Content

2 Mieszko I. als Staatsgründer: Probleme und Potentiale der mediävistischen Forschung in:

Christian Igelbrink

Freundschaft, Herrschaft, Fehde, page 13 - 22

Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3951-9, ISBN online: 978-3-8288-6740-6, https://doi.org/10.5771/9783828867406-13

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
13 # $ % & ' ( Als erster historisch greifbarer Fürst der Polanen wird Mieszko I. vor allem in der polnischen Mediävistik als eine Art Staatsgründer angesehen. Obgleich die Quellenbasis zu den Verhältnissen in Polen zur Mitte des 10. Jahrhunderts relativ dünn ist, lassen sich dennoch Indizien dafür anführen, dass Mieszko die gentile Organisation und politische Zersplitterungen der ‚Polanen’ überwunden und durch Herrschaftsmechanismen eines Fürstenstaates ersetzt hat. Obgleich unklar ist, inwieweit es sich dabei um die Einung eines bestimmten (postulierten) Stammes der Polanen gehandelt hat, ist seit dem Anfang des 10. Jahrhunderts in jedem Fall eine Integration und administrative Straffung der ‚älteren gesellschaftlichen Segmente’ im Raum östlich der Oder festzustellen.14 Der Reisebericht des jüdischen Kaufmanns Ibrahim ibn Ya’qub enthält einige aufschlussreiche Bemerkungen über die Grundlagen der Gründung des polnischen Herrschaftsverbandes: „Was nun das Land des Mescheqqo [Mieszko] anlangt, so ist es das ausgedehnteste ihrer [der Slawen] Länder, und es ist reich an Getreide, Fleisch, Honig und Fischen. Er zieht die Abgaben in Marktmünzen ein, und dieses bildet den Unterhalt seiner Mannen; in jedem Monat bekommt er eine bestimme Summe davon. Er hat dreitausend Gepanzerte, und das sind Krieger, von denen Hundert Zehntausend andere aufwiegen. Er gibt den Mannen Kleider, Rosse, Waffen, und alles was sie brauchen.“15 Da die Darstellungen des Ibrahim in der Quellenkritik trotz einiger fiktiver Einsprengsel als durchaus verlässlich angesehen werden,16 kann man aus den zitierten Bemerkungen wohl ableiten, dass die 14 Lübke, Christian, Das östliche Europa (Die Deutschen und das Europäische Mittelalter), München 2004, S. 185. Vgl. zu den archäologischen Zeugnissen dieses Einigungsprozesses: Kara, Michał, Anfänge der Bildung des Piastenstaates im Lichte neuer archäologischer Ermittlungen, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 57-85. 15 Ibrahim Ibn Ya’qub, Reise von Magdeburg nach Prag, in: Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert, übers. von Georg Jacob, Berlin/Leipzig 1927. 16 Vgl. dazu: Engels, Peter, Der Reisebericht des Ibrahim ibn Ya'qub (961/966), in: Euw, Anton von/Schreiner, Peter (Hrsg.), Kaiserin Theophanu, Begegnung des Ostens und Westens 14 gentile Organisation der Polanen durch Mieszko überwunden und durch fürstliche Herrschaftsformen ersetzt wurde, was die Erhebung von Steuern oder die Gestellung und Ausrüstung von Panzerreitern umfasst. Gleichwohl sollte man vorsichtig sein, in diesen Beschreibungen bereits die Ausbildung eines funktionierenden Feudal- oder sogar Staatswesens zu erblicken. Lübke weist in diesem Zusammenhang nämlich darauf hin, dass die Mehrzahl der Krieger aus dem Ausland stammte und nicht über vasallitische Abhängigkeiten, sondern über die Zahlung von Sold an Mieszko gebunden war. Gerade deswegen wurde eine rasche Ausbreitung der bei Ibrahim erwähnten Geldwirtschaft umso nötiger.17 Da nun die Geldwirtschaft im Polen des 10. Jh. noch weit weniger entwickelt war als es der Bericht des jüdischen Reisenden nahelegen könnte, bedurfte es zahlreicher Kriegszüge, um die Kasse der Krieger in Diensten des Fürsten aufzubessern. Eine Expansion des polnischen Herrschaftsraumes erfolgte somit nicht unwesentlich aufgrund ökonomischer Erwägungen. Nichtsdestoweniger ist diese Expansion eine der wesentlichen Leistungen Mieszkos im Verlauf des 10. Jh., so dass