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Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406

Tectum, Baden-Baden
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Christian Igelbrink Freundschaft, Herrschaft, Fehde Christian Igelbrink Freundschaft, Herrschaft, Fehde Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches Tectum Verlag Christian Igelbrink Freundschaft, Herrschaft, Fehde Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN: 978-3-8288-6740-6 (Dieses Buch ist zugleich in gedruckter Fassung unter der ISBn 978-3-8288-3951-9 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Baptism of Poland, Mural in Gniezno, Sgraffito 1970 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Baptism_of_Poland.Mural_ in_Gniezno.JPG) Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 1 Einleitung: Bewertungsdimensionen deutsch-polnischer Beziehungen im Mittelalter – Paradigmen der staatlichen Bilateralität vs. vormoderne Herrschaftsformen ................................. 7 2 Mieszko I. als Staatsgründer: Probleme und Potentiale der mediävistischen Forschung ............................................................. 13 3 Bemerkungen zur Quellenlage ........................................................ 23 4 Systematische Vorüberlegungen ..................................................... 25 4.1 Funktionsweisen vormoderner Herrschaft in der Ottonenzeit .................. 25 4.2 Das Repertoire symbolischer Handlungen bei der Bildung personaler Netzwerke, Konfliktsituationen und Herrschertreffen .............................. 27 5 Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen ........................................................................................ 35 5.1 Mieszko I. und Otto der Große ............................................................... 35 5.1.1 Mieszko I. als ‚amicus imperatoris’ (963 oder 966/967) ................ 35 5.1.2 Der Hoftag von Quedlinburg 973: Der Bruch zwischen Otto I. und Mieszko ................................................................................ 39 5.2 Die Beziehungen Mieszkos zu Otto II. und Otto III.: Die Huldigung gegenüber Heinrich dem Zänker auf dem Reichstag von Quedlinburg 984 .............................................................................. 46 5.3 Die Wiederherstellung des Status Quo: Mieszko I. und Otto III. zwischen 986 und 992 ............................................................................. 49 5.3.1 Vom Bruch mit Boleslav II. von Böhmen bis zur Huldigung gegenüber Otto III. 986 ............................................................... 49 5.3.2 Der Hoftag von Quedlinburg 986 ................................................ 54 5.3.3 Das Regest ‚Dagome Iudex’ (um 990) .......................................... 60 5.3.4 Der Konflikt mit Boleslav II. von Böhmen und die ottonischpiastischen Beziehungen um 990: Mieszko I. auf dem Hoftag von Quedlinburg 991 ................................................................... 64 6 Die Beziehungen Mieszkos I. zu den Großen des Reiches ................ 69 6.1 Mieszko in der Auseinandersetzung mit den sächsischen Markgrafen ....... 69 6.2 Die Abkehr von den Přemysliden und die Hinwendung zu Sachsen und dem Reich ........................................................................................ 76 7 Zwischen Freundschaft, Herrschaft und Fehde – Das Verhältnis Polens zum ottonischen Reich in der Herrschaftszeit Mieszkos I. ..... 81 7.1 Mieszko I. und die ottonischen Herrscher ................................................ 81 7.2 Mieszko I. und die Großen des Reiches .................................................... 87 8 Schluss: Zum Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen im 10. Jahrhundert ............................................................................. 91 9 Quellen- und Literaturverzeichnis .................................................. 97 9.1 Quelleneditionen ..................................................................................... 97 9.2 Forschungsliteratur .................................................................................. 99 7 ! " " Die Erfassung und Bewertung der Beziehungen zwischen dem ottonischen Reich und dem polnischen Herrschaftsraum unter der Herrschaft Mieszkos I. ist aus verschiedenen Gründen kein einfaches Unterfangen. Weil sich die deutsche Mediävistik in der ersten Hälfte des 20. Jh. allzu oft im Sinne nationaler und expansiver Ideologien hat instrumentalisieren lassen, wurde die Herausarbeitung geeigneter Kriterien für die Untersuchung der Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsträgern im Kontext mittelalterlicher Herrschaftsmechanismen nämlich durch nationalistisch eingetrübte Geschichtsbilder erheblich erschwert.1 Bis in die 1960er Jahre hinein bleiben sowohl die deutsche als auch die polnische Ostforschung weitgehend auf das Paradigma bilateraler Spannungen zwischen dem ‚deutschen Reich’ und dem sich im 10. Jh. konstituierenden ‚polnischen Staat’ beschränkt. Auf deutscher Seite war die Blickrichtung der Forschung demgemäß durch eine Mentalität gekennzeichnet, die die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen im Mittelalter auf den griffigen Terminus des ‚Deutschen Drangs nach Osten’ reduzierte, womit dem ottonischen Reich wie selbstverständlich die Rolle einer Ordnungsmacht zuerkannt worden ist, deren 1 Vgl. dazu die Überblicksarbeiten: Althoff, Gerd, Das Mittelalterbild der Deutschen vor und nach 1945. Eine Skizze, in: Heinig, Paul-Joachim u. a. (Hrsg.), Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Peter Moraw (Historische Forschungen, 67), Berlin 2000, S. 731-750 sowie besonders zur Ostpolitik: ders., Die Beurteilung der mittelalterlichen Ostpolitik als Paradigma für zeitgebundene Geschichtsbewertung, in: ders. (Hrsg.), Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, Darmstadt 1992, S. 147-164 sowie die einleitenden Bemerkungen bei: Lübke, Christian, Zwischen Polen und dem Reich. Elbslawen und Gentilreligion, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, 5), Berlin 2002, S. 91-110. 8 natürliches Ziel gewesen sei, die Christianisierung weiter nach Osten zu tragen, nicht zuletzt, um damit die Elbslawen in das lateinische Abendland einzugliedern und zivilisatorisch voranzubringen.2 Es lässt sich eine Fülle von Beispielen aus der älteren Ostforschung beibringen, um diese Tendenzen zu illustrieren, daher seien an dieser Stelle nur einige wenige prägnante Stellen aufgeführt. Nicht selten attestierte man den ottonischen Herrschern das großartige Verdienst, die deutschen Stämme geeint und damit der Begründung eines deutschen Reiches als Zentrum Europas Vorschub geleistet zu haben. Wilhelm Giesebrecht formuliert etwa in seiner berühmten ‚Geschichte der deutschen Kaiserzeit’: „Mitten in das Herz Europas verlegte Otto der Große den Sitz seines sächsisch-fränkischen Reiches, indem er die deutschen Stämme zuerst zu einem deutschen Volke verband. Dieses deutsche Volk wurde der Kern, das deutsche Land der Mittelpunkt des römischen Reiches deutscher Nation. Eine kolossale Feste inmitten Europas, schützte das deutsche Kaiserreich die gesamte germanisch-romanische Welt, die Hüterin einer höheren Gesittung im Abendlande […].“3 In dieser farbigen Darstellung Giesebrechts findet die Voraussetzung des deutschen ‚Drangs’ nach Osten deutlichen Niederschlag: Durch die zivilisatorische und staatliche Überlegenheit bilde das ottonische Reich die Ordnungsmacht Europas, nicht zuletzt, um das kulturelle Erbe der lateinischen Christenheit vor fremden Übergriffen zu sichern. Dass damit eine Abwertung gleichsam ‚unzivilisierter’ umliegender Völker und vor allem solcher des slawisch geprägten Ostens verbunden ist, verstärkt freilich noch ex negativo die beinahe chauvinistisch anmutende Bewertung der Stellung des Reiches im europäischen Rahmen. In die gleiche Richtung argumentiert auch Albert Brackmann, der einem 1933 erschienenen Aufsatz den treffenden Titel „Das mittelalterliche Deutschland als Vormacht Europas“ gibt.4 Viele der Arbeiten Brackmanns beruhen konzeptionell auf dem Gedanken, dass dem ottonischen Reich eine vorherrschende Rolle im gesamteuropäischen Kontext zukommt, tatsächlich sind auch seine Auseinandersetzungen mit der polnischen Mediävistik durch diese Ansicht gekennzeichnet. Als 1942 ein Sammelband zum 70. Geburtstag Brackmanns veröffentlicht wurde, war dies ein willkommener Anlass, geneigte deutsche Mediävisten zur Lieferung entsprechend ausgerichteter Beiträge aufzufordern. In dem vom nicht minder prominenten Hermann Aubin publizierten Sammelband finden sich demgemäß auch viele Arbeiten, die nicht nur das Bild der europäischen Ordnungsmacht transportieren, sondern die da- 2 Vgl. Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, in: Reuter, Timothy (Hrsg.), The New Cambrige Medieval History, Bd. 3, c. 900 - c. 1024, Cambridge 1999, S. 267-292, hier bes. S. 278ff. 3 Giesebrecht, Wilhelm von, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 6 Bde., Braunschweig/Leipzig 1929-1930, hier Bd. 2, S. 3. 4 Brackmann, Albert, Das mittelalterliche Deutschland als Vormacht Europas, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Köln/Graz 21967, S. 3-24. 9 raus resultierende Ostpolitik in nationalistischer und rassistischer Weise ideologisieren. Otto Reche z. B. charakterisiert die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen so: „Das Großdeutsche Reich hat das Westslawentum nun endgültig in seine Obhut genommen. Damit gewinnt auch die Frage nach dem rassischen Bestand dieser Völker für uns ein erhöhtes Interesse, denn wir müssen uns darüber klar werden, was wir an rassischen Werten vor uns haben, schon weil sonst ein wirklich sinnvoller Einsatz nicht möglich ist, vor allem aber, um die notwendige biologische Grenze gegen die uns rassischen fern stehenden Elemente ziehen zu können, die sich zahlreich genug im Slawentum finden.“5 Zwar wäre es übereilt, die deutsche Mediävistik per se zum Zweig expansionistischer Propaganda zu degradieren, doch gerade dieser Vorgang der Nationalisierung und Ideologisierung rassistischen Gepräges markiert deutlich die Anfälligkeit der Ostforschung für wissenschaftsfernes und methodisch ungeeignetes Gedankengut. Auch andere namhafte Historiker wie der erwähnte Hermann Aubin oder Karl Hampe haben mit ihren Argumentationen den Weg nationalistischer Einseitigkeit beschritten und sind damit für eine den Strukturen mittelalterlicher Herrschaft entsprechende Bewertung deutsch-polnischer Beziehungen in der Ottonenzeit nicht nur unzeitgemäß, sondern auch in hohem Maße irreführend.6 Auf polnischer Seite indes fand man besonders angesichts des aggressiven Expansionismus der Nationalsozialisten im Modell mittelalterlicher deutscher Ostexpansion einen geeigneten Katalysator, eine vermeintlich genuine deutsche Aggressivität auf der einen und damit einen entsprechend schon im Mittelalter provozierten Abwehrkampf der Polen auf der anderen Seite scheinbar wissenschaftlich profund zu begründen. Wolfgang Wippermann bietet in seiner kompakten Monographie zum ‚Deutschen Drang nach Osten’ einen Überblick über die deutsche und sowjetische Forschungsgeschichte und verweist dabei besonders auf die politische Brisanz, die dem wissenschaftlichen Dialog und der gesellschaftlichen Interpretation mediävistischer Forschungsergebnisse auf beiden Seiten eignete.7 Tatsächlich führte die argumentative Ausrichtung des Großteils der 5 Reche, Otto, Stärke und Herkunft des Anteiles nordischer Rasse bei den West-Slawen, in: Aubin, Hermann/Brunner, Otto/Kohte, Wolfgang/Papritz, Johannes (Hrsg.), Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg, Bd. 1 (Deutschland und der Osten, 20), Leipzig 1942, S. 58-59, hier S. 58. Vgl. dazu die Bemerkungen bei: Althoff, Die Beurteilung der mittelalterlichen Ostpolitik als Paradigma für zeitgebundene Geschichtsbewertung, S. 154. 6 Vgl. etwa die entsprechend einseitig gestalteten Arbeiten bei Aubin, Hermann, Der deutsche Osten und das Abendland – Eine Aufsatzreihe, München 1953; ders., Die Ostgrenze des alten Deutschen Reiches: Entstehung und staatsrechtlicher Charakter, Darmstadt 1959; ders., Otto der Große und die Erneuerung des abendländischen Kaisertums im Jahre 962, Göttingen 1962; ders., Zur Erforschung der deutschen Ostbewegung, in: DALV 1 (1937), S. 37- 70, S. 309-331, S. 562-602. 7 Wippermann, Wolfgang, Der ‚Deutsche Drang’ nach Osten. Ideologie und Wirklichkeit eines politischen Schlagwortes, Darmstadt 1981, hier v.a. S. 38-47 sowie S. 48-58 mit einem Überblick über die Forschung auf deutscher bzw. slavisch-sowjetischer Seite. 10 polnischen Mediävistik zu einer Haltung, die ebenso sach- und wissenschaftsfremd war wie auf der deutschen Seite. Der Historiker Kosminskij kam 1945 z. B. zu der Überzeugung, Polen habe sich nicht energisch genug gegen den deutschen ‚Drang’ nach Osten gerichtet, dementsprechend sei die im Anschluss des Zweiten Weltkrieges zu fordernde Westverschiebung der polnischen Grenze unumgänglich gewesen.8 Kosminskijs Argumentation mutet dabei kaum zufällig wie ein komplementäres Spiegelbild zu den Argumentationsmechanismen auf deutscher Seite an, wenn er den Gedanken der deutschen Expansion über die Epoche des Mittelalters transzendiert und damit für aktuelle politische Entwicklungen nutzbar macht. Mit deutlichen Worten bestimmt er das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen im Mittelalter als „Eroberung der slawischen Gebiete […], von einer Versklavung und massenweisen Ausrottung der sich verzweifelt wehrenden einheimischen Bevölkerung begleitet.“9 Ohne an dieser Stelle das interessante und schon viel bearbeitete Feld der mittelalterlichen Ostpolitik aus der Perspektive der Geschichtsbildkritik weiterzuverfolgen, sollen diese knappen Ausführungen genügen, um die Brisanz zu verdeutlichen, die sich sowohl im gesellschaftlichen Gesamtdiskurs, aber auch in der mediävistischen Spezialdiskussion mit dem Thema mittelalterlicher Ostbeziehungen verbindet. Symptomatisch für diese Brisanz ist dabei nicht nur die Funktionalisierung genehmer Geschichtsbilder, sondern auch die methodische Konfusion historischer Befunde. Es ist ja nicht etwa so, dass das Land der Elbslawen, aber auch weitere Teile des europäischen Ostraumes nicht von Errungenschaften deutscher Siedler profitierten, die man durchaus als kulturell oder zivilisatorisch bezeichnen könnte. Die Gründung von Städten nach deutschem Recht, das Vorantreiben der Christianisierung oder die Einführung agrarwirtschaftlicher Techniken brachten unbestreitbar die Entwicklung der Elbslawen voran.10 Obwohl die Vorgänge deutscher Ostsiedlung für die Entwicklung der elbslawischen Räume nicht zu unterschätzen sind und als historische Befunde hinreichend zur Kenntnis genommen werden müssen, besteht die methodische Konfusion der älteren Forschung sowohl auf polnischer als auch auf deutscher 8 Vgl. Kosminskij, Evgenij Alekseevic (Hrsg.), Istorija srednich vekov, Moskau 1952 (Übersetzung: Kosminskij, Evgenij Alekseevic, Geschichte des Mittelalters, Leipzig 1948, hier S. 154- 156.) 9 Ebd., S. 156. 10 Vgl. dazu etwa: Stadtmüller, Georg, Geschichtliche Ostkunde. Abriß der Geschichte des deutschen und europäischen Ostens, München/Stuttgart 1959, S. 42f.; Seibt, Ferdinand, Die Deutsche Siedlung im Osten – Kulturbringer zwischen Oder, Pregel und Pepus-See, in: Engel, Hans-Ulrich (Hrsg.) Deutsche unterwegs. Von der mittelalterlichen Ostsiedlung bis zur Vertreibung im 20. Jahrhundert, München 1983, S. 12-41; des Weiteren auch die zahlreichen Quellen etwa zu den Stadtgründungen in: Urkunden und erzählende Quellen zur deutschen Ostsiedlung im Mittelalter, hrsg. von Hebert Helbig und Lorenz Weinrich. Zweiter Teil: Schlesien, Polen, Böhmen-Mähren, Österreich, Ungarn-Siebenbürgen (FSGA 36b), Darmstadt 1970. 11 Seite vor allem darin, auch diese Vorgänge mittelalterlicher Ostsiedlung aus nationaler oder staatlicher Perspektive zu beurteilen. Tatsächlich trübt sich so auch der Blick auf die deutsch-polnischen Beziehungen, wenn Paradigmen deutscher Überlegenheit oder polnischer Verteidigungsnot die eigentlichen Interaktionsmechanismen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsträgern im Mittelalter mit Anachronismen überlagern. Sowohl die deutsche als auch die polnische Forschung gehen aber wohl mit Recht davon aus, dass die Genese Polens als politische Einheit im Rahmen eines fürstlich organisierten Herrschaftsverbandes im 10. Jh. stattgefunden hat, womit überkommene Prinzipien der gentilen, nach Stämmen gegliederten Herrschaft überwunden wurden.11 Als die bestimmende Figur der Entwicklung von einer regionalistisch geprägten Stammesvielzahl hin zu einem Fürstenstaat als integrativer Klammer wird in der Regel Mieszko I. als erster historisch fassbarer Fürst Polens genannt. Zwar erscheint dieser in der deutschen Forschung eher als Randfigur, doch die Popularität, die die Beschäftigung mit seiner Person in der polnischen Historikerzunft genießt, deutet auf die immense Bedeutung hin, die Mieszko als ‚Staatsgründer’ beigemessen wird.12 Nicht selten ist hierbei sowohl auf polnischer als auch deutscher Seite von einem „straff geführten Staat“ die Rede, wobei als herausragende Verdienste Mieszkos die Bekennung zum Christentum 966, die Ausweitung seines Herrschaftsgebietes nach Norden und Osten oder die Errichtung eines Bistums in Posen genannt werden.13 Obgleich diese Ereignisse zwar von größter Wichtigkeit für die Entstehung eines sozusagen supra-gentilen polnischen Herrschaftsverbandes sind, sollte man Begriffe wie ‚Staatsbildung’ doch nur mit aller Vorsicht auf die eben genannten Ereignisse anwenden. Aus diesen knappen einleitenden Worten ist nun zu folgern, dass die Angriffspunkte zur Beschreibung der deutsch-polnischen Beziehungen sich von Voreingenommenheiten befreien müssen, und dass der Historiker heutzutage ausschließlich auf aktuelle Befunde zu den Funktionsweisen mittelalterlicher Herrschaft als Ausgangspunkt der Argumentation rekurrieren darf, um seine Ergebnisse nicht durch vorschnelle Urteile deutsch-polnischer Rivalität oder der Annahme ‚internationaler Beziehungen’ (Lübke) zu gefährden. Ziel der vorliegenden Arbeit ist mithin, die jeweiligen Beziehungen des piastischen Herrschers 11 Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, Darmstadt 1965, S.1ff.; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa, Köln u. a. 1971, S. 5f. 12 Vgl. z. B. Banaszkiewicz, Jacek, Mieszko I i władcy jego epoki, in: Piskorski, Jan M. (Hrsg.), Polska Mieszka I. W tysiaclecie smierci tworcy panstwa i Kosciola polskiego, Poznan 1993, S. 89-110; Strzelczyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts. Opionions and Interpretations, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 98-143. Hier eine Fülle weiterer Literatur der polnischen Forschung zu Miesko I. und Bolesław Chrobry. 13 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 7. 12 Mieszko I. zu den Herrschaftsakteuren im ottonischen Reich zu untersuchen, wobei die Dimensionen und Formen seiner Einbindung in den ottonischen Herrschaftsverband besonderes Augenmerk verdienen. Freilich bieten sich zur Beurteilung dieser Beziehungen gerade solche Ereignisse an, in denen ottonische Herrscher oder Große des Reiches direkt auf den polnischen Fürsten treffen oder solche Vorgänge, die die Aktivierung personaler Netzwerke erfordern, also z. B. Konfliktzeiten. Weitergehendes Interesse verdienen die dabei verwendeten Elemente symbolischer Kommunikation, die vor allem in vormodernen Gesellschaften die Funktion der Festlegung und Sicherung von Herrschafts- und personalen Verhältnissen erfüllen. Möglichst unvoreingenommen sollen dabei die Formen der Interaktion und Integration Mieszkos I. im Hinblick auf seine Bindungen an die ottonischen Könige (Kapitel 5), aber auch im Hinblick auf ihre Kontakte zum Reichsadel (vor allem zum sächsischen Adel) (Kapitel 6) herausgearbeitet und bewertet werden. Dass als vornehmliche Beurteilungsgröße dieser Beziehungen nur das Verhältnis der Akteure auf der Ebene der Personalität bzw. Gruppenbindung in Frage kommen kann, haben wir oben bereits erläutert. Die Einzelheiten dieser personalen Bindungen sowie die Formen ihrer Veränderungen (von Otto I. bis Otto III.) gilt es schließlich systematisch zu bewerten und einem diachronen Vergleich zu unterziehen (Kapitel 7). Um diese Ziele zu erreichen, sind nachfolgend einige Vorbemerkungen nötig, nämlich einerseits zum aktuellen Stand mediävistischer Forschung in Bezug auf das Entstehen des polnischen Herrschaftsverbandes und die Rolle Mieszkos I. in diesem Zusammenhang (Kapitel 2) sowie zweitens zur Quellenlage und den damit verbundenen interpretatorischen Besonderheiten (Kapitel 3). Außerdem ist dem analytischen Teil ein kurzer methodischer Teil vorzuschalten, um, ausgehend von den Befunden des Forschungsstandes, die Funktionsprinzipien mittelalterlicher Herrschaft klarzulegen, wobei die in der Adelsgesellschaft genutzten Formen symbolischer Kommunikation in Friedens- und auch Konfliktzeiten besonderes Interesse verdienen (Kapitel 4). 13 # $ % & ' ( Als erster historisch greifbarer Fürst der Polanen wird Mieszko I. vor allem in der polnischen Mediävistik als eine Art Staatsgründer angesehen. Obgleich die Quellenbasis zu den Verhältnissen in Polen zur Mitte des 10. Jahrhunderts relativ dünn ist, lassen sich dennoch Indizien dafür anführen, dass Mieszko die gentile Organisation und politische Zersplitterungen der ‚Polanen’ überwunden und durch Herrschaftsmechanismen eines Fürstenstaates ersetzt hat. Obgleich unklar ist, inwieweit es sich dabei um die Einung eines bestimmten (postulierten) Stammes der Polanen gehandelt hat, ist seit dem Anfang des 10. Jahrhunderts in jedem Fall eine Integration und administrative Straffung der ‚älteren gesellschaftlichen Segmente’ im Raum östlich der Oder festzustellen.14 Der Reisebericht des jüdischen Kaufmanns Ibrahim ibn Ya’qub enthält einige aufschlussreiche Bemerkungen über die Grundlagen der Gründung des polnischen Herrschaftsverbandes: „Was nun das Land des Mescheqqo [Mieszko] anlangt, so ist es das ausgedehnteste ihrer [der Slawen] Länder, und es ist reich an Getreide, Fleisch, Honig und Fischen. Er zieht die Abgaben in Marktmünzen ein, und dieses bildet den Unterhalt seiner Mannen; in jedem Monat bekommt er eine bestimme Summe davon. Er hat dreitausend Gepanzerte, und das sind Krieger, von denen Hundert Zehntausend andere aufwiegen. Er gibt den Mannen Kleider, Rosse, Waffen, und alles was sie brauchen.“15 Da die Darstellungen des Ibrahim in der Quellenkritik trotz einiger fiktiver Einsprengsel als durchaus verlässlich angesehen werden,16 kann man aus den zitierten Bemerkungen wohl ableiten, dass die 14 Lübke, Christian, Das östliche Europa (Die Deutschen und das Europäische Mittelalter), München 2004, S. 185. Vgl. zu den archäologischen Zeugnissen dieses Einigungsprozesses: Kara, Michał, Anfänge der Bildung des Piastenstaates im Lichte neuer archäologischer Ermittlungen, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 57-85. 15 Ibrahim Ibn Ya’qub, Reise von Magdeburg nach Prag, in: Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert, übers. von Georg Jacob, Berlin/Leipzig 1927. 16 Vgl. dazu: Engels, Peter, Der Reisebericht des Ibrahim ibn Ya'qub (961/966), in: Euw, Anton von/Schreiner, Peter (Hrsg.), Kaiserin Theophanu, Begegnung des Ostens und Westens 14 gentile Organisation der Polanen durch Mieszko überwunden und durch fürstliche Herrschaftsformen ersetzt wurde, was die Erhebung von Steuern oder die Gestellung und Ausrüstung von Panzerreitern umfasst. Gleichwohl sollte man vorsichtig sein, in diesen Beschreibungen bereits die Ausbildung eines funktionierenden Feudal- oder sogar Staatswesens zu erblicken. Lübke weist in diesem Zusammenhang nämlich darauf hin, dass die Mehrzahl der Krieger aus dem Ausland stammte und nicht über vasallitische Abhängigkeiten, sondern über die Zahlung von Sold an Mieszko gebunden war. Gerade deswegen wurde eine rasche Ausbreitung der bei Ibrahim erwähnten Geldwirtschaft umso nötiger.17 Da nun die Geldwirtschaft im Polen des 10. Jh. noch weit weniger entwickelt war als es der Bericht des jüdischen Reisenden nahelegen könnte, bedurfte es zahlreicher Kriegszüge, um die Kasse der Krieger in Diensten des Fürsten aufzubessern. Eine Expansion des polnischen Herrschaftsraumes erfolgte somit nicht unwesentlich aufgrund ökonomischer Erwägungen. Nichtsdestoweniger ist diese Expansion eine der wesentlichen Leistungen Mieszkos im Verlauf des 10. Jh., so dass man nicht fehl darin gehen wird, sowohl den Ausbau fürstlicher Herrschaftsstrukturen (Panzerreiter, Steuerwesen) als auch die territoriale Ausdehnung als erste Schritte der Gründung und Konsolidierung des polnischen Herrschaftsverbandes anzusehen.18 Besonders durch die territoriale Expansion nach Westen und Nordwesten in das Gebiet der Marken hinein ergeben sich indes erste Berührungspunkte mit dem sächsischen Feudaladel, vor allem mit dem Billunger Wichmann. Gerade in der älteren Forschung sind die Beziehungen Mieszkos I. zum Reich bereits Gegenstand umfangreicher Kontroversen gewesen. Albert Brackmann z. B. plädierte dezidiert für die Annahme eines vasallitischen Abhängigkeitsverhältnisses Mieszkos zu Otto dem Großen seit dem Jahr 963, und konterkarierte damit bewusst die Argumentation des polnischen Historikers Jedlicki, der lediglich für die Annahme eines zunächst tributären und später freundschaftlichen Verhältnisses, nicht aber für die These einer frühen Lehnsabhängigkeit optierte.19 Obgleich diese Forschungsdiskussion mittlerweile insofern obsolet geworden ist, als nachgewiesen werden konnte, dass die vermeintliche Unterwerfung Mieszkos in Folge der Auseinandersetzungen mit Markgraf Gero auf einer fehlerhaften Rezeption der Ausführungen Widukinds von Corvey zum Konflikt um die Wende des ersten Jahrtausends, Bd. 1, Köln 1991, S. 413-422, hier bes. S. 415. Vgl. zur Qualität der Darstellungen Ibrahims auch: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 180f. 17 Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 187. 18 So auch Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 9. 19 Vgl. zu dieser Diskussion: Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 29), Berlin 1933; vgl. die Erwiderung: Jedlicki, Marayan Z., Die Anfänge des polnischen Staates. Erwiderung, in: HZ 152 (1935), S. 519-529; dazu neuerlich: Brackmann, Albert, Reichspolitik und Ostpolitik im frühen Mittelalter, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Darmstadt 21967, S. 188-210. 15 Mieszkos mit Wichmann20 durch Thietmar von Merseburg21 basiert und somit in den Bereich der Fiktion zu verweisen ist,22 bietet es sich an dieser Stelle dennoch an, den entsprechenden Disput in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, um auf einige methodische Besonderheiten der polnisch-deutschen Beziehungsforschung zu verweisen, die im Allgemeinen bereits in der Einleitung angeklungen sind: Vor allem die Ansichten Brackmanns sind von der Annahme geleitet, es handele sich beim ottonischen Reich und dem soeben im Entstehen begriffenen polnischen Herrschaftsverband um zwei souveräne ‚Territorialmächte’, denen es um die Regelung ihrer bilateralen Beziehungen ginge.23 Da Brackmann allerdings als Fundament seiner Argumentation auf dieses nachweislich problematische Paradigma territorialer (und auch rechtlicher) Staatlichkeit rekurrierte, hat dies Konsequenzen für die Konsistenz seiner Schlussfolgerungen. Der erste Fehler besteht darin, durch die Annahme zweier souveräner Staaten die eigentlichen Bezugspunkte mittelalterlicher Politik nicht ausreichend zu würdigen, nämlich die Herrschaftsakteure selbst. Daher ist etwa die Meinung, die Unterwerfung Mieszkos gegenüber Otto III. 98624 lediglich als Erneuerung eines bereits 963 geschlossenen Lehnsverhältnisses zum Reich anzusehen, höchst fraglich. Damit wird auch der zweite Fehler in Brackmanns Argumentation klar: Er vermischt die Begegnungen unterschiedlicher Akteure zu verschiedenen Zeiten und in jeweils anders gearteten Zusammenhängen in unzulässiger Weise. Man muss nämlich vorsichtig sein, von der Annahme eines Lehnsverhältnisses zwischen Polen und dem Reich, das vermeintlich 963 zwischen Otto I. und Mieszko geschlossen worden ist, und das im Lichte der neueren mediävistischen Forschung offenbar in der Tat keinen historischen Hintergrund hatte,25 vorschnell auf die Beziehungen Ottos III. und Mieszko im Jahr 986 zu schließen. So fällt es Brackmann auch entsprechend schwer, quellenmäßige Evidenzen beizubringen, die die Existenz einer vordringlich herrschaftlich-vasallitischen Abhängigkeit Mieszkos schon für das Jahr 963 belegen: „Dazu ist zu sagen, dass das häufige Erscheinen der polnischen Fürsten auf den Reichstagen ebenso wie die Bezeichnung ‚amicus imperatoris’ natürlich nicht ohne weiteres das Bestehen eines Lehnsverhältnisses beweist, aber auch nicht dagegen spricht.“26 Da also zunächst einmal der Nachweis zu erbringen wäre, dass überhaupt ein Lehnsverhältnis zwischen Otto I. und Mieszko I. bestanden hat, kann eine solche Bemer- 20 Widukind von Corvey, Res Gestae Saxonicae, III, 66-68. 21 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14. 22 Vgl. dazu Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, hier bes. S. 286. 23 Vgl. Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates, S. 3: „Jedlicki reiht die Polen für die Zeit des ausgehenden 10. Jahrhunderts noch unter die noch nicht konsolidierten Territorialmächte von niedrigerer Zivilisation ein […].“ 24 Siehe Kapitel 5.3.2 dieser Arbeit. 25 Siehe Kapitel 5.1.1. 26 Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates, S. 4. 16 kung, in der lediglich konzediert wird, dass das Erscheinen auf Reichstagen nicht ‚dagegen spricht’, wohl kaum überzeugen – die bloße Möglichkeit einer Lehnsbeziehung beweist ja noch nicht ihre Existenz. In der Tat vermag Brackmann auch nur anzubringen, dass Bolesław I., nicht aber sein Vater Mieszko bei Thietmar als ‚miles’ bezeichnet wird, also mit dem Terminus, den Thietmar stets für Vasallen benutzt. Daher monierte Jedlicki auch mit vollem Recht die Vorgehensweise Brackmanns in seiner Replik: „Zum Beweise hierfür [für die Vasallität Mieszkos] zitiert Prof. Brackmann die Texte VII, c. 31 und VII, c. 30 aus der Chronik Thietmars, in welcher er Bolesław Chrobry und Mieszko II. als miles bezeichnet. Dieser Einwand kann, meiner Ansicht nach, nur auf einem Mißverständnis beruhen. […] [In] meiner Arbeit stellte ich doch ausdrücklich fest, dass ich mich nur mit den Verhältnissen zwischen Kaisertum und Polen vor [sic!] dem Jahre 1000 befasse. Beide von Prof. Brackmann zitierten Stellen sprechen dagegen von Tatsachen nach dem Jahre 1000 […].“27 Da Brackmann lediglich in der Lage war, Belege für die Existenz einer Lehnsabhängigkeit im 11. Jahrhundert bei Thietmar aufzufinden, muss seine Meinung, diese Befunde gelten auch für das 10. Jahrhundert, schon Anlass zu einer erheblichen Skepsis geben. Sowohl in der älteren als auch in der modernen Forschung bleibt daher zwar die Ansicht, dass Mieszko durch das Aufeinandertreffen mit den Sachsen und den Ottonen dazu gezwungen wurde, neue politische Strategien im Hinblick auf die Beziehungen zum Reich zu präferieren, ihrer Gültigkeit unbenommen. So erscheint auch Lübkes These, Mieszko habe bewusst die Oberherrschaft des Reiches in den Slawengebieten westlich der Oder akzeptiert, durchaus plausibel.28 Dass damit nun allerdings besondere und verschiedenartige Formen der Abhängigkeit sowie vielfältige Kontakte zwischen Piasten und Ottonen geknüpft wurden, bedarf wohl kaum der besonderen Erwähnung.29 Hat sich anhand dieses exemplarisch rekapitulierten Disputs der älteren Forschung schon zeigen lassen, dass vorschnelle und quellenmäßig schwach fundierte Schlussfolgerungen neutrale Bewertungen zum Zustand deutsch-polnischer Beziehungen im 10. Jh. erheblich erschweren, so ist freilich auch die moderne Forschung nicht immer vor Voreingenommenheiten und dadurch getrübten methodischen Zugängen und Urteilen gefeit. Auch moderne Forschungsarbeiten greifen die Annahmen von Staatlichkeit und bilateraler Außenpolitik durchaus auf.30 Die Besonderheiten vormoderner, ottonischer Königsherrschaft haben offenbar sogar eine hervorragende Grundlage geliefert, nationale Antagonismen zwischen dem Reich und Polen zu begründen. Die Analysen von Graus oder die Beiträge von Bardach, Labuda oder Manteuffel, die im Rahmen einer Warschau- 27 Jedlicki, Marayan Z., Die Anfänge des polnischen Staates. Erwiderung, S. 519. 28 Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 189. 29 Siehe dazu im Einzelnen Kapitel 5.1. 30 So z. B. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, hier S. 3ff. 17 er Tagung 1965 gehalten wurden, verweisen nämlich univok auf die massiven Unterschiede, die zwischen den gleichsam vorstaatlichen Herrschaftselementen des Liudolfinger-Reiches und den straff organisierten Fürstenstaaten der Přemysliden oder Piasten bestanden haben.31 Sie verkehren damit gleichsam die Blickrichtung nationalstaatlicher Überlegenheit von Osten nach Westen. Indessen verweisen namhafte Exponenten der Ostforschung wie Herbert Ludat angesichts solcher Anschauungen nationaler Antagonismen auch auf die Notwendigkeit, von den überkommenen Denkmustern nationaler Bilateralität abzurücken und damit die Bewertung der deutsch-polnischen Beziehungen von ‚Dogmen’ zu befreien.32 Zwar hat die zumindest partielle Abkehr von staatlichen Paradigmen in der Wissenschaft zu einer stärkeren Berücksichtigung der exponierten Akteure deutsch-polnischer Beziehungen geführt. Interessant ist aber, dass Mieszko in der polnischen Forschung trotzdem immer wieder als Staatsgründer gesehen wird, und dass demgemäß die monographischen Untersuchungen zu seiner Person immer noch sehr von diesem Paradigma der Staatlichkeit und Außenpolitk getragen werden.33 Daher ist die Methodik in Sonderheit der polnischen Forschung auch oftmals noch dadurch gekennzeichnet, sich weitgehend einseitig auf ‚ihren’ großen Staatengründer Mieszko I. zu konzentrieren, ohne seine vielfältigen Beziehungen zum Reich angemessen, d. h. differenziert zur Kenntnis zu nehmen. Gleichwohl ist in jüngster Zeit mit vollem Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass man trotz der bisherigen wissenschaftlichen Bemühungen immer noch recht wenig über die personengeschichtlichen Hintergründe des ersten Piasten weiß: „It remains a fact that the life and reign of the historical and Christian Polanian (Polish) ruler are conceived in a highly imperfect manner.“34 Dabei hat die Forschung bereits in den 1970er Jahren durch das eben erwähnte Werk ‚An Elbe und Oder um das Jahr 1000’ von Herbert Ludat entsprechende Impulse erhalten, personale Beziehungsgeflechte zwischen 31 Graus, Frantisek, Die Entstehung der mittelalterlichen Staaten in Europa, in: Historica 10 (1965), S. 5-65; Bardach, Juliusz, Historia panstwa i prawa Polski, Warszawa 21965. Vgl. auch den Sammelband zur Warschauer Tagung 1965: Manteuffel, Tadeusz/Gieyzstor, Aleksander (Hrsg.), L’Europe aux IXe-XIe siècles, Warszawa 1968; Labuda, Gerard, Der „Akt von Gnesen“ vom Jahre 1000. Bericht über die Forschungsvorhaben und -ergebnisse, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 145-188. 32 Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa, Köln u. a. 21995, S. 69. 33 Vgl. z. B.: Zakrzewski, Stanisław, Mieszko I jako budowniczy panstwa polskiego, Warzawa 1921; Grabski, Andrzej F., Mieszko I, ok. 932-992, Warszawa 1973; Piskorski, Jan M., Polska Mieszka I. W tysiaclecie smierci tworcy panstwa i Kosciola polskiegi, Poznan 1993. 34 Strzelczyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts. Opinions and Interpretations, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 98-143, S. 101. In der Vorgehensweise der Berücksichtigung personaler Beziehungen im Kontext feudaler Herrschaftspraxis sind auch andere Arbeiten Strzelczyks zu nennen, z. B.: ders., Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, Bd. 5), Berlin 2002, S. 43-59. 18 dem Reich und Polen stärker in den Mittelpunkt zu rücken und abseits von (national)staatlichen Paradigmen möglichst neutral zu beschreiben.35 Seit den späten 1990er Jahren haben Exponenten der mediävistischen Zunft zwar zunehmend die Abkehr von bilateral bzw. staatlich orientierten Bewertungsmustern vollzogen und – wie in der Einleitung betont – die deutsch-polnischen Beziehungen vor dem Hintergrund der Funktionsmechanismen von Politik und Herrschaft in der Ottonenzeit bewertet. Zu nennen sind hier etwa die Zugänge Knut Görichs, der methodisch Herbert Ludat bei seiner Bewertung der ‚Polenkriege’ nicht fern steht, oder aber die Arbeiten, die im Umfeld der Tagung zum 1000-jährigen Jubiläum des Aktes von Gnesen entstanden sind, wie z. B. Gerd Althoffs Untersuchung des Aktes von Gnesen vor dem Hintergrund symbolischer Kommunikation zwischen Piasten und Ottonen.36 Auf polnischer Seite hat man aber erst in jüngerer Zeit wieder darauf hingewiesen, dass die Kenntnisse der politischen und persönlichen Hintergründe zu Mieszko I. trotz früherer Anstrengungen überaus begrenzt seien, und so ist die 2005 erschienene Arbeit ‚The First Two Historical Piasts’ von Jerzy Strzelczyk, aus der das obige Zitat stammt, umso höher einzuschätzen, da diese endlich auch die Beziehungsgeflechte des ersten Piasten zum Reich differenzierter in den Blick nimmt und damit die Zugriffe zur Untersuchung seiner Person anhand zeitgemäßer historischer Methodik aktualisiert. Auch seine Arbeit ‚Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000’ ist besonders hervorhebenswert, da sie als einer der bislang besten Beiträge zur angemessenen Beschreibung und Bewertung der deutsch-polnischen Beziehungen gesehen werden kann, selbst wenn die spezifischen Beziehungen Mieszkos I. zu den Ottonen und den Böhmen hier eher kursorisch abgehandelt werden. Anhand der vorausgegangenen Bermerkungen sollte schon deutlich geworden sein, dass sich der Autor der vorliegenden Arbeit den Ansätzen Strelczyks und Ludats verpflichtet fühlt. M. E. sind nämlich sowohl Ansätze der Personenund Beziehungsforschung als auch Methoden der Konflikt- und Ritualforschung angesichts der Funktionsmechanismen von Herrschaft im mittelalterlichen Personenverband37 weitaus besser geeignet, die deutsch-polnischen Beziehungen zur Zeit Mieszkos I. zu bewerten als Zugriffe staatlicher oder internationaler Politik, 35 Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 33ff. bzw. S. 67ff. Vgl. zur Bedeutung von Ludats Arbeit auch: Zernack, Klaus, Deutsch-polnische Beziehungen aus deutscher Sicht, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, 5), Berlin 2002, S. 29-42, hier S. 38. 36 Görich, Knut, Eine Wende im Osten. Heinrich II. und Boleslaw Chrobry, in: Schneidmüller, Bernd/Weinfurter, Stefan (Hrsg.), Otto III. – Heinrich II. Eine Wende im Osten?, Stuttgart 21997, S. 95-169; Althoff, Gerd, Symbolische Kommunikation zwischen Piasten und Ottonen, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, 5), Berlin 2002, S. 293-309. 37 Vgl. dazu Kapitel 4.1 dieser Arbeit. 19 die sowohl auf deutscher als auch polnischer Seite früher verfolgt worden sind. Sicher wäre es vorschnell, der polnischen Forschung per se eine gleichsam national-staatlich gefärbte Präfiguration ihrer Methoden zu unterstellen, doch erscheint mir angesichts der oben kursorisch aufgezeigten Entwicklungen auch in der modernen Zeit die Forschung immer noch zu sehr durch den sozusagen archimedischen Punkt der Staatengründung und Nationenbildung Polens und einer daraus abgeleiteten Bilateralität mit eher neuzeitlichen, kaum mittelalterlichen Charakteristiken geprägt zu sein. Daher sei an dieser Stelle die Notwendigkeit betont, Mieszko I. in erster Linie als Akteur der feudalen Adelsgesellschaft und nicht als Staatsmann, Diplomaten oder Außenpolitiker aufzufassen. Nun stellt sich angesichts dieser Feststellungen in Bezug auf die Abkehr von nationalistischen Dogmen und der notwendigen Kenntnisnahme der Strukturen liudolfingischer Herrschaft freilich die Frage, inwieweit diese Befunde der Forschung für die Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsakteuren praktisch applikabel sind. Häufig ist etwa die Frage gestellt worden, ob sich das Verhältnis der Elbslawen zu den Ottonen als eine Eroberung durch die Kräfte des Reiches darstellt, oder ob die Slawen in die Reichsstrukturen inkorporiert werden sollten.38 Althoff kommt in Bezug auf die zweite Frage zu einem sicher zutreffenden Ergebnis: „The only thing we do not hear of explicitly in the narrative sources is any plan to incorporate the Elbe Slavs into the Ottonian Reich […].“39 Angesichts dieses Ergebnisses wird man die Option einer geplanten Inkorporation der Elbslawen wohl fallen lassen müssen. Die einzige Möglichkeit, die Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsakteuren zeitgemäß herauszuarbeiten und zu bewerten, ist also nur anhand jeweiliger Einzelfälle möglich. Sinnvoll erscheint weder die Annahme eines prospektiven Plans der Ottonen, die Elbslawen langfristig in das Reich zu integrieren, noch die Annahme, Konflikte zwischen Piasten und Ottonen seien aus staatlichen Antagonismen entstanden. Das einzige Paradigma, das in der überaus langen und wechselvollen Forschungsgeschichte Bestand zu haben scheint, ist der Versuch der piastischen Herrscher – und hier vor allem Mieszkos I. und sodann Bolesławs Chrobry –, ihren eigenen Herrschaftsverband mit möglichst umfassenden Eigenrechten (Regalrechte, Investiturrechte) auszubauen und damit als eigenständigen Machtbereich zu konsolidieren. Für die Annahme dieser These lassen sich zahlreiche Beispiele sowohl aus der polnischen als auch deutschen Mediävistik beibringen.40 Jedoch steht wohl außer Frage, dass entsprechende 38 So z. B. Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 278f. 39 Ebd., S. 284. 40 Vgl. z. B.: Poleski, Jacek, Little Poland in the Year 1000, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 29-55; der eben erwähnte Beitrag von: Strzelczyk, Jerzy The First Two Historical Piasts. Opinions and Interpretations, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 98- 143; Jasinski, Tomasz, Die Konsolidierung des ältesten polnischen Staates um 940, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 88-98; Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, bes. S. 5ff. 20 Strategien der Piastenfürsten nur unter der Voraussetzung realisiert werden konnten, dass ihre Beziehungen zu den ottonischen Herrschaftsakteuren überhaupt eine Vermehrung entsprechender politischer Kompetenzen erlaubten. Gerade deswegen wird man auch fragen müssen, in welchen Formen Mieszko die Kontakte zum hohen Reichsadel realisierte, und inwieweit angestrebte politische Strategien im politischen Kräftefeld umsetzbar waren oder nicht. Wie in der Einleitung betont bilden gerade Ereignisse, bei denen Mieszko und Große des Reiches direkt aufeinandertreffen, geeignete Anlässe zur Bewertung ihrer jeweiligen politischen Beziehungen, da diese im Kontext der Konventionen symbolischer Kommunikation zum Ausdruck gebracht und fixiert werden. Der Ausdruck der jeweiligen Beziehungen untereinander ist aber freilich dann von besonderem Gewicht, wenn sich Parteien im Konflikt befinden, wenn also sowohl die Aktivierung personaler Netzwerke als auch die Beilegung von Konflikten auf rituellem Wege besonders wichtig werden. Gerade in der Konfliktführung werden nämlich differenzierte Formen symbolischer Kommunikation eingesetzt: etwa als Signal zur Eskalation oder als Mittel zur Deeskalation.41 Die Arbeiten Althoffs zu Regeln und Ablauf mittelalterlicher Konflikte sind dabei von großem Gewicht auch für die Beurteilung der Auseinandersetzungen zwischen Herrschaftsakteuren des Reiches und Piasten. Daher sollen zunächst einige Bemerkungen zur generellen Signifikanz symbolischer Kommunikation in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft folgen: Der zunächst in den Kulturwissenschaften erfolgte ‚performative turn’ bietet nicht geringe Vorteile, die die gegenwärtige Mediävistik aufgegriffen hat und die auch die vorliegende Arbeit methodisch zu nutzen beabsichtigt.42 Die Potentiale des performativen Ansatzes werden durch unzählige aufschlussreiche Arbeiten verdeutlicht, indem man zu zeigen vermochte, dass exemplarische, spezifische Ereignisse symbolischer Kommunikation aufgrund ihrer rituellen Verdichtung und zukunftssichernden Verbindlichkeit, Rückschlüsse auf tiefer liegende Struk- 41 Vgl. dazu die Bemerkungen bei: Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen. Bedingungen, Praxis und Legitimation mittelalterlicher Herrschaft, in: ders./Goetz, Hans- Werner/Schubert, Ernst (Hrsg.), Menschen im Schatten der Kathedrale. Neuigkeiten aus dem Mittelalter, Darmstadt 1998, S. 1-110, S. 9f. Wichtig kann etwa auch das Abhalten gemeinsamer Mähler zur Bündnis- und Friedensstiftung sein: Althoff, Gerd, Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter, in: Bitsch, Irmgard/Ehlert, Trude/Ertzdorff, Xenia von (Hrsg.), Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, Sigmaringen 1987, S. 13-25; ders., Fest und Bündnis, in: Altenburg, Detlef/Jarnut, Jörg/Steinhoff, Hans-Hugo (Hrsg.), Feste und Feiern im Mittelalter, Sigmaringen 1991, S. 29-38. 42 Vgl. Fischer-Lichte, Erika, Notwendige Ergänzungen des Textmodells, in: Frankfurter Rundschau, 23.11.1990, S. 20; siehe zum ‚performative turn’ den Sammelband: Martschukat, Jürgen (Hrsg.), Geschichtswissenschaft und der „perfomative turn“. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit (Norm und Struktur 19), Köln/Berlin 2003. Die Gründungen des SFB 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme“ der Universität Münster und des SFB 619 „Ritualdynamik“ der Universität Heidelberg verdeutlichen zudem das wissenschaftliche Potential dieses Ansatzes. 21 turen der Herrschaftsordnung zulassen. Mittlerweile ist die Erforschung der Performativität besonders für die Herrschafts- und politischen Prinzipien der Ottonenzeit zu einem eminent wichtigen Forschungsparadigma avanciert, was durch Arbeiten Hagen Kellers, Karl Leysers oder eben Gerd Althoffs illustriert wird.43 Vor allem politische Kommunikation vollzieht sich in der Zeit des frühen und Hochmittelalters eher nonverbal, nämlich durch rituelle Akte, die in öffentlichem Rahmen inszeniert und dargeboten werden.44 Für die Zeit der ottonischen Königsherrschaft, aber auch für die Zeit der Karolinger, der Salier oder Staufer findet man in den Quellen eine Fülle von Beschreibungen ritueller Akte zu verschiedenen Anlässen. Doch gerade im Hinblick auf die Zustände und Veränderungen ‚internationaler’ Beziehungen im Mittelalter wird man auf das Repertoire symbolischer Kommunikation bei Herrscherbegegnungen besonderes Augenmerk legen müssen. Bestimmte Akte kehren nämlich immer wieder und sind dabei in ihrer Anlage und Inszenierung oftmals Gegenstand langwieriger Verhandlungen gewesen – dementsprechend ist generell von einer genauen Durchdachtheit ritueller Akte auch bei Herrschertreffen auszugehen. Glücklicherweise liegen bereits umfangreiche Arbeiten zu diesem Thema vor, nämlich die Monographien von Werner Kolb und Ingrid Voss, die die in den Quellen beschriebenen Vorgänge von Herrscherbegegnungen einem systematischen und diachronen Vergleich unterzogen und damit auf immer wiederkehrende, sozusagen standardisierte Elemente symbolischer Kommunikation bei Herrschertreffen hingewiesen haben.45 Es sollte durch diese knappen Bemerkungen einsichtig geworden sein, dass die genaue Erfassung der deutsch-piastischen Beziehungen Mitte des 10. Jahr- 43 Hier nur eine knappe Auswahl einschlägiger Arbeiten: Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003; ders., Baupläne der Rituale im Mittelalter. Zur Genese und Geschichte ritueller Verhaltensmuster, in: Wulf, Christoph/Zierfas, Jürgen (Hrsg.), Die Kultur des Rituals, München 2004, S. 177-197; ders., Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, in: ders. (Hrsg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (VuF, 51), Sigmaringen 2001, S. 157-176; ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997; ders., Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters, in: FmSt 31 (1997), S. 370-389; Weinfurter, Stefan, Canossa. Die Entzauberung der Welt, München 2006. Zur Signifikanz symbolischer Kommunikation im ottonischen Reich: Leyser, Karl J., Zeremonie und Gestik: das ottonische Reich, in: FmSt 27 (1993), S. 1-26; Keller, Hagen, Ritual, Symbolik und Visualisierung in der Kultur des ottonischen Reiches, in: FmSt 35 (2001), S. 23-59. 44 Vgl. etwa: Althoff, Gerd, Demonstration und Inszenierung. Spielregeln der Kommunikation in mittelalterlicher Öffentlichkeit, in: FmSt 27 (1993), S. 27-50, S. 28-29. 45 Kolb, Werner, Herrscherbegegnungen im Mittelalter (Europäische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 359), Bern/Frankfurt a. M. 1988; Voss, Ingrid, Herrschertreffen im frühen und hohen Mittelalter. Untersuchungen zu den Begegnungen der ostfränkischen und westfränkischen Herrscher im 9. und 10. Jahrhundert sowie der deutschen und französischen Könige vom 11. - 13. Jahrhundert (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, 26), Köln/Wien 1987. 22 hunderts zwar schon oftmals Gegenstand der mediävistischen Forschung gewesen ist, dass jedoch einige der dabei hervorgebrachten Ergebnisse nur mit einer angemessenen Skepsis beurteilt werden dürfen. Denn die Anwendung anachronistischer Geschichtsbilder oder die Antizipation von Sachergebnissen im Sinne der politischen Instumentaliserung kann kaum dazu dienen, die schon geringen Kenntnisse über Mieszko I. und die Anfänge des polnischen Herrschaftsverbandes methodisch einwandfrei voranzubringen. Es ist klar, dass man bei der Analyse so nah wie möglich an den Quellen bleiben muss und sich so wenig wie möglich von äußeren, ahistorischen Faktoren beeinflussen lassen sollte. Dass indes die Quellenlage manche Untersuchung der Anfänge der piastischen Herrschaft erschwert, sei im Folgenden kurz dargelegt. 23 ) $ * Die Quellenbasis für die intendierte Untersuchung der Beziehungen zwischen den Piasten und Ottonen bzw. den Adligen des Reiches ist bekanntermaßen relativ dünn und beschränkt sich vorwiegend auf die ottonische Historiographie Thietmars von Merseburg, Widukinds von Corvey sowie die Quedlinburger und Hildesheimer Annalen. Überdies enthalten die zuletzt genannten Texte zumeist nur indirekte oder fragmentarische Angaben über Beziehungen deutscher und polnischer Herrschaftsträger. Auf polnischer Seite wird man einzig auf die im 12. Jh. entstandenen ‚Cronicae et Gesta Ducum sive Principum Polonorum’ des Geistlichen Gallus Anonymus zurückgreifen können, die allerdings die Herrschaftszeit Mieszkos I. nur sehr kursorisch abhandelt.46 Die Chronik des Gallus Anonymus ist die älteste erzählende Geschichtsquelle, die auf polnischem Boden entstanden ist.47 Im Sinne einer deutlichen literarischen Überformung und gängiger Topik der zeitgenössischen Latinistik und Poetik verfasst Gallus seine Chronik vornehmlich als Würdigung der Taten – besonders der Kriegstaten – der polnischen Fürsten. Explizit betont er selbst, dass seine in Reimprosa mit eingeflochtenen Versen verfasste Chronik der Verherrlichung des Bolesław III. Schiefmund diene.48 Daher ist wohl unmittelbar einsichtig, dass es sich bei der Chronik des Gallus um eine höchst tendenziöse, nämlich propolnische Darstellung handelt. Ähnliche Befunde der tendenziösen Darstellung, nämlich aus Sicht eines deutschen Bischofs, sind für die Chronik des Thietmar von Merseburg anzunehmen. Sicher ist die Chronik Thietmars insofern von größtem quellenkritischen Wert als er als Zeitgenosse viele Ereignisse, über die er berichtet, aus erster Hand erfahren hat, schließlich schreibt er seine Chronik zwischen den Jahren 46 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, ed. Carolus Maleczynski (MPH N.S. 2), Krakow 1952. 47 Vgl. Bujnoch, Josef, Einleitung, in: Gallus Anonymus, Polens Anfänge. Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen (Slavische Geschichtsschreiber, 10), Graz/Wien/Köln 1978, S. 10-39, hier S. 10f. 48 Vgl. ebd., S. 30. 24 1012 und 1018 nieder.49 Helmut Lippelt hat in seiner hervorragenden Monographie über Thietmar einige Hinweise darauf gegeben, wie Thietmar als Mitglied des Reichsepiskopats die deutsch-polnischen Beziehungen und auch das Handeln der ottonischen Kaiser Otto III. und Heinrich II. im Kontext dieser Beziehungen bewertet: „Es ist der Status der Welt, den Thietmar durch solche Eingriffe [in polnische Angelegenheiten] gefährdet sieht. Deshalb ist auch die Aufwertung des polnischen Herzogtums durch Otto III. nicht nur eine politische Entscheidung, die Thietmar kritisiert, es ist ein Eingriff in die gute alte Ordnung […]. Thietmar tritt uns als ein ganz und gar konservativer Mensch entgegen […] und als solcher erweist er sich auch in seinen Klagen über den Verfall der Sitten.“50 Vor dem Hintergrund einer durchaus kategorischen Kritik am Handeln Ottos III. und Heinrichs II. und in bewusster und sehnsüchtiger Rückbesinnung auf Zeiten Ottos des Großen ist es nur folgerichtig in der Anlage seiner Chronik, dass Thietmar den Herrschaftsträgern auf polnischer Seite mehr als nur distanziert begegnet. Zwar entbehrt das Bild, das Thietmar von Mieszko I. und Bolesław Chrobry zeichnet, nicht jeglicher freundlicher Züge, so wird Miesko durchaus als ‚Freund des Kaisers’ und als charakterlich eher edelmütiger Mann dargestellt, gleichwohl verfinstert sich z. B. seine Beschreibung seines Sohnes Bolesław erheblich, als dieser die Herrschaft in Böhmen an sich reißt: Bolesław wird zur serpens venosa, die sich dem vicarius Dei widersetze.51 49 Vgl. dazu die zusammenfassenden Bemerkungen bei: Görich, Knut, Otto III. Romanus Saxonicus et Italicus. Kaiserliche Rompolitik und sächsische Historiographie, Sigmaringen 1993, S. 63f. 50 Lippelt, Helmut, Thietmar von Merseburg. Reichsbischof und Chronist (Mitteldeutsche Forschungen, 72), Köln/Wien 1972, S. 195. 51 Vgl. dazu ebd., S. 188; Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 30; VI, 10; VI, 11. 25 + %, - &' + ( $ ! " . Im Rückblick auf die Forschungsgeschichte haben nur wenige Themen so reges Interesse hervorgerufen wie die Funktionsmechanismen der ottonischen Herrschaft und der Aufbau eines mittelalterlichen ‚Staates’. Angesichts der mittlerweile beinahe unüberschaubaren Fülle entsprechender Literatur bleibt im Kontext der hier gegebenen Möglichkeiten nur eine Zusammenfassung der für diese Arbeit unmittelbar wichtigen Teilaspekte im Bereich des praktisch Angemessenen übrig: Sichtet man die ältere Forschungsgeschichte, ist häufig davon die Rede, dass mit dem Niedergang der karolingischen Königsherrschaft weniger elaborierte Formen der Herrschaftspraxis aufgekommen seien, da ein genereller Verlust an Zentralität und Institutionalität in den Nachfolgereichen des karolingischen Machtbereiches eingetreten sei.52 Indessen sollte man Bewertungen einer Degradation der Effektivität und Qualität von Herrschaftsmechanismen und der politischen Praxis im Ostfrankenreich der Liudolfinger nur mit aller Vorsicht anwenden. Hagen Keller etwa brachte mit seinem Aufsatz ‚Grundlagen ottonischer Königsherrschaft’ neue Impulse in die Bewertung der ottonischen Herrschaftspraxis, indem er die These aufstellte, die Liudolfinger hätten bewusst Elemente karolingischer Königsherrschaft preisgegeben.53 Zwar mag eine solche These in ihrer Anlage sicher provokativ sein, gleichwohl machte Keller damit zugleich darauf aufmerksam, die Mechanismen der Herrschaftspraxis und der politischen Funktionselemente in der Ottonenzeit nicht a priori zu unterschätzen. 52 Vgl. zusammenfassend: Boshof, Egon, Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert (EdG, 27), München 21997, S. 90f.; zur Charakterisierung ottonischer Königsherrschaft im Vergleich zur karolingischen Herrschaft: Leyser, Karl J., Medieval Germany and its Neighbours 900-1250, London 1982, hier bes. S. 196ff. 53 Vgl. Keller, Hagen, Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, in: Schmid, Karl (Hrsg.), Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Vorträge beim wissenschaftlichen Kolloquium aus Anlaß des achtzigsten Geburtstags von Gerd Tellenbach, Sigmaringen 1985, S. 17-34, hier bes. S. 24f. 26 Die Forschung verwandte nun zur Beschreibung dieser sog. ‚vorstaatlichen Herrschaftsformen’, die durch Personalität, die Anwendung von Gewohnheitsrecht und die Bildung personaler Netzwerke in Form von Verwandtschaft, Freundschaften und Lehnsverhältnissen54 gekennzeichnet waren, den griffigen Terminus des ‚Personenverbandsstaates’, wobei dieser Begriff vor allem auch in Abgrenzung zum im Hochmittelalter entstehenden institutionalisierten Flächenstaat benutzt wurde.55 Zwar hat dieses Bild des Personenverbandsstaates in seiner expliziten Betonung der Relevanz personaler Bindungsformen auch dergestalt Kritik provoziert, dass ein Funktionieren der Personenverbände nicht ohne Bezug auf ein bestimmtes Territorium gelten könne,56 gleichwohl tangiert eine solche Kritik nicht die prinzipielle Validität des Konzeptes im Hinblick auf die tatsächlichen Funktionsweisen königlicher Herrschaft und politischer Praxis in der Herrschaftszeit der Liudolfinger. Besonders durch die Arbeiten Althoffs und Kellers sind die Formen personaler Bindung in Friedens- und Konfliktzeiten stärker in der mediävistischen Diskussion zur Geltung gekommen, wobei den Bündnisund amicitia-Bewegungen mittelalterlicher Herrschaftsakteure größere Bedeutung beigemessen wurde.57 Im Kontext dieser Diskussion ist schließlich Keller über die These des ‚Personenverbandes’ hinaus zu der Ansicht gekommen, dass nicht nur einzelne Akteure und ihre Bindungen untereinander, sondern insbesondere auch die Verflechtungen Einzelner innerhalb größerer Gruppen (etwa coniurationes, amicitae-Bindungen, Sippen etc.), für die Bildung politischer Netzwerke eminent wichtig sind – insofern geht Keller an diesem Punkt deutlich über das Konzept des Personenverbandes hinaus und kritisiert dieses dementsprechend als nicht ausreichend zur Benennung mittelalterlicher Gruppengeflechte.58 Will man die Beziehungen einzelner Personen von politischem Ge- 54 Dazu z. B. Althoff, Gerd, Die Ottonen, Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart u. a. 22005, hier S. 243ff. 55 Vgl. z. B. Mitteis, Heinrich, Lehnrecht und Staatsgewalt, Weimar 1933, S. 2ff.; Boshof, Egon, Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert, S. 92; Mayer, Theodor, Die Ausbildung der Grundlagen des modernen deutschen Staates im Hohen Mittelalter, in: Kämpf, Hellmut (Hrsg.), Die Entstehung des Deutschen Reiches. Deutschland um 900. Ausgewählte Aufsätze, Darmstadt 1981, S. 284-331. 56 So z. B. Schlesinger, Walter, Herrschaft und Gefolgschaft in der germanisch-deutschen Verfassungsgeschichte (1953), in: Kämpf, Hellmut (Hrsg.), Die Entstehung des Deutschen Reiches. Deutschland um 900. Ausgewählte Aufsätze (WdF, 1), Darmstadt 1981, S. 135-190. 57 Althoff, Gerd, Amicitiae und pacta: Bündnis, Politik und Gebetsgedenken im beginnenden 10. Jahrhundert (MGH Schriften, 37), Hannover 1992; ders./Keller, Hagen, Heinrich I. und Otto der Große, Neubeginn und karolingisches Erbe, Göttingen/Zürich 1985. 58 Keller, Hagen, Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, in: Schmid, Karl (Hrsg.), Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Vorträge beim wissenschaftlichen Kolloquium aus Anlaß des achtzigsten Geburtstags von Gerd Tellenbach, Sigmaringen 1985, S. 17-34, hier S. 24f.: vgl. auch: Hechberger, Werner, Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter. Zur Anatomie eines Forschungsproblems (Mittelalter-Forschungen, 17), Ostfildern 2005, S. 266f. 27 wicht untereinander angemessen beschreiben, wird man die Relevanz vielgestaltiger Gruppengeflechte also keinesfalls außer Acht lassen dürfen.59 + # / 0 , ' ! ' 1 $ 2 3 " $ ! "" Bekanntermaßen beruhte die politische Praxis des Mittelalters wesentlich auf dem Verhältnis der jeweiligen Akteure untereinander und auf den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen, die diese in spezifischen Gruppengeflechten eingingen, wobei man zwischen herrschaftlichen Verhältnissen sowie genossenschaftlichen und Verwandtschaftsverhältnissen unterscheiden muss.60 Aufgrund der Tatsache, dass diese Verhältnisse und Beziehungen in Zeiten eher unterentwickelter Schriftkultur durch nonverbale Kommunikation politisch und rechtlich fixiert werden, bietet es sich an dieser Stelle an, einige Ausführungen zum typischen Repertoire symbolischer Kommunikation bei entsprechenden Gelegenheiten zu machen. Im Vorfeld der eigentlichen Untersuchung der deutschpiastischen Beziehungen des 10. Jh. kann die Erfassung eines entsprechenden Grundrepertoires hilfreich sein, um Vergleichsmaßstäbe für jeweils in den Quellen dargestellte Einzelfälle der Kommunikation zwischen Ottonen, Reichsfürsten und Mieszko I. bereitzustellen, und um schließlich aufgrund der Einordnung und des Vergleichs symbolischer Akte die respektive zugrunde liegenden Formen der dort zum Ausdruck gebrachten Beziehungsgeflechte zu erfassen. Die vorherrschende Form der herrschaftlichen Bindung ist sicher das Lehnswesen. Hierbei ist es bekanntlich üblich, dass der Vasall durch Kommendation in die Dienste seines Lehnsherrn eintritt.61 Zu den Ritualen und Funktionsweisen des Lehnswesens ist bereits eine Fülle von Literatur erschienen, die sicher nicht in ihrer Breite an dieser Stelle rekapituliert werden kann. Zu bemerken ist jedoch, dass das Lehnswesen durch Reziprozität und Konsensualität gekennzeichnet ist, d. h., dass eben sowohl Lehnsherr als auch Vasall Rechte und Pflichten im Rahmen eines Wechselverhältnisses haben. Wie man weiß, sind diese Rechte bzw. Pflichten die Gewährung von ‚Schutz und Schirm’ auf Seiten des Lehnsherren und ‚Rat und Hilfe’ auf Seiten des Vasalls. Die Forschung hat oftmals darauf hingewiesen, dass die Funktionsmechanismen 59 Althoff legte z. B. mit seiner Monographie ‚Verwandte, Freunde und Getreue’ einen wichtigen methodischen Grundstein zur Beschreibung und Bewertung politischer Gruppenbildung: Hiernach ist etwa zwischen Verwandtengruppen, genossenschaftlich strukturierten Gruppen und herrschaftlich strukturierten Gruppen zu differenzieren, die in jeweils unterschiedlicher Weise ihren Beitrag zur Interaktion der Herrschaftsakteure im ottonischen Reich leisten, etwa bei Konflikten, beim Eingehen von Bündnissen und Verträgen u. a. M.: Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im frühen Mittelalter, Darmstadt 1990, S. 31ff., S. 85ff., S. 134ff. 60 Vgl. Althoff, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 5ff.; S. 35ff.; S. 84ff. 61 Vgl. hierzu z. B. Mitteis, Heinrich, Lehnrecht und Staatsgewalt; Ganshof, François-Louis, Was ist das Lehnswesen?, Darmstadt 1961. 28 der Willensbildung auch im Lehnswesen maßgeblich durch Beratung und daran anschließende Beschlussfassung gekennzeichnet sind, was letztlich auch eine auctoritas suadendi des Lehnsherren impliziert – die Arbeiten Jürgen Hannigs z. B. haben diese Annahme vollauf plausibel gemacht.62 Dementsprechend gelten für das Lehnswesen hierarchische Abhängigkeiten, jedoch sind sowohl bei der Kommendation als auch im Kontext der Willensbildung die wechselseitige Treue beider Parteien und die konsensuale Entscheidungsfindung der Getreuen mit dem Lehnsherrn vorrangig. Eine weitere Form personaler Bindung ist die Bildung sog. ‚amicitia’, die auf das antike Vorbild zur Sicherung zwischenstaatlicher Beziehungen zurückzugehen scheint.63 Ähnlich wie in der Antike kann die in mittelalterlicher Zeit praktizierte Form der amicitia sowohl für die Bestimmung innen- als auch außenpolitischer Beziehungen dienen.64 Indes ist diese Bündnisform genossenschaftlicher und nicht herrschaftlicher Natur, also als eine Bindung gleichberechtigter Partner zu verstehen, die jeweils Anspruch auf gegenseitige Unterstützung in allen Lebensbereichen haben. Vor allem im 10. und 11. Jh. hat die Forschung ein Überhandnehmen solcher genossenschaftlicher Bindungsformen konstatiert, was gerade für den für uns interessanten Untersuchungszeitraum eine relevante Feststellung ist. Nicht zuletzt deswegen haben auch die ottonischen Könige in dieser Zeit versucht, nur mit solchen Personen Freundschaftsbündnisse einzugehen, die nicht herrschaftlich von ihnen abhängig waren.65 Auch Mieszko I. sowie andere Herrschaftsakteure der Piastenzeit – etwa Bolesław Chrobry – sind verschiedentlich amicitia-Bündnisse mit deutschen Magnaten eingegangen. Die jeweiligen Formen symbolischer Kommunikation beim Abschluss von Freundschaftsbündnissen konnten dabei durchaus variabel sein und ergaben sich zumeist aus dem jeweiligen situativen Kontext. Der berühmte Salbungsverzicht Heinrichs I. beispielsweise ist schon vielfach als gleichsam programmatischer Verzicht auf hierarchische Überordnung verstanden worden, findet aber im Anschluss an die Konflikte mit Konrad I. und im Kontext von Heinrichs Königsweihe statt:66 „Und als ihm die Salbung nebst dem Diadem von dem Erzbischof, welcher zu jener Zeit Heriger war, angeboten wurde, verschmähte er sie zwar nicht, nahm 62 Hannig, Jürgen, Consensus fidelium. Frühfeudale Interpretationen des Verhältnisses von Königtum und Adel am Beispiel des Frankenreiches (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, 27), Stuttgart 1982, S. 1ff. Vgl. dazu auch: Althoff, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 186; des Weiteren zu den Prozessen der Beratung: ders., Colloquium familiare – colloquium secretum – colloquium publicum. Beratung im politischen Leben des früheren Mittelalters, in: FmSt 24 (1990), S. 145-167; wieder in: ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 157-184 sowie Reynolds, Susan, Kingdoms and Communities in Western Europe 900-1300, Oxford 1986. 63 Vgl. die Untersuchung von: Heuss, Alfred, Die völkerrechtlichen Grundlagen der römischen Außenpolitik in republikanischer Zeit (Klio Beiheft, 31), Leipzig 1933 (ND Aalen 1968). 64 Vgl. Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 90f. 65 Ebd., S. 113f. 66 So etwa Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, S. 86. 29 sie aber auch nicht an. ‚Es genügt mir’, sagte er, ‚vor meinen Ahnen das voraus zu haben, dass ich König heiße und dazu ernannt worden bin […]. Salbung und Krone aber mögen Würdigeren als mir zuteil werden; solcher Ehren halten wir uns für unwert.’ Und es fand solche Rede bei der ganzen Menge Wohlgefallen, sie hoben die Rechte zum Himmel empor, und riefen Heil wünschend oftmals laut den Namen des neuen Königs.