten zuwenden, darunter aber möglicherweise anderen als „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“. Eine ernst haftere Antwort ist vorne gegeben worden (Poiesis und Praxis). Die Arbeitsteilung an sich wird wohl vorerst unverzichtbar bleiben. Mit K. G. Zinn wäre nun folgendes Resümee zu ziehen: „Wenn die (äußere) Natur dem Wirtschaftswachstum Grenzen zieht, so bedeutet dies einen erzwungenen Wachstumsverzicht. Stößt Wachstum hingegen an Grenzen, die sich daraus ergeben, dass das Wachstum sozusagen seine geschichtliche Aufgabe, den Menschen von drängender Knappheit zu erlösen, erfüllt hat, dann ergibt sich eine ganz andere Art [204] von Zwang, nämlich der, des gesellschaftlichen Wohlstands halber das Wirtschafts system derart zu verändern, dass es auch bei Stagnation stabil bleibt.“331 Ein derart verändertes Wirtschaftssystem ist bisher von keiner ökonomischen The orie wirklich stringent, theoretisch konsistent und scharf beschrieben worden. Die „Mainstream-Ökonomie“, die, in welcher Schattierung auch immer, an den Hoch schulen gelehrt wird, nimmt dieses Problem prophylaktisch einfach nicht zur Kennt nis. Sie hält fest an der Beschreibung der Märkte im vollkommenen Gleichgewicht als Optimum eines zu erreichenden Zustandes einer Volkswirtschaft, und gibt der Politik entsprechende Empfehlungen, wie dieser Zustand zu erreichen sei, allenfalls mit kleineren Variationen hinsichtlich der konjunkturpolitisch zu treffenden Maß nahmen, die sich dann eben innerhalb des beschriebenen Spektrum zwischen eher angebotsorientierten oder nachfrageorientierten Maßnahmen bewegen. Aber bei al len Maßnahmen hält man fest am Ziel der „Stimulierung des Wachstums“, und in der ökonomischen Theorie hält man fest am Ideal einer (ewig?) wachsenden Wirtschaft mit Märkten im Gleichgewicht, als einzig vorstellbarem Optimum eines herzustellen den ökonomischen Zustands. Die Möglichkeit eines stagnativen Endstadiums332 als Kulminationspunkt einer po sitiven Entwicklung, also eines Endstadiums der Sättigung und allgemeinen Bedürf nisbefriedigung ist von einer Anzahl von Ökonomen in Betracht gezogen worden, darunter J. M. Keynes, wie schon erwähnt; Keynes ist davon ausgegangen, dass die Technik eben immer vollkommener die menschliche Arbeit unterstützt und hat als einer der ersten Wirtschaftstheoretiker den Begriff „technologische Arbeitslosigkeit“ verwendet. Seine Vorstellung eines Idealzustandes der Ökonomie beinhaltete dem zufolge nicht mehr das Ziel der Vollbeschäftigung als Ganztagsjob, sondern eben die durch allgemeine Arbeitszeitverkürzung zu erreichende 15-Stunden-Woche. An die ser Schwelle, so hat er offenbar angenommen, kommt die Entwicklung der Techno logie zum Stillstand, und, um diese 15-Stunden-Woche tatsächlich allgemein durch zusetzen, also Arbeit wirksam zu verknappen, hat er tatsächlich an Arbeitsverbote gedacht. Karl Marx hat den Trend der durch den kapitalistischen Wettbewerb erzwungenen Substitution von menschlicher Arbeit durch Maschinen ebenfalls gesehen, hat aber 331 K. G. Zinn: Die W irtschaftskrise. W achstum oder Stagnation. Zum ökonomischen Grundproblem reifer Volks wirtschaften. Mannheim 1994, S. 37 332 Schumpeters Formulierung dazu war: „Der Kapitalismus, seinem W esen nach ein Entwicklungsprozess, würde verkümmern. Für die Unternehmer würde nichts mehr zu tun bleiben. Sie würden sich in der ganz gleichen Lage befinden wie Generäle in einer des ewigen Friedens völlig gewissen Gesellschaft.“ (S. 213) Schumpeter, so scheint es, würde das offenbar bedauern, anerkennt aber, dass das Entwicklungsziel des K apitalism usja in nichts anderem bestehen kann, als dass „die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschheit eines Tages so völlig befriedigt wären, daß wenig Anlass bliebe, noch weitere produktive Anstrengungen zu unternehmen.“ (S. 213) W om it er nicht gerechnet hat war erstens, dass „die Generäle“ sich gewissermaßen ihre Kriege selber erfinden könnten, um nicht in diese Lage zu kommen, und zweitens, dass die Produktionsmittel erst noch in eine Form gebracht werden müssen, in der sie von der Öffentlichkeit genutzt werden können. Ist dieses Stadium aber erreicht, kann man tatsächlich m it einer A rt von Bedauern und W ehm ut au f den Kapitalismus zurückschauen, der sich zu der ihm nachfolgenden Ökonomie verhält wie etwa das E-M obil zum Gefährt m it donnerndem V8- Motor, die vegetarische Kost zur fleischlichen, oder eine moderne Gesellschaft m it staatlichem Gewaltmono pol zur waffenstarrenden Gesellschaft der USA, m it ihrem Idealbild des starken Mannes, der bereit ist, sein Leben oder seine Interessen m it der W affe in der Hand zu erkämpfen oder zu verteidigen. M anch einer mag dessen Verschwinden bedauern. [205] weniger an die Möglichkeit einer Harmonisierung dieses die Marktstabilität unterlau fenden Trends geglaubt, sondern sah eben die „Sprengung“ der kapitalistischen Wirt schaftsordnung kommen, ohne aber sehr präzise beschreiben zu können, welche Ordnung denn der kapitalistischen Ordnung folgen werde. Erst wenn dieser evolutionäre Trend in die Beobachtung mit aufgenommen wird, dass das allmähliche Erreichen des Stadiums der Reife und Sättigung auf die Techno logie zurückwirkt, und diese sich dann sozusagen auf eine neues Stadium der Öko nomie vorbereitet, wird dieses neue Stadium prinzipiell und in seinen Strukturen prä zise und konsistent beschreibbar. Der simultane Trend zur Universalisierung, auch zur (relativen) Miniaturisierung der Produktionsmittel, die dabei gleichzeitig hoch produktiv bleiben, und die Entkopplung der Fertigung vom Design, die die Produk tion auf Anforderung {on demand) und in maximaler Nähe des Konsums möglich ma chen, lassen neue Möglichkeiten der Güterallokation entstehen, die das ökonomische Geschehen dem systemischen Diktat der Märkte allmählich entziehen. Statt der vie len einzelnen Kapitale, die sich erbittert um Marktanteile bekämpfen, entsteht ein globales Netz von Sachkapital aus Wissen, das mit lokalen Endknoten der Fertigung verbunden ist, an denen die „Dinge“, also Produkte und Konsumgüter dann auf Wunsch und Anforderung des Konsumenten hergestellt werden können. Dieses so entstehende Produktionssystem ist gewissermaßen von seiner Natur aus vergesell schaftet, es muss nicht per politischem Dekret für vergesellschaftet erklärt werden. Die Güter sind dann auch ganz „von Natur aus“ keine Waren mehr, sondern Ge brauchswerte. Wenn man die Verfügbarkeit einer so zu charakterisierenden Fertigung unterstel len kann, ist es auch möglich, alle damit zusammenhängenden und daraus abzuleiten den Fragestellungen präzise zu stellen und zu beantworten, wie zum Beispiel die, wel che Art von Arbeit denn jenseits des „Reichs der Notwendigkeit“ zu tun übrig bleibt, und zwar schärfer und präziser als Karl Marx das getan hat mit seinem Bild des Fischens,Jagens und Kritisierens, ohne Fischer,Jäger und Kritiker zu sein. Der Unter schied ergibt sich aus den Grenzen dessen, was Maschinen, Automaten, tun und sein können, und das sind — wie vorne beschrieben — die Grenzen der Berechenbarkeit. Menschen „können“ mehr als Maschinen, so können kreativ sein und Werte schöp fen, und sie können Subjekt der Wertschöpfüng und verantwortlich für die Wertschöpfüng sein. Zusammenfassen kann man diese Bedeutungsgehalte in den Begrif fen Poiesis und Praxis. Man kann begründen, warum eine auf diese Weise vergesellschaftete Ökonomie nicht wachsen muss, und warum sie eine „höhere“ ist. Sie ist eine höhere, weil sie höhere Ziele verfolgen kann, und in einem größeren Umfang und hinsichtlich eines breiteren Spektrums von Zielen rational steuerbar ist. Die Marktökonomie hat nur einen einzigen Stellknopf, denn man kann allenfalls — ein wenig — das Tempo des Wachstums beeinflussen. Alles andere „macht“ sie selber, oder soll sie jedenfalls sel ber machen, in der liberalen oder neoliberalen Theorie. Das erreichbare Ideal ist also nun ein ganz anderes. [206] Der Ökonom P. A. Samuelson hat einmal gesagt, „es sei die Aufgabe jeder Wirt schaftsordnung festzulegen, was in welchen Mengen wie und für wen produziert wer den solle“.333 Diese Definition gilt für jede Wirtschaftsordnung, und sagt noch nichts darüber aus, ob sie auch mit Wachstum verbunden sein soll. Wenn man nun alles bisher Gesagte in eine Definition mit aufnimmt, also auch das, was sich aus ethischen Forderungen ergibt, wie sie vorne beschrieben werde sind, kommt man zu folgender Definition einer idealen Wirtschaftsordnung: Eine Wirtschaftsordnung sollte bemessen werden können an dem Qualitätskriterium, dass sie ermöglicht festzulegen, was in welchen Mengen wie, wann und fü r wen produziert wird, unter der Bedingung maximaler Nutzenstiftungfür den Produktempfänger, und unter der Bedingung möglichst Verlust- und verschwendungs armer (also ressourcenökonomischer) Produktion, sowie der Bedingung einer maximalen Steuerbarkeit. Das Efßzjenzpiveau marktlicher Koordination sollte nicht unterschritten werden, und es sollte Stagnationsstabi lität gegeben sein. Der Maschineneinsatz maximal sein, und hinsichtlich der Effizienz optimal. Es sollte die 'Bedingung der Gewährleistung eines 'Maximums an „moralischer und politischer Freiheit“334 er fülltsein. Die Struktur dieses Wirtschaftssystems und einer möglichen Transformation des ist nun in einigen wesentlichen Zügen beschrieben worden. Wie in der Einleitung bereits kurz gesagt, sollte die Aufgabe, eine so gewaltige und im historischen Maßstab nur extrem selten eintretende „Große Transformation“335 durchzuführen, zu konzi pieren, zu managen und in diesem Sinne mit unternehmerischem Elan zu begleiten und voranzutreiben, an einer zentralen Stelle konzentriert sein und zur Aufgabe etwa eines Automationsministeriums werden, welches dann die bisherigen, in der Zukunft wenig Erfolg versprechenden Aufgaben eines Wirtschaftsministeriums abzulösen hätte. Weitere Überlegungen zur Transformation sollen weiter unten folgen. 333 Samuelson, P aul A ., Volkswirtschaftslehre, Bd. 1, Köln 1974, S. 35 f. 334 Der ästhetisch hergeleitete B egriff einer wünschbaren „schönen“ Ordnung bei Friedrich von Schiller war schon vorgestellt worden: der ästhetischen Anschauung bietet sich das Bild einer Ordnung als Verhältnis von freien Menschen zu freien Menschen, ohne Subordination, in der keiner „dem anderen als Mittel dient oder das Joch trägt“ ; eine Gesellschaft von „freien Bürgern“, eine Gesellschaft von „schönen Naturwesen“, von „glücklichen Bürgern“, die „mir zurufen: Sei frei wie ich.“ Insofern, als eine Gesellschaft von g lücklichen Bürgern’ auch au f einer ihre Probleme tadellos lösenden Ökonomie beruhte, würde man dieser m it allem Recht und Geziemen „das Prädikat ,G lücksökonom ie’ verleihen können. “ ( vgl. Reuter 1999b, S. 98) 335 Der B egriff „Große Transformation“ geht au f Karl Polanyi zurück, der damit vorwiegend am Beispiel der englischen frühkapitalistischen Gesellschaft den W andel der agrarisch geprägten Gesellschaft zur Marktge sellschaft beschrieb, und eine damit einhergehende „Transformation der natürlichen und menschlichen Sub stanz der Gesellschaft in W aren“ . W. König, Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin, sieht in einem diesem B egriff strukturell vergleichbaren Sinne „drei große Revolutionen der Menschheitsgeschichte“, und verm utet „in unserer Gegenwart die Anfänge eines Umbruchs von ähnlicher Bedeutung“ . Hervorgerufen sieht er diesen u. a. durch „Sättigungsphänome“ in einer entwickelten Konsumgesellschaft. König (2016) S. 45 [207] Make or buy or buy the maker Die Frage, warum hochmoderne Fertigungssysteme sich mit dem größeren Vorteil in öffentlichem Eigentum befinden sollten, bedarf nun noch einer weiteren und einge henderen Begründung. Hierbei kommt es darauf an, wie man Vorteil definiert. Man kann den Vorteil in einer — meist eher kurzfristig angelegten — betriebswirtschaftli chen Betrachtung ausschließlich nach Effizienz- und Kostenkriterien definieren. Traut man dann einem in privater Regie mit strengem Cost Controlling geführten Fertiger eher zu, hocheffiziente Produktionsprozesse zu implementieren, die dadurch für das einzelne gefertigte Stück die geringsten Kosten bei optimaler Qualität verur sachen, als einem öffentlichen, vielleicht staatlichen Betrieb? Im Zuge der Privatisie rungseuphorie, die in Deutschland mit der Regierungsübernahme durch Helmut Kohl begann und zu dem Zeitpunkt unter dem Banner des Neoliberalismus ja bereits in England und den USA zu tiefgreifenden Veränderungen geführt hatte, würde man dies unbedingt bejahen. Die Geschichte vieler privatisierter öffentlicher Betriebe lässt jedoch durchaus eine andere Interpretation zu. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, ist eine Vielzahl von Privatisierungsprojekten weltweit gescheitert, und die priva tisierten Betriebe mussten zu hohen Kosten wieder vom Staat übernommen werden, wie ein weiterer Exkurs in die Geschichte der Privatisierungen zeigen soll. Wie teilweise schon gesehen, gehörten zum öffentlichen Sektor ursprünglich Leis tungen und Institutionen des Gesundheits- und Erziehungswesens, und die Anlagen des Verkehrssektors, also Straßen, Häfen und Flughäfen; ferner auch Infrastruktur bereiche wie Wasser, Abwasser und Müll, Stromversorgung, Post, Telefon und Ei senbahn sowie der Bergbau. Bereits I960 wurde die vorher staatliche Volkswagen- GmbH teilprivatisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, an der dem Staat (Land Niedersachsen) jedoch eine Sperrminorität zugesichert wurde. Mit Beginn der eigentlichen Privatisierungswelle in den 1980erjahren folgte dann zuerst die Abspal tung der Telekommunikationsdienste von der staatlichen Bundespost, dann die Zu lassung privater Rundfünk- und Fernsehanstalten, und dann die Zulassung privater Eisenbahnen. Begründet wurde dies also meistens damit, dass diese Privatisierungen im öffentli chen Interesse lägen: die Leistungen der privatisierten Unternehmen gegenüber dem Bürger und Kunden würden sich verbessern, und die Gesamtkosten für Staat und Gesellschaft sinken. Private Unternehmen könnten sich effizienter und straffer orga nisieren, und würden im Zuge des entstehenden Wettbewerbs auf dem freien Markt zur Einhaltung eines straffen Kostenregimes gezwungen. Schaut man sich allerdings die in vielen Fällen tatsächlich entstandene Entwicklung und die Entwicklung von Preisen, Leistungen und Unternehmensgewinnen an, so entsteht der Verdacht, als seien die Unternehmen von vorneherein durch die in diesen Märkten zu erzielenden Renditen angelockt worden, die eben — wegen der diskutierten Erscheinungen der Wirtschaftsentwicklung mit vielen gesättigten Massenmärkten — in der übrigen freien Wirtschaft nicht mehr zu erzielen waren. Es war, so könnte daraus vermutet werden, also schlicht schon das Anlage suchende, brachliegende Kapital, das diese Privatisie rungswelle angeschoben hat. [208] Es lassen sich viele Beispiele dafür anführen, dass die Leistungen privatisierter Un ternehmen sich nach kurzer Zeit verteuert oder verschlechtert haben, oder beides. In einigen Fällen, wie der berüchtigten Privatisierung der Bahn in England, kam es gar zu erheblichen Leistungsstörungen, weshalb die Privatisierung jedenfalls für das Schienennetz wieder rückgängig gemacht werden musste. Auch etwa die in Neusee land zu Anfang der 1990erjahre erfolgte Privatisierung der Bahn wurde 2010 wieder rückgängig gemacht.336 Grund: der private Betreiber hatte die Vermögenswerte der Bahn herunterkommen lassen, und notwendige Investitionen unterlassen. Derartige Fälle finden sich zuhauf. Für den Sektor des ehemals öffentlichen Woh nungsbaus wäre etwa folgendes Beispiel anzuführen, über das die „Frankfürter Rund schau“ im August 2009 berichtete.337 Die ehemals landeseigene Landesentwicklungs gesellschaft (LEG) war im Juni 2008 an den Immobilienfonds der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, Whitehall Real Estate Funds, verkauft worden, zu einem Kaufpreis von 787,1 Millionen Euro für die 93 000 Wohnungen der LEG. Trotz einer zwischen Land und Käufer vereinbarten „Sozialcharta“ kam es zu Miet erhöhungen um 20 Prozent, bei einem gleichzeitig ausgesprochenen Sanierungs stopp. Zitiert wird das gezogene negative Fazit des Deutschen Mieterbundes: der Verkauf an eine „Heuschrecke“ habe zu Mieterhöhungen sowie dem Verzicht auf Modernisierungen und Instandhaltungen geführt. Es stehe allein die Rendite für den neuen Besitzer im Vordergrund. Während der damals für den Verkauf verantwortliche Bauminister des Landes NRW diesen als „Erfolgsgeschichte“ rechtfertigte, stellt sich aus heutiger Sicht diese „Erfolgsgeschichte“ folgendermaßen dar: Goldmann Sachs brachte die erworbene LEG GmbH im januar 2013 an die Börse, die nun als LEG Immobilien AG firmierte. Bei diesem Börsengang kamen 1,77 Milliarden Euro in die Kasse; das bedeutete — einem Bericht des Magazins „Focus“ zufolge — einen „Gewinn von rund einer Milli arde Euro oder 127 Prozent auf den Kaufpreis in nur gut fünf Jahren — Geld, das zwischenzeitlich aus dem Unternehmen abgezogen wurde, nicht mitgerechnet.“338 Dieser Gewinn aus dem Verkauf der ehemals landeseigenen Wohnungen ist für die „Heuschrecke“ Goldmann Sachs also perfekt und gemacht; das erhebliche Verlustri siko liegt aber jetzt bei den Aktionären, und natürlich bei den Mietern. In einer Akti engesellschaft gilt die Devise: „Gute Gewinne, gute Dividenden“; primäres Ziel der AG ist es also, die Gewinne zu steigern; mit Stand Anfang 2014 wurde daher als Erfolg vermeldet dass es gelungen sei, „die Mieteinnahmen zuletzt um zwei bis drei Prozent jährlich zu steigern.“ Das gesamte operative Geschäft soll noch schneller 336 „Neuseeland verstaatlicht wieder die Bahn“ . M eldung der Süddeutschen Zeitung vom 17.05.2010 http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/erfolglose-privatisierung-neuseeland-verstaatlicht-wieder-die-bahn- 1.215929 [Stand 19.10.2014] 337 „V erkauf schlimmer als befurchtet. Gut ein Jahr nach dem V erkauf der ehemals landeseigenen W ohnungsge sellschaft LEG an Goldmann Sachs sieht der M ieterbund seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.“ M el dung der „Frankfurter Rundschau“ vom 24.09.2014. http://www.fr-online.de/wirtschaft/mieterbund-verkaufschlimmer-als-befuerchtet,1472780,3281586.html [Stand 22.10.2014] 338 „Sprung in die Freiheit“ . Bericht im Online-M agazin „Focus-online“ vom 05.02.2014. http://www.focus.de/immobilien/kaufen/leg-immobilien-sprung-in-die-freiheit_id_3591678.html [Stand 22.20.2014] [209] wachsen, es soll nämlich in „2014 um zumindest zehn Prozent zulegen, Neuakquisi tionen nicht eingerechnet.“ Wo Erfolg und Misserfolg zu verbuchen sind, dürfte da mit also keinem Zweifel unterliegen. Ein anderes Beispiel sind die Erfahrungen aus der Privatisierung in Schweden, die derjurist und Publizist Wolfgang Lieb Anfang 2005 für das kritische Internetportal „Nachdenkseiten“ folgendermaßen zusammenfasste: „Privatisierung, Liberalisierung der Märkte, Abschaffung von staatlich geregelten Dienstleistungen, diese Forderun gen gehören zum Credo der Modernisierer. Schweden hat diesen Rat in den 90er Jahren strikt befolgt. Die Monopole von Post, Eisenbahn oder Stromversorgung wurden gebrochen, Regulierungen abgeschafft. Das Ergebnis nach einer Dekade: Bahntickets kosten 125% mehr. Taxis kosten ohne Preisbindung 72% mehr. Die Preise für Inlandsflüge stiegen dreimal so rasch wie die Inflation. Die Strompreise stiegen um 86%. Produktivitätsverbesserungen blieben aus. Ausnahme ist nur der Telekommarkt. Großunternehmen können allerdings bessere Preise aushandeln, ge wöhnliche Kunden nicht. Das stellte der Volkswirt Dan Anderson fest, der im Auf trag der schwedischen Regierung die Folgen der Deregulierung untersuchte. Das be richtet Hannes Gamillscheg im Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.1.05.“339 Ernst-Ulrich von Weizsäcker hat 2007 in einem Bericht für den Club of Rome über die „Grenzen der Privatisierung“ berichtet, und hier anhand einer Vielzahl von Fallstudien aufgezeigt, wann „des Guten zu viel“ ist.340 Eine weitere Analyse des „gro ßen Ausverkaufs der öffentlichen Hand“ ist 2016 von Tim Engartner vorgelegt wor den341, der als Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Frankfürt lehrt. Engartner zeigt hier, dass auch staatliche Großunternehmen wie etwa Post oder Bahn durchaus in der Lage waren, kostendeckend und erfolgreich zu wirt schaften, und ihrem Eigentümer jährlich hohe Betriebsgewinne zu überweisen. Gleichzeitig schafften sie es, ihrem Auftrag der Sicherstellung der öffentlichen Da seinsvorsorge gerecht zu werden. Öffentliche Fertigungsbetriebe hat es allerdings bisher nie gegeben. Dies liegt unter anderem auch daran, dass man die „Warensammlung“, den Grad der Versorgung einer Gesellschaft mit Gütern und Dienstleistungen zwar als Wohlstandsindikator versteht und anerkennt, die Versorgung der Konsumenten mit Gütern und Dienst leistungen aber nicht der allgemeinen Daseinsvorsorge zurechnet. Das Bestreben, etwa Infrastrukturunternehmen oder eine medizinische Grundversorgung unter die Kontrolle staatlicher oder gemeinnütziger Verwaltungen zu stellen, entstand aus der frühkapitalistischen Erfahrung eines Marktversagens in diesen Bereichen, weil durch eine rein marktwirtschaftliche Organisation kein Zugang der gesamten Bevölkerung etwa zu einer Infrastruktur oder medizinischer Versorgung zu einem sozialverträgli chen bzw. rein kostendeckenden Preis erreicht werden konnte. Die Versorgung mit Gütern und privaten Dienstleistungen hat man dagegen immer für den Präzedenzfall 339 W olfgang Lieb: „Privatisierung, Deregulierung, m ehr W ettbewerb und alles wird besser und billiger? - Der Langzeitversuch in Schweden bew eist das Gegenteil“ . http://www.nachdenkseiten.de/?p=433 [Stand 22.10.2014] 340 E. U. v. W eizsäcker: Grenzen der Privatisierung. W ann ist des Guten zuviel? Stuttgart 2007 341 Tim Engartner: Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland. Frankfurt 2016 [210] der überlegenen markt- und privatwirtschaftlichen Organisation und Initiative gehal ten. Eine Begründung liegt unter anderem darin, dass ein Kunde gewöhnlich aus schließlich nach Nutzenerwägungen eine Kaufentscheidung trifft, durch die unter stellte Markttransparenz eine optimal nutzenstiftende Kaufentscheidung treffen kann, und gewöhnlich einen Kauf aber auch einfach unterlassen oder aufschieben kann. In der kurzfristigen Kostenbetrachtung mag es nun einige Plausibilität für die An nahme geben, dass private Unternehmen, die im Wettbewerb stehen und den Wett bewerbsdruck auch nach innen, in die betrieblichen Abläufe und das ubiquitäre Effi zienzstreben auf allen personellen und technischen Ebenen weiterleiten können, ef fizientere Abläufe und die besseren Resultate bei der Suche nach Kostensenkungs potenzialen erzielen. Mit zunehmender Automation und Standardisierung der Ab läufe verringert sich aber der Spielraum hierfür naturgemäß. Es ist ja gerade das Ziel der Forschungen zum Thema Industrie 4.0, hier Referenzprozesse zu entwickeln, die dann als Schablonen genutzt werden können, und auf diese Weise den Spielraum einzelner Unternehmen für weitere Optimierungen eindämmen.Je weiter der Auto mationsgrad fortschreitet, ist es letzten Endes die „Maschinerie“, ein maschinelles System oder ein Portfolio von maschinellen Komponenten, das die Kosteneffizienz am stärksten bestimmt. Entscheidend für die erreichbare betriebliche Effizienz wird dann die Kompetenz bei der Einrichtung und Implementierung einer „Fabrik der Zukunft“ sein, die aber dann durchaus von einem externen privaten Dienstleister eingekauft werden kann. Wenn die Fabrik der Zukunft dann einmal optimal konfi guriert und eingerichtet ist, läuft sie zu einem erheblichen Anteil jedenfalls „von sel ber“, automatisch, ohne Wertschöpfüng, und die Aufgabe der Beschäftigten liegt in zunehmenden Anteilen in der Überwachung und der Kooperation mit den Maschi nen und Robotern — wie von Marx erwartet, und vorne am Beispiel der Fabrik der Zukunft beschrieben. Aber das gewichtigere Argument leitet sich in diesem Fall eigentlich nicht aus der kurzfristigen Kostenbetrachtung her. Es leitet sich her aus der Betrachtung der ge samtwirtschaftlichen Situation. Die Argumente, die sich aus der Erfahrung der miss lungenen Privatisierungsprojekte ziehen lassen, gelten in diesem Sinne — also umge kehrt— dann auch für Fertigungsbetriebe, sofern diese eben tatsächlich ausschließlich Fertigungsbetriebe sind, und keine Entwickler von „Designs“, also keine Markenartikelhersteller.Je weiter die beschriebene Trennung von Fertigung und Design reali sierbar ist, umso mehr werden Fertigungsbetriebe eben zu Erzeugern eines homoge nen Gutes, das erst vom Abnehmer seinen individuellen Nutzenpräferenzen entspre chend zu einem individuellen Produkt geformt wird. Das homogene Gut ist die abs trakte Fertigungsleistung, so homogen wie etwa elektrischer Strom oder Wasser von den städtischen Wasserwerken. Der Kunde kann in diesem Fall ein Markenhersteller sein, der seine Markenprodukte bei diesem Hersteller fertigen lässt, oder der private Endkunde selber, sofern er über den „digitalen Zwilling“ verfügt, also das Produkt datenmodell, das von dem Fertiger dann in die physische Realität umgesetzt wird. Offensichtlich ist es so, dass diese Prozesse der Kunde-Produzent-Kooperation [211] umso anspruchsvoller und komplexer werden, je anspruchsvoller und komplexer das herzustellende Produkt selber ist. Ist diese Trennung aber einmal erreicht, kann ein öffentlich-gemeinwirtschaftlich betriebener Fertiger eben auch nach gemeinnützigen Kriterien und mit gemeinnützi gen Zielen gesteuert werden. In der entstandenen gesamtwirtschaftlichen Situation bedeutet dies einen erheblichen Zuwachs an Steuerungskapazität für die durch öf fentliche und demokratisch legitimierte Institutionen vertretene Allgemeinheit. Es entsteht die Möglichkeit, Monopolisierungstendenzen der Privatwirtschaft entgegen zutreten. Es entsteht die Möglichkeit, auf Produktionsentscheidungen jedenfalls in gewissem Umfang Einfluss zu nehmen; zumindest würde etwa die Verwendung ge sundheitsschädlicher Materialien oder sonstwie bedenklicher Komponenten oder Verfahren der Allgemeinheit nicht vorenthalten, und könnte in diesem Fall im Sinne des Allgemeininteresses korrigiert werden. Standortentscheidungen können im Sinne der Allgemeininteressenlage getroffen werden, und allgemeine Regelungen der Ar beitsorganisation wie Arbeitszeitregelungen wären nicht dem privaten Interesse der Gewinnerzielung unterworfen. Der aus dem Zwang zur maximalen Renditeerzielung aus gebundenem Kapital entstehende Wachstumszwang würde entfallen, und es bliebe die Notwendigkeit maximaler Ressourceneffizienz, deren monetäre Erträge dann aber der Öffentlichkeit zugutekommen, entweder über Preissenkungen oder über an die Öffentlichkeit ausgeschüttete Gewinne. Bezieht man die erkennbare langfristige Tendenz zur maschinellen Arbeitssubsti tution durch maschinelle Aufgabenträger in die Betrachtung mit ein, so zeigt sich, dass zur Übernahme der „Maschinerie“, also der weitgehend automatisierten Ferti gungsbetriebe durch die Öffentlichkeit gar keine Alternative besteht. Tangfristig ist eine kapitalgestützte, privatwirtschaftlich organisierte und stark automatisierte Öko nomie, die bei Vollbeschäftigung jede Nachfrage weit überschießende Produktions kapazitäten ungenutzt bereitstellen würde, nicht steuerbar. Wie die derzeit aufkom menden Debatten zeigen, zieht dieser Effekt der „Digitalisierung“ immer mehr öf fentliche Aufmerksamkeit auf sich, und es werden allerlei Vorschläge zwischen Be steuerung von Robotern342 und allgemeinem Grundeinkommen diskutiert. Da dieser Trend aber unbestreitbar anhaltend und positiv ist, müsste angenommen werden, dass das Volumen der notwendig werdenden Transferleistungen immer weiter an steigt, das Steueraufkommen also immer höher werden muss. In jeder Variante von Transferleistungen, ob als Grundeinkommen oder Automationsdividende oder jed wede sonstige Art von Besteuerung, sollte diese Überlegung auf kurzem Wege zu der Einsicht führen, dass der Moment der absoluten Unmöglichkeit ihrer Realisierung unweigerlich kommen würde. Nur wenn die „Roboter“ und alle diskutierten Varian ten und Erscheinungsformen von Digitalisierung aus dem marktlich organisierten Verwertungsprozess zur Erzielung privater Kapitalrenditen entflochten werden, sind die „Risiken der Digitalisierung“ langfristig beherrschbar. Nur dann können sie eben 342 Die Süddeutsche Zeitung m eldete am 21.02.2017, dass nun sogar Bill Gates eine Robotersteuer fordert: „Bill Gates fordert Robotersteuer“ . Die Robotersteuer solle helfen, „die Risiken der Digitalisierung zu bewältigen“ . Man fragt sich an der Stelle, warum er eigentlich keine Computersteuer fordert? Oder eine au f Software aus dem Hause M icrosoft? Für die „Risiken der Digitalisierung“ wären d iese ja gleichermaßen verantwortlich zu m achen,jedenfalls sofern sie ihre Aufgaben wie versprochen erfüllen. [212] im Verein mit einem Netz von staatlichen und hoheitlichen Steuerungsoperationen343 mit zunehmender Reife und Vervollkommnung dazu fuhren, dass ein Zustand von „wirklichem Reichtum“, also von Entbindung aus Marktimperativen und Waren kommerz gelebte Wirklichkeit werden kann344. Die Konsequenz für die Öffentlichkeit wird also die sein: buy the maker, investieren in in diesem Sinne umgestaltete und dem Zugriff der öffentlichen Hand verfügbar gemachte „Produktionsmittel“, statt des Versuchs der Erhebung von Steuern in einer ansonsten dem privaten Profitstreben ungehindert überlassenen Wirtschaft. Dabei darf aber nicht unterschätzt werden, dass diese Prozesse einer umsichtigen Steuerung und Dosierung bedürfen, um nicht zu unvertretbaren Effizienzverlusten auf der einzelwirtschaftlichen und auch der gesamtwirtschaftlichen Ebene zu führen. Eine Make-or-Buy-Entscheidung bezieht sich gewöhnlich auf ein einzelnes Produkt oder Bauteil, für das im Zuge einer Kostenkalkukation eines Fertigers zu entscheiden ist, ob er dieses Teil zukauft, oder selbst fertigt. In die Kalkulation müssen auch län gerfristige Absatzerwartungen mit einfließen, die die Entscheidung beeinflussen, ob Investitionen in eigene Fertigungskapazitäten sich rechnen, die Wertschöpfungstiefe also entsprechend ausgelegt werden soll, oder ob man dies unterlässt und eben zu kauft. Falls eine größere Wertschöpfungstiefe durch zu erwartende Kapazitätsauslas tunggerechtfertigtwerden kann, sind die Gewinnerwartungen höher. Wird das Risiko aber hoch eingeschätzt, entscheidet man sich für den Zukauf, auch wenn in der kurz fristigen Betrachtung die Kosten pro Stück evtl. höher sind. Wenn nun ein öffentlicher Anbieter von Fertigungskapazität am Markt auftritt, muss dieser natürlich in Preis und Qualität eine marktübliche Leistung anbieten. Wür den hier nun einfach gleichgestellte Wettbewerber um Kunden, um Abnehmer einer angebotenen Leistung am Markt auftreten? Kämen hier ausschließlich marktliche Prinzipien zum Zuge, müssten etwa kommunale Anbieter Fertigungskapazitäten auf bauen, und diese im Wettbewerb mit anderen Anbietern am Markt anbieten, wie diese ja bereits — wie gesehen — am Markt aufzutreten beginnen. Insoweit träte dann ein öffentlich-gemeinnütziges Unternehmen mit privaten Unternehmen in Konkurrenz. Dies ist nur dann erlaubt, wenn das öffentliche Unternehmen einen öffentlichen oder gemeinnützigen Zweck verfolgt. Kann man bei der Herstellung von Fertigungsleis tung davon sprechen? Der Begriff des öffentlichen Zwecks ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der zunächst nur verlangt, dass ein öffentliches Unternehmen nicht ausschließlich oder vorrangig zum Zweck der Erzielung von Gewinnen betrieben wird. Dies ließe sich ja ohne weiteres belegen. Handelte es sich um kommunale Un ternehmen, so unterlägen sie dem Gemeindewirtschaftsrecht, und das untersagt eine 343 Zwar wohl nicht au f der Grundlage der bisher entwickelten Argumentation, aber in Konsequenz der Einsicht in ein verschobenes Kräfteverhältnis zwischen Staat und W irtschaft durch die Digitalisierung, wird auch die Forderung nach einem starken Staat durchaus schon erhoben; so sah A. M ahler im SPIEGEL vom 3.9.2016 die „Zeit für eine Bändigung“ gekommen: Der digitale Kapitalismus braucht einen starken Staat, denn sonst herrscht das Recht des Stärkeren“ . 344 W. König stellte in seinem zitierten Aufsatz „die viel diskutierte Frage (..): In welchem Maß ist diese Proble m atik durch Effizienz lösbar bzw. in welchem Um fang muss eine größere SufHzienz der Menschen dazukom m en?“ Ihm schien es allerdings noch weitgehend „offen zu sein, welche neuen Gleichgewichte sich in dieser dillematischen Situation herausbilden werden.“ König (2016), S. 46 [213] wirtschaftliche Betätigung der Gemeinden ohne Bezug zu ihren öffentlichen Aufga ben. Wäre denn das Angebot von Fertigungsleistung in diesem Sinne als öffentliche Aufgabe zu verstehen? Ohne Einbezug des gesamtwirtschaftlichen Kontextes wohl nicht. Aber mit Einbezug des gesamtwirtschaftlichen Kontextes offenbar schon. Das öffentliche Interesse läge dabei nicht primär in der ressourceneffizienten Bereitstel lung eines Wirtschaftsgutes, sondern gewissermaßen im präventiven Aufbau einer öffentlich-gemeinnützigen Monopolstellung. Die Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, vertreten durch ihre demokratisch legitimierten Institutionen, hätte sich in Anbe tracht der entstandenen gesamtwirtschaftlichen spät- bzw. postkapitalistischen Situa tion eine Art Monopol zur Bereitstellung von Fertigungsleistung aufzubauen. Dabei läge es allerdings im komplementären öffentlichen Interesse, dass dieses Angebot auch maximal ressourceneffizient bereitgestellt wird, also keine knappen Ressourcen verschwendet werden. Die private Wirtschaft wird davon nicht begeistert sein. Ihr entgehen dadurch na türlich Gewinne, und sie verliert Anlagemöglichkeiten, nach denen sie mit zuneh mender Höhe brachliegender Sparvermögen immer händeringender auf der Suche war. Aber der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit, dem Volk wird bei Licht besehen gar keine andere Wahl bleiben. Anderenfalls liefert sie sich dem Finanzkapital und seinem Renditestreben immer weiter und vollständiger aus. Der Fall wie bei Apple, dass ein Hersteller ganz aus eigenem Interesse auf eigene Fertigungskapazitäten verzichtet, kann natürlich Vorkommen, dürfte aber in der ge genwärtigen Situation noch die Ausnahme sein. Apple kann — wie auch Ikea, das aber dennoch teilweise eigene Fertigungskapazitäten nutzt — die extremen Wohlstands und Lohngefälle ausnutzen, wie sie im Zuge der Globalisierung in der Weltwirtschaft entstanden sind. Apple und Ikea können einem externen Zulieferer Bedingungen auf zwingen, die für sie alternativlos günstig sind, und jede Make-or-Buy-Kalkulation er übrigen. Längerfristig, durch die wohl unvermeidliche Angleichung der Lohn- und Qualifi kationsniveaus der Beschäftigten, kann sich das aber ändern. Längerfristig kann sich auch die Einschätzung von Markenartikelherstellern ändern, an der Vorhaltung eige ner Fertigungskapazitäten sicher kalkulierbar verdienen zu können. Die Volatilität der Nachfrage wird ohne Zweifel weiter zunehmen, ebenso der Automationsgrad. Mög licherweise wird sich die Einschätzung auch der Markenartikelanbieter selber dahin gehend ändern, dass man die gesamte Landschaft der physischen Produktion besser einem Netz aus überprivaten, öffentlich-gemeinwirtschaftlichen Herstellern über lässt, die damit dann auch die sich hieraus ergebenden Risiken übernehmen, und die gleichzeitig durch Ausnutzung der nur so möglichen enormen Synergieeffekte in der Lage sind, diese Risiken zu minimieren. In der Gegenwart sind dafür zwar noch kei nerlei Anzeichen zu erkennen, aber es ist ja vielleicht doch nicht ganz auszuschließen, dass sich auch in Kreisen der Bezieher von Zins- und Kapitalerträgen schließlich diese Einsicht verbreitet, dass ewige und auch noch ewig wachsende Kapitalerträge in dieser Welt auf natürliche Weise nicht erzielbar sind, so w ie j. Schumpeter und J. M. Keynes dies in ihrer rational räsonierenden Arglosigkeit diesem Personenkreis ja gutgläubig unterstellt haben. [214] Aus Sicht der Öffentlichkeit ist bei dieser Investitionsentscheidung immer das Ri siko in Betracht zu ziehen, das die Allgemeinheit bei Verzicht auf derartige Investiti onen zu tragen hätte: nämlich das Risiko des immer weitergehenden Verlustes von politischer Gestaltungsmacht, und eines immer weiteren Vordringens wirtschaftli cher Nutzen- und Gewinnerwägungen in die öffentliche und private Lebensführung. Dazu kommt noch: wenn ein privater Hersteller sich verkalkuliert hat und seinen Betrieb einstellen muss, ist es am Ende doch wieder die öffentliche Hand, die hieraus entstehende Verpflichtungen zu übernehmen hat und für Verluste geradestehen muss, während die privaten Betreiber sich mit vorher realisierten Gewinnen aus dem Staub gemacht haben.345 Nun ist noch die Fragestellung zu vertiefen, warum die Trennung von Fertigung und Design von so entscheidender Wichtigkeit ist, und das Design, also die Entwick lung von Produkten in privater Hand bleiben sollte, wobei genau zu diesem Punkt eine Debatte um die Rolle der privaten Firma bei der Erstellung exakt dieser Leistung entstanden ist, nämlich der Produktinnovation. Hier wird argumentiert, dass die nicht-firmengebundene Open-User-Innovation langfristig die besseren Ergebnisse erzielen könne; man argumentiert damit in Widerspruch zur klassischen Annahme Schumpeters, dass die Produktentwicklung in der Regel das Betätigungsfeld für den typischen Schumpeterschen Unternehmer darstellt,346 wo es um das Entdecken von Neuland und das Betreten unübersichtlichen Geländes geht, also die Strukturierung unübersichtlicher Situationen unter Risiko347. Diese Unübersichtlichkeit dürfte sich verschärfen, je weiter die Märkte gesättigt sind, und die Schwierigkeit immer weiter zunimmt, hier tatsächliche Produktinnovationen zu schaffen. Unabhängig von der Beantwortung dieser Frage nach der Leistungsfähigkeit der Open-User-Innovation dürfte die Aufgabe der Produktinnovation, entweder als Neuentwicklung oder als Weiterentwicklung und Verbesserung von Produkten, von beiden, also spezialisierten und hochqualifizierten Teams in einer privatwirtschaftli chen Organisationsform als auch „intrinsisch motivierten“ Open-Innovation-Usern, besser erledigt werden können als von öffentlich-rechtlichen Unternehmen. Die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ (Schumpeter) und die Strukturierung eines unübersichtlichen Handlungsfeldes unter Risiko fällt nach klassischer Auffas sung in die typische Kompetenz des Unternehmers; diese Aufgabe, Chancen und 345 Energieerzeuger passen zwar insoweit nicht ins Bild, als sie keine Sachgüter erzeugen, aber die Geschichte der Nutzung der Kernenergie zeigt doch au f drastische W eise, wie sehr der Öffentlichkeit von der privaten W irt schaft hier das Fell über die Öhren gezogen worden ist. Nachdem jahrzehntelang behauptet wurde, die Kern energie sei konkurrenzlos günstig, und die Energiekonzeme satte Profite erwirtschaftet haben, bleibt die Öf fentlichkeit nun für Rückbau der Anlagen und Endlagerung des Atommülls au f Kosten von kalkulierten 170 Mrd. Euro sitzen, an denen die Energiekonzeme sich m it den nun gedeckelten Kosten von maximal 23,342 Mrd. Euro beteiligen. Vgl. Bericht der Tagesschau vom 25.07.2016: „Ein unkalkulierbares Risiko“, sowie: http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/atomausstieg-einigung-ueber-kosten-fuer-atommuell-entsorgung-a-1116192.html [Stand 01.04.2017] 346 Dies war die Kem aussage des vorne zitierten Aufsatzes von Yochai Benkler „Peer Production, the Commons and the future o f the Firm“ . Der Ansatz der User-Innovation wird insbesondere von Erik von Hippel vertreten, der damit auch die Idee der Demokratisierung der Innovation verbindet („Democratizing Innovation“). Zuletzt erschienen von von Hippel: Revolutionizing Innovation: Users, Communities, and Open Innovation. MIT Press 2016. In Deutschland wird dieser Ansatz von F. T. Piller (RW TH Aachen) und R. Reichwaldt (CLIC) erforscht und vertreten. 