Content

Im Maschinenraum: Die Emergenz produktiver Universalität in:

Ludger Eversmann

Die Große Digitalmaschinerie, page 171 - 260

Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4038-6, ISBN online: 978-3-8288-6756-7, https://doi.org/10.5771/9783828867567-171

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Im Maschinenraum: Die Emergenz produktiver Universalität Das Architekturbüro Henn mit Sitz in München, das mit seinen rund 350 Mitarbei tern weltweit Unternehmens- und Industriebauten entwirft und realisiert, darunter die füturistische Autostadt für die „Automotive Expo“ in Peking (2008), die Auto stadt in Wolfsburg (2000) oder die gläserne Manufaktur für den VW Phaeton in Dres den (2002), hat sich auch einmal ganz prinzipielle Gedanken zur „Fabrik der Zu kunft“ gemacht, und stellt einen Entwurf dazu auf seiner Homepage vor, mit seinen wesentlichen Charakteristika und einer anschaulichen Bebilderung:279 „Die nächste Fabrik wird eine menschenfreundliche und roboterfreundliche Fabrik sein. Sie wird gu einem Ort der 'Wissensanwendung und der Wissensergeugung. Deshalb entwickelt sich die Fabrik gu einer Kommunikationsplatform,für den Betrieb und gum Markt hin. Eine immer höher entwickelte Automatisierung steigert die 'Flexibilität und macht den Menschen wieder gu einem souveränen Akteur. Global eV 'Wemetgt: Durch flexible 'Fertigungstechnologien rücken 'Bestellung und Produktion immernäheraneinander. Neben die Ausführung betriebsintemerAnweisungen tritt eine gunehmende Kommunikation derFabrik nach draußen. Im Industriegüterbereich werden die hierarchi schen Zulieferketten von globalen Produktionsnetgwerken abgelöst, die geitnah koordiniert wer den müssen. Die 'Fabrik wird vom 'Befehlsempfänger gum Ort der Kooperation m it Zulieferern und Kunden. Neben die klassischen Ziele der Produktivitätssteigerung und Kostenminimierung treten gleichberechtigtflexible Produktion und kooperative Innovation. A u f den Konsummärkten wird die 'Nachfrage immer heterogener, die Macht des Kunden steigt und macht seine Echtgeitpräseng erforderlich. Deshalb sitgen Zulieferer und Kundenfrühgeitig m it am Tisch, wenn es um die Entwicklung neuer Produkte geht. In dieser Situation werden alle Akteure der 'Wertschöp fungskette gu unvergichtbaren 'Wissensträgem: Entwickler, Hersteller, 'Weiterverarbeiter, A n wender und Kunden gewinnen dagu, wenn siefrühgeitigE influss aufeinander nehmen. Architektu rha td ie Aufgabe, diesen 'Wandel durch neue Raumkongepte gu ermöglichen. Flexibel eV Automatisiert: Die nächste 'Fabrik ermöglicht eine hohe 'Flexibilität in derFläche, fü r Produktionsanlagen, Embauten und Erweiterungen. Materialströme organisieren sich au f mobilen 'Transporteinheiten wie Bits and Bites au f der Platine. Roboter werden immer preiswerter und noch flex ibler in ihren Anwendungsbereichen. Zudem erwerben IndustrieroboterFähigkeiten, die bislang fü r den Servicebereich entwickelt wurden, etwa die gu r Kommunikation. Auch die Mobilität nimmt gu, so dass Roboter Industriemeister begleiten und ihnen bei schweren und g e fährlichen Aufgaben gur Hand gehen können. Die Arrangements von 'Fertigung und 'Wertrieb können sich dadurch schnell wechselnden Auftragslagen anpassen. Die 'Fabrik wird dabei gum Eemort, der das 'Wissen in seiner Anwendung geigt und gugleich immer neu infrage stellt. Die Fabrik wird gurSchule. 219 http://www.henn.com/de/research/factory-future [Stand 20.02.2017], Eine detaillierte Beschreibung findet sich in einem Heft der „Wirtschaftswoche“ zum Themenschwerpunkt Architektur: „WirtschaftsWoche“ vom 24.9.2012, S. 14 und 15. [171] Urban & Nachhaltig: In Folge von Mass Customigation, Zuliefemetgwerken und Open Inno vation müssen gan g unterschiedliche und einander fremde Gruppen und Fxpertenkulturen in einem kontinuierlichen Austausch miteinander stehen, voneinander lernen und kooperieren. Seit je h e r i s t e s eine 'lugend derStädte, die 'Begegnung und denAustausch unterFremden gu ermög lichen. Von urbanen Fäumen kann man daher lernen, in welchem Umfeld ein solcher Austausch gelingt. Die nächste Fabrik wird selbst urban sein: Froduktionsboukvards ergeugen Aufmerk samkeit fü r die ständig gu verbessernden Progesse; Fxpertenkulturen geraten au f gemeinsamen Plateaus miteinander in Berührung; Besucher und Kundenfinden Plattformen, au f denen sie ihre Erfahrungen und Ideen einbringen können. Emissionfreie Fabriken suchen Innenstadtlagen auf, um diese 'Vorgänge im städtischen Kontex tgu intensivieren. Die Zeit der luftverschmutgenden, lärmenden undEnergiefressenden 'Fabrik gehört der 'Vergan genheit an. Die nächste 'Fabrik versorgt sich selbst. Sie wird bestimmt vom nachhaltigen 'Umgang mitFessourcen und Energie. Dabei sind die Nutgung von 'Windkraft, Sonnenenergie, Geother mie und die Produktion von 'Biomasse der Schlüssel: Die 'Fabrik ist gugleich ein Kraftwerk, sie speist überschüssige Energie in das Stadtnetg ein undfunktioniert als Puffer beiEnergie-Spitgen- Zeiten. Ergängtwerden diese Maßnahmen durchgeschlossene Kreisläufe derWasserwirtschaft.“ In der Tat: ein begeisternder, Frische, Mut, Inspiration und Optimismus ausstrahlen der Entwurf, der Hoffnung und Lust auf die Zukunft macht. Im Sinne der hier entwickelten Argumentation würde diese Fabrik aber nun eine öffentliche, gemeinwirtschaftliche, staatliche oder kommunale, jedenfalls nicht von privaten Unternehmen in gewinnwirtschaftlicher Absicht betriebene Fabrik sein müs sen, dies jedenfalls nicht nur oder überwiegend. Die öffentliche Hand müsste bzw. sollte das letzte Wort haben; was auch bedeuten würde, dass die Kunden und die Passanten des urbanen Raums, die hier die fleißigen, hilfsbereiten und lernfähigen Roboter durch die gläsernen Scheiben zu Werk gehen sehen, wissen, dass diese Ro boter — wenngleich auch eher indirekt — ihnen selber gehören. Man wird annehmen dürfen, dass wohl niemand, der in der Gegenwart mit dem Bau und dem technischen Entwurf von „Fabriken der Zukunft“ oder „Smart Factories“ beschäftigt ist, dieser Ansicht oder Forderung zustimmt. Man wird es viel leicht für Utopismus oder sozialistische Träumerei halten, und in der Tat ist es ja durchaus anspruchsvoll, hier die Argumentation zwingend und einleuchtend zu füh ren, um Skepsis und Vorbehalte gegen einen solchen Vorschlag zu überwinden. Aber es wird nach der hier entwickelten Auffassung nicht anders möglich sein, einen sub stantiell neuen und nachhaltig erfolgversprechenden Fortschrittspfad zu beschreiten. Wie im Folgenden aber nun aufgezeigt werden soll, befindet sich die Entwicklung bereits seit rund dreijahrzehnten auf diesem Pfad, scheinbar ohne dass sich jemand dessen bewusst geworden wäre, dies jedenfalls im Sinne einer diesbezüglichen wis senschaftlichen Publikation. Wenn man das Woher und das Wohin dieses evolutio nären Pfades einmal rekonstruiert, und daraus einen Richtungspfeil ableitet, wird man feststellen: die Pfeilspitze weist genau in diese Richtung. [172] D i e F a b r i k d e r Z u k u n f t - e i n e ö f f e n t l i c h e S t a d t f a b r i k ? 280 ■fr Abb. 7: Fabrikder Zukunft © H EN N 280 Vgl. dazu auch: D ieter Läpple: Produktion zurück in die Stadt. E inPlädoyer. Bauwelt 35.2016, S. 22 ff. Läpple plädiert hier für ein „Urban M anufacturing“ , das durch eine „next economy“ aus Kleingewerben etwa der Kreativwirtschaft, des „M aker M ovement“ und von FabLabs getragen wird, geht damit der Diskussion des sich zuspitzenden Dilemmas der spätkapitalistischen Großindustrie aber aus dem Weg. [173] Digitale Fabrikation Der Klammerbegriff, unter dem die Vorgänge des technologiegetriebenen Wandels der Arbeitswelt meist abgehandelt werden, heißt heute Digitalisierung. In den 1950er Jahren sprach man von Automation,281 in den 1970er und 1980er Jahren vielleicht eher von Rationalisierung, und nun lautet der wohl geläufigste und meist verwendete Ausdruck „Digitalisierung“. Der volkswirtschaftliche Effekt als auch die verwendete Basis-Technologie sind aber immer noch die Gleichen: letzten Endes wird mit Rück griff auf die Leistung universal programmierbarer Automaten, vulgo Computer, an gestrebt, die menschliche Arbeit zu unterstützen, ihre Effizienz zu erhöhen, ihre Qua lität zu verbessern, ihren Einsatz optimal zu steuern, auch zu vermessen, und schließ lich, wenn möglich und kostenrechnerisch vorteilhaft, diese auch komplett zu erset zen. Man setzt dazu die verschiedensten Mittel ein; ob die Maschinen nur Informati onen auswerten und/oder sie generieren, ob sie direkt oder indirekt steuern, oder ob sie per Robotik oder 3D-Druck oder Laserschneider in die physischen Arbeitspro zesse direkt eingreifen, ist letzten Endes zweitrangig. Es sind immer digital program mierbare Maschinen, die Arbeit leisten, indem sie entweder direkt Maschinen bei ih rer Arbeit kontrollieren und steuern, oder die Arbeit von Menschen steuern und kon trollieren, oder steuernden und kontrollierenden Menschen Steuerungsinformationen an die Hand geben. Der Begriff „Digitale Fabrikation“ ist vergleichsweise jung. Obwohl die digitale, also rechnerbasierte Steuerung der Arbeitsabläufe in Betrieben ja schon in den 1950er Jahren begann, war die Verbindung des Rechners zum gesamten komplexen Gesche hen in der Fabrik doch noch vergleichsweise punktuell und lose vermittelt; die Rech ner griffen eher selten unmittelbar in die Produktion ein. Das hat sich aber mit der digitalen Fabrikation massiv geändert. Das liegt unter anderem auch daran, dass digi tale Fabrikation einen vollkommen neuartigen Begriff von Produktion umfasst, näm lich den, dass Bauteile „additiv“, durch Zusammenfügen möglichst kleiner basaler Komponenten, bis hinab zur molekularen Nanoebene, zusammengefügt werden, während konventionelle Produktionsprozesse meist eine „subtraktive“ Materialbear beitung verwendeten, also das Abtragen (Schleifen, Fräsen, Bohren) von Rohmateri alpartikeln, um ein Bauteil in die gewünschte Form zu bringen. Die Aufgabe des Rechners bei der additiven digitalen Fabrikation ist es dann, die räumlichen Koordi naten des jeweils nächsten zu platzierenden Partikels zu errechnen bzw. diese der ausführenden Maschine zu übermitteln, und es ist intuitiv einsichtig, dass eine solche Weise der Fabrikation dem Rechner einen Stellenwert zuweist, der dem Menschen im Fertigungsprozess selber so gut wie gar keinen Raum zur Mitwirkung mehr lässt. Daher wurde diese additive Fertigung auch als „werkzeuglose Fertigung“ oder „Zero- 281 Der Initiator und Geschäftsführer des ersten europäischen Softwarehauses, die „M athematischer Beratungs und Programmierdienst GmbH“, Hans Konrad Schuff, hatte unter anderen die folgenden Themengebiete zur Bearbeitung in der neuen Zeitschrift „elektronische datenverarbeitung“ vorgesehen, laut dem Vorwort zu de ren erster Ausgabe Anfang 1959: „ ... Theoretische und praktische Berichte über Betriebsautomatisierung, w o bei unterschieden wird zwischen a) Verwaltungs-Automatisierung im betriebswirtschaftlichen Bereich, b) Au tomatisierung der Ingenieurarbeiten, c) Automatisierung der Fertigung, d) Integration der Betriebsautomatisie rung; ...“ . Damit waren die Aufgaben der damaligen „elektronischen Datenverarbeitung EDV“ beschrieben. Hasenkamp / Stahlknecht 2009 S. 18 ff. [174] Skill-Manufacturing“ apostrophiert, die an den Menschen und seine Fertigkeiten praktisch keine Ansprüche mehr stellt, es sei denn in der operativen Handhabung der digitalen Fabrikationsmaschine selber.282 Anlässlich einer am 7. März 2013 am MIT Media Lab abgehaltenen Konferenz stellte der am MIT lehrende Professor Neil Gershenfeld die „Wissenschaft der Digi talen Fabrikation“ als ein neues Forschungsprogramm vor, das dem Forschungsziel gewidmet ist, „Daten in Dinge und Dinge in Daten zu verwandeln”, und dabei „von einer interdisziplinären wissenschaftlichen Forschergemeinschaft unterstützt und mit Beiträgen versorgt werden wird“.283 Gershenfeld hat dieses Bild der Verwandlung von Daten in Dinge immer wieder gerne benutzt, um das frappierende neue Prinzip der digitalen Fabrikation anschaulich zu machen, nach dem Fabrikation nunmehr nur noch in der physischen Realisierung digitaler Datensätze als „Modelle“ von Dingen besteht, die von digitalen Fabrikatoren fast komplett ohne menschliches Zutun ab gearbeitet wird. Im Vergleich mit dem 3D-Druck ist der Anspruch dieses Forschungsprogramms und des in seiner Mitte stehenden Begriffs der digitalen Fabrikation wesentlich um fassender und verhält sich zum 3D-Druck wie zu einer Teildisziplin; dies zeigt sich auch schon an Zahl und Inhalt der übrigen Teildisziplinen, die in diesem Verständnis zur digitalen Fabrikation gehören, und über die auf dieser Konferenz berichtet wurde: • Komplexität von Assemblageprozessen • Digitale Materialien • Selbst-Assemblage (~ maschinelles Wachsen) • Assemblieren auf der Nano-Ebene (1 — 999 Nanometer) • Assemblieren auf der Mikro-Ebene (1 — 999 gm) • Assemblieren auf der Meso-Ebene (1 — 25 mm) • Assemblieren auf der Makro-Ebene (> 25 mm) • Assemblieren auf der Mega-Ebene (z. B. Ziegelsteine in der Architektur) • Simulation und Optimierung • 3D Scannen • Design-Repräsentationen und Schnittstellen • Generierung von Arbeitsplänen für Maschinen • Kontrolle virtueller Maschinen (Rapid Prototyping von Maschinen) • 3D Druck • Entstehung von Objekten durch Falten/Entfalten von Materialien • Programmierbare Materialien 282 Einer der frühen Protagonisten der digitalen Fertigung und des 3D-Drucks, der an der Columbia Universität lehrende Informatiker und Biologe Hod Lipson, hat 10 Prinzipien des 3D-Drucks zusammengestellt, darunter das Prinzip 3: keine M ontage erforderlich (im Produktionsprozess), das Prinzip 4: keine Rüstzeiten (zum U m bau der Fertigungsanlage, wenn ein anderes Produkt gefertigt werden soll), und das Prinzip 6: Zero Skill M a nufacturing. Hod Fipson, M elba Kurman: Fabricated. The N ew W orld o f 3D Printing. Indianapolis 2013, S. 21 f. 283 The Science ofD ig ita l Fabrication: http://cba.mit.edu/events/13.03.scifab/ [Stand 05.11.2014] [175] • Speicherung digitaler Informationen in einer DNA • Selbst-reproduzierende Systeme Es geht in der Digitalen Fabrikation also unter anderem um das „Assemblieren“ (Montieren, Zusammensetzen) von Materialien in verschiedenen Größenordnungen, angefangen bei der atomaren Nano-Ebene, über die Mikro- und Meso-Ebene mit schon mit bloßem Auge sichtbaren Materialkomponenten, bis hin zur Makro-Ebene im Bereich der Architektur, wo etwa Ziegelsteine die dann mit Hilfe von digital ge steuerten Robotern verbauten Materialkomponenten darstellen.284 Techniken zur Beherrschung der entstehenden ungeheuren Komplexität bei der artigen Fabrikationsvorgängen auf der Nano- und Mikro-Ebene gehören offensicht lich ebenso zum Gegenstandsbereich dieser neuen Wissenschaft wie etwa die Akti onsplanung oder die Simulation und Optimierung; nicht zu vergessen natürlich auch das Scannen von Objekten, das nach der Intention der digitalen Fabrikation über das Erfassen der 3-dimensionalen äußeren Oberflächen von Dingen wesentlich hinaus gehen soll und die Herstellung digitaler Kopien von Dingen mitsamt ihren funktio nalen wie auch inneren physikalischen Eigenschaften ermöglichen soll, um diese eben als Grundlage zur Herstellung digital-präziser 3D-Kopien verwenden zu können. Um das Ziel seiner Forschungen auch einem fachfremden Publikum plastisch zu veranschaulichen, hat Gershenfeld immer wieder gerne zum aus der Science-Fiction Serie bekannten Bild des StarTrek RepUcators gegriffen, das seinem Ideal von digitalem Fabrikator am nächsten komme, und tatsächlich als fo cu s imaginarius das Ziel seiner Forschungen darstelle; Ziel seiner Forschungen sei es, eine derartige Fabrikationsma schine zu entwickeln und zu schaffen, die damit in der physikalischen Welt die gleiche Universalität zur Verfügung stelle, wie der „Allzweck-Computer“ in der Welt der Bits und Bytes.285 In einem Artikel für das renommierte Magazin 'Foreign Affairs hat Gershenfeld eine durch die digitale Fabrikation hervorgerufene neue Industrielle Revolution angekün digt; die digitale Fabrikation werde jedermann die Produktion auf Knopfdruck, on demand, an einem beliebigen Ort ermöglichen, und dadurch traditionelle Geschäfts modelle in Frage stellen: „Digital fabrication will allow individuals to design and pro duce tangible objects on demand, wherever and whenever they need them. Widespread access to these technologies will challenge traditional models of business, aid, and education.” Auch in diesem Artikel illustrierte er die Möglichkeiten der „perso nellen Fabrikation” mit den Möglichkeiten des RepUcatorzwi der Sciene-Fiction Serie StarTrek. „Personal fabrication has been around for years as a science-fiction staple. When the crew of the TV series Star Trek: The Next Generation was confronted by a particularly challenging plot development, they could use the onboard replicator to make whatever they needed. Scientists at a number of labs (including mine) are now 284 Vgl. etwa: F. Gramazio, M. Köhler: Made by Robots: Challenging Architecture at a larger Scale. Zürich 2014. Gegenwärtig wird in Zusam m enarbeit m it Airbus und der NASA versucht, m it Hilfe digitaler Materialien neue Architekturen zum Design von Flugzeugflügeln zu entwickeln. http://news.mit.edu/2016/morphing-airplane-wing-design-1103 [Stand 20.02.2017] 285 „ ... offering in the physical world exactly the same kind o f universality provided by a general-purpose Com puter.“ (Gershenfeld 2005 S. 243) [176] working on the real thing, developing processes that can place individual atoms and molecules into whatever structure they want.” Das real thing, das in den MIT Laboren erforscht wird, ist ein sogenannter 3D- Assembler, den er von einem 3D-Drucker unterscheidet: „Labs like mine are now developing 3-D assemblers (rather than printers) that can build structures in the same way as the ribosome. The assemblers will be able to both add and remove parts from a discrete set. One of the assemblers we are developing works with components that are a bit bigger than amino acids, cluster of atoms about ten nanometers long (an amino acid is around one nanometer long).” Diese 3D-Assembler können Kompo nenten also auch wiederverwenden und digital gebaute Objekte wieder in ihre Kom ponenten zerlegen, wobei er zur Verdeutlichung gerne auf das Beispiel LEGO-Steine zurückgreift, mit denen derartiges ja bekanntlich möglich ist. Diese 3D-Assembler können Komponenten verschiedener Größenordnungen verarbeiten, auf einer Skala zwischen Mikron und Millimeter, oder auch noch größere Objekte, die in Zentime tern gemessen werden, und zur Herstellung größerer Strukturen wie Flugzeugkom ponenten oder ganzer Flugzeuge verwendet werden.286 Die Herstellung von Tragflächen aus digitalen Komponenten scheint inzwischen gelungen zu sein, und hat in Kooperationen mit der NASA und dem Flugzeugher steller Airbus zu beachtlichen Erfolgen geführt.287 Bei Airbus spricht man bereits von 4D-Printing: „4D-printing and digital materials. Changing the way we make things“. Das Konzept der wiederverwendbaren Komponenten nach der Art von LEGO-Steinen scheint auch hier eine Rolle zu spielen, wie aus einer Abschnittsüberschrift des Webauftritts zu entnehmen ist: „Digital Fabrication. Developing „industrial lego“. Neil Gershenfeld wird auf der Airbus-Webseite zitiert mit der Aussage: „Aerospace will help drive a technology change that could revolutionise the construction of many other things.”288 Nun ist seit der Vorstellung des neuen Forschungsprogramms der digitalen Fabri kation 2013 bereits einige Zeit vergangen, die Forschungsergebnisse scheinen sich derzeit aber auf die Flugzeugindustrie zu beschränken, während von der Revolutionierung der Herstellung anderer Dinge bislang in der Öffentlichkeit wenig bekannt geworden ist. Der Verdacht, dass die Hersteller „anderer Dinge“ daran möglicher weise nicht sehr interessiert sind, scheint wohl nicht so weit hergeholt: während bei der Herstellung von Flugzeugen die Konkurrenz durch privat produzierende Einzel personen nicht allzusehr zu befürchten ist, verhielte sich dies bei Consumer-Produk ten offensichtlich anders. Wenn tatsächlich „jedermann jederzeit überall alles“ her stellen könnte, könnte die große Industrie ihre Funktion einstellen. Da wird die sich mit ihrer Investitionsbereitschaft eher zurückhalten. Dennoch ist die große Industrie mehr oder weniger gezwungen, diesem Leitbild in ihren prozessinnovativen Anstrengungen zu folgen. Die digitale Fabrikation in der extremen Form des Nano-Assemblers stellt die Verkörperung eines Idealbildes von 286 N. Gershenfeld: How to Make Alm ost Anything. The Digital Fabrication Revolution. Foreign Affairs Novem ber/Dezember 2012 287 Vgl. etwa einen Bericht in der Flugrevue vom 4.11.2016: NASA will den gesamten Flügel verbiegen. http://www.flugrevue.de/flugzeugbau/systeme/nasa-will-den-fluegel-verbiegen/704866 [Stand 01.03.2017] 288 http://www.airbusgroup.com/int/en/story-overview/digital-materials.html [Stand 01.03.2017] [177] Fabrikation dar, dem die industrielle Produktion, den Imperativen der Dynamik der Märkte folgend, sich in kleinen Schritten annähert. Die Universalität und damit ver bundene Minimierung der Faktorspezifität ihrer Produktionsanlagen, die die große Industrie diesen in kleinen Entwicklungsschritten mühsam antrainieren muss, besitzt der digitale Assembler von Anfang an und sozusagen von Natur aus, und ohne dass dies bei seiner Entstehung ein Entwicklungsziel gewesen wäre. Wenn die technische Beherrschbarkeit der Fabrikation auf der extremen moleku laren oder atomaren Ebene derzeit auch nicht gegeben ist, so macht die Vorstellung seiner Verfügbarkeit doch erkennbar, dass die ideale Fabrikationsmaschine offenbar eine kleine und kompakte, und eben universale Fabrikationsmaschinerie sein würde, die dadurch individuals, dem Endverbraucher, erlauben würde, Konsumgüter on demand, auf Anforderung herzustellen, wo und wann auch immer sie benötigt werden. Sie wäre eine Allzweckmaschine oder ein Allzweck-Produktionssystem, das mög lichst vollständig ohne Umrüstungsaufwand und ohne Zeit oder Geld kostende Ein griffe auf die Fabrikation unterschiedlichster Produkte umgestellt werden kann, so wie ein PC289, Laptop oder Smartfone eben ohne Umrüstungsaufwand beliebige Com puterprogramme abarbeiten kann. Transaktionskostentheoretisch bedeutete das, die Faktorspezifität eines Produktionssystems hinsichtlich Produkt, Zeit und Ort ist mi nimal; es produziert „anything, anytime, anywhere“. Die Idealgestalt der universalen Fabrikationsmaschine, der Star Trek Replicator als vollkommen universal nutzbarer Molekular-Assembler ist eine ebenso hoch produktive, also Arbeitskosten sparende, wie universale, also minimal faktorspezifische und damit auch zukünftige Kosten in klusive Transaktionskosten minimierende Fabrikationsmaschine wie die eingangs zi tierte „Fabrik der Zukunft“, oder die vor allem in Deutschland so viel zitierte und intensiv umworbene und gepriesene Modellfabrik Industrie 4.O.290 Warum ist die Industrie heute so begierig, derartige möglichst universal verwend bare Fertigungsanlagen zu besitzen? Weil die Nachfrage wegen des beschriebenen ökonomischen Umfelds eben so schwer vorhersagbar geworden ist; die Signale des Marktes an die Produzenten sind uneindeutig, uneinheitlich und „volatil“ geworden und haben sich damit in frappierender Weise eben genau so entwickelt, wie J. M. Keynes dies schon vor fast 100 Jahren erwartet hat. Die Industrie fürchtet, Produk tionskapazitäten für ein Produkt aufzubauen, nach dem die Nachfrage schon wieder erloschen sein kann, lange bevor über die erreichten Umsätze die getätigten Investi 289 Dies war übrigens bei den frühesten Computern noch keineswegs der Fall; der A usdruck Software in seiner heutigen Bedeutung wurde zuerst von 1958 von John Tukey verwendet. Die ersten IBM 950 Magnetic Drum Data Processing M achines wurden inklusive Source Code verkauft. https://de.wikipedia.org/wiki/John_W ._Tukey 290 W ir kommen hier zurück au f Schumpeter und seine Überlegungen zum „Finalzustand“ des Kapitalismus. Hin sichtlich des Reifezustandes der Ökonomie unterstellt er, dass „Sättigung“ eintritt, und hinsichtlich der Pro duktion m acht er die - bewusst „unrealistische“ - Annahme, dass „die Produktionsmethoden einen Zustand der Vollkommenheit erreicht haben, der keine Verbesserung m ehr zulässt.“ M it Vollkommenheit kann er of fenbar nur das gemeint haben, was J. Rifkin „extreme Produktivität“ nennt, also einen so hohen Output der automatisierten Industrie, dass - auch ausgedehnte - Bedürfnisse voll m aschinell befriedigt werden können. Es übersieht aber, dass bei einer weiter bestehenden Spezialisierung der Produktionsanlagen noch immer M arktallokation notwendig wäre, die Distanz der Produktion zur Konsumation also nicht bis gegen Null ver kürzt werden könnte - das aber würde den von ihm skizzierten stationären Zustand der Ökonomie erst erm ög lichen. (S. 213) [178] tionen wieder eingespielt worden sind. Hat man aber möglichst vielseitig verwend bare Produktionssysteme zur Verfügung, muss ein Investor die Volatilität der Nach frage weit weniger furchten; er kann nun einfach ohne Umstellungskosten die Pro duktion des nächsten Produkts aufnehmen. Dieses Bild des Star Trek Replicators macht noch einen weiteren ökonomisch sehr bedeutsamen Umstand deutlich. Angenommen, so eine Universalmaschine ist tech nisch realisiert worden, und man kann einen Star Trek RepUcator im Medien-Supermarkt zu einem erschwinglichen Preis erwerben, und diese Maschine ist dann auch in der Lage, Konsumentenwünsche in einem breiteren Spektrum zu erfüllen als nur den nach „Tea, Earl Grey, hot.“ Die Maschine wäre also tatsächlich in der Lage, „al most anything“291 zu produzieren, und dies, wie einmal unterstellt werden soll, zu akzeptablen Kosten, die dann ja nur die Selbstkosten (Rohstoffe und Energie) um fassten. Um ein „Ding“ herstellen zu können, ist ferner noch das digitale Modell die ses Gutes erforderlich, das an dieser Stelle der Einfachheit halber einmal kostenlos von einer öffentlichen Datenbank über das Internet beziehbar sein soll. Wenn man nun von allen technischen und physikalischen Fragen absieht und sich auf die wirklich wesentliche Frage konzentriert, gelangt man zu der im ökonomischen Zusammenhang überaus relevanten Frage: wird der Käufer dieser Fabrikationsma schine dadurch, durch diese Investition in eine Fabrikationsmaschine, zum Fabrikan ten, zum Unternehmer, zum Kapitalisten?292 In der Star Trek Serie wurde der von einem RepUcator wie beauftragt produzierte und wunschgemäß heiß servierte Tee offenbar nicht verkauft, auf einem Markt. Wenn jemand auf die Idee gekommen wäre, hieraus ein Geschäft zu machen, wären seine Aussichten damit Gewinne zu machen, nicht sehr groß gewesen. Volkswirt schaftlich ist der Unternehmerlohn definiert als Überschreitung des marktüblichen Einkommens, oder, wie Schumpeter sagt, als Lohn für die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ auf dem Markt, im Wesentlichen entweder die Produktionsme thode betreffend, oder das Produkt. Wenn nun ein derartiges Produktionsmittel all gemein verfügbar ist, dessen Faktorspezifität gleich Null ist, mit dem sich also belie bige Dinge „on demand“ am Ort des Konsums herstellen lassen, ist die Aussicht auf Realisierung eines Gewinns offensichtlich gleich Null. Der Wert des Produkts lässt sich ausschließlich als Gebrauchswert realisieren. Eine derartige Universalmaschine kann also ökonomisch sinnvoll nur genutzt wer den kann, wenn sie Gebrauchswerte produziert, also Dinge oder Leistungen, die ein Konsument für seine eigenen Zwecke verbrauchen und konsumieren will; so wie ein 291 Der erste und inzwischen zu Berühmtheit gelangte Kurs von Gershenfeld am MIT hieß: „How to make (almost) anything“ . D er Replicator wäre also Schumpeters „Produktionsmittel in Vollkommenheit“; J. Rifkin sieht dessen „tiefere Bedeutung ( .. .) darin, dass er die Knappheit abschafft“ . (Rifkin 2014 S. 139). Auch Rifkin sieht nicht, dass diese Überwindung der Knappheit (= Sättigung) nur dann eintreten würde, wenn der Replicator nicht zur W a renproduktion zum Vertrieb auf Märkten eingesetzt würde, sondern zur Produktion von Gebrauchswerten. Dies ist wiederum nur dadurch möglich, dass er eben nicht nur die Eigenschaft „extremer Produktivität“ besäße, wie Rifkin glaubt, sondern gleichzeitig die extremer Universalität bzw. m inimaler Faktorspezifität. Die Pro duktivität muss also hinreichen, beliebige bestehende Bedarfe zu decken, und zwar am O rt des Konsums. W äre ein Replicator nur extrem produktiv, aber nicht universal, wäre er also faktorspezifisch, könnte der eine bei spielsweise 100 Zahnbürsten pro Minute replizieren, und ein anderer 50 Paar Schuhe pro Minute - was offen bar seinem Besitzer nur wenig zweckdienlich wäre. Vgl. Rifkin (2014) S. 107ff.: „Extreme Produktivität“ . [179] Waschmaschinenbesitzer nur die gewaschene Wäsche für seinen eigenen privaten Be darf nutzen und gebrauchen will, oder der Spülmaschinenbesitzer das gespülte Ge schirr. Unter der Voraussetzung, dass alle technischen Bedingungen, die in diesem Zusammenhang von Relevanz sind, optimal gelöst sind, und keine Funktions- oder Qualitätsprobleme auftreten, ist die Aufgabe der Ökonomie nicht besser zu lösen, als durch Nutzung einer in diesem Sinne postindustriellen und postkapitalistischen Ma schine, also ohne die relativ ineffiziente und oftmals mit nichtabsorbierten Slack-Ressourcen293 verbundene Vermittlung des Marktes, ohne Tausch, und ohne das Tausch mittel Geld. Unter der Bedingung dieser — allerdings extrem vereinfachenden — An nahmen wären Effizienz der Faktorallokation und Optimalität der Güterallokation offenbar im Maximum. Insofern wäre eine universale und technisch vollkommene Fabrikationsmaschine eben auch die im ökonomischen Sinne ideale und hinsichtlich ihrer Perfektion schlechterdings nicht zu übertreffende Fabrikationsmaschine. Die großindustrielle „Fabrik der Zukunft“ folgt nun technisch — letztlich in Reaktion auf Marktimperative — diesem Ideal der universalen Fabrik mit minimaler Faktorspezifi tät, und auch sie wird immer weniger in dem Sinne als Kapital, zur Erzeugung einer Kapitalrendite genutzt werden können, sondern immer mehr zur Erzeugung von Ge brauchswerten. Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück, zu den Ursprüngen der digitalen Fab rikation. Die digitale Fabrikation ist zunächst ein Produkt eines „Potential Push“, wie man in der Fachsprache zu sagen pflegt. In einer Wissenschaft, in diesem Fall der Physik und dem da entstandenen Feld der Nanotechnologie, wurde die Möglichkeit entdeckt, Nanomaschinen zu bauen, sogenannte Nanobots oder auch schon Nano- Assembler, und auf dieser Grundlage entstand die Idee, Dinge per Manipulation von Atomen herzustellen, also einzelne Atome zu platzieren294 und sukzessive zu assemblieren, bis eben „Things“ entstanden sind — theoretisch kann man auf diese Weise wirklich alles herstellen, weil sich offenbar alles aus atomaren Komponenten auf bauen lässt — wohlgemerkt: theoretisch. Wie auch immer über diese Ansätze der digitalen Fabrikation zu denken und zu urteilen ist und sein wird, ist jedenfalls ist klar, dass es im Umfeld ihrer Entstehung keinerlei Verbindung zu ökonomischen Problemstellungen gegeben hat; niemand wäre an die Nanoforscher herangetreten und hätte gewissermaßen möglichst universalisierungsfähige Fabrikationsmaschinen angefordert, weil sich in der Ökonomie eine hohe Volatilität der Nachfrage abzuzeichnen beginnt, und man sich daher gerne 293 Ein einfaches Beispiel für Slack-Ressourcen sind Lagerbestände als Puffer, um au f mögliche, aber schwer einschätzbare Nachfragespitzen nicht m it Fehlverkäufen reagieren zu müssen. In der Textilbranche sind hohe Investitionen in Slackressourcen, also am Ende doch nicht verkaufte Lagerbestände die Regel. 294 Theoretisch bedeutete dies eine Fabrikation im Avogadro Maßstab, also die Platzierung von 1023 Komponenten pro Volumeneinheit. Praktisch sind diese Ansätze bisher also offensichtlich zu vernachlässigen, obwohl es etwa einer Forschergruppe um den Chemiker Lee Cronin an der U niversität Glasgow bereits gelungen ist, hochkomplexe M edikamenten-M oleküle zu „drucken“, und au f diese W eise W irkstoffe wie etwa das Schmerz mittel Ibuprofen zu kopieren. Cronin wird darüber hinaus m it der Aussage zitiert, dass au f diese W eise nicht nur M edikamente reproduziert werden können: „Sehr sehr langfristig gesehen, könnte m it dieser Technik in der Z ukunftjeder W erkstoff reproduziert werden“ . Berichtet wurde darüber in einem Artikel der W ELT vom 06.06.2014: W enn die Gucci-Tasche aus dem 3D-Drucker kommt. http://w ww.welt.de/wirtschaft/articlel28775868/W enn-die-Gucci-Tasche-aus-dem-3-D-Drucker-kommt.html [180] von starren und teuren großindustriellen Produktionssystemen lösen würde. Ent wicklungen entstehen und sind da, und irgendwann wird möglicherweise ihre ökono mische Anwendbarkeit und Nutzbarkeit entdeckt. Ist dieser Zusammenhang aber einmal da, mag aus der Ökonomie dann weiterer „Solution demand“ entstehen. Betrachtet man bei der digitalen Fabrikation oder der additiven Fertigung mehr deren Einfluss auf die ökonomischen Zusammenhänge, so kann man digitale Fabri kation verstehen als eine Technologie, die es ermöglicht, Fabrikationsprozesse hin sichtlich der beiden Dimensionen Produktivität und Flexibilität bzw. Universalität zu optimieren. Das lässt sich auch grafisch darstellen, wie es etwa F. Thiesse, Professor für Wirtschaftsinformatik, einmal getan hat, um die Potenziale und die Wirkungs weise der additiven Fertigung darzustellen: Abb. 8: E in flu ssd es 3D D ru cksa u fFe rtigu n g ssyste m e 295 „Job shob manufacturing“ ist die gute alte Werkstatt des Handwerksbetriebs, in der individuelle Einzelstücke hergestellt werden können, dies aber nur bei niedriger Produktivität, und daher zu hohen Kosten. „Flow shop manufacturing“ geschieht demgegenüber mit Hilfe des Fließbandes, das hohe Produktivität, hohe Stückzahlen und niedrige Stückkosten ermöglicht, dies aber auf Kosten der Flexibilität. Digitale Fabrikation macht es nun möglich, diesen „Antagonismus“ graduell und progressiv 295 In diesem Schaubild ist Effizienz an der Abszisse angeführt, womit die Reduktion der notwendigen Ressourcen zur Erzeugung eines bestim m ten Outputs gemeint ist. Fließbandfertigung erhöht aber offensichtlich auch die Produktivität. Additive Fertigung, m it Fließbandfertigung kombiniert, erzielt die in der Grafik dargestellten Effekte. Es könnte also genauso gut Produktivität an der Abszisse eingetragen sein. Screenshot, Quelle: https://www.repository.cam.ac.uk/bitstream/handle/1810/248381/Thiesse%20et% 20al% 202015%20Business% 20%26% 20Information%20Systems% 20Engineering.pdf?sequence=l [Stand 01.04.2017] [181] aufzuheben, zusätzlich zu anderen „Features“ wie etwa der Möglichkeit, vorher un realisierbare Produktdesigns von unerreichter Komplexität herzustellen, die nun durch die Möglichkeiten der additiven Fertigung nicht einmal mit zusätzlichen Kos ten zu Buche schlagen. Der 3D-Druck als Teilgebiet der digitalen Fabrikation verschiebt also den Mög lichkeitsraum der Fabrikation entlang der beiden Dimensionen Flexibilität und Pro duktivität, und erschließt dabei einen „Unmöglichkeitsraum“ („world of magic“); im Schnittpunkt der Extreme dieser Dimensionen taucht nun eben jener StarTrek Replicator auf, als das gedachte Perfectissimum einer ebenso hoch produktiven wie extrem flexiblen bzw. universalen296 Fertigungsmaschine. Das Konzept der digitalen Fabrikation beschränkt sich aber nicht nur auf die Vor stellung einer einzelnen Maschine, sondern, wie bereits angedeutet, auf ganze kom plexe Konzepte von Fabrikgestaltung, mit sehr vielen unterschiedlichen aufeinander bezogenen Komponenten. Wie vorne in einer Fußnote schon erwähnt, wurde inner halb des 7. Forschungsrahmenprogramms der EU das Forschungsprojekt DIGI NOVA zum Stand der Forschung und der Potenziale der Digitalen Fabrikation auf gelegt, als dessen Ergebnis eine „Roadmap to Digital Fabrication“297 entstand; die hier verwendete Definition für Digitale Fabrikation ist die folgende: „Digital Fabri cation is defined as a new industry in which Computer controlled tools and processes transform digital designs directly into physical products.” (S. 4) Man spricht hier also umfassender von der Transformation digitaler Designs in physische Produkte mit Hilfe von Werkzeugen und Prozessen, womit auch andere digital gesteuerte Verfah ren der Materialbearbeitung gemeint sein können, darunter auch subtraktive Verfah ren wie Taserschneiden oder das Fräsen durch Einsatz von CNC-Maschinen. Eines der Forschungsergebnisse dieses DIGINOVA-Projektes war die Erwartung, dass es durch digitale Fabrikation zu einem „radikalen Paradigmenwechsel in der Fer tigung“ kommen werde: „Die Fertigung wird sich entwickeln in Richtung einer glo balen Verteilung von Dateien für Designs und Spezifikationen, die die Basis lokaler Produktion bilden.