Content

EINLEITUNG in:

Ludger Eversmann

Die Große Digitalmaschinerie, page 13 - 32

Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4038-6, ISBN online: 978-3-8288-6756-7, https://doi.org/10.5771/9783828867567-13

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
E IN L E IT U N G Wie sieht die nächste Gesellschaft aus? Was erwartet uns nach dem Kapitalismus? In aller Kürze wird in diesem Buch die folgende Antwort auf diese — nicht unerheb liche — Fragestellung versucht: Man kann den Einstieg wählen über die Frage nach dem Ort der wirtschaftlichen Belange in einer Gesellschaft. Seit den Anfängen der klassischen Wirtschaftswissen schaften, durch alle Schulen und Lager hinweg, war die ordnungspolitische Frage nach der Aufgabenverteilung zwischen Staat und Privatwirtschaft eine entscheidende und richtungweisende, von der die Mehrzahl der weiteren abhängt. Gehören die wirt schaftlichen Belange der Gesellschaft ganz oder überwiegend in die öffentliche, oder in die private Sphäre? Welche Sphäre ist die dominierende? Etwa nachjoseph Schum peters heute rund 70 Jahre alter Definition war eine sozialistische Gesellschaft ein „institutionelles System, in dem die Kontrolle über die Produktionsmittel und über die Produktion selbst einer Zentralbehörde zusteht“,7 mit anderen Worten, in dem die wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft in die öffentliche Sphäre gehören. In einem nichtsozialistischen System gehören sie in die private Sphäre. Schumpeter unterscheidet hier nun zwischen Kontrolle über die Produktionsmittel und Kontrolle über die Produktion selbst. Unabhängig davon wo Schumpeter den Unterschied sah, kann man danach unterscheiden, ob sich die Kontrolle auf die Ab läufe in der Produktion selber richtet, also deren Verfahrensrationalität und die res sourceneffiziente Verwendung der Produktionsfaktoren, oder auf die Kontrolle über die Produktentwicklung und die Produktionsentscheidungen, also was produziert wird, in welchen Mengen, und zu welchem Preis es verkauft wird. Nach welchen Kriterien werden diese letzteren Entscheidungen getroffen? In privatwirtschaftlich verfassten Ökonomien wird hier nach erwerbswirtschaftlichen Prinzipien entschie den, also nach der Marktrationalität. Liegt die Kontrolle darüber in der öffentlichen Sphäre, kann nach Prinzipien einer politischen Vernunft entschieden werden, die Produktionsentscheidungen können also nach öffentlichen, allgemeinen, überpriva ten Interessen ausgerichtet werden. Die vergangenen Jahre seit der Finanzkrise ab 2008 haben nun Zweifel an der Steuerungskapazität der Marktkräfte nach marktrationalen Prinzipien geweckt. In zu nehmend reifen, wohlhabenden und konsolidierten Ökonomien mit gesättigten Märkten führt die Suche nach renditetragenden Verwendungen des nicht in den Pro duktionsmitteln gebundenen Kapitals zu immer weniger wohlfahrtsichernden oder erweiternden Investitionen; das Geld wird aufgesogen von der Finanzindustrie, und wandert in unproduktive, spekulative Verwendungen. Auf der anderen Seite hat sich im Laufe des realsozialistischen Experiments gezeigt, dass die Steuerungsfünktion frei gebildeter Marktpreise kaum effizient zu ersetzen ist; die politische Vernunft ist bei der Planung und Festlegung solcher mikroökonomischer Produktions- und Preisent- 1 Schumpeter (1947 / 2005), S. 268 [13] Scheidungen offenbar überfordert. Dieses Dilemma hat seither immer wieder die Su che nach „dritten Wegen“ motiviert, nach neuen Modalitäten der wirtschaftlichen Kooperation und Ordnungsbildung zwischen oder jenseits von Markt und Staat — gefunden wurden sie bisher nicht. Die Entwicklungen der digitalen Fertigungstechnologien haben nun im Verlauf eines bereits seit mehr als dreijahrzehnten anhaltenden Prozesses dazu geführt, dass diese Trennung zwischen „Kontrolle der Produktionsmittel selbst“ und den Produkt design- und Produktionsentscheidungen sich in den Fertigungsprozess selbst hinein verlagert hat. Der Fertigungsprozess selbst wird gesteuert durch das digitale Design, den „digitalen Zwilling“8 des Produkts, eine auf verschiedensten Datenträgern ver fügbare Menge von Daten, die das zu fertigende Produkt und seinen Produktions prozess digital beschreiben. Ist dieser digitale Zwilling einmal entwickelt, steuert er seinen Produktionsprozess weitgehend selber. Die Entscheidung, wie er aussieht, und ob er real und physisch das Licht der Welt erblicken soll, ist dann an anderer Stelle getroffen worden. Absicht dieses Buches ist es, die Annahme zu begründen, dass sich durch diese Aufspaltung des Fertigungsprozesses, durch die Entkopplung von Fertigung und De sign, ein neuer dritter Weg der ordnungspolitischen Gestaltung der Sphäre des Öko nomischen eröffnet. Ermöglicht würde dies dadurch, dass man die physische Gestal tung, also die industriellen Produktionsmittel, die (fast) beliebige digitale Datenmo delle realisieren und dem Konsumenten zur Verfügung stellen können, der Kontrolle der Öffentlichkeit9 übergibt, während die Produktentwicklung, der kreative und ei gentlich wertschöpfende Prozess, in privater oder teilprivater Zuständigkeit verblei ben. Eine damit gekoppelte bzw. resultierende Annahme ist die, dass öffentliche Pro duktionssysteme die in den vergangenenjahrzehnten und zuletzt in der sog. Finanz krise kulminierten Funktionsstörungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise korrigie ren können, indem sie das in ihnen gebundene Kapital vom globalen Kapitalverwer tungsprozess isolieren, und es privaten, renditeorientierten Verwendungen verweh ren. In der längeren Frist könnte ihnen dadurch das Potential Zuwachsen, die von privaten Kapitalverwertungsinteressen dominierte wachstumsabhängige Wirtschaft in ein stabiles, ökologisch nachhaltiges und am Ziel der Erhaltung oder Erweiterung öffentlicher und privater Wohlfahrt orientiertes System zu transformieren. Das Niveau der Leistungsfähigkeit der industriellen Produktion muss dabei gene rell bzw. mindestens als Potential erhalten werden können. Dies wird durch die Ent 8 In einem Bericht des „Handelsblatt“ m it dem Titel „Ein digitaler Zwilling fürjedes Produkt“ heißt es zu dessen Begründung: „Die Idee: Künftig bekom m tjedes zu fertigende Produkt einen „digitalen Zwilling“, der von den ersten Entwürfen bis zur Fertigungslinie kontrolliert und angepasst werden kann.“ http://www.handelsblatt.com/technik/hannovermesse/digitalisierung-in-der-produktion-ein-digitaler-zwilling-fuer-jedes-produkt/13496866-2.html [Stand 05.02.2017] 9 Nach Einschätzung von J. Rifkin wird „das Internet der Dinge eines Tages alles und jeden verbinden, und das in einem integrierten, weltumspannenden Netz.“ Das Internet wird auch „Dinge aus Daten“ transportieren, und damit zur technologischen Basisplattform dezentraler Produktion werden. Das Internet der Dinge als Basis plattform und die von den „digitalen Zwillingen“ entkoppelte Produktion haben die Tendenz, zu natürlichen M onopolen zu werden, und müssen darum öffentlich sein. Vgl. Rifkin (2014) S. 25, S. 109, S. 198 ff. [14] kopplung der Fertigung vom Produktdesign und eine weitgehend maschinelle faktor unspezifische Produktion prinzipiell ermöglicht. Eine maximal ressourcensparende Effizienz der materiellen Produktion kann wegen ihres zunehmend maschinellen Charakters auch in öffentlicher oder teilöffentlicher Verantwortung gewährleistet werden. Wertschöpfung geschieht dann nur noch in der Produktentwicklung, die mit Vertrieb und Markenrechten etc. in privater, zumindest zum Teil auch gewinnwirt schaftlich getriebener Regie und Verantwortung verbleibt, und so die an sich wün schenswerte Produktvielfalt gewährleistet, dies jedoch bei stark vermindertem rendi tegetriebenem Gewinnerwartungsdruck und damit reduziertem Wachstumsdruck. Gleichzeitig eröffnete sich so aber auch Einzelpersonen (dem einzelnen Konsumen ten) oder sonstigen Gruppierungen der Weg zu Ressourcen zur Produktentwicklung (Open-User-Innovation; „Wiki o f Things"“), die ihre Produktentwürfe zur Selbstver sorgung nutzen oder sie der Öffentlichkeit zum Kauf anbieten können. Der unterliegenden Erwartung gemäß wird dies ermöglichen, dass in weit größe rem Umfang überprivate Interessen bei Produktionsentscheidungen berücksichtigt werden können, und in der längeren Perspektive ein zentraler Quell der Interessen kollision zwischen privaten Erwerbsinteressen und öffentlichen Wohlfahrtsinteres sen neutralisiert werden kann. Dabei wird dies nicht mit einem Verlust von verfah rensrationaler Effizienz und einer Reduzierung der Produktvielfalt, oder der Ein schränkung der Souveränität und Wahlfreiheit des privaten Konsumenten erkauft; die verfügbare Produktvielfalt und -qualität soll erhalten bleiben, soweit die private, nicht künstlich stimulierte Nachfrage danach eben besteht. Die Überführung der Produktion in (teil)-öffentliche Hände kann die Bildung und Nutzung von Produktionsnetzwerken induzieren und befördern, woraus sich Syner gieeffekte ergeben, die sonst durch die Initiative privater Initiatoren kaum realisierbar wären, im Falle ihres Entstehens aber mit der Gefahr von Monopolbildung, der Er zielung von Monopolrenten und wettbewerbsverzerrenden Effekten zum Nachteil der Konsumenten verbunden wären. Die politische Verantwortung für die Koordination, Steuerung und Fortentwick lung der wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft in diesem Sinne wäre dann eher einem Automationsministerium10 zu übergeben, das das Ziel einer wohlfahrtsorien tierten Steuerung der automationsorientierten Umwandlung und Gestaltung der Ökonomien verfolgt, in Ablösung eines Wirtschaftsministeriums, das wachstumsori entierte Ziele verfolgte, in der Hoffnung auf die immer weiter bestehende Möglich keit der Entfesselung gewinngetriebener Wachstumskräfte. Soweit die sehr gestraffte Darstellung des Inhalts dieses Buches. Etwas weniger gestrafft und ausführlicher mögen nun die folgenden Gedanken und Überlegungen in den Problemzusammenhang einführen, und die Motive für den verfolgten Lö sungsansatz verdeutlichen. 