“67 In dieser Situation bereitet es den Anwesenden also Wohlgefallen, dass Heinrich I. auf Zeichen hierarchischer Überordnung verzichtet. Generell wird es also offenbar als wichtig erachtet, dass die Gleichrangigkeit der Parteien und die Reziprozität ihrer Beziehungen beim Abschluss von Freundschaftsbündnissen zum Ausdruck kommen. Allerdings wäre es nicht zutreffend, deswegen von einem gegenseitigen Ausschluss freundschaftlich-genossenschaftlicher und herrschaftlicher Elemente bei Freundschaftsbündnissen auszugehen. So sind etwa auch Fälle bezeugt, bei denen der Abschluss einer amicitia durchaus in Verbindung mit herrschaftlich oder hierarchisch ausgerichteten Symbolakten verbunden sein konnte, z. B. Anlässe, bei denen zunächst ein Konflikt durch eine Unterwerfungsgeste o. ä. beigelegt werden musste. Im Anschluss an seine solche Bereinigung konnte dann eine (Wieder)Herstellung der amicitia erfolgen – so wie etwa im Falle des Konfliktes Hermanns von Schwaben mit Heinrich II., der nach der Bereinigung der Konfliktsituation zum „treuen Lehnsmann und Freund“ Heinrichs wird.68 Auch begibt sich Eberhard von Franken, der Bruder des verstorbenen Königs Konrad I., in ein Bündnis mit dem neuen König Heinrich I., bei dem herrschaftliche und genossenschaftliche Bindungen zusammenkommen: „Eberhard begab sich, wie der König befohlen hatte, zu Heinrich, stellte sich mit allen Schätzen ihm zur Verfügung, schloß Frieden und erwarb sich dessen Freundschaft, die er bis an sein Ende in treuer Verbundenheit bewahrte.“69 Es ist in Bezug auf die Qualität der amicitia also festzuhalten, dass durchaus Rangunterschiede bei der Durchführung symbolischer Akte adäquate Berücksichtigung fanden, wenn es sich eben um solche Personen handelte, die in herrschaftlicher Abhängigkeit zueinander standen.70 67 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, I, 26, S. 39: Cumque ei offerretur unctio cum diademate a summo pontifice, qui eo tempore Hirigerus erat, non sprevit, nec tamen suscepit. ‚Satis’, inquiens, ‚michi est, ut prae maioribus meis rex dicar et designer, divina annuente gratia ac vestra pietate; penes meliores vero nobis unctio et diadema sit: tanto honore nos indignos arbitramur.’ Placuit itaque sermo iste coram universa multitudine, et dextris in caelum levatis nomen novi regis cum clamore valido salutantes frequentabat. 68 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 22, S. 245. 69 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, I, 26, S. 39: Ut ergo rex imperarat, Evurhardus adiit Heinricum seque cum omnibus thesauris illi tradidit, pacem fecit, amicitiam promeruit; quam fideliter familiariterque usque in finem obtinuit. Vgl. dazu auch: Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 108. 70 Vgl. zur Einrichtung der amcitia auch: Epp, Verena, Rituale frühmittelalterlicher ‚amicitia’, in: Althoff, Gerd (Hrsg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (VuF, 51), Stuttgart 2001, S. 11-24, hier S. 12. 30 Im Zusammenhang mit den vorigen Bemerkungen wurden bereits rituelle Akte bei Konfliktbeilegungen erwähnt. Bekanntlich hat gerade in der Ottonenzeit die Bedeutung solcher Akte erheblich als Folge des Rückgangs administrativer und juristischer Schriftlichkeit und des Fehlens gerichtlicher Entscheidungsstrukturen zugenommen. So hat seit dem Beginn der Ottonenzeit die sog. ‚deditio’ als Unterwerfungsleistung zentrale Bedeutung für die gütliche Beendigung schwelender Konflikte gewonnen: „Mit nackten Füßen und mit vertrauenswürdigen Vermittlern erschien er vor dem König, bat um Vergebung für seine bösen Taten, bat um Gnade, um durch die königliche Gabe seine Güter weiter zu besitzen, und beugte, um dies zu erreichen, die Knie bis auf den Boden.“71 Es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen Exponenten der sich unterwerfenden Partei – wie Hermann von Schwaben in diesem Beispiel – vor den König treten und mit deutlichen Zeichen der Reue und Buße, wie z. B. nackten Füßen, eine Wiedererlangung königlicher Huld erbitten.72 In der Regel gingen solchen Inszenierungen aber Verhandlungen voraus, in denen die Modalitäten des Friedens und die Elemente des Unterwerfungsaktes besprochen wurden, wobei gerade den Vertrauten (oftmals Klerikern) der Konfliktparteien wichtige Aufgaben als ‚Friedensstifter’ zukamen.73 Am Schluss dieses Abschnitts ist noch der Themenbereich der rituellen Akte bei Herrschertreffen zu berücksichtigen.74 Eine hervorragende Grundlage für die Erfassung relevanter Elemente bei Herrschertreffen ist das mittellateinische Versepos ‚Ruodlieb’, das in quasi-biographischem Duktus die Geschichte des Ritters Ruodlieb erzählt.75 Kolb konstatiert zu diesem Werk, dass es diejenigen Einzelakte, die zu einem einvernehmlichen und zugleich ‚maximal ausgedehnten’ Treffen zweier Herrscher gehören, vollständig wiedergibt.76 Daher seien an dieser Stelle die wichtigsten Stellen des V. Kapitels des Ruodlieb einmal rekapituliert: Nach der Auseinandersetzung zwischen einem rex maior und einem rex minor 71 Vgl. Adalbold von Utrecht, Vita Heinrici II imperatoris, cap. 13, S. 687; vgl. auch Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 22, S. 247. Dazu Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, S. 73. Zur Entwicklung und Bedeutung der deditio generell: Althoff, Gerd, Das Privileg der deditio. Formen gütlicher Konfliktbeendigung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft, in: ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 99-125. 72 Siehe dazu auch z. B.: Althoff, Gerd/Kamp, Hermann, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen. 73 So auch der Titel der Monographie von: Kamp, Hermann, Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), Darmstadt 2001. 74 Vgl. dazu auch die Überblicksdarstellung von: Kolb, Werner, Herrscherbegegnungen im Mittelalter. 75 Aus der umfangreichen Literatur zum Ruodlieb-Epos sei etwa die empfehlenswerte Monographie von Vollmann erwähnt: Vollmann, Benedikt Konrad, Ruodlieb, Darmstadt 1993; hier auch eine Fülle weiterer Literatur. Der Ruodlieb liegt in unterschiedlichen Ausgaben vor. Für die vorliegende Arbeit wurde verwendet: Langosch, Karl, Waltharius, Ruodlieb, Märchenepen. Lateinische Epik des Mittelalters mit deutschen Versen, Darmstadt 31967. 76 Kolb, Werner, Herrschertreffen, S. 25. 31 treffen sich beide, um im Anschluss an die Beendigung der Kampfhandlungen im gegenseitigen Einvernehmen den neuen Frieden öffentlich abzuschließen und das fortan wirksame Bündnis der beiden ehemaligen Gegner symbolisch zu kommunizieren. Dazu wird der ehemalige Kampfplatz als Ort der Zusammenkunft präpariert, wo der große König zunächst die Messe hört.77 Es folgen dann nochmals Vermittlungen durch Boten, bevor es zum eigentlichen Zusammentreffen der beiden Herrscher kommt. Nach der Begrüßung durch den Austausch von ‚Küssen’ folgt die eigentliche Verhandlung über den Frieden, an deren Ende der Vertragsabschluss steht.78 Als Fanal des neuen Friedens werden zunächst die Kriegsgefangenen ausgetauscht, woran anschließend ein Eid den Frieden bekräftigen soll.79 Nachdem beide Könige zunächst zu ihren Lagern zurückkehren, um mit ihrem Gefolge Mahl zu halten, folgen gegenseitige Besuche, in deren Verlauf nach einem angemessenen Empfang Geschenke ausgetauscht werden.80 Eine wahre Fülle von Geschenken wird vom kleinen König für den großen König bereitgehalten, darunter neben Gold und Silber auch exotische Tiere wie ein Zwillingspaar Bären, Leoparden oder ein Luchs, aus dessen Harn man Edelsteine zu gewinnen glaubte. Als am folgenden Tag der kleine König im Lager des großen eintrifft, kommt dieser ihm entgegen und geleitet ihn zu seiner Lagerstatt, wo er ihm einen Platz anbietet und ein gemeinsamer Umtrunk stattfindet.81 Bevor der große König aber auf das überaus generöse Geschenkangebot des Kleinen reagiert, ermahnt er zunächst seine Gefolgsleute: „Erweckt bei euch doch nicht den Schein, als ob Geschenke nötig sei’n, kommt vielmehr augenblicks mit mir, was ich nun tu, das tut auch ihr!“82 Aus der Fülle der Geschenke wählt er schließlich nur das Bärenpaar und zwei Vögel aus; auf alle anderen Geschenke verzichtet er: „Der große König sich besah und prüfte die Geschenke da, Er sagte darauf zu dem Kleinen: ‚Sehr wertvoll mir die Gaben scheinen; Damit wir dich durch so viel schenken jedoch nicht schädigen und kränken, So wollen wir statt deiner Gaben nur deinen Guten Willen haben. Ich nehme mir das Bärenpaar, das in 77 Ruodlieb, V, V. 3-15, S. 117: […] Quo dum rex venit, missam properantius audit […]. 78 Ruodlieb, V, V. 20ff., S. 117f.: […] Dum convenerunt reges ubi constituerunt, Nil pernitus dicunt sibi quam oscula figunt. Noster pontifices, ut idem facerent, iubet omnes, Et post abbates ex ordine basiat omnes; Eius praesulibus tunc praetibus est amor ipsus. [...] Quicquid stulticiae plebs nostra patravit utrimque, hoc dimittamus et eodem pacifecimus, ut sint inter se concodantes sinde fraude. [...] 79 Ruodlieb, V, V. 60ff., S. 118: […] Post ait [der große König]: „hi rex, sunt, quos vivere fata sinebant, Qui non humane, dum nobis praevalvere, Nos tractant igne praeda vel cade maligne. Qualiter econtra tractarem quos vice versa, Praecipe, quo dicant tibi, quando domum remearint. Nunc se concordent et sint, velut amte fuerunt, Firmi compares posthac fidique soldales.” [...] 80 Ruodlieb, V, V. 75ff., S. 121-123. 81 Ruodlieb, V, V. 143ff., S. 123f.: His ita dispositis modicum requiescere vult is. Explorare iubet, alter rex quando resurgat. Post vigilans surgit mulum falerareque iussit Cumque quibus volvit ad regem equitavit. Plures occurrunt et ei servire studebat. [...] 82 Ruodlieb, V, V. 158f., S. 124: Ne sit opus census vobis videatur ut eius; Mecum nunc ite, quod ego faciam faciote. 32 dem Spiel possierlich war, Für meine Tochter nehm ich mir die Elster und den Star von dir und laß dir so viel Dank zukommen, als hätt ich alles angenommen’ […].“83 Im Anschluss daran verabschieden sich die beiden Könige mit einem Kuss und kehren nach Hause zurück.84 Es ist nun besonders darauf hinzuweisen, dass die symbolischen Akte bei Herrschertreffen in erster Linie darauf abzielen, das Verhältnis zweier (oder mehrerer) Personen untereinander zu regeln und nicht die außenpolitischen Beziehungen zweier Staaten. Den Einzelakten kommt damit auch im Hinblick auf die Erfassung von persönlichen Bindungen und herrschaftlich organisierten Strukturen große Bedeutung zu, so dass eine zumindest kursorische Interpretation des eben paraphrasierten Abschnitts aus dem ‚Ruodlieb’ notwendig erscheint. Unmittelbar verständlich ist wohl, dass der gemeinsame Umtrunk im Sinne der Funktionen des gemeinsamen Mahlhaltens der Friedens- und Bündnisstiftung dient.85 Besonderes Augenmerk verdient aber das Verhalten des großen Königs in Anbetracht der generösen Geschenkofferten durch den kleinen:86 Er ermahnt die Seinen, nicht den Eindruck zu erwecken, sie bedürften der Geschenke und erwählt sich selbst nur die exotischen Bären und zwei Vögel, verzichtet also bewusst darauf, die mannigfaltigen Wertgegenstände und angebotenen Edelmetalle zu nehmen. Gleichwohl scheint diese Geste indessen nicht verletzend gegenüber dem kleinen König gewesen zu sein. Voss argumentiert zu diesem Fall, dass eine gleichrangige Stellung Voraussetzung dazu sei, dass die lediglich symbolische Annahme zweier Geschenke wie im Falle des großen Königs nur dann nicht verletzend gewesen sei, wenn eine gleichrangige Stellung der beiden Könige angenommen werden kann.87 Diese Ansicht erscheint mir aber wenig plausibel, da der große König explizit als solcher bezeichnet wird, was im Sprachgebrauch des Ruodlieb eine Rangdifferenz markiert, und da das Verhalten des großen Königs nur so zu verstehen ist, dass er sich seiner machtvolleren und ranghöheren Posi- 83 Ruodlieb, V, V. 202ff., S. 126: Munera dum vidit ea rex multumque probavit, Dixit ad aequiucum: „tua munera sunt bona multum; Ne tamen a nobis tantum donando graveris, Pro donis vorum decernimus accipiendum. Tam bene ludentes ursos hos tollo gemellos atque meae natae picam sturnumque do de te et grates habeas tantas, ceu cuncta dedisses; [...]. 84 Zur Symbolik des Kusses vgl. z. B.: Schreiner, Klaus, „Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes” (Osculetur me osculo oris sui, Cant. 1, 1). Metaphorik, kommunikative und herrschaftliche Funktionen einer symbolischen Handlung, in: Ragotzky, Hedda/Wenzel, Horst (Hrsg.), Höfische Repräsentation, das Zeremoniell und die Zeichen, Tübingen 1990, S. 89- 132. 85 Vgl. hierzu die erwähnte Arbeit von: Althoff, Gerd, Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter. 86 Vgl. zur Ökonomie des Schenkens im Mittelalter etwa: Algazi, Gadi (Hrsg.), Negotiating the Gift. Pre-Modern Figurations of Exchange, Göttingen 2003; Hannig, Jürgen, Ars donandi. Zur Ökonomie des Schenkens im frühen Mittelalter, in: Van Dülmen, Richard, Anmut, Liebe, Ehre. Studien zur historischen Kulturforschung, Frankfurt a. M. 1988, S. 11- 37. 87 Voss, Ingrid, Herrschertreffen, S. 158. 33 tion vollauf bewusst ist. So ermahnt er ja sogar seine Gefolgsleute, die angebotenen Geschenke nicht anzunehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie sie benötigten. Tatsächlich entspricht die bloß symbolische Annahme zweier exotischer Geschenke, um keinen Affront gegenüber dem Schenkenden zu provozieren, durchaus den Gepflogenheiten der Zeit, so berichtet der Chronist Rodulfus Glaber etwa, dass Heinrich II. bei seinem Treffen mit Robert II. in ähnlicher Weise verfuhr.88 Es ist also eher davon auszugehen, dass die spezielle Ökonomie des Schenkens bei Herrschertreffen durchaus auf Rangdifferenzen hinzuweisen vermag, so dass das Verhalten des großen Königs im Ruodlieb als eine Art symbolischer Bescheidenheit gedeutet werden kann, die gleichwohl nicht zu einem Affront gegenüber dem kleinen führt: So wird nämlich dem kleinen König ermöglicht, seine Großzügigkeit zu beweisen, und so wird dem gro- ßen König ermöglicht, eine Bescheidenheit, die seinem höheren Rang angemessen ist, darzustellen, so dass also beide Seiten als Benefizianten aus dem Treffen hervorgehen können. 88 Rodulfus Glaber, IV, 8, S. 111f. 35 4 / $ 35 4 $ . 6 7 4 $ 8 9 :;<) ;<<=;<>? Um die Ereignisse bei der Anerkennung der Oberherrschaft Ottos I. durch Mieszko I. zu erfassen, bedarf es zunächst der Erläuterung des historischen Kontextes: Im Jahr 955 schließen sich die Neffen Hermann Billungs, Wichmann und Ekbert, der Opposition gegen Otto I. an, dessen Kräfte durch die Lechfeldschlacht gebunden sind, wobei sie sich mit den elbslawischen Abodriten unter ihrem Anführer Nakon verbünden. In Allianz mit weiteren Stämmen überfallen die sächsischen Abtrünnigen zusammen mit ihren neuen slawischen Verbündeten einige Städte in der Elbmark, woraufhin sie zu Landesfeinden erklärt werden.89 Als Otto I. schließlich mit einem Heer in das Gebiet der Abodriten zieht, kommt es im Oktober 955 an der Raxa zur Konfrontation, die mit einem Sieg für den deutschen König endet.90 Obgleich die beiden Sachsen nach der verheerenden Niederlage nach Frankreich fliehen, um der Bestrafung zu entgehen, kehrt Wichmann 957 zurück und nimmt neuerlich die Stellung eines Heerführers bei den Slawen ein. Der sächsische Markgraf Gero kann ihn jedoch gefangen nehmen, so dass er sich neuerlich vor Otto verantworten muss, allerdings setzt sich Gero für Wichmann ein. 963 flieht Wichmann wiederum zu den Slawen, wird aber durch sie an Markgraf Gero ausgeliefert, der ihn wieder freilässt, woraufhin Wichmann die Stellung des Heerführers bei den Redariern annimmt, die Krieg gegen die östlichen Stämme führen. In einem Feldzug Wichmanns werden die Kräfte Mieszkos I. zweimal geschlagen: „Den König Misaca [Mieszko], unter dessen Gewalt die Slawen standen, überwand er 89 Vgl. zum Hergang der Ereignisse auch die Zusammenfassung bei: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 184 sowie Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 127f. 90 Vgl. Mohr, Lutz, Die Schlacht an der Raxa. Recknitz: 1050 Jahre (955-2005). Quellenkritische Bemerkungen und Lokalisierungsversuche zur Schlacht „Über den Moischtenstein“ (Verein für Erlebbare Geschichte des Mare Balticum e.V.), Stralsund 2005. 36 [Wichmann] zweimal, tötete seinen Bruder und erpresste von ihm reiche Beute.“91 Thietmar von Merseburg berichtet von der Unterwerfung folgendermaßen, wobei er – wie in Kapitel 2 bereits angedeutet – die Erläuterungen Widukinds, der zunächst von der Freilassung Wichmanns durch Gero nach seiner Auflehnung gegen Otto, seiner Flucht zu den Redariern sowie dem zweimaligen Feldzug Wichmanns gegen Mieszko berichtet und diese Ereignisse respektive eindeutig differenziert, zu einem Vorgang kontrahiert und überdies Wichmann mit Gero verwechselt: „Markgraf Gero unterwarf Lausitz, Selpuli und sogar Mieszko mit seinen Untertanen der kaiserlichen Herrschaft.“92 Wie Althoff93 argumentiert, besteht kein Grund davon auszugehen, Thietmar besitze neben dem gut informierten Widukind weitere Quellen, die den vermeintlichen Feldzug Geros historisch verbügten. Insofern dürfte Widkunds Darstellung quellenkritisch gesehen mehr Gewicht beizumessen sein als derjenigen Thietmars.94 Althoff kommt so zu einer dezidierten Einschätzung dieser Episode: „There is no reason to suppose that Thietmar is here drawing on his own knowledge of a campaign by Gero against Miesco, and this may be struck from the record.“95 Neben den genannten Stellen finden wir noch eine weitere relevante Bemerkung beim Annalista Saxo, um die frühen Beziehungen Mieszkos zu Otto zu erhellen.96 Dabei fallen einige Aspekte im Ablauf der eben erläuterten Kämpfe der Slawen mit Kräften des Reiches ins Auge: Es handelt sich zunächst einmal um sächsische Adlige, die in Diensten der Abodriten, dann der Redarier tätig sind, die Mieszko schlagen. Die Rolle Mieszkos im Spannungsfeld der Konflikte zwischen Sachsen, dem Reich und den Slawen ist angesichts der äußerst knappen Überlieferungssplitter offenbar so zu charakterisieren, dass er durch die militärischen Niederlagen gezwungen wird, territoriale Expansionsstrategien westlich der Oder zu überdenken, so dass die Festung Lebusa für lange Zeit der ‚Brückenkopf’ der Piasten im Raum westlich der Oder bleiben sollte.97 Dass hierbei aber an ein nach den Prinzipien der Vasallität funktionierendes Verhältnis zwischen Otto und Mieszko gedacht worden ist, wie oftmals in der früheren For- 91 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 141. 92 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14, S. 48: Gero Orientalium marchio Lusizi et Selpuli, Miseconem quoque cum sibi subiectis imperiali subdidit dicioni. Giesebrecht sieht den vermeintlichen Sieg Geros in ziemlich penetranter nationalistischer Verbrämung als ‚Großtat’ an. Vgl. Giesebrecht, Wilhelm, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, S. 181f. 93 Vgl. Althoff, Gerd, Saxony and The Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 286. 94 Zu dieser Einschätzung gelangen auch Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., in: Schlesinger, Walter, Mitteldeutsche Beiträge zur deutschen Verfassungsgeschichte des Mittelalters, Göttingen 1961, S. 306-407, hier S. 383 mit Anm. 284. 95 Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 286. 96 Annalista Saxo, a. 963. 97 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 183f. 37 schung unterstellt wurde,98 geht aus den Quellen nirgendwo hervor, zumal auch die hierfür oftmals als Voraussetzung angeführte vermeintliche Niederlage Mieszkos gegen Gero als Vertreter ottonischer Interessen im Gebiet der Elbe keinen historischen Hintergrund hat. Aufgrund der verfügbaren Überlieferungsbasis ist die These eines vasallitischen Verhältnisses somit als Spekulation zurückzuweisen. Die Bemerkungen bei Widukind legen lediglich den Schluss nahe, dass Mieszko aufgrund der schweren Niederlagen gegen Wichmann und die Redarier militärisch unter Druck geraten ist, welcher seine politischen Handlungsoptionen zunehmend eintschränkte und ihn zu Kompromissen zwang. Diese diffiziele politische Konstellation hat vermutlich dazu geführt, dass Miezsko genötigt wurde, die Oberhoheit Ottos I. grundsätzlich anzuerkennen.99 Dabei lässt sich die These, dass es sich um ein tributäres Verhältnis handelte, aus weiteren Quellenbemerkungen ableiten: Widukind verweist darauf, dass „reiche Beute“ von Mieszko erpresst worden sei, so dass in jedem Falle mit der Unterwerfung eine materielle Komponente verbunden war. Auch die Bemerkung bei Thietmar im unmittelbaren Zusammenhang mit der Unterwerfung Mieszkos, dass „Herzog Hermann Selibur, Mistui und die Ihrem dem Kaiser tributpflichtig machte“,100 verweist auf ein tributäres Verhältnis des Polen zu Otto I., denn offenbar werden auch andere slawische Stämme in ein entsprechendes Verhältnis hineingedrängt. Als Folge der Niederlage gerät er mit dem ihm untergebenen fürstlichen Herrschaftsverbandin ein auf personalen Beziehungen beruhendes tributäres Verhältnis zu Otto I., dessen Modalitäten an dieser Stelle gleichwohl nicht näher bestimmbar sind, jedoch wie gesagt keinesfalls als Lehnsabhängigkeit zu charakterisieren sind.101 Allerdings lassen sich außer den Feststellungen, dass Mieszko in ein Unterordnungsverhältnis gegenüber Otto dem Großen eingetreten ist, Belege dafür finden, dass der Piast entweder in Verbindung mit der Akzeptierung der Oberhoheit Ottos oder auch einge Zeit danach ein amicitia-Verhältnis mit dem Kaiser einging: Als der oben schon erwähnte Billunger Wichmann nach einem Konflikt mit seinem Onkel Herzog Hermann zu den Wollinern flieht, die mit Mieszko im Kampf um die Vormachtstellung an der Odermündung stehen, stel- 98 Vgl. eben Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates; siehe zu dieser Diskussion auch Kapitel 2 der vorliegenden Arbeit. 99 Vgl. Mühle, Eduard, Die Piasten. Polen im Mittelalter, München 2011, hier S. 17: „Schon 964 akzeptierte er [Mieszko] die Oberherrschaft Ottos I., dem er für seine Herrschaft über das Lebuser Land (usque in Vurta fluvium) fortan Tribut zahlte und sich als treuer Verbündeter (amicus imperatoris) zur Seite stellte.“ Siehe dazu auch Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 19: Interea Hodo, venerabilis marchio, Miseconem, inperatori fidelem, tributumque usque in Vurta fluvium solventem, exercitu petivit collecto. 100 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14, S. 48: Herimannus dux Seliburem et Mistui cum suis imperatori tributarios fecit. 101 So auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10; Mühle, Eduard, Die Piasten, S. 17. 38 len diese ihn wegen seiner militärischen Erfahrung an die Spitze ihres Heeres. Interessant ist dabei, dass Mieszko nunmehr als ‚Freund des Kaisers’ apostrophiert wird, der gegen den insurgenten Wichmann zu Felde zieht.102 Sowohl die in der Historiographie beschriebene Situation, in der Wichmann gegen seinen Onkel Herzog Hermann, also einen prominenten Fürsten des Reiches kämpft, als auch die Formulierungen, die Widukind im Zusammenhang mit der Erwähnung Mieszkos nutzt, räumen m. E. jegliche Zweifel an einem Freundschaftsbündnis zwischen Mieszko und Otto dem Großen aus: „Da aber Wichmann hörte, dass die Burg [die Oldenburg] genommen und seine Gefährten in Feindeshand gefallen seien, wandte er sich von neuem gegen Osten und begab sich wieder unter die Heiden; hier beriet er sich mit den Slawen, welche Wuloini heißen, wie sie Misaca, des Kaisers Freund, mit Krieg heimsuchen wollten, was diesem keineswegs unbekannt blieb.“103 Sehr ähnliche, fast identische Formulierungen finden wir beim Annalista Saxo, der bekanntlich auf das Werk Widukinds rekurriert: Milites Wigimanni variis penis afflixit, urbis spolia repperit, magnum spectaculum populo prebuit, victorque in patriam reneaque cum Slavis qui dicuntur Vulini, quomodo Misacam, amicum imperatoris, bello lacesserent […].104 An diesen Formulierungen in Verbindung mit den eben zitieren Bemerkungen Widukinds lässt sich ablesen, dass die Beziehungen zwischen Mieszko und Otto, also den wichtigsten Herrschaftsakteuren Polens bzw. des Reiches, in Folge der Niederlage Mieszkos gegen Wichmann zwar einerseits zunächst tributärer Art waren, aber andererseits entweder zeitgleich oder einige Zeit später auch als reziprokes, freundschaftliches Verhältnis zu chararkterisieren sind. Leider berichten die wenigen auf uns gekommenen Überlieferungssplitter nichts Explizites über rituelle Akte oder den Abschluss der amicitia 963, so dass man nicht mit letzter Sicherheit zu sagen vermag, ob diese Freundschaft nun bereits 963 – von einem solchen unmittelbaren Zusammenhang gehen etwa Schlesinger und Beumann105 aus – oder zu einem späteren Zeitpunkt separat geschlossen worden ist. Wahrscheinlich ist wohl, dass der Übertritt Mieszkos zum Christentum um 966, welcher durch seine Ehe mit der Přemyslidin Dobrawa gefördert wurde, einen wichtigen Beitrag zur Annäherung Mieszkos an Reich und Kaiser geleistet 102 Vgl. dazu: Lübke, Christian, Regesten zur Geschichte der Slawen an Elbe und Oder (vom Jahr 900 an) (Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen, Reihe I, Gnesener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens, 131-134), Berlin 1984, hier Bd. 2, Nr. 123, S. 201f. 103 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 143: Audiens autem Wichmannus urbem captam sociosque afflictos ad orientem versus iterum se paganis inmersit, egitque cum Sclavis qui dicuntur Vuloini, quomodo Misicam amicum imperatoris bellos lacesserent; quod eum minime latuit. 104 Annalista Saxo, a. 967. 105 Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., S. 383 mit Anm. 284. 39 haben muss;106 spätestens vor dem Kampf mit Wichmann 967 muss die amicitia jedenfalls zum Abschluss gekommen sein. Dass diese amicitia erst im Kontext der Auseinandersetzungen von 967 erwähnt wird, könnte auf den Duktus der historiographischen Darstellungen Widukinds zurückzuführen sein, der sich im Jahr 963 vorrangig mit mehreren Niederlagen der Slawen beschäftigt, wobei Mieszko in der Aufzählung verschiedener unterworfener Slawenfürsten genannt wird. Ebenso ist in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, dass Mieszko im Jahr 966 getauft worden ist, also 967 anders als noch 962 kein Heide mehr war. Trotz der methodischen Unmöglichkeit, den Zeitpunkt des Abschlusses der amicitia genau festzulegen, ist die Relevanz dieses Bündnisses spätestens seit 967 eindeutig zu belegen.107 Es bleibt also festzuhalten, dass Mieszko I. nach seiner politischen Schwächung durch die Niederlagen gegen den Billunger Wichmann seit 963 in Abhängigkeit zu Otto I. und damit zum Reich gerät. Möglicherweise unmittelbar im Zusammenhang mit der Anerkennung der ottonischen Suprematie 963, spätestens jedoch 967 geht er ein amicitia-Bündnis zu Otto dem Gro- ßen ein, welches ihn über die Reihe der typischen slawischen Tributärstaaten erhebt. 4 # / ! " * ' ;>) / . $ Im Juni 972 liegen Markgraf Hodo, der aus der Sippe des mittlerweile verstorbenen Gero stammt, und Mieszko im Konflikt miteinander.108 Bei dem Ort Zehden erleidet Hodos Aufgebot eine vernichtende Niederlage gegen den Bruder Mieszkos, Cidebur.109 Thietmar äußert sich in folgender Weise zu den Ereignissen: „Inzwischen brachte der wackere Markgraf Hodo Truppen zusammen und griff Mieszko an, obwohl dieser dem Kaiser treu war und bis zur Warthe Tribut zahlte. Nur mein Vater, Siegfried, damals noch ein unvermählter junger Mann, leistete ihm dabei mit den Seinen Hilfe; als sie nun am Tage des St. Johannes des Täufers bei Zehden den Kampf gegen ihn eröffneten, waren sie wohl anfangs erfolgreich, dann aber schlug (Mieszkos) Bruder Cidebur alle die wackeren Ritter bis auf die beiden Grafen. Daraufhin entsandte der von solch schlechter Nachricht beunruhigte Kaiser aus Italien Boten an Hodo und Mieszko: Sie hätten bei Verlust seiner Huld Frieden zu halten, bis er selbst komme und ihren 106 Siehe dazu Kapitel 6. Vgl. auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10. 107 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10. 108 Zur Stellung und zur Herkunft des Markgrafen Hodo vgl. z. B.: Althoff, Gerd, Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen, München 1984, S. 392; ders., Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart/Berlin/Köln 2000, S. 133; Beumann, Helmut, Die Ottonen, Stuttgart 1991, S. 110; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 25, S. 34, S. 41. Vgl. zu den beschriebenen Ereignissen auch: Strzelcyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts, S. 204 oder Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 133. 109 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 162, S. 226f. 40 Streit untersuchen könne.“110 Auch hier zeigt sich das Zusammenwirken des Tribut- und des amicitia-Verhältnisses, so nennt Thietmar im zitierten Passus beide Beziehungsformen nebeneinander.111 Auf das Konfliktverhältnis zwischen Hodo und Mieszko werden wir unten noch zu sprechen kommen.112 Interessant ist an dieser Stelle zunächst das Verhältnis des Piasten zu Otto dem Großen. Lübke betont, dass die Umstände, die zu den Auseinandersetzungen zwischen Hodo und Mieszko führten, völlig im Dunkeln liegen, allerdings deutet die explizite Betonung Thietmars, der Pole sei ein ‚Getreuer’ des Königs, darauf hin, dass Mieszko keine provozierenden oder aggressiven Handlungen gegen den Markgrafen unternommen und damit den Konflikt nicht selbst ausgelöst hat. Möglicherweise war die Ursache des Konflikts eine Grenzstreitigkeit zwischen den beiden Kontrahenten bezüglich des östlichen Markengebietes in der Lausitz bzw. dem Westrand des Einflussbereichs Mieszkos.113 Das Verhalten Ottos des Großen zeigt dabei zunächst die typischen Elemente der Deeskalation: Unter dem Vorsitz des Königs als Richter soll bei einer Zusammenkunft über den Konflikt entschieden werden. Das Androhen der Huldentziehung ist dabei konform zu den gängigen Regeln mittelalterlicher Konfliktführung, denn üblicherweise bedeutet eine entsprechende Drohung, dass eine Verhaltensänderung der dadurch adressierten Konfliktpartei erwartet wird.114 Entscheidend ist dabei, dass der Huldentzug nur dann seine intendierte Wirkung entfalten kann, wenn vorher auch ein entsprechendes Verhältnis zwischen dem König und den involvierten Großen als Konfliktparteien bestanden hat, d. h., wenn ein herrschaftliches, freundschaftliches oder verwandtschaftliches Verhältnis zwischen ihnen gegeben ist.115 Daher lassen sich die Befunde der herrschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen des Piasten zu Otto, die im vorangegangenen Kapitel herausgestellt wurden, auch an dieser Stelle bestätigen, denn schließlich wird Mieszko im Konflikt mit Hodo in gleicher Weise behan- 110 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 29, S. 74: Interea Hodo, venerabilis marchio, Miseconem inperatori fidelem tributumque usque in Vurta fluvium solventem exercitu petivit collecto. Ad cuius auxilium pater meus comes Sigifridus, tunc iuvenis necdumque coniugali sociatus amori, venit solum cum suis et in die sacnti Iohannis baptistae adversus eum pugnantes primoque vincentes a fratre eiusdem Cideburo, exceptis tantum comitibus prefatis, omnes optimi milites interfecti oppecierunt in loco, qui vocatur Cidini. Hac de fama miserabili inperator turbatus de Italia nuncios misit precipientes Hodoni atque Miseconi, si gratiam suimet habere voluissent, usque dum ipse veniens causam discuteret, in pace permanerent. 111 Gleiches gilt wie zu erwaten auch für die Annalista Saxo, a. 972: Interea Odo venerabilis Marchio Miseconem, inperatoris fidelem tributumque usque in Vurta fluvion persolventem, collecto exercitu petivit. 112 Siehe die Kapitel 6.1 und 6.2. 113 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 162, S. 228. 114 Althoff, Gerd, Huld. Überlegungen zu einem Zentralbegriff der mittelalterlichen Herrschaftsordnung, in: ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 199- 228, hier S. 204f. 115 Vgl. ebd., S. 204. 41 delt wie der sächsische Markgraf: Beide besitzen also zum Zeitpunkt des Konfliktes 972 die Huld des Kaisers, weswegen dieser in gleicher Weise an beide appelliert, sich des Kampfes zu enthalten, um seine Huld nicht zu verlieren. Indessen wandelt sich das Verhältnis zwischen Otto und Mieszko alsbald in fundamentaler Weise: Nach der Darstellung der Altaicher Annalen erscheint Mieszko auf dem Reichstag in Quedlinburg zu Ostern 973 möglicherweise gar nicht selbst, sondern entsendet lediglich seinen Sohn Bolesław Chrobry als Geisel; Thietmar berichtet allerdings von der persönlichen Präsenz des Mieszko. Nun geben uns unglücklicherweise weder Thietmar noch andere relevante Quellen – etwa die Hildesheimer Annalen oder Lampert von Hersfeld – direkte Auskunft über die Schlichtung des Konfliktes zwischen Hodo und Mieszko. Thietmar gibt etwa nur die folgenden Hinweise: „Dann zog er [Otto] nach Quedlinburg, um das bevorstehende Osterfest mit dem Lobe Gottes und in weltlicher Freude zu begehen. Hier fanden sich auf Anordnung des Kaisers ein die Herzöge Mieszko und Bolesław, ferner Gesandte der Griechen, Beneventer, Ungarn, Bulgaren, Dänen, Slawen und alle Großen aus dem gesamten Königreiche. Alle Fragen fanden eine friedliche Schlichtung, und man kehrte mit reichen Gaben beschenkt frohgemut heim.“116 Angesichts der Darstellung Thietmars und der in seinem Bericht beschrieben zeichenhaften Gesten müsste die Angelegenheit zwischen Mieszko und Hodo eigentlich zu einem gütlichen Abschluss gekommen sein, so dass schließlich auch die Beziehungen zwischen Mieszko und Otto weitgehend schadens- und verlustfrei aus dem Konflikt hervorgegangen sein könnten. Allerdings gibt diese Darstellung durch Thietmar auch Anlass zur Skepsis: Einige Vertreter der polnischen Mediävistik stützen sich etwa auf eine Bemerkung der Altaicher Annalen zum selben Reichstag, um aufzuzeigen, dass Otto sich bereits vorher zugunsten Hodos entschieden habe, so dass Mieszko dem Hoftag fern blieb:117 „Auch Mieszko, der Herzog der Slawen, schickt von Schrecken erfasst, seinen Sohn als Geisel.