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6 Die Beziehungen Mieszkos I. zu den Großen des Reiches in:

Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde, page 69 - 80

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406-69

Tectum, Baden-Baden
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69 < / $ 6 7 0 < $ E $ " Bereits in den vorigen Kapiteln erschien Mieszko I. verschiedentlich sowohl als Bündner deutscher Großer aber auch als ihr Gegner. Es ist sicher leicht nachzuvollziehen, dass aufgrund der engen Verzahnung der politischen Eliten im 10. Jahrhundert eine einfache Trennung der Beziehungen Mieszkos I. zu den ottonischen Königen auf der einen und zu den deutschen Magnaten auf der anderen Seite kaum möglich ist. Dennoch soll in nachfolgenden Kapiteln der Versuch unternommen werden, die vielfältigen Beziehungen Mieszkos zum deutschen Feudaladel in den Blick zu nehmen, um damit die Analyse der Bindungen des ersten Piasten an das Reich zum Abschluss zu bringen. Die erste Erwähnung Mieszkos I. steht wie erwähnt im Zusammenhang mit seiner Niederlage gegen die Redarier 963, die unter der Führung des Billungers Wichmann standen, der zunächst abtrünnig wurde und nach der Schlacht an der Raxa 955 an der Seite der Slawen eine Niederlage gegen Otto I. hinnehmen musste. Nachdem Wichmann zunächst nach Frankreich zu Herzog Hugo floh,193 begab er sich aber neuerlich zu den Slawen, die ihn jedoch an den sächsischen Markgrafen Gero auslieferten; dieser ließ Wichmann indes offenbar nach eigenem Ermessen wieder frei: „Markgraf Gero also […] gab Wichmann, als er sah, dass dieser angeklagt wurde, und er ihn als schuldig erkannt hatte, den Barbaren, von denen er ihn empfangen hatte, wieder zurück. Von diesen mit Freuden aufgenommen, bedrängte er die entfernter wohnenden Slawen durch häufige Überfälle. Den König Misaca, unter dessen Gewalt die Slawen standen, die 193 Vgl. Annales Altahenses, a. 955; Annales Hildesheimenses, a. 955; Annales Quedlinburgenses, a. 955; Annalista Saxo, a. 955; Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 66, S. 131f.: Gero igitur comes […], cum Wichmannum accusari vidisset reumque cognovisset, barbaris, a quibus eum assumpsit, restituit. Ab eis libenter susceptus longius degentes barbaros crebris proeliis contrivit. Misicam regem, cuius potestatis erant Sclavi qui dicuntur Licicavici, duabus vicibus superavit fratremque ipsius interfecit, predam magnam ab eo extorsit. 70 Licicavici heißen, überwand er zweimal, tötete seinen Bruder und erpresste von ihm reiche Beute.“194 Obgleich diese Stelle in der Forschung zu einigen Kontroversen geführt hat, erscheinen diejenigen Annahmen plausibel, welche die hier beschriebenen Konflikte darauf zurückführen, dass durch eine sukzessive Ausweitung des polnischen Territoriums unter Mieszko eine konfrontative Situation mit den Redariern entstanden ist.195 Offenbar hat das Ausgreifen des polnischen Herrschaftsraums nach Westen erste Kontakte Mieszkos zu den dortigen politischen Kräften bedingt. Obgleich die von Thietmar196 für das Jahr 963 erwähnte Unterwerfung Mieszkos I. durch Markgraf Gero, wie in Kapitel 5.1.1 dargelegt, als fiktiv einzustufen ist,197 bedeuten die ersten Kontakte mit den Kräften des Reiches, in Sonderheit die Niederlagen gegen Wichmann, nichtsdestoweniger einen Rückschlag für expansive Bestrebungen des Mieszko. Um sich angesichts dessen mit dem Kaiser Otto I. zu arrangieren, nahm er wohl die Unterwerfung gegenüber dem Kaiser in Kauf, womit bekanntlich die Herstellung des ‚tributären’ Verhältnisses einherging.198 In Beziehung zu diesen Ereignissen muss nun m. E. die Heirat Mieszkos mit der Přemyslidin Dobrawa gesehen werden, die ihm schließlich seinen Sohn Bolesław gebar. Obgleich Dobrawa keine bedeutsame Protagonistin im Kontext der Reichspolitik war, bildet die Eheschließung gleichwohl eine geeignete Maßnahme Mieszkos, durch ‚künstliche’ Verwandtschaften neue personale Konstellationen von politischer Tragweite zu schaffen.199 Doch nicht nur das Knüpfen neuer politischer Bande zum Hof der Přemysliden, sondern auch der Übertritt zum Christentum wurde durch die Heirat mit der Böhmin erleichtert. Der Gallus Anonymus berichtet von der Eheschließung in folgender Weise: „Als aber Mieszko die Herzogswürde erlangt hatte, begann er Geist und Körperkräfte zu üben und die Völkerstämme im Umkreis häufiger im Kriege anzugreifen. Bis dahin befand er sich aber in solchem Irrtum des Heidentums, dass er nach dessen Lebensweise sieben Frauen hatte. Schließlich verlangte er nur ein einzige, eine strenge Christin namens Dubrovka von Böhmen zur Frau. Sie aber weigerte 194 Vgl. Annalista Saxo, a. 965; Thietmar von Merseburg, II, 14, S. 54. 195 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 122, S. 169. 