10 Schumpeter dachte an ein demokratisch kontrolliertes „Produktionsministerium“ . Schumpeter (1947) S. 269 [15] Joseph A. Schumpeters Klassiker „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ er schien 1942 in englischer Sprache, und 1947 auch in Deutsch, bevor er dann im Laufe der Jahre in mindestens 20 weitere Sprachen übersetzt worden ist. Schumpeter war ein konservativer Ökonom, dessen Begriff von Innovation und wirtschaftlichem Fortschritt als „schöpferische Zerstörung“ und seine emphatische Verehrung der Unternehmerpersönlichkeit als „Führer“ mit „Siegerwillen“ ihm in wirtschafts freundlichen Kreisen wesentlich größere Sympathien und höhere Akzeptanz ver schafft haben dürften als etwa in linken Sozialrevolutionären Milieus. Dennoch stammt von ihm dieser Satz, den Menschen mit postkapitalistischen Hoffnungen und Denkweisen mit ganz anderen Augen und Empfindungen zur Kenntnis genommen haben dürften als „Konservative“: „Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, mei nes Erachtens nicht.“ Schumpeter hat in diesem Werk seine Auffassung entwickelt und vorgetragen, dass der Kapitalismus sich auf eine ganz natürliche und zwanglose Weise in einen staatlich und zentral gelenkten Sozialismus verwandeln werde. Diese Entwicklung betrachte er aber nicht mit Sympathie oder Antipathie, sondern als unparteiischer Beobachter; er stelle eine Prognose auf der Basis der ihm zur Verfügung stehenden Daten, so wie ein Arzt eine positive oder negative Prognose auf der Grundlage seiner Befünde stelle, ohne sich hierbei durch Sympathie für den einen oder anderen zu erwartenden Ausgang beeinflussen zu lassen. Bisher hat nun diese Entwicklung — die Transformation des privatwirtschaftlich dominierten Kapitalismus in einen staatlich-öffentlich dominierten Sozialismus — ganz offensichtlich nicht stattgefünden. Allerdings hat die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, spätestens mit Hereinbrechen der bislang letzten großen Krise, der sog. Finanz- oder Hypothekenkrise zwischen den Jahren 2007 und 2010 eine ganz neue und wohl nie erlebte Aktualität erhalten. Die Stimmen, die dem Kapitalismus eher geringere Uberlebensaussichten bescheinigten, dürften dabei in Anzahl und der Eindeutigkeit und Differenziertheit ihres Urteils diejenigen optimistischen Stimmen überwogen haben, die unverdrossen von einer unerschöpften Regenerationsfähigkeit des Kapitalismus ausgehen, und für die Welt der Börsen, der Konzerne, der Produk tivitätssteigerungen, des Wachstums und der Vollbeschäftigung am Horizont kein Ende aufziehen sehen, und die dabei möglicherweise noch nicht einmal die ökolo gisch verursachten Wolken am Himmel des ewigen Wachstums ihre Stimmung trü ben lassen. Wer allerdings eher geneigt ist, eine Endlichkeit der kapitalistisch geprägten Ent wicklung für wahrscheinlich zu halten, ist damit noch nicht unbedingt und in jedem Fall in der Lage oder auch willens11, einen Nachfolger zu benennen, also die wirt schaftlichen und politischen Umstände anzugeben oder zu umreißen, unter denen jenseits kapitalistischer ökonomischer Prinzipien und Regularien würde gelebt und gearbeitet werden. Dass es allerdings nicht ein Sozialismus — so wie wir ihn kannten — sein wird, in den sich die sozioökonomische Wirklichkeit verwandelt, bezweifelt 11 W olfgang Streeck legt seine Sicht au f die Endphase des Kapitalismus dar und reklam iert für sich das Recht, dies tun zu dürfen, ohne in der Pflicht zur Präsentation eines „Nachfolgers“ zu stehen (Streeck 2013). ln (Sfreeck 2017) schlägt er dazu Antonio Gramscis Begriff des „Interregnums“ vor: „ ...e ine Zeit von unbestimmter Dauer, in der eine alte Ordnung schon zerbrochen ist, eine neue aber noch nicht entstehen kann.“ [16] nach den gemachten Erfahrungen in den realsozialistischen Ökonomien des ehema ligen Ostblocks kaum jemand. Insofern würde man zu Schumpeters Erwartung nun aus der heutigen Sicht ein fach konstatieren müssen, dass er sich in dem Punkt offenbar geirrt hat. Schumpeters Werk hat im Laufe derjahre wellenförmig an- und wieder absteigende Aufmerksam keit erfahren, und seine Erwartung eines Abschwächens oder eben sogar Verebbens und Versiegens der kapitalistischen Dynamik und wohlfahrtsteigernden Kraft wurde durchaus geteilt, kaum aber jemals seine Prognose eines Ubergleitens in einen staat lich gelenkten Sozialismus. Inwieweit kann denn nun ein erneuter Blick in Schumpeters Werk und Gedanken aus dem ersten Drittel des vergangenenjahrhunderts dazu beitragen, möglicherweise Antworten zu finden auf die heute ja noch immer nicht obsoleten und umgekehrt immer mehr drängenden Fragen nach der Zukunft des Kapitalismus, und, wenn die sem tatsächlich über kurz oder lang keine Zukunft beschieden sein sollte, nach der dann entstehenden oder zu erwartenden Ordnung des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens? Es ist vielleicht hilfreich, zunächst einmal in seinen Fragen und Antworten dieje nigen zu isolieren, die tatsächlich noch immer Gültigkeit beanspruchen können, und von diesen Fragestellungen und Antworten ausgehend auf die Entwicklungen in der Wirtschaft, in den Gesellschaften, der Politik und der Technik zu schauen, wie sie sich dem heutigen Blick darstellen. Wo finden sich seine Erwartungen bestätigt, und wo nicht — und lässt sich auch sagen, warum, oder warum nicht? So hat sich etwa seine Erwartung eines langfristigen Absinkens des Zinsniveaus der entwickelten Volkswirtschaften der Welt ganz offensichtlich bestätigt12, oder seine Erwartung der „Verbürokratisierung“ der Unternehmensleitungen, also des Übergangs der aktiven Geschäftsführung aus der Hand der Gründerpersönlichkeiten oder —familien in die der angestellten Gremien und zeitlich und in ihrer persönlichen Erfolgshaftung be schränkten Manager. Schumpeter war beileibe kein Marxist, trotz seiner intensiven Auseinandersetzung mit der „Marxschen Lehre“, seiner Verehrung und Bewunderung für die bleibende „Größe“ der Marxschen Schöpfung, für den Marxismus und die „Macht seines Baus“. Dies hinderte ihn aber nicht, „Fehler in den Grundlagen oder den Einzelhei ten“ aufzudecken, wo immer sie ihm als solche erschienen. Aber es blieben eben auch Übereinstimmungen, wie etwa hinsichtlich der zentralen Rolle des technischen Fort schritts für die Entwicklungsperspektiven des Kapitalismus. Während aber Marx die sen — nach der Unterkonsumtionstheorie — in absolute und relative Verelendung der Massen einmünden sah, erwartete Schumpeter über Phasensequenzen von Überpro duktion und Unterbeschäftigung und sich ablösende Konjunkturen hinweg letztlich eine „Vervollkommnung“ der Technologie, eine damit verbundene Sättigung der Be dürfnisse, und ein daher rührendes Erlahmen der Dynamik und der Innovations 12 Trotz immer wieder angekündigter „Zinswenden“ bleibt der Leitzins zum indest im Euroraum unverändert bei 0 Prozent: „Zentralbank lässt Leitzins bei null Prozent“, meldete DIE ZEIT online am 19.01.2017. http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-01/leitzins-ezb-tief-euroraum-null-prozent [Stand 24.01.2017] [17] kräfte des Kapitalismus. Der Kapitalismus werde an einem Mangel an Investitions möglichkeiten und an Betätigungen für die ihn treibende Schicht der Unternehmer (ab)sterben, und einem geplanten Sozialismus, geleitet von einer staatlichen Zentral behörde, Platz machen. Er glaubte, die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt, hätte die Tendenz zu verschwinden“; „für die Unternehmer werde nichts mehr zu tun bleiben“, sie werden also — nach geschichtlich erfülltem Auftrag sozusagen — freiwillig abtreten, und der Staat werde die Privatwirtschaft — offensicht lich ohne nennenswert auf deren Widerstand zu stoßen — „erobern“.13 