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1 Einleitung in:

Bastian Strobel

Gott + Staat = Gottesstaat?, page 8 - 11

Das Verhältnis von Staat und Religon im Christentum und Islam

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4040-9, ISBN online: 978-3-8288-6755-0, https://doi.org/10.5771/9783828867550-8

Tectum, Baden-Baden
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8 1 Einleitung "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."1 Das berühmte Böckenförde-Diktum besagt, dass liberale Staaten, wie sie in der westlichen Welt vorkommen von Voraussetzungen leben, die andere für sie geschaffen haben. Diese Voraussetzungen wurden zum einen durch das Christentum, zum anderen durch die Aufklärung und die scheinbare Überwindung der christlichen Vorrangstellung erreicht. Der ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde geht davon aus, dass liberale Staaten diese Voraussetzungen nicht garantieren können, da diese nicht in der Lage sind die Voraussetzungen zu reproduzieren. Der liberale Staat ist laut Böckenförde darauf angewiesen, dass es Wahrheitsstifter gibt, die den Bürgern einen Sinn und eine Wahrheit vermitteln, die der Staat nicht kommunizieren kann. Für Böckenförde geht es um Folgendes: "Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art 'Gemeinsinn' bei denen, die in diesem Staat leben."2 Dieser "Gemeinsinn" muss nicht unbedingt Religion sein, sondern es geht um eine einheitliche Weltanschauung, die alle Bürger verbindet. John Rawls würde dies den Overlapping Consensus, einen Konsens dem alle Weltanschauungen zustimmen können, nennen. Nun kann man sich fragen, warum ein Zitat eines Verfassungsrichters aus dem Jahr 1964 heute noch aktuell ist. Zum einen hat der Islamistische Terror, der seit den 1990er Jahren viele Länder des Westens erschüttert, dazu beigetragen. Zum anderen aber sind auch grundlegende ethische Fragen, ausgelöst durch technischen Fortschritt, in den westlichen Demokratien aufgetreten, die die Grundhaltungen eines jeden Einzelnen betreffen.3 Ein dritter Punkt der nicht vergessen werden darf ist, dass Religion aus verschiedenen Gründen wieder an Bedeutung gewinnt. Ein Grund hierfür ist ein gestiegenes Gefühl der Unsicherheit, sei es durch Globalisierung oder Abstiegsangst, in den Bevölkerungen des Westens wieder an Bedeutung gewinnen. Der islamistische Terror ist im Jahr 2017 kein neues Phänomen. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist wohl jedem klar, dass dieser bis heute eine 1 Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main. 1976. S. 60. 2 Frankfurter Rundschau: "Freiheit ist ansteckend". 2. November 2010, S. 32 f. 3 Polke, Christian: Öffentliche Religion in der Demokratie. Eine Untersuchung zur Weltanschaulichen Neutralität des Staates. Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig. 2009. S. 45. 9 der Hauptbedrohungen der westlichen Demokratien im noch jungen 21. Jahrhundert darstellt. Der islamistische Terrorismus stellte und stellt die Staaten vor eine Herausforderung, die so vorher relativ unbekannt war. Zwar gab es auch vor den Anschlägen von Al-Quaida schon terroristische Anschläge, man erinnere sich nur an die RAF in der Bundesrepublik, allerdings ist die erneute Relevanz von Religion als Konfliktpotenzial für die meisten Staaten ungewohnt. In Europa sind die meisten Religionskriege schon seit dem 30jährigen Krieg abgehakt und wurden mit dem Westfälischen Frieden beendet. Das Vorgehen gegen Islamismus und letztlich religiöse Motive wurde ein Motor für die Sicherheitspolitik der letzten 15 Jahre, die viele Staaten nach dem Zusammenbruch des Ost-Blocks vernachlässigt hatten. Ein zweiter Punkt, der die bestehende Relevanz von Religionen verdeutlicht, sind die grundlegenden ethischen Fragen, vor denen viele westliche Staaten in den letzten Jahren standen und stehen. Sei es die Erlaubnis von Abtreibung, die Präimplantationsdiagnostik oder die Sterbehilfe. Jede dieser politischen Fragen berührt auch die moralischen Vorstellungen jedes Einzelnen in der Gesellschaft. Da Religionen auf die Moralvorstellungen des Einzelnen großen Einfluss ausüben, haben sie in diesen ethischen Fragen wieder eine Relevanz erfahren, die es in dieser Form lange nicht gab.4 Viele Vertreter der Säkularisierungsthese hatten nicht erwartet, dass dies in westlichen Gesellschaften möglich wäre, da für diese Vertreter die Entwicklung der heutigen westlichen Welt in der Abgrenzung von Religion entstanden ist. Der technische und wissenschaftliche Fortschritt hat neue Fragen aufgeworfen und dadurch den Religionsgemeinschaften wieder zu einer neuen Relevanz in der politischen Diskussion verholfen. Der dritte Punkt zielt auf neue Ängste in der Bevölkerung ab. Durch die Globalisierung, die Eurokrise und zuletzt die Flüchtlingskrise sind in den Bevölkerungen des Westens Ängste entstanden, die Populisten wie Donald Trump einige Wahlerfolge beschert haben.5 Die diffuse Angst vor dem Fremden ist auch eine Angst vor der fremden Religion. Vielen Menschen in den USA, Deutschland, Frankreich, Österreich und anderen Ländern macht es Sorge, dass vermehrt Menschen zu ihnen kommen, die einer anderen Religion angehören und aus einem fremden Kulturkreis stammen. Die Angst vor Überfremdung ist auch die Angst davor, die eigene Identität zu verlieren. Die Identität also, die eng mit der sogenannten abendländischen christlich-jüdischen Tradition verbunden ist und die nun durch die Ankunft von immer mehr Menschen mit islamischer Religionszugehörigkeit scheinbar in Gefahr gerät. Auch die Angst, die durch die Globalisierung entstanden ist, führt dazu, dass 4 Polke. 