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PHILIPP BUDDE, Tappen im Dunklen. Fehlende Wirkungsanalysen in der Kultur- und Kreativwirtschaftsförderung in:

David Maier (Ed.)

KULTUR WIRTSCHAFT RLP, page 41 - 52

TEXTE ÜBER DIE KULTURWIRTSCHAFT IN RHEINLAND-PFALZ

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3905-2, ISBN online: 978-3-8288-6744-4, https://doi.org/10.5771/9783828867444-41

Tectum, Baden-Baden
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Tappen im Dunklen Fehlende Wirkungsanalysen in der Kultur- und Kreativwirtschaftsförderung PHILIPP BUDDE Die Kritik an öffentlichen Fördermaßnahmen zugunsten der Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) ist nicht nur schwerwiegend – Steuerverschwendung (vgl. LAURIN 2013), unrealistische Steuerungsversuche (vgl. KLOTZ 2014: 68), fehlende Einbindung der Zielgruppe (vgl. REICH 2013: 68) – sondern zu einem gro- ßen Teil auch ein hausgemachtes Problem: Die öffentliche Hand (ÖH) hat bisher versäumt, die Wirkung eigener Förderaktivitäten hinreichend zu untersuchen (vgl. STEINBERG 2011: 233). Da empirisch belastbare Ergebnisse zu den Erfolgen einzelner Förderprojekte weitgehend fehlen, ist es derzeit nur allzu leicht, die Strategie der ÖH im Handlungsfeld KKW-Förderung grundsätzlich in Frage zu stellen: Ohne eindeutige Erfolgsnachweise kann die ÖH Kritikern nur sehr wenig entgegensetzen und ebenso wenig ihre aus Steuergeldern finanzierten Förderaktivitäten legitimeren. Es fragt sich also: Warum wurden seitens der ÖH bisher keine konkret projektspezifischen Wirkungsanalysen unternommen? Ist es die Angst der Entscheidungsträger zugeben zu müssen, dass nicht alles wie geplant verlaufen ist, dass Fehler gemacht wurden oder dass eine zielführende Förderung der KKW unter den gegebenen Bedingungen vielleicht gar nicht von der ÖH zu gestalten ist? Scheitert eine Evaluierung von Förderprojekten schlicht an deren Finanzierung? Welche Gründe es auch immer für das Ausbleiben projektspezifischer Wirkungsanalysen geben mag, in jedem Fall ist eine genaue Dokumentation bzw. Reflexion zu Erfolgen und vor allem auch zu Misserfolgen im Fördergeschehen zwingend geboten. Nur über eine kontinuierlich kritische Auseinandersetzung zu einzelnen Förderaktivitäten, bei der maßgebende Akteure seitens der KKW und der ÖH gleichermaßen beteiligt sind, kann es nämlich gelingen, zukünftige Förderaktivitäten zielgerichtet, effizient und somit erfolgswahrscheinlich zu konzipieren. Da eine solch intensive Reflexion bestehender Förderprojekte bisher ausgeblieben ist und nur sehr unzureichend Informationen zur Wirkung einzelner Förderaktivitäten vorliegen, bleiben sowohl positive wie auch negative Schlussfolgerungen zu deren Erfolgen im Bereich der Spekulation. Aus diesem Grunde verstehen sich folgende Ausführungen als Beitrag dazu, eine Wegrichtung aufzuzeigen, diesen in keiner Weise zufriedenstellenden Zustand zu verbessern. Es geht folgend also darum, Möglichkeiten für eine projektspezifische Evaluierung zu benennen, durch die Effekte von Fördermaßnahmen bestimmt und ggf. Förderkonzepte optimiert werden können. Öffentliche Förderaktivitäten: Zielsetzung und Kritik Bevor anhand zweier konkreter Beispiele aus der Förderpraxis veranschaulicht wird, wie eine Wirkungsanalyse zu gestalten wäre und welche Chancen sich hieraus für ein verbessertes Fördergeschehen ergeben können, sind zunächst folgende Fragen zu erörtern: a) Welche Wirkung soll durch die von der ÖH