“118 Da dieses Verhalten als Symptom einer signifikanten Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen in der Nachfolge des Kampfes Mieszkos mit Hodo gesehen werden kann, sind zu diesem Punkt noch einige weiterführende Bemerkungen anzuschließen. Die Frage, ob Bolesław als Geisel am Hof Ottos verbleiben ist, ist nicht eindeutig zu klä- 116 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 31, S. 76: Dehinc ivit ad Quedlingeburg proximum pascha divinis laudibus humanisque peragens gaudiis. Huc confluebant inperatoris edictu Miseco atque Bolizlavo duces et legati Graecorum, Beneventorum, Ungariorum, Bilgariorum, Danorum et Sclavorum cum omnibus regni totius primariis; consummatisque pacifice cunctis, ditati muneribus magnis reversi sunt ad sua laetantes. 117 Z. B. Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, Bd. 1, Warszawa 1988, S. 126 oder Lowimianski, Henryk, Poczatki Polski, Warszawa 1963, S. 559f.; vgl. zu diesem Problem auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 163, S. 229. 118 Annales Altahenses, a. 973. 42 ren,119 weil sowohl die Altaicher Annalen als auch die Quedlinburger Annalen übereinstimmend nichts von einer persönlichen Präsenz Mieszkos auf dem Reichstag zu berichten wissen: „Darnach ging er [Otto] zur Abtei Quedelinburg, welche seine ehrwürdige Mutter Machthild gegründet hatte, und indem daselbst die Gesandten des Polanischen und Böhmischen Herzogs, auch der Griechen, Beneventer, Ungarn, Bulgaren, Dänen und Slawen ankamen, verbrachte er das Osterfest […] in fürstlicher Pracht.“120 In der Tat scheint die These einiger polnischer Historiker wie Labuda oder Lowimianski daher nicht abwegig, Otto habe bereits vor dem Reichstag 973 zugunsten des Markgrafen Hodo und damit gegen Mieszko entschieden. Schon im Vorfeld des Reichstages zu Quedlinburg scheint es also zu einer dramatischen Verschlechterung der Beziehungen zwischen Otto und Mieszko gekommen zu sein. Überdies erscheinen die Bemerkungen Thietmars zumindest über das gegenseitige Einvernehmen auf dem Reichstag von Quedlinburg angesichts der nach 973 folgenden Auseinandersetzungen zwischen Otto II. und Mieszko wenig glaubwürdig, denn schon ein Jahr später beteiligt sich der Pole an einer Verschwörung gegen den neuen König: „In demselben Jahre [974] schmiedeten der Herzog Heinrich von Bayern [der Zänker] und der Bischof Abraam [von Freising] einen Plan mit Bolislaw und Misigo, wie sie dem Kaiser seine Herrschaft vernichten könnten; und zwar wurde dies in so unseliger Weise abgemacht, dass, wenn die göttliche Barmherzigkeit nicht ein Einsehen gehabt und dazu die Klugheit Beratholds es nicht zu Nichte gemacht hätte, fast ganz Europa verödet und zu Grunde gerichtet worden wäre.“121 Auch Lampert von Hersfeld äußert sich zum Jahr 974 in der gleichen Weise: „Herzog Heinrich von Bayern und Bischof Abraham schmiedeten mit Boleslav und Mieszko einen verruchten Anschlag gegen den Kaiser. Doch als der Kaiser von diesem verabscheuungswürdigen Plan erfuhr, versammelte er seine Fürsten und bat um ihren Rat, was er dagegen tun solle.“122 Obgleich die Verschwörung aufgedeckt werden konnte, tritt Mieszko nach 973 als Gegner Ottos II. in Erscheinung. Letztlich liegt wohl die Ansicht nahe, diese Verschwörung als Schwureinung (,conspiratio ) mit Heinrich von Bayern und Bischof Abraham zu charakterisieren, nicht zuletzt, da sie explizit dem Ziel diente, den amtierenden Kaiser seiner Herrschaft zu berauben. 119 Vgl. zu dieser Frage etwa: Labuda, Gerard, Czy Bolesław Chrobry byl w mlodosci zakladnikiem u Niemcou? (Was the young Boleslaw the Brave a hostage of the Germans?), in: Roczniki Historyczne 16 (1974), S. 244-305. 120 Annales Magdeburgenses, a. 973. 121 Annales Altahenses, a. 974. 122 Vgl. Lampert von Hersfeld, Annales, a. 974, S. 43: Heinricus dux Baiorariorum et Abraham episcopus cum Bolisclaione et Mischione inierunt contra imperatorem pravum consilium. At imperator, tali nefando comperto consilio, congregavit omnes principes suos, et quid inde faceret, consilium petit. Vgl. zu der Verschwörung auch: Lübke, Christian, Regesten, Nr. 147, S. 244f. 43 Die Veränderungen der Beziehungen zwischen Otto I. bzw. Otto II. und Mieszko sind vor dem Hintergrund des üblichen Verhaltensrepertoires bei Konfliktsituationen gut nachzuvollziehen: Man wird kaum fehl in der Annahme gehen, unterschiedliche Stufen der Eskalation des Konfliktes zwischen Otto I. und Mieszko, und damit in der Verschlechterung ihrer jeweiligen Beziehungen, anzunehmen. Rekapitulieren wir daher den möglichen Verlauf der Ereignisse im Rückgriff auf die Funktionsprinzipien mittelalterlicher Konfliktführung: Ausgangspunkt der Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Piasten und Ottonen seit 972 ist offenbar der Kampf Mieszkos gegen Markgraf Hodo. Zu diesem Zeitpunkt bezeichnen sowohl Thietmar als auch der Annalista Saxo den Polen als ‚Getreuen’ des Kaisers. Zwar liegen die Ursachen für den Konflikt zwischen ihm und Hodo wie gesagt leider im Dunkeln, allerdings ist es nicht unwahrscheinlich, dass Hodo den Konflikt provozierte – warum sonst sollten sowohl Thietmar als auch der Annalista Saxo explizit das Treueverhältnis Mieszkos zu Otto und damit zum Reich betonen? Obgleich in diesem Punkt keine epistemologische Sicherheit zu erreichen ist, lässt dann aber das Verhalten Mieszkos beim Reichstag von 973 keine Zweifel aufkommen: Das Fernbleiben trotz der zuvor deutlich durch Otto ausgesprochenen Vorladung kann als klarer Hinweis auf einen beginnenden Konflikt gewertet werden, schließlich kannte die mittelalterliche Adelsgesellschaft elaborierte Zeichen und Symbole, um Eskalationen anzuzeigen: „Wer nicht mehr heiter redete, den anderen mied oder nicht mehr grüßte, der sandte eindeutige Zeichen [der Eskalation] aus […].“123 Möglicherweise hat Otto im Gegenzug zum Fernbleiben vom Reichstag, vielleicht aber auch bereits vor dem Reichstag, seine Drohung wahr gemacht und Mieszko seine Huld entzogen. Obwohl die Quellen über den Zeitpunkt des Huldentzugs schweigen, wäre dies eine den Umständen adäquate Handlungsweise des Kaisers, da Mieszko die Vorladung zum Reichstag missachtete. Eventuell ist es aber wie gesagt schon vorher zum Huldentzug gekommen, da Mieszko in jedem Falle die Entscheidung des Kaisers zugunsten des Markgrafen Hodo nicht zu akzeptieren schien, was ihn ja zum Fernbleiben vom Reichstag bewog. Die nächste Stufe der Eskalation wäre dann in der Planung eines Aufstandes gegen Otto II. zu sehen. Neben ersten Zeichen der drohenden Eskalation wie der Meidung des künftigen Gegners auf dem Reichstag, schließen sich daran konkretere Maßnahmen zur Fehdeführung an, in diesem Falle ein Plan, den neu erwählten Otto II. seiner Herrschaft zu berauben. Konkret handelte es sich dabei um die eben erwähnten Vereinbarungen Mieszkos mit Herzog Heinrich, Bischof Abraham und Boleslav von Böhmen, die man als conspiratio bezeichnen kann.124 In den Folgejahren erscheint Mieszko nun immer wieder in Konflikten mit Hodo, aber auch anderen Großen der Sachsen, in denen er siegreich bleibt. Die Auseinandersetzungen können erst durch eine Heirat mit der Sächsin Oda, der 123 Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen, S. 9. 124 Vgl. dazu Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 157. 44 Tochter des Grafen der sächsischen Nordmark, Dietrich von Haldensleben, beendet werden (darauf werden wir in Kapitel 6.2 nochmals zurückkommen),125 wobei diese Vorgänge freilich ebenfalls als ein Indiz dafür zu werten sind, dass die Streitigkeiten um die Markengebiete von Otto dem Großen nicht in Mieszkos Sinne gelöst worden sind. Als wichtige Ursache der massiven Verschlechterungen der ottonisch-piastischen Beziehungen sind mithin die polnisch-sächsischen Auseinandersetzungen auszumachen. Eine entsprechende Bemerkung Thietmars macht nämlich klar, wie groß die Animositäten zwischen Hodo und Mieszko waren: „Zu Lebzeiten des wackeren Hodo wagte sich dieses Mannes [Boleslaws] Vater Mieszko niemals in ein Haus, in dem er ihn [Hodo] wusste, im Pelze zu betreten oder sitzen zu bleiben, wenn er sich erhob.“126 Obwohl Thietmar in diesem Passus in ziemlich einseitiger Beurteilung der Angelegenheit Hodo als vortrefflichen und Mieszko überlegenen Akteur darstellt, ist die Stelle durchaus als Indiz der erheblichen Spannungen, die zwischen den beiden bestanden haben müssen, zu werten. Vielleicht ist aufgrund der Schärfe der Spannungen die wahrscheinliche Entscheidung des Kaisers Otto zugunsten des sächsischen Markgrafen umso schwerer für den polnischen Fürsten zu tragen gewesen, wodurch sich die massive und zugleich rasch vollzogene Verschlechterung der ottonisch-piastischen Beziehungen erklären ließe. Dass seit dem Reichstag von Quedlinburg eine sukzessive Verschlechterung der deutsch-slawischen Beziehungen eingetreten ist, die letztlich bis zum gewaltsamen Konflikt führte, macht überdies der Fall des ebenfalls an der Verschwörung beteiligten Boleslav von Böhmen klar, der seit 974 offensichtlich erbitterte Kämpfe mit Otto II. austrägt. Lampert von Hersfeld bemerkt in seinen Annalen etwa: „In demselben Jahr [975] verwüstete und brandschatzte der Kaiser Böhmen“;127 ganz ähnlich auch die Altaicher Annalen: „In demselben Jahre brannte und verwüstete der Kaiser Otto das Land der Böhmen.“128 Sowohl Bolesław als auch Mieszko liegen nach 974 also im gewaltsamen Kampf entweder mit Reichsfürsten oder mit dem König selbst. Möglicherweise unternahm 979 Otto II. selbst einen Kriegszug gegen Mieszko,129 allerdings ist in der einzigen Quelle, die einen Feldzug gegen die Slawen im fraglichen Zeitraum erwähnt, nämlich der Bistumsgeschichte von Cambrai, nur von einem Zug Ottos II. gegen ‚feindliche Slawen’ die Rede.130 Obwohl nicht ganz klar ist, warum die Quellen zweifelsfrei 125 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 194. Dazu auch Lübke, Christian, Regesten, Nr. 180, S. 252f. 126 Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 10, S. 232: Viviente egregio Hodone pater istius Miesco somum, qua eum esse sciebat, cruscinatus intrare vel eo assurgente numquam presumsit sedere. 127 Lampert von Hersfeld, Annalen, a. 975, S. 43. 128 Annales Altahenses, a. 975. 129 So zumindest Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 12. 130 Gesta Episcoporum Cameracensium, I, 101; vgl. auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 206a, S. 292f. 45 nur auf den Angriff Kaiser Ottos auf den Böhmen, nicht aber den Polen verweisen, ist dennoch zu bemerken, dass nach der Verschwörung die letzte Stufe der Eskalation spätestens im Jahr 975 erreicht ist. Während aber Mieszko seine Auseinandersetzungen mit dem sächsischen Adel siegreich gestalten kann, muss Boleslav von Böhmen die Verwüstung seines Landes durch Otto II. hinnehmen, was als Zeichen der kaiserlichen Stärke zu werten ist.131 Für die Bewertung der ottonisch-piastischen Beziehungen bleibt damit festzuhalten, dass nach dem Kampf Mieszkos mit Hodo eine merkliche Verschlechterung eingetreten sein muss, was sich im Fernbleiben vom Reichstag, in der Bildung einer Verschwörung und in erneuten Kämpfen gegen Otto II. und die Sachsen in entsprechenden zunächst symbolischen, dann gewaltsamen Akten äußerte. Es bedarf dabei kaum der Erwähnung, dass die Bande der amicitia zwischen der ottonischen und der piastischen Dynastie durch diese Vorfälle zerrissen worden ist. Dass nun diese Zerstörung der amicitia und die daran anschlie- ßende Eskalation der Auseinandersetzungen sowohl für das Verhältnis Ottos des Großen als auch seines Sohnes Otto II. zu Mieszko gilt, ist durch die Funktionsweisen der Gruppenbindung zu erklären: Man muss schließlich nicht nur das Verhältnis zwischen isolierten Herrschaftsakteuren, sondern zwischen den durch sie repräsentierten Gruppen untereinander berücksichtigen, um die Geltungsbreite des Konfliktes zwischen Otto I. und Mieszko zu ermessen, denn bekanntermaßen wirken in der mittelalterlichen Politik stets interpersonale Verflechtungen und Banden, in denen der Akteur niemals für sich allein steht.132 Demgemäß ist es auch nur folgerichtig, dass die Beziehungen zwischen Otto I. und Mieszko Auswirkungen auf die Beziehungen Ottos II. zu den Piasten hat. Allerdings sind die massiven Spannungen jedoch nur auf die Otto I. und Otto II. verbundene Kreise zu beziehen, was im Rahmen der verwandtschaftlichen Bindungen der Ottonen die sächsische Linie der Liudolfinger umfasst. Indes greift Mieszko I. demgegenüber die Möglichkeit auf, sich mit Heinrich dem Zänker, dem Kontrahenten Ottos II. aus der bayerischen Linie der Liudolfinger, zu verbinden, um Otto zu schädigen. Es zeigt sich bei der Betrachtung dieser politisch höchst wichtigen Konstellationen also neuerlich, dass die deutsch-polnischen Beziehungen nur unter der Perspektive der Wirksamkeit personaler Beziehungsgeflechte erfolgen kann, als deren integraler Bestandteil Mieszko im Konflikt mit den sächsischen Ottonen (und damit den Königen) auftritt. 131 Vgl. Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen, S. 6: „In der Tat war die mittelalterliche Konfliktführung in hohem Maße menschenverachtend. Fühlte man sich ungerecht behandelt, zurückgesetzt oder beleidigt, eröffnete man einen gewalttätigen Konflikt, indem man Land und Leute des Gegners schädigte. […] Sinn dieses barbarischen Tuns war es, den Gegner durch Demonstration der Stärke zum Einlenken und Nachgeben zu bewegen.“ 132 Siehe Kapitel 4.1. Vgl. Keller, Hagen, Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, S. 24f. 46 4 # / $ . . / ! &' ! @ $ " 0 * ' ;A+ Das Auftreten Mieszkos und auch Boleslavs (von Böhmen) auf dem Reichtag von Quedlinburg steht ganz im Zeichen der 974 relevanten Gruppenkonstellationen, nämlich der conspiratio mit Heinrich dem Zänker. Auch an dieser Stelle ist zum vollen Verständnis der recht komplizierten Lage im Reich nach dem Tode Ottos II. ein kurzer Rekurs auf die historischen Umstände geboten: Als Schwertmage des gerade einmal drei Jahre alten Otto III. beansprucht Heinrich der Zänker, der sich bis 984 wegen seiner Versuche, Otto II. zu stürzen, in Haft befunden hatte, die Vormundschaft des noch minderjährigen Thronfolgers für sich.133 Zwar hatte Heinrich mit dieser Maßnahme durchaus eine Perspektive, nach dem Tode Ottos II. wieder in legitimer Weise eine wichtige Stellung im Herrschaftsverband des Reiches einzunehmen, doch bedurfte es einer entsprechenden Anhängerschaft, um diese Perspektive in die Realität umzusetzen. Zum Palmsonntag lädt Heinrich daher die Fürsten nach Magdeburg, um durch Verhandlungen seine Königserhebung zu erreichen, allerdings verzögern die Fürsten die Entscheidung mit der Begründung, dass sie „zuvor die Erlaubnis ihres Herrn Königs, dem sie geschworen hätten“ einholen müssten.134 Da Heinrich ob dieses Verhaltens seinen ‚Unwillen’ zeigt, entfernen sich einige Fürsten, um den Plan des Zänkers, den Thron zu erlangen, zu vereiteln.135 Die Versammlung von Magdeburg brachte für Heinrich also nicht den erhofften Erfolg, so dass nur weitere Bestrebungen, potente Fürsten auf seine Seite zu bringen, die Aussicht auf die Thronerhebung bedeuten konnten. In Sachsen etwa warb Heinrich vehement um Zustimmung und hielt in diesem Kontext im März 984 einen Reichstag in Quedlinburg ab. Thietmar berichtet von diesem Ereignis in folgender Weise: „Von da begab sich Heinrich nach Quedlinburg. Hier kamen viele Große des Reiches zusammen; einige aber, die es vorzogen, nicht zu erscheinen, sandten Beobachter, die sorgsam auf alles Acht haben sollten. Während dieses Festes wurde er von den Seinen als König begrüßt und durch kirchliche Lobgesänge ausgezeichnet. Die Herzöge Mieszko, Mistui und Boleslaw und viele andere hatten sich eingestellt. Sie alle sicherten ihm eidlich als König ihre Unterstützung zu.“136 Da sich durch die Thronansprüche Heinrichs 133 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 1, S. 130; vgl. zu diesen Ereignissen auch die treffliche Zusammenfassung bei Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 153ff. sowie ders. Otto III. (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 1996, S. 44ff. 134 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 1. S. 132. 135 Ebd. 136 Thietmar von Merseburg, IV, 1. S. 133: Inde egressus Heinricus proximum pascha Quedlinburg festavis peregit gaudiis. Quo magnus regni primatus colligitur, a quibusdam autem venire illo nolentibus ad omnia diligenter inquirenda nuntius mittitur. Hac in festivita idem a suis publica rex appelatur laudibusque divinis attolitur. Huc Miseco et Mistui et Bolislovo 47 Parteiungen für und gegen ihn gebildet hatten, ist es an dieser Stelle zunächst einmal bemerkenswert, dass Thietmar lediglich die drei slawischen Fürsten als Parteigänger des Zänkers neben seinen Gefolgsleuten nennt. Dies ist sicher darauf zurückzuführen, dass Thietmar an dieser Stelle deutlich Partei zugunsten der antiheinrizianischen Fürstengruppe ergreift, denn bei der Aufzählung der Getreuen Ottos III., die vom Reichstag verfrüht abreisen und unmittelbar anschließend eine coniuratio gegen Heinrich bilden, ist er recht großzügig.137 Christian Lübke hat die Ansicht geäußert, das Erscheinen der slawischen Fürsten auf dem Reichstag und die Leistung des Treueides seien nicht als Auflehnung gegen die ottonische Linie des Kaiserhauses intendiert gewesen, da sich erst nach dem Quedlinburger Reichstag die Opposition gegen den Zänker gebildet habe.138 Diese Ansicht erscheint mir indes aus verschiedenen Gründen nicht plausibel: Zunächst einmal ist zu konstatieren, dass die Vormundschaft Heinrichs gegenüber dem minderjährigen König nicht als einvernehmliche Verwandtschaftsgeste, sondern eindeutig als konfliktbesetztes Verhalten eingeschätzt worden ist. Thietmar berichtet nämlich, dass die Kaiserinnen Theophanu und Adelheid erst ins Reich kamen, als sich Verhandlungen zwischen den Parteien Heinrichs und Ottos abzeichneten, nämlich zum Reichstag nach Rohr im Juni 984.139 Es ist wohl kaum ein anderer Grund denkbar, dass die Frau und die Mutter des soeben verstorbenen Kaisers eine Reise ins Reich scheuten, schließlich hätte ja bei einer friedlichen politischen Konstellation einem Reverenzerweis gegenüber Otto II. nichts entgegen gestanden. Aber auch die eben zitierten Bemerkungen Thietmars zum Reichstag von Magdeburg legen die Vermutung nahe, dass schon zu diesem Zeitpunkt eine Spaltung in zwei Lager stattgefunden hat bzw. sich zumindest deutlich abzeichnete. Nicht umsonst wird die ,indignatio Heinrichs bezüglich des hinhaltenden Verhaltens vieler Reichsfürsten gesondert bei Thietmar erwähnt, und nicht umsonst entfernen sich einige Fürsten verfrüht und ohne angemessene Verabschiedung vom Reichstag. All diese Elemente deuten in ihrer Symbolhaftigkeit auf zunehmende Spannungen hin, die offenbar in den üblichen Bahnen der Konfliktaustragung verlaufen, denn die Fürsten bilden ja bekanntermaßen nach dem Reichstag in Quedlinburg eine coniuratio gegen den Zänker, machen also den nächsten Schritt der Eskalation. Dass sowohl der Böhme als auch der Pole Heinrich ihre Treue bekunden, verweist auf die Erneuerung der bereits 974 geschlossenen Verbindung dieser drei Akteure sowie das nach wie vor konfliktbelastete Verhältnis Mieszkos zu Otto III. als Nachfolger und Sohn Ottos II. Da sich die sächsische Linie der Ottonen sich in der Frage der Thronfolge im Konflikt mit dem Zänker befand, duces cum caeteris ineffabilibus confluebant, auxilium sibi deinceps ut regi et domino cum iuramentis affirmantes. 137 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 2, S. 133. Vgl. zu dieser Interpretation auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 157. 138 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 228, S. 27f. 139 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 8, S. 139. 48 passt der Vollzug des symbolischen Treueides gegenüber Heinrich auch vollauf in das Bild der bisher geformten gruppenpolitischen Konstellationen: Nach wie vor herrscht ein gespanntes Klima zwischen den sächsischen Ottonen, die Mieszko zu früherer Zeit mit der Entscheidung zugunsten des Markgrafen Hodo brüskiert hatten, und dem Piastenfürsten, so dass dieser entsprechend klar Stellung zur Partei Heinrichs des Zänkers bezieht. Es bedarf dabei wohl kaum der expliziten Erwähnung, dass es sich beim Konflikt mit den sächsischen Ottonen nicht um einen abstrakten Konflikt mit dem Reich als solchem gehandelt haben kann, sondern um einen personalen Konflikt des Piasten mit Otto II. und Otto III. im Kontext ihrer jeweiligen Gruppenbindungen. Dass dabei Mieszko stets darauf bedacht sein musste, die Situation seiner Herrschaft zu konsolidieren und vor Übergriffen durch Akteure aus dem Reich zu schützen, kommt als weiterer Grund für die Parteinahme zugunsten des Zänkers hinzu, die überdies im Zusammenhang mit Eheschließungen in Sachsen, die wir in Kapitel 6.2 noch ausführlicher behandeln werden, auch als Element einer breiter angelegten Strategie Mieszkos zur Sicherung des polnischen Einflussbereiches erscheint. Daher nimmt es auch nicht Wunder, dass Mieszko ohne Zögern ein Treue- und Unterordnungsverhältnis gegenüber dem Zänker als Gegner der sächsischen Ottonen in Kauf nimmt, um damit aktiver Bestandteil der Opposition zu werden. Schließlich bewirkte aber die friedliche Regelung der Thronfolge zugunsten des jungen Otto III. eine Konterkarierung der Zweckbestimmung der bis dato geformten Opposition. In Aussicht auf eine vollständige Restitution seiner Herrschaft in Bayern unterwirft sich Heinrich nämlich in einem öffentlichen Ritual König Otto III. In Frankfurt kommt es 985 zunächst zu folgender Szene: „Als das königliche Kind nach Frankfurt kam, da kam auch er [Heinrich] dorthin und erniedrigte sich nach Gebühr, um der Strafe für seine ungerechte Erhebung zu entgehen. Demütig in Aufzug und Haltung, beide Hände gefaltet, errötete er nicht, vor den Augen der gesamten Menge und in Gegenwart der kaiserlichen Frauen, welche die Regierung besorgten, der Großmutter, Mutter und Tante des Kindes, sich dem königlichen Knaben als Lehnsmann zu ergeben. […] In wahrhafter Treue versprach er ihm ferner zu dienen, forderte nichts für sich als das Leben und bat nur um Gnade. Die Frauen aber, durch deren Sorge das Reich und die Jugend des Königs geleitet wurden nahmen ihn, gar sehr erfreut durch die demütige Ergebung eines so hohen Mannes, mit verdienter Ehre auf […] und als er begnadigt und zur herzoglichen Würde wieder erhoben, waren sie ihm nicht nur unter den Freunden, sondern unter den Befreundetsten in schuldiger Liebe zugetan, wie das Recht der Verwandtschaft es fordert.“140 Es wäre nun anhand der eben beschriebenen Entwicklungen denkbar, dass nach der Unterwerfung des Zänkers die Slawenfürsten Mieszko und Bolesław in unmittelbarer Folge dieses Ereignisses als seine Getreuen ebenso die Anerken- 140 Annales Qudelinburgenses, a. 985. Vgl. zu diesem Ereignis auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 160; ders., Otto III., S. 45f. 49 nung der Oberherrschaft Ottos III. vollzogen und daher folgerichtig 986 auch beim Hoftag in Quedlinburg anwesend waren. Auch wäre es denkbar, dass der Grund für die dann folgende neuerliche Hinwendung Mieszkos zu den Ottonen darin zu suchen ist, dass aufgrund der Unterwerfung des Zänkers das Bündnis mit ihm als politisches Instrument gegen die (sächsischen) Ottonen im Reich entfiel. Wahrscheinlicher ist jedoch m. E., dass schon kurz nach der Huldigung des Zänkers durch Mieszko die Verbindung zwischen beiden durch Konflikte Mieszkos mit Boleslav von Böhmen, der ja ebenso ein treuer Parteigänger Heinrichs des Zänkers ist, so schweren Belastungen ausgesetzt wurde, dass das Bündnis mit dem Bayern und dem Böhmen politisch untragbar wurde, also als Begründung der Anwesenheit Mieszkos und Bolesławs auf dem Hoftag 986 und als motivierendes Agens der Huldigung Mieszkos gegenüber dem zuvor noch befehdeten Otto III. kaum in Frage kommen kann. Um diese Ansicht im Einzelnen nachvollziehbar zu machen, bedarf es nachfolgend einiger differenzierterer Betrachtungen, um die diplomatisch relevanten Beziehungsgeflechte der involvierten Akteure zu analysieren. 4 ) / B % * $ . ;A< ;;# 4 ) - 5 ' ! &' . ;A< Bereits vor dem Erscheinen des Böhmen Boleslav und Mieszkos auf dem Reichtag zu Quedlinburg 984 zeichneten sich Spannungen zwischen den beiden Fürsten ab. Bolesław (Chrobry), der Sohn Mieszkos, heiratete 984 nämlich die Tochter des Meißener Markgrafen Rikdag.141 Diese Maßnahme erscheint in der Darstellung Thietmars im Duktus der bekannten parteiischen Verzerrungen als Symptom niederträchtiger Verschlagenheit, denn der Chronist bringt die Heirat Bolesławs fälschlicherweise mit seiner Herrschaftsnachfolge in Polen nach dem Tode seines Vaters Mieszko in Verbindung: „Doch am 25. Mai im Jahre 992 […] ging der nunmehr gealterte und kränkelnde Herzog [Mieszko] aus dieser Fremde hinüber in die Heimat; sein Reich hinterließ er vielen zur Teilung; doch sein Sohn Boleslaw brachte es in füchsischer Verschlagenheit später wieder in seine Hand, indem er seine Stiefmutter und Brüder vertrieb und seine Verwandten Odilien und Przbowoj blenden ließ. Um nur allein herrschen zu können, setzte er sich über alles weltliche und göttliche Recht hinweg. Er vermählte sich mit der Tochter des Markgrafen Rikdag, schied sich aber später von ihr; dann nahm er eine Ungarin zu Frau […].“142 Die Hineinstellung der Heirat in die Ereignisfolge um den Herrschaftsbeginn Bolesławs durch Thietmar ist wie gesagt 141 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 196; vgl. dazu auch: Lübke, Christian, Elbslawen und Gentilreligion, S. 101. 142 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 196. 50 fälschlicherweise erfolgt und gehört stattdessen in den Zeitraum der Amtszeit des Rikdag zwischen 982 und 984.143 In diesem Kontext bedeutete die Heirat Bolesławs mit der namentlich unbekannten Tochter des Markgrafen einen taktischen Schachzug politischer Natur. Schon oben erwähnten wir ja, dass Mieszko sich mit Oda, der Tochter des Markgrafen der sächsischen Nordmark, vermählt hatte.144 Diese Heirat sicherte den Frieden Mieszkos mit den Sachsen, mit denen er sich bis dato erbitterte Kämpfe geliefert hatte, so dass nach langen Auseinandersetzungen eine Sicherung der Westgebiete des polnischen ‚Fürstenstaates’ erreicht werden konnte. Es ist also mit einiger Sicherheit davon auszugehen, dass Mieszko langfristig angelegte Strategien verfolgte, die polnische Herrschaft vermittels der engen Bindung an das Reich über die Dynastie der sächsischen Markgrafen sowie über gute Beziehungen zum künftigen König (Heinrich den Bayern) zu konsolidieren. Diese politische Zielvorgabe muss bei der Einschätzung der Handlungsweisen Mieszkos gleichsam als Prüfstein funktionieren, denn schließlich ist davon auszugehen, dass sie das politische Handeln des Piasten zu Beginn der 980er Jahre durchaus entscheidend beeinflusste. Gleichwohl verwiesen wir bereits in den einleitenden Teilen der Arbeit auf die faktischen Funktionsprinzipien mittelalterlicher Herrschaftsbeziehungen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten, längerfristig angelegte, prospektive Pläne in der politischen Praxis zu verwirklichen:145 Das Eingehen der conspiratio 974 mit Heinrich dem Zänker in Verbindung mit der Ehe zwischen Bolesław und der Tochter Rikdags ist so zwar als Teil einer breiter angelegten Strategie zur Herrschaftssicherung seitens des Piasten zu sehen, denn schließlich hätte eine Anhängerschaft gegenüber dem vermeintlichen künftigen römisch-deutschen König Heinrich von Bayern eine nachhaltige Stabilisierung der Position Mieszkos im Herrschaftsverband des Reiches wie auch im eigenen Herrschaftsverband bedeutet. Doch gerade diese Heirat hat möglicherweise zu einer Erosion der Verbindungen zwischen Bolesław II. und Mieszko I. geführt, da dadurch eine Möglichkeit eröffnet wurde, Ansprüche auf die von den Přemysliden beanspruchte Mark Meißen zu erheben. Angesichts der politischen Strategien Mieszkos erscheint es nicht verfehlt, davon auszugehen, dass auf dem Wege der Vermählung Bolesławs mit Rikdags Tochter neben der Sicherung des westlichen Grenzraumes des polnischen Herrschaftsbereiches, die durch die Heirat Mieszkos mit Oda erreicht worden ist, nun auch der südliche bzw. südwestliche Grenzraum durch die Bildung entsprechender ‚gemachter’ 143 Vgl. dazu Lübke, Christian, Regesten, Nr. 227, S. 25; hier weitere entsprechende Literatur. 144 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 195. Dazu auch Lübke, Christian, Regesten, Nr. 180, S. 252f. 145 Siehe Kapitel 4.1 der vorliegenden Arbeit. 51 Verwandtschaften und dadurch abgeschlossener Bündnisbeziehungen gesichert werden sollte.146 Gerade diese Verwicklungen haben aber nicht nur maßgeblich zu einer Auflösung des Bündnisses mit Heinrich dem Zänker und Bolesław beigetragen, sondern außerdem die neuerliche Hinwendung Mieszkos zu den Ottonen als mittlerweile wiedererstarkte Reichsgewalt unter Leitung Ottos III. befördert.147 Im sich nach der Heirat Bolesławs (Chrobry) mit Rikdags Tochter rasch entspinnenden Konflikt steht Heinrich der Zänker nämlich auf Seiten Boleslavs II., denn schon zu früherer Gelegenheit, im Kampf gegen Otto II., hatte sich der böhmische Herzog als treuer Verbündeter erwiesen: „Im Jahre 976 nach der Fleischwerdung des Herrn floh der Baiernherzog Heinrich nach Verlust seiner Würde und Ausschluß aus der kirchlichen Gemeinschaft nach Böhmen. Während seines Aufenthalts bei Herzog Boleslaw griff ihn der Kaiser mit einem starken Heere an, vermochte aber gegen die beiden gar nichts; er verlor vielmehr durch die List eines von Boleslaws Kriegern einen großen bairischen Trupp, der auf dem Anmarsch zu seiner Unterstützung bei der Burg Pilsen ein Lager bezogen hatte. Die Baiern wuschen sich am Abend, ohne sich durch Wachen zu sichern. Schon war der gepanzerte Gegner da, streckte die ihm nackt entgegen Laufenden in ihren Zelten und auf den Wiesen nieder und kehrte mit aller Beute froh und unbeeinträchtigt heim.“148 Obgleich sicher ein gewisser literarischer Aufputz an dieser drastischen Beschreibung Thietmars in Rechnung zu stellen ist, kann man davon ausgehen, dass Boleslav und Heinrich nach dem Eingehen der conspiratio 974 eng miteinander kooperierten, immerhin schreckt Boleslav nicht davor zurück, den Kaiser im gewaltsamen Konflikt und zudem auch noch mit einer List herauszufordern, um Heinrich den Zänker zu schützen. Hingegen wird Mieszko sich alsbald von dem Bündnis entfremdet haben, denn letztlich kann man die Heirat Bolesławs mit der Tochter des Meißener Markgrafen nur so interpretieren, dass die Beziehungen mit Böhmen trotz der Verbindung zwischen Böhmen, Heinrich dem Bayern und Mieszko bewusst aufs Spiel gesetzt worden sind. Mieszko musste sich bewusst sein, dass die Ehe seines Sohnes mit Rikdags Tochter zu Konflikten mit Böhmen führen würde. Daher geht auch Ludat mit Recht davon aus, dass sowohl die Bindung von 974 als auch diejenige 146 Zur Bedeutung gemachter Verwandtschaften: Vgl. Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 82f.; Wielers, Margret, Zwischenstaatliche Beziehungsformen im frühen Mittelalter. Pax, Foedus, Amicitia, Fraternitas, Phil. Diss. Münster 1959. 147 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 12. 148 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, III, 7, S. 104: Anno vero […] DCCCCLXXVI Heinricus, dux Bawariorum, honore et communione privatus, Boemiam fumanentem, nil ibi prorsus in neutro horum profecit, sed magnam Bawariorum catervam, sibi ad auxilium huc venientem et iuxta Pilsini urbem castra metatam, dolo cuiusdam militis Bolizlavi sic perdidit. Vespere facto Bawarri se levantes nulla custodum securitate fruuntur; et ecce hostis loricatus adveniens nudos eosdem in tentoriis et in vriemis revertitur. Vgl. auch den Annalista Aaxo, a. 984. 52 von 984 zu Heinrich dem Zänker nicht sehr stabil gewesen sein mussten, ganz im Gegensatz zur Bindung Boleslavs II. von Böhmen an den Bayern.149 Angesichts der engen Bindung Heinrichs mit Boleslav von Böhmen stehen Mieszko bei der Verfolgung seines Zieles, die polnische Herrschaft im Raum der Mark Meißen zu sichern, freilich nicht unerhebliche Hemmnisse entgegen. Tatsächlich geht Boleslav schon im Juni 984, also nur knappe vier Monate nach der Huldigung gegenüber Heinrich dem Zänker, gegen Meißen vor. Immerhin war Heinrich, der sich nach einem erfolglosen Treffen mit Willigis von Mainz und Herzog Konrad von Schwaben zu einer Auslieferung Ottos III. auf dem Reichstag in Rohr verpflichtet hatte, und nun auf der Suche nach böhmischer Unterstützung war, bei der Einnahme der Burg Meißen anwesend; und immerhin nahm er die Einnahme der Burg, bei der der Burggraf Rikdag (der nicht mit dem Markgrafen zu verwechseln ist) erschlagen wurde, offenbar billigend in Kauf: „Nun [nach der Werbung um seine Thronkandidatur in Sachsen und Bayern] suchte Heinrich mit den Seinen den Böhmenherzog Boleslav auf, der sich ihm in jeder Not stets hilfsbereit gezeigt hatte; er wurde ehrenvoll von ihm empfangen und durch seine Truppen von der Grenze an durch die Gaue Nisan und Dalemenzien bis nach Mügeln begleitet. Dann zog er, eingeholt von den Unsrigen, nach Magdeborn. Als nun aber Wagio, ein Ritter des Böhmenherzogs Boleslaw, der Heinrich mit dem Heere begleitet hatte, nach Meißen kam, beredete er sich mit den Einwohnern; dann bat er durch einen Mittelsmann Friedrich [von Eilenburg], einen Freund und Vasallen des gerade in Magdeburg weilenden Rikdag, zu einer Unterredung nach der vor der Burg gelegenen Kirche zu kommen. Kaum war er draußen, als sich das Tor hinter ihm schloß; Burggraf Rikdag, ein wackerer Ritter, wurde von ihnen am Triebischbach aus dem Hinterhalt erschlagen. Die Burg aber sicherte Boleslaw sogleich durch eine Besatzung; bald musste sie ihm als ihrem Herrn Wohnung bieten.