“ Dadurch werde es für Endkonsumenten möglich, die Infrastruk turen der Massenproduktion zu umgehen: „Digitale Fertigung hat das Potenzial, In novationen zu ermöglichen, mit denen die etablierten Infrastrukturen der Massen produktion zu umgehen sind. Computergesteuerte Werkzeuge können digitale Ent würfe direkt in reale Produkte umwandeln. Die Wissenschaftler stellen sich vor, daß 296 C. Haag liefert aus produktionswissenschaftlicher Sicht Definitionen von Flexibilität und, in Abgrenzung dazu, von Universalität. Die heute geforderte „resiliente Produktion“ erfordere ein „portfolio o f m achinery that is highly transformable. Transformability implies first o f all flexibility, which is, in the context o f production, defined as the quickness o f m achine changeovers (changeovers o f moulds, tools, fixtures and/or materials) to switch from one product to another (Reichhart/Holweg 2008).” Diese Fähigkeit der schnellen Transformierbarkeit der „M aschinerie” reiche aber nicht aus, um angesichts der Unvorhersehbarkeit der Nachfrage hohe Produktivität der Produktionsanlagen über deren gesamte Laufzeit zu erreichen. Die Anlagen, die „Services are in infrequent demand, they will stand still m ost o f the time. And this low Capital utilization will pull down the overall productivity o f the production System. For this reason, there is another aspect relating to the efficient usage o f Capital to be considered. M achinery m ust not be too dedicated for specific products or product families, but shall rather be usable for multiple purposes, i.e. to realize any kind o f product order, at best. This attribute o f production machines shall be called “Universality” . It will be essential in the further evolutionary process towards an Industry 4.0.“ Haag (2015), S. 112 297 DIGINOVA: Roadmap to Digital Fabrication. http://cordis.europa.eu/result/rcn/147130_en.html [Stand 07.10.2015] [182] die Menschen schon bald ihre eigenen Produkte aus den Materialien ihrer Wahl be stellen und direkt vor Ort produzieren werden können. Sie werden nicht mehr an die in Massenfertigung hergestellte Warenauswahl in den Läden gebunden sein.“298 Die Abhängigkeit von den „economies of scale“, also von der Erzielung von Kos tenvorteilen durch Größe und hohe Stückzahlen und von zentralisierten Massenan bietern werde sich verringern, und die Distanz zwischen Produktion und Konsuma tion werde abnehmen — Konsument und Produzent, Kunde und Fabrikant kommen sich dadurch also näher (S. 21). Fragt man nun, wie nah Konsument und Produzent sich denn maximal kommen können, ist die Antwort naheliegenderweise: offenbar so nah, dass Konsument und Produzent ein und dieselbe Person sind, also die Rollen von Konsument und Produ zent in einer Person zusammenfallen, wie es nämlich genau dann der Fall ist, wenn der Konsument nichts weiter zu tun hat als einen digitalen Fabrikator zu beauftragen: „Tea, Earl Grey, ho t.. Dies mag auf dem gegenwärtigen Stand nur eine Fiktion sein, aber, wie die Graphik oben zeigt, auch ein Gedankenexperiment: extrapoliert man die bereits seitjahrzehn ten ablaufende Evolution der „digitalisierten“ Fertigungssysteme mit ihrem Leitbild der hochproduktiven und gleichzeitig hochflexiblen Fabrik der Zukunft, so findet sich an deren denkbarem Fixpunkt bzw. dem Schnittpunkt der Extreme eben genau dieser Replicator, und dessen „Idee“ wird damit eben auch zum Fixpunkt der realen Entwicklung. Besser und rationaler wäre die Aufgabe der Ökonomie unter den er reichten historischen ökonomischen Bedingungen mit hohem Sättigungsgrad und sehr volatiler Nachfrage nicht zu lösen, als durch die Verfügbarkeit einer in diesem Sinne idealen Fabrikationsmaschine am Ort des Konsums, von der allerdings bezüg lich ihrer technischen Beschaffenheit und ihrer Kapazität und letztlich den durch ihre Nutzung verursachten Herstellungskosten eines Produkts so gut wie nichts gesagt gesagt werden kann — man müsste einfach voraussetzen, dass Kosten und Qualität der herkömmlichen konventionellen Produktion mindestens vergleichbar sind, oder dass die Kosten durch eingesparte Material-, Arbeits-, Logistik-, Marketing- und all gemein Transaktionskosten sogar erheblich darunter liegen, bei gleicher Qualität. Die nötige Funktionalität des Internet müsste als öffentlich verfügbare unterstellt werden. Unter der Voraussetzung der Lösbarkeit bzw. Gegebenheit dieser Anforderung wäre es offenbar das perfekte Produktionsmittel2" — ob es jemals in hinreichender Perfek tion realisiert werden kann, weiß heute wohl niemand zu sagen. Die diesem Leitbild folgende Entwicklung schreitet derweil munter voran. Die Idee der digitalen Fabrikation als Konzeption von Industriefabrik ist gegenwärtig brandaktuell; so wurde am 1. September 2016 im Rahmen einer Initiative „Bayern Digital“ des Bayerischen Wirtschaftsministeriums gemeinsam mit den Partnern Fraunhofer-IIS, Fraunhofer SCS, iTiZZiMO und KINEXON300 wiederum ein für 26 298 http://cordis.europa.eu/result/rcn/147130_de.html 299 Die präzisere Begründung für die makrökonomische Vorteilhaftigkeit ist vorne gegeben worden. (Kap. 1.10.13) 300 Fraunhofer IIS ist das Institut für integrierte Schaltungen; Fraunhofer SCS das Institut für Optimierung der Supply Chain, also der W ertschöpfungskette; die iTiZZiM O AG beschäftigt sich m it der Umsetzung digitaler Business Apps für Smart Devices m it dem Schwerpunkt der digitalen Transformation, und die Fa. KINEXON beschäftigt sich m it der Lokalisierung und der Bewegungsanalyse von Dingen. [183] Monate angelegtes Förderprojekt mit Namen „Road to Digital Production (R2D)“ gestartet. Dessen erklärtes „Ziel ist es, die Entwicklung von Produkten und Techno logien zur Realisierung einer digitalen industriellen Produktion weiter voranzutreiben. Die Forschungs- und Entwicklungsergebnisse sollen zeigen, dass durch die Digitali sierung sowohl Effizienzsteigerungen als auch optimale Qualitätssicherung möglich sind. In diesem Sinne sollen sie dabei helfen, neue Technologien für „Cyber-Physi sche Produktionssysteme (CPPS)“ zu entwickeln sowie Grundsätze und Methoden bei der Fertigung und Montage eines Produktes mit der Tosgröße 1 zu definieren.“301 Die Tosgröße 1, also die Kapazität „smarter“ digitaler Fertigungssysteme, ohne Zusatzkosten Kleinstserien und sogar Einzelstücke herzustellen, stellt offensichtlich eines der ganz zentralen Ziele der heutigen Forschungsbemühungen auf dem Gebiet der Produktionswissenschaften dar. Im „Management Summary“ einer Studie der Fraunhofer-Gesellschaft mit dem Titel „Produktionsarbeit der Zukunft“ heißt es: „Volatile Märkte, neue, global agie rende Marktteilnehmer, schnelllebige Absatzmärkte, kundenspezifische Produkte und diffizile Produktionsprozesse erfordern (...) flexiblere und reaktionsfähigere Produktionssysteme und Mitarbeiter.“302 Eine der untersuchten Teitfragen sei die, wie sich der „Megatrend Flexibilität“ auf die Produktionsarbeit auswirke. Diese Buzzwords Volatilität und Flexibilität durchziehen die gesamte Debatte um die Gestaltung der Produktionsarbeit der Zukunft nach diesem Konzept der Indust rie 4.0; die der beobachteten Volatilität und Flüchtigkeit der Nachfrage unterliegende Tatsache der Sättigung in immer mehr Marktsegmenten und der damit einhergehen den Wandlung der Konsummotive von der ursprünglichen Deckung wichtiger, le bensnotwendiger und damit auch anhaltender und daher langfristig kalkulierbarer Bedarfe hin zu Tuxuskonsum und „hedonistischem“ Konsumverhalten, als „Kauferleb nis“ und „Konsumabenteuer“ oder zur Deckung von Prestige- und Geltungsbedürf nissen wird in der Diskussion und Begründung dieses Konzepts aber gerne ver schwiegen. Aber dieser unterliegende Wandel ist es, der die Industrie nun zwingt, darauf zu reagieren. Der damit verbundene systemtranszendierende Impetus ist den Verantwortlichen solcher Projekte und aller Beteiligten vermutlich überhaupt nicht bewusst, ganz zu schweigen von der Möglichkeit, dass dieser bewusst intendiert würde. Ganz im Gegenteil liegt das Motiv immer in der Erzielung von Kapitalrendite durch Kostensenkung und Erhöhung der Kapitaleffizienz, also in der Verfolgung der Interessen der Kapitaleigner. Handelt es sich hier etwa um ein Beispiel für die fausti sche Kraft, die stets das Böse will, und doch das Gute schafft? Karl Marx hätte diese Eist der Vernunft sicher gut gefallen. In der Zusammenfassung zeigt sich, dass unter dem Mantelbegriff „digitale Fabri kation“ zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Technologien mit unter schiedlichen Traditionen und Anwendungsfeldern hinsichtlich ihrer evolutionären Tendenzen, ihres Telos und ihrer ökonomischen Auswirkungen und vor allem auch ihrer Potenziale vereint sind, nämlich einmal der Entwicklungsstrang mit der Wurzel 301 Siemens und Partner arbeiten an Digitalisierung der Produktion. Mitteilung des M agazins „Digital M anufac turing vom 15.02.2017. http://www.digital-manufacturing-magazin.de/siemens-und-partner-arbeiten-digitalisierung-der-produktion 302 Dieter Späth et al. (Hrsg.): Produktionsarbeit der Zukunft - Industrie 4.0. Fraunhofer Verlag Stuttgart 2013 [184] in der großindustriellen Produktion, mit dem Entwicklungsziel Industrie 4.0 und smarte „Fabrik der Zukunft“, und zum anderen das eher exotisch scheinende Projekt der digitalen Fabrikation als Assemblieren von digitalen Materialien in Größenord nungen bis hinab zur Nanoebene. Für beide steht als Ultima Ratio, als perfectissimum und Fixpunkt bzw. Kulminationspunkt der Evolution dieser Idee die gleichzeitig ext rem produktive wie extrem flexible bzw. universale Fabrik als anzustrebendes Ziel und Leitbild am Horizont der Entwicklungsperspektiven. Die digitale Fabrikation in letzterem Sinne befindet sich gegenwärtig offensichtlich noch überwiegend im Sta dium der Grundlagenforschung und damit nach Schätzungen von N. Gershenfeld auf einem Entwicklungsniveau wie etwa die Digitalrechner der 1950er bis 1970er Jahre.303 Das Idealbild des RepUcators unterstellt nun eine universale Fabrikationsmaschine „für alles“, die sich direkt in den Haushalten befindet — was offenbar eine erhebliche Vereinfachung der beschriebenen Probleme der spätkapitalistischen Marktsteuerung bedeuten würde.304 Aber man muss dennoch realistischerweise die Frage stellen: ist es tatsächlich vorstellbar, dass von den eingangs erwähnten rund 10.000 Gegenständen in einem Durchschnittshaushalt so gut wie alle (industriell herstellbaren) Dinge von einer solchen Haushaltsmaschine hergestellt werden können?305 Heute ist es die Regel, dass etwa beim Kauf von Haushaltselektronik, Küchen- oder Heimwerkergeräten ganze Heftsammlungen mit Betriebsanleitungen, Warnungen, Pflegehinweisen und diversen Prüfsiegeln von technischen Uberwachungsinstituten beigelegt werden. Soll dies alles entfallen, einschließlich der Qualitätsprüfungen? Ist vorstellbar, dass etwa eine Wasch- oder Spülmaschine, ein Rasenroboter oder der Inhalt der Werkzeugkiste des Heimwerkers von einem Fabrikator produziert wird, komplett und fehlerfrei fünktionsfähig? Fahrräder, Textilien, Schuhwerk, Unterhaltungselektronik? Das Mo biliar, Musikinstrumente, Computer oder Hausroboter? Wer übernähme Garantien? Es lohnt sich, an der Stelle noch einmal einen genaueren Blick auf die ökonomi schen Auswirkungen des Home-Manufacturing zu werfen. Der Materialwissenschaftler J. Pierce der Universität Michigan hat in seiner Stu die306 nachgewiesen, dass sich durch Anschaffung eines 3D-Druckers im Haushalt Budget einsparen lässt, im Verhältnis zu der alternativen Budgetverwendung in Käu fen dieser Produkte am Markt. Hergestellt wurden Objekte des täglichen Gebrauchs, wie zum Beispiel ein Blumentopf, eine Handy-Hülle oder eine Befestigung für die Kamera. Unterstellt man, solche Einsparungen sind regelmäßig möglich, stellt sich 303 W ie Titel und Inhalt etwa eines im September 2014 durchgeführten Dagstuhl Seminars über „Computational Aspects o f Fabrication“ zeigen mögen, wird die Bedeutung des digitalen W andels in der Fabrikation zuneh mend auch hierzulande von der W issenschaftlergem einschaft als interdisziplinäre Herausforderung erkannt: „The digital age in m anufacturing is (..) revolutionizing the way we design, develop, distribute, fabricate, and consume products.“ M öglicherweise kann dies die Entwicklung beschleunigen. http://drops.dagstuhl.de/opus/volltexte/2015/4883/pdf/dagrep_v004_i008_pl26_sl4361.pdf [Stand 27.03.2017] 304 Der Materialwissenschaftler Joshua Pierce hat in einer Studie erneut nachgewiesen, dass sich m it einem einfa chen 3D-Drucker im Haushalt Kosten einsparen lassen. Das dazu in Frage kommende Spektrum an Produkten ist aber noch immer sehr klein. Pierce (2017). 305 An dieser Stelle nochmal der Hinweis der Berichts zu den „Technological Tipping Points“ des W orld Econo m ic Forums, wonach man bis 2025 die M öglichkeit der additiven (digitalen) Herstellung von erst 5% der End verbraucherprodukte erwartet. 306 Pierce (2017) [185] unabhängig von der Höhe dieser Einsparungen die Frage, wie sie zustande kommen. Ferner stellt sich die Frage nach den langfristigen volkswirtschaftlichen Auswirkun gen. Zur ersten Frage: digitale Fabrikation verlagert die Wertschöpfung in das Produkt design, die Fertigung an sich ist nicht mehr wertschöpfend. Die Designs können von Plattformen für 3D-Modelle geladen werden, die verschiedene Preismodelle anbie ten, oder auch als Open Source-Modelle ganz kostenlos geladen werden können. In der Regel kostet die Herstellung dieser Modelle aber Arbeit, von der man in einer modellhaften Überlegung unterstellen sollte, dass sie bezahlt wird. Unterstellt man nun, eine konventionelle Produktion kann durch Ausnutzung von Skaleneffekten keine so hohen Kostenvorteile mehr erzielen, dass die sekundären Folgekosten zentralisierter Produktion in hohen Stückzahlen (wie Transport, Handel, Lagerung, Marketing) kompensiert werden können, würde die Technologie der additiven Ferti gung am Ort des Konsums an sich einen Kostenvorteil bieten; die Kostenreduktion durch Heimproduktion beruht dann vor allem auf dem Entfall der Transportkosten. Das heißt auch: eine Firma, die dann diese Technologie nützte statt der konventio nellen Massenproduktion, könnte keinen Wertschöpfüngsbeitrag erzeugen. Ihre Existenz wäre obsolet. Das war die Aussage von T. Niechoj.307 Würde ein Unterneh mer versuchen, auf der Basis dieser Technologie ein Unternehmen zu führen, wäre er gezwungen, einen Gewinn als Unternehmerlohn zu erwirtschaften, würde diesen aber nur dann erzielen können, wenn er entweder einen geheimen Wissensvorsprung ausnutzen kann, oder eine Art von Monopolposition; in jedem Fall wäre dies volks wirtschaftlich schädlich. Zur zweiten Frage: Wie drückt sich dieser „Gewinn“ der Heimproduktion aus? Durch einen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht erscheinenden Nut zenzuwachs. Dem Haushalt steht nach dem ROI dieser Investition ein höheres Budget zur Verfügung, als wenn er seine Nutzenstiftung durch Kauf der Produkte im Handel erwirbt. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft so aber relativ. Das bemerkt auch Pierce, weil so ja auch das Steueraufkommen tendenziell schrumpft: „DIY pro duction implies a negative impact on government tax income, which needs to be investigated in more detail in the füture.” Ferner kommt es zu einem negativen Bes chäftigungseffekt, wie allerdings bei jeder Art von maschineller Arbeitssubstitution: “In addition, there could be an impact on employment/unemployment rates through its Substitution within industrial production/increase in at-home businesses, which needs to be fürther investigated.” Welche Produkte können jetzt oder in Zukunft „at home“ hergestellt werden? Hier gibt es eine “The 'Golf Ball' Rule: If it can fit inside a golf ball, it’s probably something ripe for 3D printing. That’s a rule attributed to 3D-printing Software and Services Company Materialise, and it’s one that could make 2016 a breakout year for 3D print ing. ‘Small, high-value items that need to be unique are the sweet spot,’ says 3Dprinting consultantjoris Peels. That means things like jewelry, hearing aids, and den tal implants, but also tiny pieces of larger, manufactured items.”308 Pierce zitiert diesen 307 „An im portantargum ent for the existence o fth e firm vanishes.“ Niechoj (2016) S .231 308 Zalewski, Adam: 5 Things to watch for in 3D Printing in 2016. Artikel in FORTUNE TECH, 31.21.2015. [186] Artikel, glaubt jedoch, 3D-Druck könne in einem weiteren Spektrum genutzt werden: “However, 3-D printing can be used for far more than such a limited ränge of products as shown in this study. Low-cost 3-D printers have enabled emerging additive manufacturing technology to transition from industry and academia to the average consumer, resulting in a market that has exploded from 66 purchased printing units in 2007 to 23,265 units in 2011. Improvements have made this technology both technically accessible and economically advantageous to the consumer market.” Unabhängig davon weist Pierce daraufhin, dass die Produktion am Ort des Kon sums eine Verbesserung des Konsumentenbewusstseins nach sich zieht, sowie weitere ökologisch positive Effekte: „Furthermore, the transition of additive manu facturing from industry to the consumer market has followed the growing trend of conscious consumerism. By providing a means by which to make products, Consum ers develop a heightened level of responsibility and become more selective in their consumerism. In addition, it is clear that distributed AM represents an environmental benefit because of reduced material use, transportation, and the elimination of packaging, and a growing contingent of responsible consumers are considering environ mental concerns into their purchase decisions. This has encouraged a more vibrant do-it-yourself (DIY) community, one that is driven not only by saving money but also by the enjoyment of the experience.” Das wäre alles sehr von Vorteil — wenn auf diese Weise eben ein wirklich substan tieller Teil der Endverbraucherkonsums hergestellt werden könnte; aber, wie schon betont, muss das doch sehr zweifelhaft erscheinen. Was wäre die Alternative: eben öffentliche, nicht-privatwirtschaftlich genutzte di gitale Fertigungssysteme. Der relative Kostenvorteil wäre hier nicht so einfach zu berechnen, Transportkosten würden so zum Beispiel nicht entfallen können. Der Vorteil, der bliebe, wäre die auch so mögliche Verbesserung des Konsumentenbe wusstseins, eines selektiveren Konsums, und die ökologischen Vorteile, die mit addi tiver und digitaler Fabrikation an sich verbunden sind. Der gesamtwirtschaftlich wichtigste Nutzen wäre aber wohl die Entkoppelung der Massenfertigung von Kapi talinteressen, die tendenziell ohne die Erbringung einer unternehmerischen Teistung in der Fertigung versuchen müssen, Preisaufschläge durchzusetzen. Diese Entkop pelung würde mit Hilfe digitaler Fabrikation also realisiert werden können ohne Ver lust an einzelwirtschaftlicher Nutzenstiftung. Aus derlei praktischen Erwägungen scheinen großindustrielle Produktionssysteme und —verfahren doch noch kaum verzichtbar, und somit die möglichst universale smarte „Fabrik der Zukunft“ doch die zunächst erfolgversprechendere Tösung zu sein; innerhalb eines überschaubaren Zeithorizonts jedenfalls sehr sicher. Während aber die Integration des Replicators in ein sozioökonomisches Konzept vergleichs weise einfach zu lösen wäre, bereitet dies für die komplexere „Fabrik der Zukunft“ erheblich größere Probleme. Die Grundrisse und Grundprinzipien sind aber am Ende dennoch prinzipiell die gleichen wie vorne beschrieben. Der Weg aus der Ver gangenheit der kapitalabhängigen und kapitalrenditegetriebenen Produktion und — http://fortune.com/2015/12/31/5-things-to-watch-3d-printing-2016/ [Stand 20.03.2017] [187] konsumtion in die Zukunft der gebrauchswertorientierten Produktion und —kon sumtion ist auch damit prinzipiell eröffnet, wie noch zu verdeutlichen und zu plausibilisieren sein wird. Eine essentielle und zentrale Bedingung dafür, die „Fabrik der Zukunft“ in diesem Sinne in öffentliche Verantwortung zu übergeben ist die, dass das Prinzip der Ent kopplung von Fertigung und Design hinreichend weit und vollständig realisiert ist. Dessen Wirkungen im Bereich der additiven Fertigung sind von F. Thiesse in der folgenden Grafik dargestellt worden: Abb. 9: W irkungen der additiven Fabrikation309 Die „Designs“, die Produktdatenmodelle, werden also von „Designern“ hergestellt und entweder direkt an private Konsumenten geleitet, so weit dies technisch möglich ist, oder an einen Hersteller, der daraus „on demand“, also auf spezielle Kundenan forderung, das physische Produkt herstellt. Ist der Herstellungsvorgang weniger kom plex, kann ihn auch ein „3D-Drucker in der Nachbarschaft“ übernehmen, der hier offenbar als in der Betriebsform eines privaten Kleinunternehmens geführt gedacht ist. Sollte dies evtl. auch mit dem größeren Vorteil in öffentlicher Regie betrieben werden, um der Gefahr des Zugriffs durch renditesuchende Großunternehmen zu entgehen — solcherlei Fragestellungen nach der optimalen lateralen Skalierung wären von Fachgremien zu beantworten, und können nicht ohne Weiteres pauschal beant wortet werden. Der „Manufacturer“ aber sollte, möglicherweise in einer Form von öffentlich-privater Partnerschaft, überwiegend in öffentlich-gemeinnütziger Betriebs form geführt werden.310 309 Screenshot, aus einem Fachvortrag des W ürzburger Professors für W irtschaftsinformatik Frederic Thiesse zur „Zukunft des 3D-Drucks“ , Folie 17 http://www.alphaform.de/pdf/Thiesse_05022014_FTH.pdf [Stand 09.10.2015] 310 Hierzu sagt Rifkin: „Kleine bis mittelgroße 3-D-Druckereien, die zunehmend hoch entwickelte Produkte info fertigen, w erden sich aller W ahrscheinlichkeit nach ( .. .) in lokalen Technologieparks gruppieren“ . Offenbar geht er von privatwirtschaftlich geführten 3-D-Druckereien aus. W ie sollen die aber dem Schicksal aller er folgreichen Gewinne m achenden Kleinuntem ehm en in der Ära des mit renditesuchendem Kapital überreich gesegneten Spätkapitalismus entgehen? [188] Die Entkopplung von Fertigung und Design ist die Voraussetzung dafür, dass ein „Manufacturer“ nicht auf ein bestimmtes Produkt oder Produktsortiment festgelegt ist, sondern Anbietern von Markenartikeln oder auch Privatpersonen bzw. eben Open-Innovation-Projekten abstrakte, universale Fertigungsleistung zur Verfügung stellen kann. Die Hersteller von Markenartikeln beschränken ihre Arbeit und Mitwir kung also auf die Entwicklung des „Designs“, der „digitalen Zwillinge“ ihres Pro dukts, die dann von einem öffentlichen Hersteller physisch hergestellt werden. Die Beantwortung der Frage, wie weit dies schon heute möglich ist oder wie dies im Einzelnen möglich gemacht werden könnte, dürfte den Rahmen des hier Mögli chen sprengen, und sollte in die Bearbeitung der einzelnen Fachwissenschaften zu übergeben sein.311 Hinweise darauf, dass diese Möglichkeit bereits im Werden begrif fen ist, finden sich — abgesehen von der gesamten bisher entwickelten Argumentation — aber durchaus. So wird wegen des Zusammenspiels der beiden „Megatrends“ Fle xibilität der Produktion und Volatilität der Märkte auch von der Entstehung von Fab riken „as a Service“ gesprochen, sodass bei Entstehen von unvorhergesehenen Eng pässen in der Kapazitätsauslastung bei dem einen Fertiger und bei frei werdenden Kapazitäten bei einem anderen Fertiger Fertigungsprozesse flexibel umdisponiert werden können. Ein Hersteller nimmt fremde Fertigungsleistung wie einen Service in Anspruch. In diesem Zusammenhang wird bereits das Entstehen eines weltweiten Marktes für Produktionskapazitäten mit 3D-Druckern diskutiert, da hier das Prinzip der Trennung von Fertigung und Design naturgemäß am weitesten verwirklicht ist. Designs können eben einfach online weltweit verschickt werden, und in einem Be trieb möglicherweise hergestellte Fertigungskapazitäten können im Fall ihrer Unter auslastung dann schnell und einfach mit der Fertigung „fremder“ Designs ausgelastet werden.312 Der Wirtschaftsinformatiker A. W. Scheer, einer der Pioniere und einflussreichsten Köpfe auf seinem Gebiet, sieht diesen Trend durch die „Industrie 4.0“ auch für kom plexe Werke unterstützt: „Werke werden nicht mehr für bestimmte Produktionsty pen gebaut, sondern es werden bestimmte Produktionstechnologien zur Verfügung gestellt, die nahezu beliebig auf unterschiedliche Produkte in kurzer Zeit umgerüstet werden können.“ Auch nach seiner Einschätzung werden „Betriebe zu Dienstleistern“, als Folge der unter dem Fabel Industrie 4.0 zusammenzufassenden Rekonfigurationen: „Als Folge der Rekonfiguration können Betriebe ihre Produktionstechnologien einem offenen Markt anbieten, der diese dann für die Produktion neuer Produkte, oder auch um Kapazitäten auszugleichen, kurzfristig nutzen kann.“ Als Beispiel führt Scheer dann den Apple-Konzern an, wo keine eigenen Ferti gungskapazitäten in eigener Regie mehr vorgehalten werden: „Ein Beispiel ist bereits 311 W iew eit die Universitäten zur Übernahme einer dermaßen antikapitalistischen Aufgabenstellung bereit sein würden, wäre in Anbetracht der angerichteten Verheerungen der Bologna-Reformen abzuwarten. Der an der M ailänder Universität lehrende Philosoph Diego Fusaro hält die Uni für tot: „Die Uni ist heute tot“, denn „sie wurde von der Unternehmenskultur um gebracht“ . https://www.heise.de/tp/features/Die-Uni-ist-heute-tot-3629533.html [Stand 21.02.2017] 312 „Entsteht ein weltweiter M arkt für Produktionskapazitäten m it 3D-Druckem ?“ Gastbeitrag in 3Druck vom 17.08.2015 http://3druck.com/gastbeitraege/entsteht-ein-weltweiter-markt-fuer-produktionskapazitaetenm it-3d-druckem -3337054/ [Stand 07.10.2015] [189] die Produktion der Apple Produkte, etwa des iPhones. Das Unternehmen besitzt keine eigenen Produktionswerke. Es fuhrt die Forschungs- und Entwicklungspro zesse im eigenen Haus durch, um die Produkte in Asien durch den Zukauf von Kom ponenten aus unterschiedlichen Quellen zusammensetzen zu lassen“.313 Nun: die Fer tigung von Billigstkräften in Niedriglohnländern durchfuhren zu lassen, ist offen sichtlich wenig beispielhaft und zukunftsorientiert, dies einem hochproduktiven, fle xibilisierten und automatisierten gemeinnützigen „Manufacturer“ zu übertragen, aber schon. Man muss den sich hier abzeichnenden evolutionären Trend also nur noch ein wenig weiter extrapolieren, um zur Vorstellung von von der Fertigung bestimmter Produkte oder Produktfamilien vollkommen getrennter Fertigungssysteme zu kom men, die dann auch von einem Fertiger als Kapitalgeber vollkommen getrennt sind, und als universale Anbieter von Fertigungskapazitäten auftreten können. Und diese, so die hier entwickelte Argumentation, sollten sich eben zwingend in öffentlichem Eigentum und in öffentlicher Verantwortung befinden, um auf diese Weise einen Einstieg in den Ausstieg aus den von globalen Strömen privaten Kapitalbesitzes be herrschten Volkswirtschaften zu schaffen. Wie ungeheuer aufwendig eine Umsetzung dieses Prinzips und eine Verwandlung der Fertigung in öffentliche, lokale Werkstätten sein würde, wäre am Beispiel IKEA zu zeigen — aber an genau diesem Beispiel wäre auch zu zeigen, wie die digitale Pro duktion hier die Welt verändern könnte. Das Prinzip der Trennung von Fertigung und Design ist auch bei Ikea durchaus schon verwirklicht, das seine Produkte von einer in Schweden ansässigen Designab teilung (IOS, IKEA of Sweden) entwerfen lässt, die als „das Herz“ der Firma gilt. Die Fertigung ist an eine Vielzahl von Zulieferern ausgegliedert, von denen sich 25% in China befinden, 18% in Polen, 8% in Italien, 5% in Titauen und nur weitere 5% in Schweden. Ein Teil der Fertigung wird durch die zum Konzern gehörende Firma Swedwood erledigt, die überwiegend an Standorten in Tändern des ehemaligen Ost blocks ihren Sitz hat. Auf die externen Zulieferer wird enormer Druck ausgeübt, und es werden in jährlichen Anpassungsrunden regelmäßig weitere Zugeständnisse erwar tet, weshalb es in China schon zur Gründung eines „eigenen Ikea“ gekommen ist, also einer Konkurrenzunternehmens mit einer ganz ähnlichen Philosophie; Gründer waren ehemaligen Tieferanten von Ikea.314 Der anhaltende weltweite Erfolg des Hauses Ikea ist neben seinem typischen De sign („Democratic Design“), seinem Marketing und seiner Philosophie natürlich auch den günstigen Preisen zu verdanken, die eben vor allem durch die Verlagerung der Fertigung in Billiglohnländer realisierbar sind. Dazu kommt eine sehr straffe Organi sation der enorm komplexen Togistik mit beteiligten Herstellern und Tieferanten in der ganzen Welt, und eine extreme Sparphilosophie, die sich zeigt in der Nutzung auch kleinster Einsparpotenziale, etwa durch Verwertung auch geringster Mengen 313 A. W. Scheer: Industrierevolution ist m it weitreichenden organisatorischen Konsequenzen verbunden! Eine Bestandsaufnahme. In: A. W. Scheer (Hrsg.): Industrie 4.0, a.a.O., S. 4 314 „Chinesen gründen aus Frust eigenes Ikea“ . Bericht der ZEIT online vom 21.05.2013 http://blog.zeit.de/china/2013/05/21/chinesen-grunden-aus-frust-eigenes-ikea/ [Stand 24.02.2017] [190] von Verschnitt in der Materialzuschneidung, sowie eine extreme Nutzung der „eco nomies of scale“; die bevorzugte Nutzung von furnierten Spanplatten im Möbelan gebot des Hauses Ikea lässt hier noch eine sehr effiziente Massenverarbeitung mit gleichartigen Prozessschritten in riesigen Produktionshallen wie am Fließband zu. Mit Blick auf heute verfügbare Technologien ist dies aber nun eigentlich eher als rückschrittlich zu verstehen, und eine Folge der Verlagerung fast der kompletten Fer tigung in Niedriglohnländer. Gäbe es diese enormen Wohlstandsgefälle zwischen Ländern einer ansonsten vergleichbaren Kultur mit einem vergleichbaren Ausbil dungsniveau nicht, so wäre diese Weise der Organisation einer weltumspannenden Fertigungslogistik zu so geringen Kosten nicht möglich, und ist letztlich als ein Son derfall zu betrachten, der durch den entwicklungsgeschichtlichen Sonderweg der ehe maligen Ostblockstaaten mit ihrem gescheiterten sozialistischen Experiment entstan den ist.315 Gäbe es diese ökonomischen Ausnahmebedingungen mit extremen Niedriglöhnen also nicht, hätte hier der gleiche Evolutionsdruck auf der Fertigung gelastet; in dem Fall wäre anzunehmen, dass es schon in weit höherem Maße zur Entwicklung von Produktionsstrukturen gekommen wäre, wie sie eben als Smart Factory bisher skiz ziert worden sind. Statt der Verlagerung der Fertigung in Länder mit billigen und relativ gering qualifizierten Arbeitskräften hätte man auch hier eben hochmoderne und automatisierte modularisierbare Fertigungssysteme entwickelt; diese könnten dann dem je lokalen Bedarf entsprechend entwickelt und implementiert werden, und damit könnten sie prinzipiell eben auch überprivat geführt werden. Die von der De signabteilung in Schweden entwickelten Designs würden dann dezentral und jeweils lokal gefertigt. Die skizzierte Perspektive, den Möbelbau auf der Grundlage der neuen techni schen Möglichkeiten zu „revolutionieren“, ist nun von professionellen Möbeldesig nern am Beispiel des Designs von IKEA-Möbeln bereits in den 1990er Jahren schon einmal durchgespielt worden. Der Designtheoretiker Jochen Gros316 hat für diesen das Design von der Fertigung trennenden Ansatz den Begriff„Post-IKEA“ geprägt, und vertritt ihn als „digitales Seiber-Machen in den Dimensionen des Möbelbaus“317 bis heute. Bei diesem Designprinzip geht es um „einfache, preiswerte und vom Kun den selbst montierbare Produkte; (...) Möbel, die aus nichts anderem bestehen als aus dem „intelligenten Zuschnitt“ eines Plattenwerkstoffs“. Durch neue Fertigungs technologien wie „einfach zu bedienende 5-achsige Fräsen, neue Laserstrahl- und Wasserstrahlschneider, 3D-Plotter, das zunehmend über den Modellbau hinausge hende Lasersintern und völlig neue Maschinen wie den Hexapoden“ wird eine „Fab rik der Zukunft“ vorstellbar, die „mit wenigen flexiblen Universalmaschinen aus kommt“, „digital gesteuert“ ist, und wegen der dadurch möglichen Verkleinerung ei gentlich einen anderen Namen haben müsste als Fabrik: er hat dafür in den 1990er 315 Joshua Pierce weist daraufhin, dass die Lohnkostendifferenz zwischen entwickelten Industriestaaten und Nied riglohnländern wesentlich höher ist als die Kapitalkostendifferenz, woraus folgt, dass m it zunehmendem Ein satz von arbeitssparender Technik der Vorteil der Produktionsauslagerung abnimmt, und einen Trend zur Lo kalisierung in die Nähe des Endverbrauchers befördert. Pierce et al. (2016) 316 http://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Gros 317 http://www.jochen-gros.de/Jochen_Gros/Info_Links_files/M IY%20M ake-It-Yourself%200,6M B.pdf [191] Jahren den Namen „Technofaktur“ vorgeschlagen, und verwendet heute den Begriff „FabShop“. Durch die fast vollständige Trennung von Design und Fertigung wird es möglich, dass ein Kunde ein Design als „Template“ von der Datenbank eines Anbieters (etwa IOS) herunterlädt, es seinen Wünschen entsprechend bearbeitet, und es dann in der „nächstgelegenen Technofaktur“ bearbeiten bzw. realisieren lässt. Natürlich würden sich Aufgabe und Rolle des Designers dadurch vollkommen verändern: „Der Desig ner entwickelt dann nur noch variable Grund- und Vario-Typen, und überlässt deren Differenzierung in einem interaktiven Prozess weitgehend der direkten Reaktion auf die Wünsche und Vorschläge des Kunden.