installierten Fördermaßnahmen für die KKW überwiegend erzielt werden? b) Welche Kritik wird im Fachdiskus an öffentlichen Fördermaßnahmen häufig geäußert und welche Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen? Zu a): Fördermaßnahmen zugunsten der KKW sollen vor allem positive Effekte in den Bereichen Wirtschaft und Arbeitsmarkt sowie in den Feldern Regionalund Stadtentwicklung erzielen. Zu diesen Ergebnissen kommt z. B. Mathias Peter Reich, der eine Sekundäranalyse bestehender Kultur- und Kreativwirtschaftsberichte unternommen hat (vgl. REICH 2013: 35ff.). Diese Feststellung bestätigt sich, nimmt man die derzeit bestehende Förderpraxis in den Blick: Um Arbeitsplätze in der KKW zu sichern oder hier sogar neue Arbeitsbereiche zu schaffen, sind von der ÖH z. B. Beratungsangebote für Existenzgründer1 oder Gründerwettbewerbe2 eingerichtet worden. Ebenso führen bspw. Wirtschaftsförderungen sogenannte Matching-Veranstaltungen3 durch, die Unternehmer aus der KKW mit mittelständischen Betrieben zusammenführen, in der Erwartung, dass Synergieeffekte oder Aufträge für Kreativunternehmer entstehen. 1 http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KuK/Navigation/information-und-beratung.html 2 http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KuK/Navigation/Initiative/wettbewerb,did=614456.html 3 http://business.metropoleruhr.de/spot-on-ruhr/; //https://www.creative.nrw.de/creativehealth/dokumentation/creativehealthe1.html Positive Wirkungen in Bezug auf Stadtentwicklung sollen z. B. über Immobilienprojekte erreicht werden, die entweder auf „Aktivierung des Bestands“ (MW- ME 2007: 2018) (Leerstandnutzung) oder auch auf „Neubauprojekte“ (KORT- HALS 2015) setzen. Ein anderes Beispiel für Fördermaßnahmen, die im Bereich Stadtentwicklung wirken sollen, ist eine gezielte Belebung von durch die ÖH ausgewiesenen Kreativ-Quartieren4, z. B. über unterschiedliche Veranstaltungsformate, etwa Straßenfeste, Ausstellungen oder Netzwerk-Events. Wie anhand solcher von der ÖH verfolgten Zielsetzungen und den hierzu installierten Förderaktivitäten deutlich wird, stehen bei der Förderung der KKW in erster Linie sehr unspezifische öffentliche bzw. politische Interessen im Vordergrund, nämlich ganz allgemein die Förderung der Wirtschaft bzw. die Attraktivitätssteigerung von Städten. Zu b): Die häufig auch scharfe Kritik am Fördergeschehen betrifft die Feststellung, dass sich die KKW-Förderung viel zu oft und viel zu stark an politisch motiviertem Agenda-Setting orientiere (vgl. STEINBERG 2011: 236f.) und dabei höchst unrealistische Ziele verfolgt werden (vgl. KLOTZ 2014: 17ff.). Zum Beispiel die künstliche – weil nicht von Akteuren der KKW sondern durch die ÖH angestoßene – Schaffung von Kreativ-Quartieren (vgl. EBERT 2014: 47). Ebenfalls gerate die eigentliche Zielgruppe – Kulturschaffende und Kreativunternehmer – aus dem Blickfeld der Fördergeber, gerade dann, wenn Förderprojekte von der ÖH ‚von oben’ gedacht und ohne hinreichenden Austausch mit der Zielgruppe durchgeführt werden (vgl. EBERT 2011: 65). Das Resultat fehlender Kommunikation seien dann Top-down-Förderangebote, die z. B. viel zu sehr der bürokratischen Logik der Öffentlichen Verwaltung folgen (vgl. DEUTSCHER BUNDES- TAG 2007: 364) und viel zu wenig auf die Zielgruppe, deren Grundeinstellungen und Verhaltensweisen (HABITUS-KOMPONENTEN/vgl. BOURDIEU 1987) bzw. deren unternehmerischen Bedürfnissen zugeschnitten sind (Vgl. IHK BER- LIN 2011: 34f.). Solche Förderangebote seien dann nicht nur für die mehrheitlich künstlerisch geprägten und schöpferisch Tätigen der höchst unterschiedlichen Berufsfelder der KKW weitgehend unattraktiv, sondern verfehlten darüber hinaus die Zielsetzung, einen Mehrwert für die KKW zu generieren. Pointiert lautet die Kritik: Öffentlichen Förder-angeboten fehlt es an Passgenauigkeit und daher an Erfolgswahrscheinlichkeit. 