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12 Zusammenfassung in:

Katja Lenz

Lexical Appropriation in Australian Aboriginal Literature, page 381 - 392

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3964-9, ISBN online: 978-3-8288-6743-7, https://doi.org/10.5771/9783828867437-381

Tectum, Baden-Baden
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381 12 Zusammenfassung Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Besonderheiten im Lexikon des Aboriginal English und der Frage, wie diese es den Sprechern des Dialekts ermöglichen, Bedeutungen und Vorstellungen zu kommunizieren, die im Kontext ihres eigenen kulturellen und sprachlichen Hintergrunds zu verstehen sind und nicht mit den Mitteln des Australian English ausgedrückt werden können. Speziell ging es darum zu klären, wie sich australische Dramatiker indigener Herkunft diese lexikalischen Besonderheiten zu eigen machen, um eine Adaption der Standardsprache zu erreichen, die es ihnen ermöglicht, in ihren Werken kulturspezifische Inhalte zu kommunizieren. Das Aboriginal English ist ein ethnischer Dialekt des Englischen, der neben indigenen Sprachen oder Pidgins und Kreolsprachen als Erst- oder Zweitsprache von großen Teilen der australischen Aborigine-Bevölkerung gesprochen wird. Auch das Repertoire vieler monolingualer indigener Sprecher umfasst neben Formen des Australian English oftmals eine oder mehrere Varianten des Dialekts. Nach der fast vollständigen Zerstörung der vorkolonialen Sprachökologie Australiens ist das Aboriginal English heute zum wichtigsten sprachlichen Medium der Aborigine-Bevölkerung geworden und dient neben der Verständigung mit Angehörigen der Mainstream-Gesellschaft auch der Kommunikation innerhalb dieser Sprechergemeinschaft. Der Dialekt ist als Resultat eines Indigenisierungsprozesses der Kolonialsprache zu sehen, als Ergebnis des Versuchs der indigenen Sprecher, sich die Kolonialsprache zu eigen zu machen und sie so zu adaptieren, dass sie ihren eigenen kommunikativen Anforderungen genügt. So verwundert es wenig, dass der Dialekt auf allen Ebenen der Sprachverwendung signifikante Besonderheiten zeigt. Während das Aboriginal English in den Bereichen der Grammatik und der Phonologie viele Merkmale aufweist, die auch in anderen postkolonialen oder nicht-standardsprachlichen Varietäten des Englischen zu finden sind, lassen sich besonders im Bereich der Pragmatik und auf der Diskursebene bedeutende Unterschiede zum Australian English entdecken, die oftmals auf den strukturellen Einfluss des indigenen Substrats zurückzuführen sind. Das Lexikon des Aboriginal English weist ebenfalls vielfältige Besonderheiten auf, die den Dialekt von der Standardsprache unterscheiden. Nicht immer sind diese auf den ersten Blick erkennbar: Während vereinzelte Lehnwörter aus indigenen Sprachen oder aus Pidgin- und Kreolsprachen ganz offensichtliche Abweichungen vom Wortschatz des Australian English darstellen, scheint der Großteil des Vokabulars des Aboriginal English identisch mit dem des Standarddialekts. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch oftmals heraus, dass sich Wortbedeutungen und deren Interpretationen stark von jenen unterscheiden, wie wir sie im Australian English finden und vom sozio- 382 kulturellen Hintergrund der Sprecher abhängig sind. Sie drücken dabei eine Weltanschauung aus, die von der der anglo-australischen Mainstream- Gesellschaft abweicht. Andere Lexeme haben keinen Bedeutungswandel erfahren, erscheinen jedoch in neuartigen Kollokationen oder weisen weitere ungewöhnliche Verwendungen auf, wie z.B. einen Wechsel der Wortklasse. Auch diese Phänomene lassen sich zurückführen einerseits auf den strukturellen Einfluss des indigenen Substrats, andererseits auf die Notwendigkeit, Inhalte auszudrücken, die nicht mit standardsprachlichen Mitteln verbalisiert werden können. Neben seiner grundlegenden Funktion als Medium für die Kommunikation innerhalb der indigenen Sprechergemeinschaft und mit Angehörigen der Mainstream-Gesellschaft wird das Aboriginal English seit einiger Zeit immer häufiger dazu genutzt, genau diese kulturspezifischen Inhalte, Vorstellungen, Standpunkte und Ansichten auch den Sprechern des Standarddialekts näher