man nicht fehl darin gehen wird, sowohl den Ausbau fürstlicher Herrschaftsstrukturen (Panzerreiter, Steuerwesen) als auch die territoriale Ausdehnung als erste Schritte der Gründung und Konsolidierung des polnischen Herrschaftsverbandes anzusehen.18 Besonders durch die territoriale Expansion nach Westen und Nordwesten in das Gebiet der Marken hinein ergeben sich indes erste Berührungspunkte mit dem sächsischen Feudaladel, vor allem mit dem Billunger Wichmann. Gerade in der älteren Forschung sind die Beziehungen Mieszkos I. zum Reich bereits Gegenstand umfangreicher Kontroversen gewesen. Albert Brackmann z. B. plädierte dezidiert für die Annahme eines vasallitischen Abhängigkeitsverhältnisses Mieszkos zu Otto dem Großen seit dem Jahr 963, und konterkarierte damit bewusst die Argumentation des polnischen Historikers Jedlicki, der lediglich für die Annahme eines zunächst tributären und später freundschaftlichen Verhältnisses, nicht aber für die These einer frühen Lehnsabhängigkeit optierte.19 Obgleich diese Forschungsdiskussion mittlerweile insofern obsolet geworden ist, als nachgewiesen werden konnte, dass die vermeintliche Unterwerfung Mieszkos in Folge der Auseinandersetzungen mit Markgraf Gero auf einer fehlerhaften Rezeption der Ausführungen Widukinds von Corvey zum Konflikt um die Wende des ersten Jahrtausends, Bd. 1, Köln 1991, S. 413-422, hier bes. S. 415. Vgl. zur Qualität der Darstellungen Ibrahims auch: Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 180f. 17 Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 187. 18 So auch Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, S. 9. 19 Vgl. zu dieser Diskussion: Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 29), Berlin 1933; vgl. die Erwiderung: Jedlicki, Marayan Z., Die Anfänge des polnischen Staates. Erwiderung, in: HZ 152 (1935), S. 519-529; dazu neuerlich: Brackmann, Albert, Reichspolitik und Ostpolitik im frühen Mittelalter, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Darmstadt 21967, S. 188-210. 15 Mieszkos mit Wichmann20 durch Thietmar von Merseburg21 basiert und somit in den Bereich der Fiktion zu verweisen ist,22 bietet es sich an dieser Stelle dennoch an, den entsprechenden Disput in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, um auf einige methodische Besonderheiten der polnisch-deutschen Beziehungsforschung zu verweisen, die im Allgemeinen bereits in der Einleitung angeklungen sind: Vor allem die Ansichten Brackmanns sind von der Annahme geleitet, es handele sich beim ottonischen Reich und dem soeben im Entstehen begriffenen polnischen Herrschaftsverband um zwei souveräne ‚Territorialmächte’, denen es um die Regelung ihrer bilateralen Beziehungen ginge.23 Da Brackmann allerdings als Fundament seiner Argumentation auf dieses nachweislich problematische Paradigma territorialer (und auch rechtlicher) Staatlichkeit rekurrierte, hat dies Konsequenzen für die Konsistenz seiner Schlussfolgerungen. Der erste Fehler besteht darin, durch die Annahme zweier souveräner Staaten die eigentlichen Bezugspunkte mittelalterlicher Politik nicht ausreichend zu würdigen, nämlich die Herrschaftsakteure selbst. Daher ist etwa die Meinung, die Unterwerfung Mieszkos gegenüber Otto III. 98624 lediglich als Erneuerung eines bereits 963 geschlossenen Lehnsverhältnisses zum Reich anzusehen, höchst fraglich. Damit wird auch der zweite Fehler in Brackmanns Argumentation klar: Er vermischt die Begegnungen unterschiedlicher Akteure zu verschiedenen Zeiten und in jeweils anders gearteten Zusammenhängen in unzulässiger Weise. Man muss nämlich vorsichtig sein, von der Annahme eines Lehnsverhältnisses zwischen Polen und dem Reich, das vermeintlich 963 zwischen Otto I. und Mieszko geschlossen worden ist, und das im Lichte der neueren mediävistischen Forschung offenbar in der Tat keinen historischen Hintergrund hatte,25 vorschnell auf die Beziehungen Ottos III. und Mieszko im Jahr 986 zu schließen. So fällt es Brackmann auch entsprechend schwer, quellenmäßige Evidenzen beizubringen, die die Existenz einer vordringlich herrschaftlich-vasallitischen Abhängigkeit Mieszkos schon für das Jahr 963 belegen: „Dazu ist zu sagen, dass das häufige Erscheinen der polnischen Fürsten auf den Reichstagen ebenso wie die Bezeichnung ‚amicus imperatoris’ natürlich nicht ohne weiteres das Bestehen eines Lehnsverhältnisses beweist, aber auch nicht dagegen spricht.