4 http://www.kreativ-quartiere.de/home/ Auch wenn die hier notwendigerweise beispielhaft angeführten Kritikpunkte aus dem aktuellen Forschungsdiskurs auf den ersten Blick durchaus plausibel klingen, sei an dieser Stelle nochmals betont: Häufig fehlt es an empirischen Grundlagen für solche zu stark generalisierenden Aussagen zu bestehenden Förderkonzeptionen. Um wirklich gesicherte Schlussfolgerungen zu ziehen, inwieweit ein realer Nutzen von einem Förderprojekt ausgeht, oder um wirklich praxistaugliche Handlungsempfehlungen für passgenauere Förderaktivitäten zu gegeben, bedarf es – so die hier vertretene Position – projektspezifisch detaillierter Wirkungsanalysen. Konzeption von Wirkungsanalysen Wie eine solche Analyse von der ÖH durchzuführen wäre, ist folgend verdeutlicht: Zunächst ist hervorzuheben, dass Erfolg bzw. Misserfolg eines Förderprojektes bereits durch relativ einfache Maßnahmen z. B. von Projektmitarbeitern der ÖH, evaluiert werden kann, dies sogar ohne kosten-intensive Studien zu beauftragen. Für jedes Förderprojekt lässt sich nämlich ein ganz spezifisches, aber dennoch im Grunde einfaches Analysekonzept entwickeln. Dazu müssen unmittelbar evidente Indikatoren benannt werden, mittels derer sich beabsichtigte Wirkungen zuverlässig bestimmen lassen, damit ggf. Nachjustierungen der Förderkonzeption unternommen werden können. Bei der Bestimmung solcher Indikatoren ist zu beachten, dass bereits in der Konzipierung von Fördermaßnahmen häufig Fehler gemacht werden: Zielsetzungen öffentlicher Förderprojekte (Wirtschaft fördern, Stadteile entwickeln usw.) sind viel zu allgemein formuliert, als dass sich hieraus konkrete Indikatoren zu einer Evaluierung einzelner Förderprojekte ableiten lassen. Eine Ausrichtung auf unspezifische, weit in der Zukunft liegende Effekte kann nicht Grundlage einer verlässlichen Analyse sein. Die Wirkung einzelner Förderprojekte ist demzufolge nur anhand möglichst konkreter Indikatoren sinnvoll zu ermitteln. Die Frage ist daher nicht nur, fördert das Projekt die Wirtschaft der Region, sondern sie muss in erster Linie lauten: Hat das Projekt einen ganz konkret beschreibbaren Nutzen für die Teilnehmer gebracht? Um den Mehrwert von Förderaktivitäten jedoch konkret bestimmen zu können, muss zuvor eine möglichst präzise Abgrenzung der Zielgruppe erfolgt sein; muss genau bestimmt sein, für wen genau ein Nutzen entstehen soll. Existierende zumeist branchenübergreifende Förderkonzeptionen – dies ist ein weiterer häufig zu beobachtender Fehler seitens der ÖH – orientieren sich an der viel zu allgemein verstandenen Zielgruppe der Kreativen. Es bleibt nämlich weitgehend unberücksichtigt, dass die KKW aus elf verschiedenen Teilbranchen mit jeweils höchst heterogenen Berufsfeldern und ebenso unterschiedlichen unternehmerischen Bedürfnissen besteht. Unter einem solchen Mangel an analytischer Tiefenschärfe bleiben Aussagen zu Wirkung bzw. Nutzen eines Förderprojektes völlig unklar und im Dunkeln. Zusammengefasst: Um Indikatoren für eine projektspezifische Wirkungsanalyse zu bestimmen, bedarf