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2 Methoden in:

Svea Steckhan

Rauschkontrolleure und das Legalitätsprinzip, page 21 - 36

Polizeiliche Perspektiven zu Drogen und Drogenkriminalität

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3930-4, ISBN online: 978-3-8288-6747-5, https://doi.org/10.5771/9783828867475-21

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Rechtswissenschaften, vol. 76

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
| 21 2 Methoden Da die vorliegende Untersuchung das Ziel hat, eine Theorie zu generieren, die praktisch anwendbar ist, wurde sie an die Methoden der Grounded Theory von Barney Glaser und Anselm Strauss angelehnt (z.B. Strauss 1991; Strauss / Corbin; Glaser / Straus 1998). Die Grounded Theorie eignet sich deshalb für die Generierung einer anwendungsorientierten Theorie, da sie sich durch eine offene und nicht subsumtionslogische Herangehensweise an den Forschungsgegenstand kennzeichnet und sich während des gesamten Forschungsprozesses vom Datenmaterial leiten lässt, statt in einer logisch-deduktiven Weise das Datenmaterial für die Theorie passend zu machen und dadurch zu verzerren. Gemäß einer qualitativ-interpretativen Sozialforschung soll eine offene und prozessorientierte Haltung eingenommen werden, mit der keine vorhandenen Theorien überprüft werden, sondern anhand von Daten neue Aspekte entdeckt oder umgedeutet und somit neue Theorien gegründet werden können. Die Methoden der Grounded Theory verorten sich in der Theorie des Symbolischen Interaktionismus, dessen Vertreter_innen „sich gegen Theorien [wenden], die menschliche Erfahrung objektivieren und quantifizieren. Sie bevorzugen in ihren Texten eine Darstellung, die eng an den aktuellen Erfahrungen der Menschen bleibt, über die sie schreiben“ (Denzin 2015: 141). „’Wirklichkeit’ existiert für die empirische Wissenschaft nur in der empirischen Welt, sie kann nur dort gesucht werden, und sie kann nur dort bewiesen werden“ (Blumer 2013: 89). Da diese empirische Welt „in der Erfahrung von Individuen in ihren verschiedenen Lebensgebieten“ (ebd.: 106) ausgedrückt wird, ist es notwendig die Alltagswelt von Individuen zu untersuchen, um Gesellschaften zu verstehen. Individuum und Gesellschaft werden im Symbolischen Interaktionismus nicht als „zwei voneinander trennbaren Einheiten“ (Rosenthal 2005: 33) verstanden, sondern als in einer dialektischen Beziehung zueinander stehenden und sich gegenseitig beeinflussenden Größen (ebd.). 22 | Im Sinne des Symbolischen Interaktionismus werden darüber hinaus gesellschaftliche Organisationen, zu denen man z.B. auch die Polizei zählen kann, als „Anordnungen von Personen [gesehen], die in ihren Handlungen miteinander verkettet sind. […] Deshalb sucht [der symbolische Interaktionismus] die Erklärung in der Art, in der die Teilnehmer die Situationen in ihren jeweiligen Positionen definieren, interpretieren und ihnen begegnen (Blumer 2013: 136). Für die vorliegende Fragestellung nach der Perspektive der Polizei zu Drogen und Drogenkriminalität sollen deshalb Vertreter_innen der Polizei in ihren verschiedenen Positionen hinsichtlich ihrer Deutungen untersucht werden. Der symbolische Interaktionismus beruht nach Herbert Blumer auf drei Prämissen, die im Folgenden erörtert werden: Die erste Prämisse besagt, dass „Menschen in Bezug auf Dinge auf Grundlage der Bedeutungen [handeln], die sie ihnen zuschreiben“ (ebd.: 7). Mit Dingen sind an dieser Stelle nicht nur physische Gegenstände gemeint, sondern auch andere Menschen, Kategorien von Menschen, Institutionen, Leitideale, Handlungen anderer Personen und Situationen (ebd.: 64). Vor diesem Hintergrund sollen in der vorliegenden Untersuchung auch die Bedeutungen erfasst werden, die Vertreter_innen der Polizei dem Konstrukt Drogen, den Konsumierenden von Drogen und von Drogen abhängigen Menschen zuschreiben, aber auch wie sie ihr konkretes Vorgehen gegen drogenbezogene Kriminalität interpretieren und sich somit in ihrer Institution verorten. Die zweite Prämisse besagt, dass „Bedeutungen aus der sozialen Interaktion [entstehen]“ (ebd.: 7). Der Fokus der Untersuchung soll deshalb auf der polizeilichen Praxis liegen, da hier die Bedeutungen von resp. der polizeiliche Umgang mit Drogen, Drogenkonsum und Drogenkriminalität direkt und alltäglich in sozialen Interaktionen ausgehandelt werden. Die dritte Prämisse besagt, dass diese Bedeutungen sich „im Prozess der Handhabung dieser Dinge [verändern]“ (ebd.: 7). Es besteht in Berücksichtigung dieser dritten Prämisse darüber hinaus die Frage, ob sich die Bedeutungen über die praktische Auseinandersetzung von Polizeibeamt_innen mit Drogen und Drogenkriminalität in der polizeilichen Praxis verändern. Die Auswertung des Materials geschieht in Anlehnung an die Methode des offenen und des axialen Kodierens in der Grounded Theory nach Anselm Strauss und Juliet Corbin, da sich diese dadurch auszeichnen, dass sie stärker den Prinzipien der Offenheit und der Rekonstruktion gerecht werden (Strauss / Corbin 