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5 Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen in:

Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde, page 35 - 68

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406-35

Tectum, Baden-Baden
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35 4 / $ 35 4 $ . 6 7 4 $ 8 9 :;<) ;<<=;<>? Um die Ereignisse bei der Anerkennung der Oberherrschaft Ottos I. durch Mieszko I. zu erfassen, bedarf es zunächst der Erläuterung des historischen Kontextes: Im Jahr 955 schließen sich die Neffen Hermann Billungs, Wichmann und Ekbert, der Opposition gegen Otto I. an, dessen Kräfte durch die Lechfeldschlacht gebunden sind, wobei sie sich mit den elbslawischen Abodriten unter ihrem Anführer Nakon verbünden. In Allianz mit weiteren Stämmen überfallen die sächsischen Abtrünnigen zusammen mit ihren neuen slawischen Verbündeten einige Städte in der Elbmark, woraufhin sie zu Landesfeinden erklärt werden.89 Als Otto I. schließlich mit einem Heer in das Gebiet der Abodriten zieht, kommt es im Oktober 955 an der Raxa zur Konfrontation, die mit einem Sieg für den deutschen König endet.90 Obgleich die beiden Sachsen nach der verheerenden Niederlage nach Frankreich fliehen, um der Bestrafung zu entgehen, kehrt Wichmann 957 zurück und nimmt neuerlich die Stellung eines Heerführers bei den Slawen ein. Der sächsische Markgraf Gero kann ihn jedoch gefangen nehmen, so dass er sich neuerlich vor Otto verantworten muss, allerdings setzt sich Gero für Wichmann ein. 963 flieht Wichmann wiederum zu den Slawen, wird aber durch sie an Markgraf Gero ausgeliefert, der ihn wieder freilässt, woraufhin Wichmann die Stellung des Heerführers bei den Redariern annimmt, die Krieg gegen die östlichen Stämme führen. In einem Feldzug Wichmanns werden die Kräfte Mieszkos I. zweimal geschlagen: „Den König Misaca [Mieszko], unter dessen Gewalt die Slawen standen, überwand er 89 Vgl. zum Hergang der Ereignisse auch die Zusammenfassung bei: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 184 sowie Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 127f. 90 Vgl. Mohr, Lutz, Die Schlacht an der Raxa. Recknitz: 1050 Jahre (955-2005). Quellenkritische Bemerkungen und Lokalisierungsversuche zur Schlacht „Über den Moischtenstein“ (Verein für Erlebbare Geschichte des Mare Balticum e.V.), Stralsund 2005. 36 [Wichmann] zweimal, tötete seinen Bruder und erpresste von ihm reiche Beute.“91 Thietmar von Merseburg berichtet von der Unterwerfung folgendermaßen, wobei er – wie in Kapitel 2 bereits angedeutet – die Erläuterungen Widukinds, der zunächst von der Freilassung Wichmanns durch Gero nach seiner Auflehnung gegen Otto, seiner Flucht zu den Redariern sowie dem zweimaligen Feldzug Wichmanns gegen Mieszko berichtet und diese Ereignisse respektive eindeutig differenziert, zu einem Vorgang kontrahiert und überdies Wichmann mit Gero verwechselt: „Markgraf Gero unterwarf Lausitz, Selpuli und sogar Mieszko mit seinen Untertanen der kaiserlichen Herrschaft.“92 Wie Althoff93 argumentiert, besteht kein Grund davon auszugehen, Thietmar besitze neben dem gut informierten Widukind weitere Quellen, die den vermeintlichen Feldzug Geros historisch verbügten. Insofern dürfte Widkunds Darstellung quellenkritisch gesehen mehr Gewicht beizumessen sein als derjenigen Thietmars.94 Althoff kommt so zu einer dezidierten Einschätzung dieser Episode: „There is no reason to suppose that Thietmar is here drawing on his own knowledge of a campaign by Gero against Miesco, and this may be struck from the record.“95 Neben den genannten Stellen finden wir noch eine weitere relevante Bemerkung beim Annalista Saxo, um die frühen Beziehungen Mieszkos zu Otto zu erhellen.96 Dabei fallen einige Aspekte im Ablauf der eben erläuterten Kämpfe der Slawen mit Kräften des Reiches ins Auge: Es handelt sich zunächst einmal um sächsische Adlige, die in Diensten der Abodriten, dann der Redarier tätig sind, die Mieszko schlagen. Die Rolle Mieszkos im Spannungsfeld der Konflikte zwischen Sachsen, dem Reich und den Slawen ist angesichts der äußerst knappen Überlieferungssplitter offenbar so zu charakterisieren, dass er durch die militärischen Niederlagen gezwungen wird, territoriale Expansionsstrategien westlich der Oder zu überdenken, so dass die Festung Lebusa für lange Zeit der ‚Brückenkopf’ der Piasten im Raum westlich der Oder bleiben sollte.97 Dass hierbei aber an ein nach den Prinzipien der Vasallität funktionierendes Verhältnis zwischen Otto und Mieszko gedacht worden ist, wie oftmals in der früheren For- 91 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 141. 92 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14, S. 48: Gero Orientalium marchio Lusizi et Selpuli, Miseconem quoque cum sibi subiectis imperiali subdidit dicioni. Giesebrecht sieht den vermeintlichen Sieg Geros in ziemlich penetranter nationalistischer Verbrämung als ‚Großtat’ an. Vgl. Giesebrecht, Wilhelm, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, S. 181f. 93 Vgl. Althoff, Gerd, Saxony and The Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 286. 94 Zu dieser Einschätzung gelangen auch Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., in: Schlesinger, Walter, Mitteldeutsche Beiträge zur deutschen Verfassungsgeschichte des Mittelalters, Göttingen 1961, S. 306-407, hier S. 383 mit Anm. 284. 95 Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 286. 96 Annalista Saxo, a. 963. 97 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 183f. 37 schung unterstellt wurde,98 geht aus den Quellen nirgendwo hervor, zumal auch die hierfür oftmals als Voraussetzung angeführte vermeintliche Niederlage Mieszkos gegen Gero als Vertreter ottonischer Interessen im Gebiet der Elbe keinen historischen Hintergrund hat. Aufgrund der verfügbaren Überlieferungsbasis ist die These eines vasallitischen Verhältnisses somit als Spekulation zurückzuweisen. Die Bemerkungen bei Widukind legen lediglich den Schluss nahe, dass Mieszko aufgrund der schweren Niederlagen gegen Wichmann und die Redarier militärisch unter Druck geraten ist, welcher seine politischen Handlungsoptionen zunehmend eintschränkte und ihn zu Kompromissen zwang. Diese diffiziele politische Konstellation hat vermutlich dazu geführt, dass Miezsko genötigt wurde, die Oberhoheit Ottos I. grundsätzlich anzuerkennen.99 Dabei lässt sich die These, dass es sich um ein tributäres Verhältnis handelte, aus weiteren Quellenbemerkungen ableiten: Widukind verweist darauf, dass „reiche Beute“ von Mieszko erpresst worden sei, so dass in jedem Falle mit der Unterwerfung eine materielle Komponente verbunden war. Auch die Bemerkung bei Thietmar im unmittelbaren Zusammenhang mit der Unterwerfung Mieszkos, dass „Herzog Hermann Selibur, Mistui und die Ihrem dem Kaiser tributpflichtig machte“,100 verweist auf ein tributäres Verhältnis des Polen zu Otto I., denn offenbar werden auch andere slawische Stämme in ein entsprechendes Verhältnis hineingedrängt. Als Folge der Niederlage gerät er mit dem ihm untergebenen fürstlichen Herrschaftsverbandin ein auf personalen Beziehungen beruhendes tributäres Verhältnis zu Otto I., dessen Modalitäten an dieser Stelle gleichwohl nicht näher bestimmbar sind, jedoch wie gesagt keinesfalls als Lehnsabhängigkeit zu charakterisieren sind.101 Allerdings lassen sich außer den Feststellungen, dass Mieszko in ein Unterordnungsverhältnis gegenüber Otto dem Großen eingetreten ist, Belege dafür finden, dass der Piast entweder in Verbindung mit der Akzeptierung der Oberhoheit Ottos oder auch einge Zeit danach ein amicitia-Verhältnis mit dem Kaiser einging: Als der oben schon erwähnte Billunger Wichmann nach einem Konflikt mit seinem Onkel Herzog Hermann zu den Wollinern flieht, die mit Mieszko im Kampf um die Vormachtstellung an der Odermündung stehen, stel- 98 Vgl. eben Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates; siehe zu dieser Diskussion auch Kapitel 2 der vorliegenden Arbeit. 99 Vgl. Mühle, Eduard, Die Piasten. Polen im Mittelalter, München 2011, hier S. 17: „Schon 964 akzeptierte er [Mieszko] die Oberherrschaft Ottos I., dem er für seine Herrschaft über das Lebuser Land (usque in Vurta fluvium) fortan Tribut zahlte und sich als treuer Verbündeter (amicus imperatoris) zur Seite stellte.“ Siehe dazu auch Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 19: Interea Hodo, venerabilis marchio, Miseconem, inperatori fidelem, tributumque usque in Vurta fluvium solventem, exercitu petivit collecto. 100 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14, S. 48: Herimannus dux Seliburem et Mistui cum suis imperatori tributarios fecit. 101 So auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10; Mühle, Eduard, Die Piasten, S. 17. 38 len diese ihn wegen seiner militärischen Erfahrung an die Spitze ihres Heeres. Interessant ist dabei, dass Mieszko nunmehr als ‚Freund des Kaisers’ apostrophiert wird, der gegen den insurgenten Wichmann zu Felde zieht.102 Sowohl die in der Historiographie beschriebene Situation, in der Wichmann gegen seinen Onkel Herzog Hermann, also einen prominenten Fürsten des Reiches kämpft, als auch die Formulierungen, die Widukind im Zusammenhang mit der Erwähnung Mieszkos nutzt, räumen m. E. jegliche Zweifel an einem Freundschaftsbündnis zwischen Mieszko und Otto dem Großen aus: „Da aber Wichmann hörte, dass die Burg [die Oldenburg] genommen und seine Gefährten in Feindeshand gefallen seien, wandte er sich von neuem gegen Osten und begab sich wieder unter die Heiden; hier beriet er sich mit den Slawen, welche Wuloini heißen, wie sie Misaca, des Kaisers Freund, mit Krieg heimsuchen wollten, was diesem keineswegs unbekannt blieb.“103 Sehr ähnliche, fast identische Formulierungen finden wir beim Annalista Saxo, der bekanntlich auf das Werk Widukinds rekurriert: Milites Wigimanni variis penis afflixit, urbis spolia repperit, magnum spectaculum populo prebuit, victorque in patriam reneaque cum Slavis qui dicuntur Vulini, quomodo Misacam, amicum imperatoris, bello lacesserent […].104 An diesen Formulierungen in Verbindung mit den eben zitieren Bemerkungen Widukinds lässt sich ablesen, dass die Beziehungen zwischen Mieszko und Otto, also den wichtigsten Herrschaftsakteuren Polens bzw. des Reiches, in Folge der Niederlage Mieszkos gegen Wichmann zwar einerseits zunächst tributärer Art waren, aber andererseits entweder zeitgleich oder einige Zeit später auch als reziprokes, freundschaftliches Verhältnis zu chararkterisieren sind. Leider berichten die wenigen auf uns gekommenen Überlieferungssplitter nichts Explizites über rituelle Akte oder den Abschluss der amicitia 963, so dass man nicht mit letzter Sicherheit zu sagen vermag, ob diese Freundschaft nun bereits 963 – von einem solchen unmittelbaren Zusammenhang gehen etwa Schlesinger und Beumann105 aus – oder zu einem späteren Zeitpunkt separat geschlossen worden ist. Wahrscheinlich ist wohl, dass der Übertritt Mieszkos zum Christentum um 966, welcher durch seine Ehe mit der Přemyslidin Dobrawa gefördert wurde, einen wichtigen Beitrag zur Annäherung Mieszkos an Reich und Kaiser geleistet 102 Vgl. dazu: Lübke, Christian, Regesten zur Geschichte der Slawen an Elbe und Oder (vom Jahr 900 an) (Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen, Reihe I, Gnesener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens, 131-134), Berlin 1984, hier Bd. 2, Nr. 123, S. 201f. 103 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, III, 64, S. 143: Audiens autem Wichmannus urbem captam sociosque afflictos ad orientem versus iterum se paganis inmersit, egitque cum Sclavis qui dicuntur Vuloini, quomodo Misicam amicum imperatoris bellos lacesserent; quod eum minime latuit. 104 Annalista Saxo, a. 967. 105 Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., S. 383 mit Anm. 284. 39 haben muss;106 spätestens vor dem Kampf mit Wichmann 967 muss die amicitia jedenfalls zum Abschluss gekommen sein. Dass diese amicitia erst im Kontext der Auseinandersetzungen von 967 erwähnt wird, könnte auf den Duktus der historiographischen Darstellungen Widukinds zurückzuführen sein, der sich im Jahr 963 vorrangig mit mehreren Niederlagen der Slawen beschäftigt, wobei Mieszko in der Aufzählung verschiedener unterworfener Slawenfürsten genannt wird. Ebenso ist in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, dass Mieszko im Jahr 966 getauft worden ist, also 967 anders als noch 962 kein Heide mehr war. Trotz der methodischen Unmöglichkeit, den Zeitpunkt des Abschlusses der amicitia genau festzulegen, ist die Relevanz dieses Bündnisses spätestens seit 967 eindeutig zu belegen.107 Es bleibt also festzuhalten, dass Mieszko I. nach seiner politischen Schwächung durch die Niederlagen gegen den Billunger Wichmann seit 963 in Abhängigkeit zu Otto I. und damit zum Reich gerät. Möglicherweise unmittelbar im Zusammenhang mit der Anerkennung der ottonischen Suprematie 963, spätestens jedoch 967 geht er ein amicitia-Bündnis zu Otto dem Gro- ßen ein, welches ihn über die Reihe der typischen slawischen Tributärstaaten erhebt. 