es einer präzisen bestenfalls bereits bei der Entwicklung einer Förderkonzeption vorgenommenen Zielgruppenbestimmung und einer klaren Vorstellung davon, welcher direkte Nutzen entstehen soll. Wirkungsanalysen fehlen in der Praxis Anhand zweier von der ÖH unterstützten bzw. durchgeführten Förderprojekte, zu denen keine detaillierte Untersuchung hinsichtlich des Nutzens für die KKW unternommen wurde, ist folgend verdeutlicht, wie einfach eine Wirkungsanalyse hätte durchgeführt werden können: Der Bund, viele Kommunen und auch die IHK bieten Beratungsgespräche an, in erster Linie für unternehmerisch tätige Akteure der KKW, z. B. für solche die sich noch in der Gründungsphase befinden. Der Nutzen des Angebotes soll, so jedenfalls die Vorstellung des Förderers, darin bestehen, Kreativen Hilfestellungen für Aufbau oder Etablierung ihres Unternehmens am Markt zu geben. Zum Beispiel erhalten Beratungsteilnehmer eine außenstehende kritische Meinung zu ihrer Geschäftsidee. Inwieweit Beratungsangebote Kreativunternehmer wirklich unterstützen, lässt sich am besten über den Indikator subjektive Zufriedenheit der Teilnehmer hinsichtlich der Qualität des Angebotes evaluieren. Dieser wiederum ist ohne großen Aufwand über eine nachgelagerte ggf. digitale Teilnehmerbefragung zu erfassen. Jedem Kreativunternehmer der zu einem Gesprächstermin erscheint, könnte bspw. nahegelegt werden – quasi als Gegenleistung für die kostenfreie Beratung – einen kurzen Fragebogen (anonym) auszufüllen. Mögliche Fragestellungen wären etwa die folgenden: - Mit welcher Erwartung bzw. mit welcher Problemstellung sind Sie zu dem Beratungsgespräch gekommen? - Inwieweit wurden ihre Erwartungen erfüllt, ihr Problem gelöst? - Was könnte hinsichtlich des Förderangebotes verbessert werden? Bereits die Auswertung der Antworten auf solch einfache Fragestellungen vermittelt einen direkten Eindruck von der Wirkung des Förderangebotes und zeigt zudem Verbesserungsmöglichkeiten auf. Nach wenigen Gesprächen würde ersichtlich, wie das Angebot von Teilnehmern bewertet wird und wo sich möglicherweise konzeptionelle Schwachstellen zeigen. Unter der Zielstellung Förderangebote kontinuierlich weiterzuentwickeln und die Bedürfnisse der Zielgruppe noch präziser zu erfassen – eine Absicht, die den Gesprächsteilnehmern auch mitgeteilt werden könnte – wäre es außerdem hilfreich, Erfahrungsberichte verfassen zu lassen. Sowohl Teilnehmer als auch Berater müssten dazu ermutigt werden sich (kritisch) zum bestehenden Angebot zu äu- ßern. Diese Beiträge könnten dann ggf. kommentiert auf der Homepage des Fördergebers oder in den sozialen Medien veröffentlicht werden. So lässt sich Diskussion anstoßen, die nicht nur hilft, das Fördergeschehen zu evaluieren und dadurch zu effektiveren, sondern darüber hinaus helfen kann, häufige Fragestellungen von Kreativunternehmern, etwa zum Thema Gründung, zu beantworten. Darüber hinaus könnten Teilnehmerzahlen, Branchenzugehörigkeit und andere Informationen im Zusammenhang mit dem Projekt öffentlich gemacht werden. Auf diese Weise ergäben sich mindestens drei Vorteile: Zunächst hätte man einen intensiven kommunikativen Austausch zwischen Förderern und Gefördertem hergestellt, was wiederum die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Projektes erhöht. Au- ßerdem hätte man durch das Einbeziehen der Öffentlichkeit in Bezug auf die Förderaktivitäten der ÖH Transparenz und eben auch Akzeptanz geschaffen. Weiterhin – vor allem dann, wenn