Die in den vergangenen Jahrzehnten etwa seit 1980 zu beobachtenden Entwick lungen bieten offensichtlich reichlich Belege, dieser Annahme zu widersprechen. Zwar ist der Mangel an Investitionsmöglichkeiten14 ganz offensichtlich eingetreten, und das Zinsniveau hat jedenfalls im Euroraum den negativen Bereich erreicht, kei neswegs aber hat der Staat die Privatwirtschaft erobert — ganz im Gegenteil hat die Privatwirtschaft sich in Domänen eingekauft, die über lange Phasen der kapitalisti schen Entwicklung als öffentliche, von gemeinnützigen Trägern zu erledigende Auf gaben des Staates oder der Kommunen angesehen worden sind. Es hat, jedenfalls bis dato, auch keinesfalls den Anschein, als habe die „Schicht der Bourgeoisie, die von Gewinnen und Zinsen lebt“, die Absicht abzutreten und zu verschwinden, und ihren Drang nach Erwirtschaftung von Kapitalrenditen aufzugeben. Die Entwicklungen nach Eintreten dieses Stadiums der Sättigung haben offenbar geradezu zu einer Flut von „Erfindungen“ von Investitionsmöglichkeiten geführt, dies dann aber bezeich nenderweise vor allem auf dem Gebiet der unproduktiven — und eben nicht wohl standserweiternden — Finanzinvestitionen. Auf dem Feld der Technik, von Marx und Schumpeter immer nur als „Automa tion“ oder „Perfektion“ bzw. „Verwandlung der lebendigen Arbeit in totes Kapital“ beschrieben, hat sich aber nun — und zwar eben als Folge der ja wie erwartet eingetre tenen Sättigung auf einer Vielzahl von Massenmärkten — eine Art von Vervollkomm nung der „Automation“ herausgebildet, die in dieser Form weder von Marx noch von Schumpeter noch von sonst einem der großen modernen Ökonomen vorausgesehen worden ist, und, so muss man es wohl sagen, auch nicht vorausgesehen werden konnte. Es entstand der Trend zur Flexibilisierung oder sogar zur Universalisierung der Produktion, also die Entstehung von großindustriellen Fertigungsanlagen, die mit geringem oder fast gänzlich ohne Aufwand („innerhalb von Sekunden“15) auf die Her stellung vollkommen verschiedener Produkte umgestellt werden können. Aus Man gel an Absatzmöglichkeiten für das Massenprodukt und wegen der Volatilität der Nachfrage auf den umkämpften und eben sehr weit gesättigten Märkten musste das möglichst weitgehend individualisierbare Produkt entwickelt und angeboten werden, 13 „.. Eroberung der Privatwirtschaft durch den S taa t...“ . Schumpeter (1947 / 2005) S. 510 14 Die FAZ m eldet anlässlich eines Treffens der Finanzinvestoren in Berlin, die Branche habe ein „Fuxusproblem: viel zu viel Geld“ . K. M. Smolka: „Ringen um Rendite. In Berlin treffen sich kommende W oche Finan zinvestoren aus aller W elt zu ihrem wohl wichtigsten Kongress. Die Branche hat ein Fuxusproblem: viel zu viel Geld.“ FAZ vom 26.02.2017 http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/investorenmesse-in-der-hauptstadt-14893990.html [Stand 27.02.2017] 15 Vgl. etwa Haag, C.: Universal M anufacturing Technologies for the Digital M anufacturing Future. In: Haag, C., Niechoj, T. (Hrsg.): Digital Manufacturing. Prospects and Challenges. Marburg 2016 [18] und die Fertigungsanlagen wurden möglichst bis zur Kapazität der kostengünstigen Produktion von Klein- und Kleinstserien bis hinab zur Losgröße 1 — also dem Unikat — fortentwickelt. Es entstand ein neuer evolutionärer Trend der industriellen Produk tion, mit einer neuen Evolutionsrichtung: gleichberechtigt neben den seitjahrtausen den bekannten Trend der Steigerung der Produktivität, über lange Zeit nur auf Kos ten von Variabilität und Flexibilität erreichbar, tritt nun der Trend zur Flexibilität und Universalität. Durch einen hohen Grad von Universalität vermindert sich die Faktor spezifität von Fertigungsanlagen, dadurch werden sie „resilient“, also produktbezo gen vielfach verwendbar, und erhalten bei einem notwendig werdenden Produkt wechsel aufgrund nachlassender Nachfrage ihren Wert. Die hochproduktive und gleichzeitig möglichst vielseitig und idealerweise universal einsetzbare Fabrik wird zum neuen „Leitbild der Produktion“, und damit zur „Fabrik der Zukunft“. Schumpeter zitiert Marx‘ „berühmte Feststellung, dass die Handmühle die feudale, die Dampfmühle die kapitalistische Gesellschaft hervorbringt“,16 und ist der Mei nung, dies lege „dem technischen Element ein gefährliches Gewicht bei, kann aber akzeptiert werden unter der Voraussetzung, dass bloße Technik nicht alles ist“. In diesem Buch wird nun die Auffassung vertreten, dass dieses „technische Ele ment“, die im skizzierten Sinne hinreichend reife, hinreichend hoch produktive wie gleichzeitig hoch variable „Fabrik der Zukunft“ das Produktionsmittel ist, das die „nächste Gesellschaft“ hervorbringt. Diese Art von Fabrik der Zukunft wird als ein gänzlich neuer ökonomisch rele vanter Tatbestand zu verstehen und plausibel zu machen sein, der bisher noch von keiner ökonomischen Theorie in ihren Beobachtungsbereich aufgenommen wurde, um durch ihn ihr analytisches und prognostisches Instrumentarium zu erweitern.17 In diesem Sinne soll auch gezeigt werden, dass erst diese Art von Universalen Fabriken, die der Tendenz nach beliebige, als digitaler Datensatz verfügbare Dinge in physische Güter, in Gebrauchswerte verwandeln können18, den wohlstandsbewahrenden und — erweiternden Übergang der Produktionsmittel in öffentlichen Besitz ermöglichen werden.19 Es ist nicht etwa der Computer für sich genommen ist, noch der gesamte 16 Schumpeter (1947 / 2005), S. 28 17 Als einen ersten Schritt in diese Richtung kann man das von T. Niechoj und C. Haag herausgegebene Kom pendium „Digital M anufacturing. Prospects and Challenges“ verstehen. In einem Beitrag von Niechoj über den Einfluss des Digitalen Fabrikation au f die Theorie des Unternehmens heißt es: „Digital manufacturing has the potential to change the world o f production and the world o f academia analyzing this world o f production.“ H inzufugen hätte man: N icht nur die W elt der Produktion, sondern auch die der Ökonomie. T. Niechoj: Eco nomic Theory o f the Firm in the Era o f Digital Manufacturing. In: Niechoj / Haag (Hrsg.) (2016), S. 232 18 Ein Forschungsprojekt innerhalb des 7. Rahmenprogramms der Europäischen Union, betitelt m it dem Akro nym DIGINOVA („Innovation for Digital Fabrication“) und durchgeführt in den Jahren zwischen 2011 und 2014, hatte die Zielsetzung, das Potenzial der Digitalen Fabrikation für die Zukunft der Fertigung und der M aterialforschung in Europa zu erfassen und zu fördern; die Forschungsergebnisse wurden in einem Dokument m it dem Titel „Roadmap to Digital Fabrication“ im Frühjahr 2014 vorgestellt. Digitale Fabrikation wurde dabei wie folgt definiert: „Digitale Fabrikation ist definiert als eine neue Produktionsweise, in welcher computerge steuerte M aschinen und Prozesse digitale Entwürfe direkt in physische Produkte übersetzen. W ichtigste trei bende Kraft und zentraler Erfolgsfaktor werden die Entwicklung gut aufeinander abgestimmter neuartiger Pro zesse der M aterialauftragung sowie die Entwicklung neuartiger Materialien sein.“ DIGINOVA: Roadmap to Digital Fabrication. S. 4. (eigene Übersetzung), http://cordis.europa.eu/result/rcn/147130_en.html [Stand 19.01.2017] 19 Ein auf dem W orld Economic Forum in Davos 2015 erschienener „Survey Report“ über die zukünftig zu er wartenden technologischen „Tipping Points“ betrachtet dies als einen von sechs „Megatrends, die die Gesell- [19] Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, noch das Internet der Dinge, also nicht „Big Data“, die „Cloud“, Robotik, Sensorik oder die Künstliche Intelligenz an sich, wodurch dieser Schritt möglich gemacht werden kann. Erst die Kombination der Vielfalt dieser neuen Technologien, die Digitalisierung der Produk tion mit ihrer Entkopplung von (lokaler) Fertigung von (global verfügbaren) digitalen Produktmodellen20 und dem Potenzial der Übertragung der Universalität des Com puters aus der Welt der 2-Dimensionalität in die physische Welt der 3-Dimensionalität, in die Welt der nützlichen Dinge, der Gebrauchswerte, können diese neue Ge sellschaft Wirklichkeit werden lassen. Dass die „bloße Technik“ ist nicht alles ist, ist richtig, wie gesehen. Aber richtig ist auch: ohne sie wäre alles nichts. Ohne sie ist der Schritt in neue nichtkapitalistische Verhältnisse aussichtslos und wirkt, wo er versucht wird, überanstrengt und zuweilen nachgerade verzweifelt.21 Richtig ist zur gleichen Zeit auch, dass die Notwendigkeit mit immer peinigenderer Dringlichkeit ins Bewusstsein rückt, aus der Welt der Märkte, der Investoren und der weltumspannenden Kapitalströme auszusteigen; aus der Welt der Kapitaleigner und ihrer bezahlten Verwalter und Manager, die immer mehr zu Getriebenen ihrer selbst und von ihresgleichen werden und geworden sind, und die möglicherweise auch schon selber auf die erlösende Macht einer gesellschaft lichen Kraft hoffen22, die diesem zunehmend bösartigen23 und irrationalen Spiel24 ein Ende macht. Hiermit scheinen sich geeignete Mittel dazu anzudeuten. Es wird an dieser Stelle nun noch nicht unmittelbar einsichtig sein, wie diese Art von neuen hochgradig flexiblen oder universal einsetzbaren Produktionsmitteln diese große Transformation ins Werk zu setzen vermag, und zu deren Voraussetzung wer den kann. Die folgende knappe Skizze möge dies zur Einleitung illustrieren. schäften beeinflussen“ : „The digitization o f matter. Physical objects are “printed” from raw materials via ad ditive, or 3D, printing, a process that transforms industrial manufacturing, allows for printing products athom e and creates a whole set o f human health opportunities.” „Deep Shift. Technological Tipping Points and Societal Impact“ . W orld Economic Forum 2015 20 Die Definition der Fa. Bosch Rexroth für „smarte“ Fabrik lautet: „Smart Factory: lokale Produktion global steuern“ . „Die Antwort au f zunehmende Variantenvielfalt, immer kleinere Fosgrößen und eine enorme Nach fragevolatilität heißt Smart Factory. Doch die intelligente Fabrik ist nicht nur für die lokale Fertigung optimiert, sondern auch international vernetzt.