347 Dies entspricht grob dem transaktionskostentheoretischen Ansatz Ronald Coases. Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_der_Unternehmung [215] Möglichkeiten zu entdecken und aufzuspüren, in dem Sinne Kreativität zu entwickeln und Ideen und Initiativen zu entwickeln und durchzusetzen, möglicherweise gegen Widerstände und unter Risiko, kann keinesfalls Aufgabe öffentlicher gemeinnütziger Unternehmen sein, die in dem Sinne dann auch weniger Unternehmen sind als eben weitgehend automatisierte Fabriken mit geringer Wertschöpfüng; die Betriebskultur eines hochmodernen Stadtwerkes könnte dem wohl am nächsten kommen. Der Be trieb eines solchen Stadtwerks ist durchaus nicht anspruchslos, und verlangt kompe tentes Personal, das die wenn auch stark automatisierten Betriebsprozesse zu über wachen und ggfls. auch weiter zu optimieren hat. Diese Fragestellung nach der Rolle des Unternehmens bei der Entwicklung von Innovationen ist im gegebenen Zusammenhang aber nur von nachrangiger Bedeu tung. Entscheidend ist, dass Fertigung und Design entkoppelt sind, und das Design nicht auch in der Regie des öffentlich-rechtlichen Unternehmens liegt. Hier soll bzw. kann entweder die private Initiative oder eben die Initiative von Open-User-Innovation-Projekten zum Zuge kommen. Die Arbeitsmöglichkeiten und Erfolgsaussichten letzterer wären so jedenfalls — und offensichtlich ganz erheblich — erweitert. Öffentliche, staatliche Unternehmen waren in der Übernahme dieser Aufgabe des Unternehmers, als Entwickler und Anbieter von Produktinnovationen, wohl nie oder nur ausnahmsweise erfolgreich. Die ganz ohne Zweifel erfolgreichen Staatsunterneh men Chinas348 sind hier nicht unbedingt ein Gegenbeispiel: genau diese Leistung des Hervorbringens originärer, eigener, wirklich neuer Produktinnovationen erbringen sie in vergleichsweise geringem Umfang; genau darin liegt offenbar nicht ihre Stärke. Sie haben ihren Aufschwung dadurch erreicht, dass sie zur Werkbank der entwickel teren Industriestaaten geworden sind, indem sie deren Produktentwürfe eben zu ver gleichsweise niedrigen Kosten realisiert haben, oder, so weit dies rechtlich möglich war, indem sie deren Produktentwürfe kopierten. Ob sich dies in der Zukunft noch einmal nachhaltig ändern wird darf eher bezwei felt werden: eben weil die Weltmärkte schon einen so hohen Sättigungsgrad aufwei sen und bereits von so vielen Anbietern versucht wird, erfolgreiche Produktinnova tionen an den Märkten unterzubringen, dürften Newcomer es schwerhaben, ganz unabhängig von ihrem Standort und ihrer Vorgeschichte. China dürfte in nicht allzu ferner Zukunft in seiner Entwicklung vor einer ähnli chen Situation angelangen, wie sie für die westlichen Staaten bereits jetzt besteht, und die sich dann eröffnenden Möglichkeiten dürften nicht wesentlich andere sein. Dass die Zukunft nicht mehr in der Rolle der verlängerten Werkbank und der Erzielung hoher Exportüberschüsse liegt, ist bereits erkannt worden; man wird sich also ganz ähnlich um den Wohlstand des eigenen Volkes, den Binnenmarkt, und um die Um gestaltung der eigenen Industrie in diesem Sinne kümmern müssen. Dabei könnte die entstandene Staatsform mit dem absolut unanfechtbaren Primat der Politik sich ge 348 Der chinesische Automobilhersteller Dongfeng, der sich 2 0 1 4 ja am französischen Konzern PSA beteiligt hat und diesem durch die damit verbundene Öffnung zum chinesischen M arkt die Existenz rettete, profitiert nun auch die Übernahme von Opel durch PSA, indem ihm Z ugriff auf die hauseigene Technologie ermöglicht wird. M it eigenen Produkten ist Dongfeng allerdings am W eltm arkt noch nicht vertreten. [216] genüber den Verhältnissen im Westen möglicherweise noch einmal als Vorteil erwei sen, der die Vorzüge der demokratischen Freiheiten der westlichen Industriestaaten durchaus aufwiegen kann. Man muss sehen, dass der im Westen oft gescholtene chinesische Totalitarismus mit seiner der demokratischen Mehrheitsentscheidung nicht zur Disposition stehen den Parteienherrschaft ja nicht zum Vorteil und aus Initiative einer selbstinteressier ten Partei oder Person entstanden ist, sondern im Zuge und im Umfeld der damaligen kommunistischen Ideologie, die es damals gewissermaßen nicht besser wusste, daraus ihren revolutionären Elan zum Umsturz des Kaiserreichs bezogen hat, und dann zur Einrichtung und Beibehaltung diktatorischer nichtdemokratischer Staatsstrukturen gezwungen war, um den erreichten Primat der Politik nicht sehr schnell genauso voll ständig wieder zu verlieren, wie dies im „Goldenen Westen“ — jedenfalls mit einem Blick hinter die Kulissen — offenbar ja doch der Fall ist, trotz aller demokratischen Institutionen und Rituale. Hier wird die Geschichte wohl noch ein letztes Wort zu sprechen haben, ob die Vorteile und Freiheiten der individuellen politischen und pri vaten Lebensgestaltung, die Fülle des Konsumangebotes und all die Verlockungen des schnellen Genusses im demokratischen kapitalistischen Westen die Möglichkeit der langfristigen und allgemeininteressierten Steuerung der Geschicke der Menschen in einem zentralgesteuerten Staat aufwiegen können. Den Primat der Politik dürften die Menschen des spätkapitalistischen Westens jedenfalls wohl erst noch zu erringen haben. Um nach diesem kleinen Exkurs zur Geschichte Chinas auf die Ausgangsfrage zu rückzukommen: auf die Leistung freierund privater Unternehmer wird man also auch bei Verfügbarkeit sehr vollkommener Technologie und höchsten Automationsgra den nicht komplett verzichten können, es sei denn im Bereich der Konsumgüterpro duktion ist nun überhaupt kein Innovationsbedarf mehr übrig geblieben, und alle Märkte, alle Bedarfs sind komplett zur restlosen Zufriedenheit aller Konsumenten gesättigt und befriedigt, und die materielle Bedarfsdeckung (die Poiesis) geschieht tatsächlich komplett maschinell. Dann bliebe in der Tat auf diesem Feld für den Un ternehmer nicht mehr viel zu tun. Damit ist aber nicht wirklich in näherer Zukunft zu rechnen; in einer konkreten Planung sollte jedenfalls davon ausgegangen werden, dass die skizzierte Art von Aufgabenteilung zwischen öffentlich und privat angestrebt werden sollte.349 349 Die italienisch-amerikanische Ökonomin M ariana M azzucato vertritt die Position, dass der Staat stärker in die Rolle eines Unternehmers hineinwachsen sollte, die W irtschaftsentwicklung gezielter steuern und etwa die Risiken bei der Entwicklung von Basisinnovationen tragen sollte, deren Return on Investm ent privaten Inves toren zu langfristig oder zu unkalkulierbar erscheint. Um gekehrt sollte der Staat im Fall erfolgreicher M arktein führung au f der Grundlage geschaffener Basisinnovationen auch finanziell an deren Erfolg beteiligt werden. Die hier entwickelte Argumentation würde den Staat oderjedenfalls öffentliche Institutionen ebenfalls in einer stärker unternehmerischen Rolle sehen. Unterschiedlich wäre aber die Zielsetzung: Mazzucato, die zusammen m it Joseph Stiglitz in das wirtschaftspolitische Kompetenzteam Jerem y Corbyns berufen wurde, will durch die Stärkung der unternehmerischen Rolle des Staates letzten Endes ein „inklusives“ W irtschaftswachstum för dern. Die durch Entwicklung öffentlich-gemeinnütziger Produktionssysteme verfolgte Zielsetzung wäre dage gen die, einen wachstumsunabhängigen Modus der wirtschaftlichen M ittelbeschaffung zu entwickeln. Beide Zielsetzungen müssen sich aber nicht widersprechen, sondern könnten durchaus zielharmonisch verfolgt wer den - sollte die (unwahrscheinliche!) Induzierung von W achstum denn gelingen. M ariana Mazzucato: Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und W achstum. Verlag Antje Kunstmann 2014. [217] Wie kam es nun dazu, dass die Produktionsmittel anfingen, sich auf die nächste Gesellschaft vorzubereiten? Dies geschah im Verlauf eines nun schon über dreijahr zehnte anhalten Prozesses, der im Folgenden in seinen Grundzügen geschildert wer den soll. [218] Evolution der Produktionssysteme im Wandel des Marktumfeldes Die Erweiterung des Arsenals der Produktionsmittel und später auch der privaten und öffentlichen Kommunikationsmittel durch den Computer hat die Welt des 20. Jahrhunderts verändert wie keine andere technische Innovation zuvor, meint der So ziologe Dirk Baecker, und vermutet, dass „die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Spra che, der Schrift und des Buchdrucks“, und sie werde auch „die nächste Gesellschaft“ konstituieren.350 Die Verfügbarkeit des Computers hat ohne Zweifel die Welt des 20. Jahrhunderts tiefgreifend verändert, aber — der Computer wird nicht „die nächste Gesellschaft“ konstituieren; der Computer reicht allenfalls hin, die bestehende Ge sellschaft in Schwierigkeiten zu bringen. Es scheint eher so zu sein, dass sich die Marxsche Interpretation des Geschichts verlaufs bestätigt, wonach es die „Arbeitsmittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“ sind, die die Epochen verändern: „Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Kno chenreliquien für die Erkenntnis der Organisation untergegangener Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangener ökonomi scher Gesellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen.“351 Es dürfte weniger der Computer sein, dessen Reliquien dereinst Aufschluss über die „nächste“ Gesellschaftsformation geben, wenn sie wieder versunken und in Verges senheit geraten ist, sondern die für diese spezifische und sie konstituierende hoch produktive und universale Produktionssysteme, mit deren Hervorbringung die ge genwärtige Epoche noch beschäftigt ist. Mit dieser Vorrede kommen wir nun also zur Diskussion der — sich wechselseitig beeinflussenden — unterliegenden Trends der technologischen und ökonomischen Entwicklungen, die über mehrerejahrzehnte zu den heute verfügbaren digitalen Fab rikationstechnologien geführt haben. Wie etwa im Zusammenhang der Diskussion der Kondratiew-Zyklen gesehen, sind diese Zyklen jeweils durch eine Art von Innovationen ausgelöst worden, die ent weder die Produktionsmöglichkeiten durch neue Verfahren, Maschinen oder Tech niken erweitert haben, und sekundär auf dem Wege der Kostensenkung die Nach frage gesteigert haben, oder die direkt auf der Nachfrageseite entstanden, also neue Produkte waren, nach denen sich erhebliche Nachfrage entfaltete. Wenn auch die Tuxusgüterproduktion vom Anfang des Kapitalismus an immer wieder eine Rolle gespielt hat, vollzog sich die Entwicklung für die breite Masse zu nächst als Tendenz zur Verfügbarkeit von „immer mehr“ an inferioren Gütern, also etwa basalen Nahrungsmitteln und einfacher Bekleidung, was sich auch in der Verla gerung des Beschäftigungsschwerpunkts von der Tandwirtschaft in die industrielle Produktion zeigte. Im Zuge der immer weitergehenden Vervollkommnung der Pro duktionsmittel verlagerte sich auch für die breite Masse die Nachfrage nun allmählich auf superiore Güter; die Vorzeichen von Produktion und Konsum standen also auf 350 Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft. Suhrkamp Verlag 2007 351 K. Marx: Das Kapital Bd. 1, S. 194 [219] „immer besser“ oder immer mehr vom Besseren; die Nachfrage ließ jedenfalls nicht aus inneren Gründen der Sättigung nach, sondern allenfalls aus Gründen massiver Störungen des Wirtschaftsgeschehens wie vor allem durch die großen Kriege. Die ersten Phasen der Industriellen Revolutionen, so sagte esjerem y Rifkin kürz lich in einem Vortrag des Kultursymposiums Weimar, hingen „von drei Kriterien ab: Kommunikation, Energie, Transport. Die erste industrielle Revolution wurde vom Telegrafen, der Kohle und der Tokomotive ausgelöst, die zweite von Telefon, Ol und Auto.“ Die Folge war eben: immer mehr, immer besser. Dies änderte sich nun ab etwa Mitte bis Ende der 1970erjahre, wie gesehen. Und erst jetzt begann eine signi fikante Veränderung der Evolutionsrichtung der verwendeten Fertigungstechnolo gien, deren Wirkung bis heute anhält. Die gegenwärtige Phase, so Rifkin in diesem Vortrag, „sei die Frühphase der drit ten industriellen Revolution, in der sich all diese drei Bereiche in ein dezentrales In ternet verwandelten. Am sichtbarsten sei das bei der Kommunikation, aber auch die Energieversorgung werde zusehends dezentral. Schon heute würden Millionen Eu ropäer anhand von Solaranlagen ihren eigenen Strom erzeugen und die Überschüsse an die großen Versorger verkaufen. Und je effektiver die Solaranlagen würden, desto eher lohne sich das.“352 Rifkin sieht bekanntlich den wesentlichen Treiber der Veränderung in der Sharing Economy., denn die mache das Geld entbehrlich; die Produktion habe sich damit zum Teil auch erübrigt, und ferner seien „die Maschinen“ dazu da, über Klicks und Eikes die „Feedback-Funktion“ zu übernehmen. Damit aber missversteht auch Rifkin in recht dramatischer Weise sowohl Verursachung als auch evolutionäre Tendenz der gegenwärtigen Phase. Was ab Ende der 1970er Jahre einsetzte, war etwas, was vorher noch nie zu be obachten war, nämlich eine anhaltende und von innen, endogen verursachte Sätti gung der Endverbrauchermärkte. Im Marketing setzte sich die Erkenntnis durch, dass die „Massenmärkte tot“353 sind; es waren „sowohl quantitative als auch qualitative Sättigungseffekte bei den Abnehmern“ zu beobachten, wie der Produktionswissen schaftler der RWTH Aachen F. T. Piller schreibt.354 Das Kaufverhalten der Endverbraucher sah Piller zunehmend von „Hedonismus“ geprägt: „Schätzungsweise beherrscht bei 20-30% der Käuferschaft der Hedonismus die grundlegende Konsumhaltung. Hedonistisches Verhalten betont auf individueller Ebene Spontaneität und kurzfristige Kaufentscheidungen und führt auf einer aggre gierten Ebene zu einer zunehmenden Heterogenität der Nachfrage.“ (S. 83) Diese Beobachtung deckt sich offensichtlich mit der aus volkswirtschaftlicher Perspektive in dieser Phase insgesamt abnehmenden Konsumneigung oberhalb bestimmter Ein kommensgrenzen; es wird eben zunehmend nur noch „nach Tust und Taune“ und — relativ zum zur Konsumation zur Verfügung stehenden Einkommen — sporadisch konsumiert. Die Märkte haben sich in den meisten Branchen „von Verkäufer- zu 352 So die W iedergabe der Rede Rifkins durch F. Stephan in der ZEIT vom 4. 6. 2016: „W ir lassen uns von Ma schinen lieben“ . 353 Der „M arketing-Guru“ Philip Kotier erklärte 1989: „It is m y belief that the mass m arket is dead“. P. Kotier: From Mass M arketing to Mass Customization. In: Planning Review. 17. Jg. (1989), Nr. 5, S. 10-13, S. 47. 354 Piller (2000), S. 87 [220] Käufermärkten mit stark ausgeprägter abnehmerseitiger Verhandlungsmacht gewan delt.“ (S. 85) Diese Entwicklungen fuhren nun auch zu Auswirkungen auf die Nachfrage im Industriegüterbereich: „Die Erwartungen der Abnehmer an die schnellste Lieferung individualisierter Waren zu günstigsten Preisen sind vor dem Hintergrund der stark propagierten flexiblen Fertigungssysteme und der weiten Popularität von Lean-Production- undJust-in-Time-Systemen stark gestiegen. (...) Heute (..) werden Lieferan ten gesucht, die Entwicklung, Produktion und Inbetriebnahme der gekauften Indust riegüter in Rekordzeit ermöglichen (Customiyation-Responsiveness-Squeeye).“3bb Der Ökonom W. v. E iff56 prägte für die gesamte neu entstandene Situation den Begriff „Neue Marktdynamik“, die einerseits gekennzeichnet war durch neue „Kun denanforderungen an das Produkt“ wie Individualität, Verfügbarkeit und Qualität auf der einen Seite, und einen „verstärkten Verdrängungswettbewerb“ der Anbieter auf der anderen Seite, hervorgerufen durch „Uberkapazitäten, Preiskampf, Kostenstruk turen, Ertragsproblematik“. (S. 83) V. Eiff führte die Diagnose der „Disharmonie“ der sich hieraus ergebenden Zielsetzungen „Save-to-Market“ (über beherrschte In novationen) und „Fast-to-Market“ (etwa durch Verkürzung der Produkt-Entwick lungsprozesse, Produktionsflexibilität, „schneller auf Kunden eingehen“) zur Konse quenz des Konzepts des „Simultaneous Engineering“. Diese neuen Konzepte in Forschung und Entwicklung (F&E) der Unternehmen haben später, wie Piller feststellt, zu genau diesen Erscheinungen geführt, aus denen später auch die Industrie 4.0 und die SmartFactory hervorgegangen sind: „Neue Kon zepte in der F&E wie Simultaneous Engineering oder Rapid Prototyping [haben] die Entwicklungszeiten derartig verkürzt, dass die Technologieführerschaft eines Unter nehmens nur noch von kurzer Dauer ist. Wettbewerbsvorteile werden nicht mehr in Jahren gemessen, sondern in Monaten oder Wochen. (..) Die Folgen dieser Entwick lungen sind (..) ein immer höherer Investitionsbedarf bei einer Neuprodukteinfüh rung, dem häufig nur kurze Lebenszyklen gegenüberstehen.“357 Wie Piller hervorhebt, war Alvin Toffler „einer der ersten Autoren, der aufbauend auf der These einer zu nehmenden Individualisierung der Gesellschaft („Entmassung“) den Verfall der Mas senmärkte und eine zunehmende Differenzierung von Angebot und Nachfrage vor hersagte.“358 Die ganze Vielfalt der ab den 1980erjahren entstehenden und weiterentwickelten Technologien wurde genutzt, um auf diese neuen Bedingungen zu reagieren, und der Kern der entwickelten Strategien bestand darin, eine immer engere Bindung des Un ternehmens zum Kunden aufzubauen, etwa indem man den Kunden möglichst eng und frühzeitig in die Produktentwicklung einbezog (zum Beispiel durch Maßnahmen der Open Innovation), oder dass man ihm Möglichkeiten der Produktindividualisie rung anbot, woraus das Konzept der „Mass Customization“ entstand. Das Medium der Wahl, diesen bidirektionalen Kontakt herzustellen, war natürlich das Internet, 355 Piller (2000), S .81 . Der von Piller zitierte B egriff geht zurück aufM cCutcheon, D. et al.\ The customizationresponsiveness squeeze, in: Sloan M anagem entReview , 72. Jg. (1994), H 3, S. 98-103 356 v. E iff (1992) 357 Piller (2000), S. 87 358 Piller (2000), S. 79. [221] weshalb man sich hier um die Entwicklung von Plattformen bemühte, die dem Kun den auf eine attraktive Weise Möglichkeiten der Interaktion anboten. Die Unterneh men mussten im Bereich der Fertigung wiederum die Möglichkeit schaffen, auf die Kundenwünsche auch schnellstmöglich und präzise zu reagieren, dies aber ohne hier durch die Fertigungskosten spürbar zu erhöhen. Damit war das Ende der starren Massenfertigung am Fließband unausweichlich, denn es wurde überlebenswichtig für die Unternehmen, in der Fertigung den „traditionellen Antagonismus“ zwischen Pro duktivität und Flexibilität zu überwinden. Als ein „neues Paradigma der Fertigung“ entstand unter diesen Bedingungen das damals sogenannte „Modern Manufacturing“, und zu dessen Gestaltungsideal wurde nun das neue „vielzitierte Leitbild der gleichermaßen flexiblen und produktiven Fab rik der Zukunft“ erhoben, wie F. T. Piller schreibt. Es entstand dann eine Abfolge verschiedener Konzepte der Produktion, mit denen man dieses Ziel jeweils zu errei chen hoffte. In den 1980er Jahren versuchte man dies mit dem sog. CIM-Konzept, dem „Computer Integrated Manufacturing“, das aus verschiedenen hochkomplexen Komponenten bestand, die möglichst dicht informational gekoppelt und datentech nisch integriert angelegt sein sollten. Das CIM-Konzept erwies sich jedoch als sehr anspruchsvoll und konnte die angestrebte Flexibilität nur durch einen sehr hohen Kopplungsgrad der CIM-Komponenten erreichen, was von vielen Unternehmen we gen hoher Aufwände und Kosten aber nur bruchstückhaft umgesetzt wurde. Erfolgreicher war ab Anfang der 1990er Jahre die Idee der „Lean Production“, die das Ziel hoher Flexibilität bei gleichzeitig hoher Produktivität durch eine losere Kopplung der einzelnen organisatorischen Einheiten („Module“ oder selbstständige „Center“) zu erreichen suchte, denen eine größere operative Selbstständigkeit einge räumt wurde. Die Betonung der Individualisierung und Flexibilität der neuen Konzepte der Leis tungserstellung wird auch mit einem sog. „Idealpunktmodell“ begründet, in welchem man unterstellt, dass „jeder Käufer eine Vorstellung der Produkteigenschaften be sitzt, die sein ,optimales ProdukP kennzeichnen. Die Distanz des Idealpunkts zu der tatsächlichen Eigenschaftskombination eines Produkts bestimmt die Präferenz für dieses Produkt“, und je näher es dem Idealpunkt kommt, umso eher wird der Käufer es kaufen. Ein wichtiger Teil der Beziehungsgestaltung zwischen Kunde und Anbie ter ist es daher, diesen „Idealpunkt“ zu ermitteln, und dazu — meist über das Internet — geeignete Kommunikationsmittel bereit zu stellen. Hier sind die Möglichkeiten na türlich fließend und bewegen sich auf einem Kontinuum zwischen der Auswahl aus angebotenen Varianten und Ausstattungs- oder Gestaltungsmerkmalen bis hin zur Möglichkeit der Durchführung eines regelrechten Entwurfs- oder Designprozesses in den Grenzen eines vom Hersteller zu definierenden Lösungsraumes. Ein Herstel ler muss natürlich bemüht sein, die Kapazität zur Realisierung möglichst vieler sol cher Idealpunkte potenzieller Kunden in seinen Fertigungsprozessen vorzuhalten — das bedeutet eben, möglichst flexibel zu sein. Die Möglichkeiten der additiven Fertigung, zunächst als „Rapid Prototyping“ oder „Rapid Manufacturing“ eingeführt, kamen diesem Ziel natürlich weit entgegen. Die Individualisierung wurde dadurch in einem vorher nie geahnten Umfang möglich, auf [222] der anderen Seite verhielt es sich mit der Fertigungsgeschwindigkeit gegenüber dem Fließband natürlich so, dass das „Rapid“ alles andere als rapid war. Die maschinelle additive Fertigung war nur im Vergleich mit der Handarbeit „rapid“, mit welcher die dann additiv gefertigten Prototypen oder fünktionsunfahigen Anschauungsmodelle von Produkten in der Entwicklungsphase vorher hergestellt worden waren. Aber die Druckgeschwindigkeit der 3D-Drucker nahm seither kontinuierlich zu. In den 1990er und 2000er Jahren sprach man noch von der „Informationsgesell schaft“, mit ihren zugehörigen „neuen“ Konzepten der Wertschöpfüng: Abb. 11: „ A lte " u n d „ n e u e "P ro d u k tio n im V e rg le ich Wertschöpfung in der Industriegesellschaft Wertschöpfung in der Informationsgesellschaft Lange Produktionsläufe, Fokus auf Produktionspro zess und operationaler Effektivität Kleine Auflagen, Losgröße 1, Focus auf kundenbezo gene Prozesse Economies ofScale Economies of Scope, Economies of Integration Sequentielle, technologiebasierte Produktentwick lung Simultane Produkt- und Prozessentwicklung unter Einbezug der Kunden, marktbezogene Entwicklung Entkopplung von Produktion und Absatz Auftragsfertigung nach Kundenwunsch Spezialisierte Maschinen, feste Kapazitäten, feste Werkzeuge Flexible Maschinen, variable Kapazitäten, flexible Werkzeuge Automatisierte Fertigungssysteme Autonome Fertigungssysteme Festes Fertigungslayout Variables Fertigungslayout Vertikale Integration, langfristige Zusammenarbeit mit ausgewählten Lieferanten Kurzfristige Zusammenarbeit mit externen Lieferan ten und Abnehmern in Produktionsnetzwerken Ausgliederung aller planenden, steuernden und kon trollierenden Tätigkeiten aus der Fertigung Integration vor- und nachgelagerter Aufgaben (z. B. in Form teilautonomer Gruppen) Fertigungsprinzip geprägt durch Automatisierung, Bringsystem, Risikominimierung, stufenweise Verbes serung und Qualitätskontrollen Fertigungsprinzip geprägt durch Flexibilisierung, Holprinzip, Bestandsminimierung, kontinuierliche Verbesserung der Qualitätsproduktion Quelle: F. T. Piller, Mass Custom ization Was später dann auch immer an neuen Konzepten und Ideen entstand, folgte immer diesem Leitbild der gleichzeitig hochproduktiven und hochflexiblen bzw. ide alerweise universalen Fabrik der Zukunft, denn dies ist aus Sicht des Herstellers bzw. „Kapitalisten“ die ideale und einzig mögliche Weise, auf die neu entstandene „Marktdynamik“ mit gesättigten und umkämpften Märkten, „verwöhnten“ und „he donistischen“ Kunden und hoch volatiler Nachfrage zu reagieren. Zunächst war so also die „Mass Customization“ entstanden, die bis zum jahr 2000 schon bei einer Vielzahl von Unternehmen erfolgreich umgesetzt worden war, so wohl im Privatkundenbereich als auch im Industriekundenbereich; eingeführt wurde [223] sie naheliegenderweise früh etwa von Herstellern von Damen- und Herrenkonfek tion, die auf diese Weise Maßanfertigungen (fast) zum Preis von Konfektionsware anbieten konnten, und natürlich auch von Schuhherstellern, auch wenn eigentliche Maßanfertigungen noch nicht in jedem Fall möglich waren, oder nur zu hohen Zu satzkosten. Ferner haben Hersteller von Büromöbeln oder individualisierbaren Sitz möbeln, von Medizintechnik, von Beleuchtungstechnik, von Systemmöbeln und Kü chenmöbeln, von Spielzeug, von Fahrrädern, von Farben, von Brillen, von Fertig häusern oder von Büchern das Angebot der Mass Customization genutzt und umge setzt. Ziel dieser Prozessinnovationen war es also, die Distanz zwischen Kunde und Pro duzent zu verringern. Dieser Trend beschleunigte sich im Laufe der 2000er Jahre, und es kam zur Mass Customization die „interaktive Wertschöpfüng“ und die „Open Innovation“ dazu. Man sprach hier nun schon von einer „Wertschöpfüngspartnerschaft“ zwischen Herstellerunternehmen und Kunde, die nun aber auch schon — so fern es sich um die Produktion von Software handelt — eine Beziehung zwischen „Gleichen“, zwischen den Teilnehmern eines interaktiven Herstellungsprozesses als „Peer Production“ bedeuten konnte; es entstanden also die ersten Projekte der „Open-Source-Software-Entwicklung“. Der mögliche Spielraum interaktiver Wertschöpfungsprozesse ist auf der Herstel lerseite durch die Verfügbarkeit flexibler Fertigungstechnologien der Werkstückbear beitung begrenzt; dieser erweitert sich mit der Möglichkeit, Werkstücke möglichst komplett ohne die Notwendigkeit menschlichen Eingreifens rechnergesteuert und kontrolliert bearbeiten zu lassen. Die ab Ende der 1990er Jahre entstehende Ferti gungstechnologie der Automated Fabrication bot in diesem Sinne die umfassendsten Möglichkeiten, und dahinter verbarg sich nichts anderes als das, was dann als Rapid Prototypingwnd 3D-Druck in der Digitalen Fabrikation und der Industrie 4.0 eine zent rale Rolle zu spielen begann. Die heute viel diskutierte „Industrie 4.0“ und die Digitale Fabrikation setzen nun offensichtlich diese Intention einer möglichst flexiblen, individuellen und gleichzeitig hochproduktiven Fertigung fort, können zur Verwirklichung dieser Zielsetzung aber nun ganz andere und von ihrem Potenzial her wesentlich wirkungsvollere Mittel zur Anwendung bringen. Das wirkungsvollste Mittel in diesem Sinne wäre offensichtlich der digitale Replicator. Es zeigt sich: die smarte „Fabrik der Zukunft“ ist ein Kind des Erfindungsgeistes und der Sättigung, und beide treiben die Fertigung in immer größere Nähe des Kon sumenten, der so allmählich vom Kunden zum Produzenten wird, bzw. genauer: we der noch. Die Rollenunterschiede und auch die typischen konfligierenden Interessen von Produzent und Konsument, von Käufer und Verkäufer, von Arbeitnehmer und Kapitalist lösen sich einfach auf — wenn diese Entwicklung weit genug fortgeschritten ist. Möglicherweise wird man an der Stelle dem Ausbrüten auch ein wenig nachhelfen müssen. Die „Fabrik der Zukunft“ gerät so mit zunehmender Reife und Perfektion in eine gesellschaftliche Funktion, die wohl absolut niemand aus der Ökonomenzunft, weder aus deren langer stolzer Ahnenreihe noch etwa einer der vielen meist amerikanischen [224] Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Ökonomie sich hätte ausmalen und vorstellen können. Wir wollen diesen Gedanken an dieser Stelle erneut aufgreifen und vertiefen. Was erwartet wurde, war ein Wandel in der Funktion des Kapitals und seiner „Leis tungsfähigkeit“ zur Erzeugung von Rendite. AufM arx geht in diesem Sinne das Ge setz des tendenziellen Falls der Profitrate zurück, das angezweifelt wurde, sich aber offenbar deckt mit Keynes5 Prognose der sinkenden Grenzleistungsfähigkeit des Ka pitals, wie K. G. Zinn bemerkt: „Keynes’ Prognose der langfristig sinkenden Grenz leistungsfähigkeit des Kapitals deckt sich — ungeachtet unterschiedlicher Begründun gen — mit Marx’ „Gesetz“ des tendenziellen Falls der Profitrate.“ Keynes erwartete im historischen Verlauf eine sinkende Grenzleistungsleistungsfähigkeit des Kapitals, weil er erwartete, dass die Nachfrage nach Kapital streng begrenzt ist: „Ich bin über zeugt, dass die Nachfrage nach Kapital streng begrenzt ist, in dem Sinne, dass es nicht schwierig wäre, den Bestand an Kapital bis auf einen Punkt zu vermehren, auf dem seine Grenzleistungsfähigkeit auf einen sehr niedrigen Stand gefallen wäre. Dies würde nicht bedeuten, dass die Benutzung von Kapitalgütern sozusagen nichts kos ten würde, sondern nur, dass der Ertrag aus ihnen nicht viel mehr als ihre Abnutzung durch Wertverminderung und Veralterung, zusammen mit einer gewissen Spanne für das Risiko und die Ausübung von Geschicklichkeit und Urteilsvermögen, zu decken haben würde.“359 Zinn bemerkt dazu: „Sinkt die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, nimmt ceteris paribus auch die Investitionstätigkeit ab, und umgekehrt lässt sich von nachlassender Investitionsdynamik auf die sinkende Grenzleitungsfähigkeit des Ka pitals schließen. Der langfristige Verlust an Investitionsdynamik ist (...) eine Kern komponente der Keynesschen Begründung abnehmenden Wachstums.“ (S. 82) Die Frage ist nun, wie es im historischen Verlauf zu der nachlassenden Nachfrage nach Kapital kommt. Wie gesehen, wird man das säkulare Phänomen einer nachlas senden Konsumgüternachfrage dafür verantwortlich machen müssen, wovon ja auch Keynes ausgegangen ist. Wenn es dazu aber gekommen ist und die Nachfragesignale schwach, volatil und undeutlich geworden sind, verlässt die Investoren der Mut zu Investitionen: „Kapitalistische Investoren wollen Gewinn machen, aber wenn Net toinvestitionen keine hinreichende Rentabilität mehr versprechen oder gar ein unver tretbares Verlustrisiko bedeuten, dann ist die Ara starken Investitionswachstums am Ende. Die nächste industrielle Revolution — vermutlich die „arbeitslose“ Fabrik — lässt sich auch aus den „Abschreibungsfonds“ finanzieren.“ Dass die „arbeitslose“ Fabrik irgendwie mit einer nächsten industriellen Revolu tion oder gar mit dem „in die Luft sprengen“ der bürgerlichen Gesellschaftsverhält nisse Zusammenhängen könnte, war ja durchaus in das Vorstellungsvermögen der Ökonomen vorgedrungen, und ist — kontrovers — diskutiert worden. Dass sie Kapital darstellen würde, dessen Grenzleistungsfähigkeit gegen Null geht, war auch erwartet worden, denn Rendite würde sie nicht abwerfen. Marx hat nun angenommen, dass das Kapital damit aber nicht seine komplette Leistungsfähigkeit verlieren würde. Es würde, statt Rendite zu erzeugen, Gebrauchswerte erzeugen können. So weit reichte das Vorstellungsvermögen, aber nicht soweit, sich vorzustellen, wie dies denn in die 359 Zinn (2013) S. 81, aus Keynes (1936/2006), 316f [225] Realität umgesetzt werden könnte. Und dies lag eben daran, dass man sich nicht vor stellen konnte, wie sehr die technische Beschaffenheit der automatischen, arbeitslo sen Fabrik sich dazu ändern müsste. Ob die arbeitslose Fabrik sich aus den Abschrei bungsfonds finanzieren lassen wird, dürfte nun durchaus noch in Frage stehen. Dass seit geraumer Zeit nicht mehr investiert wird, ist, unabhängig vom verfolgten Erklärungsansatz, ja keineswegs verborgen geblieben. So weist der durch seine Ko lumnen im SPIEGEL einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene Ökonom Henrik Müller darauf hin, dass „die Dominanz der Finanzwirtschaft die Realwirt schaft deformiert“ habe, und schlimmer als das: „Sie hat das ökonomische Denken verändert. Wenn das Ziel der Gewinnmaximierung, in der Volkswirtschaftslehre eine übliche vereinfachende Annahme zur Beschreibung unternehmerischen Handelns, zur Handlungsmaxime erhoben wird, dann ist Gefahr in Verzug.“360 Aber dieses Ziel wurde zur Maxime erhoben, und es kam im Zuge der kurzfristigen Gewinnmaximie rung an Stelle von Investitionen zu gewaltigen Gewinnausschüttungen; so haben US- Unternehmen in 2015 nach Schätzungen mehr als eine Billion Dollar Gewinne aus geschüttet. In Großbritannien war es nicht anders: nach Berechnungen des Cheföko nomen der Bank of England haben hier die Unternehmen in den siebzigerJahren im Schnitt nur 10 Prozent der Gewinne an die Aktionäre zurückgegeben, heute aber liegt die Quote bei 60 Prozent.361 Für Müller wirft dies große Fragen auf: „Wenn die Unternehmen das Geld der Sparer nicht mehr nehmen, um damit in großem Stil in neue Geschäfte zu investieren, sondern um es den Sparern zurückgeben, wirft das große Fragen auf: Womit wollen die Unternehmen eigentlich künftig Geld verdienen? Welchen Kunden wollen sie dienen? Wie wollen sie ihre Mitarbeiter beschäftigen?“ Das sind in der Tat große Fragen. Ob sie sich allerdings fragen, welchen Kunden sie dienen wollen und wie sie Mitarbeiter beschäftigen wollen, wäre noch die Frage; dass sie die Frage bewegt wie sie künftig Geld verdienen wollen dagegen weniger. Im Zweifel mit Privatisierungen, oder der Forderung nach Steuersenkungen. Müller zitiert schließlich sogar die Sorgen von Larry Fink von BlackRock: „Der leerlaufende Kapitalismus macht inzwischen selbst seinen eifrigsten Protagonisten Sorgen. Larry Fink, Chef der weltgrößten Assetmanagement-Firma BlackRock, geht in öffentlichen Briefen scharf mit den Topmanagern globaler Konzerne ins Gericht: Ihre Investitionszurückhaltung sende »entmutigende Botschaften« in die Welt, wäh rend Aktienrückkäufe auf Rekordhöhe die Kurse antrieben — »ein Indikator, dass Unternehmen dem Druck der Kurzfristigkeit unterliegen, statt konstruktive, langfris tige Strategien« zu verfolgen.“362 Und schließlich kommt der studierte Ökonom Müller zum Kern der „Perversion des Systems“, das sich in der empörenden Erscheinung niedriger oder gar negativer Zinsen zeigt: „Die Perversion des gegenwärtigen Systems zeigt sich in den negativen 360 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll00-1102). Campus Verlag. Kindle-Version 361 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll05-1107). Campus Verlag. Kindle-Version. 362 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll23-1124). Campus Verlag. Kindle-Version. [226] Zinsen, die ab 2015 immer weiter um sich griffen. Statt in die Ausweitung der pro duktiven Möglichkeiten zu investieren, liehen Anleger Staaten wie der Bundesrepub lik lieber Geld und zahlten den Kreditnehmern sogar noch eine Gebühr (den Nega tivzins) dafür. Hauptsache, sie bekämen es mit hoher Wahrscheinlichkeit zurück. Mit Unternehmertum hat das nichts zu tun.“363 Zur Lösung empfiehlt Müller dann einen „globalen Pakt gegen den Stillstand“, und da werde „die Sache kompliziert: Es geht um Bildung (von der Kita bis zur Spitzen uni), um Energie-, Verkehrs- und Netzinfrastruktur, um Steuerpolitik, Wettbewerbs politik auf digitalen Märkten, Finanzmarktregulierung, Geld und Währung.“364 Es möchte also das Leistungsangebot noch weiter erhöhen. Dass es an Nachfrage man geln könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Das Nachfrageproblem, das sich in den von Müller beschriebenen Erscheinungen in drastischer Weise schildert, hat allerdings, wenn man es zur Kenntnis nimmt, auch seine Tücken. Zinn entwickelt in seinem hier zitierten Aufsatz die Entstehung dieses Problems und kommt zu dem Schluss, dass es sich letztlich sogar als unlösbar erwei sen könnte, außer durch Arbeitszeitverkürzungen. „Das skizzierte Nachfrageprob lem, das bei einer Nettoinvestition von Null, aber anhaltendem Produktivitätswachs tum virulent wird, könnte sich letztlich als unlösbar erweisen. Keynes plädiert deshalb dafür, den Gordischen Knoten des Nachfrageproblems, wenn und wie es sich in hoch entwickelten, relativ gesättigten, wachstumsschwachen Volkswirtschaften dauerhaft einstellt, durch kürzere Arbeitszeiten zu durchschlagen.“365 Zinn bemüht sich nun, Keynes‘ Empfehlung von Arbeitszeitverkürzungen als den nach wie vor einzig gangbaren Lösungsweg zu plausibilisieren. Dagegen scheinen aber eine Reihe von Argumenten zu sprechen, wie hier bisher dargelegt werden sollte. In diesem Text weist Zinn ferner darauf hin, dass Keynes eine Erhöhung der Staatsquote vorgeschlagen hat, um den beschriebenen Reifeproblemen zu begegnen: „Die zentrale Steuerung, die für die Sicherung der Vollbeschäftigung erforderlich ist, bringt natürlich eine große Ausdehnung der traditionellen Aufgaben der Regierung mit sich.“366 Wie zu ergänzen wäre, bringt die Erweiterung der Staatsquote durch Auf gabenübernahme öffentlicher, gemeinnütziger Unternehmen auch einen Faktor der Stabilisierung in das allgemeinwirtschaftliche Klima mit sich; wo private Unterneh men in ihrer zunehmend ergebnislosen Suche nach Renditemöglichkeiten schließlich doch immer wieder auf Personalkürzungen oder andere Kostensenkungen auf Kos ten des Personals zurückgreifen müssen, haben (oder hätten zumindest) gemeinnüt zige Unternehmen die Möglichkeit, hier mehr konsensuelle Lösungen unter Einbe ziehung der Interessen der Beschäftigten zu finden, weitere Argumente sind bei der Diskussion der fehlgeschlagenen Privatisierungen vorgetragen worden. 363 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll33-1135). Campus Verlag. Kindle-Version. 