2009. S. 29. 5 Polke. 2009. S. 30. 10 Religionen wieder wichtiger werden. Karl Marx bezeichnete die Religionen einst als Opium des Volkes und meinte damit, dass Menschen meist in Angstsituationen vermehrt zu Religiosität neigen und durch diese beruhigt werden. Für Marx war der Einsatz dieses Opiats aber ein Mittel der Kapitalisten, um das Proletariat ruhig zu stellen.6 Die Religionssoziologie kann schon lange zeigen, dass Religionen in Krisen wieder relevanter werden, da diese den Menschen vermeintlich Halt und Sicherheit geben kann.7 Es wird somit deutlich, warum Religionsgemeinschaften im Jahr 2017 immer noch relevant sind und nicht aus der Betrachtung der Politikwissenschaft verschwinden sollten. Sie sind ein relevanter Faktor in der Tagespolitik eines jeden Landes und deshalb sollten die Einstellungen der Religionsgemeinschaften gegenüber dem Staat untersucht werden. In der nun folgenden Arbeit sollen deshalb religionsspezifische Unterschiede im Verhältnis von Staat und Religion betrachtet werden. Es geht vor allem darum, die klassische Sicht auf das Verhältnis, vom liberalen Standpunkt aus, aufzugeben und aus der Sicht einiger Denker des Christentums und Islams darauf zu blicken. Die Leitfragen der Arbeit sind deshalb folgende: Existieren religionsspezifische Unterschiede in der Sicht auf das Verhältnis von Staat und Religion zwischen ausgewählten Denkern des Christentums und des Islams? Unterscheidet sich deren Sichtweise von der liberalen Interpretation? Hierzu soll zuerst die liberale Sichtweise, die sich in den letzten 300 Jahren entwickelt hat, präsentiert werden, um daraus einen Anforderungskatalog zu erstellen, der an die Sichtweisen der religiösen Vertreter angelegt werden kann. Dazu werden neben Locke, Mill und Tocqueville auch Rawls, Taylor und Habermas betrachtet. Im Anschluss daran folgt eine Vorstellung der christlichen Sichtweise auf das Verhältnis von Staat und Religion. Hierzu wird zuerst auf Augustinus verwiesen, der in "De Civitate Dei" wohl der erste religiöse Vordenker war, der das Verhältnis im fünften Jahrhundert systematisch analysiert hat. Im weiteren Verlauf kommen dann noch Joseph Ratzinger, der im Jahr 2005 zu Papst Benedikt XVI gewählt wurde, und Heinrich Bedford-Strohm, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Wort, die die aktuelle Sichtweise der katholischen und evangelischen Kirche repräsentieren. Bei den Denkern des islamischen Glaubens soll vor allem die unterschiedliche Sichtweise von Schiiten und Sunniten betrachtet werden. Dazu werden die Schriften von Hassan al-Banna, dem Begründer der Muslimbruderschaft und des politischen Islam, sowie die Schriften von Ayatollah Ruhollah Khomeini, dem Gründer der Islamischen Republik im Iran, zu Grunde gelegt. 6 Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke. Band 1. Karl Dietz Verlag. Berlin. 1976. S. 378 f. 7 Knoblauch, Hubert: Religionssoziologie. de Gruyter Verlag. Berlin. 1999. S. 36 f. 11 Es ist zu erwarten, dass es einige Unterschiede zwischen den christlichen und muslimischen Denkern einerseits, aber auch innerhalb der Religionen andererseits gibt. Diese Erwartung erscheint schon fast trivial, ist aber eine logische Folge der Ausdifferenzierung innerhalb der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Theologische Unterschiede bieten hier die Grundlage für unterschiedliche Auffassungen vom optimalen Verhältnis von Staat und Religion. Hierzu schreibt Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert: "Mohammed hat nicht nur religiöse Lehren vom Himmel herabgeholt […] sondern auch politische Leitsätze, bürgerliche und strafrechtliche Gesetze […]. Das Evangelium spricht hingegen nur von den allgemeinen Beziehungen der Menschen zu Gott und untereinander. Außerhalb dessen lehrt es nichts und verpflichtet zu keinem Glauben. Dies allein genügt […] daß die erstgenannte dieser beiden Religionen in Zeiten der Aufklärung und der Demokratie nicht lange herrschen kann, wogegen die zweite in solchen Zeiten wie in allen andern fortzudauern bestimmt ist."8 Der Hauptunterschied liegt für ihn darin, dass der Islam grundsätzliche politische Vorgaben macht, die das Christentum so nicht kennt. Deshalb sei der Islam nicht demokratiekompatibel, das Christentum aber schon. Daraus resultiert die zweite These: Es ist daher zu erwarten, dass die muslimischen Vorstellungen von al-Banna und Khomeini das liberale Anforderungsprofil nicht erfüllen werden. Gleichzeitig muss man aufgrund von Tocquevilles Aussage davon ausgehen, das Augustinus, Ratzinger und Bedford-Strohm mit dem liberalen Anforderungsprofil kompatibel sind. 8 Tocqueville, Alexis de; Mayer, J.P.(Hrsg.): Über die Demokratie in Amerika. Reclam- Verlag. 1985. S. 227.

