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ALEXANDER ENDREß, Kulturwirtschaftspolitik. Ein modernes Gestaltungsinstrument im Spannungsfeld von Kulturpolitik und Wirtschaftspolitik in:

David Maier (Ed.)

KULTUR WIRTSCHAFT RLP, page 29 - 40

TEXTE ÜBER DIE KULTURWIRTSCHAFT IN RHEINLAND-PFALZ

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3905-2, ISBN online: 978-3-8288-6744-4, https://doi.org/10.5771/9783828867444-29

Tectum, Baden-Baden
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I Von Kulturwirtschaft und Politik Kulturwirtschaftspolitik Ein modernes Gestaltungsinstrument im Spannungsfeld von Kulturpolitik und Wirtschaftspolitik ALEXANDER ENDREß Kulturwirtschaft und Politik – Versuch der Verortung eines politischen Handlungsfelds Die Kulturpolitik steht in der Regel nicht im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Dies ist weder in den Medien so, noch ist sie ein besonders brisantes oder gar strittiges Thema zwischen den politischen Parteien. Im Gegenteil: Eigentlich gehört sie zu demjenigen Teil des politischen Tagesgeschehens, der als konsensual bezeichnet werden darf. Daher sind die Strukturen, die mit der Zeit gewachsen sind und sich bewährt haben auch schwerlich aufzubrechen. Der Kulturpolitik – als übergreifendes Thema – wurde aber größere Aufmerksamkeit zuteil, seitdem der Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) eine volkswirtschaftlich größere Bedeutung zugesprochen wird.1 In diesem Zusammenhang muss man damit beginnen, das kulturpolitische System bzw. das kulturpolitische Wirken zu überdenken und ggf. ein neues Aktionsfeld zu definieren, das sich mit der KKW auseinandersetzen sollte. Warum stellt sich diese Frage und welche besonderen Schwierigkeiten ergeben sich hieraus? Das ‚kulturelle Feld’ bzw. dessen Finanzierung wird von Akteuren gesteuert, die sich in drei unterschiedliche Gruppen kategorisieren lassen (vgl. BEYME 2012: 170f./vgl. EBERT et al. 2007: 37): 1. Die öffentliche Hand (EU, Bund, Länder, Kommunen) 2. Akteure aus der Zivilgesellschaft (nicht-staatliche Akteure wie z.B. Verbände) 3. Privatwirtschaftliche Unternehmen (Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft) Die Akteure dieser drei Kategorien sind allerdings auf vielfältige Weise interdependent miteinander verbunden und können daher auch nicht idealtypisch voneinander getrennt werden. Die Wechselwirkung bzw. die Verzahnung sind aber weder in der bisherigen kulturpolitischen Handlungsstruktur vorgesehen, noch ist die Kulturpolitik imstande das Feld der KKW politisch souverän zu gestalten. Daher 1 Erkennbar ist dies insbesondere im Bereich der Stadt- und Regionalentwicklung. Der KKW wird hierbei eine Anziehungskraft für andere Industriezweige unterstellt. Grundlage hierfür bilden z.B. die empirischen Studien des amerikanischen Soziologen Richard Floridas werden zunehmend auch die Wirtschaftspolitik und ihr Instrumentarium für diesen Sektor weiterentwickelt. Kulturförderung kann so zur Wirtschaftsförderung werden, und umgekehrt kann die Wirtschaftspolitik auch die Kultur fördern. Diese Weisheit ist nicht neu. Die Ausgangslage für politisches Handeln und die zu treffenden Entscheidungen werden allerdings komplexer und bedürfen der stetigen Reflexion. Die augenblicklichen Statistiken zur Lage der Beschäftigung, zur Entwicklung der Umsätze der Teilbranchen und zur Relation zu anderen Industriesegmenten in Deutschland2 lassen vermuten, dass die Auseinandersetzung mit ihr in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft noch stärker zunehmen wird. Die ohnehin im Vergleich zu anderen Industriesegmenten komplexere Struktur dieser Schlüsselindustrie3 wird wachsen. Es ist daher dringend erforderlich, dass insbesondere die politische Zuordnung der Themen- und Problemkomplexe bzw. die Arbeitsteilung diskutiert und transparent gestaltet wird. Zunächst muss daher die Fragestellung erörtert werden, ob es so etwas wie eine Kulturwirtschaftspolitik geben kann oder bereits gibt, oder ob nicht vielmehr eine kulturpolitische bzw. wirtschaftspolitische Auseinandersetzung, also eine themenspezifische Trennung sinnvoll wäre. In diesem Beitrag sollen einige wichtige Erkenntnisse zum Spannungsfeld zwischen Kultur und Wirtschaft im Lichte der praktischen Politik erläutert und diskutiert werden. Kulturpolitik + Wirtschaftspolitik = Kulturwirtschaftspolitik? Setzt man sich intensiver mit Kulturpolitik auseinander, so neigt man dazu, das Thema ‚Kultur- und Kreativwirtschaft’4 als ein neues kulturpolitisches Themenfeld, vielleicht sogar als ein neues kulturpolitisches Paradigma zu bezeichnen. 2 v.a. BUNDESMINITERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND ENERGIE (Hrsg.) (2016): Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2014 3 Siehe hierzu die Charakterisierung der Kultur- und Kreativwirtschaft auf der Webseite der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft: http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KuK/Navigation/kultur-kreativwirtschaft.html (Abruf: 14.10.2016.) 4 Zur Definition dieser Terminologie gibt es unterschiedliche Ansätze. Die wohl geläufigste zielt auf die Benennung von insgesamt elf Teilbranchen, die unter dem Begriff subsumiert werden. Ausführlicheres hierzu findet sich z.B. auf der Webseite der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft: http://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/KuK/Navigation/kultur-kreativwirtschaft.html (Abruf: 14.10.2016.) Dies rührt daher, dass die kulturpolitischen Schwerpunktthemen epochen-abhängig und entlang der Rahmenentwicklungen unserer Gesellschaft entstanden sind.5 Nach dem 2. Weltkrieg manifestierte sich im Zuge des Wiederaufbaus kultureller Vermächtnisse das Programm der Kulturrestauration und das kulturpolitische Instrument der Geschichtspolitik entstand, in deren Zentrum die Erinnerungs- und Gedächtniskultur steht. Ende der 1960er Jahre wurde das Konzept der Kulturarbeit, die so genannte ‚Neue Kulturpolitik’ entwickelt, die bis heute ein bedeutsames Leitmotiv der regionalen und urbanen Kulturgestaltung sind. Beyme spricht den 1980er Jahren (bereits schon) die Wurzeln der Ökonomisierung der Kulturpolitik zu, die er im Zusammenhang mit der „Rückkehr der Dominanz der traditionalen Kulturinstitutionen in den Gemeinden“ und im „Einsatz von Kultur als Imagefaktor“ (BEYME 2012: 164) sah. Der Kern der Kulturpolitik ist und bleibt aber grundsätzlich der Handlungsauftrag, der sich aus Artikel 5 des Grundgesetzes ableiten lässt und in der Schaffung von Zugängen zu wissens- und meinungsbildenden Informationsquellen einerseits und in der Gewährleistung eines kulturellen Produktionssystems andererseits besteht. Oder in anderen Worten: Die so genannte kulturelle Grundversorgung. Diese Konstruktion stellt sie aber gleichermaßen vor ein nicht zu unterschätzendes praktisches Problem. Artikel 5 ist als ein Abwehrrecht gegen staatliche Eingriffe zu verstehen, in dessen Kern das Verbot des ‚Kunstrichtertums’ steht und damit die Einmischung in ästhetische Fragen unmöglich werden