zu bringen und dabei bewusst eine sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit auszudrücken. Ein Weg dies zu erreichen, ist die Verwendung des Dialekts in verschiedenen Medien, wie in literarischen Werken, Filmen und Liedtexten. Diese noch relativ neue Rolle des Aboriginal English hat auch zu einem Statuswechsel beigetragen, insbesondere dazu, dass die Varietät, die lange Zeit als unzureichender und mangelhafter Code, als ‚schlechtes Englisch‘ angesehen wurde, nun vor allem von den Sprechern selbst immer stärker auch mit Stolz in die eigene Herkunft verknüpft wird. Die systematische linguistische Beschreibung des Dialekts in den letzten Jahrzehnten hat zudem zu seiner Anerkennung als valide Sprachform beigetragen. Seit den späten 1960er Jahren beschäftigt sich eine Vielzahl von Publikationen mit unterschiedlichsten Aspekten des Aboriginal English. Viele davon konzentrieren sich auf die Beschreibung regionaler Formen des Dialekts, andere kontrastieren phonologische, grammatische, lexikalische und pragmatische Strukturen unterschiedlicher Varietäten oder untersuchen deren Entstehung und Entwicklung sowie das Verhältnis von Aboriginal English zu australischen Kontaktsprachen. Ein weiteres Forschungsgebiet ist die Analyse von Verständigungsproblemen zwischen Sprechern des Aboriginal English und des Australian English, besonders im Justiz- und Strafverfolgungssystem und in schulischen Kontexten. Trotzdem weist die gezielte wissenschaftliche Untersuchung des Dialekts noch große Lücken auf, so dass Kaldor & Malcolm (2004: 69f) das aktuelle Bild beschreiben als “a jigsaw puzzle from which many pieces are still missing but in which some major patterns are detectable”. Nur wenige Studien beschäftigen sich mit der Rolle des Aboriginal English als literarischer Sprache. Diejenigen, die dieses Thema aufgreifen, wie z.B. Shoemaker (1989), Hodge & Mishra (1991) und Polak (2009) beschränken sich auf die Betrachtung einzelner Aspekte, besonders darauf, welche Effekte die Verwendung von Lehnwörtern oder längeren Passagen in indigenen Sprachen auf 383 den Leser oder ein Theaterpublikum haben. Einzig Gibbs (1998) und Russo (2007, 2010a und 2010b) betrachten die Thematik umfassender. In ihrer Dissertation untersucht Russo (2007 und 2010b) u.a. Formen der Aneignung und Adaption der Standardsprache in den Werken indigener australischer Autoren und detailliert dabei auch, wie diese Autoren Standpunkte und vor allem Erfahrungen kommunizieren, die der anglo-australischen Gesellschaft fremd sind. Dennoch unterscheidet sich ihre Arbeit maßgeblich von der der vorliegenden Dissertation, da Russo diese sprachliche Adaption vorwiegend vor dem Hintergrund der Kontrolle über literarische Selbstdarstellung und als Werkzeug der Dekolonialisierung der Literatur untersucht. Die aktuelle Arbeit hingegen versucht herauszuarbeiten, welche im Einzelnen die sprachlichen Werkzeuge sind, die das Lexikon des Aboriginal English seinen Sprechern zur Verfügung stellt, um Konzepte zu beschreiben, für die die Standardsprache keine adäquaten Ausdrücke bereit hält. Mehr noch untersucht sie, wie die Kolonialsprache speziell in Theaterstücken indigener australischer Dramatiker adaptiert wird, um dem Leser und Zuschauer bewusst zu machen, dass er oder sie mit einer sozio-kulturellen Realität konfrontiert ist, die nicht seiner eigenen entspricht. Die theoretische Basis für dieses Vorhaben bilden einerseits der Ansatz der cultural conceptualisations, der im Bereich der Cultural Linguistics anzusiedeln ist und andererseits der Begriff der appropriation, ein Schlüsselkonzept der Postcolonial Studies. Farzad Sharifian (z.B. 2003, 2005, 2007) hat den Begriff der cultural conceptualisations in das Studium des Aboriginal English eingebracht. Sein Ansatz steht in der Tradition der Cultural Linguistics (z.B. Palmer 1996) und versucht eine kulturell-konzeptuelle Annäherung an die Strukturen und Merkmale des Aboriginal English wie sie von Ian Malcolm und seinem Team (z.B. Malcolm & Rochecouste (2000), Malcolm & Sharifian (2002, 2005), Sharifian (2001), Sharifian et al. (2004)) initiiert wurde. Sharifians Ansatz geht davon aus, dass Sprache selten objektiv die Realität abbilden kann, da Sprachgebrauch