196 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14, S. 48: Gero Orientalium marchio Lusizi et Selpuli, Miseconem quoque cum sibi subiectis imperiali subdidit diconi. 197 Siehe dazu: Ludat, Herbert, Die Anfänge des polnischen Staates (Schriftenreihe des Instituts für deutsche Ostarbeit – Sektion Geschichte, 3), Krakau 1942, S. 28ff.; Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., in: Schlesinger, Walter (Hrsg.), Mitteldeutsche Beiträge zur deutschen Verfassungsgeschichte des Mittelalters, Göttingen 1961, S. 306-412, hier Anm. 284. 198 Siehe zu diesen Vorgängen Kapitel 5.1.1; vgl. des Weiteren: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, S. Nr. 122 und 123, S. 169ff. 199 So auch: Strzelczyk, Jerzy, Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000, S. 47f. Interessanterweise sieht die tschechische Historiographie gegenüber der Dobrawa eher distanziert eingestellt. Vgl. etwa Cosmas von Prag, Cronica Bohemorum, I, 27, S. 49. 71 sich, ihn zu heiraten, wenn er nicht jene verkehrte Lebensweise aufgebe und verspreche, ein Christ zu werden. Als er nun zustimmte, er werde die Lebensgewohnheit jenes Heidentums aufgeben und die Sakramente des christlichen Glaubens annehmen, betrat sie Polen mit großem weltlichen und kirchlichen Gepränge; sie hat sich mit ihm so lange nicht ehelich verbunden, bis er unter sorgfältiger Betrachtung der Lebensweise des Christentums und der Bindung an die kirchliche Ordnung dem Irrtum der Heiden allmählich entsagte und sich dem Schoß seiner Mutter Kirche vereinigte.“200 Man muss sicher nicht gesondert erwähnen, dass die Ausführungen des Gallus Anonymus oftmals übermäßig ausgeschmückt sind,201 gleichwohl bedarf der beschriebene Übertritt Mieszkos zum Christentum als Kern der Darstellung besonderer Aufmerksamkeit: Offenbar haben die ersten Konfrontationen mit den Sachsen und dem Reich 963 Mieszko dazu bewogen, seine politische Strategie an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Nach der Niederlage gegen Wichmann und Gero erkannte er zunächst die Oberherrschaft Kaiser Ottos an, allerdings bot sich durch die Heirat mit der christlichen Dobrawa die Möglichkeit, zum Christentum überzutreten und damit die Position der Piasten gegenüber Otto dem Großen und dem Reich in für ihn positivem Sinne zu verbessern. In der Tat sieht die Forschung in diesem Übergang zum Christentum eine wesentliche Voraussetzung, weshalb Mieszko überhaupt in eine Beziehung zum Reich treten konnte, die über das der üblichen Tributärstaaten hinausreichte.202 Schon in Kapitel 5.1.1 verwiesen wir darauf, dass Mieszko nicht bloß als unterworfener Tributzahler gesehen werden muss, so wie es zunächst die Berichte aus dem Jahr 963 nahelegen könnten, sondern wohl durch den Übertritt zum Christentum um 966 zum ‚amicus imperatoris’203 geworden war, also höchstwahrscheinlich in ein amicitia-Verhältnis zu Otto I. eingetreten ist, welches ihn über die Gruppe der abhängigen Slawenländer hinaus- 200 Galli Anonymi cronicae et gesta ducum principum Polonorum, I, 5: At Mesco ducatum adeptus, ingenium animi coepit et vires corporis exercere, ac nationes per circuitum bello saepius atemptare. Adhuc tum in tanto gentilitatis errore involvebatur, quod sua consuetudine septem uxoribus abutebatur. Postremo unam christianissimam de Bohemia Dubrovcam nomine in matrimonium requisivit. At illa ni pravam consuetudinem illam dimittat, seseque fieri christianum promittat, sibi nubere recusavit. Eo ergo collaudante, se usum illius paganismi dimissurum et fidei christianae sacramenta suscepturum, illa domina cum magno secularis et ecclesiasticae religionis apparatu Poloniam introivit, necdum tamen thoro sese martiali foederavit, donec ille paulatim consuetudinem christianitatis et religionem ecclesiastici ordinis diligenter contemplans, errori gentilium abnegavit seque gremio matris ecclesiae counivit. 201 Siehe dazu Kapitel 3. 202 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10; vgl. auch den entsprechenden Kommentar bei: Lübke, Christian, Regesten, Nd. 2, Nr. 125, S. 173f. Siehe zu den Beziehungen zu Otto dem Großen auch Kapitel 5.1.1 der vorliegenden Arbeit. 203 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 143: Audiens autem Wichmannus urbem captam sociosque afflictos ad orientem versus iterum se paganis inmersit, egitque cum Sclavis qui dicuntur Vuloini, quomodu Misicam amicum imperatoris bellos lacesserent; quod eum minime latuit. 