“ Und hier arbeitet die Software-Industrie bereits seit langem an der Möglichkeit, das „Wissen“ des Designers vollständig in einer Software abzulegen, so dass dieser interaktive Prozess der Festlegung des end gültigen kundenindividuellen Designs sich ganz im Online-Dialog abspielen würde, also eine Mitwirkung eines Designers beim einzelnen Entwurf nicht erforderlich wäre. Die „Foresight-Company Z_Punkt“, eine „Unternehmensberatung für Zukunfts fragen“, sah ganz ähnlich in einer 2014 erstellten Studie „die mit dem 3D-Druck ein hergehenden industriellen Umbrüche“ sich dahin entwickeln, dass „eines Tages Mar kenanbieter wie Tego, Artemide, Ikea oder VW reine Designunternehmen sind und ihre Produkte bei dezentralen Kontraktherstellern mit hochflexiblen 3D-Druckern fertigen lassen“. Das Beispiel des Möbelbaus ist auch schon von Neil Gershenfeld skizziert worden: „Heute eröffnet die digitale Fertigung eine ganz neue Alternative. Statt einen Tisch bei Ikea zu kaufen, können Sie die Designdatei eines Tischs erwerben, eines Tischs, dessen Größe oder Farbe Sie selbst auswählen.. .”318 Auch er sieht den Ort der Pro duktion wahlweise im Haushalt des „Prosumenten“ oder „in der Gemeinde“: „Es genügt, die Daten seines Produkts auf eine Online-Plattform zu stellen, und die ma terielle Realisierung überlässt er dem Käufer, der dies bei sich zu Hause, in seiner Gemeinde, erledigen lässt.“ Und auch er lässt diese Frage offen, an welchem Ort in der Gesellschaft die Verantwortung und das Verfügungsrecht über diese „Info-Factory“ angesiedelt sein soll. Es ist möglicherweise eine Art von Mentalreservation als Folge der gemachten Erfahrungen mit dem Sowjet-Sozialismus, die hier die Einsicht blockieren, dass zu einer öffentlichen Verantwortung gar keine Alternative besteht, wenn es sich eben nicht doch um eine private gewinnwirtschaftliche Unternehmung handeln soll, deren Schicksal es über kurz oder lang sein würde, vom globalen rendi tesuchenden Kapital geschluckt zu werden. Dass dieses aber so oder so die Entwick lungen mit wenig Begeisterung verfolgt, lässt Gershenfeld im zitierten Interview mit der FAZ durchaus anklingen, wenn er sagt, es seien „viele klassische Unternehmen schon jetzt besorgt“. Diese „dezentralen Kontrakthersteller“ sollten nach der hier entwickelten Argu mentation nun mit dem größeren Wohlfahrtseffekt öffentliche oder teilöffentliche 318 N. Gershenfeld: 3D-Drucker sind erst der Anfang. Interview m it Neil Gershenfeld. FAZ vom 03.03.2013 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/interview-mit-neil-gershenfeld-3d-drucker-sind-erstder-anfang-12098849.html [Stand 18.10.2015] [192] Unternehmen oder Info-Factories sein, für die man auch den bekannten und eingefuhrten Begriff des Stadt-Werkes in entsprechender Erweiterung der Bedeutung verwen den könnte.319 Die lokale Fertigung von global vermarkteten und zu beziehenden (Möbel)-Designs in kommunaler Verantwortung und Wertschöpfung würde bedeu ten, dass die physische Logistik und die damit verbundenen Kosten sowie auch Um weltbelastungen komplett entfallen. Die angestrebte Universalität und der hohe Au tomationsgrad der Produktion würden die Faktorspezifität des Fertigungssystems entsprechend weit bis gegen Null reduzieren und die notwendige Investitionssicher heit herstellen, die gemeinwirtschaftliche, öffentliche Betriebe benötigen, um die spe zifische privatwirtschaftliche Unternehmerleistung der Reduktion von Unsicherheit nicht erbringen zu müssen. Die monetäre Wertschöpfüng der digitalen Fertigung wäre zwar gering, würde aber erstens nicht von einem Markenhersteller realisiert, sondern in der Kommune ver bleiben, und hier, wie gesehen, nach überprivaten Gesichtspunkten verwendet wer den können.320 Der wichtigere Beitrag zur Erzeugung von öffentlicher Wohlfahrt läge aber wohl eher darin, der Gefahr einer Monopolbildung durch Private zuvorzukom men, und einer damit ermöglichten Abschöpfung leistungsfreier Monopolrenten. Für die Konsumenten würde sich der Konsum der Produkte zunehmend in den Verzehr von Gebrauchswerten verwandeln. Der Kapitalismus bzw. die unter dem Regime kapitalistischer Regularien arbeiten den Unternehmen haben auf diese Weise einen Entwicklungsverlauf genommen, wie ihn Ökonomen gleich welcher theoretischen Ausrichtung nicht haben antizipieren können. Der polnische Ökonom Oskar Lange hat neben den optimistischen Erwar tungen von Keynes und Schumpeter, die ein Ende des Kapitalismus durch seinen Erfolg erwarteten (Keynes erwartete nur ein Ende dessen Entwicklungsdynamik), eine dritte Variante ins Spiel gebracht, nämlich einen Verzicht des Kapitals auf Inves titionen nach Erreichen des Reifestadiums; in reifen Industrien mit wenigen übrig gebliebenen Oligopolanbietern hätten diese ein Interesse daran, weiteren wirtschaft lichen Fortschritt zu hemmen, weil der in veraltete Technik investiertes Kapital be drohen würde.321 Das mag in der Tat die gegenwärtig zu beobachtende Investitions zurückhaltung der Unternehmen erklären. Wenn sie aber investieren — und dazu wer den sie trotz allem durch die bekannten Mechanismen über kurz oder lang doch gezwungen sein — dann eben nur oder vornehmlich in die skizzierte Technologie. Auf der anderen Seite könnte das aber auch bedeuten, dass nun langsam der Moment gekommen ist, an dem die Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, der Staat oder staatliche 319 Der Verfasser hat diesen Gedanken 2014 im Online-M agazin Telepolis veröffentlicht: FabLab - FabCity - CityFab - StadtW erk? Heise Verlag Hannover 2014. https://www.heise.de/tp/features/FabLab-FabCity-CityFab-StadtW erk-3364603.html [Stand 07.03.2017] 320 Jerem y Rifkin spricht hier von „Info-Fertigung“ oder „Info-Factories“, die die Funktionen von Konsument und Produzent in der des Tofflerschen „Prosumenten“ verschmelzen lassen. Er illustriert dies vornehmlich am Bei spiel des 3D-Druckers, der sich am Ort des Konsums, in dessen Haushalt befinden kann. Zu der Eigentumsform von Produktionssystemen, die die begrenzte Leistungsfähigkeit von 3D-Druckem übersteigen würden und auch nach seiner Einschätzung unverzichtbar wären, äußert er sich nicht explizit, sondern hofft au f eine Lösung dieser Frage durch den „Aufstieg der Commons“ . Rifkin (2014) S. 133 ff. 321 Davon berichtet J. Rifkin. S. 16 [193] Institutionen die Investitionen vornehmen müssen, um weiteren wirtschaftlichen Fortschritt zu initiieren, aber mit einem ganz neuen Fortschrittsziel. Wäre es so, könnte damit am Ende doch ein Ökonom Recht behalten, der vor einigenjahrzehnten, als die Ideologie des Sowjetkommunismus zusammengebrochen war, glänzend und irreversibel von der Geschichte widerlegt zu sein schien.Jedenfalls müsste man ihm so weit Recht zugestehen, als seine Annahme des explosiven Poten tials der „Maschinerie“ sich zu bestätigen scheint. Aber ganz richtig waren seine An nahmen dann doch nicht — die Maschinerie musste eben erst einer sehr tiefgreifenden inneren Operation unterzogen werden. Erst dann könnte sie wirkungsvoll und ziel führend „vergesellschaftet“ werden. Dann würden die so unter ganz neuen gesellschaftlichen Bedingungen zum Ein satz kommenden Maschinen schließlich zu einer Verwendung gekommen, wie sie vor etwa 150Jahren von Karl Marx schon einmal skizziert worden ist, wie man sie sich bis dato aber wohl so recht immer noch nicht vorstellen mag. Quelle: dangerousm inds.net3 322 Screenshot entnommen aus: Charles Hugh Smith: W hat M arx got right, http://dangerousminds.net/comments- /w hat m arx got right [Stand 8.8.2017] [194] Lehren aus dem Maschinenfragment In einem Text aus den Marxschen Grundrissen der politischen Ökonomie, der (rela tiv spät323) als „Maschinenfragment“ bekannt geworden ist, heißt es: „Die 'Vermehrung der Produktivkraft der Arbeit und die größte Negation der notwendigen Arbeit ist die notwendige Tendenz des 'Kapitals (...). Die Verwirklichung dieser Tendenz, ist die Verwandlung des Arbeitsmittels in Maschinerie (...) Das Kapitalist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zp reduzieren strebt, während es andererseits die Arbeitszeit als Maß und Quelle des 'Reichtums setzt. Es vermindertdie Arbeitszeitdaherin der 'Form der notwen digen, um sie zp vermehren in der 'Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung — question de vie et de mort—fü r die notwendige. Nach der einen Seite ruft es also alle Mächte der 'Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaft lichen Verkehrs ins Eeben, um die Schöpfung des 'Reichtums unabhängig (relativ) zp machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der anderen Seite will es diese so geschaffenen riesigen Gesell schaftskräfte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffenen Wert als Wert zp erhalten. Die 'Produktivkräfte und die gesellschaftlichen Beziehun gen — beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums — erscheinen dem Kapital nur als Mittel und sind fü r es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zp produ zieren. Infact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in dieEuft zp sprengen. (...) „Wahrhaft reich eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. 'Reichtum ist nicht Kommando von Sur plusarbeitszeit, (..) sondern verfügbare Zeit außer der in der unmittelbaren 'Produktion gebrauchten fü r jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.Die Natur baut keine 'Maschinen, keine Eokomotiven, Eisenbahnen, electric tekgraphs, selfacting mules etc. Sie sind 'Produkte der menschlichen Industrie; na türliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; verge genständlichte 'Wissenskraft. Die 'Entwicklung des Capital fixe zeigt an, bis zp welchem Grad das all gemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zpr unmittelbaren 'Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen 'Lebensprozesses selbst unter die 'Kontrolle des general intellect ge kommen und ihm gemäß umgeschaffen sind. Bis zp welchem Grade die gesellschaftlichen 'Produktivkräfte produziert sind, nicht nur in der 'Form des Wissens, sondern als unmittelbare Organe der gesellschaftli chen Praxis; des realen Lebensprozesses. (...) .. der wirkliche 'Reichtum ist die entwickelte 'Produktiv kraft aller Individuen. Es dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des 'Reichtums Dass das Kapital diese Tendenz hat erkennen lassen im Taufe der Geschichte des kapitalgestützten Wirtschaftens, dürfte kaum jemand bestreiten. Man könnte aller dings auch sagen: es liegt durchaus im alltäglichen menschlichen Bestreben, sich die Arbeit zu erleichtern und ein wenig erfinderisch zu sein, um die Arbeit mit der Un terstützung technischer Hilfsmittel zu verrichten, von Rad und Hammer bis zur Ma schine. Ab Beginn der stürmischen Entwicklung des Kapitalismus mit dem Einsatz der „großen Maschinerie“ wurde dieses Bestreben natürlich äußerst vehement unter stützt durch die Interessenlage derjenigen, die viel Geld in den Kauf dieser Maschi nerie investiert hatten, und nun hofften, dieses Geld nicht nur nicht zu verlieren, 323 P. M ason weist daraufhin, dass dieser Text erst Ende der 1960er Jahre in W esteuropa veröffentlicht wurde. [195] sondern auch möglichst kräftig vermehrt wieder zu sehn. Dieses Interesse des Kapi tals scheint Marx nun kritikwürdig insofern, als die Produktivkräfte ihm nur Mittel sind, „um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren“. Andererseits schafft das Kapital aber doch die „materiellen Bedingungen“, um einer „Nation“ „wahrhaf ten Reichtum“ zu erschließen. Schon Schumpeter beschrieb diese widersprüchliche Haltung zum Kapitalismus bei Marx: „Einerseits preist Marx unstreitig (...) die un geheure Kraft des Kapitalismus, die Produktionskapazität der Gesellschaft zu entwi ckeln. Andererseits betont er unaufhörlich das zunehmende Elend der Massen.“ (S. 70) Der „prozessierende Widerspruch“ in der kapitalistischen Produktionsweise ist je denfalls klar ersichtlich und besteht darin, dass das Kapital die Arbeitszeit zu mini mieren sucht, und zugleich die „Arbeitszeit als Maß und Quelle des Reichtums setzt.“ Diesen Widerspruch hat auch Schumpeter gesehen; ob dies nun in eine Unterkonsumtions- oder Uberproduktionstheorie einmünde, schien ihm eher von nachrangi ger Bedeutung. Zum „in die Luft sprengen“ kommt es nach Marx‘ Vorstellung wohl dann, wenn ein Status völligen Funktionsverlustes des kapitalistischen Systems er reicht ist, mit arbeitslosen und mangels Kaufkraft konsumunfähigen Massen, die nun in einer sozialistischen Revolution die brachliegenden privaten Produktionsmittel „vergesellschaften“ müssen, um zu überleben. Dennoch sah Marx ja eine „transitorische Notwendigkeit“ des Kapitalismus. Wozu? Zu dem „wahrhaften Reichtum“, statt 12 nur noch 6 Stunden zu arbeiten, könnte eine Nation sich auch einfach entschließen. Und warum sollte die Entstehung eines „Vereins freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln ar beiten“,324 nach „Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise“, vom Entwick lungsniveau der Produktivkräfte abhängig sein? Höher entwickelte Produktivkräfte könnten offenbar den Warenreichtum einer Gesellschaft erhöhen. Sofern prinzipiell dafür gesorgt ist, dass auf dem Wege eines dem Produktivitätsfortschritt angemessenen Lohnniveaus für die produzierte grö ßere Warenmenge kaufkräftige Nachfrage besteht, kommt es erst dann zu dem Sta bilitätsverlust, wenn das gewachsene Produkt aus Sättigungsgründen nicht mehr voll ständig absetzbar ist. Das kann man ebenfalls Unterkonsumtion nennen, geht aber dann nicht mit Verelendung einher. Um Überproduktion handelt es sich dann mit Blick auf die zu geringe Nachfrage. In dieser Phase, so lassen sich die Zeichen der Zeit vernünftigerweise eigentlich nur deuten, befindet sich der reife Kapitalismus in zwischen. Was aber dann? Was zeigt „die Entwicklung des Capital fixe“ heute an? Bis zu welchem Grad ist das „allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittel baren Produktivkraft geworden“? Was könnte es bedeuten, dass „die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect“ kommen und „ihm gemäß umgeschaffen sind“? Das bleibt bei Marx eigentlich im Unklaren. Soll einfach die Verstaatlichung dafür sorgen, dass das allgemeine ge sellschaftliche Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft wird? Diese Hoffnung, wenn 324 So beschrieben in: Das Kapital, Kritik der Politischen Ökonomie, Bd. 1, S. 92 [196] es sie gegeben hätte, hätte sich jedenfalls nicht erfüllt im Verlauf der gemachten real sozialistischen Erfahrungen. Der belgische marxistische Ökonom Ernest Mandel glaubte, ein „Park automati scher Maschinen“ sei eine Voraussetzung für eine neue sozialistische Gesellschaft: „Wenn die Gesellschaft über einen Park automatischer Maschinen verfügt, der genü gend groß ist, um ihren gesamten laufenden Bedarf zu decken, und wenn sie zusätz lich noch eine ausreichende Reserve an Mehrzweckwerkzeugmaschinen besitzt, um unvorhergesehenen Ereignissen begegnen zu können, dann ... [wird] ein von allen materiellen und wirtschaftlichen Sorgen freier Mensch geboren.“325 Dies, der große Park automatischer Maschinen, sei auch die Bedingung zur Überwindung der Waren produktion; die Warenproduktion endet nach Mandels Auffassung erst mit der Pro duktion eines Überflusses an Gebrauchsgütern in der „voll entfalteten sozialistischen Gesellschaft“. Die Warenproduktion könne nur „schrittweise absterben, in dem Maße, wie die Wirtschaft in der Lage ist, die fundamentalen Bedürfnisse eines jeden Menschen zu befriedigen, und die Verteilung daher nicht mehr auf dem Anspruch einer exakt bemessenen Gegenleistung beruhen muss.“ Denn: „Austausch (..) bedeu tet Warenproduktion. Der Tauschwert lebt fort, solange Gebrauchswerte knapp sind.“ Dazu haben die gemachten Erfahrungen mit höchstentwickelten Produktionsmit teln allerdings gezeigt, dass der Tauschwert auch fortlebt, wenn die Waren durchaus nicht mehr knapp sind, und sogar künstlich verknappt werden müssen. Der Tausch wert lebt fort und muss fortleben, solange Arbeitsteilung herrscht, mit spezialisierter Arbeit, und spezialisierten, faktorspezifischen Produktionsmitteln. Aber das ist es eben, was sich offenbar nun gerade ändert. Das zeigt „die Entwick lung des capital fixe“ heute an. Das Capital fix e hat unter dem Vorzeichen der Reife des Kapitalismus mit seinen gesättigten Märkten die Tendenz entwickelt, seine Fak torspezifität zu minimieren, und universal zu werden. Und mit der Entkopplung von Fertigung und Design und der Ubiquität des Internet wird das die Produktionen steu ernde Wissen zur entscheidenden und mehr und mehr einzigen Produktivkraft, zum generalintellect, der die „gesellschaftlichen Lebensprozesse“ steuert. Und diese Art von capital fix e ist es offenbar nun, die in Widerspruch zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise gerät, und nach einer neuen gesellschaftlichen Ordnung verlangt, bzw. diese erst ermöglicht. Der Versuch, die Produktionsmittel auf dem Reifegrad des letztenjahrhunderts zu „vergesellschaften“, musste zu Diktatur und Gewalt führen, wenn man es denn un bedingt so durchsetzen wollte. Der transitorisch notwendige Kapitalismus muß of fenbar zuerst dies beides, Wohlstand und Fülle, und in diesem Sinne reife Produkti onsmittel hervorbringen. Dann können sie in einen gesellschaftlichen Zustand füh ren, in dem „wirklicher Reichtum“ verfügbar und erfahrbar wird, sofern diese „neuen“ Produktionsmittel denn auch in diesem Sinne genutzt werden. Die beschriebene smartfactory ist nicht einfach ein Park von automatischen Maschi nen, der genügend groß ist, um den laufenden Bedarf zu decken. Die Eigenschaften dieser neuen „großen Maschinerie“ (die sich eigentlich eher dadurch auszeichnet, eine 325 Ernest Mandel: M arxistische W irtschaftstheorie. Band 2. Suhrkamp 1968. S. 715 [197] kleine Maschinerie zu sein) mit ihrem Prinzip Think globally, fabricate locally bringen letztlich erst das Vermögen mit sich, den gesellschaftlichen Lebensprozess im Sinne e in es general intellectzn gestalten, statt unter der Kontrolle der invisible hand der blinden Märkte, und der partialen Gewinninteressen des privaten Kapitals. Das in ihr „verge genständlichte“ Wissen kann in großem Umfang, fast grenzenlos, zu unmittelbar ge sellschaftlichem, öffentlich verfügbarem Wissen werden. Das den wirtschaftlichen Erfolg eines privaten Unternehmens ausmachende Wissen wurde innerhalb von des sen Mauern und Domäne entwickelt, gepflegt und gehütet, und war in dem Sinne kaum allgemein verfügbares gesellschaftliches Wissen. Genau dies aber ändert sich in ganz entscheidenden Proportionen, wenn Fabrikation aus der Verwandlung von Da ten in Dinge besteht, und diese Daten möglicherweise — jedenfalls sofern sie nicht konsequent und mit juristischem Aufwand privatisiert werden — über öffentlich zu gängige Datenbanken der Öffentlichkeit auch zur Verfügung stehen, und auch durch öffentliche Open-User-Innovation-Projekte erzeugt werden oder erzeugt worden sind. Die technische Möglichkeit dazu ist jedenfalls mit dem Internet und den be schriebenen Fabrikationsprinzipien vorhanden — was zu Marx‘ Zeiten ja definitiv nicht der Fall war. Man kann fragen, ob man dem begonnenen realsozialistischen Experiment hätte gönnen sollen, dass es überlebt. In Kuba etwa hat es überlebt. Wäre das ein besseres „Ende der Geschichte“? Dann wäre die Geschichte gewissermaßen einfach stehen geblieben. Aber die Geschichte ist nicht stehengeblieben, und hat einerseits die Ent wicklung des überreifen und überproduktiven Kapitalismus bis in extreme Erschei nungsformen fortgeschrieben und zugespitzt, wie vorne beschrieben. Die Einschät zung, dass die Entwicklung in dieser Richtung nicht fortgesetzt werden kann, und dass hier immer wieder nur etwas Zeit gekauft werden kann, um einen Kollaps zu verhindern, hat große Verbreitung gefünden. Auf der anderen Seite aber sind im In nern des Kapitalismus, in seinem „Maschinenraum“ diese technischen Möglichkeiten entstanden, die nunmehr eine irreversible, nachhaltig praktikable und nebenher hoch attraktive nachkapitalistische Wirklichkeit zu realisieren gestatten. Die „Transition“ durch den Kapitalismus bis zu seinem wirklichen Ende war also offenbar tatsächlich notwendig, und hat sich gelohnt, wenn diese eine individuelle Disposition unterstel lende Rede gestattet ist, und wenn denn die historische Weichenstellung auch noch früh genug geschieht, dass diese Potentiale erkannt und ausgebaut und zur Reife fort entwickelt werden. Wahrhafter Reichtum, sagte Marx, bestehe in der Verfügbarkeit von disposable time, in verfügbarer Zeit „außer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.“ Damit wird offenbar nicht das „Aussteigen“ gemeint sein, also das Ausdehnen der verfügbaren Zeit dadurch, dass man die An sprüche minimiert, und die in der „Kommandowirtschaft“ der unmittelbaren Pro duktion verbrachte Zeit auf ein Minimum einschränkt. Der wahrhafte Reichtum soll der ganzen Gesellschaft zur Verfügung stehen; ein geschichtlicher Fortschritt ist dies aber offensichtlich nur dann, wenn damit der Reichtum der „ungeheuren Waren sammlung“, also der Reichtum der Gebrauchswerte als verfügbare Menge von Gü tern und Dienstleistungen nicht drastisch eingeschränkt wird. Allenfalls sollte ab einer [198] gewissen Höhe sein weiteres Wachstum eingeschränkt sein oder komplett stagnieren können. Den Reichtum, nach dem der Kapitalist strebt, nennt Marx „abstrakten“ Reich tum, also das Geld und alle Erscheinungsformen, die das Geld annehmen kann, wie Wertpapiere, Aktien, Beteiligungen, Schuldverschreibungen etc. Während die Ge brauchswerte, aus denen der wirkliche Reichtum besteht — jedenfalls sofern man sie besitzt — einen abnehmenden Grenznutzen haben, ist dies bei abstraktem Reichtum nicht der Fall. Davon kann man nie genug haben, von realen Dingen, von Gebrauchs werten aber schon. Darum, so glaubte etwa schon Aristoteles, ist das Streben nach dem wahrhaften Reichtum endlich, und das Streben nach dem abstrakten Reichtum ist es aber nicht. Aristoteles unterschied zwischen „natürlichem“, „wahrem“ oder „nützlichem“ Reichtum, und dem „unnatürlichen“ Reichtum, der mit dem Ziel des Gelderwerbs als Selbstzweck aufgehäuft wird; mit Ökonomik hat Aristoteles nur die „natürliche“ Wirtschaftskunst bezeichnet, die auf die Schaffüng eines als endlich und natürlicher weise begrenzt verstandenen Reichtums abzielte. Die Wirtschaftskunst, die auf den unendlichen, widernatürlichen Gelderwerb als Selbstzweck abzielte, und meist den Tauschhandel nutzte statt der Produktion, nannte Aristoteles „Chrematistik“, und sie galt ihm als „unsittlich“. Die Begründung für die Annahme der Endlichkeit des na türlichen Reichtums ergab sich für Aristoteles aus der Beobachtung, dass ja die Menge an Gütern, Werkzeugen und Instrumenten, die den Reichtum einer Haus- und auch der Staatsverwaltung bilden, nach Menge und Größe unmöglich unbegrenzt sein könne — es können sich ja nicht alle Dinge bis unter die Decke stapeln, und die La gerräume und Wege verstopfen; ein Zu-Viel an realen, angehäuften Dingen ist offen sichtlich irgendwann unübersehbar, hinderlich und störend. Dies gilt offensichtlich nicht für den abstrakten Reichtum — wohl ein nicht zu verkennender Grund für die nach Eintreten von Sättigungsgrenzen auf vielen Märkten eingetretene Finanzialisierung der Ökonomie. Kapitalisten setzen die Maschinerie ein, um Profit zu machen, um Gewinne zu erwirtschaften. In konsolidierten, wohlhabenden Gesellschaften wird dies nun immer schwieriger, und hat, wie beschrieben, einerseits zur „resilienten“ Produktion mit fle xiblen smartfactones geführt, andererseits zur Finanzialisierung. Dennoch soll die „Ma schinerie“ noch immer, wo immer möglich, für die Kapitaleigner Gewinne erwirt schaften. Könnte die Maschinerie das auch ohne Kapitalisten? Marx sagt dazu: „Die Maschinerie verliert ihren Gebrauchswert nicht, sobald sie aufhörte, Kapital zu sein.“ Für die Kapitalisten hat sie ihren Gebrauchswert darin, Gewinne zu erwirtschaften, als Kapital. Wenn die Maschinerie aber nicht Kapital ist, erwirtschaftet sie auch keine Gewinne: sie tut dann nichts anderes als Gebrauchswerte zu erzeugen. Wann sind erzeugte Dinge nichts anderes als Gebrauchswerte - eben dann, wenn sie nicht ge tauscht werden müssen, also keinen Tauschwert haben, und nicht auf Märkten als Waren gehandelt werden. Dies ist in der reinsten vorstellbaren Form nur möglich, wenn das Endprodukt, das Erzeugnis einer „Maschinerie“ tatsächlich direkt im Haus halt des Konsumenten, in seiner Regie und Verantwortung hergestellt wird. [199] In der altgriechischen Oikonomia zur Zeit des Aristoteles war das der Fall. Der Oikos, der Haushalt war ein weitgehend autarker Betrieb, der den Großteil seines Be darfs selber decken konnte. Ein solcher Haushalt ähnelte in der Tat eher einem land wirtschaftlichen Betrieb, als einem Privathaushalt, wie man ihn heute kennt. Damit nun die Herren dieser Haushalte selbst nicht allzu viel Zeit in der unmittelbaren Pro duktion verbringen mussten, und sich den höheren Dingen, wie etwa der politischen und philosophischen Praxis, widmen konnten, erledigten diesen Part zur Erzeugung des wahrhaften Reichtums die Sklaven. Wäre die Erzeugung von Gütern im Kreis des Oikos, des eigenen Haushalts, heute möglich — wenn dies nicht mit dem Rückfall in eine vorindustrielle Subsistenzwirt schaft verbunden sein soll nur eben so, wie es sich mit den sich anbahnenden Mög lichkeiten der digitalen Fabrikation andeutet. Was es bedeuten würde, wenn diese Technologie allgemein zur Verfügung steht, hat Neil Gershenfeld einmal in einem Interview mit den folgenden Sätzen angedeutet: „What is work? For the average per son (...) you leave home to go to a place you'd rather not be, doing a repetitive Op eration you'd rather not do, making something designed by somebody you don't know for somebody you'll never see, to get money to then go home and buy some thing. But what if you could skip that and just make the thing?”126 Dass die Verfüg barkeit einer solchen Technologie die umgebende sozioökonomische Ordnung tief erschüttern könnte, ist ihm offensichtlich keineswegs verborgen geblieben: „For me the hardest thing isn't the research. That's humming along nicely. It's that we're finding we have to build a completely new kind of social order ”327 Wie auch immer diese neue Art einer sozialen Ordnung aussehen würde, wäre diese Eigenschaft, dieses „Feature” aber damit klar: es würden keine Waren, sondern Ge brauchswerte produziert, und zwar nicht an einem „place you'd rather not be“, durch die Ausführung einer „repetitive Operation you'd rather not do“, um etwas herzustel len für einen anonymen „somebody you'll never see“, und welche designed und ent wickelt worden sind von „somebody you don't know“. Dieses Produzieren soll eben möglichst direkt am Ort des Konsums geschehen, und, damit der Konsument sich nun nicht als Produzent zu sehr die Hände schmutzig machen muss, erledigt die Ar beit fast komplett die Maschine, die dazu auf Wissen, auf „knowledge“ zugreift, das irgendwo in den Weiten des Internet in der „cloud“, auf nicht unbedingt genau loka lisierbaren Datenbanken abgelegt ist, und dies sogar, sofern es von freiwilligen Spen dern dort zum freien Zugriff abgelegt worden ist, umsonst, völlig kostenlos. Dies ist nun vorerst eine theoretische, gedankliche „Vorschau“ oder Idee eines technischen Konstrukts, ein „Ideal“ von Fabrikationsmaschinerie. Der Begründer der „konstruktiven Wissenschaft“ Paul Torenzen hat in einer „Kritischen Rekon struktion von ,Idee’ und ,Ideal’“ einmal Ideen als Konstruktionsvorschriften für be liebig viele gedachte Figuren (wie zum Beispiel geometrische Figuren) von beliebigen Abstrakta unterschieden, die keine Ideen sind. Daraus folgte für ihn: „Ideale sind nicht erreichbar, sie sind nur — mit tolerablen Abweichungen — realisierbar.“ Dieses 326 Neil Gershenfeld: Digital Reality. A Conversation with Neil Gershenfeld. The Edge (2015). https://edge.org/conversation/neil_gershenfeld-digital-reality [Stand 03.04.2015] 327 Neil Gershenfeld: Digital Reality, a.a.O. [200] Ideal einer — mit tolerablen Abweichungen — zu realisierenden, idealen Fabrikations maschinerie wäre, betrachtet man den Entstehungszusammenhang im ökonomischen Kontext, aufzufassen als Gipfel oder Kulminationspunkt einer als notwendig zu den kenden Evolution einer Idee. Als notwendig zu denken wäre die Evolution dieser Idee, mit diesem Kulminationspunkt, weil man ihr die Funktion zuschreiben muss, Wohlstand zu erzeugen. Mit einer Funktionszuschreibung im Kontext einer voraus gesetzten Teleologie erscheint nach dem Philosophen John Rogers Searle der Ge sichtspunkt der Normativität: „Die Funktionszuschreibung bringt Normativität ins Spiel.“328 Die Normativität, die hier ins Spiel gebracht wird, leitet sich her aus der Funktionszuschreibung, dass diese Fabrikationsmaschine im Umfeld der Ökonomie das Gemeinwohl zu befördern hat, und offenbar erfüllte sie diese Funktion auf eine unübertrefflich perfekte Weise. Dieses Gemeinwohl kann sich eben nicht mehr zusammensetzen aus der Summe der in privater Regie erwirtschafteten Gewinne; Zuwachs oder auch nur Erhalt von Wohlfahrt sind auf diese Weise nicht mehr zu erzielen. Dies war so lange der Fall, wie die Maschinerie von privaten Eignern innerhalb der marktlich organisierten dy namischen Wettbewerbswirtschaft zur Erzielung komparativer Geschäftsgewinne eingesetzt werden konnte, und eine wachsende Wirtschaft auf dem Wege der Erzeu gung von Vollbeschäftigung und Güterreichtum mit einem positiven Wohlfahrtsef fekt verbunden war. Dies ist aber, wie gesehen, nicht mehr oder jedenfalls immer weniger der Fall. Und weil dies immer weniger der Fall ist, entsteht diese neue Maschi nerie, und daraus resultiert wiederum ein neues „Ideal“ von sozialer Ordnung, und von in dieser Ordnung existierender und diese konstituierender „Maschinerie“: die neue Ordnung ist nicht mehr beschreibbar als ein dynamisches, inkonsistentes, nicht berechenbares System mit einem inhärenten, aus der Wettbewerbsdynamik sich spei senden Wachstumsdruck, sondern als ein konsistentes, statisches, berechenbares, nichtdynamisches und nicht-wettbewerbswirtschaftlich organisiertes System. Dessen Output sind nicht Waren und warenwirtschaflich erzeugte Gewinne, sondern Ge brauchswerte, die unter Einsatz von immer weniger menschlicher Arbeit erzeugt wer den, und damit zu immer geringeren Kosten. Man muss sich klarmachen, dass erst der Ausstieg aus der Wettbewerbswirtschaft die allgemeingesellschaftliche Abschöpfung der „Automationsdividenden“ ermög licht, dies aber eben nicht in Geldform. Solange die Gütererzeugung im wettbewerbs wirtschaftlichen Modus verbleibt, wird auch die kompletteste Automation keinen Wohlstand erzeugen können. Sie wird auch keine „Dividenden“ im Sinne zu vertei lender Geldzahlungen erzeugen können.329 Mit zunehmender Diskrepanz zwischen Produktionsmöglichkeiten und realisierter Produktnachfrage würden die Wohlfahrts verluste immer größer, und die Eingriffe des privaten Kapitals in die „Lebenswelt“ 328 J. R.Searle: Geist, Sprache und Gesellschaft. Frankfurt 2001 329 Aus dem Grunde ist auch die Idee der Einführung einer Automationsdividende als Steuer au f „Automaten“ oder Roboter unsinnig. Jedes Betriebsmittel, das zweckmäßig eingesetzt wird, erhöht die Effizienz und Ar beitsproduktivität, und damit ggfls. den Betriebsgewinn, der dann zur Besteuerung herangezogen wird. Eine „Automationsdividende“ als Steuer wäre einfach nur eine höhere Gewinnbesteuerung, die sich zwar ohnehin empfehlen würde, aber ohne weiteres schwer durchsetzbar sein dürfte, als Steuer au f „Automaten“ aber auf jeden Fall. W ie ist der Automat denn definiert? Jeder PC ,jedes programmierbare Telefon, jeder Internetzugriff nufzt Automaten in der Gestalt von Programmen; jedes Softwareprogramm ist ein spezieller Automat. [201] immer destruktiver, wie bereits gesehen; kompensierender politischer Steuerungsauf wand würde immer höher, und als Transaktionskosten irgendwann prohibitiv teuer. Darum ist dies die einzig möglich Konsequenz: die Maschinerie muss zwangsläufig eine öffentliche werden, je mehr sie sich auf diesem Evolutionspfad ihrem einge schriebenen Ideal annähert, und je mehr die Entwicklungen der „alten“ Ökonomie dies verlangen. Nun kommt die Argumentation wiederum zu dem Befund, dass es sich soweit ja nur um spekulative Theorie handelt, denn der Replicator in seiner idealen Form steht ja derzeit noch nicht, und nach dem derzeit verfügbaren Stand des Wissens vermut lich wenn überhaupt, dann wohl nicht früh genug zur Verfügung. Es bleibt also nur eine Annäherung an dieses Ideal, eben in Form der Überführung hochmoderner, hochproduktiver und flexibler Produktionssysteme in öffentliches Eigentum und Trägerschaft. Hier aber Aussagen zu machen, die über das sehr Prinzipielle und Allgemeine hin ausgehen, dürfte die Möglichkeiten einer Einzelperson weit überfordern. Dies wird ja nicht einfach dadurch zu ermöglichen sein, dass man mit einem Trennschneider sich durch die Industriegesellschaft bewegt, überall die Fertigung vom Design trennt, und die übriggebliebene Fertigung verstaatlicht, oder der lokalen Kommunalverwal tung übergibt. Man muss auch die grundsätzliche Einschränkung machen, dass dies nur für den persönlichen und häuslichen Endverbrauch im Bereich der Sachgüter produktion sinnvoll sein kann; in der chemischen Industrie etwa wird man Fertigung und Design kaum entkoppeln können, und man wird die Fertigung auch nicht mit dem gleichen Effekt dezentralisieren können. Allerdings könnten zumindest Teile der chemischen Industrie komplett verstaatlicht werden — das ist aber zunächst ein ganz anderes Thema. Eine naheliegende Annahme wäre, dass man mit Massenmärkten, und Bedarfen wie eben etwa den Wohnungsausstattungen mit Mobiliar und Haushaltsgeräten be ginnt, die in der Regel bei Bezug einer ersten eigenen Wohnung immer wiederkehren, oder etwa mit Textilien, Bekleidung und Schuhwerk, oder möglicherweise tatsächlich mit Automobilen, dann aber solchen eines ganz speziellen Designs, nämlich eben mit solchen zur Selbststeuerung fähigen und elektrisch betriebenen Kleinautomobilen, wie sie vom Google-Konzern derzeit entwickelt werden. Wie bereits angesprochen, dürfte es für die Öffentlichkeit möglicherweise in einem ganz vitalen Interesse liegen, sich hier nicht in die Abhängigkeit eines privaten globalen Monopolisten zu begeben. Der Materialwissenschaftler joshua Pierce hat in einer Untersuchung über die Aus wirkungen des 3D-Drucks auf globale Wertschöpfüngsketten auch untersucht, in welche Branchen der Fertigungsindustrien der 3D-Druck in Gegenwart und Zukunft gar nicht, schwach oder stark diffündieren wird; hieraus könnten sich auch Hinweise ergeben, in welchen Branchen dann auch eine nicht-privatwirtschaftliche Fertigung von Produktdesigns sinnvoll sein könnte. [202] Heute In der Zukunft Keine, oder lang same Industrie Diffusion Herstellung von Nahrungsmitteln; Herstellung von Bekleidung; Druck und Reproduktion gespeicher ter Medien; Herstellung von Metallprodukten, außer Maschinen und Anlagen; Herstellung von Computer-, elektro nischen und optischen Produkten Herstellung von elektrischen Anla gen Herstellung von Automobilen und Anhängern Herstellung anderer Transportmittel Herstellung von Möbeln Herstellung von Getränken Herstellung von Tabakprodukten Herstellung von Textilien Herstellung von Lederprodukten Herstellung von Holz und Produkten aus Holz und Kork Herstellung von Papier und Papierpro dukten Herstellung von Kokerei- und Mineral ölerzeugnissen Herstellung von chemischen Erzeug nissen Herstellung basaler Metalle Hohe Industrie Diffusion Herstellung anderer nicht-metalli scher Mineralprodukte Herstellung von Gummi- und Plastik erzeugnissen Herstellung von Maschinen und An lagen Herstellung sonstiger Produkte Reparatur und Installation von Ma schinen und Anlagen Herstellung von Nahrungsprodukten Herstellung von Bekleidung Druck und Reproduktion von Medien und Datenträgern Herstellung von pharmazeutischen, chemischen und medizinischen Pro dukten Herstellung anderer nichtmetallischer Mineralerzeugnisse (Glas, Keramik etc.) Herstellung von Metall Produkten, au ßer Maschinen und Anlagen Herstellung von Computer-, elektroni schen, optischen und botanischen Produkten Herstellung elektrischer Anlagen Herstellung von Automobilen und An hängern Herstellung von Möbeln Herstellung sonstiger Transportmittel Abb. 10: Diffusion des 3D -Drucks in div. Fertigungsindustrien330 Die Ausweitung der Fragestellung auf die technischen Mittel der cyberphysischen Systeme (140) würde offenbar den Bereich der in Frage kommenden Branchen erwei tern, Anhaltspunkte lassen sich daraus aber durchaus gewinnen. Eine andere Frage wäre, ob begleitend Metadesigns geschaffen werden sollten — wie für Möbel am Bei spiel des „Post-Ikea“-Designs angesprochen —, die die Möglichkeit des Designs unter Verwendung normierter und vielseitig verwendbarer Komponenten unterstützen, 330 Entnommen aus: Andre O. Laplume, Bent Petersen, Joshua M. Pearce, Global value chains from a 3D printing perspective, .Journal o fln terna tiona lB usinessS tud ies 47(5), 595-609 (2016). doi:10.1057/jibs.2015.47 [203] und auf der anderen Seite die Möglichkeit des „Customizing“ dieser Designs durch den späteren Endkunden zulassen. Hilfreich im Sinne einer erfolgversprechenden Durchsetzungsstrategie könnte vielleicht auch eine Art von 'Branding und ein Marketing solcher Konsumartikel sein, die in dem Sinne keine Waren mehr sind — vielleicht sollten sie in Analogie zum Volks-Wagen Volks-Möbel, Volks-Fahrräder oder Volks-Klamotten etc. heißen — Marketingfachleute hätten hier möglicherweise die griffigeren Bezeichnungen zur Verfügung. Schließlich sollte man auch untersuchen, wie weit sich Möglichkeiten der horizon talen Arbeitsteilung bzw. Spezialisierung ergeben, sodass einzelne Betriebe mit der Entwicklung und Fertigung von Komponenten oder Rohmaterialien beschäftigt wer den, die in der weiteren Endfertigung in einem breiteren Produktspektrum verwendet werden können. Dies sind aber nur einige ganz allgemeine Hinweise und Andeutun gen, die an dieser Stelle nicht das Schwergewicht bilden sollen, und hier auch nicht vertieft werden können. Es ging in diesem Abschnitt darum zu verdeutlichen, dass die „Maschinerie“ seit Einsetzen der anhaltenden und endogenen, sättigungsbedingten Nachfrageschwä chenjahre auf den typischen Massenmärkten ab etwa Mitte bis Ende der 1970er eine Evolutionsrichtung eingeschlagen hat, die abzielt auf eine nachindustrielle Gesell schafts- und Industriestruktur mit den folgenden Charakteristika: • maximal automatisiert • gebrauchswertorientiert • stagnationsstabil • konsistent, statisch, berechenbar • Dominanz öffentlicher Steuerung • überwiegende Verfolgung gemeinnütziger Interessen Ganz lapidar lässt sich diese Entwicklung auch auf den Nenner bringen, dass es darum geht, die Produktionsmittel, die automatische „Maschinerie“ in einen Ge brauchsmodus zu überführen, wie der durchschnittliche Zeitgenosse dies von seinen maschinellen Helfern im häuslichen Umfeld gewohnt ist. Wenn diese Maschinerie dann recht hoch entwickelt ist und einen Hauptteil der notwendigen Produktion übernehmen kann, kann der durchschnittliche Zeitgenosse sich anderen Tätigkeiten zuwenden, darunter aber möglicherweise anderen als „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“. Eine ernst haftere Antwort ist vorne gegeben worden (Poiesis und Praxis). Die Arbeitsteilung an sich wird wohl vorerst unverzichtbar bleiben. Mit K. G. Zinn wäre nun folgendes Resümee zu ziehen: „Wenn die (äußere) Natur dem Wirtschaftswachstum Grenzen zieht, so bedeutet dies einen erzwungenen Wachstumsverzicht. Stößt Wachstum hingegen an Grenzen, die sich daraus ergeben, dass das Wachstum sozusagen seine geschichtliche Aufgabe, den Menschen von drängender Knappheit zu erlösen, erfüllt hat, dann ergibt sich eine ganz andere Art [204] von Zwang, nämlich der, des gesellschaftlichen Wohlstands halber das Wirtschafts system derart zu verändern, dass es auch bei Stagnation stabil bleibt.