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1 Einleitung: Bewertungsdimensionen deutsch-polnischer Beziehungen im Mittelalter – Paradigmen der staatlichen Bilateralität vs. vormoderne Herrschaftsformen in:

Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde, page 7 - 12

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406-7

Tectum, Baden-Baden
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7 ! " " Die Erfassung und Bewertung der Beziehungen zwischen dem ottonischen Reich und dem polnischen Herrschaftsraum unter der Herrschaft Mieszkos I. ist aus verschiedenen Gründen kein einfaches Unterfangen. Weil sich die deutsche Mediävistik in der ersten Hälfte des 20. Jh. allzu oft im Sinne nationaler und expansiver Ideologien hat instrumentalisieren lassen, wurde die Herausarbeitung geeigneter Kriterien für die Untersuchung der Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsträgern im Kontext mittelalterlicher Herrschaftsmechanismen nämlich durch nationalistisch eingetrübte Geschichtsbilder erheblich erschwert.1 Bis in die 1960er Jahre hinein bleiben sowohl die deutsche als auch die polnische Ostforschung weitgehend auf das Paradigma bilateraler Spannungen zwischen dem ‚deutschen Reich’ und dem sich im 10. Jh. konstituierenden ‚polnischen Staat’ beschränkt. Auf deutscher Seite war die Blickrichtung der Forschung demgemäß durch eine Mentalität gekennzeichnet, die die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen im Mittelalter auf den griffigen Terminus des ‚Deutschen Drangs nach Osten’ reduzierte, womit dem ottonischen Reich wie selbstverständlich die Rolle einer Ordnungsmacht zuerkannt worden ist, deren 1 Vgl. dazu die Überblicksarbeiten: Althoff, Gerd, Das Mittelalterbild der Deutschen vor und nach 1945. Eine Skizze, in: Heinig, Paul-Joachim u. a. (Hrsg.), Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Peter Moraw (Historische Forschungen, 67), Berlin 2000, S. 731-750 sowie besonders zur Ostpolitik: ders., Die Beurteilung der mittelalterlichen Ostpolitik als Paradigma für zeitgebundene Geschichtsbewertung, in: ders. (Hrsg.), Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter, Darmstadt 1992, S. 147-164 sowie die einleitenden Bemerkungen bei: Lübke, Christian, Zwischen Polen und dem Reich. Elbslawen und Gentilreligion, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, 5), Berlin 2002, S. 91-110. 8 natürliches Ziel gewesen sei, die Christianisierung weiter nach Osten zu tragen, nicht zuletzt, um damit die Elbslawen in das lateinische Abendland einzugliedern und zivilisatorisch voranzubringen.2 Es lässt sich eine Fülle von Beispielen aus der älteren Ostforschung beibringen, um diese Tendenzen zu illustrieren, daher seien an dieser Stelle nur einige wenige prägnante Stellen aufgeführt. Nicht selten attestierte man den ottonischen Herrschern das großartige Verdienst, die deutschen Stämme geeint und damit der Begründung eines deutschen Reiches als Zentrum Europas Vorschub geleistet zu haben. Wilhelm Giesebrecht formuliert etwa in seiner berühmten ‚Geschichte der deutschen Kaiserzeit’: „Mitten in das Herz Europas verlegte Otto der Große den Sitz seines sächsisch-fränkischen Reiches, indem er die deutschen Stämme zuerst zu einem deutschen Volke verband. Dieses deutsche Volk wurde der Kern, das deutsche Land der Mittelpunkt des römischen Reiches deutscher Nation. Eine kolossale Feste inmitten Europas, schützte das deutsche Kaiserreich die gesamte germanisch-romanische Welt, die Hüterin einer höheren Gesittung im Abendlande […].