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SUSANNE DENGEL, Netzwerke der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz – Ein Überblick in:

David Maier (Ed.)

KULTUR WIRTSCHAFT RLP, page 131 - 136

TEXTE ÜBER DIE KULTURWIRTSCHAFT IN RHEINLAND-PFALZ

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3905-2, ISBN online: 978-3-8288-6744-4, https://doi.org/10.5771/9783828867444-131

Tectum, Baden-Baden
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Netzwerke der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz – Ein Überblick SUSANNE DENGEL 1. Einleitung In den letzten Jahren hat die Kultur- und Kreativwirtschaft eine größere öffentliche Wahrnehmung erreicht. Der Bund, die Länder wie auch die meisten Kommunen haben sie längst als Thema für sich entdeckt und betonen sowohl ihre wirtschaftliche wie auch kulturelle Bedeutung (vgl. STADTKULTUR NETZ-WERK BAYERISCHE STÄDTE E.V. 2015). Die Vielfalt der Kultur- und Kreativwirtschaft lässt sich anhand ihrer elf Teilmärkte erkennen: Ihr gehören an der Musikund Buchmarkt, der Kunst-, Film-, Presse und Rundfunkmarkt, der Markt für Darstellende Künste, außerdem der Architektur-, Design- und Werbemarkt wie auch die Software- und Gameindustrie. Die Wirtschaftsministerkonferenz definiert exakt: „Unter Kultur- und Kreativwirtschaft werden diejenigen Kultur- und Kreativunternehmen erfasst, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen/kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen“ (BMWI 2015: 11). Der Monitoring Bericht der Bundesregierung liefert Zahlen über die Entwicklung der Branche. Danach erbrachte die Kultur- und Kreativwirtschaft im Jahr 2014 rund 2,3 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland (vgl. ebd.: 13). In Rheinland-Pfalz arbeiten aktuell ca. 27.000 Menschen im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft und erwirtschaften einen Umsatz von 4,25 Milliarden Euro.2 Ausgehend von diesen Vorbemerkungen geht es in diesem Beitrag um die Kreativnetzwerke in Rheinland-Pfalz. Unter Kreativnetzwerken werden Netzwerke für Mitglieder aus der Kultur- und Kreativwirtschaft verstanden, wobei Netzwerke als „dezentralisierte, lose Zusammenhänge von autonomen Mitgliedern, Menschen, Organisationen oder Unternehmen mit horizontalen Strukturen und Hierarchien“ (SCHÜTZ 2003: 6/MANDEL 2007: 45) definiert werden. Der Artikel orientiert sich an drei Fragestellungen: Wie ist die Bedeutung von Kreativnetzwerken einzuschätzen? Welche Kreativnetzwerke gibt es in Rheinland-Pfalz und 1 https://mwvlw.rlp.de/de/themen/wirtschaftszweige/kultur-und-kreativwirtschaft.; weiterführend: DRDA-KÜHN et al. 2010 wie sehen ihre Aktivitäten aus? Einschränkend sei vorab erwähnt, dass im Rahmen des Beitrags nur eine Auswahl der Netzwerke Erwähnung finden kann. Dabei wurden Netzwerke ausgewählt, die alle Teilbranchen einschließen. 2. Zur Bedeutung von Kreativnetzwerken Aktuelle Studien gehen von einer wichtigen Bedeutung von Netzwerken für Unternehmer in der Kultur- und Kreativwirtschaft aus (vgl. EBERT et al. 2016: 106f./vgl. RUH et al. 2009: 28). Welche Gründe sprechen aber konkret für die Teilnahme an einem Kreativnetzwerk? Warum sollte ein Designer, ein Musiker oder ein Fotograf regelmäßig zu Treffen eines Kreativnetzwerks gehen oder sich dort engagieren? Im Folgenden werden vier Antworten auf diese Frage gegeben. Erstens: Einem Kreativunternehmer kann die Beteiligung in einem Netzwerk Orientierung bieten. Dies gilt insbesondere für Gründer und Start-ups. Nach Befragungen der KFW Bankengruppe haben Gründer beispielsweise Schwierigkeiten mit der Kundenakquise, mit bürokratischen Fragen oder in Bezug auf kaufmännischen Angelegenheiten. Viele Kreative begreifen sich zudem eher als Künstler und nicht als Unternehmer (vgl. BMWI 2016: 12). D.h. bei aller Verschiedenheit der Teilbranchen innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft, stehen viele Künstler und Kreative vor den gleichen Fragen: Was ist ein angemessener Preis für meine