“331 Ein derart verändertes Wirtschaftssystem ist bisher von keiner ökonomischen The orie wirklich stringent, theoretisch konsistent und scharf beschrieben worden. Die „Mainstream-Ökonomie“, die, in welcher Schattierung auch immer, an den Hoch schulen gelehrt wird, nimmt dieses Problem prophylaktisch einfach nicht zur Kennt nis. Sie hält fest an der Beschreibung der Märkte im vollkommenen Gleichgewicht als Optimum eines zu erreichenden Zustandes einer Volkswirtschaft, und gibt der Politik entsprechende Empfehlungen, wie dieser Zustand zu erreichen sei, allenfalls mit kleineren Variationen hinsichtlich der konjunkturpolitisch zu treffenden Maß nahmen, die sich dann eben innerhalb des beschriebenen Spektrum zwischen eher angebotsorientierten oder nachfrageorientierten Maßnahmen bewegen. Aber bei al len Maßnahmen hält man fest am Ziel der „Stimulierung des Wachstums“, und in der ökonomischen Theorie hält man fest am Ideal einer (ewig?) wachsenden Wirtschaft mit Märkten im Gleichgewicht, als einzig vorstellbarem Optimum eines herzustellen den ökonomischen Zustands. Die Möglichkeit eines stagnativen Endstadiums332 als Kulminationspunkt einer po sitiven Entwicklung, also eines Endstadiums der Sättigung und allgemeinen Bedürf nisbefriedigung ist von einer Anzahl von Ökonomen in Betracht gezogen worden, darunter J. M. Keynes, wie schon erwähnt; Keynes ist davon ausgegangen, dass die Technik eben immer vollkommener die menschliche Arbeit unterstützt und hat als einer der ersten Wirtschaftstheoretiker den Begriff „technologische Arbeitslosigkeit“ verwendet. Seine Vorstellung eines Idealzustandes der Ökonomie beinhaltete dem zufolge nicht mehr das Ziel der Vollbeschäftigung als Ganztagsjob, sondern eben die durch allgemeine Arbeitszeitverkürzung zu erreichende 15-Stunden-Woche. An die ser Schwelle, so hat er offenbar angenommen, kommt die Entwicklung der Techno logie zum Stillstand, und, um diese 15-Stunden-Woche tatsächlich allgemein durch zusetzen, also Arbeit wirksam zu verknappen, hat er tatsächlich an Arbeitsverbote gedacht. Karl Marx hat den Trend der durch den kapitalistischen Wettbewerb erzwungenen Substitution von menschlicher Arbeit durch Maschinen ebenfalls gesehen, hat aber 331 K. G. Zinn: Die W irtschaftskrise. W achstum oder Stagnation. Zum ökonomischen Grundproblem reifer Volks wirtschaften. Mannheim 1994, S. 37 332 Schumpeters Formulierung dazu war: „Der Kapitalismus, seinem W esen nach ein Entwicklungsprozess, würde verkümmern. Für die Unternehmer würde nichts mehr zu tun bleiben. Sie würden sich in der ganz gleichen Lage befinden wie Generäle in einer des ewigen Friedens völlig gewissen Gesellschaft.“ (S. 213) Schumpeter, so scheint es, würde das offenbar bedauern, anerkennt aber, dass das Entwicklungsziel des K apitalism usja in nichts anderem bestehen kann, als dass „die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschheit eines Tages so völlig befriedigt wären, daß wenig Anlass bliebe, noch weitere produktive Anstrengungen zu unternehmen.“ (S. 213) W om it er nicht gerechnet hat war erstens, dass „die Generäle“ sich gewissermaßen ihre Kriege selber erfinden könnten, um nicht in diese Lage zu kommen, und zweitens, dass die Produktionsmittel erst noch in eine Form gebracht werden müssen, in der sie von der Öffentlichkeit genutzt werden können. Ist dieses Stadium aber erreicht, kann man tatsächlich m it einer A rt von Bedauern und W ehm ut au f den Kapitalismus zurückschauen, der sich zu der ihm nachfolgenden Ökonomie verhält wie etwa das E-M obil zum Gefährt m it donnerndem V8- Motor, die vegetarische Kost zur fleischlichen, oder eine moderne Gesellschaft m it staatlichem Gewaltmono pol zur waffenstarrenden Gesellschaft der USA, m it ihrem Idealbild des starken Mannes, der bereit ist, sein Leben oder seine Interessen m it der W affe in der Hand zu erkämpfen oder zu verteidigen. M anch einer mag dessen Verschwinden bedauern. [205] weniger an die Möglichkeit einer Harmonisierung dieses die Marktstabilität unterlau fenden Trends geglaubt, sondern sah eben die „Sprengung“ der kapitalistischen Wirt schaftsordnung kommen, ohne aber sehr präzise beschreiben zu können, welche Ordnung denn der kapitalistischen Ordnung folgen werde. Erst wenn dieser evolutionäre Trend in die Beobachtung mit aufgenommen wird, dass das allmähliche Erreichen des Stadiums der Reife und Sättigung auf die Techno logie zurückwirkt, und diese sich dann sozusagen auf eine neues Stadium der Öko nomie vorbereitet, wird dieses neue Stadium prinzipiell und in seinen Strukturen prä zise und konsistent beschreibbar. Der simultane Trend zur Universalisierung, auch zur (relativen) Miniaturisierung der Produktionsmittel, die dabei gleichzeitig hoch produktiv bleiben, und die Entkopplung der Fertigung vom Design, die die Produk tion auf Anforderung {on demand) und in maximaler Nähe des Konsums möglich ma chen, lassen neue Möglichkeiten der Güterallokation entstehen, die das ökonomische Geschehen dem systemischen Diktat der Märkte allmählich entziehen. Statt der vie len einzelnen Kapitale, die sich erbittert um Marktanteile bekämpfen, entsteht ein globales Netz von Sachkapital aus Wissen, das mit lokalen Endknoten der Fertigung verbunden ist, an denen die „Dinge“, also Produkte und Konsumgüter dann auf Wunsch und Anforderung des Konsumenten hergestellt werden können. Dieses so entstehende Produktionssystem ist gewissermaßen von seiner Natur aus vergesell schaftet, es muss nicht per politischem Dekret für vergesellschaftet erklärt werden. Die Güter sind dann auch ganz „von Natur aus“ keine Waren mehr, sondern Ge brauchswerte. Wenn man die Verfügbarkeit einer so zu charakterisierenden Fertigung unterstel len kann, ist es auch möglich, alle damit zusammenhängenden und daraus abzuleiten den Fragestellungen präzise zu stellen und zu beantworten, wie zum Beispiel die, wel che Art von Arbeit denn jenseits des „Reichs der Notwendigkeit“ zu tun übrig bleibt, und zwar schärfer und präziser als Karl Marx das getan hat mit seinem Bild des Fischens,Jagens und Kritisierens, ohne Fischer,Jäger und Kritiker zu sein. Der Unter schied ergibt sich aus den Grenzen dessen, was Maschinen, Automaten, tun und sein können, und das sind — wie vorne beschrieben — die Grenzen der Berechenbarkeit. Menschen „können“ mehr als Maschinen, so können kreativ sein und Werte schöp fen, und sie können Subjekt der Wertschöpfüng und verantwortlich für die Wertschöpfüng sein. Zusammenfassen kann man diese Bedeutungsgehalte in den Begrif fen Poiesis und Praxis. Man kann begründen, warum eine auf diese Weise vergesellschaftete Ökonomie nicht wachsen muss, und warum sie eine „höhere“ ist. Sie ist eine höhere, weil sie höhere Ziele verfolgen kann, und in einem größeren Umfang und hinsichtlich eines breiteren Spektrums von Zielen rational steuerbar ist. Die Marktökonomie hat nur einen einzigen Stellknopf, denn man kann allenfalls — ein wenig — das Tempo des Wachstums beeinflussen. Alles andere „macht“ sie selber, oder soll sie jedenfalls sel ber machen, in der liberalen oder neoliberalen Theorie. Das erreichbare Ideal ist also nun ein ganz anderes. [206] Der Ökonom P. A. Samuelson hat einmal gesagt, „es sei die Aufgabe jeder Wirt schaftsordnung festzulegen, was in welchen Mengen wie und für wen produziert wer den solle“.333 Diese Definition gilt für jede Wirtschaftsordnung, und sagt noch nichts darüber aus, ob sie auch mit Wachstum verbunden sein soll. Wenn man nun alles bisher Gesagte in eine Definition mit aufnimmt, also auch das, was sich aus ethischen Forderungen ergibt, wie sie vorne beschrieben werde sind, kommt man zu folgender Definition einer idealen Wirtschaftsordnung: Eine Wirtschaftsordnung sollte bemessen werden können an dem Qualitätskriterium, dass sie ermöglicht festzulegen, was in welchen Mengen wie, wann und fü r wen produziert wird, unter der Bedingung maximaler Nutzenstiftungfür den Produktempfänger, und unter der Bedingung möglichst Verlust- und verschwendungs armer (also ressourcenökonomischer) Produktion, sowie der Bedingung einer maximalen Steuerbarkeit. Das Efßzjenzpiveau marktlicher Koordination sollte nicht unterschritten werden, und es sollte Stagnationsstabi lität gegeben sein. Der Maschineneinsatz maximal sein, und hinsichtlich der Effizienz optimal. Es sollte die 'Bedingung der Gewährleistung eines 'Maximums an „moralischer und politischer Freiheit“334 er fülltsein. Die Struktur dieses Wirtschaftssystems und einer möglichen Transformation des ist nun in einigen wesentlichen Zügen beschrieben worden. Wie in der Einleitung bereits kurz gesagt, sollte die Aufgabe, eine so gewaltige und im historischen Maßstab nur extrem selten eintretende „Große Transformation“335 durchzuführen, zu konzi pieren, zu managen und in diesem Sinne mit unternehmerischem Elan zu begleiten und voranzutreiben, an einer zentralen Stelle konzentriert sein und zur Aufgabe etwa eines Automationsministeriums werden, welches dann die bisherigen, in der Zukunft wenig Erfolg versprechenden Aufgaben eines Wirtschaftsministeriums abzulösen hätte. Weitere Überlegungen zur Transformation sollen weiter unten folgen. 333 Samuelson, P aul A ., Volkswirtschaftslehre, Bd. 1, Köln 1974, S. 35 f. 334 Der ästhetisch hergeleitete B egriff einer wünschbaren „schönen“ Ordnung bei Friedrich von Schiller war schon vorgestellt worden: der ästhetischen Anschauung bietet sich das Bild einer Ordnung als Verhältnis von freien Menschen zu freien Menschen, ohne Subordination, in der keiner „dem anderen als Mittel dient oder das Joch trägt“ ; eine Gesellschaft von „freien Bürgern“, eine Gesellschaft von „schönen Naturwesen“, von „glücklichen Bürgern“, die „mir zurufen: Sei frei wie ich.“ Insofern, als eine Gesellschaft von g lücklichen Bürgern’ auch au f einer ihre Probleme tadellos lösenden Ökonomie beruhte, würde man dieser m it allem Recht und Geziemen „das Prädikat ,G lücksökonom ie’ verleihen können. “ ( vgl. Reuter 1999b, S. 98) 335 Der B egriff „Große Transformation“ geht au f Karl Polanyi zurück, der damit vorwiegend am Beispiel der englischen frühkapitalistischen Gesellschaft den W andel der agrarisch geprägten Gesellschaft zur Marktge sellschaft beschrieb, und eine damit einhergehende „Transformation der natürlichen und menschlichen Sub stanz der Gesellschaft in W aren“ . W. König, Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin, sieht in einem diesem B egriff strukturell vergleichbaren Sinne „drei große Revolutionen der Menschheitsgeschichte“, und verm utet „in unserer Gegenwart die Anfänge eines Umbruchs von ähnlicher Bedeutung“ . Hervorgerufen sieht er diesen u. a. durch „Sättigungsphänome“ in einer entwickelten Konsumgesellschaft. König (2016) S. 45 [207] Make or buy or buy the maker Die Frage, warum hochmoderne Fertigungssysteme sich mit dem größeren Vorteil in öffentlichem Eigentum befinden sollten, bedarf nun noch einer weiteren und einge henderen Begründung. Hierbei kommt es darauf an, wie man Vorteil definiert. Man kann den Vorteil in einer — meist eher kurzfristig angelegten — betriebswirtschaftli chen Betrachtung ausschließlich nach Effizienz- und Kostenkriterien definieren. Traut man dann einem in privater Regie mit strengem Cost Controlling geführten Fertiger eher zu, hocheffiziente Produktionsprozesse zu implementieren, die dadurch für das einzelne gefertigte Stück die geringsten Kosten bei optimaler Qualität verur sachen, als einem öffentlichen, vielleicht staatlichen Betrieb? Im Zuge der Privatisie rungseuphorie, die in Deutschland mit der Regierungsübernahme durch Helmut Kohl begann und zu dem Zeitpunkt unter dem Banner des Neoliberalismus ja bereits in England und den USA zu tiefgreifenden Veränderungen geführt hatte, würde man dies unbedingt bejahen. Die Geschichte vieler privatisierter öffentlicher Betriebe lässt jedoch durchaus eine andere Interpretation zu. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, ist eine Vielzahl von Privatisierungsprojekten weltweit gescheitert, und die priva tisierten Betriebe mussten zu hohen Kosten wieder vom Staat übernommen werden, wie ein weiterer Exkurs in die Geschichte der Privatisierungen zeigen soll. Wie teilweise schon gesehen, gehörten zum öffentlichen Sektor ursprünglich Leis tungen und Institutionen des Gesundheits- und Erziehungswesens, und die Anlagen des Verkehrssektors, also Straßen, Häfen und Flughäfen; ferner auch Infrastruktur bereiche wie Wasser, Abwasser und Müll, Stromversorgung, Post, Telefon und Ei senbahn sowie der Bergbau. Bereits I960 wurde die vorher staatliche Volkswagen- GmbH teilprivatisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, an der dem Staat (Land Niedersachsen) jedoch eine Sperrminorität zugesichert wurde. Mit Beginn der eigentlichen Privatisierungswelle in den 1980erjahren folgte dann zuerst die Abspal tung der Telekommunikationsdienste von der staatlichen Bundespost, dann die Zu lassung privater Rundfünk- und Fernsehanstalten, und dann die Zulassung privater Eisenbahnen. Begründet wurde dies also meistens damit, dass diese Privatisierungen im öffentli chen Interesse lägen: die Leistungen der privatisierten Unternehmen gegenüber dem Bürger und Kunden würden sich verbessern, und die Gesamtkosten für Staat und Gesellschaft sinken. Private Unternehmen könnten sich effizienter und straffer orga nisieren, und würden im Zuge des entstehenden Wettbewerbs auf dem freien Markt zur Einhaltung eines straffen Kostenregimes gezwungen. Schaut man sich allerdings die in vielen Fällen tatsächlich entstandene Entwicklung und die Entwicklung von Preisen, Leistungen und Unternehmensgewinnen an, so entsteht der Verdacht, als seien die Unternehmen von vorneherein durch die in diesen Märkten zu erzielenden Renditen angelockt worden, die eben — wegen der diskutierten Erscheinungen der Wirtschaftsentwicklung mit vielen gesättigten Massenmärkten — in der übrigen freien Wirtschaft nicht mehr zu erzielen waren. Es war, so könnte daraus vermutet werden, also schlicht schon das Anlage suchende, brachliegende Kapital, das diese Privatisie rungswelle angeschoben hat. [208] Es lassen sich viele Beispiele dafür anführen, dass die Leistungen privatisierter Un ternehmen sich nach kurzer Zeit verteuert oder verschlechtert haben, oder beides. In einigen Fällen, wie der berüchtigten Privatisierung der Bahn in England, kam es gar zu erheblichen Leistungsstörungen, weshalb die Privatisierung jedenfalls für das Schienennetz wieder rückgängig gemacht werden musste. Auch etwa die in Neusee land zu Anfang der 1990erjahre erfolgte Privatisierung der Bahn wurde 2010 wieder rückgängig gemacht.336 Grund: der private Betreiber hatte die Vermögenswerte der Bahn herunterkommen lassen, und notwendige Investitionen unterlassen. Derartige Fälle finden sich zuhauf. Für den Sektor des ehemals öffentlichen Woh nungsbaus wäre etwa folgendes Beispiel anzuführen, über das die „Frankfürter Rund schau“ im August 2009 berichtete.337 Die ehemals landeseigene Landesentwicklungs gesellschaft (LEG) war im Juni 2008 an den Immobilienfonds der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, Whitehall Real Estate Funds, verkauft worden, zu einem Kaufpreis von 787,1 Millionen Euro für die 93 000 Wohnungen der LEG. Trotz einer zwischen Land und Käufer vereinbarten „Sozialcharta“ kam es zu Miet erhöhungen um 20 Prozent, bei einem gleichzeitig ausgesprochenen Sanierungs stopp. Zitiert wird das gezogene negative Fazit des Deutschen Mieterbundes: der Verkauf an eine „Heuschrecke“ habe zu Mieterhöhungen sowie dem Verzicht auf Modernisierungen und Instandhaltungen geführt. Es stehe allein die Rendite für den neuen Besitzer im Vordergrund. Während der damals für den Verkauf verantwortliche Bauminister des Landes NRW diesen als „Erfolgsgeschichte“ rechtfertigte, stellt sich aus heutiger Sicht diese „Erfolgsgeschichte“ folgendermaßen dar: Goldmann Sachs brachte die erworbene LEG GmbH im januar 2013 an die Börse, die nun als LEG Immobilien AG firmierte. Bei diesem Börsengang kamen 1,77 Milliarden Euro in die Kasse; das bedeutete — einem Bericht des Magazins „Focus“ zufolge — einen „Gewinn von rund einer Milli arde Euro oder 127 Prozent auf den Kaufpreis in nur gut fünf Jahren — Geld, das zwischenzeitlich aus dem Unternehmen abgezogen wurde, nicht mitgerechnet.“338 Dieser Gewinn aus dem Verkauf der ehemals landeseigenen Wohnungen ist für die „Heuschrecke“ Goldmann Sachs also perfekt und gemacht; das erhebliche Verlustri siko liegt aber jetzt bei den Aktionären, und natürlich bei den Mietern. In einer Akti engesellschaft gilt die Devise: „Gute Gewinne, gute Dividenden“; primäres Ziel der AG ist es also, die Gewinne zu steigern; mit Stand Anfang 2014 wurde daher als Erfolg vermeldet dass es gelungen sei, „die Mieteinnahmen zuletzt um zwei bis drei Prozent jährlich zu steigern.“ Das gesamte operative Geschäft soll noch schneller 336 „Neuseeland verstaatlicht wieder die Bahn“ . M eldung der Süddeutschen Zeitung vom 17.05.2010 http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/erfolglose-privatisierung-neuseeland-verstaatlicht-wieder-die-bahn- 1.215929 [Stand 19.10.2014] 337 „V erkauf schlimmer als befurchtet. Gut ein Jahr nach dem V erkauf der ehemals landeseigenen W ohnungsge sellschaft LEG an Goldmann Sachs sieht der M ieterbund seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.“ M el dung der „Frankfurter Rundschau“ vom 24.09.2014. http://www.fr-online.de/wirtschaft/mieterbund-verkaufschlimmer-als-befuerchtet,1472780,3281586.html [Stand 22.10.2014] 338 „Sprung in die Freiheit“ . Bericht im Online-M agazin „Focus-online“ vom 05.02.2014. http://www.focus.de/immobilien/kaufen/leg-immobilien-sprung-in-die-freiheit_id_3591678.html [Stand 22.20.2014] [209] wachsen, es soll nämlich in „2014 um zumindest zehn Prozent zulegen, Neuakquisi tionen nicht eingerechnet.“ Wo Erfolg und Misserfolg zu verbuchen sind, dürfte da mit also keinem Zweifel unterliegen. Ein anderes Beispiel sind die Erfahrungen aus der Privatisierung in Schweden, die derjurist und Publizist Wolfgang Lieb Anfang 2005 für das kritische Internetportal „Nachdenkseiten“ folgendermaßen zusammenfasste: „Privatisierung, Liberalisierung der Märkte, Abschaffung von staatlich geregelten Dienstleistungen, diese Forderun gen gehören zum Credo der Modernisierer. Schweden hat diesen Rat in den 90er Jahren strikt befolgt. Die Monopole von Post, Eisenbahn oder Stromversorgung wurden gebrochen, Regulierungen abgeschafft. Das Ergebnis nach einer Dekade: Bahntickets kosten 125% mehr. Taxis kosten ohne Preisbindung 72% mehr. Die Preise für Inlandsflüge stiegen dreimal so rasch wie die Inflation. Die Strompreise stiegen um 86%. Produktivitätsverbesserungen blieben aus. Ausnahme ist nur der Telekommarkt. Großunternehmen können allerdings bessere Preise aushandeln, ge wöhnliche Kunden nicht. Das stellte der Volkswirt Dan Anderson fest, der im Auf trag der schwedischen Regierung die Folgen der Deregulierung untersuchte. Das be richtet Hannes Gamillscheg im Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.1.05.“339 Ernst-Ulrich von Weizsäcker hat 2007 in einem Bericht für den Club of Rome über die „Grenzen der Privatisierung“ berichtet, und hier anhand einer Vielzahl von Fallstudien aufgezeigt, wann „des Guten zu viel“ ist.340 Eine weitere Analyse des „gro ßen Ausverkaufs der öffentlichen Hand“ ist 2016 von Tim Engartner vorgelegt wor den341, der als Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Frankfürt lehrt. Engartner zeigt hier, dass auch staatliche Großunternehmen wie etwa Post oder Bahn durchaus in der Lage waren, kostendeckend und erfolgreich zu wirt schaften, und ihrem Eigentümer jährlich hohe Betriebsgewinne zu überweisen. Gleichzeitig schafften sie es, ihrem Auftrag der Sicherstellung der öffentlichen Da seinsvorsorge gerecht zu werden. Öffentliche Fertigungsbetriebe hat es allerdings bisher nie gegeben. Dies liegt unter anderem auch daran, dass man die „Warensammlung“, den Grad der Versorgung einer Gesellschaft mit Gütern und Dienstleistungen zwar als Wohlstandsindikator versteht und anerkennt, die Versorgung der Konsumenten mit Gütern und Dienst leistungen aber nicht der allgemeinen Daseinsvorsorge zurechnet. Das Bestreben, etwa Infrastrukturunternehmen oder eine medizinische Grundversorgung unter die Kontrolle staatlicher oder gemeinnütziger Verwaltungen zu stellen, entstand aus der frühkapitalistischen Erfahrung eines Marktversagens in diesen Bereichen, weil durch eine rein marktwirtschaftliche Organisation kein Zugang der gesamten Bevölkerung etwa zu einer Infrastruktur oder medizinischer Versorgung zu einem sozialverträgli chen bzw. rein kostendeckenden Preis erreicht werden konnte. Die Versorgung mit Gütern und privaten Dienstleistungen hat man dagegen immer für den Präzedenzfall 339 W olfgang Lieb: „Privatisierung, Deregulierung, m ehr W ettbewerb und alles wird besser und billiger? - Der Langzeitversuch in Schweden bew eist das Gegenteil“ . http://www.nachdenkseiten.de/?p=433 [Stand 22.10.2014] 340 E. U. v. W eizsäcker: Grenzen der Privatisierung. W ann ist des Guten zuviel? Stuttgart 2007 341 Tim Engartner: Staat im Ausverkauf. Privatisierung in Deutschland. Frankfurt 2016 [210] der überlegenen markt- und privatwirtschaftlichen Organisation und Initiative gehal ten. Eine Begründung liegt unter anderem darin, dass ein Kunde gewöhnlich aus schließlich nach Nutzenerwägungen eine Kaufentscheidung trifft, durch die unter stellte Markttransparenz eine optimal nutzenstiftende Kaufentscheidung treffen kann, und gewöhnlich einen Kauf aber auch einfach unterlassen oder aufschieben kann. In der kurzfristigen Kostenbetrachtung mag es nun einige Plausibilität für die An nahme geben, dass private Unternehmen, die im Wettbewerb stehen und den Wett bewerbsdruck auch nach innen, in die betrieblichen Abläufe und das ubiquitäre Effi zienzstreben auf allen personellen und technischen Ebenen weiterleiten können, ef fizientere Abläufe und die besseren Resultate bei der Suche nach Kostensenkungs potenzialen erzielen. Mit zunehmender Automation und Standardisierung der Ab läufe verringert sich aber der Spielraum hierfür naturgemäß. Es ist ja gerade das Ziel der Forschungen zum Thema Industrie 4.0, hier Referenzprozesse zu entwickeln, die dann als Schablonen genutzt werden können, und auf diese Weise den Spielraum einzelner Unternehmen für weitere Optimierungen eindämmen.Je weiter der Auto mationsgrad fortschreitet, ist es letzten Endes die „Maschinerie“, ein maschinelles System oder ein Portfolio von maschinellen Komponenten, das die Kosteneffizienz am stärksten bestimmt. Entscheidend für die erreichbare betriebliche Effizienz wird dann die Kompetenz bei der Einrichtung und Implementierung einer „Fabrik der Zukunft“ sein, die aber dann durchaus von einem externen privaten Dienstleister eingekauft werden kann. Wenn die Fabrik der Zukunft dann einmal optimal konfi guriert und eingerichtet ist, läuft sie zu einem erheblichen Anteil jedenfalls „von sel ber“, automatisch, ohne Wertschöpfüng, und die Aufgabe der Beschäftigten liegt in zunehmenden Anteilen in der Überwachung und der Kooperation mit den Maschi nen und Robotern — wie von Marx erwartet, und vorne am Beispiel der Fabrik der Zukunft beschrieben. Aber das gewichtigere Argument leitet sich in diesem Fall eigentlich nicht aus der kurzfristigen Kostenbetrachtung her. Es leitet sich her aus der Betrachtung der ge samtwirtschaftlichen Situation. Die Argumente, die sich aus der Erfahrung der miss lungenen Privatisierungsprojekte ziehen lassen, gelten in diesem Sinne — also umge kehrt— dann auch für Fertigungsbetriebe, sofern diese eben tatsächlich ausschließlich Fertigungsbetriebe sind, und keine Entwickler von „Designs“, also keine Markenartikelhersteller.Je weiter die beschriebene Trennung von Fertigung und Design reali sierbar ist, umso mehr werden Fertigungsbetriebe eben zu Erzeugern eines homoge nen Gutes, das erst vom Abnehmer seinen individuellen Nutzenpräferenzen entspre chend zu einem individuellen Produkt geformt wird. Das homogene Gut ist die abs trakte Fertigungsleistung, so homogen wie etwa elektrischer Strom oder Wasser von den städtischen Wasserwerken. Der Kunde kann in diesem Fall ein Markenhersteller sein, der seine Markenprodukte bei diesem Hersteller fertigen lässt, oder der private Endkunde selber, sofern er über den „digitalen Zwilling“ verfügt, also das Produkt datenmodell, das von dem Fertiger dann in die physische Realität umgesetzt wird. Offensichtlich ist es so, dass diese Prozesse der Kunde-Produzent-Kooperation [211] umso anspruchsvoller und komplexer werden, je anspruchsvoller und komplexer das herzustellende Produkt selber ist. Ist diese Trennung aber einmal erreicht, kann ein öffentlich-gemeinwirtschaftlich betriebener Fertiger eben auch nach gemeinnützigen Kriterien und mit gemeinnützi gen Zielen gesteuert werden. In der entstandenen gesamtwirtschaftlichen Situation bedeutet dies einen erheblichen Zuwachs an Steuerungskapazität für die durch öf fentliche und demokratisch legitimierte Institutionen vertretene Allgemeinheit. Es entsteht die Möglichkeit, Monopolisierungstendenzen der Privatwirtschaft entgegen zutreten. Es entsteht die Möglichkeit, auf Produktionsentscheidungen jedenfalls in gewissem Umfang Einfluss zu nehmen; zumindest würde etwa die Verwendung ge sundheitsschädlicher Materialien oder sonstwie bedenklicher Komponenten oder Verfahren der Allgemeinheit nicht vorenthalten, und könnte in diesem Fall im Sinne des Allgemeininteresses korrigiert werden. Standortentscheidungen können im Sinne der Allgemeininteressenlage getroffen werden, und allgemeine Regelungen der Ar beitsorganisation wie Arbeitszeitregelungen wären nicht dem privaten Interesse der Gewinnerzielung unterworfen. Der aus dem Zwang zur maximalen Renditeerzielung aus gebundenem Kapital entstehende Wachstumszwang würde entfallen, und es bliebe die Notwendigkeit maximaler Ressourceneffizienz, deren monetäre Erträge dann aber der Öffentlichkeit zugutekommen, entweder über Preissenkungen oder über an die Öffentlichkeit ausgeschüttete Gewinne. Bezieht man die erkennbare langfristige Tendenz zur maschinellen Arbeitssubsti tution durch maschinelle Aufgabenträger in die Betrachtung mit ein, so zeigt sich, dass zur Übernahme der „Maschinerie“, also der weitgehend automatisierten Ferti gungsbetriebe durch die Öffentlichkeit gar keine Alternative besteht. Tangfristig ist eine kapitalgestützte, privatwirtschaftlich organisierte und stark automatisierte Öko nomie, die bei Vollbeschäftigung jede Nachfrage weit überschießende Produktions kapazitäten ungenutzt bereitstellen würde, nicht steuerbar. Wie die derzeit aufkom menden Debatten zeigen, zieht dieser Effekt der „Digitalisierung“ immer mehr öf fentliche Aufmerksamkeit auf sich, und es werden allerlei Vorschläge zwischen Be steuerung von Robotern342 und allgemeinem Grundeinkommen diskutiert. Da dieser Trend aber unbestreitbar anhaltend und positiv ist, müsste angenommen werden, dass das Volumen der notwendig werdenden Transferleistungen immer weiter an steigt, das Steueraufkommen also immer höher werden muss. In jeder Variante von Transferleistungen, ob als Grundeinkommen oder Automationsdividende oder jed wede sonstige Art von Besteuerung, sollte diese Überlegung auf kurzem Wege zu der Einsicht führen, dass der Moment der absoluten Unmöglichkeit ihrer Realisierung unweigerlich kommen würde. Nur wenn die „Roboter“ und alle diskutierten Varian ten und Erscheinungsformen von Digitalisierung aus dem marktlich organisierten Verwertungsprozess zur Erzielung privater Kapitalrenditen entflochten werden, sind die „Risiken der Digitalisierung“ langfristig beherrschbar. Nur dann können sie eben 342 Die Süddeutsche Zeitung m eldete am 21.02.2017, dass nun sogar Bill Gates eine Robotersteuer fordert: „Bill Gates fordert Robotersteuer“ . Die Robotersteuer solle helfen, „die Risiken der Digitalisierung zu bewältigen“ . Man fragt sich an der Stelle, warum er eigentlich keine Computersteuer fordert? Oder eine au f Software aus dem Hause M icrosoft? Für die „Risiken der Digitalisierung“ wären d iese ja gleichermaßen verantwortlich zu m achen,jedenfalls sofern sie ihre Aufgaben wie versprochen erfüllen. [212] im Verein mit einem Netz von staatlichen und hoheitlichen Steuerungsoperationen343 mit zunehmender Reife und Vervollkommnung dazu fuhren, dass ein Zustand von „wirklichem Reichtum“, also von Entbindung aus Marktimperativen und Waren kommerz gelebte Wirklichkeit werden kann344. Die Konsequenz für die Öffentlichkeit wird also die sein: buy the maker, investieren in in diesem Sinne umgestaltete und dem Zugriff der öffentlichen Hand verfügbar gemachte „Produktionsmittel“, statt des Versuchs der Erhebung von Steuern in einer ansonsten dem privaten Profitstreben ungehindert überlassenen Wirtschaft. Dabei darf aber nicht unterschätzt werden, dass diese Prozesse einer umsichtigen Steuerung und Dosierung bedürfen, um nicht zu unvertretbaren Effizienzverlusten auf der einzelwirtschaftlichen und auch der gesamtwirtschaftlichen Ebene zu führen. Eine Make-or-Buy-Entscheidung bezieht sich gewöhnlich auf ein einzelnes Produkt oder Bauteil, für das im Zuge einer Kostenkalkukation eines Fertigers zu entscheiden ist, ob er dieses Teil zukauft, oder selbst fertigt. In die Kalkulation müssen auch län gerfristige Absatzerwartungen mit einfließen, die die Entscheidung beeinflussen, ob Investitionen in eigene Fertigungskapazitäten sich rechnen, die Wertschöpfungstiefe also entsprechend ausgelegt werden soll, oder ob man dies unterlässt und eben zu kauft. Falls eine größere Wertschöpfungstiefe durch zu erwartende Kapazitätsauslas tunggerechtfertigtwerden kann, sind die Gewinnerwartungen höher. Wird das Risiko aber hoch eingeschätzt, entscheidet man sich für den Zukauf, auch wenn in der kurz fristigen Betrachtung die Kosten pro Stück evtl. höher sind. Wenn nun ein öffentlicher Anbieter von Fertigungskapazität am Markt auftritt, muss dieser natürlich in Preis und Qualität eine marktübliche Leistung anbieten. Wür den hier nun einfach gleichgestellte Wettbewerber um Kunden, um Abnehmer einer angebotenen Leistung am Markt auftreten? Kämen hier ausschließlich marktliche Prinzipien zum Zuge, müssten etwa kommunale Anbieter Fertigungskapazitäten auf bauen, und diese im Wettbewerb mit anderen Anbietern am Markt anbieten, wie diese ja bereits — wie gesehen — am Markt aufzutreten beginnen. Insoweit träte dann ein öffentlich-gemeinnütziges Unternehmen mit privaten Unternehmen in Konkurrenz. Dies ist nur dann erlaubt, wenn das öffentliche Unternehmen einen öffentlichen oder gemeinnützigen Zweck verfolgt. Kann man bei der Herstellung von Fertigungsleis tung davon sprechen? Der Begriff des öffentlichen Zwecks ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der zunächst nur verlangt, dass ein öffentliches Unternehmen nicht ausschließlich oder vorrangig zum Zweck der Erzielung von Gewinnen betrieben wird. Dies ließe sich ja ohne weiteres belegen. Handelte es sich um kommunale Un ternehmen, so unterlägen sie dem Gemeindewirtschaftsrecht, und das untersagt eine 343 Zwar wohl nicht au f der Grundlage der bisher entwickelten Argumentation, aber in Konsequenz der Einsicht in ein verschobenes Kräfteverhältnis zwischen Staat und W irtschaft durch die Digitalisierung, wird auch die Forderung nach einem starken Staat durchaus schon erhoben; so sah A. M ahler im SPIEGEL vom 3.9.2016 die „Zeit für eine Bändigung“ gekommen: Der digitale Kapitalismus braucht einen starken Staat, denn sonst herrscht das Recht des Stärkeren“ . 