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4 Systematische Vorüberlegungen in:

Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde, page 25 - 34

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406-25

Tectum, Baden-Baden
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25 + %, - &' + ( $ ! " . Im Rückblick auf die Forschungsgeschichte haben nur wenige Themen so reges Interesse hervorgerufen wie die Funktionsmechanismen der ottonischen Herrschaft und der Aufbau eines mittelalterlichen ‚Staates’. Angesichts der mittlerweile beinahe unüberschaubaren Fülle entsprechender Literatur bleibt im Kontext der hier gegebenen Möglichkeiten nur eine Zusammenfassung der für diese Arbeit unmittelbar wichtigen Teilaspekte im Bereich des praktisch Angemessenen übrig: Sichtet man die ältere Forschungsgeschichte, ist häufig davon die Rede, dass mit dem Niedergang der karolingischen Königsherrschaft weniger elaborierte Formen der Herrschaftspraxis aufgekommen seien, da ein genereller Verlust an Zentralität und Institutionalität in den Nachfolgereichen des karolingischen Machtbereiches eingetreten sei.52 Indessen sollte man Bewertungen einer Degradation der Effektivität und Qualität von Herrschaftsmechanismen und der politischen Praxis im Ostfrankenreich der Liudolfinger nur mit aller Vorsicht anwenden. Hagen Keller etwa brachte mit seinem Aufsatz ‚Grundlagen ottonischer Königsherrschaft’ neue Impulse in die Bewertung der ottonischen Herrschaftspraxis, indem er die These aufstellte, die Liudolfinger hätten bewusst Elemente karolingischer Königsherrschaft preisgegeben.53 Zwar mag eine solche These in ihrer Anlage sicher provokativ sein, gleichwohl machte Keller damit zugleich darauf aufmerksam, die Mechanismen der Herrschaftspraxis und der politischen Funktionselemente in der Ottonenzeit nicht a priori zu unterschätzen. 52 Vgl. zusammenfassend: Boshof, Egon, Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert (EdG, 27), München 21997, S. 90f.; zur Charakterisierung ottonischer Königsherrschaft im Vergleich zur karolingischen Herrschaft: Leyser, Karl J., Medieval Germany and its Neighbours 900-1250, London 1982, hier bes. S. 196ff. 53 Vgl. Keller, Hagen, Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, in: Schmid, Karl (Hrsg.), Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Vorträge beim wissenschaftlichen Kolloquium aus Anlaß des achtzigsten Geburtstags von Gerd Tellenbach, Sigmaringen 1985, S. 17-34, hier bes. S. 24f. 26 Die Forschung verwandte nun zur Beschreibung dieser sog. ‚vorstaatlichen Herrschaftsformen’, die durch Personalität, die Anwendung von Gewohnheitsrecht und die Bildung personaler Netzwerke in Form von Verwandtschaft, Freundschaften und Lehnsverhältnissen54 gekennzeichnet waren, den griffigen Terminus des ‚Personenverbandsstaates’, wobei dieser Begriff vor allem auch in Abgrenzung zum im Hochmittelalter entstehenden institutionalisierten Flächenstaat benutzt wurde.55 Zwar hat dieses Bild des Personenverbandsstaates in seiner expliziten Betonung der Relevanz personaler Bindungsformen auch dergestalt Kritik provoziert, dass ein Funktionieren der Personenverbände nicht ohne Bezug auf ein bestimmtes Territorium gelten könne,56 gleichwohl tangiert eine solche Kritik nicht die prinzipielle Validität des Konzeptes im Hinblick auf die tatsächlichen Funktionsweisen königlicher Herrschaft und politischer Praxis in der Herrschaftszeit der Liudolfinger. Besonders durch die Arbeiten Althoffs und Kellers sind die Formen personaler Bindung in Friedens- und Konfliktzeiten stärker in der mediävistischen Diskussion zur Geltung gekommen, wobei den Bündnisund amicitia-Bewegungen mittelalterlicher Herrschaftsakteure größere Bedeutung beigemessen wurde.57 Im Kontext dieser Diskussion ist schließlich Keller über die These des ‚Personenverbandes’ hinaus zu der Ansicht