“26 Da also zunächst einmal der Nachweis zu erbringen wäre, dass überhaupt ein Lehnsverhältnis zwischen Otto I. und Mieszko I. bestanden hat, kann eine solche Bemer- 20 Widukind von Corvey, Res Gestae Saxonicae, III, 66-68. 21 Thietmar von Merseburg, Chronicon, II, 14. 22 Vgl. dazu Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, hier bes. S. 286. 23 Vgl. Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates, S. 3: „Jedlicki reiht die Polen für die Zeit des ausgehenden 10. Jahrhunderts noch unter die noch nicht konsolidierten Territorialmächte von niedrigerer Zivilisation ein […].“ 24 Siehe Kapitel 5.3.2 dieser Arbeit. 25 Siehe Kapitel 5.1.1. 26 Brackmann, Albert, Die Anfänge des polnischen Staates, S. 4. 16 kung, in der lediglich konzediert wird, dass das Erscheinen auf Reichstagen nicht ‚dagegen spricht’, wohl kaum überzeugen – die bloße Möglichkeit einer Lehnsbeziehung beweist ja noch nicht ihre Existenz. In der Tat vermag Brackmann auch nur anzubringen, dass Bolesław I., nicht aber sein Vater Mieszko bei Thietmar als ‚miles’ bezeichnet wird, also mit dem Terminus, den Thietmar stets für Vasallen benutzt. Daher monierte Jedlicki auch mit vollem Recht die Vorgehensweise Brackmanns in seiner Replik: „Zum Beweise hierfür [für die Vasallität Mieszkos] zitiert Prof. Brackmann die Texte VII, c. 31 und VII, c. 30 aus der Chronik Thietmars, in welcher er Bolesław Chrobry und Mieszko II. als miles bezeichnet. Dieser Einwand kann, meiner Ansicht nach, nur auf einem Mißverständnis beruhen. […] [In] meiner Arbeit stellte ich doch ausdrücklich fest, dass ich mich nur mit den Verhältnissen zwischen Kaisertum und Polen vor [sic!] dem Jahre 1000 befasse. Beide von Prof. Brackmann zitierten Stellen sprechen dagegen von Tatsachen nach dem Jahre 1000 […].“27 Da Brackmann lediglich in der Lage war, Belege für die Existenz einer Lehnsabhängigkeit im 11. Jahrhundert bei Thietmar aufzufinden, muss seine Meinung, diese Befunde gelten auch für das 10. Jahrhundert, schon Anlass zu einer erheblichen Skepsis geben. Sowohl in der älteren als auch in der modernen Forschung bleibt daher zwar die Ansicht, dass Mieszko durch das Aufeinandertreffen mit den Sachsen und den Ottonen dazu gezwungen wurde, neue politische Strategien im Hinblick auf die Beziehungen zum Reich zu präferieren, ihrer Gültigkeit unbenommen. So erscheint auch Lübkes These, Mieszko habe bewusst die Oberherrschaft des Reiches in den Slawengebieten westlich der Oder akzeptiert, durchaus plausibel.28 Dass damit nun allerdings besondere und verschiedenartige Formen der Abhängigkeit sowie vielfältige Kontakte zwischen Piasten und Ottonen geknüpft wurden, bedarf wohl kaum der besonderen Erwähnung.29 Hat sich anhand dieses exemplarisch rekapitulierten Disputs der älteren Forschung schon zeigen lassen, dass vorschnelle und quellenmäßig schwach fundierte Schlussfolgerungen neutrale Bewertungen zum Zustand deutsch-polnischer Beziehungen im 10. Jh. erheblich erschweren, so ist freilich auch die moderne Forschung nicht immer vor Voreingenommenheiten und dadurch getrübten methodischen Zugängen und Urteilen gefeit. Auch moderne Forschungsarbeiten greifen die Annahmen von Staatlichkeit und bilateraler Außenpolitik durchaus auf.30 Die Besonderheiten vormoderner, ottonischer Königsherrschaft haben offenbar sogar eine hervorragende Grundlage geliefert, nationale Antagonismen zwischen dem Reich und Polen zu begründen. Die Analysen von Graus oder die Beiträge von Bardach, Labuda oder Manteuffel, die im Rahmen einer Warschau- 27 Jedlicki, Marayan Z., Die Anfänge des polnischen Staates. Erwiderung, S. 519. 