4 # / ! " * ' ;>) / . $ Im Juni 972 liegen Markgraf Hodo, der aus der Sippe des mittlerweile verstorbenen Gero stammt, und Mieszko im Konflikt miteinander.108 Bei dem Ort Zehden erleidet Hodos Aufgebot eine vernichtende Niederlage gegen den Bruder Mieszkos, Cidebur.109 Thietmar äußert sich in folgender Weise zu den Ereignissen: „Inzwischen brachte der wackere Markgraf Hodo Truppen zusammen und griff Mieszko an, obwohl dieser dem Kaiser treu war und bis zur Warthe Tribut zahlte. Nur mein Vater, Siegfried, damals noch ein unvermählter junger Mann, leistete ihm dabei mit den Seinen Hilfe; als sie nun am Tage des St. Johannes des Täufers bei Zehden den Kampf gegen ihn eröffneten, waren sie wohl anfangs erfolgreich, dann aber schlug (Mieszkos) Bruder Cidebur alle die wackeren Ritter bis auf die beiden Grafen. Daraufhin entsandte der von solch schlechter Nachricht beunruhigte Kaiser aus Italien Boten an Hodo und Mieszko: Sie hätten bei Verlust seiner Huld Frieden zu halten, bis er selbst komme und ihren 106 Siehe dazu Kapitel 6. Vgl. auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10. 107 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 10. 108 Zur Stellung und zur Herkunft des Markgrafen Hodo vgl. z. B.: Althoff, Gerd, Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen, München 1984, S. 392; ders., Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart/Berlin/Köln 2000, S. 133; Beumann, Helmut, Die Ottonen, Stuttgart 1991, S. 110; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 25, S. 34, S. 41. Vgl. zu den beschriebenen Ereignissen auch: Strzelcyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts, S. 204 oder Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 133. 109 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 162, S. 226f. 40 Streit untersuchen könne.“110 Auch hier zeigt sich das Zusammenwirken des Tribut- und des amicitia-Verhältnisses, so nennt Thietmar im zitierten Passus beide Beziehungsformen nebeneinander.111 Auf das Konfliktverhältnis zwischen Hodo und Mieszko werden wir unten noch zu sprechen kommen.112 Interessant ist an dieser Stelle zunächst das Verhältnis des Piasten zu Otto dem Großen. Lübke betont, dass die Umstände, die zu den Auseinandersetzungen zwischen Hodo und Mieszko führten, völlig im Dunkeln liegen, allerdings deutet die explizite Betonung Thietmars, der Pole sei ein ‚Getreuer’ des Königs, darauf hin, dass Mieszko keine provozierenden oder aggressiven Handlungen gegen den Markgrafen unternommen und damit den Konflikt nicht selbst ausgelöst hat. Möglicherweise war die Ursache des Konflikts eine Grenzstreitigkeit zwischen den beiden Kontrahenten bezüglich des östlichen Markengebietes in der Lausitz bzw. dem Westrand des Einflussbereichs Mieszkos.113 Das Verhalten Ottos des Großen zeigt dabei zunächst die typischen Elemente der Deeskalation: Unter dem Vorsitz des Königs als Richter soll bei einer Zusammenkunft über den Konflikt entschieden werden. Das Androhen der Huldentziehung ist dabei konform zu den gängigen Regeln mittelalterlicher Konfliktführung, denn üblicherweise bedeutet eine entsprechende Drohung, dass eine Verhaltensänderung der dadurch adressierten Konfliktpartei erwartet wird.114 Entscheidend ist dabei, dass der Huldentzug nur dann seine intendierte Wirkung entfalten kann, wenn vorher auch ein entsprechendes Verhältnis zwischen dem König und den involvierten Großen als Konfliktparteien bestanden hat, d. h., wenn ein herrschaftliches, freundschaftliches oder verwandtschaftliches Verhältnis zwischen ihnen gegeben ist.115 Daher lassen sich die Befunde der herrschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen des Piasten zu Otto, die im vorangegangenen Kapitel herausgestellt wurden, auch an dieser Stelle bestätigen, denn schließlich wird Mieszko im Konflikt mit Hodo in gleicher Weise behan- 110 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 29, S. 74: Interea Hodo, venerabilis marchio, Miseconem inperatori fidelem tributumque usque in Vurta fluvium solventem exercitu petivit collecto. Ad cuius auxilium pater meus comes Sigifridus, tunc iuvenis necdumque coniugali sociatus amori, venit solum cum suis et in die sacnti Iohannis baptistae adversus eum pugnantes primoque vincentes a fratre eiusdem Cideburo, exceptis tantum comitibus prefatis, omnes optimi milites interfecti oppecierunt in loco, qui vocatur Cidini. Hac de fama miserabili inperator turbatus de Italia nuncios misit precipientes Hodoni atque Miseconi, si gratiam suimet habere voluissent, usque dum ipse veniens causam discuteret, in pace permanerent. 111 Gleiches gilt wie zu erwaten auch für die Annalista Saxo, a. 972: Interea Odo venerabilis Marchio Miseconem, inperatoris fidelem tributumque usque in Vurta fluvion persolventem, collecto exercitu petivit. 112 Siehe die Kapitel 6.1 und 6.2. 113 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 162, S. 228. 114 Althoff, Gerd, Huld. Überlegungen zu einem Zentralbegriff der mittelalterlichen Herrschaftsordnung, in: ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 199- 228, hier S. 204f. 115 Vgl. ebd., S. 204. 41 delt wie der sächsische Markgraf: Beide besitzen also zum Zeitpunkt des Konfliktes 972 die Huld des Kaisers, weswegen dieser in gleicher Weise an beide appelliert, sich des Kampfes zu enthalten, um seine Huld nicht zu verlieren. Indessen wandelt sich das Verhältnis zwischen Otto und Mieszko alsbald in fundamentaler Weise: Nach der Darstellung der Altaicher Annalen erscheint Mieszko auf dem Reichstag in Quedlinburg zu Ostern 973 möglicherweise gar nicht selbst, sondern entsendet lediglich seinen Sohn Bolesław Chrobry als Geisel; Thietmar berichtet allerdings von der persönlichen Präsenz des Mieszko. Nun geben uns unglücklicherweise weder Thietmar noch andere relevante Quellen – etwa die Hildesheimer Annalen oder Lampert von Hersfeld – direkte Auskunft über die Schlichtung des Konfliktes zwischen Hodo und Mieszko. Thietmar gibt etwa nur die folgenden Hinweise: „Dann zog er [Otto] nach Quedlinburg, um das bevorstehende Osterfest mit dem Lobe Gottes und in weltlicher Freude zu begehen. Hier fanden sich auf Anordnung des Kaisers ein die Herzöge Mieszko und Bolesław, ferner Gesandte der Griechen, Beneventer, Ungarn, Bulgaren, Dänen, Slawen und alle Großen aus dem gesamten Königreiche. Alle Fragen fanden eine friedliche Schlichtung, und man kehrte mit reichen Gaben beschenkt frohgemut heim.“116 Angesichts der Darstellung Thietmars und der in seinem Bericht beschrieben zeichenhaften Gesten müsste die Angelegenheit zwischen Mieszko und Hodo eigentlich zu einem gütlichen Abschluss gekommen sein, so dass schließlich auch die Beziehungen zwischen Mieszko und Otto weitgehend schadens- und verlustfrei aus dem Konflikt hervorgegangen sein könnten. Allerdings gibt diese Darstellung durch Thietmar auch Anlass zur Skepsis: Einige Vertreter der polnischen Mediävistik stützen sich etwa auf eine Bemerkung der Altaicher Annalen zum selben Reichstag, um aufzuzeigen, dass Otto sich bereits vorher zugunsten Hodos entschieden habe, so dass Mieszko dem Hoftag fern blieb:117 „Auch Mieszko, der Herzog der Slawen, schickt von Schrecken erfasst, seinen Sohn als Geisel.“118 Da dieses Verhalten als Symptom einer signifikanten Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen in der Nachfolge des Kampfes Mieszkos mit Hodo gesehen werden kann, sind zu diesem Punkt noch einige weiterführende Bemerkungen anzuschließen. Die Frage, ob Bolesław als Geisel am Hof Ottos verbleiben ist, ist nicht eindeutig zu klä- 116 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 31, S. 76: Dehinc ivit ad Quedlingeburg proximum pascha divinis laudibus humanisque peragens gaudiis. Huc confluebant inperatoris edictu Miseco atque Bolizlavo duces et legati Graecorum, Beneventorum, Ungariorum, Bilgariorum, Danorum et Sclavorum cum omnibus regni totius primariis; consummatisque pacifice cunctis, ditati muneribus magnis reversi sunt ad sua laetantes. 117 Z. B. Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, Bd. 1, Warszawa 1988, S. 126 oder Lowimianski, Henryk, Poczatki Polski, Warszawa 1963, S. 559f.; vgl. zu diesem Problem auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 163, S. 229. 118 Annales Altahenses, a. 973. 42 ren,119 weil sowohl die Altaicher Annalen als auch die Quedlinburger Annalen übereinstimmend nichts von einer persönlichen Präsenz Mieszkos auf dem Reichstag zu berichten wissen: „Darnach ging er [Otto] zur Abtei Quedelinburg, welche seine ehrwürdige Mutter Machthild gegründet hatte, und indem daselbst die Gesandten des Polanischen und Böhmischen Herzogs, auch der Griechen, Beneventer, Ungarn, Bulgaren, Dänen und Slawen ankamen, verbrachte er das Osterfest […] in fürstlicher Pracht.“120 In der Tat scheint die These einiger polnischer Historiker wie Labuda oder Lowimianski daher nicht abwegig, Otto habe bereits vor dem Reichstag 973 zugunsten des Markgrafen Hodo und damit gegen Mieszko entschieden. Schon im Vorfeld des Reichstages zu Quedlinburg scheint es also zu einer dramatischen Verschlechterung der Beziehungen zwischen Otto und Mieszko gekommen zu sein. Überdies erscheinen die Bemerkungen Thietmars zumindest über das gegenseitige Einvernehmen auf dem Reichstag von Quedlinburg angesichts der nach 973 folgenden Auseinandersetzungen zwischen Otto II. und Mieszko wenig glaubwürdig, denn schon ein Jahr später beteiligt sich der Pole an einer Verschwörung gegen den neuen König: „In demselben Jahre [974] schmiedeten der Herzog Heinrich von Bayern [der Zänker] und der Bischof Abraam [von Freising] einen Plan mit Bolislaw und Misigo, wie sie dem Kaiser seine Herrschaft vernichten könnten; und zwar wurde dies in so unseliger Weise abgemacht, dass, wenn die göttliche Barmherzigkeit nicht ein Einsehen gehabt und dazu die Klugheit Beratholds es nicht zu Nichte gemacht hätte, fast ganz Europa verödet und zu Grunde gerichtet worden wäre.“121 Auch Lampert von Hersfeld äußert sich zum Jahr 974 in der gleichen Weise: „Herzog Heinrich von Bayern und Bischof Abraham schmiedeten mit Boleslav und Mieszko einen verruchten Anschlag gegen den Kaiser. Doch als der Kaiser von diesem verabscheuungswürdigen Plan erfuhr, versammelte er seine Fürsten und bat um ihren Rat, was er dagegen tun solle.“122 Obgleich die Verschwörung aufgedeckt werden konnte, tritt Mieszko nach 973 als Gegner Ottos II. in Erscheinung. Letztlich liegt wohl die Ansicht nahe, diese Verschwörung als Schwureinung (,conspiratio ) mit Heinrich von Bayern und Bischof Abraham zu charakterisieren, nicht zuletzt, da sie explizit dem Ziel diente, den amtierenden Kaiser seiner Herrschaft zu berauben. 119 Vgl. zu dieser Frage etwa: Labuda, Gerard, Czy Bolesław Chrobry byl w mlodosci zakladnikiem u Niemcou? (Was the young Boleslaw the Brave a hostage of the Germans?), in: Roczniki Historyczne 16 (1974), S. 244-305. 120 Annales Magdeburgenses, a. 973. 121 Annales Altahenses, a. 974. 122 Vgl. Lampert von Hersfeld, Annales, a. 974, S. 43: Heinricus dux Baiorariorum et Abraham episcopus cum Bolisclaione et Mischione inierunt contra imperatorem pravum consilium. At imperator, tali nefando comperto consilio, congregavit omnes principes suos, et quid inde faceret, consilium petit. Vgl. zu der Verschwörung auch: Lübke, Christian, Regesten, Nr. 147, S. 244f. 43 Die Veränderungen der Beziehungen zwischen Otto I. bzw. Otto II. und Mieszko sind vor dem Hintergrund des üblichen Verhaltensrepertoires bei Konfliktsituationen gut nachzuvollziehen: Man wird kaum fehl in der Annahme gehen, unterschiedliche Stufen der Eskalation des Konfliktes zwischen Otto I. und Mieszko, und damit in der Verschlechterung ihrer jeweiligen Beziehungen, anzunehmen. Rekapitulieren wir daher den möglichen Verlauf der Ereignisse im Rückgriff auf die Funktionsprinzipien mittelalterlicher Konfliktführung: Ausgangspunkt der Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Piasten und Ottonen seit 972 ist offenbar der Kampf Mieszkos gegen Markgraf Hodo. Zu diesem Zeitpunkt bezeichnen sowohl Thietmar als auch der Annalista Saxo den Polen als ‚Getreuen’ des Kaisers. Zwar liegen die Ursachen für den Konflikt zwischen ihm und Hodo wie gesagt leider im Dunkeln, allerdings ist es nicht unwahrscheinlich, dass Hodo den Konflikt provozierte – warum sonst sollten sowohl Thietmar als auch der Annalista Saxo explizit das Treueverhältnis Mieszkos zu Otto und damit zum Reich betonen? Obgleich in diesem Punkt keine epistemologische Sicherheit zu erreichen ist, lässt dann aber das Verhalten Mieszkos beim Reichstag von 973 keine Zweifel aufkommen: Das Fernbleiben trotz der zuvor deutlich durch Otto ausgesprochenen Vorladung kann als klarer Hinweis auf einen beginnenden Konflikt gewertet werden, schließlich kannte die mittelalterliche Adelsgesellschaft elaborierte Zeichen und Symbole, um Eskalationen anzuzeigen: „Wer nicht mehr heiter redete, den anderen mied oder nicht mehr grüßte, der sandte eindeutige Zeichen [der Eskalation] aus […].