der Nutzen des Beratungsangebotes deutlich zu erkennen ist – dient die öffentliche Auseinandersetzung als Werbemaßnahme für die fördernde Institution und deren Angebote. Im Rahmen seiner gegenwärtig erstellten Dissertation zu Möglichkeiten einer zielgerichteten und effizienten Förderung der KKW in NRW hat der Autor zum Thema Beratungsangebote der ÖH eigene Befragungen durchgeführt, und zwar mit Solo-Selbständigen und Kleinunternehmern aus der Designwirtschaft. Die Auswertung dieser Interviews hat ein doch sehr ernüchterndes Bild zu dem Nutzen branchenübergreifender Beratungsangebote ergeben. Den Designern, die eine Beratungsmöglichkeit der ÖH in Anspruch genommen haben, erschienen die hier erhaltenen Informationen als viel zu oberflächlich und viel zu allgemein. Beklagt wurde, dass in den Gesprächen entweder gar nicht oder wenig konkret auf fachspezifische Problemstellungen der Designbranche Bezug genommen werden konnte. Ein nennenswerter Mehrwert ergab sich daher für die befragten Designer nicht. Eben an den Erfahrungsberichten mit den interviewten Designern zeigt sich, wie wichtig es ist, bestehende Angebote zu evaluieren. Eine qualifiziert unternommene Wirkungsanalyse hätte schon sehr früh ersichtlich gemacht, dass entweder die Konzeption des Angebotes oder deren Kommunikation nach außen hätte verbessert werden müssen: Mehrheitlich ist die Konzeption von Beratungsangeboten für die KKW auf die viel zu allgemein gehaltene Zielgruppe der Kreativen ausgerichtet. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass ein ganz zentrales Merkmal der KKW Heterogenität ist (vgl. SÖNDERMANN 2009), welche sich z. B. in der Vielzahl unterschiedlichster Berufsgruppen und deren spezifischen Anforderungen innerhalb der Kreativbranchen widerspiegelt (vgl. MUNDELIUS 2009: 26f.). Entsprechend dieses Merkmals der KKW wären teilbranchen- bzw. am besten berufsgruppenspezifische Beratungsangebote konsequent. Soll nach wie vor das Konzept einer wenig spezialisierten, branchenübergreifenden Beratung weiterverfolgt werden, erscheint es zwingend notwendig, diese Förderkonzeption unmissverständlich nach außen hin zu kommunizieren. Es muss klar ersichtlich sein, z. B. auf der Homepage des Förderers, welcher Mehrwert geboten wird und dass z. B. nicht die Beantwortung fachspezifischer Fragestellungen sondern vielmehr eine grundsätzlich (betriebswirtschaftlich orientierte) Reflexion des Kreativunternehmers im Vordergrund steht. Ebenfalls könnten kurze telefonische Vorabgespräch durchgeführt werden, mit dem Ziel, Erwartungshaltungen und Fragestellungen potentieller Teilnehmer in Erfahrung zu bringen. Berater könnten sich dann im Detail auf Fragen der Beratungsnehmer vorbereiten oder man könnte sie an eine in Bezug auf fachspezifische Fragestellungen qualifiziertere Anlaufstelle verweisen, z. B. an lokal agierende Design-Vereine. Nur ein sehr genauer – auch nach außen hin kommunizierter – Zielgruppenbezug stellt unmittelbar sicher, dass nur solche Kreativunternehmer an der Beratung teilnehmen, denen wirklich eine Hilfestellung gegeben werden kann. In jedem Fall wäre eine innere Distanzierung oder sogar Abwendung von der fördernden Institution, wie sie häufig unter den Interviewteilnehmern beobachtet werden konnte, vermeidbar gewesen. Deshalb muss die Leitfrage für den Förderer immer lauten: Wer genau ist Zielgruppe der Förderaktivität und wie genau lässt sich deren Nutzen sicherstellen? Anhand eines zweiten Förderbeispieles aus