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MUSIKER ERINNERN SICH AN ZEITGENÖSSISCHECHORMUSIK IHRER KRUZIANERZEIT in:

Matthias Herrmann (Ed.)

Dresdner Kreuzchor und zeitgenössische Chormusik, page 13 - 32

Ur- und Erstaufführungen zwischen Richter und Kreile

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3906-9, ISBN online: 978-3-8288-6737-6, https://doi.org/10.5771/9783828867376-13

Series: Schriften des Dresdner Kreuzchores, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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MUSIKER ERINNERN SICH AN ZEITGENÖSSISCHE CHORMUSIK IHRER KRUZIANERZEIT 14 Erinnerungen an zeitgenössische KARL-DIETFRIED ADAM geb. 1931 Kruzianer 1942 1950 Theaterkapellmeister und Chordirektor Zuletzt: Musikschuldirektor in Mönchengladbach 1977 1994; lebt als Rentner seit 2011 in Marktredwitz und ist dort in die kirchenmusikalische Arbeit eingebunden. Erste Bewährungsprobe mit Ernst Pepping Vielen ehemaligen Kruzianern ist es eigen, dass die prägenden Jahre im Kreuzchor mit zunehmendem Alter immer mehr in den Vordergrund treten. Dazu gehört bei mir auch die Erinnerung an die einjährige Vorbereitungszeit auf den Chor bei Katharina Lange-Frohberg in ihrer Wohnung in der Töpfergasse am Neumarkt. Diese respektgebietende und vornehme Dame hatte die Aufgabe, mit uns in kleinen Gruppen so zu arbeiten, dass wir lernten, vom Blatt zu singen und mit vertrackten Rhythmen sicher umzugehen. Auch die bei der Aufnahmeprüfung vorzutragende Arie musste einstudiert werden. Dann war es endlich so weit: In der ersten Chorprobe unter Rudolf Mauersberger stand ausgerechnet Der Wagen von Ernst Pepping auf dem Programm. Diesen abendfüllenden Chorzyklus hatte der Kreuzchor im Juni 1942 zur Uraufführung gebracht, und wir neuen Sextaner vom Herbst dieses Jahres wurden in einer vermutlichen Sonderprobe gleich damit konfrontiert. So konnte Mauersberger jeden Einzelnen von uns ausgezeichnet kontrollieren. Am Ende ging schließlich alles gut, aber die Anforderungen, die das Werk Peppings an uns stellte, waren aus damaliger Sicht enorm. Das betraf nicht nur die schnell zu treffenden schwierigen Intervalle und die vertrackte Rhythmik, sondern auch den Text Weinhebers. Warum ist mir das in so starker Erinnerung geblieben? Wohl deshalb, weil trotz bester Vorbereitung erst der Ernstfall zeigt, ob die Grundlagen stimmen. In diesem Fall taten sie es. Begegnung mit Günter Raphael Am 6. Oktober 1948 gastierten wir im Dom zu Fulda. Es erklangen u.a. Werke von Palestrina, Bach, Schütz, Mauerberger, Bruckner und die mich nach wie vor tief berührende Motette Christus, der Sohn Gottes von Günter Raphael. Dieses siebenstimmige, vom Kreuzchor 1938 uraufgeführte und diesem später gewidmete Werk war für mich in seiner ausgreifenden Klanglichkeit einfach umwerfend neu und einmalig. Und als mich Mauersberger nach dem Konzert dann auch noch mitnahm, um den anwesenden Komponisten, von dessen instrumentalem Schaffen und schwierigen Lebensumständen in der NS-Zeit ich damals noch keine Vorstellung hatte, zu begrüßen, war das für den jungen Chorpräfekten natürlich nicht nur eine große Ehre, sondern ein bis heute nachwirkendes Ausnahmeerlebnis. Chormusik der Kruzianerzeit 15 PETER SCHREIER, Kammersänger, Prof. geb. 1935 Kruzianer 1945 1954 Sänger und Dirigent Zuletzt: Mitglied der Staatsoper Berlin