28 Lübke, Christian, Das östliche Europa, S. 189. 29 Siehe dazu im Einzelnen Kapitel 5.1. 30 So z. B. Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, hier S. 3ff. 17 er Tagung 1965 gehalten wurden, verweisen nämlich univok auf die massiven Unterschiede, die zwischen den gleichsam vorstaatlichen Herrschaftselementen des Liudolfinger-Reiches und den straff organisierten Fürstenstaaten der Přemysliden oder Piasten bestanden haben.31 Sie verkehren damit gleichsam die Blickrichtung nationalstaatlicher Überlegenheit von Osten nach Westen. Indessen verweisen namhafte Exponenten der Ostforschung wie Herbert Ludat angesichts solcher Anschauungen nationaler Antagonismen auch auf die Notwendigkeit, von den überkommenen Denkmustern nationaler Bilateralität abzurücken und damit die Bewertung der deutsch-polnischen Beziehungen von ‚Dogmen’ zu befreien.32 Zwar hat die zumindest partielle Abkehr von staatlichen Paradigmen in der Wissenschaft zu einer stärkeren Berücksichtigung der exponierten Akteure deutsch-polnischer Beziehungen geführt. Interessant ist aber, dass Mieszko in der polnischen Forschung trotzdem immer wieder als Staatsgründer gesehen wird, und dass demgemäß die monographischen Untersuchungen zu seiner Person immer noch sehr von diesem Paradigma der Staatlichkeit und Außenpolitk getragen werden.33 Daher ist die Methodik in Sonderheit der polnischen Forschung auch oftmals noch dadurch gekennzeichnet, sich weitgehend einseitig auf ‚ihren’ großen Staatengründer Mieszko I. zu konzentrieren, ohne seine vielfältigen Beziehungen zum Reich angemessen, d. h. differenziert zur Kenntnis zu nehmen. Gleichwohl ist in jüngster Zeit mit vollem Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass man trotz der bisherigen wissenschaftlichen Bemühungen immer noch recht wenig über die personengeschichtlichen Hintergründe des ersten Piasten weiß: „It remains a fact that the life and reign of the historical and Christian Polanian (Polish) ruler are conceived in a highly imperfect manner.“34 Dabei hat die Forschung bereits in den 1970er Jahren durch das eben erwähnte Werk ‚An Elbe und Oder um das Jahr 1000’ von Herbert Ludat entsprechende Impulse erhalten, personale Beziehungsgeflechte zwischen 31 Graus, Frantisek, Die Entstehung der mittelalterlichen Staaten in Europa, in: Historica 10 (1965), S. 5-65; Bardach, Juliusz, Historia panstwa i prawa Polski, Warszawa 21965. Vgl. auch den Sammelband zur Warschauer Tagung 1965: Manteuffel, Tadeusz/Gieyzstor, Aleksander (Hrsg.), L’Europe aux IXe-XIe siècles, Warszawa 1968; Labuda, Gerard, Der „Akt von Gnesen“ vom Jahre 1000. Bericht über die Forschungsvorhaben und -ergebnisse, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 145-188. 32 Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa, Köln u. a. 21995, S. 69. 33 Vgl. z. B.: Zakrzewski, Stanisław, Mieszko I jako budowniczy panstwa polskiego, Warzawa 1921; Grabski, Andrzej F., Mieszko I, ok. 932-992, Warszawa 1973; Piskorski, Jan M., Polska Mieszka I. W tysiaclecie smierci tworcy panstwa i Kosciola polskiegi, Poznan 1993. 34 Strzelczyk, Jerzy, The First Two Historical Piasts. Opinions and Interpretations, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 98-143, S. 101. In der Vorgehensweise der Berücksichtigung personaler Beziehungen im Kontext feudaler Herrschaftspraxis sind auch andere Arbeiten Strzelczyks zu nennen, z. B.: ders., Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, Bd. 5), Berlin 2002, S. 43-59. 