“123 Möglicherweise hat Otto im Gegenzug zum Fernbleiben vom Reichstag, vielleicht aber auch bereits vor dem Reichstag, seine Drohung wahr gemacht und Mieszko seine Huld entzogen. Obwohl die Quellen über den Zeitpunkt des Huldentzugs schweigen, wäre dies eine den Umständen adäquate Handlungsweise des Kaisers, da Mieszko die Vorladung zum Reichstag missachtete. Eventuell ist es aber wie gesagt schon vorher zum Huldentzug gekommen, da Mieszko in jedem Falle die Entscheidung des Kaisers zugunsten des Markgrafen Hodo nicht zu akzeptieren schien, was ihn ja zum Fernbleiben vom Reichstag bewog. Die nächste Stufe der Eskalation wäre dann in der Planung eines Aufstandes gegen Otto II. zu sehen. Neben ersten Zeichen der drohenden Eskalation wie der Meidung des künftigen Gegners auf dem Reichstag, schließen sich daran konkretere Maßnahmen zur Fehdeführung an, in diesem Falle ein Plan, den neu erwählten Otto II. seiner Herrschaft zu berauben. Konkret handelte es sich dabei um die eben erwähnten Vereinbarungen Mieszkos mit Herzog Heinrich, Bischof Abraham und Boleslav von Böhmen, die man als conspiratio bezeichnen kann.124 In den Folgejahren erscheint Mieszko nun immer wieder in Konflikten mit Hodo, aber auch anderen Großen der Sachsen, in denen er siegreich bleibt. Die Auseinandersetzungen können erst durch eine Heirat mit der Sächsin Oda, der 123 Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen, S. 9. 124 Vgl. dazu Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 157. 44 Tochter des Grafen der sächsischen Nordmark, Dietrich von Haldensleben, beendet werden (darauf werden wir in Kapitel 6.2 nochmals zurückkommen),125 wobei diese Vorgänge freilich ebenfalls als ein Indiz dafür zu werten sind, dass die Streitigkeiten um die Markengebiete von Otto dem Großen nicht in Mieszkos Sinne gelöst worden sind. Als wichtige Ursache der massiven Verschlechterungen der ottonisch-piastischen Beziehungen sind mithin die polnisch-sächsischen Auseinandersetzungen auszumachen. Eine entsprechende Bemerkung Thietmars macht nämlich klar, wie groß die Animositäten zwischen Hodo und Mieszko waren: „Zu Lebzeiten des wackeren Hodo wagte sich dieses Mannes [Boleslaws] Vater Mieszko niemals in ein Haus, in dem er ihn [Hodo] wusste, im Pelze zu betreten oder sitzen zu bleiben, wenn er sich erhob.“126 Obwohl Thietmar in diesem Passus in ziemlich einseitiger Beurteilung der Angelegenheit Hodo als vortrefflichen und Mieszko überlegenen Akteur darstellt, ist die Stelle durchaus als Indiz der erheblichen Spannungen, die zwischen den beiden bestanden haben müssen, zu werten. Vielleicht ist aufgrund der Schärfe der Spannungen die wahrscheinliche Entscheidung des Kaisers Otto zugunsten des sächsischen Markgrafen umso schwerer für den polnischen Fürsten zu tragen gewesen, wodurch sich die massive und zugleich rasch vollzogene Verschlechterung der ottonisch-piastischen Beziehungen erklären ließe. Dass seit dem Reichstag von Quedlinburg eine sukzessive Verschlechterung der deutsch-slawischen Beziehungen eingetreten ist, die letztlich bis zum gewaltsamen Konflikt führte, macht überdies der Fall des ebenfalls an der Verschwörung beteiligten Boleslav von Böhmen klar, der seit 974 offensichtlich erbitterte Kämpfe mit Otto II. austrägt. Lampert von Hersfeld bemerkt in seinen Annalen etwa: „In demselben Jahr [975] verwüstete und brandschatzte der Kaiser Böhmen“;127 ganz ähnlich auch die Altaicher Annalen: „In demselben Jahre brannte und verwüstete der Kaiser Otto das Land der Böhmen.“128 Sowohl Bolesław als auch Mieszko liegen nach 974 also im gewaltsamen Kampf entweder mit Reichsfürsten oder mit dem König selbst. Möglicherweise unternahm 979 Otto II. selbst einen Kriegszug gegen Mieszko,129 allerdings ist in der einzigen Quelle, die einen Feldzug gegen die Slawen im fraglichen Zeitraum erwähnt, nämlich der Bistumsgeschichte von Cambrai, nur von einem Zug Ottos II. gegen ‚feindliche Slawen’ die Rede.130 Obwohl nicht ganz klar ist, warum die Quellen zweifelsfrei 125 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 194. Dazu auch Lübke, Christian, Regesten, Nr. 180, S. 252f. 126 Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 10, S. 232: Viviente egregio Hodone pater istius Miesco somum, qua eum esse sciebat, cruscinatus intrare vel eo assurgente numquam presumsit sedere. 127 Lampert von Hersfeld, Annalen, a. 975, S. 43. 128 Annales Altahenses, a. 975. 129 So zumindest Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 12. 130 Gesta Episcoporum Cameracensium, I, 101; vgl. auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 2, Nr. 206a, S. 292f. 45 nur auf den Angriff Kaiser Ottos auf den Böhmen, nicht aber den Polen verweisen, ist dennoch zu bemerken, dass nach der Verschwörung die letzte Stufe der Eskalation spätestens im Jahr 975 erreicht ist. Während aber Mieszko seine Auseinandersetzungen mit dem sächsischen Adel siegreich gestalten kann, muss Boleslav von Böhmen die Verwüstung seines Landes durch Otto II. hinnehmen, was als Zeichen der kaiserlichen Stärke zu werten ist.131 Für die Bewertung der ottonisch-piastischen Beziehungen bleibt damit festzuhalten, dass nach dem Kampf Mieszkos mit Hodo eine merkliche Verschlechterung eingetreten sein muss, was sich im Fernbleiben vom Reichstag, in der Bildung einer Verschwörung und in erneuten Kämpfen gegen Otto II. und die Sachsen in entsprechenden zunächst symbolischen, dann gewaltsamen Akten äußerte. Es bedarf dabei kaum der Erwähnung, dass die Bande der amicitia zwischen der ottonischen und der piastischen Dynastie durch diese Vorfälle zerrissen worden ist. Dass nun diese Zerstörung der amicitia und die daran anschlie- ßende Eskalation der Auseinandersetzungen sowohl für das Verhältnis Ottos des Großen als auch seines Sohnes Otto II. zu Mieszko gilt, ist durch die Funktionsweisen der Gruppenbindung zu erklären: Man muss schließlich nicht nur das Verhältnis zwischen isolierten Herrschaftsakteuren, sondern zwischen den durch sie repräsentierten Gruppen untereinander berücksichtigen, um die Geltungsbreite des Konfliktes zwischen Otto I. und Mieszko zu ermessen, denn bekanntermaßen wirken in der mittelalterlichen Politik stets interpersonale Verflechtungen und Banden, in denen der Akteur niemals für sich allein steht.132 Demgemäß ist es auch nur folgerichtig, dass die Beziehungen zwischen Otto I. und Mieszko Auswirkungen auf die Beziehungen Ottos II. zu den Piasten hat. Allerdings sind die massiven Spannungen jedoch nur auf die Otto I. und Otto II. verbundene Kreise zu beziehen, was im Rahmen der verwandtschaftlichen Bindungen der Ottonen die sächsische Linie der Liudolfinger umfasst. Indes greift Mieszko I. demgegenüber die Möglichkeit auf, sich mit Heinrich dem Zänker, dem Kontrahenten Ottos II. aus der bayerischen Linie der Liudolfinger, zu verbinden, um Otto zu schädigen. Es zeigt sich bei der Betrachtung dieser politisch höchst wichtigen Konstellationen also neuerlich, dass die deutsch-polnischen Beziehungen nur unter der Perspektive der Wirksamkeit personaler Beziehungsgeflechte erfolgen kann, als deren integraler Bestandteil Mieszko im Konflikt mit den sächsischen Ottonen (und damit den Königen) auftritt. 131 Vgl. Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen, S. 6: „In der Tat war die mittelalterliche Konfliktführung in hohem Maße menschenverachtend. Fühlte man sich ungerecht behandelt, zurückgesetzt oder beleidigt, eröffnete man einen gewalttätigen Konflikt, indem man Land und Leute des Gegners schädigte. […] Sinn dieses barbarischen Tuns war es, den Gegner durch Demonstration der Stärke zum Einlenken und Nachgeben zu bewegen.“ 132 Siehe Kapitel 4.1. Vgl. Keller, Hagen, Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, S. 24f. 46 4 # / $ . . / ! &' ! @ $ " 0 * ' ;A+ Das Auftreten Mieszkos und auch Boleslavs (von Böhmen) auf dem Reichtag von Quedlinburg steht ganz im Zeichen der 974 relevanten Gruppenkonstellationen, nämlich der conspiratio mit Heinrich dem Zänker. Auch an dieser Stelle ist zum vollen Verständnis der recht komplizierten Lage im Reich nach dem Tode Ottos II. ein kurzer Rekurs auf die historischen Umstände geboten: Als Schwertmage des gerade einmal drei Jahre alten Otto III. beansprucht Heinrich der Zänker, der sich bis 984 wegen seiner Versuche, Otto II. zu stürzen, in Haft befunden hatte, die Vormundschaft des noch minderjährigen Thronfolgers für sich.133 Zwar hatte Heinrich mit dieser Maßnahme durchaus eine Perspektive, nach dem Tode Ottos II. wieder in legitimer Weise eine wichtige Stellung im Herrschaftsverband des Reiches einzunehmen, doch bedurfte es einer entsprechenden Anhängerschaft, um diese Perspektive in die Realität umzusetzen. Zum Palmsonntag lädt Heinrich daher die Fürsten nach Magdeburg, um durch Verhandlungen seine Königserhebung zu erreichen, allerdings verzögern die Fürsten die Entscheidung mit der Begründung, dass sie „zuvor die Erlaubnis ihres Herrn Königs, dem sie geschworen hätten“ einholen müssten.134 Da Heinrich ob dieses Verhaltens seinen ‚Unwillen’ zeigt, entfernen sich einige Fürsten, um den Plan des Zänkers, den Thron zu erlangen, zu vereiteln.135 Die Versammlung von Magdeburg brachte für Heinrich also nicht den erhofften Erfolg, so dass nur weitere Bestrebungen, potente Fürsten auf seine Seite zu bringen, die Aussicht auf die Thronerhebung bedeuten konnten. In Sachsen etwa warb Heinrich vehement um Zustimmung und hielt in diesem Kontext im März 984 einen Reichstag in Quedlinburg ab. Thietmar berichtet von diesem Ereignis in folgender Weise: „Von da begab sich Heinrich nach Quedlinburg. Hier kamen viele Große des Reiches zusammen; einige aber, die es vorzogen, nicht zu erscheinen, sandten Beobachter, die sorgsam auf alles Acht haben sollten. Während dieses Festes wurde er von den Seinen als König begrüßt und durch kirchliche Lobgesänge ausgezeichnet. Die Herzöge Mieszko, Mistui und Boleslaw und viele andere hatten sich eingestellt. Sie alle sicherten ihm eidlich als König ihre Unterstützung zu.“136 Da sich durch die Thronansprüche Heinrichs 133 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 1, S. 130; vgl. zu diesen Ereignissen auch die treffliche Zusammenfassung bei Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 153ff. sowie ders. Otto III. (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 1996, S. 44ff. 134 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 1. S. 132. 135 Ebd. 136 Thietmar von Merseburg, IV, 1. S. 133: Inde egressus Heinricus proximum pascha Quedlinburg festavis peregit gaudiis. Quo magnus regni primatus colligitur, a quibusdam autem venire illo nolentibus ad omnia diligenter inquirenda nuntius mittitur. Hac in festivita idem a suis publica rex appelatur laudibusque divinis attolitur. Huc Miseco et Mistui et Bolislovo 47 Parteiungen für und gegen ihn gebildet hatten, ist es an dieser Stelle zunächst einmal bemerkenswert, dass Thietmar lediglich die drei slawischen Fürsten als Parteigänger des Zänkers neben seinen Gefolgsleuten nennt. Dies ist sicher darauf zurückzuführen, dass Thietmar an dieser Stelle deutlich Partei zugunsten der antiheinrizianischen Fürstengruppe ergreift, denn bei der Aufzählung der Getreuen Ottos III., die vom Reichstag verfrüht abreisen und unmittelbar anschließend eine coniuratio gegen Heinrich bilden, ist er recht großzügig.137 Christian Lübke hat die Ansicht geäußert, das Erscheinen der slawischen Fürsten auf dem Reichstag und die Leistung des Treueides seien nicht als Auflehnung gegen die ottonische Linie des Kaiserhauses intendiert gewesen, da sich erst nach dem Quedlinburger Reichstag die Opposition gegen den Zänker gebildet habe.138 Diese Ansicht erscheint mir indes aus verschiedenen Gründen nicht plausibel: Zunächst einmal ist zu konstatieren, dass die Vormundschaft Heinrichs gegenüber dem minderjährigen König nicht als einvernehmliche Verwandtschaftsgeste, sondern eindeutig als konfliktbesetztes Verhalten eingeschätzt worden ist. Thietmar berichtet nämlich, dass die Kaiserinnen Theophanu und Adelheid erst ins Reich kamen, als sich Verhandlungen zwischen den Parteien Heinrichs und Ottos abzeichneten, nämlich zum Reichstag nach Rohr im Juni 984.139 Es ist wohl kaum ein anderer Grund denkbar, dass die Frau und die Mutter des soeben verstorbenen Kaisers eine Reise ins Reich scheuten, schließlich hätte ja bei einer friedlichen politischen Konstellation einem Reverenzerweis gegenüber Otto II. nichts entgegen gestanden. Aber auch die eben zitierten Bemerkungen Thietmars zum Reichstag von Magdeburg legen die Vermutung nahe, dass schon zu diesem Zeitpunkt eine Spaltung in zwei Lager stattgefunden hat bzw. sich zumindest deutlich abzeichnete. Nicht umsonst wird die ,indignatio Heinrichs bezüglich des hinhaltenden Verhaltens vieler Reichsfürsten gesondert bei Thietmar erwähnt, und nicht umsonst entfernen sich einige Fürsten verfrüht und ohne angemessene Verabschiedung vom Reichstag. All diese Elemente deuten in ihrer Symbolhaftigkeit auf zunehmende Spannungen hin, die offenbar in den üblichen Bahnen der Konfliktaustragung verlaufen, denn die Fürsten bilden ja bekanntermaßen nach dem Reichstag in Quedlinburg eine coniuratio gegen den Zänker, machen also den nächsten Schritt der Eskalation. Dass sowohl der Böhme als auch der Pole Heinrich ihre Treue bekunden, verweist auf die Erneuerung der bereits 974 geschlossenen Verbindung dieser drei Akteure sowie das nach wie vor konfliktbelastete Verhältnis Mieszkos zu Otto III. als Nachfolger und Sohn Ottos II. Da sich die sächsische Linie der Ottonen sich in der Frage der Thronfolge im Konflikt mit dem Zänker befand, duces cum caeteris ineffabilibus confluebant, auxilium sibi deinceps ut regi et domino cum iuramentis affirmantes. 137 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 2, S. 133. Vgl. zu dieser Interpretation auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 157. 138 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 228, S. 27f. 139 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 8, S. 139. 