gekommen, dass nicht nur einzelne Akteure und ihre Bindungen untereinander, sondern insbesondere auch die Verflechtungen Einzelner innerhalb größerer Gruppen (etwa coniurationes, amicitae-Bindungen, Sippen etc.), für die Bildung politischer Netzwerke eminent wichtig sind – insofern geht Keller an diesem Punkt deutlich über das Konzept des Personenverbandes hinaus und kritisiert dieses dementsprechend als nicht ausreichend zur Benennung mittelalterlicher Gruppengeflechte.58 Will man die Beziehungen einzelner Personen von politischem Ge- 54 Dazu z. B. Althoff, Gerd, Die Ottonen, Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart u. a. 22005, hier S. 243ff. 55 Vgl. z. B. Mitteis, Heinrich, Lehnrecht und Staatsgewalt, Weimar 1933, S. 2ff.; Boshof, Egon, Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert, S. 92; Mayer, Theodor, Die Ausbildung der Grundlagen des modernen deutschen Staates im Hohen Mittelalter, in: Kämpf, Hellmut (Hrsg.), Die Entstehung des Deutschen Reiches. Deutschland um 900. Ausgewählte Aufsätze, Darmstadt 1981, S. 284-331. 56 So z. B. Schlesinger, Walter, Herrschaft und Gefolgschaft in der germanisch-deutschen Verfassungsgeschichte (1953), in: Kämpf, Hellmut (Hrsg.), Die Entstehung des Deutschen Reiches. Deutschland um 900. Ausgewählte Aufsätze (WdF, 1), Darmstadt 1981, S. 135-190. 57 Althoff, Gerd, Amicitiae und pacta: Bündnis, Politik und Gebetsgedenken im beginnenden 10. Jahrhundert (MGH Schriften, 37), Hannover 1992; ders./Keller, Hagen, Heinrich I. und Otto der Große, Neubeginn und karolingisches Erbe, Göttingen/Zürich 1985. 58 Keller, Hagen, Grundlagen ottonischer Königsherrschaft, in: Schmid, Karl (Hrsg.), Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Vorträge beim wissenschaftlichen Kolloquium aus Anlaß des achtzigsten Geburtstags von Gerd Tellenbach, Sigmaringen 1985, S. 17-34, hier S. 24f.: vgl. auch: Hechberger, Werner, Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter. Zur Anatomie eines Forschungsproblems (Mittelalter-Forschungen, 17), Ostfildern 2005, S. 266f. 27 wicht untereinander angemessen beschreiben, wird man die Relevanz vielgestaltiger Gruppengeflechte also keinesfalls außer Acht lassen dürfen.59 + # / 0 , ' ! ' 1 $ 2 3 " $ ! "" Bekanntermaßen beruhte die politische Praxis des Mittelalters wesentlich auf dem Verhältnis der jeweiligen Akteure untereinander und auf den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen, die diese in spezifischen Gruppengeflechten eingingen, wobei man zwischen herrschaftlichen Verhältnissen sowie genossenschaftlichen und Verwandtschaftsverhältnissen unterscheiden muss.60 Aufgrund der Tatsache, dass diese Verhältnisse und Beziehungen in Zeiten eher unterentwickelter Schriftkultur durch nonverbale Kommunikation politisch und rechtlich fixiert werden, bietet es sich an dieser Stelle an, einige Ausführungen zum typischen Repertoire symbolischer Kommunikation bei entsprechenden Gelegenheiten zu machen. Im Vorfeld der eigentlichen Untersuchung der deutschpiastischen Beziehungen des 10. Jh. kann die Erfassung eines entsprechenden Grundrepertoires hilfreich sein, um Vergleichsmaßstäbe für jeweils in den Quellen dargestellte Einzelfälle der Kommunikation zwischen Ottonen, Reichsfürsten und Mieszko I. bereitzustellen, und um schließlich aufgrund der Einordnung und des Vergleichs symbolischer Akte die respektive zugrunde liegenden Formen der dort zum Ausdruck gebrachten Beziehungsgeflechte zu erfassen. Die vorherrschende Form der herrschaftlichen Bindung ist sicher das Lehnswesen. Hierbei ist es bekanntlich üblich, dass der Vasall durch Kommendation in die Dienste seines Lehnsherrn eintritt.61 Zu den Ritualen und Funktionsweisen des Lehnswesens ist bereits eine Fülle von Literatur erschienen, die sicher nicht in ihrer Breite an dieser Stelle rekapituliert werden kann. Zu bemerken ist jedoch, dass das Lehnswesen