18 dem Reich und Polen stärker in den Mittelpunkt zu rücken und abseits von (national)staatlichen Paradigmen möglichst neutral zu beschreiben.35 Seit den späten 1990er Jahren haben Exponenten der mediävistischen Zunft zwar zunehmend die Abkehr von bilateral bzw. staatlich orientierten Bewertungsmustern vollzogen und – wie in der Einleitung betont – die deutsch-polnischen Beziehungen vor dem Hintergrund der Funktionsmechanismen von Politik und Herrschaft in der Ottonenzeit bewertet. Zu nennen sind hier etwa die Zugänge Knut Görichs, der methodisch Herbert Ludat bei seiner Bewertung der ‚Polenkriege’ nicht fern steht, oder aber die Arbeiten, die im Umfeld der Tagung zum 1000-jährigen Jubiläum des Aktes von Gnesen entstanden sind, wie z. B. Gerd Althoffs Untersuchung des Aktes von Gnesen vor dem Hintergrund symbolischer Kommunikation zwischen Piasten und Ottonen.36 Auf polnischer Seite hat man aber erst in jüngerer Zeit wieder darauf hingewiesen, dass die Kenntnisse der politischen und persönlichen Hintergründe zu Mieszko I. trotz früherer Anstrengungen überaus begrenzt seien, und so ist die 2005 erschienene Arbeit ‚The First Two Historical Piasts’ von Jerzy Strzelczyk, aus der das obige Zitat stammt, umso höher einzuschätzen, da diese endlich auch die Beziehungsgeflechte des ersten Piasten zum Reich differenzierter in den Blick nimmt und damit die Zugriffe zur Untersuchung seiner Person anhand zeitgemäßer historischer Methodik aktualisiert. Auch seine Arbeit ‚Polen, Tschechen und Deutsche in ihren Wechselwirkungen um das Jahr 1000’ ist besonders hervorhebenswert, da sie als einer der bislang besten Beiträge zur angemessenen Beschreibung und Bewertung der deutsch-polnischen Beziehungen gesehen werden kann, selbst wenn die spezifischen Beziehungen Mieszkos I. zu den Ottonen und den Böhmen hier eher kursorisch abgehandelt werden. Anhand der vorausgegangenen Bermerkungen sollte schon deutlich geworden sein, dass sich der Autor der vorliegenden Arbeit den Ansätzen Strelczyks und Ludats verpflichtet fühlt. M. E. sind nämlich sowohl Ansätze der Personenund Beziehungsforschung als auch Methoden der Konflikt- und Ritualforschung angesichts der Funktionsmechanismen von Herrschaft im mittelalterlichen Personenverband37 weitaus besser geeignet, die deutsch-polnischen Beziehungen zur Zeit Mieszkos I. zu bewerten als Zugriffe staatlicher oder internationaler Politik, 35 Ludat, Herbert, An Elbe und Oder um das Jahr 1000, S. 33ff. bzw. S. 67ff. Vgl. zur Bedeutung von Ludats Arbeit auch: Zernack, Klaus, Deutsch-polnische Beziehungen aus deutscher Sicht, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, 5), Berlin 2002, S. 29-42, hier S. 38. 36 Görich, Knut, Eine Wende im Osten. Heinrich II. und Boleslaw Chrobry, in: Schneidmüller, Bernd/Weinfurter, Stefan (Hrsg.), Otto III. – Heinrich II. Eine Wende im Osten?, Stuttgart 21997, S. 95-169; Althoff, Gerd, Symbolische Kommunikation zwischen Piasten und Ottonen, in: Borgolte, Michael (Hrsg.), Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“ (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik, 5), Berlin 2002, S. 293-309. 37 Vgl. dazu Kapitel 4.1 dieser Arbeit. 19 die sowohl auf deutscher als auch polnischer Seite früher verfolgt worden sind. Sicher wäre es vorschnell, der polnischen Forschung per se eine gleichsam national-staatlich gefärbte Präfiguration ihrer Methoden zu unterstellen, doch erscheint mir angesichts der oben kursorisch aufgezeigten Entwicklungen auch in der modernen Zeit die Forschung immer noch zu sehr durch den sozusagen archimedischen Punkt der Staatengründung und Nationenbildung Polens und einer daraus abgeleiteten Bilateralität mit eher neuzeitlichen, kaum mittelalterlichen Charakteristiken geprägt zu sein. Daher sei an dieser Stelle die Notwendigkeit betont, Mieszko I. in erster