72 hob.204 Daher ist der Heirat mit Dobrawa größte politische Bedeutung beizumessen, denn sie erwies sich wahrscheinlich als Schlüssel dafür, dass Mieszko nun als Christ, und nicht mehr als Heide, die kulturell-religiöse Voraussetzung dazu erhielt, vielfältige Kontakte zum Personenverband des Reiches einzugehen.205 Auch Thietmar lässt keinen Zweifel an der eminent wichtigen Bedeutung dieser Heirat als Anlass, das slawische Heidentum aufzugeben: „Er [Mieszko] hatte eine edle Gemahlin aus Böhmen heimgeführt, die Schwester Boleslaws des Alten, deren Leben in Wahrheit ihrem Wesen entsprach. Sie hieß nämlich auf slawisch Dobrawa, was zu deutsch ‚die Gute’ bedeutet. Da sie ihren Gemahl noch in mannigfachen heidnischen Irrtümern verstrickt sah, überlegte die Getreue Christi in ihrem einfachen Gemüt voller Eifer, wie sie sich ihn auch im Glauben verbinden könne. In jeder Weise mühte sie sich, ihn zur Milde zu bewegen, nicht wegen des dreifältigen Trachtens dieser bösen Welt, sondern vielmehr um der preiswürdigen und allen Gläubigen so erstrebenswerten Frucht ewigen Lohnes willen.“206 Es sollte anhand dieses Zitats deutlich geworden sein, dass schon die Historiographen des Mittelalters trotz aller literarischer Verformung und parteiischer Verzerrung um die Wichtigkeit der Heirat Mieszkos mit Dobrawa wussten, bewerten sie doch univok die Heirat vordringlich unter dem Blickwinkel der Christianisierung des Piasten und damit des polnischen Herrschaftsverbandes insgesamt. Überdies war Boleslav I. als ‚arrivierter Fürst’ des christlichen Abendlandes eine wichtige politische Stütze für Mieszko.207 So kam dem Piasten die Ehe mit der Böhmin nicht nur als Anlass zum Übertritt zum Christentum zu Gute, sondern auch in folgender Hinsicht erwies sie sich als vorteilhaft: Durch das dadurch geschlossene Bündnis mit Böhmen und die so gewonnene politisch- 204 Möglicherweise hatte Otto der Große sogar gehofft, der Übertritt zum Christentum hätte unter der Vermittlung von Klerikern des Reiches zu einer Einbindung des piastischen Herrschaftsraumes in das 968 gegründete Erzbistum Magdeburg führen können. Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 189. 205 Zur Christianisierung des Mieszko ist gerade auf polnischer Seite eine große Fülle an Schrifttum entstanden. Die Bedeutung der Christianisierung wird insgesamt freilich als sehr hoch eingeschätzt in Bezug auf die Eingliederung Polens in das Abendland. Vgl. z. B. Bogdanowicz, Piotr, Chrzest Polski, in: Nasza Przeszlosc 23 (1966), S. 7-64; Silnicki, Tadeusz, Poczatki organisacji Kosciola w Polsce za Mieszka I i jej Bolezlawa Chrobrego, in: Poczatki panstwa polskiego. Ksiega Tysiaclecia, Bd. 1, Poznan 1962, S. 319-361. Hier noch eine Fülle weiterer Literatur zum Thema. 206 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 55, S. 194: Hic [Mieszko] a Boemia regione nobilem sibi uxorem senioris Bolizlavi duxerat sororem. Quae, sicut sonuit in nomine, apparuit veraciter in re. Dobrawa enim Sclavonice dicebatur, quod Teutonico sermone Bona interpretatur. Namque haec Cristo fidelis dum coniugem suum vario gentilitatis errore implicitum esse perspiceret, sedula revolvit angustae mentis deliberazione, qualiter hunc sibi sociaret in fide; omnimodis placare contendit, non propter triformem mundi huius nocivi appetitum, quin pocius propter futurae mercedis laudabilem ac universis fidelibus nimis desiderabilem fructum. 207 So Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 191. 73 militärische Stärkung vermochte Mieszko die Wolliner unter Führung des Billungers Wichmann im September 967 zu besiegen. Wichmann musste, nach dem Fall der Oldenburg und einem vergeblichen Hilfegesuch an die Dänen in die Defensive gedrängt, zu den Wollinern fliehen und wurde von diesen als Heerführer aufgenommen.208 Allerdings erlitt Wichmann im Kampf gegen die Kräfte Mieszkos eine schwere Niederlage. Noch bevor die Nachricht der Aufgabe Wichmanns Mieszko erreichen konnte, wurde dieser, gerade auf dem Rückzug befindlich, gestellt und kam dabei zu Tode: „Die Nacht hindurch legte er [Wichmann] gewappnet einen weiten Weg zurück und erreichte bei Tagesanbruch, durch Hunger und Anstrengung ermattet, ein Gehöft, in dem er mit wenigen Begleitern Zuflucht suchte. Hier fanden ihn die Führer der Feinde und erkannten an seiner Rüstung, dass er ein vornehmer Mann sei; da sie ihn nach seinem Namen fragten, erklärte er, er sei Wichmann. Jene aber forderten ihn auf, seine Waffen abzulegen, und gelobten ihm sodann auf ihr Wort, dass sie ihn unversehrt ihrem Herrn ausliefern und diesen dazu vermögen wollten, dass er ihn unverletzt dem Kaiser zurückgebe. Obgleich er nun in die äußerste Not geraten war, vergaß er doch nicht seines früheren Adels und seiner Tapferkeit und verschmähte es, solchen Leuten sich zu ergeben; doch bat er, sie möchten dem Misaca von ihm melden, vor ihm wolle er seine Waffe ablegen, sich ihm ergeben. Während nun diese zu Misaca eilten, umringte ihn unzähliges Volk und griff ihn heftig an. So erschöpft er aber auch war, hieb er dennoch viele von ihnen nieder; endlich nahm er sein Schwert und reichte des dem Vornehmsten der Feinde mit folgenden Worten: ‚Nimm dieses Schwert und überbringe es deinem Herrn, damit er es zum Zeichen des Sieges nehme und seinem Freunde, dem Kaiser, übersende, auf dass dieser wisse, er könne nun eines erschlagenen Feindes spotten oder einen Blutsverwandten beweinen.’ Und nach diesen Worten wandte er sich gegen Morgen, betete, so gut er konnte, in seiner Muttersprache zum Herrn und hauchte seine mit vielem Elend und Jammer erfüllte Seele aus in die Barmherzigkeit des Schöpfers aller Dinge. Dies war das Ende Wichmanns, und so endeten fast alle, die die Waffen erhoben hatten gegen den Kaiser.“209 Zwar 208 Annalista Saxo, a. 967: Milites Wigimanni variis penis afflixit, urbis spolia repperit, magnum spectaculum populo prebuit, victorque in patriam reneaque cum Slavis qui dicuntur Vulini, quomodo Misacam, amicum imperatoris, bello lacesserent […] Siehe Kapitel 5.1.1 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 144, S. 200f. 209 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 69, S. 144f.: Ieiunio autem et longiori via, qua per totam noctem armatus incessit, mane cum paucis admodum aream cuiusdam iam fessus intravit. Optimates autem hostium cum eum represserint, ex armis agnoscunt, quia vir eminens esset. Interrogatusque ab eis, quisnam esset, Wichmannum se fore professus est. At illi arma deponere exhortati sunt. Fidem deinde spondent salvum eum domino suo presentatri hocque apud ipsum obtinere, quatinus incolumem imperatori restituat. Ille, licet in ultima necessitate sit constitutus, non inmemor pristinae nobilitatis ac virtutis, dedignatus est talibus manum dare, petit tamen, ut Misaco de eo adnuntient: ille velle arma deponere, illa manus dare. Dum ad Misacam ipsi pergunt, vulgus innumerabile eum circumdat eumque arciter inpugnat. Ipse autem, quamvis fessus, multis ex eis fusis, tandem gladium sumit et 74 hatten Mieszko und Wichmann vier Jahre zuvor ebenfalls im Kampf gelegen, doch nun hatten sich die Positionen der Konfliktparteien im Hinblick auf die Reichspolitik diametral gewandelt: Während Wichmann als Abtrünniger und Feind des Kaisers im Kampf gegen Mieszko erscheint, wird dieser seinerseits als Freund des Kaisers tituliert – Thietmar selbst lässt Wichmann Mieszko ja im eben zitierten Auszug als ‚amicus’ Ottos bezeichnen. Die Aufnahme in die Reihe der abendländischen Adelsgeschlechter und die Verstärkung seiner Kräfte durch böhmische Unterstützung führte also zum Sieg Mieszkos gegenüber Wichmann, mit dem er sich so lange im Konflikt befunden hatte. Aus der zitierten Darstellung Thietmars verdienen aber noch weitere Aspekte Interesse. In der Tat scheint es nämlich so zu sein, dass Wichmann und Mieszko ihren Konflikt vollauf nach den Regeln der Fehdeführung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft austragen und nicht im Sinne gentiler Kriegsführung. In Mieszko darf man nämlich schon zu diesem Zeitpunkt wohl weniger einen Stammesführer und Eroberer sehen, dem es um Beutemachen und Tributerlangung geht,210 sondern vielmehr einen Fürsten, der sich mit Großen des Reiches (in diesem Falle Wichmann) nach den typischen Regeln der Konfliktaustragung befehdet. Es ist zwar klar, dass Wichmann als Heerführer des Stammes der Wolliner in Erscheinung tritt, doch scheint es sich hierbei eher um ein Zweckbündnis gehandelt zu haben, das es dem renegaten und diplomatisch zunehmend isolierten Billunger nochmals ermöglichte, einen Verbündeten zu gewinnen, der ihn überdies als erfahrenen Kämpfer an die Spitze seiner Streitkräfte stellte. Dass sich Wichmann seiner adligen Abkunft und seiner früheren Rolle im Reichsadel vollauf bewusst war, lässt sich auch aus der Darstellung Thietmars ableiten, schließlich will sich Wichmann nicht den einfachen Soldaten ergeben, sondern erwartet eine seinem Rang angemessene Behandlung. Daher erscheint es angesichts der Ereignisse wahrscheinlich, dass nicht so sehr die eigentlichen Kriegsziele der Wolliner, wie etwa, Gebiete um die Odermündung herum zu besetzen,211 für den neuerlichen Kampf Wichmanns gegen Mieszko motivierend waren, sondern vielmehr die früheren Konflikte mit den Piasten und die Tatsache, dass Mieszko – anders als Wichmann – nunmehr ein Freund des Kaisers geworden war. Völlig ins Bild passt daher auch das Verhalten Wichmanns, als er priori hostium cum his verbis tradidit: ‘Accipe’, inquit, ‘hunc gladium et defer domino tuo, quo pro signo victoriae illum teneat imperatorique amico transmittat, quo sciat aut hostem occisum irridere vel certe pronpinquum deflere.’ Et his dictis conversus ad orientem, ut potuit, patria voce Dominum exoravit animamque multis mieseriis et incommodis repletam piertati creatoris omnium effudit. Is finis Wichmanno, talisque omnibus ferem qui contra imperatorem arma sumpeserunt. 