“150 Durch diesen Zug konnte sich Boleslav von Böhmen die Vorherrschaft in der Mark Meißen zunächst sichern. Bemerkenswert ist hierbei, dass Mieszko in der Folge der Ereignisse politisch zunächst völlig isoliert wird, kollidieren doch im Konflikt um Meißen eigene Interessen mit denen seiner Bündnispartner. Indes findet sich aber in dieser Situation kein einziger Akteur aus den oben be- 149 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 26. 150 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 5, S. 136f.: Post haec Heinricus Bolizlavum, ducem Boemiorum, in cunctis suimet necessitatibus semper paratum, cum suis adiit honorifique ab eo succeptus cum exercitu eiusdem a finibus suis per Niseni et Deeminci coagus usque ac Modelini ducitur. Deindeque cum nostris obviam sibi pergentibus ad Medeburun proficiscitur. Wagio vero miles Bolizlavi, ducis Boemiorum, qui Heinricum cum exercitu comitatur, cum ad Misni redeundo perveniret, cum habitatoribus eiusdem pauca locatus Frithericum, Rigdagi marchionis tunc in Merseburg commirantis amicum et satellitem, ad aecclesiam extra urbem positam venire ac cum eo loqui per internuntium postulat. Hic ut egreditur, porta post eum clauditur, et Ricdagus, eiusdem civitatis custos et inclitus miles, iuxta fluvum, qui Tribisa dicitur, ab hiis dolose occiditur. Urbs autem predicta Bolizlavi mox presidio munita eundem cito dominum et habitatorem succepit. 53 schriebenen politischen Konstellationen bereit, der Mieszko bei seinem Eingriff in die Mark Meißen Unterstützung gewähren würde: Heinrich der Zänker ist durch enge Beziehungen mit Boleslav von Böhmen verbunden und sogar Markgraf Rikdag, der zuvor seine Tochter in die Ehe mit Bolesław (Chrobry) gegeben hat, verbleibt auf der Seite des Zänkers, dem man zum Zeitpunkt des Konfliktes offenbar noch mehr politisches Potential beimaß als es der tatsächlichen Situation angemessen gewesen wäre. Auch die Besatzung der Burg Meißen scheint sich nach der eben zitierten Darstellung der Burgeinnahme bei Thietmar freiwillig in die Hände des Böhmen begeben zu haben. Daraus wird man wohl folgern dürfen, dass die Involvierung Mieszkos in der Mark Meißen weder von den Meißener Herrschaftsträgern noch von den Böhmen gern gesehen worden ist. Letztlich erwies sich so auch die Eheverbindung zwischen Bolesław und Rikdags Tochter als zu schwach, um die Schwere des piastisch-böhmischen Gegensatzes, der 990 ja bekanntermaßen in einem offenen Kampf eskaliert, aufzuwiegen. Infolgedessen ist auch die Bemerkung Thietmars, dass Bolesław sich „später wieder von ihr [Rikdags Tochter] schied“ und dann eine „Ungarin zur Frau“ nahm,151 nur vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Eheverbindung als ‚künstliche’ Verwandtschaft in diesem Fall nicht ausreichend war, die anderen Formen personaler und genossenschaftlicher Bindung zwischen Heinrich dem Zänker, dem Böhmen und dem Markgrafen Rikdag selbst zu lösen. Die Aufhebung der pragmatisch angelegten Ehe war also eine folgerichtige Konsequenz aus der Unzulänglichkeit dieser Ehe, im Konflikt mit anderen Herrschaftsträgern ihren Zweck zu erfüllen, nämlich die Erhaltung der Beziehungen zwischen Piasten und Meißenern zu sichern. Halten wir damit also abschließend folgende Befunde aus den voraufgegangenen Überlegungen fest: Offenbar führte der bereits vor 984 relevante Eingriff Mieszkos im Raum Meißen in Form der Vermählung seines Sohnes mit der Tochter des Markgrafen zu einer starken Belastung der Verbindung zwischen ihm, dem Böhmen und Heinrich dem Zänker. Die kurz zuvor noch verbündeten Parteien liegen nur wenige Monate später in offenem Konflikt um die Markgrafschaft Meißen. Mieszko stellte sich im Anschluss an die böhmischpolnischen Auseinandersetzungen zunächst als Verlierer heraus, da er nach 984 sowohl seiner Bindung an Heinrich den Zänker als auch seiner Einflüsse in Meißen verlustig gegangen war. Freilich war diese Entwicklung zunächst in dieser Form kaum vorhersehbar, da sowohl er als auch Boleslav von Böhmen gemeinsam in Quedlinburg erschienen sind, um dem vermeintlichen neuen König Heinrich von Bayern als Verbündete den Treueid zu leisten, und um damit jeweils einen Mitstreiter für politische Eigeninteressen zu gewinnen. Zwar zeichneten sich im März 984 in Quedlinburg wohl schon Spannungen zwischen dem Piasten und dem Přemysliden wegen der Mark Meißen ab, jedoch erfolgte die 151 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 197: Duxit hic Rigdagi marchionis filiam, postmodum dimittens eam, et tunc ab Ungaria sumpsit uxorem […]. 54 Eskalation des Konfliktes erst im Juni 984, also einige Monate später.152 Auch war es nicht unbedingt zu erwarten, dass Markgraf Rikdag trotz der Vermählung seiner Tochter mit Bolesław auf Seiten des zunehmend in die politische Defensive gedrängten Heinrich von Bayern bleiben würde. Aus der Sicht politischer Pragmatik schien das Treffen von 984 mithin für alle Seiten vorteilhaft, doch angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Mieszko und Boleslav erwies sich der Streit um Meißen als Katalysator, um die bis dato vorherrschenden Bündnisbeziehungen in einen handfesten Konflikt zu wandeln. Aus der Perspektive Mieszkos erscheint die Maßnahme der Huldigung des Zänkers zum gegebenen Zeitpunkt noch schlüssig, da auf diese Weise neben der Sicherung der Markgrafschaft Meißen eine engere Bande zum Reich geknüpft und überdies vielleicht die durch Otto I. und Otto II. erfahrene Brüskierung nivelliert werden konnte. Zwar konnte Boleslav durch einen gemeinsamen Feldzug der Piasten mit den Ekkehardinern im Jahr 987 aus der Mark vertrieben werden (siehe dazu Kapitel 6.2),153 doch in Bezug auf die Beziehungen zu Heinrich dem Zänker und Boleslav von Böhmen scheint Mieszko summa summarum im Jahr 984 trotzdem zunächst als Verlierer aus der Angelegenheit hervorzugehen, denn von diesen ehemals wichtigen Bündnispartnern hatte er sich nun vollständig entfremdet. 4 ) # / ! " * ' ;A< Thietmar beschreibt die Ereignisse des Hoftags folgendermaßen: „Das nächste Osterfest feierte der König in Quedlinburg; hierbei dienten die vier Herzöge: Heinrich als Truchseß, Konrad als Kämmerer, Heinrich d. J. als Schenk, Bernhard als Marschall. Auch Boleslaw und Mieszko kamen mit den Ihren und kehrten nach gutem Verlauf reichbeschenkt heim. Damals huldigte Miesko dem jungen Könige, brachte ihm unter anderen Geschenken ein Kamel dar und nahm an zweien seiner Kriegszüge teil.“154 Auch die hier erwähnten Akte symbolischer Kommunikation muss man als vorausgeplante Inszenierung ansehen, die die von diesem Zeitpunkt an gültigen Verhältnisse im Herrschaftsverband des Reiches sinnfällig veröffentlichen und damit für die Zukunft fixieren sollten. Gerade die Dienstleistung der Herzöge dient der Vergegenwärtigung, dass die Herzöge des 152 Vgl. dazu: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 199; vgl. auch ders., Regesten, Bd. 3, Nr. 228, S. 28. 153 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S.24. Siehe dazu auch: Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, S. 34 ff. Labuda ist sogar der Ansicht, dass Boleslav von Böhmen wegen der Spannungen zu den Piasten, den Ekkehardinern und damit dem Reich gar nicht auf dem Reichstag von Quedlinburg anwesend war, sondern dass Thietmar stattdessen Bolesław Chrobry meinte. 154 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 9, S. 141: Celebrata est proxima paschalis sollemnitas in Quidelingeburg a rege, ubi quattuor ministrabant duces, Heinricus ad mensam, Conrad ad cameram, Hecil ad cellarium, Bernhardus equis perfuit. Huc etiam Bolizlavus et Miesco cum suis conveniunt omnibusque rite peractis muneribus locopletati discesserunt. In diebus illis Miseco semet ipsum regi dedit et cum muneribus camelum ei presentavit et duas expediciones cum eo fecit. 55 Reiches, und hier natürlich vor allem Heinrich von Bayern, den jungen Otto III. als König anerkennen und sich ihm in gebührlicher Weise unterordnen. Ähnliche Vorgänge kennen wir auch aus den Krönungsdarstellungen Ottos des Gro- ßen und Ottos II.; auch dort verdeutlichen die Herzöge durch ihre symbolischen Dienste gegenüber dem neu erwählten König ihre Treue.155 Man wird angesichts dieses Dienstes davon ausgehen können, dass nach der Unterwerfung von Frankfurt 984 zu diesem Anlass die Auseinandersetzungen um den Thron endgültig zum Abschluss gebracht worden sind. Betrachten wir das Ereignis zunächst im Kontext der vorigen Bemerkungen zum Beziehungsgeflecht zwischen Mieszko, Boleslav von Böhmen und Heinrich dem Zänker: Angesichts der auf dem Hoftag von 986 vollzogenen symbolischen Akte scheint nicht nur der Abschluss des Friedens zwischen der Opposition und dem König an sich wichtig zu sein, sondern vordergründig wirkt in dieser Situation eher die Feststellung der Beziehungen der wichtigsten Herrschaftsakteure zum neuen König. Auch andere Krönungen, die nicht im Anschluss an einen Konflikt durchgeführt worden sind, wie eben diejenigen Ottos I. oder seines Sohnes Otto II., bedienen sich bekanntermaßen gleicher symbolischer Akte, um die Stellung prominenter Reichsfürsten gegenüber dem neuen König zu sichern. Daher sollte man den Reichstag von Quedlinburg nicht in erster Linie als Akt der Konfliktbeendigung sehen, sondern vielmehr als Veröffentlichung neu geflochtener, personaler Beziehungen der dort auftretenden Herrschaftsträger zum König. Freilich hat eine solche Interpretation auch Folgen für die Bewertung der Beziehungen Mieszkos zur Opposition und zu den Ottonen zum Zeitpunkt des Reichstages 986. Da der Konflikt zwischen Heinrich dem Bayern und Otto schon durch die Unterwerfung von Frankfurt im 985 zu einem gütlichen Ende gekommen ist, treten Mieszko und Boleslav beim Reichstag von Quedlinburg 986 nicht als seine Parteigänger, sondern eher als selbstständig agierende Fürsten auf, die ihr jeweiliges Verhältnis zum neuen König in Form einer Huldigung zum Ausdruck bringen. Dies bedeutet auch, dass die 984 gegenüber Heinrich dem Zänker durchgeführte Huldigung nicht erst zu diesem Zeitpunkt 986, sondern schon zum Zeitpunkt der Unterwerfung des Zänkers in Frankfurt im Jahr 985 obsolet geworden sein muss, denn schließlich hatte Heinrich zu diesem Zeitpunkt bereits auf alle Ambitionen auf den Thron verzichtet – die frühere Huldigung von 984 in Parallele zur Praxis der Huldigungen gegenüber neu erwählten Königen verlor zu diesem früheren Zeitpunkt ihre Bedeutung. Für die Rolle Mieszkos im Spannungsfeld der Reichspolitik heißt dies, dass die Bindungen zu Heinrich dem Zänker zumindest auf formeller Ebene spätestens hier (wahrscheinlich aber schon bei der deditio Heinrichs in Frankfurt) jegliche Kohärenzkraft verloren haben. Praktisch werden sich wie gesagt schon früher, nämlich Mitte des Jahres 984, Spannungen zwischen Mieszko und Heinrich aufgetan 155 Vgl. Widukind von Corvey, II, 2, S. 67f.; vgl. zum Reichstag von Quedlinburg 986 auch: Althoff, Gerd, Otto III., S. 52f.; Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 237, S. 38. 56 haben, da dieser im Konflikt um die Markgrafschaft Meißen zugunsten des Gegners Boleslav von Böhmen, der ebenfalls durch einen Treueschwur mit Heinrich verbunden war, optierte, und die Einnahme der Burg offenbar billigend in Kauf nahm (siehe oben). Damit ist also im Hinblick auf den Zustand der Bindungen Mieszkos zwischen Heinrich dem Zänker und Boleslav von Böhmen zu konstatieren, dass bald nach der Huldigung von Quedlinburg 984 die Opposition um Heinrich den Zänker Schaden genommen haben wird, durch den Mieszko zumindest im Rahmen dieses Beziehungsgefüges ins Abseits gedrängt wurde. Die Huldigung (und damit auch die praktische Wirkung) gegenüber Heinrich wurde indes vermutlich schon 985 formell obsolet, da dieser nicht mehr als Thronprätendent auftrat. Doch gerade diese Beschädigung des Bündnisses mit Heinrich dem Zänker mag ein wichtiger Grund dafür sein, dass Mieszko die Huldigung Ottos III. 986 sehr viel leichter fiel als dem Böhmenherzog Boleslav,156 der durch seine engere Bindung an Heinrich, den eigentlichen Verlierer der Nachfolgewirren, nun seinerseits in die politische Isolation gerät: Die Restitution des Zänkers in die bayerische Herzogswürde konnte nämlich kaum besondere Effekte für das Verhältnis Boleslavs zum Reich mit sich bringen, was sicher anders gewesen wäre, wenn der Bayer zum König erhoben worden wäre. Doch sowohl das späte Einlenken im Kampf um die Reichsregierung als auch besonders die Besetzung der Mark Meißen führten seit 987 zu schweren Spannungen des Böhmen mit Mieszko und den Ottonen, so dass es nicht verfehlt scheint, hier von einer ‚diplomatischen Hypothek’ Boleslavs zu sprechen.157 Die vermeintliche Niederlage Mieszkos im Konflikt um Meißen und die frühe Erosion des Bündnisses um Heinrich erwiesen sich so im Nachhinein nicht als Hemmnis, sondern als politische Chance für den Piasten, da er so die Möglichkeit hatte, seinerseits frühzeitig diplomatisch unbelastet aus den Wirren um die Thronfolge hervorzugehen: Anders als Boleslav von Böhmen tritt er schon ab Mitte 984 nicht mehr als Parteigänger des Zänkers in Erscheinung, was eine frühzeitige Annäherung an die 156 Vgl. Strzeclczyk, Jerzy, Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000, S. 47f. Strzelczyk spricht von einer ‚elastischeren Position’ des Polen in diesem Zusammenhang. 157 So auch Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 205. Einige Interpreten gehen sogar davon aus, dass mit dem bei Thietmar erwähnten Boleslav nicht der Böhme, sondern der Sohn Mieszkos I. gemeint ist, nämlich Bolesław Chrobry. Als Grund dafür nennen sie den Konflikt um die Mark Meißen. So z. B. Jedlicki, Maryan Z., Poglady prawno-polityczne Thietmara (Die politischen Ansichten Thietmars), in: CPH 5 (1953), S. 39-79. Zwar ist diese Ansicht wohl nicht schlüssig, da Boleslav -wie auch oben auseinandergesetzt- unter Zustimmung des zu diesem Zeitpunkt noch nicht unterworfenen Heinrich von Bayern, also dem vermeintlichen König, die Mark Meißen besetzte, jedoch deutet die Argumentation schon darauf hin, dass die Beziehungen zwischen Miesko und Otto auf jeden Fall entspannter gewesen sein müssen als zwischen Boleslav von Böhmen und Otto. Vgl. zu diesem Problem auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 237, S. 38f. 57 Reichsregierung um Otto III. sicher erleichtert hat.158 Die Ereignisse der Huldigung von 986 haben so natürlich für Boleslav und für Mieszko ganz unterschiedliche Konsequenzen. Zum einen sind beide Slawenfürsten vermutlich deshalb auf dem Hoftag in Quedlinburg 986 anwesend, da sie der Verrichtung des symbolischen Dienstes gegenüber Otto III. zusehen sollten, um sich selbst zu vergegenwärtigen, dass der Zänker durch diesen Akt wieder als Herzog in den Herrschaftsverband integriert wird, sich dabei aber dem jungen König explizit unterordnet.159 Mit dem symbolischen Dienst der Herzöge wurde also zunächst einmal ein Zeichen gesetzt, dass auch die slawischen Fürsten in gleicher Weise dem König ihre Treue kundtun sollen. Außerdem berichtet Thietmar ja, dass beide nach ‚gutem Verlauf der Dinge’ reichbeschenkt heimkehrten, die Treuebekundung scheint daher wohl problemlos verlaufen zu sein. Zudem hat Mieszko Otto III. offenbar noch ein Geschenk in Form eines Kamels dargebracht, um ihm zu huldigen. Auch die Magdeburger Annalen berichten von dem Geschenk eines Kamels an Otto, wenn auch in einem anderen Zusammenhang: Otto rex adhuc puerulus cum magno exercitu Saxonum perrexit, ubi adveniens Miesco cum multitudine nimi, optulit ei unum camelum et xenia multa, sese ipsum etiam subdidit potestati illius […].160 Auf den ersten Blick mag diese Schenkung etwas ungewöhnlich erscheinen, gleichwohl bewegt sie sich doch im Rahmen der üblichen Konventionen des Schenkens in Mittelalterlicher Zeit. Erinnern wir uns zurück an die in Kapitel 4.2 vorgestellten Bemerkungen zum Herrschertreffen im ‚Ruodlieb’: Der große König wählt aus der Fülle der angebotenen Geschenke nur die exotischen Bären und zwei sprechende Vögel für seine Tochter. In diesem Zusammenhang verwiesen wir in Ablehnung der These Voss’ darauf, dass durch die Ökonomie des Schenkens sehr wohl Rangdifferenzen zwischen den beiden zusammenkommenden Parteien markiert werden können. Gleiches gilt auch für den Reichstag von Quedlinburg, wo Mieszko wie Heinrich der Zänker und Boleslav von Böhmen erscheint, um Otto III. zu huldigen und damit seine Position im Herrschaftsverband des Reiches einzunehmen. Der Rangniedere schenkt dabei quantitativ weniger, z. B. ein exotisches Tier, damit der Ranghöhere nicht als der Annahme von Geschenken bedürftig erscheint; umgekehrt berichtet Thietmar, dass Boleslav und Mieszko durch Otto mit ‚reichen Geschenken’ bedacht worden seien, was darauf hindeutet, dass der Ranghöhere, Otto, zum Abschluss der neu hergestellten personalen Bindung seiner Position angemessen mehr schenkt als der Rangniedere. Durch die Huldigung und die nachfolgende Ehrung Ottos mit dem Geschenk konnte Mieszko also sein seit der Regierungszeit Ottos I. gespanntes Verhältnis zu den Ottonen wieder ins Reine bringen. 158 Vgl. ebd., S. 204f. 159 Vgl. dazu auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 161; ders., Otto III., S. 51ff. 160 Annales Magdeburgenses, a. 986. 58 Es bleibt noch die Frage zu klären, wie nun die Huldigung Mieszkos gegen- über Otto an sich zu interpretieren ist. In der älteren Forschung wird die Huldigung oftmals im Zusammenhang mit der vermeintlichen Unterwerfung von 963 und der Tributpflicht, die Widukind und Thietmar erwähnen, dahingehend interpretiert, dass sie die Erneuerung des Lehnsverhältnisses im Sinne einer Unterordnung Mieszkos unter die Oberherrschaft des Reiches ist. Vor allem diejenigen Autoren, die wesentlich von der Überzeugung geleitet waren, das Reich bilde eine Vormacht Europas und der Christenheit, konnten so wiederum leicht ihre Überlegenheitsparadigmen verteidigen.161 Wie jedoch in Kapitel 5.1.1 auseinandersgesetzt, basiert die Annahme eines schon 963 zwischen Otto I. und Mieszko geschlossenen Lehnsverhältnisses auf der fehlerhaften Rezeption des historiographischen Vorlagenmaterials Widukinds durch Thietmar, so dass zu diesem früheren Zeitpunkt allenfalls ein tributäres, nicht aber lehnsrechtliches Verhätlnis vorausgesetzt werden kann. Viel eher können wir davon ausgehen, dass Mieszko auf dem Hoftag nun erstmals durch seine Huldigung in ein Lehnsverhältnis zu Otto III. eingetreten ist, welches gleichwohl nicht im Sinne bloßer Akzeptanz ottonischer Herrschaftsambitionen, sondern als reziprokes Verhältnis von Rechten und Pflichten interpretiert werden muss. Denn durch die These einer Erneuerung des angeblichen Vasallitätsverhältnisses wird die Rolle Mieszkos auf diejenige eines passiven Zuschauers reduziert, doch die vorigen Ausführungen mögen schon verdeutlicht haben, dass der Pole eine spezifische, aktiv gestaltende Strategie zur Konsolidierung seiner Herrschaft im spannungsreichen und wechselvollen Umfeld der Reichspolitik und ihrer Beziehungsgeflechte verfolgte. Daher wird man auch eher der jüngeren Forschung folgen müssen, die die Huldigung von 986 als Ausdruck dieser selbstständigen Politik des Mieszko interpretiert.162 Es ist wohl kaum zufällig, dass Mieszko nur kurze Zeit später – anders als der nunmehr isolierte böhmische Herzog Boleslav – an zwei Kriegszügen Ottos unter anderem gegen die heidnischen Liutizen als treuer Gefolgsmann teilnimmt, aber dabei offenbar als Lehnsmann anzusehen ist, dem, wie in der Lehnsherrschaft üblich, gewisse Rechte zustehen, wie etwa die Beibehaltung und Anerkennung seiner Herrschaft in Polen durch das kaiserliche Plazet.163 Es lässt sich daher feststellen, dass Mieszko im Sinne der Funktionsweisen der Lehnsbindung nicht nur Verpflichtungen gegenüber dem Kaiser wahrnahm, sondern auch entsprechende Hilfeleistungen erwarten konnte. Als es nämlich 990 zur offenen Auseinandersetzung zwischen den beiden Kontrahenten Mieszko und Boleslav von Böhmen kommt, sucht Boleslav Hilfe bei den 161 So z. B. Brackmann, Albert, Das mittelalterliche Deutschland als Vormacht Europas, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Köln/Graz 21967, S. 3-24; ders., Die Anfänge des polnischen Staates (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 29), Berlin 1933. 162 Vgl. etwa Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 26ff.; dazu auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 239, S. 41. 163 Vgl. Thietmar von Mersebug, Chronicon, IV, 9; Annalista Saxo, a. 986; Annales Mageburgenses, a. 986; Annales Hildesheimenes, a. 986. 59 Liutizen, hingegen wendet sich Mieszko als treuer Lehnsmann an die Kaiserin: „Damals hatten sich Mieszko und Boleslaw veruneinigt und fügten einander großen Schaden zu. Boleslaw rief die ihm und seinen Vorfahren immer treu ergebenen Liutizen zu Hilfe; Mieszko aber suchte um die Hilfe der Kaiserin nach.“164 Sicherlich hätte sich Mieszko kaum an die Kaiserin Theophanu gewandt und um Hilfe ersucht, wenn er diese nicht auch im Rahmen lehnsrechtlicher Bande hätte erwarten können. In der Tat bestätigt ein Blick auf die Zusammensetzung der Truppen, die Theophanu entsendet, dass sich zum einen Mieszkos enge Verbindung zu den Sachsen seit der Heirat mit Oda von Haldensleben ausgezahlt hatte, und zum anderen, dass er als im Herrschaftsverband des Reiches integrierter Fürst mit entsprechender Unterstützung seitens der Kaiserin rechnen konnte: „Sie [die Kaiserin] hielt sich damals in Magdeburg auf und entsandte den dortigen Erzbischof Giseler mit den Grafen Ekkehard, Esiko, Binizo, meinem Vater [Siegfried von Walbeck] und seinem Namensvetter, Bruno und viele andere.“165 An der Zusammensetzung der Anführer der Truppen, die Mieszkos zur Hilfe kommen sollen, lässt sich ablesen, dass die Integration in den Herrschaftsverband des Reiches 986 vollauf und in gutem Einvernehmen mit dem Kaiser Otto III. stattgefunden haben muss. Nicht nur, dass Mieszko seitdem an mindestens zwei Kriegszügen gegen die Slawen beteiligt war (wohingegen der gegnerische Boleslav von Böhmen immerhin mit den heidnischen Liutizen verbündet war), sondern auch, dass Theophanu den Erzbischof von Magdeburg, also einen wichtigen Reichsfürsten entsendet, deutet auf gute Beziehungen Mieszkos zum ottonischen Kaiserhaus hin. Sicherlich fällt ins Auge, dass sich schließlich auch seine Verbindungen zum sächsischen Adel ausgezahlt haben, stammen doch die erwähnten Grafen und Adeligen aus dem sächsischen Stamm.166 Aber noch ein weiterer Beleg lässt sich für die Integration Polens als eigenständigem Bestandteil in den Herrschaftsverband des Reiches anführen: Die Fuldaer Totenannalen erwähnen Mieszkos Namen nämlich mit den Zusatz ‚marchio’ (Markgraf), also einem hohen Adelstitel aus der Hierarchie des Reiches. Es wäre wohl kaum denkbar, dass man Mieszko auf diese Weise titulieren, geschweige denn überhaupt in die Totenannalen aufnehmen würde, wenn er nicht als wichtiger Fürst des Reiches aufgefasst worden wäre.167 164 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Eo tempore Miseco et Bolizlavus inter se dissonantes multum sibi inviem nocuerunt. Bolizlavus Liuticios suis parentibus et sibi semper fideles in auxilium sui invitat; Miseco autem predictae imperatricis adiutorium postulat. 165 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Quae cum tunc in Magdaburg fuisset, Gisillerum eiusdem archiepiscopum comitatesque hos: Ekkihardum, Esiconem, Binizonem, cum patre meo et eius equivoco, Brunone ac Udone caeterisque compluribus eo misit. 166 Gleichwohl sind zu dem Hilfskontingent der Sachsen noch einige zusätzliche Bemerkungen zu machen; siehe dazu Kapitel 6.2 der Arbeit. 167 Vgl. Annales Fuldenses, a. 992; dazu auch: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 60 Der 984 noch als potentieller Verlierer zu sehende Mieszko I. hat es mithin geschafft, seine Reintegration in den Herrschaftsverband des Reiches zu erreichen. Im Gegensatz zu Boleslav von Böhmen, der trotz der Huldigung gegen- über Otto III. 986 in einem konfliktbelasteten Verhältnis zum Reich und zu den Ottonen erscheint, gelingt es dem Piasten, sich als treuer Anhänger der Ottonen zu zeigen. Von Vorteil war dabei sicher die praktisch wirksame Abwendung von Heinrich dem Zänker und der Konflikt mit Boleslav von Böhmen, denn jener hatte zwar die Restitution seiner Herzogswürde erreicht, doch dies half freilich zur Wahrnehmung polnischer Interessen im Reich nicht weiter, und Boleslav befand sich aufgrund der Besetzung der Mark Meißen, die ja der nun unterworfene Heinrich der Zänker gebilligt hatte, in einem gespannten Verhältnis zum Reich und offenem Kampf gegen die Piasten, wobei er sich sogar mit den heidnischen Liutizen verband. Erst 987 räumte Boleslav die Mark und überließ sie den Ekkehardinern.168 Das Eingehen eines auf lehnsrechtlicher Basis geschlossenen Treueverhältnisses wird man unter Berücksichtigung der Aktivitäten Mieszkos, seine polnische Herrschaft zu konsolidieren, also Garant politischer Stabilität für die nächsten Jahre nach 986 werten müssen, denn bis zu seinem Tode 992 gibt es keine weiteren Auseinandersetzungen mit den Kräften des Reiches. 4 ) ) / 0 8/ C9 : ;;D? Da wir im vorigen Kapitel bereits erörtert haben, dass man das Eingehen des Lehnverhältnisses Mieszkos gegenüber Otto III. nicht so interpretieren sollte wie die ältere Forschung, nämlich als Akt des passiven Hinnehmens einer Unterwerfung gegenüber dem Reich, sondern als Element einer breiter angelegten Machtsicherungsstrategie, erscheint es an diesem Punkte angemessen, noch einige Bemerkungen zum umstrittenen Regest ‚Dagome Iudex’ zu ergänzen. Denn gerade dieses Schriftstück kann bei entsprechender Interpretation ein weiteres Indiz dafür bringen, dass Mieszko sich durch die Unterwerfung von 986 nicht nur dem Reich näherte, sondern sich trotz früher bestehender Bindungen ganz bewusst von den Böhmen abwandte und sogar weitere Konflikte mit den Přemysliden riskierte. In Verbindung mit den zahlreichen Feldzügen gegen Liutizen und andere Slawen, wird man durchaus folgern dürfen, dass die Hinwendung zu den Ottonen umgekehrt als eine bewusste Abkehr Mieszkos von den slawischen Stämmen generell verstanden werden kann.169 Tatsächlich erscheint eine hermeneutische Erklärung des Regests nur dann auf plausible Weise möglich, wenn man davon ausgeht, dass das politische Handeln Mieszkos im Zeitraum zwischen 984, also der Unterwerfung gegenüber Heinrich dem Zänker, und 992, dem Jahr seines Todes, von dem eben beschriebenen Plan der Herrschaftskonsolidierung geprägt war. Der Text des Regests, 168 Siehe dazu: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 25. 169 Vgl. ebd., S. 209. 61 welches vermutlich zwischen 990 und 992 entstanden ist,170 also relativ kurze Zeit vor dem Tode Mieszkos im Mai 992, lautet folgendermaßen: Item in alio tomo (thomo) sub Iohanne XV papa Dagome iudex et Ote senatrix et filii eorum: Misicam et Lambertus – nescio cuius gentis homines, puto autem sardos fuisse, quoniam pisi a IIII iudicibus reguntur – leguntur beato Petro contulisse unam civitatem in integro, que vocatur Schinesghe, cum omnibus suis pertinentiis infra hos affines, sicuti incipit a primo latere longum mare, fine Bruzze usque in Locum, qui dicitur Russe et fines Russe extendente usque in Craccoa et ab ipsa Craccoa usque ad flumen Oddere recte in locum, qui dicitur Alemure, et ab ipa Alemura usque in terram Milze recte intra Oddere et exinde ducente iuxta flumen Oddera usque in predictam civitatem Schinesghe.171 Bekanntlich hat dieser Text in vielerlei Hinsicht kontroverse Diskussionen ausgelöst, etwa über die Identifizierung der dort genannten Personen oder seine rechtliche Bedeutung.172 Indessen erscheinen mir die Bemerkungen Lübkes im Hinblick auf seine Zweckbestimmung und Rechtsrelevanz am schlüssigsten, da sie sich in die im vorigen Kapitel erhobenen Befunde zur Politik Mieszkos I. einfügen lassen und sich dabei eng an die Formulierungen des Textes halten.173 Ein kurzer Rekurs auf die Thesen Lübkes erscheint daher an dieser Stelle sachangemessen: Das Regest beschreibt die Schenkung des ‚Reiches Gnesen’ (civitas Schinesghe) an den apostolischen Stuhl durch den Fürsten ‚Dagome’ und seine Gemahlin ‚Oda’. Die Forschung konnte mit einiger Sicherheit darlegen, dass es sich bei dem Namen ‚Dagome’ um den Geburtsnamen Mieszkos gehandelt haben muss, und dass mit der erwähnten ‚Oda’ die sächsische Gemahlin Mieszkos gemeint ist.174 Die Grenzen der civitas Schinesghe werden im Regest einigerma- ßen genau umrissen. Hiernach erstreckt sich das Reich von der Ostsee, entlang dem Siedlungsgebiet der Pruzzen bis an die Grenze des Siedlungsraumes der Rus und von dort aus bis nach Krakau, weiter zum Milzener Land und schließlich entlang der Oder flussabwärts.175 Aus dem Inhalt des ‚Dagome Iudex’ lassen sich nun zwei wichtige Folgerungen ableiten: Zum einen ist auffällig, dass das Land der Polen hier bereits als ‚civitas’ bezeichnet wird, woraus sich durchaus schließen lässt, dass es zum Zeitpunkt der Entstehung des Regests schon ein gewisses Selbstbewusstsein des Po- 170 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 171 Dagome Iudex, Texteditionen in: Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, Bd. 2, Warszawa 1988, S. 240-261 sowie Kürbisowna, Brigyda, Dagome iudex – studyum krytyczne, in: PPP 1, Poznan 1962, S. 363-424. 172 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 255, S. 64. Hier weitere Bemerkungen und Literatur zu den vielfältigen Diskussionen in der Forschung. Zur Interpretation vgl. auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 13. 173 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208f. 174 Siehe dazu: Kürbisowna, Brigyda, Dagome iudex – studyum krytyczne, in: PPP 1, Poznan 1962, S. 363-424; des Weiteren: Labuda, Gerard, Art. Mieszko I., in: LexMA, Bd. 3, Sp. 430. 175 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 62 lenfürsten im Hinblick auf die ‚staatliche’ Organisation seines Reiches gegeben haben muss – nur unter dieser Voraussetzung wird man auch die Schenkung des ‚Staates’ an den apostolischen Stuhl unter Johannes XV. verstehen können. Denn anders als bei einer nach gentilen Prinzipien funktionierenden Organisation seines Herrschaftsbereichs, in dem es vor allem um Eroberung und Beutemachen geht,176 deuten die präzisen Grenzbeschreibungen auf die Wahrnehmung eines weitgehend definierten eigenständigen Machtbereiches Mieszkos hin. Doch noch ein zweiter Aspekt ist bei der Analyse des Regests auffällig: Es wird nämlich zu Beginn des Textes formuliert, dass die Schenkung nicht nur durch Fürst Dagome und seine Gemahlin Oda vorgenommen wird, sondern auch durch seine Söhne Mieszko (den Jüngeren) und Lambert. Um die Bedeutung dieser Formulierung genauer zu verstehen, bedarf es der Verdeutlichung des Zwecks einer solchen Schenkung. In mittelalterlicher Zeit sind Schenkungen dieser Art an sich nicht ungewöhnlich, wenn auch nicht in diesem Umfang. Ziel eines solchen Aktes ist in der Regel, das Land der Schenkung unter den Schutz desjenigen zu stellen, der mit dieser bedacht wird. Daher lässt sich zum einen die vorige Bemerkung bestätigen, dass Mieszko eine prospektive Sicherung seines sukzessive konsolidierten Herrschaftsbereichs erreichen wollte. Überdies ist es zum anderen aber wahrscheinlich, dass Mieszko mit der Appellation an Rom als künftige Schutzmacht seines Reiches die Nachfolge für seine Söhne Mieszko und Lambert sichern wollte, denn diese werden explizit im Regest als Akteure der Schenkungspartei erwähnt. Auffällig ist dabei, dass Bolesław (Chrobry) in dem Regest nicht erwähnt wird. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass dieser bewusst ausgespart worden ist, und zwar deshalb, weil er nicht für eine Erbschaft und damit nicht für die Nachfolge in der Herrschaft vorgesehen war.177 Dass Bolesław tatsächlich nicht für die Nachfolge seiner Vaters vorgesehen war, lässt sich aus der (wenngleich tendenziösen) Darstellung Thietmars ableiten, die wir bereits oben im Kontext der Heirat Bolesławs mit Rikdag zitierten, und die der Merseburger Chronist fälschlicherweise mit den Ereignissen um die Nachfolge der Herrschaft in Polen in Zusammengang gebracht hatte: „Doch am 25. Mai im Jahre 992 der Fleischwerdung des Herrn, im 10. Jahr der Königsherrschaft Ottos III., ging der nunmehr gealterte und kränkelnde Herzog aus dieser Fremde hinüber in die Heimat; sein Reich hinterließ er vielen zur Teilung; doch sein Sohn Boleslaw brachte es in füchsischer Verschlagenheit später wieder in seine Hand, indem er seine Stiefmutter und Brüder vertrieb und seine Verwandten Odilien und Przbowoj blenden ließ. Und nur allein herrschen zu können, setzt er sich über alles weltliche und göttliche Recht hinweg.“178 Dieses Verhalten 176 Vgl. ebd., S. 209. 177 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 209; siehe auch den Kommentar bei: ders., Regesten, Nr. 255, S. 64. 