Linie als Akteur der feudalen Adelsgesellschaft und nicht als Staatsmann, Diplomaten oder Außenpolitiker aufzufassen. Nun stellt sich angesichts dieser Feststellungen in Bezug auf die Abkehr von nationalistischen Dogmen und der notwendigen Kenntnisnahme der Strukturen liudolfingischer Herrschaft freilich die Frage, inwieweit diese Befunde der Forschung für die Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsakteuren praktisch applikabel sind. Häufig ist etwa die Frage gestellt worden, ob sich das Verhältnis der Elbslawen zu den Ottonen als eine Eroberung durch die Kräfte des Reiches darstellt, oder ob die Slawen in die Reichsstrukturen inkorporiert werden sollten.38 Althoff kommt in Bezug auf die zweite Frage zu einem sicher zutreffenden Ergebnis: „The only thing we do not hear of explicitly in the narrative sources is any plan to incorporate the Elbe Slavs into the Ottonian Reich […].“39 Angesichts dieses Ergebnisses wird man die Option einer geplanten Inkorporation der Elbslawen wohl fallen lassen müssen. Die einzige Möglichkeit, die Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Herrschaftsakteuren zeitgemäß herauszuarbeiten und zu bewerten, ist also nur anhand jeweiliger Einzelfälle möglich. Sinnvoll erscheint weder die Annahme eines prospektiven Plans der Ottonen, die Elbslawen langfristig in das Reich zu integrieren, noch die Annahme, Konflikte zwischen Piasten und Ottonen seien aus staatlichen Antagonismen entstanden. Das einzige Paradigma, das in der überaus langen und wechselvollen Forschungsgeschichte Bestand zu haben scheint, ist der Versuch der piastischen Herrscher – und hier vor allem Mieszkos I. und sodann Bolesławs Chrobry –, ihren eigenen Herrschaftsverband mit möglichst umfassenden Eigenrechten (Regalrechte, Investiturrechte) auszubauen und damit als eigenständigen Machtbereich zu konsolidieren. Für die Annahme dieser These lassen sich zahlreiche Beispiele sowohl aus der polnischen als auch deutschen Mediävistik beibringen.40 Jedoch steht wohl außer Frage, dass entsprechende 38 So z. B. Althoff, Gerd, Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century, S. 278f. 39 Ebd., S. 284. 40 Vgl. z. B.: Poleski, Jacek, Little Poland in the Year 1000, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 29-55; der eben erwähnte Beitrag von: Strzelczyk, Jerzy The First Two Historical Piasts. Opinions and Interpretations, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 98- 143; Jasinski, Tomasz, Die Konsolidierung des ältesten polnischen Staates um 940, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5 (2000), S. 88-98; Rhode, Gotthold, Kleine Geschichte Polens, bes. S. 5ff. 20 Strategien der Piastenfürsten nur unter der Voraussetzung realisiert werden konnten, dass ihre Beziehungen zu den ottonischen Herrschaftsakteuren überhaupt eine Vermehrung entsprechender politischer Kompetenzen erlaubten. Gerade deswegen wird man auch fragen müssen, in welchen Formen Mieszko die Kontakte zum hohen Reichsadel realisierte, und inwieweit angestrebte politische Strategien im politischen Kräftefeld umsetzbar waren oder nicht. Wie in der Einleitung betont bilden gerade Ereignisse, bei denen Mieszko und Große des Reiches direkt aufeinandertreffen, geeignete Anlässe zur Bewertung ihrer jeweiligen politischen Beziehungen, da diese im Kontext der Konventionen symbolischer Kommunikation zum Ausdruck gebracht und fixiert werden. Der Ausdruck der jeweiligen Beziehungen untereinander ist aber freilich dann von besonderem Gewicht, wenn sich Parteien im Konflikt befinden, wenn also sowohl die Aktivierung personaler Netzwerke als auch die Beilegung von Konflikten auf rituellem Wege besonders wichtig werden. Gerade in der Konfliktführung werden nämlich differenzierte Formen symbolischer Kommunikation eingesetzt: etwa als Signal zur Eskalation