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3 Die Spaltung der polizeilichen Perspektivezu Drogen und Drogenkriminalität in:

Svea Steckhan

Rauschkontrolleure und das Legalitätsprinzip, page 37 - 58

Polizeiliche Perspektiven zu Drogen und Drogenkriminalität

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3930-4, ISBN online: 978-3-8288-6747-5, https://doi.org/10.5771/9783828867475-37

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Rechtswissenschaften, vol. 76

Tectum, Baden-Baden
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| 37 3 Die Spaltung der polizeilichen Perspektive zu Drogen und Drogenkriminalität Bereits zu Beginn der Explorationsphase stellte ich fest, dass die interviewten Polizeibeamten sehr unterschiedliche Einstellungen vorweisen und das polizeiliche Vorgehen mannigfach interpretieren. Während der Auswertung verstärkte sich dieser Eindruck, so dass man im Ergebnis von einer gespaltenen Polizeiperspektive sprechen kann. Wie bereits in der Einleitung erwähnt hat, sich im Laufe des Forschungsprozesses z.B. das Legalitätsprinzip als besonders bedeutsam für einen Teil der interviewten Polizeibeamten herauskristallisiert. Diese Beamten entwickelten aufgrund des Strafverfolgungszwangs eine Haltung der Nicht- oder Kontraproduktivität bezüglich des polizeilichen Vorgehens gegen Drogen und Drogenkriminalität. Der andere Anteil der interviewten Polizeibeamten wiederum identifiziert sich mit der aktuell vorherrschenden drogenbezogenen Strafverfolgung und nimmt eine grundsätzliche Haltung der Produktivität ein. Das Legalitätsprinzip wird entweder nicht thematisiert oder als notwendig akzeptiert. Diese Produktivitätshaltung erfährt allenfalls dadurch Einbußen, dass z.B. der Wunsch besteht, die Strafverfolgung noch repressiver zu gestalten oder zumindest ihre Organisation zu qualifizieren (s. Abb. 2). 38 | Abgrenzung zum Legalitätsprinzip Identifikation mit dem Auftrag der Strafverfolgung Das polizeiliche Vorgehen wird als nicht-produktiv eingeschätzt Das polizeiliche Vorgehen wird als kontraproduktiv eingeschätzt Das polizeiliche Vorgehen wird als produktiv eingeschätzt Wunsch nach Ausbau und / oder Qualifizierung der Repression Abb. 2 Die Spaltung der polizeilichen Perspektive in den Anteil, der sich vom Strafverfolgungszwang in Bezug auf Drogen(-kriminalität) abgrenzt, und den Anteil, der sich mit der drogenbezogenen Strafverfolgung identifiziert. Beide Anteile der polizeilichen Perspektive sollen in den nachstehenden Kapiteln näher erläutert werden, wobei wie oben bereits erwähnt die Haltungen der Nicht- und / oder Kontraproduktivität im Fokus stehen. Die folgende Inhaltsübersicht soll der Leserin und dem Leser als Wegleitung für die kommenden Kapitel dienen: In Kapitel 4 wird die aus dem Strafverfolgungszwang entstehende Haltung der Kontraproduktivität (Kapitel 4.1) und der Nichtproduktivität (Kapitel 4.2) hinsichtlich ihrer Ausprägungen erörtert. In Kapitel 4.3 wird das Dilemma diskutiert, das aus der Ambiguität der drogenbezogenen Strafverfolgung zwischen einer Nicht- oder Kontraproduktivitätshaltung und dem Identifikationsbedürfnis von Polizeibeamt_innen mit der Polizei(-arbeit) entstehen kann. In Kapitel 5 werden die aus einer Nicht- oder Kontraproduktivitätshaltung entstehenden Handlungs- und Interaktionsstrategien vorgestellt. Dabei werden nicht nur individuelle Handlungsstrategien berücksichtigt, sondern auch Verbesserungsvorschläge, die sich an die Justiz oder die Politik richten. Kapitel 5.3 diskutiert darüber hinaus mögliche Variablen, die intervenierend auf die Handlungs- und Interaktionsstrategien wirken können. Abb. 3 zeigt ein Diagramm, welches das Kodierparadigma, an dem sich die Kapitel zu den Phänomenen der Nicht- und Kontraproduktivität orientieren, grafisch darstellt. Kapitel 6 stellt den Anteil in der Polizei vor, der sich mit der Strafverfolgung identifiziert und eine grundsätzliche Haltung der Produktivität einnimmt. Da der Fokus der vorliegenden Arbeit auf dem Anteil liegt, | 39 der sich durch eine kritische Haltung zum Strafverfolgungszwang kennzeichnet, hat dieses Kapitel einen eher deskriptiven Charakter und soll lediglich als Ergänzung und Abgrenzung verstanden werden. Kapitel 6.1 beschreibt darunter den Anteil, der sich mit dem aktuellen Vorgehen der Polizei identifiziert. In Kapitel 6.2 werden Verbesserungsvorschläge vorgestellt, die aus einer Haltung der grundsätzlichen Produktivität erwachsen können. Eine Ergebnisdiskussion findet in Kapitel 7.1 statt, gefolgt von einer Diskussion über die Verwertbarkeit der Ergebnisse in der Praxis in Kapitel 7.2. 40 | sp ez ifi zi er t K on te xt : Lo ka lis at io n: 1. K on su m 2. K le in ha nd el be ei nf lu ss en , er m ög lic he n, ve rh in de rn fü hr en zu ve rä nd er n er fo rd er n K on se qu en ze n: A m bi gu itä t 1. au sh al te n 2. ve rr in ge rn U rs ac he : St ra fv er fo lg un g / S tr af ve rfo lg un gs zw an g au sg ew äh lte r R au sc hs ub st an ze n U rs äc hl ic he B ed in gu ng en : G es el ls ch af ts bi ld b ei gl ei ch ze iti ge r A kz ep ta nz de r G es el ls ch af t a ls D ro ge ng es el ls ch af t ( K on tr ol le st at t A bs tin en z vo n G es el lsc ha ft un d In di vi du um ) N äh e zu m G eg en st an d re sp . p ra kt is ch e Er fa hr un g Ph än om en : A bw ei ch en de H al tu ng K O N TR A PR O D U K TI V IT Ä T Ei ge ns ch af te n: (w ir d be gr ün de t d ur ch ) K ri m in al itä ts pr od uk tio n Zu sc hr ei bu ng a bh än gi ge r P er so ne n in e rs te r L in ie a ls „ K ra nk e“ (K ri m in al is ie ru ng b es tim m te r g es el ls ch af tli ch er G ru pp en ) Ph än om en : A bw ei ch en de H al tu ng N IC H T- PR O D U K TI V IT Ä T Ei ge ns ch af te n: (w ir d be gr ün de t d ur ch ) Re ss ou rc en ve rs ch w en du ng U nr ea lis tis ch e Zi el se tz un g K ri m in al is ie ru ng b es tim m te r g es el ls ch af tli ch er G ru pp en A m bi gu itä t d er S tr af ve rf ol gu ng z w . H al tu ng d er N ic ht - u nd K on tr ap ro du kt iv itä t s ow ie d er Id en tif ik at io n m it de r P ol iz ei ar be it fü hr en zu m H an dl un gs - u nd In te ra kt io ns st ra te gi en : 1. Ü be rs eh en v on d ro ge nb ez og en er K ri m in al itä t ( In di vi du el l, ei nh ei tli ch , i ns tit ut io ne ll) , A us bl en de n de s ei ge ne n A rb ei ts er ge bn is se s 2. Po liz ei lic he P rä ve nt io n, F or de ru ng : A nb in du ng a n di e St aa ts an w al ts ch af t, 3. Fo rd er un ge n: S tr af ra hm en ju st iz ie ll st är ke r a us nu tz en , O pp or tu ni tä ts pr in zi p st at t Le ga lit ät sp ri nz ip , L ib er al is ie ru ng sf or m en In te rv en ie re nd e Be di ng un ge n: Bi ld v