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VOLKER GALLÉ, Profile und Netzwerke. Regionale Kulturpolitik als Basis für kultur- und kreativwirtschaftliche Prozesse in:

David Maier (Ed.)

KULTUR WIRTSCHAFT RLP, page 67 - 74

TEXTE ÜBER DIE KULTURWIRTSCHAFT IN RHEINLAND-PFALZ

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3905-2, ISBN online: 978-3-8288-6744-4, https://doi.org/10.5771/9783828867444-67

Tectum, Baden-Baden
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III Vom Nutzen regionaler Netzwerke Profile und Netzwerke Regionale Kulturpolitik als Basis für kultur- und kreativwirtschaftliche Prozesse VOLKER GALLÉ Der Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft ist Ausdruck der neoliberalen Mode, alle gesellschaftlichen Bereiche unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten. Moden fügen bestehenden Perspektiven neue Gesichtspunkte hinzu. Insofern sind sie hilfreich. Sie neigen aber auch dazu, den Blick auf eine Richtung zu verengen. Insofern müssen sie ergänzt werden. Im Kern geht es um die Kunst. Die hat in erster Linie etwas mit Spiel zu tun, mit Möglichkeiten von Worten, Tönen, Farben, Bewegungen, Materialien, die neu erzählt, komponiert, choreografiert werden. Dazu gehört Handwerk in der Ausführung. Auch die Kunst kennt Moden, die beim Mainstream oder bestimmten Gruppen einer Epoche gefallen. Aber das bloße Gefallen wird mit der Zeit langweilig wie alle Wiederholung. Daher bedarf die Kunst der Erneuerung. Sie geht auf die Suche und will unbekannte Seiten der Wirklichkeit entdecken und vermitteln. Insofern ist sie eine Bereicherung für Menschen. Ihr Weg geht immer über Einzelne, wenn sie Qualität erreicht. Ihre Resonanz kann zeitverschoben sein. Diese knappe Vorbemerkung ist wichtig, weil die Teilmärkte/Kulturfelder, die unter dem Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft betrachtet werden, sehr unterschiedlich sind. Es gibt anwendungsorientierte Felder wie Architektur, Design, Freizeit- und Spieleindustrie, die größtenteils privatwirtschaftlich organisiert sind. Und obwohl sie bereits aus ihrer Geschichte heraus marktorientiert sind, werden sie im Zug der kreativwirtschaftlichen Debatte bevorzugt gefördert. Das gilt insbesondere für digitale Ansätze. Die Ökonomie der klassischen Kunstfelder wie Literatur, Theater, Tanz, Musik und bildende Kunst ist in Deutschland zu einem großen Teil von öffentlicher Förderung getragen, mithin kulturpolitisch bestimmt. In den kommunalen Haushalten zählt diese Förderung zu den freiwilligen Leistungen, auch wenn sie vom Grundsatz in Landesverfassungen wie in Rheinland-Pfalz verankert ist. Der Hintergrund ist der durchaus sinnvolle Gestaltungsspielraum kommunaler Selbstverwaltung. Die Kommunalaufsicht definiert diesen Spielraum allerdings in Zeiten von Haushaltkonsolidierungen als Sparpotenzial. Der Trend geht nicht nur zu Etatkürzungen, sondern auch zu immer mehr kurzfristiger Projektförderung mit ständig sich ausweitenden Antragsverfahren, die durch ihren Umfang und ihre Auflagen die Projektentwicklung und -durchführung hemmen. Das potenziert sich im Projektverfahren, weil mittlerweile häufig mehrere Förderer notwendig sind mit jeweils eigenen, teilweise schwer kompatiblen Antragsverfahren, was Fristen, Auflagen etc. angeht. Das ist selbst für öffentliche Verwaltungen, aber erst recht für die freie Szene und einzelne Personen schwer zu bewältigen. Ein Großteil der Künstler in diesen Arbeitsfeldern kann nicht von ihrer Kunst leben. Der Report Darstellende Künste von Dr. Susanne Keuchel beispielsweise hat 2009 ergeben, dass das jährliche künstlerische Nettoeinkommen in diesem Genre bei rund 11.500 Euro liegt (KEUCHEL 2009), mithin sehr niedrig ist. Ein großer Teil der Künstler ist „sowohl freiberuflich als auch über Zeitverträge, teilweise auch über nicht künstlerische Tätigkeiten abhängig beschäftigt“ (ebd.). Da es aber über die Frage der Sozialversicherung hinaus die Notwendigkeit sozialer Absicherung gibt, entstehen oft Neid- und Pfründedebatten unter den Künstlern, die der Qualität abträglich sind, oder aber Abhängigkeiten von einem Broterwerb oder vom Einkommen eines anderen Familienangehörigen. Ein erster Schritt zur Lösung dieses Teufelskreises wäre die Entkoppelung von sozialer Absicherung und künstlerischer Qualität, wie sie durch das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens gewährleistet werden könnte. Insbesondere im Bereich der Kunst mit ihrem Auf und Ab an Projekten und damit Einkommen, würde eine stabile Grundsicherung dazu führen, dass im Projektbereich künstlerische Freiheit und damit Qualität zum