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I Einleitung in:

Florian Wedlich

Einfluss der Persönlichkeit auf das Risikoverhalten von Anlegern in Finanzmärkten, page 1 - 8

Eine experimentelle und empirische Untersuchung zum Einfluss von Extraversion und Neurotizismus auf das Risikoverhalten von Anlegern und die Preisbildung in Finanzmärkten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4033-1, ISBN online: 978-3-8288-6749-9, https://doi.org/10.5771/9783828867499-1

Tectum, Baden-Baden
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I Einleitung 1 Motivation und Zielsetzung Das Forschungsfeld der Behavioral Finance1 untersucht das reale Entscheidungsverhalten von Marktteilnehmern in Finanzmärkten und versucht dieses zu erklären. Die verhaltenswissenschaftliche Finanzmarktforschung, die etwa in den 1960er und 1970er Jahren ihren Ursprung hat, ist dabei als ein interdisziplinäres Forschungsfeld aufzufassen, das sich schwerpunktmäßig auf (kognitions-) psychologische, verhaltenswissenschaftliche und soziologische Erklärungsansätze stützt, um Abweichungen vom rationalen Verhalten der Marktakteure zu erklären.2 Neben dem Einbezug von neurowissenschaftlichen und genetischen Befunden3 wird dabei auch auf die Persönlichkeit der Marktteilnehmer als Erklärungsfaktor zurückgegriffen.4 Dabei wird 1 Für einen grundlegenden Überblick zur Behavioral Finance beziehungsweise Behavioral Economics vgl. Oehler (1992, 1995, 1998a, 2000a, b, 2002, 2005c), Olsen (1998), Ricciardi (2006), Thaler (2016). Im Deutschen hat sich für Behavioral Finance dabei der Begriff verhaltenswissenschaftliche Finanzmarktforschung eingebürgert. Die beiden Begriffe werden fortan als Synonym verwendet. 2 Vgl. Olsen (1998), S. 10, Ricciardi (2006), S. 6f. und 11f. Wesentliche grundlegende Arbeiten zur Behavioral Finance, zum Beispiel von Tverksy/Kahneman (1973, 1974), insbesondere die Urteilsheuristiken und den daraus resultierenden „Biases“ betreffend, lassen sich ebenso wie das Konzept der Bounded Rationality von Simon (1955, 1956, 1957, 1990) größtenteils der Kognitionspsychologie zuordnen, vgl. Fuller (1996), Mullainathan/Thaler (2001). Diese Forschungsrichtung beschäftigt sich mit den mentalen Prozessen des Wahrnehmens, Denkens, Erinnerns, Verstehens und Problemlösens, vgl. Hayes (1995), S. 12-40. 3 Vgl. zum Beispiel Peterson (2007), Coates/Herbert (2008), Barnea/Cronqvist/Siegel (2010). 4 Vgl. zum Beispiel Almlund et al. (2011), Borghans et al. (2008). 2 1 Motivation und Zielsetzung überwiegend das Fünf-Faktoren-Modell (FFM) der Persönlichkeit5 verwendet, das die Persönlichkeit in fünf übergeordnete Persönlichkeitsfaktoren unterteilt: Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.6 Im Gegensatz zu relativ gut gesicherten und zahlreich vorhandenen Forschungsergebnissen zum Beispiel in Bezug auf den Einfluss des Geschlechts7, des Alters8 oder der Emotionen9 auf das Risikoverhalten von Anlegern bei finanziellen Entscheidungen, sind die Ergebnisse von Studien, die den Einfluss der Persönlichkeit auf das Risikoverhalten adressieren, weitaus spärlicher vorhanden, heterogener und zum Teil widersprüchlich.10 Zudem fokussieren bisherige Forschungsarbeiten weitestgehend darauf, den Einfluss der Persönlichkeit auf das Risikoverhalten mittels Befragungen, bei denen unter anderem hypothetische finanzielle Entscheidungssituationen konstruiert werden, zu untersuchen.11 Experimentelle Untersuchungen im Labor, bei denen das reale Finanzmarktgeschehen zum Beispiel in Form eines computerbasierten Aktienmarkts simuliert wird, und somit das Risikoverhalten von Anlegern direkt beobachtbar und messbar ist, fehlen gänzlich. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher der Fragestellung, wie die Persönlichkeit das Risikoverhalten von Anlegern in Finanzmärkten beeinflusst. Unter Risikoverhalten werden im Fortlauf der Arbeit alle beobachtbaren und messbaren Aktivitäten von Menschen verstanden, die in Entscheidungssituationen unter Unsicherheit (Risikosituation) auftreten.12 Im Gegensatz zum Großteil der bisherigen Forschung soll dabei der Fokus der Analyse auf die beiden Persönlichkeitsfakto- 5 Goldberg (1981, 1993) verwendete für die fünf Faktoren dabei erstmalig den Begriff Big Five. 6 Vgl. für einen Überblick Laux (2008), S. 174ff. 7 Vgl. zum Beispiel Jianakoplos/Bernasek (1998), Hariharan/Chapman/Domian (2000), Mayfield/Perdue/Wooten (2008). 8 Vgl. zum Beispiel Barber/Odean (2001), Dorn/Huberman (2005). 9 Vgl. zum Beispiel Isen/Patrick (1983), Forgas (1995), Grable/Roszkowski (2008). 10 Vgl. zum Beispiel die widersprüchlichen Ergebnisse von Durand (2013a, b) zum Einfluss von Extraversion auf die Handelsaktivität an Finanzmärkten. 11 Vgl. exemplarisch dazu Durand/Newby/Sanghani (2008) oder Pan/Statman (2013). 12 Vgl. Unser (1999), S. 3. Risikoverhalten wird im Rahmen der Arbeit auch als Entscheidungsverhalten unter Risiko aufgefasst. 1 Motivation und Zielsetzung 3 ren Extraversion und Neurotizismus gelegt werden, da aufbauend auf vorherigen Studien vermutet wird, dass diese beiden Faktoren maßgeblich das Risiko- und Entscheidungsverhalten von Anlegern beeinflussen.13 Die Arbeit hat insbesondere für private wie auch institutionelle Anleger dahingehend Relevanz, da ihre Persönlichkeit (insbesondere die Faktoren Extraversion und Neurotizismus) ihr Anlageverhalten und somit letztlich auch ihren (Anlage-) Erfolg in Finanzmärkten beeinflussen kann. Zudem sind die Ergebnisse der Arbeit für Finanzdienstleistungsberater und Forscher relevant, um das Risikoverhalten von Anlegern in Finanzmärkten besser nachvollziehen zu können. Die Arbeit verfolgt drei wesentliche Ziele. Zum einen soll untersucht werden, wie Extraversion und Neurotizismus auf die Determinanten des Risikoverhaltens von Anlegern wirken. Als maßgebliche Determinanten des Risikoverhaltens gelten die Risikoeinstellung, die Risikowahrnehmung sowie die Renditeerwartung.14 Die bisherige Forschung auf diesem Gebiet untersucht überwiegend entweder direkt den Einfluss der Persönlichkeitsfaktoren auf das Risikoverhalten oder den Einfluss auf die Risikoeinstellung.15 Als forschungsleitende Frage für die Arbeit ergibt sich daraus: 1. Beeinflussen die Persönlichkeitsfaktoren Extraversion und Neurotizismus die Risikoeinstellung, die Risikowahrnehmung sowie die Renditeerwartung von Anlegern in Finanzmärkten? Zum anderen soll analysiert werden, wie die beiden Persönlichkeitsfaktoren jeweils auf das individuelle Risikoverhalten, konkret im Hinblick auf die Zusammenstellung ihrer Portfolios und das Handelsverhalten, wirken. Diesbezüglich ergeben sich folgende Forschungsleitfragen für die Arbeit: 13 Vgl. zum Beispiel Nicholson et al. (2005), Brown/Taylor (2011), Becker et al. (2012), Pan/Statman (2013). 14 Vgl. Nosić/Weber (2010). Vgl. hierzu auch Sarin/Weber (1993), Weber/Milliman (1997), Jia/Dyer/Butler (1999), Weber/Weber/Nosić (2013). 15 Vgl. Durand/Newby/Sanghani (2008), Mayfield/Perdue/Wooten (2008), Becker et al. (2012). 4 1 Motivation und Zielsetzung 2. Haben unterschiedliche Ausprägungen in Extraversion und Neurotizismus bei Anlegern Auswirkungen auf die Zusammensetzung ihrer Portfolios? 