on D ro ge n (Z us ch re ib un g ei ne r D ro ge a ls g es el ls ch af tli ch e ta bl ie rt u nd / od er a ls g ef äh rl ic h) Be w er tu ng v on S tr at eg ie n im U m ga ng m it D ro ge n un d D ro ge nk ri m in al itä t ( po liz ei lic he u nd a uß er po liz ei lic he S tr at eg ie n, w ie z .B . P rä ve nt io n, T he ra pi e) Bi ld v on M en sc he n (z .B . j un ge M en sc he n al s ve ra nt w or tu ng sb ew us st u nd e ig en ve ra nt w or tli ch ) Ei ns ch ät zu ng en v on B ed in gu ng en fü r e in en K on su m an st ie g (z .B . L eg al is ie ru ng a ls v er ha rm lo se nd es S ig na l) N äh e zu m G eg en st an d, s oz ia le In te ra kt io n in d er L eb en sw el t ( z. B. A rb ei t m it of fe ne n D ro ge ns ze ne n) Be w er tu ng d es V er hä ltn is se s z w . v or ha nd en en R es so ur ce n un d de r a ng en om m en en D ri ng lic hk ei t d ro ge nb ez . S tr af ve rf ol gu ng Abb. 3 Kodierparadigma zu den Phänomenen Haltung der Kontra- und Nicht-Produktivität | 41 3.1 Der polizeiliche Strafverfolgungszwang ausgewählter Rauschsubstanzen Ich bin der Meinung so wie es jetzt ist ist es nicht gut und wenn wir nichts ändern dann wird es auch nicht gut, so also müssen wir was ändern (Praxis B) Einige ausgewählte Rauschsubstanzen sind in Deutschland illegal und müssen von der Polizei strafrechtlich verfolgt werden, dazu gehören unter anderem Cannabis, Kokain, Heroin, MDMA und Crystal Meth (Anlagen BtMG). Als strafbar gelten dabei der Besitz, der Handel, die Einfuhr, der Anbau und die Herstellung von den sogenannten Betäubungsmitteln, lediglich der Konsum ist nicht strafbar (§§ 29 ff. BtMG). Die Polizei unterliegt überdies dem Legalitätsprinzip (§ 163 StPO), welches besagt, dass Staatsanwaltschaft und Polizei zur Erforschung und Verfolgung von Straftaten verpflichtet sind. „Die Behörden und Beamten des Polizeidienstes haben Straftaten zu erforschen und alle keinen Aufschub gestattenden Anordnungen zu treffen, um die Verdunkelung der Sache zu verhüten. […] Die Behörden und Beamten des Polizeidienstes übersenden ihre Verhandlungen ohne Verzug der Staatsanwaltschaft“ (§163, StPO). Demnach müssen Polizeibeamt_innen gemäß BtMG bei Verdacht auf Besitz, Erwerb, Handel oder Anbau von illegalisierten Drogen einschreiten und eine Anzeige schreiben, damit sie sich nicht selbst strafbar machen. Die Bewertung der polizeilichen Arbeit als nicht- oder kontraproduktiv bezieht sich vornehmlich auf den Strafverfolgungszwang der so genannten Konsumentendelikte, wie z.B. Drogenbesitz. Da Konsumierende in der Regel Drogen besitzen, erfordert das Legalitätsprinzip auch Konsumierende bei Verdacht auf Drogenbesitz strafrechtlich zu verfolgen 11 , selbst wenn das Verfahren erwartungsgemäß später von der Staatsanwaltschaft eingestellt wird. Nicht alle Polizeibeamt_innen können sich mit diesem Vorgehen identifizieren und bewerten ihr Vorgehen als nicht- oder sogar kontraproduktiv. Zwar bezieht sich eine kritische Haltung in dem vorliegenden Material auch auf die drogenbezogene Strafverfolgung an sich, jedoch werden diese Einschätzungen durch den Strafverfolgungszwang in der Polizei wesentlich verstärkt. Darüber hinaus entwickeln sich insbesondere durch den Strafverfolgungszwang spezielle Strategien in und aus der beruflichen Praxis der Polizeibeamt_innen, die im Kapitel 5 zu Handlungs- und Interaktionsstrategien zur Sprache kommen. Als Ursache für 11 Wird von der Verfolgung von Konsumdelikten oder Konsumentendelikten gesprochen, ist demnach nicht der Konsum als solcher gemeint, sondern die damit verbundenen strafbaren Deliktformen. 42 | eine Haltung der Nicht- und Kontraproduktivität werden deshalb die drogenbezogene Strafverfolgung und insbesondere der damit zusammenhängende Strafverfolgungszwang konstatiert. Neben dem Strafverfolgungszwang können zwei weitere Bedingungen als ursächlich für die Entwicklung einer kritischen Haltung gegen- über der drogenbezogenen Strafverfolgung gesehen werden: die Akzeptanz der Gesellschaft als Drogengesellschaft und die damit zusammenhängende Nähe zum Gegenstand. Die Entstehung einer Haltung der Nicht- und Kontraproduktivität kann dadurch bedingt sein, dass die Gesellschaft von den betreffenden Polizeibeamten als Drogen- oder sogar Suchtgesellschaft akzeptiert wird: Erstens wir sind ne Drogengesellschaft (Lehre B) Also ne suchtfreie Gesellschaft glaube ich wird’s nie geben die gab’s glaube ich nie (Praxis B) Unsere gesamte Gesellschaft ist eigentlich eher geeignet Drogenkonsum zu fördern als zu präventieren [2] ja? ich setze alle Leute unter Druck den ganzen Tag damit sie funktionieren (Lehre E) Leistungsanforderungen können dabei als eine Ursache für eine Drogengesellschaft gewertet werden. Eine Akzeptanz der Drogengesellschaft kann auch dadurch geprägt sein, dass nicht die drogenbezogene Abstinenz als Ziel in der Gesellschaft oder bei dem einzelnen Individuum angestrebt oder als realistisch angesehen wird, sondern die Kontrolle des Konsums. Dabei wird nicht nur akzeptiert, dass Drogen konsumiert werden, sondern auch, dass Abhängigkeit ein Phänomen in unserer Gesellschaft ist, das sich nicht eliminieren lässt: Heutzutage geht man ja völlig weg in der Therapie von Alkoholkranken [1] von der Abstinenz, von der völligen Abstinenz, sondern man versucht heute in Richtung kontrolliertes Trinken (Lehre B) Fünftausend Abhängige um mal so ne Größenordnung zu sagen macht man ja auch nicht unsichtbar und die müssen irgendwo bleiben (Lehre A) Hinter der Akzeptanz einer Gesellschaft als Drogengesellschaft in den verschiedenen Ausprägungen steckt eine gewisse Nähe zum jeweiligen Gegenstand, die entweder durch eine intensive und differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik oder auch praktische Erfahrung im Berufsalltag entstehen kann: Mein Bruder mein ältester ist Alkoholiker von daher hab ich das immer son bisschen mitbekommen oder hab mich auch dafür interessiert (Lehre B) | 43 Aber auf der anderen Seite ich komm aus der Praxis und wir wollen ja auch nicht die Realität verkennen […] denn eins steht fest meiner Meinung nach ich muss mal rechnen sechsunddreißig Dienstjahre n überwiegenden Anteil davon im Bereich Rauschgift und OK Rauschgift vor allen Dingen, erstens wir sind ne Drogengesellschaft […] (Lehre B) Peglow [Landesvorstand BDK Hessen] weiß, wovon er spricht: Seit 25 Jahren ist er bei der hessischen Polizei und hat im Bahnhofsviertel zu einer Zeit gearbeitet, als dort ganz elende Zustände herrschten. Der Bund der Kriminalbeamten, so Peglow, unterstützt den Schildower Kreis, jenes Netzwerk aus 120 Rechtswissenschaftlern, die das Betäubungsmittelgesetz für gescheitert halten. (Frankfurter Rundschau, 18.11.2014) Aus meiner Zeit als oberster Drogenfahnder wo wir ich sag mal ne offene Drogenszene in [Stadt12] hatten kann ich da natürlich n Lied zu singen (Lehre A) Also für den einen ist kalter Entzug gut und wenn der mal vielleicht weil der mal n bisschen viel auch rumgedealt hat mal in Knast geht auch wenn er abhängig ist kann das vielleicht ein hilfreicher Schock sein und der macht ne Therapie und alles wird gut für den nächsten ist es genau verkehrt (Lehre A) Nicht nur die praktische Erfahrung im persönlichen Bereich, sondern insbesondere im beruflichen Alltag führt zu einer empirisch begründeten und differenzierten Sichtweise auf den Gegenstand. Die Perspektive der Praxis wird dabei sogar als entscheidend angesehen, um die „Realität“ zu erkennen. Eine Form der Realität kann z.B. dabei die differenzierte Betrachtung des Umgangs mit drogenabhängigen Personen sein, „für den einen ist kalter Entzug gut […] für den anderen ist es genau verkehrt.