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8 Schluss: Zum Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen im10. Jahrhundert in:

Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde, page 91 - 96

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406-91

Tectum, Baden-Baden
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91 A % @ G $ D H Wie in den einleitenden Kapiteln dieser Arbeit bereits hervorgehoben, war die Herrschaft der Ottonenzeit wesentlich durch die Bildung personaler Netzwerke gekennzeichnet, daher wurden die deutsch-polnischen Beziehungen vornehmlich vor diesem Hintergrund untersucht.267 In diesem Kontext war auch anzumerken, dass prospektiv ausgelegte politische Absichten in vormodernen Gesellschaften nur selten als Handlungsmaßstab fungieren können, an dem sich in den Quellen greifbare Maßnahmen der Herrschaftsakteure messen lassen. Es fragt sich allerdings, wie die Feststellung, dass Herrschaft im Personenverband kaum auf langfristige Planung ausgelegt sein kann, mit dem Paradigma des als ‚Staatsgründer’ agierenden Mieszko zusammengehen kann, denn ein solches Verdikt würde eine entspechend langfristig und differenziert geplante Politik nötig machen. Auf ottonischer Seite war immerhin festzuhalten, dass eine langfristige Planung, die Slawen in das Reich zu inkorporieren, wohl nicht vorhanden war.268 Als gültiges Paradigma kann man allerdings gelten lassen, dass Mieszko den Stamm der Polanen zu einem Herrschaftsverband vereinte, so legt der Bericht des Ibrahim ibn Ya’qub auch nahe, dass der Piast Steuern erhob und Krieger in seinen Diensten stehen hatte, die er mit entsprechener Ausrüstung versah.269 Ein weiterer Aspekt, der ebenfalls auf die innenpolitische Konsolidierung des Herrschaftsverbandes unter Mieszko hinweist, ist die Anlage von Burgen.270 Nicht nur, dass diese in ihrer Anlage architektonisch anspruchvoller und militärisch stärker befestigt wurden, sondern auch, dass sie zunehmend als Zentren der Administration funktionierten, deutet darauf hin, dass in der Mitte des 10. Jahrhunderts ein 267 Siehe Kapitel 2. 268 So z. B. Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 278f. 269 Ibrahim ibn Ya’qub, Reise von Magdeburg nach Prag, in: Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert, übers. von Georg Jacob, Berlin/Leipzig 1927. 270 Vgl. Kara, Michał, Anfänge der Bildung des Piastenstaates im Lichte neuer archäologischer Ermittlungen, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 57-85. 92 ernst zu nehmender Wandel im polnischen Herrschaftsraum vor sich ging.271 Es ist daher in innenpolitischer Hinsicht naheliegend, Mieszko als Gründer des polnischen Fürstenstaates zu titulieren, wie es auch schon früher in der Forschung geschehen ist.272 Da nun aber die Ausgestaltung deutsch-polnischer Beziehungen über die Bindung personaler Netzwerke und genealogischdynastischer Verflechtungen stattfand, wird man die Frage zulassen müssen, welchen Charakter diese Beziehungen vor dem Hintergrund der Stellung Mieszkos I. als Staatengründer hatten, oder, um es pointierter zu formulieren: Konnte Mieszko I. seine Qualitäten als Gründer des polnischen Herrschaftsverbandes auch in den politischen Beziehungen zum Reich umsetzen, obwohl die Funktionsweise ottonischer Politik prospektiv angelegte, langfristige Strategien kaum zulässt? Sucht man nach einer Antwort auf diese Frage beim Gallus Anonymus würde eine unversehens bejahende Antwort sicher leicht fallen. Er berichtet nämlich in folgender Weise von der Herkunft und dem ‚Schicksal’ Mieszkos: „Dieser Ziemomsyl aber zeugte den großen und denkwürdigen Mieszko, der zunächst anders hier und von seiner Geburt an blind war. Als aber der siebente