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EPILOG in:

Ludger Eversmann

Die Große Digitalmaschinerie, page 282 - 284

Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4038-6, ISBN online: 978-3-8288-6756-7, https://doi.org/10.5771/9783828867567-282

Tectum, Baden-Baden
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EPILOG Als im November des Jahres 2002 mein Promotionsverfahren abgeschlossen war, war das viel zu spät für mich, als dass diese Promotion für die berufliche Entwicklung hätte eine Rolle spielen können. Das war aber auch gar nicht meine Absicht. Men schen meinesjahrgangs waren unvermeidlich infiziert mit Utopismus; sie haben das Erscheinen der Beatles-Alben erlebt, den Streit mit Eltern und Lehrern um Haare, Marx und Mao, und den „Summer of Love“. Es warenJahre, in denen die Botschaft „All you need is Love“ die Mahnungen des realitätsnüchternen Lehrpersonais nur zu oft in kleine blaue Rauchwölkchen auflöste; diese Klänge, diese Phantasien, diese Träume waren groß und unwiderstehlich. Karriereplaner traf tiefste Verachtung. Mit den 1970erjahren folgte die jähe Ernüchterung; ein Sturz aus einem Paradies, von dem die Lautsprecher in den Kneipen, Diskotheken und Studentenzimmern un widerlegbar berichtet hatten, in die Tristesse der 1970erjahre aus Plastik. Das konnte einfach nicht die ganze Wahrheit sein, damit konnte sich kein aufrechter Mensch ab finden. Das musste also noch irgendwo hingehen. Diese Frage nach dem Sinn und dem Wohin hat mich nie wieder losgelassen. Tat sächlich ist es ja eine durchaus ehrenhafte und respektable Neigung, diesen Fragestel lungen nachzugehen, und keineswegs nur Phantasten und Tagträumern Vorbehalten. Im Grunde handelt es sich bei dieser Sinn-, Ziel- und Wahrheitssuche um das eigent liche und bleibende Anliegen der Philosophie, die „grundsätzliche Reflexion von Ent wicklungszielen mit notwendig utopischem Charakter“437; etwa bei Kant in seinen drei „Kant-Fragen“, oder etwa bei Ernst Bloch in seinem großen „Prinzip Hoffnung“. Große Hoffnungen konnten die „bürgerlichen“ Philosophen in diesen trüben 1970erjahren aber nicht machen; und die Marxisten hatten die DDR, die Trabis, die Stasi und die Mauer gegen sich, als Argument, für junge Menschen, die den Summer ofLove mit offenen Augen, Ohren und Nasen miterlebt hatten. You sa y jou wanta revolution, well,you know, we a llw an tto change the world... . .. hörten w irjohn Lennon damals singen. Was verändert die Welt? Wer verändert die Welt? Ideen? Menschen mit Ideen? Oder auch das, was die Menschen in den Händen halten, bei der Arbeit? Wie wird wirklicher Reichtum geschaffen? Wie ent steht das ersehnte Friedensreich und Paradies, in dem die Früchte an den Bäumen hängen? In dem niemanden drückende Sorgen plagen müssen um die bloße materielle Existenz, und das doch schon zum Greifen nahe schien? Ich war nie mathematisch begabt, aber dann zog es mich trotzdem zur Informatik. Ich dachte, vielleicht verändern diese Computer und Roboter die Welt, und zwar zum Guten; so, dass es sich darin leben lässt. Und als sich nach einigen Jahren die junge Wissenschaft Wirtschaftsinformatik auf das Ziel einschwor, in der Wirtschaft alle 437 Michael Hampe sieht in dieser systematischen Reflexion die Aufgabe der Philosophie. Hampe (2014). [282] Menschenarbeit zu automatisieren, so viel wie möglich, sodass die Menschen nur noch den Maschinen bei der Arbeit Zusehen müssen, war klar, über welches Thema ich meine Doktorarbeit schreiben würde. Ich hatte zu wenig Marx gelesen, um verstanden zu haben, dass der es ja für den notwendigen Gang der kapitalistischen Geschichte hielt, dass eines Tages die Maschi nen die lebendige Arbeit der Menschen übernehmen, jedenfalls davon so viel, dass der Kapitalismus darüber in ernste Schwierigkeiten gerät. Und tatsächlich: in diese Schwierigkeiten scheint der Kapitalismus inzwischen geraten zu sein.438 Der Kapitalismus hat schon immer erstaunliche Maschinen hervorgebracht, und seit es die Informatik gibt, bringt er erstaunliche digitale Maschinen hervor. Sehr er staunlich ist ja diese vollautomatische Textilfabrik von Amazon; so etwas gibt es aber auch schon für Möbel439, und bald ja wohl für so gut wie alles. Diese Fabriken schaffen es, ganz beliebige Dinge herzustellen, ganz wie ein Konsument es sich wünscht, auf Knopfdruck. Es geht blitzschnell, und kostet den Verbraucher nur wenig Geld, weil es auf diese Weise so einfach und sparsam ist, diese Dinge herzustellen. Fast das ganze Wissen das man dazu braucht, steckt in den intelligenten digitalen Maschinen. Darum braucht man dazu auch fast keine arbeitenden Menschen mehr. Aber, was man darüber leicht vergisst: man braucht dazu auch keine Unternehmen mehr, und natürlich auch keine nichtarbeitenden Unternehmer. Jeder kann dann ein Fabrikant sein. Aber wenn jeder ein Fabrikant sein kann, ist niemand mehr ein Fabrikant. Dann macht jeder für sich nur noch das, was er sich gerne machen lassen möchte. Aber nicht wirklich jeder für sich, wie man an diesen digitalen Fabriken sehen kann, sondern die Gesellschaft; die digitale Fabrik wird dann zur großen Weltfabrik; sie wird gesellschaftlich. Erst dann können die Produktionsmittel öffentlich werden. Wenn man sie vorher vergesellschaftet, bevor sie reif geworden sind, entsteht DDR und GULAG. So aber kann Zukunft entstehen, wirklicher Reichtum. Wirklicher Reichtum bemisst sich nicht in Geld. Wirklicher Reichtum bemisst sich in so einer Art Paradieshaftigkeit. Es geht also um einen höheren Paradieshaftigkeitsfaktor. You sappougot a real solution W ell,you know We'd a ll hve to see the plan You ask m e fo ra contrlbution Well,pou know We're alldoing whatwe can... Y on’tpou know it'sgonna be alrlght Alrlght, alrlght 438 Davon zeugen wohl auch die nicht enden wollenden Hiobsbotschaften vom Moralverfall der Top-M anager. Der Abgasskandal bei VW scheint sich als Skandal der deutschen Autobauer zu entpuppen: „Das geheime Kartell der deutschen Autobauer.“ Der SPIEGEL online vom 21.07.2017 439 Im Heft 17/2017 des SPIEGEL wird über On-^eman^-Produktion von Möbeln berichtet („Teilebeschleuniger“, S. 66/67). Der Automations- und Flexibilitätsgrad ist hier so hoch, dass es beliebig erscheint, ob der M öbel händler, der M öbelhersteller oder gar der Hersteller der Produktionsmaschinen die Möbel vertreibt. [283] [284]

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Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.