“3 In dieser farbigen Darstellung Giesebrechts findet die Voraussetzung des deutschen ‚Drangs’ nach Osten deutlichen Niederschlag: Durch die zivilisatorische und staatliche Überlegenheit bilde das ottonische Reich die Ordnungsmacht Europas, nicht zuletzt, um das kulturelle Erbe der lateinischen Christenheit vor fremden Übergriffen zu sichern. Dass damit eine Abwertung gleichsam ‚unzivilisierter’ umliegender Völker und vor allem solcher des slawisch geprägten Ostens verbunden ist, verstärkt freilich noch ex negativo die beinahe chauvinistisch anmutende Bewertung der Stellung des Reiches im europäischen Rahmen. In die gleiche Richtung argumentiert auch Albert Brackmann, der einem 1933 erschienenen Aufsatz den treffenden Titel „Das mittelalterliche Deutschland als Vormacht Europas“ gibt.4 Viele der Arbeiten Brackmanns beruhen konzeptionell auf dem Gedanken, dass dem ottonischen Reich eine vorherrschende Rolle im gesamteuropäischen Kontext zukommt, tatsächlich sind auch seine Auseinandersetzungen mit der polnischen Mediävistik durch diese Ansicht gekennzeichnet. Als 1942 ein Sammelband zum 70. Geburtstag Brackmanns veröffentlicht wurde, war dies ein willkommener Anlass, geneigte deutsche Mediävisten zur Lieferung entsprechend ausgerichteter Beiträge aufzufordern. In dem vom nicht minder prominenten Hermann Aubin publizierten Sammelband finden sich demgemäß auch viele Arbeiten, die nicht nur das Bild der europäischen Ordnungsmacht transportieren, sondern die da- 2 Vgl. Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, in: Reuter, Timothy (Hrsg.), The New Cambrige Medieval History, Bd. 3, c. 900 - c. 1024, Cambridge 1999, S. 267-292, hier bes. S. 278ff. 3 Giesebrecht, Wilhelm von, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 6 Bde., Braunschweig/Leipzig 1929-1930, hier Bd. 2, S. 3. 4 Brackmann, Albert, Das mittelalterliche Deutschland als Vormacht Europas, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Köln/Graz 21967, S. 3-24. 9 raus resultierende Ostpolitik in nationalistischer und rassistischer Weise ideologisieren. Otto Reche z. B. charakterisiert die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen so: „Das Großdeutsche Reich hat das Westslawentum nun endgültig in seine Obhut genommen. Damit gewinnt auch die Frage nach dem rassischen Bestand dieser Völker für uns ein erhöhtes Interesse, denn wir müssen uns darüber klar werden, was wir an rassischen Werten vor uns haben, schon weil sonst ein wirklich sinnvoller Einsatz nicht möglich ist, vor allem aber, um die notwendige biologische Grenze gegen die uns rassischen fern stehenden Elemente ziehen zu können, die sich zahlreich genug im Slawentum finden.“5 Zwar wäre es übereilt, die deutsche Mediävistik per se zum Zweig expansionistischer Propaganda zu degradieren, doch gerade dieser Vorgang der Nationalisierung und Ideologisierung rassistischen Gepräges markiert deutlich die Anfälligkeit der Ostforschung für wissenschaftsfernes und methodisch ungeeignetes Gedankengut. Auch andere namhafte Historiker wie der erwähnte Hermann Aubin oder Karl Hampe haben mit ihren Argumentationen den Weg nationalistischer Einseitigkeit beschritten und sind damit für eine den Strukturen mittelalterlicher Herrschaft entsprechende Bewertung deutsch-polnischer Beziehungen in der Ottonenzeit nicht nur unzeitgemäß, sondern auch in hohem Maße irreführend.6 Auf polnischer Seite indes fand man besonders angesichts des aggressiven Expansionismus der