durch Reziprozität und Konsensualität gekennzeichnet ist, d. h., dass eben sowohl Lehnsherr als auch Vasall Rechte und Pflichten im Rahmen eines Wechselverhältnisses haben. Wie man weiß, sind diese Rechte bzw. Pflichten die Gewährung von ‚Schutz und Schirm’ auf Seiten des Lehnsherren und ‚Rat und Hilfe’ auf Seiten des Vasalls. Die Forschung hat oftmals darauf hingewiesen, dass die Funktionsmechanismen 59 Althoff legte z. B. mit seiner Monographie ‚Verwandte, Freunde und Getreue’ einen wichtigen methodischen Grundstein zur Beschreibung und Bewertung politischer Gruppenbildung: Hiernach ist etwa zwischen Verwandtengruppen, genossenschaftlich strukturierten Gruppen und herrschaftlich strukturierten Gruppen zu differenzieren, die in jeweils unterschiedlicher Weise ihren Beitrag zur Interaktion der Herrschaftsakteure im ottonischen Reich leisten, etwa bei Konflikten, beim Eingehen von Bündnissen und Verträgen u. a. M.: Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im frühen Mittelalter, Darmstadt 1990, S. 31ff., S. 85ff., S. 134ff. 60 Vgl. Althoff, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 5ff.; S. 35ff.; S. 84ff. 61 Vgl. hierzu z. B. Mitteis, Heinrich, Lehnrecht und Staatsgewalt; Ganshof, François-Louis, Was ist das Lehnswesen?, Darmstadt 1961. 28 der Willensbildung auch im Lehnswesen maßgeblich durch Beratung und daran anschließende Beschlussfassung gekennzeichnet sind, was letztlich auch eine auctoritas suadendi des Lehnsherren impliziert – die Arbeiten Jürgen Hannigs z. B. haben diese Annahme vollauf plausibel gemacht.62 Dementsprechend gelten für das Lehnswesen hierarchische Abhängigkeiten, jedoch sind sowohl bei der Kommendation als auch im Kontext der Willensbildung die wechselseitige Treue beider Parteien und die konsensuale Entscheidungsfindung der Getreuen mit dem Lehnsherrn vorrangig. Eine weitere Form personaler Bindung ist die Bildung sog. ‚amicitia’, die auf das antike Vorbild zur Sicherung zwischenstaatlicher Beziehungen zurückzugehen scheint.63 Ähnlich wie in der Antike kann die in mittelalterlicher Zeit praktizierte Form der amicitia sowohl für die Bestimmung innen- als auch außenpolitischer Beziehungen dienen.64 Indes ist diese Bündnisform genossenschaftlicher und nicht herrschaftlicher Natur, also als eine Bindung gleichberechtigter Partner zu verstehen, die jeweils Anspruch auf gegenseitige Unterstützung in allen Lebensbereichen haben. Vor allem im 10. und 11. Jh. hat die Forschung ein Überhandnehmen solcher genossenschaftlicher Bindungsformen konstatiert, was gerade für den für uns interessanten Untersuchungszeitraum eine relevante Feststellung ist. Nicht zuletzt deswegen haben auch die ottonischen Könige in dieser Zeit versucht, nur mit solchen Personen Freundschaftsbündnisse einzugehen, die nicht herrschaftlich von ihnen abhängig waren.65 Auch Mieszko I. sowie andere Herrschaftsakteure der Piastenzeit – etwa Bolesław Chrobry – sind verschiedentlich amicitia-Bündnisse mit deutschen Magnaten eingegangen. Die jeweiligen Formen symbolischer Kommunikation beim Abschluss von Freundschaftsbündnissen konnten dabei durchaus variabel sein und ergaben sich zumeist aus dem jeweiligen situativen Kontext. Der berühmte Salbungsverzicht Heinrichs I. beispielsweise ist schon vielfach als gleichsam programmatischer Verzicht auf hierarchische Überordnung verstanden worden, findet aber im Anschluss an die Konflikte mit Konrad I. und im Kontext von Heinrichs Königsweihe statt:66 „Und als ihm die Salbung nebst dem Diadem von dem Erzbischof, welcher zu jener Zeit Heriger war, angeboten wurde, verschmähte er sie zwar nicht, nahm 62 Hannig, Jürgen, Consensus fidelium. Frühfeudale Interpretationen des Verhältnisses von Königtum und Adel am Beispiel des Frankenreiches (Monographien zur Geschichte des Mittelalters, 27), Stuttgart 1982, S. 1ff. Vgl. dazu auch: Althoff, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 186; des Weiteren zu den Prozessen der Beratung: ders., Colloquium familiare – colloquium secretum – colloquium publicum. Beratung im politischen Leben des früheren Mittelalters, in: FmSt 24 (1990), S. 145-167; wieder in: ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997, S. 157-184 sowie Reynolds, Susan, Kingdoms and Communities in Western Europe 900-1300, Oxford 1986. 