lässt. Vielmehr liegt die Verantwortung, den Umgang mit Kultur zu definieren und zu gestalten in der Bürgerschaft. Die professionell arbeitenden Kreativen, also diejenige, die sich erwerbs-wirtschaftlich betätigen, fallen aber ebenfalls unter diese Kategorie und dürfen sich aus Sicht der Kulturpolitik nicht den Mechanismen der Ökonomie ausgesetzt fühlen. Infolgedessen setzt ein Trend ein, der ein vermeintlich neues kulturpolitisches Instrument – die Kulturwirtschaftspolitik – beschreibt, das nun neben der Geschichtspolitik, der Medienpolitik, der Bildungspolitik, der Förderpolitik und der Ordnungspolitik seine kulturpolitische Legitimation beansprucht. An spätestens dieser Stelle muss allerdings die Frage aufkommen, ob es sich tatsächlich um ein rein kulturpolitisches Aufgabengebiet handelt, oder ob der Kern nicht eher ein wirtschaftspolitischer ist. Worum geht es daher hinsichtlich der 5 vgl. historische Herleitungen in: BEYME 2012: 164ff./ENDREß 2005: 112 ff. Ziele eines solchen Themenfeldes genau? Haselbach beschreibt diese Ziele folgendermaßen (vgl. HASELBACH 2009: 16): - Stärkung des Wachstums des Sektors. - Implementierung von Wirtschaftsförderprogramme für die Kulturwirtschaft. - Vernetzungsarbeiten innerhalb der Branche und mit anderen Branchen. - Bessere Absicherung wirtschaftsschwacher Selbständiger. - Sicherung der Rechtsbasis angesichts der stetigen und andauernden Transformation durch die Digitalisierung. In dieser Abgrenzung geht es daher um Wachstums- und Wettbewerbspolitik, Stabilisierungspolitik, Sozialpolitik, Ordnungspolitik – also wirtschaftspolitische Aspekte. In der volkswirtschaftlichen Literatur werden diese verschiedenen Instrumente unter die Funktionsprämissen der Allokationseffizienz sowie der Humanisierung gestellt (vgl. BEEKER 2011: 13 ff.)6. Folgende Ziele und Grundsätze der allgemeinen Wirtschaftspolitik können auf den Sektor der Kulturwirtschaft übertragen werden, um - die Voraussetzungen für die Funktionsfähigkeit des Marktmechanismus zu schaffen (Wettbewerbspolitik), - eine stetige Wirtschaftsentwicklung zu gewährleisten (Stabilisierungspolitik), - Marktversagen auszugleichen, (im Zusammenhang mit der Kulturwirtschaft z.B. korrespondierend mit Urheberrechtsfragen) - gesellschaftlich unerwünschte Marktergebnisse zu korrigieren (Nachfrageausfall bei meritorischen Gütern). 6 Beeker beschreibt hier ein wirtschaftspolitisches Vorgehen, das die Wohlfahrt aller Mitglieder einer Gesellschaft durch die optimale Allokation der Ressourcen zum Ziel hat und dann erforderlich wird, wenn Funktionsmängel des Marktes vorliegen. In Übertragung auf die Kulturwirtschaftspolitik wäre daher die Leistungsfähigkeit des Marktes hinsichtlich der Zielerreichung der Kulturpolitik sowie der Wirtschaftspolitik zu definieren und zu überprüfen. Die ‚Humanisierung’ zielt hingegen im Sinne dieser Themenstellung darauf ab, die Lebensverhältnisse hinsichtlich der Einkommensverteilung gerecht zu gestalten. Da ein Preisbildungsmechanismus auf den Kulturmärkten deutlich komplexer ist als in anderen Branchen und die Beschäftigungsformen der Produzenten von Kulturgütern sehr divers erscheinen, ist hierbei eine entsprechende Form der Sozialpolitik für dieses Beschäftigungsfeld anzustreben. Überträgt man diese Funktionen auf die Kulturpolitik, so lässt sich die Gewährleistungspflicht für den Zugang zu Kunst und Kultur folgendermaßen praktisch übersetzen: - Wettbewerbspolitik: Hier greift ein gegenläufiges Prinzip. So soll in diesem Zusammenhang insbesondere