immer beeinflusst ist von Konzeptualisierungen, die kulturell konstruiert sind und denen eine Weltanschauung zugrunde liegt, die nur von einer abgrenzbaren Gruppe von Sprechern geteilt wird. Eben jene Konzeptualisierungen machen es nun nötig, dass Sprecher des Aboriginal English die vorhandenen Ressourcen der Kolonialsprache neu interpretieren und adaptieren und mit Bedeutungen und Interpretationen versehen, die nicht von Sprechern des Australian English geteilt werden. Ashcroft et al. (2002) hingegen beschäftigen sich mit Formen des Sprachgebrauchs in Postkolonialen Literaturen. Sie untersuchen, wie Autoren, die einer ‚kolonisierten‘ Kultur angehören, sich die Sprache der Kolonialmacht so aneignen, dass sie ihren eigenen Bedürfnissen entspricht und die Sprache dahingehend adaptieren, dass sie es ihnen ermöglicht, eine abgrenzbare indigene kulturelle Identität zu beschreiben. Zwei Prozesse werden dabei als 384 maßgeblich identifiziert, nämlich zum einen jener der abrogation, also der Verweigerung und Ablehnung des imperialen sprachlichen Standards, zum anderen jener der appropriation, der Aneignung und Manipulation der Kolonialsprache. Letzterer ist von besonderem Interesse für die aktuelle Arbeit, da appropriation die Verwendung jener sprachlichen Mittel beschreibt, mittels derer die Standardsprache so variiert werden kann, dass sie Erfahrungswerte und Ansichten vermittelt, die eng mit dem sozio-kulturellen Hintergrund des Autors verbunden sind und es somit auch erlauben, Außenstehenden einen Einblick in diese fremde konzeptuelle Welt zu gewähren. Autoren postkolonialer Literatur greifen dabei auf Strategien zurück, wie sie auch im alltäglichen, realen Sprachgebrauch zu beobachten sind und oben bereits beschrieben wurden, indem sie entweder einzelne Lehnwörter oder ganze Passagen der einheimischen Sprache in den englischen Text integrieren oder englische Lexeme verwenden, deren Bedeutung oder Anwendung nicht den Erwartungen des imperialen Diskurs entspricht. Ashcroft et al. (2002) stellen mit dem Begriff der appropriation also das Handwerkszeug für die empirische Analyse zur Verfügung, die den Hauptteil dieser Arbeit ausmacht. Die vorliegende Arbeit gliedert sich in vier Teile: der erste Teil, Setting the Stage – Old and New Australian Language Ecologies gibt einen Überblick über den Verlauf der Kolonialisierung Australiens und deren Auswirkungen auf die Kulturen und Sprachen der Ureinwohner. Dazu werden neben einem kurzen historischen Abriss die wichtigsten sozio-politischen Entwicklungen thematisiert, die die Aborigine-Bevölkerung des Landes direkt oder indirekt betrafen. Darüber hinaus werden die vor- und nachkoloniale indigene Sprachökologie skizziert bevor wir uns dann im zweiten Teil, Aboriginal English(es) – an Aboriginal Code in an English Guise?, genauer mit dem Wesen des Aboriginal English und seiner Rolle innerhalb der nachkolonialen Sprachökologie Australiens beschäftigen. Zu diesem Zweck wird zuerst herausgearbeitet, wie homo- oder heterogen der Dialekt tatsächlich ist und welche Arten der Variation sich feststellen lassen. Eine Beschreibung der charakteristischen Merkmale in den Bereichen der Phonologie, Morphologie, Syntax, Pragmatik und Semantik soll darüber weiteren Aufschluss geben. Das Hauptaugenmerk des zweiten Teils dieser Arbeit liegt jedoch auf dem konzeptuellen Gerüst, auf das sich das Aboriginal English stützt und das verantwortlich für die Umdeutung und Neuinterpretation lexikalischer und anderer Ressourcen des Australian English ist. Es wird dazu noch einmal genauer auf den Begriff der cultural conceptualisations eingegangen und es werden verwandte Ansätze präsentiert, wie z.B. der Jean Harkins (1994), die bereits einige Jahre vor Sharifian darauf hinwies, dass die Bedeutung und Verwendung zahlreicher semantischer, aber auch grammatischer und pragmatischer Elemente im Aboriginal English der Alice Springs Region stark beeinflusst ist von den konzeptuellen Strukturen der dort gesprochenen indigenen Sprachen. 