1996). Durch das offene Kodieren kann | 23 Ursächliche Bedingungen Kontext und Intervenierende Bedingungen Konsequenzen Handlungsstrategien Phänomen auch der latente Gehalt eines Textes analysiert werden und die Beziehungen zwischen den Kategorien werden über die Rekonstruktion von Wirkungszusammenhängen im untersuchten Kontext analysiert (Rosenthal 2005: 212). Über das offene Kodieren schreiben Strauß und Corbin: „Während des offenen Kodierens werden die Daten in einzelne Teile aufgebrochen, gründlich untersucht, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin verglichen, und es werden Fragen über die Phänomene gestellt, die sich in den Daten widerspiegeln“ (Strauss / Corbin 1996: 44). Mittels des axialen Kodierens werden die Daten im Anschluss an das offene Kodieren neu zusammengesetzt, indem Verbindungen zwischen den Kategorien mit Hilfe eines Kodierparadigmas erstellt werden (siehe Abb. 1) (ebd.: 75 ff.). Dabei wird eine Kategorie in den Mittelpunkt gestellt und ein Beziehungsnetz aus Bedingungen, Kontext, Handlungsund interaktionalen Strategien und Konsequenzen um sie herum herausgehoben (ebd.: 75; Böhm 2015: 479). Abb. 1 Kodierparadigma nach Strauß (Böhm 2015: 479) Obgleich das offene und das axiale Kodieren als unterschiedliche Analyseformen betrachtet werden, findet im Laufe des Forschungsprozesses ein Wechsel zwischen diesen beiden Modi statt (Strauß / Corbin 1996: 77). 24 | 2.1 Zugang zum Feld So wie es nicht die deutsche Politik gibt, sondern ein Konglomerat aus unterschiedlichen Parteien mit jeweils unterschiedlichen individuellen politischen Akteuren, die sich in ihren Einstellungen und Ansichten unterscheiden, besteht auch die deutsche Polizei aus verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen mit jeweils unterschiedlichen Aufgaben und Interessen. Es gibt die praktisch arbeitenden Polizist_innen, die den gesetzlichen Auftrag der Strafverfolgung umsetzen müssen, und es gibt die Verwaltungsebene, die insbesondere auch für die Kommunikation nach außen und mit der politischen Landschaft zuständig ist. Außerdem gibt es den polizeilichen Lehrapparat, in dem der polizeiliche Nachwuchs ausgebildet wird. Lehrende an polizeilichen Ausbildungsstätten können als Multiplikatoren bezeichnet werden, da sie ihr Wissen und ihre Einstellungen direkt an die nachfolgenden Generationen der Polizei weitergeben. Nicht unerwähnt bleiben sollten in diesem Zusammenhang polizeiliche Gewerkschaften der deutschen Polizei, wie die Deutsche Polizeigewerkschaft (DpolG), die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sowie der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Insgesamt liegt der Fokus der vorliegenden Untersuchung auf der polizeipraktischen Perspektive. Deshalb wurden in erster Linie Interviews von Polizeibeamten 5 ausgewertet, die in der Drogenfahndung tätig sind oder es einst waren und nun an deutschen Polizei- (fach)hochschulen lehren. Aber auch die anderen Akteure resp. Akteursgruppen wurden bei der Bearbeitung der Fragestellungen berücksichtigt, um einer Polizeiperspektive im Gesamten gerecht zu werden. Der Zugang zum Feld erfolgte gemäß Grounded Theory nach einem offenen Verfahren, das sich durch den zu untersuchenden Gegenstand 5 Die männliche Form ist hier absichtlich gewählt, da in der Erhebung lediglich ein zufällig entstandenes Gespräch mit einer weiblichen Polizeibeamtin stattgefunden hat, sodass die Untersuchung insgesamt eher eine männliche Polizeiperspektive wiedergibt. Eine Lesart könnte sein, dass Frauen in der Polizei im Gesamten und in den höheren Positionen im Besonderen unterrepräsentiert sind und sich diese Repräsentation auch in der Drogenfahndung resp. der Drogenlehre widerspiegelt (Wilde / Rustemeyer 2007: 317). Eine andere Lesart könnte sein, dass Frauen speziell in der Drogenfahndung resp. der Drogenlehre unterrepräsentiert sind und eine ausschließliche Verfügung von männlichen Interviewpartnern einer statistischen Logik folgt. Eine weitere Prüfung der Frage, warum die hier untersuchte Polizeiperspektive fast ausschließlich männlich konnotiert ist, soll und kann hier nicht stattfinden. Es soll aber durchaus dazu angeregt werden, diesen Aspekt bei weiteren Forschungen zu berücksichtigen. | 25 leiten lässt und durch eine „Prozedur des Hin- und Herpendelns“ (Strauß 1991: 47) zwischen Datenerhebung und Auswertung gekennzeichnet ist. Mit neuen Fragen und neuen Hypothesen, die aus dem ersten Material entstehen, ergeben sich oftmals neue geeignete Datenquellen oder die Notwendigkeit einen neuen Blick in bereits analysiertes Material zu werfen (Strauß 1991: 49). Zunächst wurde in Interviews diversen Akteuren Gelegenheit gegeben, ihre Sichtweise darzulegen. Der Fokus sollte dabei auf der Sichtweise der Praxis liegen, d.h. der im Arbeitsalltag mit den Themen Drogen und Drogenkriminalität konfrontierten Beamt_innen sowie Lehrenden aus polizeilichen Ausbildungsstätten. In diesem Zusammenhang folgte ich der Annahme, dass erstens auch die Lehrenden an polizeilichen Ausbildungsstätten