364 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll47-1149). Campus Verlag. Kindle-Version 365 Zinn (2013) S. 84, aus Keynes, u. a. 1930a; 1943 366 Zinn (2013) S. 100, aus Keynes, 1936/2006, 320. [227] Nun wäre es im Sinne der hier skizzierten „Lösung“, also der hier beschriebenen Form der Nutzung der automatischen „Fabrik der Zukunft“ ja deren Schicksal, eben falls in öffentliches Eigentum überzugehen, damit also die traditionellen Aufgaben der Regierung zusätzlich zu erweitern, und zwar in einem — außer in staatssozialisti schen Ökonomien — nie gekannten Ausmaß. Wie gesehen, könnten diese so gewan delten „Fabriken der Zukunft“ dann hier ihre historisch neue Aufgabe erfüllen, Ge brauchswerte zu erzeugen, nachdem sie ihre bisherige Aufgabe, Renditeerträge zu erzeugen, erfüllt haben, und nach Eintreten des gesellschaftlichen Reifezustands nicht mehr weiter erfüllen können. Allerdings wird diese Fabrik der Zukunft auf dem Stand der heute gegebenen Mög lichkeiten noch keine komplett arbeitslose Fabrik sein können, und deshalb werden an der Stelle auch für den hier avisierten Lösungsweg die Dinge kompliziert, und darüber hinaus vermutlich auch noch teuer. Eine in diesem Sinne „fast“ oder maximal arbeitslose und gleichzeitig hochproduktive Fabrik zu entwickeln, steht zwar, wie ge sehen, notgedrungen auch auf der Agenda der renditesuchenden Kapitaleigner. Wenn überhaupt noch investiert wird, dann so. Aber es ist eigentlich anzunehmen, dass die Entwicklung zu einem Punkt kommt, wo die Leistungsfähigkeit der Fabrik der Zu kunft in einem so hohen Maß nur noch in der Gebrauchswerterzeugung bestehen kann, und so wenig Rendite abwirft, dass renditesuchende Investoren mehr oder we niger komplett ihr Interesse verlieren, und spätestens an dem Punkt wäre dann die Öffentlichkeit aufgerufen, als Investor aufzutreten und die Dinge ab jetzt in die ge wünschte Richtung weiterzuentwickeln. Vielleicht ist dieser Moment jetzt auch schon gekommen, es ist nur noch nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vorgedrungen — was angesichts der Publizitätswirkung von ökonomischen Weisheiten eines Hendrik Müller und seinesgleichen allerdings nicht so sehr verwunderlich ist. Aber es wird unausweichlich sein, dass die Öffentlichkeit diese Notwendigkeit erkennt, und hier tatsächlich als Investor auftritt. Dazu werden erhebliche Mittel in Anschlag kommen müssen. Es wird trotzdem mit dem Widerstand der „Bourgeoisie“ zu rechnen sein, also von einem Personenkreis, dem etwa auch Larry Fink angehört. Darüber hinaus wer den die Vertreter der „reinen Lehre“ der Ökonomie argumentativen Widerstand leis ten. Das Argument wird eben das von der höheren Leistungsfähigkeit des privat und wettbewerbswirtschaftlich geführten Unternehmens sein. Es ist angebracht, an der Stelle kurz die Fragestellung zu vertiefen, wie groß die Erfolgsaussichten der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit, des „Volkes“ oder gar der „Völker“ sind, gegen diese Phalanx anzutreten. Die im „Goldenen Zeitalter“ und später bis zum Siegeszug der „Reagenomics“ vorherrschende Vorstellung des Wohl fahrtsstaates war um einen Ausgleich der Interessen der Privatwirtschaft und der Öf fentlichkeit bemüht, nach der Faustregel so viel Staat wie nötig, und so viel unterneh merische Freiheit wie möglich. Es wurde zwar ein höheres Maß an Staatstätigkeit für notwendig gehalten, als später im Verlauf der neoliberalen „Reformen“; ersticken wollte man die private Initiative aber nicht. Nun ist es aber zu dieser ungeheuren Reichtumskonzentration gekommen, und man könnte zu der Auffassung kommen, dies sei mit einer gewissen und unausweichlichen Zwangsläufigkeit so gekommen, [228] einfach weil das konzentrierte Kapital eine mitwachsende Machtfülle mit sich bringt, die Verhältnisse in seinem Sinne zu beeinflussen. Sollte jetzt erneut eine „Ausdeh nung der traditionellen Aufgaben der Regierung“ möglich werden, so wäre immer zu befurchten, dass sich das Kapital in seiner Machtfulle eines Tages doch wieder dem entgegenstellt, und die Aufgaben der Regierung wieder beschneidet. Aber wenn die Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums auf diese Weise einmal transformiert worden ist, wäre das Kapital eben auch dauerhaft von der Quelle abge schnitten; es könnte nicht mehr wachsen. Der öffentliche Sektor würde in dem Sinne und mit diesen Mitteln zu einem Macht- und Stabilitätsfaktor, der er bis dahin nie hat sein können. Insofern wäre zu hoffen, dass eine solche Transformation dann auch dauerhaft gelingt. [229] Automobilproduktion gestern, heute und morgen Das Automobil war auf der Nachfrageseite wohl einer der wichtigsten Entwicklungs treiber der Industriegesellschaft. Es dürfte das teuerste und aufwendigste Produkt des Massenkonsums sein, dessen Herstellung die Industrieproduktion zu Höchstleistun gen herausgefordert hat, um das Ziel der massenhaften Verbreitung dieses hochkom plexen Werkstücks in die Haushalte bzw. Garagen der Durchschnittskonsumenten zu erreichen. W iejerem y Rifkin am Beispiel der Entstehung der Fließbandfertigung bei Ford beschreibt, erforderte dies gewaltige Anfangsinvestitionen; es bedurfte „des Baus riesiger zentralisierter Anlagen zur Lieferung und Lagerung all des Materials, das beim Bau des Fahrzeugs verwendet wurde. Die Fertigungsstraße auf ein Modell ein zustellen war in hohem Maß kapitalintensiv und erforderte lange Laufzeiten ein und desselben Fahrzeugs, um eine lohnende Rendite auf seine Investitionen zu garantie ren.“ Deshalb war, nach Henry Fords inzwischen sprichwörtlicher Antwort auf die Frage, in welcher Farbe seine Autos zu haben seien, jedes seiner Autos in jeder Farbe zu haben, solange sie Schwarz war. (Rifkin 2014 S. 147) Die Geschichte des Volkswagenwerkes begann am 22. Juni 1934 mit dem Ent wicklungsauftrag an den jungen Konstrukteur Ferdinand Porsche, ein Automobil zu konstruieren, das den Wünschen des Reichskanzler Adolf Hitler entsprach: es sollte „autobahnfest“ sein, eine Dauergeschwindigkeit von 100 km/h halten können, mit vier Sitzen für Familien geeignet und sparsam im Verbrauch sein, und vor allem unter 1000 Reichsmark kosten. Das dann aufgebaute Werk in der Nähe des Schlosses Wolfsburg bei Fallersleben wurde nach dem Vorbild des Automobilwerkes River Rouge der Ford Motor Company in Dearborn gestaltet, und führte schließlich zum Aufbau einer ganzen Stadt, der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“, später Wolfsburg genannt. Nach anfänglichen Startproblemen und fehlendem Interesse der Automobilwirt schaft — der Käfer wurde von der Automobilindustrie für eine nicht nachahmungs würdige Konstruktion gehalten — begann in der Nachkriegszeit 1949 „die Produktion, nachdem die britische Militärregierung das Unternehmen in die Treuhandschaft des Landes Niedersachsen übergeben hatte, verbunden mit der Auflage, die Eigentümer rechte gemeinsam mit dem Bund auszuüben und den anderen Bundesländern sowie den Gewerkschaften großen Einfluss einzuräumen. Das Unternehmen wurde von da an als 'Volkswagenwerk G.m.b.H. geführt. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg sollte zur größten Automobilfabrik der Welt werden. Die Werksfläche nimmt heute eine Fläche vergleichbar mit der von Gibraltar ein. Allein die überdachte Hallenfläche ist unge fähr so groß wie das Fürstentum Monaco.“367 1955 waren eine Million Fahrzeuge ver kauft, und am 1. Juli 1974 lief nach 11.916.519 produzierten Exemplaren der letzte VW-Käfer in Wolfsburg vom Band. Interessanterweise war der VW-Käfer etwa ab den 1960erjahren das einzige im Autoland USA überaus erfolgreiche Importmodell, bis die japanischen Automobile ihm diese Position ab den späten 1970erjahren strei tig machten. 367 W ikipedia-Eintrag zur Geschichte des VW Konzerns: https://de.wikipedia.Org/wiki/Volkswagen_AG#Ursprung_des_Konzems [Stand 12.03.2017] [230] Das ganze VW-Werk mit seiner maschinellen Ausstattung wurde anfangs auf die konstruktiven Merkmale des späteren Volkswagens abgestimmt, und es konnte zu wirtschaftlichen Kosten tatsächlich nichts anderes hergestellt werden als diese drei VW-Modelle, die das Stadtbild und das Lebensgefühl der 1950er und 1960erjahre in Deutschland wesentlich mitgeprägt haben: der Käfer, der sportliche Karmann-Ghia, und der legendäre Kleinbus VW-Bulli. Die Fertigung war im ökologischen Sinn eine einzige Katastrophe; durch die subtraktiven Produktionsprozesse ging beim Schlei fen, Fräsen und Zuschneiden der Bauteile viel Material verloren, und gekaufte Teile sowie das fertige Produkt verursachten hohe Logistikaufwände durch den notwendi gen Transport in und aus der zentralen Fabrik an die Händler und Endkunden im ganzen Land. Es war enorm aufwendig, den komplizierten Fertigungsprozess so straff zu organisieren, dass durch ausreichende Skaleneffekte schließlich ein für die Massenkaufkraft erschwingliches Produkt in die örtlichen Verkaufshallen gestellt werden konnte. Wie hat sich dieses Bild inzwischen verändert! Rifkin beschreibt den Aufbau der Ford-Werke als Kontrast zur heute möglichen Herstellung eines Automobils per 3D- Druck, und zwar am Beispiel des „Urbee“ der Firma KOR EcoLogic, eines elektrisch betriebenen Kleinwagens mit einer 10-PS-Maschine, und 60 km/h Höchstgeschwin digkeit. Die Firma Local Motors baut in ihren „Micro Factories“ inzwischen mehrere 3D-gedruckte Automodelle, vom „Strati“ über den als autonomes städtisches Mobi litätskonzept geplanten Kleinbus „Olli“ bis zum „Road Runner“, einem User-designten, wild auftretenden und ganz konventionell (über-)motorisierten Offroad-Fahrzeug. Der „Olli“ wird übrigens in einer Micro Fabrik in Berlin hergestellt. Das Un ternehmen Local Motors setzt ganz auf die Open-User-Innovation, und bietet über das Internet einen strukturierten Prozess zur interaktiven Entwicklung von Automo bil-Designs an.368 In der großen Automobilindustrie ist der 3D-Druck inzwischen nicht mehr wegzudenken, und die Funktion dieser Technologie geht so weit, dass tatsächlich wie beim Hersteller Daihatsu die Möglichkeit zur Herstellung individueller Designs angeboten wird: „Automobilhersteller Daihatsu: Individuelles Design Dank 3D-Druck“.369 Der VW-Konzern, der anfangs diese drei ihn groß und sympathisch machenden Modelle Käfer, Karmann-Ghia und Bulli im Programm hatte, ist inzwischen zum 12- Marken Konzern geworden, und alleine bei VW stehen statt der ehemals drei nun 31 Modelle zur Auswahl, dies wiederum in einer unübersehbaren Vielzahl an Motorisie rungen und Ausstattungsvarianten. Statt des autobahntauglichen Volkswagens für die Kleinfamilie sind nun Luxusau tomobile der Marken Porsche, Rolls-Royce, Lamborghini und Bugatti im Konzern Programm, mit teilweise alle Vernunftbegriffe sprengenden Motorleistungen; so ist für das Bugatti Spitzenmodell Chiron die Motorleistung auf irrwitzige 1500 PS hoch getrieben worden, wodurch eine Spitzengeschwindigkeit „weit jenseits der 400 km/h“ (theoretisch) möglich gemacht wurde. Kurioserweise wird im Webauftritt der 368 https://launchforth.io/localmotors/road-ready-3d-printed-car/explore/ [Stand 13.03.2017] 369 https://3druck.com/blog/automobilhersteller-daihatsu-individuelles-design-dank-3d-druck-2546265/ [Stand 13.03.2017] [231] Marke nicht mit der Angabe dieser Motor- und Fahrleistungen geworben, sondern mit der Angabe des Kraftstoffverbrauchs und der C02-Emissionen, die ja eigentlich dann, wenn sie besonders niedrig sind, ein verkaufsförderndes Argument darstellen, nachdem ökologische Gesichtspunkte in der Bewertung wünschenswerter automo biler Eigenschaften sich gegenüber den früheren Leistungskennzahlen durchgesetzt haben. Man täuscht also nun vor, diesen ökologischen Gesichtspunkten höhere Auf merksamkeit zu widmen, auch wenn die Werte tatsächlich nicht sehr überzeugend sind... Dass dies dem Hersteller und Käufer eines Automobils mit 1500 PS herzlich egal sein dürfte, wird damit geschickt aus dem Blickfeld verdrängt. Vergleicht man die mit dieser Programm- und Konzernpolitik sichtbar werdenden Unternehmensziele mit denen der ursprünglichen Produktion eines Volks-Wagens, werden die entstandenen Unterschiede auch in der im Konzern gelebten Ethik un übersehbar. Ziel des bis I960 in staatlicher Aufsicht betriebenen Werkes war es, ein günstiges und alltagstaugliches, haltbares und sparsames Automobil für den kleinen Geldbeutel herzustellen, und dies möglichst kostendeckend. Heute ist das mit aller Konsequenz und Härte gegenüber den Mitarbeitern und Zulieferern, und, wie sich gezeigt hat, auch mit betrügerischen Mitteln gegenüber den Kunden verfolgte Ziel die Maximierung der Kapitalrendite. Unvergessen ist der Auftritt des damaligen Chefs des Aufsichtsrats Ferdinand Piech, der dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn vorwarf, die Gewinne seien zu niedrig, obwohl gerade exorbitante Gewinne eingefahren worden waren. Im März 2014 hatte Piech auf die Frage, ob er den Konzern auf einem guten Weg sehe, geantwortet: „Nicht wirklich. Gleich meh rere Baustellen sehe der Patriarch, hieß es damals, und es sind dieselben, von denen auch jetzt die Rede ist: Das schwache US-Geschäft, die niedrige Rendite der Kern marke VW“ . . .370 Martin Winterkorn verlangte dann in einer „Brandrede“ vor den Führungskräften Mitte 2014 die Einsparung von 5 Mrd. Euro bis 2017, um eine Um satzrendite von 6 Prozent vor Zinsen und Steuern zu erreichen.371 Die noch immer nicht überstandene Abgaskrise, die die Verwicklung des Top-Konzernmanagements immer deutlicher werden lässt, scheint in der Hinsicht des Ethikverlustes einen vor läufigen Höhepunkt darzustellen. Die Zukunft der Kraft-„Stehzeug“-Industrie, deren Produkte verräterischerweise seit einiger Zeit durch das Designmerkmal des „bösen Blicks“372 auf sich aufmerksam machen, stellt sich insgesamt nicht sehr rosig dar. Es ist nicht nur das Faktum der gesättigten Märkte und der weltweiten Uberkapazitäten in der Automobilindustrie, sondern eben auch die immer mehr um sich greifende Erkenntnis, dass sie viel mehr 370 Der SPIEGEL vom 13.04.2015: PiechsM illionen-Rätsel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/untemehmen/martin-winterkom-ferdinand-piechs-millionen-raetsel-a- 1028328.html [Stand 13.03.2017] 371 Online-Focus vom 15.07.2014: Gewinn zu niedrig? W interkorn will bei Volkswagen Milliarden einsparen. http://www.focus.de/auto/news/autoabsatz/gewinn-zu-niedrig-winterkorn-will-bei-vw-milliarden-einsparen_id_3991797.html [Stand 13.03.2017] 372 „Bei Autodesignem ist der böse Blick schick.“ Artikel von Denise Juchem in der „W elt“ vom 08.02.2014. http://w ww.welt.de/m otor/articlel24640593/Bei-Autodesignem -ist-der-boese-Blick-schick.htm l [Stand 13.03.2017] [232] schädlich als nützlich sind.373 Es werden offensichtlich intelligentere Wege der Auto mobilität erschlossen werden müssen, und — hoffentlich — auch können. Nach verschiedenen auf dem Markt der Meinungen gehandelten Schätzungen könnte der Automobilsektor in Zukunft drastisch schrumpfen. Einer der Gründe ist, dass das Auto wohl auch seine Rolle als Prestige-Objekt und Vehikel der Selbstdar stellung und Identifikation verlieren wird. Die Techniken der Selbststeuerung und der Vernetzung könnten dazu führen, dass private und öffentliche Mobilität miteinander verschmelzen, indem das individuell genutzte Automobil sich mit anderen Automo bilen zu einem Schwarm zusammenschließt, wenn diese eine auf ihren Wegziel lie gende Etappe gemeinsam haben. Das einzelne Auto kann dann ein „gesharetes“, ge teiltes sein, das man bei Bedarf anfordert, sich zum Ziel fahren lässt, und das Auto wartet dann da auf seinen nächsten Nutzer, oder es fährt zu einem vorgesehenen Warteplatz.374 Statt eines privat gehaltenen Fahrzeugs wäre ein mehrfach genutztes offenbar wirtschaftlicher, wobei dann die Frage auftaucht, ob die einen solchen Ser vice anbietende Organisation eine private sein sollte, wie heute bei allen Anbietern des Car Sharings üblich, oder eben auch eine öffentliche — die Frage wird später wie der aufgenommen. Vernunftgründe würden eigentlich verlangen, dass die gesamte Automobilindust rie besser heute als morgen in diesem Sinne umgekrempelt würde, aber — es würden Hunderttausende von Arbeitsplätzen wegfallen. Letztlich aus diesem Grund ge schieht das nicht. Natürlich möchte auch die Automobilindustrie ihr investiertes Ka pital gerne verzinst sehen, sie kann aber den Grund des drohenden Arbeitsplatzver lustes immer mit besten Erfolgsaussichten vorschieben. De facto ist es heute so, dass im Gegensatz zu den Anfängen die Automobile nicht produziert werden, um einen bestehenden und zweifelsfrei gerechtfertigten Bedarf zu decken, sondern um Kapi talrendite zu erwirtschaften, und um Arbeitsplätze zu erhalten. 373 A uf dem Höhepunkt der Abgaskrise fo rderteer Spiegel-Kolumnist W. Münchau am 06.11.2015, man solle den VW -Konzem in die Insolvenz gehen lassen und „ein zunächst staatliches Unternehmen gründen - m it dem Ziel der Erforschung und Herstellung eines Elektroautos, gestützt von entsprechenden Infrastrukturinvestitionen.“ Beim Automobilsektor handele es um eine „perspektivlose Industrie“ . http://www.spiegel.de/wirtschaft/volkswagen-lasst-vw-pleitegehen-kolumne-a-106143 l.htm l 374 Die Marketing-Agentur „Suchdialog“ geht davon aus, dass „aus Autobauern Dienstleister werden“ : „Die Au tomobilbranche ist im Umbruch: Vernetzung und Digitalisierung genießen höchste Priorität unter Autobauem. Es spielen sich teilweise fast schon absurde Kehrtwenden ab, die die Branche fit für die digitale Zukunft m a chen sollen. So kannibalisieren die Vorreiter ihr eigenes Geschäft, indem sie die W ende vom Autohersteller hin zum Dienstleister vollziehen. U nd das ist vermutlich die einzige Chance, die sie haben.“ Den Grund sehen die Autoren in der „Digitalisierung der M obilität“ : „Bereits seit einigen Jahren investieren Technologiegrößen wie Google in selbstfahrende Autos - und das m it einigem Erfolg. Die Konsequenzen sind durchaus bedrohlich für die Automobilhersteller, die sich lange Zeit au f bewährte Rezepte verlassen konnten: W erden BMW, Daim ler und Co. in Zukunft zu reinen M ateriallieferanten degradiert, während IT-Riesen wie der aus M ountain View die Profite einstreichen? W ie wahrscheinlich ist das Szenario einer m assiven Reduktion an Automobilen im Zuge von Car Sharing, Roboterautos und digital gesteuertem Verkehr?“ Es wird auch eine in dieser Perspektive liegende Gefahr gesehen, die vorne bereits angesprochen worden ist, näm lich die Gefahr der Beherrschung der M obilität durch Kontrolle der steuernden Betriebssysteme, und des daraus generierten Datenpools: „W er hat die Lufthoheit über unsere Daten? Letzten Endes wird sich die digitale Revolution auch im Automobilbereich nicht aufhalten lassen. Neben Hindernissen wie rechtlichen Fragen, Problemen durch die Koexistenz robotischer und menschlicher W agenlenker und der teilweise mangelhaften Koordination konkurrierender Unterneh men wird die Frage nach der “Lufthoheit über unsere Daten” wohl einer der strittigsten Punkte der neuen Ära werden.“ https://suchdialog.de/erkenntnisse/autobauer-werden-dienstleister-wie-die-digitalisierung-mobilitaetveraendert/ [Stand 13.03.2017] [233] In der Tat sind nun Hunderttausende von Einzelschicksalen und Familien von diesen Arbeitsplätzen abhängig, und es ist, abgesehen von technischen Schwierigkei ten, mit Rücksicht auf deren Interessen nicht möglich, hier zu schnellen und radikalen Änderungen zu kommen. Was wäre aber möglich — eben dies, wie vorgeschlagen, entlang der Trennung von Fertigung und Design die Automobilhersteller zu Auto mobildesignern werden zu lassen, und die Fertigung schrittweise (zurück) in öffent liche, kommunale oder staatliche Verantwortung zu übergeben. Mit zunehmendem technischem Fortschritt wird es ohnehin immer weniger zur Kernkompetenz und zum Markenimage einer Automobilmarke gehören, eigene Fertigungskapazitäten zu besitzen, zu gestalten und zu managen; die Kernkompetenz liegt dann in der Ent wicklung und Gestaltung der Designs. Das Design von Automobilen könnte — oder sollte — sich im Zuge der Wandlung seines Images und seiner Bedeutung etwa auch dahin entwickeln, dass man dem Kun den ein Set von Designelementen anbietet, die ihm — in den Grenzen des technisch Machbaren — auch Individualisierungsmöglichkeiten anbieten, oder ihm in einem der Produktentwicklung vorgelagerten Prozess und in Form einer Open-User-Innovation Möglichkeiten der Mitwirkung am Designprozess eröffnen, um etwa an der Ent wicklung von standardisierten Designelementen mitzuarbeiten. Dies wäre nun sicherlich die fernere Perspektive; die Ansätze und die in diese Rich tung zeigenden und schon aufgestellten Wegweiser sind in der Gegenwart aber deut lich erkennbar. Die wichtigsten Prinzipien des Wandels sind dabei diese beiden schon gut bekannten, nämlich Steigerung der Produktivität und Steigerung der Flexibilität, wie der Industrieberater Walter Huber in einer Zusammenfassung der von ihm zusam mengestellten sogenannten „Mega-Trends“ der Branche betont: „In Summe verdeut licht dies, dass ein großer Bedarf an produktivitätsfördernden, aber auch flexibilitäts fördernden Maßnahmen und Ansätzen in der Automobilindustrie besteht“.375 Der Entwicklungsdruck resultiert zum einen aus den Arbeitskosten, die sich durchschnitt lich auf 20 % der Gesamtkosten belaufen, und sich kumuliert über die gesamte Wertschöpfüngskette auf 60 — 70 % erhöhen. Wie Huber angibt, kostet die Arbeitsstunde in Deutschland 30-50 Euro, in Osteuropa 11 Euro, in China rund 10 Euro, und ein Roboterstunde „verursacht Kosten von etwa 3-6 Euro“, (S. 2) woraus offensichtlich Druck resultiert, die Arbeitskosten (in Deutschland) zu senken, und zwar eben durch Steigerung der Arbeitsproduktivität. Zum anderen resultiert der Entwicklungsdruck aus der „steigenden Komplexität der Fahrzeuge in Verbindung mit einem erheblichen Anstieg der Modellanläufe und einem damit verkürzten Produktentwicklungsprozess und einem reduzierten Produktlebenszyklus.“ Offensichtlich sind dies die typischen Entwicklungstreiber der entwickelten In dustriegesellschaften mit ihren gesättigten Märkten und den „ermächtigten“, hedo nistisch eingestellten Käufern, die in immer kürzeren Zyklen immer neue Produkte und immer weitergehendes Eingehen auf ihre individuellen Wünsche verlangen, wozu die Industrie dann durch Nutzung des enorm erweiterten Arsenals der ihr zur Verfügung stehenden technischen Mittel zu gerne bereit ist. 375 Huber (2016) S.3 [234] Ferner nennt Huber etwa die folgenden „Mega-Trends“: Ressourcenverknappung, Energiewende, Klimawandel, Produktqualität, neue Technologien und Tebensqualität. (S. 2) Die Industrie 4.0 wird nun als das Mittel der Wahl gesehen, diesen Herausforde rungen zu begegnen. Die wichtigsten Komponenten dieser Industrie 4.0 sind die SmartFactory, in der „Menschen, Maschinen und Ressourcen selbstverständlich mit einander kommunizieren wie in einem sozialen Netzwerk“, und das „Smart Product“, wofür Huber die folgende Definition angibt: „Intelligente Produkte (Smart Products) verfügen über das Wissen ihres Herstellungsprozesses und künftigen Einsatzes. Sie unterstützen aktiv den Fertigungsprozess (,wann wurde ich gefertigt, mit welchen Pa rametern muss ich bearbeitet werden, wohin soll ich ausgeliefert werden etc.)). Mit ihren Schnittstellen zu Smart Mobility, Smart Togistics und dem Smart Grid ist die intelligente Fabrik ein wichtiger Bestandteil zukünftiger intelligenter Infrastrukturen.“ (S. 8) Bei der Industrie 4.0 (140) handelt es sich also um die Verknüpfung von intelli genten Produkten mit einer intelligenten Fabrik und Produktion, wie Huber zusam menfasst. Offensichtlich basiert die beschriebene Intelligenz dieser Komponenten mit der Fähigkeit, Informationen ihrer Umgebung auf die verschiedenste Weise aufzuneh men und zu verarbeiten, wozu auch verschiedene Sensoren und Aktoren zum Einsatz kommen. Die Gesamtheit dieser vielfältigen Kommunikationsprozesse mit ihren „Cyber Physical Systems“, RFID-Chips und „Cyber Physical Production Systems“ mit Robotern, 3D-Druckern, Assistenzsystemen und agenten- und schwarmbasierten Produktionssystemen wird gerne auch als „Internet der Dinge“ zusammengefasst, wobei hier offensichtlich auch Kommunikationsprozesse mit gemeint sind, die die Innen- und Außenwelt von Produktionssystemen miteinander verbinden. Was sich in einem Unternehmen abspielt, wird auch mit dem organisationstheore tischen Begriff Prozess bezeichnet; ein Unternehmen lässt sich also nach seinen Pro zessen gliedern. Diese wiederum kann man nach Kern- und Stützprozessen unter scheiden; zu den Kernprozessen in der Automobilindustrie gehören: Produktentste hung oder Produkt, Kundenauftrag, Sales und Aftersales. Zu den Stützprozessen zählt man die des kaufmännischen Controllings, die Beschaffung, das Personalwesen, das Qualitätsmanagement und etwa das Gebäudemanagement. Dann gibt es noch die strategischen Prozesse, die aber hier nicht von Belang sind. Produktentstehung, Pro duktionsplanung und Produktion sind offenbar die Kernprozesse, um deren Gestal tung es bei der Industrie 4.0 an erster Stelle geht. Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass dem Kunden weitestgehend die Möglichkeit eingeräumt werden soll, einen ganz individuellen Kundenauftrag aus zuführen, dies aber zu möglichst geringen und der Standardfertigung entsprechenden Kosten. Als ein sehr wichtiges Mittel um dies zu erreichen wird neben dem gesamten bisher beschriebenen Konzept inzwischen der 3D-Drucker gesehen. Eine wesentliche Rolle zur erfolgreichen Durchsetzung des Konzepts der 140 wer den Standards und die Entwicklung von Referenzarchitekturen von I40-Systemen spielen wie etwa das RAMI40376 der Plattform Industrie 4.0, wie Huber betont. Wie 376 http://www.plattform-i40.de/I40/Redaktion/DE/Downloads/Publikation/din-spec-rami40.html [235] diese im Einzelnen zu gestalten sind, soll hier keine große Rolle spielen, wichtig ist zu betonen, dass dies als ein weiterer Faktor zu verstehen ist, der die Erwartung un spezifischer, von der Produktion spezieller Designs entkoppelter, „abstrakter“ und hochflexibler Fertigungssysteme begünstigt. Der 3D-Druck selber benötigt seiner seits eine Überarbeitung des bestehenden 3MF-Standards (3D Manufacturing Stan dard), um in diesem Sinne einmal genutzt werden zu können; im Mai 2015 wurde dazu ein Konsortium gegründet, das ein druckfertiges 3D-Format in quelloffenener Form definieren soll, um es Nutzern kostenlos zur Verfügung zu stellen. (S. 112). Huber hat nun den Grad der Umsetzung der 140 bei verschiedenen Automobil herstellern untersucht. Es sollen hier nur die umgesetzten Maßnahmen wiedergege ben werden, die sich als zielführend im oben angegebenen Sinn deuten lassen, und von denen angenommen werden muss, dass sie spezifisch für eine sinnvolle und er folgversprechende Umsetzung sind, so dass auch angenommen werden kann, dass sie früher oder später zum Standard einer Smart Factory im Sinne der Industrie 4.0 gehören. Audi: Audi verwendet den Begriff der SmartFactory statt des Begriff industrie 4.0. Huber beschreibt folgende „Vision“ bei Audi: ,,(•••) ist die Vision bei Audi, Karos serien kommen passgenau aus 3D-Druckern, fahrerlose und autonome Transport systeme bewegen die Automobile zwischen den Stationen zum nächsten freien Mon tageplatz und intelligente und sensitive Roboter unterstützen Mitarbeiter bei ihren Tätigkeiten. Hierbei haben die Roboter die Information, welcher Arbeitsschritt als nächstes ansteht und welches Material hierzu erforderlich ist. Somit lösen sich die starren Produktionslinien zugunsten von dynamischen Produktionsabläufen auf. Audi-Fahrzeuge werden zukünftig nicht mehr am Fließband, sondern individuell in sogenannten Kompetenzinseln gefertigt. (...) Auch für Audi werden Daten immer mehr zum Rohstoff der Zukunft und die digitale Welt verschmilzt mit der realen Welt der Produktion.“377 (S. 119) 3D-Drucker werden bei Audi derzeit im Prototypenbau eingesetzt, um schnelle Konzeptentwürfe zu erstellen, und in der Produktion, um spezifische Teile aus Metall flexibler konstruieren und schneller „drucken“ zu kön nen, als dies mit herkömmlicher Fertigung möglich gewesen wäre. Ferner setzt Audi sensitive Roboter und diverse Assistenzsysteme ein, um menschlichen Aufgabenträ gern die Arbeit zu erleichtern. Zukünftig sollen aber, um den steigenden Ansprüchen an Individualisierung und Modellvielfalt genügen zu können, radikal neue Wege beschritten werden; es sollen zentralisierte Fabriken ganz aufgegeben werden, um „anstelle der aktuellen Fabriken kleine flexible Produktionseinheiten am Bedarfsort zu installieren. Somit ist die Fab rik der Zukunft sowohl nahe an den eigenen Mitarbeitern als auch nahe am Kunden.“ (S. 123) 377 Man darf hier die Bemerkung anfügen, dass die Rede von Daten als einem Rohstoff der Zukunft offenbar auf einem Kategorienfehler beruht. Diese Daten sind keineswegs Rohstoff, sondern Arbeitsprodukt, und sie wer den nicht etwa bearbeitet, sondern steuern die Bearbeitung von Halbfertigfabrikaten und Materialien, die viel leicht tatsächlich unbearbeitete, aus der N atur gewonnene Rohstoffe sein mögen. Auch wenn in der Digitalen Fabrikation gesagt wird, es werden „Dinge aus Daten“ erzeugt, so sind die Daten keineswegs Rohstoffe, deren W ert nur in dem Arbeitsaufwand ihrer Förderung aus Naturvorkommen besteht. Ganz im Gegenteil sind diese die Produktion steuernden Daten die eigentlich werthaltigen Komponenten. [236] BMW: BMW nennt unter anderen die folgenden „Einflussfaktoren“ bzw. Zielset zungen für die eigene „strategische Positionierung“: 1. Qualität (Zielgröße: Null-Feh ler), 2. zunehmende Komplexität der Produktion, 3. Verbesserung der Anlaufplanung (immer mehr Modelle in immer kürzerer Zeit), 4. Ökologie, 5. Kostendruck durch Wettbewerbsdruck. Die Zielgröße Flexibilität wird hier zwar nicht explizit genannt, ergibt sich aber aus den Punkten 2 und 3, da der zunehmenden Komplexität der Produktion und der steigenden Zahl von Produktionsanläufen durch schnelle Modellwechsel eben durch eine erhöhte Flexibilität der Anlagen begegnet werden kann, bei gleichzeitig zu sen kenden Kosten. Es werden aus diesen Problemstellungen die folgenden Handlungs felder abgeleitet: • Planungs- und Steuerungssysteme • Simulation in der Produktion • Assistenzsysteme in der Produktion • Robotik und autonome Systeme • Big Data • Vernetzte Wertschöpfüngskette • Digitale Fabrik • Mensch-Roboter-Systeme • Mobile Assistenzsysteme • Nachhaltigkeit (S. 132) In der digitalen Fabrik (hier auch virtuelle Fabrik genannt) wird angestrebt, „die Realität möglichst wirklichkeitsgetreu digital abzubilden, mit dem Ziel, einen neuen Modellanlauf perfekt virtuell zu planen und anschließend umzusetzen. Die Änderun gen werden dann auf ,Knopfdruck‘ in die reale Produktion überspielt.“ Ein vollstän diges Mapping der realen in die virtuelle Welt und umgekehrt sei noch nicht vollstän dig gelungen, woraus einige manuelle Nacharbeiten resultieren, berichtet Huber; al lerdings werde bereits an einer Lösung gearbeitet, um auch den „letzten Meter“ der Produktionsvorgänge erfassen zu können. BMW ist einer der frühen Anwender der additiven Fertigung, sowohl in der Pro duktentwicklung als auch in der Bearbeitung des Kundenauftragsprozesses. 3D-Drucker werden in der Produktion, im Ersatzteilmanagement und im Werkzeugbau ein gesetzt. Zusammen mit sensitiven Robotern, Big Data-Systemen, sensitiven Robo tern sowie der Fabriksimulation in der Digitalen Fabrik wird damit das Ziel die Op timierung der Flexibilität angestrebt, denn „für BMW ist die Flexibilität der eigenen Produktion von strategischer Bedeutung.“ (S. 139) Mit bzw. in der Digitalen Fabrik wird etwa die Maschinen- und Personalplanung für Produktionsabläufe simuliert, wodurch sich die Umrüstaufwände bei Montagelinien gegenüber den 80erjahren hal bieren ließen. (S. 142) [237] Eine Digitale Fabrik kann erstellt werden durch das Einscannen einer realen Fabrik mittels spezieller 3D-Scanner; wie Huber beschreibt, wurde für BMW das Rolls Royce Werk in Goodwood an einem einzigen Wochenende vermessen, um dann mit hilfe des erstellten 3D-Modells (also der Digitalen Fabrik) Umplanungen von Pro duktionsprozessen simulieren zu können. Das Scannen ersetzt inzwischen also eine bisher notwendige CAD-Nachkonstruktion. (S. 142) Daimler: Auch bei Daimler stehen die folgenden Herausforderungen im Mittel punkt: 1. Globalisierung, 2. Individualisierung, und 3. Digitalisierung / Vernetzung. Man verfolgt bei Daimler den Ansatz der Industrie 4.0, mit den folgenden Zielset zungen: • Verkürzung der Anlaufzeiten durch digitale Absicherung • Horizontale und vertikale Integration • Reduzierte Beschaffüngszeiten für Produktionsanlagen • Optimierung der Fertigung und Montage • Erhöhung der Automatisierung durch eine Mensch-Roboter-Interaktion • Flexibilisierung der Produktion durch eine wandlungsfähige Produktion • Globale Optimierung der Prozesse Offenbar lassen sich auch diese Zielsetzungen auf die beiden Kernthemen Pro duktivitätssteigerung bei gleichzeitige Steigerung der Flexibilität herunterbrechen. Bei Daimler soll zunächst das Werk in Bremen a ls ,, 'Lead-Werk“ für die Industrie 4.0 und damit zur SmartFactory ausgebaut werden. Damit werden fünf Hauptziele verfolgt: • Größere Flexibilität und die Fertigung immer komplexerer Produkte • Erhöhung der Effizienz durch die konsequente Nutzung aller Ressourcen inklusive Energie und die Optimierung der eigenen Prozesse • Flexible Produktionsprozesse mit hoher Geschwindigkeit (inklusive Inbe triebnahme neuer Anlagen) • Sichere und attraktive Arbeitsplätze • Smarte Logistik (S. 143) Dass man sich bei Daimler um das Angebot sicherer und attraktiver Arbeitsplätze bemüht, ist sicher anerkennenswert, aber diesen Bemühungen werden auch bei Daimler die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten Grenzen setzen. Auch Daim ler wird es sich nicht leisten können, Rentenempfänger auf der Gehaltliste stehen zu haben, sondern wird diese nur in Anhängigkeit von der Marktnachfrage und dem tatsächlich notwendigen Arbeitsbedarf beschäftigen können. Diesen zu minimieren IST aber Sinn und Zweck der eingesetzten Technik, auch bei Daimler. Bei Daimler wird auch das Mittel der Standardisierung eingesetzt, wozu auch das Projekt gehört, „Templates“ als Musterfabriken zu entwickeln, die dann weltweit aus gerollt werden können; dies wird bei Daimler „Tech Fabrik“ genannt, in der neue [238] Ideen unter möglichst realen Bedingungen getestet und bis zur Einsatzreife fortent wickelt werden können. Auch der 3D-Druck befindet sich bei Daimler im Einsatz, und wurde durch eine Partnerschaft mit dem Fraunhofer Institut und Concept Laser zur Einsatzreife ent wickelt. In der Produktion verwendet man die additive Fertigung bei Daimler zur Fertigung besonders komplexer Bauteile wie etwa eines Gusskerns eines Zylinder kopfes. Wie Huber beschreibt, wird „über die additive Fertigung die digitale Prozess kette geschlossen. Sie reicht bei Daimler von der Konstruktion (also der Produktent wicklung) bis zur Teileproduktion und deren Verbauung und Montage.“ (S. 149) V W : schließlich soll auch das Beispiel VW etwas näher betrachtet werden. Die Zielsetzungen bei VW sind: 1. Bessere Qualität, 2. Höhere Flexibilität, 3. Kosteneffi zienz, 4. Verbesserung der Prozessstabilität, 5. Verbesserung der Ergonomie am Ar beitsplatz. (S. 162) Im Wesentlichen ergibt sich also auch hier das gleiche Bild. Huber rechnet dann vor, dass wegen der enormen Kostendifferenz von Roboterstunde und Fachkraftstunde eine verbesserte Kosteneffizienz vor allem durch Einsatz von Ro botern, insbesondere von „sensitiven“ Robotern zu erreichen sei. Das Thema Digitale Fabrik heißt bei VW „Augmented Reality“, verfolgt aber im Großen und Ganzen die gleichen Ziele. Eine Besonderheit liegt beim VW-Konzern darin, dass hier ja Planungsprozesse für Fabriken mit Standorten auf der ganzen Welt betroffen sind, mit unterschiedlichen Kulturen und Kostenstrukturen. Die Digitale Fabrik als Mittel der Fabrikplanung und Prozesssimulation ist aber bei allen Herstel lern des Konzerns im Einsatz. Man bemüht sich hier, etwa im Bereich der Material flussmodelle und der Datendurchgängigkeit konzernweite Standards zu setzen. Das Thema Standardisierung ist bei einem so großen Konzern mit teilweise in ganz unterschiedlichen Marktsegmenten angesiedelten Automarken generell von besonde rer Wichtigkeit und Komplexität, und wird „markenübergreifend vorangetrieben“. (S. 166) VW hat seinerzeit durch den Bau der „Gläsernen Manufaktur“ in Dresden zur Produktion des seinerzeitigen Spitzenmodells „Phaeton“ die Aufmerksamkeit auf heute mögliche moderne und „saubere“ Produktionsprozesse gelenkt, die hier vor allem durch Roboter im Karosseriebau und fahrerlose Transportsysteme ermöglicht wurden und noch werden. Diese bestehen zum Teil aus frei navigierenden Fahrzeu gen, und aus einer Elektrohängebahn. Das Schicksal der Gläsernen Manufaktur, in der nach Auslaufen des erfolglosen Phaeton-Modells die Produktion eingestellt wurde, zeigt aber auch die Bedeutung des Ansatzes der resilienten Produktion. Wenn ein ganzes Werk ausschließlich zur Pro duktion eines bestimmten Produktes gebaut und konzipiert ist, sind die kompletten aufgewendeten Investitionen wertlos, wenn für dieses Produkt die Nachfrage weg bricht. Das Werk wurde zuletzt als Location für Werbeveranstaltungen und Ausstel lungen zum Thema E-Mobilität genutzt („Schaufenster für Elektromobilität“). Für 2017 ist nun geplant, die Produktion des E-Golf in Dresden aufzunehmen.378 378 https://www.glaesememanufaktur.de/de/das-erlebnis/fertigung [Stand 14.03.2017] [239] Das soll für die hier verfolgten Zwecke nun genügen. Was sind die zu ziehenden Schlüsse für einen Ausblick auf die „Produktion der Zukunft?“ Solche Szenarien wer den gewöhnlich unter der Annahme erstellt, dass die derzeit bestehenden Anforde rungen an die Automobilproduktion bestehen bleiben, und dass insbesondere die Nachfrage nicht dramatisch einbricht. Das ist aber offenbar keineswegs auszuschlie ßen. Falls aber nicht oder nicht sehr stark, so dass Kapazitäten in einem vergleichba ren Umfang bestehen bleiben müssen, würden sich Anforderungen an die Produk tion der Zukunft auf die folgenden sechs Bereiche auswirken: das Produktionssystem, das Presswerk, den Rohbau, die Lackiererei, die Fahrzeugendmontage, und die Ma nagementprozesse. (S. 259 ff.) Zu dieser gegenwärtig bestehenden Aufteilung ist gleich zu sagen, dass sich vor allem die beiden Bereiche Presswerk und 3D-Druck längerfristig (über 2025 hinaus) wohl auflösen werden. „Eine taktsynchrone Fertigung vom 3D-Druck bis zur End montage ohne Zwischenlager und aufwendiges Rüsten ist hier die langfristige Vi sion.“ (S. 263) Dadurch wird nach Einschätzung Hubers auch „die starre Untertei lung in Presswerk und Rohbau zumindest partiell aufgeweicht werden. 3D-Drucker können auch im Bereich des Rohbaus positioniert werden und in Sequenzen die er forderlichen Teile produzieren und somit am Verbauort oder in dessen unmittelbaren Umgebung positioniert werden.“ Dadurch werde auch die werksinterne Materialver sorgung vereinfacht, und die aktuell vorhandenen Karosserielager werden an Umfang schrumpfen. (S. 265) Gegenwärtig stehen hohe finanzielle Auswendungen für eine „Reinraum-Lackie rung“ einer vollständigen Flexibilisierung der Produktion durch Produktionsinseln noch im Wege. 3D-Drucker sind aber nun in der Lage, Teile auch gleich in der ge wünschten Farbe zu erzeugen, so dass die „Lackierereien zwar nicht für 2025, aber zumindest perspektivisch der Vergangenheit angehören.