63 Vgl. die Untersuchung von: Heuss, Alfred, Die völkerrechtlichen Grundlagen der römischen Außenpolitik in republikanischer Zeit (Klio Beiheft, 31), Leipzig 1933 (ND Aalen 1968). 64 Vgl. Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 90f. 65 Ebd., S. 113f. 66 So etwa Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, S. 86. 29 sie aber auch nicht an. ‚Es genügt mir’, sagte er, ‚vor meinen Ahnen das voraus zu haben, dass ich König heiße und dazu ernannt worden bin […]. Salbung und Krone aber mögen Würdigeren als mir zuteil werden; solcher Ehren halten wir uns für unwert.’ Und es fand solche Rede bei der ganzen Menge Wohlgefallen, sie hoben die Rechte zum Himmel empor, und riefen Heil wünschend oftmals laut den Namen des neuen Königs.“67 In dieser Situation bereitet es den Anwesenden also Wohlgefallen, dass Heinrich I. auf Zeichen hierarchischer Überordnung verzichtet. Generell wird es also offenbar als wichtig erachtet, dass die Gleichrangigkeit der Parteien und die Reziprozität ihrer Beziehungen beim Abschluss von Freundschaftsbündnissen zum Ausdruck kommen. Allerdings wäre es nicht zutreffend, deswegen von einem gegenseitigen Ausschluss freundschaftlich-genossenschaftlicher und herrschaftlicher Elemente bei Freundschaftsbündnissen auszugehen. So sind etwa auch Fälle bezeugt, bei denen der Abschluss einer amicitia durchaus in Verbindung mit herrschaftlich oder hierarchisch ausgerichteten Symbolakten verbunden sein konnte, z. B. Anlässe, bei denen zunächst ein Konflikt durch eine Unterwerfungsgeste o. ä. beigelegt werden musste. Im Anschluss an seine solche Bereinigung konnte dann eine (Wieder)Herstellung der amicitia erfolgen – so wie etwa im Falle des Konfliktes Hermanns von Schwaben mit Heinrich II., der nach der Bereinigung der Konfliktsituation zum „treuen Lehnsmann und Freund“ Heinrichs wird.68 Auch begibt sich Eberhard von Franken, der Bruder des verstorbenen Königs Konrad I., in ein Bündnis mit dem neuen König Heinrich I., bei dem herrschaftliche und genossenschaftliche Bindungen zusammenkommen: „Eberhard begab sich, wie der König befohlen hatte, zu Heinrich, stellte sich mit allen Schätzen ihm zur Verfügung, schloß Frieden und erwarb sich dessen Freundschaft, die er bis an sein Ende in treuer Verbundenheit bewahrte.“69 Es ist in Bezug auf die Qualität der amicitia also festzuhalten, dass durchaus Rangunterschiede bei der Durchführung symbolischer Akte adäquate Berücksichtigung fanden, wenn es sich eben um solche Personen handelte, die in herrschaftlicher Abhängigkeit zueinander standen.70 67 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, I, 26, S. 39: Cumque ei offerretur unctio cum diademate a summo pontifice, qui eo tempore Hirigerus erat, non sprevit, nec tamen suscepit. ‚Satis’, inquiens, ‚michi est, ut prae maioribus meis rex dicar et designer, divina annuente gratia ac vestra pietate; penes meliores vero nobis unctio et diadema sit: tanto honore nos indignos arbitramur.’ Placuit itaque sermo iste coram universa multitudine, et dextris in caelum levatis nomen novi regis cum clamore valido salutantes frequentabat. 68 Vgl. Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 22, S. 245. 69 Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae, I, 26, S. 39: Ut ergo rex imperarat, Evurhardus adiit Heinricum seque cum omnibus thesauris illi tradidit, pacem fecit, amicitiam promeruit; quam fideliter familiariterque usque in finem obtinuit. Vgl. dazu auch: Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue, S. 108. 