385 Teil drei, Forms of Lexical Appropriation in Australian Aboriginal Drama, widmet sich dann ausschließlich der Analyse von Theaterstücken indigener australischer Autoren und untersucht, wie diese die lexiko-semantischen Ressourcen des Aboriginal English so in ihren Texten einbinden, dass es ihnen gelingt, verschiedenste Aspekte ihrer indigenen Herkunft zu beschreiben und dem Leser/Zuschauer nahe zu bringen. Nach der Erläuterung der Fragestellung werden in sieben Unterkapiteln ebenso viele Theaterstücke aus einem Zeitraum von fast 40 Jahren analysiert. Die einzelnen Unterkapitel beginnen mit einer kurzen Vorstellung des jeweiligen Dramatikers, nach der kurz der Inhalt des jeweiligen Stücks skizziert wird und, ebenfalls in Kürze, die wichtigsten sprachlichen Merkmale der im Stück verwendeten Varietät erläutert werden. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch darauf, welche im Text vorhandenen und dem Aboriginal English zuzuschreibenden Elemente dem Zweck der lexikalischen Aneignung dienen. Dazu wird zunächst geklärt, welche Elemente überhaupt als Instanzen lexikalischer Aneignung identifiziert werden können, bevor deren Herkunft determiniert wird. Konkret bedeutet das, es wird ermittelt, ob es sich um einzelne Lehnwörter oder möglicherweise sogar längere Passagen aus indigenen Sprachen handelt, um Lexeme aus Kontaktsprachen, um hybride Elemente, oder um englische Lexeme, die entweder phonologische Modifikation aufweisen oder deren Bedeutung oder Art der Anwendung sich von der im Standard Englischen unterscheidet. Die Wortklasse der Elemente soll, wenn möglich, genauso bestimmt werden wie ihre genaue Bedeutung. Um Aussagen über die Wirkung der einzelnen Elemente als Werkzeuge der Aneignung treffen zu können, muss außerdem deren Verbreitung in verschiedenen Varietäten des Aboriginal English und Australian English bestimmt werden. In diesem Zusammenhang ist es außerdem von Interesse darzulegen, ob und welche Strategien die Autoren anwenden, um dem Leser oder Zuschauer unbekannte Lexeme und deren Bedeutung zu erklären. Schließlich verdeutlicht die Analyse der mittels lexikalischer Aneignung ausgedrückten Konzepte, ob größere konzeptuelle Felder und Strukturen erkennbar sind. Diese sind wiederum bei der Beantwortung zwei weiterer Frage dienlich, nämlich ob lexikalische Aneignung noch weitere Funktionen aufweist als die Beschreibung von Inhalten, die nicht oder nur unzureichend durch das Australian English vermittelbar sind, und wie diese es ermöglichen, eine abgrenzbare kulturelle Identität zu kommunizieren. Der vierte Teil, Findings and Conclusions, schließt die Arbeit ab. In Kapitel 9 werden die Ergebnisse der Textanalysen zusammengefasst und evaluiert. Zusammengenommen lassen sich in den sieben Texten nicht weniger als 412 verschiedene Typen von Elementen finden, die dem Einfluss des Lexikons des Aboriginal English zuzuordnen und als Instanzen lexikalischer Aneignung zu werten sind; die meisten davon sind nominale Elemente. Der Umfang, in dem die einzelnen Texte von lexikalischer Aneignung Gebrauch machen, variiert 386 dabei stark, so finden sich im Text The Dreamers nicht weniger als 190 Beispiele, in John Hardings Up The Road sind es gerade einmal 46. Nur 70 Elemente sind in frühen australischen Kontaktsprachen dokumentiert. Englische Lexeme sind mit einer Anzahl von 183 Items am stärksten vertreten; viele davon kommen in mehreren, einige in allen oder fast allen Texten vor. Weitere 178 Items sind Wörter aus indigenen australischen Sprachen, von denen die Mehrzahl aus Sprachen übernommen wurden, die in der Heimatregion des Autors gesprochen wurden oder werden. Daher verwundert es nicht, dass die meisten dieser Elemente nur begrenzte Verbreitung aufweisen: 25 Items sind für das Aboriginal English dokumentiert, weitere 36 im Australian English. Darüber hinaus enthält der Korpus 23 längere Passagen in indigenen Sprachen sowie 21 hybride Elemente und drei Items aus Pidginsprachen. Für fünf Elemente kann keine definitive Aussage zur Herkunft getroffen werden. Die meisten Instanzen lexikalischer Aneignung können einer Reihe von konzeptuellen Kategorien zugeschrieben werden, die im Vorfeld mittels J.M. Arthurs Aboriginal English – A Cultural Study determiniert wurden. Dabei lässt sich erkennen, dass einige konzeptuelle Felder im gesamten Korpus sehr präsent sind während auf andere nur sporadisch verwiesen wird. Am prominentesten vertreten sind