“ Wie Huber betont, wäre damit auch der Weg frei für eine erhebliche Flexibilisierung der Produktion in Rich tung von Produktionsinseln. Huber stellt nun die Frage, „inwieweit bei der skizzierten Auflösung und beim Verschwinden von Presswerk und Lackiererei durch 3D-Drucker die bestehenden Fabrikbegriffe überhaupt noch Bestand haben“, und betrachtet sie wegen der zu gro ßen Gegenwartsferne bewusst nicht. Wenn man aber wie im hier herstellten Zusam menhang speziell die längerfristigen Entwicklungen betrachten will, ist diese Frage schon von Interesse, und da wird man eben zu keinem anderen als dem schon vor getragenen Schluss kommen können, dass diese beiden Entwicklungstreiber Kostenre duktion und Klexibilitätsemeiterung für den Fabrikbegriff der Zukunft genau diese sehr hoch produktive und gleichzeitig hoch flexible bzw. universale „Fabrik der Zukunft“ erwarten lassen; sie würden also im Wesentlichen zu Produktionsinseln, die nahezu beliebige „Designs“ von Automobilen herstellen können. Man kommt also in der längerfristigen Betrachtung auch aus dieser Perspektive zu dem an anderer Stelle ja schon vielfach geäußerten Schluss: dass die Automobilproduktion sich dezentralisie ren und in kleine, dezentrale Produktionsstätten in größer Nähe zum Verbrauch auf lösen werde. [240] Die volkswirtschaftlich interessante Fragestellung wäre also dann, in welche gesell schaftliche Sphäre diese dezentralen Mikro-Fabriken als flexible Produktionsinseln gehören sollten. Gewöhnlich wird hier ja eine privatwirtschaftliche Lösung („externe Dienstleister“) favorisiert, deren Tauglichkeit im nächsten Abschnitt eingehender un tersucht werden soll. Favorisiert man jedoch eine „postkapitalistische“ Beteiligung der öffentlichen Sphäre, so wären unter der Voraussetzung einer weitest gehenden Entkopplung von Fertigung und Produktentwicklung grundsätzlich etwa folgende Varianten für die Automobilproduktion denkbar: 1. Die Fertigung in öffentlicher Trägerschaft beschränkt sich auf ein bestimmtes Marktsegment, etwa auf die Wiederbelebung der Idee eines sparsamen und zeit gemäßen „Volks-Wagens“; 2. Die staatliche (öffentliche) Fertigung übernimmt die gesamte Automobilpro duktion bis auf das Luxus-Segment; 3. Der Staat (öffentliche Betriebe) wird Monopolist für die gesamte Fertigung, macht der (privatwirtschaftlichen) Produktentwicklung Designvorgaben, und steuert die gesamte Automobilproduktion in Quantität und Qualität. Hierzu detaillierte Aussagen zu machen wäre aber nun extrem aufwändig, und wohl einem ganzen speziellen Forschungsprojekt vorzubehalten; an dieser Stelle würde dies den Rahmen des Möglichen weit übersteigen. Es wäre zu vermuten, dass ein experimentierendes, tastendes Vorgehen hier die optimale Lösung zum Vorschein zu bringen hätte. Generell wäre aber der bisherigen Argumentation folgend eine Lö sung zu favorisieren, die a) von einem eher schrumpfenden als wachsenden Sektor der Automobilproduktion ausgeht, und b) die Basis legt für eine öffentlich-gemein wirtschaftliche Dominanz.379 379 Abschliessend sei diesem Abschnitt ein Blick auf die Automobilproduktion bei dem US-amerikanischen Fer tiger Tesla angefugt, der von Chris Anderson in seinem Buch „Makers: The N ew Industrial Revolution“ wie folgt beschrieben wurde: „Tesla has built the m ost modern factory in the world. It happens to build cars, but it could build anything. It is not justautom ated , it’s a veritable robot army. Hundreds o f general-pur pose KUKA robot arms do everything from metal-bending to assembly. Flat-topped robot vehicles carry car chassis around, charging themselves on inductive pads as they go. Robot painting arms from Fanuc can open car doors to spray around them, and then close them again when they ’re done.” Steve Dickerson: W hat is flexible Automation? https://cross-automation.com/blog/what-flexible-automation [Stand 08.08.2017] Ein Foto dieser Fabrik von Paul Sakuma ist au f der Titelseite abgebildet. [241] Chancen für Start-Ups und Unternehmensgründer? Der 3D-Druck dringt inzwischen, weniger beachtet vom öffentlichen Interesse, in immer weitere Bereiche der industriellen Produktion vor. So berichtet ein Artikel der „IM+io Fachzeitschrift für Innovation, Organisation und Management“ von „Er folgsgeschichten des 3D-Drucks“, der insbesondere die Logistik „revolutioniere“, und nicht nur, aber auch im Rahmen innovativer Start-Ups Erfolgsgeschichten schreibe.380 Die klassische Wertschöpfungskette werde durch den 3D-Druck insoweit verändert, als die vormalige Funktion des Herstellers (also die physische Produktion) sich nun zum Distributor verlagere, der dadurch „empowered“ werde, oder gar zu einem „Kunden-Self-Service“, wo die CAD-Daten des Entwicklers direkt die Pro dukterzeugung anstoßen. Graphisch wird dies in den folgenden Abbildungen darge stellt: Abb. 12: Einordnung des Logistikers als Distributor innerhalb der klass. Wertschöpfungskette Abb. 13: Verminderung des distributionsbezogenen Wertschöpfungsanteils durch dezentrale Produktion Abb. 14: EmpowermentdesDistributorsdurch den3D-Druck 380 Screenshots entnommen aus: Oliver Thomas, Friedemann Kammler, Benedikt Zobel, David Sossna, Novica Zarvic: Supply Chain 4.0: Revolution in der Logistik durch 3D-Druck. IM +io Fachzeitschrift für Innovation, Organisation und Management H eft 1 2016. [242] Abb. 15: Eliminierung der Distributor-Rolle durch Produktion am Point ofSale Abb. 16: Eliminierung der Distributor-Rolle durch Produktion im Self-Service Die vier möglichen Stufen der Verkürzung der Wertschöpfungskette sind hier also abgebildet, von der durch 3D-Druck ermöglichten Dezentralisierung der Produktion, über die Verlagerung der Produktion zum Händler, dann zu einem 3D-Druck-Service, und schließlich als maximale Verkürzung der Wertschöpfüngskette zum 3D- Druck direkt am „Point-of-Sale“, also im Haushalt des Kunden bzw. am Ort des Konsums. Auf diese Weise kommt es zu einer „vollständigen Transformation“ der Wertschöpfüng hin zu einer ausschließlich informationsbezogenen Wertschöpfung: „Obwohl das zuvor erläuterte Wertschöpfüngsmodell vielen Restriktionen, wie bei spielsweise der notwendigen Fachkenntnis zur Maschinenführung und den weiterhin hohen Investitionskosten unterliegt, stellt das Szenario eine Schlussfolgerung der zu nehmenden breiten Verfügbarkeit von 3D-Druckern dar. Die Produktion durch „Self-Service“ integriert die vorhandenen Rollen in zunehmendem Maße und redu ziert die Wertschöpfüngskette auf ein Minimum, bestehend aus dem Entwickler des Produkts und dem Kunden, der im „Self-Service“ (auf dem eigenen Drucker vor Ort) das Gut materialisiert (vgl. Abbildung 5). Im Vergleich zum klassischen Szenario fin det so eine vollständige Transformation von einer produktbezogenen hin zu einer informationsbezogenen Wertschöpfüng statt.“ D. h., durch die Trennung von Fertigung und Design kommt es tendenziell von Stufe zu Stufe zu einer Reduktion der Wertschöpfüng in der Fertigung bis gegen Null; Wertschöpfüng findet in der letzten Stufe nur bei der Erstellung des Produktdaten modells aus CAD-Daten statt. Der Endnutzer erzeugt mit Hilfe seines „Kapitals“, seines 3D-Druckers, für den eigenen Verzehr bestimmte Gebrauchswerte. Nun stellt sich wiederum die Frage, ob dieser lokale Druckservice oder vielleicht auch der Distributor mitsamt 3D-Druckservice als Small Businesses betrieben wer den sollte, oder ob sie als Knoten zu einem öffentlichen Netz gehören sollten. Was spräche dafür, und was dagegen? Im obigen Beispiel kann man davon ausgehen, dass [243] durch die technischen Sachnotwendigkeiten definierte Möglichkeiten der Wertschöp fung in der Wertschöpfungskette durch die jeweils angemessene Spezialisierung (Her stellerservice, Distributor, Druckservice) ausgeschöpft werden. Mit anderen Worten: es tut sich ein Betätigungsfeld auf für die unternehmerische Initiative, unter Eingehen eines unternehmerischen Risikos eine bestimmte volkswirtschaftlich sinnvolle Leis tung zu erbringen. Der gegebene Stand der Technik ermöglicht dem „Kunden-Self- Service“ im Haushalt nur ein kleines Spektrum von Anwendungsfällen, aber für den Rest, für die nur mit einem leistungsfähigeren 3D-Drucker herstellbaren Produkte besteht bei dem Endkunden zu wenig Bedarf, als dass sich eine Investition für den Eigenverbrauch lohnen wurde. Also hat der 3D-Druckservice Aussicht, als Leis tungsanbieter erfolgreich am Markt aufzutreten, und diese Nachfrage zu bedienen. So weit spricht alles für das private Small-Business. Von dem Materialwissenschaftler joshua Pierce381 stammt das folgende Modell der Wertschöpfüngskette des 3D-Drucks, in dem der Zwischenhandel gar nicht vor kommt, dafür aber die Rohmaterialanbieter: Abb. 17: D ie 3 D -D ru ck W e rtsch ö p fu n g sk e tte n a ch J.P ie rce Es ist davon auszugehen, dass die hier angegebenen Print-Shops ebenfalls als „Small Business“ vorgestellt sind, wogegen das „Open Design Respository“ sowohl offene als auch „closed“, also privatwirtschaftlich hergestellte und geschützte Designs vorsieht; die Frage des Ablageortes der offenen Designs wäre in dem Zusammenhang durchaus noch der genaueren Betrachtung wert.382 Aber für die Print-Shops ergäben 381 Andre O. Laplume, Bent Petersen, Joshua M. Pearce, Global value chains from a 3D printing perspective, Journal o f International Business Studies 47(5), 595-609 (2016). doi:10.1057/jibs.2015.47 382 Der Kommunikationswissenschaftler Hendrik Send plädierte bereits 2013 für eine öffentliche Plattform in Form eines „W ikipedia der Dinge“ („W ikithings“) als gemeinnützige Organisation, die der Gefahr der Durch setzung einer interessengetriebenen Geschäftspolitik durch die diversen privaten Betreiber (wie etwa Shapeways) vorbeugt. In dem Zusammenhang hat er ebenfalls au f zu erwartende Netzwerkeffekte hingewiesen: „W enn nun die Designs für physische Gegenstände auf einer Plattform gesam m elt werden, so dass der Beitrag eines einzelnen für andere relativ problemlos zur Verfügung steht, so ist auch hier davon auszugehen, dass Netzwerkeffekte dafür sorgen werden, dass sich sehr wenige Plattformen m it dafür sehr vielen Nufzem und 3D-Designs herausbilden werden.“ Auch dies ein Argument für eine öffentliche Betriebsform. [244] sich auch aus dieser Sicht zunächst keine Gesichtspunkte, die gegen privatwirtschaft lich betriebene „Local Print Shops“ sprechen würden. 3D-Print-Shops werden nun auch von der „Deutsche Post DHL Group“ geplant, die mit Hilfe des 3D-Drucks ihre Lieferkettenstrategie neu ausrichten möchte. In einem im November 2016 erschienenen “Trend Report”383 heißt es über die Einsatz möglichkeiten von 3D-Print-Shops: „In the consumer context, one application could be for Companies to retrofit their many Service points or retail points with a 3D printing infrastructure. In essence, this would allow them to offer local communities ac cess to state-of-the-art 3D printing Services. The root of this concept is not new; it would work in a similar way to how consumers currently print paper documents by taking a file on a USB drive to their local copy shop or print photos at a photo kiosk in stores (see figure 40). Looking into the füture, these 3D print shops could eventually integrate not just 3D printers but also design tools and Scanners, as well as a wide selection of materials.” (S. 22) Es wird hier also die Parallele gezogen zum wohlbekannten Copy-Shop, in den man mit einem USB Stick gehen kann, um Dokumente auszudrucken, die man sei nem kleinen Drucker zuhause nicht zumuten mochte. Es wird in der Studie auch der Anwendungsfall für Bedarfs von Unternehmen, Architekturbüros oder Designstu dios beschrieben: „3D print shops like this could also be used by Companies to rapidly prototype new products without having to invest in and maintain the latest 3D-printing infrastructure. These facilities could also serve local businesses such as architects and small design studios that need to produce 3D models, as well as craftspeople creating tailor-made items for their customers. Personnel working inside 3D print shops will be trained to offer varying levels of support to match each customer’s 3D printing skillset. And because the printing process itself can take some time, the 3D print shop could also offer a delivery service to its customers.” Auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der Technologie ist diese Argumenta tion einleuchtend. Die Frage ist aber nun, ob diese Entwicklungen im Umfeld der beschriebenen gesamtwirtschaftlichen Lage mit geringem Wachstum und sehr viel renditesuchendem Kapital tatsächlich als eine neue optimistische Perspektive ver standen werden können, mit dem Potenzial, einen neuen Aufschwung zu initiieren, und Kleinunternehmen und Einzelpersonen auf einem „Wachstumsmarkt“ eine so lide langfristige Erwerbschance zu eröffnen. Im zitierten „Trend Report“ wird dem 3D-Druck zwar ein enormes Wachstums potenzial bescheinigt, man geht allerdings davon aus, dass der 3D-Druck die Mas senproduktion nicht ersetzen, sondern um zusätzliche Produktionsmethoden ergän zen wird. Einer der Projektverantwortlichen bei DHL wird in einer Pressemitteilung http://www.crossmedia-konferenz.de/files/crossmedia_konferenz/content/programm/Hendrik_Send_3D_Drucken.pdf [Stand 15.03.2017] Unterdessen erhielt das Luftfahrtuntemehmen Boeing ein Patent für eine 3D-M odell-Datenbank zum Bau von Flugzeugteilen. https://3druck.com/nachrichten/boeing-erhaelt-patent-fuer-3d-modell-datenbank-zum-3ddruck-von-flugzeugteilen-4855484/ [Stand 16.03.2017] 383 In Zusam m enarbeit m it dem Beratungsunternehmen Z P u n k t wurde eine Studie zur Zukunft des 3D-Drucks erstellt; die Deutsche Post DHL Group sieht darin verschiedene Szenarien zur Zukunft der Lieferketten vor, in denen „Small Businesses“ au f Basis des 3D-Drucks eine Rolle spielen könnten. http://www.dhl.com/content/dam/downloads/g0/about_us/logistics_insights/dhl_trendreport_3dprinting.pdf [245] mit der folgenden Einschätzung zitiert: „Der DHL Trend Report '3D-Druck und die Zukunft der Lieferketten' sieht den 3D-Druck als eine Transformationstechnologie. Dabei handelt es sich nicht um eine Wundertechnik, die die Massenproduktion in Fabriken obsolet macht. Ihr interessantes Potenzial liegt eher in der Fähigkeit, die Produktion von höchst komplexen und individuellen Produkten und Ersatzteilen zu vereinfachen. Das könnte Logistik und Herstellung näher zusammenbringen als je mals zuvor.“ Der 3D-Druck sei eine „Komplemetärtechnologie“, wie dann der verantwortliche Projektleiter der Studie bei DHL in dieser Pressemitteilung zitiert wird: „Markus Kückelhaus, Vice President Innovation and Trend Research bei DHL Customer So lutions & Innovation, sagt: ,Nicht alle Produkte sollten, können oder werden mit 3D- Druckern produziert werden. Dennoch zeigen Unternehmen in den verschiedenen Schlüsselindustrien ein erhöhtes Interesse am Einsatz von 3D-Druckern. Mehr Mög lichkeiten der kundenspezifischen Anpassung, weniger Abfall und mehr Produktion und Lieferung auf lokaler Ebene ist für sie ein Anreiz, 3D-Drucker zu nutzen. Eine kürzlich erschienene Untersuchung ergab, dass 38 Prozent der Unternehmen den Einsatz von 3D-Druckern in ihrer Massenproduktion innerhalb der nächsten fünf Jahre in Erwägung ziehen. Allerdings wollen sie die traditionelle Fertigung nicht voll ständig ersetzen. Wir glauben, dass der 3D-Druck mittelfristig die größten Auswir kungen auf die Ersatzteillogistik und bei der Herstellung von kundenspezifischen Teilen haben wird/“384 Was die Frage nach der Zukunft der Massenproduktion angeht, liegt die Betonung offenbar auf „vollständig“. Die Frage wäre, ob die additive Fertigung eine zusätzliche Nachfrage nach Produkten generieren kann, die ohne diese Technologie gar nicht herstellbar wären. Zum Teil ist das so. Aber wenn die Möglichkeit besteht, durch 3D- Druck etwa einen perfekt passenden Schuh zu kaufen, wird man dann zusätzlich noch den weniger gut passenden Schuh kaufen? Es scheinen einige Indizien darauf hinzudeuten, dass es durchaus zu substituierenden Effekten kommen wird, und dass diese Technologie dann per Saldo — wie eigentlich alle anderen digitalen Technolo gien, in der Summe ihrer Möglichkeiten — arbeitssparende Effekte haben wird, und keine die Nachfrage zusätzlich und überproportional stimulierenden Effekte. Ein Wachstumsschub dürfte dadurch also eher nicht generiert werden. Wie sieht es aber aus mit den Gewinnchancen von Printshops? Wenn es so sein sollte, dass mit diesen Printshops nennenswerte Gewinne zu erzielen sind und sie eine hinreichend stabile und kalkulierbare Kapitalrendite versprechen, die einem Sho pinhaber dann auch eine Existenz deutlich oberhalb des „Prekariats“ ermöglichen würde, dürfte es nur ein Frage der Zeit sein, bis diese Investitionschancen auch für größere Investoren interessant würden, und es alsbald zur Bildung von Ketten von Printshops käme. 384 DHL: „3D-Druck kann bestimmte Herstellungsmethoden revolutionieren. Anwendungen wie "Ersatzteile auf A bruf', schnelle Produktion von zeitkritischen und hochindividualisierten Teilen und 3D-Druckshops werden m öglich.“ Pressemitteilung der Deutsche Post DHL Group vom 29.11.2016 http://www.dpdhl.com/de/presse/pressemitteilungen/2016/3d_druck_kann_bestimmte_herstellungsmethoden_revolutionieren.html [Stand 14.03.2017] [246] Bei den bestehenden Copyshops sind die Margen und die Wachstumsaussichten so gering, dass hier kaum Interesse für Investoren besteht; es besteht auch kaum die Möglichkeit hier das Angebot künstlich zu verknappen und höhere Monopolpreise durchzusetzen, so dass die wenigen übrig gebliebenen Copyshops von renditesuchen den Investoren nicht bedroht werden, und ihnen ihre karge Existenz gelassen wird. Wenn aber Printshops eine feste Funktion innerhalb der geplanten Lieferketten ausrichtung der DHL bekommen sollten, wären sie vermutlich bald in einer ähnlich prekären Situation wie etwa die „selbstständigen“ Postagenturen. Insgesamt dürfte diesen Online-Print-Shops oder Local Print Shops das gleiche Schicksal bevorstehen wie etwa den „selbstständigen“ Fahrern bei Uber, oder schon viel früher der Mehr zahl der ehemals selbstständigen Imbissstuben, oder dem sprichwörtlichen Tante Emma-Laden. Was die Beschäftigung angeht, kommt es in einem späten Reifesta dium des Kapitalismus offenbar zu einer Art von finalem Marktversagen; die Be schäftigungsmöglichkeiten schrumpfen, und die Beschäftigung suchenden Menschen müssen dem Angebot hinterher rennen, sei es als Arbeitssuchende oder als „selbst ständige“ Kleinunternehmer.385 Das freie Unternehmertum hat in einer stagnierenden Ökonomie keine guten Er folgsaussichten, auch wenn mit dem Rummel um Start-Ups gerne versucht wird, die sen Eindruck zu erwecken. Aber das erfolgreiche Start-Up ist eben die ganz große Ausnahme, durchschnittlich macht nur eines von zehn Gewinn386. Die resultierende Erkenntnis kann nur die sein, dass den Gesellschaften, der öffentlichen Hand offenbar die Aufgabe zuwächst, die notwendige Stabilität herzustellen, in dem entstandenen Klima überschießender Produktionsmöglichkeiten, und vor dem Hintergrund des Faktums von Aberbillionen Dollar an Rendite suchendem Kapital.387 Hier sind Start-Ups und Kleinunternehmen nicht das geeignete Mittel. Hier müssen offenbar größere, mäch tigere, handlungsfähige politische Strukturen geschaffen werden, die auch überprivate politische Zielsetzungen verfolgen können, und den Atem haben, den Interessen des 385 Diese Perspektive der Beschäftigungslosigkeit als „Ubersisierung“ der Arbeitswelt scheint s ic h ja schon anzu kündigen, m itsam t der Notwendigkeit zu dieser Art von Abrufbeschäftigung bis ins hohe Alter: „“You m ight be driving Uber part o f the day, renting out your spare bedroom on Airbnb a little bit, renting out space in your closet as storage for Amazon, doing delivery for Amazon or housing the drone that does delivery for Amazon.“ „Children today could work until they are 100, predicts futurologist“ . http://www.theguardian.com/science/2015/oct/07/children-today-could-work-until-they-are-100-predicts-futurologist [Stand 14.10.2014], Die Diskussion der Fragwürdigkeit und Absurdität dieser Perspektive folgte kurze Zeit später: Peter Fleming: „W hat is the point o f work? Technology is making this question ever more urgent“ . Fleming beschwört hier eine Zukunft in 2040, in der das “neoliberale ökonomische Paradigma“ unter seinem eigenen Gewicht zusam m engebrochen ist, und man sich wieder au f die Frage besinnt, „welchen weiteren, höheren menschlichen Be dürfnissen die Arbeit dienen sollte“ . Aber diese Besinnung alleine dürfte noch nicht hinreichen, um in diesem Sinne Abhilfe zu schaffen. http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/oct/12/work-technology-advances-society [Stand 14.10.2015] 386 Vgl. dazu auch Stephen Hill: Die Start-Up-Illusion. Knaur 2017. 387 Nach dem Global W ealth Report der Credit Suisse betrug das weltweite Privatvermögen rund 250 Billionen Dollar. Für dieses Anlagemöglichkeiten zu finden, bemühen sich Vermögensverwalter wie die Firma Black rock, was aber zunehmend problematisch wird: „Die Jagd nach Rendite wird immer härter“, schreibt Black rock, der weltweit größte Vermögensverwalter, in seinem Ausblick auf das zweite Quartal 2016.“ Blackrock verwaltete 2016 alleine knapp 5 Billionen Dollar Anlagevermögen. Vgl. J. Röder: Das Ende der Renditen. H andelsblattvom 5.4.2016. http://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/trends/blackrock-ausblick-das-ende-der-renditen/13405678.html [Stand 02.03.2017] [247] privaten Kapitals Paroli zu bieten. Die Handlungsmaxime kann angesichts der kolos salen Herausforderungen nicht die sein, sich „durchzuwurschteln“, wie einmal in ei ner bemerkenswerten SPIEGEL-Kolumne vorgeschlagen worden ist.388 Dazu steht offenbar zu viel auf dem Spiel. Dass der Ausverkauf des öffentlichen Sektors unter der Ideologie des Neolibera lismus ein Fehler war, wird zunehmend erkannt, und gerade die Entwicklung der Post hat gezeigt, mit welch verheerenden Folgen für das öffentliche Wohl dieses große Entgegenkommen des Staates gegenüber den Kapitalinteressen verbunden war.389 Die beschriebene Neustrukturierung der Lieferketten mit einer wieder staatlichen Post dürfte der allgemeinen Wohlfahrt erheblich mehr dienlich sein, inklusive der neuarti gen Printshops, die erst dann das volle Potenzial entfalten können, das die Techno logie als komplettes „Ökosystem“ eigentlich mit sich bringt.390 Die Argumentation plädiert also insgesamt für eine erhebliche Ausweitung des öf fentlichen staatlichen Sektors, inklusive eines — zentralen, basalen — Teils der Produk tion, unter der Voraussetzung der technischen Möglichkeit der Entkopplung von Fertigung und Design. Es besteht offenbar ein dringendes, massives öffentliches In teresse an der Herstellung öffentlicher, und nicht renditegetriebener Fertigungskapa zitäten, um sie so dem Zugriff durch private Investoren zu entziehen, und ihnen die inhärenten Möglichkeiten zu einer tendenziell gebrauchswertorientierten Wertschöpfüng voll zu erschließen. Es sei in diesem Zusammenhang auf die Einschätzung F. W. Haugs verwiesen, wonach „die Lösung (...) mit der Ideologie der Privatisierung zu brechen [hätte] und die Aufgaben der allgemeinen Daseinssicherung in öffentliche Zuständigkeit zurück zuholen“. Kann sich daraus auch ein „postkapitalistischer“ Zustand ergeben? Haug zitiert hierzu K. G. Zinn: „Wenn ein ,richtiger‘ Kapitalismus ohne Akkumulation nicht überlebensfähig ist, (...) führt Stagnation zu irgendeinem postkapitalistischen Zustand.“ „Postkapitalistisch“ wäre nun nach Haug eine Systemverfassung zu nen nen, „die dem Privatkapital einen Steuerungsrahmen nach Kriterien gesellschaftlicher Erfordernisse vorgibt und die Aufgaben der Lebensvorsorge, die sich nur zum Scha den des Gemeinwesens der Profitlogik unterwerfen lassen, einem öffentlichen Sektor überträgt“. 391 Dem kann aus der hier entwickelten Sicht offenbar vorbehaltlos zuge stimmt werden; der beschriebene Wandel der Fertigungstechnologien führt dieser 388 Der Spiegel-Kolumnist Henrik Müller titelte in einer Kolumne vom 08.11.2015: „Gesellschaft: Nichts ist mehr sicher, wursteln wir uns durch“ . Er beschreibt den Verlust von Sicherheit, Beständigkeit und Planbarkeit der Lebensverhältnisse, beschreibt dies aber der neoliberalen Ausrichtung seines Hauses gemäß als unabänderli ches Diktum ökonomischer Sachzwänge; der ehedem berechtigte W unsch nach Planbarkeit wird zur „Fiktion“, die - natürlich - nicht aufrechterhalten werden kann. Die Devise „wursteln wir uns durch“ ersetzt in dieser bravourösen Interpretation der Kulturgeschichte also das unabgeschlossene Programm der Moderne. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muellers-memo-das-leben-wird-immer-weniger-planbar-a-1061644.html [Stand 08.11.2015] 389 Vgl. dazu auch: Der große Postraub: Post und Telekommunikation. Engartner, Tim. Staat im Ausverkauf: Pri vatisierung in Deutschland (German Edition) (Kindle-Position3127). Campus Verlag. Kindle-Version. 390 Jennifer Lawton, ehemalige Präsidentin der Firma MakerBot, erklärte einmal, der 3D-Drucker sei ein „Eco system, not a devicec“ . M akerbot hat inzwischen auch das Schicksal aller erfolgreichen Start-Ups erlitten. http://www.forbes.com/sites/cherylsnappconner/2013/09/13/3d-printing-is-an-ecosystem-not-a-device-jennifer-lawton-makerbot/ [Stand 30.10.2014] 391 W. F. Haug: High-Tech-Kapitalismus in der großen Krise, a.a.O., S. 333. Haug zitiert Z inn aus K. G. Zinn: Der M isstrauensindex. Sozialismus 11/2008, S. 27 [248] Intention aber offenbar erst das vorher nie da gewesene Potential zu, zu einem dau erhaften, stabilen und wohl auch irreversiblen „postkapitalistischen“ Zustand zu fuh ren, denn diesem Potential ist der Trend zu einem Abschmelzen der Kapitalmasse intrinsisch; Produktionsmittel, die auf der Konsumseite genutzt werden können, sind sozusagen „von Natur aus“ postkapitalistisch. Wie in der Diskussion der Wirkungen der Industrie 4.0 inklusive 3D-Druck gese hen, entsteht damit auch ein Trend der Dezentralisierung und der Lokalisierung der Produktion;}. Pierce erwartet nun, dass dadurch die Rolle multinationaler Unterneh men bei der Koordination globaler Wertschöpfungsketten verändert werden könnte: „Potentially, wider adoption of this technology has the potential to partially reverse the trend towards global specialization of production Systems into elements that may be geographically dispersed and closer to the end-users (localization). This leaves the question of whether in some industries diffusion of 3D printing technologies may change the role of multinational enterprises as coordinators of global value chains by inducing the engagement of a wider variety of firms, even households.”392 Das könnte ohne Zweifel prinzipiell so sein, allerdings wohl nur unter der Voraus setzung dass die “wider variety of firms” eben nicht lauter hilflose prekäre Small Businesses sind. Wenn es allerdings tatsächlich alles private Haushalte wären, die die Rolle der multinationalen Konzerne verändern, und das gesamte nachgefragte Pro dukt mit Hilfe des perfekten Star Trek Keplicators am Ort des Konsums hergestellt werden könnte, wären die Aussichten sehr groß, dass die Rolle der internationalen Konzerne sich ändern würde, aber leider — gibt es den RepUcatornoch nicht. 392 Andre O. Laplume, Bent Petersen, Joshua M. Pearce, Global value chains from a 3D printing perspective, Journal o f International Business Studies 47(5), 595-609 (2016). doi:10.1057/jibs.2015.47 [249] Seif Sufficient Cities? Smart Cities? Wenn auch nicht der Replicator, aber doch der 3D-Druck und das ganze weitere Ar senal von Maschinen der digitalen Fabrikation spielen eine zentrale Rolle im Konzept der „Seif Sufficient City“, so wie es etwa in Barcelona von deren seinerzeitigem Stadt architekten Vicente Guallart in Kooperation mit Neil Gershenfeld und seiner Fab Lab-Bewegung konzipiert worden ist. Sie sahen im Modell der selbstversorgenden Stadt nichts Geringeres als eine Blaupause für eine kommende Welt: „The Self-sufficient City outlines a blueprint for the world to come, a world built around cities and their renewed capabilities to become productive again.”393 Guallart nannte die folgen den zehn Prinzipien einer selbstversorgenden Stadt: 10 Prinzipien für eine (wirklich) selbstversorgende Fab City • Information: Information als öffentlicher Dienst, „Internet of everything“ • Wasser: 100% wiedergewinnbares Wasser, Wiederverwendung der Nährstoffe der Natur • Energie: 100% erneuerbare Energien; verteiltes Netzwerk mit lokaler Speiche rung • Rohstoffe: volle Rückverfolgbarkeit mit 0% Verschwendung, 20% Wiederver wendbarkeit • Nahrung: 100% Gemüse aus lokaler Mischproduktion, Kooperation mit dem Umland • Mobilität: Mobilität als öffentlicher Dienst, keine Privatautos in der Stadt • Urbanität: Metropole der Nachbarschaftlichkeit, öffentliche Räume als gemein schaftlicher Raum • Ökonomie: Verteilte dezentrale Ökonomie, • Erziehung und Bildung: Globale kollaborative Ausbildung, Schulen als Labore • Gesellschaft: Zivile Verwaltung, offener Zugang zu Daten Das Produktivwerden der Stadt im engeren Sinne soll insbesondere durch die Ei genproduktion von Konsumgütern in lokalen Fab Labs möglich werden, die all diese Werkzeuge der digitalen Fabrikation zur Verfügung stellen, inklusive eines üppigen Angebots von Informationen und Kursen, um mit den digitalen Maschinen umgehen zu können. Das Fab Lab Barcelona ist etwa mit den folgenden Maschinen ausgerüs tet: 393 Aus der Ankündigung einer Vorlesung von Vicente Guallart am M IT am 7.3.2014: The S eif Sufficient City“ . https://architecture.mit.edu/lecture/self-sufficient-city [Stand 17.03.2017] [250] Abb. 18: Tools des Fab Lab Barcelona Barcelona ist inzwischen auch der Initiative der „Fab Cities” beigetreten, und steht damit im Verbund mit der weltweiten Bewegung der „Locally productive Globally connected cities.“394 Eine „Fab City“ wird beschrieben als ein “new urban model for locally productive and globally connected seif sufficient cities.” Eine „Road Map” dieser Initiative zeigt deren langfristig anvisiertes Ziel: bis zum Jahr 2054 sollen die Städte wenigstens 50% ihres Konsums selbst hersteilen können; ferner soll ein glo bales Open Source Repository für „City Solutions“ zur Verfügung stehen, und alle benötigten Materialien sollen lokal verfügbar sein, durch Recycling und die Verwen dung wiederverwendbarer digitaler Materialien.395 Die Fab City Initiative steht wiederum in Verbindung mit der weltweiten Fab Lab Bewegung, um mit lokalen Projekten, Behörden und Organisationen lokale Strategien für Fab Cities zu entwickeln. Bei der „Fab Foundation“ sind inzwischen nicht weni ger als 1.116 Fab Labs angemeldet396; der Fab City Initiative gehören weltweit 16 Städte an. Die Fab Labs sind oft Universitäten angeschlossen, und verfolgen im Gegensatz etwa zu dem über Mitgliedsbeiträge finanzierten Unternehmen Techshop mit einem vergleichbaren Angebot keine kommerziellen Interessen. Die Fab Foundation beschreibt ein Fab Lab folgendermaßen: „A Fab Lab is a technical prototyping platform for innovation and invention, providing Stimulus for local entrepreneurship. A http://fab.city/ [Stand 17.03.2017] 395 Fab City Road M ap 396 http://www.fabfoundation.org/ [Stand 17.03.2017] [251] Fab Lab is also a platform for learning and innovation: a place to play, to create, to learn, to mentor, to invent. To be a Fab Lab means connecting to a global community of learners, educators, technologists, researchers, makers and innovators- -a knowledge sharing network that spans 30 countries and 24 time zones. Because all Fab Labs share common tools and processes, the program is building a global net work, a distributed laboratory for research and invention.”397 Es fallt auf, dass hier öffentliche und private Interessen, unternehmerische Initia tiven und Planungen, Arbeit und freie spielerische Kreativität offenbar munter durch einander gehen. Möglich ist dies natürlich vor allem dadurch, dass Fab Labs öffentlich gefördert werden, und die Kosten der Ausstattung und des Betriebs nicht selbst er wirtschaften müssen. Zugang und Nutzung der Maschinen sind in der Regel frei, auch wenn einige der Angebote der Fab Foundation kostenpflichtig sind. Das Fab Lab Barcelona zum Beispiel ist dem “Institute for Advanced Architecture of Catalonia” angeschlossen. Der Name Fabrication 'Labor bezieht sich auf den Umstand, dass diese Werkstätten von ihrem Erfinder Neil Gershenfeld gewissermaßen als Vorläufer des Star Trek Replicator verstanden werden; als eine Möglichkeit, eine Technologie schon zu nutzen, während sie sich noch in der Entwicklung befindet. Insofern sind die Werkstätten also als ein Versuchslabor zu verstehen. In einem späteren Stadium sollen all diese separaten Maschinen in eine einzige Maschine integriert sein, die dann in der Lage sein soll, (fast) alles „aus Daten“ herzustellen, in einem Arbeitsgang. Als ein Zwi schenstadium wäre der Versuch zu verstehen, eine Objekt-orientierte Programmier sprache für Hardware zur Verfügung zu stellen, wie dies zum Inhalt der Dissertation einer ehemaligen Studentin Gershenfelds gemacht worden ist, mit dem Titel: „Making Machines that Make: Object-Oriented Hardware Meets Object-Oriented Soft ware.“398 Mit dieser Art der Programmierung soll es möglich werden, eine rekonfigurierbare Infrastruktur von Maschinen zu entwickeln, also abhängig von dem „Ding“, das hergestellt werden soll, das „Set“ von Maschinen zu konfigurieren und zu pro grammieren, das dessen Herstellung dann übernimmt. Statt dass die Handhabung jeder einzelnen Maschine (aus dem oben gezeigten Arsenal) beherrscht werden muss, und jede Maschine einzeln programmiert wird, soll mit dieser Objekt-orientierten Programmiersprache so eine komplette maschinelle Infrastruktur zusammengestellt und programmiert werden können. Die dahinter liegende Vision ist dennoch der universale Fabrikator, der dadurch nur ein wenig mehr dem Reich der Magie entrissen wird. In der Science-Fiction wird eine „one-machine-fits-all“-Wundermaschine unterstellt, die „alles“, also einfache Dinge wie Tee so gut wie komplexe Dinge wie Klarinetten oder Maschinenteile her stellen kann, alle mit der gleichen simplen Benutzer-Schnittstelle: „Tea, Earl Grej, hot.“ Heute wird dies aber kaum möglich sein, argumentiert die Autorin, denn die Ma schine brauche genaueste Anweisungen für ihre Aktionen, und der Nutzer braucht genaue Vorstellungen davon, welche Maschine wozu genutzt werden kann. Wir sind 397 https://www.fablabs.io/labs [Stand 17.03.2017] 398 N. Peek: Making M achines that Make: Object-Oriented Hardware Meets Object-Oriented Software. Disserta tion am MIT, eingereicht am 25.7.2016 http://cba.m it.edu/docs/theses/16.08.Peek.pdf [Stand 17.03.2017] [252] noch weit entfernt von der Universalmaschine, und es wird in der Praxis viel spezielle Expertise benötigt. „These are not problems in principle, but problems in practice. So how can we build the practice of rapid prototyping3" of rapid prototyping machines?” Das ist also das Ziel dieser Doktorarbeit, die hofft, die Arbeit in den Fab Labs erleichtern und produktiver machen zu können. Aber ist es Ziel der Industriegesellschaft, dass jeder — wenn auch mit Hilfe digitaler Maschinen — sich Expertise aneignen muss, um die Dinge herzustellen, die er konsu mieren möchte? Allerdings: ein alternatives Modell von Ökonomie wird damit ja noch nicht angestrebt, das angestrebte Modell wäre eines, das die Verfügbarkeit des fertigen universalen Replicators voraussetzen kann; insofern ist das, was in den Fab Labs passiert, ja eine Art von kollektiver Labor- und Forschungsarbeit, im Rahmen und auf der Grundlage einer bestehenden und funktionierenden „konventionellen“ Ökonomie. Aber ergäbe sich so auch ein Pfad, die „konventionelle“ kapitalistische wachstumsabhängige Wirtschaft ganz zu überleben und zu überwinden? Wenn es so möglich sein sollte, tatsächlich die Hälfte aller nachgefragten Konsumgüter auf diese Weise herzustellen, wäre dann ein ökonomischer Zustand erreicht, den man allge mein für erstrebenswert halten dürfte oder müsste? Es war vorne ja schon gesagt worden: wenn tatsächlich alle nachgefragten Kon sumgüter auf diese Weise hergestellt werden könnten, wäre ganz sicher ein allgemein erstrebenswerter Zustand von Ökonomie und Gesellschaft erreicht. Es scheint allen falls, als sei dieser Zielzustand von der Fab City Bewegung oder auch der Fab Lab Bewegung nicht wirklich konsistent beschrieben. Man würde so offensichtlich auch unterstellen, dass „die Sphäre der Produktion“ auch auf diesem Weg in den öffentli chen Sektor übergegangen wäre; das Kapital, die Maschinerie, befände sich offen sichtlich nicht in Privatbesitz. Die Dritte industrielle Revolution spielte sich so also sehr unspektakulär ab, ohne dass sie sich selber groß um die Probleme der sie umge benden Welt kümmerte, und ohne dass die umgebende Welt sich groß um sie küm merte. Diese Bewegung taucht in keinem Programm einer politischen Partei auf; diese Road Map der Fab Cities, in etwa 40Jahren die Hälfte der Industrieproduktion selbst übernehmen zu wollen, in öffentlichen lokalen Digital-Fabriken, nimmt kaum je mand zur Kenntnis. Ist dieser Bewegung zuzutrauen, so im Verborgenen die Welt so positiv zu verän dern? Schnell genug? Ist es zu verantworten, sich auf diesen Weg zu konzentrieren, und die Welt im Übrigen sich selbst zu überlassen? Darf damit gerechnet werden, dass nach nach den erlebten krisenhaften Zuspitzungen sowohl in der globalisierten Ökonomie als auch im Weltklima die das Überleben sichernde „alte“ Ökonomie so lange unbeschadet weiterlebt, dass man sich darauf verlassen und stützen kann, und es so zu einer ruhigen, undramatischen, harmonischen und konfliktfreien System transformation kommen wird? Über einen Zeitraum von mindestens 40Jahren? Po sitiv zu vermerken ist, dass so überhaupt etwas mit diesen Zielsetzungen in Bewegung gesetzt werden kann; die Fab Lab-Bewegung hat nach wie vor ungebrochenen Zulauf 399 3D-Drucker wurden zuerst „Rapid Prototyper” genannt, da sie vornehmlich benutzt wurden, um Prototypen von geplanten Produkten zur äußerlichen Veranschaulichung herzustellen; in einem weiteren Sinn kann man diese Begriffsbedeutung au f alle digitalen Fabrikationsmaschinen ausdehnen. Rapid Prototyping o f Protyping M achines heißt dann: schnelle Konfiguration von digitalen Maschinen. [253] und entwickelt sich stürmisch. Statt passiv zuzuschauen oder nur konsequenzenlose Forderungen zu erheben, kann hier konkret, in einem weltumspannenden Netz mit sehr viel verfügbarem Know-How und koordinierender Planung an einem jedenfalls prinzipiell zukunftsweisenden ökonomischen Fortschrittsmodell gearbeitet werden, das einen Weg, die konfligierenden Interessen von Kapital und Arbeit zu überwinden und ganz eigentlich aufzulösen, wenigstens prinzipiell aufzeigen kann. Aber neben der doch eher als gering einzuschätzenden Aussicht, dass weder im Bereich der Ökonomie noch dem der Ökologie ernste und unmittelbares Eingreifen erfordernde Krisenphänomene auftauchen, gibt es auch prinzipielle Einwände. Die Selbstversorgung in Städten kann eigentlich nicht zum spezifischen Charakteristikum eines allgemeinen Modells von Ökonomie gemacht werden. Wodurch eine Ökono mie sich auszeichnet, muss schon durch allgemeine Prinzipien der Wertschöpfung, und durch Merkmale der Organisation von Güter- und Faktorallokation beschrieben werden können; diese gelten dann offensichtlich für alle Akteure eines ökonomischen Modells, unabhängig vom Gemeindetyp ihrer lokalen Zuordnung. So bleibt es wohl bei der eingangs beschriebenen Unterscheidung nach dem Ort der Sphäre des Wirt schaftlichen, ob in der öffentlichen, oder der privaten Späre. Der Begriff Smart City wird aber nun gewöhnlich in einer ganz anderen Bedeutung verwendet als in dem von Selbstversorgung. Der Bundesverband Smart City e.V. ver wendet die folgende Definition: „Eine Smart City ist eine nahezu decarbonisierte Stadt, in der Nachhaltigkeit konsequent gelebt wird, in der die Handlungen der Stadt gemeinschaft verallgemeinerbar sind und in der die Lebensqualität aller Bewohner (Menschen und Tiere) sowie der Erhalt des Klimas und der lebendigen Umwelt, in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung gestellt wird. Die eigene Identität wahrend, strebt die Stadtgemeinschaft kontinuierlich nach lebendiger Vielfalt, sozialer Kohä sion und umfassender Resilienz, während sie durch eine integrierte Stadtverwaltung geführt wird, die nach den Prinzipien der Urban Governance arbeitet. Um diese Ziele zu erreichen, setzt die Stadtgemeinschaft geeignete Infrastrukturen, interoperable Techniken, die Vernetzung von Systemen sowie die Digitalisierung sehr bewusst ein, ohne sich technischen Innovationen jemals auszuliefern.