“ https://www.boschrexroth.com/de/de/trends-und-themen/directions/smart-factory [Stand 05.02.2017], Dazu auch, wie vorne bereits erwähnt: „Detailing A m azon’s Custom Clothing Patent“ : https://www.nytim es.com /2017/04/30/technology/detailing-amazons-custom-clothing-patent.html [Stand 16.06.2017] 21 Ohne sie bleiben die „klassischen“ linken Themen und Haltungen eben auch in einer eher hoffnungslosen Position, so etwa die Beschwörung einer „solidarischen Gesellschaft“, die dem Trend zur „Abstiegsgesell schaft“ und zur „regressiven M oderne“ entgegenzusetzen wäre. O. Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Frank furt 2016. Das gleiche gilt wohl auch für Versuche der Revitalisierung eines „W irtschaftswunders“ Erhartscher Prägung unter Beibehaltung des m arktwirtschaftlichen Paradigmas, wie etwa bei S. Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Frankfurt/New York 2016 22 Rüsten die „Superreichen“ schon für das „Ende der Zivilisation“? So jedenfalls ein Titel von SPIEGEF online vom 24.01.2017: „Bunker, Waffen, Fluchtimmobilien: Superreiche rüsten sich für das Ende der Zivilisation“ . http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/apokalypse-so-bereiten-sich-superreiche-auf-das-ende-der-weltvor-a-1131490.html [Stand 24.01.2017] 23 Der M ailänder Philosoph Diego Fusario weist darauf hin, dass Karl M arx im dritten Band des Kapitals „ein ganzes System des Schwindels und Betrugs“ vorausgesagt hat, das von einer neuen „Finanzaristokratie“ aus „W ucherern und Parasiten“ betrieben werde, nachdem der Produktivkapitalismus durch den spekulativen Fi nanzkapitalismus abgelöst worden ist. M arx schein tdam it Recht behalten zu haben. Fusario (2017b). 24 Man denke hier etwa an Frank Schirrmachers „EGO“, das diesen Aspekt in bedrückender Dichte zur Sprache gebracht hat. Schirrmacher (2013) [20] Wir wollen vorher kurz rekapitulieren, wie sich die Argumentation von der Schum peters unterscheidet, der den Entwicklungsgang des Kapitalismus auf eine „natürli che“ Weise in einen Sozialismus einmünden sah. Schumpeter sah dazu zwei Voraus setzungen, die erfüllt sein müssen: a) ein genügend hoher Grad an Nachfragesätti gung (der wegen der „Ausdehnbarkeit“ der Bedürfnisse schwer zu erreichen sei, wie Schumpeter — offensichtlich richtig — bemerkte), und b) ein hinreichender Zustand von Vollkommenheit der Produktionsmittel, „der keine weitere Verbesserung mehr zulässt“.25 Mit Vollkommenheit konnte Schumpeter nur sehr hohe Produktivität (un terstelltermaßen bei gegebenen sonstigen Anforderungen wie Qualitätsstandards und Ressourceneffizienz) meinen. Wir argumentieren hier nun, dass ein hinreichend ho her Grad an Universalität dazu kommen muss, um einen qualitativ neuen und höhe ren Zustand der wirtschaftlichen Organisation zu erreichen, der aber keineswegs „So zialismus“ heißen oder sein muss — der diesen noch unbekannten und unerfahrenen Zustand kennzeichnende Begriff wird wohl noch erst gefunden werden müssen. Was meint nun „hoher Grad an Universalität“? Das bedeutet, dass ein und das selbe Fertigungsystem nahezu beliebige Produkte herstellen kann, ohne dass an dem Fertigungssystem (Maschinen und Menschen, also deren spezifischer Qualifikation) etwas verändert werden müsste. Ein Computer kann beliebige Softwareprogramme implementieren, und ist darum ein Universalrechner. Eine Universalfabrik könnte entsprechend beliebige Dinge herstellen. Es scheint offensichtlich, dass dies ein Ide albild ist, dem die Realität sich nur annähern kann — die Frage ist also, wann diese Annäherung hinreichend weit erreicht ist. Dass die Entwicklung seitJahrzehnten dabei ist, sich diesem Ideal anzunähern, und zwar getrieben vom erreichten Zustand der Marktsättigung, werden wir weiter hinten sehen. Fragt man nun, was den „Wohlstand der Nationen“ heute ausmacht, so findet man in grober Zusammenfassung die folgende Aufteilung der Konsumausgaben (am Bei spiel Deutschlands, das aber in den Dimensionen sicherlich auf andere entwickelte Industrienationen übertragbar wäre): es ist zum größeren Teil das Wohnen (etwa 37%), in das die durchschnittlichen Konsumausgaben fließen, also Kosten fürMiete oder selbstgenutztes Wohneigentum, zugehörige Nebenkosten wie Strom, Heizung und Wasser; ferner die Mobilität (13%), häufig in Gestalt des privaten Automobils mitsamt seinen Unterhalts- und Betriebskosten, sowie das Mobiliar in der Wohnung (5,3%); sodann die Bekleidung (4,4%), die Bildung (0,7%), und etwa Ausgaben für Freizeitbetätigung und Hobbies (10,5%). Es sollen durchschnittlich rund 10.000 Dinge sein, die sich im Laufe der Jahre in einem Haushalt ansammeln, die zusam mengenommen diese vielzitierte Marxsche „ungeheure Warensammlung“ bilden mö gen, aus denen der Reichtum der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften besteht, wobei diese Dinge sich in der Qualität und der Gesamtheit ihrer Nutzen und Ge brauchswert stiftenden Eigenschaften ständig weiterentwickeln. Ferner gehört dazu 25 Die Textstelle bei Schumpeter heißt: „W ir sind zweifellos von solch einem Zustand der Sättigung noch sehr weit entfernt, selbst wenn wir uns innerhalb des heutigen Bedürfnisschemas halten; und wenn wir die Tatsache berücksichtigen, dass m it der Erreichung eines höheren Lebensstandards diese Bedürfnisse sich automatisch ausdehnen und neue Bedürfnisse entstehen und geschaffen werden, so wird die Sättigung ein bewegliches Ziel (...) . W ir wollen immerhin einen Blick au f diese M öglichkeit werfen und die noch unrealistischere Annahme machen, dass die Produktionsmethoden einen Zustand der Vollkommenheit erreicht haben, der keine weitere Verbesserung m ehr zulässt.“ Schumpeter (1947), S .213 [21] die gesamte Infrastruktur, um diese Dinge eben hersteilen und verteilen zu können, sodann eine Reihe von Dienstleistungen etwa in Gesundheit und Kultur, ein freier Zugang zu Informationen, und eine hinreichende soziale Sicherheit sowie Rechts staatlichkeit und Rechtssicherheit. Alle diese Dinge und Leistungen sind es, die den Wohlstand der modernen Gesellschaften ausmachen. Mit der Herstellung dieser 10.000 Dinge ist — jedenfalls zum Teil, sofern es sich nicht um handwerklich hergestellte Dinge handelt, oder etwa um gar nicht im engeren Sinn hergestellte Dinge wie Mineraliensammlungen oder aufbewahrte Liebesbriefe — die „große Industrie“ beschäftigt, und zwar durchaus nicht nebenher. Noch immer sind die Menschen zu etwa 25% im produzierenden Gewerbe beschäftigt, und ein großer Teil der Leistungen des Dienstleistungssektors wie Banken und Versicherun gen, Berater, Makler, Transportlogistik und der Einzel- und Großhandel ist darauf bezogen und davon abhängig. Im Auto-Land Deutschland steht dabei die Automo bilproduktion mit ihrer großen Zahl von Zulieferbetrieben absolut an erster Stelle der wertschöpfenden Industrien; in Deutschland waren in diesem Sektor im Jahr 2015 fast 800.000 Menschen beschäftigt.26 Wie könnte eine „universale“ und hoch produktive Fabrik hier nun das Bild tiefgreifend ändern? Grundsätzlich kommt es auf die Dimensionen an — das Marxsche Bild vom „Um schlag der Quantität in Qualität“ drängt sich hier geradezu auf. Dies gilt sowohl für den Grad an Produktivität bei gleichzeitiger Universalität der Produktionssysteme, wie auch für die Anzahl der Branchen, die von dieser Entwicklung erfasst sind. Ein hoher Grad von Flexibilität etwa in der Automobilindustrie würde bedeuten, dass in einem Werk nicht nur ganz bestimmte und auf dieses Werk zugeschnittene Modell reihen produziert werden, sondern ganz verschiedene, ja bis zu einem gewissen Grad beliebige. Wenn die Faktorspezifität eines Werkes, seiner Anlagen und seines Perso nals hinreichend niedrig ist, also