70 Vgl. zur Einrichtung der amcitia auch: Epp, Verena, Rituale frühmittelalterlicher ‚amicitia’, in: Althoff, Gerd (Hrsg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (VuF, 51), Stuttgart 2001, S. 11-24, hier S. 12. 30 Im Zusammenhang mit den vorigen Bemerkungen wurden bereits rituelle Akte bei Konfliktbeilegungen erwähnt. Bekanntlich hat gerade in der Ottonenzeit die Bedeutung solcher Akte erheblich als Folge des Rückgangs administrativer und juristischer Schriftlichkeit und des Fehlens gerichtlicher Entscheidungsstrukturen zugenommen. So hat seit dem Beginn der Ottonenzeit die sog. ‚deditio’ als Unterwerfungsleistung zentrale Bedeutung für die gütliche Beendigung schwelender Konflikte gewonnen: „Mit nackten Füßen und mit vertrauenswürdigen Vermittlern erschien er vor dem König, bat um Vergebung für seine bösen Taten, bat um Gnade, um durch die königliche Gabe seine Güter weiter zu besitzen, und beugte, um dies zu erreichen, die Knie bis auf den Boden.“71 Es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen Exponenten der sich unterwerfenden Partei – wie Hermann von Schwaben in diesem Beispiel – vor den König treten und mit deutlichen Zeichen der Reue und Buße, wie z. B. nackten Füßen, eine Wiedererlangung königlicher Huld erbitten.72 In der Regel gingen solchen Inszenierungen aber Verhandlungen voraus, in denen die Modalitäten des Friedens und die Elemente des Unterwerfungsaktes besprochen wurden, wobei gerade den Vertrauten (oftmals Klerikern) der Konfliktparteien wichtige Aufgaben als ‚Friedensstifter’ zukamen.73 Am Schluss dieses Abschnitts ist noch der Themenbereich der rituellen Akte bei Herrschertreffen zu berücksichtigen.74 Eine hervorragende Grundlage für die Erfassung relevanter Elemente bei Herrschertreffen ist das mittellateinische Versepos ‚Ruodlieb’, das in quasi-biographischem Duktus die Geschichte des Ritters Ruodlieb erzählt.75 Kolb konstatiert zu diesem Werk, dass es diejenigen Einzelakte, die zu einem einvernehmlichen und zugleich ‚maximal ausgedehnten’ Treffen zweier Herrscher gehören, vollständig wiedergibt.76 Daher seien an dieser Stelle die wichtigsten Stellen des V. Kapitels des Ruodlieb einmal rekapituliert: Nach der Auseinandersetzung zwischen einem rex maior und einem rex minor 71 Vgl. Adalbold von Utrecht, Vita Heinrici II imperatoris, cap. 13, S. 687; vgl. auch Thietmar von Merseburg, Chronicon, V, 22, S. 247. Dazu Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale, S. 73. Zur Entwicklung und Bedeutung der deditio generell: Althoff, Gerd, Das Privileg der deditio. Formen gütlicher Konfliktbeendigung in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft, in: ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 99-125. 72 Siehe dazu auch z. B.: Althoff, Gerd/Kamp, Hermann, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen. 73 So auch der Titel der Monographie von: Kamp, Hermann, Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), Darmstadt 2001. 74 Vgl. dazu auch die Überblicksdarstellung von: Kolb, Werner, Herrscherbegegnungen im Mittelalter. 75 Aus der umfangreichen Literatur zum Ruodlieb-Epos sei etwa die empfehlenswerte Monographie von Vollmann erwähnt: Vollmann, Benedikt Konrad, Ruodlieb, Darmstadt 1993; hier auch eine Fülle weiterer Literatur. Der Ruodlieb liegt in unterschiedlichen Ausgaben vor. Für die vorliegende Arbeit wurde verwendet: Langosch, Karl, Waltharius, Ruodlieb, Märchenepen. Lateinische Epik des Mittelalters mit deutschen Versen, Darmstadt 31967. 76 Kolb, Werner, Herrschertreffen, S. 25. 