210 Vgl. zu den neuen ‚außenpolitischen’ Zielen Polens im Hinblick auf die ehemals gentile Prägung: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 209: „Es [das neue Selbstverständnis Mieszkos I.] unterscheidet sich erheblich von dem älterer Eroberer, die vor allem an Beute und Tribut interessiert waren.“ 211 Diese Vermutung als primäres Ziel der Wolliner des Feldzuges äußert zumindest: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 144, S. 201f. 75 von den gegnerischen Kriegern gestellt wird, er bittet nämlich Vermittler, „sie möchten dem Misaca von ihm melden, vor ihm wolle er seine Waffe ablegen, sich ihm ergeben.“ Dieses Verhalten deutet darauf hin, dass Wichmann möglicherweise zu einer deditio gegenüber dem Polen (und damit gegenüber Otto I., als dessen Getreuer dieser ja auftrat) bereit war, denn sowohl das Entsenden von Vermittlern als Unterhändlern zur Konfliktbeilegung, also auch die Ankündigung ‚die Waffe abzulegen’ und sich ‚zu ergeben’ deutet auf eine entsprechende Absicht hin. Wie einleitend dargelegt, kannte die mittelalterliche Adelsgesellschaft eine Fülle von Maßnahmen, schwelende Konflikte auf gütliche Art und Weise beizulegen, im hier erörterten Zusammenhang wären etwa der Einsatz von Vermittlern212 und die Aussicht auf eine Unterwerfung zu nennen.213 Die Maßnahme Wichmanns, Vermittler zu entsenden, kann man also als typisches Mittel der Deeskalation und Gewalteindämmung interpretieren,214 wobei freilich die prekäre Lage, in der sich der Billunger befand, den Ausschlag zu dieser Handlungsweise gegeben haben mag. Die Forschung hat indes darauf aufmerksam gemacht, dass die Durchführung einer deditio als Akt gütlicher Konfliktbeilegung nur dem Adel, ja sogar dem Hochadel vorbehalten war.215 Da nun die Herkunft aus dem Adel nicht nur als Voraussetzung des Unterwerfungsaktes des Unterlegenen gilt, sondern für alle aktiv Beteiligten eines solchen Aktes, muss Mieszko auch von Wichmann in der gegebenen Situation nicht mehr als Stammesführer, sondern als Reichsfürst auf Seiten des Kaisers wahrgenommen worden sein; schließlich bezeichnet Wichmann Mieszko in der Darstellung Thietmars auch selbst als ‚Freund des Kaisers’. Obwohl in der Chronik Thietmars kaum mit letzter Sicherheit die literarischen Elemente von denjenigen Teilen historischer Authentizität getrennt werden können, tragen die in den Quellen216 beschriebenen Verläufe des Konfliktes zwischen Mieszko und Wichmann im Kern deutliche Züge adeliger Fehdeführung. Zwar ist letztlich die gütliche Konfliktbeendigung daran gescheitert, dass die gespannte Situation, in der Wichmann gestellt wurde, eskalierte, bevor die Gesandten Mieszko erreichen konnten, doch bleibt davon die prinzipielle Absicht des Billungers, den Konflikt mit dem Piasten gütlich und auf üblichem Wege zu beenden, unbenommen. Man wird im Hinblick auf die Stellung Mieszkos im Reich 967 wohl festhalten können, dass dieser von den politischen Akteuren des Reiches als vollauf im Herrschaftsverband integrierter und aktiver Reichsfürst gesehen worden ist; im Hinblick auf den Tod Wichmanns wird man außerdem davon ausgehen dürfen, 212 Vgl. zur Bedeutung von Vermittlern in der mittelalterlichen Konfliktführung etwa: Kamp, Hermann, Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), Darmstadt 2001. 213 Zur Unterwerfung als Akt der Konfliktbeilegung vgl. Althoff, Gerd, Das Privileg der deditio. 214 Vgl. zur den Maßnahmen der Deeskalation und Gewalteindämmung z. B.: Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen, S. 8f. 215 Vgl. Althoff, Gerd, Das Privileg der deditio, S. 99f. 216 Vgl. etwa auch der Annalista Saxo, a. 967. 76 dass im Jahr 967 die Spannungen zum sächsischen Adel im Gebiet des Ost- und Nordmarken zunächst beigelegt werden konnten. Auch in den Folgejahren werden daher keine weiteren Konflikte Mieszkos in dieser Richtung erwähnt. < # / E'$ F , ! % 0 So hören wir auch erst im Jahr 972 erneut von Kontakten Mieszkos mit dem sächsischen Adel, diesmal mit Markgraf Hodo von der Ostmark, einem Nachfolger des verstorbenen Gero. Wie in Kapitel 5.1.2 der vorliegenden Arbeit erläutert, liegen die Ursachen für die sächsisch-piastischen Auseinandersetzungen im Dunkeln, Lübke vermutet jedoch, dass es sich nur um einen Zusammenstoß der Herrschaftsgebiete gehandelt haben kann, da Hodo nach den Angaben bei Thietmar und beim Annalista Saxo ‚allein’ gegen Mieszko vorgegangen ist.217 Bereits oben setzten wir auseinander, dass Otto II. auf dem Hoftag von Quedlinburg die fragliche Angelegenheit jedenfalls zu Ungunsten Mieszkos geregelt hat, was die Beziehungen zu den Ottonen bis zum Jahr 986 erheblich belastete und die Teilnahme Mieszkos an der Verschwörung Heinrichs des Zänkers wesentlich motivierte. Eine