48 passt der Vollzug des symbolischen Treueides gegenüber Heinrich auch vollauf in das Bild der bisher geformten gruppenpolitischen Konstellationen: Nach wie vor herrscht ein gespanntes Klima zwischen den sächsischen Ottonen, die Mieszko zu früherer Zeit mit der Entscheidung zugunsten des Markgrafen Hodo brüskiert hatten, und dem Piastenfürsten, so dass dieser entsprechend klar Stellung zur Partei Heinrichs des Zänkers bezieht. Es bedarf dabei wohl kaum der expliziten Erwähnung, dass es sich beim Konflikt mit den sächsischen Ottonen nicht um einen abstrakten Konflikt mit dem Reich als solchem gehandelt haben kann, sondern um einen personalen Konflikt des Piasten mit Otto II. und Otto III. im Kontext ihrer jeweiligen Gruppenbindungen. Dass dabei Mieszko stets darauf bedacht sein musste, die Situation seiner Herrschaft zu konsolidieren und vor Übergriffen durch Akteure aus dem Reich zu schützen, kommt als weiterer Grund für die Parteinahme zugunsten des Zänkers hinzu, die überdies im Zusammenhang mit Eheschließungen in Sachsen, die wir in Kapitel 6.2 noch ausführlicher behandeln werden, auch als Element einer breiter angelegten Strategie Mieszkos zur Sicherung des polnischen Einflussbereiches erscheint. Daher nimmt es auch nicht Wunder, dass Mieszko ohne Zögern ein Treue- und Unterordnungsverhältnis gegenüber dem Zänker als Gegner der sächsischen Ottonen in Kauf nimmt, um damit aktiver Bestandteil der Opposition zu werden. Schließlich bewirkte aber die friedliche Regelung der Thronfolge zugunsten des jungen Otto III. eine Konterkarierung der Zweckbestimmung der bis dato geformten Opposition. In Aussicht auf eine vollständige Restitution seiner Herrschaft in Bayern unterwirft sich Heinrich nämlich in einem öffentlichen Ritual König Otto III. In Frankfurt kommt es 985 zunächst zu folgender Szene: „Als das königliche Kind nach Frankfurt kam, da kam auch er [Heinrich] dorthin und erniedrigte sich nach Gebühr, um der Strafe für seine ungerechte Erhebung zu entgehen. Demütig in Aufzug und Haltung, beide Hände gefaltet, errötete er nicht, vor den Augen der gesamten Menge und in Gegenwart der kaiserlichen Frauen, welche die Regierung besorgten, der Großmutter, Mutter und Tante des Kindes, sich dem königlichen Knaben als Lehnsmann zu ergeben. […] In wahrhafter Treue versprach er ihm ferner zu dienen, forderte nichts für sich als das Leben und bat nur um Gnade. Die Frauen aber, durch deren Sorge das Reich und die Jugend des Königs geleitet wurden nahmen ihn, gar sehr erfreut durch die demütige Ergebung eines so hohen Mannes, mit verdienter Ehre auf […] und als er begnadigt und zur herzoglichen Würde wieder erhoben, waren sie ihm nicht nur unter den Freunden, sondern unter den Befreundetsten in schuldiger Liebe zugetan, wie das Recht der Verwandtschaft es fordert.“140 Es wäre nun anhand der eben beschriebenen Entwicklungen denkbar, dass nach der Unterwerfung des Zänkers die Slawenfürsten Mieszko und Bolesław in unmittelbarer Folge dieses Ereignisses als seine Getreuen ebenso die Anerken- 140 Annales Qudelinburgenses, a. 985. Vgl. zu diesem Ereignis auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 160; ders., Otto III., S. 45f. 49 nung der Oberherrschaft Ottos III. vollzogen und daher folgerichtig 986 auch beim Hoftag in Quedlinburg anwesend waren. Auch wäre es denkbar, dass der Grund für die dann folgende neuerliche Hinwendung Mieszkos zu den Ottonen darin zu suchen ist, dass aufgrund der Unterwerfung des Zänkers das Bündnis mit ihm als politisches Instrument gegen die (sächsischen) Ottonen im Reich entfiel. Wahrscheinlicher ist jedoch m. E., dass schon kurz nach der Huldigung des Zänkers durch Mieszko die Verbindung zwischen beiden durch Konflikte Mieszkos mit Boleslav von Böhmen, der ja ebenso ein treuer Parteigänger Heinrichs des Zänkers ist, so schweren Belastungen ausgesetzt wurde, dass das Bündnis mit dem Bayern und dem Böhmen politisch untragbar wurde, also als Begründung der Anwesenheit Mieszkos und Bolesławs auf dem Hoftag 986 und als motivierendes Agens der Huldigung Mieszkos gegenüber dem zuvor noch befehdeten Otto III. kaum in Frage kommen kann. Um diese Ansicht im Einzelnen nachvollziehbar zu machen, bedarf es nachfolgend einiger differenzierterer Betrachtungen, um die diplomatisch relevanten Beziehungsgeflechte der involvierten Akteure zu analysieren. 4 ) / B % * $ . ;A< ;;# 4 ) - 5 ' ! &' . ;A< Bereits vor dem Erscheinen des Böhmen Boleslav und Mieszkos auf dem Reichtag zu Quedlinburg 984 zeichneten sich Spannungen zwischen den beiden Fürsten ab. Bolesław (Chrobry), der Sohn Mieszkos, heiratete 984 nämlich die Tochter des Meißener Markgrafen Rikdag.141 Diese Maßnahme erscheint in der Darstellung Thietmars im Duktus der bekannten parteiischen Verzerrungen als Symptom niederträchtiger Verschlagenheit, denn der Chronist bringt die Heirat Bolesławs fälschlicherweise mit seiner Herrschaftsnachfolge in Polen nach dem Tode seines Vaters Mieszko in Verbindung: „Doch am 25. Mai im Jahre 992 […] ging der nunmehr gealterte und kränkelnde Herzog [Mieszko] aus dieser Fremde hinüber in die Heimat; sein Reich hinterließ er vielen zur Teilung; doch sein Sohn Boleslaw brachte es in füchsischer Verschlagenheit später wieder in seine Hand, indem er seine Stiefmutter und Brüder vertrieb und seine Verwandten Odilien und Przbowoj blenden ließ. Um nur allein herrschen zu können, setzte er sich über alles weltliche und göttliche Recht hinweg. Er vermählte sich mit der Tochter des Markgrafen Rikdag, schied sich aber später von ihr; dann nahm er eine Ungarin zu Frau […].“142 Die Hineinstellung der Heirat in die Ereignisfolge um den Herrschaftsbeginn Bolesławs durch Thietmar ist wie gesagt 141 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 196; vgl. dazu auch: Lübke, Christian, Elbslawen und Gentilreligion, S. 101. 142 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 196. 50 fälschlicherweise erfolgt und gehört stattdessen in den Zeitraum der Amtszeit des Rikdag zwischen 982 und 984.143 In diesem Kontext bedeutete die Heirat Bolesławs mit der namentlich unbekannten Tochter des Markgrafen einen taktischen Schachzug politischer Natur. Schon oben erwähnten wir ja, dass Mieszko sich mit Oda, der Tochter des Markgrafen der sächsischen Nordmark, vermählt hatte.144 Diese Heirat sicherte den Frieden Mieszkos mit den Sachsen, mit denen er sich bis dato erbitterte Kämpfe geliefert hatte, so dass nach langen Auseinandersetzungen eine Sicherung der Westgebiete des polnischen ‚Fürstenstaates’ erreicht werden konnte. Es ist also mit einiger Sicherheit davon auszugehen, dass Mieszko langfristig angelegte Strategien verfolgte, die polnische Herrschaft vermittels der engen Bindung an das Reich über die Dynastie der sächsischen Markgrafen sowie über gute Beziehungen zum künftigen König (Heinrich den Bayern) zu konsolidieren. Diese politische Zielvorgabe muss bei der Einschätzung der Handlungsweisen Mieszkos gleichsam als Prüfstein funktionieren, denn schließlich ist davon auszugehen, dass sie das politische Handeln des Piasten zu Beginn der 980er Jahre durchaus entscheidend beeinflusste. Gleichwohl verwiesen wir bereits in den einleitenden Teilen der Arbeit auf die faktischen Funktionsprinzipien mittelalterlicher Herrschaftsbeziehungen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten, längerfristig angelegte, prospektive Pläne in der politischen Praxis zu verwirklichen:145 Das Eingehen der conspiratio 974 mit Heinrich dem Zänker in Verbindung mit der Ehe zwischen Bolesław und der Tochter Rikdags ist so zwar als Teil einer breiter angelegten Strategie zur Herrschaftssicherung seitens des Piasten zu sehen, denn schließlich hätte eine Anhängerschaft gegenüber dem vermeintlichen künftigen römisch-deutschen König Heinrich von Bayern eine nachhaltige Stabilisierung der Position Mieszkos im Herrschaftsverband des Reiches wie auch im eigenen Herrschaftsverband bedeutet. Doch gerade diese Heirat hat möglicherweise zu einer Erosion der Verbindungen zwischen Bolesław II. und Mieszko I. geführt, da dadurch eine Möglichkeit eröffnet wurde, Ansprüche auf die von den Přemysliden beanspruchte Mark Meißen zu erheben. Angesichts der politischen Strategien Mieszkos erscheint es nicht verfehlt, davon auszugehen, dass auf dem Wege der Vermählung Bolesławs mit Rikdags Tochter neben der Sicherung des westlichen Grenzraumes des polnischen Herrschaftsbereiches, die durch die Heirat Mieszkos mit Oda erreicht worden ist, nun auch der südliche bzw. südwestliche Grenzraum durch die Bildung entsprechender ‚gemachter’ 143 Vgl. dazu Lübke, Christian, Regesten, Nr. 227, S. 25; hier weitere entsprechende Literatur. 144 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 57, S. 195. Dazu auch Lübke, Christian, Regesten, Nr. 180, S. 252f. 145 Siehe Kapitel 4.1 der vorliegenden Arbeit. 51 Verwandtschaften und dadurch abgeschlossener Bündnisbeziehungen gesichert werden sollte.146 Gerade diese Verwicklungen haben aber nicht nur maßgeblich zu einer Auflösung des Bündnisses mit Heinrich dem Zänker und Bolesław beigetragen, sondern außerdem die neuerliche Hinwendung Mieszkos zu den Ottonen als mittlerweile wiedererstarkte Reichsgewalt unter Leitung Ottos III. befördert.147 Im sich nach der Heirat Bolesławs (Chrobry) mit Rikdags Tochter rasch entspinnenden Konflikt steht Heinrich der Zänker nämlich auf Seiten Boleslavs II., denn schon zu früherer Gelegenheit, im Kampf gegen Otto II., hatte sich der böhmische Herzog als treuer Verbündeter erwiesen: „Im Jahre 976 nach der Fleischwerdung des Herrn floh der Baiernherzog Heinrich nach Verlust seiner Würde und Ausschluß aus der kirchlichen Gemeinschaft nach Böhmen. Während seines Aufenthalts bei Herzog Boleslaw griff ihn der Kaiser mit einem starken Heere an, vermochte aber gegen die beiden gar nichts; er verlor vielmehr durch die List eines von Boleslaws Kriegern einen großen bairischen Trupp, der auf dem Anmarsch zu seiner Unterstützung bei der Burg Pilsen ein Lager bezogen hatte. Die Baiern wuschen sich am Abend, ohne sich durch Wachen zu sichern. Schon war der gepanzerte Gegner da, streckte die ihm nackt entgegen Laufenden in ihren Zelten und auf den Wiesen nieder und kehrte mit aller Beute froh und unbeeinträchtigt heim.“148 Obgleich sicher ein gewisser literarischer Aufputz an dieser drastischen Beschreibung Thietmars in Rechnung zu stellen ist, kann man davon ausgehen, dass Boleslav und Heinrich nach dem Eingehen der conspiratio 974 eng miteinander kooperierten, immerhin schreckt Boleslav nicht davor zurück, den Kaiser im gewaltsamen Konflikt und zudem auch noch mit einer List herauszufordern, um Heinrich den Zänker zu schützen. Hingegen wird Mieszko sich alsbald von dem Bündnis entfremdet haben, denn letztlich kann man die Heirat Bolesławs mit der Tochter des Meißener Markgrafen nur so interpretieren, dass die Beziehungen mit Böhmen trotz der Verbindung zwischen Böhmen, Heinrich dem Bayern und Mieszko bewusst aufs Spiel gesetzt worden sind. Mieszko musste sich bewusst sein, dass die Ehe seines Sohnes mit Rikdags Tochter zu Konflikten mit Böhmen führen würde. Daher geht auch Ludat mit Recht davon aus, dass sowohl die Bindung von 974 als auch diejenige 146 Zur Bedeutung gemachter Verwandtschaften: Vgl. Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 82f.; Wielers, Margret, Zwischenstaatliche Beziehungsformen im frühen Mittelalter. Pax, Foedus, Amicitia, Fraternitas, Phil. Diss. Münster 1959. 147 Vgl. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 12. 148 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, III, 7, S. 104: Anno vero […] DCCCCLXXVI Heinricus, dux Bawariorum, honore et communione privatus, Boemiam fumanentem, nil ibi prorsus in neutro horum profecit, sed magnam Bawariorum catervam, sibi ad auxilium huc venientem et iuxta Pilsini urbem castra metatam, dolo cuiusdam militis Bolizlavi sic perdidit. Vespere facto Bawarri se levantes nulla custodum securitate fruuntur; et ecce hostis loricatus adveniens nudos eosdem in tentoriis et in vriemis revertitur. Vgl. auch den Annalista Aaxo, a. 984. 52 von 984 zu Heinrich dem Zänker nicht sehr stabil gewesen sein mussten, ganz im Gegensatz zur Bindung Boleslavs II. von Böhmen an den Bayern.149 Angesichts der engen Bindung Heinrichs mit Boleslav von Böhmen stehen Mieszko bei der Verfolgung seines Zieles, die polnische Herrschaft im Raum der Mark Meißen zu sichern, freilich nicht unerhebliche Hemmnisse entgegen. Tatsächlich geht Boleslav schon im Juni 984, also nur knappe vier Monate nach der Huldigung gegenüber Heinrich dem Zänker, gegen Meißen vor. Immerhin war Heinrich, der sich nach einem erfolglosen Treffen mit Willigis von Mainz und Herzog Konrad von Schwaben zu einer Auslieferung Ottos III. auf dem Reichstag in Rohr verpflichtet hatte, und nun auf der Suche nach böhmischer Unterstützung war, bei der Einnahme der Burg Meißen anwesend; und immerhin nahm er die Einnahme der Burg, bei der der Burggraf Rikdag (der nicht mit dem Markgrafen zu verwechseln ist) erschlagen wurde, offenbar billigend in Kauf: „Nun [nach der Werbung um seine Thronkandidatur in Sachsen und Bayern] suchte Heinrich mit den Seinen den Böhmenherzog Boleslav auf, der sich ihm in jeder Not stets hilfsbereit gezeigt hatte; er wurde ehrenvoll von ihm empfangen und durch seine Truppen von der Grenze an durch die Gaue Nisan und Dalemenzien bis nach Mügeln begleitet. Dann zog er, eingeholt von den Unsrigen, nach Magdeborn. Als nun aber Wagio, ein Ritter des Böhmenherzogs Boleslaw, der Heinrich mit dem Heere begleitet hatte, nach Meißen kam, beredete er sich mit den Einwohnern; dann bat er durch einen Mittelsmann Friedrich [von Eilenburg], einen Freund und Vasallen des gerade in Magdeburg weilenden Rikdag, zu einer Unterredung nach der vor der Burg gelegenen Kirche zu kommen. Kaum war er draußen, als sich das Tor hinter ihm schloß; Burggraf Rikdag, ein wackerer Ritter, wurde von ihnen am Triebischbach aus dem Hinterhalt erschlagen. Die Burg aber sicherte Boleslaw sogleich durch eine Besatzung; bald musste sie ihm als ihrem Herrn Wohnung bieten.