“ Die durch die Auseinandersetzung und / oder durch soziale Interaktion entstehende Nähe zum Gegenstand ‚Drogen, Drogenkonsum und Drogenkriminalität’ führt letztlich zu einer kritischen Sichtweise der drogenbezogenen Strafverfolgung, insbesondere wenn diese Auseinandersetzung von langjährigen Erfahrungen geprägt ist: Ich weiß nicht ist es die Weisheit des Alters oder einfach nur die Erkenntnis dass die bisherige Bekämpfungspraxis und Polizei ist nur ein Teil davon die ist gescheitert die bringt so nichts mehr (Lehre B) Die kritische Bewertung des polizeilichen Vorgehens bzw. der generellen „bisherigen Bekämpfungspraxis“ durch die interviewten Polizeibeamten bezieht sich auf einzelne Aspekte der drogenbezogenen Strafverfolgung, die im Folgenden als Eigenschaften einer Haltung der Nicht- oder Kontraproduktivität besprochen werden. 12 Städte und Straßennamen werden in der vorliegenden Arbeit anonymisiert. 44 | 3.2 Haltung der Kontraproduktivität Eine Kontraproduktivitätshaltung gründet sich zum einen aus einer zweckrationalen13 Betrachtung auf den Arbeitsgegenstand, nämlich wenn die eigene Tätigkeit als indirekte Produktion weiterer Kriminalitätsformen oder anderer gesellschaftlicher Folgeschäden eingeschätzt wird sowie aus einer wertrationalen Betrachtung, wenn die eigene Tätigkeit mit einer Verschlechterung der Situation von als krank definierten Menschen gleichgesetzt und / oder als eine Kriminalisierung von Personen eingestuft wird. 3.2.1 Produktion von Kriminalität und anderen gesellschaftlichen Kosten (a) Produktion von Beschaffungskriminalität Wenn Polizeibeamt_innen mit dem Bewusstsein, dass eine abhängige Person sich mittels Kriminalität Geld für neue Drogen beschaffen muss, Drogen konfiszieren sollen, kann für sie der Eindruck entstehen, Kriminalität nicht nur nicht verhindern zu können, sondern geradezu an ihrer Produktion beteiligt zu sein. Die eigene Tätigkeit wird aus einer rein zweckrationalen Betrachtung als kontraproduktiv bewertet: Man kann schon Verständnis für n Kollegen haben, der am Hauptbahnhof einen Junkie sieht mit ner Spritze im Arm, die er ihm vielleicht nicht wegnimmt, und die Briefchen die er dabei hat dann auch noch, weil das würde dann eigentlich bedeuten dass er nachdem er entlassen worden ist, der Junkie, dann der nächsten Oma die Handtasche entreißt oder raubt, um sich fünf neue Briefchen zu kaufen. Das würde bedeuten, wir produzieren quasi unsere eigene Kriminalität oder die Beschaffungskriminalität (Lehre A) Ich weiß, wenn ich ihm das jetzt wegnehme, dann muss er wieder ne Oma umhauen um sich was Neues kaufen zu können (Lehre B) Dabei ist insbesondere die Vorstellung einer Beschaffungskriminalität präsent, die auf Kosten anderer Gesellschaftsmitglieder geht. Ältere und vermeintlich schwächere Personen werden als Opfer dieser Form der Kriminalitätsproduktion gesehen. 13 In Anlehnung an Max Weber wird mit zweckrational ein rationales Abwägen verstanden, während wertrational einer ethischen Betrachtung gleichkommt (Weber 1922: 17). | 45 (b) Produktion von Organisierter Kriminalität Auch die Auseinandersetzung mit den Folgen der Prohibition von Drogen, die die Rahmenbedingung für die polizeiliche Strafverfolgung darstellt, kann aus einer rein zweckrationalen Betrachtung zu einer Haltung der Kontraproduktivität führen. Die Prohibition wird als eine zentrale Entstehungsursache für die Macht der Organisierten Kriminalität betrachtet: Aber das Verbot siehe USA funktioniert erst Recht nicht die amerikanische Mafia wäre nie so mächtig geworden durch das Geld was sie verdient hat aus dem illegalen Alkoholkonsum, und viele OK Gruppen würden nicht so mächtig werden wenn das Rauschgift nicht überwiegend verboten wäre (Lehre B) Die Prohibition in den zwanziger Jahren das hat nichts anderes gemacht als eine riesen OK Welle ja Al Capone alle Lucky Luciano die hätte es nie gegeben ohne die Prohibition, nee nicht in diesem Maß (Lehre E) (c) Produktion von Kriminellen und Gefangenen Neben der Produktion von Kriminalität sind weitere negative Folgen für die Gesellschaft ein Grund dafür, gegenüber der polizeilichen Aufgabenstellung, die Prohibition von Drogen durchzusetzen, eine Haltung der Kontraproduktivität einzunehmen: Das andere Extrem jetzt mit aller Macht drauf zu hauen und jeden zu bestrafen ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg und wenn man sieht ich habs jetzt grad wieder gelesen in Amerika die haben glaub ich die höchste Rate von Inhaftierten ich glaub eins zu hundert in Deutschland eins zu tausendvierhundert das ja völlig schräg und wenn die da alle im Knast sitzen wegen der Drogengeschichten, da wird’s auch langsam irgendwie verrückt und unübersichtlich (Lehre A) Gesellschaftliche Kosten durch Gefängnisaufenthalte werden als Folge der Repression kritisch diskutiert. Kosten entstehen dabei nicht nur im finanziellen Sinne dadurch, dass die Gesellschaft Gefängnisaufenthalte durch Steuergelder finanziert14, sondern auch dadurch, dass durch die Zuschreibung von Handlungen im Zusammenhang mit Drogenkonsum als kriminell überhaupt erst Kriminelle produziert werden, die sich ohne diese Zuschreibung möglicherweise nicht in Haft befinden würden. Die 14 In Deutschland betrugen bspw. im Jahr 2010 die Haftkosten pro Tag und pro Gefangene_r 109,38 Euro. Die jährlichen Gesamtkosten im Bundesdurchschnitt beliefen sich im Jahr 2010 auf 2,8 Mrd. Euro (BmJ 2011). Zwar kann nicht der Anteil der drogenbezogenen Inhaftierten herausgefiltert werden, jedoch soll die Kostenaufstellung die Dimension von Ausgaben verdeutlich, die tagtäglich für Gefängnisaufenthalte in Deutschland getätigt werden. 