“ In Hamburg, wo man sich dieses Konzepts mit Nachdruck und Ehrgeiz angenom men hat, hat man einen Schwerpunkt mit der Verbesserung des Verkehrsflusses ge setzt; hier gibt es nun „Busse, die mit Ampeln kommunizieren; Straßenbeleuchtung, die automatisch heller wird, sobald sich Fußgänger oder Radfahrer nähern; oder Wei chen, die sich selbst melden, wenn sie geschmiert werden müssen,“ wie das Hambur ger Abendblatt in einem Artikel vom 24.5.2016 schreibt. Man will ferner erreichen, dass etwa Baustellen besser koordiniert werden können: „Auch die Koordinierung von Baustellen in Hamburg soll im Rahmen der digitalen Revolution so verbessert werden, dass sich Auto- und Radfahrer nicht mehr so viel über Dauerstaus ärgern müssen. Das vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) dafür ins Leben gerufenen Projekt heißt ebenfalls ROADS. Herzstück ist ein ,Multitouch- Tisch‘, der es ermöglichen solle, die Entscheidungsträger im zeitlichen Vorfeld der Maßnahme übersichtlich mit den relevanten Projektinformationen zu versorgen“, heißt es weiter in diesem Artikel. Allen Planern sollen also zentral sämtliche Daten [254] über Bauprojekte zur Verfügung stehen, um etwa Mehrfacharbeiten durch schlechte Projektkoordination zu vermeiden. Es sollen aber nicht etwa nur Baustellen besser koordiniert werden, sondern der ganze Verkehrsfluss. Die Hamburger Hafenbehörde hat hierzu als Pilot das Projekt „smartROAD“ gestartet, womit getestet werden soll, wie der Verkehrsfluss im Hafen und die umgebenden Faktoren wie Lärm oder Kohlendioxid mittels neuester Sensor Technologien erfasst, ausgewertet und beeinflusst werden können, berichtet der Ar tikel weiter. Der Digitalchef der Hamburger Port Authority wird dazu wie folgt zitiert: „Die intelligente Straße ist ein Mosaikstein im Gesamtkonzept des intelligenten Ha fens. Ziel ist, sowohl die Verkehrsträger Straße, Schiene, Wasser als auch den darauf stattfindenden Verkehr an sich intelligenter steuern zu können, um die Gesamteffizi enz im Hafen zu erhöhen.“ Ohne nun ausführlich weitere Beispiele anderer Städte zu diskutieren, ist daraus ersichtlich, worin das Ziel der Maßnahmen der Smart City Hamburg liegt: „Mobilität effizienter zu machen, Ressourcen zu schonen und negative Umwelteinflüsse zu sen ken.“ Es geht darum, die an sich ungeplanten und unkoordinierten Operationen von Akteuren, also Fahrten von Verkehrsteilnehmern, zentral zu koordinieren im Sinne einer Zielsetzung, von der angenommen wird, dass alle Akteure sie gleichermaßen verfolgen: nämlich auf dem kürzesten Weg zum Ziel zu kommen. Offensichtlich wer den so keine den Kapitalismus transzendierenden Zielsetzungen angestrebt; aller dings kommt hier ein Steuerungsmechanismus erfolgreich zur Anwendung, der auf ganz andere Prinzipien setzt, als die Marktkoordination von Wirtschaftshandlungen über Preissignale, und macht deutlich, dass Wettbewerb und individuelle Leistung (etwa als Motorleistung des genutzten Fahrzeugs) offenbar nicht immer das beste den Allgemeinnutzen maximierende Koordinationsprinzip darstellt. Diese Erkenntnis liegt aber eher im Bereich des Anekdotischen und verhilft nicht durchgreifend zu Einsichten in Bezug auf die Überwindung ökonomischer Sachzwänge, denn diese Art der Koordination wird sich auf den wirtschaftlichen Austausch nicht übertragen las sen. Nützlich im Sinne der genannten Zielsetzungen von Ressourcenschonung und Umweltschutz sind diese Maßnahmen offensichtlich allemal. Kritik entzündet sich aber nun an dem Umstand, dass der weitere politische Kon text durch beide Ansätze aus dem Blickfeld verdrängt wird. Diese Kritik wurde etwa formuliert von zwei Mitarbeitern der Universität Cataloniens, die „Widersprüchlich keiten“ entdeckten in der Politik, Barcelona zu einer Self-Sufficient City zu machen.400 Sie fordern, die Smart City zu „repolitisieren“: „The wider political economy is based on the capturing of new monopoly rents on the one hand, and on the other on securing an urban sustainability fix for the inherent problems of sustained growth in Contemporary capitalism by utility and ICT Companies.” Sie kritisieren also, dass die umgebende auf Rentenextraktion basierende politische Ökonomie unangetastet bleibe, und dass man mit Hilfe von Informations- und Kommunikationsunterneh men die Probleme eines anhaltenden Wachstums im gegenwärtigen Kapitalismus zu lindern helfe. Sie möchten dagegen mehr erreichen: „It is necessary to Start to imagine 400 Hug March and Ramon Ribera-Fumaz: Smart contradictions: The politics o f making Barcelona a Self-sufficient city. European Urban and Regional Studies 2016, Vol. 23(4) 816-830 [255] and construct alternative urban utopias. These new imaginaries should go beyond the actually existing Smart City.“ (a.a.O.) Aber da stellt sich offensichtlich wieder die Aus gangsfrage, wie dies denn erreicht werden könnte. Und, um an die eingangs disku tierten ethischen Fragestellungen anzuknüpfen, es scheint offenbar besser, das heute Mögliche zu tun, anstatt darauf um eines „Besseren“ willen zu verzichten, das aber noch nicht in die Reichweite des Machbaren gerückt ist. Aber dies ist zu einem Teil jedenfalls immer auch eine Ermessensfrage. So war lange bekannt, dass die Nutzung der Atomenergie zur Erzeugung von Elektrizität mit enormen Risiken verbunden ist. Der Atomausstieg wurde schon seit Mitte der 1970er Jahre gefordert, und bekam nach der Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine 1986 starken Zulauf. Aber es bedurfte erst der Katastrophe von Fukushima 2011, bis man die schon lange erkannten Gefahren ernst nahm, und am 30.Juni 2011 im Deut schen Bundestag die atompolitische Wende beschlossen wurde. Die erst im Herbst 2010 beschlossene Taufzeitverlängerung für acht Kernkraftwerke wurde rückgängig gemacht, und weitere acht deutsche Kernkraftwerke verloren am 6. August 2011 ihre Betriebserlaubnis. Bis Ende 2022 sollen sämtliche Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz gegangen sein. Eine Notwendigkeit, aus der Kernkraft auszusteigen, hatte also zu dem Zeitpunkt schon lange bestanden, und der dann mit so großer Verzögerung erfolgte Ausstieg wird die öffentlichen Kassen enorm belasten. Die Notwendigkeit ist, dem politischen Druck interessierter Seiten folgend, verleugnet worden. Wie ist es mit der Notwendigkeit, aus dem Kapitalismus auszusteigen? Wie ist es mit der Möglichkeit? Wenn die Notwendigkeit groß ist, entsteht auch mehr Druck, die vielleicht erst in statu nascendi vorhandene Möglichkeit herzustellen. Ein (kurzer) Blick auf die beunruhigenden bis dramatischen Vorgänge an der Klimafront sagt ei gentlich schon eine ganze Menge über die Notwendigkeiten. [256] Ausblick: Keine Plünderung der Erde! Extreme Unwetterereignisse häufen sich seit 1980 weltweit, mit einer immer weiter ansteigenden Schadensbilanz. N u m b e r of natural cata&trophes 1980-2011 1,000 I___________ I___________ _̂___________________ 800 600 400 200 I I960 I 1965 11990 11095 12000 12005 I 2010 Abb. 19: Schadenshäufigkeiten der M unicRE 2012401 Die Gefahr droht aber nicht nur von Unwetterereignissen. Im Frühjahr 2014 er schien eine von der NASA mitfinanzierte Studie einer Forschergruppe der Universi tät Maryland um den Mathematiker Safa Motesharrei, die „der menschlichen Zivili sation prophylaktisch den Totenschein“402 ausstellte. Die Menschheit steuere inner halb der nächsten Dekaden auf einen „irreversiblen Kollaps“ zu, weil sie ständig mehr Ressourcen verbrauche als regeneriert werden können, und gleichzeitig dem Klima haushalt so viele belastende Schadstoffeinträge zuführe, dass dessen Kollaps unver meidlich sei. Als zentrale Risikofaktoren nannte die Studie „Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Wasserversorgung, Landwirtschaftsentwicklung und Energiever brauch.“403 Die Autoren sehen insbesondere die entstandene Ungleichheit und die Rolle der Eliten als krisenverschärfende Faktoren, da die Eliten vom bestehenden Modus der Ressourcenübernutzung profitieren, und gleichzeitig überproportional in der Lage sind, ihre Interessen im politischen Prozess durchzusetzen. Gleichzeitig häufen sich die Schreckensmeldungen von der Klimafront. Der Spie gel meldete am 12.3.2017, dass die Ozeane sich deutlich schneller erwärmen als be fürchtet.404 Eine Analyse eines Forscherteams um Lijing Cheng von der Chinese M unicRe Topics 2012 http://earthmind.org/files/risk/M unichRe-2012-Natural-Catastrophes-2011.pdf 402 So beschrieb dies sarkastisch der Journalist Tomasz Konicz in seinem Buch über die „finale Krise der W elt w irtschaft“ : Kapitalkollaps. Hamburg 2016, S.7 403 „Das Ende ist nah. Die moderne G esellschaft wird kollabieren, sagt eine neue Studie der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa. “ Bericht der FAZ vom 24.03.2014 http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/studie-diem odeme-gesellschaft-wird-untergehen-12861424.html Die Studie ist hier abrufbar: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921800914000615 [Stand 20.03.2017] 404 Der SPIEGEL sieht darin einen weiteren „Beleg für den Klimawandel: Die Ozeane heizen sich immer schneller auf. Neue Daten zeigen, wie sehr sich Forscher in der Vergangenheit geirrt haben.“ Bericht vom 13.03.2017 http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ozeane-erwaermen-sich-deutlich-schneller-als-gedacht-a- 1138348.html [Stand20.03.2017] H Oecphysical events: Earttiquake, volcanic eruption m Meteorological events: Tropical storm, winter storm, severe weather, hai I, tornado, local storm Hydrological events: Storm surge, river flood, flash flood, mass movement (landslide) M Climatological events: Heatwave, oold wave, w ildf Ire, drought [257] Academy of Sciences in Peking fand heraus, dass der beschwichtigende Weltklima bericht des Jahres 2013 „eine Täuschung“ war; der aktuellen Untersuchung zufolge „erwärmen sich die Ozeane rund 13 Prozent schneller als bisher gedacht. Hinzu kommt, dass sich der Prozess immer weiter beschleunigt. 1992 heizten sich die Oze ane bereits nahezu doppelt so schnell auf wie noch I960, schreiben die Wissenschaft ler im Fachblatt ,Science Advancesf Erst seit 1990 erreiche die Erwärmung über haupt Wassertiefen unter 700 Metern.“ Auch andere schon früher durchgeführte Stu dien wie die der Royal Society405 vom Februar 2014 bestätigten weltweit die Gefahr irreversibler klimatischer Veränderungen. In Deutschland mit seinen gemäßigten klimatischen Bedingungen verging in den Sommern der letztenjahre kaum mehr eine Schönwetterperiode ohne sich anschlie ßendes Unwetter, wie im Sommer 2014 etwa der Extremregen in Münster im ju li mit zwei zu beklagenden Todesopfern, und im ju n i eine Schwergewitterlage in weiten Teilen Deutschlands mit Starkregen, extrem großen Hagelkörnern und vereinzelten Orkanböen. Die verheerende Elbe- und Donauflut des Sommers 2013 kam elfjahre nach der ersten Elbe- und Donauflut, damals verharmlosend „Jahrhundertflut“ ge tauft, um an eine extreme Seltenheit eines solchen Wetterereignisses glauben zu ma chen. Viele damals überschwemmte Häuser und ganze Stadtteile, die im Taufe der Jahre mit viel Mühe und Geld wiederhergerichtet worden waren, wurden erneut durch die Fluten verwüstet. Im Mai 2010 richteten schwere Unwetter vor allem im Osten Deutschlands Schäden in dreistelliger Millionenhöhe an, gefolgt von einem extrem regenreichen August mit der dreifachen, stellenweise fünffachen Regenmenge eines bisher durchschnittlichen August. Starke Tornados treten gehäuft nun auch in Deutschland auf und richten erhebliche Schäden an.406 Der Orkan „Kyrill“ im Januar 2007 forderte 47 Menschenleben und verursachte Schäden in Höhe von rund 6 Mrd. Dollar; er war damit der bisher schwerste Orkan nach dem noch verheerenderen Orkantief „Tothar“, das in ganz Europa 1999 110 Menschenleben kostete und dessen Schadenssumme sich auf über 6 Mrd. Dollar be lief. Dies sind nur einige der in Deutschland und Europa aufgetretenen Anomalien; die Verwüstungen durch Hurricanes in der Karibik oder Taifüne wie des Taifüns Haiyan, der vor allem auf den Philippinen Millionen Menschen obdachlos machte und rund 10.000 Menschen das Teben kostete, sind weitaus verheerender. Mexiko wurde 2015 vom „stärksten jemals registrierten Hurrikan“ getroffen, der aber immer hin nicht die befürchteten Schäden hervorgerufen hat.407 405 The Royal Society: Climate Change: Evidence & Causes. https://royalsociety.org/policy/projects/climate-evidence-causes/ [Stand 07.10.2014] 406 Die W ebseite Tomadoliste Deutschland erfasst die in Deutschland beobachteten Tornados seit dem Jahr 689 (!) m it vereinzelten Tornados pro Jahr bis etwa 1996, ab da aber ansteigend au f z. B. 108 im Jahr 2002 bis zu 459 im Jahr 2016. W ährenddessen wird versucht (z. B. von der Unwetterzentrale Deutschland) den Eindruck zu erwecken, als seien Tornados früher nur weniger beachtet worden. Vgl. http://www.tornadoliste.de/ 407 Der SPIEGEL vom 24.10.2015: „Sturmregion drohen Erdrutsche. Umgestürzte Bäume, Überflutungen - au ßerdem drohen womöglich Erdrutsche. Dennoch sieht es so aus, als habe der W irbelsturm "Patricia" Mexiko nicht so hart getroffen wie zuvor befürchtet.“ http://www.spiegel.de/panorama/wirbelsturm-patricia-behoerden-warnen-vor-erdrutschen-a-1059449.html [Stand 15.03.2017] [258] In den USA wurde 2015 gleichzeitig von einem „Jahrtausend-Regen“408 in South Carolina, sowie vom Austrocknen eines Sees infolge der „schlimmsten Dürre seit 1200Jahren“ in Kalifornien berichtet.409 Im januar 2017 ist das Problem in Kalifor nien nun nicht mehr die Dürre, sondern „schwere Überschwemmungen“: „Der sonst sonnenverwöhnte Staat leidet unter Wassermassen, Schnee und Schlammlawinen“, berichtet der SPIEGEL am 10.01.2017. Die weltweit bekannte Aktivistin Naomi Klein sah die Welt 2014 vor die Alterna tive „Kapitalismus vs. Klima“410 gestellt. Es sei der „Marktfundamentalismus“, der den Planeten aufheizt. Eine von ihr vorgeschlagene „neue Ökonomie“ würde „den öffentlichen Sektor stärken und transformieren“, und „ein gewisses Maß an Planung einführen“. Als beispielhaft erwähnt sie die Bestrebungen der „Bewohner vieler deut scher Städte, sich die Kontrolle über die Stromerzeugung zurückzuholen, damit der Übergang zu den erneuerbaren ohne Aufschub erfolgen kann“, und weil „die erziel ten Gewinne dann nicht an die Aktionäre, sondern zurück an die darbende öffentli che Hand“ fließen. Als Modell der Versorgung mit Energie schlägt sie kleine, lokale Versorgungsbetriebe vor, die demokratisch betrieben würden durch die „Kommu nen, die sie nutzen“, oder auch durch Genossenschaften oder „Allmenden“. Die Bür ger könnten dann „ganz andere Forderungen an ihr Energieunternehmen stellen als derzeit, zum Beispiel dass ihre Erlöse „nicht (...) in unanständig hohe Managergeh alte und Aktionärsgewinne“ gesteckt werden. Aus der Sicht der hier entwickelten Ar gumentation scheint das sehr plausibel — und würde sich dann eben auch auf wichtige Teile der Produktion erstrecken. Auch sie fordert eine „Abkehr von den neoliberalen Dogmen“, und wendet sich gegen das Hoffen auf „grüne Milliardäre als Heilsbrin ger“, die im Alleingang die Welt aus der Gefahr retten, die verursachenden und über lebten Prinzipien im Bereich der Ökonomie aber nicht ändern. Die Epoche des Anthropozäns411, die nach mehr als 12.000Jahren die Epoche des Holozäns ablöste, hat offenbar zu verheerenden Auswirkungen auf Flora und Fauna geführt; mit Blick auf die verursachenden Mechanismen hat der Politikwissenschaft ler Elmar Altvater nicht ohne Sarkasmus vorgeschlagen, diese Epoche als Kapitalozän zu bezeichnen.412 An Gründen und vielfach geäußerten Wünschen, diese Epoche zu beenden und eine neue Epoche zu beginnen, fehlte es also offensichtlich nicht, nur, bisher, an den Mitteln. 408 Am 05.10.2015: http://www.t-online.de/nachrichten/id_75193786/jahrtausend-regen-in-south-carolina-undmehr-morgennews.html 409 Am 04.10.2015: http://www.t-online.de/tv/news/id_75657242/ein-ganzer-see-faellt-hisorischer-duerre-zumopfer.html 410 Klein (2015) S. 158 ff. 411 Das Berliner Haus der Kulturen veranstaltete 2014 ein Forum zur Diskussion von Fragen und Forschungser gebnissen der „Anthropocene W orking Group“ . http://www.hkw.de/de/programm/projekte/2014/anthropoza.enprojekt_ein_bericht/anthropocene_workin g g ro u p l/a n th ro p o c e n e w o rk in g g ro u p fo ru m .p h p [Stand 17.10.2014] 412 „Grünes W achstum ist ein W iderspruch in sich“, m eint Demographie Experte Rainer Klingholz („Sklaven des W achstum s“, Campus 2014), wie auch der W achstumskritiker Niko Paech. [259] [260] Weltfabrik und Weltzivilisation Wenn wir nun Bilanz ziehen, haben wir es offenbar mit folgender Situation zu tun: Nach Eintreten des Reifestadiums der Ökonomien mit gesättigten Märkten entstehen Ungleichgewichte, die die Tendenz haben, sich selbst zu verstärken, wie die techno logische Arbeitslosigkeit, die zu nachlassender Nachfrage führt und damit wiederum zu weiterer Arbeitslosigkeit, und die Kapitalkonzentration, die über Marktmacht, me diale und politische Einflüsse weitere Kapitalkonzentration wahrscheinlich und mög lich macht;, produktivitätssteigernder technischer Fortschritt wirkt wiederum verstär kend aufbeide Ungleichgewichte. Prinzipiell könnten diese Ungleichgewichte politisch korrigiert werden, was nach Erreichen eines fortgeschrittenen Stadiums dieser Entwicklung aber schon schwer durchzusetzen ist, und mit zunehmendem technischem Fortschritt, schwindender Aufnahmefähigkeit der Märkte und der Masse des immer weiter konzentrierten Ka pitals immer schwieriger würde. Außerdem müsste man die Wiederbelebung einer Wachstumsperspektive für möglich halten bzw. erklären, um die Auferstehung eines Produktivkapitalismus glaubhaft projektieren zu können. Das ist aber schon wegen der skizzierten ökologischen Zuspitzung nicht vorstellbar. Kämen die Korrekturen unter heroischem Kräfteaufwand dennoch zustande, würden sie immer nur abzielen auf einen Interessens- und Kräfteausgleich innerhalb der systemarchitektonischen Konstanten von Kapital und Arbeit; sie führten aus der Welt des Kapitalismus also nicht hinaus, und den Transaktionskostenaufwand zur Stabilisierung müsste man endlos steigern. Es scheint daher einigermaßen aussichtlos, die klassischen Themen und Zielset zungen der Arbeiterpartei wiederbeleben zu wollen, denen es um das Erkämpfen von Rechten, Teilhabechancen und Anteilen am volkswirtschaftlichen Produkt ging, des sen Entstehung in symbiotischer Koexistenz von Arbeit und Kapital aber nicht be zweifelt wurde. Das Kapital scheint sich heute auf den Weg gemacht zu haben, das volkswirtschaftliche Produkt gänzlich ohne Mitwirkung der „Arbeiter“ herstellen zu können.413 Aber zugleich, wie gesehen, wirken die ökonomischen Wirkungen des technischen Fortschritts auf den technischen Fortschritt zurück. Die Folge des produktivitätsstei gernden technischen Fortschritts, die Sättigung, macht aus dem technischen Fort schritt einen zugleich flexibilitätssteigernden Fortschritt, oder sogar universale Pro duktionsmittel hervorbringenden Fortschritt. Damit entsteht die Möglichkeit, dem Kapital eine neue gesellschaftliche Funktion zuzuweisen. Kapital kann dadurch sehr konsumnah genutzt werden, entweder direkt im priva ten Haushalt, oder indirekt, durch Wahrnehmung der Konsumenteninteressen durch die öffentliche Hand. Wenn dies geschieht, wo dies also mit vertretbarem und über 413 Die Bestsellerautoren Matthias W eik und Marc Friedrich stellten erneut die Prognose: „Industrie 4.0: W ir wer den (fast) alle arbeitslos“ . Leider empfehlen auch sie als Lösung das allgemeine „Grundeinkommen“, das, wie sie berichten, immer mehr Anhänger zu finden scheint. Erschienen am 12.3.2017 im Heise Verlag https://www.heise.de/tp/features/Industrie-4-0-3649358.html [Stand 01.04.2017] [261] schaubarem Risiko möglich ist, und wo renditesuchendes Kapital keine wohlstands erweiternden Wirkungen mehr entfalten kann und stattdessen nur dem Ziel der Ab schöpfung einer Monopolrente dienlich ist, wird es möglich, diese entstandenen Machtungleichgewichte tendenziell zu überwinden, und den Kapitalzufluss zum weit überproportional angeschwollenen Kapital zu bremsen und zu stoppen. Das Kapital würde dann „unmittelbar gesellschaftlich“. Mit Blick auf die unterliegenden technischen Prozesse kann man also sagen: das Kapital entwickelt sich in der weiteren Perspektive von der privaten individuellen Kapitalnutzung als Renditeerzeuger zur universalen öffentlichen Maschine als Ge brauchswerterzeuger. Insofern muss man zugestehen: Karl Marx lag insoweit schein bar nicht so ganz falsch.414 Die Epoche sozialer Revolutionen müsste aber noch ein treten — allerdings, im Gegensatz zur russischen Revolution vor exakt hundertjahren, könnte sie es diesmal auch, aber mit anderen Inhalten und Zielen und, vor allem, Methoden. Der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine hat zu seiner Zeit als Fraktions vorsitzender der „Linken“ wiederholt die Verstaatlichung oder zumindest „Entmach tung“ des Bankensektors, die Rückverstaatlichung von Telekommunikation und Bahn sowie die Rekommunalisierung der Energie- und Wasserversorgung gefor dert.415 Offenbar deutet sich aus der bisherigen Argumentation an, dass dem zuzu stimmen wäre. Wenn sogar der Chef der Europäischen Zentralbank der Meinung ist, wir seien „overbanked“, und die Aufgabe der Banken nur noch darin besteht, Berge von Anlage suchendem Privatvermögen gegen Gebühr aufzubewahren, kann ein pri vater Bankensektor keine heldenhaften volkswirtschaftlichen Leistungen mehr er bringen. Dann sind Banken nur noch Tresore. Aber diese Maßnahmen, so wichtig und begrüßenswert sie auch sind, führten für sich genommen und bestenfalls eben nur zurück in vergangene und schon erlebte Zeiten (bis auf die verstaatlichen Banken). In eine neue Epoche führt erst die Mög lichkeit der „Veröffentlichung“ der Produktionsmittel. Das vor uns liegende Modernisierungsprojekt erscheint tatsächlich also auch als ein Projekt „Vollautomation“. So sah es auch Paul Mason: „Wir müssen die Techno logie auf die Verringerung des Arbeitsaufwandes ausrichten, um den raschen Über gang zu einer automatisierten Wirtschaft voranzutreiben.“ (S. 345) Er hat allerdings scheinbar nicht verstanden, dass für „uns“ da wenig voranzutreiben ist, weil das die Mechanismen der kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft sehr zuverlässig von selber bewerkstelligen, wie Marx das bereits vor rund 150 Jahren sehr richtig erkannt hat. Marx konnte aber wiederum nicht erkennen, dass dieser Trend zur Produktivitäts steigerung eines Tages vom Trend der Flexibilitäts- und Universalitätssteigerung be 414 Der Verfasser, der sich nie als „M arxist“ verstanden hat und dem M arxschen Schriftennachlasse keine große A ufmerksamkeit gewidmet hat, schließt sich an dieser Stelle denjenigen an, die dem geradezu unglaublichen Genie M arxens ihren Respekt und ihre Anerkennung erweisen. 415 Vgl. „Deutsche Bank verstaatlichen“, Interview m it der Frankfurter Rundschau vom 28.10.2011. http://www.fr-online.de/wirtschaft/oskar-lafontaine—deutsche-bank-verstaatlichen-,1472780,l 1070526.html [Stand 15.03.2017] [262] gleitet werden würde, und zwar erst ganz am Ende der „transitorischen Notwendig keit“ der kapitalistischen Entwicklung, wenn die Aufgabe der Befriedigung der Kon sumbedürfnisse der Menschen schon weitgehend abgeschlossen ist. Mason plädiert ebenfalls dafür, die „Marktkräfte verschwinden“ zu lassen, und die „Monopole“ der Versorger mit „Strom, Wasser, Wohnung, Transport, Gesundheits wesen, Telekommunikationsinfrastruktur und Bildung“ sowie auch der von Apple und Google zu verstaatlichen und / oder zu zerschlagen. (S. 354) Öffentliche Dienste wären dann in der Tage, ihre Teistungen zum Selbstkostenpreis zu erbringen, was seiner Auffassung nach im Sinne von Wohlstandssteigerung sogar sinnvoller wäre als die Töhne zu erhöhen. Ebenso plädiert er für die „Vergesellschaftung des Finanzsek tors“. (S. 358) Dazu also volle Zustimmung. Aber um die Produktionsmittel zu vergesellschaften, kann Mason nur eine dubiose „Ausweitung der kollaborativen Arbeit“ vorschlagen. Und gleichzeitig Vollautoma tion, fragt man sich? Ein „Grundeinkommen“ schlägt wie gesehen auch er vor, er sieht aber immerhin, dass bei angenommener Weiterentwicklung des technischen Fortschritts eines Tages „im Marktsektor nicht mehr genügend Erträge erwirtschaftet [werden], die besteuert werden können, um das Grundeinkommen zu finanzieren.“ Aber er versteht nicht, wie es vor sich gehen soll, dass „die von der Menschheit be nötigten Dinge“ eines Tages auch zu den tatsächlichen Grenzkosten (nahe Null) un ter die Menschen kommen sollen. Dies wird eben erst auf die in diesem Buch be schriebene Weise möglich sein. Ist dies aber erreicht, und der Primat der Politik auf nationaler Ebene hergestellt, können sich die Verhältnisse auch in internationalem Maßstab ändern. Nicht nur Europa könnte dann Aufgaben im europäischen Maßstab übernehmen, es käme durchaus auch die Möglichkeit einer „Weltregierung“ in Sicht, mit dann globalen Auf gaben und Kompetenzen, so wie Stephen Hawking dies ja kürzlich vorgeschlagen bzw. gefordert hat.416 Ohne die allgegenwärtige Dominanz von Kapitalinteressen, die die jeweiligen nationalen Interessen der Staaten bei ihrer Arbeit in internationalen Institutionen gegenwärtig dominieren, wäre dies mit wesentlich verbesserten Erfolg saussichten vorstellbar. Es wäre dann möglich, den spieltheoretischen Fallenstellun gen der internationalen Wettbewerbe um Exportüberschüsse und Monopole zu ent rinnen, um lokale Fertigungskapazitäten aufzubauen, nach der Devise „Fabricate locally, think globally“, und dies auch in industriellem Maßstab; die Automationsdivi denden blieben so in den lokalen Volkswirtschaften, die zusätzlich größere lokale Steuerungskapazitäten gewinnen, zur Koordination des ja noch immer vorhandenen (kapitalunabhängigen) Arbeitsplatzbedarfs. Es ginge also darum, öffentliche lokale Produktionsstrukturen zu installieren, die öffentlichen Dienste auszubauen, so die Plünderung der Reichtümer der Erde zu ver hindern und zu stoppen, und dem Fortschritt eine wertegeleitete Richtung zu geben, etwa hin zu einem Kulturstaat Europa. Treibendes Subjekt dieser „Revolution“ ist dann nicht etwa eine Arbeiterklasse, sondern die ganze aufgeklärte Menschheit; jeder 416 Die W ashington Times berichtet darüber, nicht ohne Hawking als „Physiker der Linken“ zu bezeichnen: „Left’s No. 1 physicist: ‘W orld govem m ent’ only way to save hum ankind‘“ . Ausgabe vom 9.3.2017 http://www.washingtontimes.com/news/2017/mar/9/stephen-hawking-world-govemment-only-way-savehum / [Stand 10.3.2017] [263] Mensch, der in vernünftigen, kulturell entwickelten und menschenwürdigen Zustän den leben und seinen Nachkommen eine liebenswerte Heimat in einer unversehrten Lebenswelt hinterlassen möchte. Diese aber hat eine gigantische Herausforderung zu bewältigen. Wie Michael Hud son in seiner packenden Analyse der zerstörenden Wirkungen der „Finanzwirt schaft“417 beschreibt, steht die Menschheit in Gestalt von Arbeitnehmern, Industrie und Staat heute den Interessen der mächtigen globalisierten Finanzindustrie418 gegen über, der es wiederum nur zu leicht fällt, sowohl bei den Arbeitnehmern als auch bei industriellen Kapitaleignern und im Staat Partner und Verbündete zu finden. Die Fa bel vom endlosen Reichtum an den Börsen und vom Glück, das jeder auf der Straße finden kann, wenn er nur will, ist noch immer nur zu leicht an den Mann zu bringen, und die jungen Menschen, die in den 1968ern als StreetFightingM en für Freiheit, Frie den und eine liebevollere Welt kämpften, sitzen heute in von der Deutschen Bank gesponserten Hörsälen und träumen davon, in der Zuchtlotterie der Startups zu den überlebenden Fittest zu gehören, und mit 35 das Berufsleben als globetrottender Mil lionär beenden zu können. Das Geschehen in der Welt wird heute angetrieben von einer Handvoll Superrei cher, die wie der König Midas in der griechischen Mythologie glauben, nichts sei erstrebenswerter als unendliche Mengen von Gold aufzuhäufen, und darüber verges sen, dass diese Welt auch noch die Lebensgrundlagen des physischen Überlebens hervorbringen muss, weil man Gold nicht essen kann. Wie aus den sich andeutenden Fluchtbewegungen der Superreichen im Silicon Valley zu erlesen ist, reicht deren Ver antwortungsbewusstsein nicht so weit, sich um die Überlebensfähigkeit dieser einen Welt zu kümmern, in der wir alle gemeinsam leben; sie hoffen auf die kleine rettende Insel in einer umgebenden Mad-Max-Wüste, in der sie mit Bunkern voller Lebens mittel, Motorrädern und Waffenarsenalen ihren Hals retten können. Niemand habe sich diese Entwicklung vorstellen können, sagt Hudson. „Niemand konnte sich vorstellen, dass eine ,leistungslose‘ Rente in zinstragenden Bankkrediten kapitalisiert würde, um zur Basis für den größten Teil der Kredit- und Schul denschöpfung der Banken zu werden. Man erwartete, dass Renten entweder durch Besteuerung weitgehend abgeschöpft (wenn Grund- und Rohstoffrenten in privaten Händen blieben) oder aber dass Renten abwerfende Vermögenswerte verstaatlicht würden.“ (S. 531). Aber die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt“ (Schum peter), hat es geschickt verstanden, sich in den Wertschöpfüngskreislauf einzunisten, und all dies zu verhindern. Hudson schreibt: „Jeder Lohnempfänger muss einen so großen Teil seines Arbeitseinkommens für den Schuldendienst und die Rentenex traktion abzweigen, dass der inländische Gütermarkt austrocknet. Statt in die verhei ßene Freizeitgesellschaft tritt die Welt in ein finanzialisiertes Zeitalter der Austerität ein.“ (S. 531). Und, wie gesehen, ist es nicht nur das, was dieser destruktive Strang der kapitalistischen Entwicklungsgeschichte an Übeln generiert, es sind eben auch die 417 M ichaelH udson: D erS ek tor.W arum dieglobaleF inanzw irtschaftunszerstö rt. S tuttgart2016 418 W. Rügemeier beschreibt drastisch die Gefährdungen durch einen „Blackrock-Kapitalismus“, die „das neue transatlantische Finanzkartell" hervorruft. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2016 [264] ökologischen Verwüstungen, die im verzweifelten Bemühen um die Erzielung mini maler realwirtschaftlicher Profite ja auch noch angerichtet werden, auch wenn man sich bemüht, die Folgen möglichst weit aus dem Blickfeld zu verbannen, etwa unter die Erde wie mit den Nachlässen der Kernenergie, oder in ferne Länder südlich des Äquators, oder in die Zukunft, zu Lasten der nachfolgenden Generationen. Aber Michael Hudson kann auch nur empfehlen, sich um die „Wiederherstellung einer prosperierenden Industrie“ zu bemühen, durch Maßnahmen, die an sich alle samt der bisherigen Argumentation zufolge zu begrüßen wären: er empfiehlt Schul denerlasse, Besteuerung ökonomischer Renten, Abschaffüng der steuerlichen Ab setzbarkeit von Schuldzinsen, eine öffentliche Bankenoption, öffentliches Eigentum natürlicher Monopole, und eine höhere Besteuerung von Kapitalerträgen. (S. 548) Sein Ziel, die Wiederherstellung einer prosperierenden Industrie, ist offensichtlich der Fehler in diesem Plan. Es scheinen sehr starke Kräfte am Werk zu sein, die über die alte Welt der prosperierenden Industrien hinaus wollen — wenn auch scheinbar „hinter ihrem Rücken“, ohne deren bewusste Intention. Marx glaubte an diesen Mechanismus, der in der Geschichte wirkt. Sein „Kapital“ sollte ihn „enthüllen“: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewe gung auf die Spur gekommen ist - und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen -, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“419 Nach 1989 war der Glaube an Marx und die von ihm enthüllten „Bewegungsge setze“ stark korrumpiert; allerdings war es nach der Oktoberrevolution 1917 ja so, dass genau dies versucht worden ist: naturgemäße Entwicklungsphasen zu übersprin gen, und sie wegzudekretieren. Genau das war das Leninsche Programm. Ob diese Einschätzung tatsächlich Lenin persönlich zuzuschreiben ist, oder ob Lenin sie etwa von Trotzki übernommen und sie in seiner Partei, den „Bolschewiki“, als strategische Ausrichtung dann zugelassen hat, ist umstritten, und vor allem ist umstritten, ob die russische Revolution ohne Lenin und ohne diese Zielsetzung überhaupt erfolgreich hätte vorangetrieben werden können. Faktum ist, dass die Phase der Industrialisierung unter der Regie privater Kapi talinvestoren übersprungen werden sollte; stattdessen proklamierte Lenin einen „Staatskapitalismus“. Kurioserweise wurde Lenin, der von 1900 bis 1917 im deut schen und schweizerischen Exil lebte, mit Unterstützung des deutschen Kaiserreichs wieder nach Russland überführt, wo er nach dem Plan der Deutschen den Weltkriegs gegner Russland von innen heraus durch Revolution schwächen sollte, und, falls er seine Revolution zum Sieg führt, zu einem für die Deutschen vorteilhaften Separat frieden gedrängt werden sollte, wozu es dann tatsächlich auch gekommen ist.420 419 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1. V orw ortzur ersten Auflage 420 Der ehemalige SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meier beschrieb die Geschichte des „Staatsgründers Lenin“ 1999 in einem umfassen Artikel. Die Verbindung zwischen Lenin und dem deutschen Kaierreich beschrieb Meyer wie folgt: „Die deutsche Heeresleitung, verstrickt in einen nicht gewinnbaren Zweifrontenkrieg, setzte darauf, Lenin werde, wenn er an der M acht sei, einen Separatfrieden schließen. General Ludendorffließ ihn deshalb samt 31 Genossen aus der Schweiz in einem Zug durch Deutschland über Schweden nach Rußland transpor tieren. Von dort tunkte ein deutscher Agent: ,Lenin: Eintritt nach Rußland geglückt. Er arbeitet völlig nach W unsch.1“ Die russischen Revolutionäre um Lenin sollen auch weiterhin m it hohen Geldbeträgen von [265] Dieser „Staatskapitalismus“ in einem rückständigen Land, in dem die Industriali sierung kaum erst begonnen hatte, gestaltete sich zu einem einzigen mit brutaler Kon sequenz durchgepeitschten Desaster, in dem in der Tat das, was Marx für eine „na turgemäße“ Entfaltung der modernen Gesellschaft für richtig und wichtig gehalten hätte, mit Füßen getreten wurde, dies groteskerweise in seinem Namen. „In welchen Büchern steht denn geschrieben, dass derartige Eingriffe in die gewöhnliche histori sche Abfolge unzulässig oder unmöglich sind?“, fragte Lenin, und schenkte diesem Buch, in dem von dieser gewöhnlichen historischen Abfolge berichtet wurde, auch sonst nur noch wenig Beachtung. „Anstelle der Ideen Marx4 von einer Arbeiterselbst verwaltung proklamierte er, beeindruckt von der Zuverlässigkeit der Deutschen Reichspost: ,Unser nächstes Ziel ist es, die ganze Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post zu organisieren4“, schreibt Fritjof Meyer, und weiter: „Als zentrales Pla nungsorgan nahm er sich das Waffen- und Munitions-Beschaffungsamt (,Wumba‘) der deutschen Kriegswirtschaft zum Muster: ,Macht, was die Wumba macht!4 Die Partei machte daraus die Lenkungsbehörde Gosplan, welche die russische Volkswirt schaft für ein halbesjahrhundert fesselte und schließlich an den Abgrund führte. Von Ludendorff, Deutschlands faktischem Diktator der letzten Kriegsjahre, übernahm Lenin die allgemeine Arbeitspflicht. In Deutschland sei das ein staatsmonopolisti scher Kriegskapitalismus4, wusste er, ein ,Militärzuchthaus für Arbeitet. Für Russland bedeute es aber ,unweigerlich einen Schritt, ja Schritte zum Sozialismus!4 Seine Nach folger behaupteten später, der Staatsmonopolismus sei sogar schon der Sozialismus.“ Meyer schildert in diesem Artikel die unglaubliche Brutalität, mit welcher diese „Schritte zum Sozialismus“ durchgesetzt wurden. Seither wurden die Ideen von Marx, denen Meyer selbst nahe stand, tragischerweise mit diesem menschenverach tenden Gewalt- und Terrorregime gleichgesetzt; es dauerte dann siebzigJahre, bis es endgültig von der Macht zurücktrat. „Sogar Lenin, als Marxist, hatte vorausgesagt, das Monopol an den Produktionsmitteln gerate zur Fessel der Produktion und werde früher oder später gesprengt. Insofern hat er geahnt, was 1989/91 dem staatsmono polistischen Kapitalismus Osteuropas widerfahren könnte“, sagt Meyer dazu in ei nem anderen Artikel.421 Marx selbst hatte sich „die Machtergreifung seiner Proletarier (...) als einen relativ schmerzlosen, womöglich gewaltfreien Akt vorgestellt, auch die Enteignung der we nigen Großkapitalisten, die wegen der zu erwartenden Konzentration am Ende der kapitalistischen Ara noch verblieben wären. Er erwog sogar, ,die ganze Bande auszu kaufen4. Für die USA, England und ,vielleicht4 die Niederlande hielt er den friedlichen Übergang zum Sozialismus durch Wahlen sowieso für denkbar.“ (a.a.O.) Was wäre geschehen, nach erfolgreichem Durchlaufen der kapitalistischen Phase, wenn dann nicht Lenin, sondern Marx und seine Proletarier die Macht ergriffen hät ten, und dies nicht per Revolution mit dem Gewehrlauf, sondern per Überweisung, durch „Auskaufen der ganzen Bande“? Schumpeter, um auf ihn zurückzukommen, Deutschland unterstützt worden sein, bis zu dem Moment, als man wiederum Umsturzbestrebungen gegen den deutschen Kaiser durch russische Revolutionäre befürchtete. F ritjof Meyer: A u f der Stelle erschießen. Staats gründer W ladim ir Iljitsch Lenin. Der SPIEGEL vom 19.07.1999 421 F. Meyer: Der Traum der trog; Der SPIEGEL vom 8.9.1991 [266] hatte sich eben eine Art von staatlichem Sozialismus mit einer zentralen Planungsbe hörde vorgestellt, der entsteht, weil die Schichten der Unternehmer und der Renten bezieher die Lust am Kapitalismus komplett verlassen hat; ein Auskaufen wäre nach seiner Einschätzung wohl noch nicht einmal notwendig gewesen. Ähnlich hatte wohl auch Keynes angenommen, dass man des Schielens auf die Kapitalerträge einfach überdrüssig sein werde, um sich so wie in den Clubs der bildungsbürgerlichen Schich ten üblich, zu denen er Umgang pflegte, den höheren geistigen Genüssen zu widmen. Aber die Geschichte hatte einen anderen Plan. Der Kapitalismus hat nicht nur die Finanzialisierung, sondern auch eine neue Art von Produktionsmitteln hervorge bracht. Dennoch — das Thema des Auskaufens könnte durchaus wieder auf der Ta gesordnung erscheinen. Wie wäre das Auskaufen finanzierbar — durch Kreditauf nahme, durch Verschuldung? Um dann weiterhin in Zinsabhängigkeit von den glo balisierten Kapitalmassen gefangen zu bleiben? Was wäre die Alternative? Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sieht die Möglichkeit einer Vergesellschaftung vor: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere For men der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ (Art. 15 GG) Das bedeutete einen hoheitlichen Zugriff auf die Vermögen, die der volkswirtschaftlichen Wertschöpfüng auf dem Wege der Finanzialisierung entzogen worden sind. Wie dies tatsächlich im Einzelnen zu bewerkstelligen sein könnte, würde an dieser Stelle den Rahmen spren gen; jedenfalls scheint sich doch deutlich die Konsequenz abzuzeichnen, dass ein mit der hier entwickelten Intention zu realisierender Zugriff auf die Produktionsmittel einen tiefen Eingriff in die bestehende industrielle Struktur bedeuten würde, und die ser mit erheblichem Aufwand und entsprechend mit erheblichen Kosten verbunden sein würde. Die Gesellschaften müssen ihr Schicksal in die Hand nehmen und inves tieren, im eigenen Interesse, und in einem Umfang, wie dies in der Geschichte noch niemals vorgekommen ist. Es wäre theoretisch vorstellbar, dass die sich abzeichnende neue Weise der Kapi talnutzung für den Eigenbedarf auch in privater Regie Verbreitung finden könnte, indem sich Gemeinschaften, Nutzergruppen, Genossenschaften, Eigentümerge meinschaften oder auch die beschriebenen Landkommunen bilden, um ihre Bedarfs dann mit den eigenen Produktionsmitteln zu decken. Die Situation wäre sowohl in der Verursachung (letztlich: Marktversagen) als auch in den Möglichkeiten der politi schen Reaktion ganz ähnlich zu beurteilen wie bei der Energieerzeugung, wo auch verschiedene Varianten zwischen kommunalen Stadtwerken und genossenschaftli chen Modellen diskutiert werden. Aber es spricht vieles dafür, hochintegrierte und überregional vernetzte Strukturen auf staatlicher Ebene zu schaffen; es dürfte sonst aussichtslos sein, zu erwarten, dass sich eine wirklich stabile und hochentwickelte neue Struktur von industrieller Produktion herausbildet, die in der Lage wäre, den beschriebenen Herausforderungen auf dem Feld der Ökonomie, namentlich den Kräften des finanzindustriellen „Sektors“, zu begegnen, zusätzlich zu den Herausfor derungen auf dem Feld der Ökologie. Dazu werden Strukturen auf dem Integrations niveau von Staaten wohl unausweichlich sein. Was sollte auch dagegen sprechen: die [267] Tatsache, dass staatliche Macht missbraucht werden kann, spricht nicht gegen die Idee demokratischer, souveräner, moderner und aufgeklärter Rechtsstaaten an sich. Rechtsstaatliche Demokratie ist die größte Errungenschaft, die die Kulturgeschichte hervorgebracht hat; im aufgeklärten Staat ist das Volk der Souverän, und der demo kratisch legitimierte Staat vertritt die berechtigten Interessen seiner Bürger. Die Bür ger wiederum sind geschützt durch das unantastbare Grundrecht der Menschen würde. Der Staat müsste den Menschen nun auch im beschriebenen Sinne zu ihrem Recht verhelfen; der öffentliche Sektor müsste seine Macht erheblich ausweiten. Um dies zu erreichen, wird man all die Kräfte gegen sich haben, die von einem Beharren auf dem Status Quo profitieren, zusätzlich zu denen, d ie glauben, von einem Beharren auf dem Status quo zu profitieren, und die nur durch ihre geistige Trägheit daran gehin dert sind zu erkennen, dass sie sich selber bereits auf dem absteigenden bzw. ange sägten Ast befinden. Es werden gegenwärtig enorme Aufwände getrieben, um die schweigende Mehrheit in diesem Dämmerzustand vor dem 300-Programme-Fernseher zu fixieren; Harald Schumann berichtete schon vor 20 Jahren vom dazu einzu setzenden Mittel der Wahl in seinem Bestseller „Die Globalisierungsfalle“, das damals von niemand anderem als Zbigniew Brzezinski422 ins Spiel gebracht worden ist: mit „Tittytainment“ werde dies möglich sein, einer Mischung aus Entertainment mit Spielshows, Trash Serien und blutrünstigen Krimis, mit Sex,423 und Fütterung, wie etwa eben auch — viele Zeichen deuten daraufhin — mit dem Almosen eines kärglichen „Grundeinkommens“, womit die Prophezeiung des Andre Gorz, dass der Kapitalis mus sich am Ende noch seine Käufer werde kaufen müssen, wahr geworden wäre. Um hier noch rechtzeitig das Steuer herumzureißen, ja überhaupt die Hand ans Steuer zu bekommen, tun sich also wahre Gebirge von Widerständen auf. Es gibt noch viel zu tun, bis zum Anbruch besserer Zeiten. Vor nunmehr zweiJahren, im März 2015, trat Wolfgang Streeck mit seiner düste ren Fragestellung an die Öffentlichkeit, wie der Kapitalismus enden werde. Nur das sei noch die offene Frage, nicht die, ob er enden werde. Es sei höchste Zeit, „den Kapitalismus erneut als historische Erscheinung zu begreifen, das heißt als etwas, das nicht nur einen Anfang hat, sondern auch ein Ende.“424 Dieses Ende erwartet er als die Heraufkunft eines „chronisch funktionsgestörten Gesellschaftssystems“. Der Ka pitalismus müsse sich selbst zerstören, um sein Ende zu finden; die „Implosion des 422 Zbigniew Brzezinski war sicherheitspolitischer Berater von US-Präsident Jimmy Carter und entwickelte ein geostrategisches Konzept für die USA m it dem „Ziel, keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu las sen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und dam it auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte.“ Schumann berichtet in seinem Buch von Brzezinskis Vorschlag au f einem 1995 von M i chael Gorbatschow einberufenen Treffen eines „globalen Braintrust“ zur W egfindung in eine „neue Zivilisa tion.“ Brzezinski habe seinen Vorschlag dam it begründet, dass „mit einer M ischung aus betäubender U nter haltung und ausreichender Ernährung die frustrierte Bevölkerung schon bei Laune gehalten werden könne.“ H. Schumann: Die Globalisierungsfalle. Der A ngriff auf Demokratie und W ohlstand. Hamburg 1996, S. 13 423 Ob es vielleicht auch in diesem Zusammenhang zu sehen ist, dass Nachrichtensprecherinnen seit der letzten Anpassung des äußeren Auftritts der großen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenformate stehend und häufig mit eng sitzenden Hosen bekleidet ihre Ansagen zu machen haben? damit selbst die nüchternen Nachrichtensen dungen sich m it Sexappeal aufpeppen können, und die Aufmerksamkeit für die (zweifelhaft gewordenen) Nachrichten selber ein wenig um gelenkt wird? Dem gesetzlichen Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien kann das jedenfalls kaum sonderlich dienlich sein. 424 W. Streeck: W ie wird der Kapitalismus enden? Blätter für deutsche und internationale Politik 3/2015 [268] Kommunismus“ 1989 sei deshalb auch ein Pyrrhussieg gewesen. Und so, weil nun offenbar beide Systeme, die in der Nachkriegszeit als Alternativen verstanden wur den, implodier(t)en, haben wir über eine Ende des Kapitalismus nachzudenken, das eben nur die düstere dystopische Perspektive des Zerfalls bietet: „Wir sollten — so mein Vorschlag — lernen, über ein Ende des Kapitalismus nachzudenken, ohne uns dabei die Beantwortung der Frage aufbürden zu lassen, was denn an seine Stelle treten solle. Es ist ein marxistisches — oder besser: modernistisches — Vorurteil, dass der Kapitalismus als historische Erscheinung nur dann enden könne, wenn eine neue, bessere Gesellschaft in Sicht ist — und mit ihr ein revolutionäres Subjekt, bereit und in der Lage, diese um des Fortschritts der Menschheit willen zu verwirklichen. Diese Annahme setzt ein Maß an politischer Kontrolle über unser gemeinsames Schicksal voraus, von dem wir nicht einmal mehr träumen können, seit die neoliberal-globalistische Revolution die Fähigkeit zu kollektivem Handeln, ja selbst die Hoffnung da rauf, zerstört hat. Es bedarf weder der utopischen Vision einer alternativen Zukunft noch übermenschlicher Voraussicht, um auf den Gedanken zu kommen, dass der Kapitalismus seiner „Götterdämmerung“ entgegensieht.“ (a.a.O.) Aber, wie sich hoffentlich hat zeigen lassen können, können wir Wolfgang Streeck und alle, die diese Perspektive fürchten, beruhigen. Es kommt doch eine bessere Ge sellschaft in Sicht. Und es ist eben nicht nur ein größeres Maß an politischer Kontrolle und die Fähigkeit zu kollektivem Handeln, worauf sich diese Hoffnung gründet. Es scheint, als habe der Kapitalismus eben doch die Mittel ausgebrütet, die dann dem kollektiven Handeln die substantielle Möglichkeit eröffnen, diese neue bessere Ge sellschaft hervorzubringen. Dazu muss sie diese Mittel aber auch ergreifen, und zur Reife bringen. Ohne Zweifel ist dazu ein enormes Maß an politischer Willensbildung erforderlich, aber die Hoffnung, diese Willensbildung auch zum Leben zu erwecken gründet sich darauf, dass das anvisierte Ziel sich eben nicht in der Herstellung der politischen Kontrolle erschöpft. Man kann die beiden Perspektiven in ihren zentralen Elementen einmal einander gegenüber stellen: den Abwärtstrend, und den Aufwärtstrend. Das Finale des Ab wärtstrends ist gewissermaßen der Kapitalkollaps: die radikal zerstörte Zivilisation und Lebenswelt, mit einem König Midas und seinem Goldschatz in der Mitte, der dann so viel wert ist wie die ganze Welt: nichts. Das konzentrierte Kapital hat am Ende alles Werthaltige aufgesogen, und allen Wert verloren.425 Aber es bildet sich mit Einsetzen von Sättigung der genau entgegengesetzte Trend: der Trend zur Dezentralisierung, und zur Veröffentlichung des Kapitals. Das öffent lich-gesellschaftliche Kapital ist am Ende überall und nirgends, hat seinen Kapitalwert als Tauschwert völlig verloren, und sich in reinen Gebrauchswert verwandelt: in „wirklichen Reichtum“. Mensch und Natur sind sich selbst zurückgegeben, und blü hen auf in Freiheit und Selbstverwirklichung. 425 David Leonhardt zeigt in einem Artikel der N ew York Times vom 7.8.2017 anhand eines animierten Charts das ganze Bild „unserer zerbrochenen Ökonomie“ : ab 1980 haben sich die Einkommenszuwächse von einer überproportionalen Begünstigung der niedrigeren Einkommenspercentile immer m ehr au f die obersten Einkommenspercentile konzentriert; in der Verteilung von 2014 verzeichnet das 99.999ste Percentil die weitaus höchsten Einkommenszuwächse von bis zu 6%. Nur die Superreichen werden reicher, au f Kosten der Armen. https://www.nytimes.com/interactive/2017/08/07/opinion/leonhardt-income-inequality.html [Stand 11.08.2017] [269] Was in dieser Konzentration emphatisch klingen mag, sieht nüchterner und tech nischer aus, wenn man die einzelnen Schritte dieser Prozesse betrachtet. Wenn endo gene (und exogene) Wachstumsgrenzen erreicht sind, entstehen etwa die folgenden sequentialistischen bzw. entwicklungslogischen „Skripts“: Abwärts Aufwärts Kapital, W ettbew erb ^ technischer Fort schritt als Produktivitätssteigerung Kapital, W ettbew erb ^ technischer Fort schritt als Produktivitätssteigerung plus Fle xibilitätssteigerung Reduzierte Nachfrage nach Arbeit ^ Redu zierte Nachfrage nach Produkt; Ü bererspar nis D igitalisierung der Produktion; additive Fer tigung, 3D-Druck, 140, Cyber Physikalische System e krisentreibendes U ngleichgew icht zw ischen zu hoher Ersparnis und zu geringer Investi tion ^ Entkopplung von Fertigung und Design; residente Produktion ^ sekundär reduzierte Nachfrage nach Ar beit etc.; schw indende G ew erkschafts macht; Druck auf Löhne, steigende Gew inne Abnehm ende Faktorspezifität der Ferti gungssystem e, hoher unspezifischer A uto m ationsgrad ^ öffentliche Fertigung priva ter Designs ^ Kapitalkonzentration, Finanzialisierung; A rbeitsplatzabbau, Abbau ökologischer Standards; Kapitalüberm acht Universalisierung der Fertigungssystem e; M iniaturisierung, „think globally, fabricate locally"; Internet der Dinge M achtverlust des Politischen, V ertrauens verlust, Dem okratieverfall; ^ Kapitalkollaps S ta rT re k R e p lica to r im Haushalt; Industrie verschw indet im öffentlichen Netz; Produk tion zu Herstellungskosten nahe Null Abb. 21: E n tw ick lu n g s lo g ik e n vo n K a p ita lu n d T e ch n ik Die Prognose dieser „Abwärtsbewegung“ enthält „nichts über die Wünschbarkeit des Laufs der Dinge, die sie voraussagt“, um an die Position Schumpeters zur Zu kunft des Kapitalismus anzuknüpfen. Ihren Verlauf und dessen fast mechanische Zwangsläufigkeit zu diagnostizieren, fällt inzwischen angesichts der Fülle der dazu entstandenen Untersuchungen und Veröffentlichungen nicht mehr schwer, und die innere Distanzierung von Wünschbarkeiten angesichts dieser Unabwendbarkeit auch nicht, unabhängig davon, ob man nun auch eine „Lösung“ im Hintergrund sich an kündigen sehen mag, oder nicht. Für Schumpeter waren das Ende des Kapitalismus und der Anfang des Sozialis mus, so wie er ihn verstand, noch in eins gesetzt, daran bestand für ihn kein Grund zu zweifeln. Gründe dazu sind jedoch in der Geschichte in solcher Fülle entstanden, dass wir heute lieber der düsteren Aussicht eines „chronisch fünktionsgestörten Ge sellschaftssystems“ entgegenblicken, als erneut auf einen Sozialismus Hoffnungen zu setzen. Aber: es lässt sich eben auch die Aufwärtsbewegung diagnostizieren, jeden [270] falls die immanente Logik der Entwicklung der technischen Hilfsmittel zur Produk tion des Reichtums. Solange die Transaktionen in der Sphäre der Ökonomie über haupt noch an der Norm von Rationalität festhalten, und es auch im weiteren Sinne „mit rechten Dingen“ zugeht, ist dieser Entwicklungsverlauf ebenso zwangsläufig, jedenfalls bis zu einem bestimmten-unbestimmten kritischen Moment: die Entwick lung kann offensichtlich einen Punkt erreichen, an dem das privatwirtschaftliche In teresse an der Fortschreibung des technischen Fortschritts in der „positiven“ Evolu tionsrichtung erlahmt, was daran deutlich werden sollte, dass kein Industrieunterneh men ein Interesse daran haben dürfte, einen Star Trek Replicator zur Reife zu entwi ckeln. Das Interesse kann aber schon deutlich früher erlahmen, und das könnte gegen wärtig bereits durchaus der Fall sein, so dass also im Zweifel überschüssige Liquidität ausgeschüttet426, entnommen oder im Finanzsektor investiert427 wird, als diese Tech nologien mit hohen Kosten weiterzuentwickeln. In dem Moment wäre dann die Öf fentlichkeit allmählich gefragt, die Zügel in die Hand zu nehmen, um in Verfolgung der so skizzierten Perspektive die Entwicklung weiter voran zu treiben. Das „revolu tionäre Subjekt“ wäre dann, wie bereits gesagt, nicht etwa eine heroische kampfes mutige Arbeiterklasse oder sonstwie definierte Partialbewegung, sondern die gesamte an einem Fortbestand der Zivilisation interessierte Menschheit. Es wäre nun abschließend noch zu erörtern, wie sich denn die Arbeits- und Wirt schaftswelt gestaltet, wenn ein denkbar hoher Grad an Automation erreicht worden ist; und zwar überall da, in allen Branchen und Berufen, in denen dies überhaupt möglich und sinnvoll ist. Wo hier prinzipiell die Grenzen liegen, war dazu vorne be reits umrissen worden: die Grenzen liegen in den Grenzen der Berechenbarkeit, so dass also prinzipiell nur der Bereich der höheren „Praxis“ für eine nachkapitalistische Ökonomie in Frage kommt. 426 2016 kam es in Deutschland zu „Rekordausschüttungen“ : „Dividenden als Rettung für Anleger. Deutsche U n ternehmen dürften 2016 m itü b er 38 Milliarden Euro so viel Dividende ausschütten wie nie zuvor.“ FAZ vom 23.02.2017. http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/rekord-dividenden-deutscher-untemehmen-in-2016- 14085728.html [Stand 26.03.2017] 427 Hier wird es allerdings auch immer schwieriger, noch Kapitalrenditen zu erzielen: der SPIEGEL online etwa berichtet am 9.8.2017 von der „Not“ des Investors W arren Buffet, Investitionsziele zu finden, weshalb sich die Cashbestände au f seinen Konten der 100-Milliarden-Dollar-Grenze nähern. Christoph Rottwilm: 100 M illiar den Dollar Cash - W arren Buffets Konto läuft über, http://www.spiegel.de/wirtschaft/untemehmen/warrenbuffetts-konto-laeuft-mit-100-milliarden-dollar-ueber-a-1162056.html [Stand 11.08.2017] [271] Perspektiven des tertiären Sektors Allerdings ist dies erst die fernere Perspektive; in der näheren Zukunft dürfte es erst einmal darauf ankommen, die diversen Stürme und Turbulenzen zu überstehen, die in der Luft liegen, und dies sowohl im Bereich der Ökologie428, als auch dem der Ökonomie. Hier wird es ja notwendig sein, nicht nur einen Supertanker auf einen ganz neuen Kurs zu bringen, sondern eine ganze Flotte von Supertankern, mit jeweils ganzen Flotten von Begleitschiffen. Was auch immer an politischen Maßnahmen durchgeführt werden wird, wird dies eine Operation am offenen Herzen bedeuten, denn man kann nicht die ganze Weltwirtschaft (oder auch nur einen Teil) für zwei Jahre schließen zur Generalinventur, und sie dann am 1. Januar totalrenoviert feier lich neu eröffnen. Die Menschen leben in ihren laufenden Verpflichtungen und Ver hältnissen, und das Leben der Menschen muss weiterhin in geordneten und gesicher ten Bahnen verlaufen.429 Aber man kann einige prinzipielle Überlegungen anschließen, was es für eine Öko nomie bedeuten würde, wenn die Produktion der lebensnotwendigen Bedarfs, also ein wesentlicher und nahezu kompletter Teil der eingangs diskutierten „10.000 Dinge“ in einem Haushalt tatsächlich sehr weitgehend maschinell erledigt werden kann, und diese Dinge zu gegenüber den heutigen Verhältnissen sehr stark reduzier ten Kosten zur Verfügung stünden. Die Notwendigkeit eines Wirtschaftslebens bestünde auch dann, weil einerseits auf diese Weise keine Autarkie der Wirtschaftsteilnehmer erreicht worden wäre, sie also Bedarfs haben, die sie durch Kaufkraft decken müssen, und zum anderen eben diese Bedarfs bestehen, die durch maschinelle Arbeit nicht erledigt werden können. Von diesem Wirtschaftsleben würde man nun annehmen können oder eigentlich müssen, dass in diesem Sektor maschinelle Unterstützung und damit Kapital und Kapitalkon zentration keine nennenswerte Funktion mehr haben, sondern dass die hier zu leis tende Arbeit überwiegend aus persönlichen Dienstleistungen bestehen wird, die also in der Regel von Einzelpersonen oder Personengesellschaften erbracht wird. Der französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Fourastie hat hierzu schon vor etwa einem halben Jahrhundert theoretische Arbeit430 geleistet, die zur Skizzierung der Erwartungen an eine nachkapitalistische Ökonomie und Zivilisation noch immer wertvolle Hinweise geben kann. Fourastie unterschied drei Sektoren der Gesamtwirt schaft, und zwar nach der Entwicklung ihrer Arbeitsproduktivität: den primären Sek 428 Eine Unwettermeldung kom m t am 21.03.2017 aus Peru: „Überschwemmungen sorgen für Chaos in Lima.“ Die ZEIT fuhrt die au f El Nino zurück: „Die Auswirkungen des W etterphänomens El Nino werden einmal m ehr sichtbar, dieses Mal in Perus Hauptstadt. Heftiger Regen führte zu Überschwemmungen und Erdrutschen in der Millionenmetropole.“ Die ZEIT vom 18.03.2017 http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-03/peru-ueberschwemmungen-lima-katasfrophe-fs 429 Ulrike Herrmann spricht vor den Hintergrund ihrer klaren Diagnose einer Endlichkeit des Kapitalismus die Probleme einer möglichen Transformation an, die aus den bestehenden Bindungen und Verflechtungen der M enschen m it der bestehenden Ordnung resultieren, und fordert deshalb eine „Transformationsforschung“, um W issen über m ögliche geordnete Verläufe einer Transformation zu gewinnen. Vortrag von Ulrike Herrmann a u f der Tagung: „M arkt welcher Markt? M arktwirtschaft oder Kapitalismus?“ am 1 1 .- 13.11.2014 in Linz. https://www.youtube.com/watch?v=u2EX0p5ImFs [Stand 22.03.2017] 430 J. Fourastie: Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts. Köln 1954 [272] tor mit Landwirtschaft und Urproduktion (eher geringe Produktivität), den sekundä ren Sektor mit Industrie und zugehörigen Gewerben (hohe Produktivität), und den tertiären Sektor der Dienstleistungen (damals: geringste Produktivität). Fourastie nahm an, technischer Fortschritt werde im tertiären Sektor nur ein mi nimales Produktivitätswachstum generieren können; eine Annahme, die sich bedingt bestätigt hat, wobei es darauf ankommt zu verstehen, welche Art von Dienstleistun gen hier von Fourastie gemeint waren. Er hatte nicht etwa eine Dienstleistungsöko nomie feudalistischen Typs im Sinn, also etwa in Form persönlicher Dienstleistungen von Hausangestellten im Haushalt Wohlhabender oder von Tütenpackern an den Kassen der Supermärkte. Fourastie erwartete einen „Hunger nach Tertiärem“, wie er es nannte; er meinte damit „anspruchsvolle“ Dienstleistungen in Bildung und Erzie hung, Kultur, Gesundheits- und Sozialwesen. Typische tertiäre Berufe sind in diesem Verständnis etwa Lehrer, Professor, Schauspieler, Künstler, Artist,Journalist, Schriftsteller,Jurist, Arzt und Geistlicher.431 Fourastie unterschied folgende Teilbereiche des tertiären Sektors: den öffentlichen Sektor, das Transportwesen, das Hotel- und Gast stättengewerbe, Banken und Versicherungen, das Gesundheitswesen, den Handel und häusliche Dienstleistungen. Im Transportwesen, im Hotelgewerbe, in Banken und Versicherungen und im Handel ist es schon und wird es noch offenbar zu drastischen Produktivitätssteige rungen kommen; im Bereich der Banken schließt eine Filiale nach der anderen, weil sich das Online-Banking flächendeckend durchgesetzt hat, vollautomatisierte Hotels sind inzwischen keine Seltenheit mehr, der Handel findet ebenfalls mehr und mehr im Netz statt, und dem Transportwesen stehen autonom fahrende Lieferwagen ins Haus, oder Drohnen für persönliche Kleinfrachten. Welche Art von Dienstleistungen werden vom diesem Schicksal dann ausgenommen sein — solche, die Fourastie „an spruchsvolle“ Dienstleistungen nannte; die hohes Ansehen und Attraktivität genie ßen, und als Beruf oder geistiger Habitus jenem Menschentypus zuzuordnen sind, den Fourastie als typisch für die tertiäre Gesellschaft erwartete, nämlich dem homo intellectualis. Offenbar sind diese „anspruchsvollen“ Dienstleistungen nun genau solche, die nicht algorithmisch beschreibbar und damit nicht berechenbar und automatisierbar sind; diese Unterscheidung lässt sich also mit der vorne eingeführten Unterscheidung nach (berechenbarer) Poiesis und (nicht-berechenbarer) Praxis zur Deckung bringen. Wie kommt aber nun wirtschaftlicher Austausch, kaufkräftige Nachfrage nach die sen Dienstleistungen und ein wirtschaftlicher Verkehr zustande, der auch ein ausrei chendes Steueraufkommen generieren kann, um etwa Lehrer, Professoren, Kultur schaffende, Beamte und Pflegeberufe zu bezahlen? Wegen der allgemein sinkenden Lebenshaltungskosten würde sich dieses Problem allerdings entschärfen, denn man dürfte annehmen, dass das gesamte Einkommensniveau sinkt, dieses Aufkommen also nicht sehr hoch sein muss. Durch den typischen selbstinteressierten Nutzenmaximierer und eine durch diesen angetriebene Wachstumsdynamik dürfte eine nachkapitalistische Ökonomie eher nicht gekennzeichnet sein. Für die genannten anspruchsvollen Dienstleistungen ist 431 Fourastie (1954), S. 96 und S. 98 [273] eher mit einem Nachlassen der Wirksamkeit „kommerzieller“ Motive, und von Wett bewerb, Nutzenmaximierung und Marktkoordination zu rechnen; wie schon gesagt, nahm Jean Fourastie eine Metamorphose des homo oeconomicus zum homo intelkctualh an. Der Ökonom N. Reuter schreibt dazu: „Während der ,homo oeconomicus’ Symptom der Knappheitsgesellschaft ist, in der der Umgang mit dem allgegenwärti gen Mangel zu rationierendem Verhalten zwingt, steht der ,homo intellectualis’ für die Überflussgesellschaft, in der ökonomisches Verhalten angesichts schwindender Knappheiten an Bedeutung verliert und immaterielle, geistige Dinge sukzessive in den Vordergrund rücken.“432 Wenn nun der beschriebene Wandel des sekundären industriellen Sektors dazu geführt hat, dass Konsumgüter prinzipiell zu geringen Kosten zur Verfügung stehen, aber nur dann, wenn sie eben voll maschinell gefertigt sind, könnte man erwarten, dass manuell gefertigte Produkte einen besonderen Reiz und Seltenheitswert gewin nen. Das Handwerk bekäme dann einen ganz anderen und neuen Stellenwert, näm lich als Kontrastprogramm zur Hochtechnologie, und als Luxus, Kunst und Liebha berei, also gewissermaßen als Selbstzweck, und würde damit eben auch zur Praxis. Statt der früheren Herstellung von Dingen aus Notwendigkeit stünde jetzt die schöp ferische Entfaltung, freie Kreativität, das Werken mit den eigenen Händen im Vor dergrund; das Verstehen und Bearbeiten und der Umgang mit natürlichen Materia lien. „Dinge machen für die Ewigkeit“: dies aber nun auf dem festen Boden beste hender intelligenter industrieller Strukturen, die alles Notwendige zu Grenzkosten von Null zur Verfügung stellen können; das Notwendige ist verfügbar und man kann sich beruhigt ans Werk begeben, um Dinge um ihrer selbst und ihrer Schönheit willen zu erschaffen. Es entstünde so aber kein Wachstumsdruck, denn diese Dinge haben ihren Wert eben dadurch, dass sie nicht mit Hilfe von Kapital, mit Maschinen herge stellt worden sind. In der Tat ähnelte dies dem Manufaktum-Prinzip — es gibt sie dann wieder, die schönen Dinge. J. Rifkin verwendet in seinem Ausblick auf eine nachkapitalistische Ökonomie den Begriff des Sozialkapitals. Dem kann hier nicht gefolgt werden, denn mit diesem Be griff sind zu sehr Bedeutungen des nutzenorientierten marktlichen und gewerblichen Austauschs assoziiert. In der Sphäre des Sozialen soll es eigentlich gerade nicht um Nutzenerwägungen gehen, sondern um Verständigung, Anteilnahme und sprachli chen Austausch. Der Bereich von Gesundheit und Pflege wird natürlich viel Beschäf tigung nachfragen bzw. bieten, aber man sollte hier besser nicht den Begriff Sozial kapital verwenden. Es wäre insgesamt die Frage, ob insgesamt die private Nachfrage ausreichen wird, eine „Konjunktur“ mit stabiler Beschäftigungslage bei Vollbeschäftigung zu initiie ren. Es wäre vorstellbar, dass öffentliche Projekte einen höheren Stellenwert gewin nen, als in der Gegenwart. Für alle unter solchen Bedingungen im tertiären Sektor anfallenden Tätigkeiten und Berufe, privat oder öffentlich, dürfte man jedenfalls an nehmen, dass eine intrinsische, aus einem inneren Bezug zur Arbeit erwachsene Mo tivation gegenüber extrinsischen Motivationen durch Geld oder Prestige zumindest in den Vordergrund tritt. Zentral planende und steuernde Eingriffe dürften dennoch 432 Reuter (2000), S. 191 [274] in größerem Umfang erforderlich werden, ohne aber privatwirtschaftliche Initiative im skizzierten Umfang und „Spirit“ zu ersticken. Die entscheidende Frage ist, welche Sphäre die dominierende ist, und das kann und darf in dieser erreichten Phase der techno-sozio-ökonomischen Entwicklung nur die öffentliche Sphäre sein. Realwirtschaftliches Wachstum ist aber, wie etwa ein Blick in die seit dem Jahr 2000 heranwachsende Hamburger Hafen-City zeigt, auch in dieser stagnativen Spät phase des Kapitalismus durchaus möglich, und bringt wahrhaft faszinierende Früchte hervor. Es entsteht bzw. entstand hier inmitten des alten Hamburger Hafens ein Bi otop, der seinerseits ein reiches tätiges Leben aus vielerlei Gewerben der Gastrono mie-, Kultur- und Kreativszene hervorbringt; aus Geschäften und Boutiquen, Loka len, Event Locations, Hotels und Restaurants, und Büros und Arbeitsplätzen für Tau sende von Menschen. Es sind inzwischen 1.800 Wohnungen hier gebaut worden, in ästhetisch ansprechender und teilweise spektakulärer Architektur, und mehr als 730 Unternehmungen wurden angesiedelt. Im April 2014 nahm die HafenCity Universität für 2.500 Studenten ihren Betrieb auf, direkt an der Elbe gelegen, und im januar 2017 eröffnete (endlich) Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie mit ihren zwei Konzertsälen, einem Fünf-Sterne-Hotel und ca. 45 Wohnungen. Ein Gang durch das geschäftige Treiben in diesem Quartier, der Blick auf die Ku lisse der entstandenen architektonischen Schönheiten in diesem reizvollen Ambiente am Wasser, einige mit Blick auf hier vertäute malerische Museumsschiffe, vermag es durchaus, Optimismus und Lust auf die Zukunft zu wecken. Das Wirtschaften, das Zusammenarbeiten der Menschen der verschiedensten Begabungen und Professio nen und ihre Unterstützung durch hochentwickelte technische Mittel kann offenbar großartige Resultate hervorbringen. Reichtum in diesem Sinne, als schöpferisches Hervorbringen, kann im Rahmen des ökologisch Verkraftbaren ja in Zukunft ewig weiter wachsen und gedeihen, und als zivilisatorische Idee des effizienten Wirtschaf te n strahlendes Leitbild sein. Wo allerdings das Wachstum nur finanzialisiert ist, spe kulativ, chrematistisch und irreal, ist es destruktiv und gefährlich, und bedarf der le gitimen politischen Kontrolle. Die digitale Fabrikation in der Architektur, namentlich der 3D-Druck, würde aber auch einen extrem kostengünstigen privaten, vor allem aber auch öffentlichen kom munalen Wohnungsbau ermöglichen. Es wäre hier vorstellbar, einerseits architekto nisch attraktiven und ansprechenden, gleichzeitig durch die geringen Herstellungs kosten sehr preisgünstigen Wohnraum zu schaffen, was in Anbetracht des Mangels an bezahlbaren Wohnungen und der explodierenden Immobilienpreise städtebaulich und sozialpolitisch sicher sehr wünschenswert wäre, und sich längerfristig mäßigend auf die Preisentwicklung von Wohnraum insgesamt auswirken würde. Die digitale Fertigungstechnologie könnte darüber hinaus dazu genutzt werden, auch sehr preisgünstiges Interieur (Möbel, Beleuchtung, Haustechnik) zu entwickeln, sodass zu dem vielerorts ja bereits entstehenden Immobilienangebot in der Luxus klasse auch eine Ergänzung des Wohnens auf dem (möglicherweise extremen) Nied rigpreissektor geschaffen würde; möglicherweise und der bisherigen Argumentation zufolge eine Aufgabe, der sich Kommunen und öffentliche Hand annehmen müssen, weil der private Sektor hier zu geringe unmittelbare Renditemöglichkeiten sieht, und [275] eine aus sozialpolitischer Sicht anzustrebende Dämpfung der Wohnkostenentwicklung ja möglicherweise gerade vermeiden will. Eine tertiäre Lebens- und Kulturentfaltung, so wie siejean Fourastie vorschwebte, wäre tatsächlich wohl erst bei einer sehr niedrigen Belastung der Lebensführung mit Vorsorgeaufwendungen für die imperativen Anforderungen des „Reichs der Not wendigkeit“ möglich. [276] Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen Die während einer geschichtlichen Epoche in einem Wirtschaftsraum durchschnitt lich zur Verfügung stehenden Arbeitsmittel zur Herstellung des lebensnotwendigen Bedarfs stehen zu dieser in einem prägenden Verhältnis; die Lebensumstände nach Art und Dauer der durchschnittlich notwendigen Arbeit und nach Art und Umfang des zur Verfügung stehenden Reichtums sind von der Art der zur Verfügung stehen den Produktionsmittel offensichtlich in hohem Maße abhängig; ferner etwa von äu ßeren und durch menschliches Eingreifen kurzfristig nicht veränderbaren Bedingun gen wie den klimatischen Verhältnissen, und den zur Verfügung stehenden Boden schätzen oder der geographischen Lage. Diese durchschnittlich während einer Epoche und in einem Wirtschaftsraum zur Verfügung stehenden „typischen“ Arbeitsmittel lassen sich auf einem zweidimensio nalen Koordinatensystem mit den Achsen Flexibilität433 und Produktivität eintragen. Flexibilität meint die Losgröße pro Vorgang, Universalität die Anzahl von einem Pro duktionssystem gefertigter Produkte, und Produktivität meint die erreichbare Stück zahl pro Zeit (Maschinen- oder Arbeitsproduktivität). Im Laufe der Geschichte ha ben offensichtlich zunächst die Flexibilität bzw. Universalität pro „Arbeitssystem“ (pro Kopf, Arbeitsgruppe, Werkstatt, Manufaktur) zugunsten der Erzielung einer höheren Produktivität abgenommen. Dieser Prozess dürfte schon mit der Entste hung der allerersten regelmäßigen Spezialisierungen in vorkulturellen Stammesgrup pen eingesetzt haben. Wenn man annimmt, dass mit dem allerersten bewussten und zielgerichteten Be arbeiten von „Naturstoffen“, von rohen Materialien wie Stein oder Holz oder Tier fellen jeder Mensch zu der gleichen Arbeitsleistung pro Zeit fähig war wie der andere, und jeder nach Gelegenheit einmal die eine und einmal die andere Tätigkeit ausführte, würde man annehmen, dass die Flexibilität der frühesten „Arbeitssysteme“ maximal war: jeder arbeitende Mensch war in gleichem Maße in der Lage, jede in seinem Wirt schaftsraum bekannte und eingeführte Arbeit auszuführen, und dies in dem jeweils gleichen Arbeitstempo; die erreichte Arbeitsproduktivität befand sich also im Mini mum. Solange nun die Flexibilität maximal ist, und die Produktivität minimal, haben auch Tausch und Markt keinen Sinn, denn ein jeder versorgt (im Prinzip) sich und seine Sippe oder Familie selbst. Dies gilt im Prinzip auch noch für den griechischen Oikos: auch wenn Handwerk und handwerkliche Spezialisierung schon in größerem Umfang vorhanden waren, gab es die — auch durch die Institution der Sklaverei bedingte bzw. ermöglichte — Beschränkung des ökonomischen Verkehrs auf den inneren Kreislauf des Oikos, die häusliche Wirtschaftsgemeinschaft. Markt und Güteraustausch waren auch hier nur in geringem Umfang bekannt und üblich, und geschahen außer der Regel. 433 M it dem hier verwendeten B egriff Flexibilität ist der B egriff Universalität mitgemeint. G em eint ist eine Ver breiterung des Anwendungsbereichs eines Fertigungssystems, bzw. eine Verringerung seiner Faktorspezifität, die m it graduellen Unterschieden durch Flexibilität (verschiedene Produktvarianten) oder durch Universalität (verschiedene Produkte) erreicht werden kann. [277] Mit jeder Spezialisierung nahm in der Folge die Flexibilität ab, und die Produktivi tät zu. Solange die Arbeitsmittel derart beschaffen sind, dass eine Spezialisierung die Produktivität erhöhen kann, und solange die ökonomischen Bedingungen derart sind, dass eine durch Spezialisierung bewirkte Produktivitätssteigerung bzw. der dadurch ermöglichte höhere Output auch abgenommen wird, machen weitere Spezialisierung und Produktivitätssteigerung ökonomisch offenbar Sinn. Die Produktionsmittel ha ben sich denn auch über das Handwerk, die Manufaktur und die fordistische starre Industriefabrik in dieser Richtung entwickelt. Solange Spezialisierung und dadurch erreichte Produktivitätssteigerung den Reichtum steigern kann, hat auch die Institu tion der kapitalgestützten Marktwirtschaft wohlstandserweiternde Effekte. Mit dem Einbrechen der Massennachfrage einerseits, und der Entwicklung des ge samten umfangreichen Arsenals an High-Tech-Produktionsmitteln begann dann die ser „traditionelle Antagonismus“ von Produktivität und Flexibilität sich allmählich aufzulösen. Zunehmend wird es nun möglich, Flexibilität und Produktivität simultan zu steigern. Und je weiter diese Entwicklung fortschreitet, die also auf der Konsum seite durch Sättigung und Überangebot geprägt ist, und auf der Produktionsseite durch die progressive Entwicklung in Richtung hochproduktiver universaler Smart Factory bzw. Mikro-Fabrik, verlagert sich die Lokalisierung der Produktion von ihrer Möglichkeit und ihrer ökonomischen Nutzanwendung her immer mehr in Richtung des Konsums; die Produktionsmittel werden nicht mehr von Spezialanbietern zur Herstellung von Spezialgütern benutzt, die über den Markt allokiert werden müssen, sondern von den Konsumenten, entweder indirekt in Gestalt demokratisch legiti mierter Institutionen, oder schließlich direkt von den Haushalten, denen dennoch die gesamte Vielfalt des Güterangebots zur Verfügung steht, und die daher auf die Allo kation über den Markt verzichten können. Die Produktion am Ort des Konsums wird mit großer Annäherung an das Ideal der hochproduktiven Universalfabrik zwingend, weil eine privatwirtschaftliche Organisation im Wettbewerb um Marktanteile unter dieser Bedingung zu chaotischer Überschussproduktion führen würde, um Gewinn risiken unter extrem volatilen Absatzbedingungen zu minimieren. Die Ökonomie verwandelt sich also wieder zur Subsistenzwirtschaft, allerdings auf einem denkbar hohen Produktivitätsniveau. Besser und rationaler ist die Aufgabe der wirtschaftli chen Mittelbeschaffüng nicht mehr lösbar.434 Die Wirtschaft hat sich von einer Mangel- zu einer Überflusswirtschaft gewandelt, die sich aber dann rational dem tatsächlich bestehenden Bedarf anpassen kann, ohne tatsächlich Verschwendung und Überfluss zu produzieren. Der Beschäftigungs schwerpunkt verlagert sich in die höhere menschliche Praxis, und die Grenzen zwi schen Produzent und Konsument, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und Ka pitalbesitzer und Arbeitskraftbesitzer haben sich aufgelöst, ebenso die Rivalitäten der Völker um Ressourcenzugang, sofern der erforderliche Ressourcenbedarf an Energie und Rohstoffen durch lokal verfügbare erneuerbare und nicht endliche Quellen ge deckt wird; dies jedenfalls unter den skizzierten idealen Modellannahmen. 