dem Bereich Stadtteil- bzw. Quartiersentwicklung sollen Möglichkeiten für eine Wirkungsanalyse und ebenso sich hieraus ergebende Chancen für eine Optimierung des öffentlichen Fördergeschehens verdeutlicht werden: Von 2012 bis 2014 bezuschusste die ÖH in NRW mit über 100.000€ ein Förderprojekt dessen erklärtes Ziel es war, nachhaltig Synergieeffekte zu erzeugen, in dem junge, engagierte Akteure aus Kunst, KKW, Wissenschaft und Stadtentwicklung miteinander vernetzt werden sollten. Um Austausch zwischen den unterschiedlichen Zielgruppen zu gewährleisten, führten die Initiatoren Veranstaltungsformate wie z. B. Lesungen, Vorträge, Konzerte oder Ausstellungen durch. Mehrheitlich fanden Veranstaltungen an einem auf den ersten Blick gut gewählten Standtort in unmittelbarer Innenstadtlage statt, der von der lokalen künstlerisch-kulturellen Szene intensiv genutzt wurde. Für ein solches über mehrere Jahre angelegtes Förderprojekt empfiehlt es sich Indikatoren zu ermitteln, von denen aus die Erfolgswirkung einzelner Projekt-abschnitte erschlossen werden kann, in diesem Falle durchgeführte Veranstaltungen. Hierzu dienen nicht nur quantitative Indikatoren, wie z. B. verkaufte Eintrittskarten, sondern vor allem sind qualitative Daten als sehr aufschlussreich anzusehen. Auch im Falle dieses Beispiels hätte sich eine Teilnehmerbefragung angeboten. Ähnlich den oben im Kontext einer Evaluation von Beratungsangeboten formulierten Fragen wäre Zufriedenheit der Besucher und somit der Erfolg einzelner Netzwerkveranstaltung zu ermitteln gewesen. Ergänzend hierzu, vor allem auch um Außenstehenden eine solch komplexe Förderidee näherzubringen, hätten Veranstaltungen z. B. mittels einer multi-medialen Dokumentation begleitet werden können: Fotos, Videos, O-Töne von Besuchern und eingeladenen Künstlern sowie erschienene Beiträge von Journalisten und Bloggern hätten zusammengetragen werden können. Die auf diese Weise gesammelten Informationen bzw. Eindrücke haben dann nicht nur einen großen Nutzen für die projektbegleitende Evaluierung, sondern beides hätte für projektbezogene Werbemaßnahmen genutzt werden können, z. B. Richtung öffentlichkeitswirksamer Einbeziehung sozialer Medien. Eine solche Dokumentation hätte (wie auch zuvor erklärt) Transparenz geschaffen und die Investition von Fördergeldern greifbar gemacht und somit legitimiert. Tatsächlich aber wurde auch für dieses Förderprojekt keine detaillierte Wirkungsanalyse unternommen und der Nutzen investierter öffentlicher Gelder blieb und bleibt auch hier im Dunkeln. Zahlreiche, eigens im Projektzeitraum durchgeführte Gespräche mit Akteuren der KKW zur Wirksamkeit dieses Förderangebotes lassen sich auf folgendes Fazit bringen: Das ‚von oben’ allein durch die ÖH installierte Projekt wirkte am Veranstaltungsort als Fremdkörper. Es hatte kaum Berührungspunkte zur lokalen Kreativwirtschaft bzw. zur künstlerisch-kulturellen Szene, auch nicht zu Akteuren, die am Veranstaltungsort mit eigenen Kulturangeboten aktiv waren. Als besonders kritisch wurde nicht nur gesehen, dass die doch immerhin erhebliche Summe an Fördergeldern einem Projekt zugute kam, dass die Freien-Szene größtenteils unbeteiligt ließ, sondern dass über mehrere Jahre ein Projektteam gefördert wurde, das nur sehr unzureichend die von öffentlichen Geldern bezahlten Veranstaltungen beworben hat: Aufgrund fehlender bzw. schlecht organisierter Werbemaßnahmen traten sehr häufig hochkarätige Künstler und Redner teilweise aus