mit einer eigenen praktischen Berufserfahrung im Feld der Drogenfahndung eher eine polizeipraktische Bewertung der Thematik vornehmen würden, da diese ihre Studierenden auf ihre spätere Praxis vorbereiten und sich somit noch nah am Gegenstand bewegen, und diese Perspektive zweitens durch eine abstrakte wissenschaftlich fundierte Sichtweise ergänzt würde. Neben der praxisorientierten Perspektive interessierte im Rahmen des Forschungsprojekts auch, wie die zukünftigen Polizeibeamt_innen auf den Umgang mit Drogen- und Drogenkriminalität vorbereitet, welche Bilder von Drogen und Drogenkonsum vermittelt sowie welche Polizeistrategien gelehrt und möglicherweise hinterfragt werden. Zunächst wurden sechs narrative Interviews mit Lehrenden an verschiedenen Polizei(fach)hochschulen durchgeführt. Um mögliche regionale Unterschiede zu berücksichtigen, wurden Lehrende aus fünf verschiedenen Bundesländern befragt. Ergänzt wurden die Interviews durch die Bearbeitung halbstandardisierter Fragebögen durch neun weitere Lehrende aus sechs verschiedenen Bundesländern, da mit diesen kein narratives Interview stattfinden konnte. Insgesamt konnten dadurch 14 Lehrende aus elf verschiedene Bundesländer bei der Untersuchung berücksichtigt werden. Dabei wurde darauf geachtet, dass sowohl Lehrende aus vermeintlich repressiv agierenden Bundesländern interviewt wurden, als auch Lehrende aus Bundesländern, die eine vermeintlich moderate Strategie im Umgang mit illegalen Drogen verfolgen. Zwar gilt das BtMG für ganz Deutschland, jedoch hat sich in den verschiedenen Bundesländern eine unterschiedliche Rechtspraxis etabliert. Hintergrund ist dabei der Paragraph 31a des Betäubungsmittelgesetzes, der der Justiz einen Ermessensspielraum bei der Bestrafung von Betäubungsmittelverstößen lässt, wenn diese sich auf den Eigenbedarf geringer Mengen beziehen. Infolgedessen gibt es bekanntermaßen Bundesländer, die auf justizieller Ebene eher repressiv vorgehen, und Bun- 26 | desländer, die diesen Ermessensspielraum ausnutzen und Betäubungsmittelverstöße liberaler handhaben, indem sie die jeweiligen Verfahren einstellen. Insofern verfolgen erfahrungsgemäß z.B. Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern eine besonders repressive Richtlinie, während Berlin, Bremen und Hessen eine moderate Richtlinie umsetzen (z.B.: Dürr 2014; Deutscher Hanfverband 2016). Die Rekrutierung der ersten Interviewpartner_innen erschien aufgrund der oben beschriebenen erwarteten Skepsis gegenüber Polizeiforschung im Bereich der theoretischen Polizeiausbildung am erfolgreichsten. Von Wissenschaftler_innen oder auch Lehrenden wird grundsätzlich erwartet – zumindest aber wird es ihnen erlaubt – abstrakt und vielseitig ein Thema zu beleuchten. Es bestand die Hypothese, dass Lehrende deshalb auch eher bereit sind, ein Interview für ein in der Anfangsphase noch unbekanntes Projekt zu geben, da weniger Sorge besteht, Aussagen gegen eine angenommene polizeiliche Linie könnten Konsequenzen haben. Ich erhoffte mir dadurch nicht nur einen besseren Zugang zu Interviewpartner_innen und ein möglichst offenes Gespräch, indem sich die die Interviewpartner_innen auch inhaltlich kritische Äu- ßerungen und eine Betrachtung des Gegenstands von mehreren Seiten erlauben, sondern auch die Etablierung des Projekts als vertrauenswürdig für weitere potentielle Interviewpartner_innen aus Bereichen, in denen möglicherweise eine größere Skepsis vorherrscht. Erst später stellte sich heraus, dass sogar der Großteil der interviewten Lehrenden vorher bereits als Polizeibeamte im Bereich Drogen und Organisierter Kriminalität tätig waren. Obwohl sich für mich dadurch der praktische Umstand ergab, dass Lehre und Praxis mehrheitlich in jeweils einem Interview untersucht werden konnten, wurde diese Entscheidung nicht bewusst von mir getroffen. Bei der Kontaktaufnahme der diversen polizeilichen Fach(hoch)schulen wurde mir in der Regel die einstmals in der Praxis tätig gewesenen Lehrenden als besonders geeignet vorgeschlagen. Auch nachdem von meiner Seite ein Interesse an allen zu den Themen Drogen und OK lehrenden Personen betont wurde, kamen in der Regel Interviews mit ehemaligen Beamten aus der Praxis zustande. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Erfahrungen aus der Praxis in den Ausbildungsstätten der Polizei eine größere Bedeutung haben oder auch als repräsentativer angesehen werden, als die abstrakte und vielseitige Betrachtung des Gegenstands aus einer eher theoretischen und empirisch-fundierten Sicht: Ich habe soeben mit [Lehre B] gesprochen. Er kennt sich in der Angelegenheit mit Blick auf die OK Bezüge als Kriminaldirektor besser aus. Ich bin als Kriminologe ‚nicht Polizeivollzugsbeamter‘ und weiß deshalb um manche internen Details nicht. Insofern bitte ich um Verständnis, dass ich | 27 nicht an dem Gespräch teilnehme (Antwort auf eine Interviewanfrage, Kollege Lehre B) Gleichfalls wird an dieser Stelle deutlich, welches Gewicht das Thema Organisierte Kriminalität hat. Die Besprechung des