nicht auf ein bestimmtes Modell abgestimmt, können in einem Werk verschiedene Modelle oder sogar Modelle ganz verschiedener Her steller gefertigt werden; es würden sich dann also verschiedene Hersteller ein Werk teilen. Möglich würde dies (unter anderem) eben dadurch, dass man idealerweise ver sucht, die Produktionsabläufe so zu gestalten, dass alle den Produktionsablauf steu ernden Informationen — wenn auch auf den verschiedensten Datenträgern — digital verfügbar sind, und das Werk, das Produktionssystem, die Fertigungsstraße, die je weils nächste Fertigungsinsel „weiß“, welches Automodell gefertigt werden soll.27 26 Dass der Automobilindustrie m it dem W echsel zum E-Mobil ohnehin ein tiefgreifender W andel bevorsteht, der insbesondere auch m it einem erheblichen Schrumpfen verbunden sein dürfte, ist für die hier vorgeschla gene Argumentation zunächst irrelevant, dürfte die vorgeschlagene Transformation aber zusätzlich begünsti- 27 g e n 'Tatsächlich ist dieser Vorschlag weniger unrealistisch als es zunächst erscheinen mag: nach einer 2013 er schienen Studie der Beratungsfirma Barkawi M anagem ent Consultants könnte das VW -Stammwerk in W olfs burg sich in den nächsten Jahrzehnten „in ein M useum“ verwandeln, weil die Fahrzeuge von vielen dezentralen Kleinproduzenten hergestellt werden, während die Automodelle in einem Netzw erk von Designerbüros entwi ckelt werden: „Die klassische Autoproduktion in einem W erk existiert nicht mehr.“ In: „Das Ende der großen A utofabriken“, Teil 6 eines Artikels des „M anagermagazin“ vom 17.5.2013. Titel „W ie 3D-Drucker ganze Branchen verändern können“ . http://www.manager-magazin.de/untemehmen/it/a-900285-6.html [Stand 27.02.2017] Im Survey Report des W orld Economic Forum 2015 wird für 2022 m it dem ersten 3D-gedruckten Auto ge rechnet. Ingenieure der RW TH Aachen um den Produktionswissenschaftler Prof. Schuh haben derweil ein E- [22] Eben dies, ein hoher Automationsgrad und niedrige Faktorspezifität, wären die Bedingung dafür, dass auf die typischen Potenziale eines Unternehmens — die Struk turierung eines komplexen Möglichkeitsraumes unter Unsicherheit — verzichtet wer den kann,28 und ein derartig hochflexibles Fertigungssystem mit dem größeren Wohl fahrtseffekt von der öffentlichen Hand, in einem gemeinnützigen Auftrag betrieben werden könnte — auch wenn dies auf den ersten Blick allem widerspricht, was jemals über die „Industrie 4.0“ , die „smarte Fabrik“ oder das Prinzip „Plug and Produce“ je gesagt und geschrieben wurde. Das Automobil als „Modell“, als Innovation und für den Kunden attraktives Gut sowie als Datensatz, als maschinenlesbarer CAD-Entwurf und als Produktionsvor schrift für die Vielzahl der produzierenden maschinellen und menschlichen Aufga benträger würde von privaten Entwicklern, von Open-Innovation-Projekten oder von dezentralen Designbüros hergestellt — der Autobauer würde sich so zum AutomobildesignerYerwandeln. Die physische Fertigung dagegen übernimmt eine — öffent liche, kommunale, staatliche — Fabrik, die keine Gewinninteressen verfolgt, sondern lediglich bestrebt ist, im Auftrag der Öffentlichkeit als abstraktem Konsumenten res sourceneffizient und kostendeckend zu arbeiten. Was wäre der gesamtwirtschaftliche Vorteil einer öffentlichen Trägerschaft? Kurz gesagt, geht es darum: hoch automatisierte Fertigungsysteme mit niedriger Faktor spezifität sind vergleichsweise risikoarm zu betreiben, und erzeugen nur noch geringe Wertschöpfüng. Das Interesse eines Kapitalinvestors läge dann darin, einen eher ge ringen, aber risikoarmen und beständigen Monopolaufschlag durchzusetzen. Dies wäre aber aus gesamtwirtschaftlicher Sicht schädlich. Um dies abzuwenden, müssten Fertigungssysteme nach Erreichen dieses Reifegrades von öffentlichen Trägern be trieben werden.29 Auf den ersten Blick mag das unerheblich erscheinen, bedeutet aber langfristig einen Richtungswechsel des technischen Fortschritts hin zu einer Veröf fentlichung oder „Vergesellschaftung“ des Kapitals, statt zu weiterer infiniter privater Kapitalkonzentration. Mobil entwickelt, das schon 2018 in Serie gehen soll, und bis auf Motor und Getriebe aus dem 3D-Drucker stammt. http://www.ingenieur.de/Themen/Elektromobilitaet/Dieses-Elektroauto-fuer-16000-Euro-geht-2018-in-Aachen-in-Serie [Stand 12.06.2017] 28 Die Faktorspezifität gibt den Grad der wirtschaftlichen W iederverwendbarkeit eines Investitionsobjektes an, und damit das m it einer Investition eingegangene Risiko. Es werden die folgenden Spezifitäten unterschieden: Standort-, Sachkapital-, Humankapital-, Sachwertspezifität. Digitale Fabrikation verm indert tendenziell alle Arten von Spezifität. Niedrige Faktorspezifität m acht den Inputfaktor homogen, verringert dam it die Risiken des Betriebs, und m acht dam it gleichzeitig die Notwendigkeit einer Firma tendenziell obsolet. „ If so, an im portant argum ent for the existence o f the firm vanishes.“ Niechoj (2016), S. 231 29 Dies ist strukturell die gleiche Argumentation wie sie etwa für die Energieerzeugung oder die geplante Priva tisierung der Bundesautobahnen anzuwenden ist. In einem Artikel von ZEIT online etwa findet man das da hinterliegende Interesse der Investoren erläutert: „Eine Beteiligung von Privatuntem ehm en an der Betreiber gesellschaft käme der Banken- und Versicherungsbranche entgegen, die einen besseren Zugang zu Infrastruk turprojekten fordert. W egen der niedrigen Zinsen suchen die Finanzinstitute langfristige Anlageformen m it sicherer Rendite.“ Die ZEIT vom 12.09.2016: „Koalition streitet um Privatisierung von Autobahnen“ . http://w ww.zeit.de/politik/deutschland/2016-ll/autobahnen-pkw-m aut-privatisierung-bundesregierung [Stand 10.03.2017] Vgl. dazu auch J. Koschnik: Die wundersame Verwandlung von Autobahnen in Finanz produkte. Onlinemagazin Telepolis vom 05.04.2017. https://www.heise.de/tp/features/Von-der-wundersamen-Verwandlung-von-Autobahnen-in-Finanzprodukte- 3674871.html [Stand 06.04.2017] [23] Ohne den Gedanken an dieser Stelle schon ausführlich zu entwickeln, sei das Ar gument einmal am Beispiel eines großen Konzerns wie etwa des Zwölf-Marken-Konzerns Volkswagen knapp skizziert. Was bedeutete die Verfügbarkeit dieser techni schen Möglichkeiten? Gäbe es sie nicht, also unter der Bedingung der Verfügbarkeit „herkömmlicher“ bzw. konventioneller Produktionsmittel, stünde als Alternative zur privatwirtschaftlichen Trägerschaft nur der Weg der Verstaatlichung des gesamten Konzerns zur Wahl, um öffentliche Interessen zur Geltung zu bringen. Würde nun der gesamte Konzern in staatliches Eigentum überführt, stünde ein nun staatlich be auftragtes und kontrolliertes Managergremium vor der Aufgabe, ein für den Welt markt attraktives Angebot von Automobilen zu entwickeln, und dies so kostengüns tig wie möglich zu produzieren und zu vertreiben. Dieses Gremium stünde — auch bei den allerbesten und lautersten Absichten — sehr bald und kaum vermeidbar unter sehr ähnlichen, ja nahezu identischen Sachzwängen wie das heutige von privaten Ka pitaleignern unter Gewinnerwartungsdruck gesetzte Management30. Es stünde als ko härenter Block von Produktions- und Entwicklungskapazität, als Marke oder Mar kenverbund den Mitbewerbern um Anteile des Weltmarktes gegenüber, und stünde mit diesen in einem Wettbewerb letztlich um das Überleben als selbstständiger An bieter. Ganz kapitalistisch ginge es um Wachsen oder Weichen, um das Ausnutzen aller Potenziale zur Kosteneinsparung und Erhöhung der Profitabilität, wobei man sich nicht die kleinste Nachlässigkeit erlauben darf, „bei Strafe des Untergangs“. Der Blick zu den staatlich gelenkten Autokonzernen Chinas zeigt in der Tat, dass diese sich nicht grundsätzlich anders verhalten als private Autokonzerne, weder gegenüber ihren Mitarbeitern, noch ihren Kunden, noch ihren Mitbewerbern. Dass sie recht erfolgreich auf ihren Märkten mit durchschnittlich noch immer anhaltendem Um satzwachstum operieren liegt wohl hauptsächlich daran, dass in China noch immer ein erheblicher Nachholbedarf besteht, und die Automobildichte pro Haushalt hier noch lange nicht an ähnliche Sättigungsgrenzen gestoßen ist wie sie im entwickelten Westen erreicht worden sind.31 Wie verhielte sich dies nun mit staatlichen oder kommunal getragenen Produkti onsstätten oder -Systemen, die nicht an eine bestimmte Marke gebunden sind? Man muss erneut kurz bei der Überlegung verweilen, ob dies denn überhaupt jemals tech nisch möglich sein könnte. Es dürften sich nicht leicht Automobilmanager finden lassen, die dies bei dem heutigen Stand der Technik bejahen würden. Aber es lassen sich doch eine Reihe von Gründen nennen, die die Annahme stützen, dass dies zu mindest in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein könnte. Zum einen hat sich der Qualitätsstandard in der Automobilproduktion generell angeglichen, so dass Quali tätsstandards bzw. das diese garantierende Fachwissen gerade mit zunehmender Ver wissenschaftlichung der Produktionsprozesse immer mehr aus den firmeneigenen 30 Die vorübergehend aus den Schlagzeilen wieder verschwundene Abgaskrise bei V W und die dafür immer mehr an die Öffentlichkeit dringenden Hintergründe mögen diesen Gewinnerwartungsdruck illustrieren. Man ist of fenbar diese m it Einsatz einer betrügerischen Software verbundenen erheblichen Risiken eingegangen, um die vergleichsweise geringen Kosten zur tatsächlichen Einhaltung der Abgasnormen einzusparen. 