344 W. König stellte in seinem zitierten Aufsatz „die viel diskutierte Frage (..): In welchem Maß ist diese Proble m atik durch Effizienz lösbar bzw. in welchem Um fang muss eine größere SufHzienz der Menschen dazukom m en?“ Ihm schien es allerdings noch weitgehend „offen zu sein, welche neuen Gleichgewichte sich in dieser dillematischen Situation herausbilden werden.“ König (2016), S. 46 [213] wirtschaftliche Betätigung der Gemeinden ohne Bezug zu ihren öffentlichen Aufga ben. Wäre denn das Angebot von Fertigungsleistung in diesem Sinne als öffentliche Aufgabe zu verstehen? Ohne Einbezug des gesamtwirtschaftlichen Kontextes wohl nicht. Aber mit Einbezug des gesamtwirtschaftlichen Kontextes offenbar schon. Das öffentliche Interesse läge dabei nicht primär in der ressourceneffizienten Bereitstel lung eines Wirtschaftsgutes, sondern gewissermaßen im präventiven Aufbau einer öffentlich-gemeinnützigen Monopolstellung. Die Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, vertreten durch ihre demokratisch legitimierten Institutionen, hätte sich in Anbe tracht der entstandenen gesamtwirtschaftlichen spät- bzw. postkapitalistischen Situa tion eine Art Monopol zur Bereitstellung von Fertigungsleistung aufzubauen. Dabei läge es allerdings im komplementären öffentlichen Interesse, dass dieses Angebot auch maximal ressourceneffizient bereitgestellt wird, also keine knappen Ressourcen verschwendet werden. Die private Wirtschaft wird davon nicht begeistert sein. Ihr entgehen dadurch na türlich Gewinne, und sie verliert Anlagemöglichkeiten, nach denen sie mit zuneh mender Höhe brachliegender Sparvermögen immer händeringender auf der Suche war. Aber der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit, dem Volk wird bei Licht besehen gar keine andere Wahl bleiben. Anderenfalls liefert sie sich dem Finanzkapital und seinem Renditestreben immer weiter und vollständiger aus. Der Fall wie bei Apple, dass ein Hersteller ganz aus eigenem Interesse auf eigene Fertigungskapazitäten verzichtet, kann natürlich Vorkommen, dürfte aber in der ge genwärtigen Situation noch die Ausnahme sein. Apple kann — wie auch Ikea, das aber dennoch teilweise eigene Fertigungskapazitäten nutzt — die extremen Wohlstands und Lohngefälle ausnutzen, wie sie im Zuge der Globalisierung in der Weltwirtschaft entstanden sind. Apple und Ikea können einem externen Zulieferer Bedingungen auf zwingen, die für sie alternativlos günstig sind, und jede Make-or-Buy-Kalkulation er übrigen. Längerfristig, durch die wohl unvermeidliche Angleichung der Lohn- und Qualifi kationsniveaus der Beschäftigten, kann sich das aber ändern. Längerfristig kann sich auch die Einschätzung von Markenartikelherstellern ändern, an der Vorhaltung eige ner Fertigungskapazitäten sicher kalkulierbar verdienen zu können. Die Volatilität der Nachfrage wird ohne Zweifel weiter zunehmen, ebenso der Automationsgrad. Mög licherweise wird sich die Einschätzung auch der Markenartikelanbieter selber dahin gehend ändern, dass man die gesamte Landschaft der physischen Produktion besser einem Netz aus überprivaten, öffentlich-gemeinwirtschaftlichen Herstellern über lässt, die damit dann auch die sich hieraus ergebenden Risiken übernehmen, und die gleichzeitig durch Ausnutzung der nur so möglichen enormen Synergieeffekte in der Lage sind, diese Risiken zu minimieren. In der Gegenwart sind dafür zwar noch kei nerlei Anzeichen zu erkennen, aber es ist ja vielleicht doch nicht ganz auszuschließen, dass sich auch in Kreisen der Bezieher von Zins- und Kapitalerträgen schließlich diese Einsicht verbreitet, dass ewige und auch noch ewig wachsende Kapitalerträge in dieser Welt auf natürliche Weise nicht erzielbar sind, so w ie j. Schumpeter und J. M. Keynes dies in ihrer rational räsonierenden Arglosigkeit diesem Personenkreis ja gutgläubig unterstellt haben. [214] Aus Sicht der Öffentlichkeit ist bei dieser Investitionsentscheidung immer das Ri siko in Betracht zu ziehen, das die Allgemeinheit bei Verzicht auf derartige Investiti onen zu tragen hätte: nämlich das Risiko des immer weitergehenden Verlustes von politischer Gestaltungsmacht, und eines immer weiteren Vordringens wirtschaftli cher Nutzen- und Gewinnerwägungen in die öffentliche und private Lebensführung. Dazu kommt noch: wenn ein privater Hersteller sich verkalkuliert hat und seinen Betrieb einstellen muss, ist es am Ende doch wieder die öffentliche Hand, die hieraus entstehende Verpflichtungen zu übernehmen hat und für Verluste geradestehen muss, während die privaten Betreiber sich mit vorher realisierten Gewinnen aus dem Staub gemacht haben.345 Nun ist noch die Fragestellung zu vertiefen, warum die Trennung von Fertigung und Design von so entscheidender Wichtigkeit ist, und das Design, also die Entwick lung von Produkten in privater Hand bleiben sollte, wobei genau zu diesem Punkt eine Debatte um die Rolle der privaten Firma bei der Erstellung exakt dieser Leistung entstanden ist, nämlich der Produktinnovation. Hier wird argumentiert, dass die nicht-firmengebundene Open-User-Innovation langfristig die besseren Ergebnisse erzielen könne; man argumentiert damit in Widerspruch zur klassischen Annahme Schumpeters, dass die Produktentwicklung in der Regel das Betätigungsfeld für den typischen Schumpeterschen Unternehmer darstellt,346 wo es um das Entdecken von Neuland und das Betreten unübersichtlichen Geländes geht, also die Strukturierung unübersichtlicher Situationen unter Risiko347. Diese Unübersichtlichkeit dürfte sich verschärfen, je weiter die Märkte gesättigt sind, und die Schwierigkeit immer weiter zunimmt, hier tatsächliche Produktinnovationen zu schaffen. Unabhängig von der Beantwortung dieser Frage nach der Leistungsfähigkeit der Open-User-Innovation dürfte die Aufgabe der Produktinnovation, entweder als Neuentwicklung oder als Weiterentwicklung und Verbesserung von Produkten, von beiden, also spezialisierten und hochqualifizierten Teams in einer privatwirtschaftli chen Organisationsform als auch „intrinsisch motivierten“ Open-Innovation-Usern, besser erledigt werden können als von öffentlich-rechtlichen Unternehmen. Die „Durchsetzung neuer Kombinationen“ (Schumpeter) und die Strukturierung eines unübersichtlichen Handlungsfeldes unter Risiko fällt nach klassischer Auffas sung in die typische Kompetenz des Unternehmers; diese Aufgabe, Chancen und 345 Energieerzeuger passen zwar insoweit nicht ins Bild, als sie keine Sachgüter erzeugen, aber die Geschichte der Nutzung der Kernenergie zeigt doch au f drastische W eise, wie sehr der Öffentlichkeit von der privaten W irt schaft hier das Fell über die Öhren gezogen worden ist. Nachdem jahrzehntelang behauptet wurde, die Kern energie sei konkurrenzlos günstig, und die Energiekonzeme satte Profite erwirtschaftet haben, bleibt die Öf fentlichkeit nun für Rückbau der Anlagen und Endlagerung des Atommülls au f Kosten von kalkulierten 170 Mrd. Euro sitzen, an denen die Energiekonzeme sich m it den nun gedeckelten Kosten von maximal 23,342 Mrd. Euro beteiligen. Vgl. Bericht der Tagesschau vom 25.07.2016: „Ein unkalkulierbares Risiko“, sowie: http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/atomausstieg-einigung-ueber-kosten-fuer-atommuell-entsorgung-a-1116192.html [Stand 01.04.2017] 346 Dies war die Kem aussage des vorne zitierten Aufsatzes von Yochai Benkler „Peer Production, the Commons and the future o f the Firm“ . Der Ansatz der User-Innovation wird insbesondere von Erik von Hippel vertreten, der damit auch die Idee der Demokratisierung der Innovation verbindet („Democratizing Innovation“). Zuletzt erschienen von von Hippel: Revolutionizing Innovation: Users, Communities, and Open Innovation. MIT Press 2016. In Deutschland wird dieser Ansatz von F. T. Piller (RW TH Aachen) und R. Reichwaldt (CLIC) erforscht und vertreten. 347 Dies entspricht grob dem transaktionskostentheoretischen Ansatz Ronald Coases. Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_der_Unternehmung [215] Möglichkeiten zu entdecken und aufzuspüren, in dem Sinne Kreativität zu entwickeln und Ideen und Initiativen zu entwickeln und durchzusetzen, möglicherweise gegen Widerstände und unter Risiko, kann keinesfalls Aufgabe öffentlicher gemeinnütziger Unternehmen sein, die in dem Sinne dann auch weniger Unternehmen sind als eben weitgehend automatisierte Fabriken mit geringer Wertschöpfüng; die Betriebskultur eines hochmodernen Stadtwerkes könnte dem wohl am nächsten kommen. Der Be trieb eines solchen Stadtwerks ist durchaus nicht anspruchslos, und verlangt kompe tentes Personal, das die wenn auch stark automatisierten Betriebsprozesse zu über wachen und ggfls. auch weiter zu optimieren hat. Diese Fragestellung nach der Rolle des Unternehmens bei der Entwicklung von Innovationen ist im gegebenen Zusammenhang aber nur von nachrangiger Bedeu tung. Entscheidend ist, dass Fertigung und Design entkoppelt sind, und das Design nicht auch in der Regie des öffentlich-rechtlichen Unternehmens liegt. Hier soll bzw. kann entweder die private Initiative oder eben die Initiative von Open-User-Innovation-Projekten zum Zuge kommen. Die Arbeitsmöglichkeiten und Erfolgsaussichten letzterer wären so jedenfalls — und offensichtlich ganz erheblich — erweitert. Öffentliche, staatliche Unternehmen waren in der Übernahme dieser Aufgabe des Unternehmers, als Entwickler und Anbieter von Produktinnovationen, wohl nie oder nur ausnahmsweise erfolgreich. Die ganz ohne Zweifel erfolgreichen Staatsunterneh men Chinas348 sind hier nicht unbedingt ein Gegenbeispiel: genau diese Leistung des Hervorbringens originärer, eigener, wirklich neuer Produktinnovationen erbringen sie in vergleichsweise geringem Umfang; genau darin liegt offenbar nicht ihre Stärke. Sie haben ihren Aufschwung dadurch erreicht, dass sie zur Werkbank der entwickel teren Industriestaaten geworden sind, indem sie deren Produktentwürfe eben zu ver gleichsweise niedrigen Kosten realisiert haben, oder, so weit dies rechtlich möglich war, indem sie deren Produktentwürfe kopierten. Ob sich dies in der Zukunft noch einmal nachhaltig ändern wird darf eher bezwei felt werden: eben weil die Weltmärkte schon einen so hohen Sättigungsgrad aufwei sen und bereits von so vielen Anbietern versucht wird, erfolgreiche Produktinnova tionen an den Märkten unterzubringen, dürften Newcomer es schwerhaben, ganz unabhängig von ihrem Standort und ihrer Vorgeschichte. China dürfte in nicht allzu ferner Zukunft in seiner Entwicklung vor einer ähnli chen Situation angelangen, wie sie für die westlichen Staaten bereits jetzt besteht, und die sich dann eröffnenden Möglichkeiten dürften nicht wesentlich andere sein. Dass die Zukunft nicht mehr in der Rolle der verlängerten Werkbank und der Erzielung hoher Exportüberschüsse liegt, ist bereits erkannt worden; man wird sich also ganz ähnlich um den Wohlstand des eigenen Volkes, den Binnenmarkt, und um die Um gestaltung der eigenen Industrie in diesem Sinne kümmern müssen. Dabei könnte die entstandene Staatsform mit dem absolut unanfechtbaren Primat der Politik sich ge 348 Der chinesische Automobilhersteller Dongfeng, der sich 2 0 1 4 ja am französischen Konzern PSA beteiligt hat und diesem durch die damit verbundene Öffnung zum chinesischen M arkt die Existenz rettete, profitiert nun auch die Übernahme von Opel durch PSA, indem ihm Z ugriff auf die hauseigene Technologie ermöglicht wird. M it eigenen Produkten ist Dongfeng allerdings am W eltm arkt noch nicht vertreten. [216] genüber den Verhältnissen im Westen möglicherweise noch einmal als Vorteil erwei sen, der die Vorzüge der demokratischen Freiheiten der westlichen Industriestaaten durchaus aufwiegen kann. Man muss sehen, dass der im Westen oft gescholtene chinesische Totalitarismus mit seiner der demokratischen Mehrheitsentscheidung nicht zur Disposition stehen den Parteienherrschaft ja nicht zum Vorteil und aus Initiative einer selbstinteressier ten Partei oder Person entstanden ist, sondern im Zuge und im Umfeld der damaligen kommunistischen Ideologie, die es damals gewissermaßen nicht besser wusste, daraus ihren revolutionären Elan zum Umsturz des Kaiserreichs bezogen hat, und dann zur Einrichtung und Beibehaltung diktatorischer nichtdemokratischer Staatsstrukturen gezwungen war, um den erreichten Primat der Politik nicht sehr schnell genauso voll ständig wieder zu verlieren, wie dies im „Goldenen Westen“ — jedenfalls mit einem Blick hinter die Kulissen — offenbar ja doch der Fall ist, trotz aller demokratischen Institutionen und Rituale. Hier wird die Geschichte wohl noch ein letztes Wort zu sprechen haben, ob die Vorteile und Freiheiten der individuellen politischen und pri vaten Lebensgestaltung, die Fülle des Konsumangebotes und all die Verlockungen des schnellen Genusses im demokratischen kapitalistischen Westen die Möglichkeit der langfristigen und allgemeininteressierten Steuerung der Geschicke der Menschen in einem zentralgesteuerten Staat aufwiegen können. Den Primat der Politik dürften die Menschen des spätkapitalistischen Westens jedenfalls wohl erst noch zu erringen haben. Um nach diesem kleinen Exkurs zur Geschichte Chinas auf die Ausgangsfrage zu rückzukommen: auf die Leistung freierund privater Unternehmer wird man also auch bei Verfügbarkeit sehr vollkommener Technologie und höchsten Automationsgra den nicht komplett verzichten können, es sei denn im Bereich der Konsumgüterpro duktion ist nun überhaupt kein Innovationsbedarf mehr übrig geblieben, und alle Märkte, alle Bedarfs sind komplett zur restlosen Zufriedenheit aller Konsumenten gesättigt und befriedigt, und die materielle Bedarfsdeckung (die Poiesis) geschieht tatsächlich komplett maschinell. Dann bliebe in der Tat auf diesem Feld für den Un ternehmer nicht mehr viel zu tun. Damit ist aber nicht wirklich in näherer Zukunft zu rechnen; in einer konkreten Planung sollte jedenfalls davon ausgegangen werden, dass die skizzierte Art von Aufgabenteilung zwischen öffentlich und privat angestrebt werden sollte.349 349 Die italienisch-amerikanische Ökonomin M ariana M azzucato vertritt die Position, dass der Staat stärker in die Rolle eines Unternehmers hineinwachsen sollte, die W irtschaftsentwicklung gezielter steuern und etwa die Risiken bei der Entwicklung von Basisinnovationen tragen sollte, deren Return on Investm ent privaten Inves toren zu langfristig oder zu unkalkulierbar erscheint. Um gekehrt sollte der Staat im Fall erfolgreicher M arktein führung au f der Grundlage geschaffener Basisinnovationen auch finanziell an deren Erfolg beteiligt werden. Die hier entwickelte Argumentation würde den Staat oderjedenfalls öffentliche Institutionen ebenfalls in einer stärker unternehmerischen Rolle sehen. Unterschiedlich wäre aber die Zielsetzung: Mazzucato, die zusammen m it Joseph Stiglitz in das wirtschaftspolitische Kompetenzteam Jerem y Corbyns berufen wurde, will durch die Stärkung der unternehmerischen Rolle des Staates letzten Endes ein „inklusives“ W irtschaftswachstum för dern. Die durch Entwicklung öffentlich-gemeinnütziger Produktionssysteme verfolgte Zielsetzung wäre dage gen die, einen wachstumsunabhängigen Modus der wirtschaftlichen M ittelbeschaffung zu entwickeln. Beide Zielsetzungen müssen sich aber nicht widersprechen, sondern könnten durchaus zielharmonisch verfolgt wer den - sollte die (unwahrscheinliche!) Induzierung von W achstum denn gelingen. M ariana Mazzucato: Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und W achstum. Verlag Antje Kunstmann 2014. [217] Wie kam es nun dazu, dass die Produktionsmittel anfingen, sich auf die nächste Gesellschaft vorzubereiten? Dies geschah im Verlauf eines nun schon über dreijahr zehnte anhalten Prozesses, der im Folgenden in seinen Grundzügen geschildert wer den soll. [218] Evolution der Produktionssysteme im Wandel des Marktumfeldes Die Erweiterung des Arsenals der Produktionsmittel und später auch der privaten und öffentlichen Kommunikationsmittel durch den Computer hat die Welt des 20. Jahrhunderts verändert wie keine andere technische Innovation zuvor, meint der So ziologe Dirk Baecker, und vermutet, dass „die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Spra che, der Schrift und des Buchdrucks“, und sie werde auch „die nächste Gesellschaft“ konstituieren.350 Die Verfügbarkeit des Computers hat ohne Zweifel die Welt des 20. Jahrhunderts tiefgreifend verändert, aber — der Computer wird nicht „die nächste Gesellschaft“ konstituieren; der Computer reicht allenfalls hin, die bestehende Ge sellschaft in Schwierigkeiten zu bringen. Es scheint eher so zu sein, dass sich die Marxsche Interpretation des Geschichts verlaufs bestätigt, wonach es die „Arbeitsmittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“ sind, die die Epochen verändern: „Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Kno chenreliquien für die Erkenntnis der Organisation untergegangener Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangener ökonomi scher Gesellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen.“351 Es dürfte weniger der Computer sein, dessen Reliquien dereinst Aufschluss über die „nächste“ Gesellschaftsformation geben, wenn sie wieder versunken und in Verges senheit geraten ist, sondern die für diese spezifische und sie konstituierende hoch produktive und universale Produktionssysteme, mit deren Hervorbringung die ge genwärtige Epoche noch beschäftigt ist. Mit dieser Vorrede kommen wir nun also zur Diskussion der — sich wechselseitig beeinflussenden — unterliegenden Trends der technologischen und ökonomischen Entwicklungen, die über mehrerejahrzehnte zu den heute verfügbaren digitalen Fab rikationstechnologien geführt haben. Wie etwa im Zusammenhang der Diskussion der Kondratiew-Zyklen gesehen, sind diese Zyklen jeweils durch eine Art von Innovationen ausgelöst worden, die ent weder die Produktionsmöglichkeiten durch neue Verfahren, Maschinen oder Tech niken erweitert haben, und sekundär auf dem Wege der Kostensenkung die Nach frage gesteigert haben, oder die direkt auf der Nachfrageseite entstanden, also neue Produkte waren, nach denen sich erhebliche Nachfrage entfaltete. Wenn auch die Tuxusgüterproduktion vom Anfang des Kapitalismus an immer wieder eine Rolle gespielt hat, vollzog sich die Entwicklung für die breite Masse zu nächst als Tendenz zur Verfügbarkeit von „immer mehr“ an inferioren Gütern, also etwa basalen Nahrungsmitteln und einfacher Bekleidung, was sich auch in der Verla gerung des Beschäftigungsschwerpunkts von der Tandwirtschaft in die industrielle Produktion zeigte. Im Zuge der immer weitergehenden Vervollkommnung der Pro duktionsmittel verlagerte sich auch für die breite Masse die Nachfrage nun allmählich auf superiore Güter; die Vorzeichen von Produktion und Konsum standen also auf 350 Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft. Suhrkamp Verlag 2007 351 K. Marx: Das Kapital Bd. 1, S. 194 [219] „immer besser“ oder immer mehr vom Besseren; die Nachfrage ließ jedenfalls nicht aus inneren Gründen der Sättigung nach, sondern allenfalls aus Gründen massiver Störungen des Wirtschaftsgeschehens wie vor allem durch die großen Kriege. Die ersten Phasen der Industriellen Revolutionen, so sagte esjerem y Rifkin kürz lich in einem Vortrag des Kultursymposiums Weimar, hingen „von drei Kriterien ab: Kommunikation, Energie, Transport. Die erste industrielle Revolution wurde vom Telegrafen, der Kohle und der Tokomotive ausgelöst, die zweite von Telefon, Ol und Auto.“ Die Folge war eben: immer mehr, immer besser. Dies änderte sich nun ab etwa Mitte bis Ende der 1970erjahre, wie gesehen. Und erst jetzt begann eine signi fikante Veränderung der Evolutionsrichtung der verwendeten Fertigungstechnolo gien, deren Wirkung bis heute anhält. Die gegenwärtige Phase, so Rifkin in diesem Vortrag, „sei die Frühphase der drit ten industriellen Revolution, in der sich all diese drei Bereiche in ein dezentrales In ternet verwandelten. Am sichtbarsten sei das bei der Kommunikation, aber auch die Energieversorgung werde zusehends dezentral. Schon heute würden Millionen Eu ropäer anhand von Solaranlagen ihren eigenen Strom erzeugen und die Überschüsse an die großen Versorger verkaufen. Und je effektiver die Solaranlagen würden, desto eher lohne sich das.“352 Rifkin sieht bekanntlich den wesentlichen Treiber der Veränderung in der Sharing Economy., denn die mache das Geld entbehrlich; die Produktion habe sich damit zum Teil auch erübrigt, und ferner seien „die Maschinen“ dazu da, über Klicks und Eikes die „Feedback-Funktion“ zu übernehmen. Damit aber missversteht auch Rifkin in recht dramatischer Weise sowohl Verursachung als auch evolutionäre Tendenz der gegenwärtigen Phase. Was ab Ende der 1970er Jahre einsetzte, war etwas, was vorher noch nie zu be obachten war, nämlich eine anhaltende und von innen, endogen verursachte Sätti gung der Endverbrauchermärkte. Im Marketing setzte sich die Erkenntnis durch, dass die „Massenmärkte tot“353 sind; es waren „sowohl quantitative als auch qualitative Sättigungseffekte bei den Abnehmern“ zu beobachten, wie der Produktionswissen schaftler der RWTH Aachen F. T. Piller schreibt.354 Das Kaufverhalten der Endverbraucher sah Piller zunehmend von „Hedonismus“ geprägt: „Schätzungsweise beherrscht bei 20-30% der Käuferschaft der Hedonismus die grundlegende Konsumhaltung. Hedonistisches Verhalten betont auf individueller Ebene Spontaneität und kurzfristige Kaufentscheidungen und führt auf einer aggre gierten Ebene zu einer zunehmenden Heterogenität der Nachfrage.“ (S. 83) Diese Beobachtung deckt sich offensichtlich mit der aus volkswirtschaftlicher Perspektive in dieser Phase insgesamt abnehmenden Konsumneigung oberhalb bestimmter Ein kommensgrenzen; es wird eben zunehmend nur noch „nach Tust und Taune“ und — relativ zum zur Konsumation zur Verfügung stehenden Einkommen — sporadisch konsumiert. Die Märkte haben sich in den meisten Branchen „von Verkäufer- zu 352 So die W iedergabe der Rede Rifkins durch F. Stephan in der ZEIT vom 4. 6. 2016: „W ir lassen uns von Ma schinen lieben“ . 353 Der „M arketing-Guru“ Philip Kotier erklärte 1989: „It is m y belief that the mass m arket is dead“. P. Kotier: From Mass M arketing to Mass Customization. In: Planning Review. 17. Jg. (1989), Nr. 5, S. 10-13, S. 47. 354 Piller (2000), S. 87 [220] Käufermärkten mit stark ausgeprägter abnehmerseitiger Verhandlungsmacht gewan delt.“ (S. 85) Diese Entwicklungen fuhren nun auch zu Auswirkungen auf die Nachfrage im Industriegüterbereich: „Die Erwartungen der Abnehmer an die schnellste Lieferung individualisierter Waren zu günstigsten Preisen sind vor dem Hintergrund der stark propagierten flexiblen Fertigungssysteme und der weiten Popularität von Lean-Production- undJust-in-Time-Systemen stark gestiegen. (...) Heute (..) werden Lieferan ten gesucht, die Entwicklung, Produktion und Inbetriebnahme der gekauften Indust riegüter in Rekordzeit ermöglichen (Customiyation-Responsiveness-Squeeye).“3bb Der Ökonom W. v. E iff56 prägte für die gesamte neu entstandene Situation den Begriff „Neue Marktdynamik“, die einerseits gekennzeichnet war durch neue „Kun denanforderungen an das Produkt“ wie Individualität, Verfügbarkeit und Qualität auf der einen Seite, und einen „verstärkten Verdrängungswettbewerb“ der Anbieter auf der anderen Seite, hervorgerufen durch „Uberkapazitäten, Preiskampf, Kostenstruk turen, Ertragsproblematik“. (S. 83) V. Eiff führte die Diagnose der „Disharmonie“ der sich hieraus ergebenden Zielsetzungen „Save-to-Market“ (über beherrschte In novationen) und „Fast-to-Market“ (etwa durch Verkürzung der Produkt-Entwick lungsprozesse, Produktionsflexibilität, „schneller auf Kunden eingehen“) zur Konse quenz des Konzepts des „Simultaneous Engineering“. Diese neuen Konzepte in Forschung und Entwicklung (F&E) der Unternehmen haben später, wie Piller feststellt, zu genau diesen Erscheinungen geführt, aus denen später auch die Industrie 4.0 und die SmartFactory hervorgegangen sind: „Neue Kon zepte in der F&E wie Simultaneous Engineering oder Rapid Prototyping [haben] die Entwicklungszeiten derartig verkürzt, dass die Technologieführerschaft eines Unter nehmens nur noch von kurzer Dauer ist. Wettbewerbsvorteile werden nicht mehr in Jahren gemessen, sondern in Monaten oder Wochen. (..) Die Folgen dieser Entwick lungen sind (..) ein immer höherer Investitionsbedarf bei einer Neuprodukteinfüh rung, dem häufig nur kurze Lebenszyklen gegenüberstehen.“357 Wie Piller hervorhebt, war Alvin Toffler „einer der ersten Autoren, der aufbauend auf der These einer zu nehmenden Individualisierung der Gesellschaft („Entmassung“) den Verfall der Mas senmärkte und eine zunehmende Differenzierung von Angebot und Nachfrage vor hersagte.“358 Die ganze Vielfalt der ab den 1980erjahren entstehenden und weiterentwickelten Technologien wurde genutzt, um auf diese neuen Bedingungen zu reagieren, und der Kern der entwickelten Strategien bestand darin, eine immer engere Bindung des Un ternehmens zum Kunden aufzubauen, etwa indem man den Kunden möglichst eng und frühzeitig in die Produktentwicklung einbezog (zum Beispiel durch Maßnahmen der Open Innovation), oder dass man ihm Möglichkeiten der Produktindividualisie rung anbot, woraus das Konzept der „Mass Customization“ entstand. Das Medium der Wahl, diesen bidirektionalen Kontakt herzustellen, war natürlich das Internet, 355 Piller (2000), S .81 . Der von Piller zitierte B egriff geht zurück aufM cCutcheon, D. et al.\ The customizationresponsiveness squeeze, in: Sloan M anagem entReview , 72. Jg. (1994), H 3, S. 98-103 356 v. E iff (1992) 357 Piller (2000), S. 87 358 Piller (2000), S. 79. [221] weshalb man sich hier um die Entwicklung von Plattformen bemühte, die dem Kun den auf eine attraktive Weise Möglichkeiten der Interaktion anboten. Die Unterneh men mussten im Bereich der Fertigung wiederum die Möglichkeit schaffen, auf die Kundenwünsche auch schnellstmöglich und präzise zu reagieren, dies aber ohne hier durch die Fertigungskosten spürbar zu erhöhen. Damit war das Ende der starren Massenfertigung am Fließband unausweichlich, denn es wurde überlebenswichtig für die Unternehmen, in der Fertigung den „traditionellen Antagonismus“ zwischen Pro duktivität und Flexibilität zu überwinden. Als ein „neues Paradigma der Fertigung“ entstand unter diesen Bedingungen das damals sogenannte „Modern Manufacturing“, und zu dessen Gestaltungsideal wurde nun das neue „vielzitierte Leitbild der gleichermaßen flexiblen und produktiven Fab rik der Zukunft“ erhoben, wie F. T. Piller schreibt. Es entstand dann eine Abfolge verschiedener Konzepte der Produktion, mit denen man dieses Ziel jeweils zu errei chen hoffte. In den 1980er Jahren versuchte man dies mit dem sog. CIM-Konzept, dem „Computer Integrated Manufacturing“, das aus verschiedenen hochkomplexen Komponenten bestand, die möglichst dicht informational gekoppelt und datentech nisch integriert angelegt sein sollten. Das CIM-Konzept erwies sich jedoch als sehr anspruchsvoll und konnte die angestrebte Flexibilität nur durch einen sehr hohen Kopplungsgrad der CIM-Komponenten erreichen, was von vielen Unternehmen we gen hoher Aufwände und Kosten aber nur bruchstückhaft umgesetzt wurde. Erfolgreicher war ab Anfang der 1990er Jahre die Idee der „Lean Production“, die das Ziel hoher Flexibilität bei gleichzeitig hoher Produktivität durch eine losere Kopplung der einzelnen organisatorischen Einheiten („Module“ oder selbstständige „Center“) zu erreichen suchte, denen eine größere operative Selbstständigkeit einge räumt wurde. Die Betonung der Individualisierung und Flexibilität der neuen Konzepte der Leis tungserstellung wird auch mit einem sog. „Idealpunktmodell“ begründet, in welchem man unterstellt, dass „jeder Käufer eine Vorstellung der Produkteigenschaften be sitzt, die sein ,optimales ProdukP kennzeichnen. Die Distanz des Idealpunkts zu der tatsächlichen Eigenschaftskombination eines Produkts bestimmt die Präferenz für dieses Produkt“, und je näher es dem Idealpunkt kommt, umso eher wird der Käufer es kaufen. Ein wichtiger Teil der Beziehungsgestaltung zwischen Kunde und Anbie ter ist es daher, diesen „Idealpunkt“ zu ermitteln, und dazu — meist über das Internet — geeignete Kommunikationsmittel bereit zu stellen. Hier sind die Möglichkeiten na türlich fließend und bewegen sich auf einem Kontinuum zwischen der Auswahl aus angebotenen Varianten und Ausstattungs- oder Gestaltungsmerkmalen bis hin zur Möglichkeit der Durchführung eines regelrechten Entwurfs- oder Designprozesses in den Grenzen eines vom Hersteller zu definierenden Lösungsraumes. Ein Herstel ler muss natürlich bemüht sein, die Kapazität zur Realisierung möglichst vieler sol cher Idealpunkte potenzieller Kunden in seinen Fertigungsprozessen vorzuhalten — das bedeutet eben, möglichst flexibel zu sein. Die Möglichkeiten der additiven Fertigung, zunächst als „Rapid Prototyping“ oder „Rapid Manufacturing“ eingeführt, kamen diesem Ziel natürlich weit entgegen. Die Individualisierung wurde dadurch in einem vorher nie geahnten Umfang möglich, auf [222] der anderen Seite verhielt es sich mit der Fertigungsgeschwindigkeit gegenüber dem Fließband natürlich so, dass das „Rapid“ alles andere als rapid war. Die maschinelle additive Fertigung war nur im Vergleich mit der Handarbeit „rapid“, mit welcher die dann additiv gefertigten Prototypen oder fünktionsunfahigen Anschauungsmodelle von Produkten in der Entwicklungsphase vorher hergestellt worden waren. Aber die Druckgeschwindigkeit der 3D-Drucker nahm seither kontinuierlich zu. In den 1990er und 2000er Jahren sprach man noch von der „Informationsgesell schaft“, mit ihren zugehörigen „neuen“ Konzepten der Wertschöpfüng: Abb. 11: „ A lte " u n d „ n e u e "P ro d u k tio n im V e rg le ich Wertschöpfung in der Industriegesellschaft Wertschöpfung in der Informationsgesellschaft Lange Produktionsläufe, Fokus auf Produktionspro zess und operationaler Effektivität Kleine Auflagen, Losgröße 1, Focus auf kundenbezo gene Prozesse Economies ofScale Economies of Scope, Economies of Integration Sequentielle, technologiebasierte Produktentwick lung Simultane Produkt- und Prozessentwicklung unter Einbezug der Kunden, marktbezogene Entwicklung Entkopplung von Produktion und Absatz Auftragsfertigung nach Kundenwunsch Spezialisierte Maschinen, feste Kapazitäten, feste Werkzeuge Flexible Maschinen, variable Kapazitäten, flexible Werkzeuge Automatisierte Fertigungssysteme Autonome Fertigungssysteme Festes Fertigungslayout Variables Fertigungslayout Vertikale Integration, langfristige Zusammenarbeit mit ausgewählten Lieferanten Kurzfristige Zusammenarbeit mit externen Lieferan ten und Abnehmern in Produktionsnetzwerken Ausgliederung aller planenden, steuernden und kon trollierenden Tätigkeiten aus der Fertigung Integration vor- und nachgelagerter Aufgaben (z. B. in Form teilautonomer Gruppen) Fertigungsprinzip geprägt durch Automatisierung, Bringsystem, Risikominimierung, stufenweise Verbes serung und Qualitätskontrollen Fertigungsprinzip geprägt durch Flexibilisierung, Holprinzip, Bestandsminimierung, kontinuierliche Verbesserung der Qualitätsproduktion Quelle: F. T. Piller, Mass Custom ization Was später dann auch immer an neuen Konzepten und Ideen entstand, folgte immer diesem Leitbild der gleichzeitig hochproduktiven und hochflexiblen bzw. ide alerweise universalen Fabrik der Zukunft, denn dies ist aus Sicht des Herstellers bzw. „Kapitalisten“ die ideale und einzig mögliche Weise, auf die neu entstandene „Marktdynamik“ mit gesättigten und umkämpften Märkten, „verwöhnten“ und „he donistischen“ Kunden und hoch volatiler Nachfrage zu reagieren. Zunächst war so also die „Mass Customization“ entstanden, die bis zum jahr 2000 schon bei einer Vielzahl von Unternehmen erfolgreich umgesetzt worden war, so wohl im Privatkundenbereich als auch im Industriekundenbereich; eingeführt wurde [223] sie naheliegenderweise früh etwa von Herstellern von Damen- und Herrenkonfek tion, die auf diese Weise Maßanfertigungen (fast) zum Preis von Konfektionsware anbieten konnten, und natürlich auch von Schuhherstellern, auch wenn eigentliche Maßanfertigungen noch nicht in jedem Fall möglich waren, oder nur zu hohen Zu satzkosten. Ferner haben Hersteller von Büromöbeln oder individualisierbaren Sitz möbeln, von Medizintechnik, von Beleuchtungstechnik, von Systemmöbeln und Kü chenmöbeln, von Spielzeug, von Fahrrädern, von Farben, von Brillen, von Fertig häusern oder von Büchern das Angebot der Mass Customization genutzt und umge setzt. Ziel dieser Prozessinnovationen war es also, die Distanz zwischen Kunde und Pro duzent zu verringern. Dieser Trend beschleunigte sich im Laufe der 2000er Jahre, und es kam zur Mass Customization die „interaktive Wertschöpfüng“ und die „Open Innovation“ dazu. Man sprach hier nun schon von einer „Wertschöpfüngspartnerschaft“ zwischen Herstellerunternehmen und Kunde, die nun aber auch schon — so fern es sich um die Produktion von Software handelt — eine Beziehung zwischen „Gleichen“, zwischen den Teilnehmern eines interaktiven Herstellungsprozesses als „Peer Production“ bedeuten konnte; es entstanden also die ersten Projekte der „Open-Source-Software-Entwicklung“. Der mögliche Spielraum interaktiver Wertschöpfungsprozesse ist auf der Herstel lerseite durch die Verfügbarkeit flexibler Fertigungstechnologien der Werkstückbear beitung begrenzt; dieser erweitert sich mit der Möglichkeit, Werkstücke möglichst komplett ohne die Notwendigkeit menschlichen Eingreifens rechnergesteuert und kontrolliert bearbeiten zu lassen. Die ab Ende der 1990er Jahre entstehende Ferti gungstechnologie der Automated Fabrication bot in diesem Sinne die umfassendsten Möglichkeiten, und dahinter verbarg sich nichts anderes als das, was dann als Rapid Prototypingwnd 3D-Druck in der Digitalen Fabrikation und der Industrie 4.0 eine zent rale Rolle zu spielen begann. Die heute viel diskutierte „Industrie 4.0“ und die Digitale Fabrikation setzen nun offensichtlich diese Intention einer möglichst flexiblen, individuellen und gleichzeitig hochproduktiven Fertigung fort, können zur Verwirklichung dieser Zielsetzung aber nun ganz andere und von ihrem Potenzial her wesentlich wirkungsvollere Mittel zur Anwendung bringen. Das wirkungsvollste Mittel in diesem Sinne wäre offensichtlich der digitale Replicator. Es zeigt sich: die smarte „Fabrik der Zukunft“ ist ein Kind des Erfindungsgeistes und der Sättigung, und beide treiben die Fertigung in immer größere Nähe des Kon sumenten, der so allmählich vom Kunden zum Produzenten wird, bzw. genauer: we der noch. Die Rollenunterschiede und auch die typischen konfligierenden Interessen von Produzent und Konsument, von Käufer und Verkäufer, von Arbeitnehmer und Kapitalist lösen sich einfach auf — wenn diese Entwicklung weit genug fortgeschritten ist. Möglicherweise wird man an der Stelle dem Ausbrüten auch ein wenig nachhelfen müssen. Die „Fabrik der Zukunft“ gerät so mit zunehmender Reife und Perfektion in eine gesellschaftliche Funktion, die wohl absolut niemand aus der Ökonomenzunft, weder aus deren langer stolzer Ahnenreihe noch etwa einer der vielen meist amerikanischen [224] Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Ökonomie sich hätte ausmalen und vorstellen können. Wir wollen diesen Gedanken an dieser Stelle erneut aufgreifen und vertiefen. Was erwartet wurde, war ein Wandel in der Funktion des Kapitals und seiner „Leis tungsfähigkeit“ zur Erzeugung von Rendite. AufM arx geht in diesem Sinne das Ge setz des tendenziellen Falls der Profitrate zurück, das angezweifelt wurde, sich aber offenbar deckt mit Keynes5 Prognose der sinkenden Grenzleistungsfähigkeit des Ka pitals, wie K. G. Zinn bemerkt: „Keynes’ Prognose der langfristig sinkenden Grenz leistungsfähigkeit des Kapitals deckt sich — ungeachtet unterschiedlicher Begründun gen — mit Marx’ „Gesetz“ des tendenziellen Falls der Profitrate.