die Kategorien der kulturellen Tradition, die Domäne der Körperlichkeit und eine Reihe damit verbundener intimer Konzepte sowie Begriffe, die Gefühlswelten der Sprecher und Verhaltensweisen beschreiben. Weiter zeigt sich, dass die einzelnen konzeptuellen Domänen Präferenzen aufweisen in Bezug darauf, welche Arten lexikalischer Aneignung genutzt werden, um individuelle Konzepte auszudrücken. So werden ausschließlich Elemente aus indigenen Sprachen verwendet, um australische Sprach- und Kulturgruppen zu beschreiben und regionale indigene Identitäten auszudrücken; indigene Begriffe dominieren außerdem in der Beschreibung traditioneller Kultur, mentaler und physischer Zustände, von Körperteilen, und um Konzepte auszudrücken, die in Zusammenhang mit der Kolonialerfahrung stehen. Die Domäne der Familie und Verwandtschaftsbeziehungen andererseits wird exklusiv durch englische Lexeme repräsentiert. Zusätzlich lässt sich feststellen, dass einzelne Konzepte wiederholt und in größerer Häufigkeit als andere auftreten: in der Mehrzahl der Texte begegnen uns Begriffe für das Konzept shame oder für bestimmte Verwandtschaftsbeziehungen. Zum Teil werden diese wiederholt vorkommenden Konzepte durch sehr unterschiedliche Mittel ausgedrückt, so finden sich z.B. nicht weniger als sieben unterschiedliche Lexeme aus indigenen Sprachen für das menschliche Hinterteil sowie fünf verschiedene indigene und englische Begriffe für die australische Polizei. Es lässt sich weiterhin feststellen, dass einzelne lexikalische Elemente in gleicher oder zumindest stark ähnlicher Form in allen oder fast allen Texten vorkommen. Aus dem Bereich der kulturellen Tradition sind das z.B. die Begriffe Dreaming und Law, die zentrale religiöse Konzepte be- 387 schreiben. Aus dem konzeptuellen Feld der Familie finden sich Auntie, cousin, family, relation und uncle. Aspekte der Kolonialisierung und des interkulturellen Kontakts werden wiederholt aufgegriffen durch black(s), blackfella, white man und whitefella, die Mitglieder der indigenen und anglo-australischen Gesellschaft unter Bezug auf deren Hautfarbe beschreiben. Unter diesen wiederholt vorkommenden Lexemen befinden sich nur wenige Elemente aus indigenen australischen Sprachen; jene, die mehr als einmal im Korpus vertreten sind, sind auch als Lehnwörter im Australian English etabliert oder haben weite Verbreitung in Varietäten des Aboriginal English. Beispiele hierfür sind corroboree, gin, goona, jowijj, kangaroo, kylie, mook-pook, and goona. Es bleibt aber unklar, ob die genannten Elemente aufgrund ihrer weiten Verbreitung im Aboriginal English so präsent im Korpus vertretenen sind, oder ob die Autoren ganz bewusst auf bekannte Elemente zurückgreifen, um die ethnische und kulturelle Herkunft ihrer Charaktere zu unterstreichen. In Bezug auf zwei dieser wiederkehrenden Elemente, story und yarn, lässt sich zudem ein ganz anderes Phänomen erkennen. Vergleicht man die Verwendung dieser englischen Lexeme in verschiedenen Texten, so zeigt sich, dass beide in den neueren Stücken einen erneuten Bedeutungswandel erfahren, weg von einer stärker in der vorkolonialen Tradition verankerten Bedeutung, hin zu einer neuen Interpretation, die dem wandelbaren Wesen indigener australischer Kultur Rechnung trägt und in der das identitätsstiftende Element der Oral History und anderen kultureller Praktiken weiter gefasst ist als zuvor. Dieser Bedeutungswandel demonstriert eindrücklich Sharifians (2007: 182) Aussage, dass kulturelle Konzeptualisierungen nicht statisch, sondern wandelbar sind und das Potential haben, sich im Laufe der Zeit zu ändern. Auch wenn der aktuelle Korpus nicht umfangreich genug ist, um allgemeingültige Aussagen zu chronologischer Variation zu treffen, lassen sich innerhalb der untersuchten Texte Tendenzen erkennen in der Verwendung jener Elemente, die Aspekte kultureller Tradition beschreiben. So sind es vorwiegend die älteren Texte, die Elemente aus indigenen Sprachen als hauptsächliches Mittel zur sprachlichen Aneignung verwenden, und es scheint, als geht die größere Anzahl dieser Elemente auch einher mit der stärkeren Bestrebung, Konzepte aus dem Bereich der kulturellen Tradition auszudrücken. In vielen der neueren australischen Texte