Unter den Linden, der Bayerischen Staatsoper München und der Wiener Staatsoper; weltweite Gastspiele als Sänger (bis 2005) und Dirigent. Lebt in Dresden. Johannes Driesslers Cantica nova Von moderner Musik in meiner Kruzianerzeit sind mir die dreiviertelstündigen Cantica nova von Johannes Driessler in besonderer Erinnerung geblieben. Soweit ich weiß, war die Anfrage zur Berliner Uraufführung 1951 unmittelbar nach dem Tode unseres Chorpräfekten Siegfried Lösche erfolgt. Seine Nachfolge wurde mir übertragen und hatte nachhaltigen Einfluss auf meine Entwicklung. Denn ich musste nun Mitverantwortung übernehmen, mich mit Partiturspiel (alte Schlüssel usw.) und Chorleitung befassen. Die doppelchörigen Cantica nova bestehen aus neun Fugen und werden von einer Fantasie und einem Hymnus eingerahmt. Dass dieses A-cappella-Werk an die Grenzen des Machbaren geht, zeigte sich schon bei der Einstudierung, an der ich mitwirkte. Rudolf Mauersberger hat uns im Probenprozess nicht geschont und dann zu einer packenden Wiedergabe geführt. Ähnlich bei Ernst Pepping! Da denke ich an den abendfüllenden Passionsbericht des Matthäus oder an den ›sauschweren‹ Goethe-Zyklus Heut und ewig. Selbst Mauersbergers Lukaspassion war nicht leicht zu singen. Ich kann mich an die Uraufführung 1947 in der katholischen Herz-Jesu-Kirche genau erinnern und weiß noch, wie gerade die Tenöre zu ›kämpfen‹ hatten. 1949 gaben wir ein weltliches Konzert im Deutschen Hygiene-Museum mit Uraufführungen von Otto Reinhold, Dietrich Manicke und Franz Herzog. Ich war im Kreuzchor also nicht nur von Schütz und Bach umgeben, sondern auch von lebenden Komponisten. Von den bisher genannten und vielen anderen. Rudolf Mauersberger als Hauskomponist Mauersbergers ›Gebrauchsmusik‹ im besten Sinne des Wortes war Teil unseres Alltags und der Tatsache geschuldet, dass der Chor nach der Zerstörung Dresdens neue Literatur brauchte. Da war unser Kantor fast zum Komponieren gezwungen. Die Motette Wie liegt die Stadt so wüst, in der er die Stimmung in so einmaliger Weise getroffen hatte, gab ihm für die Weiterarbeit offenbar viel Auftrieb. Wir haben seinen Stil damals nicht als eigentlich ›modern‹ empfunden, wohl aber als sehr anspruchsvoll und klanglich auf den Kreuzchor zugeschnitten. 16 Erinnerungen an zeitgenössische Für mich Altsolisten schrieb der Kreuzkantor seit 1947 zahlreiche Partien. Wenn ich’s recht sehe, begann das im Januar dieses Jahres mit der Lukaspassion (»Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach«) und setzte sich in Einzelstücken seiner Chorzyklen fort, z.B. Dresden im Frühling 1945; Bitte oder Zugvögele. Sogar ein um 1920 entstandenes Klavierlied (Ein Sonntag) hat er für mich und gemischten Chor umgeschrieben. Am meisten spricht mich heute das De profundis aus dem Dresdner Requiem an. Da hat er haargenau die Klangfarbe und die Lage meiner Stimme erfasst. Wie einzigartig dieses Stück ist, wurde mir erst wieder klar, als ich es im Herbst 2015 bei einer Veranstaltung im Wiener Haus der Musik hörte. Vom Duktus ähnlich ist die Litanei aus der Geistlichen Sommermusik. Auch bei der Uraufführung des Dresdner Te Deums im Herbst 1948 habe ich die Altpartien gesungen. Hier hatten wir irgendwie den Eindruck, unser Chef fühle sich getrieben, für großes Orchester schreiben zu müssen. Im Gegensatz zur Christvesper, die so einmalig