“ Keynes erwartete im historischen Verlauf eine sinkende Grenzleistungsleistungsfähigkeit des Kapitals, weil er erwartete, dass die Nachfrage nach Kapital streng begrenzt ist: „Ich bin über zeugt, dass die Nachfrage nach Kapital streng begrenzt ist, in dem Sinne, dass es nicht schwierig wäre, den Bestand an Kapital bis auf einen Punkt zu vermehren, auf dem seine Grenzleistungsfähigkeit auf einen sehr niedrigen Stand gefallen wäre. Dies würde nicht bedeuten, dass die Benutzung von Kapitalgütern sozusagen nichts kos ten würde, sondern nur, dass der Ertrag aus ihnen nicht viel mehr als ihre Abnutzung durch Wertverminderung und Veralterung, zusammen mit einer gewissen Spanne für das Risiko und die Ausübung von Geschicklichkeit und Urteilsvermögen, zu decken haben würde.“359 Zinn bemerkt dazu: „Sinkt die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, nimmt ceteris paribus auch die Investitionstätigkeit ab, und umgekehrt lässt sich von nachlassender Investitionsdynamik auf die sinkende Grenzleitungsfähigkeit des Ka pitals schließen. Der langfristige Verlust an Investitionsdynamik ist (...) eine Kern komponente der Keynesschen Begründung abnehmenden Wachstums.“ (S. 82) Die Frage ist nun, wie es im historischen Verlauf zu der nachlassenden Nachfrage nach Kapital kommt. Wie gesehen, wird man das säkulare Phänomen einer nachlas senden Konsumgüternachfrage dafür verantwortlich machen müssen, wovon ja auch Keynes ausgegangen ist. Wenn es dazu aber gekommen ist und die Nachfragesignale schwach, volatil und undeutlich geworden sind, verlässt die Investoren der Mut zu Investitionen: „Kapitalistische Investoren wollen Gewinn machen, aber wenn Net toinvestitionen keine hinreichende Rentabilität mehr versprechen oder gar ein unver tretbares Verlustrisiko bedeuten, dann ist die Ara starken Investitionswachstums am Ende. Die nächste industrielle Revolution — vermutlich die „arbeitslose“ Fabrik — lässt sich auch aus den „Abschreibungsfonds“ finanzieren.“ Dass die „arbeitslose“ Fabrik irgendwie mit einer nächsten industriellen Revolu tion oder gar mit dem „in die Luft sprengen“ der bürgerlichen Gesellschaftsverhält nisse Zusammenhängen könnte, war ja durchaus in das Vorstellungsvermögen der Ökonomen vorgedrungen, und ist — kontrovers — diskutiert worden. Dass sie Kapital darstellen würde, dessen Grenzleistungsfähigkeit gegen Null geht, war auch erwartet worden, denn Rendite würde sie nicht abwerfen. Marx hat nun angenommen, dass das Kapital damit aber nicht seine komplette Leistungsfähigkeit verlieren würde. Es würde, statt Rendite zu erzeugen, Gebrauchswerte erzeugen können. So weit reichte das Vorstellungsvermögen, aber nicht soweit, sich vorzustellen, wie dies denn in die 359 Zinn (2013) S. 81, aus Keynes (1936/2006), 316f [225] Realität umgesetzt werden könnte. Und dies lag eben daran, dass man sich nicht vor stellen konnte, wie sehr die technische Beschaffenheit der automatischen, arbeitslo sen Fabrik sich dazu ändern müsste. Ob die arbeitslose Fabrik sich aus den Abschrei bungsfonds finanzieren lassen wird, dürfte nun durchaus noch in Frage stehen. Dass seit geraumer Zeit nicht mehr investiert wird, ist, unabhängig vom verfolgten Erklärungsansatz, ja keineswegs verborgen geblieben. So weist der durch seine Ko lumnen im SPIEGEL einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordene Ökonom Henrik Müller darauf hin, dass „die Dominanz der Finanzwirtschaft die Realwirt schaft deformiert“ habe, und schlimmer als das: „Sie hat das ökonomische Denken verändert. Wenn das Ziel der Gewinnmaximierung, in der Volkswirtschaftslehre eine übliche vereinfachende Annahme zur Beschreibung unternehmerischen Handelns, zur Handlungsmaxime erhoben wird, dann ist Gefahr in Verzug.“360 Aber dieses Ziel wurde zur Maxime erhoben, und es kam im Zuge der kurzfristigen Gewinnmaximie rung an Stelle von Investitionen zu gewaltigen Gewinnausschüttungen; so haben US- Unternehmen in 2015 nach Schätzungen mehr als eine Billion Dollar Gewinne aus geschüttet. In Großbritannien war es nicht anders: nach Berechnungen des Cheföko nomen der Bank of England haben hier die Unternehmen in den siebzigerJahren im Schnitt nur 10 Prozent der Gewinne an die Aktionäre zurückgegeben, heute aber liegt die Quote bei 60 Prozent.361 Für Müller wirft dies große Fragen auf: „Wenn die Unternehmen das Geld der Sparer nicht mehr nehmen, um damit in großem Stil in neue Geschäfte zu investieren, sondern um es den Sparern zurückgeben, wirft das große Fragen auf: Womit wollen die Unternehmen eigentlich künftig Geld verdienen? Welchen Kunden wollen sie dienen? Wie wollen sie ihre Mitarbeiter beschäftigen?“ Das sind in der Tat große Fragen. Ob sie sich allerdings fragen, welchen Kunden sie dienen wollen und wie sie Mitarbeiter beschäftigen wollen, wäre noch die Frage; dass sie die Frage bewegt wie sie künftig Geld verdienen wollen dagegen weniger. Im Zweifel mit Privatisierungen, oder der Forderung nach Steuersenkungen. Müller zitiert schließlich sogar die Sorgen von Larry Fink von BlackRock: „Der leerlaufende Kapitalismus macht inzwischen selbst seinen eifrigsten Protagonisten Sorgen. Larry Fink, Chef der weltgrößten Assetmanagement-Firma BlackRock, geht in öffentlichen Briefen scharf mit den Topmanagern globaler Konzerne ins Gericht: Ihre Investitionszurückhaltung sende »entmutigende Botschaften« in die Welt, wäh rend Aktienrückkäufe auf Rekordhöhe die Kurse antrieben — »ein Indikator, dass Unternehmen dem Druck der Kurzfristigkeit unterliegen, statt konstruktive, langfris tige Strategien« zu verfolgen.“362 Und schließlich kommt der studierte Ökonom Müller zum Kern der „Perversion des Systems“, das sich in der empörenden Erscheinung niedriger oder gar negativer Zinsen zeigt: „Die Perversion des gegenwärtigen Systems zeigt sich in den negativen 360 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll00-1102). Campus Verlag. Kindle-Version 361 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll05-1107). Campus Verlag. Kindle-Version. 362 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll23-1124). Campus Verlag. Kindle-Version. [226] Zinsen, die ab 2015 immer weiter um sich griffen. Statt in die Ausweitung der pro duktiven Möglichkeiten zu investieren, liehen Anleger Staaten wie der Bundesrepub lik lieber Geld und zahlten den Kreditnehmern sogar noch eine Gebühr (den Nega tivzins) dafür. Hauptsache, sie bekämen es mit hoher Wahrscheinlichkeit zurück. Mit Unternehmertum hat das nichts zu tun.“363 Zur Lösung empfiehlt Müller dann einen „globalen Pakt gegen den Stillstand“, und da werde „die Sache kompliziert: Es geht um Bildung (von der Kita bis zur Spitzen uni), um Energie-, Verkehrs- und Netzinfrastruktur, um Steuerpolitik, Wettbewerbs politik auf digitalen Märkten, Finanzmarktregulierung, Geld und Währung.“364 Es möchte also das Leistungsangebot noch weiter erhöhen. Dass es an Nachfrage man geln könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Das Nachfrageproblem, das sich in den von Müller beschriebenen Erscheinungen in drastischer Weise schildert, hat allerdings, wenn man es zur Kenntnis nimmt, auch seine Tücken. Zinn entwickelt in seinem hier zitierten Aufsatz die Entstehung dieses Problems und kommt zu dem Schluss, dass es sich letztlich sogar als unlösbar erwei sen könnte, außer durch Arbeitszeitverkürzungen. „Das skizzierte Nachfrageprob lem, das bei einer Nettoinvestition von Null, aber anhaltendem Produktivitätswachs tum virulent wird, könnte sich letztlich als unlösbar erweisen. Keynes plädiert deshalb dafür, den Gordischen Knoten des Nachfrageproblems, wenn und wie es sich in hoch entwickelten, relativ gesättigten, wachstumsschwachen Volkswirtschaften dauerhaft einstellt, durch kürzere Arbeitszeiten zu durchschlagen.“365 Zinn bemüht sich nun, Keynes‘ Empfehlung von Arbeitszeitverkürzungen als den nach wie vor einzig gangbaren Lösungsweg zu plausibilisieren. Dagegen scheinen aber eine Reihe von Argumenten zu sprechen, wie hier bisher dargelegt werden sollte. In diesem Text weist Zinn ferner darauf hin, dass Keynes eine Erhöhung der Staatsquote vorgeschlagen hat, um den beschriebenen Reifeproblemen zu begegnen: „Die zentrale Steuerung, die für die Sicherung der Vollbeschäftigung erforderlich ist, bringt natürlich eine große Ausdehnung der traditionellen Aufgaben der Regierung mit sich.“366 Wie zu ergänzen wäre, bringt die Erweiterung der Staatsquote durch Auf gabenübernahme öffentlicher, gemeinnütziger Unternehmen auch einen Faktor der Stabilisierung in das allgemeinwirtschaftliche Klima mit sich; wo private Unterneh men in ihrer zunehmend ergebnislosen Suche nach Renditemöglichkeiten schließlich doch immer wieder auf Personalkürzungen oder andere Kostensenkungen auf Kos ten des Personals zurückgreifen müssen, haben (oder hätten zumindest) gemeinnüt zige Unternehmen die Möglichkeit, hier mehr konsensuelle Lösungen unter Einbe ziehung der Interessen der Beschäftigten zu finden, weitere Argumente sind bei der Diskussion der fehlgeschlagenen Privatisierungen vorgetragen worden. 363 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll33-1135). Campus Verlag. Kindle-Version. 364 Müller, Henrik. Nationaltheater: W ie falsche Patrioten unseren W ohlstand bedrohen (German Edition) (K indle-Positionenll47-1149). Campus Verlag. Kindle-Version 365 Zinn (2013) S. 84, aus Keynes, u. a. 1930a; 1943 366 Zinn (2013) S. 100, aus Keynes, 1936/2006, 320. [227] Nun wäre es im Sinne der hier skizzierten „Lösung“, also der hier beschriebenen Form der Nutzung der automatischen „Fabrik der Zukunft“ ja deren Schicksal, eben falls in öffentliches Eigentum überzugehen, damit also die traditionellen Aufgaben der Regierung zusätzlich zu erweitern, und zwar in einem — außer in staatssozialisti schen Ökonomien — nie gekannten Ausmaß. Wie gesehen, könnten diese so gewan delten „Fabriken der Zukunft“ dann hier ihre historisch neue Aufgabe erfüllen, Ge brauchswerte zu erzeugen, nachdem sie ihre bisherige Aufgabe, Renditeerträge zu erzeugen, erfüllt haben, und nach Eintreten des gesellschaftlichen Reifezustands nicht mehr weiter erfüllen können. Allerdings wird diese Fabrik der Zukunft auf dem Stand der heute gegebenen Mög lichkeiten noch keine komplett arbeitslose Fabrik sein können, und deshalb werden an der Stelle auch für den hier avisierten Lösungsweg die Dinge kompliziert, und darüber hinaus vermutlich auch noch teuer. Eine in diesem Sinne „fast“ oder maximal arbeitslose und gleichzeitig hochproduktive Fabrik zu entwickeln, steht zwar, wie ge sehen, notgedrungen auch auf der Agenda der renditesuchenden Kapitaleigner. Wenn überhaupt noch investiert wird, dann so. Aber es ist eigentlich anzunehmen, dass die Entwicklung zu einem Punkt kommt, wo die Leistungsfähigkeit der Fabrik der Zu kunft in einem so hohen Maß nur noch in der Gebrauchswerterzeugung bestehen kann, und so wenig Rendite abwirft, dass renditesuchende Investoren mehr oder we niger komplett ihr Interesse verlieren, und spätestens an dem Punkt wäre dann die Öffentlichkeit aufgerufen, als Investor aufzutreten und die Dinge ab jetzt in die ge wünschte Richtung weiterzuentwickeln. Vielleicht ist dieser Moment jetzt auch schon gekommen, es ist nur noch nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vorgedrungen — was angesichts der Publizitätswirkung von ökonomischen Weisheiten eines Hendrik Müller und seinesgleichen allerdings nicht so sehr verwunderlich ist. Aber es wird unausweichlich sein, dass die Öffentlichkeit diese Notwendigkeit erkennt, und hier tatsächlich als Investor auftritt. Dazu werden erhebliche Mittel in Anschlag kommen müssen. Es wird trotzdem mit dem Widerstand der „Bourgeoisie“ zu rechnen sein, also von einem Personenkreis, dem etwa auch Larry Fink angehört. Darüber hinaus wer den die Vertreter der „reinen Lehre“ der Ökonomie argumentativen Widerstand leis ten. Das Argument wird eben das von der höheren Leistungsfähigkeit des privat und wettbewerbswirtschaftlich geführten Unternehmens sein. Es ist angebracht, an der Stelle kurz die Fragestellung zu vertiefen, wie groß die Erfolgsaussichten der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit, des „Volkes“ oder gar der „Völker“ sind, gegen diese Phalanx anzutreten. Die im „Goldenen Zeitalter“ und später bis zum Siegeszug der „Reagenomics“ vorherrschende Vorstellung des Wohl fahrtsstaates war um einen Ausgleich der Interessen der Privatwirtschaft und der Öf fentlichkeit bemüht, nach der Faustregel so viel Staat wie nötig, und so viel unterneh merische Freiheit wie möglich. Es wurde zwar ein höheres Maß an Staatstätigkeit für notwendig gehalten, als später im Verlauf der neoliberalen „Reformen“; ersticken wollte man die private Initiative aber nicht. Nun ist es aber zu dieser ungeheuren Reichtumskonzentration gekommen, und man könnte zu der Auffassung kommen, dies sei mit einer gewissen und unausweichlichen Zwangsläufigkeit so gekommen, [228] einfach weil das konzentrierte Kapital eine mitwachsende Machtfülle mit sich bringt, die Verhältnisse in seinem Sinne zu beeinflussen. Sollte jetzt erneut eine „Ausdeh nung der traditionellen Aufgaben der Regierung“ möglich werden, so wäre immer zu befurchten, dass sich das Kapital in seiner Machtfulle eines Tages doch wieder dem entgegenstellt, und die Aufgaben der Regierung wieder beschneidet. Aber wenn die Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums auf diese Weise einmal transformiert worden ist, wäre das Kapital eben auch dauerhaft von der Quelle abge schnitten; es könnte nicht mehr wachsen. Der öffentliche Sektor würde in dem Sinne und mit diesen Mitteln zu einem Macht- und Stabilitätsfaktor, der er bis dahin nie hat sein können. Insofern wäre zu hoffen, dass eine solche Transformation dann auch dauerhaft gelingt. [229] Automobilproduktion gestern, heute und morgen Das Automobil war auf der Nachfrageseite wohl einer der wichtigsten Entwicklungs treiber der Industriegesellschaft. Es dürfte das teuerste und aufwendigste Produkt des Massenkonsums sein, dessen Herstellung die Industrieproduktion zu Höchstleistun gen herausgefordert hat, um das Ziel der massenhaften Verbreitung dieses hochkom plexen Werkstücks in die Haushalte bzw. Garagen der Durchschnittskonsumenten zu erreichen. W iejerem y Rifkin am Beispiel der Entstehung der Fließbandfertigung bei Ford beschreibt, erforderte dies gewaltige Anfangsinvestitionen; es bedurfte „des Baus riesiger zentralisierter Anlagen zur Lieferung und Lagerung all des Materials, das beim Bau des Fahrzeugs verwendet wurde. Die Fertigungsstraße auf ein Modell ein zustellen war in hohem Maß kapitalintensiv und erforderte lange Laufzeiten ein und desselben Fahrzeugs, um eine lohnende Rendite auf seine Investitionen zu garantie ren.“ Deshalb war, nach Henry Fords inzwischen sprichwörtlicher Antwort auf die Frage, in welcher Farbe seine Autos zu haben seien, jedes seiner Autos in jeder Farbe zu haben, solange sie Schwarz war. (Rifkin 2014 S. 147) Die Geschichte des Volkswagenwerkes begann am 22. Juni 1934 mit dem Ent wicklungsauftrag an den jungen Konstrukteur Ferdinand Porsche, ein Automobil zu konstruieren, das den Wünschen des Reichskanzler Adolf Hitler entsprach: es sollte „autobahnfest“ sein, eine Dauergeschwindigkeit von 100 km/h halten können, mit vier Sitzen für Familien geeignet und sparsam im Verbrauch sein, und vor allem unter 1000 Reichsmark kosten. Das dann aufgebaute Werk in der Nähe des Schlosses Wolfsburg bei Fallersleben wurde nach dem Vorbild des Automobilwerkes River Rouge der Ford Motor Company in Dearborn gestaltet, und führte schließlich zum Aufbau einer ganzen Stadt, der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“, später Wolfsburg genannt. Nach anfänglichen Startproblemen und fehlendem Interesse der Automobilwirt schaft — der Käfer wurde von der Automobilindustrie für eine nicht nachahmungs würdige Konstruktion gehalten — begann in der Nachkriegszeit 1949 „die Produktion, nachdem die britische Militärregierung das Unternehmen in die Treuhandschaft des Landes Niedersachsen übergeben hatte, verbunden mit der Auflage, die Eigentümer rechte gemeinsam mit dem Bund auszuüben und den anderen Bundesländern sowie den Gewerkschaften großen Einfluss einzuräumen. Das Unternehmen wurde von da an als 'Volkswagenwerk G.m.b.H. geführt. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg sollte zur größten Automobilfabrik der Welt werden. Die Werksfläche nimmt heute eine Fläche vergleichbar mit der von Gibraltar ein. Allein die überdachte Hallenfläche ist unge fähr so groß wie das Fürstentum Monaco.“367 1955 waren eine Million Fahrzeuge ver kauft, und am 1. Juli 1974 lief nach 11.916.519 produzierten Exemplaren der letzte VW-Käfer in Wolfsburg vom Band. Interessanterweise war der VW-Käfer etwa ab den 1960erjahren das einzige im Autoland USA überaus erfolgreiche Importmodell, bis die japanischen Automobile ihm diese Position ab den späten 1970erjahren strei tig machten. 367 W ikipedia-Eintrag zur Geschichte des VW Konzerns: https://de.wikipedia.Org/wiki/Volkswagen_AG#Ursprung_des_Konzems [Stand 12.03.2017] [230] Das ganze VW-Werk mit seiner maschinellen Ausstattung wurde anfangs auf die konstruktiven Merkmale des späteren Volkswagens abgestimmt, und es konnte zu wirtschaftlichen Kosten tatsächlich nichts anderes hergestellt werden als diese drei VW-Modelle, die das Stadtbild und das Lebensgefühl der 1950er und 1960erjahre in Deutschland wesentlich mitgeprägt haben: der Käfer, der sportliche Karmann-Ghia, und der legendäre Kleinbus VW-Bulli. Die Fertigung war im ökologischen Sinn eine einzige Katastrophe; durch die subtraktiven Produktionsprozesse ging beim Schlei fen, Fräsen und Zuschneiden der Bauteile viel Material verloren, und gekaufte Teile sowie das fertige Produkt verursachten hohe Logistikaufwände durch den notwendi gen Transport in und aus der zentralen Fabrik an die Händler und Endkunden im ganzen Land. Es war enorm aufwendig, den komplizierten Fertigungsprozess so straff zu organisieren, dass durch ausreichende Skaleneffekte schließlich ein für die Massenkaufkraft erschwingliches Produkt in die örtlichen Verkaufshallen gestellt werden konnte. Wie hat sich dieses Bild inzwischen verändert! Rifkin beschreibt den Aufbau der Ford-Werke als Kontrast zur heute möglichen Herstellung eines Automobils per 3D- Druck, und zwar am Beispiel des „Urbee“ der Firma KOR EcoLogic, eines elektrisch betriebenen Kleinwagens mit einer 10-PS-Maschine, und 60 km/h Höchstgeschwin digkeit. Die Firma Local Motors baut in ihren „Micro Factories“ inzwischen mehrere 3D-gedruckte Automodelle, vom „Strati“ über den als autonomes städtisches Mobi litätskonzept geplanten Kleinbus „Olli“ bis zum „Road Runner“, einem User-designten, wild auftretenden und ganz konventionell (über-)motorisierten Offroad-Fahrzeug. Der „Olli“ wird übrigens in einer Micro Fabrik in Berlin hergestellt. Das Un ternehmen Local Motors setzt ganz auf die Open-User-Innovation, und bietet über das Internet einen strukturierten Prozess zur interaktiven Entwicklung von Automo bil-Designs an.368 In der großen Automobilindustrie ist der 3D-Druck inzwischen nicht mehr wegzudenken, und die Funktion dieser Technologie geht so weit, dass tatsächlich wie beim Hersteller Daihatsu die Möglichkeit zur Herstellung individueller Designs angeboten wird: „Automobilhersteller Daihatsu: Individuelles Design Dank 3D-Druck“.369 Der VW-Konzern, der anfangs diese drei ihn groß und sympathisch machenden Modelle Käfer, Karmann-Ghia und Bulli im Programm hatte, ist inzwischen zum 12- Marken Konzern geworden, und alleine bei VW stehen statt der ehemals drei nun 31 Modelle zur Auswahl, dies wiederum in einer unübersehbaren Vielzahl an Motorisie rungen und Ausstattungsvarianten. Statt des autobahntauglichen Volkswagens für die Kleinfamilie sind nun Luxusau tomobile der Marken Porsche, Rolls-Royce, Lamborghini und Bugatti im Konzern Programm, mit teilweise alle Vernunftbegriffe sprengenden Motorleistungen; so ist für das Bugatti Spitzenmodell Chiron die Motorleistung auf irrwitzige 1500 PS hoch getrieben worden, wodurch eine Spitzengeschwindigkeit „weit jenseits der 400 km/h“ (theoretisch) möglich gemacht wurde. Kurioserweise wird im Webauftritt der 368 https://launchforth.io/localmotors/road-ready-3d-printed-car/explore/ [Stand 13.03.2017] 369 https://3druck.com/blog/automobilhersteller-daihatsu-individuelles-design-dank-3d-druck-2546265/ [Stand 13.03.2017] [231] Marke nicht mit der Angabe dieser Motor- und Fahrleistungen geworben, sondern mit der Angabe des Kraftstoffverbrauchs und der C02-Emissionen, die ja eigentlich dann, wenn sie besonders niedrig sind, ein verkaufsförderndes Argument darstellen, nachdem ökologische Gesichtspunkte in der Bewertung wünschenswerter automo biler Eigenschaften sich gegenüber den früheren Leistungskennzahlen durchgesetzt haben. Man täuscht also nun vor, diesen ökologischen Gesichtspunkten höhere Auf merksamkeit zu widmen, auch wenn die Werte tatsächlich nicht sehr überzeugend sind... Dass dies dem Hersteller und Käufer eines Automobils mit 1500 PS herzlich egal sein dürfte, wird damit geschickt aus dem Blickfeld verdrängt. Vergleicht man die mit dieser Programm- und Konzernpolitik sichtbar werdenden Unternehmensziele mit denen der ursprünglichen Produktion eines Volks-Wagens, werden die entstandenen Unterschiede auch in der im Konzern gelebten Ethik un übersehbar. Ziel des bis I960 in staatlicher Aufsicht betriebenen Werkes war es, ein günstiges und alltagstaugliches, haltbares und sparsames Automobil für den kleinen Geldbeutel herzustellen, und dies möglichst kostendeckend. Heute ist das mit aller Konsequenz und Härte gegenüber den Mitarbeitern und Zulieferern, und, wie sich gezeigt hat, auch mit betrügerischen Mitteln gegenüber den Kunden verfolgte Ziel die Maximierung der Kapitalrendite. Unvergessen ist der Auftritt des damaligen Chefs des Aufsichtsrats Ferdinand Piech, der dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn vorwarf, die Gewinne seien zu niedrig, obwohl gerade exorbitante Gewinne eingefahren worden waren. Im März 2014 hatte Piech auf die Frage, ob er den Konzern auf einem guten Weg sehe, geantwortet: „Nicht wirklich. Gleich meh rere Baustellen sehe der Patriarch, hieß es damals, und es sind dieselben, von denen auch jetzt die Rede ist: Das schwache US-Geschäft, die niedrige Rendite der Kern marke VW“ . . .370 Martin Winterkorn verlangte dann in einer „Brandrede“ vor den Führungskräften Mitte 2014 die Einsparung von 5 Mrd. Euro bis 2017, um eine Um satzrendite von 6 Prozent vor Zinsen und Steuern zu erreichen.371 Die noch immer nicht überstandene Abgaskrise, die die Verwicklung des Top-Konzernmanagements immer deutlicher werden lässt, scheint in der Hinsicht des Ethikverlustes einen vor läufigen Höhepunkt darzustellen. Die Zukunft der Kraft-„Stehzeug“-Industrie, deren Produkte verräterischerweise seit einiger Zeit durch das Designmerkmal des „bösen Blicks“372 auf sich aufmerksam machen, stellt sich insgesamt nicht sehr rosig dar. Es ist nicht nur das Faktum der gesättigten Märkte und der weltweiten Uberkapazitäten in der Automobilindustrie, sondern eben auch die immer mehr um sich greifende Erkenntnis, dass sie viel mehr 370 Der SPIEGEL vom 13.04.2015: PiechsM illionen-Rätsel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/untemehmen/martin-winterkom-ferdinand-piechs-millionen-raetsel-a- 1028328.html [Stand 13.03.2017] 371 Online-Focus vom 15.07.2014: Gewinn zu niedrig? W interkorn will bei Volkswagen Milliarden einsparen. http://www.focus.de/auto/news/autoabsatz/gewinn-zu-niedrig-winterkorn-will-bei-vw-milliarden-einsparen_id_3991797.html [Stand 13.03.2017] 372 „Bei Autodesignem ist der böse Blick schick.“ Artikel von Denise Juchem in der „W elt“ vom 08.02.2014. http://w ww.welt.de/m otor/articlel24640593/Bei-Autodesignem -ist-der-boese-Blick-schick.htm l [Stand 13.03.2017] [232] schädlich als nützlich sind.373 Es werden offensichtlich intelligentere Wege der Auto mobilität erschlossen werden müssen, und — hoffentlich — auch können. Nach verschiedenen auf dem Markt der Meinungen gehandelten Schätzungen könnte der Automobilsektor in Zukunft drastisch schrumpfen. Einer der Gründe ist, dass das Auto wohl auch seine Rolle als Prestige-Objekt und Vehikel der Selbstdar stellung und Identifikation verlieren wird. Die Techniken der Selbststeuerung und der Vernetzung könnten dazu führen, dass private und öffentliche Mobilität miteinander verschmelzen, indem das individuell genutzte Automobil sich mit anderen Automo bilen zu einem Schwarm zusammenschließt, wenn diese eine auf ihren Wegziel lie gende Etappe gemeinsam haben. Das einzelne Auto kann dann ein „gesharetes“, ge teiltes sein, das man bei Bedarf anfordert, sich zum Ziel fahren lässt, und das Auto wartet dann da auf seinen nächsten Nutzer, oder es fährt zu einem vorgesehenen Warteplatz.374 Statt eines privat gehaltenen Fahrzeugs wäre ein mehrfach genutztes offenbar wirtschaftlicher, wobei dann die Frage auftaucht, ob die einen solchen Ser vice anbietende Organisation eine private sein sollte, wie heute bei allen Anbietern des Car Sharings üblich, oder eben auch eine öffentliche — die Frage wird später wie der aufgenommen. Vernunftgründe würden eigentlich verlangen, dass die gesamte Automobilindust rie besser heute als morgen in diesem Sinne umgekrempelt würde, aber — es würden Hunderttausende von Arbeitsplätzen wegfallen. Letztlich aus diesem Grund ge schieht das nicht. Natürlich möchte auch die Automobilindustrie ihr investiertes Ka pital gerne verzinst sehen, sie kann aber den Grund des drohenden Arbeitsplatzver lustes immer mit besten Erfolgsaussichten vorschieben. De facto ist es heute so, dass im Gegensatz zu den Anfängen die Automobile nicht produziert werden, um einen bestehenden und zweifelsfrei gerechtfertigten Bedarf zu decken, sondern um Kapi talrendite zu erwirtschaften, und um Arbeitsplätze zu erhalten. 373 A uf dem Höhepunkt der Abgaskrise fo rderteer Spiegel-Kolumnist W. Münchau am 06.11.2015, man solle den VW -Konzem in die Insolvenz gehen lassen und „ein zunächst staatliches Unternehmen gründen - m it dem Ziel der Erforschung und Herstellung eines Elektroautos, gestützt von entsprechenden Infrastrukturinvestitionen.“ Beim Automobilsektor handele es um eine „perspektivlose Industrie“ . http://www.spiegel.de/wirtschaft/volkswagen-lasst-vw-pleitegehen-kolumne-a-106143 l.htm l 374 Die Marketing-Agentur „Suchdialog“ geht davon aus, dass „aus Autobauern Dienstleister werden“ : „Die Au tomobilbranche ist im Umbruch: Vernetzung und Digitalisierung genießen höchste Priorität unter Autobauem. Es spielen sich teilweise fast schon absurde Kehrtwenden ab, die die Branche fit für die digitale Zukunft m a chen sollen. So kannibalisieren die Vorreiter ihr eigenes Geschäft, indem sie die W ende vom Autohersteller hin zum Dienstleister vollziehen. U nd das ist vermutlich die einzige Chance, die sie haben.“ Den Grund sehen die Autoren in der „Digitalisierung der M obilität“ : „Bereits seit einigen Jahren investieren Technologiegrößen wie Google in selbstfahrende Autos - und das m it einigem Erfolg. Die Konsequenzen sind durchaus bedrohlich für die Automobilhersteller, die sich lange Zeit au f bewährte Rezepte verlassen konnten: W erden BMW, Daim ler und Co. in Zukunft zu reinen M ateriallieferanten degradiert, während IT-Riesen wie der aus M ountain View die Profite einstreichen? W ie wahrscheinlich ist das Szenario einer m assiven Reduktion an Automobilen im Zuge von Car Sharing, Roboterautos und digital gesteuertem Verkehr?“ Es wird auch eine in dieser Perspektive liegende Gefahr gesehen, die vorne bereits angesprochen worden ist, näm lich die Gefahr der Beherrschung der M obilität durch Kontrolle der steuernden Betriebssysteme, und des daraus generierten Datenpools: „W er hat die Lufthoheit über unsere Daten? Letzten Endes wird sich die digitale Revolution auch im Automobilbereich nicht aufhalten lassen. Neben Hindernissen wie rechtlichen Fragen, Problemen durch die Koexistenz robotischer und menschlicher W agenlenker und der teilweise mangelhaften Koordination konkurrierender Unterneh men wird die Frage nach der “Lufthoheit über unsere Daten” wohl einer der strittigsten Punkte der neuen Ära werden.“ https://suchdialog.de/erkenntnisse/autobauer-werden-dienstleister-wie-die-digitalisierung-mobilitaetveraendert/ [Stand 13.03.2017] [233] In der Tat sind nun Hunderttausende von Einzelschicksalen und Familien von diesen Arbeitsplätzen abhängig, und es ist, abgesehen von technischen Schwierigkei ten, mit Rücksicht auf deren Interessen nicht möglich, hier zu schnellen und radikalen Änderungen zu kommen. Was wäre aber möglich — eben dies, wie vorgeschlagen, entlang der Trennung von Fertigung und Design die Automobilhersteller zu Auto mobildesignern werden zu lassen, und die Fertigung schrittweise (zurück) in öffent liche, kommunale oder staatliche Verantwortung zu übergeben. Mit zunehmendem technischem Fortschritt wird es ohnehin immer weniger zur Kernkompetenz und zum Markenimage einer Automobilmarke gehören, eigene Fertigungskapazitäten zu besitzen, zu gestalten und zu managen; die Kernkompetenz liegt dann in der Ent wicklung und Gestaltung der Designs. Das Design von Automobilen könnte — oder sollte — sich im Zuge der Wandlung seines Images und seiner Bedeutung etwa auch dahin entwickeln, dass man dem Kun den ein Set von Designelementen anbietet, die ihm — in den Grenzen des technisch Machbaren — auch Individualisierungsmöglichkeiten anbieten, oder ihm in einem der Produktentwicklung vorgelagerten Prozess und in Form einer Open-User-Innovation Möglichkeiten der Mitwirkung am Designprozess eröffnen, um etwa an der Ent wicklung von standardisierten Designelementen mitzuarbeiten. Dies wäre nun sicherlich die fernere Perspektive; die Ansätze und die in diese Rich tung zeigenden und schon aufgestellten Wegweiser sind in der Gegenwart aber deut lich erkennbar. Die wichtigsten Prinzipien des Wandels sind dabei diese beiden schon gut bekannten, nämlich Steigerung der Produktivität und Steigerung der Flexibilität, wie der Industrieberater Walter Huber in einer Zusammenfassung der von ihm zusam mengestellten sogenannten „Mega-Trends“ der Branche betont: „In Summe verdeut licht dies, dass ein großer Bedarf an produktivitätsfördernden, aber auch flexibilitäts fördernden Maßnahmen und Ansätzen in der Automobilindustrie besteht“.375 Der Entwicklungsdruck resultiert zum einen aus den Arbeitskosten, die sich durchschnitt lich auf 20 % der Gesamtkosten belaufen, und sich kumuliert über die gesamte Wertschöpfüngskette auf 60 — 70 % erhöhen. Wie Huber angibt, kostet die Arbeitsstunde in Deutschland 30-50 Euro, in Osteuropa 11 Euro, in China rund 10 Euro, und ein Roboterstunde „verursacht Kosten von etwa 3-6 Euro“, (S. 2) woraus offensichtlich Druck resultiert, die Arbeitskosten (in Deutschland) zu senken, und zwar eben durch Steigerung der Arbeitsproduktivität. Zum anderen resultiert der Entwicklungsdruck aus der „steigenden Komplexität der Fahrzeuge in Verbindung mit einem erheblichen Anstieg der Modellanläufe und einem damit verkürzten Produktentwicklungsprozess und einem reduzierten Produktlebenszyklus.“ Offensichtlich sind dies die typischen Entwicklungstreiber der entwickelten In dustriegesellschaften mit ihren gesättigten Märkten und den „ermächtigten“, hedo nistisch eingestellten Käufern, die in immer kürzeren Zyklen immer neue Produkte und immer weitergehendes Eingehen auf ihre individuellen Wünsche verlangen, wozu die Industrie dann durch Nutzung des enorm erweiterten Arsenals der ihr zur Verfügung stehenden technischen Mittel zu gerne bereit ist. 375 Huber (2016) S.3 [234] Ferner nennt Huber etwa die folgenden „Mega-Trends“: Ressourcenverknappung, Energiewende, Klimawandel, Produktqualität, neue Technologien und Tebensqualität. (S. 2) Die Industrie 4.0 wird nun als das Mittel der Wahl gesehen, diesen Herausforde rungen zu begegnen. Die wichtigsten Komponenten dieser Industrie 4.0 sind die SmartFactory, in der „Menschen, Maschinen und Ressourcen selbstverständlich mit einander kommunizieren wie in einem sozialen Netzwerk“, und das „Smart Product“, wofür Huber die folgende Definition angibt: „Intelligente Produkte (Smart Products) verfügen über das Wissen ihres Herstellungsprozesses und künftigen Einsatzes. Sie unterstützen aktiv den Fertigungsprozess (,wann wurde ich gefertigt, mit welchen Pa rametern muss ich bearbeitet werden, wohin soll ich ausgeliefert werden etc.)). Mit ihren Schnittstellen zu Smart Mobility, Smart Togistics und dem Smart Grid ist die intelligente Fabrik ein wichtiger Bestandteil zukünftiger intelligenter Infrastrukturen.“ (S. 8) Bei der Industrie 4.0 (140) handelt es sich also um die Verknüpfung von intelli genten Produkten mit einer intelligenten Fabrik und Produktion, wie Huber zusam menfasst. Offensichtlich basiert die beschriebene Intelligenz dieser Komponenten mit der Fähigkeit, Informationen ihrer Umgebung auf die verschiedenste Weise aufzuneh men und zu verarbeiten, wozu auch verschiedene Sensoren und Aktoren zum Einsatz kommen. Die Gesamtheit dieser vielfältigen Kommunikationsprozesse mit ihren „Cyber Physical Systems“, RFID-Chips und „Cyber Physical Production Systems“ mit Robotern, 3D-Druckern, Assistenzsystemen und agenten- und schwarmbasierten Produktionssystemen wird gerne auch als „Internet der Dinge“ zusammengefasst, wobei hier offensichtlich auch Kommunikationsprozesse mit gemeint sind, die die Innen- und Außenwelt von Produktionssystemen miteinander verbinden. Was sich in einem Unternehmen abspielt, wird auch mit dem organisationstheore tischen Begriff Prozess bezeichnet; ein Unternehmen lässt sich also nach seinen Pro zessen gliedern. Diese wiederum kann man nach Kern- und Stützprozessen unter scheiden; zu den Kernprozessen in der Automobilindustrie gehören: Produktentste hung oder Produkt, Kundenauftrag, Sales und Aftersales. Zu den Stützprozessen zählt man die des kaufmännischen Controllings, die Beschaffung, das Personalwesen, das Qualitätsmanagement und etwa das Gebäudemanagement. Dann gibt es noch die strategischen Prozesse, die aber hier nicht von Belang sind. Produktentstehung, Pro duktionsplanung und Produktion sind offenbar die Kernprozesse, um deren Gestal tung es bei der Industrie 4.0 an erster Stelle geht. Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass dem Kunden weitestgehend die Möglichkeit eingeräumt werden soll, einen ganz individuellen Kundenauftrag aus zuführen, dies aber zu möglichst geringen und der Standardfertigung entsprechenden Kosten. Als ein sehr wichtiges Mittel um dies zu erreichen wird neben dem gesamten bisher beschriebenen Konzept inzwischen der 3D-Drucker gesehen. Eine wesentliche Rolle zur erfolgreichen Durchsetzung des Konzepts der 140 wer den Standards und die Entwicklung von Referenzarchitekturen von I40-Systemen spielen wie etwa das RAMI40376 der Plattform Industrie 4.0, wie Huber betont. Wie 376 http://www.plattform-i40.de/I40/Redaktion/DE/Downloads/Publikation/din-spec-rami40.html [235] diese im Einzelnen zu gestalten sind, soll hier keine große Rolle spielen, wichtig ist zu betonen, dass dies als ein weiterer Faktor zu verstehen ist, der die Erwartung un spezifischer, von der Produktion spezieller Designs entkoppelter, „abstrakter“ und hochflexibler Fertigungssysteme begünstigt. Der 3D-Druck selber benötigt seiner seits eine Überarbeitung des bestehenden 3MF-Standards (3D Manufacturing Stan dard), um in diesem Sinne einmal genutzt werden zu können; im Mai 2015 wurde dazu ein Konsortium gegründet, das ein druckfertiges 3D-Format in quelloffenener Form definieren soll, um es Nutzern kostenlos zur Verfügung zu stellen. (S. 112). Huber hat nun den Grad der Umsetzung der 140 bei verschiedenen Automobil herstellern untersucht. Es sollen hier nur die umgesetzten Maßnahmen wiedergege ben werden, die sich als zielführend im oben angegebenen Sinn deuten lassen, und von denen angenommen werden muss, dass sie spezifisch für eine sinnvolle und er folgversprechende Umsetzung sind, so dass auch angenommen werden kann, dass sie früher oder später zum Standard einer Smart Factory im Sinne der Industrie 4.0 gehören. Audi: Audi verwendet den Begriff der SmartFactory statt des Begriff industrie 4.0. Huber beschreibt folgende „Vision“ bei Audi: ,,(•••) ist die Vision bei Audi, Karos serien kommen passgenau aus 3D-Druckern, fahrerlose und autonome Transport systeme bewegen die Automobile zwischen den Stationen zum nächsten freien Mon tageplatz und intelligente und sensitive Roboter unterstützen Mitarbeiter bei ihren Tätigkeiten. Hierbei haben die Roboter die Information, welcher Arbeitsschritt als nächstes ansteht und welches Material hierzu erforderlich ist. Somit lösen sich die starren Produktionslinien zugunsten von dynamischen Produktionsabläufen auf. Audi-Fahrzeuge werden zukünftig nicht mehr am Fließband, sondern individuell in sogenannten Kompetenzinseln gefertigt. (...) Auch für Audi werden Daten immer mehr zum Rohstoff der Zukunft und die digitale Welt verschmilzt mit der realen Welt der Produktion.“377 (S. 119) 3D-Drucker werden bei Audi derzeit im Prototypenbau eingesetzt, um schnelle Konzeptentwürfe zu erstellen, und in der Produktion, um spezifische Teile aus Metall flexibler konstruieren und schneller „drucken“ zu kön nen, als dies mit herkömmlicher Fertigung möglich gewesen wäre. Ferner setzt Audi sensitive Roboter und diverse Assistenzsysteme ein, um menschlichen Aufgabenträ gern die Arbeit zu erleichtern. Zukünftig sollen aber, um den steigenden Ansprüchen an Individualisierung und Modellvielfalt genügen zu können, radikal neue Wege beschritten werden; es sollen zentralisierte Fabriken ganz aufgegeben werden, um „anstelle der aktuellen Fabriken kleine flexible Produktionseinheiten am Bedarfsort zu installieren. Somit ist die Fab rik der Zukunft sowohl nahe an den eigenen Mitarbeitern als auch nahe am Kunden.“ (S. 123) 377 Man darf hier die Bemerkung anfügen, dass die Rede von Daten als einem Rohstoff der Zukunft offenbar auf einem Kategorienfehler beruht. Diese Daten sind keineswegs Rohstoff, sondern Arbeitsprodukt, und sie wer den nicht etwa bearbeitet, sondern steuern die Bearbeitung von Halbfertigfabrikaten und Materialien, die viel leicht tatsächlich unbearbeitete, aus der N atur gewonnene Rohstoffe sein mögen. Auch wenn in der Digitalen Fabrikation gesagt wird, es werden „Dinge aus Daten“ erzeugt, so sind die Daten keineswegs Rohstoffe, deren W ert nur in dem Arbeitsaufwand ihrer Förderung aus Naturvorkommen besteht. Ganz im Gegenteil sind diese die Produktion steuernden Daten die eigentlich werthaltigen Komponenten. [236] BMW: BMW nennt unter anderen die folgenden „Einflussfaktoren“ bzw. Zielset zungen für die eigene „strategische Positionierung“: 1. Qualität (Zielgröße: Null-Feh ler), 2. zunehmende Komplexität der Produktion, 3. Verbesserung der Anlaufplanung (immer mehr Modelle in immer kürzerer Zeit), 4. Ökologie, 5. Kostendruck durch Wettbewerbsdruck. Die Zielgröße Flexibilität wird hier zwar nicht explizit genannt, ergibt sich aber aus den Punkten 2 und 3, da der zunehmenden Komplexität der Produktion und der steigenden Zahl von Produktionsanläufen durch schnelle Modellwechsel eben durch eine erhöhte Flexibilität der Anlagen begegnet werden kann, bei gleichzeitig zu sen kenden Kosten. Es werden aus diesen Problemstellungen die folgenden Handlungs felder abgeleitet: • Planungs- und Steuerungssysteme • Simulation in der Produktion • Assistenzsysteme in der Produktion • Robotik und autonome Systeme • Big Data • Vernetzte Wertschöpfüngskette • Digitale Fabrik • Mensch-Roboter-Systeme • Mobile Assistenzsysteme • Nachhaltigkeit (S. 132) In der digitalen Fabrik (hier auch virtuelle Fabrik genannt) wird angestrebt, „die Realität möglichst wirklichkeitsgetreu digital abzubilden, mit dem Ziel, einen neuen Modellanlauf perfekt virtuell zu planen und anschließend umzusetzen. Die Änderun gen werden dann auf ,Knopfdruck‘ in die reale Produktion überspielt.“ Ein vollstän diges Mapping der realen in die virtuelle Welt und umgekehrt sei noch nicht vollstän dig gelungen, woraus einige manuelle Nacharbeiten resultieren, berichtet Huber; al lerdings werde bereits an einer Lösung gearbeitet, um auch den „letzten Meter“ der Produktionsvorgänge erfassen zu können. BMW ist einer der frühen Anwender der additiven Fertigung, sowohl in der Pro duktentwicklung als auch in der Bearbeitung des Kundenauftragsprozesses. 3D-Drucker werden in der Produktion, im Ersatzteilmanagement und im Werkzeugbau ein gesetzt. Zusammen mit sensitiven Robotern, Big Data-Systemen, sensitiven Robo tern sowie der Fabriksimulation in der Digitalen Fabrik wird damit das Ziel die Op timierung der Flexibilität angestrebt, denn „für BMW ist die Flexibilität der eigenen Produktion von strategischer Bedeutung.“ (S. 139) Mit bzw. in der Digitalen Fabrik wird etwa die Maschinen- und Personalplanung für Produktionsabläufe simuliert, wodurch sich die Umrüstaufwände bei Montagelinien gegenüber den 80erjahren hal bieren ließen. (S. 142) [237] Eine Digitale Fabrik kann erstellt werden durch das Einscannen einer realen Fabrik mittels spezieller 3D-Scanner; wie Huber beschreibt, wurde für BMW das Rolls Royce Werk in Goodwood an einem einzigen Wochenende vermessen, um dann mit hilfe des erstellten 3D-Modells (also der Digitalen Fabrik) Umplanungen von Pro duktionsprozessen simulieren zu können. Das Scannen ersetzt inzwischen also eine bisher notwendige CAD-Nachkonstruktion. (S. 142) Daimler: Auch bei Daimler stehen die folgenden Herausforderungen im Mittel punkt: 1. Globalisierung, 2. Individualisierung, und 3. Digitalisierung / Vernetzung. Man verfolgt bei Daimler den Ansatz der Industrie 4.0, mit den folgenden Zielset zungen: • Verkürzung der Anlaufzeiten durch digitale Absicherung • Horizontale und vertikale Integration • Reduzierte Beschaffüngszeiten für Produktionsanlagen • Optimierung der Fertigung und Montage • Erhöhung der Automatisierung durch eine Mensch-Roboter-Interaktion • Flexibilisierung der Produktion durch eine wandlungsfähige Produktion • Globale Optimierung der Prozesse Offenbar lassen sich auch diese Zielsetzungen auf die beiden Kernthemen Pro duktivitätssteigerung bei gleichzeitige Steigerung der Flexibilität herunterbrechen. Bei Daimler soll zunächst das Werk in Bremen a ls ,, 'Lead-Werk“ für die Industrie 4.0 und damit zur SmartFactory ausgebaut werden. Damit werden fünf Hauptziele verfolgt: • Größere Flexibilität und die Fertigung immer komplexerer Produkte • Erhöhung der Effizienz durch die konsequente Nutzung aller Ressourcen inklusive Energie und die Optimierung der eigenen Prozesse • Flexible Produktionsprozesse mit hoher Geschwindigkeit (inklusive Inbe triebnahme neuer Anlagen) • Sichere und attraktive Arbeitsplätze • Smarte Logistik (S. 143) Dass man sich bei Daimler um das Angebot sicherer und attraktiver Arbeitsplätze bemüht, ist sicher anerkennenswert, aber diesen Bemühungen werden auch bei Daimler die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten Grenzen setzen. Auch Daim ler wird es sich nicht leisten können, Rentenempfänger auf der Gehaltliste stehen zu haben, sondern wird diese nur in Anhängigkeit von der Marktnachfrage und dem tatsächlich notwendigen Arbeitsbedarf beschäftigen können. Diesen zu minimieren IST aber Sinn und Zweck der eingesetzten Technik, auch bei Daimler. Bei Daimler wird auch das Mittel der Standardisierung eingesetzt, wozu auch das Projekt gehört, „Templates“ als Musterfabriken zu entwickeln, die dann weltweit aus gerollt werden können; dies wird bei Daimler „Tech Fabrik“ genannt, in der neue [238] Ideen unter möglichst realen Bedingungen getestet und bis zur Einsatzreife fortent wickelt werden können. Auch der 3D-Druck befindet sich bei Daimler im Einsatz, und wurde durch eine Partnerschaft mit dem Fraunhofer Institut und Concept Laser zur Einsatzreife ent wickelt. In der Produktion verwendet man die additive Fertigung bei Daimler zur Fertigung besonders komplexer Bauteile wie etwa eines Gusskerns eines Zylinder kopfes. Wie Huber beschreibt, wird „über die additive Fertigung die digitale Prozess kette geschlossen. Sie reicht bei Daimler von der Konstruktion (also der Produktent wicklung) bis zur Teileproduktion und deren Verbauung und Montage.“ (S. 149) V W : schließlich soll auch das Beispiel VW etwas näher betrachtet werden. Die Zielsetzungen bei VW sind: 1. Bessere Qualität, 2. Höhere Flexibilität, 3. Kosteneffi zienz, 4. Verbesserung der Prozessstabilität, 5. Verbesserung der Ergonomie am Ar beitsplatz. (S. 162) Im Wesentlichen ergibt sich also auch hier das gleiche Bild. Huber rechnet dann vor, dass wegen der enormen Kostendifferenz von Roboterstunde und Fachkraftstunde eine verbesserte Kosteneffizienz vor allem durch Einsatz von Ro botern, insbesondere von „sensitiven“ Robotern zu erreichen sei. Das Thema Digitale Fabrik heißt bei VW „Augmented Reality“, verfolgt aber im Großen und Ganzen die gleichen Ziele. Eine Besonderheit liegt beim VW-Konzern darin, dass hier ja Planungsprozesse für Fabriken mit Standorten auf der ganzen Welt betroffen sind, mit unterschiedlichen Kulturen und Kostenstrukturen. Die Digitale Fabrik als Mittel der Fabrikplanung und Prozesssimulation ist aber bei allen Herstel lern des Konzerns im Einsatz. Man bemüht sich hier, etwa im Bereich der Material flussmodelle und der Datendurchgängigkeit konzernweite Standards zu setzen. Das Thema Standardisierung ist bei einem so großen Konzern mit teilweise in ganz unterschiedlichen Marktsegmenten angesiedelten Automarken generell von besonde rer Wichtigkeit und Komplexität, und wird „markenübergreifend vorangetrieben“. (S. 166) VW hat seinerzeit durch den Bau der „Gläsernen Manufaktur“ in Dresden zur Produktion des seinerzeitigen Spitzenmodells „Phaeton“ die Aufmerksamkeit auf heute mögliche moderne und „saubere“ Produktionsprozesse gelenkt, die hier vor allem durch Roboter im Karosseriebau und fahrerlose Transportsysteme ermöglicht wurden und noch werden. Diese bestehen zum Teil aus frei navigierenden Fahrzeu gen, und aus einer Elektrohängebahn. Das Schicksal der Gläsernen Manufaktur, in der nach Auslaufen des erfolglosen Phaeton-Modells die Produktion eingestellt wurde, zeigt aber auch die Bedeutung des Ansatzes der resilienten Produktion. Wenn ein ganzes Werk ausschließlich zur Pro duktion eines bestimmten Produktes gebaut und konzipiert ist, sind die kompletten aufgewendeten Investitionen wertlos, wenn für dieses Produkt die Nachfrage weg bricht. Das Werk wurde zuletzt als Location für Werbeveranstaltungen und Ausstel lungen zum Thema E-Mobilität genutzt („Schaufenster für Elektromobilität“). Für 2017 ist nun geplant, die Produktion des E-Golf in Dresden aufzunehmen.378 378 https://www.glaesememanufaktur.de/de/das-erlebnis/fertigung [Stand 14.03.2017] [239] Das soll für die hier verfolgten Zwecke nun genügen. Was sind die zu ziehenden Schlüsse für einen Ausblick auf die „Produktion der Zukunft?“ Solche Szenarien wer den gewöhnlich unter der Annahme erstellt, dass die derzeit bestehenden Anforde rungen an die Automobilproduktion bestehen bleiben, und dass insbesondere die Nachfrage nicht dramatisch einbricht. Das ist aber offenbar keineswegs auszuschlie ßen. Falls aber nicht oder nicht sehr stark, so dass Kapazitäten in einem vergleichba ren Umfang bestehen bleiben müssen, würden sich Anforderungen an die Produk tion der Zukunft auf die folgenden sechs Bereiche auswirken: das Produktionssystem, das Presswerk, den Rohbau, die Lackiererei, die Fahrzeugendmontage, und die Ma nagementprozesse. (S. 259 ff.) Zu dieser gegenwärtig bestehenden Aufteilung ist gleich zu sagen, dass sich vor allem die beiden Bereiche Presswerk und 3D-Druck längerfristig (über 2025 hinaus) wohl auflösen werden. „Eine taktsynchrone Fertigung vom 3D-Druck bis zur End montage ohne Zwischenlager und aufwendiges Rüsten ist hier die langfristige Vi sion.“ (S. 263) Dadurch wird nach Einschätzung Hubers auch „die starre Untertei lung in Presswerk und Rohbau zumindest partiell aufgeweicht werden. 3D-Drucker können auch im Bereich des Rohbaus positioniert werden und in Sequenzen die er forderlichen Teile produzieren und somit am Verbauort oder in dessen unmittelbaren Umgebung positioniert werden.“ Dadurch werde auch die werksinterne Materialver sorgung vereinfacht, und die aktuell vorhandenen Karosserielager werden an Umfang schrumpfen. (S. 265) Gegenwärtig stehen hohe finanzielle Auswendungen für eine „Reinraum-Lackie rung“ einer vollständigen Flexibilisierung der Produktion durch Produktionsinseln noch im Wege. 3D-Drucker sind aber nun in der Lage, Teile auch gleich in der ge wünschten Farbe zu erzeugen, so dass die „Lackierereien zwar nicht für 2025, aber zumindest perspektivisch der Vergangenheit angehören.“ Wie Huber betont, wäre damit auch der Weg frei für eine erhebliche Flexibilisierung der Produktion in Rich tung von Produktionsinseln. Huber stellt nun die Frage, „inwieweit bei der skizzierten Auflösung und beim Verschwinden von Presswerk und Lackiererei durch 3D-Drucker die bestehenden Fabrikbegriffe überhaupt noch Bestand haben“, und betrachtet sie wegen der zu gro ßen Gegenwartsferne bewusst nicht. Wenn man aber wie im hier herstellten Zusam menhang speziell die längerfristigen Entwicklungen betrachten will, ist diese Frage schon von Interesse, und da wird man eben zu keinem anderen als dem schon vor getragenen Schluss kommen können, dass diese beiden Entwicklungstreiber Kostenre duktion und Klexibilitätsemeiterung für den Fabrikbegriff der Zukunft genau diese sehr hoch produktive und gleichzeitig hoch flexible bzw. universale „Fabrik der Zukunft“ erwarten lassen; sie würden also im Wesentlichen zu Produktionsinseln, die nahezu beliebige „Designs“ von Automobilen herstellen können. Man kommt also in der längerfristigen Betrachtung auch aus dieser Perspektive zu dem an anderer Stelle ja schon vielfach geäußerten Schluss: dass die Automobilproduktion sich dezentralisie ren und in kleine, dezentrale Produktionsstätten in größer Nähe zum Verbrauch auf lösen werde. [240] Die volkswirtschaftlich interessante Fragestellung wäre also dann, in welche gesell schaftliche Sphäre diese dezentralen Mikro-Fabriken als flexible Produktionsinseln gehören sollten. Gewöhnlich wird hier ja eine privatwirtschaftliche Lösung („externe Dienstleister“) favorisiert, deren Tauglichkeit im nächsten Abschnitt eingehender un tersucht werden soll. Favorisiert man jedoch eine „postkapitalistische“ Beteiligung der öffentlichen Sphäre, so wären unter der Voraussetzung einer weitest gehenden Entkopplung von Fertigung und Produktentwicklung grundsätzlich etwa folgende Varianten für die Automobilproduktion denkbar: 1. Die Fertigung in öffentlicher Trägerschaft beschränkt sich auf ein bestimmtes Marktsegment, etwa auf die Wiederbelebung der Idee eines sparsamen und zeit gemäßen „Volks-Wagens“; 2. Die staatliche (öffentliche) Fertigung übernimmt die gesamte Automobilpro duktion bis auf das Luxus-Segment; 3. Der Staat (öffentliche Betriebe) wird Monopolist für die gesamte Fertigung, macht der (privatwirtschaftlichen) Produktentwicklung Designvorgaben, und steuert die gesamte Automobilproduktion in Quantität und Qualität. Hierzu detaillierte Aussagen zu machen wäre aber nun extrem aufwändig, und wohl einem ganzen speziellen Forschungsprojekt vorzubehalten; an dieser Stelle würde dies den Rahmen des Möglichen weit übersteigen. Es wäre zu vermuten, dass ein experimentierendes, tastendes Vorgehen hier die optimale Lösung zum Vorschein zu bringen hätte. Generell wäre aber der bisherigen Argumentation folgend eine Lö sung zu favorisieren, die a) von einem eher schrumpfenden als wachsenden Sektor der Automobilproduktion ausgeht, und b) die Basis legt für eine öffentlich-gemein wirtschaftliche Dominanz.379 379 Abschliessend sei diesem Abschnitt ein Blick auf die Automobilproduktion bei dem US-amerikanischen Fer tiger Tesla angefugt, der von Chris Anderson in seinem Buch „Makers: The N ew Industrial Revolution“ wie folgt beschrieben wurde: „Tesla has built the m ost modern factory in the world. It happens to build cars, but it could build anything. It is not justautom ated , it’s a veritable robot army. Hundreds o f general-pur pose KUKA robot arms do everything from metal-bending to assembly. Flat-topped robot vehicles carry car chassis around, charging themselves on inductive pads as they go. Robot painting arms from Fanuc can open car doors to spray around them, and then close them again when they ’re done.” Steve Dickerson: W hat is flexible Automation? https://cross-automation.com/blog/what-flexible-automation [Stand 08.08.2017] Ein Foto dieser Fabrik von Paul Sakuma ist au f der Titelseite abgebildet. [241] Chancen für Start-Ups und Unternehmensgründer? Der 3D-Druck dringt inzwischen, weniger beachtet vom öffentlichen Interesse, in immer weitere Bereiche der industriellen Produktion vor. So berichtet ein Artikel der „IM+io Fachzeitschrift für Innovation, Organisation und Management“ von „Er folgsgeschichten des 3D-Drucks“, der insbesondere die Logistik „revolutioniere“, und nicht nur, aber auch im Rahmen innovativer Start-Ups Erfolgsgeschichten schreibe.380 Die klassische Wertschöpfungskette werde durch den 3D-Druck insoweit verändert, als die vormalige Funktion des Herstellers (also die physische Produktion) sich nun zum Distributor verlagere, der dadurch „empowered“ werde, oder gar zu einem „Kunden-Self-Service“, wo die CAD-Daten des Entwicklers direkt die Pro dukterzeugung anstoßen. Graphisch wird dies in den folgenden Abbildungen darge stellt: Abb. 12: Einordnung des Logistikers als Distributor innerhalb der klass. Wertschöpfungskette Abb. 13: Verminderung des distributionsbezogenen Wertschöpfungsanteils durch dezentrale Produktion Abb. 14: EmpowermentdesDistributorsdurch den3D-Druck 380 Screenshots entnommen aus: Oliver Thomas, Friedemann Kammler, Benedikt Zobel, David Sossna, Novica Zarvic: Supply Chain 4.0: Revolution in der Logistik durch 3D-Druck. IM +io Fachzeitschrift für Innovation, Organisation und Management H eft 1 2016. [242] Abb. 15: Eliminierung der Distributor-Rolle durch Produktion am Point ofSale Abb. 16: Eliminierung der Distributor-Rolle durch Produktion im Self-Service Die vier möglichen Stufen der Verkürzung der Wertschöpfungskette sind hier also abgebildet, von der durch 3D-Druck ermöglichten Dezentralisierung der Produktion, über die Verlagerung der Produktion zum Händler, dann zu einem 3D-Druck-Service, und schließlich als maximale Verkürzung der Wertschöpfüngskette zum 3D- Druck direkt am „Point-of-Sale“, also im Haushalt des Kunden bzw. am Ort des Konsums. Auf diese Weise kommt es zu einer „vollständigen Transformation“ der Wertschöpfüng hin zu einer ausschließlich informationsbezogenen Wertschöpfung: „Obwohl das zuvor erläuterte Wertschöpfüngsmodell vielen Restriktionen, wie bei spielsweise der notwendigen Fachkenntnis zur Maschinenführung und den weiterhin hohen Investitionskosten unterliegt, stellt das Szenario eine Schlussfolgerung der zu nehmenden breiten Verfügbarkeit von 3D-Druckern dar. Die Produktion durch „Self-Service“ integriert die vorhandenen Rollen in zunehmendem Maße und redu ziert die Wertschöpfüngskette auf ein Minimum, bestehend aus dem Entwickler des Produkts und dem Kunden, der im „Self-Service“ (auf dem eigenen Drucker vor Ort) das Gut materialisiert (vgl. Abbildung 5). Im Vergleich zum klassischen Szenario fin det so eine vollständige Transformation von einer produktbezogenen hin zu einer informationsbezogenen Wertschöpfüng statt.“ D. h., durch die Trennung von Fertigung und Design kommt es tendenziell von Stufe zu Stufe zu einer Reduktion der Wertschöpfüng in der Fertigung bis gegen Null; Wertschöpfüng findet in der letzten Stufe nur bei der Erstellung des Produktdaten modells aus CAD-Daten statt. Der Endnutzer erzeugt mit Hilfe seines „Kapitals“, seines 3D-Druckers, für den eigenen Verzehr bestimmte Gebrauchswerte. Nun stellt sich wiederum die Frage, ob dieser lokale Druckservice oder vielleicht auch der Distributor mitsamt 3D-Druckservice als Small Businesses betrieben wer den sollte, oder ob sie als Knoten zu einem öffentlichen Netz gehören sollten. Was spräche dafür, und was dagegen? Im obigen Beispiel kann man davon ausgehen, dass [243] durch die technischen Sachnotwendigkeiten definierte Möglichkeiten der Wertschöp fung in der Wertschöpfungskette durch die jeweils angemessene Spezialisierung (Her stellerservice, Distributor, Druckservice) ausgeschöpft werden. Mit anderen Worten: es tut sich ein Betätigungsfeld auf für die unternehmerische Initiative, unter Eingehen eines unternehmerischen Risikos eine bestimmte volkswirtschaftlich sinnvolle Leis tung zu erbringen. Der gegebene Stand der Technik ermöglicht dem „Kunden-Self- Service“ im Haushalt nur ein kleines Spektrum von Anwendungsfällen, aber für den Rest, für die nur mit einem leistungsfähigeren 3D-Drucker herstellbaren Produkte besteht bei dem Endkunden zu wenig Bedarf, als dass sich eine Investition für den Eigenverbrauch lohnen wurde. Also hat der 3D-Druckservice Aussicht, als Leis tungsanbieter erfolgreich am Markt aufzutreten, und diese Nachfrage zu bedienen. So weit spricht alles für das private Small-Business. Von dem Materialwissenschaftler joshua Pierce381 stammt das folgende Modell der Wertschöpfüngskette des 3D-Drucks, in dem der Zwischenhandel gar nicht vor kommt, dafür aber die Rohmaterialanbieter: Abb. 17: D ie 3 D -D ru ck W e rtsch ö p fu n g sk e tte n a ch J.P ie rce Es ist davon auszugehen, dass die hier angegebenen Print-Shops ebenfalls als „Small Business“ vorgestellt sind, wogegen das „Open Design Respository“ sowohl offene als auch „closed“, also privatwirtschaftlich hergestellte und geschützte Designs vorsieht; die Frage des Ablageortes der offenen Designs wäre in dem Zusammenhang durchaus noch der genaueren Betrachtung wert.382 Aber für die Print-Shops ergäben 381 Andre O. Laplume, Bent Petersen, Joshua M. Pearce, Global value chains from a 3D printing perspective, Journal o f International Business Studies 47(5), 595-609 (2016). doi:10.1057/jibs.2015.47 382 Der Kommunikationswissenschaftler Hendrik Send plädierte bereits 2013 für eine öffentliche Plattform in Form eines „W ikipedia der Dinge“ („W ikithings“) als gemeinnützige Organisation, die der Gefahr der Durch setzung einer interessengetriebenen Geschäftspolitik durch die diversen privaten Betreiber (wie etwa Shapeways) vorbeugt. In dem Zusammenhang hat er ebenfalls au f zu erwartende Netzwerkeffekte hingewiesen: „W enn nun die Designs für physische Gegenstände auf einer Plattform gesam m elt werden, so dass der Beitrag eines einzelnen für andere relativ problemlos zur Verfügung steht, so ist auch hier davon auszugehen, dass Netzwerkeffekte dafür sorgen werden, dass sich sehr wenige Plattformen m it dafür sehr vielen Nufzem und 3D-Designs herausbilden werden.“ Auch dies ein Argument für eine öffentliche Betriebsform. [244] sich auch aus dieser Sicht zunächst keine Gesichtspunkte, die gegen privatwirtschaft lich betriebene „Local Print Shops“ sprechen würden. 3D-Print-Shops werden nun auch von der „Deutsche Post DHL Group“ geplant, die mit Hilfe des 3D-Drucks ihre Lieferkettenstrategie neu ausrichten möchte. In einem im November 2016 erschienenen “Trend Report”383 heißt es über die Einsatz möglichkeiten von 3D-Print-Shops: „In the consumer context, one application could be for Companies to retrofit their many Service points or retail points with a 3D printing infrastructure. In essence, this would allow them to offer local communities ac cess to state-of-the-art 3D printing Services. The root of this concept is not new; it would work in a similar way to how consumers currently print paper documents by taking a file on a USB drive to their local copy shop or print photos at a photo kiosk in stores (see figure 40). Looking into the füture, these 3D print shops could eventually integrate not just 3D printers but also design tools and Scanners, as well as a wide selection of materials.” (S. 22) Es wird hier also die Parallele gezogen zum wohlbekannten Copy-Shop, in den man mit einem USB Stick gehen kann, um Dokumente auszudrucken, die man sei nem kleinen Drucker zuhause nicht zumuten mochte. Es wird in der Studie auch der Anwendungsfall für Bedarfs von Unternehmen, Architekturbüros oder Designstu dios beschrieben: „3D print shops like this could also be used by Companies to rapidly prototype new products without having to invest in and maintain the latest 3D-printing infrastructure. These facilities could also serve local businesses such as architects and small design studios that need to produce 3D models, as well as craftspeople creating tailor-made items for their customers. Personnel working inside 3D print shops will be trained to offer varying levels of support to match each customer’s 3D printing skillset. And because the printing process itself can take some time, the 3D print shop could also offer a delivery service to its customers.” Auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der Technologie ist diese Argumenta tion einleuchtend. Die Frage ist aber nun, ob diese Entwicklungen im Umfeld der beschriebenen gesamtwirtschaftlichen Lage mit geringem Wachstum und sehr viel renditesuchendem Kapital tatsächlich als eine neue optimistische Perspektive ver standen werden können, mit dem Potenzial, einen neuen Aufschwung zu initiieren, und Kleinunternehmen und Einzelpersonen auf einem „Wachstumsmarkt“ eine so lide langfristige Erwerbschance zu eröffnen. Im zitierten „Trend Report“ wird dem 3D-Druck zwar ein enormes Wachstums potenzial bescheinigt, man geht allerdings davon aus, dass der 3D-Druck die Mas senproduktion nicht ersetzen, sondern um zusätzliche Produktionsmethoden ergän zen wird. Einer der Projektverantwortlichen bei DHL wird in einer Pressemitteilung http://www.crossmedia-konferenz.de/files/crossmedia_konferenz/content/programm/Hendrik_Send_3D_Drucken.pdf [Stand 15.03.2017] Unterdessen erhielt das Luftfahrtuntemehmen Boeing ein Patent für eine 3D-M odell-Datenbank zum Bau von Flugzeugteilen. https://3druck.com/nachrichten/boeing-erhaelt-patent-fuer-3d-modell-datenbank-zum-3ddruck-von-flugzeugteilen-4855484/ [Stand 16.03.2017] 383 In Zusam m enarbeit m it dem Beratungsunternehmen Z P u n k t wurde eine Studie zur Zukunft des 3D-Drucks erstellt; die Deutsche Post DHL Group sieht darin verschiedene Szenarien zur Zukunft der Lieferketten vor, in denen „Small Businesses“ au f Basis des 3D-Drucks eine Rolle spielen könnten. http://www.dhl.com/content/dam/downloads/g0/about_us/logistics_insights/dhl_trendreport_3dprinting.pdf [245] mit der folgenden Einschätzung zitiert: „Der DHL Trend Report '3D-Druck und die Zukunft der Lieferketten' sieht den 3D-Druck als eine Transformationstechnologie. Dabei handelt es sich nicht um eine Wundertechnik, die die Massenproduktion in Fabriken obsolet macht. Ihr interessantes Potenzial liegt eher in der Fähigkeit, die Produktion von höchst komplexen und individuellen Produkten und Ersatzteilen zu vereinfachen. Das könnte Logistik und Herstellung näher zusammenbringen als je mals zuvor.“ Der 3D-Druck sei eine „Komplemetärtechnologie“, wie dann der verantwortliche Projektleiter der Studie bei DHL in dieser Pressemitteilung zitiert wird: „Markus Kückelhaus, Vice President Innovation and Trend Research bei DHL Customer So lutions & Innovation, sagt: ,Nicht alle Produkte sollten, können oder werden mit 3D- Druckern produziert werden. Dennoch zeigen Unternehmen in den verschiedenen Schlüsselindustrien ein erhöhtes Interesse am Einsatz von 3D-Druckern. Mehr Mög lichkeiten der kundenspezifischen Anpassung, weniger Abfall und mehr Produktion und Lieferung auf lokaler Ebene ist für sie ein Anreiz, 3D-Drucker zu nutzen. Eine kürzlich erschienene Untersuchung ergab, dass 38 Prozent der Unternehmen den Einsatz von 3D-Druckern in ihrer Massenproduktion innerhalb der nächsten fünf Jahre in Erwägung ziehen. Allerdings wollen sie die traditionelle Fertigung nicht voll ständig ersetzen. Wir glauben, dass der 3D-Druck mittelfristig die größten Auswir kungen auf die Ersatzteillogistik und bei der Herstellung von kundenspezifischen Teilen haben wird/“384 Was die Frage nach der Zukunft der Massenproduktion angeht, liegt die Betonung offenbar auf „vollständig“. Die Frage wäre, ob die additive Fertigung eine zusätzliche Nachfrage nach Produkten generieren kann, die ohne diese Technologie gar nicht herstellbar wären. Zum Teil ist das so. Aber wenn die Möglichkeit besteht, durch 3D- Druck etwa einen perfekt passenden Schuh zu kaufen, wird man dann zusätzlich noch den weniger gut passenden Schuh kaufen? Es scheinen einige Indizien darauf hinzudeuten, dass es durchaus zu substituierenden Effekten kommen wird, und dass diese Technologie dann per Saldo — wie eigentlich alle anderen digitalen Technolo gien, in der Summe ihrer Möglichkeiten — arbeitssparende Effekte haben wird, und keine die Nachfrage zusätzlich und überproportional stimulierenden Effekte. Ein Wachstumsschub dürfte dadurch also eher nicht generiert werden. Wie sieht es aber aus mit den Gewinnchancen von Printshops? Wenn es so sein sollte, dass mit diesen Printshops nennenswerte Gewinne zu erzielen sind und sie eine hinreichend stabile und kalkulierbare Kapitalrendite versprechen, die einem Sho pinhaber dann auch eine Existenz deutlich oberhalb des „Prekariats“ ermöglichen würde, dürfte es nur ein Frage der Zeit sein, bis diese Investitionschancen auch für größere Investoren interessant würden, und es alsbald zur Bildung von Ketten von Printshops käme. 384 DHL: „3D-Druck kann bestimmte Herstellungsmethoden revolutionieren. Anwendungen wie "Ersatzteile auf A bruf', schnelle Produktion von zeitkritischen und hochindividualisierten Teilen und 3D-Druckshops werden m öglich.“ Pressemitteilung der Deutsche Post DHL Group vom 29.11.2016 http://www.dpdhl.com/de/presse/pressemitteilungen/2016/3d_druck_kann_bestimmte_herstellungsmethoden_revolutionieren.html [Stand 14.03.2017] [246] Bei den bestehenden Copyshops sind die Margen und die Wachstumsaussichten so gering, dass hier kaum Interesse für Investoren besteht; es besteht auch kaum die Möglichkeit hier das Angebot künstlich zu verknappen und höhere Monopolpreise durchzusetzen, so dass die wenigen übrig gebliebenen Copyshops von renditesuchen den Investoren nicht bedroht werden, und ihnen ihre karge Existenz gelassen wird. Wenn aber Printshops eine feste Funktion innerhalb der geplanten Lieferketten ausrichtung der DHL bekommen sollten, wären sie vermutlich bald in einer ähnlich prekären Situation wie etwa die „selbstständigen“ Postagenturen. Insgesamt dürfte diesen Online-Print-Shops oder Local Print Shops das gleiche Schicksal bevorstehen wie etwa den „selbstständigen“ Fahrern bei Uber, oder schon viel früher der Mehr zahl der ehemals selbstständigen Imbissstuben, oder dem sprichwörtlichen Tante Emma-Laden. Was die Beschäftigung angeht, kommt es in einem späten Reifesta dium des Kapitalismus offenbar zu einer Art von finalem Marktversagen; die Be schäftigungsmöglichkeiten schrumpfen, und die Beschäftigung suchenden Menschen müssen dem Angebot hinterher rennen, sei es als Arbeitssuchende oder als „selbst ständige“ Kleinunternehmer.385 Das freie Unternehmertum hat in einer stagnierenden Ökonomie keine guten Er folgsaussichten, auch wenn mit dem Rummel um Start-Ups gerne versucht wird, die sen Eindruck zu erwecken. Aber das erfolgreiche Start-Up ist eben die ganz große Ausnahme, durchschnittlich macht nur eines von zehn Gewinn386. Die resultierende Erkenntnis kann nur die sein, dass den Gesellschaften, der öffentlichen Hand offenbar die Aufgabe zuwächst, die notwendige Stabilität herzustellen, in dem entstandenen Klima überschießender Produktionsmöglichkeiten, und vor dem Hintergrund des Faktums von Aberbillionen Dollar an Rendite suchendem Kapital.387 Hier sind Start-Ups und Kleinunternehmen nicht das geeignete Mittel. Hier müssen offenbar größere, mäch tigere, handlungsfähige politische Strukturen geschaffen werden, die auch überprivate politische Zielsetzungen verfolgen können, und den Atem haben, den Interessen des 385 Diese Perspektive der Beschäftigungslosigkeit als „Ubersisierung“ der Arbeitswelt scheint s ic h ja schon anzu kündigen, m itsam t der Notwendigkeit zu dieser Art von Abrufbeschäftigung bis ins hohe Alter: „“You m ight be driving Uber part o f the day, renting out your spare bedroom on Airbnb a little bit, renting out space in your closet as storage for Amazon, doing delivery for Amazon or housing the drone that does delivery for Amazon.“ „Children today could work until they are 100, predicts futurologist“ . http://www.theguardian.com/science/2015/oct/07/children-today-could-work-until-they-are-100-predicts-futurologist [Stand 14.10.2014], Die Diskussion der Fragwürdigkeit und Absurdität dieser Perspektive folgte kurze Zeit später: Peter Fleming: „W hat is the point o f work? Technology is making this question ever more urgent“ . Fleming beschwört hier eine Zukunft in 2040, in der das “neoliberale ökonomische Paradigma“ unter seinem eigenen Gewicht zusam m engebrochen ist, und man sich wieder au f die Frage besinnt, „welchen weiteren, höheren menschlichen Be dürfnissen die Arbeit dienen sollte“ . Aber diese Besinnung alleine dürfte noch nicht hinreichen, um in diesem Sinne Abhilfe zu schaffen. http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/oct/12/work-technology-advances-society [Stand 14.10.2015] 386 Vgl. dazu auch Stephen Hill: Die Start-Up-Illusion. Knaur 2017. 387 Nach dem Global W ealth Report der Credit Suisse betrug das weltweite Privatvermögen rund 250 Billionen Dollar. Für dieses Anlagemöglichkeiten zu finden, bemühen sich Vermögensverwalter wie die Firma Black rock, was aber zunehmend problematisch wird: „Die Jagd nach Rendite wird immer härter“, schreibt Black rock, der weltweit größte Vermögensverwalter, in seinem Ausblick auf das zweite Quartal 2016.