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Grundlegende Begriffe und Annahmen in:

Ludger Eversmann

Die Große Digitalmaschinerie, page 75 - 84

Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4038-6, ISBN online: 978-3-8288-6756-7, https://doi.org/10.5771/9783828867567-75

Tectum, Baden-Baden
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Grundlegende Begriffe und Annahmen Vor der weiteren Diskussion der ökonomischen Bestandsaufnahme und der daraus abzuleitenden „Soll-Konzeption“ — um einmal den nüchternen Jargon des System analytikers zu verwenden sollen nun knapp und thetisch einige Begriffsklärungen folgen, die der Erleichterung, Vorbereitung und Strukturierung der folgenden Dis kussion dienen sollen. Im Zusammenhang der Diskussion der Folgen, Grenzen und Möglichkeiten der technischen Arbeitssubstitution tauchen immer wieder die Fragen auf, wie weit dies möglich und sinnvoll ist, wie weit ist der Mensch „ersetzbar“, wa rum kann oder soll er es sein, oder soll und kann er es nicht sein, was ist Sinn von Arbeit, fehlt sie dem Menschen womöglich, was ist Wert der Arbeit, was ist Sinn der Ökonomie. Es ist möglich, diese Fragen für den verfolgten Zweck hinreichend prä zise zu beantworten, und den verwendeten Begriffen eine heuristisch hilfreiche und zur gedanklichen Klärung brauchbare Definition zu geben. Es wird im hier gegebe nen Rahmen nicht möglich sein, diese ausführlich herzuleiten und einzuführen, im weiteren Verlauf wird sich deren Fruchtbarkeit und Anwendbarkeit aber hoffentlich erweisen. Poietische und Praktische Handlungen Die Aristotelische Philosophische Handlungstheorie unterscheidet poietische und prak tische Handlungen. Poietische Handlungen geschehen um eines herzustellenden Wer kes willen und sind mit der Herstellung dieses Werkes abgeschlossen. Zum Charak teristikum der poietischen Handlung gehört ihre Lehrbarkeit als Technik oder Ver fahren, dessen schrittweise Ausführung „unerbittlich“ und regelmäßig zum Fertig stellen des Produkts führen soll. Praktische Handlungen dagegen geschehen um ihrer selbst willen, ihren Zweck in sich selbst tragend, oder — nach der Aristotelischen Auf fassung — um der inneren „Glückseligkeit“, des menschlichen Gedeihens des Han delnden willen. Praktische Handlungen können auch auf die Herstellung oder Ge staltung unteilbarer und nicht-privatisierbarer, wünschbarer äußerer Zustände des Gemeinwesens gerichtet sein, also etwa die Ausübung politisch gestaltender Funkti onen beinhalten.108 Wissenschaftliche, künstlerische, kreative, sportliche Tätigkeiten würden typischerweise ebenfalls darunter fallen, insgesamt also solche Tätigkeiten, die aus einer intrinsischen, in der Tätigkeit selbst liegenden Motivation erfolgen. Dispositive und exekutive (funktionale) Handlungen Exekutive Handlungen sind auf die Erfüllung oder Erreichung eines durch disposi tive Handlung gesetzten Zieles ausgerichtet. Abhängig von der überlegten Mittelwahl sind exekutive Handlungen also eine Funktion der Disposition. Die unveräußerliche 108 Vgl. Conolly (1984), S. 47 [75] Würde des Menschen und seine in der Kantischen Vernunftphilosophie ausgearbei tete normensetzende Autonomie begründen seine Autorität, Ziele für dispositive Handlungen zu setzen.109 Automatisierbare und nichtautomatisierbare (Arbeits-)Handlungen Poietische (Arbeits-)Handlungen sind algorithmisch beschreibbar und damit prinzi piell automatisierbar. Im Falle vollständiger Automation ist das zur Herstellung eines vermehrbaren Gutes erforderliche Wissen vollständig maschinenimplementiert, und es werden im Herstellungsprozess nur Energien, Rohstoffe und Maschinenabnut zung verbraucht, aber keine menschliche Arbeit. Praktische Arbeit dagegen ist nicht automatisierbar, wenngleich in einigen Bereichen maschinell