ist, scheint mir dieses Werk ein wenig epigonenhaft zu sein. Gern haben wir auch Lieder in Bearbeitungen unseres Kantors gesungen. Auch hier schrieb er seinen Knabensolisten die Partien ›auf den Leib‹. Wenn ich an Guten Abend, gut Nacht für Alt mit Männerchor denke, fällt mir die Situation in der Westberliner Siemens-Villa während der ›Luftbrücke‹ vom Frühjahr 1949 ein. Das was insofern aufregend, als wir zwischen den Flugintervallen stets nur wenige Minuten Ruhe zur Aufnahme hatten. War das eine Tortur! Gleich, ob Mauersberger ein eigenes oder das Werk eines anderen dirigierte – stets war es ihm wichtig, die jeweilige Stimmung vor allem im Klanglichen herauszuarbeiten. Zu den namhaften Komponisten, die zu meiner Zeit den Chor besuchten, gehört Ernst Pepping. Aufgezeichnet von Matthias Herrmann LOTHAR VOIGTLÄNDER, Prof. geb. 1943 Kruzianer 1954 1962 Komponist und Dirigent Zuletzt: Gastprofessuren u.a. an der Universität Paris VIII (1991/92), 2001 2008 Prof. für Komposition an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, ebd. Leitung des Studios für Elektronische Musik (2002/03). Etablierung von Konzertreihen zur Neuen Musik und Multimedialen Performances. Lebt in Berlin. Intensität der Textexegese und Schönheit des Chorklanges unter Rudolf Mauersberger Wenn man über das Weiterwirken der segensreichen Tätigkeit dieses Kreuzkantors im eigenen Kopfe, in der ›musikalischen Seele‹ spricht, wenn man unter ihm singen durfte und zahlreiche Interpretationen zeitgenössischer Musik mitgestal- Chormusik der Kruzianerzeit 17 tet hat, dann kommt man nicht umhin, diese beiden Begriffe – Textexegese und Tiefe der Interpretation (aus der dann auch das Geheimnis des Chorklanges entsprang) – zu benennen. Diese Faktoren wirkten sich nicht nur auf die von ihm zahlreich aufgeführten Chorwerke anderer Komponisten aus, sie sind auch in seinem eigenen Schaffen immanenter Bestandteil des kompositorischen Impetus. Denn wie bringt man sonst die Seelen kleiner, müder Nachkriegskinder ab dem zehnten Lebensjahr dazu, einen Chorsatz, wie Stoppelfelder, darüber der Jagdhund streift (aus Mauersbergers Erzgebirgszyklus ) oder Unsterblich duften die Linden (aus seinem Kleinen Jahreskreis ), mit in ihr beginnendes Leben zu nehmen und nie wieder zu vergessen? Das Notenbild gibt es jedenfalls vordergründig nicht her. Ist es die Knappheit der kompositorischen Diktion, oder sind es nicht vielmehr die so treffsicher gesetzten inneren Werte dessen, was man eben nur unscharf als ›kompositorische Handschrift‹ beschreiben könnte? Oder sind es gar die an die ›richtige‹ Stelle gesetzten Zäsuren (Pausen) zwischen den Phrasen? Nicht minder wichtig sind mir Mauersbergers mehrchörige Wechselgesänge und Choräle, welche der etwas trockenen evangelischen Liturgie das zur Gewohnheit geronnene ›Heruntersingen‹ nahmen und schlagartig wieder den Sinn und Zweck kirchlichen Rituals in den Vordergrund treten ließen: Textexegese im wörtlichen Sinne! Für mich ist dies ein nachklingendes Momentum und hat meine religiöse Verwurzelung bis heute um das Element der musikalischen Meditation innerhalb des kirchlichen Raumes bereichert. Als Mauersberger während meiner Chorzeit das Dresdner Requiem um das Vorspiel mit Requiem aeternam erweiterte, war das für mich so eindrücklich, dass dieses Stück Musik mir lebenslang Inspiration und Quelle, ein innerer