Themas Drogen in der Lehre ist offenbar von größerer Bedeutung, wenn die Organisierte Kriminalität damit in Bezug steht. Auch nachdem ich noch mal deutlich mein Interesse für die kriminologische Lehre geäußert habe, stand mir ausschließlich Lehrender B für ein Interview zur Verfügung. Ebenso der folgende Interviewausschnitt verdeutlicht die Relevanz der Praxiserfahrung für die Lehre an einigen polizeilichen Ausbildungsstätten: Weil der Fachbereichsleiter oder der Verantwortliche für Kriminalistik sinnvollerweise der Meinung ist, es sollten nicht nur Leute reden die angelesenes Wissen haben, so allgemein verbreitende Theoretiker, sondern auch Praxisbezogene Spezialisten und aus der Praxis kommende, was ich sehr löblich finde (Lehre D) Nach den Interviews mit den Lehrenden wurden drei Interviews mit aktuell in der Praxis arbeitenden Beamten geführt, die insbesondere mit der Drogenthematik in ihrem Arbeitsalltag konfrontiert sind. 6 Dabei wurden auch Themen besprochen, die sich erst durch die Interviews mit den Lehrenden als für die polizeiliche Perspektive auf die Themen Drogen und Drogenkriminalität relevant gezeigt haben, wie zum Beispiel der Vorschlag, einige Bereiche des BtMG in das Ordnungswidrigkeitengesetz zu überführen, sodass das Opportunitätsprinzip7 als Alternative zum geltenden Legalitätsprinzip greift. Bei den Praktikern wurde zusätzlich ein Fokus auf einen Einblick in konkrete und alltägliche Polizeistrategien gelegt. Zum einen berichteten die meisten Lehrenden aus weit zurückliegenden Praxisjahren und hatten dadurch nicht mehr einen aktuellen internen Blick, zum anderen kamen Strategien wenig detail- 6 Ergänzt werden konnte das Material durch ein im Forschungsprozess zufällig entstandenes Gespräch mit einer Polizeibeamtin, die ebenfalls in der Drogenfahndung tätig war. 7 Das Opportunitätsprinzip hat seine Gültigkeit zum Beispiel im Ordnungswidrigkeitengesetz und besagt dort, dass die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten im pflichtgemäßen Ermessen der Verfolgungsbehörden liegt (Ordnungswidrigkeitengesetz, OWiG, § 47). Im Gegensatz zum im Strafrecht geltenden Legalitätsprinzip, das zu einer Strafverfolgung verpflichtet, ermöglicht das Opportunitätsprinzip Polizeibeamt_innen selbst zu entscheiden, ob sie einen Verstoß verfolgen oder nicht. 28 | reich zur Sprache. Diese Lücke sollten die Interviews mit den Praktikern nun füllen. Parallel besuchte ich politische Veranstaltungen wie zum Beispiel die Diskussionsveranstaltung der CDU zum Thema „Cannabis – Gefahr in Tüten“, bei der unter anderem der Hamburger Polizeipräsident Ralf Martin Meyer auf dem Podium zu Gast war. Dieses Statement sowie eine vom Präsidium beauftragte Stellungnahme des LKA’s für die Kommunikation nach außen dienen neben Zeitungsartikeln mit Aussagen des Polizeipräsidenten als Hinweise auf die Perspektive der Polizeimanagementebene zu den Themen Drogen und Drogenkriminalität. Obwohl sich die private Meinung von der nach außen hin vorgetragenen Ansicht des Polizeipräsidenten unterscheiden kann, ist für die Fragestellung nach der Polizeiperspektive insbesondere die öffentliche Ansicht des Polizeipräsidenten relevant, da die Kommunikation nach außen neben der Verwaltung zur wichtigsten Aufgabe des Polizeimanagements gehört und nur die öffentliche Darstellung den Diskurs innerhalb und außerhalb der Polizei zu diversen Themen mitbestimmt. Aus diesem Grund erschien mir die Untersuchung von öffentlichen Statements des Polizeipräsidenten ausreichend. Eine persönliche Einstellung der in der Praxis tätigen Beamt_innen ist hingegen besonders wichtig, da diese in ihrer alltäglichen Arbeit jeden Tag aufs Neue mit der Umsetzung der politischen, gesetzlichen und hierarchisch bedingten Vorgaben konfrontiert sind. Anhand ihrer individuellen Perspektive konnten Umsetzungsprobleme in der Polizeipraxis besonders gut durch die narrativen Interviews herauskristallisiert werden. Lediglich ergänzend wurden öffentliche Statements des BDK’s in der Presse selektiv hinzugezogen und eingeflochten, da diese sich auf Themen bezogen, die von den Interviewpartnern als Verbesserungsvorschläge in den Interviews diskutiert wurden. Die Bearbeitung der vorliegenden Masterarbeit fand im Rahmen des von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „Organisierte Kriminalität zwischen virtuellem und realem Drogenhandel (DROK)“ statt. Dies ist deshalb von besonderer Bedeutung, da ich als Angestellte bei der Akademie der Polizei Hamburg bei der Rekrutierung von Interviewpartner_innen und Forschungsmaterial auch als Vertreterin der Akademie der Polizei Hamburg betrachtet wurde. Die Zugehörigkeit zu einer Polizeiakademie erleichterte mir den Zugang zu Interviewpartner_innen in polizeilichen Einrichtungen, da ich zum einen für eine offizielle Institution anfragte und zum anderen dadurch – wenn auch nur entfernt – zum internen Kreis gehöre. Die Befürchtung, dass ich bei den Interviews beispielsweise auf einen | 29 Skandal aus bin, fiel dadurch vermutlich geringer