Jahrestag seiner Geburt wiederkehrte, rief der Vater des Knaben nach gewohnter Sitte die Versammlung des Gefolges und seiner anderen Fürsten zusammen und feierte ein üppiges Festmahl und nur im stillen seufzte er während des Mahles aus tiefer Brust wegen der Blindheit des Knaben, weil er fast nur an den Schmerz und die Schande dachte. Während andere jauchzten und nach dem Brauch in die Hände klatschten, machte eine zweite Freude jede andere vollkommen: die nämlich anzeigte, dass der blinde Knabe das Sehen erlangt hatte. […] Jetzt erst war die Freude für alle vollkommen, als der Knabe diejenigen, die er niemals gesehen hatte, erkannte und die Schande seiner Blindheit in unentwirrbare Freude verwandelte. Da erkundigte sich Fürst Ziemomsyl bei den anwesenden Ältesten und Weisen sorgfältig, ob durch die Blindheit und Erleuchtung des Knaben etwas Zeichenhaftes angezeigt werde. Sie aber erklärten, durch die Blindheit werde bezeichnet, dass Polen vorher so gewesen sei, nämlich gleichsam blind, dass es aber, so weissagten sie, in Zukunft durch Mieszko erleuchtet und über die Nachbarvölker erhöht werden solle. Und so war es auch wirklich […].“273 Ange- 271 Vgl. dazu: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 186f. 272 Siehe dazu Kapitel 2. 273 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 4: Hic autem Semimizl magnum et memorandum Meschonem progenuit, qui primis nomine vocatus alio, septem annis a nativitate caecus fuit. Septimo vero recurrente nativitatis eius anniversario, pater pueri, more solito convocata comitum aliorumque suorum principum concione, copiosam epulationem et sollempnem celebrabat, et tantum inter epulas prae caecitate pueri, quasi doloris sed verecundiae memor, latenter ab imo pectore suspirabat. Aliis equidem exultantibus et palmis ex consuetudine plaudentibus, laetitia alia aliam cumulavit, quae visum recepisse caecum puerum indicavit. [...] Tunc demum cunctis laetitia plena fuit, cum puer illos quos nunquam viderat recognovit, suaeque caecitatis ignominiam in gaudium inextricabile commutavit. Tunc Semimizl dux seniores et discretiores qui aderant subtiliter 93 sichts solcher Beschreibungen nimmt es kaum Wunder, wenn man Mieszko oftmals als Lichtgestalt der polnischen Staatengründung charakterisiert sieht, denn der Gallus Anonymus lässt ihn ja geradazu als prädestiniert für die Erhebung Polens über die umliegenden Völker erscheinen. Welche Aussagen lassen sich aber nun aus den obigen Befunden zu den deutsch-polnischen Beziehungen zu den Fähigkeiten Mieszkos als Fürst der Polen ableiten? Zunächst einmal ist festzustellen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen anfänglich im Zeichen militärischer und politischer Überlegenheit des Reiches standen. Mieszko wird nämlich genau wie die anderen Fürsten der dem Reich benachbarten Slawenvölker behandelt und reiht sich demgemäß mit seinem Herrschaftsverband in die Reihe der Tributzahler ein. Der Übertritt zum Christentum 966 eröffnet dem Piasten aber völlig neue Möglichkeiten der Gestaltung seiner Herrschaft. Der Gallus Anonymus ist sich der Wichtigkeit der Christianisierung auch wohlbewusst, denn er lässt die von Fürst Ziemomysl um Rat gebetenen Seher die Blindheit und Erleuchtung des jungen Mieszko auch noch in anderer Weise deuten: „[…] aber trotzdem konnte man es auch anders deuten. Polen war in Wahrheit vorher blind, das weder die Verehrung des wahren Gottes, noch die Lehre des Glaubens kennen lernte, aber durch Mieszkos Erleuchtung wurde es auch selbst erleuchtet, weil das polnische Volk dadurch, dass es glaubte, dem Tod des Unglaubens entrissen worden ist.