Bezug zu Religiosität und meditativer Einkehr, quasi ein »aide-mémoire« für das eigene kompositorische Werk wurde. Es würde den Rahmen sprengen, auf die vielen Kompositionen einzugehen, die im oben genannten Sinne Struktur, Harmonik und ›Klang‹ in meinen frühen Jahren herausbilden halfen: Werke von Hugo Distler, Ernst Pepping oder Kurt Hessenberg (hier insbesondere die Motette O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens ). Willy Burkhards Die Sintflut (1954/55) nimmt da vielleicht noch einen gewichtigeren Platz ein, denn das wesentlich geschärftere Binnenverhältnis zwischen Konsonanz und Dissonanz, die keineswegs immer dem Dur- Moll-System verhafteten Schichtungen und linearen Stimmführungen brauchten Monate, um die innere Akzeptanz der ›kleinen‹ Kruzianer zu finden (zur Uraufführung 1955 war ich knapp zwölfjährig). Hinweisen möchte ich noch auf Franz Herzogs Motette Wir bauen an dir mit zitternden Händen (Rilke), die mit ihren diatonischen Schichtungen, ausgehend von einem Zentralton, einen ersten, interessanten Ansatz bildeten, um – später, viel später – solchen Tonzentren, die die Dramaturgie auf eine ganz andere Weise dominieren und gliedern können, den Vorzug zu geben vor einem fixierten und starren kadenzharmonischen Denken. 18 Erinnerungen an zeitgenössische Und über all dem Gesagten hängt in meinem Musikstudio das Bildnis von Rudolf Mauersberger, der im Streben nach der Ruhe und der Schönheit des Klanges und mit seiner Textexegese der Kompositionen von Schütz bis in die Neuzeit eine der wichtigsten Wegmarkierungen in meinem Leben gesetzt hat. HARTMUT HAENCHEN, Prof. Dr. h.c. geb. 1943 Kruzianer 1953 1958 Dirigent Zuletzt: Generalmusikdirektor der Niederländischen Oper (1986 1999) und Chefdirigent der Niederländischen Philharmonie (1986 2002) in Amsterdam; Intendant der Dresdner Musikfestspiele (2003 2008); Künstlerischer Leiter des Kammerorchesters C. Ph. E. Bach (1980 2014); weltweite Gastspiele in Oper und Konzert. Lebt in Dresden, Berlin und Amsterdam. Uraufführung zu den Schütz-Tagen: Die Sintflut von Willy Burkhard Noch druckfrisch waren die Partituren, als wir am Ende eines übervollen Schuljahres ein Werk in die Hände bekamen, welches für mich eine gewaltige Herausforderung in mehrfachem Sinne war: Obwohl wir vom ersten Tag, den ich im Kreuzchor verbrachte, eigentlich wöchentlich mit der neueren und neuesten Chormusik vertraut gemacht wurden, bedeutete die Vorbereitung auf die Uraufführung der Sintflut des Schweizer Komponisten Willy Burkhard am 3. Juli 1955 einen Meilenstein. Das Werk ist auf Texte aus dem 1. Buch Mose als Kantate für Chor a cappella konzipiert. Gerade hatte ich Rudolf Mauersberger meine Klavierfantasie in c-Moll vorgespielt, die sich stilistisch in einer merkwürdigen Mischung zwischen Schütz und Liszt befand, da kam diese Partitur in meine Hände, die alles bisher von mir in der zeitgenössischen Chormusik an Radikalität und Expressionismus Gekannte übertraf. Ich war fasziniert. Der Schwierigkeitsgrad war für uns damals enorm und dürfte auch heute noch selbst Profichöre vor eine große Aufgabe stellen. Obwohl ich kein Chorpräfekt war, vertraute mir Mauersberger Stimmgruppenproben mit den (noch) Jüngeren an, da das Werk in bis zu achtstimmige Stellen aufgeteilt war: meine erste ›Dirigier‹-Aufgabe. Wenn man rückblickend betrachtet, dass neben diesem großen Chorwerk noch die Erstaufführung von Günter Raphaels doppelchöriger Motette Im Anfang war das Wort und das Vater Unser von Hermann Simon auf dem Programm standen, versteht man, was Mauersberger wollte: dies als Höhepunkt und Abschluss der 1. Heinrich-Schütz-Tage des Dresdner Kreuzchores. Der Altmeister, der sozusagen in die Zukunft wirkt. Mir blieb für immer die Vertonung des Satzes im Gedächtnis: »da gereute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden.« Komponiert war dies in einem die verschwindende Menschheit darstellenden Diminuendo. Chormusik der Kruzianerzeit 19 UDO ZIMMERMANN, Prof. geb. 1943 Kruzianer 1954 1962 Komponist und Dirigent Zuletzt: Intendant der Oper Leipzig (1990 2001) und Generalintendant der Deutschen Oper Berlin (2001 2003), Gründer/Leiter des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik (1986 2003) und des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau (2004 2008), Künstlerischer Leiter der »musica-viva«-Reihe des Bayerischen Rundfunks (1997 2011). Lebt in Dresden. Blick nach außen – Westliche Moderne unter Rudolf Mauersberger Wenn ich an meine Kreuzchorzeit zurückdenke, so erinnere ich mich der Hochachtung und Verantwortung gegenüber dem gesungenen Werk. Durch Rudolf Mauersberger habe ich einen unerhörten Reichtum an Stilen und Haltungen kennen gelernt; dazu kam die Schulung des Gehörs und der Klangvorstellung. Beim Durchblättern der Programmzettel meiner Chorjahre finde ich eine Vielzahl an zeitgenössischen Werken. Dabei dominieren westliche Komponisten aus der Schweiz, z.B. Willy Burkhard, René Matthes oder Bernard Reichel, der – wie mir erst in meiner Hellerauer Tätigkeit klar wurde – lange am Jaques-Dalcroze- Institut in Genf unterrichtet hat. Am häufigsten sangen wir jedoch Werke westdeutscher Zeitgenossen: von Siegfried Borris über Johannes Driessler bis hin zu meinem damals noch nicht einmal 30-jährigen Heidelberger Namensvetter Heinz Werner Zimmermann und seiner Chormusik mit gezupftem Kontrabass. Das bewegte damals die Gemüter! Zu den Schütz-Tagen des Kreuzchores 1960 referierte er über »Die Möglichkeiten und Grenzen des Jazz innerhalb der Musiksprache der Gegenwart«, und wir sangen Teile aus seiner noch unvollendeten Passionsmotette Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem mit Kontrabass und Schlagzeug. Dieser Repertoireansatz des Kreuzkantors – den Blick nach außen zu richten in einer sich immer stärker abgrenzenden DDR – scheint mir beispielgebend zu sein. In seiner Akribie strebte Mauersberger stets ein vollendetes Klangbild an, was uns vor allem bei zeitgenössischen Werken sehr viel abverlangt hat. Mir schien das fast zwanghaft, und es hat einen ungeheuren Druck aufgebaut, der Lockerheit und Leichtigkeit im Musizieren nicht zuließ. Andererseits verinnerlichten wir dadurch eine tiefe Achtung vor der Moderne! Dass ich mich ein Leben lang so vehement für Zeitgenossen eingesetzt habe, dürfte auch hierin seine Wurzeln haben, vielleicht auch die Haltung, sich für ein Werk, von dessen Qualität man überzeugt ist, auch dann zu verwenden, wenn es der eigenen künstlerischen Haltung zuwiderläuft. Habe ich vom Komponisten Mauersberger etwas lernen dürfen? Ja, für die menschliche Stimme und nicht gegen sie zu schreiben, ›schöne‹ Klänge als Mittel des Ausdrucks nicht (wie viele Kollegen) völlig auszuschließen