aus. Gleichzeitig könnte sich diese Zugehörigkeit aber auch nachteilig auswirken, wenn insbesondere vermeintlich kritische Äußerungen in Bezug auf die Polizeiarbeit in Gesprächen zurückgehalten werden, da ich als Mitarbeiterin der Polizeiakademie möglicherweise auch die polizeiliche Vorgesetztenebene repräsentiere in einem Projekt, das vom Polizeipräsidium genehmigt und in der Polizeiakademie durchgeführt wird. Ein Gespräch könnte somit auch als eine auf Kontrolle basierende Befragung interpretiert werden: Ich glaube das ist auch keine üble Nachrede oder so was, es gibt auch durchaus Leute [Anm.: Auszubildende im Seminar] und das ist ja auch erstmal Meinungsfreiheit, die sagen also man kann sich durchaus mit dem Gedanken der Legalisierung zum Beispiel von Cannabisprodukten beschäftigen (Lehre M) Jetzt muss ich aufpassen was ich sage (Praxis B) Ich kann Ihnen aber auch gerne für Ihre Forschungsarbeit noch ne Fotokopie von unserem Curriculum mitgeben aus dem sechsten Semester, und dann können Sie abgleichen, ob ich mich noch innerhalb des Curriculums bewege oder nicht. Da ich nächstes Jahr pensioniert werde, wird ein negatives Ergebnis keine Folge für mich haben (Lehre E) Abschließend betrachtet, schätze ich die Vorteile beim Zugang zum Feld durch meine Zugehörigkeit zu einer Polizeiakademie höher ein, als die besprochenen Nachteile. Eine Sorge darüber, dass Aussagen auch Konsequenzen haben können, wurde zwar thematisiert, hielt meines Erachtens nach aber in der Regel keinen bedeutenden Einzug in die Bereitschaft der Interviewten möglichst offen zu reden. 2.2 Wahl der Forschungsinstrumente Um den zu untersuchenden polizeilichen Akteuren die Möglichkeit zu geben eigene Referenzen ihrer Perspektive zu setzen und nicht mit vorgefertigten Annahmen zu beeinflussen, war es unumgänglich eine offene Herangehensweise vorzunehmen. Das bezieht sich nicht nur auf den Zugang des Feldes, sondern auch auf die Wahl der Forschungsinstrumente. Mehrere Datenerhebungsinstrumente wurden deshalb miteinander trianguliert.8 Ich entschied mich bezüglich der Lehrenden und der 8 Eine Trinangulation kompensiert durch den Einsatz komplementärer Methoden und Daten in einer Untersuchung „Einseitigkeiten oder Verzerrungen, die einer Methode [und] Datenbasis […] anhaften“ können (Steinke 2015: 320). 30 | Polizeibeamten aus der Praxis zunächst für die Durchführung von narrativen Experteninterviews9, da den Interviewpartner_innen die Möglichkeit gegeben werden sollte, ihre eigenen Schwerpunkte zu setzen und die Inhalte zu thematisieren, die sie selbst für relevant halten. Gleichzeitig erforderte das Gesamtprojekt die Klärung bestimmter Fragen, wie z.B. nach der Rolle der Organisierten Kriminalität beim Drogen- bzw. Kleinhandel. Ich beschloss deshalb, die Interviews mit einer offenen Eingangsfrage zu beginnen und erst im Anschluss an diese Erzählung mittels eines halbstandardisierten Leitfadens weitere Nachfragen zu stellen. Ferner war aufgrund der Skepsis, die in der Polizei gegenüber möglicherweise kritischen Fragen und Fragesteller_innen besteht, eine gewisse Sensibilität gefragt. Dabei ging es nicht nur darum, die Teilnahmequote möglichst hoch zu halten, sondern bei den narrativen Interviews eine Gesprächsatmosphäre zu schaffen, die die Interviewpartner_innen dazu einlädt, offen über ihre Sichtweisen zu sprechen. Ich erlaubte mir in Einzelfällen von einer streng narrativen Gesprächsführung abzuweichen, wenn trotz erzählgenerierender Nachfragen und ausdrücklichen Signalen, die ein teilnehmendes Zuhörens von mir verdeutlichen, kein Gesprächsfluss aufzukommen schien. Gerade in den ersten Interviews bemerkte ich bei einigen Gesprächspartnern eine Irritation darüber, dass ich weder meine eigene Meinung beisteuerte noch bestätigend oder negierend auf Aussagen einging. Insbesondere bei den späteren Interviews mit Polizeibeamten aus der Praxis folgte ich deshalb dem Instinkt auch selbst etwas zu dem Gespräch beizutragen, ohne dabei eine Bewertung abzugeben oder weniger offene Nachfragen zu stellen. Die Leitfäden entwickelten sich im Laufe der Explorationsphase weiter. Nach den ersten Gesprächen entstanden neue Fragen und neue Hypothesen. Nachdem bereits einige Interviews geführt wurden, wurde den bereits befragten Interviewpartnern deshalb ein Nachfragebogen per Email zugeschickt, damit auch diese nochmals Gelegenheiten bekamen sich zu den neuen Fragen zu äußern. Nicht mit allen angefragten Lehrenden konnte ein Treffen für ein narratives Interview vereinbart werden. Einige Lehrende fragten nach einer Möglichkeit die Fragen per E-Mail zu beantworten. Obwohl der Wert eines narrativen Interviews für die gegebenen Forschungszwecke wesentlich höher liegt als bei einem schriftlich auszufüllenden Fragebogen, entwickelte ich zusätzlich einen halbstandardisierten Fragebogen 9 Nach Meuser / Nagel (1991: 443) sind Experten Personen, „die selbst Teil des Handlungsfeldes sind, das den Forschungsgegenstand ausmacht“. | 31 für diejenigen Personen, mit denen kein narratives Interview