31 treffen sich beide, um im Anschluss an die Beendigung der Kampfhandlungen im gegenseitigen Einvernehmen den neuen Frieden öffentlich abzuschließen und das fortan wirksame Bündnis der beiden ehemaligen Gegner symbolisch zu kommunizieren. Dazu wird der ehemalige Kampfplatz als Ort der Zusammenkunft präpariert, wo der große König zunächst die Messe hört.77 Es folgen dann nochmals Vermittlungen durch Boten, bevor es zum eigentlichen Zusammentreffen der beiden Herrscher kommt. Nach der Begrüßung durch den Austausch von ‚Küssen’ folgt die eigentliche Verhandlung über den Frieden, an deren Ende der Vertragsabschluss steht.78 Als Fanal des neuen Friedens werden zunächst die Kriegsgefangenen ausgetauscht, woran anschließend ein Eid den Frieden bekräftigen soll.79 Nachdem beide Könige zunächst zu ihren Lagern zurückkehren, um mit ihrem Gefolge Mahl zu halten, folgen gegenseitige Besuche, in deren Verlauf nach einem angemessenen Empfang Geschenke ausgetauscht werden.80 Eine wahre Fülle von Geschenken wird vom kleinen König für den großen König bereitgehalten, darunter neben Gold und Silber auch exotische Tiere wie ein Zwillingspaar Bären, Leoparden oder ein Luchs, aus dessen Harn man Edelsteine zu gewinnen glaubte. Als am folgenden Tag der kleine König im Lager des großen eintrifft, kommt dieser ihm entgegen und geleitet ihn zu seiner Lagerstatt, wo er ihm einen Platz anbietet und ein gemeinsamer Umtrunk stattfindet.81 Bevor der große König aber auf das überaus generöse Geschenkangebot des Kleinen reagiert, ermahnt er zunächst seine Gefolgsleute: „Erweckt bei euch doch nicht den Schein, als ob Geschenke nötig sei’n, kommt vielmehr augenblicks mit mir, was ich nun tu, das tut auch ihr!“82 Aus der Fülle der Geschenke wählt er schließlich nur das Bärenpaar und zwei Vögel aus; auf alle anderen Geschenke verzichtet er: „Der große König sich besah und prüfte die Geschenke da, Er sagte darauf zu dem Kleinen: ‚Sehr wertvoll mir die Gaben scheinen; Damit wir dich durch so viel schenken jedoch nicht schädigen und kränken, So wollen wir statt deiner Gaben nur deinen Guten Willen haben. Ich nehme mir das Bärenpaar, das in 77 Ruodlieb, V, V. 3-15, S. 117: […] Quo dum rex venit, missam properantius audit […]. 78 Ruodlieb, V, V. 20ff., S. 117f.: […] Dum convenerunt reges ubi constituerunt, Nil pernitus dicunt sibi quam oscula figunt. Noster pontifices, ut idem facerent, iubet omnes, Et post abbates ex ordine basiat omnes; Eius praesulibus tunc praetibus est amor ipsus. [...] Quicquid stulticiae plebs nostra patravit utrimque, hoc dimittamus et eodem pacifecimus, ut sint inter se concodantes sinde fraude. [...] 79 Ruodlieb, V, V. 60ff., S. 118: […] Post ait [der große König]: „hi rex, sunt, quos vivere fata sinebant, Qui non humane, dum nobis praevalvere, Nos tractant igne praeda vel cade maligne. Qualiter econtra tractarem quos vice versa, Praecipe, quo dicant tibi, quando domum remearint. Nunc se concordent et sint, velut amte fuerunt, Firmi compares posthac fidique soldales.” [...] 80 Ruodlieb, V, V. 75ff., S. 121-123. 81 Ruodlieb, V, V. 143ff., S. 123f.: His ita dispositis modicum requiescere vult is. Explorare iubet, alter rex quando resurgat. Post vigilans surgit mulum falerareque iussit Cumque quibus volvit ad regem equitavit. Plures occurrunt et ei servire studebat. [...] 82 Ruodlieb, V, V. 158f., S. 124: Ne sit opus census vobis videatur ut eius; Mecum nunc ite, quod ego faciam faciote. 32 dem Spiel possierlich war, Für meine Tochter nehm ich mir die Elster und den Star von dir und laß dir so viel Dank zukommen, als hätt ich alles angenommen’ […].