der Wettbewerb ‚ausgehebelt’ werden, um die Versorgung mit Kultur und Kunst zu gewährleisten. Ein Beispiel hierzu wäre in der Buchpreisbindung zu sehen. - Stabilisierungspolitik: Förderung der Entwicklung und Existenz von Kultur; z.B. die Elemente der monetären Kulturförderung; hier z.B. Steuerpolitik. - Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik: z.B. Schaffung des Künstlersozialversicherungssystems. Wie eingangs bereits erwähnt, wurden in den letzten Jahren Aspekte von Kultur als Wirtschaftsfaktor auch in der Debatte um neue Konzepte der Kulturpolitik diskutiert. Vorrangig ist hierbei das Argument, dass eine Investition in Kultur anhand ökonomisch, rationaler Gesichtspunkte vollzogen werden sollte. Die Kulturwirtschaft und der kulturelle Beschäftigungsmarkt wurde bis Mitte des letzten Jahrzehnts als eine nicht-marktbestimmende Branche angesehen. Ein verstärktes wirtschaftspolitisches Augenmerk war daher eher selten wahrzunehmen. Dies hat sich geändert. Die derzeitigen Entwicklungen werden im Forschungsbericht Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2014 folgendermaßen zusammengefasst (BUNDESMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND ENERGIE 2016: 13ff.): - Umsatzanstieg um 2,2 Prozent. - Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung seit 2010 kontinuierlich gestiegen, geringfügige Beschäftigung rückläufig. - Im Durchschnitt 138.000 Euro Umsatz und 64.000 Euro Bruttowertschöpfung pro Erwerbstätigem. - Stetiges Wachstum der Bruttowertschöpfung. - Zahl der insgesamt Erwerbstätigen erstmals über 1,6 Millionen. In der Gesamtbetrachtung offenbart sich hier in Bezug auf die Zielsetzungen der Wirtschaftspolitik und der der Kulturpolitik eine Paradoxie: Auf der einen Seite stellt die KKW ein ökonomisches System dar, das sehr potent ist und volkswirtschaftlich einen wichtigen Beitrag leistet, auf der anderen Seite hat das kulturelle System aber gesellschaftliche Funktionen, die unter keinen Umständen von Marktmechanismen abhängig sein dürfen. Eine Lösung könnte eine stärkere Orientierung an der Kulturmanagementlehre sein. Kulturmanagement soll über betriebswirtschaftliche Prozesse wie Planung, Führung, Controlling, Marketing etc. Kunst und Kultur in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft in großer Vielfalt ermöglichen. Dies greift in der Praxis aber zu kurz, da eine volkswirtschaftliche Behandlung hierbei außen vor bleibt. Die Betonung ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung erhält die KKW nicht zuletzt auch durch die unterschiedlichsten Studien, vorrangig durch die Ausführungen von Richard Florida in seinem Werk The Rise of the Creative Class, aus denen abgeleitet wird, dass ein starkes Kulturleben und ein hohes Vorkommen kreativer Personen wesentliche Attraktivitätsfaktoren für Regionen und Städte sind, die in zweiter Instanz als stimulierend für das wirtschaftliche Wachstum wirken können, also zukunftsrelevant für die Entwicklung von Städten und Regionen sind (vgl. FLORIDA 2012).7 Zusammenfassend lässt sich daher feststellen, dass in einer kapitalistischen und marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft einerseits der Kulturmarkt für die Vielfalt unseres Angebots eine immense Rolle spielt, andererseits eine Wechselwirkung unterstellt wird, die sich positiv auf das Wachstum der ganzen Region auswirkt. Daher ist ein wirtschaftspolitischer Fokus durchaus angebracht und zeigt sich auch schon in vielen verschiedenen Programmen.8 Was bedeutet dies nun aber für die operativen Managementprozesse? 