oder als Mittel zur Deeskalation.41 Die Arbeiten Althoffs zu Regeln und Ablauf mittelalterlicher Konflikte sind dabei von großem Gewicht auch für die Beurteilung der Auseinandersetzungen zwischen Herrschaftsakteuren des Reiches und Piasten. Daher sollen zunächst einige Bemerkungen zur generellen Signifikanz symbolischer Kommunikation in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft folgen: Der zunächst in den Kulturwissenschaften erfolgte ‚performative turn’ bietet nicht geringe Vorteile, die die gegenwärtige Mediävistik aufgegriffen hat und die auch die vorliegende Arbeit methodisch zu nutzen beabsichtigt.42 Die Potentiale des performativen Ansatzes werden durch unzählige aufschlussreiche Arbeiten verdeutlicht, indem man zu zeigen vermochte, dass exemplarische, spezifische Ereignisse symbolischer Kommunikation aufgrund ihrer rituellen Verdichtung und zukunftssichernden Verbindlichkeit, Rückschlüsse auf tiefer liegende Struk- 41 Vgl. dazu die Bemerkungen bei: Althoff, Gerd, Die Bösen schrecken, die Guten belohnen. Bedingungen, Praxis und Legitimation mittelalterlicher Herrschaft, in: ders./Goetz, Hans- Werner/Schubert, Ernst (Hrsg.), Menschen im Schatten der Kathedrale. Neuigkeiten aus dem Mittelalter, Darmstadt 1998, S. 1-110, S. 9f. Wichtig kann etwa auch das Abhalten gemeinsamer Mähler zur Bündnis- und Friedensstiftung sein: Althoff, Gerd, Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter, in: Bitsch, Irmgard/Ehlert, Trude/Ertzdorff, Xenia von (Hrsg.), Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, Sigmaringen 1987, S. 13-25; ders., Fest und Bündnis, in: Altenburg, Detlef/Jarnut, Jörg/Steinhoff, Hans-Hugo (Hrsg.), Feste und Feiern im Mittelalter, Sigmaringen 1991, S. 29-38. 42 Vgl. Fischer-Lichte, Erika, Notwendige Ergänzungen des Textmodells, in: Frankfurter Rundschau, 23.11.1990, S. 20; siehe zum ‚performative turn’ den Sammelband: Martschukat, Jürgen (Hrsg.), Geschichtswissenschaft und der „perfomative turn“. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit (Norm und Struktur 19), Köln/Berlin 2003. Die Gründungen des SFB 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme“ der Universität Münster und des SFB 619 „Ritualdynamik“ der Universität Heidelberg verdeutlichen zudem das wissenschaftliche Potential dieses Ansatzes. 21 turen der Herrschaftsordnung zulassen. Mittlerweile ist die Erforschung der Performativität besonders für die Herrschafts- und politischen Prinzipien der Ottonenzeit zu einem eminent wichtigen Forschungsparadigma avanciert, was durch Arbeiten Hagen Kellers, Karl Leysers oder eben Gerd Althoffs illustriert wird.43 Vor allem politische Kommunikation vollzieht sich in der Zeit des frühen und Hochmittelalters eher nonverbal, nämlich durch rituelle Akte, die in öffentlichem Rahmen inszeniert und dargeboten werden.44 Für die Zeit der ottonischen Königsherrschaft, aber auch für die Zeit der Karolinger, der Salier oder Staufer findet man in den Quellen eine Fülle von Beschreibungen ritueller Akte zu verschiedenen Anlässen. Doch gerade im Hinblick auf die Zustände und Veränderungen ‚internationaler’ Beziehungen im Mittelalter wird man auf das Repertoire symbolischer Kommunikation bei Herrscherbegegnungen besonderes Augenmerk legen müssen. Bestimmte Akte kehren nämlich immer wieder und sind dabei in ihrer Anlage und Inszenierung oftmals Gegenstand langwieriger Verhandlungen gewesen – dementsprechend ist generell von einer genauen Durchdachtheit ritueller Akte auch bei Herrschertreffen auszugehen. Glücklicherweise liegen bereits umfangreiche Arbeiten zu diesem Thema vor, nämlich die Monographien von Werner Kolb und Ingrid Voss, die die in den Quellen beschriebenen Vorgänge von Herrscherbegegnungen einem systematischen und diachronen Vergleich unterzogen und damit auf immer wiederkehrende, sozusagen