“274 In der Tat erweist sich der Charakter der Beziehungen Mieszkos I. zum Reich nach 966 als fundamental verändert, denn nun wird er ‚amicus imperatoris’ und beginnt an den personalen Netzwerken des Reiches zu partizipieren. Sowohl in Friedens- als auch Konfliktzeiten tragen die Interaktionen Mieszkos mit den Großen des Reiches die typischen Züge der Funktionsmechanismen des ottonischen ‚Personenverbandsstaates’. Mieszko befehdet sich z. B. mit Hodo und erscheint daher nicht auf dem Reichstag in Quedlinburg 973 als Zeichen drohender Eskalation. An anderer Stelle gibt es Zeichen dafür, dass in Konflikten mit Mieszko solche Maßnahmen der Konfliktbeilegung, die für den ottonischen Herrschaftsverband üblich sind, nämlich die Unterwerfung, als möglich und angemessen erachtet wurden: Wichmann bietet immerhin eine Unterwerfung kurz vor seinem Tode an. Aber auch die Teilhabe Mieszkos an der Verschwörung Heinrichs des Zänkers macht klar, dass die Interaktionen zwischen dem Reich und dem Piasten nicht auf staatlicher Ebene funktionieren. Vielmehr ist der Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen im 10. Jahrundert vollauf von den Eigenheiten sciscitatur, si quid prodigii per caecitatem et illuminationem pueri designatur. Ipsi vero per caecitatem Poloniam sic antea fuisse quasi ceacam indicabant, sed de cetero per Meschonem illuminandam et exaltandam super nationes contiguas prophetisabant. Quia se iter habuit [...]. 274 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 4: […] et aliter tamen interpretatur potuti. Vere Polonia caeca prius erat, quae nec culturam veri Dei nec doctrinam fidei cognoscebat, sed per Meschonem illuminatum est et ipsa illuminata, quod eo credente Colonica gens de morte infidelitatis est exempta. 94 vormoderner Politik geprägt: Es sind in erster Linie Akteure und Gruppengeflechte, die untereinander in Kontakt treten, aber diese Kontakte auch aufgeben oder brechen. Mieszko ist daher seit seiner Christianisierung als Akteur des Personenverbandes des Reiches zu sehen, dem es vornehmlich um die Sicherung der eigenen Herrschaft ging, und nicht als Repräsentant oder gar ‚Außenpolitiker’ eines polnischen Staates. Von derartigen Idealvorstellungen sollte sich also besonders die polnische Mediävistik befreien. In Anbetracht dieser Bemerkungen bleibt abschließend die Frage zu klären, ob Mieszko trotz der Defizite vormoderner Herrschaftspraxis und Diplomatie in der Lage war, prospektive Politik im Sinne der Sicherung seines soeben geschaffennen Herrschaftsverbandes zu betreiben. Angesichts der Befunde der vorliegenden Untersuchung möchte ich diese Frage deutlich bejahen. Es ist zwar klar, dass Mieszko immer wieder Hemmnisse entgegenstanden, kohärente politische Strategien im Kräftefeld der Reichspolitik zu realisieren, so z. B. der Bruch mit Heinrich dem Zänker und Boleslav von Böhmen, die Scheidung der Ehe seines Sohnes mit Rikdag oder der Tod seiner Gemahlin Dobrawa. Dennoch lassen alle Aktionen Mieszkos trotz der Gegebenheiten vormoderner Herrschaft deutliche Charakteristika einer politischen Strategie erkennen, nämlich dergestalt, den innenpolitisch gefestigten polnischen ‚Fürstenstaat’ auch gegenüber den benachbarten Kräften, und damit vor allem den dortigen Herrschaftsakteuren, zu sichern, um die eigene Position zu stärken: Die Heirat mit Oda, der Treueschwur gegenüber Otto III. 986 oder die Bestimmungen des ‚Dagome Iudex’ sind als direkte Folgen dieser politischen Strategie zu charakterisieren. Daher erscheint der Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen auch in einem recht klaren Licht: Mieszko I. war zwar Teil des Herrschaftsverbandes des Reiches und musste mit den dort vorgefundenen Funktionsweisen vormoderner Herrschaft operieren, doch trotz gewisser Rückschläge und Einschränkungen vermochte