zu unterstützen. Wertschöpfung und Werteverzehr Subjekt des Wertschöpfüngsprozesses sowohl an dessen Anfang (als Produzent) als auch an dessen Ende (als Konsument) ist nur der Mensch. Maschinen (Automaten) können weder Werte schöpfen, noch Werte konsumieren. Maschinen sind im Ge gensatz zum Menschen Sachen und haben Nutzwert, aber keinen personalen Selbst wert, keine Würde und kein selbstständiges Existenzrecht. Zielsetzungsautorität Die Autorität, Handlungsziele zu setzen ist nicht auf Maschinen übertragbar, und sie bedarf in ihrer materialen Bestimmung der politischen (demokratischen) Legitima tion. Die Wahl und Festlegung von Gestaltungszielen, deren Begründung und mate riale Ausformung bilden einen dem menschlichen Schaffen vorbehaltenen Raum, der durch jede denkbare maschinelle Perfektion nicht einholbar ist. Insofern bleibt in diesem Bereich der praktischen und politischen Gestaltung eine nicht maschinell sub stituierbare Wirkungsdomäne des Menschen. Die Wahl und Festlegung von Handlungs- und Gestaltungszielen unterliegt dem Anspruch diskursiver Rechtfertigung und Begründung. Hieraus resultiert der Anspruch, die Gestaltung der materialen Le benswelt zunehmend den anonymen Sachzwängen durch heteronome Marktmecha nismen zu entziehen. Grenzen der Automatisierbarkeit Nach der Churchschen 'These wird der intuitive Begriff des Berechenbaren durch die formale, mathematische Definition des Turing-Maschinen-Berechenbaren exakt wie dergegeben; es gibt also keine mächtigeren Berechnungsmodelle als die Klasse der Turing-berechenbaren Funktionen. Berechenbarkeit eines Problems wird auch so umschrieben, dass es zu seiner Lösung ein effektives Verfahren gibt. Für „effektives 109 K ant (1999a), S. 67 [76] Verfahren“ ist wiederum der Begriff „Algorithmus“ gebräuchlich, der in einer um gangssprachlichen Analyse dieses Begriffs bei Wiener et al.110 folgendermaßen be schrieben wird: „(1) „Ein effektives Verfahren manipuliert konkret gegebene, diskrete, endliche Ge genstände. Wir setzen voraus, dass diese Gegenstände ebenso wie die diskreten end lichen Handlungen, denen sie unterliegen, stets eindeutig erkennbar und voneinander unterscheidbar sind. (2) Ein effektives Verfahren wird durch eine endliche Anzahl von diskreten endli chen Handlungsvorschriften beschrieben. Die einzelnen Vorschriften müssen schrittweise (das heißt jede für sich) ausführbar sein und ausgeführt werden. Die ein zelnen Vorschriften müssen alle Handlungen bis ins (relevante) Einzelne festlegen, es darfkein Platz für freie Entscheidungen bleiben. (3) Die Vorschriften eines effektiven Verfahrens müssen reproduzierbare Handlungen beschreiben: die einzelne Handlung muss auf einer wiederkehrenden Konfiguration von Gegenständen immer das gleiche Resultat hervorbringen. (4) Die Reihenfolge der Anwendungen der Vorschriften darf nur durch Informatio nen beeinflusst werden, die im Algorithmus als Vorschriften formuliert oder in den jeweils hergestellten Konfigurationen der Gegenstände im Hinblick au f den Algorithmus kodiert sind. Wendet man also den Algorithmus immer wieder auf die gleiche Anfangs konfiguration an, so erfolgen immer die gleichen Transformationen und die Reihen folge der Anwendungen der Vorschriften bleibt immer dieselbe. Dabei ist die Mög lichkeit zugelassen, dass der Algorithmus im Verlauf der Anwendungen modifiziert wird (etwa durch Tabellen, die während einer Anwendung hergestellt werden und danach als neue Vorschriften füngieren); diese Modifikationen müssen indes in der ursprünglichen Sammlung von Vorschriften bereits angelegt sein. In so einem Fall wird der Algorithmus die ursprünglichen Transaktionen bis hin zu den Modifikatio nen exakt wiederholen, wenn man die einmal eingetretenen Modifikationen wieder entfernt hat. (5) Das Ergebnis eines effektiven Verfahrens muss als solches eindeutig feststehen, das heißt einerseits muss erkennbar sein, wann der Algorithmus ein Resultat erreicht hat (Abbruch-Bedingung), und andererseits was als Ergebnis vorliegt.