3. Beeinflusst der Grad an Extraversion und Neurotizismus von Anlegern ihr Handelsverhalten? Weiterhin ist es ein Ziel der Arbeit, zu untersuchen, ob Unterschiede in Bezug auf das Marktergebnis zwischen Finanzmärkten bestehen, die sich im Hinblick auf die Ausprägung der Persönlichkeitsfaktoren Extraversion und Neurotizismus der Marktteilnehmer unterscheiden. Die Arbeit verfolgt daher als vierte und letzte Forschungsleitfrage: 4. Haben unterschiedliche Ausprägungen in Extraversion und Neurotizismus bei Anlegern Auswirkungen auf das Finanzmarktergebnis? Die Forschungsleitfragen werden mit empirischen Methoden untersucht. Das Fundament der empirischen Analysen bildet dabei ein Methodenmix, bestehend aus einer schriftlichen Befragung und einer experimentellen Studie, bei der ein computerbasierter Aktienmarkt das Kernelement darstellt.16 Die Ergebnisse der schriftlichen Befragung von 342 Studierenden der Universität Bamberg aus dem Wintersemester 2015/2016 dienen zur Beantwortung der Forschungsleitfrage 1. Zur Beantwortung der Forschungsleitfragen 2 bis 4 werden die Ergebnisse einer experimentellen Studie mit 364 Studierenden der Universität Bamberg aus dem Wintersemester 2014/2015 genutzt. Insgesamt 16 Der computerbasierte Aktienmarkt steht stellvertretend für Finanzmärkte und deren handelbare Finanztitel (zum Beispiel Anleihen und Rohstoffe). Die Kennzeichnung als Aktienmarkt und der Finanztitel als Aktie innerhalb des Experiments wird aus Gründen der Verständlichkeit und Einfachheit gewählt, da angenommen wird, dass dieser Markt den Studierenden wohl am geläufigsten sein dürfte. Private Haushalte in Deutschland investieren dabei durchaus einen nennenswerten Anteil ihres Vermögens direkt oder indirekt (über Fonds) am Aktienmarkt. Der Anteil der Investitionen liegt dabei zum Beispiel deutlich höher als Investitionen in Anleihen oder Währungen, vgl. Deutsche Bundesbank (2015, 2016). 1 Motivation und Zielsetzung 5 bilden somit 706 Studierende die Grundlage für die empirischen Auswertungen. In Bezug auf die Größe der Stichprobe, den Fokus der Arbeit sowie das Design der schriftlichen Befragung und des computerbasierten Aktienmarkts gibt es aktuell keine vergleichbaren Studien. 2 Gang der Untersuchung 7 2 Gang der Untersuchung Die Arbeit untergliedert sich in fünf Teile. An Teil I, Einleitung, schließt sich Teil II, Theoretische Grundlagen, an. Zusammen mit Teil III, Konzeptioneller Bezugsrahmen der Arbeit, bilden diese das theoretische Gerüst der Arbeit. In Teil IV, Empirische Analysen zur Messung des Einflusses der Persönlichkeit auf das Risikoverhalten von Anlegern in Finanzmärkten, erfolgt die empirische Untersuchung. Teil V, Schlussbetrachtungen, bildet den Schlusspunkt der Arbeit. Auf Teil I, in dem in Kapitel 1 die Motivation und die Zielsetzung der Arbeit anhand der Forschungsleitfragen sowie in Kapitel 2 der Gang der Untersuchung dargelegt werden, folgt Teil II, der die theoretischen Grundlagen für die weitere Arbeit erörtert. In Kapitel 3 werden anfangs die für die Arbeit relevanten finanzierungstheoretischen Grundlagen erläutert. Zunächst wird dabei die neoklassische Finanzmarkttheorie mit ihren restriktiven Annahmen dargestellt. Daran anschließend werden die neue Institutionenökonomik, die Marktmikrostrukturtheorie, die Theorie der Finanzintermediation und das Forschungsfeld der Behavioral und Experimental Finance dargestellt, die im Vergleich zur neoklassische Finanzmarkttheorie einen stärkeren Realitätsbezug aufweisen. Kapitel 4 gibt einen Überblick über Einflussfaktoren des Risikoverhaltens von Anlegern in Finanzmärkten. Dabei wird eine Unterscheidung