zustande kommen konnte. Auch dieser Fragebogen wurde in der Mitte der Explorationsphase weiterentwickelt und auch die Lehrenden, die bis dato bereits ihre Fragebögen zugeschickt hatten, bekamen denselben Nachfragebogen per E-Mail zugeschickt, wie die bereits mündlich interviewten Personen. Die Perspektive der Polizeimanagementebene wurde anhand von öffentlichen Statements des Hamburger Polizeipräsidenten über teilnehmende Beobachtungen und Zeitungsartikeln untersucht. Gemäß der Theorie des Symbolischen Interaktionismus von Herbert Blumer betrachte ich dabei die Untersuchung einer einzelnen Person, die für die Polizeimanagementebene steht, nicht nur aufgrund ihrer hierarchischen Position als ganz oben stehend für absolut ausreichend, sondern auch weil der Polizeipräsident in seiner Position als besonders aufmerksamer Teilnehmer in der Polizeiorganisation angesehen werden kann. „Man sollte in dem Lebensbereich eifrig nach Teilnehmern suchen, die scharfe Beobachter und gut informiert sind. Eine einzige solche Person ist hundert andere wert, die nur unaufmerksame Teilnehmer sind“ (Blumer 2013: 115). Insbesondere Aussagen, die innerhalb einer Diskussion oder eines Diskurses gemacht werden, sind dabei besonders wertvolle Hinweise für das Präsentationsinteresse der Polizeimanagementebene. „Eine Gruppe, die gemeinsam ihren Lebensbereich diskutiert und ihn intensiv prüft, wenn ihre Mitglieder sich widersprechen, wird mehr dazu beitragen, die den Lebensbereich verdeckenden Schleier zu lüften, als jedes andere Forschungsmittel, das ich kenne“ (ebd.: 115). Lediglich ergänzend wurden Statements des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) selektiv hinzugezogen und mit kodiert, wenn diese sich auf Themen beziehen, die von den Interviewpartnern und beobachteten Akteuren als Verbesserungsvorschläge diskutiert wurden. 2.3 Konkretisierung der Fragestellung(en) in den Leitfäden und Fragebögen An dieser Stelle vermischen sich sowohl die Fragestellungen, die für die vorliegende Arbeit relevant sind, als auch die Fragestellungen, die dar- über hinaus für das gesamte Forschungsprojekt DROK von Bedeutung sind. Im Folgenden sollen Annahmen diskutiert und die im Verlauf des Projekts entstandenen Fragestellungen erörtert werden. Obgleich sich die Nachfragen in den diversen Interviews aufgrund der prozessbedingten Weiterentwicklung unterscheiden, sollen im Weiteren 32 | zentrale Nachfragen erörtert werden, um so eine bessere Vorstellung über die Gesprächsinhalte und die Hintergründe der einzelnen Fragen zu vermitteln. Begonnen wurden die Interviews bei den Lehrenden mit einer offen gestellten erzählgenerierenden Eingangsfrage: Wir interessieren uns für polizeiliche Perspektiven zu Drogenkriminalität und OK [Anm.: Organisierte Kriminalität], die in den verschiedensten Bereichen der Polizei gelehrt werden. Ich würde Sie als Lehrenden bitten, mir zu erzählen, was sie zu den Themen Drogen und OK vermitteln. Mich interessiert alles, was Ihnen dazu einfällt. Am Ende würde ich noch ein paar Nachfragen stellen (Interviewerin) Nachdem Rückfragen zu dem erzählten Inhalt geklärt wurden, folgte anschließend ein Nachfrageteil, der nachfolgend diskutiert werden soll: (a) Bilder von Drogen, Konsum und Abhängigkeit Erste Auseinandersetzungen mit den Themen Drogen und Drogenkriminalität führten zu der Annahme, dass die Bilder von Drogen und Drogenkonsumierenden einen zentralen Einfluss darauf haben, welche kriminalpolitischen und polizeilichen Strategien verfolgt werden sollten. Für die einen ist eine Droge ein Genussmittel, für die anderen ist es Teufelszeug. Projektintern bestand die Annahme, dass in der Polizeipraxis noch immer die seit den 70er Jahren stattfindende Dämonisierung von Drogen vorherrscht. Aus diesem Grunde war es unumgänglich zu erfassen, welches Bild von Drogen bei den Interviewpartner_innen vorliegt. Um zu vermeiden, dass mit einer direkten Frage nach dem Bild von Drogen Skepsis aufkommt, wurde danach gefragt, wie Drogen im Seminarkontext definiert werden. Den Konsum traute ich mich direkter nachzufragen, und fragte, ob es nach Ansicht der Interviewpartner_innen einen unproblematischen Konsum von Drogen gebe und falls ja, wo dieser ende und der problematische Konsum anfange. Durch diese Form der Fragestellung wurde darüber hinaus deutlich, dass es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, für wen der Konsum von Drogen problematisch sein kann. Während ich von der Annahme ausging, dass die Frage darauf abzielt, an welchem Punkt ein Konsum für den Konsumierenden problematisch wird, interpretierten einige Interviewpartner die Fragestellung ganz anders und beschäftigen sich mit der Frage danach, ab wann ein Konsum problematisch für die Gesellschaft oder für die polizeiliche Arbeit ist. In der Regel konnte trotz anfänglicher Irritation über diese Frage ein Bild von Konsumierenden herausgearbeitet werden. Gleichzeitig waren die Hinweise auf unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten darüber hinaus für die spätere