Bestätigung der aufgrund dieses Konfliktes vollzogenen Wende lässt sich auch darin erblicken, dass Hodo und Mieszko auch nach 974 in Kriegshandlungen miteinander stehen; nach den Darstellungen der Adalbertsvita Bruns von Querfurt muss Hodo mit ‚zerrissenen Feldzeichen’ fliehen.218 Ludat hat trotz der umstrittenen zeitlichen Einordnung dieses Ereignisses die These aufgestellt, dass die Kämpfe Mieszkos mit Hodo zwischen 974 und 977 stattgefunden haben müssen.219 In der Tat scheint mir die von ihm gegebene Begründung durchaus plausibel, er bringt nämlich den Konflikt mit Hodo in sachlichen Zusammenhang mit der Heirat Odas, der Tochter des Markgrafen Dietrich, und Mieszkos.220 Obgleich aufgrund der unsicheren Datierung nicht mit letzter Sicherheit zu klären ist, ob die Bemerkungen der Adalbertsvita über den Kampf Mieszkos mit Hodo auf die Heirat mit der Sächsin Oda als Friedensschluss bezogen werden können, erscheint mir der Zusammenhang des Kampfes mit dem Abschluss dieser Ehe aber wie gesagt durchaus wahrscheinlich. Thietmar äußert sich nämlich in folgender Weise über die Verbindung: „Nach dem Tode seiner Mutter vermählte sich sein Vater ohne kirchliche Genehmigung mit der Tochter des Markgrafen Dietrich, einer Nonne aus dem Kloster Calbe. Sie hieß Oda, und groß war ihr Vergehen. Verschmähte sie doch den 217 Siehe Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 162, S. 228. 218 Vgl. Brun von Querfurt, Vita Sancti Adalberti, hier cap. 10. 219 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 41. 220 Zur Bedeutung der piastisch-sächsischen Ehebündnisse ist auch eine Fülle von Literaturr zu erwähnen; z. B. Labuda, Gerard, Fragmenty dziejow Slowianszczyzny Zachodniek, Bd. 1, Poznan 1960; Zakrzewski, Stanisław, Bolesław Chrobry Wielki, Lwów/Warszawa 1925, hier bes. S. 64ff. 77 himmlischen Bräutigam, um ihm einen Kriegsmann vorzuziehen, was alle Kirchenhirten […] missbilligten. Doch das Heil des Landes und der Zwang zur Friedenssicherung ließen daraus keinen Bruch, sondern vielmehr ein heilsames Mittel zur dauerhaften Versöhnung werden; denn sie mehrte in allem den Dienst Christi, führte viele Gefangene in die Heimat zurück, löste die Ketten der Gefangenen, öffnete den Kerker der Beschuldigten […].“221 Die Darstellung Thietmars lässt kaum Zweifel daran, dass ein starkes Bedürfnis nach Frieden den Abschluss der Ehe Odas mit Mieszko bedingt haben muss, denn Oda wird sogar aus dem Klerikerstand herausgenommen, um Mieszko heiraten zu können. Da aber außer dem Konflikt mit Markgraf Hodo keine weiteren Nachrichten über Kämpfe des Piasten in der Region zu finden sind, liegt die Vermutung nahe, dass mit der Ehe auch Frieden zwischen Mieszko und Markgraf Hodo geschlossen werden sollte. In jedem Falle sicher ist jedoch, dass das gespannte Verhältnis Polens zu den sächsischen Markgrafen generell durch die Ehe verbessert werden sollte. Es ist daher durchaus möglich, dass Mieszko nach dem Tode seiner aus Böhmen stammenden Frau Dobrawa 977 eine Neuorientierung seiner politischen Strategie vornahm, nämlich die Entfernung von den Přemysliden und die Annäherung an die Sachsen, wozu die Heirat mit Oda eine geeignete Grundlage als Akt der Bündnisstiftung bot.222 Die im Jahr 977 geschlossene Ehe, auf die wir ja schon im Zusammenhang mit den böhmischen Kämpfen eingingen, erweist sich damit als einer der zentralen Schritte Mieszkos, seine seit 973 nach dem Bruch mit Otto I. problematischen Beziehungen zum Reich wieder zu erneuern, und zwar zunächst über die Knüpfung familiärer Bande mit den Sachsen. Auf Grundlage dieses Bündnisses war es erstmals seit der ersten Erwähnung Mieszkos in den Quellen (zum Jahr 963) möglich, die langwierigen und kräftezehrenden Spannungen zu den Sachsen bzw. den politischen Akteuren der Marken (Wichmann, Gero und Hodo) auf dem üblichen Wege der Bündnisstiftung über eine ‚gemachte Verwandtschaft’ zu befrieden und politisch abzusichern. Hatte Mieszko sich bis zu diesem Zeitpunkt auch aufgrund des 966 geschlossenen Ehebündnisses mit Dobrawa auf die Přemysliden als Bündnispartner verlassen, ist die Ehe mit Oda als Versuch zu werten, die piastische Herrschaft politisch, nämlich über personale Bindungen, näher an die Akteure des Reiches heranzubringen. Zwar hatte sich bekanntlich die Ehe mit Dobrawa insofern als Vorteil 221 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 195: Sed cum mater eiusdem obiret pater eius unam sanctimonialem de monasterio, quod Calva dicitur, Thiederici marchionis filiam, absque canonica auctoritate duxit. Oda fuit nomen eius, et magna erat presumptio illius. Spreverat enim sponsum coelestem, preponens ei virum militarem, quod cunctis aecclesiae rectoribus […] displicuit. Sed propter salutem patriae et corroboracionem pacis necessariae non venit hoc ad discidium, sed reconciliacionis continuae remedium salubre. Namque ab ea Christi servitus omnis augebatur, capticorum multitudo ad patriam reducitur, vinctis catena solvitur, reisque carcer aperitur […]. 