“83 Im Anschluss daran verabschieden sich die beiden Könige mit einem Kuss und kehren nach Hause zurück.84 Es ist nun besonders darauf hinzuweisen, dass die symbolischen Akte bei Herrschertreffen in erster Linie darauf abzielen, das Verhältnis zweier (oder mehrerer) Personen untereinander zu regeln und nicht die außenpolitischen Beziehungen zweier Staaten. Den Einzelakten kommt damit auch im Hinblick auf die Erfassung von persönlichen Bindungen und herrschaftlich organisierten Strukturen große Bedeutung zu, so dass eine zumindest kursorische Interpretation des eben paraphrasierten Abschnitts aus dem ‚Ruodlieb’ notwendig erscheint. Unmittelbar verständlich ist wohl, dass der gemeinsame Umtrunk im Sinne der Funktionen des gemeinsamen Mahlhaltens der Friedens- und Bündnisstiftung dient.85 Besonderes Augenmerk verdient aber das Verhalten des großen Königs in Anbetracht der generösen Geschenkofferten durch den kleinen:86 Er ermahnt die Seinen, nicht den Eindruck zu erwecken, sie bedürften der Geschenke und erwählt sich selbst nur die exotischen Bären und zwei Vögel, verzichtet also bewusst darauf, die mannigfaltigen Wertgegenstände und angebotenen Edelmetalle zu nehmen. Gleichwohl scheint diese Geste indessen nicht verletzend gegenüber dem kleinen König gewesen zu sein. Voss argumentiert zu diesem Fall, dass eine gleichrangige Stellung Voraussetzung dazu sei, dass die lediglich symbolische Annahme zweier Geschenke wie im Falle des großen Königs nur dann nicht verletzend gewesen sei, wenn eine gleichrangige Stellung der beiden Könige angenommen werden kann.87 Diese Ansicht erscheint mir aber wenig plausibel, da der große König explizit als solcher bezeichnet wird, was im Sprachgebrauch des Ruodlieb eine Rangdifferenz markiert, und da das Verhalten des großen Königs nur so zu verstehen ist, dass er sich seiner machtvolleren und ranghöheren Posi- 83 Ruodlieb, V, V. 202ff., S. 126: Munera dum vidit ea rex multumque probavit, Dixit ad aequiucum: „tua munera sunt bona multum; Ne tamen a nobis tantum donando graveris, Pro donis vorum decernimus accipiendum. Tam bene ludentes ursos hos tollo gemellos atque meae natae picam sturnumque do de te et grates habeas tantas, ceu cuncta dedisses; [...]. 84 Zur Symbolik des Kusses vgl. z. B.: Schreiner, Klaus, „Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes” (Osculetur me osculo oris sui, Cant. 1, 1). Metaphorik, kommunikative und herrschaftliche Funktionen einer symbolischen Handlung, in: Ragotzky, Hedda/Wenzel, Horst (Hrsg.), Höfische Repräsentation, das Zeremoniell und die Zeichen, Tübingen 1990, S. 89- 132. 85 Vgl. hierzu die erwähnte Arbeit von: Althoff, Gerd, Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter. 86 Vgl. zur Ökonomie des Schenkens im Mittelalter etwa: Algazi, Gadi (Hrsg.), Negotiating the Gift. Pre-Modern Figurations of Exchange, Göttingen 2003; Hannig, Jürgen, Ars donandi. Zur Ökonomie des Schenkens im frühen Mittelalter, in: Van Dülmen, Richard, Anmut, Liebe, Ehre. Studien zur historischen Kulturforschung, Frankfurt a. M. 1988, S. 11- 37. 87 Voss, Ingrid, Herrschertreffen, S. 158. 33 tion vollauf bewusst ist. So ermahnt er ja sogar seine Gefolgsleute, die angebotenen Geschenke nicht anzunehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie sie benötigten. Tatsächlich entspricht die bloß symbolische Annahme zweier exotischer Geschenke, um keinen Affront gegenüber dem Schenkenden zu provozieren, durchaus den Gepflogenheiten der Zeit, so berichtet der Chronist Rodulfus Glaber etwa, dass Heinrich II. bei seinem Treffen mit Robert II. in ähnlicher Weise verfuhr.88 Es ist also eher davon auszugehen, dass die spezielle Ökonomie des Schenkens bei Herrschertreffen durchaus auf Rangdifferenzen hinzuweisen vermag, so dass das Verhalten des großen Königs im Ruodlieb als eine Art symbolischer Bescheidenheit gedeutet werden kann, die gleichwohl nicht zu einem Affront gegenüber dem kleinen führt: So wird nämlich dem kleinen König ermöglicht, seine Großzügigkeit zu beweisen, und so wird dem gro- ßen König ermöglicht, eine Bescheidenheit, die seinem höheren Rang angemessen ist, darzustellen, so dass also beide Seiten als Benefizianten aus dem Treffen hervorgehen können. 88 Rodulfus Glaber, IV, 8, S. 111f.

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References

Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.