Auswertung sehr wertvoll. | 33 (b) Drogen und Strafe Als Lehrbeauftragte an der Akademie der Polizei Hamburg bemerkte ich, dass die angehenden Polizeibeamt_innen – wie vermutlich ein Großteil unserer Gesellschaft – eine relativ unreflektierte Haltung zum Thema Strafen haben. Dass in unserer Gesellschaft Menschen für sämtliche Rechtsnormverstöße bestraft werden und es dafür sogar einen eigenen Verwaltungsapparat gibt, scheint selbstverständlich zu sein und muss auch nicht hinterfragt werden. Alternativen zu Strafen sind nicht bekannt oder werden für unmöglich oder zumindest für erfolglos gehalten. Die Notwendigkeit von Strafe zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung ist für sich bereits ein sehr komplexes Thema über das man eine eigene Forschungsarbeit schreiben könnte und soll an dieser Stelle deshalb nur sehr kurz gehalten werden. Für die vorliegende Arbeit ist das Thema Strafe deshalb von besonderer Bedeutung, da es in Bezug zum Thema Drogen und Drogenkriminalität eine ganz eigene Dynamik erhält. Insbesondere der Eigengebrauch von Drogen gilt als sogenanntes opferloses Delikt. Es kommt in der Regel niemand anders zu Schaden, als gegebenenfalls die Konsumierenden selbst. Von einer Diskussion bezüglich der Volksgesundheit sehe ich an dieser Stelle ab. Zentral ist dabei der folgende Punkt: Selbst, wenn die Gesellschaft es sich zur Aufgabe macht, den Drogenkonsum ihrer Mitglieder zu kontrollieren, bleibt zunächst die Frage, warum dies eine Aufgabe der Strafverfolgung ist. Auch wenn man sich darauf einigte, dass bestimmte Drogen in einer Gesellschaft verboten sein sollten und die Einhaltung dieser Rechtsnorm polizeilich überwacht werden muss, bleibt dennoch die Frage, warum zumindest der Konsum, der Besitz und der Erwerb dieser illegalen Droge bestraft werden muss. Welchen Sinn macht an dieser Stelle die Bestrafung einer Person? Um dieser Frage nachzugehen wurden die interviewten Lehrenden gefragt, ob sie sich einen gesellschaftlichen Umgang mit Drogen ohne Strafandrohung vorstellen können. Diese Frage wurde in den Interviews in der Regel interpretiert als Frage danach, ob man sich eine Legalisierung von Drogen vorstellen könne. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass bei den Polizeibeamt_innen – wie auch in der restlichen Gesellschaft – die Themen Strafen und Umgang mit Rechtsnormbrüchen unmittelbar verbunden sind. Die Reaktion mit Strafe auf einen Rechtsnormbruch scheint selbstverständlich, die Vorstellung, dass es auch Alternativen zum Strafen gibt, scheint auch bei den Interviewten ad hoc nicht präsent zu sein. 34 | (c) Kriminalpolitische Implikationen und Polizeistrategien Die Polizei hat den Auftrag, gesetzliche Vorgaben umzusetzen und ist somit in ihrer Arbeit von kriminalpolitischen Debatten, Diskursen und Entscheidungen abhängig. Impulse für die kriminalpolitische Gestaltung kommen von politischen Parteien und über die Parteien von der Öffentlichkeit und gegebenenfalls von der Polizeimanagementebene. Letztere hat über die praxisbezogene Sinnhaftigkeit von Polizeistrategien hinaus auch andere Interessen bei der Bewertung von Polizeistrategien zu berücksichtigen, die mit ihrer Verbundenheit zur politischen Ebene und ihrer Außendarstellung für die Öffentlichkeit zu tun haben. Welchen kriminalpolitischen Umgang mit Drogen würde die Polizei jedoch bevorzugen, wenn die reine Polizeipraxis als Maßstab genommen werden würde? Aus diesen Überlegungen heraus wurden die interviewten Lehrenden gefragt, welchen kriminalpolitischen Umgang sie in Bezug auf Drogen und Drogenkriminalität für sinnvoll halten. Ergänzt wurde die Frage später durch ein Gedankenexperiment, um zu einer Erzählung an einem konkreten Gegenstand zu motivieren. Dabei wurde gefragt, was passierte, wenn Drogen legalisiert werden würden. Die Interviewten sollten sich vorstellen, dass man beispielsweise Heroin oder auch andere Drogen in der Apotheke kaufen könnte und überlegen, was dann ihrer Ansicht nach passieren würde. Dieser Fragekomplex wurde in späteren Interviews vervollständigt durch die Frage nach konkreten Polizeistrategien, die angewendet oder gelehrt werden, da bei dieser offen gestellten Frage kaum bis gar nicht auf tatsächliche Polizeistrategien eingegangen wurde. Die aktuell in der Praxis tätigen Polizeibeamten wurden dabei auch konkret nach ihrer Ansicht zur Sinnhaftigkeit der angewendeten Strategien befragt. (d) Drogenhandel und Organisierte Kriminalität Eine unserer Annahmen zu Beginn des Projekts war, dass der Drogenkonsum und der Drogenhandel auf den unteren Ebenen eine besondere Bedeutung für die Polizei haben, da Konsumierende und Dealende der unteren Handelsebenen als Möglichkeit gesehen werden, die Dealenden höherer Ebenen zu erreichen. Aus diesem Grunde fragte ich danach, welche Rolle die Organisierte Kriminalität auf der Konsum- und Kleinhandelsebene für die Befragten spielt. Gleichzeitig interessierte dabei, ob und unter welchen Umständen gegebenenfalls Konsum und Kleinhandel ohne Organisierte Kriminalität