hingegen finden sich weniger Verweise auf kulturelle und religiöse Praktiken oder Wissen; falls diese doch vorhanden sind, werden sie häufig mittels weit verbreiteter, wenig spezifischer englischer Lexeme ausgedrückt. In Kapitel 10 werden die oben beschriebenen Resultate mit den Ergebnissen der Analysen zweier weiterer Texte aus dem Kanon der postkolonialen Literaturen verglichen. Die beiden zusätzlichen Textanalysen geben Aufschluss darüber, ob sich Parallelen und Unterschiede erkennen lassen in der 388 Art, wie sich Autoren unterschiedlichster indigener Herkunft der Kolonialsprache Englisch bedienen. Dabei wurde davon ausgegangen, dass der unvermeidliche ‚culture clash‘ in kolonialen und post-kolonialen Kontexten Mitglieder der ‚kolonisierten‘ einheimischen Kultur geradezu dazu nötigt, die Kolonialsprache den eigenen kulturellen Bedürfnissen anzupassen. Tatsächlich zeigen die untersuchten Stücke, Purapurawhet der neuseeländischen Autorin Briar Grace-Smith und der kanadische Text The Rez Sisters von Tomson Highway, überaus interessante und vor allem äußerst unterschiedliche Ergebnisse auf. So lässt sich für den Text Purapurawhet ein massiver Grad der lexikalischen Aneignung feststellen, der sich hauptsächlich auf die beständige Verwendung von Elementen aus dem M ori zurückführen lässt. Ähnlich wie in den älteren australischen Texten beschreiben viele dieser Elemente in Purapurawhet Aspekte traditioneller M ori Kultur und unterstreichen somit, dass dieses konzeptuelle Feld auch außerhalb des australischen Kontextes ein wichtiger Bestandteil in der Kommunikation einer distinkten kulturellen Identität ist und auf Inhalte zurückgreift, für die keine geeigneten standardsprachlichen Mittel zur Verfügung stehen. In The Rez Sisters finden sich zahlenmäßig weitaus weniger Elemente, die als Instanzen der lexikalischen Aneignung gewertet werden können. Auffällig ist hier aber, dass die meisten dieser Aneignungen in der Form längerer Passagen in Highways Erstprache Cree oder dem eng verwandten Ojibway auftreten, was den Sprachgebrauch in The Rez Sisters stark von den anderen untersuchten Texten unterscheidet. Viele dieser Passagen sind als Beispiele für Code-Switching aufzufassen und dienen weniger der Beschreibung salienter kulturspezifischer Konzepte. Beide Texte verwenden nur wenige englische Begriffe, deren Bedeutung oder Verwendung sich von der Standardsprache unterscheidet. Dennoch finden sich auch in Purapurawhet und The Rez Sisters Parallelen zu jenen Stücken, die den australischen Korpus bilden: auch hier entdeckt man Beschreibungen indigener und nicht-indigener Mitglieder der neuseeländischen und kanadischen Gesellschaft wie black/white, Indian guy/white guy, die zum Teil auf Hautfarbe verweisen. Andere Parallelen sind die regelmäßige Verwendung von englischen Lexemen die Verwandtschaftsverhältnisse ausdrücken, wie z. B. auntie(s), uncle und cuz. Ebenso lassen sich rhetorische Elemente wie eh und innit finden, die sich, wie im Aboriginal English, auf die Konvention zurückführen lassen, die Zustimmung des Adressaten zu einer Proposition einzuholen oder diesen auf indirektem Weg zu einer Antwort aufzufordern. Kapitel 11 widmet sich dann noch einmal den wichtigsten Ergebnissen der Untersuchung, versucht eine abschließende Darstellung der Funktionen, die mit lexikalischer Aneignung verbunden sind, und vergleicht die im Vorfeld aufgestellten Hypothesen mit den tatsächlichen Forschungsergebnissen. 389 Im Verlauf der Arbeit wurde die Annahme dargelegt, dass der Hauptanreiz zur Verwendung lexikalischer Aneignung darin liegt, kulturspezifische Konzepte auszudrücken, für die das Standardenglische keine adäquate sprachliche Lösung bereitstellt. Das würde bedeuten, dass die Adaption der Standardsprache immer durch die Notwendigkeit begründet wird, Lücken im Lexikon des Standard English zu füllen. Tatsächlich zeigt besonders die Analyse der australischen Texte, dass indigene Autoren vor allem dann auf Vokabular aus dem lexikalischen Bestand des Aboriginal English zurückgreifen, wenn sie bestrebt sind, Inhalte zu kommunizieren, deren Interpretation in direktem Zusammenhang steht mit dem kulturellen und religiösen Erbe australischer Ureinwohner, einem besonderen