“ Es sollte an dieser Stelle verständlich werden, dass rechnergesteuerte Verfahren der digitalen Fabrikation111 und insbesondere Verfahren der additiven Fertigung einem so beschriebenen effektiven Verfahren als Produktionsvorgang in idealer Weise nahe kommen, sodass hiermit die Annahme um einige Plausibilität bereichert wäre, dass mit der Verfügbarkeit digitaler Fabrikationsverfahren die Bereiche der automatisier baren Güterproduktion bis zu ihren theoretischen Grenzen auch tatsächlich ausge schöpft werden könnten. Ökonomisch bedeutsam ist hier insbesondere auch der Umstand, dass es sich bei diesen Verfahren im Kern um Produktionsweisen handelt, denen ab ovo die gleiche Universalität nahe und wesensverwandt ist wie dem — bisher 110 W iener e ta l. (1998), S. 117-118 111 Die ausluhrliche Diskussion der digitalen Fabrikation erfolgt weiter hinten. [77] — Informationen verarbeitenden Universalrechner; dies bedeutet im Kern eben auch die langfristige Möglichkeit, minimale Faktorspezifität zu erreichen, also auf produkt spezifische Spezialisierungen der Verfahren, der Werkzeuge, der Anlagen, des Know Hows etc. verzichten zu können, und damit eben letztlich auch auf den warenförmi gen Austausch von Gütern aufMärkten. Auf der anderen Seite zeichnen sich mit dem Erkennen der Grenzen der Automatisierbarkeit die Umrisse und Möglichkeiten von solchen Wirtschaftsräumen ab, die dem menschlichen Schaffen, Vermögen und Gestalten auch jenseits aller denkbaren technischen Vollkommenheit offen stehen. Dies heißt zunächst auch, dass diese denkbare und erreichbare technische Vollkommenheit auch von Menschen geschaf fen werden muss, denn die Grenzen der Berechenbarkeit bedeuten auch: es gibt keine Automation der Automation; diese Technik, inkorporiert als Hardware und Software, muss von Menschen geschaffen werden. Ist dies aber erreicht, stehen dem Menschen jenseits dieses „Reiches der Notwendigkeit“, der industriellen Herstellung profaner Gebrauchsgüter, prinzipiell endlose Bereiche der Gestaltung offen, als kulturelle Schöpfungen, in Kunst und Wissenschaft, oder etwa auch in einem neu auflebenden Handwerk um seiner selbst willen112. Endliche und nichtendliche Bedürfnisse Hinsichtlich der Endlichkeit der Bedürfnisse, die durch industriell vermehrbarer Gü ter befriedigt werden können und die insofern nachfragewirksam sind, besteht zwar durchaus Uneinigkeit, nicht jedoch hinsichtlich der Endlichkeit oder Unendlichkeit von Bedürfnissen überhaupt; so gibt es etwa das Bedürfnis nach Selbstentfaltung, nach Anerkennung, aber durchaus auch materielle Bedürfnisse wie etwa die nach dem Besitz von Prestigegütern, von nicht vermehrbaren Gütern wie Antiquitäten oder von Dingen mit einer speziellen Geschichte etc., die als unendlich gelten müssen. Es wird im vorliegenden Kontext davon ausgegangen, dass die Bedürfnisse nach industriell vermehrbaren Gebrauchsgütern endlich sind.113 Rationale Bedürfnisse Rationale Bedürfnisse sind solche, die einem Anspruch nach Rechtfertigung genügen. In Anbetracht der Endlichkeit der verfügbaren Ressourcen der Natur und der er kennbaren Belastungen des ökologischen Haushaltes durch Schadstoffeinträge im Zusammenhang mit Produktions- und Konsumtionsvorgängen ist von einem ratio nalen Bedürfnis dann zu sprechen, wenn es in diesem Sinne der Verhältnismäßigkeit entspricht und seine Befriedigung gerechtfertigt erscheint, es also nicht maßlos ist. 112 M it Verweis au f J. Fourastie werden derartige Beschäftigungen m eist „tertiäre“ genannt. Fourastie (1956) 113 Vgl. etw aR euter(2000) [78] Objektive (nichtteilbare) und subjektive (teilbare) Werte Dieser Unterscheidung entspricht die zwischen teil- bzw. privatisierbaren, individuell verbrauchbaren Konsumgütern mit Nutzenexklusivität (Rivalität im Verbrauch), und nichtteilbaren öffentlichen Kollektiv- oder Konsumgütern ohne oder fast ohne Kon sumrivalität. Etwa der Rechtsfriede, und die den Rechtsfrieden oder die Rechtsstaat lichkeit sichernden Institutionen sind zu den nichtteilbaren und nichtrivalen Gütern zu zählen. Vermehrbare und nichtvermehrbare Güter Nicht beliebig vermehrbare Güter werden auch Seltenheits- oder Monopolgüter ge nannt, wie etwa nicht reproduzierbare Kunstwerke, Sammlerartikel, Antiquitäten, Weine besondererjahrgänge oder Grundstücke in begehrten Wohnlagen. Vermehr bare Güter sind die, die durch poietische Arbeit unter Verwendung von Wissen, Roh stoffen und Energie hergestellt werden können, oder durch praktische Arbeit, wie etwa in Kunst und Wissenschaft. Automatisierbare Ökonomie Der Bereich der wirtschaftlichen Mittelbeschaffüng, soweit er die Befriedigung end licher Bedürfnisse durch die Bereitstellung vermehrbarer Güter betrifft, ist unter den skizzierten Bedingungen und Einschränkungen vollständig automatisierbar. Die Endlichkeit verfügbarer Ressourcen verlangt hier die Einschränkung des erzeugten Produkts auf das rationale Produkt. Die materiale Festlegung des Umfangs des ratio nalen Produkts ist politisch zu treffen. Die Möglichkeiten, die Bedürfnisse der Kon sumenten zu befriedigen, sind also dann unbeschränkt, wenn die Bedürfnisse endlich und rational sind, und die maschinellen Kapazitäten sowie Rohstoffe und Energie ausreichen, um das volkswirtschaftliche Produkt in der erforderlichen Menge und Qualität herzustellen. Die Nutzenmöglichkeitsgrenze ist in funktionaler Abhängigkeit festgelegt durch vorhandene Produktionskapazitäten sowie verfügbare Energie und Rohstoffe. Von Rohstoffen und Energie ist vorauszusetzen, dass die Energien nicht endlich, und die Rohstoffe wiederverwendbar sind114. Es entsteht dennoch die Not wendigkeit übergeordneter, überindividueller, politischer Festlegungen bezüglich etwa des gesamtwirtschaftlich (in einer betrachteten Volkswirtschaft) angestrebten Ressourcenverbrauchs, der individuell dann in ein rationales individualisiertes Pro dukt einfließen kann. Diese Festlegungen sind in legitimationsabhängigen politischen Verfahren zu treffen. 114 Diese M öglichkeit wird für die digitale Fabrikation und die Verwendung von digitalen Materialien diskutiert, steht aber gegenwärtig nicht ausgereift zur Verfügung. [79] Ziele der Ökonomie Volkswirtschaftlich gilt es als wünschenswert, das Wohlfahrtsmaximum zu erreichen. Wenn technisch die Möglichkeit geschaffen ist, das nachgefragte volkswirtschaftliche Produkt überwiegend oder gar vollständig maschinell herzustellen, ist es zur Mini mierung des Arbeitsleides des homo oeconomicus als zu diesem Wohlfahrtsmaximum zugehörig zu betrachten, diese technische Möglichkeit zu nutzen. Gleichzeitig darf kein Konsument vom Konsum ausgeschlossen sein, ohne das Wohlfahrtsmaximum zu verfehlen. Die Technologie der dezentralen individualisierbaren Fertigung stellt hierzu die technische Voraussetzung dar. Eine philosophische Begründung einer sol chen Zielsetzung leitet sich ab aus der Kantischen Vernunftphilosophie und dem Be griff der Autonomie als „Autonomie des Willens gegen die Heteronomie der wirken den Ursachen“, sowie dem Begriff der Menschenwürde, wonach der Mensch niemals bloßes Mittel sein darf, sondern immer zugleich Zweck.115 Marktökonomie und Automation Ein vollständig automatisiertes System der wirtschaftlichen Mittelbeschaffüng ist nicht als inkonsistentes dynamisches marktwirtschaftliches System zu beschreiben, sondern nur als ein vollständig berechenbares, konsistentes