434 Der Verfasser hat die hier vorgestellte Argumentation in dem von T. Niechoj und C. Haag herausgegebenen Sammelband in den wesentlichen Zügen Umrissen. L. Eversmann: A N ew Kind o f Social Order? The Economic and Societal Implications o f Digital Manufacturing. In: Niechoj / Haag (Hrsg.) (2016) S. 241-261 [278] Flexibilität Losgröße / Batch Stückzahl / Zeit Produktivität oo01 Coo01 h-i kD ä r Abb. 22: Entw icklungslogikökono m ischerO rdnungen Die Wirklichkeit dürfte von den idealen Modellannahmen abweichen, aber doch nicht grundsätzlich und prinzipiell. Vielerlei Rivalitäten dürften bestehen bleiben, etwa um nichtvermehrbare Prestigegüter, um mancherlei nicht automatisierbare Dienstleistung wie etwa ärztliche Versorgung durch besonders qualifizierte Arzte, um die Leistung besonders einfallsreicher Architekten, findiger Rechtsanwälte oder aus drucksstarker Schauspieler oder Musiker; Rivalitäten um eine Immobilie in einer be vorzugten Wohnlage oder um auf eine bestimmte und sie einzigartig machende Weise hergestellte Konsumgüter, deren Besitz besonderes Prestige verleiht. Hier haben „die bloße Technik“, die Leistungsfähigkeit der gesellschaftlich allgemein verfügbaren Ar beitsmittel naturgemäß wenig Einfluss. Demjenigen, der bereit ist, sich auf (fast) nach Belieben zur Verfügung stehende maschinell hergestellte Güter zu beschränken, wer den aber wesentlich größere Freiheiten zur Verfügung stehen, und die Spiel-Räume in diesem Sinne werden sehr groß sein können. Es wird dann jedem Einzelnen die Entscheidung überlassen sein, wie er mit diesen Freiheiten umgeht. [279] Es ist in dieser abschließenden Gesamtschau erneut die Frage zu stellen, woher die Bereitschaft und der Wille entstehen und die Kraft finden könnten, ein solches Pro jekt mit einem derartig tiefgreifenden Umbau des gesellschaftlichen bzw. ökonomi schen Werte- und Zielsystems in Angriff zu nehmen.435 Wie kann der politische Wille auf die Agenda gesetzt werden, etwa der Gestaltung des öffentlichen Lebensraumes nach ästhetischen Kriterien einen gleichrangigen oder höheren Stellenwert einzuräu men als der Gestaltung des individuellen, privaten Lebensraumes? Öffentlichen In stitutionen ebenso viel Gestaltungsmacht und lebenswirkliche Bedeutung zuzugeste hen wie den privaten Eignern von Kapital? Die Bewältigung der ökologischen Her ausforderungen höher zu priorisieren als das fortdauernde Generieren wirtschaftli chen Wachstums und zugunsten privater Kapitalrenditen? Die Stimme der vereinenden Vernunft ist im lauten Chor der vehement verfoch tenen Partialinteressen oft kaum noch vernehmbar, und droht nach dem Siegeszug der neoliberalen Agenda mit ihrer Herabwürdigung des menschlichen Heimatplane ten zu einem Renditeobjekt für Heuschreckenschwärme in Vergessenheit zu geraten. Wer oder was, welches Ereignis, welche Koalitionen, welche Personen oder welche Formen des Ausdrucks könnten hier dem Mut, der Entschlossenheit und der Phan tasie Flügel verleihen, und die vereinigende Kraft der Besinnung auf eine große ge meinsame humane Zukunft in die Köpfe und Herzen der Menschen einpflanzen? Die Stimme der Vernunft zu einem millionenfachen Chor verstärken, der ihr die not wendige Gestaltungsmacht verleiht? Die Degeneration des Spätkapitalismus wird in immer bedrückenderen Ausmaßen sichtbar. Früher oder später aber, so ist jedenfalls zu hoffen, wird sich die Einsicht in die Obsoletheit und Katastrophenträchtigkeit des bisherigen Ökonomie- und Gesell schaftsmodells mit seinem nachhaltig verschlossenen Wachstumspfad durchsetzen, und man wird sich der Mittel und Möglichkeiten besinnen, die sich schon lange auf den Weg gemacht haben, auf die skizzierte Weise einen fundamentalen Wandel in eine offene, einladende und helle Zukunft herbeizuführen. Der Wandel in der Richtung des technischen Fortschritts hin zur hochproduktiven Universalfabrik ist bisher systematisch von den Sozial- oder Wirtschaftswissenschaf ten noch nicht reflektiert worden; er ist auch von keinem sich um längerfristige Prog nosen bemühenden Ökonomen jemals vorausgesehen worden. Die Implikationen sind gewaltig, und reichen in eine utopische Dimension. Es geht um mehr als eine neue Ökonomie und auch mehr als Demokratie: es geht darum, in Würde zu leben, nicht Zweck und Sache zu sein, der Stimme einer aufge klärten Vernunft gehorchen zu dürfen, und keinen äußeren Zwängen durch Sachen, 435 Der amerikanisch-britische Sozialtheoretiker David Harvey kam beim Entschlüsseln der Rätsel des Kapitals zu dem kühnen Schluss: „Der Kapitalismus wird nicht von alleine fallen. Er muss gestoßen werden. Die Ak kumulation des Kapitals wird nie aufhören. Sie m uss beendet werden. Die Kapitalistenklasse wird niemals auf ihre M acht verzichten. Sie m uss enteignet werden.“ Aber das alleine würde eben nicht reichen. Ohne weiteres W issen darüber, was m it den enteigneten Produktionsmitteln zu tun ist, fände sich eine so ermächtigte Politik in der gleichen Situation wieder wie seinerzeit die Revolutionäre um Lenin. Und die Schwierigkeit der Aufgabe wird auch weniger in der Enteignung der Produktionsmittel liegen, sondern in deren Um gestaltung zu univer salen, öffentlichen Produktionssystemen. Voraussetzung dazu wäre zunächst nur die W iedergewinnung des Primats der Politik. David Harvey: Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln. Den Kapitalismus und seine Krisen überwinden. Hamburg 2013, S. 251. [280] Sachverhalte oder Menschen unterworfen zu sein. Es geht um ein Leben in politi scher, moralischer und realer Freiheit: das ist der Quell, aus dem die Oasen der Utopie sich speisen, und der die ausgebreitete Wüste der Banalität zu neuem Leben erweckt. Es geht um ein mitmenschliches Leben in Harmonie bezüglich der Anerkennung dieser fundamentalen Werte, um die gegenseitige Anerkennung aller Menschen als Wesen gleicher Würde. Es geht um das Erschaffen einer Welt, in der nicht das allge genwärtige Vernutzen der Dinge die Würde beschädigt und entehrt, das die Men schenwürde auf einem Markttisch zum Kauf feilbietet, und den Menschen seiner ein zigartigen Stellung und Verantwortlichkeit beraubt. „Homo Deus“436 ist der Mensch, der in liebender und fürsorglicher Haltung eine wohlgeordnete Welt betrachtet, und sieht, dass sie gut ist; eine Welt des Friedens, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der solidarischen Verbundenheit und Mitverantwor tung für jetzige und zukünftige Generationen. Diese Welt zu erschaffen, gibt dem Dasein des Menschen Sinn, und in dieser Welt zu leben, wenn sie geschaffen ist, trägt seinen Sinn in sich selber. 436 Die großen W eltreligionen haben diesen Sinn durchaus erahnt, und haben in ihren Erzählungen das Göttliche in einer Haltung der liebenden Kontemplation und einer sittlichen Verpflichtung des Menschen zur Bewahrung und Vervollkommnung des Erbes der Natur und ihrer Geschöpfe erahnen lassen. Es ist eine groteske Verken nung dieser anvertrauten Schätze und Quellen von Spiritualität und geistiger Orientierung, darin etwa „virtuelle Realitätsspiele“ am Computer zu sehen, in denen es darauf ankommt, genügend Punkte durch Regelbefolgung zu sammeln, um einen nächsten „Level“ zu erreichen: „Nur wer genügend Punkte sammelt, gelangt nach dem Tod au f den nächsten Level des Spiels“, beschreibt der Autor des vielbesprochenen Buches „Homo Deus“, Yuval Noah Harari, seine Sicht au f die Religion. Darum sieht er „keinen grundlegenden Unterschied zwischen Religionen und Bildschirmen.“ Das liegt aber dann weder an den Religionen, noch an den Bildschirmen, son dern an der eher schlichten Sichtweise des Betrachtenden. Vgl. Pierre Heumann: „Die meisten Menschen sind für die W irtschaft überflüssig. Der Zukunftsforscher Yuval Noah Harari sagt: ,Das Problem wird sein, dem Leben der Menschen künftig einen Sinn zu g eben / Ein Gespräch über Cyborgs, die Zukunft der Arbeit, Com puterspiele, Religion und nutzlose M enschen.“ Artikel im Handelsblatt vom 22.02.2017 http://www.handelsblatt.com/technik/it-intemet/cebit2017/zukunftsforscher-yuval-noah-harari-religionenals-virtuelle-games-im-kopf/19553518-3.html [Stand 28.03.2017] [281] EPILOG Als im November des Jahres 2002 mein Promotionsverfahren abgeschlossen war, war das viel zu spät für mich, als dass diese Promotion für die berufliche Entwicklung hätte eine Rolle spielen können. Das war aber auch gar nicht meine Absicht. Men schen meinesjahrgangs waren unvermeidlich infiziert mit Utopismus; sie haben das Erscheinen der Beatles-Alben erlebt, den Streit mit Eltern und Lehrern um Haare, Marx und Mao, und den „Summer of Love“. Es warenJahre, in denen die Botschaft „All you need is Love“ die Mahnungen des realitätsnüchternen Lehrpersonais nur zu oft in kleine blaue Rauchwölkchen auflöste; diese Klänge, diese Phantasien, diese Träume waren groß und unwiderstehlich. Karriereplaner traf tiefste Verachtung. Mit den 1970erjahren folgte die jähe Ernüchterung; ein Sturz aus einem Paradies, von dem die Lautsprecher in den Kneipen, Diskotheken und Studentenzimmern un widerlegbar berichtet hatten, in die Tristesse der 1970erjahre aus Plastik. Das konnte einfach nicht die ganze Wahrheit sein, damit konnte sich kein aufrechter Mensch ab finden. Das musste also noch irgendwo hingehen. Diese Frage nach dem Sinn und dem Wohin hat mich nie wieder losgelassen. Tat sächlich ist es ja eine durchaus ehrenhafte und respektable Neigung, diesen Fragestel lungen nachzugehen, und keineswegs nur Phantasten und Tagträumern Vorbehalten. Im Grunde handelt es sich bei dieser Sinn-, Ziel- und Wahrheitssuche um das eigent liche und bleibende Anliegen der Philosophie, die „grundsätzliche Reflexion von Ent wicklungszielen mit notwendig utopischem Charakter“437; etwa bei Kant in seinen drei „Kant-Fragen“, oder etwa bei Ernst Bloch in seinem großen „Prinzip Hoffnung“. Große Hoffnungen konnten die „bürgerlichen“ Philosophen in diesen trüben 1970erjahren aber nicht machen; und die Marxisten hatten die DDR, die Trabis, die Stasi und die Mauer gegen sich, als Argument, für junge Menschen, die den Summer ofLove mit offenen Augen, Ohren und Nasen miterlebt hatten. You sa y jou wanta revolution, well,you know, we a llw an tto change the world... . .. hörten w irjohn Lennon damals singen. Was verändert die Welt? Wer verändert die Welt? Ideen? Menschen mit Ideen? Oder auch das, was die Menschen in den Händen halten, bei der Arbeit? Wie wird wirklicher Reichtum geschaffen? Wie ent steht das ersehnte Friedensreich und Paradies, in dem die Früchte an den Bäumen hängen? In dem niemanden drückende Sorgen plagen müssen um die bloße materielle Existenz, und das doch schon zum Greifen nahe schien? Ich war nie mathematisch begabt, aber dann zog es mich trotzdem zur Informatik. Ich dachte, vielleicht verändern diese Computer und Roboter die Welt, und zwar zum Guten; so, dass es sich darin leben lässt. Und als sich nach einigen Jahren die junge Wissenschaft Wirtschaftsinformatik auf das Ziel einschwor, in der Wirtschaft alle 437 Michael Hampe sieht in dieser systematischen Reflexion die Aufgabe der Philosophie. Hampe (2014). [282] Menschenarbeit zu automatisieren, so viel wie möglich, sodass die Menschen nur noch den Maschinen bei der Arbeit Zusehen müssen, war klar, über welches Thema ich meine Doktorarbeit schreiben würde. Ich hatte zu wenig Marx gelesen, um verstanden zu haben, dass der es ja für den notwendigen Gang der kapitalistischen Geschichte hielt, dass eines Tages die Maschi nen die lebendige Arbeit der Menschen übernehmen, jedenfalls davon so viel, dass der Kapitalismus darüber in ernste Schwierigkeiten gerät. Und tatsächlich: in diese Schwierigkeiten scheint der Kapitalismus inzwischen geraten zu sein.438 Der Kapitalismus hat schon immer erstaunliche Maschinen hervorgebracht, und seit es die Informatik gibt, bringt er erstaunliche digitale Maschinen hervor. Sehr er staunlich ist ja diese vollautomatische Textilfabrik von Amazon; so etwas gibt es aber auch schon für Möbel439, und bald ja wohl für so gut wie alles. Diese Fabriken schaffen es, ganz beliebige Dinge herzustellen, ganz wie ein Konsument es sich wünscht, auf Knopfdruck. Es geht blitzschnell, und kostet den Verbraucher nur wenig Geld, weil es auf diese Weise so einfach und sparsam ist, diese Dinge herzustellen. Fast das ganze Wissen das man dazu braucht, steckt in den intelligenten digitalen Maschinen. Darum braucht man dazu auch fast keine arbeitenden Menschen mehr. Aber, was man darüber leicht vergisst: man braucht dazu auch keine Unternehmen mehr, und natürlich auch keine nichtarbeitenden Unternehmer. Jeder kann dann ein Fabrikant sein. Aber wenn jeder ein Fabrikant sein kann, ist niemand mehr ein Fabrikant. Dann macht jeder für sich nur noch das, was er sich gerne machen lassen möchte. Aber nicht wirklich jeder für sich, wie man an diesen digitalen Fabriken sehen kann, sondern die Gesellschaft; die digitale Fabrik wird dann zur großen Weltfabrik; sie wird gesellschaftlich. Erst dann können die Produktionsmittel öffentlich werden. Wenn man sie vorher vergesellschaftet, bevor sie reif geworden sind, entsteht DDR und GULAG. So aber kann Zukunft entstehen, wirklicher Reichtum. Wirklicher Reichtum bemisst sich nicht in Geld. Wirklicher Reichtum bemisst sich in so einer Art Paradieshaftigkeit. Es geht also um einen höheren Paradieshaftigkeitsfaktor. You sappougot a real solution W ell,you know We'd a ll hve to see the plan You ask m e fo ra contrlbution Well,pou know We're alldoing whatwe can... Y on’tpou know it'sgonna be alrlght Alrlght, alrlght 438 Davon zeugen wohl auch die nicht enden wollenden Hiobsbotschaften vom Moralverfall der Top-M anager. Der Abgasskandal bei VW scheint sich als Skandal der deutschen Autobauer zu entpuppen: „Das geheime Kartell der deutschen Autobauer.“ Der SPIEGEL online vom 21.07.2017 439 Im Heft 17/2017 des SPIEGEL wird über On-^eman^-Produktion von Möbeln berichtet („Teilebeschleuniger“, S. 66/67). Der Automations- und Flexibilitätsgrad ist hier so hoch, dass es beliebig erscheint, ob der M öbel händler, der M öbelhersteller oder gar der Hersteller der Produktionsmaschinen die Möbel vertreibt. [283] [284] Literatur und Links A . M a h l e r : Z e i t f ü r e i n e B ä n d i g u n g . D e r d i g i t a l e K a p i t a l i s m u s b r a u c h t e i n e n s t a r k e n S t a a t , s o n s t h e r r s c h t d a s R e c h t d e s S t ä r k e r e n . D e r S P I E G E L A u s g a b e 3 6 / 2 0 1 6 . A d o r n o , T . W . ( 1 9 7 0 ) : Ä s t h e t i s c h e T h e o r i e . S u h r k a m p , F r a n k f u r t a m M a i n 1 9 7 0 A l e x a , M . , B i c k e l , B . , M c M a i n s , S . , R u s h m e i e r , H . E . : C o m p u t a t i o n a l A s p e c t s o f F a b r i c a t i o n . R e p o r t f r o m D a g s t u h l S e m i n a r 1 4 3 6 1 . h t t p : / / d r o p s . d a g s t u h l . d e / o p u s / v o l l t e x t e / 2 0 1 5 / 4 8 8 3 / p d f / d a g r e p _ v 0 0 4 _ i 0 0 8 _ p l 2 6 _ s l 4 3 6 1 . p d f A l t , H . : D a s G r u n d e i n k o m m e n v e r s t ö ß t g e g e n d i e M e n s c h e n w ü r d e . F ü r Q u e r d e n k e r u n d T a g t r ä u m e r m a g d a s M o d e l l p a r a d i e s i s c h k l i n g e n . D o c h d a s b e d i n g u n g s l o s e G r u n d e i n k o m m e n i s t e i n e H o r r o r v i s i o n . A r t i k e l i n d e r S U E D D E U T S C H E o n l i n e v o m 1 1 . 0 1 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . s u e d d e u t s c h e . d e / w i r t s c h a f t / a u s s e n a n s i c h t - h o r r o r v i s i o n - 1 . 3 3 2 7 0 5 2 A l t v a t e r , E . : D a s E n d e d e s K a p i t a l i s m u s w i e w i r i h n k e n n e n . M ü n s t e r 2 0 0 5 A n d e r s o n , C . ( 2 0 1 2 ) : M a k e r s . T h e N e w I n d u s t r i a l R e v o l u t i o n . U S A 2 0 1 2 A r c h i t e k t u r b ü r o H e n n : F a b r i k d e r Z u k u n f t , h t t p : / / w w w . h e n n . c o m / d e / r e s e a r c h / f a c t o r y f u t u r e A r m b r u s t e r , A . : B r i n g t T r u m p s o e i n e E x p o r t h i l f e a u f d e n W e g ? 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B e r i c h t i n d i e Z E I T v o m 3 1 . 0 5 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / 1 9 7 4 / 2 3 / d i e - k e r n f r a g e - a l l e r - r e f o r m B i t t n e r , J . , N a ß , M . : K u r s a u f d i e W e l t . J o a c h i m G a u c k , F r a n k - W a l t e r S t e i n m e i e r u n d U r s u l a v o n d e r L e y e n f o r d e r n e i n e e n t s c h l o s s e n e r e d e u t s c h e A u ß e n p o l i t i k . W i e k a m d i e s e W e n d e z u s t a n d e ? U n d i n w e l c h e K o n f l i k t e f ü h r t s i e ? D i e Z E I T o n l i n e v o m 8 . 2 . 2 0 1 4 h t t p : / / w w w . z e i t . d e / 2 0 1 4 / 0 7 / d e u t s c h e - a u s s e n p o l i t i k - s i c h e r h e i t s k o n f e r e n z B l o c h , E . : D a s P r i n z i p H o f f n u n g . F r a n k f u r t 1 9 7 3 B l o c h , E . : G e i s t d e r U t o p i e , M ü n c h e n , 1 9 1 8 [285] B o s c h - R e x r o t h : S m a r t F a c t o r y : l o k a l e P r o d u k t i o n g l o b a l s t e u e r n . h t t p s : / / w w w . b o s c h r e x r o t h . c o m / d e / d e / t r e n d s - u n d - t h e m e n / d i r e c t i o n s / s m a r t - f a c t o r y B r i n k m a n n , B . : A p p l e w e i ß n i c h t w o h i n m i t d e m G e l d . M e l d u n g a u s d e r „ S ü d d e u t s c h e n " v o m 2 4 . 0 2 . 2 0 1 2 h t t p : / / w w w . s u e d d e u t s c h e . d e / w i r t s c h a f t / f a s t - m i l l i a r d e n a u f - d e r - h o h e n - k a n t e - a p p l e - w e i s s - n i c h t - w o h i n - m i t - d e m - g e l d - 1 . 1 2 9 2 2 7 8 B u t t e r w e g e , C . , L ö s c h , B . , P t a k , R . : K r i t i k d e s N e o l i b e r a l i s m u s . W i e s b a d e n 2 0 0 7 C h u m l e y , C . K . : L e f t ' s N o . 1 p h y s i c i s t : ' W o r l d g o v e r n m e n t ' o n l y w a y t o s a v e h u m a n k i n d . B e r i c h t i n d e r W a s h i n g t o n P o s t v o m 6 . 0 3 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . w a s h i n g t o n t i m e s . c o m / n e w s / 2 0 1 7 / m a r / 9 / s t e p h e n - h a w k i n g - w o r l d - g o v e r n m e n t - o n l y - w a y - s a v e h u m / C o n o l l y , J . M . : P h i l o s o p h i s c h e H a n d l u n g s t h e o r i e . Z u r D i s k u s s i o n d e r g r u n d l e g e n d e n A n s ä t z e . H a g e n 1 9 8 4 C o r n e o , G . ( 2 0 1 4 ) : B e s s e r e W e l t . H a t d e r K a p i t a l i s m u s a u s g e d i e n t ? E i n e R e i s e d u r c h a l t e r n a t i v e W i r t s c h a f t s s y s t e m e . B e r l i n 2 0 1 4 C r o u c h , C . : D i e b e z i f f e r t e W e l t . W i e d i e L o g i k d e r F i n a n z m ä r k t e d a s W i s s e n b e d r o h t . F r a n k f u r t 2 0 1 5 . D e r F O C U S o n l i n e : W i n t e r k o r n w i l l b e i V o l k s w a g e n M i l l i a r d e n e i n s p a r e n . B e r i c h t v o m 1 5 . 0 7 . 2 0 1 4 . h t t p : / / w w w . f o c u s . d e / a u t o / n e w s / a u t o a b s a t z / g e w i n n - z u - n i e d r i g - w i n t e r k o r n - w i l l - b e i - v w - m i l l i a r d e n - e i n s p a r e n _ i d _ 3 9 9 1 7 9 7 . h t m l D e r S P I E G E L o n l i n e : O z e a n e e r w ä r m e n s i c h d e u t l i c h s c h n e l l e r a l s b e f ü r c h t e t . E s i s t e i n w e i t e r e r B e l e g f ü r d e n K l i m a w a n d e l : D i e O z e a n e h e i z e n s i c h i m m e r s c h n e l l e r a u f . N e u e D a t e n z e i g e n , w i e s e h r s i c h F o r s c h e r i n d e r V e r g a n g e n h e i t g e i r r t h a b e n . B e r i c h t v o m 1 2 . 0 3 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / w i s s e n s c h a f t / n a t u r / o z e a n e - e r w a e r m e n - s i c h - d e u t l i c h - s c h n e l l e r - a l s - g e d a c h t - a - 1 1 3 8 3 4 8 . h t m l D e r S P I E G E L o n l i n e : U S - K o n z e r n e h o r t e n z w e i B i l l i o n e n a n G e w i n n e n i m A u s l a n d . M e l d u n g v o m 0 6 . 1 0 . 2 0 1 5 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / w i r t s c h a f t / s o z i a l e s / s t e u e r n - u s - k o n z e r n e - h o r t e n - z w e i - b i l l i o n e n - i m - a u s l a n d - a - 1 0 5 6 3 4 4 . h t m l D i b e l i u s , A . : G o l d m a n S a c h s s c h l ä g t A l a r m . M a n a g e r - m a g a z i n v o m 1 0 . 0 6 . 2 0 0 3 . h t t p : / / w w w . m a n a g e r - m a g a z i n . d e / f i n a n z e n / a r t i k e l / a - 2 5 2 1 7 9 . h t m l D i c k e r s o n , S . : W h a t i s f l e x i b l e A u t o m a t i o n ? h t t p s : / / c r o s s - a u t o m a t i o n . c o m / b l o g / w h a t f l e x i b l e - a u t o m a t i o n D i e Z E I T o n l i n e : C h i n e s e n g r ü n d e n a u s F r u s t e i g e n e s I k e a . B e r i c h t v o m 2 1 . 0 5 . 2 0 1 3 . h t t p : / / b l o g . z e i t . d e / c h i n a / 2 0 1 3 / 0 5 / 2 1 / c h i n e s e n - g r u n d e n - a u s - f r u s t - e i g e n e s - i k e a / D i e Z E I T o n l i n e : D e u t s c h e K o n z e r n e s c h w i m m e n i m G e l d . B e r i c h t v o m 1 3 . 8 . 2 0 1 4 h t t p : / / w w w . z e i t . d e / w i r t s c h a f t / u n t e r n e h m e n / 2 0 1 4 - 0 8 / i n f o g r a f i k - d a x - k o n z e r n e - l i q u i d e - m i t t e l D i e Z E I T o n l i n e : K o a l i t i o n s t r e i t e t u m P r i v a t i s i e r u n g v o n A u t o b a h n e n . B e r i c h t v o m 1 2 . 1 1 . 2 0 1 6 . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / p o l i t i k / d e u t s c h l a n d / 2 0 1 6 - l l / a u t o b a h n e n - p k w m a u t - p r i v a t i s i e r u n g - b u n d e s r e g i e r u n g D i e Z E I T o n l i n e : R e i c h e w e r d e n r e i c h e r , A r m e w e r d e n m e h r . B e r i c h t v o m 2 4 . 0 4 . 2 0 1 4 m i t B e z u g a u f e i n e D I W - S t u d i e . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / w i r t s c h a f t / 2 0 1 4 - 0 2 / d i w - s t u d i e v e r m o e g e n s v e r t e i l u n g - d e u t s c h l a n d [286] D i e Z E I T o n l i n e : T o t e b e i K ä m p f e n i n u k r a i n i s c h e r I n d u s t r i e s t a d t . B e r i c h t v o m 3 1 . 0 1 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / p o l i t i k / a u s l a n d / 2 0 1 7 - 0 1 / o s t u k r a i n e - g e f e c h t e t o t e - v e r l e t z t e - s e p a r a t i s t e n D i e Z E I T o n l i n e : Ü b e r s c h w e m m u n g e n s o r g e n f ü r C h a o s i n L i m a , h t t p : / / w w w . z e i t . d e / g e s e l l s c h a f t / z e i t g e s c h e h e n / 2 0 1 7 - 0 3 / p e r u - u e b e r s c h w e m m u n g e n - l i m a - k a t a s t r o p h e - f s D i e Z E I T o n l i n e : Z e n t r a l b a n k l ä s s t L e i t z i n s b e i n u l l P r o z e n t , B e r i c h t v o m 1 9 . 0 1 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . z e i t . d e / w i r t s c h a f t / 2 0 1 7 - 0 1 / l e i t z i n s - e z b - t i e f - e u r o r a u m - n u l l - p r o z e n t D i e k m a n n , F . , E l - S h a r i f , Y . : P i e c h s M i l l i o n e n - R ä t s e l . B e r i c h t i n d e r S P I E G E L o n l i n e v o m 1 3 . 0 4 . 2 0 1 5 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / w i r t s c h a f t / u n t e r n e h m e n / m a r t i n - w i n t e r k o r n f e r d i n a n d - p i e c h s - m i l l i o n e n - r a e t s e l - a - 1 0 2 8 3 2 8 . h t m l D o r n b u s c h , L . : W a r u m d i e W i k i p e d i a n a c h 1 5 J a h r e n i n d e r K r i s e s t e c k t . A r t i k e l i n d e r S ü d d e u t s c h e Z e i t u n g v o m 1 5 . 1 . 2 0 1 6 . h t t p : / / w w w . s u e d d e u t s c h e . d e / d i g i t a l / o n l i n e l e x i k o n - w a r u m - w i k i p e d i a - n a c h - j a h r e n - i n - d e r - k r i s e - s t e c k t - 1 . 2 8 1 6 8 5 8 E n d r e s , A : R e i c h , r e i c h e r , M i c r o s o f t . U S - K o n z e r n e s c h w i m m e n i m G e l d . M e l d u n g a u s D i e Z E I T o n l i n e v o m 1 8 . 0 8 . 2 0 1 4 . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / w i r t s c h a f t / u n t e r n e h m e n / 2 0 1 4 - 0 8 / v e r m o e g e n - u s - k o n z e r n e - s t e u e r g e s e t z e - u n g l e i c h h e i t E n g a r t n e r , T . : S t a a t i m A u s v e r k a u f . P r i v a t i s i e r u n g i n D e u t s c h l a n d . F r a n k f u r t 2 0 1 6 E v e r s m a n n , L . . : A N e w K i n d o f S o c i a l O r d e r ? I n : N i e c h o j / H a a g ( H r s g . ) ( 2 0 1 6 ) E v e r s m a n n , L . . : W i r t s c h a f t s i n f o r m a t i k d e r , l a n g e n F r i s t ' . W i e s b a d e n 2 0 0 3 E v e r s m a n n . L . . : F a b L a b - F a b C i t y - C i t y F a b - S t a d t W e r k ? H e i s e V e r l a g , T e l e p o l i s 2 0 1 4 , h t t p : / / w w w . h e i s e . d e / t p / a r t i k e l / 4 1 / 4 1 3 9 2 / l . h t m l F A Z : D a s E n d e i s t n a h . D i e m o d e r n e G e s e l l s c h a f t w i r d k o l l a b i e r e n , s a g t e i n e n e u e S t u d i e d e r a m e r i k a n i s c h e n R a u m f a h r t a g e n t u r N a s a . D i e M e n s c h h e i t v e r b r a u c h t m e h r R e s s o u r c e n , a l s n a c h w a c h s e n k ö n n e n . A r t i k e l i n d e r F A Z o b l i n e v o m 2 4 . 0 3 . 2 0 1 4 . h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / g e s e l l s c h a f t / s t u d i e - d i e - m o d e r n e - g e s e l l s c h a f t - w i r d - u n t e r g e h e n - 1 2 8 6 1 4 2 4 . h t m l F A Z : D i v i d e n d e n a l s R e t t u n g f ü r A n l e g e r . D e u t s c h e U n t e r n e h m e n d ü r f t e n 2 0 1 6 m i t ü b e r 3 8 M i l l i a r d e n E u r o s o v i e l D i v i d e n d e a u s s c h ü t t e n w i e n i e z u v o r . M e l d u n g v o m 2 3 . 0 2 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / f i n a n z e n / a k t i e n / r e k o r d - d i v i d e n d e n - d e u t s c h e r - u n t e r n e h m e n - i n - 2 0 1 6 - 1 4 0 8 5 7 2 8 . h t m l F i s c h e r , S . : P u t i n s c h o c k t d i e E u r o p ä e r . D e r S P I E G E L o n l i n e v o m 1 0 . 0 2 . 2 0 0 7 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / p o l i t i k / a u s l a n d / s i c h e r h e i t s k o n f e r e n z - i n - m u e n c h e n - p u t i n s c h o c k t - d i e - e u r o p a e e r - a - 4 6 5 6 3 4 . h t m l F l u g r e v u e : N A S A w i l l d e n g e s a m t e n F l ü g e l v e r b i e g e n . A r t i k e l v o m 0 4 . 1 1 . 2 0 1 6 . h t t p : / / w w w . f l u g r e v u e . d e / f l u g z e u g b a u / s y s t e m e / n a s a - w i l l - d e n - f l u e g e l - v e r b i e g e n / 7 0 4 8 6 6 F o u r a s t i e , J . : D i e g r o ß e H o f f n u n g d e s 2 1 . J a h r h u n d e r t s . K ö l n 1 9 5 6 F r a s e r , N . : F ü r e i n e n e u e L i n k e o d e r : d a s E n d e d e s p r o g r e s s i v e n N e o l i b e r a l i s m u s . B l ä t t e r f ü r d e u t s c h e u n d i n t e r n a t i o n a l e P o l i t i k H e f t 2 2 0 1 7 , S . 7 1 - 7 6 F u e s t , B . : W e n n d i e G u c c i - T a s c h e a u s d e m 3 - D - D r u c k e r k o m m t . A r t i k e l i n d e r W E L T o n l i n e v o m 0 6 . 0 6 . 2 0 1 4 . h t t p s : / / w w w . w e l t . d e / w i r t s c h a f t / a r t i c l e l 2 8 7 7 5 8 6 8 / W e n n - d i e - G u c c i - T a s c h e - a u s - d e m - 3 - D - D r u c k e r - k o m m t . h t m l F u k u y a m a , F . : D a s E n d e d e r G e s c h i c h t e . K i n d l e r , M ü n c h e n 1 9 9 2 [287] F u s a r o , D . : D e r A l b t r a u m d e s K a p i t a l i s m u s i s t w a h r g e w o r d e n . A c h t M i l l i a r d ä r e s i n d s o r e i c h w i e d i e H ä l f t e d e r W e l t b e v ö l k e r u n g . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s v o m 2 7 . 0 1 . 2 0 1 7 h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / D e r - A l b t r a u m - v o m - K a p i t a l i s m u s - i s t w a h r - g e w o r d e n - 3 6 0 8 6 3 8 . h t m l F u s a r o , D . : D i e U n i i s t h e u t e t o t . S i e w u r d e v o n d e r U n t e r n e h m e n s k u l t u r u m g e b r a c h t . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s v o m 1 2 . 0 2 . 2 0 1 7 . h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / D i e - U n i - i s t - h e u t e - t o t - 3 6 2 9 5 3 3 . h t m l F u s a r o , D . ( 2 0 1 7 b ) : „ E i n g a n z e s S y s t e m d e s S c h w i n d e l s u n d B e t r u g s " . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s v o m 1 5 . 0 7 . 2 0 1 7 . h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / E i n - g a n z e s - S y s t e m d e s - S c h w i n d e l s - u n d - B e t r u g s - 3 7 7 0 4 6 8 . h t m l G . B ö h m e : Ä s t h e t i s c h e r K a p i t a l i s m u s . F r a n k f u r t 2 0 1 6 G a w e l , E . , B e d t k e , N . : G r o ß e T r a n s f o r m a t i o n e n a u s S i c h t d e r I n s t i t u t i o n e n ö k o n o m i k u n d d e r N e u e n P o l i t i s c h e n Ö k o n o m i k . I n : H e l d e t a l . ( H r s g . ) ( 2 0 1 6 ) , S . 2 8 8 f f . G e r h a r d t , V . : D i e M e n s c h h e i t i n d e r P e r s o n e i n e s j e d e n M e n s c h e n . A b s c h i e d s v o r l e s u n g i n d e r H u m b o l d t - U n i v e r s i t ä t z u B e r l i n a m 1 0 . 0 7 . 2 0 1 4 G e r s h e n f e l d , N . ( 2 0 0 5 ) : F A B . T h e C o m i n g R e v o l u t i o n o n Y o u r D e s k t o p . N e w Y o r k 2 0 0 5 G e r s h e n f e l d , N . ( 2 0 1 2 ) : H o w t o M a k e A l m o s t A n y t h i n g . T h e D i g i t a l F a b r i c a t i o n R e v o l u t i o n . F o r e i g n A f f a i r s V o l . 9 1 N u m b e r 6 2 0 1 2 G e r s h e n f e l d , N . , V a s s e u r , J P ( 2 0 1 4 ) : A s O b j e c t s G o O n l i n e . F o r e i g n A f f a i r s 0 3 / 0 4 2 0 1 4 G e r s h e n f e l d , N . : 3 D - D r u c k e r s i n d e r s t d e r A n f a n g . I n t e r v i e w m i t N e i l G e r s h e n f e l d . F A Z v o m 0 3 . 0 3 . 2 0 1 3 h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / f e u i l l e t o n / b i l d e r - u n d - z e i t e n / i n t e r v i e w - m i t - n e i l - g e r s h e n f e l d - 3 d - d r u c k e r - s i n d - e r s t - d e r - a n f a n g - 1 2 0 9 8 8 4 9 . h t m l G i l e n s , M . , P a g e , B . I . : T e s t i n g T h e o r i e s o f A m e r i c a n P o l i t i c s : E l i t e s , I n t e r e s t G r o u p s , a n d A v e r a g e C i t i z e n s . C a m b r i d g e U n i v e r s i t y P r e s s V o l . 1 2 I s s u e 3 1 8 . S e p t . 2 0 1 4 h t t p s : / / w w w . c a m b r i d g e . o r g / c o r e / j o u r n a l s / p e r s p e c t i v e s - o n - p o l i t i c s / a r t i c l e / d i v c l a s s t i t l e t e s t i n g - t h e o r i e s - o f - a m e r i c a n - p o l i t i c s - e l i t e s - i n t e r e s t - g r o u p s - a n d - a v e r a g e c i t i z e n s d i v / 6 2 3 2 7 F 5 1 3 9 5 9 D 0 A 3 0 4 D 4 8 9 3 B 3 8 2 B 9 9 2 B G o l e m N e w s : A p p l e s G e w i n n u n d U m s a t z f a l l e n z u m d r i t t e n M a l i n F o l g e . R ü c k g a n g d e s G e w i n n s u m 1 9 P r o z e n t . O k t o b e r 2 0 1 6 . h t t p s : / / w w w . g o l e m . d e / n e w s / q u a r t a l s z a h l e n - a p p l e - g e w i n n - u n d - u m s a t z - f a e l l t - z u m - d r i t t e n - m a l - 1 6 1 0 - 1 2 4 0 4 0 . h t m l G o r z , A . : A u s w e g e a u s d e m K a p i t a l i s m u s . Z ü r i c h 2 0 0 9 G r a m a z i o , F . , K ö h l e r , M . : M a d e b y R o b o t s : C h a l l e n g i n g A r c h i t e c t u r e a t a l a r g e r S c a l e . Z ü r i c h 2 0 1 4 G r e f r a t h , M . ( H r s g . ) : R E : D a s K a p i t a l . P o l i t i s c h e Ö k o n o m i e i m 2 1 . J a h r h u n d e r t . M ü n c h e n 2 0 1 7 H a a g , C . : U n i v e r s a l M a n u f a c t u r i n g T e c h n o l o g i e s f o r t h e D i g i t a l M a n u f a c t u r i n g F u t u r e . I n : H a a g , C . , N i e c h o j , T . ( H r s g . ) : D i g i t a l M a n u f a c t u r i n g . P r o s p e c t s a n d C h a l l e n g e s . M a r b u r g 2 0 1 6 H a b e r m a s , J . : D i e K r i s e d e s W o h l f a h r t s s t a a t e s u n d d i e E r s c h ö p f u n g u t o p i s c h e r E n e r g i e n . I n : D i e n e u e U n ü b e r s i c h t l i c h k e i t . F r a n k f u r t ( 1 9 8 5 ) S . 1 4 1 - 1 6 3 . H a b e r m a s , J . : E i n a v a n t g a r d i s t i s c h e r S p ü r s i n n f ü r R e l e v a n z e n . D a n k e s r e d e b e i d e r E n t g e g e n n a h m e d e s B r u n o - K r e i s k y - P r e i s e s a m 9 . M ä r z 2 0 0 6 . I n : I n f o r m a t i o n P h i l o s o p h i e . h t t p : / / w w w . i n f o r m a t i o n - p h i l o s o p h i e . d e / ? a = l & t = 2 2 2 & n = 2 & y = l & c = l H a b e r m a s , J . : Z u r R e k o n s t r u k t i o n d e s H i s t o r i s c h e n M a t e r i a l i s m u s . F r a n k f u r t 1 9 7 6 [288] H a b e r m a s , J . : T h e o r i e d e s k o m m u n i k a t i v e n H a n d e l n s . F r a n k f u r t 1 9 8 1 H a b e r m a s , J : F ü r e i n s t a r k e s E u r o p a - a b e r w a s h e i ß t d a s ? B l ä t t e r f ü r d e u t s c h e u n d i n t e r n a t i o n a l e P o l i t i k H e f t 3 2 0 1 4 H a g e m a n n , H . , K r o m p h a r d t , J . ( H r s g . ) : K e y n e s , S c h u m p e t e r u n d d i e e n t w i c k e l t e n V o l k s w i r t s c h a f t e n . M a r b u r g 2 0 1 6 , i m e i n l e i t e n d e n Ü b e r b l i c k d e r H e r a u s g e b e r . H a g e m a n n , H . : K e y n e s 3 . 0 : Z u d e n ö k o n o m i s c h e n M ö g l i c h k e i t e n u n s e r e r E n k e l k i n d e r . I n : K e y n e s 2 . 0 . P e r s p e k t i v e n e i n e r m o d e r n e n k e y n e s i a n i s c h e n W i r t s c h a f t s t h e o r i e u n d W i r t s c h a f t s p o l i t i k . M a r b u r g 2 0 1 1 H a m p e , M . : D i e L e h r e n d e r P h i l o s o p h i e . E i n e K r i t i k . F r a n k f u r t 2 0 1 4 H a n d e l s b l a t t : E i n d i g i t a l e r Z w i l l i n g f ü r j e d e s P r o d u k t . h t t p : / / w w w . h a n d e l s b l a t t . c o m / t e c h n i k / h a n n o v e r m e s s e / d i g i t a l i s i e r u n g - i n - d e r - p r o d u k t i o n - e i n - d i g i t a l e r z w i l l i n g - f u e r - j e d e s - p r o d u k t / 1 3 4 9 6 8 6 6 - 2 . h t m l H a r a r i , Y . N . : H o m o D e u s . E i n e G e s c h i c h t e v o n m o r g e n . C . H . B e c k 2 0 1 7 H a r v e y , D . : D a s R ä t s e l d e s K a p i t a l s e n t s c h l ü s s e l n . D e n K a p i t a l i s m u s u n d s e i n e K r i s e n ü b e r w i n d e n . H a m b u r g 2 0 1 3 H a s e n k a m p , U . , S t a h l k n e c h t , P . : ( 2 0 0 9 ) D a s F a c h W i r t s c h a f t s i n f o r m a t i k i m S p i e g e l s e i n e r Z e i t s c h r i f t , i n : W I R T S C H A F T S I N F O R M A T I K 5 1 ( 1 ) : 1 8 f f . H a u g , F . W . ( 2 0 1 2 ) : H i g h - T e c h - K a p i t a l i s m u s i n d e r g r o ß e n K r i s e . H a m b u r g 2 0 1 2 H a w k i n g , S . : G e f ä h r l i c h s t e r Z e i t p u n k t d e r M e n s c h h e i t s g e s c h i c h t e . I P G - J o u r n a l v o m 0 6 . 0 1 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . i p g - j o u r n a l . d e / k o m m e n t a r / a r t i k e l / g e f a e h r l i c h s t e r - z e i t p u n k t - d e r - m e n s c h h e i t s g e s c h i c h t e - 1 7 7 9 / H e b e l , C . : D i e E s k a l a t i o n . D e r S P I E G E L o n l i n e v o m 1 . 0 2 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / p o l i t i k / a u s l a n d / o s t u k r a i n e - d e r - s t e l l u n g s k r i e g - v o n - a w d i j i w k a - a - 1 1 3 2 6 6 5 . h t m l H e l d , M . , K u b o n - G i l k e , G . , S t u r n , R . ( 2 0 1 6 ) : N o r m a t i v e u n d i n s t i t u t i o n e i l e G r u n d f r a g e n d e r Ö k o n o m i k , J a h r b u c h 1 5 : P o l i t i s c h e Ö k o n o m i k g r o ß e r T r a n s f o r m a t i o n e n . M a r b u r g 2 0 1 6 H e u m a n n , P . : „ D i e m e i s t e n M e n s c h e n s i n d f ü r d i e W i r t s c h a f t ü b e r f l ü s s i g . D e r Z u k u n f t s f o r s c h e r Y u v a l N o a h H a r a r i s a g t : , D a s P r o b l e m w i r d s e i n , d e m L e b e n d e r M e n s c h e n k ü n f t i g e i n e n S i n n z u g e b e n . ' E i n G e s p r ä c h ü b e r C y b o r g s , d i e Z u k u n f t d e r A r b e i t , C o m p u t e r s p i e l e , R e l i g i o n u n d n u t z l o s e M e n s c h e n . " A r t i k e l i m H a n d e l s b l a t t v o m 2 2 . 0 2 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . h a n d e l s b l a t t . c o m / t e c h n i k / i t - i n t e r n e t / c e b i t 2 0 1 7 / z u k u n f t s f o r s c h e r - y u v a l - n o a h - h a r a r i - r e l i g i o n e n - a l s - v i r t u e l l e - g a m e s - i m - k o p f / 1 9 5 5 3 5 1 8 - 3 . h t m l H i c k e l , R . : I m M i n u s z i n s k a p i t a l i s m u s . I n : B l ä t t e r f ü r d e u t s c h e u n d i n t e r n a t i o n a l e P o l i t i k 1 1 / 2 0 1 6 , S . 8 3 - 9 0 H i l l , S . : D i e S t a r t - u p - l l l u s i o n . K n a u r 2 0 1 7 H i r s c h , M . ( 2 0 1 6 ) : D i e Ü b e r w i n d u n g d e r A r b e i t s g e s e l l s c h a f t . E i n e p o l i t i s c h e P h i l o s o p h i e d e r A r b e i t . W i e s b a d e n 2 0 1 6 H o e f t , C . : N a r r a t i o n i n d e r K r i s e : Z u m W a n d e l d e s s o z i a l d e m o k r a t i s c h e n W o h l f a h r t s s t a a t s d i s k u r s e s i n S c h w e d e n ( G ö t t i n g e r J u n g e F o r s c h u n g 2 1 ) ( G e r m a n E d i t i o n ) ( K i n d l e - P o s i t i o n e n 5 0 2 - 5 0 3 ) . i b i d e m . K i n d l e - V e r s i o n . H o n n e t h , A . : D i e I d e e d e s S o z i a l i s m u s . F r a n k f u r t 2 0 1 5 H u b e r , W . : I n d u s t r i e 4 . 0 i n d e r A u t o m o b i l p r o d u k t i o n . E i n P r a x i s b u c h . W i e s b a d e n 2 0 1 6 [289] H u d s o n , M . : D e r S e k t o r . W a r u m d i e g l o b a l e F i n a n z w i r t s c h a f t u n s z e r s t ö r t . S t u t t g a r t 2 0 1 6 H ü t t e m a n n , A . : I d e a l i s i e r u n g e n u n d d a s Z i e l d e r P h y s i k . B e r l i n 1 9 9 7 I n t e r n a t i o n a l B u s i n e s s S t u d i e s 4 7 ( 5 ) , 5 9 5 - 6 0 9 ( 2 0 1 6 ) . d o i : 1 0 . 1 0 5 7 / j i b s . 2 0 1 5 . 4 7 J a e g g i , R a h e l ( 2 0 1 3 ) : W a s ( w e n n ü b e r h a u p t e t w a s ) i s t f a l s c h a m K a p i t a l i s m u s ? W o r k i n g P a p e r d e r D F G - K o l l e g f o r s c h e r l n n e n g r u p p e P o s t w a c h s t u m s g e s e l l s c h a f t e n , N r . 0 1 / 2 0 1 3 , J e n a 2 0 1 3 h t t p : / / w w w . k o l l e g - p o s t w a c h s t u m . d e / s o z w g m e d i a / d o k u m e n t e / W o r k i n g P a p e r / w p l _ 2 0 1 3 . p d f J a n i c h , P . : H a n d w e r k u n d M u n d w e r k . Ü b e r d a s H e r s t e l l e n v o n W i s s e n , M ü n c h e n 2 0 1 5 J a n i c h , P . : K o n s t r u k t i v i s m u s u n d N a t u r e r k e n n t n i s . A u f d e m W e g z u m K u l t u r a l i s m u s . F r a n k f u r t 1 9 9 6 J o n e s , S t . , K o r o l , R . , S z a m b o t i , A . , W a l t e r , T . : 1 5 Y E A R S L A T E R : O N T H E P H Y S I C S O F H I G H - R I S E B U I L D I N G C O L L A P S E S . E u r o p h y s i c s n e w s , h t t p : / / w w w . e u r o p h y s i c s n e w s . o r g / a r t i c l e s / e p n / p d f / 2 0 1 6 / 0 4 / e p n 2 0 1 6 4 7 4 p 2 1 . p d f J u c h e m , D . : B e i A u t o d e s i g n e r n i s t d e r b ö s e B l i c k s c h i c k . A r t i k e l i n d e r „ W e l t " v o m 0 8 . 0 2 . 2 0 1 4 . h t t p s : / / w w w . w e l t . d e / m o t o r / a r t i c l e l 2 4 6 4 0 5 9 3 / B e i - A u t o d e s i g n e r n - i s t d e r - b o e s e - B l i c k - s c h i c k . h t m l J u n g , A . : D i e d i g i t a l e Z u m u t u n g ; i n s b e s . S . 6 6 : T e i l e b e s c h l e u n i g e r . D i e v e r n e t z t e P r o d u k t i o n b e i d e r H e r s t e l l u n g v o n M ö b e l n . D e r S P I E G E L H e f t 1 7 / 2 0 1 7 K a n t , I. ( 1 9 9 0 ) : W a s i s t A u f k l ä r u n g ? A u s g e w ä h l t e k l e i n e S c h r i f t e n . H a m b u r g 1 9 9 0 K a n t , I. ( 1 9 9 9 ) : G r u n d l e g u n g z u r M e t a p h y s i k d e r S i t t e n . H a m b u r g 1 9 9 9 K e t t n e r , M . , A p e l , K . 0 . ( H r s g . ) ( 1 9 9 6 ) : D i e e i n e V e r n u n f t u n d d i e v i e l e n R a t i o n a l i t ä t e n . F r a n k f u r t 1 9 9 6 K e t t n e r , M . , K o s l o w s k i , P . ( H r s g . ) ( 2 0 1 1 ) : Ö k o n o m i s i e r u n g u n d K o m m e r z i a l i s i e r u n g . W i r t s c h a f t s p h i l o s o p h i s c h e U n t e r s c h e i d u n g e n . V e r l a g W i l h e l m F i n k M ü n c h e n 2 0 1 1 K e y n e s , J . M . ( 1 9 8 0 ) : T h e L o n g - t e r m P r o b l e m o f F u l l E m p l o y m e n t ( 1 9 4 3 ) . I n : D e r s e l b e : C o l l e c t e d W r i t i n g s , B d . 