Verständnis sozialer und familiärer Strukturen und damit verbundenen Rollenschemata, einer einmaligen Art der Verbundenheit zum Land und dessen Ressourcen, einer anderen Perspektive auf die Folgen der Kolonialisierung Australiens und einer anderen Art, die Außenwelt und eigene Erfahrungswerte zu verstehen und einzuordnen. Dementsprechend valide erscheint die Definition von Aneignung als Prozess, in dem die Kolonialsprache “is taken and made to ‘bear the burden’ of one’s own cultural experience” (Ashcroft et al. 2002: 38) und wir können festhalten, dass es nicht nur lexikalische, sondern auch konzeptuelle Lücken sind, die geschlossen werden. Die Textanalysen haben aber auch gezeigt, dass lexikalischer Mangel nicht der alleinige Grund für die Adaption des Standarddialekts sein kann. Zum einen finden sich in manchen Texten längere Passage in indigenen Sprachen, die keine klar bestimmbaren Konzepte ausdrücken, sondern vielmehr ein sprachliches Umfeld schaffen, in dem die Sprache so verändert wird, dass sie für Sprecher des Standarddialekts zu einem unzugänglichen Code wird. Zum anderen verwenden alle untersuchten Texte auch da Elemente lexikalischer Aneignung, wo die Standardsprache geeignete Alternativen zur Verfügung stellt. Beispiele hierfür sind Lexeme aus indigenen Sprachen, die Aspekte der Kolonialisierungserfahrung ausdrücken (z.B. goom ‚Alkohol‘, linjoo ‚Polizei‘), unangebrachte Verhaltensweisen oder mentale Instabilität beschreiben (z.B. gooly up ‚wild‘, womba ‚verrückt‘) und Körperteile und physische Konditionen benennen oder sexuelle Anspielungen kommunizieren (z.B. bootjari ‚schwanger‘, moom ‚Anus‘). Hier müssen also andere Motive vorliegen als der Wunsch, lexikalischem Mangel entgegen zu wirken. Tatsächlich ist allen dieser Begriffe gemein, dass sie Konzepte ausdrücken, die stark emotional beladen sind. Die Verwendung indigener Begriffe trägt hier dazu bei, dass Bedeutungen verschleiert werden und damit Angehörigen der Mainstream- Gesellschaft, die weder sprachlich noch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen und Weltsicht in der Lage sind, die kommunizierten Inhalte und deren Bedeutung in Gänze zu erfassen, der Zugang zum Diskurs verweigert wird. Durch diese sprachliche Exklusion schaffen die oben beschriebenen 390 Aneignungen soziale und emotionale Nähe zwischen den Sprechern des Aboriginal English und tragen maßgeblich zu dessen Rolle als „Sprache der Nähe“ (vgl. Koch & Oesterreicher 1985) bei. Soziale und emotionale Nähe wird aber nicht nur durch indigene Lexeme gefördert. Wie bereits mehrfach angeklungen ist, ist der Gebrauch von Begriffen aus dem konzeptuellen Feld der Familie und der Verwandtschaftsbeziehungen ein charakteristisches Merkmal des Aboriginal English, welches sich auch in den analysierten Texten widerfindet. Im australischen Korpus treten alle diese Aneignung in der Form englischer Lexeme auf und scheinen somit auch für nicht-indigene Sprecher vermeintlich leicht verständlich. Tatsächlich geht ihre Bedeutung aber weit über die Beschreibung biologischer Verwandschaftsbeziehungen hinaus und beschreibt soziale Kategorien und Rollenschemata, die das Standardenglische nicht kennt. Daneben ist ihre Funktion als Solidaritätsmarker für die Ausprägung eines Zugehörigkeitsgefühls entscheidend. Wie jene Begriffe, die Aspekte sozialer Interaktion beschreiben, fällt auch den ‚kinship terms‘ eine doppelte Funktion zu: während sie eindeutig kulturspezifische Bedeutungen ausdrücken, die sich in dieser Form nicht im Standard English wiederfinden, erlauben sie es den Sprechern des Aboriginal English ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, das auf geteilten Werten basiert und ihnen gestattet, sich sprachlich wie konzeptuell von der anglo-australischen Mehrheitsgesellschaft zu distanzieren. All dies führt nun wieder hin zur Rolle des Dialekts in der Ausbildung von Sprecheridentitäten. Die obigen Ausführungen machen deutlich, dass das Aboriginal English ein unersetzbares Instrument zur Gestaltung und gleichzeitigen Kommunikation einer distinkten kulturellen Identität darstellt. Diese beinhaltet auch ein nicht unmaßgebliches Element der sozialen Identität (vgl. Tajfel & Turner 1979, 1986), die auf der