“ Blackrock verwaltete 2016 alleine knapp 5 Billionen Dollar Anlagevermögen. Vgl. J. Röder: Das Ende der Renditen. H andelsblattvom 5.4.2016. http://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/trends/blackrock-ausblick-das-ende-der-renditen/13405678.html [Stand 02.03.2017] [247] privaten Kapitals Paroli zu bieten. Die Handlungsmaxime kann angesichts der kolos salen Herausforderungen nicht die sein, sich „durchzuwurschteln“, wie einmal in ei ner bemerkenswerten SPIEGEL-Kolumne vorgeschlagen worden ist.388 Dazu steht offenbar zu viel auf dem Spiel. Dass der Ausverkauf des öffentlichen Sektors unter der Ideologie des Neolibera lismus ein Fehler war, wird zunehmend erkannt, und gerade die Entwicklung der Post hat gezeigt, mit welch verheerenden Folgen für das öffentliche Wohl dieses große Entgegenkommen des Staates gegenüber den Kapitalinteressen verbunden war.389 Die beschriebene Neustrukturierung der Lieferketten mit einer wieder staatlichen Post dürfte der allgemeinen Wohlfahrt erheblich mehr dienlich sein, inklusive der neuarti gen Printshops, die erst dann das volle Potenzial entfalten können, das die Techno logie als komplettes „Ökosystem“ eigentlich mit sich bringt.390 Die Argumentation plädiert also insgesamt für eine erhebliche Ausweitung des öf fentlichen staatlichen Sektors, inklusive eines — zentralen, basalen — Teils der Produk tion, unter der Voraussetzung der technischen Möglichkeit der Entkopplung von Fertigung und Design. Es besteht offenbar ein dringendes, massives öffentliches In teresse an der Herstellung öffentlicher, und nicht renditegetriebener Fertigungskapa zitäten, um sie so dem Zugriff durch private Investoren zu entziehen, und ihnen die inhärenten Möglichkeiten zu einer tendenziell gebrauchswertorientierten Wertschöpfüng voll zu erschließen. Es sei in diesem Zusammenhang auf die Einschätzung F. W. Haugs verwiesen, wonach „die Lösung (...) mit der Ideologie der Privatisierung zu brechen [hätte] und die Aufgaben der allgemeinen Daseinssicherung in öffentliche Zuständigkeit zurück zuholen“. Kann sich daraus auch ein „postkapitalistischer“ Zustand ergeben? Haug zitiert hierzu K. G. Zinn: „Wenn ein ,richtiger‘ Kapitalismus ohne Akkumulation nicht überlebensfähig ist, (...) führt Stagnation zu irgendeinem postkapitalistischen Zustand.“ „Postkapitalistisch“ wäre nun nach Haug eine Systemverfassung zu nen nen, „die dem Privatkapital einen Steuerungsrahmen nach Kriterien gesellschaftlicher Erfordernisse vorgibt und die Aufgaben der Lebensvorsorge, die sich nur zum Scha den des Gemeinwesens der Profitlogik unterwerfen lassen, einem öffentlichen Sektor überträgt“. 391 Dem kann aus der hier entwickelten Sicht offenbar vorbehaltlos zuge stimmt werden; der beschriebene Wandel der Fertigungstechnologien führt dieser 388 Der Spiegel-Kolumnist Henrik Müller titelte in einer Kolumne vom 08.11.2015: „Gesellschaft: Nichts ist mehr sicher, wursteln wir uns durch“ . Er beschreibt den Verlust von Sicherheit, Beständigkeit und Planbarkeit der Lebensverhältnisse, beschreibt dies aber der neoliberalen Ausrichtung seines Hauses gemäß als unabänderli ches Diktum ökonomischer Sachzwänge; der ehedem berechtigte W unsch nach Planbarkeit wird zur „Fiktion“, die - natürlich - nicht aufrechterhalten werden kann. Die Devise „wursteln wir uns durch“ ersetzt in dieser bravourösen Interpretation der Kulturgeschichte also das unabgeschlossene Programm der Moderne. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muellers-memo-das-leben-wird-immer-weniger-planbar-a-1061644.html [Stand 08.11.2015] 389 Vgl. dazu auch: Der große Postraub: Post und Telekommunikation. Engartner, Tim. Staat im Ausverkauf: Pri vatisierung in Deutschland (German Edition) (Kindle-Position3127). Campus Verlag. Kindle-Version. 390 Jennifer Lawton, ehemalige Präsidentin der Firma MakerBot, erklärte einmal, der 3D-Drucker sei ein „Eco system, not a devicec“ . M akerbot hat inzwischen auch das Schicksal aller erfolgreichen Start-Ups erlitten. http://www.forbes.com/sites/cherylsnappconner/2013/09/13/3d-printing-is-an-ecosystem-not-a-device-jennifer-lawton-makerbot/ [Stand 30.10.2014] 391 W. F. Haug: High-Tech-Kapitalismus in der großen Krise, a.a.O., S. 333. Haug zitiert Z inn aus K. G. Zinn: Der M isstrauensindex. Sozialismus 11/2008, S. 27 [248] Intention aber offenbar erst das vorher nie da gewesene Potential zu, zu einem dau erhaften, stabilen und wohl auch irreversiblen „postkapitalistischen“ Zustand zu fuh ren, denn diesem Potential ist der Trend zu einem Abschmelzen der Kapitalmasse intrinsisch; Produktionsmittel, die auf der Konsumseite genutzt werden können, sind sozusagen „von Natur aus“ postkapitalistisch. Wie in der Diskussion der Wirkungen der Industrie 4.0 inklusive 3D-Druck gese hen, entsteht damit auch ein Trend der Dezentralisierung und der Lokalisierung der Produktion;}. Pierce erwartet nun, dass dadurch die Rolle multinationaler Unterneh men bei der Koordination globaler Wertschöpfungsketten verändert werden könnte: „Potentially, wider adoption of this technology has the potential to partially reverse the trend towards global specialization of production Systems into elements that may be geographically dispersed and closer to the end-users (localization). This leaves the question of whether in some industries diffusion of 3D printing technologies may change the role of multinational enterprises as coordinators of global value chains by inducing the engagement of a wider variety of firms, even households.”392 Das könnte ohne Zweifel prinzipiell so sein, allerdings wohl nur unter der Voraus setzung dass die “wider variety of firms” eben nicht lauter hilflose prekäre Small Businesses sind. Wenn es allerdings tatsächlich alles private Haushalte wären, die die Rolle der multinationalen Konzerne verändern, und das gesamte nachgefragte Pro dukt mit Hilfe des perfekten Star Trek Keplicators am Ort des Konsums hergestellt werden könnte, wären die Aussichten sehr groß, dass die Rolle der internationalen Konzerne sich ändern würde, aber leider — gibt es den RepUcatornoch nicht. 392 Andre O. Laplume, Bent Petersen, Joshua M. Pearce, Global value chains from a 3D printing perspective, Journal o f International Business Studies 47(5), 595-609 (2016). doi:10.1057/jibs.2015.47 [249] Seif Sufficient Cities? Smart Cities? Wenn auch nicht der Replicator, aber doch der 3D-Druck und das ganze weitere Ar senal von Maschinen der digitalen Fabrikation spielen eine zentrale Rolle im Konzept der „Seif Sufficient City“, so wie es etwa in Barcelona von deren seinerzeitigem Stadt architekten Vicente Guallart in Kooperation mit Neil Gershenfeld und seiner Fab Lab-Bewegung konzipiert worden ist. Sie sahen im Modell der selbstversorgenden Stadt nichts Geringeres als eine Blaupause für eine kommende Welt: „The Self-sufficient City outlines a blueprint for the world to come, a world built around cities and their renewed capabilities to become productive again.”393 Guallart nannte die folgen den zehn Prinzipien einer selbstversorgenden Stadt: 10 Prinzipien für eine (wirklich) selbstversorgende Fab City • Information: Information als öffentlicher Dienst, „Internet of everything“ • Wasser: 100% wiedergewinnbares Wasser, Wiederverwendung der Nährstoffe der Natur • Energie: 100% erneuerbare Energien; verteiltes Netzwerk mit lokaler Speiche rung • Rohstoffe: volle Rückverfolgbarkeit mit 0% Verschwendung, 20% Wiederver wendbarkeit • Nahrung: 100% Gemüse aus lokaler Mischproduktion, Kooperation mit dem Umland • Mobilität: Mobilität als öffentlicher Dienst, keine Privatautos in der Stadt • Urbanität: Metropole der Nachbarschaftlichkeit, öffentliche Räume als gemein schaftlicher Raum • Ökonomie: Verteilte dezentrale Ökonomie, • Erziehung und Bildung: Globale kollaborative Ausbildung, Schulen als Labore • Gesellschaft: Zivile Verwaltung, offener Zugang zu Daten Das Produktivwerden der Stadt im engeren Sinne soll insbesondere durch die Ei genproduktion von Konsumgütern in lokalen Fab Labs möglich werden, die all diese Werkzeuge der digitalen Fabrikation zur Verfügung stellen, inklusive eines üppigen Angebots von Informationen und Kursen, um mit den digitalen Maschinen umgehen zu können. Das Fab Lab Barcelona ist etwa mit den folgenden Maschinen ausgerüs tet: 393 Aus der Ankündigung einer Vorlesung von Vicente Guallart am M IT am 7.3.2014: The S eif Sufficient City“ . https://architecture.mit.edu/lecture/self-sufficient-city [Stand 17.03.2017] [250] Abb. 18: Tools des Fab Lab Barcelona Barcelona ist inzwischen auch der Initiative der „Fab Cities” beigetreten, und steht damit im Verbund mit der weltweiten Bewegung der „Locally productive Globally connected cities.“394 Eine „Fab City“ wird beschrieben als ein “new urban model for locally productive and globally connected seif sufficient cities.” Eine „Road Map” dieser Initiative zeigt deren langfristig anvisiertes Ziel: bis zum Jahr 2054 sollen die Städte wenigstens 50% ihres Konsums selbst hersteilen können; ferner soll ein glo bales Open Source Repository für „City Solutions“ zur Verfügung stehen, und alle benötigten Materialien sollen lokal verfügbar sein, durch Recycling und die Verwen dung wiederverwendbarer digitaler Materialien.395 Die Fab City Initiative steht wiederum in Verbindung mit der weltweiten Fab Lab Bewegung, um mit lokalen Projekten, Behörden und Organisationen lokale Strategien für Fab Cities zu entwickeln. Bei der „Fab Foundation“ sind inzwischen nicht weni ger als 1.116 Fab Labs angemeldet396; der Fab City Initiative gehören weltweit 16 Städte an. Die Fab Labs sind oft Universitäten angeschlossen, und verfolgen im Gegensatz etwa zu dem über Mitgliedsbeiträge finanzierten Unternehmen Techshop mit einem vergleichbaren Angebot keine kommerziellen Interessen. Die Fab Foundation beschreibt ein Fab Lab folgendermaßen: „A Fab Lab is a technical prototyping platform for innovation and invention, providing Stimulus for local entrepreneurship. A http://fab.city/ [Stand 17.03.2017] 395 Fab City Road M ap 396 http://www.fabfoundation.org/ [Stand 17.03.2017] [251] Fab Lab is also a platform for learning and innovation: a place to play, to create, to learn, to mentor, to invent. To be a Fab Lab means connecting to a global community of learners, educators, technologists, researchers, makers and innovators- -a knowledge sharing network that spans 30 countries and 24 time zones. Because all Fab Labs share common tools and processes, the program is building a global net work, a distributed laboratory for research and invention.”397 Es fallt auf, dass hier öffentliche und private Interessen, unternehmerische Initia tiven und Planungen, Arbeit und freie spielerische Kreativität offenbar munter durch einander gehen. Möglich ist dies natürlich vor allem dadurch, dass Fab Labs öffentlich gefördert werden, und die Kosten der Ausstattung und des Betriebs nicht selbst er wirtschaften müssen. Zugang und Nutzung der Maschinen sind in der Regel frei, auch wenn einige der Angebote der Fab Foundation kostenpflichtig sind. Das Fab Lab Barcelona zum Beispiel ist dem “Institute for Advanced Architecture of Catalonia” angeschlossen. Der Name Fabrication 'Labor bezieht sich auf den Umstand, dass diese Werkstätten von ihrem Erfinder Neil Gershenfeld gewissermaßen als Vorläufer des Star Trek Replicator verstanden werden; als eine Möglichkeit, eine Technologie schon zu nutzen, während sie sich noch in der Entwicklung befindet. Insofern sind die Werkstätten also als ein Versuchslabor zu verstehen. In einem späteren Stadium sollen all diese separaten Maschinen in eine einzige Maschine integriert sein, die dann in der Lage sein soll, (fast) alles „aus Daten“ herzustellen, in einem Arbeitsgang. Als ein Zwi schenstadium wäre der Versuch zu verstehen, eine Objekt-orientierte Programmier sprache für Hardware zur Verfügung zu stellen, wie dies zum Inhalt der Dissertation einer ehemaligen Studentin Gershenfelds gemacht worden ist, mit dem Titel: „Making Machines that Make: Object-Oriented Hardware Meets Object-Oriented Soft ware.“398 Mit dieser Art der Programmierung soll es möglich werden, eine rekonfigurierbare Infrastruktur von Maschinen zu entwickeln, also abhängig von dem „Ding“, das hergestellt werden soll, das „Set“ von Maschinen zu konfigurieren und zu pro grammieren, das dessen Herstellung dann übernimmt. Statt dass die Handhabung jeder einzelnen Maschine (aus dem oben gezeigten Arsenal) beherrscht werden muss, und jede Maschine einzeln programmiert wird, soll mit dieser Objekt-orientierten Programmiersprache so eine komplette maschinelle Infrastruktur zusammengestellt und programmiert werden können. Die dahinter liegende Vision ist dennoch der universale Fabrikator, der dadurch nur ein wenig mehr dem Reich der Magie entrissen wird. In der Science-Fiction wird eine „one-machine-fits-all“-Wundermaschine unterstellt, die „alles“, also einfache Dinge wie Tee so gut wie komplexe Dinge wie Klarinetten oder Maschinenteile her stellen kann, alle mit der gleichen simplen Benutzer-Schnittstelle: „Tea, Earl Grej, hot.“ Heute wird dies aber kaum möglich sein, argumentiert die Autorin, denn die Ma schine brauche genaueste Anweisungen für ihre Aktionen, und der Nutzer braucht genaue Vorstellungen davon, welche Maschine wozu genutzt werden kann. Wir sind 397 https://www.fablabs.io/labs [Stand 17.03.2017] 398 N. Peek: Making M achines that Make: Object-Oriented Hardware Meets Object-Oriented Software. Disserta tion am MIT, eingereicht am 25.7.2016 http://cba.m it.edu/docs/theses/16.08.Peek.pdf [Stand 17.03.2017] [252] noch weit entfernt von der Universalmaschine, und es wird in der Praxis viel spezielle Expertise benötigt. „These are not problems in principle, but problems in practice. So how can we build the practice of rapid prototyping3" of rapid prototyping machines?” Das ist also das Ziel dieser Doktorarbeit, die hofft, die Arbeit in den Fab Labs erleichtern und produktiver machen zu können. Aber ist es Ziel der Industriegesellschaft, dass jeder — wenn auch mit Hilfe digitaler Maschinen — sich Expertise aneignen muss, um die Dinge herzustellen, die er konsu mieren möchte? Allerdings: ein alternatives Modell von Ökonomie wird damit ja noch nicht angestrebt, das angestrebte Modell wäre eines, das die Verfügbarkeit des fertigen universalen Replicators voraussetzen kann; insofern ist das, was in den Fab Labs passiert, ja eine Art von kollektiver Labor- und Forschungsarbeit, im Rahmen und auf der Grundlage einer bestehenden und funktionierenden „konventionellen“ Ökonomie. Aber ergäbe sich so auch ein Pfad, die „konventionelle“ kapitalistische wachstumsabhängige Wirtschaft ganz zu überleben und zu überwinden? Wenn es so möglich sein sollte, tatsächlich die Hälfte aller nachgefragten Konsumgüter auf diese Weise herzustellen, wäre dann ein ökonomischer Zustand erreicht, den man allge mein für erstrebenswert halten dürfte oder müsste? Es war vorne ja schon gesagt worden: wenn tatsächlich alle nachgefragten Kon sumgüter auf diese Weise hergestellt werden könnten, wäre ganz sicher ein allgemein erstrebenswerter Zustand von Ökonomie und Gesellschaft erreicht. Es scheint allen falls, als sei dieser Zielzustand von der Fab City Bewegung oder auch der Fab Lab Bewegung nicht wirklich konsistent beschrieben. Man würde so offensichtlich auch unterstellen, dass „die Sphäre der Produktion“ auch auf diesem Weg in den öffentli chen Sektor übergegangen wäre; das Kapital, die Maschinerie, befände sich offen sichtlich nicht in Privatbesitz. Die Dritte industrielle Revolution spielte sich so also sehr unspektakulär ab, ohne dass sie sich selber groß um die Probleme der sie umge benden Welt kümmerte, und ohne dass die umgebende Welt sich groß um sie küm merte. Diese Bewegung taucht in keinem Programm einer politischen Partei auf; diese Road Map der Fab Cities, in etwa 40Jahren die Hälfte der Industrieproduktion selbst übernehmen zu wollen, in öffentlichen lokalen Digital-Fabriken, nimmt kaum je mand zur Kenntnis. Ist dieser Bewegung zuzutrauen, so im Verborgenen die Welt so positiv zu verän dern? Schnell genug? Ist es zu verantworten, sich auf diesen Weg zu konzentrieren, und die Welt im Übrigen sich selbst zu überlassen? Darf damit gerechnet werden, dass nach nach den erlebten krisenhaften Zuspitzungen sowohl in der globalisierten Ökonomie als auch im Weltklima die das Überleben sichernde „alte“ Ökonomie so lange unbeschadet weiterlebt, dass man sich darauf verlassen und stützen kann, und es so zu einer ruhigen, undramatischen, harmonischen und konfliktfreien System transformation kommen wird? Über einen Zeitraum von mindestens 40Jahren? Po sitiv zu vermerken ist, dass so überhaupt etwas mit diesen Zielsetzungen in Bewegung gesetzt werden kann; die Fab Lab-Bewegung hat nach wie vor ungebrochenen Zulauf 399 3D-Drucker wurden zuerst „Rapid Prototyper” genannt, da sie vornehmlich benutzt wurden, um Prototypen von geplanten Produkten zur äußerlichen Veranschaulichung herzustellen; in einem weiteren Sinn kann man diese Begriffsbedeutung au f alle digitalen Fabrikationsmaschinen ausdehnen. Rapid Prototyping o f Protyping M achines heißt dann: schnelle Konfiguration von digitalen Maschinen. [253] und entwickelt sich stürmisch. Statt passiv zuzuschauen oder nur konsequenzenlose Forderungen zu erheben, kann hier konkret, in einem weltumspannenden Netz mit sehr viel verfügbarem Know-How und koordinierender Planung an einem jedenfalls prinzipiell zukunftsweisenden ökonomischen Fortschrittsmodell gearbeitet werden, das einen Weg, die konfligierenden Interessen von Kapital und Arbeit zu überwinden und ganz eigentlich aufzulösen, wenigstens prinzipiell aufzeigen kann. Aber neben der doch eher als gering einzuschätzenden Aussicht, dass weder im Bereich der Ökonomie noch dem der Ökologie ernste und unmittelbares Eingreifen erfordernde Krisenphänomene auftauchen, gibt es auch prinzipielle Einwände. Die Selbstversorgung in Städten kann eigentlich nicht zum spezifischen Charakteristikum eines allgemeinen Modells von Ökonomie gemacht werden. Wodurch eine Ökono mie sich auszeichnet, muss schon durch allgemeine Prinzipien der Wertschöpfung, und durch Merkmale der Organisation von Güter- und Faktorallokation beschrieben werden können; diese gelten dann offensichtlich für alle Akteure eines ökonomischen Modells, unabhängig vom Gemeindetyp ihrer lokalen Zuordnung. So bleibt es wohl bei der eingangs beschriebenen Unterscheidung nach dem Ort der Sphäre des Wirt schaftlichen, ob in der öffentlichen, oder der privaten Späre. Der Begriff Smart City wird aber nun gewöhnlich in einer ganz anderen Bedeutung verwendet als in dem von Selbstversorgung. Der Bundesverband Smart City e.V. ver wendet die folgende Definition: „Eine Smart City ist eine nahezu decarbonisierte Stadt, in der Nachhaltigkeit konsequent gelebt wird, in der die Handlungen der Stadt gemeinschaft verallgemeinerbar sind und in der die Lebensqualität aller Bewohner (Menschen und Tiere) sowie der Erhalt des Klimas und der lebendigen Umwelt, in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung gestellt wird. Die eigene Identität wahrend, strebt die Stadtgemeinschaft kontinuierlich nach lebendiger Vielfalt, sozialer Kohä sion und umfassender Resilienz, während sie durch eine integrierte Stadtverwaltung geführt wird, die nach den Prinzipien der Urban Governance arbeitet. Um diese Ziele zu erreichen, setzt die Stadtgemeinschaft geeignete Infrastrukturen, interoperable Techniken, die Vernetzung von Systemen sowie die Digitalisierung sehr bewusst ein, ohne sich technischen Innovationen jemals auszuliefern.“ In Hamburg, wo man sich dieses Konzepts mit Nachdruck und Ehrgeiz angenom men hat, hat man einen Schwerpunkt mit der Verbesserung des Verkehrsflusses ge setzt; hier gibt es nun „Busse, die mit Ampeln kommunizieren; Straßenbeleuchtung, die automatisch heller wird, sobald sich Fußgänger oder Radfahrer nähern; oder Wei chen, die sich selbst melden, wenn sie geschmiert werden müssen,“ wie das Hambur ger Abendblatt in einem Artikel vom 24.5.2016 schreibt. Man will ferner erreichen, dass etwa Baustellen besser koordiniert werden können: „Auch die Koordinierung von Baustellen in Hamburg soll im Rahmen der digitalen Revolution so verbessert werden, dass sich Auto- und Radfahrer nicht mehr so viel über Dauerstaus ärgern müssen. Das vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) dafür ins Leben gerufenen Projekt heißt ebenfalls ROADS. Herzstück ist ein ,Multitouch- Tisch‘, der es ermöglichen solle, die Entscheidungsträger im zeitlichen Vorfeld der Maßnahme übersichtlich mit den relevanten Projektinformationen zu versorgen“, heißt es weiter in diesem Artikel. Allen Planern sollen also zentral sämtliche Daten [254] über Bauprojekte zur Verfügung stehen, um etwa Mehrfacharbeiten durch schlechte Projektkoordination zu vermeiden. Es sollen aber nicht etwa nur Baustellen besser koordiniert werden, sondern der ganze Verkehrsfluss. Die Hamburger Hafenbehörde hat hierzu als Pilot das Projekt „smartROAD“ gestartet, womit getestet werden soll, wie der Verkehrsfluss im Hafen und die umgebenden Faktoren wie Lärm oder Kohlendioxid mittels neuester Sensor Technologien erfasst, ausgewertet und beeinflusst werden können, berichtet der Ar tikel weiter. Der Digitalchef der Hamburger Port Authority wird dazu wie folgt zitiert: „Die intelligente Straße ist ein Mosaikstein im Gesamtkonzept des intelligenten Ha fens. Ziel ist, sowohl die Verkehrsträger Straße, Schiene, Wasser als auch den darauf stattfindenden Verkehr an sich intelligenter steuern zu können, um die Gesamteffizi enz im Hafen zu erhöhen.“ Ohne nun ausführlich weitere Beispiele anderer Städte zu diskutieren, ist daraus ersichtlich, worin das Ziel der Maßnahmen der Smart City Hamburg liegt: „Mobilität effizienter zu machen, Ressourcen zu schonen und negative Umwelteinflüsse zu sen ken.“ Es geht darum, die an sich ungeplanten und unkoordinierten Operationen von Akteuren, also Fahrten von Verkehrsteilnehmern, zentral zu koordinieren im Sinne einer Zielsetzung, von der angenommen wird, dass alle Akteure sie gleichermaßen verfolgen: nämlich auf dem kürzesten Weg zum Ziel zu kommen. Offensichtlich wer den so keine den Kapitalismus transzendierenden Zielsetzungen angestrebt; aller dings kommt hier ein Steuerungsmechanismus erfolgreich zur Anwendung, der auf ganz andere Prinzipien setzt, als die Marktkoordination von Wirtschaftshandlungen über Preissignale, und macht deutlich, dass Wettbewerb und individuelle Leistung (etwa als Motorleistung des genutzten Fahrzeugs) offenbar nicht immer das beste den Allgemeinnutzen maximierende Koordinationsprinzip darstellt. Diese Erkenntnis liegt aber eher im Bereich des Anekdotischen und verhilft nicht durchgreifend zu Einsichten in Bezug auf die Überwindung ökonomischer Sachzwänge, denn diese Art der Koordination wird sich auf den wirtschaftlichen Austausch nicht übertragen las sen. Nützlich im Sinne der genannten Zielsetzungen von Ressourcenschonung und Umweltschutz sind diese Maßnahmen offensichtlich allemal. Kritik entzündet sich aber nun an dem Umstand, dass der weitere politische Kon text durch beide Ansätze aus dem Blickfeld verdrängt wird. Diese Kritik wurde etwa formuliert von zwei Mitarbeitern der Universität Cataloniens, die „Widersprüchlich keiten“ entdeckten in der Politik, Barcelona zu einer Self-Sufficient City zu machen.400 Sie fordern, die Smart City zu „repolitisieren“: „The wider political economy is based on the capturing of new monopoly rents on the one hand, and on the other on securing an urban sustainability fix for the inherent problems of sustained growth in Contemporary capitalism by utility and ICT Companies.” Sie kritisieren also, dass die umgebende auf Rentenextraktion basierende politische Ökonomie unangetastet bleibe, und dass man mit Hilfe von Informations- und Kommunikationsunterneh men die Probleme eines anhaltenden Wachstums im gegenwärtigen Kapitalismus zu lindern helfe. Sie möchten dagegen mehr erreichen: „It is necessary to Start to imagine 400 Hug March and Ramon Ribera-Fumaz: Smart contradictions: The politics o f making Barcelona a Self-sufficient city. European Urban and Regional Studies 2016, Vol. 23(4) 816-830 [255] and construct alternative urban utopias. These new imaginaries should go beyond the actually existing Smart City.“ (a.a.O.) Aber da stellt sich offensichtlich wieder die Aus gangsfrage, wie dies denn erreicht werden könnte. Und, um an die eingangs disku tierten ethischen Fragestellungen anzuknüpfen, es scheint offenbar besser, das heute Mögliche zu tun, anstatt darauf um eines „Besseren“ willen zu verzichten, das aber noch nicht in die Reichweite des Machbaren gerückt ist. Aber dies ist zu einem Teil jedenfalls immer auch eine Ermessensfrage. So war lange bekannt, dass die Nutzung der Atomenergie zur Erzeugung von Elektrizität mit enormen Risiken verbunden ist. Der Atomausstieg wurde schon seit Mitte der 1970er Jahre gefordert, und bekam nach der Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine 1986 starken Zulauf. Aber es bedurfte erst der Katastrophe von Fukushima 2011, bis man die schon lange erkannten Gefahren ernst nahm, und am 30.Juni 2011 im Deut schen Bundestag die atompolitische Wende beschlossen wurde. Die erst im Herbst 2010 beschlossene Taufzeitverlängerung für acht Kernkraftwerke wurde rückgängig gemacht, und weitere acht deutsche Kernkraftwerke verloren am 6. August 2011 ihre Betriebserlaubnis. Bis Ende 2022 sollen sämtliche Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz gegangen sein. Eine Notwendigkeit, aus der Kernkraft auszusteigen, hatte also zu dem Zeitpunkt schon lange bestanden, und der dann mit so großer Verzögerung erfolgte Ausstieg wird die öffentlichen Kassen enorm belasten. Die Notwendigkeit ist, dem politischen Druck interessierter Seiten folgend, verleugnet worden. Wie ist es mit der Notwendigkeit, aus dem Kapitalismus auszusteigen? Wie ist es mit der Möglichkeit? Wenn die Notwendigkeit groß ist, entsteht auch mehr Druck, die vielleicht erst in statu nascendi vorhandene Möglichkeit herzustellen. Ein (kurzer) Blick auf die beunruhigenden bis dramatischen Vorgänge an der Klimafront sagt ei gentlich schon eine ganze Menge über die Notwendigkeiten. [256] Ausblick: Keine Plünderung der Erde! Extreme Unwetterereignisse häufen sich seit 1980 weltweit, mit einer immer weiter ansteigenden Schadensbilanz. N u m b e r of natural cata&trophes 1980-2011 1,000 I___________ I___________ _̂___________________ 800 600 400 200 I I960 I 1965 11990 11095 12000 12005 I 2010 Abb. 19: Schadenshäufigkeiten der M unicRE 2012401 Die Gefahr droht aber nicht nur von Unwetterereignissen. Im Frühjahr 2014 er schien eine von der NASA mitfinanzierte Studie einer Forschergruppe der Universi tät Maryland um den Mathematiker Safa Motesharrei, die „der menschlichen Zivili sation prophylaktisch den Totenschein“402 ausstellte. Die Menschheit steuere inner halb der nächsten Dekaden auf einen „irreversiblen Kollaps“ zu, weil sie ständig mehr Ressourcen verbrauche als regeneriert werden können, und gleichzeitig dem Klima haushalt so viele belastende Schadstoffeinträge zuführe, dass dessen Kollaps unver meidlich sei. Als zentrale Risikofaktoren nannte die Studie „Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Wasserversorgung, Landwirtschaftsentwicklung und Energiever brauch.“403 Die Autoren sehen insbesondere die entstandene Ungleichheit und die Rolle der Eliten als krisenverschärfende Faktoren, da die Eliten vom bestehenden Modus der Ressourcenübernutzung profitieren, und gleichzeitig überproportional in der Lage sind, ihre Interessen im politischen Prozess durchzusetzen. Gleichzeitig häufen sich die Schreckensmeldungen von der Klimafront. Der Spie gel meldete am 12.3.2017, dass die Ozeane sich deutlich schneller erwärmen als be fürchtet.404 Eine Analyse eines Forscherteams um Lijing Cheng von der Chinese M unicRe Topics 2012 http://earthmind.org/files/risk/M unichRe-2012-Natural-Catastrophes-2011.pdf 402 So beschrieb dies sarkastisch der Journalist Tomasz Konicz in seinem Buch über die „finale Krise der W elt w irtschaft“ : Kapitalkollaps. Hamburg 2016, S.7 403 „Das Ende ist nah. Die moderne G esellschaft wird kollabieren, sagt eine neue Studie der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa. “ Bericht der FAZ vom 24.03.2014 http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/studie-diem odeme-gesellschaft-wird-untergehen-12861424.html Die Studie ist hier abrufbar: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921800914000615 [Stand 20.03.2017] 404 Der SPIEGEL sieht darin einen weiteren „Beleg für den Klimawandel: Die Ozeane heizen sich immer schneller auf. Neue Daten zeigen, wie sehr sich Forscher in der Vergangenheit geirrt haben.“ Bericht vom 13.03.2017 http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ozeane-erwaermen-sich-deutlich-schneller-als-gedacht-a- 1138348.html [Stand20.03.2017] H Oecphysical events: Earttiquake, volcanic eruption m Meteorological events: Tropical storm, winter storm, severe weather, hai I, tornado, local storm Hydrological events: Storm surge, river flood, flash flood, mass movement (landslide) M Climatological events: Heatwave, oold wave, w ildf Ire, drought [257] Academy of Sciences in Peking fand heraus, dass der beschwichtigende Weltklima bericht des Jahres 2013 „eine Täuschung“ war; der aktuellen Untersuchung zufolge „erwärmen sich die Ozeane rund 13 Prozent schneller als bisher gedacht. Hinzu kommt, dass sich der Prozess immer weiter beschleunigt. 1992 heizten sich die Oze ane bereits nahezu doppelt so schnell auf wie noch I960, schreiben die Wissenschaft ler im Fachblatt ,Science Advancesf Erst seit 1990 erreiche die Erwärmung über haupt Wassertiefen unter 700 Metern.“ Auch andere schon früher durchgeführte Stu dien wie die der Royal Society405 vom Februar 2014 bestätigten weltweit die Gefahr irreversibler klimatischer Veränderungen. In Deutschland mit seinen gemäßigten klimatischen Bedingungen verging in den Sommern der letztenjahre kaum mehr eine Schönwetterperiode ohne sich anschlie ßendes Unwetter, wie im Sommer 2014 etwa der Extremregen in Münster im ju li mit zwei zu beklagenden Todesopfern, und im ju n i eine Schwergewitterlage in weiten Teilen Deutschlands mit Starkregen, extrem großen Hagelkörnern und vereinzelten Orkanböen. Die verheerende Elbe- und Donauflut des Sommers 2013 kam elfjahre nach der ersten Elbe- und Donauflut, damals verharmlosend „Jahrhundertflut“ ge tauft, um an eine extreme Seltenheit eines solchen Wetterereignisses glauben zu ma chen. Viele damals überschwemmte Häuser und ganze Stadtteile, die im Taufe der Jahre mit viel Mühe und Geld wiederhergerichtet worden waren, wurden erneut durch die Fluten verwüstet. Im Mai 2010 richteten schwere Unwetter vor allem im Osten Deutschlands Schäden in dreistelliger Millionenhöhe an, gefolgt von einem extrem regenreichen August mit der dreifachen, stellenweise fünffachen Regenmenge eines bisher durchschnittlichen August. Starke Tornados treten gehäuft nun auch in Deutschland auf und richten erhebliche Schäden an.406 Der Orkan „Kyrill“ im Januar 2007 forderte 47 Menschenleben und verursachte Schäden in Höhe von rund 6 Mrd. Dollar; er war damit der bisher schwerste Orkan nach dem noch verheerenderen Orkantief „Tothar“, das in ganz Europa 1999 110 Menschenleben kostete und dessen Schadenssumme sich auf über 6 Mrd. Dollar be lief. Dies sind nur einige der in Deutschland und Europa aufgetretenen Anomalien; die Verwüstungen durch Hurricanes in der Karibik oder Taifüne wie des Taifüns Haiyan, der vor allem auf den Philippinen Millionen Menschen obdachlos machte und rund 10.000 Menschen das Teben kostete, sind weitaus verheerender. Mexiko wurde 2015 vom „stärksten jemals registrierten Hurrikan“ getroffen, der aber immer hin nicht die befürchteten Schäden hervorgerufen hat.407 405 The Royal Society: Climate Change: Evidence & Causes. https://royalsociety.org/policy/projects/climate-evidence-causes/ [Stand 07.10.2014] 406 Die W ebseite Tomadoliste Deutschland erfasst die in Deutschland beobachteten Tornados seit dem Jahr 689 (!) m it vereinzelten Tornados pro Jahr bis etwa 1996, ab da aber ansteigend au f z. B. 108 im Jahr 2002 bis zu 459 im Jahr 2016. W ährenddessen wird versucht (z. B. von der Unwetterzentrale Deutschland) den Eindruck zu erwecken, als seien Tornados früher nur weniger beachtet worden. Vgl. http://www.tornadoliste.de/ 407 Der SPIEGEL vom 24.10.2015: „Sturmregion drohen Erdrutsche. Umgestürzte Bäume, Überflutungen - au ßerdem drohen womöglich Erdrutsche. Dennoch sieht es so aus, als habe der W irbelsturm "Patricia" Mexiko nicht so hart getroffen wie zuvor befürchtet.“ http://www.spiegel.de/panorama/wirbelsturm-patricia-behoerden-warnen-vor-erdrutschen-a-1059449.html [Stand 15.03.2017] [258] In den USA wurde 2015 gleichzeitig von einem „Jahrtausend-Regen“408 in South Carolina, sowie vom Austrocknen eines Sees infolge der „schlimmsten Dürre seit 1200Jahren“ in Kalifornien berichtet.409 Im januar 2017 ist das Problem in Kalifor nien nun nicht mehr die Dürre, sondern „schwere Überschwemmungen“: „Der sonst sonnenverwöhnte Staat leidet unter Wassermassen, Schnee und Schlammlawinen“, berichtet der SPIEGEL am 10.01.2017. Die weltweit bekannte Aktivistin Naomi Klein sah die Welt 2014 vor die Alterna tive „Kapitalismus vs. Klima“410 gestellt. Es sei der „Marktfundamentalismus“, der den Planeten aufheizt. Eine von ihr vorgeschlagene „neue Ökonomie“ würde „den öffentlichen Sektor stärken und transformieren“, und „ein gewisses Maß an Planung einführen“. Als beispielhaft erwähnt sie die Bestrebungen der „Bewohner vieler deut scher Städte, sich die Kontrolle über die Stromerzeugung zurückzuholen, damit der Übergang zu den erneuerbaren ohne Aufschub erfolgen kann“, und weil „die erziel ten Gewinne dann nicht an die Aktionäre, sondern zurück an die darbende öffentli che Hand“ fließen. Als Modell der Versorgung mit Energie schlägt sie kleine, lokale Versorgungsbetriebe vor, die demokratisch betrieben würden durch die „Kommu nen, die sie nutzen“, oder auch durch Genossenschaften oder „Allmenden“. Die Bür ger könnten dann „ganz andere Forderungen an ihr Energieunternehmen stellen als derzeit, zum Beispiel dass ihre Erlöse „nicht (...) in unanständig hohe Managergeh alte und Aktionärsgewinne“ gesteckt werden. Aus der Sicht der hier entwickelten Ar gumentation scheint das sehr plausibel — und würde sich dann eben auch auf wichtige Teile der Produktion erstrecken. Auch sie fordert eine „Abkehr von den neoliberalen Dogmen“, und wendet sich gegen das Hoffen auf „grüne Milliardäre als Heilsbrin ger“, die im Alleingang die Welt aus der Gefahr retten, die verursachenden und über lebten Prinzipien im Bereich der Ökonomie aber nicht ändern. Die Epoche des Anthropozäns411, die nach mehr als 12.000Jahren die Epoche des Holozäns ablöste, hat offenbar zu verheerenden Auswirkungen auf Flora und Fauna geführt; mit Blick auf die verursachenden Mechanismen hat der Politikwissenschaft ler Elmar Altvater nicht ohne Sarkasmus vorgeschlagen, diese Epoche als Kapitalozän zu bezeichnen.412 An Gründen und vielfach geäußerten Wünschen, diese Epoche zu beenden und eine neue Epoche zu beginnen, fehlte es also offensichtlich nicht, nur, bisher, an den Mitteln. 408 Am 05.10.2015: http://www.t-online.de/nachrichten/id_75193786/jahrtausend-regen-in-south-carolina-undmehr-morgennews.html 409 Am 04.10.2015: http://www.t-online.de/tv/news/id_75657242/ein-ganzer-see-faellt-hisorischer-duerre-zumopfer.html 410 Klein (2015) S. 158 ff. 411 Das Berliner Haus der Kulturen veranstaltete 2014 ein Forum zur Diskussion von Fragen und Forschungser gebnissen der „Anthropocene W orking Group“ . http://www.hkw.de/de/programm/projekte/2014/anthropoza.enprojekt_ein_bericht/anthropocene_workin g g ro u p l/a n th ro p o c e n e w o rk in g g ro u p fo ru m .p h p [Stand 17.10.2014] 412 „Grünes W achstum ist ein W iderspruch in sich“, m eint Demographie Experte Rainer Klingholz („Sklaven des W achstum s“, Campus 2014), wie auch der W achstumskritiker Niko Paech. [259] [260]

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.