178 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 197: Sed anno dominicae incarnationis DCCCCVCII, regni autem tercii Ottonis X et VIII Kal. Unii prefatus deus iam senex et febricitans ab exilio hoc ad patriam transit, relinque regnum plurimus dividendum, quod 63 Bolesławs lässt sich nur so erklären, dass er de iure wohl nicht damit rechnen konnte, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, sondern, dass er sich mit Gewalt in die entsprechende Position als neuer Fürst hineinbringen musste. Dass er nun seine Brüder und seine Mutter Oda zur Erreichung dieses Zieles vertrieb, deutet auf die Gültigkeit der Bestimmungen des ‚Dagome Iudex’ hin, denn schließlich erscheinen gerade die von Bolesław Vertriebenen dort in der Rolle der Schenkungspartei. Darüber hinaus ist auch die Erwähnung des Verwandten ‚Odilo’ aufschlussreich zur Bestimmung der Verhältnisse zum Zeitpunkt der Macht- übernahme. Herbert Ludat vermutet, dass es sich bei diesem um einen Verwandten der Oda gehandelt haben könnte,179 was angesichts der personalen Konstellationen, nämlich der Bindungen an Sachsen durchaus plausibel erscheint; möglicherweise wollte dieser seiner Verwandten Oda zur Hilfe kommen, konnte dabei aber nicht gegen Bolesław bestehen. Es zeigt sich also, dass Bolesław offenbar nicht dazu in der Lage war, auf legitimem Wege die Herrschaft zu erreichen. Nur so lässt sich erklären, dass er seine Stiefmutter und -brüder sowie deren Verwandten vertrieb, stellten diese doch eine direkte Konkurrenz für seine Ambitionen dar. Nach dem Erweis des Ausschlusses Bolesławs stellt sich indes die Frage, warum dieser im ‚Dagome Iudex’ als ‚politischem Testament’ seines Vaters Mieszko geflissentlich ausgespart worden ist. Zur Klärung dieser Frage bietet sich ein Blick auf seine Herkunft an: Er ist nämlich der Sohn aus der Ehe Mieszkos mit der Přemyslidin Dobrawa, der Tochter Boleslavs I. (‚des Grausamen’) von Böhmen, noch bevor Mieszko die Sächsin geheiratet hatte. Trotz der Tatsache, dass Bolesław damit älter als die beiden für die Herrschaft vorgesehenen Söhne Mieszko und Lambert war, muss die (mütterlicherseits) böhmische Abkunft Bolesławs den Ausschlag zu Gunsten seiner Brüder gegeben haben. Angesichts der seit 984 bestehenden Spannungen zwischen Böhmen und Polen und dem seit 990 geführten offenen Konflikt, der auch durch Vermittlungen nur wenig zufrieden stellend gelöst werden konnte,180 nimmt die Formulierung des ‚Dagome Iudex’ daher kaum Wunder. Im Zusammenhang mit der nun schon an mehreren Punkten erwiesenen Aktivität Mieszkos, den polnischen Machtbereich langfristig zu konsolidieren, liegt es im Bereich des Wahrscheinlichen, dass er mit dem Ausschluss dynastischer Bindungen zu Böhmen die zuvor eingeschlagene Linie der engeren Bindung an das Reich vollenden wollte. Umgekehrt kann man in diesen Bestrebungen Mieszkos freilich eine Abkehr von den slawischen Stämmen erkennen, denn schließlich nimmt er an Kriegszügen gegen die Liutizen teil und befindet sich mit Böhmen in der offenen Auseinandersetzung. postea filius eiusdem Bolizlavus, noverca et fratribus expulsa execatisque familiaribus suis Odilieno atque Pirbuvoio, vulpina callicitate contraxit in unum. Hic ut tantum solus dominaretur, ius ac omne fas postposuit. 179 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 146, Anm. 358; vgl. zur Machtübernahme Bolesławs auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 276, S. 90f. 180 Siehe dazu: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 253-255, S. 60ff. 64 Das ‚Dagome Iudex’ wirkt in seiner Intention also so, als solle es zum einen der Konsolidierung der polnischen Herrschaft Vorschub leisten, aber zum anderen die Anbindung an das Reich fördern, wobei Mieszko seine Söhne sächsischer Abkunft als besser für diese Anbindung geeignet sieht als Bolesław. Schließlich erweist sich an dieser Stelle wiederum die bereits in den einleitenden Kapiteln der Arbeit verdeutlichte Funktionsweise mittelalterlicher Politik: Obgleich man Versuche Mieszkos erkennen kann, eine eigenständige Herrschaft aufzubauen und zu erhalten, funktioniert eine prospektive politische Strategie nur im spannungsreichen und wechselvollen politischen Kräftefeld der involvierten Akteure. Daher sei hier nochmals darauf verwiesen, dass man Verdikten polnischer ‚Saatlichkeit’ in der Zeit Mieszkos I. mit erheblicher Skepsis begegnen sollte. Für die Beschreibung der piastisch-ottonischen Beziehungen bleibt zu konstatieren, dass diese nach 986, was anhand der Formulierungen des ‚Dagome Iudex’ in den frühen 990er Jahren zusätzlich verdeutlicht wird, auf der Basis lehnsrechtlicher Reziprozität politisch stabil gewesen sind. Dabei erscheint es weniger so, dass Mieszko als passiver Untertan der Oberherrschaft des Reiches willfahren musste, sondern eher, dass er vermittels der Anbindung an das Reich weiterhin konsequent Absichten zur Konsolidierung seiner Herrschaft für sich und seine Nachkommen verfolgte. Gleichwohl sind diese Konsolidierungsabsichten nicht mit einer Außenpolitik modernen Gepräges zu vergleichen, sondern als Maßnahme zu sehen, piastische Ansprüche im Netzwerk personaler Bindungen im Reich langfristig zu sichern. Dass Bolesław letztlich durch eine handstreichartige Übernahme der Herrschaft diese Pläne praktisch konterkarierte, bleibt für die Gültigkeit der obigen Interpretationen irrelevant. Zwar scheiterte das Bemühen Mieszkos, seine Herrschaft auf Basis des ‚Dagome Iudex’ innerdynastisch und damit innenpolitisch zu sichern, doch hatte er seinem Sohn Bolesław, obgleich er nicht für die Herrschaft vorgesehen war, einen in den Verband des Reiches integrierten und innenpolitisch konsolidierten polnischen Herrschaftsverband hinterlassen. Letztlich erwies sich also die Anbindung an das Reich als strategischer Erfolg für Mieszko, dem indes der böhmische Fürst Boleslav II. nicht folgen konnte. 4 ) + / 3 " $ 5 ;;D $ " ! " * ' ;; Als letzter Anhaltspunkt für die lehnsrechtlich überaus stabile Bindung Mieszkos an die Ottonen lässt sich sein Erscheinen auf dem Hoftag von Quedlinburg im Jahr 991 anführen. Die Teilnahme am Reichstag ist trotz der guten Beziehungen zu den Ottonen Anfang der 990er Jahre keineswegs so selbstverständlich wie sie auf den ersten Blick erscheinen könnte. Durch den bereits erwähnten offenen Konflikt Mieszkos mit Boleslav von Böhmen nach dem Tode Dobrawas, der böhmischen Gemahlin des Piasten, raubten die involvierten Konfliktparteien der 65 Westgrenze des Reiches in einigen Regionen nämlich ihre politische Stabilität und banden zudem militärische Kräfte des Reiches in zunächst regional begrenzte Konflikte ein. Vor allem um Schlesien und Kleinpolen wurden Auseinandersetzungen geführt.181 Bedenkt man dabei die Tatsache, dass auch Boleslav von Böhmen den Ottonen 986 als Getreuer gehuldigt und 987 dieses Versprechen sogar erneuert hatte,182 jedoch nunmehr durch den regionalen Konflikt um Mei- ßen, Schlesien und kleinpolnische Gebiete im Kampf mit Mieszko lag, muss man davon ausgehen, dass die ohnehin bereits durch die Ereignisse um die Thronfolge Ottos III. gespannte Atmosphäre zwischen Ottonen und Přemysliden nun offen als Kampf Mieszkos und somit auch als Kampf des Reiches mit Böhmen zur Eskalation gekommen ist. Diese Einschätzung lässt sich leicht dadurch belegen, dass Mieszko Truppenkontingente von Kaiserin Theophanu anforderte und auch erhielt.183 Ausblenden sollte man hierbei freilich nicht, dass Mieszko nicht ohne Eigennutz die Führung des Kampfes unternommen hatte. Schon im Konflikt um Meißen war er darauf erpicht, seinen Herrschaftsbereich zu erweitern bzw. zu konsolidieren, was Interessenkollisionen mit den Přemysliden bedingte, und Gleiches wird man auch für das Ausgreifen Mieszkos nach Schlesien und Kleinpolen seit 990 vermuten dürfen.184 Man muss daher wohl davon ausgehen, dass Mieszko erheblich zur Zunahme přemyslidisch-ottonischer Spannungen beigetragen hat und insofern mitverantwortlich für einen offenen und durch Bündnisverpflichtungen dem Reich nicht ungefährlichen Konflikt war. Dass der Böhme sich in der Tat durch die Aktivitäten Mieszkos massiv ungerecht behandelt sah, geht aus dem entsprechenden Bericht Thietmars über die Friedensverhandlungen hervor: „Nun rückte – am 13. Juli – Boleslaw mit seinen Scharen heran, und beide Seiten sandten Späher aus. Von seiten Boleslaws ging der Ritter Slopan zur Erkundung unseres Zuges vor, und nach der Rückkehr fragt ihn sein Herr, welchen Eindruck das Heer mache, ob er mit ihm kämpfen solle oder nicht. […] Der meldete nun Folgendes: ‚Der Heer ist klein an Zahl, aber ausgezeichnet gerüstet, und zwar ganz in Eisen. Kämpfen kannst du mit 181 Vgl. dazu etwa: Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., S. 373; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 119, Anm. 160. 182 Siehe dazu: Lampert von Hersfeld, Annales, a. 987: Ad imperatorem Ottonem venit in pascha Bolislawo; qui honorifice susceptus magnisque muneribus ab imperatore oneratus rediit domum. 183 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Quae cum tunc in Magdaburg fuisset, Gisillerum eiusdem archiepiscopum comitatesque hos: Ekkihardum, Esiconem, Binizonem, cum patre meo et eius equivoco, Brunone ac Udone caeterisque compluribus eo misit. 184 Diese Ansicht bestätigen z. B.: Bosl, Karl, Böhmen und seine Nachbarn. Gesellschaft, Politik und Kultur in Mitteleuropa, München/Wien 1976, hier S. 110; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 119, Anm. 60; Holtzmann, Robert, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit (900-1024), München 61979, S. 308. 66 ihm; doch sollte dir heute der Sieg zufallen, dürfte er dich so schwächen, dass du vor deinem Feinde Mieszko wirst weichen müssen […].’ Diese Worte brachten ihn zur Besinnung; er schloß Frieden und schlug unseren gegen ihn ausgezogenen Fürsten vor, mit ihm Mieszko aufzusuchen und wegen der Räumung seines Besitzes [nämlich Schlesien] bei Mieszko ein Wort für ihn einzulegen. Das versprachen die Unsrigen; Erzbischof Giseler und die Grafen Ekkehard, Esiko und Binizo brachen mit ihm auf; alle übrigen kehrten in Frieden heim. […] Boleslaw zog mit den Unsrigen bis an die Oder; da sandte Mieszko einen Unterhändler: Seine Bundesgenossen befänden sich in seiner Gewalt. Gebe er ihm sein geraubtes Land heraus, so wolle er sie unversehrt ziehen lassen. Andernfalls werde er alle töten. Mieszko aber entgegnete ihm: Wenn der König die Seinen retten und ihren Tod rächen wollte, möge er es tun. Jedenfalls beabsichtige er keinesfalls, ihretwegen Schaden zu tragen. Auf diese Antwort hin plünderte und brannte Boleslaw ringsum, soviel er konnte, vergriff sich aber an keinem der Unseren.“185 Dieser Auszug ist nun in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zunächst einmal ist zu bemerken, dass Thietmar die Ereignisse so erscheinen lässt, als habe sich Boleslav deshalb für Friedensverhandlungen entschieden, weil das Heer Mieszkos zu mächtig gewesen sei. Dies ist jedoch kaum wahrscheinlich, da er kurz zuvor klar zu verstehen gibt, dass die sächsischen Kontingente Mieszkos, die Theophanu als Reaktion auf das Ersuchen ihres Gefolgsmannes entsendet, eher ‚schwach’ gewesen seien.186 Die verzerrte Darstellung der Ereignisse ist wahrscheinlich auf die für den Merseburger Chronisten typische Voreingenommenheit zugunsten des Reiches gegenüber den Slawen zurückzuführen. Es ist daher kaum zu vermuten, dass Boleslav, der zudem auf die Unterstützung der Liutizen rechnen konnte, dem sächsischen Kontingent militärisch unterlegen war. Lübke äußerte nun zu dem eben beschriebenen Vorfall die Ansicht, dass die Sachsen mit nur geringer Bereitschaft und Motivation in Diensten Mieszkos gestanden 185 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 12, S: 145: Tunc Bolizlavus cum suis venit turmatim III. Id. Iulii, et utrimque nuncii mittuntur. Ex parte Bolizlavi qudiam miles, Slopan nomine, ad perspiciendam agmen nostrorum accessit et reversus inde interrogatur a domino, qualis esset exercitus hic, si cum eodem potuisset pugnare ac non. Orabantur enim hunc satellites sui, ut nullum de nostris vivum sineret abire. A quo sic ei redictum est : ‘Exercitus hic quantitate parvus, qualitate sua optimus et omnis est ferreus. Pugnare cum eo tibi potis est; sed si tibi hodie victoria evenit, sic prosterneris, ut fugiendo Mieseconem inimicum te continuo peresequentem vix [...] acquiras. Talibus alloquis furor ullius se datur, et pace facta principes nostros alloquitor, ut, qui contra eum huc venirent, cum eo ad Miseconem pergere et in restituendis suimet rebus se apud Mieseconem adiuvare voluissent. Hoc laudabant nostri, et Giselerus archipresul cum Ekkihardo, Esicone ad Binizone comitibus proficisebatur cum eo, caeteris omnibus domum cum pace revertentibus. [...] Venit Bolizlavus ad Oderam; ad Miseconem nuncius mittutur, qui dicerem se in potestate sua auxiliatores suos habere. Si regnum sibi ablatum redderet, hos incolomes abire permitteret ; sin autem, omnes perderet. Sed Miseco huic talibus respondit: si voluisset rex suos acquirere salvos aut ulcisci perditos, faceret; Bolizlavus ut accepit, salvis omnibus nostris, quaecumque potuit, ex locis circumiacentibus predatur ad incendit. 186 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143. 67 haben dürften, denn schließlich seien sie ohne Probleme vom Böhmen überwunden worden und überdies in Geiselhaft zu ihm geraten.187 Zwar wirken die Darstellungen Thietmars so, als habe sich Boleslav mit einem Friedensgesuch an die sächsischen Heerführer gewandt, doch in Anbetracht der nach den Unterhandlungen folgenden Ereignisse ist dies sicher auszuschließen: Boleslav nutzt die sächsischen Großen nämlich als Druckmittel, um seine Forderungen durchzusetzen. Daher wird man der Ansicht Lübkes vollauf zustimmen können, denn die Sachsen wurden durch die durch Mieszko provozierten Konflikte in eine prekäre Lage gebracht. Dass die Forderungen Boleslavs nun darauf hinauslaufen, die ihm ‚geraubten Gebiete’ zurückzugeben, verdeutlicht die Einschätzung des Böhmen, Mieszko erhebe widerrechtlich Anspruch auf die schlesischen Gebiete. In der Tat weist auch die unnachgiebige Reaktion des Polen auf die Androhung Boleslavs, die Sachsen zu töten, darauf hin, dass es um eine Grenzregion geht, ohne dass beide Parteien dazu bereit sind, von ihrem jeweiligen Standpunkt abzurücken. Interessant ist dabei, dass Mieszko in seiner Reaktion auf die Drohung Boleslavs antworten lässt, dass der Kaiser möglicherweise die Exekution der Sachsen rächen könne. Diese Formulierung kann man dahingehend deuten, dass Mieszko durchaus in dem Bewusstsein operiert, als Reichsfürst im Namen des Kaisers zu agieren und in formeller Hinsicht mag dies auch zutreffend gewesen sein. Dennoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass Mieszko handfeste Eigeninteressen in der fraglichen Region verfolgte und dadurch überhaupt den Konflikt auslöste. In Einschätzung des Sachverhaltes erscheint es daher nicht verfehlt, Mieszko im gegebenen Fall eher als Protagonisten zu charakterisieren, der vornehmlich aus politisch-territorialem Expansionsstreben heraus handelte und dabei die Truppen der Sachsen als Kontingente des Reiches zu diesem Zweck instrumentalisierte. Auch hatten vermutlich Ekkehard von Meißen und Giselher von Magdeburg wenig Interesse daran, dass Mieszko seinen Herrschaftsbereich auf Kosten Böhmens ausdehnte und damit möglicherweise in die Interessensphären der Sachsen eingriff.188 Trotz des baldigen Rückzugs des Böhmen von der Oder kann man den eben kursorisch dargestellten Konflikt durchaus als Bewährungsprobe für die piastisch-ottonischen Beziehungen bewerten, wobei Theophanus Handeln in der Situation zunächst ambivalent anmutet: Sie schickt zwar sächsische Kontingente, doch diese sind in ihrer militärischen Stärke eher unzureichend. M. E. ist diese Handlungsweise darauf zurückzuführen, dass sie die Situation politisch adäquat einschätzte und daher nur die Trupps der Anrainer (eben die der Sachsen) entsandte, um nicht unnötig weitere Kräfte des Reiches in regionalen Kämpfen zu binden. Dass aber trotz dieser Ereignisse die ottonisch-piastischen Beziehungen seit der Huldigung 986 so robust gewesen sein müssen, dass sie auch durch die 187 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 253, S. 61f. 188 Ebd. 68 böhmisch-polnische Auseinandersetzung keinen Schaden davon trugen, lässt sich an der Präsenz und Behandlung Mieszkos auf dem Hoftag von 991 zeigen. In den Magdeburger Annalen stellen sich die Ereignisse wie folgt dar: Theophanu imperatrix augusta cum filio suo tercio Ottone paschale festum imperiali gloria apud Quedlinburgensem peregit civitatem, ubi etiam marchio Thuschanorum Hugo et dux Sclavonicus Miseco cum ceteris Europae primis ibidem confluentibus affuere ad obsequium imperatorii honoris, que quilibet preciosissima possederat, pro xeniis deferendo; e quibus Miseco aliique quam plurimi honorifice donati in patriam redierunt.189 Mieszko kehrt nach seiner Teilnahme am Hoftag also ‚reich beschenkt’ nach Hause zurück. Da das Schenken bekanntlich als Geste der Anerkennung und des guten gegenseitigen Verhältnisses zu verstehen ist, kann man also auch nach dem Konflikt von 990 von einem ungetrübten Verhältnis des Polen zu Otto III. und Theophanu sprechen. Im September 991 erscheint Mieszko dann auch folgerichtig als Teilnehmer eines Kriegszuges gegen die Brandenburg unter Leitung Ottos III., mithin als treuer Gefolgsmann Ottos.190 Auffällig ist hierbei, dass die Teilnahme Mieszkos wiederum nicht ausschließlich aufgrund seiner Bindungen zu Otto III. stattgefunden haben dürfte, da piastische Eigeninteressen in der Region nicht von der Hand zu weisen sind: Seine Gattin Oda war bekanntlich die Tochter des Grafen der Nordmark, deren Schwester Mathilde aber einen Spross der Hevellerdynastie als Gatten hatte.191 Daher ist es wahrscheinlich, dass dem Angriff auf die Brandenburg die Absicht zugrunde lag, diesem Paar die Herrschaft im umliegenden Gebiet nachhaltig zu sichern.192 Die Untersuchung der Einzelheiten der Beziehungen Mieszkos zu den Ottonen kann an dieser Stelle abgeschlossen werden, denn bis zu seinem Tode im März 992 wird man kaum von einer Veränderung diesbezüglich ausgehen können. Es bleibt damit zunächst festzuhalten, dass Mieszko seit der Unterwerfung 986 ein stabiles, lehnrechtliches Verhältnis zu den Ottonen und damit zum Reich eingegangen ist. Aufgrund dessen tritt er auch vor allem im Konflikt mit Boleslav von Böhmen als Reichsfürst auf, wobei man aber in Rechnung stellen sollte, dass Mieszko stets politische Eigeninteressen verfolgte. Die personalen Beziehungen zu den Ottonen, die ihm durch die frühe Entfernung von Heinrich dem Zänker leichter zu knüpfen möglich waren, kamen dem Piasten im Kontext der Konflikte mit Boleslav zu Gute. Die Huldigung von 986 ist daher als eminent wichtiges Ereignis in der Geschichte der piastisch-ottonischen Beziehungen des 10. Jahrhunderts hervorzuheben, denn ohne die dadurch erreichte Nähe zum Kaiserhaus hätte Mieszko seine Herrschaft kaum vermittels des kaiserlichen Plazets und in seiner Rolle als Reichsfürst sichern können. 189 Annales Magdeburgenses, a. 991; in ähnlicher Weise auch der Annalista Saxo, a. 991. 190 Vgl. Annales Hildesheimenses, a. 991; Annalista Saxo, a. 991. 191 Siehe dazu auch den Kommentar von Lübke, Christian, Regesten, Nd. 3, Nr. 261, S. 77. 192 So auch Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 42f. 69 < / $ 6 7 0 < $ E $ " Bereits in den vorigen Kapiteln erschien Mieszko I. verschiedentlich sowohl als Bündner deutscher Großer aber auch als ihr Gegner. Es ist sicher leicht nachzuvollziehen, dass aufgrund der engen Verzahnung der politischen Eliten im 10. Jahrhundert eine einfache Trennung der Beziehungen Mieszkos I. zu den ottonischen Königen auf der einen und zu den deutschen Magnaten auf der anderen Seite kaum möglich ist. Dennoch soll in nachfolgenden Kapiteln der Versuch unternommen werden, die vielfältigen Beziehungen Mieszkos zum deutschen Feudaladel in den Blick zu nehmen, um damit die Analyse der Bindungen des ersten Piasten an das Reich zum Abschluss zu bringen. Die erste Erwähnung Mieszkos I. steht wie erwähnt im Zusammenhang mit seiner Niederlage gegen die Redarier 963, die unter der Führung des Billungers Wichmann standen, der zunächst abtrünnig wurde und nach der Schlacht an der Raxa 955 an der Seite der Slawen eine Niederlage gegen Otto I. hinnehmen musste. Nachdem Wichmann zunächst nach Frankreich zu Herzog Hugo floh,193 begab er sich aber neuerlich zu den Slawen, die ihn jedoch an den sächsischen Markgrafen Gero auslieferten; dieser ließ Wichmann indes offenbar nach eigenem Ermessen wieder frei: „Markgraf Gero also […] gab Wichmann, als er sah, dass dieser angeklagt wurde, und er ihn als schuldig erkannt hatte, den Barbaren, von denen er ihn empfangen hatte, wieder zurück. Von diesen mit Freuden aufgenommen, bedrängte er die entfernter wohnenden Slawen durch häufige Überfälle. Den König Misaca, unter dessen Gewalt die Slawen standen, die 193 Vgl. Annales Altahenses, a. 955; Annales Hildesheimenses, a. 955; Annales Quedlinburgenses, a. 955; Annalista Saxo, a. 955; Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 66, S. 131f.: Gero igitur comes […], cum Wichmannum accusari vidisset reumque cognovisset, barbaris, a quibus eum assumpsit, restituit. Ab eis libenter susceptus longius degentes barbaros crebris proeliis contrivit. Misicam regem, cuius potestatis erant Sclavi qui dicuntur Licicavici, duabus vicibus superavit fratremque ipsius interfecit, predam magnam ab eo extorsit. 70 Licicavici heißen, überwand er zweimal, tötete seinen Bruder und erpresste von ihm reiche Beute.“194 Obgleich diese Stelle in der Forschung zu einigen Kontroversen geführt hat, erscheinen diejenigen Annahmen plausibel, welche die hier beschriebenen Konflikte darauf zurückführen, dass durch eine sukzessive Ausweitung des polnischen Territoriums unter Mieszko eine konfrontative Situation mit den Redariern entstanden ist.195 Offenbar hat das Ausgreifen des polnischen Herrschaftsraums nach Westen erste Kontakte Mieszkos zu den dortigen politischen Kräften bedingt. Obgleich die von Thietmar196 für das Jahr 963 erwähnte Unterwerfung Mieszkos I. durch Markgraf Gero, wie in Kapitel 5.1.1 dargelegt, als fiktiv einzustufen ist,197 bedeuten die ersten Kontakte mit den Kräften des Reiches, in Sonderheit die Niederlagen gegen Wichmann, nichtsdestoweniger einen Rückschlag für expansive Bestrebungen des Mieszko. Um sich angesichts dessen mit dem Kaiser Otto I. zu arrangieren, nahm er wohl die Unterwerfung gegenüber dem Kaiser in Kauf, womit bekanntlich die Herstellung des ‚tributären’ Verhältnisses einherging.198 In Beziehung zu diesen Ereignissen muss nun m. E. die Heirat Mieszkos mit der Přemyslidin Dobrawa gesehen werden, die ihm schließlich seinen Sohn Bolesław gebar. Obgleich Dobrawa keine bedeutsame Protagonistin im Kontext der Reichspolitik war, bildet die Eheschließung gleichwohl eine geeignete Maßnahme Mieszkos, durch ‚künstliche’ Verwandtschaften neue personale Konstellationen von politischer Tragweite zu schaffen.199 Doch nicht nur das Knüpfen neuer politischer Bande zum Hof der Přemysliden, sondern auch der Übertritt zum Christentum wurde durch die Heirat mit der Böhmin erleichtert. Der Gallus Anonymus berichtet von der Eheschließung in folgender Weise: „Als aber Mieszko die Herzogswürde erlangt hatte, begann er Geist und Körperkräfte zu üben und die Völkerstämme im Umkreis häufiger im Kriege anzugreifen. Bis dahin befand er sich aber in solchem Irrtum des Heidentums, dass er nach dessen Lebensweise sieben Frauen hatte. Schließlich verlangte er nur ein einzige, eine strenge Christin namens Dubrovka von Böhmen zur Frau. Sie aber weigerte 194 Vgl. Annalista Saxo, a. 965; Thietmar von Merseburg, II, 14, S. 54. 195 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 122, S. 169. 196 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14, S. 48: Gero Orientalium marchio Lusizi et Selpuli, Miseconem quoque cum sibi subiectis imperiali subdidit diconi. 197 Siehe dazu: Ludat, Herbert, Die Anfänge des polnischen Staates (Schriftenreihe des Instituts für deutsche Ostarbeit – Sektion Geschichte, 3), Krakau 1942, S. 28ff.; Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., in: Schlesinger, Walter (Hrsg.), Mitteldeutsche Beiträge zur deutschen Verfassungsgeschichte des Mittelalters, Göttingen 1961, S. 306-412, hier Anm. 284. 198 Siehe zu diesen Vorgängen Kapitel 5.1.1; vgl. des Weiteren: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, S. Nr. 122 und 123, S. 169ff. 199 So auch: Strzelczyk, Jerzy, Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000, S. 47f. Interessanterweise sieht die tschechische Historiographie gegenüber der Dobrawa eher distanziert eingestellt. Vgl. etwa Cosmas von Prag, Cronica Bohemorum, I, 27, S. 49. 71 sich, ihn zu heiraten, wenn er nicht jene verkehrte Lebensweise aufgebe und verspreche, ein Christ zu werden. Als er nun zustimmte, er werde die Lebensgewohnheit jenes Heidentums aufgeben und die Sakramente des christlichen Glaubens annehmen, betrat sie Polen mit großem weltlichen und kirchlichen Gepränge; sie hat sich mit ihm so lange nicht ehelich verbunden, bis er unter sorgfältiger Betrachtung der Lebensweise des Christentums und der Bindung an die kirchliche Ordnung dem Irrtum der Heiden allmählich entsagte und sich dem Schoß seiner Mutter Kirche vereinigte.“200 Man muss sicher nicht gesondert erwähnen, dass die Ausführungen des Gallus Anonymus oftmals übermäßig ausgeschmückt sind,201 gleichwohl bedarf der beschriebene Übertritt Mieszkos zum Christentum als Kern der Darstellung besonderer Aufmerksamkeit: Offenbar haben die ersten Konfrontationen mit den Sachsen und dem Reich 963 Mieszko dazu bewogen, seine politische Strategie an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Nach der Niederlage gegen Wichmann und Gero erkannte er zunächst die Oberherrschaft Kaiser Ottos an, allerdings bot sich durch die Heirat mit der christlichen Dobrawa die Möglichkeit, zum Christentum überzutreten und damit die Position der Piasten gegenüber Otto dem Großen und dem Reich in für ihn positivem Sinne zu verbessern. In der Tat sieht die Forschung in diesem Übergang zum Christentum eine wesentliche Voraussetzung, weshalb Mieszko überhaupt in eine Beziehung zum Reich treten konnte, die über das der üblichen Tributärstaaten hinausreichte.202 Schon in Kapitel 5.1.1 verwiesen wir darauf, dass Mieszko nicht bloß als unterworfener Tributzahler gesehen werden muss, so wie es zunächst die Berichte aus dem Jahr 963 nahelegen könnten, sondern wohl durch den Übertritt zum Christentum um 966 zum ‚amicus imperatoris’203 geworden war, also höchstwahrscheinlich in ein amicitia-Verhältnis zu Otto I. eingetreten ist, welches ihn über die Gruppe der abhängigen Slawenländer hinaus- 200 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 5: At Mesco ducatum adeptus, ingenium animi coepit et vires corporis exercere, ac nationes per circuitum bello saepius atemptare. Adhuc tum in tanto gentilitatis errore involvebatur, quod sua consuetudine septem uxoribus abutebatur. Postremo unam christianissimam de Bohemia Dubrovcam nomine in matrimonium requisivit. At illa ni pravam consuetudinem illam dimittat, seseque fieri christianum promittat, sibi nubere recusavit. Eo ergo collaudante, se usum illius paganismi dimissurum et fidei christianae sacramenta suscepturum, illa domina cum magno secularis et ecclesiasticae religionis apparatu Poloniam introivit, necdum tamen thoro sese martiali foederavit, donec ille paulatim consuetudinem christianitatis et religionem ecclesiastici ordinis diligenter contemplans, errori gentilium abnegavit seque gremio matris ecclesiae counivit. 201 Siehe dazu Kapitel 3. 202 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10; vgl. auch den entsprechenden Kommentar bei: Lübke, Christian, Regesten, Nd. 2, Nr. 125, S. 173f. Siehe zu den Beziehungen zu Otto dem Großen auch Kapitel 5.1.1 der vorliegenden Arbeit. 203 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 143: Audiens autem Wichmannus urbem captam sociosque afflictos ad orientem versus iterum se paganis inmersit, egitque cum Sclavis qui dicuntur Vuloini, quomodu Misicam amicum imperatoris bellos lacesserent; quod eum minime latuit. 72 hob.204 Daher ist der Heirat mit Dobrawa größte politische Bedeutung beizumessen, denn sie erwies sich wahrscheinlich als Schlüssel dafür, dass Mieszko nun als Christ, und nicht mehr als Heide, die kulturell-religiöse Voraussetzung dazu erhielt, vielfältige Kontakte zum Personenverband des Reiches einzugehen.205 Auch Thietmar lässt keinen Zweifel an der eminent wichtigen Bedeutung dieser Heirat als Anlass, das slawische Heidentum aufzugeben: „Er [Mieszko] hatte eine edle Gemahlin aus Böhmen heimgeführt, die Schwester Boleslaws des Alten, deren Leben in Wahrheit ihrem Wesen entsprach. Sie hieß nämlich auf slawisch Dobrawa, was zu deutsch ‚die Gute’ bedeutet. Da sie ihren Gemahl noch in mannigfachen heidnischen Irrtümern verstrickt sah, überlegte die Getreue Christi in ihrem einfachen Gemüt voller Eifer, wie sie sich ihn auch im Glauben verbinden könne. In jeder Weise mühte sie sich, ihn zur Milde zu bewegen, nicht wegen des dreifältigen Trachtens dieser bösen Welt, sondern vielmehr um der preiswürdigen und allen Gläubigen so erstrebenswerten Frucht ewigen Lohnes willen.“206 Es sollte anhand dieses Zitats deutlich geworden sein, dass schon die Historiographen des Mittelalters trotz aller literarischer Verformung und parteiischer Verzerrung um die Wichtigkeit der Heirat Mieszkos mit Dobrawa wussten, bewerten sie doch univok die Heirat vordringlich unter dem Blickwinkel der Christianisierung des Piasten und damit des polnischen Herrschaftsverbandes insgesamt. Überdies war Boleslav I. als ‚arrivierter Fürst’ des christlichen Abendlandes eine wichtige politische Stütze für Mieszko.207 So kam dem Piasten die Ehe mit der Böhmin nicht nur als Anlass zum Übertritt zum Christentum zu Gute, sondern auch in folgender Hinsicht erwies sie sich als vorteilhaft: Durch das dadurch geschlossene Bündnis mit Böhmen und die so gewonnene politisch- 204 Möglicherweise hatte Otto der Große sogar gehofft, der Übertritt zum Christentum hätte unter der Vermittlung von Klerikern des Reiches zu einer Einbindung des piastischen Herrschaftsraumes in das 968 gegründete Erzbistum Magdeburg führen können. Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 189. 205 Zur Christianisierung des Mieszko ist gerade auf polnischer Seite eine große Fülle an Schrifttum entstanden. Die Bedeutung der Christianisierung wird insgesamt freilich als sehr hoch eingeschätzt in Bezug auf die Eingliederung Polens in das Abendland. Vgl. z. B. Bogdanowicz, Piotr, Chrzest Polski, in: Nasza Przeszlosc 23 (1966), S. 7-64; Silnicki, Tadeusz, Poczatki organisacji Kosciola w Polsce za Mieszka I i jej Bolezlawa Chrobrego, in: Poczatki panstwa polskiego. Ksiega Tysiaclecia, Bd. 1, Poznan 1962, S. 319-361. Hier noch eine Fülle weiterer Literatur zum Thema. 206 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 55, S. 194: Hic [Mieszko] a Boemia regione nobilem sibi uxorem senioris Bolizlavi duxerat sororem. Quae, sicut sonuit in nomine, apparuit veraciter in re. Dobrawa enim Sclavonice dicebatur, quod Teutonico sermone Bona interpretatur. Namque haec Cristo fidelis dum coniugem suum vario gentilitatis errore implicitum esse perspiceret, sedula revolvit angustae mentis deliberazione, qualiter hunc sibi sociaret in fide; omnimodis placare contendit, non propter triformem mundi huius nocivi appetitum, quin pocius propter futurae mercedis laudabilem ac universis fidelibus nimis desiderabilem fructum. 207 So Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 191. 73 militärische Stärkung vermochte Mieszko die Wolliner unter Führung des Billungers Wichmann im September 967 zu besiegen. Wichmann musste, nach dem Fall der Oldenburg und einem vergeblichen Hilfegesuch an die Dänen in die Defensive gedrängt, zu den Wollinern fliehen und wurde von diesen als Heerführer aufgenommen.208 Allerdings erlitt Wichmann im Kampf gegen die Kräfte Mieszkos eine schwere Niederlage. Noch bevor die Nachricht der Aufgabe Wichmanns Mieszko erreichen konnte, wurde dieser, gerade auf dem Rückzug befindlich, gestellt und kam dabei zu Tode: „Die Nacht hindurch legte er [Wichmann] gewappnet einen weiten Weg zurück und erreichte bei Tagesanbruch, durch Hunger und Anstrengung ermattet, ein Gehöft, in dem er mit wenigen Begleitern Zuflucht suchte. Hier fanden ihn die Führer der Feinde und erkannten an seiner Rüstung, dass er ein vornehmer Mann sei; da sie ihn nach seinem Namen fragten, erklärte er, er sei Wichmann. Jene aber forderten ihn auf, seine Waffen abzulegen, und gelobten ihm sodann auf ihr Wort, dass sie ihn unversehrt ihrem Herrn ausliefern und diesen dazu vermögen wollten, dass er ihn unverletzt dem Kaiser zurückgebe. Obgleich er nun in die äußerste Not geraten war, vergaß er doch nicht seines früheren Adels und seiner Tapferkeit und verschmähte es, solchen Leuten sich zu ergeben; doch bat er, sie möchten dem Misaca von ihm melden, vor ihm wolle er seine Waffe ablegen, sich ihm ergeben. Während nun diese zu Misaca eilten, umringte ihn unzähliges Volk und griff ihn heftig an. So erschöpft er aber auch war, hieb er dennoch viele von ihnen nieder; endlich nahm er sein Schwert und reichte des dem Vornehmsten der Feinde mit folgenden Worten: ‚Nimm dieses Schwert und überbringe es deinem Herrn, damit er es zum Zeichen des Sieges nehme und seinem Freunde, dem Kaiser, übersende, auf dass dieser wisse, er könne nun eines erschlagenen Feindes spotten oder einen Blutsverwandten beweinen.’ Und nach diesen Worten wandte er sich gegen Morgen, betete, so gut er konnte, in seiner Muttersprache zum Herrn und hauchte seine mit vielem Elend und Jammer erfüllte Seele aus in die Barmherzigkeit des Schöpfers aller Dinge. Dies war das Ende Wichmanns, und so endeten fast alle, die die Waffen erhoben hatten gegen den Kaiser.“209 Zwar 208 Annalista Saxo, a. 967: Milites Wigimanni variis penis afflixit, urbis spolia repperit, magnum spectaculum populo prebuit, victorque in patriam reneaque cum Slavis qui dicuntur Vulini, quomodo Misacam, amicum imperatoris, bello lacesserent […] Siehe Kapitel 5.1.1 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 144, S. 200f. 209 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 69, S. 144f.: Ieiunio autem et longiori via, qua per totam noctem armatus incessit, mane cum paucis admodum aream cuiusdam iam fessus intravit. Optimates autem hostium cum eum represserint, ex armis agnoscunt, quia vir eminens esset. Interrogatusque ab eis, quisnam esset, Wichmannum se fore professus est. At illi arma deponere exhortati sunt. Fidem deinde spondent salvum eum domino suo presentatri hocque apud ipsum obtinere, quatinus incolumem imperatori restituat. Ille, licet in ultima necessitate sit constitutus, non inmemor pristinae nobilitatis ac virtutis, dedignatus est talibus manum dare, petit tamen, ut Misaco de eo adnuntient: ille velle arma deponere, illa manus dare. Dum ad Misacam ipsi pergunt, vulgus innumerabile eum circumdat eumque arciter inpugnat. Ipse autem, quamvis fessus, multis ex eis fusis, tandem gladium sumit et 74 hatten Mieszko und Wichmann vier Jahre zuvor ebenfalls im Kampf gelegen, doch nun hatten sich die Positionen der Konfliktparteien im Hinblick auf die Reichspolitik diametral gewandelt: Während Wichmann als Abtrünniger und Feind des Kaisers im Kampf gegen Mieszko erscheint, wird dieser seinerseits als Freund des Kaisers tituliert – Thietmar selbst lässt Wichmann Mieszko ja im eben zitierten Auszug als ‚amicus’ Ottos bezeichnen. Die Aufnahme in die Reihe der abendländischen Adelsgeschlechter und die Verstärkung seiner Kräfte durch böhmische Unterstützung führte also zum Sieg Mieszkos gegenüber Wichmann, mit dem er sich so lange im Konflikt befunden hatte. Aus der zitierten Darstellung Thietmars verdienen aber noch weitere Aspekte Interesse. In der Tat scheint es nämlich so zu sein, dass Wichmann und Mieszko ihren Konflikt vollauf nach den Regeln der Fehdeführung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft austragen und nicht im Sinne gentiler Kriegsführung. In Mieszko darf man nämlich schon zu diesem Zeitpunkt wohl weniger einen Stammesführer und Eroberer sehen, dem es um Beutemachen und Tributerlangung geht,210 sondern vielmehr einen Fürsten, der sich mit Großen des Reiches (in diesem Falle Wichmann) nach den typischen Regeln der Konfliktaustragung befehdet. Es ist zwar klar, dass Wichmann als Heerführer des Stammes der Wolliner in Erscheinung tritt, doch scheint es sich hierbei eher um ein Zweckbündnis gehandelt zu haben, das es dem renegaten und diplomatisch zunehmend isolierten Billunger nochmals ermöglichte, einen Verbündeten zu gewinnen, der ihn überdies als erfahrenen Kämpfer an die Spitze seiner Streitkräfte stellte. Dass sich Wichmann seiner adligen Abkunft und seiner früheren Rolle im Reichsadel vollauf bewusst war, lässt sich auch aus der Darstellung Thietmars ableiten, schließlich will sich Wichmann nicht den einfachen Soldaten ergeben, sondern erwartet eine seinem Rang angemessene Behandlung. Daher erscheint es angesichts der Ereignisse wahrscheinlich, dass nicht so sehr die eigentlichen Kriegsziele der Wolliner, wie etwa, Gebiete um die Odermündung herum zu besetzen,211 für den neuerlichen Kampf Wichmanns gegen Mieszko motivierend waren, sondern vielmehr die früheren Konflikte mit den Piasten und die Tatsache, dass Mieszko – anders als Wichmann – nunmehr ein Freund des Kaisers geworden war. Völlig ins Bild passt daher auch das Verhalten Wichmanns, als er priori hostium cum his verbis tradidit: ‘Accipe’, inquit, ‘hunc gladium et defer domino tuo, quo pro signo victoriae illum teneat imperatorique amico transmittat, quo sciat aut hostem occisum irridere vel certe pronpinquum deflere.’ Et his dictis conversus ad orientem, ut potuit, patria voce Dominum exoravit animamque multis mieseriis et incommodis repletam piertati creatoris omnium effudit. Is finis Wichmanno, talisque omnibus ferem qui contra imperatorem arma sumpeserunt. 210 Vgl. zu den neuen ‚außenpolitischen’ Zielen Polens im Hinblick auf die ehemals gentile Prägung: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 209: „Es [das neue Selbstverständnis Mieszkos I.] unterscheidet sich erheblich von dem älterer Eroberer, die vor allem an Beute und Tribut interessiert waren.“ 211 Diese Vermutung als primäres Ziel der Wolliner des Feldzuges äußert zumindest: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 144, S. 201f. 75 von den gegnerischen Kriegern gestellt wird, er bittet nämlich Vermittler, „sie möchten dem Misaca von ihm melden, vor ihm wolle er seine Waffe ablegen, sich ihm ergeben.“ Dieses Verhalten deutet darauf hin, dass Wichmann möglicherweise zu einer deditio gegenüber dem Polen (und damit gegenüber Otto I., als dessen Getreuer dieser ja auftrat) bereit war, denn sowohl das Entsenden von Vermittlern als Unterhändlern zur Konfliktbeilegung, also auch die Ankündigung ‚die Waffe abzulegen’ und sich ‚zu ergeben’ deutet auf eine entsprechende Absicht hin. Wie einleitend dargelegt, kannte die mittelalterliche Adelsgesellschaft eine Fülle von Maßnahmen, schwelende Konflikte auf gütliche Art und Weise beizulegen, im hier erörterten Zusammenhang wären etwa der Einsatz von Vermittlern212 und die Aussicht auf eine Unterwerfung zu nennen.213 Die Maßnahme Wichmanns, Vermittler zu entsenden, kann man also als typisches Mittel der Deeskalation und Gewalteindämmung interpretieren,214 wobei freilich die prekäre Lage, in der sich der Billunger befand, den Ausschlag zu dieser Handlungsweise gegeben haben mag. Die Forschung hat indes darauf aufmerksam gemacht, dass die Durchführung einer deditio als Akt gütlicher Konfliktbeilegung nur dem Adel, ja sogar dem Hochadel vorbehalten war.215 Da nun die Herkunft aus dem Adel nicht nur als Voraussetzung des Unterwerfungsaktes des Unterlegenen gilt, sondern für alle aktiv Beteiligten eines solchen Aktes, muss Mieszko auch von Wichmann in der gegebenen Situation nicht mehr als Stammesführer, sondern als Reichsfürst auf Seiten des Kaisers wahrgenommen worden sein; schließlich bezeichnet Wichmann Mieszko in der Darstellung Thietmars auch selbst als ‚Freund des Kaisers’. Obwohl in der Chronik Thietmars kaum mit letzter Sicherheit die literarischen Elemente von denjenigen Teilen historischer Authentizität getrennt werden können, tragen die in den Quellen216 beschriebenen Verläufe des Konfliktes zwischen Mieszko und Wichmann im Kern deutliche Züge adeliger Fehdeführung. Zwar ist letztlich die gütliche Konfliktbeendigung daran gescheitert, dass die gespannte Situation, in der Wichmann gestellt wurde, eskalierte, bevor die Gesandten Mieszko erreichen konnten, doch bleibt davon die prinzipielle Absicht des Billungers, den Konflikt mit dem Piasten gütlich und auf üblichem Wege zu beenden, unbenommen. Man wird im Hinblick auf die Stellung Mieszkos im Reich 967 wohl festhalten können, dass dieser von den politischen Akteuren des Reiches als vollauf im Herrschaftsverband integrierter und aktiver Reichsfürst gesehen worden ist; im Hinblick auf den Tod Wichmanns wird man außerdem davon ausgehen dürfen, 212 Vgl. zur Bedeutung von Vermittlern in der mittelalterlichen Konfliktführung etwa: Kamp, Hermann, Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), Darmstadt 2001. 213 Zur Unterwerfung als Akt der Konfliktbeilegung vgl. Althoff, Gerd, Das Privileg der deditio. 214 Vgl. zur den Maßnahmen der Deeskalation und Gewalteindämmung z. B.: Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen, S. 8f. 215 Vgl. Althoff, Gerd, Das Privileg der deditio, S. 99f. 216 Vgl. etwa auch der Annalista Saxo, a. 967. 76 dass im Jahr 967 die Spannungen zum sächsischen Adel im Gebiet des Ost- und Nordmarken zunächst beigelegt werden konnten. Auch in den Folgejahren werden daher keine weiteren Konflikte Mieszkos in dieser Richtung erwähnt. < # / E'$ F , ! % 0 So hören wir auch erst im Jahr 972 erneut von Kontakten Mieszkos mit dem sächsischen Adel, diesmal mit Markgraf Hodo von der Ostmark, einem Nachfolger des verstorbenen Gero. Wie in Kapitel 5.1.2 der vorliegenden Arbeit erläutert, liegen die Ursachen für die sächsisch-piastischen Auseinandersetzungen im Dunkeln, Lübke vermutet jedoch, dass es sich nur um einen Zusammenstoß der Herrschaftsgebiete gehandelt haben kann, da Hodo nach den Angaben bei Thietmar und beim Annalista Saxo ‚allein’ gegen Mieszko vorgegangen ist.217 Bereits oben setzten wir auseinander, dass Otto II. auf dem Hoftag von Quedlinburg die fragliche Angelegenheit jedenfalls zu Ungunsten Mieszkos geregelt hat, was die Beziehungen zu den Ottonen bis zum Jahr 986 erheblich belastete und die Teilnahme Mieszkos an der Verschwörung Heinrichs des Zänkers wesentlich motivierte. Eine Bestätigung der aufgrund dieses Konfliktes vollzogenen Wende lässt sich auch darin erblicken, dass Hodo und Mieszko auch nach 974 in Kriegshandlungen miteinander stehen; nach den Darstellungen der Adalbertsvita Bruns von Querfurt muss Hodo mit ‚zerrissenen Feldzeichen’ fliehen.218 Ludat hat trotz der umstrittenen zeitlichen Einordnung dieses Ereignisses die These aufgestellt, dass die Kämpfe Mieszkos mit Hodo zwischen 974 und 977 stattgefunden haben müssen.219 In der Tat scheint mir die von ihm gegebene Begründung durchaus plausibel, er bringt nämlich den Konflikt mit Hodo in sachlichen Zusammenhang mit der Heirat Odas, der Tochter des Markgrafen Dietrich, und Mieszkos.220 Obgleich aufgrund der unsicheren Datierung nicht mit letzter Sicherheit zu klären ist, ob die Bemerkungen der Adalbertsvita über den Kampf Mieszkos mit Hodo auf die Heirat mit der Sächsin Oda als Friedensschluss bezogen werden können, erscheint mir der Zusammenhang des Kampfes mit dem Abschluss dieser Ehe aber wie gesagt durchaus wahrscheinlich. Thietmar äußert sich nämlich in folgender Weise über die Verbindung: „Nach dem Tode seiner Mutter vermählte sich sein Vater ohne kirchliche Genehmigung mit der Tochter des Markgrafen Dietrich, einer Nonne aus dem Kloster Calbe. Sie hieß Oda, und groß war ihr Vergehen. Verschmähte sie doch den 217 Siehe Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 162, S. 228. 218 Vgl. Brun von Querfurt, Vita Sancti Adalberti, hier cap. 10. 219 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 41. 220 Zur Bedeutung der piastisch-sächsischen Ehebündnisse ist auch eine Fülle von Literaturr zu erwähnen; z. B. Labuda, Gerard, Fragmenty dziejow Slowianszczyzny Zachodniek, Bd. 1, Poznan 1960; Zakrzewski, Stanisław, Bolesław Chrobry Wielki, Lwów/Warszawa 1925, hier bes. S. 64ff. 77 himmlischen Bräutigam, um ihm einen Kriegsmann vorzuziehen, was alle Kirchenhirten […] missbilligten. Doch das Heil des Landes und der Zwang zur Friedenssicherung ließen daraus keinen Bruch, sondern vielmehr ein heilsames Mittel zur dauerhaften Versöhnung werden; denn sie mehrte in allem den Dienst Christi, führte viele Gefangene in die Heimat zurück, löste die Ketten der Gefangenen, öffnete den Kerker der Beschuldigten […].“221 Die Darstellung Thietmars lässt kaum Zweifel daran, dass ein starkes Bedürfnis nach Frieden den Abschluss der Ehe Odas mit Mieszko bedingt haben muss, denn Oda wird sogar aus dem Klerikerstand herausgenommen, um Mieszko heiraten zu können. Da aber außer dem Konflikt mit Markgraf Hodo keine weiteren Nachrichten über Kämpfe des Piasten in der Region zu finden sind, liegt die Vermutung nahe, dass mit der Ehe auch Frieden zwischen Mieszko und Markgraf Hodo geschlossen werden sollte. In jedem Falle sicher ist jedoch, dass das gespannte Verhältnis Polens zu den sächsischen Markgrafen generell durch die Ehe verbessert werden sollte. Es ist daher durchaus möglich, dass Mieszko nach dem Tode seiner aus Böhmen stammenden Frau Dobrawa 977 eine Neuorientierung seiner politischen Strategie vornahm, nämlich die Entfernung von den Přemysliden und die Annäherung an die Sachsen, wozu die Heirat mit Oda eine geeignete Grundlage als Akt der Bündnisstiftung bot.222 Die im Jahr 977 geschlossene Ehe, auf die wir ja schon im Zusammenhang mit den böhmischen Kämpfen eingingen, erweist sich damit als einer der zentralen Schritte Mieszkos, seine seit 973 nach dem Bruch mit Otto I. problematischen Beziehungen zum Reich wieder zu erneuern, und zwar zunächst über die Knüpfung familiärer Bande mit den Sachsen. Auf Grundlage dieses Bündnisses war es erstmals seit der ersten Erwähnung Mieszkos in den Quellen (zum Jahr 963) möglich, die langwierigen und kräftezehrenden Spannungen zu den Sachsen bzw. den politischen Akteuren der Marken (Wichmann, Gero und Hodo) auf dem üblichen Wege der Bündnisstiftung über eine ‚gemachte Verwandtschaft’ zu befrieden und politisch abzusichern. Hatte Mieszko sich bis zu diesem Zeitpunkt auch aufgrund des 966 geschlossenen Ehebündnisses mit Dobrawa auf die Přemysliden als Bündnispartner verlassen, ist die Ehe mit Oda als Versuch zu werten, die piastische Herrschaft politisch, nämlich über personale Bindungen, näher an die Akteure des Reiches heranzubringen. Zwar hatte sich bekanntlich die Ehe mit Dobrawa insofern als Vorteil 221 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 195: Sed cum mater eiusdem obiret pater eius unam sanctimonialem de monasterio, quod Calva dicitur, Thiederici marchionis filiam, absque canonica auctoritate duxit. Oda fuit nomen eius, et magna erat presumptio illius. Spreverat enim sponsum coelestem, preponens ei virum militarem, quod cunctis aecclesiae rectoribus […] displicuit. Sed propter salutem patriae et corroboracionem pacis necessariae non venit hoc ad discidium, sed reconciliacionis continuae remedium salubre. Namque ab ea Christi servitus omnis augebatur, capticorum multitudo ad patriam reducitur, vinctis catena solvitur, reisque carcer aperitur […]. 222 So auch: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 117, Anm. 149. 78 erwiesen, als Mieszko dadurch zur Annahme des Christentums gebracht wurde, doch dies bildete zunächst einmal nur die sozusagen kulturell-religiöse Grundlage, die die Aufnahme Polens ins lateinische Abendland ermöglichte. Faktische Bedeutsamkeit erlangte diese Einbindung indes erst zu dem Zeitpunkt, als Mieszko in die Lage versetzt wurde, personale Bindungen zu den Akteuren des Reiches aufzubauen. Daher könnte man im Rückblick der Ereignisse durchaus konstatieren, dass die anfängliche Hinwendung zu den Böhmen und die dann folgende Abkehr von ihnen zugunsten der Sachsen den Bestrebungen Mieszkos, seinen Herrschaftsverband als politisch eigenständig verstandenes Konstrukt im Herrschaftsverband des Reichs zu integrieren, immensen Vorschub geleistet haben wird. Tatsächlich gerieten die Böhmen ja auch aufgrund ihrer Unterstützung Heinrichs des Zänkers seit 983 schnell in Opposition zu den Ottonen und zum Reich, ganz im Gegensatz zum im Reichsverband zunehmend integrierten Polen unter Mieszkos Führung. Dass Mieszko wohl generell seit 986 eine Abkehr von den slawischen Verbündeten und eine Hinwendung zum Reich forcierte, konnten wir ja schon an der Huldigung gegenüber Otto III. 986 und am Regest ‚Dagome Iudex’ nachweisen,223 daher wird man die eben angeführten Bemerkungen auch vor dem Hintergrund einer solchen politischen Strategie Mieszkos zu interpretieren haben. Ganz im Sinne dieser Strategie muss man sodann auch die Heirat Bolesławs Chrobry mit der Tochter des Markgrafen Rikdag verstehen. Schon im Rahmen der Bemerkungen zum Bruch Mieszkos mit Boleslav von Böhmen zitierten wir die einschlägige Bemerkung Thietmars; diese sei an dieser Stelle nochmals in Erinnerung gerufen: „Er vermählte sich mit der Tochter des Markgrafen Rikdag, schied sich aber später von ihr; dann nahm er eine Ungarin zu Frau […].“224 Der politische Hintergrund der Ehe zwischen Bolesław und der namentlich nicht bekannten Tochter des Markgrafen ist in der Forschung schon verschiedentlich betont worden.225 Auf diese Weise vermochte Mieszko nämlich in gleicher Weise wie bei seiner Ehe mit Oda die Sicherung des polnischen Herrschaftsraumes weiter voranzubringen, nämlich vornehmlich dadurch, im südlichen bzw. südwestlichen Raum des Reiches die Mark Meißen durch dynastische Bindungen seinem Herrschaftsbereich anzugliedern. Gerade die Ehe Bolesławs mit Rikdags Tochter ist auch ein geradezu paradigmatisches Beispiel dafür, dass prospektiv ausgerichtete Strategien im politischen Kräftefeld des Mittelalters keineswegs immer erfolgreich in die Tat umgesetzt werden konnten. Denn bekanntlich führten die von den Piasten auf die Mark Meißen erhobenen Ansprüche zu so schweren Spannungen mit den Přeymsliden und Boleslav II., dass die Ehe nach einiger Zeit aufgegeben werden musste.226 Nichtsdestoweniger lässt sich an dem Ab- 223 Siehe Kapitel 5.3. 224 Thietmar von Merseburg, IV, 58, S. 197. 225 Vgl. etwa: Bosl, Karl, Böhmen und seine Nachbarn, S. 109; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 21; Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 226a, S. 25f. 226 Siehe auch Kapitel 5.4.1. 79 schluss der Ehe prinzipiell die Gültigkeit der eben aufgestellten Thesen bestätigen. Denn obgleich zwar faktisch die Bemühung Mieszkos gescheitert war, die Mark Meißen auf dem Wege dynastischer Politik unter seine Kontrolle zu bringen, zeichnet sich die Abkehr von den Böhmen und seinem ehemaligen Schwager Boleslav immer deutlicher ab. Schließlich kommen so auch die latenten Spannungen zwischen den beiden Kontrahenten im Kampf um die Burg Mei- ßen erstmals offen zum Ausbruch und kulminieren sodann in den Auseinandersetzungen um Schlesien und Kleinpolen im Jahr 990. Die Auseinandersetzungen um Meißen müssen sich aber auch noch in anderer Hinsicht positiv für die Beziehungen Mieszkos zum Reich ausgewirkt haben. Durch die ungeschickte Strategie Boleslavs von Böhmen Meißen 984 zu besetzen,227 konnte eine erneute Annäherung zwischen den Piasten und dortigen Markgrafen, den Ekkehardinern, stattfinden, was schließlich dazu führte, dass er die Mark Meißen 987 durch einen gemeinsamen Feldzug der Ekkehardiner und der Piasten räumen musste.228 Denn auch die Meißener Markgrafen nähern sich politisch den Piasten an, dies macht das Beispiel Ekkehards deutlich. Er gewinnt nämlich Bolesław Chrobry 978 als ‚Freund’, scheint also mit dem Sohn Mieszkos ein amicitia-Verhältnis einzugehen: „Den Böhmenherzog Boleslaw mit dem Beinamen der Rote gewann er sich zum Vasallen und den anderen (Boleslaw) durch Freundlichkeit und Drohungen zum vertrauten Freunde.“229 Es lässt sich daher vermuten, dass Ekkehard von Meißen daran gelegen war, Bolesław Chrobry durch genossenschaftliche Bande an sich zu binden. Für die politisch instabile Region Meißen bedeutete dies zunächst eine Verbesserung der Lage, und auf piastischer Seite wird man aufgrund der schon länger bestehenden Interessen an der Region gerne das Bündnis mit Ekkehard eingegangen sein. Letztlich zeigt sich aber auch hier, dass das Knüpfen politischer Bande zwischen polnischen und deutschen Herrschaftsträgern vermittels des üblichen Repertoires personaler Bindung funktioniert, wobei die Přemysliden diplomatisch zunehmend isoliert und die Piasten zunehmend integriert werden. Im diachronen Aufriss der Ereignisse wird mithin deutlich, dass sich die Beziehungen Mieszkos zu den Großen des Reiches in verschiedenen Phasen zwischen 973 und 986 verändern: Liegt der Piast zunächst aufgrund territorialer Interessenkonflikte mit dem Markgrafen (sowie Wichmann als mitunter abtrünnigem Adligen) in offenem Konflikt, wandelt sich das piastisch-sächsische Verhältnis seit der Heirat mit Oda und seit dem Kampf um Meißen. Damit verbunden sind die Abkehr von 227 Vgl. dazu: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 25. 228 Vgl. ebd., S.24. Siehe dazu auch: Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, S. 34 ff. Labuda ist sogar der Ansicht, dass Boleslav von Böhmen wegen der Spannungen zu den Piasten, den Ekkehardinern und damit dem Reich gar nicht auf dem Reichstag von Quedlinburg anwesend war, sondern dass Thietmar stattdessen Bolesław Chrobry meinte. 229 Thietmar von Merseburg, V, 7, S. 227: Boemiorum ducem Bolizlavum, qui cognominatur Rufus, ad militem sibi aliumque ad amicum familiarem blandiciis ac minis adipiscitur. 80 den Přemysliden als vormaligen Bündnispartnern und die Hinwendung zum Reich und zu den Markgrafen der Ostmarken. Am Schluss dieses Abschnitts sei noch eine kurze, eher anekdotische Episode aufgegriffen, die dennoch die Einbindung der Piasten in Herrschaftsverband der Großen des Reiches zu illustrieren vermag. Der Autor der Vita des Bischofs Ulrich von Augsburg berichtet nämlich von einer Verwundung des Mieszko in einer Schlacht. Als dieser im Kampf von einem giftigen Pfeil getroffen wird, sollte er zur Heilung eine Opfergabe in Form einer silbernen Hand an den Heiligen Ulrich schicken.230 Selbstverständlich sind solche Mirakelgeschichten immer durch einen gewissen klerikalen Aufputz gekennzeichnet, dies ist ja charakteristisch für die Heiligen- und Bischofsviten.231 Dennoch mag diese kurze Bemerkung verdeutlichen, dass Gerhard von Augsburg, der Autor der Vita, sich der Verbindungen des Reichsfürsten zu den Piasten vollauf bewusst war. Nur aufgrund der allgemeinen Kenntnis der engen Beziehungen Mieszkos zu den Königen und den Großen des Reiches erscheint eine solche Aussage im Bereich des Glaubhaften zu liegen, denn schließlich mussten sich die Autoren der Viten nach dem gemeinhin gängigen Wissenshorizont der Leser richten, um den literarisch präsentierten Wundergeschichten eine gewisse Glaubhaftigkeit zu verleihen. Ohne nun diese Anekdote zu sehr zu strapazieren, können wir an dieser Stelle wohl die Untersuchung der piastischen Beziehungen zu den Magnaten des Reiches zum Ende bringen. Abschließend zum vorigen Abschnitt bleibt damit festzuhalten, dass staatliche oder national ausgelegte Funktionsmechanismen zu keinem Zeitpunkt und in keinem Aspekt der Beziehungen der Piasten zu deutschen Herrschaftsträger festgestellt werden konnten, selbst wenn Mieszko I. in seiner Bündnispolitik klare Hinweise auf eine prospektiv ausgelegte politische Strategie erkennen ließ. Kommen wir damit abschließend zu einer Zusammenfassung der in den voraufgegangenen Untersuchungen erarbeiteten Ergebnisse. 230 Diese Episode findet sich in einer der Mirakelgeschichten, die der eigentlichen Vita des Hl. Ulrich angehängt sind und bereits verschiedentlich publiziert wurden. Vgl. dazu etwa: Banaszkiewicz, Jacek, Mieszko I i władcy jego epoki, in: Piskorski, Jan M. (Hrsg.), Polska Mieszka I. W tysiaclecie smierci tworcy panstwa i Kosciola polskiego, Poznan 1993, S. 89- 110, hier bes. S. 100ff.; vgl. auch: Strzelczyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts, S. 106. 231 Vgl. Haarländer, Stephanie, Vitae Episcoporum. Eine Quellengattung zwischen Hagiographie und Historiographie, untersucht an Lebensbeschreibungen von Bischöfen des Regnum Teutonicum im Zeitalter der Ottonen und Salier (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, 47), Stuttgart 2000. 81 > @ ( " 2 ! " ( / - 0 ! " $ > $ ! Durch die Ausdehnung des piastischen Herrschaftsbereiches über den Raum zwischen mittlerer Warthe, mittlerer Weichsel und Pilica hinaus nach Westen bzw. Nordwesten ergeben sich erste Kontaktpunkte zwischen Polen und dem Reich.232 Mieszko wird dabei erstmals in der Historiographie im Zusammenhang mit Konflikten mit den Redariern unter Führung des Billungers Wichmann erwähnt. Es ist daher zu folgern, dass Mieszko durch die ersten Konflikte im Raum der Ostmarken seit 963 in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Reich gekommen ist, wobei wahrscheinlich ist, dass dieses ‚tributärer’ Natur war. Zum einen erwähnt Widukind eine Reihe von Nachbarvölkern, die König Heinrich I. in ähnlicher Weise verpflichtet gewesen seien: „Als nun die Nachbarvölker vom König Heinrich zinspflichtig gemacht worden waren, die Abodriten, Wilzen, Heveller, Dalemnizier, Böhmen und Redarier, und Friede war, da brachen die Redarier den Vertrag […].“233 Da die hier genannten Stämme im Raum zwischen Oder und Elbe bzw. östlich der Oder sesshaft waren, also als politische Kräfte jener Region zu sehen sind, in der auch der polnische Fürstenstaat im Entstehen begriffen war, ist es wohl plausibel anzunehmen, dass die Ottonen mit den Polen in gleicher Weise verfuhren wie mit den anderen Stämmen der Umgebung. Obgleich Widukind die Polanen in diesem Kontext nicht explizit erwähnt, gibt es keinen Grund anzunehmen, Polen hätte um 963 irgendeine Sonderstellung eingenommen. Zum anderen findet diese These der Tributabhängigkeit Bestätigung dadurch, dass Thietmar in seiner Beschreibung der Kämpfe Mieszkos gegen Markgraf Hodo expressis verbis eine Tributpflicht des Polen er- 232 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 8; auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 122, S. 169. 233 Widukind von Corvey, Res gesta Saxonicae, I, 36: Cumque vicinae gentes a rege Heinrico factae essent tributariae, Apodriti Wiliti, Hevelli, Dalamanici, Boemi, Redarii et pax esset, Redarii defecerunt a fide […]. 82 wähnt: „Inzwischen brachte der wackere Markgraf Hodo Truppen zusammen und griff Mieszko an, obwohl dieser dem Kaiser treu war und bis zur Warthe Tribut zahlte. Nur mein Vater, Siegfried, damals noch ein unvermählter junger Mann, leistete ihm dabei mit den Seinen Hilfe; als sie nun am Tage des St. Johannes des Täufers bei Zehden den Kampf gegen ihn eröffneten, waren sie wohl anfangs erfolgreich, dann aber schlug (Mieszkos) Bruder Cidebur alle die wackeren Ritter bis auf die beiden Grafen.“234 Wilhelm Giesebrecht urteilte einst,235 man müsse die Unterwerfung Polens als eine ‚nationale Großtat’ bezeichnen, doch ist freilich klar, dass nationale Paradigmen nicht die geeignete Basis für die Beurteilung des Tributverhältnisses sein können. Über den Zustand des Verhältnisses Mieszkos zum Reich ist daher auch in früherer Zeit vehement gestritten worden. In der bereits oben angerissenen Kontroverse zu diesem Thema prallten die Ansichten Brackmanns und Jedlickis aufeinander.236 Unbenommen der methodischen Probleme des Zugriffs von Brackmann, die auf der unhinterfragten Ansicht beruhen, das Reich sei zur gleichsam natürlichen Vormacht Europas berufen, ist seine Einschätzung, Polen sei schon 963 in ein Lehnsverhältnis zu den Ottonen getreten, nicht nur aufgrund der fehlerhaften Zusammenfassung des Vorlagenmaterials Widukinds durch Thietmar, dessen Darstellung einer vemintlichen Niederlage Mieszkos gegen Markgraf Gero offenbar keinerlei historischen Hintergrund hatte, abzulehnen. Vielmehr suchte Brackmann offenbar ein frühes Lehnsverhältnis zum Reich deswegen zu begründen, um die hierarchische Überlegenheit des Reiches schon zu diesem frühen Zeitpunkt zu erweisen. Schlüssiger erscheinen die bereits 1935 zu dieser Diskussion gezogenen Schlussfolgerungen Jedlickis, der lediglich von einem Tributverhältnis in Parallele zu den anderen bei Widukind erwähnten slawischen Völkern ausgeht. Die Heirat mit der Přemyslidin Dobrawa 966/967 bringt sodann eine Aufwertung der Verhältnisse Mieszkos zum Reich mit sich. Sowohl Thietmar als auch der Gallus Anonymus erwähnen die Ehe mit Dobrawa vornehmlich unter dem Blickwinkel des dadurch vollzogenen Übertritts zum Christentum.237 Es ist 234 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 29, S. 74: Interea Hodo, venerabilis marchio, Miseconem inperatori fidelem tributumque usque in Vurta fluvium solventem exercitu petivit collecto. Ad cuius auxilium pater meus comes Sigifridus, tunc iuvenis necdumque coniugali sociatus amori, venit solum cum suis et in die sacnti Iohannis baptistae adversus eum pugnantes primoque vincentes a fratre eiusdem Cideburo, exceptis tantum comitibus prefatis, omnes optimi milites interfecti oppecierunt in loco, qui vocatur Codini. 235 Vgl. Giesebrecht, Wilhelm von, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, S. 181f. 236 Vgl. zu dieser Diskussion: Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 29), Berlin 1933; dazu in Erwiderung: Jedlicki, Marayan Z., Die Anfänge des polnischen Staates. Erwiderung, in: HZ 152 (1935), S. 519-529; dazu neuerlich: Brackmann, Albert, Reichspolitik und Ostpolitik im frühen Mittelalter, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Darmstadt 21967, S. 188-210. 237 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 55, S. 194: Hic [Mieszko] a Boemia regione nobilem sibi uxorem senioris Bolizlavi duxerat sororem. Quae, sicut sonuit in nomine, apparuit veraciter in re. Dobrawa enim Sclavonice dicebatur, quod Teutonico sermone Bona interpretatur. Namque haec Cristo fidelis dum coniugem suum vario gentilitatis errore impli- 83 daher sehr wahrscheinlich, dass durch seine Ehe mit der Böhmin der Fürstenstaat Mieszkos nunmehr als Teil der abendländischen Christenheit betrachtet worden ist.238 Widukind berichtet überdies im Zusammenhang mit den Kämpfen Mieszkos gegen Wichmann, dieser habe den Polenfürsten attackiert, obgleich dieser ‚Freund des Kaisers’ sei.239 Diese Formulierung deutet darauf hin, dass die Beziehung Mieszkos zum Reich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur als ausschließlich tributäre zu sehen ist, vielmehr ist davon auszugehen, dass Mieszko in ein amicitia-Verhältnis zum ottonischen Königtum getreten ist, was ihn über die eben erwähnten anderen tributpflichtigen Elbslawen heraushebt.240 Diese Beziehung bleibt dann einige Jahre stabil, nämlich so lange, bis Mieszko sich mit dem Markgrafen Hodo befehdet. Schon beim Reichstag von 973 in Quedlinburg werden die ottonisch-piastischen Beziehungen großen Belastungen ausgesetzt, denn offensichtlich hatte Otto I. in einer leider nicht genauer belegbaren Angelegenheit zwischen Hodo und Mieszko zugunsten des Markgrafen entschieden. Die Altaicher Annalen berichten sogar davon, Mieszko sei nicht selbst zum Reichstag gekommen, sondern habe ledliglich seinen Sohn Bolesław als Geisel geschickt.241 Obgleich diese Bemerkung durch einen Widerspruch mit Thietmar, der von der Anwesenheit Mieszkos berichtet, nicht mit letzter Sicherheit zu verifizieren ist, zeichnen sich seit 973 Spannungen im ottonisch-piastischen Verhältnis ab, welche die Darstellung der Altaicher Annalen, Mieszko sei gar nicht erst in Quedlinburg erschienen, glaubwürdiger erscheinen lassen als Thietmars Ausführungen. Schon ein Jahr später nimmt Mieszko nämlich an der conspiratio gegen Otto II. teil und tritt als Parteigänger des Thronprätendenten Heinrich des Zänkers in Erscheinung: „In demselben Jahre [974] citum esse perspiceret, sedula revolvit angustae mentis deliberazione, qualiter hunc sibi sociaret in fide; omnimodis placare contendit, non propter triformem mundi huius nocivi appetitum, quin potius propter futurae mercedis laudabilem ac universis fidelibus nimis desiderabilem fructum; Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 5: At Mesco ducatum adeptus, ingenium animi coepit et vires corporis exercere, ac nationes per circuitum bello saepius atemptare. Adhuc tum in tanto gentilitatis errore involvebatur, quod sua consuetudine septem uxoribus abutebatur. Postremo unam christianissimam de Bohemia Dubrovcam nomine in matrimonium requisivit. At illa ni pravam consuetudinem illam dimittat, sesque fieri christianum promittat, sibi nubere recusavit. Eo ergo collaudante, se usum illius paganismi dimissurum et fidei christianae sacramenta suscepturum, illa domina cum magno secularis et ecclesiasticae religionis apparatu Poloniam intoivit, necdum tamen horo sese martiali foederavit, donec ille paulatim consuetudinem christianitatis et religionem ecclesiastici ordinis diligenter contemplans, errori gentilium abnegavit seque gremio matris ecclesiae counivit. 238 So auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 8. 239 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 143: Audiens autem Wichmannus urbem captam sociosque afflictos ad orientem versus iterum se paganis inmersit, egitque cum Sclavis qui dicuntur Vuloini, quomodu Misicam amicum imperatoris bellos lacesserent; quod eum minime latuit. 240 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 9. 241 Annales Altahenses, a. 973; siehe dazu Kapitel 5.1.2, S. 21f. 84 schmiedeten der Herzog Heinrich von Bayern [der Zänker] und der Bischof Abraam [von Freising] einen Plan mit Bolislaw und Misigo, wie sie dem Kaiser seine Herrschaft vernichten könnten; und zwar wurde dies in so unseliger Weise abgemacht, dass, wenn die göttliche Barmherzigkeit nicht ein Einsehen gehabt und dazu die Klugheit Beratholds es nicht zu Nichte gemacht hätte, fast ganz Europa verödet und zu Grunde gerichtet worden wäre.