31 Vgl. dazu den umfassenden Bericht der Beratungsfirma PW C für den Verband der Automobilindustrie über die Automobilindustrie in China. https://www.pwc.de/de/automobilindustrie/assets/automobilindustrie-und-mobilitaet-in-china.pdf [Stand 19.01.2017] [24] Datenbanken und „Wikis“ sowie den Köpfen der Belegschaften in öffentliches Ei gentum bzw. allgemeine Verfügbarkeit überfuhrt wird. Wissen und Fertigkeiten im Bereich der Produktion haben darum heute nicht mehr die gleiche Bedeutung für den Markterfolg wie vielleicht vor 50 Jahren, als die Verarbeitungsqualität, die Solidität, Betriebssicherheit und Haltbarkeit eines Fahrzeugs die Kaufentscheidung der Kun den wesentlich beeinflussten. Dies wären außerdem zum Teil konstruktive Merkmale und nicht solche der Verarbeitung, die zu früheren Zeiten noch gleichermaßen mit dem Image und dem hausinternen Ethos einer Marke verbunden waren. Im Übrigen ist es ja bereits heute so, dass zumindest Bauteile oder Teilegruppen schon von meh reren Herstellern verbaut werden, oder Zulieferer nicht nur einen Hersteller beliefern, sodass schon heute in einem Automobil der einen Marke Teile eines anderen Her stellers zu finden sind, oder Teile, die eben auch in den Fahrzeugen anderer Hersteller verwendet werden; für die Marken innerhalb eines Konzernverbundes ist dies ja be reits eher die Regel als die Ausnahme. Aber auch die neuen technischen Mittel im engeren Sinne, und darunter ist vor allem wohl die immer weiter vordringende additive Fertigung mittels 3D-Druck zu nennen, stützen diese Annahme. Additive Fertigung wird die Anzahl der Einzelteile eines Fahrzeugs verringern, da durch 3D-Druck wesentlich komplexere Teile ohne Zusatzkosten hergestellt werden. So können Einzelteile in einem Zug hergestellt wer den, die bisher aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden mussten.32 Die Qualität der additiv hergestellten Teile hängt zum größeren Teil von der Qualität bzw. Kapa zität des genutzten Mittels, des 3D-Druckers, selbst ab, wenn zu Teilen sicher auch von der Qualifikation des ihn einsetzenden Personals; größer dürfte aber der Anteil der Teistungsfähigkeit der Maschine selber sein. Die „Key Performance Indicators“, die entscheidenden Teistungsparameter eines Fertigungssystems verlagern sich so im mer weiter in die Maschinerie selbst, sowie — in den meisten Fällen — in die diese steuernde Software. Und beides ist eben austauschbar, so dass diese „Vision“ einer ganz abstrakten, hochleistungsfähigen Universalfabrik33 in immer schärferen Kontu ren am Horizont der Möglichkeiten auszumachen ist. Aber auch wenn auf dem heute erreichten Stand der Technik eine weitgehende Austauschbarkeit und Universalität der Fabrikationsysteme noch nicht erreicht sein sollte, so ist doch klar erkennbar, dass Fortschritt nur in dieser Richtung möglich ist, sodass für die weitere Entwick lung anzunehmen ist, dass der auf den Fertigungssystemen lastende Evolutionsdruck, sich genau in diese Richtung zu entwickeln, anhalten wird.34 32 Vgl. auch A. Domscheit-Berg: „In zw ölf Stunden ein Auto drucken - ganz nach W unsch“ . http://www.manager-magazin.de/untemehmen/it/3d-druck-wird-alle-industriezweige-umkrempeln-a- 1039419.html [Stand 19.01.2017] 33 So sieht es auch T. Niechoj: „Nevertheless, even in the near tuture, production will very likely concentrate more on the invention and the design o f digital models, the adjustment to (or creation of) the requests o f users and the set-up o f more automated production facilities.” D am it wird der Input-Faktor des physischen Kapitals homogen. „Factor specifity does no longer exist.“ Niechoj (2016) S. 212, 231. 34 S. Krüger beschreibt diesen Trend zur Überwindung der „fordistischen“ starren M assenproduktion in Großse rien zugunsten der „höheren Betriebsweise“ einer hochflexiblen kundenindividuellen Produktion, beschreibt aber gleichzeitig auch die bereits wieder eingetretenen „Blockaden“ zur Durchsetzung dieser Betriebsweise, da man die kurzfristige Realisierung von Profiten wenn möglich dem Aufbau nachhaltig wirksamer Restruk turierungen der Produktionssysteme in diesem Sinne vorzieht. Längerfristig wird aber kein W eg an dieser Um strukturierung zu einer postfordistischen Betriebsweise vorbeiführen, will man nicht den völligen Verlust der W ettbewerbsfähigkeit seines Anlagekapitals riskieren. Krüger (2016) S. 118 ff. [25] Um also auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: wie würden sich staatliche oder kommunal getragene Fertigungsbetriebe verhalten, die nicht an eine bestimmte Marke gebunden sind? Angenommen, die etwa 150.000 Personen starke Belegschaft des VW-Konzerns in Deutschland, die direkt und indirekt mit der Fertigung im en geren Sinn beschäftigt ist, würde aus dem VW-Konzern herausgelöst, und in einen staatlichen Produktionsbetrieb überführt. Die Fertigungsanlagen sind dahingehend modifiziert worden, dass — zumindest in gewissen Grenzen und unter noch zu um reißenden Bedingungen — beliebige Automodelle als „Design“, als „digitaler Zwil ling“ in Gestalt eines Datensatzes der weltweit produzierenden Anbieter dieser Mo delle hergestellt werden können. Es wäre nun zuerst zu fragen, ob die Konzentration auf bestehende Standorte mit einer sehr großen Fabrik in Wolfsburg bestehen bleiben müsste, oder ob nicht ge nauso gut viele leistungsfähige Module von Fabrikationssystemen dezentral, jeweils näher am Ort des späteren Verbrauchs, angesiedelt werden sollten, sofern dies ohne Effizienverluste möglich zu machen wäre35. Sodann wäre zu fragen, ob diese Beleg schaftsgröße, die für den Kapazitätsbedarfs eines Weltmarktführers ausgelegt ist, un bedingt beibehalten werden müsste. In wessen Interesse läge das? Läge es unter der artigen Umständen im Interesse eines öffentlichen Betreibers eines abstrakten Pro duktionssystems, den Weltmarkt zu beliefern? Es läge im Interesse des Betreibers, seine bestehenden Kapazitäten auszulasten, um Verschwendung zu vermeiden. Aber wie groß sollten diese Kapazitäten sein? Ein öffentlicher Betreiber eines Produktes oder einer Dienstleistung, etwa ein kommunaler Gas- oder Stromanbieter, hat ge wöhnlich nur das Interesse, den lokal bestehenden Bedarf zu decken, sofern aller dings Besonderheiten der verwendeten Art der Energieerzeugung nicht Skaleneffekte und Kostenvorteile durch Betriebsgröße bedeuten, wie es etwa zu Beginn der Strom erzeugung durch Kohleverstromung bei den Energieerzeugern des Ruhrgebiets der Fall war. Heute hat ein kommunaler Betrieb aber gewöhnlich kein Interesse, zu ex pandieren und seine Leistungen überregional anzubieten und zu vertreiben, sofern nicht Einsparpotenziale von Kosten dafür sprechen würden. In dem Fall wäre aber eher eine Kooperation mit anderen kommunalen Betrieben die Option. Ähnlich könnten sich dann regionale Anbieter von Fertigungskapazitäten „aufstellen“. Sie müssten sich schwankender Nachfrage nach bestimmten Produkten bestimmter Her steller nicht anpassen, sondern könnten etwa die Kapazität zur Herstellung der durch schnittlich erwartbaren Gesamtanzahl lokal nachgefragter Automobile Vorhalten. Dies würde eben — wie etwa für lokale kommunale Energieerzeuger — für jeden regi onalen Anbieter von Produktionskapazitäten gelten. Es wäre sogar möglich, in einem zu präzisierenden Sinne 'Templates, also eine Art von Schablonen zum Aufbau und Implementierung hochleistungsfähiger Produktionssysteme zu entwickeln, und diese zu vertreiben und zu exportieren, so dass auch international jeweils lokal verfügbare 35 Eine solche Entwicklung scheint sich anzudeuten, wie bereits erwähnt. W. Huber sieht „weiter in der Zukunft“ die Möglichkeit, dass z. B. das Presswerk und die Lackiererei aus der Automobilproduktion ganz verschwinden und durch 3D-Druck abgelöst werden, und w irft die - von ihm allerdings nicht betrachtete - Frage auf, ob dann „die bestehenden Fabrikbegriffe überhaupt noch Bestand haben“ . Diese Entwicklungen sollen im weiteren V erlauf ausführlich diskutiert werden. Huber, W.: Industrie 4.0 in der Automobilproduktion. Ein Praxisbuch. W iesbaden 2016, S. [26] Kapazitäten zur Herstellung international vertriebener Automobilmodelle entstün den. Aus Sicht kommunaler, nichtgewinngetriebener Unternehmen stünde dem nichts entgegen, denn sie stünden untereinander nicht in einem Verdrängungswett bewerb, sondern