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Zusammenfassung

Das Verhältnis von Staat und Religion ist schon seit jeher ein zentrales Forschungsfeld der Politischen Theorie. Das Spannungsfeld, welches in Jahrhunderten zwischen Religionsgemeinschaften und staatlichen Akteuren entstanden ist, ist in Zeiten von islamistischem Terrorismus und ethischen Grundsatzdiskussionen in westlichen Demokratien aktueller denn je. In der Forschung liegt der Fokus meist auf der Betrachtung und Entwicklung liberaler Vorstellungen, welche als Ideal für das Verhältnis von Staat und Religion dienen sollen. Bastian Strobel löst sich von dieser Sichtweise und legt den Fokus auf die Betrachtung und den Vergleich der Vorstellungen religiöser Denker. Wie unterscheiden sich die Auffassungen christlicher Denker von den Ideen muslimischer Gelehrter? Gibt es Unterschiede innerhalb der Religionsgemeinschaften? Dazu werden die Vorstellungen von Augustinus, Joseph Ratzinger und Heinrich Bedford-Strohm mit denen von Hassan al-Banna und Ayatollah Ruhollah Khomeini verglichen. Um einen sinnvollen Vergleich möglich zu machen, werden vorher grundlegende liberale Anforderungskriterien erstellt, anhand derer die Vorstellungen der religiösen Denker verglichen werden.