“150 Durch diesen Zug konnte sich Boleslav von Böhmen die Vorherrschaft in der Mark Meißen zunächst sichern. Bemerkenswert ist hierbei, dass Mieszko in der Folge der Ereignisse politisch zunächst völlig isoliert wird, kollidieren doch im Konflikt um Meißen eigene Interessen mit denen seiner Bündnispartner. Indes findet sich aber in dieser Situation kein einziger Akteur aus den oben be- 149 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 26. 150 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 5, S. 136f.: Post haec Heinricus Bolizlavum, ducem Boemiorum, in cunctis suimet necessitatibus semper paratum, cum suis adiit honorifique ab eo succeptus cum exercitu eiusdem a finibus suis per Niseni et Deeminci coagus usque ac Modelini ducitur. Deindeque cum nostris obviam sibi pergentibus ad Medeburun proficiscitur. Wagio vero miles Bolizlavi, ducis Boemiorum, qui Heinricum cum exercitu comitatur, cum ad Misni redeundo perveniret, cum habitatoribus eiusdem pauca locatus Frithericum, Rigdagi marchionis tunc in Merseburg commirantis amicum et satellitem, ad aecclesiam extra urbem positam venire ac cum eo loqui per internuntium postulat. Hic ut egreditur, porta post eum clauditur, et Ricdagus, eiusdem civitatis custos et inclitus miles, iuxta fluvum, qui Tribisa dicitur, ab hiis dolose occiditur. Urbs autem predicta Bolizlavi mox presidio munita eundem cito dominum et habitatorem succepit. 53 schriebenen politischen Konstellationen bereit, der Mieszko bei seinem Eingriff in die Mark Meißen Unterstützung gewähren würde: Heinrich der Zänker ist durch enge Beziehungen mit Boleslav von Böhmen verbunden und sogar Markgraf Rikdag, der zuvor seine Tochter in die Ehe mit Bolesław (Chrobry) gegeben hat, verbleibt auf der Seite des Zänkers, dem man zum Zeitpunkt des Konfliktes offenbar noch mehr politisches Potential beimaß als es der tatsächlichen Situation angemessen gewesen wäre. Auch die Besatzung der Burg Meißen scheint sich nach der eben zitierten Darstellung der Burgeinnahme bei Thietmar freiwillig in die Hände des Böhmen begeben zu haben. Daraus wird man wohl folgern dürfen, dass die Involvierung Mieszkos in der Mark Meißen weder von den Meißener Herrschaftsträgern noch von den Böhmen gern gesehen worden ist. Letztlich erwies sich so auch die Eheverbindung zwischen Bolesław und Rikdags Tochter als zu schwach, um die Schwere des piastisch-böhmischen Gegensatzes, der 990 ja bekanntermaßen in einem offenen Kampf eskaliert, aufzuwiegen. Infolgedessen ist auch die Bemerkung Thietmars, dass Bolesław sich „später wieder von ihr [Rikdags Tochter] schied“ und dann eine „Ungarin zur Frau“ nahm,151 nur vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Eheverbindung als ‚künstliche’ Verwandtschaft in diesem Fall nicht ausreichend war, die anderen Formen personaler und genossenschaftlicher Bindung zwischen Heinrich dem Zänker, dem Böhmen und dem Markgrafen Rikdag selbst zu lösen. Die Aufhebung der pragmatisch angelegten Ehe war also eine folgerichtige Konsequenz aus der Unzulänglichkeit dieser Ehe, im Konflikt mit anderen Herrschaftsträgern ihren Zweck zu erfüllen, nämlich die Erhaltung der Beziehungen zwischen Piasten und Meißenern zu sichern. Halten wir damit also abschließend folgende Befunde aus den voraufgegangenen Überlegungen fest: Offenbar führte der bereits vor 984 relevante Eingriff Mieszkos im Raum Meißen in Form der Vermählung seines Sohnes mit der Tochter des Markgrafen zu einer starken Belastung der Verbindung zwischen ihm, dem Böhmen und Heinrich dem Zänker. Die kurz zuvor noch verbündeten Parteien liegen nur wenige Monate später in offenem Konflikt um die Markgrafschaft Meißen. Mieszko stellte sich im Anschluss an die böhmischpolnischen Auseinandersetzungen zunächst als Verlierer heraus, da er nach 984 sowohl seiner Bindung an Heinrich den Zänker als auch seiner Einflüsse in Meißen verlustig gegangen war. Freilich war diese Entwicklung zunächst in dieser Form kaum vorhersehbar, da sowohl er als auch Boleslav von Böhmen gemeinsam in Quedlinburg erschienen sind, um dem vermeintlichen neuen König Heinrich von Bayern als Verbündete den Treueid zu leisten, und um damit jeweils einen Mitstreiter für politische Eigeninteressen zu gewinnen. Zwar zeichneten sich im März 984 in Quedlinburg wohl schon Spannungen zwischen dem Piasten und dem Přemysliden wegen der Mark Meißen ab, jedoch erfolgte die 151 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 197: Duxit hic Rigdagi marchionis filiam, postmodum dimittens eam, et tunc ab Ungaria sumpsit uxorem […]. 54 Eskalation des Konfliktes erst im Juni 984, also einige Monate später.152 Auch war es nicht unbedingt zu erwarten, dass Markgraf Rikdag trotz der Vermählung seiner Tochter mit Bolesław auf Seiten des zunehmend in die politische Defensive gedrängten Heinrich von Bayern bleiben würde. Aus der Sicht politischer Pragmatik schien das Treffen von 984 mithin für alle Seiten vorteilhaft, doch angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Mieszko und Boleslav erwies sich der Streit um Meißen als Katalysator, um die bis dato vorherrschenden Bündnisbeziehungen in einen handfesten Konflikt zu wandeln. Aus der Perspektive Mieszkos erscheint die Maßnahme der Huldigung des Zänkers zum gegebenen Zeitpunkt noch schlüssig, da auf diese Weise neben der Sicherung der Markgrafschaft Meißen eine engere Bande zum Reich geknüpft und überdies vielleicht die durch Otto I. und Otto II. erfahrene Brüskierung nivelliert werden konnte. Zwar konnte Boleslav durch einen gemeinsamen Feldzug der Piasten mit den Ekkehardinern im Jahr 987 aus der Mark vertrieben werden (siehe dazu Kapitel 6.2),153 doch in Bezug auf die Beziehungen zu Heinrich dem Zänker und Boleslav von Böhmen scheint Mieszko summa summarum im Jahr 984 trotzdem zunächst als Verlierer aus der Angelegenheit hervorzugehen, denn von diesen ehemals wichtigen Bündnispartnern hatte er sich nun vollständig entfremdet. 4 ) # / ! " * ' ;A< Thietmar beschreibt die Ereignisse des Hoftags folgendermaßen: „Das nächste Osterfest feierte der König in Quedlinburg; hierbei dienten die vier Herzöge: Heinrich als Truchseß, Konrad als Kämmerer, Heinrich d. J. als Schenk, Bernhard als Marschall. Auch Boleslaw und Mieszko kamen mit den Ihren und kehrten nach gutem Verlauf reichbeschenkt heim. Damals huldigte Miesko dem jungen Könige, brachte ihm unter anderen Geschenken ein Kamel dar und nahm an zweien seiner Kriegszüge teil.“154 Auch die hier erwähnten Akte symbolischer Kommunikation muss man als vorausgeplante Inszenierung ansehen, die die von diesem Zeitpunkt an gültigen Verhältnisse im Herrschaftsverband des Reiches sinnfällig veröffentlichen und damit für die Zukunft fixieren sollten. Gerade die Dienstleistung der Herzöge dient der Vergegenwärtigung, dass die Herzöge des 152 Vgl. dazu: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 199; vgl. auch ders., Regesten, Bd. 3, Nr. 228, S. 28. 153 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S.24. Siehe dazu auch: Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, S. 34 ff. Labuda ist sogar der Ansicht, dass Boleslav von Böhmen wegen der Spannungen zu den Piasten, den Ekkehardinern und damit dem Reich gar nicht auf dem Reichstag von Quedlinburg anwesend war, sondern dass Thietmar stattdessen Bolesław Chrobry meinte. 154 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 9, S. 141: Celebrata est proxima paschalis sollemnitas in Quidelingeburg a rege, ubi quattuor ministrabant duces, Heinricus ad mensam, Conrad ad cameram, Hecil ad cellarium, Bernhardus equis perfuit. Huc etiam Bolizlavus et Miesco cum suis conveniunt omnibusque rite peractis muneribus locopletati discesserunt. In diebus illis Miseco semet ipsum regi dedit et cum muneribus camelum ei presentavit et duas expediciones cum eo fecit. 55 Reiches, und hier natürlich vor allem Heinrich von Bayern, den jungen Otto III. als König anerkennen und sich ihm in gebührlicher Weise unterordnen. Ähnliche Vorgänge kennen wir auch aus den Krönungsdarstellungen Ottos des Gro- ßen und Ottos II.; auch dort verdeutlichen die Herzöge durch ihre symbolischen Dienste gegenüber dem neu erwählten König ihre Treue.155 Man wird angesichts dieses Dienstes davon ausgehen können, dass nach der Unterwerfung von Frankfurt 984 zu diesem Anlass die Auseinandersetzungen um den Thron endgültig zum Abschluss gebracht worden sind. Betrachten wir das Ereignis zunächst im Kontext der vorigen Bemerkungen zum Beziehungsgeflecht zwischen Mieszko, Boleslav von Böhmen und Heinrich dem Zänker: Angesichts der auf dem Hoftag von 986 vollzogenen symbolischen Akte scheint nicht nur der Abschluss des Friedens zwischen der Opposition und dem König an sich wichtig zu sein, sondern vordergründig wirkt in dieser Situation eher die Feststellung der Beziehungen der wichtigsten Herrschaftsakteure zum neuen König. Auch andere Krönungen, die nicht im Anschluss an einen Konflikt durchgeführt worden sind, wie eben diejenigen Ottos I. oder seines Sohnes Otto II., bedienen sich bekanntermaßen gleicher symbolischer Akte, um die Stellung prominenter Reichsfürsten gegenüber dem neuen König zu sichern. Daher sollte man den Reichstag von Quedlinburg nicht in erster Linie als Akt der Konfliktbeendigung sehen, sondern vielmehr als Veröffentlichung neu geflochtener, personaler Beziehungen der dort auftretenden Herrschaftsträger zum König. Freilich hat eine solche Interpretation auch Folgen für die Bewertung der Beziehungen Mieszkos zur Opposition und zu den Ottonen zum Zeitpunkt des Reichstages 986. Da der Konflikt zwischen Heinrich dem Bayern und Otto schon durch die Unterwerfung von Frankfurt im 985 zu einem gütlichen Ende gekommen ist, treten Mieszko und Boleslav beim Reichstag von Quedlinburg 986 nicht als seine Parteigänger, sondern eher als selbstständig agierende Fürsten auf, die ihr jeweiliges Verhältnis zum neuen König in Form einer Huldigung zum Ausdruck bringen. Dies bedeutet auch, dass die 984 gegenüber Heinrich dem Zänker durchgeführte Huldigung nicht erst zu diesem Zeitpunkt 986, sondern schon zum Zeitpunkt der Unterwerfung des Zänkers in Frankfurt im Jahr 985 obsolet geworden sein muss, denn schließlich hatte Heinrich zu diesem Zeitpunkt bereits auf alle Ambitionen auf den Thron verzichtet – die frühere Huldigung von 984 in Parallele zur Praxis der Huldigungen gegenüber neu erwählten Königen verlor zu diesem früheren Zeitpunkt ihre Bedeutung. Für die Rolle Mieszkos im Spannungsfeld der Reichspolitik heißt dies, dass die Bindungen zu Heinrich dem Zänker zumindest auf formeller Ebene spätestens hier (wahrscheinlich aber schon bei der deditio Heinrichs in Frankfurt) jegliche Kohärenzkraft verloren haben. Praktisch werden sich wie gesagt schon früher, nämlich Mitte des Jahres 984, Spannungen zwischen Mieszko und Heinrich aufgetan 155 Vgl. Widukind von Corvey, II, 2, S. 67f.; vgl. zum Reichstag von Quedlinburg 986 auch: Althoff, Gerd, Otto III., S. 52f.; Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 237, S. 38. 56 haben, da dieser im Konflikt um die Markgrafschaft Meißen zugunsten des Gegners Boleslav von Böhmen, der ebenfalls durch einen Treueschwur mit Heinrich verbunden war, optierte, und die Einnahme der Burg offenbar billigend in Kauf nahm (siehe oben). Damit ist also im Hinblick auf den Zustand der Bindungen Mieszkos zwischen Heinrich dem Zänker und Boleslav von Böhmen zu konstatieren, dass bald nach der Huldigung von Quedlinburg 984 die Opposition um Heinrich den Zänker Schaden genommen haben wird, durch den Mieszko zumindest im Rahmen dieses Beziehungsgefüges ins Abseits gedrängt wurde. Die Huldigung (und damit auch die praktische Wirkung) gegenüber Heinrich wurde indes vermutlich schon 985 formell obsolet, da dieser nicht mehr als Thronprätendent auftrat. Doch gerade diese Beschädigung des Bündnisses mit Heinrich dem Zänker mag ein wichtiger Grund dafür sein, dass Mieszko die Huldigung Ottos III. 986 sehr viel leichter fiel als dem Böhmenherzog Boleslav,156 der durch seine engere Bindung an Heinrich, den eigentlichen Verlierer der Nachfolgewirren, nun seinerseits in die politische Isolation gerät: Die Restitution des Zänkers in die bayerische Herzogswürde konnte nämlich kaum besondere Effekte für das Verhältnis Boleslavs zum Reich mit sich bringen, was sicher anders gewesen wäre, wenn der Bayer zum König erhoben worden wäre. Doch sowohl das späte Einlenken im Kampf um die Reichsregierung als auch besonders die Besetzung der Mark Meißen führten seit 987 zu schweren Spannungen des Böhmen mit Mieszko und den Ottonen, so dass es nicht verfehlt scheint, hier von einer ‚diplomatischen Hypothek’ Boleslavs zu sprechen.157 Die vermeintliche Niederlage Mieszkos im Konflikt um Meißen und die frühe Erosion des Bündnisses um Heinrich erwiesen sich so im Nachhinein nicht als Hemmnis, sondern als politische Chance für den Piasten, da er so die Möglichkeit hatte, seinerseits frühzeitig diplomatisch unbelastet aus den Wirren um die Thronfolge hervorzugehen: Anders als Boleslav von Böhmen tritt er schon ab Mitte 984 nicht mehr als Parteigänger des Zänkers in Erscheinung, was eine frühzeitige Annäherung an die 156 Vgl. Strzeclczyk, Jerzy, Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000, S. 47f. Strzelczyk spricht von einer ‚elastischeren Position’ des Polen in diesem Zusammenhang. 