Arbeit? Wie vermarkte ich mich selbst? Wie gestalte ich ein Angebot? Der Austausch innerhalb eines Netzwerks kann hier wichtige Antworten bringen (vgl. BMWI 2016). Darüber hinaus bieten viele Netzwerke sogar die Möglichkeit, die eigene Geschäftsidee oder das eigene Projekt vorzustellen und ein hilfreiches Feedback zu erhalten. Zweitens: Durch den Austausch im Netzwerk können neue Kooperationen entstehen. Diese Kooperationen spielen im Bereich der Kultur- und Kreativ-wirtschaft eine wichtige Rolle. Denn für die Branche ist eine hohe Anzahl von Kleinstunternehmen typisch. Nach der EU-Definition sind Kleinstunternehmen dadurch gekennzeichnet, dass sie weniger als zehn Mitarbeiter und einen Umsatz bzw. eine Bilanzsumme von bis zu 2 Millionen haben. Im Jahr 2013 zählten 96,6 Prozent der Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft zu diesem Typus (vgl. BMWI 2015: 19). Viele Kleinstunternehmen arbeiten projektbezogen und kooperieren oftmals mit anderen Kreativunternehmern (vgl. MANDEL 2007: Beispiele). Drittens: Der Austausch mit anderen Unternehmern in einem Kreativnetzwerk kann zu Innovationen im eigenen Unternehmen führen. Nach einer aktuellen Befragung des ZEW zeichnet sich die Kultur- und Kreativwirtschaft durch eine hohe Innovationsfreudigkeit aus. So haben 85 Prozent der Unternehmen in den drei letzten Jahren eine Innovation umgesetzt. Die Befragung geht dabei von einem breiten Innovationsbegriff aus (vgl. HAUSMANN/HEINZE 2017: 133ff.). Als Informationsquelle für Innovationen spielen andere Unternehmer und Wettbewerbe eine wichtige Rolle, wenn auch die eigenen Mitarbeiter, Kunden und Auftraggeber als wichtiger eingeschätzt werden (vgl. BMWI 2015: 48ff.). Schließlich kann durch Kreativnetzwerke auch ein direkter Kontakt zu einem potentiellen Kunden entstehen. Dies ist umso wahrscheinlicher, wenn es den Netzwerken gelingt, Kontakte zu Verwaltung, Institutionen und zu anderen Wirtschaftsbereichen wie der Gesundheits- oder Tourismusbranche herzustellen. Gerade diese Vernetzung stellt eine besondere Chance aber auch Herausforderung dar – denn so ist es notwendig, auch ‚Externe’ für eine Vernetzung zu mobilisieren. 3. Kreativnetzwerke in Rheinland-Pfalz Betrachtet man die Kreativnetzwerke etwas genauer, die in den letzten Jahren überall im Land entstanden sind, so fallen verschiedene Typen auf: Hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte lässt sich zwischen solchen unterscheiden, die durch Initiative öffentlicher Einrichtungen entstanden sind oder von Kreativen aus der Szene heraus gegründet worden sind. Darüber hinaus entstanden Netzwerke, die durch Länder, Kommunen, IHKs oder andere Institutionen im Verlauf ihrer Entwicklung in irgendeiner Form unterstützt worden sind. In Bezug auf ihre Aktivitäten lässt sich differenzieren zwischen Netzwerken, die Veranstaltungen organisieren, die Projekte verwirklichen oder die in erster Linie auf eine Sichtbarmachung des Netzwerkes und der Branche in der Öffentlichkeit setzen. In Rheinland-Pfalz gibt es eine ganze Reihe von Kreativnetzwerken, von denen im Folgenden eine Auswahl vorgestellt wird. In Trier existiert seit 2011 das Kreativnetzwerk Die Kreativen Trier. Markus Freudenreich und Verena Landgraf laden einmal monatlich zu einem Treffen ein, bei dem ein Kreativunternehmer seine Arbeit präsentiert. Im Anschluss wird über den Kurzvortrag diskutiert und es findet ein informeller Austausch statt. Auf Bundesebene engagieren sich Die Kreativen Trier im Rahmen des Projekts Kreative Deutschland3, die den lokalen und 2 www.kreative-deutschland.de regionalen Kreativnetzwerken eine Darstellungs- und Austauschforum bietet. In Koblenz gibt es das Kreativnetzwerk Kreativer Raum Koblenz. Ansprechpartner Joachim Ollig organisiert Netzwerktreffen und informiert über den Social Media- Kanal über Neuigkeiten aus der Branche. In der Vorderpfalz gründete sich 2013 der Verein Kreative Pfalz, der die Unterstützung von der Stadt Ludwigshafen erfährt. Regelmäßige Veranstaltungen dienen zum