stattfinden könnte, um herauszufinden, ob es möglich wäre eben solche Handelsbedingungen herzustellen, die der Organisierten Kriminalität im Drogenbereich keinen Raum mehr lassen. Die Interviewten wurden demnach gefragt, ob Kleinhandel oder Drogenhandel ohne Organisierte Kriminalität streng genommen möglich | 35 sei. Für den gesamten Forschungsverbund war es darüber hinaus von Interesse, wie die Abgrenzung von einer organisierten Kriminalität zu der Organisierten Kriminalität 10 rein praktisch funktioniert und ob diese Abgrenzung rationalen Begründungen geschuldet ist oder aufgrund anderer Antriebe geschieht. Deshalb wurde folgende Frage vorangestellt: „Neben den Definitionen von OK gibt es ja auch Praxiswissen. Was macht im Sinne der praktischen Bedeutung OK für Sie aus?“. Dieser Fragekomplex kann für die Fragestellung der vorliegenden Masterarbeit jedoch weitestgehend vernachlässigt werden. (e) Die größte Herausforderung für die Polizei in Bezug auf Drogenkriminalität Als einen weiteren Versuch am Ende des Gesprächs nochmals individuelle Referenzsetzungen der Interviewpartner_innen zu ermöglichen, wurden die Lehrenden danach gefragt, was für sie die größte Herausforderung für die Polizei in Bezug auf Drogenkriminalität darstellen würde. Weitergehendes Ziel der Untersuchung ist die Entwicklung einer „anwendbaren Theorie“ (Glaser/Strauß 1998: 254), d.h. sie soll in entsprechenden Alltagssituationen Verwendung finden und sich nicht von der Alltagsrealität der Sachgebiete abheben, so dass sie auch für die Praxis ihren Nutzen hat (ebd.). Im Verlauf der Forschung legte ich den Fokus deshalb stärker auf polizeiliche Strategien resp. Strategien, die aus Sicht der Polizei im Umgang mit Drogen und Drogenkriminalität als sinnvoll erscheinen. Die letztere Formulierung schließt neben polizeilichen Strategien z.B. auch drogenpolitische und gesetzgeberische Maßnahmen mit ein. Für die Interviews mit den aktuell praktisch tätigen Polizeibeamten 10 Im Mai 1990 entwickelte die bundesweite Gemeinsame Arbeitsgruppe Justiz / Polizei (GAG) eine Definition der Organisierten Kriminalität (Gemeinsame Arbeitsgruppe Justiz / Polizei, 1990 / RiStBV 1991; BKA 2016). Darin sind Kriterien enthalten, die erfüllt sein müssen, damit von der Organisierten Kriminalität gesprochen werden kann, wie z.B. der Einflussnahme auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft. Andere Formen der Kriminalität können ebenfalls durch einen hohen Grad an Organisiertheit gekennzeichnet sein, werden aber insgesamt nicht der Definition der Organisierten Kriminalität gerecht und werden deshalb als eine organisierte Kriminalität bezeichnet. Inwiefern die Kriterien für die Organisierte Kriminalität erfüllt sind, unterliegt letztlich einem Interpretationsspielraum. Für die polizeiliche Praxis hat die Unterscheidung zwischen der und einer organisierten Kriminalität u.a. deshalb eine besondere Bedeutung, da davon abhängt, wer polizeiintern einen entsprechenden Fall bearbeitet und wie viele Ressourcen für die Bearbeitung des Falls aufgewendet werden (können). 36 | konzentrierte ich mich infolgedessen auf Fragen, die insbesondere auf Polizeistrategien und / oder den aktuellen drogenpolitischen Diskurs in Hamburg hinweisen. Ferner wich ich wie bereits erwähnt in einigen Abschnitten von strengen Regeln einer narrativen Gesprächsführung ab, wenn ich den Eindruck bekam, dass das Interview ins Stocken geriet. Ich erzählte beispielsweise von einer teilnehmenden Beobachtung eines Runden Tisches bezüglich eines Antrages zur kontrollierten Freigabe von Cannabis in der Sternschanze und stellte dabei Hypothesen von beobachteten Personen zu der Rolle der Polizei zur Diskussion. Das letzte Interview (Praxis C) führte ich außerdem ohne Aufnahmegerät und notierte den Gesprächsinhalt handschriftlich während des Gesprächs, da ich testen wollte, ob bei einem Interview ohne Aufzeichnung deutlich merkbar ein unbefangeneres Gespräch stattfindet. Diese Annahme konnte nicht bestätigt werden.

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Zusammenfassung

Die Soziologin und Kriminologin Svea Steckhan untersucht die polizeiliche Perspektive zu Drogen und Drogenkriminalität und nimmt insbesondere das praktische Alltagswissen von Polizeibeamten in den Fokus. Im Zentrum der Betrachtung stehen die folgenden Fragen:

Wie werden gesetzliche und politische Anforderungen in der Praxis umgesetzt?

Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Polizei bei der Umsetzung des Betäubungsmittelgesetzes konfrontiert?

Mit welchen Strategien lässt sich den Herausforderungen begegnen?

Was sollte aus Sicht der Polizei verändert werden?

Dabei leistet die Autorin nicht nur einen Beitrag zur wissenschaftlichen Theoriegenerierung, sondern liefert praktische Hilfestellungen für all jene Akteure, die tagtäglich mit den Themen Drogen und Drogenkriminalität konfrontiert sind, insbesondere JuristInnen, PolizistInnen, Fachkräfte der Drogen- und Suchthilfe, SozialarbeiterInnen und Fachkräfte der Straffälligenhilfe.