46 | Vielzahl an Inhaftierten aufgrund von „Drogengeschichten“ in Amerika wird als „verrückt und unübersichtlich“ bewertet. (d) Produktion von Drogenkonsum Es wird außerdem davon ausgegangen, dass eine Prohibition unter anderem auch den Nebeneffekt haben kann, eine verbotene Droge besonders spannend zu machen und zum Ausprobieren zu verleiten: Wenn ne Totalprohibition da ist dann gibt’s interessanterweise auch ne höhere Nachfrage weil das verboten und spannend ist (Lehre A) Auch ein vermuteter Anstieg von Drogenkonsum durch die Prohibition kann aus einer zweckrationalen Betrachtung heraus als gesellschaftlicher Kostenfaktor zu einer Kontraproduktivitätshaltung führen. 3.2.2 Abhängige Konsumierende – krank oder Straftäter? Hingegen spielt bei einer wertrational begründeten Kontraproduktivitätshaltung das Bild von Abhängigen eine zentrale Rolle: Der Heroinabhängige wie überhaupt der Abhängige ist ja in erster Linie erstmal krank in zweiter Linie vielleicht dann auch noch Straftäter […] und wer als Konsument ich sag mal auffällt, da wird zwar noch ne Anzeige geschrieben, aber das Verfahren wird ja nach 31 a Betäubungsmittelgesetz folgenlos eingestellt und das ist sicher (Lehre A) Lass uns ihn nicht als Kriminellen, sondern mal als Kranken betrachten, so und ich nehm ihm grade seinen Stoff, seine Medikamente weg (Lehre B) Wenn Abhängige als „krank“ und nicht oder nur „in zweiter Linie“ als „Straftäter“ betrachtet werden, kann es zu einem inneren Konflikt der jeweiligen Polizeibeamt_innen kommen, wenn diese Abhängige wie Straftäter_innen behandeln, anzeigen und die dringend benötigten „Medikamente“ wegnehmen müssen. Auch wenn Anzeigen gegen Konsumierende illegalisierter Drogen von der Staatsanwaltschaft später folgenlos eingestellt werden, sind die Beamt_innen gezwungen, gegenüber Konsumierenden entsprechende Maßnahmen zu treffen. Das Schreiben einer Anzeige wird in diesem Fall ethisch in Frage gestellt. Abhängige Personen werden zwar auch als Straftäter_innen diskutiert, allerdings nur in zweiter Linie. Die Straftätigkeit bezieht sich dabei nicht unbedingt auf den Konsum bzw. Besitz illegaler Drogen selbst, sondern auf die damit in Verbindung gebrachte Beschaffungskriminalität, die sich insbesondere auf drei verschiedene Kriminalitätsformen aus Sicht der Polizeibeamten konzentriert: Diebstahl und Raub, Prostitution sowie | 47 Kleinhandel zur Finanzierung der eigenen Abhängigkeit. Nicht der Akt des Konsumierens oder eine Abhängigkeit an sich, sondern erst die damit in Zusammenhang stehende Beschaffungskriminalität rückt einen Drogenabhängigen in den polizeilichen Radar: Wenn jemand bei uns auffällig wird wird er nicht in der Regel wegen seiner Drogensucht auffällig sondern wegen der Begleitumstände, sprich illegale Prostitution Diebstahl wat weiß ich, er muss ja den Drogenkonsum finanzieren (Lehre B) Der Junkie der dann der nächsten Oma die Handtasche entreißt oder raubt um sich fünf neue Briefchen zu kaufen (Lehre A) Angefangen vom Junkie der den eigenen Bedarf oder Konsum dadurch deckt dass er selber im kleinsten Bereich verkauft (Lehre B) Wird die Straffälligkeit einer Person mit einer Abhängigkeit in Verbindung gebracht, kann eine Kontraproduktivitätshaltung aufgrund des Strafverfolgungszwangs zusammen auftauchen mit der Einschätzung, dass eine Gefängnisstrafe keine pauschale Lösung für einen straffälligen Abhängigen sein kann. Dahinter steht die Vorstellung, dass Drogenabhängige weiterhin als Individuen zu betrachten sind, sodass ein differenzierter Umgang notwendig ist: Also für den einen ist kalter Entzug gut und wenn der mal vielleicht weil der mal n bisschen viel auch rumgedealt hat mal in Knast geht auch wenn er abhängig ist kann das vielleicht ein hilfreicher Schock sein und der macht ne Therapie und alles wird gut für den nächsten ist es genau verkehrt (Lehre A) Letztlich wird ein Gefängnisaufenthalt nur dann als sinnvoll eingeschätzt, wenn der „Schock“ dazu verhilft, eine Therapie zu machen. Die Tatsache, dass die therapeutische Bekämpfung der Drogensucht mit Rückfällen und Versagen verbunden ist, muss nicht zwangsläufig eine Bewertung der Drogentherapie als nutzlos zur Folge haben: Man muss vielleicht zugestehen dass manche viele Anläufe brauchen bis sie endlich clean werden und die Drogentherapie ist ja auch voll von Geschichten des Versagens und Danebengehens und hat doch nicht geklappt und trotzdem muss man es immer wieder versuchen (Lehre A) Eine geringe Erfolgsquote bei der Drogentherapie wird nicht als Grund gesehen, Gefängnis und einen kalten Entzug als Reaktion zu bevorzugen, sondern lediglich die Geduld aufzubringen, es „immer wieder [zu] versuchen.“ 48 | Die Lösung für die hohe Rückfallquote bei Abhängigen sowohl legaler als auch illegaler Drogen kann aus dieser Perspektive in der Loslösung vom Abstinenzparadigma als Therapieziel liegen. Als neues Ziel bei der Therapie von Alkoholkranken wird das kontrollierte Konsumieren beschrieben. Daraus kann die Überlegung erfolgen, ob auch bei anderen Drogen das Ziel einer Abstinenz obsolet sein sollte: Heutzutage geht man ja völlig weg in der Therapie von Alkoholkranken von der völligen Abstinenz, sondern man versucht heute in Richtung kontrolliertes Trinken, so nach dem Motto ich weiß genau ich nehm zwei Bier und dann ist für mich Feierabend, man muss versuchen damit umzugehen, weil wenn wir ehrlich sind diese ganze Abstinenzgeschichte wenn ich die Rückfallquoten sehe, ob das Alkohol ist oder ob das illegale Drogen sind die sind ja immens, die sind ja sehr sehr sehr hoch, insofern muss ich überlegen ob diese Therapiemöglichkeit oder Therapieform wirklich Erfolg verspricht, oder erfolgreich gewesen ist die letzten Jahre (Lehre B) Wenn die Ursache einer Straffälligkeit in der Krankheit durch eine Abhängigkeit gesehen wird, erscheint die Heilung von der Abhängigkeit als vorderstes Ziel und nicht eine negative Sanktion auf die Straftat. Wird eine Gefängnisstrafe zudem nur bei einem Teil der Abhängigen für angemessen gehalten und auch lediglich als möglicher Anstoß dafür gesehen, dass der Betroffene motiviert ist, sich einer Behandlung zu unterziehen, wird auch eine hohe Rückfallquote bei der Drogentherapie nicht als Begründung genutzt, um die Gefängnisstrafe als Reaktion auf eine Straftat zu propagieren. Eher werden Überlegungen angestellt, dass eine Drogentherapie anders gestaltet werden sollte. Mit der Attribution von Drogenabhängigen als Kranke kann die Einstellung einhergehen, dass die Existenz von Drogenabhängigen auch im öffentlichen Raum grundsätzlich akzeptiert werden muss: Wie es in den Neunzigern mal war als wir ne offene Szene hatten, das war ziemlich heftig das war auch sehr sichtbar und das hat dann natürlich auch für das Stadtbild