zwischen situativen und personenspezifischen Faktoren vorgenommen. In Kapitel 5 wird der Begriff der Persönlichkeit näher erläutert sowie das für die Arbeit maßgeblich relevante Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit dargestellt. Daneben wird eine Abgrenzung zu weiteren, in der Persönlichkeitspsychologie existierenden Ansätzen vorgenommen.Teil III definiert den konzeptionellen Bezugsrahmen der Arbeit. An Kapitel 6, in dem die finanzierungstheoretische Einordnung der Arbeit vorgenommen wird, schließt sich Kapitel 7 an, das sich mit der Frage des Untersuchungsdesigns und der Datenbasis der Arbeit auseinandersetzt. Innerhalb des Kapitels wird dabei die Methodik der Befragung sowie des Experiments genauer erläutert und beschrieben. Zudem erfolgt eine 8 2 Gang der Untersuchung literaturgestützte Diskussion und Analyse in Bezug auf die Auswahl der Probanden sowie die Frage nach ihrer Vergütung. Beide Komponenten sind dabei für die empirischen Untersuchungen von essentieller Bedeutung. In Kapitel 8 werden die Untersuchungshypothesen der Arbeit hergeleitet. Die Ausführungen zu den empirischen Auswertungen erfolgen in Teil IV. Kapitel 9 untersucht den Einfluss von Extraversion und Neurotizismus auf die Determinanten des Risikoverhaltens und widmet sich somit der eingangs dargestellten Forschungsleitfrage 1. Zunächst werden der Ablauf der Befragung sowie die empirische Methodik erläutert. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einer kurzen Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse. Kapitel 10 beschäftigt sich mit der Frage, welchen Einfluss Extraversion und Neurotizismus auf das Risikoverhalten haben, und ist Gegenstand von der Forschungsleitfragen 2 und 3. Als Einführung wird der Ablauf des Experiments erläutert und eine Beschreibung der empirischen Auswertungsmethodik gegeben. Analog zu Kapitel 9 werden darauffolgend die Ergebnisse dargestellt und es erfolgt eine Diskussion und Zusammenfassung dieser. Kapitel 11 fokussiert auf die Analyse des Einflusses von Extraversion und Neurotizismus auf die Preisbildung und adressiert Forschungsleitfrage 4. Dabei werden zunächst die empirische Methodik sowie die Ergebnisse dargestellt, bevor eine Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse erfolgt. Die Arbeit findet ihren Abschluss in Teil V. Kapitel 12 gibt zunächst einen Überblick und eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse der Arbeit, bevor die Ergebnisse im Anschluss in Kapitel 13 kritisch diskutiert werden. Kapitel 14 zeigt schließlich mögliche Implikationen für diverse Stakeholder aus Forschung und Praxis auf.

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References

Zusammenfassung

Welchen Einfluss hat die Persönlichkeit von Anlegern auf ihr Risikoverhalten in Finanzmärkten? Dieser Frage geht Florian Wedlich nach, indem er den Einfluss der Persönlichkeitsfaktoren Extraversion und Neurotizismus auf die Determinanten des Risikoverhaltens (Risikoeinstellung, Risikowahrnehmung und Renditeerwartungen), die Portfoliozusammenstellung und des Handelsverhaltens von Anlegern sowie auf die Preisbildung in Finanzmärkten analysiert. Eine an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg durchgeführte schriftliche Befragung und eine experimentelle Studie mit einem computerbasierten Aktienmarkt („Börse im Labor“) bilden die Grundlagen der empirischen Analysen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Persönlichkeitsfaktoren Extraversion und Neurotizismus beim Entscheidungsverhalten unter Risiko im Kontext von Finanzmärkten eine bedeutende Rolle spielen.