standardisierte Elemente symbolischer Kommunikation bei Herrschertreffen hingewiesen haben.45 Es sollte durch diese knappen Bemerkungen einsichtig geworden sein, dass die genaue Erfassung der deutsch-piastischen Beziehungen Mitte des 10. Jahr- 43 Hier nur eine knappe Auswahl einschlägiger Arbeiten: Althoff, Gerd, Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003; ders., Baupläne der Rituale im Mittelalter. Zur Genese und Geschichte ritueller Verhaltensmuster, in: Wulf, Christoph/Zierfas, Jürgen (Hrsg.), Die Kultur des Rituals, München 2004, S. 177-197; ders., Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, in: ders. (Hrsg.), Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (VuF, 51), Sigmaringen 2001, S. 157-176; ders., Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997; ders., Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters, in: FmSt 31 (1997), S. 370-389; Weinfurter, Stefan, Canossa. Die Entzauberung der Welt, München 2006. Zur Signifikanz symbolischer Kommunikation im ottonischen Reich: Leyser, Karl J., Zeremonie und Gestik: das ottonische Reich, in: FmSt 27 (1993), S. 1-26; Keller, Hagen, Ritual, Symbolik und Visualisierung in der Kultur des ottonischen Reiches, in: FmSt 35 (2001), S. 23-59. 44 Vgl. etwa: Althoff, Gerd, Demonstration und Inszenierung. Spielregeln der Kommunikation in mittelalterlicher Öffentlichkeit, in: FmSt 27 (1993), S. 27-50, S. 28-29. 45 Kolb, Werner, Herrscherbegegnungen im Mittelalter (Europäische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 359), Bern/Frankfurt a. M. 1988; Voss, Ingrid, Herrschertreffen im frühen und hohen Mittelalter. Untersuchungen zu den Begegnungen der ostfränkischen und westfränkischen Herrscher im 9. und 10. Jahrhundert sowie der deutschen und französischen Könige vom 11. - 13. Jahrhundert (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, 26), Köln/Wien 1987. 22 hunderts zwar schon oftmals Gegenstand der mediävistischen Forschung gewesen ist, dass jedoch einige der dabei hervorgebrachten Ergebnisse nur mit einer angemessenen Skepsis beurteilt werden dürfen. Denn die Anwendung anachronistischer Geschichtsbilder oder die Antizipation von Sachergebnissen im Sinne der politischen Instumentaliserung kann kaum dazu dienen, die schon geringen Kenntnisse über Mieszko I. und die Anfänge des polnischen Herrschaftsverbandes methodisch einwandfrei voranzubringen. Es ist klar, dass man bei der Analyse so nah wie möglich an den Quellen bleiben muss und sich so wenig wie möglich von äußeren, ahistorischen Faktoren beeinflussen lassen sollte. Dass indes die Quellenlage manche Untersuchung der Anfänge der piastischen Herrschaft erschwert, sei im Folgenden kurz dargelegt.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Mieszko I., erster historisch greifbarer Herzog der „Polanen“ aus der Dynastie der Piasten, reorganisierte sein Herrschaftsgebiet nach den Prinzipien eines feudalen Fürstenstaates. Einhergehend mit dieser inneren Konsolidierung ergaben sich durch territoriale Expansionsbewegungen alsbald auch erste Kontakte mit dem Hochadel des römisch-deutschen Reiches – jene Beziehungen, die durch bedeutende Mediävisten als frühe Form „zwischenstaatlicher“ Politik bewertet wurden. Tatsächlich aber waren es weniger Konzepte nationaler Identität oder staatlicher Administration, die das Handeln der politischen Akteure prägten, sondern vielmehr gewohnheitsrechtlich tradierte Normen eines adeligen Personenverbandes, welche die Ausgestaltung interpersonaler Beziehungen nach den Maßstäben von Rang und Prestige, aber auch Christlichkeit und Treue regulierten. So zeigt sich, dass Mieszko I. bereits ab ca. 965 als autonomer Akteur des ottonisch-deutschen Herrschaftsverbandes betrachtet worden ist, der die Piasten gleichrangig neben anderen Dynastien zu positionieren vermochte.