und für ich sag mal [Stadt] als Visitenkarte oder bestimmte Stadtteile als Visitenkarte wenn man am Hauptbahnhof ankommt als Reisender und dann erstmal über Junkies stolpert ist das sicherlich auch nicht so schön und gleichwohl fünftausend Abhängige um mal so ne Größenordnung zu sagen macht man ja auch nicht unsichtbar und die müssen irgendwo bleiben und da muss man sich schon was überlegen was können wir tun (Lehre A) Eine offene und vor allem „sichtbare“ Drogenszene kann das „Stadtbild“ oder auch die „Visitenkarte“ der Stadt „unschön“ machen, wenn „Reisende“ sich durch „Junkies“ gestört fühlen. Dem Stadtbild und den vermuteten Interessen der „Reisenden“ stehen „gleichwohl fünftausend | 49 Abhängige“ gegenüber. Diese kann man nicht „unsichtbar“ machen und verschwinden lassen, sondern allenfalls verdrängen. Es gilt aber einen Umgang mit und einen Ort für Abhängige zu finden, anstatt sie sich lediglich „unsichtbar“ zu wünschen. Mit dem damit verbalisierten Bleiberecht der „Junkies“ werden die potentiellen Interessen von Reisenden nicht über die Interessen der Abhängigen gestellt, welchen somit ein Existenzrecht zugeschrieben wird. Sie werden nicht nur als Menschen, die Probleme machen, sondern als Menschen, die Probleme haben wahrgenommen. 15 Die angeordnete Auflösung einer offenen Drogenszene wird somit als gleichbedeutend mit einer fehlenden Auseinandersetzung mit den Problemen der Abhängigen verstanden. Vor diesem Hintergrund kann das polizeilich repressive Vorgehen gegen Konsumierende in einem wertrationalen Sinne als kontraproduktiv begriffen werden. 3.2.3 Kriminalisierung von Personen Durch die Zuschreibung einer Droge, wie z.B. Cannabis, als gesellschaftlich etabliert, kann die Verfolgung der Drogenkonsumierenden aus einer zweckrationalen Begründung als nutzlos angesehen und in einem wertrationalen Verständnis als Kriminalisierung bestimmter Gesellschaftsgruppen, insbesondere jüngerer Generationen, eingestuft werden: Auf jedem Schulhof können Sie alles kriegen vor allem Cannabisprodukte so dann lass uns doch aufhören die jungen Menschen zu kriminalisieren, wozu? Bringt ja nichts ich halte sie davon nicht ab ich muss nur sehen dass sie nicht in die völlige Abhängigkeit geraten und ich muss sehen dass sie nicht an schwerere oder härtere Drogen kommen ich benutz jetzt mal den Begriff an andere noch suchtstärkere Drogen kommen wie Heroin Kokain etc. und ich muss ihnen die Tür offen halten dass sie wieder zurück können (Lehre B) Entscheidend ist dabei auch, dass die Art der Droge bezüglich ihrer negativen Konsequenzen als relativ gemäßigt eingeschätzt wird. „Andere“ Drogen wie Heroin und Kokain werden als „schwerer und härter“ eingestuft, weil mit ihnen ein höheres Abhängigkeitsrisiko verbunden wird und deshalb ein Konsum verhindert werden sollte. Eine „völlige Abhängigkeit“ von Cannabis wird hier zwar als möglich angesehen, muss aber offenbar nicht zwangsläufig aufkommen. Das Verhindern 15 Diese Wahrnehmung gilt in der Polizei nicht als typisch. Behr konstatiert, dass Polizist_innen in ihrer Ausbildung nicht lernen, „wie man mit Menschen umgeht, die nicht nur Probleme machen, sondern auch vor allem welche haben“ (Behr, 2013: 219). 50 | einer eventuellen „völligen Abhängigkeit“ wird als notwendig angesehen, scheint in dieser Auffassung aber auch ohne eine Kriminalisierung möglich zu sein. Auch der Konsum „suchtstärkerer Drogen“ wird mit einer Entkriminalisierung von Cannabis nicht ausgeschlossen, gilt aber als abwendbar. Ein wichtiges Moment ist außerdem, dass ein Zurückkehren aus einer Zeit des Drogenkonsums oder einer Abhängigkeit nicht nur in der Verantwortung des Konsumierenden gesehen wird, sondern auch in der Verantwortung von anderen, die die Möglichkeit haben die Konsumierenden entweder auszuschließen oder sie zu integrieren. Dahinter steckt offenbar die Auffassung, dass der Ausschluss eines Konsumierenden durch andere ein Zurückkönnen in ein Leben ohne Drogenkonsum oder Abhängigkeit erschweren kann. Die Kriminalisierung von Konsumierenden einer als gesellschaftlich etablierten Droge könnte deshalb als kontraproduktiv eingeschätzt werden, weil die Folgen einer Strafverfolgung für insbesondere jüngere Menschen eine negative Auswirkung auf ihren Lebensverlauf haben kann, oder allein aufgrund der Tatsache, dass mittels Kriminalisierung Kriminalität und somit kriminelle Personen erst produziert werden. Durch die letztere Deutung könnte die Kriminalisierung dann auch in einem zweckrationalen Sinn als Produktion von Kriminalität gewertet werden. 3.3 Haltung der Nicht-Produktivität Eine Nicht-Produktivitätshaltung kann aus einer rein zweckrationalen Begründung entstehen, wenn die eigene Arbeit als ziel- oder sinnlos empfunden wird. Die Zuschreibung der Tätigkeit als ziel- oder sinnlos erfolgt, wenn die eigenen Arbeitsleistungen keine weitere Verwendung mehr finden oder wenn die Zielstellung als unrealistisch wahrgenommen wird. 3.3.1 Ressourcenverschwendung Im Vergleich mit Kontraproduktivität als dem Ziel entgegenwirkendes Handeln taucht eine Nicht-Produktivitätshaltung insbesondere dann auf, wenn polizeiliche Strategien ins Leere laufen, da die Justiz sehr liberal handelt. Wenn die Arbeit der Polizei erledigt ist, wird das Arbeitsergebnis – eine Anzeige, ein Verdächtiger – an die Justiz übergeben. In einigen Bundesländern werden Verstöße gegen das BtMG auf Konsum- oder auch auf Kleinhandelsebene von der Staatsanwaltschaft sehr liberal gehandhabt. Toleranz lässt die Justiz unter anderem vornehmlich | 51 walten, wenn es um minderschwere Übertretungen des BtMG geht und nur geringe Mengen Betäubungsmittel involviert sind (§ 31a BtMG), unabhängig davon, ob es sich um Konsum- oder Handelsdelikte handelt: Wer als Konsument ich sag mal auffällt da wird zwar noch ne Anzeige geschrieben aber das Verfahren wird ja nach 31 a Betäubungsmittelgesetz folgenlos eingestellt und das ist sicher das heißt es findet praktisch keine Strafverfolgung mehr statt (Lehre A) Es gibt kein Verfahren also wird’s erstmal arsenalisiert falls das Verfahren doch noch eröffnet wird und wenn das Verfahren erwartungsgemäß eingestellt wird dann wird’s vernichtet ohne analysiert zu werden (Lehre E) Kriminalhauptkommissar Peglow führt aus, dass Polizisten wegen des Legalitätsprinzips auch dann eine Strafanzeige schreiben müssen, wenn eine Person mit einer geringen Menge Haschisch oder Marihuana erwischt wird. Während den Polizisten „kein Ermessensspielraum“ bleibe, stelle die Staatsanwaltschaft die Strafverfahren bei Erstverstößen regelmäßig ein. „Das vereinfachte Verfahren von der Kontrolle mit dem Drogenfund bis zur fertig verfassten Anzeige dauert mindestens eine Stunde – diese Zeit könnten Polizisten sinnvoller mit anderen Aufgaben verbringen.