und statisches maschinel les System. Offensichtlich ist ein marktwirtschaftlich verfasstes dynamisches ökonomisches System nicht als vollständig automatisiert vorstellbar. Unterstellt man eine maximale und zur Versorgung aller rationalen Bedarfs hinreichende Maschinenausstattung so wie hinreichenden Zugriff auf Energie und Rohstoffe, so käme es bei einer marktlich verfassten Organisation mit Wettbewerb und Preissteuerung dennoch zu keinem volkswirtschaftlichen Zustand von Wohlfahrt und gesicherter Güterversorgung: Sind die maschinellen Produktionsmittel nicht auf alle Wirtschaftssubjekte verteilt und ha ben nicht alle darauf Zugriff, wäre dieser Teil der Wirtschafts Subjekte per se unver sorgt. Setzt man aber gleichen Zugriff aller voraus, jedoch marktliche Organisation, müsste vorausgesetzt werden, dass jeder Produzent sich als Nischenanbieter von möglichst erfolgreich monopolisierten Spezialangeboten auf dem Markt zu behaup ten suchte. Theoretisch könnte ein Produzent dann im erfolgreichen Fall Profit durch geheimen Wissensvorsprung erzielen. Er könnte diesen Profit aber nicht realisieren, da er ihn bei Erwerb eines anderen Nischenproduktes wieder an den nächsten An bieter abgeben würde. Ein derartiger volkswirtschaftlicher Zustand wäre ferner durch große Unsicherheit, Instabilität und Volatilität gekennzeichnet. Der mit dieser Tech nologie an sich gegebene Vorteil der kürzesten Distanz zwischen Produktion und Konsumtion wäre aufgegeben und ad absurdum geführt. Ein volkswirtschaftliches Wohlfahrtsmaximum wäre offensichtlich nur dann er reichbar, wenn alles gesellschaftlich vorhandene zur Produktion von Gütern verwen dete Wissen prinzipiell frei zugänglich ist, und eine gesicherte Versorgung aller Men- 115 K ant (1999b), S. 54/55 [80] sehen einer Volkswirtschaft auf technischem und auch auf politischem Wege sicher gestellt werden kann. Unter dieser Voraussetzung wäre ein vollständig maschinelles System der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung als konsistentes berechenbares System zu beschreiben. Es entstünde insgesamt ein Makro-System der wirtschaftlichen Mit telbeschaffung mit einigen (wenigen) Steuerungsparametern (etwa globaler Energie verbrauch, globaler Ressourcenverbrauch, Festlegungen hinsichtlich der Art verwen deter Rohstoffe etc.), die nach Maßgabe politischer Verfahrensregeln einzustellen wä ren; es bestehen aber keine nichtsprachlichen anonymen Systemzwänge. Sicherung der Funktionsfähigkeit Die Sicherung der Funktionsfähigkeit der je (nationalen, lokalen) maschinellen Sys teme der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung wird jenseits einer bestimmten Grenze des erreichten Produktionsumfangs und der horizontalen und vertikalen Versor gungsdichte zu einer hoheitlichen Aufgabe. Dies betrifft die Rohstoffversorgung, Energieversorgung und die Sicherung der zentralen Funktionen (Leitungen, Netze, Server, zentrale Rechnerleistung). Mit zunehmender Bedeutung für die Bewältigung des Lebens der Menschen, also für Beschaffung der alltäglichen Lebensmittel wären zentrale Funktionen des Systems offensichtlich auf übergeordneter Ebene sicherzu stellen; dieses Sicherstellen und alle zugeordneten und abhängigen Funktionen hätte den Rang einer hoheitlichen Aufgabe einzunehmen. Nichtautomatisierbare Ökonomie Inhalt der nichtautomatisierbaren Wirtschaft ist die Beschaffung, Herstellung oder Vermittlung subjektiver und objektiver Werte, sowie von Gütern, die nicht Konsum güter sind. Diese Güter können nichtvermehrbar sein. Der Bedarf an diesen Gütern ist nicht-endlich. Innerhalb dieser Sphäre herrschen marktwirtschaftliche Systembe dingungen, also im Wesentlichen eine Steuerung der Güter- und Faktorallokation über frei gebildete Marktpreise, sofern es sich nicht um