Nationalsozialisten im Modell mittelalterlicher deutscher Ostexpansion einen geeigneten Katalysator, eine vermeintlich genuine deutsche Aggressivität auf der einen und damit einen entsprechend schon im Mittelalter provozierten Abwehrkampf der Polen auf der anderen Seite scheinbar wissenschaftlich profund zu begründen. Wolfgang Wippermann bietet in seiner kompakten Monographie zum ‚Deutschen Drang nach Osten’ einen Überblick über die deutsche und sowjetische Forschungsgeschichte und verweist dabei besonders auf die politische Brisanz, die dem wissenschaftlichen Dialog und der gesellschaftlichen Interpretation mediävistischer Forschungsergebnisse auf beiden Seiten eignete.7 Tatsächlich führte die argumentative Ausrichtung des Großteils der 5 Reche, Otto, Stärke und Herkunft des Anteiles nordischer Rasse bei den West-Slawen, in: Aubin, Hermann/Brunner, Otto/Kohte, Wolfgang/Papritz, Johannes (Hrsg.), Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg, Bd. 1 (Deutschland und der Osten, 20), Leipzig 1942, S. 58-59, hier S. 58. Vgl. dazu die Bemerkungen bei: Althoff, Die Beurteilung der mittelalterlichen Ostpolitik als Paradigma für zeitgebundene Geschichtsbewertung, S. 154. 6 Vgl. etwa die entsprechend einseitig gestalteten Arbeiten bei Aubin, Hermann, Der deutsche Osten und das Abendland – Eine Aufsatzreihe, München 1953; ders., Die Ostgrenze des alten Deutschen Reiches: Entstehung und staatsrechtlicher Charakter, Darmstadt 1959; ders., Otto der Große und die Erneuerung des abendländischen Kaisertums im Jahre 962, Göttingen 1962; ders., Zur Erforschung der deutschen Ostbewegung, in: DALV 1 (1937), S. 37- 70, S. 309-331, S. 562-602. 7 Wippermann, Wolfgang, Der ‚Deutsche Drang’ nach Osten. Ideologie und Wirklichkeit eines politischen Schlagwortes, Darmstadt 1981, hier v.a. S. 38-47 sowie S. 48-58 mit einem Überblick über die Forschung auf deutscher bzw. slavisch-sowjetischer Seite. 10 polnischen Mediävistik zu einer Haltung, die ebenso sach- und wissenschaftsfremd war wie auf der deutschen Seite. Der Historiker Kosminskij kam 1945 z. B. zu der Überzeugung, Polen habe sich nicht energisch genug gegen den deutschen ‚Drang’ nach Osten gerichtet, dementsprechend sei die im Anschluss des Zweiten Weltkrieges zu fordernde Westverschiebung der polnischen Grenze unumgänglich gewesen.8 Kosminskijs Argumentation mutet dabei kaum zufällig wie ein komplementäres Spiegelbild zu den Argumentationsmechanismen auf deutscher Seite an, wenn er den Gedanken der deutschen Expansion über die Epoche des Mittelalters transzendiert und damit für aktuelle politische Entwicklungen nutzbar macht. Mit deutlichen Worten bestimmt er das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen im Mittelalter als „Eroberung der slawischen Gebiete […], von einer Versklavung und massenweisen Ausrottung der sich verzweifelt wehrenden einheimischen Bevölkerung begleitet.“9 Ohne an dieser Stelle das interessante und schon viel bearbeitete Feld der mittelalterlichen Ostpolitik aus der Perspektive der Geschichtsbildkritik weiterzuverfolgen, sollen diese knappen Ausführungen genügen, um die Brisanz zu verdeutlichen, die sich sowohl im gesellschaftlichen Gesamtdiskurs, aber auch in der mediävistischen Spezialdiskussion mit dem Thema mittelalterlicher Ostbeziehungen verbindet. Symptomatisch für diese Brisanz ist dabei nicht nur die Funktionalisierung genehmer Geschichtsbilder, sondern auch die methodische Konfusion historischer Befunde. Es ist ja nicht etwa so, dass das Land