“242 Die dadurch entstandene Bindung an den Bayern Heinrich bedingte dann sogar die Huldigung Mieszkos ihm gegenüber in Quedlinburg 984.243 Vor dem Hintergrund der Nachfolgewirren um den Thron nach dem Tode Ottos II. bezieht Mieszko eindeutig Stellung zu Heinrich. Daraus lässt sich umgekehrt folgern, dass 984 die ottonisch-piastischen Beziehungen auf einem politischen Tiefpunkt angekommen sein müssen, was sich zunehmend in offenen Konflikten äußert. Ludat vertrat die Ansicht, dass die Ottonen bereits seit dem ersten Auftreten der Piasten als eigenständiger politischer Kraft daran interessiert gewesen seien, Polen als Flankenstaat gegenüber den heidnischen Slawen zu etablieren und damit ins Reich zu inkorporieren.244 Obgleich an vielen Stellen seinen Ausführungen zuzustimmen war, erscheint mir diese Behauptung abwegig. Angesichts der Tatsache, dass Otto I. im Konflikt Mieszkos mit Hodo gegen den Piasten und zugunsten des Markgrafen entschied, wird man weniger von derartigen Strategien der Ottonen ausgehen dürfen. Schließlich musste sich Otto bewusst sein, dass dies zu schweren Belastungen mit dem Piasten führen musste, zumal dieser wahrscheinlich nicht einmal als Aggressor des Konfliktes aufgetreten war.245 Die Ansicht einer prospektiven Politik der Ottonen im Hinblick auf die Regelungen der Beziehungen zum piastischen Herrschaftsverband bestätigt sich aufgrund dieses Vorfalls also nicht. Schon 986 wendet sich Mieszko aber wiederum den Ottonen zu und lässt damit das Bündnis mit Heinrich dem Zänker obsolet werden. Zwar unterwirft sich der Zänker in Frankfurt 985 dem jungen Otto III. durch den Akt einer deditio und legt damit alle Ambitionen auf den Thron ab.246 Allerdings ist hierin m. E. nicht der primäre Grund zu suchen, warum Mieszko eine völlige Kehrtwende in der politischen Gestaltung seines Verhältnisses zum Reich und Otto III. vollzogen hat. Als Katalysator dafür fungierte vielmehr der Konflikt mit einem weiteren Partner der conspiratio gegen Otto II. und der Oppositon gegen Otto III., nämlich mit Boleslav II. von Böhmen. Durch die merkliche Abkühlung der Beziehungen zwischen den Piasten und den Přemysliden nach dem Tode der böhmischen Gemahlin Mieszkos, Dobrawa, stehen beide Seiten in immer schärferem Gegensatz zueinander. Auslöser für erste Konflikte ist der Kampf um 242 Annales Altahenses, a. 974. 243 Vgl. Kapitel 5.2, S. 25. 244 Vgl. Ludat, Ernst, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 74. 245 Siehe dazu Kapitel 5.2. 246 Annales Quedlinburgenses, a. 985. Vgl. zu diesem Ereignis auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 160; ders., Otto III., S. 45f.; siehe S. 27 dieser Arbeit. 85 die Mark Meißen, auf die Mieszko aufgrund der Heirat seines Sohnes Bolesław mit der Tochter des dortigen Markgrafen Rikdag Anspruch erhebt. Boleslav II. kann Meißen bereits im Juni 984 besetzen, wobei Heinrich der Zänker dabei anwesend ist und offenbar die Einnahme der Burg Meißen durch den Böhmen sogar billigt.247 Das Bündnis zwischen Mieszko, Boleslav und Heinrich dem Zänker, welches 974 gegen Otto II. geschlossen wurde und 984 durch die Huldigung gegenüber Heinrich erneuert wurde, verliert mithin bereits wenige Monate später durch den piastisch-böhmischen Gegensatz seine realpolitische Relevanz, ja man kann von einer Art Erosion des Bündnisses seit dem Juni 984 sprechen. Aufgrund der diplomatischen Entfernung von der Opposition und vor allem von Boleslav von Böhmen ändert Mieszko seine politische Strategie: Er wendet sich neuerlich den Ottonen zu und erkennt Otto III. auf dem Reichstag von Quedlinburg 986 als König an. 248 Zwar huldigen auch Heinrich der Zänker und Boleslav von Böhmen dem jungen König, indessen scheint das Verhältnis Mieszkos zu Otto enger zu sein als das Boleslavs von Böhmen. Sowohl Thietmar als auch die Magdeburger Annalen berichten übereinstimmend, Mieszko habe Otto ein Kamel als Geschenk dargebracht und an zwei Kriegszügen Ottos gegen heidnische Slawen (wahrschneinlich gegen die Liutizen) teilgenommen.249 Das Schenken des Kamels ist dabei durchaus mit den symbolischen Gesten bei der Durchführung von Herrschertreffen zu harmonisieren, denn der Rangniedere beschenkt den Ranghöheren bekanntlich mit wenigen, aber mitunter exotischen Gütern.250 Aufgrund dieser Geste und der Teilnahme Mieszkos an den Kriegszügen Ottos ist davon auszugehen, dass Mieszko seit 986 in ein vasallitisches Verhältnis zu Otto III. getreten ist. Überdies lassen sich noch weitere Anhaltspunkte ins Feld führen, die auf ein Lehnsverhältnis hindeuten: Im offenen Kampf mit 247 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 5, S. 136f.: Post haec Heinricus Bolizlavum, ducem Boemiorum, in cunctis suimet necessitatibus semper paratum, cum suis adiit honorifique ab eo succeptus cum exercitu eiusdem a finibus suis per Niseni et Deeminci coagus usque ac Modelini ducitur. Deindeque cum nostris obviam sibi pergentibus ad Medeburun proficiscitur. Wagio ver miles Bolizlavi, ducis Boemiorum, qui Heinricum cum exercitu comitatur, cum ad Misni redeundo perveniret, cum habitatoribus eiusdem pauca locatus Frithericum, Rigdagi marchionis tunc in Merseburg commitantis amicum et satellitem, ad aecclesiam extra urbem positam venire ac cum eo loqui per internuntium postulat. Hic ut egreditur, porta post eum clauditur, et Ricdagus, eiusdem civitatis custos et inclitus miles, iuxta fluvum, qui Tribisa dicitur, ab his dolose occiditur. Urbs autem predicta Bolizlavi mox presidio munita eundem cito dominum et habitatorem succepit. 248 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 9, S. 141: Celebrata est proxima paschalis sollemnitas in Quidelingeburg a rege, ubi quattuor mininstrabant duces, Heinricus ad mensam, Conrad ad cameram, Hecil ad cellarium, Bernhardus equis perfuit. Huc etiam Bolizlavus et Miesco cum suis conveniunt omnibusque rite peractis muneribus locopletati discesserunt. In diebus illis Miseco semet ipsum regi dedit et cum muneribus camelum ei presentavit et duas expediciones cum eum fecit.; vgl. Kapitel 5.3.2, S. 30f. 249 Annales Magdeburgenses, a. 986. 250 Siehe Kapitel 4.2 der Arbeit. 86 Boleslav II. um Schlesien und Kleinpolen erbittet Mieszko Hilfe von der Kaiserin Theophanu, die diese auch gewährt251 – eine solche Hilfe kann aber nur einem Lehnsmann gewährt worden sein, da zwischen Lehnsherr und Vasall bekanntlich ein reziprokes Verhältnis von Rat und Hilfe besteht.252 Zum anderen wird Mieszko in den Fuldaer Totenannalen als ‚marchio’ bezeichnet, womit wahrscheinlich der Titel ‚Markgraf’ gemeint ist.253 Weder die Anforderung von Truppen noch die Erwähnung in den Totenannalen als Markgraf würden Sinn ergeben, wenn Mieszko von den Zeitgenossen nicht als Lehnsmann des Reiches, nämlich König Ottos III. bzw. der Kaiserin gesehen worden wäre. Wie stabil die Lehnsbeziehung zum Reich seit 986 gewesen sein muss, macht schließlich der Konflikt des Piasten mit Böhmen 990 klar: Obwohl Mieszko durch nachweislich expansionistische Eigenbestrebungen im Raum Schlesien Kräfte des Reiches bindet und dabei als Lehnsmann des Reiches auftritt,254 nehmen die Beziehungen zu Theophanu und Otto III. dennoch keinen Schaden. Auf dem Reichstag von Quedlinburg 991 erscheint Mieszko als Lehnsmann und kehrt ‚reich beschenkt’ nach Hause zurück. 255 Diese Geste ist nur so zu interpretieren, dass der Piast nach wie vor als treuer Gefolgsmann der Ottonen geehrt wird. Ganz ins Bild passt daher auch die für das Jahr 991 erwähnte Teilnahme Mieszkos am Kriegszug gegen die Brandenburg – auch hier erscheint er als getreuer Lehnsmann der Ottonen.256 An diesem Treueverhältnis wird sich auch nach 991 bis zu seinem Tode 992 nichts mehr geändert haben, und darüber hinaus kann man davon ausgehen, dass Mieszko seinem Nachfolger Bolesław – trotz der Tatsache, dass dieser die Herrschaft usurpiert hat – einen innenpolitisch stabilisierten und außenpolitisch eng mit dem Reich verbundenen polnischen Herrschaftsverband hinterlassen hat. In der Rückschau stellen sich die piastisch-ottonischen Beziehungen zwischen 963 und 992 schließlich als recht wechselvoll dar: Beginnend mit der der tributären Abhängigkeit 963, der Freundschaft Ottos und Mieszkos seit (vermutlich) 966, der Entfremdung seit 973 und der Huldigung gegenüber dem Zänker 984 bis hin zur Schaffung eines Lehnsverhältnis zwischen Mieszko und Otto III. bzw. Theophanu 986, lässt sich lediglich eine wichtige Konstante erkennen: Die Einbindung des polnischen Herrschers in die personellen Grup- 251 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Eo tempore Miseco et Bolizlavus inter se dissonantes multum sibi inviem nocuerunt. Bolizlavus Liuticios suis parentibus et sibi semper fideles in auxilium sui invitat; Miseco autem predictae imperatricis adiutorium postulat. 252 Vgl. hierzu z. B. Mitteis, Heinrich, Lehnrecht und Staatsgewalt; Ganshof, François-Louis, Was ist das Lehnswesen? 253 Vgl. Annales Fuldenses sive annales regnum Francorum orientalis, a. 992; dazu auch: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 254 Siehe Kapitel 5.3.4, S. 38f. 255 Annales Magdeburgenses, a. 991; in ähnlicher Weise auch der Annalista Saxo, a. 991. 256 Vgl. Annales Hildesheimenses, a. 991; Annalista Saxo, a. 991. 87 pengeflechte des Hochadels, wodurch Mieszko als ehemals heidnischer Slawenfürst sukzessive zu einem integrierten Akteur der Politik im Reich wurde. > # $ 6 7 0 Ähnlich wechselvoll gestaltet sich auch das Verhältnis Mieszkos zu den Großen des Reiches. Die erste Phase personaler Kontakte in dieser Richtung ist durch Konflikte geprägt, denn Mieszko steht wie erwähnt zunächst mit dem Billunger Wichmann im Kampf.257 Schon in dieser Phase versucht Mieszko eine Anbindung zum Reich zu schaffen, doch diese wird nicht über dynastische Bindungen an die deutschen Großen, sondern über die Heirat mit Dobrawa erreicht. Die Heirat mit der Přemyslidin als Mittel der Christianisierung Polens aber zeugt von den immensen Vorteilen, die die Bildung personaler Netzwerke durch ‚gemachte’ Verwandtschaften haben konnte:258 Neben dem Effekt der Christianisierung erweist sich die Ehe mit Dobrawa 966 auch deshalb als vorteilhaft, da so diplomatische Beziehungen zu den Böhmen geknüpft werden konnten. Gleichwohl gestalten sich die Beziehungen Mieszkos zum Reichsadel zu Anfang der 970er Jahre immer noch problematisch. Im Kampf mit Hodo entscheidet Otto der Große ja bekanntlich zugunsten des Markgrafen. Die sächsischpiastischen Beziehungen sind dementprechend nach wie vor durch Spannungen und mitunter durch offene Auseinandersetzungen gekennzeichnet.259 Erst die Heirat mit der Tochter des Markgrafen Dietrich führt eine diplomatische Wende herbei. Auch an dieser Stelle wissen die Historiographen des Mittelalters die politischen Ziele der Vermählung adäquat einzuschätzen, Thietmar berichtet etwa, man habe die Ehe aus der Absicht heraus geschlossen, ‚Frieden zu schlie- ßen.’260 Zwar ist diese Bemerkung nicht mit völliger Sicherheit mit den Konflikten gegen Markgraf Hodo in Verbindung zu bringen, doch folgten wir oben schon der Ansicht Ludats, dass dies durchaus wahrscheinlich ist.261 Doch selbst, wenn man die politischen Beweggründe der Heirat außer Acht lässt, ändert dies nichts an der künftigen Bedeutung des Ehebündnisses für die piastischsächsischen Beziehungen. Mit dieser im Jahr 977 geschlossenen Ehe ändert sich offenbar die politische Strategie Mieszkos, der nunmehr eine Abwendung von 257 Siehe Kapitel 6.1 dieser Arbeit. 258 Vgl. dazu: Wielers, Margret, Zwischenstaatliche Beziehungsformen im frühen Mittelalter. 259 Siehe Kapitel 6.2 dieser Arbeit. 260 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 195: Sed cum mater eiusdem obiret unam sanctimonialem de monasterio, quod Calva dicitur, Thiederici marchionis filiam, absque canonica auctoritate duxit. Oda fuit nomen eius, et magna erat presumptio illius. Spreverat enim sponsum caelestem, preponens ei virum militarem, quod cunctis aecclesiae rectoribus […] displicuit. Sed propter salutem patriae et corrboracionem pacis necessariae non venit hoc ad discidium, sed reconciliacionis continuae remedium salubre. Namque ab ea Christi servitus omnis augebatur, capticorum multitudo ad patriam reducitur, vinctis catena solvitur, reisque carcer aperitur […]. 261 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 41. 88 den Přemysliden vollzieht und sich mehr dem sächsischen Adel und damit dem Reich zuwendet, womit die zweite Phase der piastisch-sächsischen Beziehungen eingeleitet wird. Wo zunächst noch Konflikte die politische Interaktion der Markgrafen und des Piasten dominierten, ist es nun nach der gütlichen Beilegung der Konflikte eine Zusammenarbeit aufgrund dynastischer Bande. In diese Strategie gehört wohl auch die Heirat Bolesławs Chrobry mit Rikdags Tochter, um die polnischen Ansprüche auf Meißen zu sichern. Dass schließlich nach dem Tode Dobrawas Spannungen zwischen Böhmen und Polen auftraten und 984 zum Ausbruch kamen, bekräftigte freilich die konsequente Abkehr Mieszkos von den Přemysliden und die Hinwendung zum Reich: Das ehemals stabile böhmisch-polnische Bündnis war spätestens Mitte 984 gebrochen und schlug in offenen Konflikt um. Zwar wird man vorsichtig sein müssen, eine generelle Abkehr Mieszkos von den Slawen bereits 977 anzunehmen – so heiratet Bolesław Chrobry ja z. B. nach dem Kampf um Meißen und der Scheidung der Ehe mit Rikdags Tochter eine arpadische Prinzessin262 –, gleichwohl weisen die neu geknüpften dynastischen Beziehungen zwischen Mieszko und den Sachsen durchaus auf eine stärkere Anbindung an das Reich hin. Da der Pole zu diesem Zeitpunkt (982) noch mit den Ottonen verfeindet war, suchte er nun wohl eine Anbindung an das Reich auf anderem Wege und auf anderer Ebene, nämlich über Heiratsverbindungen mit den Großen. Die Rückschläge, die auch Mieszko im Kontext dieser notwendigerweise auf dynastische und personale Anbindungen an den Reichsadel ausgerichteten Strategie hinnehmen musste, machen klar, dass prospektive Pläne nicht immer leicht im Spannungsfeld mittelalterlicher Politik umzusetzen waren: Das Bündnis mit Heinrich dem Zänker zerbricht wegen des Konflikts mit Boleslav II. und wird nach 985 auch formell gegenstandlos, und die Ehe Bolesławs Chrobry mit Rikdags Tochter wird wegen des Konflikts um Meißen wieder geschieden. Lediglich die Anbindung an die Sachsen durch das Ehebündnis mit Oda von Haldensleben scheint von größerer Bindungskraft gewesen zu sein, denn schließlich ist im Regest ‚Dagome Iudex’ nachzuweisen, dass die Söhne Mieszkos sächsischer Abkunft, Mieszko der Jüngere und Lambert, und nicht Bolesław für die Nachfolge vorgesehen waren.263 Damit lässt sich das ‚Dagome Iudex’ wohl auch als Indiz dafür ansehen, dass Mieszko um 990 nun doch eine völlige Abkehr von jeglichen politisch relevanten Bindungen an die Slawen vollzogen hat. Diese Abkehr von den slawischen Bindungen scheint zwar Mitte der 980er Jahre wie gesagt noch nicht konsequent verfolgt worden zu sein, da Bolesław Chrobry nach dem Konflikt um Meißen 984 noch eine Arpadin heiratete. 987 wurde aber auch diese Ehe geschieden, damit Bolesław Emnildis, die Tochter 262 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 197: Duxit hic Rigdagi marchionis filiam, postmodum dimittens eam, et tunc ab Ungaria sumpsit uxorem […]. 263 Siehe Kapitel 5.3.3. 89 des slawischen Fürsten Dobromir, ehelichen konnte.264 Emnildis muss aber aus einer Ehe Dobromirs mit einer Sächsin entstammen, denn Thietmar nennt zum einen Dobromir einen ‚venerabile senior’, was darauf schließen lässt, dass er Christ war, und zum anderen ist der Name ‚Emnildis’ offenbar sächsicher Herkunft, wie man durch onomastische Untersuchungen belegen konnte.265 Zu diesem Zeitpunkt muss die Abwendung von den slawischen Dynastien und die Hinwendung zum Reich und den Markgrafen als politistische Strategie voll entwickelt gewesen sein. Schließlich lässt die Formulierung des ‚Dagome Iudex’ keinen Zweifel daran, dass die Annäherung zum Reich durch den Ausschluss dynastischer Bindungen an die Slawen 990 vollendet werden sollte. Dass dabei Bolesław als Thronfolger ausgeschlossen werden sollte, muss die prinzipielle Absicht, durch seine Heirat mit Emnildis eine stärkere Anbindung an die Marken zu erreichen, nicht konterkarieren. Denn nur durch die Tatsache, dass Bolesław sich dieser Strategie nicht fügen wollte, wurde diese zum Scheitern gebracht. Hätte er jedoch die Politik seines Vaters mitgetragen, ergibt sich ein ganz kohärentes Bild der Hinwendung zum Reich auf Ebene des ottonischen Königtums, der Meißener Ekkehardiner und der anderen Herrschaftsträger der Ostmarken. Parallel dazu tritt Mieszko auch als treuer Reichsfürst gegenüber Otto III. und Theophanu in Erscheinung, so dass man sowohl das Lehnsverhältnis zu den Ottonen, das Verwandtschaftsverhältnis zu den Sachsen und den Ausschluss Bolesławs von der Thronfolge aufgrund seiner böhmischen Herkunft gut miteinander harmonisieren kann. Alle diese Elemente dienen offenbar dem Ziel, den polnischen Herrschaftsverband im Sinne einer langfristig ausgerichteten Strategie der Konsolidierung an das Reich zu binden und damit umgekehrt die piastische Herrschaft zu sichern. Abschließend bleibt zwar darauf zu verweisen, dass möglicherweise die dynastisch-familiären Anbindungen an die Sachsen nicht immer in jeder Hinsicht von den Beteiligten positiv eingeschätzt worden sein mögen – so werden die Sachsen z. B. nur ungern an den Kämpfen gegen Böhmen 990 teilgenommen haben266 – doch ändert dies prinzipiell nichts daran, dass Mieszko seit 977 den Weg verwandtschaftlicher Beziehungen als politisches Mittel der eigenen Herrschaftssicherung und der Anbindung an das Reich als politische Strategie verfolgte und seit 986/987 darüber hinaus die Abkehr von entsprechenden slawisch orientierten Bindungen betrieb. Es sei aber davor gewarnt, diesen anhand der Maßnahmen Mieszkos eindeutig belegbaren Befund einer Abkehr von den Slawen als Indiz der Überlegenheit des Reiches zu werten: 264 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 197: Tercia fuit Emnildis, edita a venerabili seniore Dobremiro, quae Christo fidelis ad omne bonum instabilem coniugis sui mentem declinavit et immensa elemosinarum largitate et abstinentia utriusque maculas abluere non destitit. Vgl. dazu auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 48, S. 48f. 265 Vgl. zu diesem Themenkomplex: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 24f. 266 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 253, S . 61f.; siehe dazu auch S. 33f. der vorliegenen Arbeit. 90 Als wesentliches Agens der Politik Mieszkos wird man vielmehr die Absicht zu identifizieren haben, die eigene Herrschaft langfristig zu sichern – die Wahl der politischen Partner ist daher wohl mehr eine Frage politischer Pragmatik und der Eröffnung entsprechender Möglichkeiten im Rahmen des Herrschaftsverbandes als nationaler oder gentiler Präferenzen. 91 A % @ G $ D H Wie in den einleitenden Kapiteln dieser Arbeit bereits hervorgehoben, war die Herrschaft der Ottonenzeit wesentlich durch die Bildung personaler Netzwerke gekennzeichnet, daher wurden die deutsch-polnischen Beziehungen vornehmlich vor diesem Hintergrund untersucht.267 In diesem Kontext war auch anzumerken, dass prospektiv ausgelegte politische Absichten in vormodernen Gesellschaften nur selten als Handlungsmaßstab fungieren können, an dem sich in den Quellen greifbare Maßnahmen der Herrschaftsakteure messen lassen. Es fragt sich allerdings, wie die Feststellung, dass Herrschaft im Personenverband kaum auf langfristige Planung ausgelegt sein kann, mit dem Paradigma des als ‚Staatsgründer’ agierenden Mieszko zusammengehen kann, denn ein solches Verdikt würde eine entspechend langfristig und differenziert geplante Politik nötig machen. Auf ottonischer Seite war immerhin festzuhalten, dass eine langfristige Planung, die Slawen in das Reich zu inkorporieren, wohl nicht vorhanden war.268 Als gültiges Paradigma kann man allerdings gelten lassen, dass Mieszko den Stamm der Polanen zu einem Herrschaftsverband vereinte, so legt der Bericht des Ibrahim ibn Ya’qub auch nahe, dass der Piast Steuern erhob und Krieger in seinen Diensten stehen hatte, die er mit entsprechener Ausrüstung versah.269 Ein weiterer Aspekt, der ebenfalls auf die innenpolitische Konsolidierung des Herrschaftsverbandes unter Mieszko hinweist, ist die Anlage von Burgen.270 Nicht nur, dass diese in ihrer Anlage architektonisch anspruchvoller und militärisch stärker befestigt wurden, sondern auch, dass sie zunehmend als Zentren der Administration funktionierten, deutet darauf hin, dass in der Mitte des 10. Jahrhunderts ein 267 Siehe Kapitel 2. 268 So z. B. Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 278f. 269 Ibrahim ibn Ya’qub, Reise von Magdeburg nach Prag, in: Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert, übers. von Georg Jacob, Berlin/Leipzig 1927. 270 Vgl. Kara, Michał, Anfänge der Bildung des Piastenstaates im Lichte neuer archäologischer Ermittlungen, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 57-85. 92 ernst zu nehmender Wandel im polnischen Herrschaftsraum vor sich ging.271 Es ist daher in innenpolitischer Hinsicht naheliegend, Mieszko als Gründer des polnischen Fürstenstaates zu titulieren, wie es auch schon früher in der Forschung geschehen ist.272 Da nun aber die Ausgestaltung deutsch-polnischer Beziehungen über die Bindung personaler Netzwerke und genealogischdynastischer Verflechtungen stattfand, wird man die Frage zulassen müssen, welchen Charakter diese Beziehungen vor dem Hintergrund der Stellung Mieszkos I. als Staatengründer hatten, oder, um es pointierter zu formulieren: Konnte Mieszko I. seine Qualitäten als Gründer des polnischen Herrschaftsverbandes auch in den politischen Beziehungen zum Reich umsetzen, obwohl die Funktionsweise ottonischer Politik prospektiv angelegte, langfristige Strategien kaum zulässt? Sucht man nach einer Antwort auf diese Frage beim Gallus Anonymus würde eine unversehens bejahende Antwort sicher leicht fallen. Er berichtet nämlich in folgender Weise von der Herkunft und dem ‚Schicksal’ Mieszkos: „Dieser Ziemomsyl aber zeugte den großen und denkwürdigen Mieszko, der zunächst anders hier und von seiner Geburt an blind war. Als aber der siebente Jahrestag seiner Geburt wiederkehrte, rief der Vater des Knaben nach gewohnter Sitte die Versammlung des Gefolges und seiner anderen Fürsten zusammen und feierte ein üppiges Festmahl und nur im stillen seufzte er während des Mahles aus tiefer Brust wegen der Blindheit des Knaben, weil er fast nur an den Schmerz und die Schande dachte. Während andere jauchzten und nach dem Brauch in die Hände klatschten, machte eine zweite Freude jede andere vollkommen: die nämlich anzeigte, dass der blinde Knabe das Sehen erlangt hatte. […] Jetzt erst war die Freude für alle vollkommen, als der Knabe diejenigen, die er niemals gesehen hatte, erkannte und die Schande seiner Blindheit in unentwirrbare Freude verwandelte. Da erkundigte sich Fürst Ziemomsyl bei den anwesenden Ältesten und Weisen sorgfältig, ob durch die Blindheit und Erleuchtung des Knaben etwas Zeichenhaftes angezeigt werde. Sie aber erklärten, durch die Blindheit werde bezeichnet, dass Polen vorher so gewesen sei, nämlich gleichsam blind, dass es aber, so weissagten sie, in Zukunft durch Mieszko erleuchtet und über die Nachbarvölker erhöht werden solle. Und so war es auch wirklich […].“273 Ange- 271 Vgl. dazu: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 186f. 272 Siehe dazu Kapitel 2. 273 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 4: Hic autem Semimizl magnum et memorandum Meschonem progenuit, qui primis nomine vocatus alio, septem annis a nativitate caecus fuit. Septimo vero recurrente nativitatis eius anniversario, pater pueri, more solito convocata comitum aliorumque suorum principum concione, copiosam epulationem et sollempnem celebrabat, et tantum inter epulas prae caecitate pueri, quasi doloris sed verecundiae memor, latenter ab imo pectore suspirabat. Aliis equidem exultantibus et palmis ex consuetudine plaudentibus, laetitia alia aliam cumulavit, quae visum recepisse caecum puerum indicavit. [...] Tunc demum cunctis laetitia plena fuit, cum puer illos quos nunquam viderat recognovit, suaeque caecitatis ignominiam in gaudium inextricabile commutavit. Tunc Semimizl dux seniores et discretiores qui aderant subtiliter 93 sichts solcher Beschreibungen nimmt es kaum Wunder, wenn man Mieszko oftmals als Lichtgestalt der polnischen Staatengründung charakterisiert sieht, denn der Gallus Anonymus lässt ihn ja geradazu als prädestiniert für die Erhebung Polens über die umliegenden Völker erscheinen. Welche Aussagen lassen sich aber nun aus den obigen Befunden zu den deutsch-polnischen Beziehungen zu den Fähigkeiten Mieszkos als Fürst der Polen ableiten? Zunächst einmal ist festzustellen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen anfänglich im Zeichen militärischer und politischer Überlegenheit des Reiches standen. Mieszko wird nämlich genau wie die anderen Fürsten der dem Reich benachbarten Slawenvölker behandelt und reiht sich demgemäß mit seinem Herrschaftsverband in die Reihe der Tributzahler ein. Der Übertritt zum Christentum 966 eröffnet dem Piasten aber völlig neue Möglichkeiten der Gestaltung seiner Herrschaft. Der Gallus Anonymus ist sich der Wichtigkeit der Christianisierung auch wohlbewusst, denn er lässt die von Fürst Ziemomysl um Rat gebetenen Seher die Blindheit und Erleuchtung des jungen Mieszko auch noch in anderer Weise deuten: „[…] aber trotzdem konnte man es auch anders deuten. Polen war in Wahrheit vorher blind, das weder die Verehrung des wahren Gottes, noch die Lehre des Glaubens kennen lernte, aber durch Mieszkos Erleuchtung wurde es auch selbst erleuchtet, weil das polnische Volk dadurch, dass es glaubte, dem Tod des Unglaubens entrissen worden ist.“274 In der Tat erweist sich der Charakter der Beziehungen Mieszkos I. zum Reich nach 966 als fundamental verändert, denn nun wird er ‚amicus imperatoris’ und beginnt an den personalen Netzwerken des Reiches zu partizipieren. Sowohl in Friedens- als auch Konfliktzeiten tragen die Interaktionen Mieszkos mit den Großen des Reiches die typischen Züge der Funktionsmechanismen des ottonischen ‚Personenverbandsstaates’. Mieszko befehdet sich z. B. mit Hodo und erscheint daher nicht auf dem Reichstag in Quedlinburg 973 als Zeichen drohender Eskalation. An anderer Stelle gibt es Zeichen dafür, dass in Konflikten mit Mieszko solche Maßnahmen der Konfliktbeilegung, die für den ottonischen Herrschaftsverband üblich sind, nämlich die Unterwerfung, als möglich und angemessen erachtet wurden: Wichmann bietet immerhin eine Unterwerfung kurz vor seinem Tode an. Aber auch die Teilhabe Mieszkos an der Verschwörung Heinrichs des Zänkers macht klar, dass die Interaktionen zwischen dem Reich und dem Piasten nicht auf staatlicher Ebene funktionieren. Vielmehr ist der Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen im 10. Jahrundert vollauf von den Eigenheiten sciscitatur, si quid prodigii per caecitatem et illuminationem pueri designatur. Ipsi vero per caecitatem Poloniam sic antea fuisse quasi ceacam indicabant, sed de cetero per Meschonem illuminandam et exaltandam super nationes contiguas prophetisabant. Quia se iter habuit [...]. 274 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 4: […] et aliter tamen interpretatur potuti. Vere Polonia caeca prius erat, quae nec culturam veri Dei nec doctrinam fidei cognoscebat, sed per Meschonem illuminatum est et ipsa illuminata, quod eo credente Colonica gens de morte infidelitatis est exempta. 94 vormoderner Politik geprägt: Es sind in erster Linie Akteure und Gruppengeflechte, die untereinander in Kontakt treten, aber diese Kontakte auch aufgeben oder brechen. Mieszko ist daher seit seiner Christianisierung als Akteur des Personenverbandes des Reiches zu sehen, dem es vornehmlich um die Sicherung der eigenen Herrschaft ging, und nicht als Repräsentant oder gar ‚Außenpolitiker’ eines polnischen Staates. Von derartigen Idealvorstellungen sollte sich also besonders die polnische Mediävistik befreien. In Anbetracht dieser Bemerkungen bleibt abschließend die Frage zu klären, ob Mieszko trotz der Defizite vormoderner Herrschaftspraxis und Diplomatie in der Lage war, prospektive Politik im Sinne der Sicherung seines soeben geschaffennen Herrschaftsverbandes zu betreiben. Angesichts der Befunde der vorliegenden Untersuchung möchte ich diese Frage deutlich bejahen. Es ist zwar klar, dass Mieszko immer wieder Hemmnisse entgegenstanden, kohärente politische Strategien im Kräftefeld der Reichspolitik zu realisieren, so z. B. der Bruch mit Heinrich dem Zänker und Boleslav von Böhmen, die Scheidung der Ehe seines Sohnes mit Rikdag oder der Tod seiner Gemahlin Dobrawa. Dennoch lassen alle Aktionen Mieszkos trotz der Gegebenheiten vormoderner Herrschaft deutliche Charakteristika einer politischen Strategie erkennen, nämlich dergestalt, den innenpolitisch gefestigten polnischen ‚Fürstenstaat’ auch gegenüber den benachbarten Kräften, und damit vor allem den dortigen Herrschaftsakteuren, zu sichern, um die eigene Position zu stärken: Die Heirat mit Oda, der Treueschwur gegenüber Otto III. 986 oder die Bestimmungen des ‚Dagome Iudex’ sind als direkte Folgen dieser politischen Strategie zu charakterisieren. Daher erscheint der Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen auch in einem recht klaren Licht: Mieszko I. war zwar Teil des Herrschaftsverbandes des Reiches und musste mit den dort vorgefundenen Funktionsweisen vormoderner Herrschaft operieren, doch trotz gewisser Rückschläge und Einschränkungen vermochte er eine langfristig erfolgreiche Strategie zu verfolgen und bis zu seinem Tode 992 zu realisieren. Dass diese Strategie aber wesentlich an die Person Mieszkos gebunden war, beweist der Ausgang der Ereignisse nach seinem Tode: Mit einem Schlag führt Bolesław Chrobry sie nämlich obsolet, da er und nicht seine Brüder die Herrschaft antreten. Doch übernahm er die Regentschaft in einem innen- und außenpolitisch weitgehend gefestigten Herrschaftsverband – und diese Festigung ist wesentlich dem politischen Weitblick Mieszkos zu verdanken. Daher war es Bolesław auch möglich, einerseits die guten Beziehungen zum ottonischen Kaiserhaus, aber auch zu den Sachsen und den Ekkehardinern weiter zu verfolgen bzw. zu intensivieren. Trotz all dieser Bemerkungen sollte man dennoch den polnischen Herrschaftsverband nicht mit einem Staat vergleichen. Denn immerhin sind es primär die Akteure selbst und ihr Prestige, ihre Verdienste sowie ihr Ansehen bei den Standesgenossen und weniger vorgefundene adiministrative Strukturen oder die Einbindung von Herrschaftsträgern in bestimmte Ämter, die die Umsetzung politischer Prinzipien im Mittelalter ermöglichen. Ein abschließender Blick auf 95 die Herrschaftszeit Bolesławs Chrobry mag diesen letzten Gedanken illustrieren: Obgleich Polen als konsolidierter Fürstenstaat da steht, sind es immer noch die persönlichen Beziehungen des Piasten zu den ottonischen Königen, die das diplomatische Klima zwischen dem Reich und Polen bestimmen: Während Bolesław nämlich noch mit Otto III. in Gnesen im Jahr 1000 ein Freundschaftsbündnis eingeht,275 befehdet er sich nur zwei Jahre später mit Heinrich II. in den so genannten ‚Polenkriegen’, jedoch nicht, weil es um Interessen nationaler Vorherrschaft geht, sondern weil Bolesław Heinrich persönlich dafür verantwortlich macht, dass er beim Reichstag von Merseburg überfallen wurde und dabei beinahe getötet worden wäre.276 Angesichts der Prägekraft personaler Beziehungen im Mittelalter erscheint es schließlich nicht verfehlt, die Leistungen Mieszkos I. als außergewöhnlich einzuschätzen. Ob man ihn deswegen mit dem Beinamen ‚der Große’ versehen sollte, so wie es Jerzy Strzelczyk vorschlägt, bleibt zwar aus der Sicht des objektiv urteilenden Historikers fraglich, erscheint aber angesichts der politischen Zielstrebigkeit, die er immer wieder im Spannungsfeld personal geprägter Reichspolitik unter Beweis stellte, nicht ganz unbegründet. 275 Davon geht z. B. Verena Epp aus: Rituale frühmittelalterlicher ‚amicitia’, in: Althoff, Gerd (Hrsg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (VuF, 51), Stuttgart 2001, S. 11-24, hier S. 20; die Ansichten Johannes Frieds, Bolesław sei durch Otto III. zum König gekrönt worden, lehne ich dezidiert ab: Fried, Johannes, Otto III. und Boleslaw Chrobry. Das Widmungsbild des Aachener Evangeliars, der „Akt von Gnesen“ und das frühe polnische und ungarische Königtum, Stuttgart 22001. 276 Vgl. zur Nachwahl Heinrichs II. in Merseburg 1002 und den insegesamt konfliktreichen Ereignissen um die Nachfolge: Schneidmüller, Bernd, Neues über einen alten Kaiser? Heinrich II. in der Perspektive der modernen Forschung, in: Berichte des Historischen Vereins Bamberg 133 (1997), S. 13-41; Weinfurter, Stefan, Der Anspruch Heinrichs II. auf die Königsherrschaft 1002, in: Dahlhaus, Joachim (Hrsg.), Papstgeschichte und Landesgeschichte. Festschrift für Hermann Jakobs zum 65. Geburtstag (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, 39), Köln 1995, S. 121-134; Schneider, Reinhard, Die Königserhebung Heinrichs im Jahre 1002, in: DA 28 (1972), S. 74-104. 97 ; * I ; * Adalbold von Utrecht, Vita Heinrici II imperatoris, ed. Georg Waitz, in: MGH SS 4, Hannover 1841 (ND 1963), S. 679-695. Annales Altahenses maiores ad annum 1044, ed. 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Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.

References

Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.