222 So auch: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 117, Anm. 149. 78 erwiesen, als Mieszko dadurch zur Annahme des Christentums gebracht wurde, doch dies bildete zunächst einmal nur die sozusagen kulturell-religiöse Grundlage, die die Aufnahme Polens ins lateinische Abendland ermöglichte. Faktische Bedeutsamkeit erlangte diese Einbindung indes erst zu dem Zeitpunkt, als Mieszko in die Lage versetzt wurde, personale Bindungen zu den Akteuren des Reiches aufzubauen. Daher könnte man im Rückblick der Ereignisse durchaus konstatieren, dass die anfängliche Hinwendung zu den Böhmen und die dann folgende Abkehr von ihnen zugunsten der Sachsen den Bestrebungen Mieszkos, seinen Herrschaftsverband als politisch eigenständig verstandenes Konstrukt im Herrschaftsverband des Reichs zu integrieren, immensen Vorschub geleistet haben wird. Tatsächlich gerieten die Böhmen ja auch aufgrund ihrer Unterstützung Heinrichs des Zänkers seit 983 schnell in Opposition zu den Ottonen und zum Reich, ganz im Gegensatz zum im Reichsverband zunehmend integrierten Polen unter Mieszkos Führung. Dass Mieszko wohl generell seit 986 eine Abkehr von den slawischen Verbündeten und eine Hinwendung zum Reich forcierte, konnten wir ja schon an der Huldigung gegenüber Otto III. 986 und am Regest ‚Dagome Iudex’ nachweisen,223 daher wird man die eben angeführten Bemerkungen auch vor dem Hintergrund einer solchen politischen Strategie Mieszkos zu interpretieren haben. Ganz im Sinne dieser Strategie muss man sodann auch die Heirat Bolesławs Chrobry mit der Tochter des Markgrafen Rikdag verstehen. Schon im Rahmen der Bemerkungen zum Bruch Mieszkos mit Boleslav von Böhmen zitierten wir die einschlägige Bemerkung Thietmars; diese sei an dieser Stelle nochmals in Erinnerung gerufen: „Er vermählte sich mit der Tochter des Markgrafen Rikdag, schied sich aber später von ihr; dann nahm er eine Ungarin zu Frau […].“224 Der politische Hintergrund der Ehe zwischen Bolesław und der namentlich nicht bekannten Tochter des Markgrafen ist in der Forschung schon verschiedentlich betont worden.225 Auf diese Weise vermochte Mieszko nämlich in gleicher Weise wie bei seiner Ehe mit Oda die Sicherung des polnischen Herrschaftsraumes weiter voranzubringen, nämlich vornehmlich dadurch, im südlichen bzw. südwestlichen Raum des Reiches die Mark Meißen durch dynastische Bindungen seinem Herrschaftsbereich anzugliedern. Gerade die Ehe Bolesławs mit Rikdags Tochter ist auch ein geradezu paradigmatisches Beispiel dafür, dass prospektiv ausgerichtete Strategien im politischen Kräftefeld des Mittelalters keineswegs immer erfolgreich in die Tat umgesetzt werden konnten. Denn bekanntlich führten die von den Piasten auf die Mark Meißen erhobenen Ansprüche zu so schweren Spannungen mit den Přeymsliden und Boleslav II., dass die Ehe nach einiger Zeit aufgegeben werden musste.226 Nichtsdestoweniger lässt sich an dem Ab- 223 Siehe Kapitel 5.3. 224 Thietmar von Merseburg, IV, 58, S. 197. 225 Vgl. etwa: Bosl, Karl, Böhmen und seine Nachbarn, S. 109; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 21; Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 226a, S. 25f. 226 Siehe auch Kapitel 5.4.1. 79 schluss der Ehe prinzipiell die Gültigkeit der eben aufgestellten Thesen bestätigen. Denn obgleich zwar faktisch die Bemühung Mieszkos gescheitert war, die Mark Meißen auf dem Wege dynastischer Politik unter seine Kontrolle zu bringen, zeichnet sich die Abkehr von den Böhmen und seinem ehemaligen Schwager Boleslav immer deutlicher ab. Schließlich kommen so auch die latenten Spannungen zwischen den beiden Kontrahenten im Kampf um die Burg Mei- ßen erstmals offen zum Ausbruch und kulminieren sodann in den Auseinandersetzungen um Schlesien und Kleinpolen im Jahr 990. Die Auseinandersetzungen um Meißen müssen sich aber auch noch in anderer Hinsicht positiv für die Beziehungen Mieszkos zum Reich ausgewirkt haben. Durch die ungeschickte Strategie Boleslavs von Böhmen Meißen 984 zu besetzen,227 konnte eine erneute Annäherung zwischen den Piasten und dortigen Markgrafen, den Ekkehardinern, stattfinden, was schließlich dazu führte, dass er die Mark Meißen 987 durch einen gemeinsamen Feldzug der Ekkehardiner und der Piasten räumen musste.228 Denn auch die Meißener Markgrafen nähern sich politisch den Piasten an, dies macht das Beispiel Ekkehards deutlich. Er gewinnt nämlich Bolesław Chrobry 978 als ‚Freund’, scheint also mit dem Sohn Mieszkos ein amicitia-Verhältnis einzugehen: „Den Böhmenherzog Boleslaw mit dem Beinamen der Rote gewann er sich zum Vasallen und den anderen (Boleslaw) durch Freundlichkeit und Drohungen zum vertrauten Freunde.