Maßstab der Arbeitsvereinbarungen werden könnte. Denkbar sind zunächst Modellprojekte auf Landesebene, die den Gang einer Legislaturperiode zur Grundlage nehmen und ausgeschrieben werden. Während das Grundeinkommen gesichert würde, müssten die künstlerischen Projekte frei geplant, finanziert und durchgeführt werden. Partner wären hier das Publikum, Privatpersonen, Stiftungen, Spender, Sponsoren und die Kommunen, nicht das Land. Kommunen, Land und Bund sollten konzeptionell arbeiten, daraus Budgets definieren, ein- und mehrjährige Verträge schließen und nach Projektablauf evaluieren. Vor allem größere Projekte haben einen Planungshorizont im Vorlauf von bis zu zwei Jahren. Im Bereich der institutionellen Förderung wie bei den Stadt- und Staatstheatern, darf aber nicht nur auf konzeptionelles Arbeiten der Intendanten gepocht werden. Es muss auch berücksichtigt werden, dass die Zuschüsse ständig der Kostenentwicklung (Tariferhöhungen, Preissteigerungen) angepasst werden müssen. Ansonsten droht ein Einbruch in Angebot und Qualität. Produktivitätssteigerungen und Einnahmeerhöhungen (Eintrittsgelder, Förderungen) sind im Theater nur begrenzt möglich. William J. Baumol schrieb zum Thema Produktivitätssteigerung im Dienstleistungsbereich: „Irgendwann wird es schwierig, die Zeit zu reduzieren, die notwendig ist, um bestimmte Aufgaben auszuführen, ohne dabei gleichzeitig die Qualität zu reduzieren. Wer versucht, die Arbeit von Chirurgen, Lehrern oder Musikern zu beschleunigen, hat gute Chancen, eine vepfuschte Operation, schlecht ausgebildete Schüler oder ein merkwürdiges Konzert zu bekommen“ (BAUMOL 2012). Man spricht daher auch für den Kulturbereich von der ‚baumolschen Kostenkrankheit’. Selbst gleichbleibende Förderbudgets führen bei Kostensteigerungen im Infrastruktur- und Sachkostenbereich zu Kürzungen im Bereich der künstlerischen Produktion. Es geht nicht umsonst in Controllerkreisen die Redeweise um, am kostengünstigsten sei es, ein Haus zu bauen oder zu sanieren und dann nicht in Betrieb zu nehmen. Eine weitere Notwendigkeit in den öffentlichen Verwaltungen sind Querschnittsplanungen unterschiedlicher Ressorts, die gegenseitig die jeweiligen Gesetzmä- ßigkeiten, vor allem in der Terminplanung, berücksichtigen. Das gilt vor allem für die Bereiche Kultur, Tourismus, Stadtentwicklung inkl. Stadtplanung und Stadtmarketing. Im Rahmen der zunehmend wichtigen Vermittlungsaufgaben von Politik sind auch Kooperationen mit den Bereichen Bildung und Soziales sinnvoll und machbar. Das gilt nicht nur für den Stellenwert kultureller Bildung, z.B. im Rahmen kommunaler Bildungspläne, sondern auch für die Vermittlung von Themen, angefangen bei politischer Bildung bis hin zu gesellschaftlichen Diskursen zu Generationsverhalten oder Prävention im Gesundheitsbereich. Dadurch können auch neue Finanzierungsmodelle entwickelt werden. Erforderlich sind dafür aber mehr Kommunikation und Koordination und das bedeutet Investition von Zeit, sprich Personal in die Vernetzungsstrukturen. Aktivierende Kulturpolitik bewegt sich in den Feldern von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Vor allem das letztgenannte Feld verändert sich dynamisch. Während Vereine mit der Übernahme dauerhafter Funktionen und Einrichtungen an engagierten Mitgliedern ausdünnen, bilden sich in den verschiedensten Szenen temporäre Initiativen ohne Rechtsform. Letztere brauchen eine besondere Form der Beratung, die schnell und wirkungsvoll handelt. Die vorhandenen Förderprogramme mit ihren Antrags- und Abrechnungsmarathons sind hierfür gänzlich ungeeignet. Tätig werden müssten Beratungsagenturen auf lokaler Ebene, die formale Aufgaben bis hin zur Kassentätigkeit übernehmen und die Initiativen inhaltlich arbeiten lassen. Ähnliche Modelle werden auch im Vereinswesen benötigt, also die Übernahme des Formalen durch die Kommunen oder Dachverbände, damit die engagierten Mitglieder mehr Energie auf die Arbeitsinhalte verwenden und weitere Mitstreiter motivieren können. Bürgerschaftliches Engagement inkl. Ehrenamt scheitert, wenn es überfordert wird, d.h. wie ein hauptamtlicher Akteur behandelt wird. Die Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar sind polyzentrale Regionen. Stadt und Land mischen sich. Es entstehen Netzwerke von Partnern mit unterschiedlicher Größe und aus unterschiedlichen Bereichen. Die 2016 veröffentlichte Kulturvision Rhein-Neckar, die auf den Zeitraum bis 2025 zielt, hat daher Handlungsziele definiert (vgl. KULTURVISION RHEIN-NECKAR 2016): - Die gemeinschaftliche Regionalarbeit stärken und ausbauen durch Kooperationen an Schnittstellen von Kunst und