“ Peglow rechnet vor, dass von den ungefähr 17 000 hessischen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz im Jahr 2013 fast 9400 – also mehr als die Hälfte – mit Cannabis-Konsum in Verbindung standen; von den knapp 6900 Frankfurter Verstößen seien es fast 2800 gewesen. „Die Strafverfahren, die daraus folgten, sind in großer Zahl eingestellt worden.“ (Frankfurter Presse, 31.10.2014) Insbesondere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, die in Verbindung mit einem Konsum von Cannabis in Verbindung stehen, werden laut des Landesvorstands des BDK Hessens zu mehr als einem Drittel eingestellt. Infolgedessen kann der auf Verfolgungszwang basierte Einsatz polizeilicher Ressourcen im Vorfeld als Ressourcenverschwendung betrachtet werden oder sogar als „Arbeiten für die Tonne“ (Lehre I) oder „Verfahren für den Papierkorb“ (Lehre E): Zweitens ob ich die Anzeige fertige oder nicht [schnippst] weggeschmissene Zeit da passiert eh nichts bei sonem bisschen (Lehre B) Es ist mir auch n Anliegen mit der Bekämpfung der Drogenkriminalität und mit dieser Fragestellung wie sinnvoll ist es was wir da machen, [1] [seufzt] verschleudern die Ressourcen für nichts […] aber alle Strategien die wir fahren würden um s wirklich ökonomisch zu halten die kollidieren ja irgendwann mit dem Legalitätsprinzip (Lehre E) 52 | Interviewerin: Was stellt Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für die Polizei in Bezug auf Drogenkriminalität dar? Lehre: U.a. das Arbeiten für die Tonne, also das Beachten des Legalitätsprinzips (Lehre I) Man versucht einerseits dem Legalitätsprinzip gerecht zu werden, auf der anderen Seite aber nicht Kräfte zu binden für nothing, weil Sie produzieren Verfahren für den Papierkorb die werden alle eingestellt (Lehre E) Zurzeit arbeiten unsere Kollegen im Bereich der Konsumdelikte nämlich leider zum Großteil für den Papierkorb (Dirk Peglow, Frankfurter Presse, 31.10.2014) Jeder Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz müsse angezeigt werden – obwohl die Staatsanwaltschaft in Frankfurt Verfahren, bei denen es um bis zu sechs Gramm Cannabis geht, meistens einstellt. „Wir sind es leid, Strafanzeigen zu schreiben, die uns Zeit kosten und zu nichts führen“ (Dirk Peglow, Frankfurter Rundschau, 17.11.2014) Und wahrscheinlich auch ich kann ja nur spekulieren, aber vielleicht sagt der eine oder andere sich auch wat soll ich das jetzt auch noch machen passiert doch eh nix, weil das ist tatsächlich ein Aspekt insbesondere hier dass die Justiz doch was so BtM [Anm.: Betäubungsmittel] Verstöße betrifft zumindest alles was so im geringen Mengen Bereich ist ne? so der der Konsument der sich da seinen Beutel Gras kauft weil er am Wochenende abends sich n entspannten Abend machen will wenn der erwischt wird also der hat eigentlich nichts zu befürchten, so und auch der der hier verkauft beim ersten zweiten dritten vierten Mal der hat nicht wirklich was zu befürchten, zumindest gespürt nicht, so und da denkt man natürlich auch viele insbesondere auch also ich auch ich mach mich da auch nicht von frei […] wenn ich’s daran also fest machen würde, oder daraus meine Motivation ziehen würde würde ich wahrscheinlich auch sagen wat soll das ne? wofür arbeite ich denn ne? (Praxis B) [Das] Legalitätsprinzip sei ein Problem. […] Polizei müsse erst ermitteln und Arbeitskapazität beisteuern. Wir hätten 5000 Delikte im Jahr den Cannabiskonsum betreffend. Vom Ergebnis her könnten wir darauf verzichten. […] Es erfolge eh eine Einstellung des Verfahrens (Ralf Martin Meyer, Teilnehmende Beobachtung, 31.08.2015) Nicht nur die polizeiliche Strafverfolgung von Konsumierenden, sondern auch von Dealenden, die geringe Mengen verkaufen, wird aus polizeilicher Sicht von einer liberalen Justiz ausgebremst. Der Ausdruck Tonne steht umgangssprachlich für Mülltonne und verdeutlicht den Grad der Wertlosigkeit oder Nutzlosigkeit, der hier der eigenen Arbeit beigemessen wird, wenn sie nicht zu einem Ziel beiträgt, sondern ins „Nichts“ steuert. Die empfundene „Verschleuderung“ von Ressourcen führt zu der grundsätzlichen Frage nach der Sinnhaftigkeit des polizeilichen Vorgehens gegen Drogenkriminalität. Denkbare ökonomische Poli- | 53 zeistrategien werden prinzipiell im Widerspruch zum Legalitätsprinzip gesehen, d.h. dass kein ökonomischer Umgang der Polizei mit Drogenkriminalität für möglich gehalten wird, solange das Legalitätsprinzip seine Gültigkeit hat. Ferner wird auch von den Lehrenden Verständnis für Polizeibeamt_innen gezeigt, die aufgrund der wahrgenommen Sinnund Ziellosigkeit der Arbeit in diesem Bereich nicht tätig werden wollen. Wer dennoch auf die Strafverfolgung von Drogenkriminalität spezialisiert ist, kann seine Arbeitsmotivation nicht aus der Sinnhaftigkeit des eigenen Arbeitsergebnisses ziehen, sondern muss sich eine andere Motivationsgrundlage suchen, um einen Sinn in der eigenen Tätigkeit zu sehen. Das Legalitätsprinzip wird auch insgesamt als hinderlich für eine fortschrittliche Drogenpolitik betrachtet. Als fortschrittlich wird ein konfliktfreies Konsumieren in Drogen- bzw. Suchthilfeeinrichtungen bezeichnet: In [Stadt] haben wir diese ganzen Drogenhilfseinrichtungen wo die Leute reingehen können und konfliktfrei konsumieren, das ist ja aus Sicht der Polizei das Beste was es überhaupt nur geben kann weil es nimmt uns n Haufen Arbeit weg […] und die Drogenpolitik in [Stadt] die ja sehr fortschrittlich ist kollidiert eigentlich an allen Ecken und Enden mit dem Legalitätsprinzip (Lehre E) Konfliktfrei ist ein Konsum offenbar dann, wenn keine polizeiliche Strafverfolgung zu erwarten ist. Gleichzeitig wird die gesetzlich determinierte polizeiliche Verantwortung für Konsumierende von Drogen an einen anderen gesellschaftlichen Akteur, die Drogen- bzw. Suchthilfe, abgegeben. Ungeachtet dessen wird der Einsatz der „konfliktfrei[en]“ Drogenkonsumräume mit einer bedeutenden Arbeitsentlastung für die Polizei gleichgesetzt, durch die möglicherweise frei gewordene Ressourcen produktiv(er) in anderen Bereichen eingesetzt werden könn(t)en: Diese Zeit könnten Polizisten sinnvoller mit anderen Aufgaben verbringen (Dirk Peglow, Frankfurter Presse, 31.10.2014) 3.3.2 Unrealistische Zielsetzung (a) bei der Strafverfolgung des Straßenhandels Auch der Arbeitsaufwand, der durch die Strafverfolgungspflicht im Bereich des Straßenhandels für die Polizei und die Justiz entsteht, wird als immens beschrieben und kann als nichtproduktiv bewertet werden: Diesen riesen Aufwand den wir betreiben mit Strafverfolgungspflicht und Polizei muss und dann muss es bearbeiten