der Elbslawen, aber auch weitere Teile des europäischen Ostraumes nicht von Errungenschaften deutscher Siedler profitierten, die man durchaus als kulturell oder zivilisatorisch bezeichnen könnte. Die Gründung von Städten nach deutschem Recht, das Vorantreiben der Christianisierung oder die Einführung agrarwirtschaftlicher Techniken brachten unbestreitbar die Entwicklung der Elbslawen voran.10 Obwohl die Vorgänge deutscher Ostsiedlung für die Entwicklung der elbslawischen Räume nicht zu unterschätzen sind und als historische Befunde hinreichend zur Kenntnis genommen werden müssen, besteht die methodische Konfusion der älteren Forschung sowohl auf polnischer als auch auf deutscher 8 Vgl. Kosminskij, Evgenij Alekseevic (Hrsg.), Istorija srednich vekov, Moskau 1952 (Übersetzung: Kosminskij, Evgenij Alekseevic, Geschichte des Mittelalters, Leipzig 1948, hier S. 154- 156.) 9 Ebd., S. 156. 10 Vgl. dazu etwa: Stadtmüller, Georg, Geschichtliche Ostkunde. Abriß der Geschichte des deutschen und europäischen Ostens, München/Stuttgart 1959, S. 42f.; Seibt, Ferdinand, Die Deutsche Siedlung im Osten – Kulturbringer zwischen Oder, Pregel und Pepus-See, in: Engel, Hans-Ulrich (Hrsg.) Deutsche unterwegs. Von der mittelalterlichen Ostsiedlung bis zur Vertreibung im 20. Jahrhundert, München 1983, S. 12-41; des Weiteren auch die zahlreichen Quellen etwa zu den Stadtgründungen in: Urkunden und erzählende Quellen zur deutschen Ostsiedlung im Mittelalter, hrsg. von Hebert Helbig und Lorenz Weinrich. Zweiter Teil: Schlesien, Polen, Böhmen-Mähren, Österreich, Ungarn-Siebenbürgen (FSGA 36b), Darmstadt 1970. 11 Seite vor allem darin, auch diese Vorgänge mittelalterlicher Ostsiedlung aus nationaler oder staatlicher Perspektive zu beurteilen. Tatsächlich trübt sich so auch der Blick auf die deutsch-polnischen Beziehungen, wenn Paradigmen deutscher Überlegenheit oder polnischer Verteidigungsnot die eigentlichen Interaktionsmechanismen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsträgern im Mittelalter mit Anachronismen überlagern. Sowohl die deutsche als auch die polnische Forschung gehen aber wohl mit Recht davon aus, dass die Genese Polens als politische Einheit im Rahmen eines fürstlich organisierten Herrschaftsverbandes im 10. Jh. stattgefunden hat, womit überkommene Prinzipien der gentilen, nach Stämmen gegliederten Herrschaft überwunden wurden.11 Als die bestimmende Figur der Entwicklung von einer regionalistisch geprägten Stammesvielzahl hin zu einem Fürstenstaat als integrativer Klammer wird in der Regel Mieszko I. als erster historisch fassbarer Fürst Polens genannt. Zwar erscheint dieser in der deutschen Forschung eher als Randfigur, doch die Popularität, die die Beschäftigung mit seiner Person in der polnischen Historikerzunft genießt, deutet auf die immense Bedeutung hin, die Mieszko als ‚Staatsgründer’ beigemessen wird.12 Nicht selten ist hierbei sowohl auf polnischer als auch deutscher Seite von einem „straff geführten Staat“ die Rede, wobei als herausragende Verdienste Mieszkos die Bekennung zum Christentum 966, die Ausweitung seines Herrschaftsgebietes nach Norden und Osten oder die Errichtung eines Bistums in Posen genannt werden.13 Obgleich diese Ereignisse zwar von größter Wichtigkeit für die Entstehung eines sozusagen supra-gentilen polnischen Herrschaftsverbandes sind, sollte man Begriffe wie ‚Staatsbildung’ doch nur mit aller Vorsicht auf die eben genannten Ereignisse anwenden. Aus diesen knappen einleitenden Worten ist nun zu