7 Wenngleich die empirischen Befunde insbesondere hinsichtlich ihrer Verallgemeinerungsfähigkeit auf der Grundlage der angelegten Methodik m.E. stark angezweifelt werden müssen, so lässt sich dennoch nicht bestreiten, dass die Investitionen in diesem Bereich zu einer Aufwertung vieler Gebiete und Stadtteile führt. Die Effekte sind daher vorhanden. Die Effizienz einer solchen Entwicklungsstrategie ist aber noch fraglich. 8 Als Beispiele wären hier politische Initiativen wie die Initiative Musik oder auch die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft zu nennen, deren Förderkategorien insbesondere auf die Professionalisierung von Künstlern und Kreativen abzielen (vgl. http://initiative-musik.de/ sowie https://www.kultur-kreativ-wirtschaft.de/). Es handelt sich bei der Kultur- und bei der Wirtschaftspolitik jeweils um eigene Systeme mit spezifischen Anforderungen. Daher muss von grundsätzlichen Verständigungsproblemen ausgegangen werden. Es ergeben sich folgende praktische Herausforderungen an diese kulturwirtschaftlich orientierte Politik (vgl. EBERT et al. 2007: 37ff.): - Die Mitarbeiter müssen ressortübergreifend denken. - Der Widerspruch zwischen wirtschaftlichen Effekten und kulturellem Programm muss aufgelöst werden. - Die Zielkonflikte durch die Ökonomisierung der Kultur müssen erkannt und gelöst werden. - Kooperationen aufgrund steigender Komplexitätsgrade und dem damit zunehmenden politischen und administrativen Kommunikations- und Abstimmungsaufwand müssen entwickelt werden. - Die Befürchtungen von Machtverlust der verschiedenen Ressorts müssen abgebaut werden. Zielkonflikte sind häufig versteckte und hochrelevante Probleme und können das Wachstum und die Vielfalt hemmen. Sie zu erkennen, stellt die wohl größte Herausforderung dar. Daher soll dies im Nachfolgenden kurz plastisch veranschaulicht werden. Zielkonflikte der beiden Politikfelder Wirtschaftspolitik und Kulturpolitik Man kann das Problem der Zielkonflikte etwas stärker pauschalisieren, indem man die beiden Oberziele hinsichtlich ihrer Voraussetzungen überprüft. So ist die Steigerung des Wohlstandes, basierend auf ökonomischen Prinzipien, von der Knappheit der Güter und Dienstleistungen sowie durch das Ausschließbarkeitsprinzip geprägt. Die Kulturpolitik hingegen will gerade diese Ausschließbarkeit verhindern und muss über ihre Institutionen entscheiden, ab wann oder welches künstlerische Produkt aufgrund der ökonomischen Mechanismen am Markt chancenlos ist. Die Bereitstellung von Kultur wird vorrangig an zwei Schnittstellen geleistet: Durch die öffentliche bzw. öffentlich-geförderten Kultureinrichtungen, die den Zugang auf der Grundlage von Kultur als öffentliches Gut ermöglichen, um in einer ökonomischen Terminologie zu bleiben. Die andere Schnittstelle besteht in der KKW, die wiederum ebenfalls dem künstlerischen Handeln entsprungen ist. Der Unterschied in der Betrachtungsweise ist hierbei darin zu sehen, dass bei der ökonomisch motivierten Kulturproduktion der Fokus auf der Wertschöpfung liegt. Hingegen bei der Kulturförderung der Grundversorgungsauftrag im Vordergrund steht (vgl. HASELBACH 2009: 6). Exemplarisch sollen zwei Beispiele kurz skizziert werden, um zu verdeutlichen, wie die Erreichung des einen Ziels das des anderen verhindert. In einer 2016 veröffentlichten Studie zur Entstehung des Weltmusikmarktes führt die Autorin Glaucia Peres da Silva einige wesentliche Aspekte verschiedener Autoren zusammen, die verdeutlichen, welches Ungleichgewicht