Austausch der Kreativunternehmer. Der Verein setzt sich auch zum Ziel, die Sichtbarkeit der Branche zu erhöhen. Über die Homepage4 können potentielle Auftraggeber gezielt Kreativunternehmer recherchieren. In Pirmasens initiierte die Wirtschaftsförderung 2011 das Kreativnetzwerk PS: Kreativ5. Seither wurden mehrere Projekte insbesondere zum Thema Leerstand umgesetzt. Regelmäßige Treffen ermöglichen Austausch und Vernetzung. Nach dem Vorbild von PS: Kreativ entwickelte sich inzwischen das Netzwerk Westpfalz: Kreativ6, das auch auf Vernetzung der Kreativwirtschaft mit der sogenannten klassischen Wirtschaft setzt. Im Jahr 2015 gründete sich in der Westpfalz mit KL: Kreativ ein zweites lokales Netzwerk. Auf Initiative der Zukunftsregion Westpfalz und dem städtischen Kulturamt treffen sich in Kaiserlautern regelmäßig Künstler und Kreativunternehmer. 4. Zusammenfassung und Ausblick In Rheinland-Pfalz gibt es eine Vielzahl von Kreativnetzwerken. Bei all ihrer Unterschiedlichkeit im Detail bieten sie Gründern, Start-ups aber auch Unternehmern, die schon lange am Markt sind, viele Vorteile. D.h. sie wirken sich positiv auf das Gründungsklima aus, in dem sie Austausch ermöglichen und konkrete Hilfestellung leisten. Sie sind der Ort, an dem Geschäftsmodelle diskutiert und Kooperationspartner für das nächste Projekt gefunden werden. Gemeinsam können Innovationen entwickelt und Kundenkontakte hergestellt werden. 3 www.kreative-pfalz.de 4 www.pirmasens.de 5 www.westpfalz-kreativ.de Über den individuellen Nutzen hinaus lassen sich weitere positive Effekte feststellen: So erhöhen Netzwerke die Sichtbarmachung der Branche und ihrer Leistungen im Allgemeinen. Dies kann sich positiv auf das Image einer Stadt oder einer ganzen Region auswirken (vgl. LANGE 2009: 229ff.). All diese Effekte stellen schließlich zahlreiche gute Gründe für die Unterstützung von Netzwerken durch die öffentliche Hand dar, auch wenn gleichzeitig eine Unabhängigkeit der Kreativnetzwerke wichtig bleibt. Literaturverzeichnis BMWI (2015) (Hrsg.): Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kulturund Kreativwirtschaft 2014. Langfassung. [verfügbar online als PDF] BMWI (Juni 2016): Alles, nur kein Unternehmer? Tipps für Gründerinnen, Gründer und Selbständige in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Berlin [verfügbar online als PDF] DRDA-KÜHN, Karin/WEINGARTEN, Joe (2010): Land der Möglichkeiten. Kunst-, Kulturund Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz. Bad Kreuznach EBERT, Ralf/GNAD, Friedrich/KUNZMANN, Klaus R. (2016): Kultur- und Kreativwirtschaft in Stadt und Region. Branchen – Orte – Netze. Stuttgart LANGE, Bastian: Netzwerke als Ausdruck innovativer Governance-Arrangements – Praxisformen und Beobachtungen von Kultur- und Kreativunternehmen. – In: Hausmann, Andrea/Heinze, Anne (2017) (Hrsg.): Cultural Entrepreneurship – Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Wiesbaden SCHÜTZ, Dirk (2003): Netzwerkorganisation und Networking – Kulturwandel durch Netzwerke. – In: Handbuch Kulturfinanzierung. Berlin/Stuttgart. Mandel, Birgit (2007): Die neuen Kulturunternehmer. Ihre Motive, Visionen und Erfolgsstrategien. Bielefeld MANDEL, Birgit (2007): Die neuen Kulturunternehmer. Ihre Motive, Visionen und Erfolgsstrategien. Bielefeld NETZWERKE FÜR EIN BESSERES GRÜNDUNGSKLIMA (JUNI 2016): So engagieren sich Kommunen, Hochschulen und Unternehmer. Herausgegeben vom BMWI. Berlin [verfügbar online als PDF]. STADTKULTUR NETZWERK BAYERISCHE STÄDTE E.V. (2015) (Hrsg.): Kulturwerte: Zur kulturellen Seite der Kreativwirtschaft. Ingolstadt. STÖBER, Birgit/KALANDIDES, Ares: Orte, Städte und Kreativökonomien als Brand. – In: Lange, Bastian (2009) et al..: Governance der Kreativwirtschaft. Diagnosen und Handlungsoptionen. Bielefeld RUH, Ulrich/SCHULZE, Klaus P.: Rahmenbedingungen für Gründungen in der Kreativwirtschaft. – In: Gründer, Herbert (2009) (Hrsg.): Kreative gründen anders! Existenzgründungen in der Kulturwirtschaft. Ein Handbuch. Bielefeld