157 So auch Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 205. Einige Interpreten gehen sogar davon aus, dass mit dem bei Thietmar erwähnten Boleslav nicht der Böhme, sondern der Sohn Mieszkos I. gemeint ist, nämlich Bolesław Chrobry. Als Grund dafür nennen sie den Konflikt um die Mark Meißen. So z. B. Jedlicki, Maryan Z., Poglady prawno-polityczne Thietmara (Die politischen Ansichten Thietmars), in: CPH 5 (1953), S. 39-79. Zwar ist diese Ansicht wohl nicht schlüssig, da Boleslav -wie auch oben auseinandergesetzt- unter Zustimmung des zu diesem Zeitpunkt noch nicht unterworfenen Heinrich von Bayern, also dem vermeintlichen König, die Mark Meißen besetzte, jedoch deutet die Argumentation schon darauf hin, dass die Beziehungen zwischen Miesko und Otto auf jeden Fall entspannter gewesen sein müssen als zwischen Boleslav von Böhmen und Otto. Vgl. zu diesem Problem auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 237, S. 38f. 57 Reichsregierung um Otto III. sicher erleichtert hat.158 Die Ereignisse der Huldigung von 986 haben so natürlich für Boleslav und für Mieszko ganz unterschiedliche Konsequenzen. Zum einen sind beide Slawenfürsten vermutlich deshalb auf dem Hoftag in Quedlinburg 986 anwesend, da sie der Verrichtung des symbolischen Dienstes gegenüber Otto III. zusehen sollten, um sich selbst zu vergegenwärtigen, dass der Zänker durch diesen Akt wieder als Herzog in den Herrschaftsverband integriert wird, sich dabei aber dem jungen König explizit unterordnet.159 Mit dem symbolischen Dienst der Herzöge wurde also zunächst einmal ein Zeichen gesetzt, dass auch die slawischen Fürsten in gleicher Weise dem König ihre Treue kundtun sollen. Außerdem berichtet Thietmar ja, dass beide nach ‚gutem Verlauf der Dinge’ reichbeschenkt heimkehrten, die Treuebekundung scheint daher wohl problemlos verlaufen zu sein. Zudem hat Mieszko Otto III. offenbar noch ein Geschenk in Form eines Kamels dargebracht, um ihm zu huldigen. Auch die Magdeburger Annalen berichten von dem Geschenk eines Kamels an Otto, wenn auch in einem anderen Zusammenhang: Otto rex adhuc puerulus cum magno exercitu Saxonum perrexit, ubi adveniens Miesco cum multitudine nimi, optulit ei unum camelum et xenia multa, sese ipsum etiam subdidit potestati illius […].160 Auf den ersten Blick mag diese Schenkung etwas ungewöhnlich erscheinen, gleichwohl bewegt sie sich doch im Rahmen der üblichen Konventionen des Schenkens in Mittelalterlicher Zeit. Erinnern wir uns zurück an die in Kapitel 4.2 vorgestellten Bemerkungen zum Herrschertreffen im ‚Ruodlieb’: Der große König wählt aus der Fülle der angebotenen Geschenke nur die exotischen Bären und zwei sprechende Vögel für seine Tochter. In diesem Zusammenhang verwiesen wir in Ablehnung der These Voss’ darauf, dass durch die Ökonomie des Schenkens sehr wohl Rangdifferenzen zwischen den beiden zusammenkommenden Parteien markiert werden können. Gleiches gilt auch für den Reichstag von Quedlinburg, wo Mieszko wie Heinrich der Zänker und Boleslav von Böhmen erscheint, um Otto III. zu huldigen und damit seine Position im Herrschaftsverband des Reiches einzunehmen. Der Rangniedere schenkt dabei quantitativ weniger, z. B. ein exotisches Tier, damit der Ranghöhere nicht als der Annahme von Geschenken bedürftig erscheint; umgekehrt berichtet Thietmar, dass Boleslav und Mieszko durch Otto mit ‚reichen Geschenken’ bedacht worden seien, was darauf hindeutet, dass der Ranghöhere, Otto, zum Abschluss der neu hergestellten personalen Bindung seiner Position angemessen mehr schenkt als der Rangniedere. Durch die Huldigung und die nachfolgende Ehrung Ottos mit dem Geschenk konnte Mieszko also sein seit der Regierungszeit Ottos I. gespanntes Verhältnis zu den Ottonen wieder ins Reine bringen. 158 Vgl. ebd., S. 204f. 159 Vgl. dazu auch: Althoff, Gerd, Die Ottonen, S. 161; ders., Otto III., S. 51ff. 160 Annales Magdeburgenses, a. 986. 58 Es bleibt noch die Frage zu klären, wie nun die Huldigung Mieszkos gegen- über Otto an sich zu interpretieren ist. In der älteren Forschung wird die Huldigung oftmals im Zusammenhang mit der vermeintlichen Unterwerfung von 963 und der Tributpflicht, die Widukind und Thietmar erwähnen, dahingehend interpretiert, dass sie die Erneuerung des Lehnsverhältnisses im Sinne einer Unterordnung Mieszkos unter die Oberherrschaft des Reiches ist. Vor allem diejenigen Autoren, die wesentlich von der Überzeugung geleitet waren, das Reich bilde eine Vormacht Europas und der Christenheit, konnten so wiederum leicht ihre Überlegenheitsparadigmen verteidigen.161 Wie jedoch in Kapitel 5.1.1 auseinandersgesetzt, basiert die Annahme eines schon 963 zwischen Otto I. und Mieszko geschlossenen Lehnsverhältnisses auf der fehlerhaften Rezeption des historiographischen Vorlagenmaterials Widukinds durch Thietmar, so dass zu diesem früheren Zeitpunkt allenfalls ein tributäres, nicht aber lehnsrechtliches Verhätlnis vorausgesetzt werden kann. Viel eher können wir davon ausgehen, dass Mieszko auf dem Hoftag nun erstmals durch seine Huldigung in ein Lehnsverhältnis zu Otto III. eingetreten ist, welches gleichwohl nicht im Sinne bloßer Akzeptanz ottonischer Herrschaftsambitionen, sondern als reziprokes Verhältnis von Rechten und Pflichten interpretiert werden muss. Denn durch die These einer Erneuerung des angeblichen Vasallitätsverhältnisses wird die Rolle Mieszkos auf diejenige eines passiven Zuschauers reduziert, doch die vorigen Ausführungen mögen schon verdeutlicht haben, dass der Pole eine spezifische, aktiv gestaltende Strategie zur Konsolidierung seiner Herrschaft im spannungsreichen und wechselvollen Umfeld der Reichspolitik und ihrer Beziehungsgeflechte verfolgte. Daher wird man auch eher der jüngeren Forschung folgen müssen, die die Huldigung von 986 als Ausdruck dieser selbstständigen Politik des Mieszko interpretiert.162 Es ist wohl kaum zufällig, dass Mieszko nur kurze Zeit später – anders als der nunmehr isolierte böhmische Herzog Boleslav – an zwei Kriegszügen Ottos unter anderem gegen die heidnischen Liutizen als treuer Gefolgsmann teilnimmt, aber dabei offenbar als Lehnsmann anzusehen ist, dem, wie in der Lehnsherrschaft üblich, gewisse Rechte zustehen, wie etwa die Beibehaltung und Anerkennung seiner Herrschaft in Polen durch das kaiserliche Plazet.163 Es lässt sich daher feststellen, dass Mieszko im Sinne der Funktionsweisen der Lehnsbindung nicht nur Verpflichtungen gegenüber dem Kaiser wahrnahm, sondern auch entsprechende Hilfeleistungen erwarten konnte. Als es nämlich 990 zur offenen Auseinandersetzung zwischen den beiden Kontrahenten Mieszko und Boleslav von Böhmen kommt, sucht Boleslav Hilfe bei den 161 So z. B. Brackmann, Albert, Das mittelalterliche Deutschland als Vormacht Europas, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Köln/Graz 21967, S. 3-24; ders., Die Anfänge des polnischen Staates (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 29), Berlin 1933. 162 Vgl. etwa Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 26ff.; dazu auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 239, S. 41. 163 Vgl. Thietmar von Mersebug, Chronicon, IV, 9; Annalista Saxo, a. 986; Annales Mageburgenses, a. 986; Annales Hildesheimenes, a. 986. 59 Liutizen, hingegen wendet sich Mieszko als treuer Lehnsmann an die Kaiserin: „Damals hatten sich Mieszko und Boleslaw veruneinigt und fügten einander großen Schaden zu. Boleslaw rief die ihm und seinen Vorfahren immer treu ergebenen Liutizen zu Hilfe; Mieszko aber suchte um die Hilfe der Kaiserin nach.“164 Sicherlich hätte sich Mieszko kaum an die Kaiserin Theophanu gewandt und um Hilfe ersucht, wenn er diese nicht auch im Rahmen lehnsrechtlicher Bande hätte erwarten können. In der Tat bestätigt ein Blick auf die Zusammensetzung der Truppen, die Theophanu entsendet, dass sich zum einen Mieszkos enge Verbindung zu den Sachsen seit der Heirat mit Oda von Haldensleben ausgezahlt hatte, und zum anderen, dass er als im Herrschaftsverband des Reiches integrierter Fürst mit entsprechender Unterstützung seitens der Kaiserin rechnen konnte: „Sie [die Kaiserin] hielt sich damals in Magdeburg auf und entsandte den dortigen Erzbischof Giseler mit den Grafen Ekkehard, Esiko, Binizo, meinem Vater [Siegfried von Walbeck] und seinem Namensvetter, Bruno und viele andere.“165 An der Zusammensetzung der Anführer der Truppen, die Mieszkos zur Hilfe kommen sollen, lässt sich ablesen, dass die Integration in den Herrschaftsverband des Reiches 986 vollauf und in gutem Einvernehmen mit dem Kaiser Otto III. stattgefunden haben muss. Nicht nur, dass Mieszko seitdem an mindestens zwei Kriegszügen gegen die Slawen beteiligt war (wohingegen der gegnerische Boleslav von Böhmen immerhin mit den heidnischen Liutizen verbündet war), sondern auch, dass Theophanu den Erzbischof von Magdeburg, also einen wichtigen Reichsfürsten entsendet, deutet auf gute Beziehungen Mieszkos zum ottonischen Kaiserhaus hin. Sicherlich fällt ins Auge, dass sich schließlich auch seine Verbindungen zum sächsischen Adel ausgezahlt haben, stammen doch die erwähnten Grafen und Adeligen aus dem sächsischen Stamm.166 Aber noch ein weiterer Beleg lässt sich für die Integration Polens als eigenständigem Bestandteil in den Herrschaftsverband des Reiches anführen: Die Fuldaer Totenannalen erwähnen Mieszkos Namen nämlich mit den Zusatz ‚marchio’ (Markgraf), also einem hohen Adelstitel aus der Hierarchie des Reiches. Es wäre wohl kaum denkbar, dass man Mieszko auf diese Weise titulieren, geschweige denn überhaupt in die Totenannalen aufnehmen würde, wenn er nicht als wichtiger Fürst des Reiches aufgefasst worden wäre.167 164 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Eo tempore Miseco et Bolizlavus inter se dissonantes multum sibi inviem nocuerunt. Bolizlavus Liuticios suis parentibus et sibi semper fideles in auxilium sui invitat; Miseco autem predictae imperatricis adiutorium postulat. 165 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Quae cum tunc in Magdaburg fuisset, Gisillerum eiusdem archiepiscopum comitatesque hos: Ekkihardum, Esiconem, Binizonem, cum patre meo et eius equivoco, Brunone ac Udone caeterisque compluribus eo misit. 166 Gleichwohl sind zu dem Hilfskontingent der Sachsen noch einige zusätzliche Bemerkungen zu machen; siehe dazu Kapitel 6.2 der Arbeit. 167 Vgl. Annales Fuldenses, a. 992; dazu auch: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 60 Der 984 noch als potentieller Verlierer zu sehende Mieszko I. hat es mithin geschafft, seine Reintegration in den Herrschaftsverband des Reiches zu erreichen. Im Gegensatz zu Boleslav von Böhmen, der trotz der Huldigung gegen- über Otto III. 986 in einem konfliktbelasteten Verhältnis zum Reich und zu den Ottonen erscheint, gelingt es dem Piasten, sich als treuer Anhänger der Ottonen zu zeigen. Von Vorteil war dabei sicher die praktisch wirksame Abwendung von Heinrich dem Zänker und der Konflikt mit Boleslav von Böhmen, denn jener hatte zwar die Restitution seiner Herzogswürde erreicht, doch dies half freilich zur Wahrnehmung polnischer Interessen im Reich nicht weiter, und Boleslav befand sich aufgrund der Besetzung der Mark Meißen, die ja der nun unterworfene Heinrich der Zänker gebilligt hatte, in einem gespannten Verhältnis zum Reich und offenem Kampf gegen die Piasten, wobei er sich sogar mit den heidnischen Liutizen verband. Erst 987 räumte Boleslav die Mark und überließ sie den Ekkehardinern.168 Das Eingehen eines auf lehnsrechtlicher Basis geschlossenen Treueverhältnisses wird man unter Berücksichtigung der Aktivitäten Mieszkos, seine polnische Herrschaft zu konsolidieren, also Garant politischer Stabilität für die nächsten Jahre nach 986 werten müssen, denn bis zu seinem Tode 992 gibt es keine weiteren Auseinandersetzungen mit den Kräften des Reiches. 4 ) ) / 0 8/ C9 : ;;D? Da wir im vorigen Kapitel bereits erörtert haben, dass man das Eingehen des Lehnverhältnisses Mieszkos gegenüber Otto III. nicht so interpretieren sollte wie die ältere Forschung, nämlich als Akt des passiven Hinnehmens einer Unterwerfung gegenüber dem Reich, sondern als Element einer breiter angelegten Machtsicherungsstrategie, erscheint es an diesem Punkte angemessen, noch einige Bemerkungen zum umstrittenen Regest ‚Dagome Iudex’ zu ergänzen. Denn gerade dieses Schriftstück kann bei entsprechender Interpretation ein weiteres Indiz dafür bringen, dass Mieszko sich durch die Unterwerfung von 986 nicht nur dem Reich näherte, sondern sich trotz früher bestehender Bindungen ganz bewusst von den Böhmen abwandte und sogar weitere Konflikte mit den Přemysliden riskierte. In Verbindung mit den zahlreichen Feldzügen gegen Liutizen und andere Slawen, wird man durchaus folgern dürfen, dass die Hinwendung zu den Ottonen umgekehrt als eine bewusste Abkehr Mieszkos von den slawischen Stämmen generell verstanden werden kann.169 Tatsächlich erscheint eine hermeneutische Erklärung des Regests nur dann auf plausible Weise möglich, wenn man davon ausgeht, dass das politische Handeln Mieszkos im Zeitraum zwischen 984, also der Unterwerfung gegenüber Heinrich dem Zänker, und 992, dem Jahr seines Todes, von dem eben beschriebenen Plan der Herrschaftskonsolidierung geprägt war. Der Text des Regests, 168 Siehe dazu: Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 25. 