Identifikation mit einer sozialen Gruppe und der gleichzeitigen Abgrenzung zu Außenstehenden basiert. Zusammengefasst lässt sich also feststellen, dass lexikalische Aneignung indigenen Autoren ermöglicht, Inhalte und Konzepte zu kommunizieren, die in einer Weltanschauung verwurzelt sind, die sich deutlich von der der Mainstream-Gesellschaft abgrenzt. Dadurch wird kulturelles Wissen nicht nur bewahrt sondern auch übermittelt. Darüber hinaus erlaubt sie ihnen, die Auswirkungen der Kolonialisierung sprachlich und konzeptuell zu bewältigen und zeitgenössische Formen australischer Indigenität greifbar zu machen. Aneignung fördert die Herausbildung und Bekanntmachung einer eigenständigen kulturellen wie sozialen Identität auf drei Ebenen. Sie ermöglicht • die Darstellung einer indigenen australischen Identität in weitestem Sinne. Diese kommt durch die Verwendung jener lexikalischen Ressourcen des Aboriginal English zustande, die es Sprechern erlaubt, sich auf einer allgemeineren Ebene als indigene Person zu identifizieren und auf den eigenen sozio-kulturellen Hintergrund 391 Bezug zu nehmen ohne Zugehörigkeit zu einer klar definierten Gruppe auszudrücken. • die Darstellung einer regionalen oder lokalen Identität. Die Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Sprach- und Kulturgruppen und die Verbundenheit mit einem räumlichen Gebiet werden durch die Verwendung von Begriffen mit regionaler oder lokaler Verbreitung ausgedrückt. • die Darstellung einer auf (sozio-kulturelle) Gruppenzugehörigkeit basierenden Identität. Diese wird neben dem Bezug auf den gemeinsamen kulturellen Hintergrund durch Verweise auf eine kollektive Geschichtserfahrung, vergleichbare Lebensstile, eine geteilte Weltanschauung und gemeinsame Wertevorstellungen gefördert. Durch die Verwendung der lexikalischen Ressourcen des Aboriginal English in ihren Texten tragen indigene australische Autoren unmittelbar zu einer größeren Verbreitung und gleichzeitigen Anerkennung dieser Merkmale innerhalb der Mainstream-Gesellschaft bei. Dadurch wird der Dialekt als eigenständige und legitime Sprachform bestätigt und es werden sowohl die Gültigkeit der sprachlichen Varietät als auch der kommunizierten Konzepte unterstrichen. Diese werden einem größeren Publikum, nämlich den angloaustralischen Sprechern des Standarddialekts, zugängig gemacht. Lexikalische Aneignung in den analysierten Theaterstücken dient so nicht nur dazu, die kontemporäre indigene australische Gesellschaft und deren sozio-kulturelles Erbe zu porträtieren. Sie stellt ebenso ein Instrument zum besseren Verständnis der semantischen und konzeptuellen Strukturen des am weitesten verbreiteten ethnischen Dialekts des Landes außerhalb akademischer Kreise dar. Durch die Schilderung einer für die meisten Mitglieder der Mainstream- Gesellschaft neuartigen Realität und Weltanschauung löst sie außerdem eine Form der kulturellen Kommunikation aus.

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Abstract

Today, virtually all Aboriginal people in Australia use English in their daily interactions. This is not surprising: in a situation in which many Aboriginal languages are lost beyond retrieval, English, as the official language of education, administration, law, and generally the language of the Australian mainstream society, has become the major medium of communication for the Australian Aboriginal community. Still, Aboriginal English, the variety most commonly spoken by Aboriginal people, often differs in many aspects from what is the accepted linguistic standard in Australia. Adapted to their communicative needs, it allows its speakers to express values, beliefs, and attitudes which are strongly influenced by their socio-cultural background.

Katja Lenz investigates how the lexico-semantics of Aboriginal English provide the means needed to express concepts not shared with speakers of Australian English. Approaching these questions from both the angle of Cultural Linguistics and that of Post-colonial Studies, she further shows how these tools are employed by Australian Aboriginal playwrights, who exploit the lexical resources of AborE for the linguistic construction and assertion of their own and their characters’ Aboriginality.