Wissenschaft, Wirtschaft, Medien, Sport, dem sozial- und Bildungssektor, der Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung. - Individuelle Kulturprofile der Kommunen und Kreise entwickeln und im regionalen Kontext vorantreiben. Dabei sollen durch Projekte wie matchbox künstlerische Impulse von außen in Projekte einfließen, die Akteure verschiedener Größe, verschiedener Kunst-sparten und Politikfelder, verschiedener Verfasstheit (Institution/Initiative/ Einzelperson), verschiedener Generationen, Subregionen, Religionen und Kul-turen miteinander ins Spiel bringen. Die hohe Diversität soll als identitätsstiftender Standortvorteil genutzt werden. Die Kommunen sind angehalten, kulturelle Profile mit unterschiedlichen Reichweiten zu bilden und sich dadurch in ein buntes regionales Gesamtprofil einzubringen, das auch nach außen Vielfalt sichtbar macht. Die Profile können sich auf das kulturelle Erbe beziehen (Worms: Nibelungen, Dom, Luther, SchUM) oder auf Sparten (Mannheim UNESCO-City of Music/Heidelberg UNESCO-City of Literature) oder auf Institutionen (Reiss-Engelhorn-Museen/Historisches Museum der Pfalz und Themenregionen wie Staufer, Barock, Päpste, Löwenherz etc.). Eine differenzierte, ausgehandelte und dauerhafte Netzwerkarbeit nach innen und nach außen gibt die Möglichkeit, Prioritäten in Budgets, Einwerbung von Fördermitteln und Publikumsansprachen zu setzen. Die Region profitiert davon kulturtouristisch, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Region. Zunehmend von Bedeutung ist die Identitätsbildung von Kommunen und Regionen, nicht nur als Marketinginstrument, sondern auch als Selbstverständnis von Bürgergesellschaft. Geschichtsarbeit, Storytelling und Begegnungsprojekte können das leisten. Was ist Heimat? Was ist deutsch? Was ist europäisch? Was ist christlich? Was ist jüdisch? Was ist muslimisch? Kultur in Stadt und Region hat auch die Aufgabe, solche Fragen beobachtend und erzählend zu konkretisieren, um propagandistischen Behauptungen das Wasser abzugraben. Dabei kann es sowohl sinnvoll sein, auf lebendige oder verschüttete Potenziale zurückzugreifen als auch Zukunftsentwürfe zu kreieren. Im Bereich der Erinnerung macht es Sinn, die Geschichte auch kontrafaktisch zu betrachten: Was wäre, wenn alles anders gelaufen wäre? Das speist seinerseits machbare Visionen. Kultur- und kreativwirtschaftliche Prozesse können sich nur entfalten, wenn die Rahmenbedingungen für die einzelnen Sektoren stimmen, d.h. für das jeweilige Arbeitsfeld spezifisch erarbeitet werden. Insofern ist eine ökonomische Betrachtung ohne kulturelle Inhalte, Verortungen und politische Diskurse nicht innovativ, sondern reduziert sich auf Wirtschaftsförderung angesagter und einflussreicher Lobbygruppen. Literaturverzeichnis KEUCHEL, Susanne (2009): Report Darstellende Künste. – In: Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 125, 2/2009 BAUMOL, William J. (2012): The Cost Disease: Why Computers Get Cheaper and Health Care Doesn't. New Haven. KULTURVISION RHEIN-NECKAR (2016): Viele Akteure - ein gemeinsames Leitbild: ‚Kulturvision Rhein-Neckar’ formuliert Ziele der Kulturentwicklung für die Metropolregion

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Zusammenfassung

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wirkt. In den Arbeitsmarkt, als Standortfaktor, als wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft. Auch in Rheinland-Pfalz.

Doch wer sind die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz? Welchen konkreten Herausforderungen müssen sich die Kreativen im Zeitalter der Digitalisierung stellen? Was sind die gegenwärtigen kultur- und wirtschaftspolitischen Diskurse? Wie gestaltet sich das Verhältnis der Akteure zum Standort – und umgekehrt?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich der vorliegende Sammelband. Dabei sollen weniger Handlungsempfehlungen gegeben als viel mehr Ideen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse aufgegriffen und diskutiert werden. Es geht aber auch darum, mehr Lust zu machen auf noch mehr Kreativität – und hierdurch einer positiven Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz weitere Impulse zu geben.

KULTUR/WIRTSCHAFT/RLP – Ein wissenschaftlicher wie praxisrelevanter Beitrag zum kulturwirtschaftspolitischen Diskurs, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Mit zahlreichen Fachartikeln von Wissenschaftlern, Kulturmanagern und anderen Akteuren der Kultur-(Wirtschafts-)Politik. Ein Buch für alle Interessierte, Studierende, Lehrende und Berufstätige im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Kulturpolitik.