169 Vgl. ebd., S. 209. 61 welches vermutlich zwischen 990 und 992 entstanden ist,170 also relativ kurze Zeit vor dem Tode Mieszkos im Mai 992, lautet folgendermaßen: Item in alio tomo (thomo) sub Iohanne XV papa Dagome iudex et Ote senatrix et filii eorum: Misicam et Lambertus – nescio cuius gentis homines, puto autem sardos fuisse, quoniam pisi a IIII iudicibus reguntur – leguntur beato Petro contulisse unam civitatem in integro, que vocatur Schinesghe, cum omnibus suis pertinentiis infra hos affines, sicuti incipit a primo latere longum mare, fine Bruzze usque in Locum, qui dicitur Russe et fines Russe extendente usque in Craccoa et ab ipsa Craccoa usque ad flumen Oddere recte in locum, qui dicitur Alemure, et ab ipa Alemura usque in terram Milze recte intra Oddere et exinde ducente iuxta flumen Oddera usque in predictam civitatem Schinesghe.171 Bekanntlich hat dieser Text in vielerlei Hinsicht kontroverse Diskussionen ausgelöst, etwa über die Identifizierung der dort genannten Personen oder seine rechtliche Bedeutung.172 Indessen erscheinen mir die Bemerkungen Lübkes im Hinblick auf seine Zweckbestimmung und Rechtsrelevanz am schlüssigsten, da sie sich in die im vorigen Kapitel erhobenen Befunde zur Politik Mieszkos I. einfügen lassen und sich dabei eng an die Formulierungen des Textes halten.173 Ein kurzer Rekurs auf die Thesen Lübkes erscheint daher an dieser Stelle sachangemessen: Das Regest beschreibt die Schenkung des ‚Reiches Gnesen’ (civitas Schinesghe) an den apostolischen Stuhl durch den Fürsten ‚Dagome’ und seine Gemahlin ‚Oda’. Die Forschung konnte mit einiger Sicherheit darlegen, dass es sich bei dem Namen ‚Dagome’ um den Geburtsnamen Mieszkos gehandelt haben muss, und dass mit der erwähnten ‚Oda’ die sächsische Gemahlin Mieszkos gemeint ist.174 Die Grenzen der civitas Schinesghe werden im Regest einigerma- ßen genau umrissen. Hiernach erstreckt sich das Reich von der Ostsee, entlang dem Siedlungsgebiet der Pruzzen bis an die Grenze des Siedlungsraumes der Rus und von dort aus bis nach Krakau, weiter zum Milzener Land und schließlich entlang der Oder flussabwärts.175 Aus dem Inhalt des ‚Dagome Iudex’ lassen sich nun zwei wichtige Folgerungen ableiten: Zum einen ist auffällig, dass das Land der Polen hier bereits als ‚civitas’ bezeichnet wird, woraus sich durchaus schließen lässt, dass es zum Zeitpunkt der Entstehung des Regests schon ein gewisses Selbstbewusstsein des Po- 170 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 171 Dagome Iudex, Texteditionen in: Labuda, Gerard, Studia nad początkami państwa polskiego, Bd. 2, Warszawa 1988, S. 240-261 sowie Kürbisowna, Brigyda, Dagome iudex – studyum krytyczne, in: PPP 1, Poznan 1962, S. 363-424. 172 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 255, S. 64. Hier weitere Bemerkungen und Literatur zu den vielfältigen Diskussionen in der Forschung. Zur Interpretation vgl. auch: Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 13. 173 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208f. 174 Siehe dazu: Kürbisowna, Brigyda, Dagome iudex – studyum krytyczne, in: PPP 1, Poznan 1962, S. 363-424; des Weiteren: Labuda, Gerard, Art. Mieszko I., in: LexMA, Bd. 3, Sp. 430. 175 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 208. 62 lenfürsten im Hinblick auf die ‚staatliche’ Organisation seines Reiches gegeben haben muss – nur unter dieser Voraussetzung wird man auch die Schenkung des ‚Staates’ an den apostolischen Stuhl unter Johannes XV. verstehen können. Denn anders als bei einer nach gentilen Prinzipien funktionierenden Organisation seines Herrschaftsbereichs, in dem es vor allem um Eroberung und Beutemachen geht,176 deuten die präzisen Grenzbeschreibungen auf die Wahrnehmung eines weitgehend definierten eigenständigen Machtbereiches Mieszkos hin. Doch noch ein zweiter Aspekt ist bei der Analyse des Regests auffällig: Es wird nämlich zu Beginn des Textes formuliert, dass die Schenkung nicht nur durch Fürst Dagome und seine Gemahlin Oda vorgenommen wird, sondern auch durch seine Söhne Mieszko (den Jüngeren) und Lambert. Um die Bedeutung dieser Formulierung genauer zu verstehen, bedarf es der Verdeutlichung des Zwecks einer solchen Schenkung. In mittelalterlicher Zeit sind Schenkungen dieser Art an sich nicht ungewöhnlich, wenn auch nicht in diesem Umfang. Ziel eines solchen Aktes ist in der Regel, das Land der Schenkung unter den Schutz desjenigen zu stellen, der mit dieser bedacht wird. Daher lässt sich zum einen die vorige Bemerkung bestätigen, dass Mieszko eine prospektive Sicherung seines sukzessive konsolidierten Herrschaftsbereichs erreichen wollte. Überdies ist es zum anderen aber wahrscheinlich, dass Mieszko mit der Appellation an Rom als künftige Schutzmacht seines Reiches die Nachfolge für seine Söhne Mieszko und Lambert sichern wollte, denn diese werden explizit im Regest als Akteure der Schenkungspartei erwähnt. Auffällig ist dabei, dass Bolesław (Chrobry) in dem Regest nicht erwähnt wird. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass dieser bewusst ausgespart worden ist, und zwar deshalb, weil er nicht für eine Erbschaft und damit nicht für die Nachfolge in der Herrschaft vorgesehen war.177 Dass Bolesław tatsächlich nicht für die Nachfolge seiner Vaters vorgesehen war, lässt sich aus der (wenngleich tendenziösen) Darstellung Thietmars ableiten, die wir bereits oben im Kontext der Heirat Bolesławs mit Rikdag zitierten, und die der Merseburger Chronist fälschlicherweise mit den Ereignissen um die Nachfolge der Herrschaft in Polen in Zusammengang gebracht hatte: „Doch am 25. Mai im Jahre 992 der Fleischwerdung des Herrn, im 10. Jahr der Königsherrschaft Ottos III., ging der nunmehr gealterte und kränkelnde Herzog aus dieser Fremde hinüber in die Heimat; sein Reich hinterließ er vielen zur Teilung; doch sein Sohn Boleslaw brachte es in füchsischer Verschlagenheit später wieder in seine Hand, indem er seine Stiefmutter und Brüder vertrieb und seine Verwandten Odilien und Przbowoj blenden ließ. Und nur allein herrschen zu können, setzt er sich über alles weltliche und göttliche Recht hinweg.“178 Dieses Verhalten 176 Vgl. ebd., S. 209. 177 Vgl. Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 209; siehe auch den Kommentar bei: ders., Regesten, Nr. 255, S. 64. 178 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 58, S. 197: Sed anno dominicae incarnationis DCCCCVCII, regni autem tercii Ottonis X et VIII Kal. Unii prefatus deus iam senex et febricitans ab exilio hoc ad patriam transit, relinque regnum plurimus dividendum, quod 63 Bolesławs lässt sich nur so erklären, dass er de iure wohl nicht damit rechnen konnte, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, sondern, dass er sich mit Gewalt in die entsprechende Position als neuer Fürst hineinbringen musste. Dass er nun seine Brüder und seine Mutter Oda zur Erreichung dieses Zieles vertrieb, deutet auf die Gültigkeit der Bestimmungen des ‚Dagome Iudex’ hin, denn schließlich erscheinen gerade die von Bolesław Vertriebenen dort in der Rolle der Schenkungspartei. Darüber hinaus ist auch die Erwähnung des Verwandten ‚Odilo’ aufschlussreich zur Bestimmung der Verhältnisse zum Zeitpunkt der Macht- übernahme. Herbert Ludat vermutet, dass es sich bei diesem um einen Verwandten der Oda gehandelt haben könnte,179 was angesichts der personalen Konstellationen, nämlich der Bindungen an Sachsen durchaus plausibel erscheint; möglicherweise wollte dieser seiner Verwandten Oda zur Hilfe kommen, konnte dabei aber nicht gegen Bolesław bestehen. Es zeigt sich also, dass Bolesław offenbar nicht dazu in der Lage war, auf legitimem Wege die Herrschaft zu erreichen. Nur so lässt sich erklären, dass er seine Stiefmutter und -brüder sowie deren Verwandten vertrieb, stellten diese doch eine direkte Konkurrenz für seine Ambitionen dar. Nach dem Erweis des Ausschlusses Bolesławs stellt sich indes die Frage, warum dieser im ‚Dagome Iudex’ als ‚politischem Testament’ seines Vaters Mieszko geflissentlich ausgespart worden ist. Zur Klärung dieser Frage bietet sich ein Blick auf seine Herkunft an: Er ist nämlich der Sohn aus der Ehe Mieszkos mit der Přemyslidin Dobrawa, der Tochter Boleslavs I. (‚des Grausamen’) von Böhmen, noch bevor Mieszko die Sächsin geheiratet hatte. Trotz der Tatsache, dass Bolesław damit älter als die beiden für die Herrschaft vorgesehenen Söhne Mieszko und Lambert war, muss die (mütterlicherseits) böhmische Abkunft Bolesławs den Ausschlag zu Gunsten seiner Brüder gegeben haben. Angesichts der seit 984 bestehenden Spannungen zwischen Böhmen und Polen und dem seit 990 geführten offenen Konflikt, der auch durch Vermittlungen nur wenig zufrieden stellend gelöst werden konnte,180 nimmt die Formulierung des ‚Dagome Iudex’ daher kaum Wunder. Im Zusammenhang mit der nun schon an mehreren Punkten erwiesenen Aktivität Mieszkos, den polnischen Machtbereich langfristig zu konsolidieren, liegt es im Bereich des Wahrscheinlichen, dass er mit dem Ausschluss dynastischer Bindungen zu Böhmen die zuvor eingeschlagene Linie der engeren Bindung an das Reich vollenden wollte. Umgekehrt kann man in diesen Bestrebungen Mieszkos freilich eine Abkehr von den slawischen Stämmen erkennen, denn schließlich nimmt er an Kriegszügen gegen die Liutizen teil und befindet sich mit Böhmen in der offenen Auseinandersetzung. postea filius eiusdem Bolizlavus, noverca et fratribus expulsa execatisque familiaribus suis Odilieno atque Pirbuvoio, vulpina callicitate contraxit in unum. Hic ut tantum solus dominaretur, ius ac omne fas postposuit. 179 Vgl. Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 146, Anm. 358; vgl. zur Machtübernahme Bolesławs auch: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 276, S. 90f. 180 Siehe dazu: Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 253-255, S. 60ff. 64 Das ‚Dagome Iudex’ wirkt in seiner Intention also so, als solle es zum einen der Konsolidierung der polnischen Herrschaft Vorschub leisten, aber zum anderen die Anbindung an das Reich fördern, wobei Mieszko seine Söhne sächsischer Abkunft als besser für diese Anbindung geeignet sieht als Bolesław. Schließlich erweist sich an dieser Stelle wiederum die bereits in den einleitenden Kapiteln der Arbeit verdeutlichte Funktionsweise mittelalterlicher Politik: Obgleich man Versuche Mieszkos erkennen kann, eine eigenständige Herrschaft aufzubauen und zu erhalten, funktioniert eine prospektive politische Strategie nur im spannungsreichen und wechselvollen politischen Kräftefeld der involvierten Akteure. Daher sei hier nochmals darauf verwiesen, dass man Verdikten polnischer ‚Saatlichkeit’ in der Zeit Mieszkos I. mit erheblicher Skepsis begegnen sollte. Für die Beschreibung der piastisch-ottonischen Beziehungen bleibt zu konstatieren, dass diese nach 986, was anhand der Formulierungen des ‚Dagome Iudex’ in den frühen 990er Jahren zusätzlich verdeutlicht wird, auf der Basis lehnsrechtlicher Reziprozität politisch stabil gewesen sind. Dabei erscheint es weniger so, dass Mieszko als passiver Untertan der Oberherrschaft des Reiches willfahren musste, sondern eher, dass er vermittels der Anbindung an das Reich weiterhin konsequent Absichten zur Konsolidierung seiner Herrschaft für sich und seine Nachkommen verfolgte. Gleichwohl sind diese Konsolidierungsabsichten nicht mit einer Außenpolitik modernen Gepräges zu vergleichen, sondern als Maßnahme zu sehen, piastische Ansprüche im Netzwerk personaler Bindungen im Reich langfristig zu sichern. Dass Bolesław letztlich durch eine handstreichartige Übernahme der Herrschaft diese Pläne praktisch konterkarierte, bleibt für die Gültigkeit der obigen Interpretationen irrelevant. Zwar scheiterte das Bemühen Mieszkos, seine Herrschaft auf Basis des ‚Dagome Iudex’ innerdynastisch und damit innenpolitisch zu sichern, doch hatte er seinem Sohn Bolesław, obgleich er nicht für die Herrschaft vorgesehen war, einen in den Verband des Reiches integrierten und innenpolitisch konsolidierten polnischen Herrschaftsverband hinterlassen. Letztlich erwies sich also die Anbindung an das Reich als strategischer Erfolg für Mieszko, dem indes der böhmische Fürst Boleslav II. nicht folgen konnte. 