durch die Ökonomisierung von Musikkulturen entstehen können. Sie beschreibt hierbei unter anderem die Rolle des Eurozentrismus und die latent vorhandenen kolonialistischen Verhaltensmuster. So basiert die Weltmusikproduktion auf dem kulturellen Erbe verschiedener Kulturkreise und Völker. Es werden sozusagen ‚preiswerte Rohstoffe’ – in diesem Fall das Liedgut – geliefert und nach westlichen Maßstäben, auf Grundlage des Urheberrechts, ausgewertet. Produktions-prozesse und Vertrieb sind dabei vom eigentlichen Kulturgut losgelöst (vgl. PERES DA SILVA 2016: 16f.). Die Ökonomie verzerrt hierbei also die eigentlichen historisch originären Grundlagen. Dies kann nicht im Sinne der Kulturpolitik sein. Diese Erkenntnisse sind nicht neu und schildern lediglich die Befürchtungen von Horkheimer und Adorno, die sie bereits in ihrer Skepsis gegenüber der Kulturindustrie in ihrer Dialektik der Aufklärung geschildert haben (vgl. HORKHEIMER et al. 1988: 128ff.). Horkheimer und Adorno leisteten bereits damals einen wesentlichen Beitrag zur Sensibilisierung für diese Zielkonflikte und lösten eine lange Trennung der beiden Bereiche Wirtschaft und Kultur aus. Aber es gibt auch den umgekehrten Effekt, nämlich, dass durch eine unreflektierte Förderung kultureller Aktivitäten ökonomische Störungen ausgelöst werden, die eine Progression verhindern können. So beklagen Musikmanager zuweilen die Subventionierung professioneller Projekte im Rahmen der KKW seitens der öffentlichen Hand. Geförderte Kulturveranstaltungen können beispielsweise zu einer Art Disruption in der KKW führen, indem die Nachfrage nach bestimmten Künstlern bereits gedeckt ist oder das Budget der Konzertbesucher ausgeschöpft ist (vgl. SELIGER 2016). Die öffentliche Hand tritt hier in Konkurrenz zur KKW, was weder intendiert ist, noch zu gewünschten Effekten führt. Durch die falsche oder falschverstandene Förderpolitik entstehen unnötig marktverzerrende Effekte. Zusammenfassung: Eine neue Betrachtungsweise ist erforderlich Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass die längst schon etablierte betriebswirtschaftliche Handlungslogik durch eine volkswirtschaftlich motivierte ökonomische ergänzt werden sollte, da die Kulturproduktion oder das Kulturangebot nicht alleine durch die öffentliche Hand machbar und realistisch ist. In diesem Sinne erfüllt die KKW also ebenfalls zum Teil die Aufgabe der Grundversorgung. Als Schlüssel- und Wachstumsindustrie lassen sich Zukunftspotenziale erkennen, die nur dann optimal erreicht werden können, wenn die wirtschaftspolitischen sowie kulturpolitischen Ziele möglichst wenig kollidieren bzw. im Idealfall sogar harmonisiert werden können. Die KKW mit ihren elf Teilbranchen ist aber hinsichtlich ihrer Grundstrukturen9 zu komplex, als dass ein allgemeingültiges politisches Vorgehen definiert werden könnte. Vielmehr muss die gesamte Wertschöpfungskette der jeweiligen Teilbranche betrachtet werden und das schwächste Glied in dieser identifiziert und gefördert werden. War die Kulturförderung bislang weitestgehend darauf aus, die Künstler oder die Kulturorte zu fördern, muss sie lernen die Prozesse in einem größeren, auch ökonomischen Kontext zu erkennen und zu deuten. Und zwar auf allen relevanten Handlungsebenen, sowohl kommunal und regional wie auch national und international. 9 Gemeint sind hierbei v.a. die Betriebs- und Personalstrukturen, Zielgruppenstrukturen, Angebots- und Nachfragestrukturen, Produktions- und Vertriebsstrukturen, etc. Literaturverzeichnis ALTMANN, Jörn (2007): Wirtschaftspolitik. Eine praxisorientierte Einführung. 