allenfalls in einer Art von Qualitätswettbewerb um die bessere und effizientere Leistung, denn der Kostendruck als solcher, zur Vermeidung von Res sourcenverschwendung, würde ja bestehen bleiben. Der Automobilkonzern selber aber wäre erheblich geschrumpft, und damit das in ihm gebundene Kapital. Diese gesamte Kapitalmasse würde als „Renditesucher“ und damit etwa auch als Faktor der Beeinflussung politischer Entscheidungen in seinem Sinne aus der kapitalistischen Wirklichkeit verschwinden.36 Produktivitätsgewinne könnten von öffentlichen Unternehmen ohne systematische Einschränkungen durch Ansprüche der Kapitaleigner über die Preise an die Konsumenten bzw. die Öffent lichkeit weitergegeben werden. Der generelle volkswirtschaftliche Effekt einer Kapi talnutzung auf der Konsumseite (öffentlich oder privat) wäre der, dass es zu einer Bilanzkürzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung käme; die tatsächlich Wertschöpfüng wäre unverändert, ebenso das zur Verfügung stehende Inlandspro dukt, abgenommen hätten aber die Kapitalerträge, und damit deren Beitrag zu weite rer Kapitalbildung.37 Darüber hinaus wären unternehmerische Entscheidungen der Betriebsführung wie etwa allgemeine Anpassungen der Arbeitszeiten oder ökologi sche Ansprüche an verwendete Materialien im Rahmen des Gebots der Ressour ceneffizienz ohne weiteres im Einklang mit öffentlichen Interessen durchführbar. Dennoch stünden diese öffentlichen Unternehmen nicht unter dem Druck, ihre Marktanteile auszuweiten und neue Produkte zu erfinden und am Markt zu etablie ren. Diese Aufgabe verbliebe bei den Automobildesignern. Diese aber wiederum stünden nicht unter dem Druck, eine dermaßen große Masse an gebundenem Kapital gewinnbringend in den ökonomischen Prozess einzubringen, wie vorher bzw. in der Gegenwart. Zwar stünden sie im Wettbewerb, aber mit erheblich verringerter Inten sität und Schärfe. Ihre Produktionsmittel wären lediglich Netze von Computern, und ihr vernetztes Knowhow auf Wissensdatenbanken, aber keine Fabrikhallen, Roh stoff- und Teilelager, und Heere von Robotern und autonomen Transportsystemen. Wenn dies auch nicht gerade am Beispiel eines so hochkomplexen Produkts wie einem modernen Automobil mit all seinen ständig sich erneuernden technischen Raf finessen am leichtesten zu beschreiben ist, lässt sich der beschriebene Trend zur Universalisierung der Produktion dahingehend zusammenfassen, dass abstrakte Produk tionssysteme und —prozesse entstehen, die einem — privaten oder öffentlichen — 36 Vgl. dazu den alarmierenden Bericht von Harald Schumann: Die Herrschaft der Superreichen. Die Macht der Geldelite und die Kapitulation der Politik. Blätter für Deutsche und internationale Politik, 12/2016, S. 67-78. Noch eindeutiger äußerte sich bereits 1974 die Ökonomin Joan Robinson: „Die Verfügung über finanzielle M ittel gibt den großen Unternehmen die Freiheit, ihren eigenen Plänen zu folgen und nicht nur die M arktwirt schaft, sondern auch die nationale und internationale Politik zu manipulieren. ... Damit ist das Fundament der Lehre zerstört, dass das Gewinnstreben die Ressourcen auf die verschiedenen Verwendungen zum Vorteil der ganzen Gesellschaft aufteilt.“ Joan Robinson: Ökonomische Theorie als Ideologie. Frankfürt 1974 37 Der M aterialwissenschaftler J. Pierce hat in mehreren Studien nachgewiesen, dass die Nutzung eines 3D-Druckers am O rt des Konsums Kosten einsparen kann, und sich die Investition in seine Anschaffungskosten nach wirtschaftlich vertretbarer (zwischen einem und drei Jahren) Zeit amortisiert. Der makroökonomische Effekt wäre der, dass diese Einsparung den Nutzen des Investors zw ar erhöht, in der volkswirtschaftlichen Gesamt rechnung aber gar nicht auftaucht. Die Bilanz der V GR wäre einfach gekürzt. (Pierce 2015, 2017). [27] Nachfrager abstrakte Produktionskapazität anbieten, die dieser dann seinen individu ellen Nutzenpräferenzen entsprechend individualisieren kann. Dies ist vor einigen Jahren am Beispiel der aufkommenden 3D-Drucker breit diskutiert worden38, und hier ist dieser Zusammenhang zwischen einem Datensatz, auf den man etwa per In ternet zugreifen und an seinen privaten 3D-Drucker weiterleiten kann, leicht einseh bar: ein 3D-Drucker kann eben im Rahmen seiner Möglichkeiten — die etwa durch die Größe des Bauraums und der verarbeitbaren Materialien vorgegeben sind — be liebige „Dinge aus Daten“ herstellen. Allerdings ist auf diese Weise — bis auf weiteres — nur ein verschwindend kleiner Teil der genannten 10.000 Dinge herstellbar39, die gewöhnlich für unser hochsensibles und anspruchsvolles Lebensgefühl zu einem Leben in Fülle und Wohlstand dazuge hören. Um all diese Dinge eben auch auf diese Weise, unter Nutzung öffentlichen Kapitals, herzustellen, müsste sich in der skizzierten Weise Schritt für Schritt die ge samte Struktur der modernen industriellen Konsumgüterproduktion verwandeln, was in der Tat eine Revolution bedeutete, angesichts der Dimensionen so einer offen sichtlich sehr umfangreichen und tiefgreifenden Transformation. Dies ist die in diesem Buch ausgearbeitete Intuition. Diese kleine Skizze, mit we nigen Stiften in wenigen Farben gezeichnet, steht für ein Bild, das in Wirklichkeit in Abertausenden von Farben und Schattierungen schillert, und hier nicht annähernd vollständig ausgemalt werden kann40, und doch ist es der Kern aller folgenden An nahmen, die sich für die Beschreibung und auch Herstellung eines vernünftigen, ra tional begründbaren und allgemein wünschbaren ökonomischen Zustands einer nachkapitalistischen Wirtschafts- und Lebensordnung ergeben. Zwar steht nun diese Technik im Kern der Betrachtung und bildet die unverzicht bare Bedingung, aber dennoch ist diese „bloße Technik“ nicht alles, wie bereits gese hen. Eine Fülle von Maßnahmen zur Herstellung eines ökologisch nachhaltigen, stabilen ökonomischen und politischen Klimas und Handlungsrahmens werden not wendig sein, die andernorts teilweise bereits umrissen und diskutiert worden sind.41 Daraus ergeben sich etwa Inhalt und Aufbau des Buches: um die beabsichtigte Argu mentation methodisch aufzubauen und abzusichern, sind zunächst einige begriffliche Klärungen notwendig, auf die sich die spätere Argumentation stützen kann. Dazu gehört das Aufspannen eines Wertehorizonts, mit Vergewisserungen über Werte und Wahrheit, Methoden und Ziele des Erkenntnisgewinns, und über geschichtliche Ziele. Damit verbunden ist die Frage nach einem verbindenden und verbindlichen Verständnis davon, wie geschichtlicher oder kultureller Fortschritt zu definieren ist,42 38 Stellvertretend für viele: Anderson, C.: Makers. The N ew Industrial Revolution. N ew York 2012 39 Dazu eine Aussage im Technology Survey Report 2015: bis 2025 werden 5% der Produkte des Endverbrau cherkonsums 3D-gedruckt sein. 40 Das Beispiel der Automobilproduktion wird weiter hinten wieder aufgenommen und ausführlich diskutiert. 41 Zu nennen wäre hier unvermeidlicherweise Paul Masons „Postkapitalismus“, der neben Jeremy Rifkin bislang als einziger m it einem umfassenden Entw urf einer nachkapitalistischen Ordnung an die breitere Öffentlichkeit getreten ist, und diese auch erreicht hat. Vgl. M ason (2015), Rifkin (2014). Ferner wäre zu nennen: Stephan Krüger: W irtschaftspolitik und Sozialismus. Hamburg 2016. Krüger bleibt in seinem Entw urf allerdings sehr stark marxistischen Denkfiguren („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen..“) verhaf tet. 42 Vgl. dazu etwa Johano Strassers „Das Drama des Fortschritts“, in welchem er das Schillern der Zukunftser wartungen zwischen Apokalypse und „Erneuerung des Humanismus“ schildert. Strasser (2015) [28] und nach Werten, die Aussicht haben, auf allgemeine Anerkennung zu stoßen. Wie wären ihre Begründung, und ihr Ursprung? Es stellt sich ferner die Frage nach einem Menschenbild, in dem die Menschen sich zwanglos wiederfinden können, und dem sie zustimmen können; die Frage nach Hoffnungen, denen wir uns gemeinsam zu wenden können, oder nach verbindenden und verpflichtenden Zielen, die uns sagen, was wir tun sollen. Ferner sind einige Begriffe zur Technik zu klären, die ja eine bedeutende Rolle spielen wird — ob es einem gefällt oder nicht. Aus der skizzierten Transformation von Ökonomie und industriellen Prozessen geht hervor, dass Technik, automatische Ma schinen und kommunizierende Systeme eine zentrale Rolle spielen werden, und dass sich aus der Einbeziehung dieses Potenzials die Definition eines Richtungsstrahls von geschichtlichem Fortschritt ergibt, dessen vorstellbares Ende oder Ziel gedanklich scharf definiert sein muss. Es resultiert die Notwendigkeit, wirtschaftliche Zustände zu definieren unter der Voraussetzung, dass unbegrenzte maschinelle Kapazitäten zur Verfügung stehen. Es stellt sich so etwa die Frage, ob es erkennbare Grenzen des Einsatzes von Maschinen, von programmierbaren, „intelligenten“ Automaten und Robotern gibt. Tässt sich etwas sagen über eine „Natur“ von universal programmier baren Automaten, was universale Automaten „sind“, und was ihr Telos ist? Was macht ihre Universalität aus? Wie wirkt dieser Telos im Umfeld möglicher Anwendungen, wie eben der Ökonomie, oder der Produktion? Tässt sich etwa auch eine Idee eines „perfekten“ Produktionsautomaten konstruieren, als Ideal, als schlechterdings un übertreffliches Vorbild? Tässt sich so ein Ideal so rational konstruieren, wie etwa die idealen und in der Realität nicht anzutreffenden Figuren der Geometrie? Auch für den Bereich der Ökonomie sind einige allgemeine Klärungen voranzu stellen, die den Bereich dessen was ganz technik- und zeitinvariant möglich ist, ein schränken, wie etwa der Begriff des Bedürfnisses, die Unterscheidung von endlichen und unendlichen Bedürfnissen, von vermehrbaren und nichtvermehrbaren Gütern, von teilbaren und unteilbaren Gütern, von subjektiven und objektiven Werten, von dispositiven und exekutiven Handlungen und Arbeiten; sodann die Definition des Arbeitsbegriffs, und die Bestimmung von automatisierbaren (maschinenexekutierbaren) Handlungen und nichtautomatisierbaren Handlungen. Hieraus ergeben sich wie derum einige Folgerungen für eine Art von Ökonomie, die das Potenzial der Substi tution menschlicher Arbeit durch Maschinen als präsent und wünschenswert voraus setzt, und dies nicht — wie wohl die gesamte gegenwärtig an den Hochschulen gelehrte Ökonomie — für einen immer wieder durch Nachfragewachstum zu korrigierenden Einbruch der Maschinenproduktivität in die Stabilität der marktlich verfassten Volks wirtschaften hält. Eine ausführliche Herleitung wäre an dieser Stelle zu aufwendig43, stattdessen stehen diese thetisch gestrafft formulierten Bestimmungen am Anfang der Diskussion, um im späteren Verlauf auf sie zugreifen zu können, und sie auf diese Weise dann auch zu erläutern und zu begründen. 43 Eine umfassendere Begründung ist gegeben worden in der 2003 erschienenen Dissertation der Verfassers zu den langfristig zu erwartenden Entwicklungen im Zusammenspiel von Automationstechnik und Ökonomie: Eversmann, L.: W irtschaftsinformatik der ,langen F ris f. Perspektiven für Menschen, Automaten und Arbeit in einer lebensdienlichen Ökonomie. W iesbaden 2003 [29] Diese Klärungen und thetischen Bestimmungen bilden also den Inhalt des ersten Teils. Im Anschluss bewegt sich die Diskussion auf der konkreteren und plastischeren Ebene der geteilten oder teilbaren Erfahrungen, so dass die abstrakteren Aussagen des ersten Teils auf diese Weise konkretisiert werden; jedenfalls ist dies die Absicht. Im zweiten Teil geht es also um die Diskussion der „Zukunft der entwickelten Volks wirtschaften“, wie sie aus ihrem bisherigen Verlauf etwa seit Ende des Zweiten Welt kriegs bis in die Gegenwart und unter der Voraussetzung der Verfügbarkeit der be kannten technischen Mittel und Methoden zur wirtschaftlichen Mittelbeschaffung herzuleiten ist bzw. mit Blick auf die entstandene Debatte dazu von veröffentlichten Stimmen aus Wissenschaft und Publizistik erwartet wird. Der Tenor einer Mehrheit der Meinungen sieht hier einen krisenhaften Verlauf. Die sich immer mehr zuspit zende Krise des überbelasteten Klimahaushalts ist dabei ebenfalls in Betracht zu neh men, wenn diese Entwicklungen in der ökonomischen Diskussion gewöhnlich auch als der Ökonomie „externe“ und minder relevante Tatbestände betrachtet werden. Ziel ist die Herstellung von Plausibilität für die Annahme, dass die Aussicht auf Rück kehr zu marktharmonischen, stabilen und berechenbaren Tebensverhältnissen mit stetem Wachstum, kontinuierlich steigenden Töhnen und Vollbeschäftigung illusio när ist, weil dies nicht nur die politischen Steuerungsinstitutionen der reifen Ökono mien maßlos überfordern würde, sondern auch erkennbaren ethischen Imperativen widerspricht. Tatsächlich führt die kapitalistisch dominierte Entwicklung in eine in nerhalb des marktwirtschaftlichen Paradigmas unauflösliche Krise: nein, der „reine“ Kapitalismus als dominantes System kann nicht weiterleben, er wird seine Fähigkeit zur Herstellung von Wohlfahrt und Tebensglück unvermeidlich, notwendig und un wiederbringlich verlieren. Der vierte Teil wird sich konzentrieren auf die Beschreibung der Evolution der technischen Mittel im engeren Sinne, auf die Entwicklung der „großen Maschinerie“, wie noch Marx und Schumpeter und andere früh aufgetretene Ökonomen sie nur vergleichsweise unscharf erfassen konnten. Welche Perspektiven ergeben sich nun für eine nicht-kapitalistische Ökonomie und Gesellschaft? Der fünfte Teil widmet sich also der Frage nach den Möglichkeiten der Herstellung einer skizzierten Perspektive. Es dürfte zu erwarten sein, dass ganz entgegen der Annahme Schumpeters Widerstände der Bezieher von Kapitaleinkünf ten gegen eine Transformation des privaten Sektors in öffentliche Verantwortung auftreten werden. Vorausgesetzt, man teilt die skizzierten Annahmen, stellt sich fol gerichtig die Frage, wie — auch gegen diese zu erwartenden Widerstände — eine Trans formation vorbereitet werden könnte, wie ihre Notwendigkeit und Wünschbarkeit in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden kann, und wie dieser gesellschaftliche Kraftakt zu ihrer Initiierung und Realisierung ausgelöst und ins Teben gerufen wer den könnte. Es stellte sich dann auch die Frage, wie zu erwartende Widerstände über wunden, wie eine rationale öffentliche und politisch wirksame Debatte in Gang ge setzt werden könnte, um den erforderliche Aufmerksamkeitsgrad zu erreichen. Mög licherweise könnte die Wirtschaft selbst, etwa in diesen Prozess aktiv eingebundene Unternehmen selbst zu aktiven „Transformern“ werden, oder auch solche Besitzer von Vermögen, die die Aussichtslosigkeit der kapitalistischen Perspektive erkennen, [30] und einen Wandel unterstützen wollen. Oder muss auch der Staat zu einer neuen Art von Unternehmer werden? Die Frage nach einer ausreichenden öffentlichen Unter stützung stellt sich vor allem auch in Anbetracht der Tatsache, dass diese Transfor mation sehr hohe Investitionen erfordern dürfte. Möglicherweise erscheint im Sinne dieser neuen Intention auch ein neuer Typ von Aktivator, der dem Typ des Schumpeterschen Unternehmers für die Früh- und Blü tezeit des Kapitalismus entspricht. Wird es also nur die demokratisch informierte und aktive Öffentlichkeit sein, die die Dinge vorantreibt, oder könnten es auch charisma tische und in diesem Sinne dynamische, aktivierende Persönlichkeiten sein, die die Aktivitäten formieren, bündeln und als Katalysator auftreten können? Oder, und das wäre das letzte, an das zu denken wäre, wird man möglicherweise auch hier auf„außerordentliche katalytische Ereignisse“ warten oder setzen müssen, die, wie etwa die Katastrophe von Fukushima für den Automausstieg, einem solchen Umschwung und Aufbruch den notwendigen initialen Anschub verleihen? Im Sinne guter wissenschaftlicher Tradition sollte es aber natürlich dabei bleiben, dass man auf den „eigentümlich zwanglosen Zwang des Arguments“ (Habermas) set zen wird, und auf die Verständigungsbereitschaft der gutwilligen Gemeinschaft auf geklärter „Republikaner“, im ursprünglichen Sinne des Wortes von demokratischer parlamentarischer Willensbildung. Beginnen wir also mit dem Aufspannen eines Wer tehorizonts, für den die Bedingung gelten muss, dass jeder ihm prinzipiell zustimmen kann. [31]

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Philosophie will belehren und erziehen und ein besonderer Ort des Nachdenkens über die Welt sein – des Nachdenkens darüber, was aus einer Person, einer Gesellschaft oder der Welt werden kann. So schildert der Philosoph Michael Hampe den Sinn der „Lehren der Philosophie“.

Aber die Philosophen verfügen nicht über die Mittel der Fachwissenschaften, um diese Welt zu verändern und aktiv dazu beizutragen, dass aus ihr wird, was aus ihr werden kann.

Ludger Eversmann hat darum diese „grundsätzliche Reflexion über Entwicklungsziele mit notwendigerweise utopischem Charakter“, die in der Philosophie stattfindet, nach Jahren der ergebnislosen Suche zur Informatik geführt. Hier wurden und werden offenbar die für die heutige Zeit wichtigsten Mittel hervorgebracht, um aus unserer Welt das zu machen, was aus ihr werden kann.

Während die Begriffe Automat oder Automation zum Alltagswissen gehören, wird meistens nicht verstanden, dass es sich bei den Automaten der Informatik um universale Automaten handelt. In der Universalität dieser Automaten ist der Keim dessen angelegt, was aus den Automaten und Robotern der Industriefabriken werden kann: universale Fabrikationsautomaten und -systeme. Universale Fabrikationssysteme aber verändern die Welt.

Sie beenden den Kapitalismus. Sie machen aus der Welt, den Menschen und den Gesellschaften das, was aus ihnen werden kann.