2 7 , L o n d o n - B a s i n g s t o k e ( 1 9 8 0 ) K e y n e s , J . M . ( 2 0 0 7 ) : W i r t s c h a f t l i c h e M ö g l i c h k e i t e n u n s e r e r E n k e l k i n d e r . A u s : N o r b e r t R e u t e r : W a c h s t u m s e u p h o r i e u n d V e r t e i l u n g s r e a l i t ä t . W i r t s c h a f t s p o l i t i s c h e L e i t b i l d e r z w i s c h e n G e s t e r n u n d M o r g e n . M i t T e x t e n z u m T h e m a v o n J o h n M a y n a r d K e y n e s u n d W a s s i l y W . L e o n t i e f . M a r b u r g 2 0 0 7 K e y n e s , J . M . : T h e g e n e r a l t h e o r y o f e m p l o y m e n t , i n t e r e s t a n d m o n e y , N e w Y o r k 1 9 3 6 K i s s l e r , A . : D a g e g e n h a l t e n i s t a l l e s . C i c e r o R a n g l i s t e 2 0 1 7 . h t t p : / / c i c e r o . d e / s a l o n / c i c e r o r a n g l i s t e - 2 0 1 7 - d a g e g e n h a l t e n - i s t - a l l e s K l i n g h o l z , R . ( 2 0 1 4 ) : S k l a v e n d e s W a c h s t u m s . C a m p u s V e r l a g 2 0 1 4 K o c h , W . : E n t s t e h t e i n w e l t w e i t e r M a r k t f ü r P r o d u k t i o n s k a p a z i t ä t e n m i t 3 D - D r u c k e r n ? G a s t b e i t r a g i m M a g a z i n 3 D r u c k v o m 1 7 . 0 8 . 2 0 1 7 . h t t p s : / / 3 d r u c k . c o m / g a s t b e i t r a e g e / e n t s t e h t - e i n - w e l t w e i t e r - m a r k t - f u e r - p r o d u k t i o n s k a p a z i t a e t e n - m i t - 3 d - d r u c k e r n - 3 3 3 7 0 5 4 / K o n i c z , T h o m a s : K a p i t a l k o l l a p s . H a m b u r g 2 0 1 6 K ö n i g , W . ( 2 0 1 6 ) : D i e d r e i g r o ß e n R e v o l u t i o n e n d e r M e n s c h h e i t s g e s c h i c h t e . I n : H e l d , M . , K u b o n - G i l k e , G . , S t u r n , R . ( 2 0 1 6 ) : N o r m a t i v e u n d i n s t i t u t i o n e i l e G r u n d f r a g e n d e r Ö k o n o m i k , J a h r b u c h 1 5 : P o l i t i s c h e Ö k o n o m i k g r o ß e r T r a n s f o r m a t i o n e n . M a r b u r g 2 0 1 6 [290] K o n o v s k y , M . : V e r w e i g e r t e P h i l o s o p h i e . D e r G r o ß k o m m u n i k a t o r w i r d 8 0 : J ü r g e n H a b e r m a s g i l t a l s b e d e u t e n d s t e r d e u t s c h e r S o z i a l p h i l o s o p h . W a r u m e i g e n t l i c h ? U n d w i e s o P h i l o s o p h ? A r t i k e l i m F O C U S o n l i n e v o m 7 . 6 . 2 0 0 9 h t t p : / / w w w . f o c u s . d e / w i s s e n / m e n s c h / t i d - 1 4 5 8 8 / j u e r g e n - h a b e r m a s - k o m m u n i k a t i o n s p r o b l e m e u e b e r a l l _ a i d _ 4 0 8 7 0 4 . h t m l K o r i n t h , S . : " O h n e H i l f e d e r U S A h ä t t e e s k e i n e n S t a a t s s t r e i c h g e g e b e n " . E i n G e s p r ä c h m i t d e m f r ü h e r e n u k r a i n i s c h e n P r e m i e r m i n i s t e r N i k o l a i J a n o w i t s c h A s a r o w . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s v o m 2 1 . 1 1 . 2 0 1 6 . h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / O h n e - H i l f e d e r - U S A - h a e t t e - e s - k e i n e n - S t a a t s s t r e i c h - g e g e b e n - 3 4 9 2 3 0 9 . h t m l K o s c h n i k , W . J . : D i e w u n d e r s a m e V e r w a n d l u n g v o n A u t o b a h n e n i n F i n a n z p r o d u k t e . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s v o m 0 5 . 0 4 . 2 0 1 7 . h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / V o n d e r - w u n d e r s a m e n - V e r w a n d l u n g - v o n - A u t o b a h n e n - i n - F i n a n z p r o d u k t e - 3 6 7 4 8 7 1 . h t m l K r ü g e r , S . : W i r t s c h a f t s p o l i t i k u n d S o z i a l i s m u s . H a m b u r g 2 0 1 6 K u r z , C . , R i e g e r , F . ( 2 0 1 3 ) : A r b e i t s f r e i . E i n e R e i s e z u d e n M a s c h i n e n d i e u n s e r s e t z e n . M ü n c h e n 2 0 1 3 L a f o n t a i n e , 0 . : " D e u t s c h e B a n k v e r s t a a t l i c h e n " . O s k a r L a f o n t a i n e f o r d e r t d r a s t i s c h e M a ß n a h m e n g e g e n d i e g e b a l l t e M a c h t d e r K o n z e r n e . I n t e r v i e e w d e r F r a n k f u t e r R u n d s c h a u m i t O s k a r L a f o n a i n e v o m 2 8 . 1 0 . 2 0 1 1 . h t t p : / / w w w . f r . d e / w i r t s c h a f t / o s k a r - l a f o n t a i n e - d e u t s c h e - b a n k - v e r s t a a t l i c h e n - a - 1 2 1 1 1 4 7 L ä p p l e , D i e t e r : P r o d u k t i o n z u r ü c k i n d i e S t a d t . E i n P l ä d o y e r . B a u w e l t 3 5 . 2 0 1 6 , S . 2 2 f f . h t t p : / / w w w . b a u w e l t . d e / d l / 1 0 7 3 7 8 8 / a r t i k e l . p d f L e o n h a r d t , D a v i d : O u r B r o k e n E c o n o m y , i n O n e S i m p l e C h a r t . T h e N e w Y o r k T i m e s v o m 7 . 8 . 2 0 1 7 , h t t p s : / / w w w . n y t i m e s . c o m / i n t e r a c t i v e / 2 0 1 7 / 0 8 / 0 7 / o p i n i o n / l e o n h a r d t i n c o m e - i n e q u a l i t y . h t m l L o b e , A . : W e r l e i s t e t s i c h d e n M e n s c h e n ? B e r i c h t i n d e r Z E I T o n l i n e v o m 4 . 2 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / k u l t u r / 2 0 1 7 - 0 2 / a u t o m a t i s i e r u n g - p f l e g e - r o b o t e r - p r e k a r i a t - s o z i a l e - s p a l t u n g L o b e , A . : V o l l a u t o m a t i s c h e r K o m m u n i s m u s . A r t i k e l i n D i e Z E I T o n l i n e v o m 3 . J a n u a r 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . s u e d d e u t s c h e . d e / w i r t s c h a f t / a u s s e n a n s i c h t - h o r r o r v i s i o n - 1 . 3 3 2 7 0 5 2 L ö h r , D . , H a r r i s o n , F . : D a s E n d e d e r R e n t e n ö k o n o m i e . W i e w i r g l o b a l e W o h l f a h r t h e r s t e i l e n u n d e i n e n a c h h a l t i g e Z u k u n f t b a u e n k ö n n e n . M a r b u r g 2 0 1 7 L ö h r , D . ( 2 0 0 9 ) : P r i v a t i s i e r u n g d e r W a s s e r v e r s o r g u n g : E r h ö h u n g d e r E f f i z i e n z o d e r n e o f e u d a l e s P r i v i l e g i u m ? I n : J e n s , U . , R o m a h n , H . ; W i r t s c h a f t l i c h e M a c h t - p o l i t i s c h e O h n m a c h t ? Z u r L i b e r a l i s i e r u n g u n d R e - R e g u l i e r u n g v o n N e t z i n d u s t r i e n . M a r b u r g 2 0 0 9 L o r e n z e n , P . ( 1 9 8 7 ) : L e h r b u c h d e r k o n s t r u k t i v e n W i s s e n s c h a f t s t h e o r i e . M a n n h e i m 1 9 8 7 L o r e n z e n , P . ( 1 9 9 1 ) : P h i l o s o p h i s c h e F u n d i e r u n g s p r o b l e m e e i n e r W i r t s c h a f t s - u n d U n t e r n e h m e n s e t h i k . I n : H o r s t S t e i n m a n n , A l b e r t L ö h r ( H r s g . ) : U n t e r n e h m e n s e t h i k . M a n d e l , E . ( 1 9 6 8 ) : M a r x i s t i s c h e W i r t s c h a f t s t h e o r i e . B a n d 2 . S u h r k a m p 1 9 6 8 M a r c h , H . , R i b e r a - F u m a z , R . : S m a r t c o n t r a d i c t i o n s : T h e p o l i t i c s o f m a k i n g B a r c e l o n a a S e l f - s u f f i c i e n t c i t y . E u r o p e a n U r b a n a n d R e g i o n a l S t u d i e s 2 0 1 6 , V o l . 2 3 ( 4 ) 8 1 6 - 8 3 0 [291] M a r x , K . : D a s K a p i t a l B d . 1 M a r x , K . : D a s K a p i t a l B d . 1 . V o r w o r t z u r e r s t e n A u f l a g e M a r x , K . : G r u n d r i s s e d e r K r i t i k d e r p o l i t i s c h e n Ö k o n o m i e . D a s s o g e n a n n t e » M a s c h i n e n f r a g m e n t « . M a s o n , P . : P o s t k a p i t a l i s m u s . F r a n k f u r t 2 0 1 6 M a z z u c a t o , M a r i a n a ( 2 0 1 4 ) : D a s K a p i t a l d e s S t a a t e s . E i n e a n d e r e G e s c h i c h t e v o n I n n o v a t i o n u n d W a c h s t u m . V e r l a g A n t j e K u n s t m a n n 2 0 1 4 . M e y e r , F . : „ A u f d e r S t e l l e e r s c h i e ß e n " . S t a a t s g r ü n d e r W l a d i m i r l l j i t s c h L e n i n . D e r S P I E G E L H e f t 2 9 / 1 9 9 9 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / s p i e g e l / p r i n t / d - 1 3 9 8 1 2 5 3 . h t m l M e y e r , F . : D e r T r a u m d e r t r o g . D e r S P I E G E L v o m 8 . 9 . 1 9 9 1 M e y e r , H . : U n d d a s s o l l g e r e c h t s e i n ? D a s G r u n d e i n k o m m e n h a t e i n e n e n t s c h e i d e n d e n F e h l e r : E s s o l l d e n S o z i a l s t a a t a b s c h a f f e n u n d z i e l t a u f e i n e P r i v a t i s i e r u n g d e r R i s i k o v o r s o r g e . D a s i s t e x t r e m u n g e r e c h t . A r t k e l i n d e r Z E I T o n l i n e v o m 1 4 . 0 2 . 2 0 1 7 . h t t p : / / w w w . z e i t . d e / w i r t s c h a f t / 2 0 1 7 - 0 2 / s o z i a l s t a a t - b e d i n g u n g s l o s e s - g r u n d e i n k o m m e n - r i s i k o v o r s o r g e - p r i v a t i s i e r u n g - k r i t i k M i s e s , L u d w i g v . : D i e W i r t s c h a f t s r e c h n u n g i m s o z i a l i s t i s c h e n G e m e i n w e s e n , i n : A r c h i v f ü r S o z i a l w i s s e n s c h a f t u n d S o z i a l p o l i t i k , B d . 4 7 ( 1 9 2 0 ) , S . 8 6 - 1 2 1 M i s i k , R . : K a p p u t a l i s m u s . W i r d d e r K a p i t a l i s m u s s t e r b e n , u n d w e n n j a , w ü r d e u n s d a s g l ü c k l i c h m a c h e n ? A u f b a u V e r l a g B e r l i n 2 0 1 6 M ü l l e r , H . : G e s e l l s c h a f t : N i c h t s i s t m e h r s i c h e r , w u r s t e l n w i r u n s d u r c h . K o l u m n e in S P I E G E L o n l i n e v o m 0 8 . 1 1 . 2 0 1 5 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / w i r t s c h a f t / m u e l l e r s m e m o - d a s - l e b e n - w i r d - i m m e r - w e n i g e r - p l a n b a r - a - 1 0 6 1 6 4 4 . h t m l M ü l l e r , H . : N a t i o n a l t h e a t e r : W i e f a l s c h e P a t r i o t e n u n s e r e n W o h l s t a n d b e d r o h e n ( G e r m a n E d i t i o n ) . C a m p u s V e r l a g . K i n d l e - V e r s i o n M ü l l e r , J . : Ö k o n o m i s c h e Z e i t e n w e n d e . M a r b u r g 2 0 1 1 M ü n c h a u , W . : L a s s t V W p l e i t e g e h e n - u n d h e l f t d e n A r b e i t n e h m e r n . A r t i k e l i n S P I E G E L o n l i n e v o m 0 6 . 1 1 . 2 0 1 5 . h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / w i r t s c h a f t / v o l k s w a g e n - l a s s t - v w p l e i t e g e h e n - k o l u m n e - a - 1 0 6 1 4 3 1 . h t m l M u s i l , R . R . : D e r M a n n o h n e E i g e n s c h a f t e n . H a m b u r g 1 9 7 8 N a c h t w e y , 0 . : D i e A b s t i e g s g e s e l l s c h a f t . F r a n k f u r t 2 0 1 6 N e u k i r c h , R . , D e m m e r , U . : N a t o s u c h t G e g n e r . D i e N a t o g i b t s i c h b e i m G i p f e l i n L i s s a b o n m i t v i e l P o m p e i n n e u e s s t r a t e g i s c h e s K o n z e p t . D o c h d a s l ä s s t z e n t r a l e F r a g e n o f f e n : W i e h ä l t e s d i e A l l i a n z k ü n f t i g m i t R u s s l a n d - u n d w a s p a s s i e r t m i t i h r e n N u k l e a r w a f f e n ? D e r S P I E G E L o n l i n e v o m 1 8 . 1 1 . 2 0 1 0 h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / p o l i t i k / a u s l a n d / s t r a t e g i e - g i p f e l - d e r - a l l i a n z - n a t o - s u c h t - g e g n e r - a - 7 2 9 4 3 9 . h t m l N i d a - R ü m e l i n , J . ( 2 0 1 0 ) : D i e O p t i m i e r u n g s f a l l e . I r i s i a n a e B o o k s 2 0 1 0 N i e c h o j , T . , H a a g , C . ( H r s g ) : D i g i t a l M a n u f a c t u r i n g . P r o s p e c t s a n d C h a l l e n g e s . M a r b u r g 2 0 1 6 N i e c h o j , T . : E c o n o m i c T h e o r y o f t h e F i r m i n t h e E r a o f D i g i t a l M a n u f a c t u r i n g . I n : N i e c h o j / H a a g ( H r s g . ) ( 2 0 1 6 ) O s w a l d , A . : L ä s s t J a p a n a l s e r s t e s L a n d G e l d v o m H i m m e l r e g n e n ? B e r i c h t i m T a g e s s p i e g e l v o m 1 5 . 0 7 . 2 0 1 6 h t t p : / / w w w . t a g e s s p i e g e l . d e / p o l i t i k / h e l i k o p t e r g e l d - l a e s s t j a p a n - a l s - e r s t e s - l a n d - g e l d - v o m - h i m m e l - r e g n e n / 1 2 3 5 8 4 4 0 . h t m l P a r f i t , D . : O n W h a t M a t t e r s . T e i l 1 , O x f o r d U n i v e r s i t y P r e s s 2 0 1 1 [292] P e e k , N . : M a k i n g M a c h i n e s t h a t M a k e : O b j e c t - O r i e n t e d H a r d w a r e M e e t s O b j e c t - O r i e n t e d S o f t w a r e . D i s s e r t a t i o n a m M I T , e i n g e r e i c h t a m 2 5 . 7 . 2 0 1 6 h t t p : / / c b a . m i t . e d u / d o c s / t h e s e s / 1 6 . 0 8 . P e e k . p d f P e t e r s e n , T h i e s s ( 2 0 1 5 ) : F ü n f G r ü n d e , w a r u m s i c h I n d u s t r i e l ä n d e r a u f e i n e s ä k u l a r e S t a g n a t i o n v o r b e r e i t e n s o l l t e n . B l o g b e i t r a g „ Ö k o n o m e n s t i m m e " . P i e p e r , A . ( 1 9 8 8 ) : E i n f ü h r u n g i n d i e p h i l o s o p h i s c h e E t h i k . H a g e n 1 9 8 8 P i e r c e , J . , P e t e r s e n , E . E . : E m e r g e n c e o f H o m e M a n u f a c t u r i n g i n t h e D e v e l o p e d W o r l d : R e t u r n o n I n v e s t m e n t f o r O p e n - S o u r c e 3 - D P r i n t e r s . T e c h n o l o g i e s 2 0 1 7 , 5 , 7 ; d o i : 1 0 . 3 3 9 0 / t e c h n o l o g i e s 5 0 1 0 0 0 7 P i e r c e e t a l . ( 2 0 1 6 ) : L a p l u m e , A . 0 . , P e t e r s e n , B . , P e a r c e , J . M . : G l o b a l v a l u e c h a i n s f r o m a 3 D p r i n t i n g p e r s p e c t i v e , J o u r n a l o f I n t e r n a t i o n a l B u s i n e s s S t u d i e s 4 7 ( 5 ) , 5 9 5 - 6 0 9 ( 2 0 1 6 ) . d o i : 1 0 . 1 0 5 7 / j i b s . 2 0 1 5 . 4 7 P i e r c e , J . N . ( 2 0 1 5 ) : R e t u r n o n I n v e s t m e n t f o r O p e n S o u r c e H a r d w a r e D e v e l o p m e n t . S c i e n c e a n d P u b l i c P o l i c y 4 3 ( 2 ) , J u n i 2 0 1 5 P i k e t t y , T . ( 2 0 1 3 ) : D a s K a p i t a l d e s 2 1 . J a h r h u n d e r t s . M ü n c h e n 2 0 1 3 P i l l e r , F . T . ( 2 0 0 0 ) : „ M a s s C u s t o m i z a t i o n . E i n w e t t b e w e r b s s t r a t e g i s c h e s K o n z e p t i m I n d u s t r i e z e i t a l t e r . " W i e s b a d e n 2 0 0 0 P o l a n y i , K . ( 1 9 7 8 / 1 9 4 4 ) : T h e G r e a t T r a n s f o r m a t i o n . P o l i t i s c h e u n d ö k o n o m i s c h e U r s p r ü n g e v o n G e s e l l s c h a f t e n u n d W i r t s c h a f t s s y s t e m e n . F r a n k f u r t 1 9 7 8 P r i e w e , J . : S t a g n a t i o n , N u l l w a c h s t u m , i m m e r w ä h r e n d e s W a c h s t u m - w o h i n d r i f t e t d e r e n t w i c k e l t e K a p i t a l i s m u s ? I n : H a g e m a n n , H . , K r o m p h a r d t , J . ( H r s g . ) ( 2 0 1 6 ) , S . 6 8 f f . P t a k , R . : G r u n d l a g e n d e s N e o l i b e r a l i s m u s . I n : C . B u t t e r w e g e , B . L ö s c h , R . P t a k : K r i t i k d e s N e o l i b e r a l i s m u s . W i e s b a d e n 2 0 0 7 Q u i l l e y , S . , H a w r e l i a k , J . , K i s h , K . : F i n d i n g a n A l t e r n a t e R o u t e : T o w a r d s O p e n , E c o - c y c l i c a l , a n d D i s t r i b u t e d P r o d u c t i o n . J o u r n a l o f P e e r P r o d u c t i o n N r . 9 2 0 1 6 h t t p : / / p e e r p r o d u c t i o n . n e t / i s s u e s / i s s u e - 9 - a l t e r n a t i v e - i n t e r n e t s / p e e r - r e v i e w e d - p a p e r s / f i n d i n g - a n - a l t e r n a t e - r o u t e - t o w a r d s - o p e n - e c o - c y c l i c a l - a n d - d i s t r i b u t e d - p r o d u c t i o n / R e u t e r , N ( 2 0 0 0 ) : Ö k o n o m i k d e r „ l a n g e n F r i s t " . Z u r E v o l u t i o n d e r W a c h s t u m s g r u n d l a g e n d e r I n d u s t r i e g e s e l l s c h a f t e n . M a r b u r g 2 0 0 0 R i f k i n , J . ( 2 0 1 4 ) : D i e N u l l - G r e n z k o s t e n - G e s e l l s c h a f t . C a m p u s V e r l a g 2 0 1 4 R ö d e r , J . : D a s E n d e d e r R e n d i t e n . D e r w e l t g r ö ß t e V e r m ö g e n s v e r w a l t e r B l a c k r o c k e r w a r t e t n u r n o c h M i n i - R e n d i t e n . A r t i k e l i m H a n d e l s b l a t t v o m 0 5 . 0 4 . 2 0 1 6 . h t t p : / / w w w . h a n d e l s b l a t t . c o m / f i n a n z e n / a n l a g e s t r a t e g i e / t r e n d s / b l a c k r o c k - a u s b l i c k d a s - e n d e - d e r - r e n d i t e n / 1 3 4 0 5 6 7 8 . h t m l R o l f , A . , S a g a w e , A . : D e s G o o g l e s K e r n u n d a n d e r e S p i n n e n n e t z e . D i e A r c h i t e k t u r d e r d i g i t a l e n G e s e l l s c h a f t . K o n s t a n z u n d M ü n c h e n 2 0 1 5 R o m a h n , H . ( 2 0 0 9 ) : N e t z i n d u s t r i e n i n d e r D i s k u s s i o n - Z u m S p a n n u n g s v e r h ä l t n i s v o n P r i v a t i s i e r u n g , L i b e r a l i s i e r u n g u n d ö f f e n t l i c h e r W i r t s c h a f t . I n : J e n s , U . , R o m a h n , H . ; W i r t s c h a f t l i c h e M a c h t - p o l i t i s c h e O h n m a c h t ? Z u r L i b e r a l i s i e r u n g u n d R e - R e g u l i e r u n g v o n N e t z i n d u s t r i e n . M a r b u r g 2 0 0 9 . R o n c a d o r , T . : D e r W o h n u n g s b a u a u f d e m G e b i e t d e r B u n d e s r e p u b l i k D e u t s c h l a n d 1 9 4 5 b i s 1 9 8 9 . 0 . 0 . 2 0 0 6 , z u g l e i c h D i s s . d e r U n i v . M ü n c h e n [293] R ö p c k e , J . : P u t i n s S c h e r g e n s t a r t e n n e u e U k r a i n e - O f f e n s i v e . F ü h l t s i c h P u t i n d u r c h T r u m p - T e l e f o n a t g e s t ä r k t ? B I L D - Z e i t u n g v o m 3 1 . 0 1 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . b i l d . d e / p o l i t i k / a u s l a n d / h e a d l i n e s / o s t u k r a i n e - p u t i n s - a n g r i f f - 5 0 0 4 5 3 0 0 . b i l d . h t m l R o s t o w , W . : S t a d i e n w i r t s c h a f t l i c h e n W a c h s t u m s . E i n e A l t e r n a t i v e z u r m a r x i s t i s c h e n E n t w i c k l u n g s t h e o r i e . G ö t t i n g e n I 9 6 0 R o t t w i l m , C . : S u p e r r e i c h e r ü s t e n s i c h f ü r d a s E n d e d e r Z i v i l i s a t i o n . B e r i c h t i n S P I E G E L o n l i n e v o m 2 4 . 0 1 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . s p i e g e l . d e / w i r t s c h a f t / s o z i a l e s / a p o k a l y p s e - s o b e r e i t e n - s i c h - s u p e r r e i c h e - a u f - d a s - e n d e - d e r - w e l t - v o r - a - 1 1 3 1 4 9 0 . h t m l R ö t z e r , F . : M e h r h e i t s a g t , d a s S y s t e m f u n k t i o n i e r t n i c h t m e h r . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s . h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / M e h r h e i t - s a g t - d a s - S y s t e m - f u n k t i o n i e r t n i c h t - m e h r - 3 6 0 6 6 9 3 . h t m l R ö t z e r , F . : M o r a l i s c h e s D i l e m m a f ü r a u t o n o m e F a h r z e u g e u n d i h r e N u t z e r . I n : P r o g r a m m i e r t e E t h i k ( T e l e p o l i s ) : B r a u c h e n R o b o t e r R e g e l n o d e r M o r a l ? ( G e r m a n E d i t i o n ) H e i s e M e d i e n . K i n d l e - V e r s i o n . R ü g e m e i e r , W . : B l a c k r o c k - K a p i t a l i s m u s . I n : B l ä t t e r f ü r d e u t s c h e u n d i n t e r n a t i o n a l e P o l i t i k 1 0 / 2 0 1 6 S a m u e l s o n , P a u l A . , V o l k s w i r t s c h a f t s l e h r e , B d . 1 , K ö l n 1 9 7 4 , S . 3 5 f . S c h e e r , A . W . ( 2 0 1 3 ) : I n d u s t r i e r e v o l u t i o n i s t m i t w e i t r e i c h e n d e n o r g a n i s a t o r i s c h e n K o n s e q u e n z e n v e r b u n d e n ! E i n e B e s t a n d s a u f n a h m e . I n : A . W . S c h e e r ( H r s g . ) : I n d u s t r i e 4 . 0 , e B o o k S c h e r f f , D . : D i e p r i v a t e s c h l ä g t d i e s t a a t l i c h e R e n t e . B e r i c h t i n d e r F A Z v o m 1 9 . 1 0 . 2 0 0 7 . h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / w i r t s c h a f t / w i r t s c h a f t s p o l i t i k / a l t e r s v o r s o r g e - d i e - p r i v a t e - s c h l a e g t - d i e - s t a a t l i c h e - r e n t e - 1 4 8 8 4 4 1 . h t m l S c h i f f e r , S . : M e d i e n i n D e u t s c h l a n d . Ü b e r d e n Z u s t a n d d e s M e d i e n b e t r i e b e s . I n : A R D & C o . S e l b r u n d V e r l a g 2 0 1 5 S c h i l l e r , F . , v o n ( 1 9 6 3 ) : K a l l i a s o d e r ü b e r d i e S c h ö n h e i t . I n : T h e o r e t i s c h e S c h r i f t e n . E r s t e r T e i l . D T V M ü n c h e n 1 9 6 3 S c h i n d l e r , J . ( 2 0 1 4 ) : S t a d t , L a n d , Ü b e r f l u s s . W a r u m w i r w e n i g e r b r a u c h e n a l s w i r h a b e n . F r a n k f u r t 2 0 1 4 S c h i r r m a c h e r , F . ( 2 0 1 3 ) : E G O . D a s S p i e l d e s L e b e n s . M ü n c h e n 2 0 1 3 S c h i r r m a c h e r , F . : D a s A r m b a n d d e r N e l l i e K r o e s . L ä n g s t t o b t d i e d i g i t a l e R e v o l u t i o n . A r t i k e l i n d e r F A Z v o m 0 3 . 0 3 . 2 0 1 4 . h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / f e u i l l e t o n / d e b a t t e n / u e b e r w a c h u n g / f r a n k - s c h i r r m a c h e r - 1 2 8 2 6 1 9 9 . h t m l S c h i r r m a c h e r , F . : D r . S e l t s a m i s t h e u t e o n l i n e . A r t i k e l i n d e r F A Z v o m 2 8 . 0 3 . 2 0 1 4 . h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / f e u i l l e t o n / d e b a t t e n / e c h t z e i t j o u r n a l i s m u s - d r - s e l t s a m i s t - h e u t e - o n l i n e - 1 2 8 6 7 5 7 1 . h t m l S c h i r r m a c h e r , F . : I c h b e g i n n e z u g l a u b e n , d a s s d i e L i n k e r e c h t h a t . A r t i k e l d e r F A Z v o m 1 5 . 8 . 2 0 1 1 . h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / f e u i l l e t o n / b u e r g e r l i c h e - w e r t e - i c h - b e g i n n e z u - g l a u b e n - d a s s - d i e - l i n k e - r e c h t - h a t - 1 1 1 0 6 1 6 2 . h t m l S c h l i c k , J . e t a l . ( 2 0 1 3 ) : P r o d u k t i o n 2 0 2 0 . A u f d e m W e g z u r 4 . I n d u s t r i e l l e n R e v o l u t i o n . I n : A . W . S c h e e r ( H r s g . ) : I n d u s t r i e 4 . 0 - W i e s e h e n P r o d u k t i o n s p r o z e s s e i m J a h r 2 0 2 0 a u s ? e B o o k , R e s e a r c h g a t e 2 0 1 3 [294] S c h r a p e , J . F . : O p e n S o f t w a r e P r o j e k t e z w i s c h e n P a s s i o n u n d K a l k ü l . S O I D i s c u s s i o n P a p e r 2 0 1 5 0 2 . h t t p : / / w w w . u n i - s t u t t g a r t . d e / s o z / o i / p u b l i k a t i o n e n / s o i _ 2 0 1 5 _ 2 _ S c h r a p e _ O p e n _ S o u r c e _ S o f t w a r e p r o j e k t e _ z w i s c h e n _ P a s s i o n _ u n d _ K a l k u e l . p d f S c h r e y e r , P . : W e r r e g i e r t d a s G e l d ? : B a n k e n , D e m o k r a t i e u n d T ä u s c h u n g ( G e r m a n E d i t i o n ) ( K i n d l e - P o s i t i o n e n l 0 8 3 - 1 0 8 6 ) . W e s t e n d V e r l a g . K i n d l e - V e r s i o n . S c h ü l e , C . : A l l d i e s c h ö n e n T o t e n . Ü b e r M o r d u n d T o d i m F e r n s e h e n . S e n d u n g i m D e u t s c h l a n d f u n k v o m 2 5 . 0 9 . 2 0 1 6 h t t p : / / w w w . d e u t s c h l a n d f u n k . d e / u e b e r - m o r d u n d - t o d - i m - f e r n s e h e n - a l l - d i e - s c h o e n e n - t o t e n . H 8 4 . d e . h t m l ? d r a m : a r t i c l e _ i d = 3 6 4 1 1 1 S c h u m a n n , H . , G r e f e , C h . : D e r g l o b a l e C o u n t d o w n . K ö l n 2 0 0 8 S c h u m a n n , H . : D i e G l o b a l i s i e r u n g s f a l l e . D e r A n g r i f f a u f D e m o k r a t i e u n d W o h l s t a n d . H a m b u r g 1 9 9 6 S c h u m a n n , H . : D i e H e r r s c h a f t d e r S u p e r r e i c h e n . D i e M a c h t d e r G e l d e l i t e u n d d i e K a p i t u l a t i o n d e r P o l i t i k . B l ä t t e r f ü r D e u t s c h e u n d i n t e r n a t i o n a l e P o l i t i k H e f t 1 2 / 2 0 1 6 S c h u m a n n , H . : D i e U n w e t t e r w a r n u n g . 2 0 0 7 s t ü r z t d i e U S - W i r t s c h a f t a b , s a g t d e r Ö k o n o m N o u r i e l R o u b i n i . E r s t h a b e n s i e g e l a c h t , j e t z t f ü r c h t e n v i e l e : E r k ö n n t e r e c h t h a b e n . D e r T a g e s s p i e g e l v o m 9 . 1 2 . 2 0 0 6 S c h u m p e t e r , J . A . : K a p i t a l i s m u s , S o z i a l i s m u s u n d D e m o k r a t i e . S t u t t g a r t 1 9 4 7 S e a r l e , J . R . ( 2 0 0 1 ) : G e i s t , S p r a c h e u n d G e s e l l s c h a f t . F r a n k f u r t 2 0 0 1 S e i d l , I . , Z ä h m t , A . ( 2 0 1 6 ) : T r a n s f o r m a t i o n i n e i n e P o s t w a c h s t u m s g e s e l l s c h a f t . I n : H e l d e t a l . ( H r s g . ) ( 2 0 1 6 ) , S . 2 3 7 f f . S E S Y N C : H u m a n a n d N a t u r e D y n a m i c s ( H A N D Y h t t p : / / w w w . s e s y n c . o r g / s i t e s / d e f a u l t / f i l e s / r e s o u r c e s / m o t e s h a r r e i - r i v a s - k a l n a y . p d f S i n n , H . W . : „ M a r x ' w a h r e L e i s t u n g " . I n : D i e Z E I T v o m 2 6 . 0 1 . 2 0 1 7 h t t p : / / w w w . h a n s w e r n e r s i n n . d e / d e / Z E I T _ 2 6 0 1 2 0 1 7 S m i t h , A . ( 2 0 1 3 ) : D e r W o h l s t a n d d e r N a t i o n e n . 5 . A u f l . L o n d o n 1 7 8 9 , D T V 2 0 1 3 S m o l k a , K . M . : R i n g e n u m R e n d i t e . I n B e r l i n t r e f f e n s i c h k o m m e n d e W o c h e F i n a n z i n v e s t o r e n a u s a l l e r W e l t z u i h r e m w o h l w i c h t i g s t e n K o n g r e s s . D i e B r a n c h e h a t e i n L u x u s p r o b l e m : v i e l z u v i e l G e l d , h t t p : / / w w w . f a z . n e t / a k t u e l l / f i n a n z e n / a k t i e n / i n v e s t o r e n m e s s e - s u p e r - r e t u r n - e r o e f f n e t - i n - b e r l i n - 1 4 8 9 3 9 9 0 . h t m l S p ä t , P . : A d i e u , J o b s ! W i l l k o m m e n , M a s c h i n e ! D i e Z E I T o n l i n e v o m 9 . 0 2 . 2 0 1 5 S p ä t h , D . e t a l . ( H r s g . ) . ( 2 0 1 3 ) : P r o d u k t i o n s a r b e i t d e r Z u k u n f t - I n d u s t r i e 4 . 0 . F r a u n h o f e r V e r l a g S t u t t g a r t 2 0 1 3 S p ä t h , D . e t a l . ( H r s g . ) : P r o d u k t i o n s a r b e i t d e r Z u k u n f t - I n d u s t r i e 4 . 0 . F r a u n h o f e r V e r l a g S t u t t g a r t 2 0 1 3 S m i c e k / W i l l i a m s : D i e Z u k u n f t e r f i n d e n . P o s t k a p i t a l i s m u s u n d e i n e W e l t o h n e A r b e i t . T i a m a t 2 0 1 6 S t a l d e r , F . : K u l t u r d e r D i g i t a l i t ä t . F r a n k f u r t 2 0 1 6 S t i f t u n g W i s s e n s c h a f t u n d P o l i t i k : N e u e M a c h t N e u e V e r a n t w o r t u n g . E l e m e n t e e i n e r d e u t s c h e n A u ß e n - u n d S i c h e r h e i t s p o l i t i k f ü r e i n e W e l t i m U m b r u c h . S t i f t u n g W i s s e n s c h a f t u n d P o l i t i k + G e r m a n M a r s h a l l F u n d o f t h e U n i t e d S t a t e s , 2 0 1 3 S t r a s s e r , J . : D a s D r a m a d e s F o r t s c h r i t t s . B o n n 2 0 1 5 S t r e e c k , W . : G e k a u f t e Z e i t F r a n k f u r t 2 0 1 3 [295] S t r e e c k , W . : W i e w i r d d e r K a p i t a l i s m u s e n d e n ? B l ä t t e r f ü r d e u t s c h e u n d i n t e r n a t i o n a l e P o l i t i k H e f t 3 2 0 1 5 S t r e e c k . W . : D i e W i e d e r k e h r d e s V e r d r ä n g t e n a l s A n f a n g v o m E n d e d e s n e o l i b e r a l e n K a p i t a l i s m u s . I n : G e i s e l b e r g e r , H . ( H r s g . ) : D i e g r o ß e R e g r e s s i o n . E i n e i n t e r n a t i o n a l e D e b a t t e ü b e r d i e g e i s t i g e S i t u a t i o n d e r Z e i t . F r a n k f u r t a m M a i n 2 0 1 7 S U C H D I A L O G : A u t o b a u e r w e r d e n D i e n s t l e i s t e r , h t t p s : / / s u c h d i a l o g . d e / e r k e n n t n i s s e / a u t o b a u e r - w e r d e n - d i e n s t l e i s t e r - w i e - d i e - d i g i t a l i s i e r u n g - m o b i l i t a e t - v e r a e n d e r t / T A G E S S C H A U v o m 0 5 . 0 2 . 2 0 1 7 h t t p s : / / w w w . t a g e s s c h a u . d e / m u l t i m e d i a / v i d e o / v i d e o - 2 5 7 1 9 5 . h t m l T A G E S S C H A U v o m 1 3 . 1 2 . 2 0 1 6 : A r m u t s q u o t e a u f R e k o r d h o c h . h t t p s : / / w w w . t a g e s s c h a u . d e / i n l a n d / a r m u t s q u o t e - 1 0 1 . h t m l T h e P r o j e c t f o r t h e N e w A m e r i c a n C e n t u r y : R E B U I L D I N G A M E R I C A ' S D E F E N S E S . h t t p : / / w w w . i n f o r m a t i o n c l e a r i n g h o u s e . i n f o / p d f / R e b u i l d i n g A m e r i c a s D e f e n s e s . p d f T h e R o y a l S o c i e t y : C l i m a t e C h a n g e : E v i d e n c e & C a u s e s h t t p s : / / r o y a l s o c i e t y . o r g / p o l i c y / p r o j e c t s / c l i m a t e - e v i d e n c e - c a u s e s / T h o d e n , R . ( H r s g . ) ( 2 0 1 4 ) : A R D @ C o . W i e M e d i e n m a n i p u l i e r e n . F r a n k f u r t a m M a i n 2 0 1 5 T h o m a s , 0 . , K a m m l e r , F . , Z o b e l , B . , S o s s n a , D . , Z a r v i c , N . : S u p p l y C h a i n 4 . 0 : R e v o l u t i o n i n d e r L o g i s t i k d u r c h 3 D - D r u c k . I M + i o F a c h z e i t s c h r i f t f ü r I n n o v a t i o n , O r g a n i s a t i o n u n d M a n a g e m e n t H e f t 1 2 0 1 6 . T i c h y , G . : V o m K a p i t a l m a n g e l z u m S a v i n g s G l u t : E i n P h ä n o m e n d e r W o h l s t a n d s g e s e l l s c h a f t ? I n : H a g e m a n n , H . , K r o m p h a r d t , J . ( H r s g . ) ( 2 0 1 6 ) , S . 3 3 f f . T h i e s s e , F . e t a l . : E c o n o m i c I m p l i c a t i o n s o f A d d i t i v e M a n u f a c t u r i n g a n d t h e C o n t r i b u t i o n o f M I S . B u s I n f S y s t E n g 5 7 ( 2 ) : 1 3 9 - 1 4 8 ( 2 0 1 5 ) T o f f l e r , A . : D i e D r i t t e W e l l e . P e r s p e k t i v e n f ü r d i e G e s e l l s c h a f t d e s 2 1 . J a h r h u n d e r t s . G o l d m a n n V e r l a g 1 9 8 0 V i l b r a n d t , T . , M a l o n e , E . , P a s k o , A . , L i p s o n , H . : U n i v e r s a l D e s k t o p F a b r i c a t i o n . A C M D i g i t a l L i b r a r y 2 0 0 8 V o i g t , A . : D e r B e g r i f f d e r D r i n g l i c h k e i t . Z e i t s c h r i f t f ü r d i e g e s a m t e S t a a t s w i s s e n s c h a f t . 4 7 . J a h r g a n g N r . 2 S . 3 7 2 - 3 7 7 V r i n g , v o n d e r , T h . : G e l d m e n g e u n d G e l d p o l i t i k . K r i t i s c h e A n m e r k u n g e n z u d e n g ä n g i g e n I n t e r p r e t a t i o n e n , h t t p : / / w w w . t v d v r i n g . d e / W a g e n k n e c h t , S . : R e i c h t u m o h n e G i e r . F r a n k f u r t / N e w Y o r k 2 0 1 6 W a g n e r , T h . : V o n d e r D a t e n k n e c h t s c h a f t z u r d i g i t a l e n B e f r e i u n g . I n : D i g i t a l e R e v o l u t i o n u n d s o z i a l e V e r h ä l t n i s s e i m 2 1 . J a h r h u n d e r t , H a m b u r g 2 0 1 6 , S . 7 4 f f . W e i k , M . , F r i e d r i c h , M . ( 2 0 1 4 ) : D e r C r a s h i s t d i e L ö s u n g . K ö l n 2 0 1 4 W e i k , M . , F r i e d r i c h , M . : I n d u s t r i e 4 . 0 : W i r w e r d e n ( f a s t ) a l l e a r b e i t s l o s . O n l i n e M a g a z i n T e l e p o l i s v o m 1 2 . 0 3 . 2 0 1 7 . h t t p s : / / w w w . h e i s e . d e / t p / f e a t u r e s / l n d u s t r i e - 4 - 0 - 3 6 4 9 3 5 8 . h t m l W e i z e n b a u m , J . : D i e M a c h t d e r C o m p u t e r u n d d i e O h n m a c h t d e r V e r n u n f t . F r a n k f u r t 1 9 7 8 W e i z s ä c k e r , C . C . : S t a a t l i c h e s G e w a l t m o n o p o l , S t a a t s v e r s c h u l d u n g u n d i n d i v i d u e l l e V o r s o r g e , W a l t e r - A d o l f - J a h n - V o r l e s u n g , U n i v e r s i t ä t S t . G a l l e n [296] W e i z s ä c k e r , E . U . : G r e n z e n d e r P r i v a t i s i e r u n g . W a n n i s t d e s G u t e n z u v i e l ? S t u t t g a r t 2 0 0 7 W i e b e , F . : D i e G e s c h i c h t e n a c h d e m E n d e d e r G e s c h i c h t e . B e r i c h t i m H a n d e l s b l a t t v o m 0 7 . 0 6 . 2 0 1 4 . h t t p : / / w w w . h a n d e l s b l a t t . c o m / p o l i t i k / i n t e r n a t i o n a l / f r a n c i s - f u k u y a m a d i e - g e s c h i c h t e - n a c h - d e m - e n d e - d e r - g e s c h i c h t e / 1 0 0 0 6 1 5 8 . h t m l W i e n e r , 0 . , B o n i k , M . , H ö d i c k e , R . : E i n e e l e m e n t a r e E i n f ü h r u n g i n d i e T h e o r i e d e r T u r i n g - M a s c h i n e n . W i e n N e w Y o r k 1 9 9 8 W i n g f i e l d , N . , C o u t u r i e r , K . : D e t a i l i n g A m a z o n ' s C u s t o m - C l o t h i n g P a t e n t . T h e N e w Y o r k T i m e s , h t t p s : / / w w w . n y t i m e s . c o m / 2 0 1 7 / 0 4 / 3 0 / t e c h n o l o g y / d e t a i l i n g - a m a z o n s - c u s t o m - c l o t h i n g - p a t e n t . h t m l W o r l d E c o n o m i c F o r u m 2 0 1 5 : D e e p S h i f t . T e c h n o l o g i c a l T i p p i n g P o i n t s a n d S o c i e t a l I m p a c t . Z a l e w s k i , A d a m : 5 T h i n g s t o w a t c h f o r i n 3 D P r i n t i n g i n 2 0 1 6 . A r t i k e l i n F O R T U N E T E C H , 3 1 . 2 1 . 2 0 1 5 . h t t p : / / f o r t u n e . c o m / 2 0 1 5 / 1 2 / 3 1 / 5 - t h i n g s - t o - w a t c h - 3 d - p r i n t i n g - 2 0 1 6 / Z e l i k , R . : N a c h d e m K a p i t a l i s m u s ? H a m b u r g 2 0 1 1 Z i n n , K . G . : D a s l a n g f r i s t i g e P r o b l e m d e r V o l l b e s c h ä f t i g u n g . I n : S o z i a l i s m u s , N r . 6 , 1 9 8 8 , S . 1 8 f f . Z i n n , K . G . : D e r M i s s t r a u e n s i n d e x . S o z i a l i s m u s 1 1 / 2 0 0 8 Z i n n , K . G . : D i e K e y n e s s c h e A l t e r n a t i v e . H a m b u r g 2 0 0 8 Z i n n , K . G . : D i e W i r t s c h a f t s k r i s e . M a n n h e i m 1 9 9 4 Z i n n , K . G . : J e n s e i t s d e r M a r k t - M y t h e n . H a m b u r g 1 9 9 8 Z i n n , K . G . : K e y n e s ' W a c h s t u m s s k e p s i s a u f l a n g e S i c h t . D a r s t e l l u n g u n d Ü b e r l e g u n g e n z u i h r e r a k t u e l l e n R e l e v a n z . M a r b u r g 2 0 1 3 [297] Abbildungen A b b . 1 : U n t e r n e h m e n s g e w i n n e u n d N e t t o i n v e s t i t i o n e n b i s 2 0 1 3 .............................................. 9 2 A b b . 2 : S a i s o n b e r e i n i g t e G e l d m e n g e M 3 ..............................................................................................................1 0 3 A b b . 3 : E n t w i c k l u n g v o n B I P u n d G e l d m e n g e i n D e u t s c h l a n d .......................................................1 0 4 A b b . 4 : V e r w e n d u n g d e r G e l d m e n g e M 3 i n D e u t s c h l a n d z u r P r o d u k t i o n d e s B I P u n d z u m H a n d e l m i t V e r m ö g e n s w e r t e n ....................................................................................... 1 0 5 A b b . 5 : E n t w i c k l u n g d e r S p i t z e n s t e u e r s ä t z e i n d e n V e r e i n i g t e n S t a a t e n v o n 1 9 1 3 b i s 2 0 1 1 ................................................................................................................................................................1 1 4 A b b . 6 : P r i v a t e r R e i c h t u m - ö f f e n t l i c h e S c h u l d e n b i s 2 0 1 1 ..............................................................1 1 5 A b b . 7 : F a b r i k d e r Z u k u n f t ..................................................................................................................................................... 1 7 3 A b b . 8 : E i n f l u s s d e s 3 D D r u c k s a u f F e r t i g u n g s s y s t e m e ..........................................................................1 8 1 A b b . 9 : W i r k u n g e n d e r a d d i t i v e n F a b r i k a t i o n ....................................................................................................1 8 8 A b b . 1 0 : D i f f u s i o n d e s 3 D - D r u c k s i n d i v . F e r t i g u n g s i n d u s t r i e n ...................................................2 0 3 A b b . 1 1 : „ A l t e " u n d „ n e u e " P r o d u k t i o n i m V e r g l e i c h ............................................................................ 2 2 3 A b b . 1 2 : E i n o r d n u n g d e s L o g i s t i k e r s a l s D i s t r i b u t o r i n n e r h a l b d e r k l a s s . W e r t s c h ö p f u n g s k e t t e .........................................................................................................................................2 4 2 A b b . 1 3 : V e r m i n d e r u n g d e s d i s t r i b u t i o n s b e z o g e n e n W e r t s c h ö p f u n g s a n t e i l s d u r c h d e z e n t r a l e P r o d u k t i o n ...................................................................................................................... 2 4 2 A b b . 1 4 : E m p o w e r m e n t d e s D i s t r i b u t o r s d u r c h d e n 3 D - D r u c k ................................................. 2 4 2 A b b . 1 5 : E l i m i n i e r u n g d e r D i s t r i b u t o r - R o l l e d u r c h P r o d u k t i o n a m P o i n t o f S a l e . . . . 2 4 3 A b b . 1 6 : E l i m i n i e r u n g d e r D i s t r i b u t o r - R o l l e d u r c h P r o d u k t i o n i m S e l f - S e r v i c e 2 4 3 A b b . 1 7 : D i e 3 D - D r u c k W e r t s c h ö p f u n g s k e t t e n a c h J . P i e r c e ........................................................ 2 4 4 A b b . 1 8 : T o o l s d e s F a b L a b B a r c e l o n a ....................................................................................................................2 5 1 A b b . 1 9 : S c h a d e n s h ä u f i g k e i t e n d e r M u n i c R E 2 0 1 2 ................................................................................. 2 5 7 A b b . 2 0 : T o r n a d o S c h ä d e n i n O k l a h o m a .............................................................................................................2 6 0 A b b . 2 1 : E n t w i c k l u n g s l o g i k e n v o n K a p i t a l u n d T e c h n i k ......................................................................2 7 0 A b b . 2 2 : E n t w i c k l u n g s l o g i k ö k o n o m i s c h e r O r d n u n g e n ........................................................................2 7 9 [298]

Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.

References

Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.