“229 Es lässt sich daher vermuten, dass Ekkehard von Meißen daran gelegen war, Bolesław Chrobry durch genossenschaftliche Bande an sich zu binden. Für die politisch instabile Region Meißen bedeutete dies zunächst eine Verbesserung der Lage, und auf piastischer Seite wird man aufgrund der schon länger bestehenden Interessen an der Region gerne das Bündnis mit Ekkehard eingegangen sein. Letztlich zeigt sich aber auch hier, dass das Knüpfen politischer Bande zwischen polnischen und deutschen Herrschaftsträgern vermittels des üblichen Repertoires personaler Bindung funktioniert, wobei die Přemysliden diplomatisch zunehmend isoliert und die Piasten zunehmend integriert werden. Im diachronen Aufriss der Ereignisse wird mithin deutlich, dass sich die Beziehungen Mieszkos zu den Großen des Reiches in verschiedenen Phasen zwischen 973 und 986 verändern: Liegt der Piast zunächst aufgrund territorialer Interessenkonflikte mit dem Markgrafen (sowie Wichmann als mitunter abtrünnigem Adligen) in offenem Konflikt, wandelt sich das piastisch-sächsische Verhältnis seit der Heirat mit Oda und seit dem Kampf um Meißen. Damit verbunden sind die Abkehr von 227 Vgl. dazu: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 25. 228 Vgl. ebd., S.24. Siehe dazu auch: Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, S. 34 ff. Labuda ist sogar der Ansicht, dass Boleslav von Böhmen wegen der Spannungen zu den Piasten, den Ekkehardinern und damit dem Reich gar nicht auf dem Reichstag von Quedlinburg anwesend war, sondern dass Thietmar stattdessen Bolesław Chrobry meinte. 229 Thietmar von Merseburg, V, 7, S. 227: Boemiorum ducem Bolizlavum, qui cognominatur Rufus, ad militem sibi aliumque ad amicum familiarem blandiciis ac minis adipiscitur. 80 den Přemysliden als vormaligen Bündnispartnern und die Hinwendung zum Reich und zu den Markgrafen der Ostmarken. Am Schluss dieses Abschnitts sei noch eine kurze, eher anekdotische Episode aufgegriffen, die dennoch die Einbindung der Piasten in Herrschaftsverband der Großen des Reiches zu illustrieren vermag. Der Autor der Vita des Bischofs Ulrich von Augsburg berichtet nämlich von einer Verwundung des Mieszko in einer Schlacht. Als dieser im Kampf von einem giftigen Pfeil getroffen wird, sollte er zur Heilung eine Opfergabe in Form einer silbernen Hand an den Heiligen Ulrich schicken.230 Selbstverständlich sind solche Mirakelgeschichten immer durch einen gewissen klerikalen Aufputz gekennzeichnet, dies ist ja charakteristisch für die Heiligen- und Bischofsviten.231 Dennoch mag diese kurze Bemerkung verdeutlichen, dass Gerhard von Augsburg, der Autor der Vita, sich der Verbindungen des Reichsfürsten zu den Piasten vollauf bewusst war. Nur aufgrund der allgemeinen Kenntnis der engen Beziehungen Mieszkos zu den Königen und den Großen des Reiches erscheint eine solche Aussage im Bereich des Glaubhaften zu liegen, denn schließlich mussten sich die Autoren der Viten nach dem gemeinhin gängigen Wissenshorizont der Leser richten, um den literarisch präsentierten Wundergeschichten eine gewisse Glaubhaftigkeit zu verleihen. Ohne nun diese Anekdote zu sehr zu strapazieren, können wir an dieser Stelle wohl die Untersuchung der piastischen Beziehungen zu den Magnaten des Reiches zum Ende bringen. Abschließend zum vorigen Abschnitt bleibt damit festzuhalten, dass staatliche oder national ausgelegte Funktionsmechanismen zu keinem Zeitpunkt und in keinem Aspekt der Beziehungen der Piasten zu deutschen Herrschaftsträger festgestellt werden konnten, selbst wenn Mieszko I. in seiner Bündnispolitik klare Hinweise auf eine prospektiv ausgelegte politische Strategie erkennen ließ. Kommen wir damit abschließend zu einer Zusammenfassung der in den voraufgegangenen Untersuchungen erarbeiteten Ergebnisse. 230 Diese Episode findet sich in einer der Mirakelgeschichten, die der eigentlichen Vita des Hl. Ulrich angehängt sind und bereits verschiedentlich publiziert wurden. Vgl. dazu etwa: Banaszkiewicz, Jacek, Mieszko I i władcy jego epoki, in: Piskorski, Jan M. (Hrsg.), Polska Mieszka I. W tysiaclecie smierci tworcy panstwa i Kosciola polskiego, Poznan 1993, S. 89- 110, hier bes. S. 100ff.; vgl. auch: Strzelczyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts, S. 106. 231 Vgl. Haarländer, Stephanie, Vitae Episcoporum. Eine Quellengattung zwischen Hagiographie und Historiographie, untersucht an Lebensbeschreibungen von Bischöfen des Regnum Teutonicum im Zeitalter der Ottonen und Salier (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, 47), Stuttgart 2000.

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Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.