8. Völlig überarbeitete Auflage. Stuttgart, Lucius & Lucius. BEEKER, Detlef (2011): Wirtschaftspolitik. Kompakt und praxisorientiert. Stuttgart, Kohlhammer. BEYME, Klaus von (2012): Kulturpolitik in Deutschland: Von der Staatsförderung zur Kreativwirtschaft. Wiesbaden, Springer. BUNDESMINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT UND ENERGIE, BMWi (Hrsg.) (2016): Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2014. Text und Redaktion: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW)/Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Berlin. EBERT, Ralf/GNAD, Friedrich (2007): Integrierte Kultur-Wirtschafts-Politik: vom Kopf auf die Füße gestellt. – In: Kulturpolitische Mitteilungen • Nr. 119, IV/2007, S. 37 – 40. ENDREß, Alexander (2005): Die Kulturpolitik des Bundes: Strukturelle und inhaltliche Neuorientierung zur Jahrtausendwende?. Berlin, Duncker & Humblot. FLORIDA, Richard (2012): The Rise of the Creative Class Revisited. 10th Anniversary Edition. New York, Basic Books. HASELBACH, Dieter (2009): Kulturwirtschaft. Wo mit Kultur Geld verdient wird. – In: Look, Friedrich/Scheytt, Oliver (Hrsg.) (2009): Handbuch Kulturmanagement & Kulturpolitik. S. 1-28. Sektion B 2.7. Stuttgart, Raabe. HORKHEIMER, Max/ADORNO Theodor W. (1988): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. Originalausgabe in Deutsch von 1969. Frankfurt am Main, Fischer. KLEIN, Armin (2009): Kulturpolitik: Eine Einführung. Wiesbaden, VS Verlag. LACHMANN, Werner (2005): Volkswirtschaftslehre 1. 5. Auflage. Berlin, Springer. PERES DA SILVA, Glaucia (2016): Wie klingt die globale Ordnung. Die Entstehung eines Marktes für World Music. Wiesbaden, Springer VS. SELIGER, Berthold (2016): Schriftliches Interview. – In: Meixensperger, Andreas (Hrsg.) (2016): Das Pop-Kultur-Festival ist eine Alibi-Veranstaltung – Berthold Seliger im Interview. – https://www.musikexpress.de/zahnlos-uninspiriert-provinziell-berthold-seliger-ueber-popkultur-in-berlin-655369/ (Abruf: 02.09.2016)

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Zusammenfassung

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wirkt. In den Arbeitsmarkt, als Standortfaktor, als wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft. Auch in Rheinland-Pfalz.

Doch wer sind die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz? Welchen konkreten Herausforderungen müssen sich die Kreativen im Zeitalter der Digitalisierung stellen? Was sind die gegenwärtigen kultur- und wirtschaftspolitischen Diskurse? Wie gestaltet sich das Verhältnis der Akteure zum Standort – und umgekehrt?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich der vorliegende Sammelband. Dabei sollen weniger Handlungsempfehlungen gegeben als viel mehr Ideen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse aufgegriffen und diskutiert werden. Es geht aber auch darum, mehr Lust zu machen auf noch mehr Kreativität – und hierdurch einer positiven Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz weitere Impulse zu geben.

KULTUR/WIRTSCHAFT/RLP – Ein wissenschaftlicher wie praxisrelevanter Beitrag zum kulturwirtschaftspolitischen Diskurs, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Mit zahlreichen Fachartikeln von Wissenschaftlern, Kulturmanagern und anderen Akteuren der Kultur-(Wirtschafts-)Politik. Ein Buch für alle Interessierte, Studierende, Lehrende und Berufstätige im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Kulturpolitik.