werden das heißt es geht zum 54 | LKA und die müssen die Leute vorladen und rechtliches Gehör bieten und wollen Sie nicht und dann zur Staatsanwaltschaft und Staatsanwalt sammelt und erhebt Anklage und beantragt Anklage geht zum Gericht und Gericht muss entscheiden, also wie viel Menschen sich damit beschäftigen müssen, was für ein Verwaltungsaufwand, ne, Gerichtstermine in [weit entfernten Städten], Zeugen werden durch die ganze Republik da gekarrt in Ausnahmefällen (Praxis B) Aus polizeilicher Sicht kann darüber hinaus der Eindruck entstehen, dass der Polizei politisch die Verantwortung für einen Bereich zugeschoben wird, der sie unter der Bedingung einer liberalen Handhabung durch die Justiz nicht gerecht werden kann: So wie es momentan ist ist es einfach nicht gut, Polizei ist der Buhmann weil Bürger sieht da sind Dealer, so also ruft Bürger Polizei, Polizei sagt ja wissen wir, ne wir kommen, wir kümmern uns, wir kümmern uns in Zivil, man könnte ja auch n Streifenwagen hinschicken ne der zeigt einmal da Präsenz und die Dealer hauen wieder ab und so aber ist ja nur n kurzer Effekt, ne nach ner viertel Stunde kommt er ja zurück, also machen wir jetzt in zivil was […] das sieht der Bürger aber nicht dass Polizei in zivil da ist also schreibt Bürger irgendwann den Bericht an den Bürgermeister und sagt Bürgermeister ganz schlimm hier ne Bürgermeister sagt Polizei wie könnt ihr nur ne? die armen Bürger da Klammer auf sind ja alles Wählerstimmen ne? also mach Polizei, ja und Polizei macht und macht und macht und Justiz macht dann auch aber der Effekt der Abschreckungseffekt ist relativ gering (Praxis B) Eine Nicht-Produktivitätshaltung aufgrund einer wahrgenommen Ergebnislosigkeit der eigenen Leistungen wird dann noch dadurch verstärkt, dass die Erwartungen an die Polizei von den Polizeibeamt_innen nicht erfüllt werden können, wie z.B. dafür zu sorgen, dass keine Dealenden in der Öffentlichkeit wahrnehmbar sind. Eine uniformierte Präsenz wird nur als Möglichkeit für eine meist kurzfristige Verdrängung einer Kleinhandelsszene bewertet. Polizeiliche Erfolge in Form von Festnahmen finden aus polizeilicher Sicht im Verborgenen, in „zivil“, statt, können allerdings als nicht fruchtbar wahrgenommen werden, wenn die justizielle Antwort als zu milde eingeschätzt wird. Das liberale justizielle Vorgehen wird als Konterkarierung für den angestrebten und erhofften Abschreckungseffekt 16angesehen. Eine stärkere Ausnutzung des ver- 16 Die Theorie der Generalprävention oder Abschreckung wird als „die älteste und wahrscheinlich politisch erfolgreichste der RC [Rational-Choice] – Theorien“ (Karstedt / Greve 1996: 175) beschrieben. In einigen Untersuchungen zeigte sich, dass generalpräventive Formen im Gegensatz zu informellen Sanktionen und moralischen Überzeugen einen verhältnismäßig geringen Einfluss haben (ebd.: 176). Labeling-Theorien gehen sogar davon aus, dass krimi- | 55 fügbaren Strafrahmens wird dabei allerdings nicht unbedingt als alternative Maßnahme bevorzugt (s. Kap. 4.3.1). (b) beim Kampf gegen Drogen – die Prohibition ist gescheitert Unabhängig davon, ob die Prohibition als Entstehungsursache für die Produktion von Kriminalität gesehen wird, können auch die mit der Prohibition und damit einhergehenden repressiven Verfolgung angestrebten Ziele als gescheitert oder aussichtslos begriffen werden: Können wir den Kampf oder so noch gewinnen nein den haben wir schon seit Jahrzehnten verloren, wir können im Prinzip nur noch kanalisieren, und das möglichst vernünftig gestalten, machen wir bei Alkohol ja auch, jetzt kann man natürlich sagen, ok, das ganze Alkoholverkaufskonzept bei drei Millionen Alkoholkranken hat auch nicht funktioniert, ok, aber das Verbot siehe USA funktioniert erst Recht nicht (Lehre B) Ist es die Weisheit des Alters oder einfach nur die Erkenntnis dass die bisherige Bekämpfungspraxis und Polizei ist nur ein Teil davon die ist gescheitert die bringt so nichts mehr, die bringt nichts, wir ändern ja nichts (Lehre B) Über die Repression das Ganze zu bekämpfen ist unmöglich und kann immer nur begrenzende und vielleicht so leicht androhende Aspekte haben also wir sollten vielleicht jetzt die Tonne Kokain nicht unbedingt in [Stadt] umsetzen sondern wir sollten versuchen nach [andere Stadt] zu gehen oder so, das ist alles was man machen kann (Lehre E) Dirk Peglow vom Bund Deutscher Kriminalbeamter ist es leid. Unter der Überschrift „Der aussichtslose Kampf gegen Drogen“ berichtete er auf der Ersten Frankfurter Fachtagung zu Cannabis. […] Auch Peglow kommt zu dem Urteil, dass das Gesetz „keine präventive Wirkung“ hat (Frankfurter Rundschau, 18.11.2014) Das derzeitige Mittel der Repression trägt nicht zu einer Änderung der Situation bei. Dem Betäubungsmittelgesetz wird „keine präventive Wirkung“ zugesprochen, die potentielle Konsumierende abschreckt. Eine Repression kann allenfalls zu einer Verschiebung von Drogenhandel und –szenen führen. Statt einer Bekämpfungsstrategie wird eine Strategie angestrebt, die auf Kontrolle bzw. Begrenzung und nicht auf Eliminierung setzt. Der gesellschaftliche Drogenkonsum kann nur „kanalisiert“ und „vernünftig gestaltet“, jedoch unmöglich „bekämpf[t]“ wernelles Verhalten in Form von sekundärer Devianz überhaupt erst durch gesellschaftliche Reaktionen auf ein Verhalten in Form von negativen Sanktionen entsteht (z.B. Lemert 1951). Nach der Defiance Theory von Sherman hängt es von mehreren Faktoren ab, ob eine Sanktion einen abschreckenden oder verstärkenden Effekt auf kriminelles Verhalten hat (Sherman 1993: 445ff.). 56 | den. Hintergrund für diese Ansicht ist außerdem die Annahme, dass es unsere Gesellschaft ohne Drogen nicht geben kann: Also ne suchtfreie Gesellschaft glaube ich wird’s nie geben die gab’s glaube ich nie ne? (Praxis B) Wir sind ne Drogengesellschaft ob wir es hören wollen oder nicht (Lehre B) Die Bezeichnung unserer Gesellschaft als Drogengesellschaft wird dabei als nicht gern gehörter Fakt angenommen. Die Repression wird nicht als das richtige Mittel für den Umgang mit Drogenkonsum und –handel bewertet. Drogenkonsum wird zwar mit Menschen verknüpft, die ein Problem haben, jedoch gilt diese Problematik nicht als Frage der Repression: Jeder der sich irgendwas ich sag mal platt gesprochen einwerfen muss hat ja irgendwie n Problem [lachend] so da muss man auch mal gucken wie man mit so was umgeht, ne dann kann das ja nicht richtig sein, aber das ist ja nun keine Frage der Repression sondern das ist eher ne Frage der Prävention oder der Gesundheitsvorsorge oder der gesellschaftlichen Behandlung dieses Themas was man da macht (Lehre A) Dabei wird Polizei nur als „ein Teil“ (Lehre B) der