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References

Zusammenfassung

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wirkt. In den Arbeitsmarkt, als Standortfaktor, als wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft. Auch in Rheinland-Pfalz.

Doch wer sind die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz? Welchen konkreten Herausforderungen müssen sich die Kreativen im Zeitalter der Digitalisierung stellen? Was sind die gegenwärtigen kultur- und wirtschaftspolitischen Diskurse? Wie gestaltet sich das Verhältnis der Akteure zum Standort – und umgekehrt?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich der vorliegende Sammelband. Dabei sollen weniger Handlungsempfehlungen gegeben als viel mehr Ideen und aktuelle wissenschaftliche Diskurse aufgegriffen und diskutiert werden. Es geht aber auch darum, mehr Lust zu machen auf noch mehr Kreativität – und hierdurch einer positiven Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Rheinland-Pfalz weitere Impulse zu geben.

KULTUR/WIRTSCHAFT/RLP – Ein wissenschaftlicher wie praxisrelevanter Beitrag zum kulturwirtschaftspolitischen Diskurs, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Mit zahlreichen Fachartikeln von Wissenschaftlern, Kulturmanagern und anderen Akteuren der Kultur-(Wirtschafts-)Politik. Ein Buch für alle Interessierte, Studierende, Lehrende und Berufstätige im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie Kulturpolitik.