folgern, dass die Angriffspunkte zur Beschreibung der deutsch-polnischen Beziehungen sich von Voreingenommenheiten befreien müssen, und dass der Historiker heutzutage ausschließlich auf aktuelle Befunde zu den Funktionsweisen mittelalterlicher Herrschaft als Ausgangspunkt der Argumentation rekurrieren darf, um seine Ergebnisse nicht durch vorschnelle Urteile deutsch-polnischer Rivalität oder der Annahme ‚internationaler Beziehungen’ (Lübke) zu gefährden. Ziel der vorliegenden Arbeit ist mithin, die jeweiligen Beziehungen des piastischen Herrschers 11 Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, Darmstadt 1965, S.1ff.; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa, Köln u. a. 1971, S. 5f. 12 Vgl. z. B. Banaszkiewicz, Jacek, Mieszko I i władcy jego epoki, in: Piskorski, Jan M. (Hrsg.), Polska Mieszka I. W tysiaclecie smierci tworcy panstwa i Kosciola polskiego, Poznan 1993, S. 89-110; Strzelczyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts. Opionions and Interpretations, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 98-143. Hier eine Fülle weiterer Literatur der polnischen Forschung zu Miesko I. und Bolesław Chrobry. 13 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 7. 12 Mieszko I. zu den Herrschaftsakteuren im ottonischen Reich zu untersuchen, wobei die Dimensionen und Formen seiner Einbindung in den ottonischen Herrschaftsverband besonderes Augenmerk verdienen. Freilich bieten sich zur Beurteilung dieser Beziehungen gerade solche Ereignisse an, in denen ottonische Herrscher oder Große des Reiches direkt auf den polnischen Fürsten treffen oder solche Vorgänge, die die Aktivierung personaler Netzwerke erfordern, also z. B. Konfliktzeiten. Weitergehendes Interesse verdienen die dabei verwendeten Elemente symbolischer Kommunikation, die vor allem in vormodernen Gesellschaften die Funktion der Festlegung und Sicherung von Herrschafts- und personalen Verhältnissen erfüllen. Möglichst unvoreingenommen sollen dabei die Formen der Interaktion und Integration Mieszkos I. im Hinblick auf seine Bindungen an die ottonischen Könige (Kapitel 5), aber auch im Hinblick auf ihre Kontakte zum Reichsadel (vor allem zum sächsischen Adel) (Kapitel 6) herausgearbeitet und bewertet werden. Dass als vornehmliche Beurteilungsgröße dieser Beziehungen nur das Verhältnis der Akteure auf der Ebene der Personalität bzw. Gruppenbindung in Frage kommen kann, haben wir oben bereits erläutert. Die Einzelheiten dieser personalen Bindungen sowie die Formen ihrer Veränderungen (von Otto I. bis Otto III.) gilt es schließlich systematisch zu bewerten und einem diachronen Vergleich zu unterziehen (Kapitel 7). Um diese Ziele zu erreichen, sind nachfolgend einige Vorbemerkungen nötig, nämlich einerseits zum aktuellen Stand mediävistischer Forschung in Bezug auf das Entstehen des polnischen Herrschaftsverbandes und die Rolle Mieszkos I. in diesem Zusammenhang (Kapitel 2) sowie zweitens zur Quellenlage und den damit verbundenen interpretatorischen Besonderheiten (Kapitel 3). Außerdem ist dem analytischen Teil ein kurzer methodischer Teil vorzuschalten, um, ausgehend von den Befunden des Forschungsstandes, die Funktionsprinzipien mittelalterlicher Herrschaft klarzulegen, wobei die in der Adelsgesellschaft genutzten Formen symbolischer Kommunikation in Friedens- und auch Konfliktzeiten besonderes Interesse verdienen (Kapitel 4).

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Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.