4 ) + / 3 " $ 5 ;;D $ " ! " * ' ;; Als letzter Anhaltspunkt für die lehnsrechtlich überaus stabile Bindung Mieszkos an die Ottonen lässt sich sein Erscheinen auf dem Hoftag von Quedlinburg im Jahr 991 anführen. Die Teilnahme am Reichstag ist trotz der guten Beziehungen zu den Ottonen Anfang der 990er Jahre keineswegs so selbstverständlich wie sie auf den ersten Blick erscheinen könnte. Durch den bereits erwähnten offenen Konflikt Mieszkos mit Boleslav von Böhmen nach dem Tode Dobrawas, der böhmischen Gemahlin des Piasten, raubten die involvierten Konfliktparteien der 65 Westgrenze des Reiches in einigen Regionen nämlich ihre politische Stabilität und banden zudem militärische Kräfte des Reiches in zunächst regional begrenzte Konflikte ein. Vor allem um Schlesien und Kleinpolen wurden Auseinandersetzungen geführt.181 Bedenkt man dabei die Tatsache, dass auch Boleslav von Böhmen den Ottonen 986 als Getreuer gehuldigt und 987 dieses Versprechen sogar erneuert hatte,182 jedoch nunmehr durch den regionalen Konflikt um Mei- ßen, Schlesien und kleinpolnische Gebiete im Kampf mit Mieszko lag, muss man davon ausgehen, dass die ohnehin bereits durch die Ereignisse um die Thronfolge Ottos III. gespannte Atmosphäre zwischen Ottonen und Přemysliden nun offen als Kampf Mieszkos und somit auch als Kampf des Reiches mit Böhmen zur Eskalation gekommen ist. Diese Einschätzung lässt sich leicht dadurch belegen, dass Mieszko Truppenkontingente von Kaiserin Theophanu anforderte und auch erhielt.183 Ausblenden sollte man hierbei freilich nicht, dass Mieszko nicht ohne Eigennutz die Führung des Kampfes unternommen hatte. Schon im Konflikt um Meißen war er darauf erpicht, seinen Herrschaftsbereich zu erweitern bzw. zu konsolidieren, was Interessenkollisionen mit den Přemysliden bedingte, und Gleiches wird man auch für das Ausgreifen Mieszkos nach Schlesien und Kleinpolen seit 990 vermuten dürfen.184 Man muss daher wohl davon ausgehen, dass Mieszko erheblich zur Zunahme přemyslidisch-ottonischer Spannungen beigetragen hat und insofern mitverantwortlich für einen offenen und durch Bündnisverpflichtungen dem Reich nicht ungefährlichen Konflikt war. Dass der Böhme sich in der Tat durch die Aktivitäten Mieszkos massiv ungerecht behandelt sah, geht aus dem entsprechenden Bericht Thietmars über die Friedensverhandlungen hervor: „Nun rückte – am 13. Juli – Boleslaw mit seinen Scharen heran, und beide Seiten sandten Späher aus. Von seiten Boleslaws ging der Ritter Slopan zur Erkundung unseres Zuges vor, und nach der Rückkehr fragt ihn sein Herr, welchen Eindruck das Heer mache, ob er mit ihm kämpfen solle oder nicht. […] Der meldete nun Folgendes: ‚Der Heer ist klein an Zahl, aber ausgezeichnet gerüstet, und zwar ganz in Eisen. Kämpfen kannst du mit 181 Vgl. dazu etwa: Schlesinger, Walter/Beumann, Helmut, Urkundenstudien zur deutschen Ostpolitik unter Otto III., S. 373; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 119, Anm. 160. 182 Siehe dazu: Lampert von Hersfeld, Annales, a. 987: Ad imperatorem Ottonem venit in pascha Bolislawo; qui honorifice susceptus magnisque muneribus ab imperatore oneratus rediit domum. 183 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143: Quae cum tunc in Magdaburg fuisset, Gisillerum eiusdem archiepiscopum comitatesque hos: Ekkihardum, Esiconem, Binizonem, cum patre meo et eius equivoco, Brunone ac Udone caeterisque compluribus eo misit. 184 Diese Ansicht bestätigen z. B.: Bosl, Karl, Böhmen und seine Nachbarn. Gesellschaft, Politik und Kultur in Mitteleuropa, München/Wien 1976, hier S. 110; Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 119, Anm. 60; Holtzmann, Robert, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit (900-1024), München 61979, S. 308. 66 ihm; doch sollte dir heute der Sieg zufallen, dürfte er dich so schwächen, dass du vor deinem Feinde Mieszko wirst weichen müssen […].’ Diese Worte brachten ihn zur Besinnung; er schloß Frieden und schlug unseren gegen ihn ausgezogenen Fürsten vor, mit ihm Mieszko aufzusuchen und wegen der Räumung seines Besitzes [nämlich Schlesien] bei Mieszko ein Wort für ihn einzulegen. Das versprachen die Unsrigen; Erzbischof Giseler und die Grafen Ekkehard, Esiko und Binizo brachen mit ihm auf; alle übrigen kehrten in Frieden heim. […] Boleslaw zog mit den Unsrigen bis an die Oder; da sandte Mieszko einen Unterhändler: Seine Bundesgenossen befänden sich in seiner Gewalt. Gebe er ihm sein geraubtes Land heraus, so wolle er sie unversehrt ziehen lassen. Andernfalls werde er alle töten. Mieszko aber entgegnete ihm: Wenn der König die Seinen retten und ihren Tod rächen wollte, möge er es tun. Jedenfalls beabsichtige er keinesfalls, ihretwegen Schaden zu tragen. Auf diese Antwort hin plünderte und brannte Boleslaw ringsum, soviel er konnte, vergriff sich aber an keinem der Unseren.“185 Dieser Auszug ist nun in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zunächst einmal ist zu bemerken, dass Thietmar die Ereignisse so erscheinen lässt, als habe sich Boleslav deshalb für Friedensverhandlungen entschieden, weil das Heer Mieszkos zu mächtig gewesen sei. Dies ist jedoch kaum wahrscheinlich, da er kurz zuvor klar zu verstehen gibt, dass die sächsischen Kontingente Mieszkos, die Theophanu als Reaktion auf das Ersuchen ihres Gefolgsmannes entsendet, eher ‚schwach’ gewesen seien.186 Die verzerrte Darstellung der Ereignisse ist wahrscheinlich auf die für den Merseburger Chronisten typische Voreingenommenheit zugunsten des Reiches gegenüber den Slawen zurückzuführen. Es ist daher kaum zu vermuten, dass Boleslav, der zudem auf die Unterstützung der Liutizen rechnen konnte, dem sächsischen Kontingent militärisch unterlegen war. Lübke äußerte nun zu dem eben beschriebenen Vorfall die Ansicht, dass die Sachsen mit nur geringer Bereitschaft und Motivation in Diensten Mieszkos gestanden 185 Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 12, S: 145: Tunc Bolizlavus cum suis venit turmatim III. Id. Iulii, et utrimque nuncii mittuntur. Ex parte Bolizlavi qudiam miles, Slopan nomine, ad perspiciendam agmen nostrorum accessit et reversus inde interrogatur a domino, qualis esset exercitus hic, si cum eodem potuisset pugnare ac non. Orabantur enim hunc satellites sui, ut nullum de nostris vivum sineret abire. A quo sic ei redictum est : ‘Exercitus hic quantitate parvus, qualitate sua optimus et omnis est ferreus. Pugnare cum eo tibi potis est; sed si tibi hodie victoria evenit, sic prosterneris, ut fugiendo Mieseconem inimicum te continuo peresequentem vix [...] acquiras. Talibus alloquis furor ullius se datur, et pace facta principes nostros alloquitor, ut, qui contra eum huc venirent, cum eo ad Miseconem pergere et in restituendis suimet rebus se apud Mieseconem adiuvare voluissent. Hoc laudabant nostri, et Giselerus archipresul cum Ekkihardo, Esicone ad Binizone comitibus proficisebatur cum eo, caeteris omnibus domum cum pace revertentibus. [...] Venit Bolizlavus ad Oderam; ad Miseconem nuncius mittutur, qui dicerem se in potestate sua auxiliatores suos habere. Si regnum sibi ablatum redderet, hos incolomes abire permitteret ; sin autem, omnes perderet. Sed Miseco huic talibus respondit: si voluisset rex suos acquirere salvos aut ulcisci perditos, faceret; Bolizlavus ut accepit, salvis omnibus nostris, quaecumque potuit, ex locis circumiacentibus predatur ad incendit. 186 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, IV, 11, S. 143. 67 haben dürften, denn schließlich seien sie ohne Probleme vom Böhmen überwunden worden und überdies in Geiselhaft zu ihm geraten.187 Zwar wirken die Darstellungen Thietmars so, als habe sich Boleslav mit einem Friedensgesuch an die sächsischen Heerführer gewandt, doch in Anbetracht der nach den Unterhandlungen folgenden Ereignisse ist dies sicher auszuschließen: Boleslav nutzt die sächsischen Großen nämlich als Druckmittel, um seine Forderungen durchzusetzen. Daher wird man der Ansicht Lübkes vollauf zustimmen können, denn die Sachsen wurden durch die durch Mieszko provozierten Konflikte in eine prekäre Lage gebracht. Dass die Forderungen Boleslavs nun darauf hinauslaufen, die ihm ‚geraubten Gebiete’ zurückzugeben, verdeutlicht die Einschätzung des Böhmen, Mieszko erhebe widerrechtlich Anspruch auf die schlesischen Gebiete. In der Tat weist auch die unnachgiebige Reaktion des Polen auf die Androhung Boleslavs, die Sachsen zu töten, darauf hin, dass es um eine Grenzregion geht, ohne dass beide Parteien dazu bereit sind, von ihrem jeweiligen Standpunkt abzurücken. Interessant ist dabei, dass Mieszko in seiner Reaktion auf die Drohung Boleslavs antworten lässt, dass der Kaiser möglicherweise die Exekution der Sachsen rächen könne. Diese Formulierung kann man dahingehend deuten, dass Mieszko durchaus in dem Bewusstsein operiert, als Reichsfürst im Namen des Kaisers zu agieren und in formeller Hinsicht mag dies auch zutreffend gewesen sein. Dennoch sollte man nicht außer Acht lassen, dass Mieszko handfeste Eigeninteressen in der fraglichen Region verfolgte und dadurch überhaupt den Konflikt auslöste. In Einschätzung des Sachverhaltes erscheint es daher nicht verfehlt, Mieszko im gegebenen Fall eher als Protagonisten zu charakterisieren, der vornehmlich aus politisch-territorialem Expansionsstreben heraus handelte und dabei die Truppen der Sachsen als Kontingente des Reiches zu diesem Zweck instrumentalisierte. Auch hatten vermutlich Ekkehard von Meißen und Giselher von Magdeburg wenig Interesse daran, dass Mieszko seinen Herrschaftsbereich auf Kosten Böhmens ausdehnte und damit möglicherweise in die Interessensphären der Sachsen eingriff.188 Trotz des baldigen Rückzugs des Böhmen von der Oder kann man den eben kursorisch dargestellten Konflikt durchaus als Bewährungsprobe für die piastisch-ottonischen Beziehungen bewerten, wobei Theophanus Handeln in der Situation zunächst ambivalent anmutet: Sie schickt zwar sächsische Kontingente, doch diese sind in ihrer militärischen Stärke eher unzureichend. M. E. ist diese Handlungsweise darauf zurückzuführen, dass sie die Situation politisch adäquat einschätzte und daher nur die Trupps der Anrainer (eben die der Sachsen) entsandte, um nicht unnötig weitere Kräfte des Reiches in regionalen Kämpfen zu binden. Dass aber trotz dieser Ereignisse die ottonisch-piastischen Beziehungen seit der Huldigung 986 so robust gewesen sein müssen, dass sie auch durch die 187 Vgl. Lübke, Christian, Regesten, Bd. 3, Nr. 253, S. 61f. 188 Ebd. 68 böhmisch-polnische Auseinandersetzung keinen Schaden davon trugen, lässt sich an der Präsenz und Behandlung Mieszkos auf dem Hoftag von 991 zeigen. In den Magdeburger Annalen stellen sich die Ereignisse wie folgt dar: Theophanu imperatrix augusta cum filio suo tercio Ottone paschale festum imperiali gloria apud Quedlinburgensem peregit civitatem, ubi etiam marchio Thuschanorum Hugo et dux Sclavonicus Miseco cum ceteris Europae primis ibidem confluentibus affuere ad obsequium imperatorii honoris, que quilibet preciosissima possederat, pro xeniis deferendo; e quibus Miseco aliique quam plurimi honorifice donati in patriam redierunt.189 Mieszko kehrt nach seiner Teilnahme am Hoftag also ‚reich beschenkt’ nach Hause zurück. Da das Schenken bekanntlich als Geste der Anerkennung und des guten gegenseitigen Verhältnisses zu verstehen ist, kann man also auch nach dem Konflikt von 990 von einem ungetrübten Verhältnis des Polen zu Otto III. und Theophanu sprechen. Im September 991 erscheint Mieszko dann auch folgerichtig als Teilnehmer eines Kriegszuges gegen die Brandenburg unter Leitung Ottos III., mithin als treuer Gefolgsmann Ottos.190 Auffällig ist hierbei, dass die Teilnahme Mieszkos wiederum nicht ausschließlich aufgrund seiner Bindungen zu Otto III. stattgefunden haben dürfte, da piastische Eigeninteressen in der Region nicht von der Hand zu weisen sind: Seine Gattin Oda war bekanntlich die Tochter des Grafen der Nordmark, deren Schwester Mathilde aber einen Spross der Hevellerdynastie als Gatten hatte.191 Daher ist es wahrscheinlich, dass dem Angriff auf die Brandenburg die Absicht zugrunde lag, diesem Paar die Herrschaft im umliegenden Gebiet nachhaltig zu sichern.192 Die Untersuchung der Einzelheiten der Beziehungen Mieszkos zu den Ottonen kann an dieser Stelle abgeschlossen werden, denn bis zu seinem Tode im März 992 wird man kaum von einer Veränderung diesbezüglich ausgehen können. Es bleibt damit zunächst festzuhalten, dass Mieszko seit der Unterwerfung 986 ein stabiles, lehnrechtliches Verhältnis zu den Ottonen und damit zum Reich eingegangen ist. Aufgrund dessen tritt er auch vor allem im Konflikt mit Boleslav von Böhmen als Reichsfürst auf, wobei man aber in Rechnung stellen sollte, dass Mieszko stets politische Eigeninteressen verfolgte. Die personalen Beziehungen zu den Ottonen, die ihm durch die frühe Entfernung von Heinrich dem Zänker leichter zu knüpfen möglich waren, kamen dem Piasten im Kontext der Konflikte mit Boleslav zu Gute. Die Huldigung von 986 ist daher als eminent wichtiges Ereignis in der Geschichte der piastisch-ottonischen Beziehungen des 10. Jahrhunderts hervorzuheben, denn ohne die dadurch erreichte Nähe zum Kaiserhaus hätte Mieszko seine Herrschaft kaum vermittels des kaiserlichen Plazets und in seiner Rolle als Reichsfürst sichern können. 189 Annales Magdeburgenses, a. 991; in ähnlicher Weise auch der Annalista Saxo, a. 991. 190 Vgl. Annales Hildesheimenses, a. 991; Annalista Saxo, a. 991. 191 Siehe dazu auch den Kommentar von Lübke, Christian, Regesten, Nd. 3, Nr. 261, S. 77. 192 So auch Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 42f.

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References

Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.