Akteure gesehen, die an einem Vorgehen gegen Drogenkriminalität beteiligt sind, und die zudem „nichts ändern“ kann. Die Verantwortung für ein Scheitern der „Bekämpfungspraxis“ wird somit auch anderen Bereichen zugeschrieben und lastet aus dieser Perspektive nicht allein auf der Polizei. Das Wort Drogenbekämpfung wird deshalb auch bewusst durch die Bezeichnung Drogen-„kontrolle“ ersetzt (Lehre A). Es wird nicht nur darauf verwiesen, dass die Polizei nur als Teil der bisherigen „Bekämpfungspraxis“ gesehen werden kann. Vielmehr wird die Frage nach einem Umgang mit Drogen und Drogenkriminalität von der Polizei abgewendet und als eine politische betrachtet, für die die Antworten in der Prävention, der Gesundheitsvorsorge oder in der Gesamtgesellschaft liegen. Gleichzeitig wird die „Weisheit des Alters“ als Begründung für die Einschätzung angegeben, dass der bisherige Weg im gesellschaftlichen Umgang nicht richtig und somit auch das polizeiliche Vorgehen nicht-produktiv ist. Möglicherweise hat nicht das Lebensalter an sich einen Einfluss auf die Einschätzung der Prohibition als gescheitert, sondern die durch langjährige praktische Erfahrung gelebte Nähe zum Gegenstand, die durch soziale Interaktionen im Alltag mit Personen aus Drogenszenen entstanden ist. | 57 3.4 Ambiguität der Strafverfolgung Die genannten Begründungen für das Entwickeln einer Kontra- oder Nicht-Produktivitätshaltung stellen das Legalitätsprinzip im Bereich der Betäubungsmittelkriminalität nicht nur ethisch und ökonomisch in Frage, sondern können arbeitspsychologisch betrachtet dazu führen, die eigene Tätigkeit als sinn- und ziellos zu erleben. Das Erleben fehlender Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit kann zu Stress und Frustration führen. In der Arbeitspsychologie spricht man dabei auch von psychischer Sättigung, die z.B. in psychosomatischen Krankheiten resultieren kann (Pfeiffer 2012: 132). Die Polizei ist darüber hinaus besonders mit dem Phänomen konfrontiert, Rollenkonflikte auszuhalten. Der Polizeiberuf gilt als Arbeitsfeld, in dem ein besonders hohes Ausmaß an Ambiguitätstoleranz gefordert ist (Kopp / Schäfer 2010: 245 ff.). Polizeikräfte sind nicht nur mit einer Vielzahl von sich widersprechenden Erwartungen konfrontiert, die von verschiedenen Seiten an die Rolle der Polizist_innen herangetragen werden. Darüber hinaus müssen Polizeikräfte auch Interrollenkonflikte17 bewältigen, wenn „Polizeiliches Handeln [die Umsetzung von] persönlich als inhuman empfundener Maßnahmen mit menschenrechtskonformen Mitteln“ oder auch „abseits solcher Extremfälle […] eine Abweichung von Arbeitsauftrag und eigenem Empfinden“ erfordert (Tadje 2014: 186, vgl. Behr 2009a). Um als Polizeibeamt_in z.B. in der drogenbezogenen Strafverfolgung auf den unteren Handelsebenen tätig sein zu können, sollte man den eigenen Tätigkeitsbereich offenbar nicht mit dem Ziel in Verbindung bringen Menschen zu helfen. Der Wunsch einer Arbeit nachzugehen, die das Ziel hat Menschen zu helfen, sollte entweder von Vornherein nicht Arbeitsantrieb oder bereits abgelegt worden sein: Ich bin mal zur Polizei gegangen weil ich gesagt hab ich will halt Recht und Gesetz zum Durchbruch verhelfen natürlich erstmal wollt ich ja immer der große Menschenretter sein und Leuten helfen und so und wenn man das dann genug gemacht hat dann kann man ja auch noch [lachend] was anderes machen so und dann sag ich eben halt wenn die hier mit Rauschgift handeln dann will ich sie eben halt auch erwischen (Praxis B) Nehmen Polizeibeamte eine Haltung der Kontra- und / oder Nicht- Produktivität ein, wenn es um die drogenbezogene Strafverfolgung geht, 17 Werden Erwartungen unterschiedlicher Bezugsgruppen an verschiedene Positionen gerichtet, die eine Person gleichzeitig innehat (z.B. Polizistin und Mutter), spricht man von einem Interrollenkonflikt (Dahrendorf 2006; Merton 1957). 58 | sind diese mit einer Ambiguität zwischen Arbeitsauftrag und eigenem Empfinden konfrontiert. Einerseits besteht der Wunsch sich mit der Rolle als Strafverfolger_in zu identifizieren und somit als ein Teil des polizeilichen Kollektivs zu fühlen, andererseits widerspricht die drogenbezogene Strafverfolgung in Teilen der empfundenen Sinnhaftigkeit der dafür erforderlichen Handlungen. Verstärkt wird diese Ambiguität noch dadurch, dass ein Strafverfolgungszwang besteht und der empfundenen Kontra- oder Nicht-Produktivität einen devianten, geradezu delinquenten Anschein verleiht. Agieren Polizeikräfte aus ihrem Empfinden heraus, machen sie sich strafbar. Die Legalität steht damit einer empfundenen Legitimität gegenüber. Abb. 4 Ambiguität der drogenbezogenen Strafverfolgung zwischen einer Haltung der Kontra- und / oder Nicht-Produktivität sowie der Identifikation mit der Rolle als Strafverfolger_in. Der Strafverfolgungszwang fungiert dabei als entscheidender Verstärker. Um sich aus diesem Dilemma zu befreien, wenden Polizeibeamt_innen Strategien an, die entweder darauf abzielen, einen Weg zu finden, die Ambiguität der Strafverfolgung von Betäubungsmitteldelikten a) auszuhalten, b) zu verringern oder sie c) ganz aufzulösen, indem z.B. Verbesserungsvorschläge für einen polizeilichen oder gesellschaftlichen Umgang mit Drogen und Drogenkriminalität gemacht werden. Die damit im Zusammenhang stehenden Handlungs- und Interaktionsstrategien werden im folgenden Kapitel erläutert. Bedeutung 2: Identifikation mit der Rolle als Strafverfolger_in Bedeutung 1: Haltung der Kontraund / oder Nicht- Produktivität Sachverhalt: Drogenbezogene Strafverfolgung Ambiguität der drogenbezogenen Strafverfolgung Verstärker: Strafverfolgungszwang

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References

Zusammenfassung

Die Soziologin und Kriminologin Svea Steckhan untersucht die polizeiliche Perspektive zu Drogen und Drogenkriminalität und nimmt insbesondere das praktische Alltagswissen von Polizeibeamten in den Fokus. Im Zentrum der Betrachtung stehen die folgenden Fragen:

Wie werden gesetzliche und politische Anforderungen in der Praxis umgesetzt?

Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Polizei bei der Umsetzung des Betäubungsmittelgesetzes konfrontiert?

Mit welchen Strategien lässt sich den Herausforderungen begegnen?

Was sollte aus Sicht der Polizei verändert werden?

Dabei leistet die Autorin nicht nur einen Beitrag zur wissenschaftlichen Theoriegenerierung, sondern liefert praktische Hilfestellungen für all jene Akteure, die tagtäglich mit den Themen Drogen und Drogenkriminalität konfrontiert sind, insbesondere JuristInnen, PolizistInnen, Fachkräfte der Drogen- und Suchthilfe, SozialarbeiterInnen und Fachkräfte der Straffälligenhilfe.