hoheitliche Aufgabenbereiche handelt. Wird also unterstellt, dass der Bereich der wirtschaftlichen Mittelbeschaffüng voll ständig maschinell zu bewältigen ist, bleiben dem menschlichen Gestaltungsdrang und seinem Streben nach Betätigung sowie ferner seinem Bestreben nach Differen zierung und Anerkennung die Bereiche der sogenannten tertiären Beschäftigungen. Ferner ist folgendes zu bedenken: diese vollständige maschinelle Bewältigung der wirtschaftlichen Mittelbeschaffung wird immer nur annäherungsweise zu erreichen sein, also immer nur in einer bestimmten gegebenen Produktionsgeschwindigkeit, ei ner bestimmten Qualität der Verfahren, der Produkte, einer bestimmten Effizienz des Ressourcenverbrauchs. Dies wird immer noch zu verbessern sein, bis zu einer theoretisch erreichbaren und mit vertretbarem Aufwand nicht mehr zu überschrei tenden Grenze. Es kann aber ein Grad von Automation der wirtschaftlichen Mittel beschaffüng erreicht werden, den man — die Gesellschaft — zunächst einmal als hin sichtlich Produktqualität und Produktionsgeschwindigkeit hinreichend betrachten [81] will, so dass damit die Alternative offen steht, sich mit anderen Inhalten zu beschäf tigen als dieser wirtschaftlichen Mittelbeschaffung. Es wird auch immer die Möglich keit offen stehen, auf herkömmlich industrielle Weise eine bestehende Nachfrage zu bedienen. Insofern ist zu erwarten, dass — wie bereits oben erwähnt — diese zwei For men der Wirtschaftsorganisation nebeneinander her bestehen bleiben. Es kommt aber diese neue Organisation als dem alltäglichen Leben sich bietende Option sozu sagen dazu: auf diese Weise kann und muss eine Sicherheit der Versorgung mit den Mitteln des Lebensbedarfs hergestellt werden, die jedem Menschen prinzipiell offen steht. Beliebige Möglichkeiten der beruflichen und wirtschaftlich verwertbaren Betä tigung sind damit nie ausgeschlossen. Geschichtlich neu wäre nur die fundamentale und prinzipiell jedem Menschen offen stehende Lebenssituation, hierzu nicht ge zwungen zu sein. Transformation Im Kern bedeutet diese Technologie den Übergang von einer preisgesteuerten Wirt schaft zu einer gebrauchswertorientierten, sprachrational bzw. vom Primat der Politik gesteuerten Wirtschaft; Tausch, das Tauschmittel Geld, Kapital, Kapitalbildung und Verzinsung spielen eine immer mehr marginale Rolle in der Ökonomie (im Bereich der industriellen Konsumgüterproduktion). Ökonomische Notwendigkeiten innerhalb der umgebenden Marktwirtschaft füh ren nun zur Entwicklung universaler, „smarter“, dezentraler Produktionssysteme, de ren Eignung zur Produktion immer weiterer Bereiche des Konsumgütersegmentes sich ständig erweitert116. Parallel entstehen „Open-User-Innovation“-Produktionssysteme in nicht-kommerzieller, überprivater Verwendung, oftmals mit Organisation in öffentlicher Trägerschaft117. Unzweifelhaft wachsen diese Technologien gegenwärtig im Schöße der umgeben den Marktwirtschaft heran. Software und Hardware und die diversen Konzeptionen industrieller Produktion entstehen in verschieden Umfeldern und Kulturen, in ge winnwirtschaftlich betriebenen Unternehmen, in Universitäten, auch in privaten Ini tiativen, und in öffentlichen Projekten; das Wissen entsteht, und ist dank der Kom munikationswege des Internet immer schneller und breiter öffentlich verfügbar. In sofern besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass diese Technologien auf diesem Weg ihren Weg in die Lebensgestaltung der Menschen nehmen werden. An dieser Stelle ist aber auch an die eingangs gestellten Fragen anzuknüpfen, die mit Blick auf den Prozess einer herbeizuführenden oder sich ereignenden, sich ungeplant entwickelnden Transformation gestellt worden sind. Ein Trend zu einer Minia turisierung und Dezentralisierung der Produktion hin zum Ort des