dem Ausland – für die sich sicherlich viele Kulturinteressierte aus der Region begeistert hätten – vor fast leeren Veranstaltungsräumen auf. Eine projektbegleitende Wirkungsanalyse hätte bereits nach nur wenigen Veranstaltungen zeigen können, dass ein intensiver Austausch mit Akteuren aus dem Kreativ-Milieu der Region zwingend geboten gewesen wäre. Die Förderkonzeption der ÖH ‚von oben’ hätte aufgebrochen und durch partizipative Elemente, insbesondere durch eine gezielte Einbindung engagierter Kulturschaffender und Kreativunternehmer erweitert werden müssen. Ebenso wäre die Optimierung von Werbemaßnahmen notwendig gewesen. Sehr wahrscheinlich hätte sich dann das durchaus sehenswerte aus Steuergeldern finanzierte Angebot einer viel größeren und weitaus positiveren Resonanz erfreut. Beide Praxisbeispiele verdeutlichen, dass ohne projektspezifische Wirkungsanalysen großes Potential für Weiterentwicklung und Erfolg öffentlicher Förderangeboten für die KKW ungenutzt bleibt. Deutlich wird zudem: Auf relativ unkomplizierte und ressourcensparende Weise können Erfolge, Misserfolge und Handlungsalternativen ermittelt werden. Weiterhin trägt eine Veröffentlichung solch projektspezifischer Erkenntnisse dazu bei, Außenstehenden und somit auch Kritikern die Notwendigkeit einer Investition öffentlicher Gelder im Handlungsfeld KKW-Förderung begreifbar zu machen. Sie begünstigt zudem einen fundierten Diskurs zu Förderkonzeptionen bzw. schafft Transparenz, Legitimität und erhöht die Akzeptanz von Förderinstitutionen. Gerade hinsichtlich eines zielgerichteten effizienten Einsatzes öffentlicher Gelder und der zu beobachtenden Kritik an öffentlichen Förderaktivitäten erscheint es zwingend geboten, mit einer konsequenten Evaluierung von Fördermaßnahmen zu beginnen. Literaturverzeichnis BOURDIEU, Pierre (1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M., Suhrkamp. DEUTSCHER BUNDESTAG (2007): Schlussbericht der Enquete-Kommission ‚Kultur in Deutschland’. Drucksache 16/7000. Berlin, Deutscher Bundestag. 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Zusammenfassung

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wirkt. In den Arbeitsmarkt, als Standortfaktor, als wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft. Auch in Rheinland-Pfalz.

Doch wer sind die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz? Welchen konkreten Herausforderungen müssen sich die Kreativen im Zeitalter der Digitalisierung stellen? Was sind die gegenwärtigen kultur- und wirtschaftspolitischen Diskurse? Wie gestaltet sich das Verhältnis der Akteure zum Standort – und umgekehrt?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich der vorliegende Sammelband. Dabei sollen weniger Handlungsempfehlungen gegeben als viel mehr Ideen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse aufgegriffen und diskutiert werden. Es geht aber auch darum, mehr Lust zu machen auf noch mehr Kreativität – und hierdurch einer positiven Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz weitere Impulse zu geben.

KULTUR/WIRTSCHAFT/RLP – Ein wissenschaftlicher wie praxisrelevanter Beitrag zum kulturwirtschaftspolitischen Diskurs, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Mit zahlreichen Fachartikeln von Wissenschaftlern, Kulturmanagern und anderen Akteuren der Kultur-(Wirtschafts-)Politik. Ein Buch für alle Interessierte, Studierende, Lehrende und Berufstätige im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Kulturpolitik.