er eine langfristig erfolgreiche Strategie zu verfolgen und bis zu seinem Tode 992 zu realisieren. Dass diese Strategie aber wesentlich an die Person Mieszkos gebunden war, beweist der Ausgang der Ereignisse nach seinem Tode: Mit einem Schlag führt Bolesław Chrobry sie nämlich obsolet, da er und nicht seine Brüder die Herrschaft antreten. Doch übernahm er die Regentschaft in einem innen- und außenpolitisch weitgehend gefestigten Herrschaftsverband – und diese Festigung ist wesentlich dem politischen Weitblick Mieszkos zu verdanken. Daher war es Bolesław auch möglich, einerseits die guten Beziehungen zum ottonischen Kaiserhaus, aber auch zu den Sachsen und den Ekkehardinern weiter zu verfolgen bzw. zu intensivieren. Trotz all dieser Bemerkungen sollte man dennoch den polnischen Herrschaftsverband nicht mit einem Staat vergleichen. Denn immerhin sind es primär die Akteure selbst und ihr Prestige, ihre Verdienste sowie ihr Ansehen bei den Standesgenossen und weniger vorgefundene adiministrative Strukturen oder die Einbindung von Herrschaftsträgern in bestimmte Ämter, die die Umsetzung politischer Prinzipien im Mittelalter ermöglichen. Ein abschließender Blick auf 95 die Herrschaftszeit Bolesławs Chrobry mag diesen letzten Gedanken illustrieren: Obgleich Polen als konsolidierter Fürstenstaat da steht, sind es immer noch die persönlichen Beziehungen des Piasten zu den ottonischen Königen, die das diplomatische Klima zwischen dem Reich und Polen bestimmen: Während Bolesław nämlich noch mit Otto III. in Gnesen im Jahr 1000 ein Freundschaftsbündnis eingeht,275 befehdet er sich nur zwei Jahre später mit Heinrich II. in den so genannten ‚Polenkriegen’, jedoch nicht, weil es um Interessen nationaler Vorherrschaft geht, sondern weil Bolesław Heinrich persönlich dafür verantwortlich macht, dass er beim Reichstag von Merseburg überfallen wurde und dabei beinahe getötet worden wäre.276 Angesichts der Prägekraft personaler Beziehungen im Mittelalter erscheint es schließlich nicht verfehlt, die Leistungen Mieszkos I. als außergewöhnlich einzuschätzen. Ob man ihn deswegen mit dem Beinamen ‚der Große’ versehen sollte, so wie es Jerzy Strzelczyk vorschlägt, bleibt zwar aus der Sicht des objektiv urteilenden Historikers fraglich, erscheint aber angesichts der politischen Zielstrebigkeit, die er immer wieder im Spannungsfeld personal geprägter Reichspolitik unter Beweis stellte, nicht ganz unbegründet. 275 Davon geht z. B. Verena Epp aus: Rituale frühmittelalterlicher ‚amicitia’, in: Althoff, Gerd (Hrsg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (VuF, 51), Stuttgart 2001, S. 11-24, hier S. 20; die Ansichten Johannes Frieds, Bolesław sei durch Otto III. zum König gekrönt worden, lehne ich dezidiert ab: Fried, Johannes, Otto III. und Boleslaw Chrobry. Das Widmungsbild des Aachener Evangeliars, der „Akt von Gnesen“ und das frühe polnische und ungarische Königtum, Stuttgart 22001. 276 Vgl. zur Nachwahl Heinrichs II. in Merseburg 1002 und den insegesamt konfliktreichen Ereignissen um die Nachfolge: Schneidmüller, Bernd, Neues über einen alten Kaiser? Heinrich II. in der Perspektive der modernen Forschung, in: Berichte des Historischen Vereins Bamberg 133 (1997), S. 13-41; Weinfurter, Stefan, Der Anspruch Heinrichs II. auf die Königsherrschaft 1002, in: Dahlhaus, Joachim (Hrsg.), Papstgeschichte und Landesgeschichte. Festschrift für Hermann Jakobs zum 65. Geburtstag (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, 39), Köln 1995, S. 121-134; Schneider, Reinhard, Die Königserhebung Heinrichs im Jahre 1002, in: DA 28 (1972), S. 74-104.

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References

Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.