Konsums ist ge nerell auszumachen, aber es ist fraglich, ob dieser Trend stark und dynamisch genug sein kann und wird, die ökonomisch relevanten Tatbestände spürbar und, mit Blick auf die ökologischen Prozesse, schnell genug zu verändern. Es dürfte auch einiger 116 vgl. etwa Piller (2000), Reichwaldt (2006); dieser Prozess der Transformation wird im dritten Teil ausführlich diskutiert 117 Zu nennen wäre hier etwa die FabLab-Bewegung, m it ihren oftmals Universitäten angeschlossenen FabLab, wenn auch nur als ein die ferneren Intentionen skizzierender rudimentärer Ansatz. [82] Widerstand zu erwarten sein aus der Schicht der Profiteure der gegenwärtigen groß industriellen und gesellschaftlichen Strukturen.118 Es wird notwendig sein, großindust rielle Produktionsverfahren und —Systeme in diesem Sinne unter erheblichem Mittel aufwand zu entwickeln; die Allgemeinheit, die demokratische Gesellschaft wird Kos ten und Mühen auf sich nehmen müssen, also Investitionen aufwenden, um diese Veränderungen herbeizuführen. Umso mehr stellt sich die Frage, wie sich ein solches Projekt in Bewegung setzen und sich anschieben ließe, so dass es sich aus eigener Kraft in Bewegung halten, oder sogar selber zum vorantreibenden Motor werden kann. Die Ökonominnen I. Seidl und A. Zahrnt haben sich um die Entwicklung von Ansätzen zur Transformation der wachstumsabhängigen kapitalistischen Gesell schaft in eine „Postwachstumsgesellschaft“ bemüht, also im Kern um die Beantwor tung der Fragestellung: „Wie kommt es zu politischen Entscheidungen, die eine Transformation hin zu gesellschaftlicher Wachstumsunabhängigkeit befördern?“119 Das Ziel der gesellschaftlichen Wachstumsunabhängigkeit wird hier ja unbedingt ge teilt, wenn die hier beschriebenen Mittel auch andere sind, und die Zielsetzung über sozioökonomische Wachstumsunabhängigkeit ja weit hinausgeht. Mit Bezug auf den Politologen John Kingdon (2003) nennen Seidl /Zahrnt die folgenden drei Ströme (streams) die Zusammenkommen müssen, um politische Entscheidungen herzurufen, die gewünschte Veränderungen bewirken können: 1. Klare Definition und Kategorisierung eines zu lösenden Problems, und Herstel lung öffentlicher Aufmerksamkeit dafür; 2. Unterstützung politischer Akteure und von Medien und Tobbygruppen, und Setzen des Problems auf die Agenda von Regierungen; 3. Entwicklung einer politischen Entscheidungsagenda „mit Ideen, Konzepten und Handlungsmöglichkeiten“, die von Personen mit politischer Handlungsbe reitschaftgetragenwird (S. 245). Ziel sollte also sein, im oben beschriebenen Sinne ein Agenda-Setting zu initiieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen und politische Akteure sowie sonstige Multiplikatoren einzubinden, und allgemein in einer möglichst breiten Öffentlichkeit publik zu machen, warum eine solche Installa tion lokaler gebrauchswertorientierter Produktion der Geburtshelfer einer postkapi talistischen sozioökonomischen Perspektive ist oder sein kann, und diese Message auszusenden: je breiter die gesellschaftliche und technische Basis lokaler Produktion wird, umso mehr wird der Kapitalismus als dominantes und die Tebenswirklichkeit bestimmendes System, umso mehr wird das Kapital mit seiner Agenda bestimmen den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Dominanz geschwächt und entmachtet, und durch eine aufgeklärte demokratisch legitimierte Öffentlichkeit er setzt. 118 „Das Ende der Rentenökonomie“ wird vielfach gefordert, dürfte aber auf W iderstand von interessierter Seite stoßen. Löhr / Harrison (Hrsg.) (2017): Das Ende der Rentenökonomie. 119 I. Seidl, A. Zähmt: Transformation in eine Postwachstumsgesellschaft. Marburg 2016 [83]

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References

Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.