und alle chori- 20 Erinnerungen an zeitgenössische schen Möglichkeiten zur Verdeutlichung einer Aussage auszuschöpfen. Ist es Zufall, dass ich in meiner Ode an das Leben (1975) und in Pax questuosa (1982) drei Chöre vorsehe? Oder findet sich das Vorbild zur Dreichörigkeit etwa im Dresdner Requiem, das ich jährlich mitgesungen habe? Mit persönlichem Rat hat mir Rudolf Mauersberger viel geholfen, z.B. wenn wir Hindemiths Unterweisung im Tonsatz oder meine Schülerarbeiten durchgingen und er meine ersten Motetten sogar ins Programm aufnahm. Aufgezeichnet von Matthias Herrmann ANDREAS SCHEIBNER, Kammersänger geb. 1951 Kruzianer 1961 1969 Sänger Zuletzt: Ensemblemitglied an der Sächsischen Staatsoper Dresden; freiberufliche Opernund Konzertengagements weltweit. Lebt in Dresden. Hans Werner Henze beim Kreuzchor Im Oktober 1966 kam Hans Werner Henze erstmals zu uns. Er leitete die Endproben und die Plattenproduktion der Musen Siziliens sowie das nachfolgende Symphoniekonzert der Staatskapelle im Großen Haus der Staatstheater. Von der Zusammenarbeit mit dem Kreuzchor inspiriert, entstanden bald darauf die Moralitäten, die er unter Hinzuziehung des Gewandhausorchesters Leipzig im November 1967 mit uns für die Schallpatte aufnahm. Ja, es stimmt: Rudolf Mauersberger hat sich stets mit Nachdruck und Hingabe der modernen Musik angenommen. Und was tat er bei den Moralitäten ? Er überließ die Einstudierung dieser Schuloper weitgehend den Chorpräfekten. Welch eine Tat zur Förderung der musikalischen Jugend! Oder hat er vielleicht einfach nur mal keine Lust gehabt? Es sei ihm posthum von Herzen gegönnt. Wie waren wir beeindruckt von Henzes bildhafter, geradezu körperlicher Musik. Wie waren wir beeindruckt, als er dann leibhaftig erschien mit diesem bildhübschen Italiener und diesem Straßenkreuzer, der glühende Sozialist, im aschgrauen Dresden. Wie waren wir beeindruckt, dass er mit uns Kruzianern so genussvoll plaudern mochte. Wie waren wir beeindruckt von den Philipp-Morris- Zigaretten mit Kohlefilter und Goldbanderole. Und wie waren wir empört, dass er diese, kaum angeraucht, im Aschenbecher versenkte. Gern hätten wir sie zu Ende geraucht. Das macht doch die Stimme so interessant und käme dadurch wieder der zeitgenössischen Musik zugute … Ich hatte nun das Vergnügen, ein paar Solostellen singen zu dürfen. Daraufhin schenkte mir der Meister eine Schallplatte und sagte: »Du musst Sänger werden.« Was ich dann auch tat. Chormusik der Kruzianerzeit 21 Technisch schwierige Gesangspartien zeitgenössischer Komponisten Seither nun begleitet mich die zeitgenössische Musik durchs ganze Berufsleben. Zahllosen Liedern, Kantaten, Oratorien und Opern habe ich mit geholfen, das Licht der Welt zu erblicken. Einige dieser Geschöpfe sind Prachtexemplare geworden. Viele haben sich nach einmaligem Singen und Klingen sang- und klanglos verabschiedet. Andere wieder waren derartig schwere Geburten, dass selbst die Geburtshelfer dabei am liebsten verstorben wären. Und am Ende wollte keiner das Kind haben. Durch die Kreuzchorausbildung war es mir oft möglich, auch die aberwitzigsten Partien quasi prima vista zu reproduzieren – mit den Noten vor der Nase. Doch wer je vor 200 Seiten ›Fliegendreck‹ saß, um diese Tausende wahllos verstreuten schwarzen Punkte auswendig zu lernen, der betet, dass es doch das Telefonbuch sein möge. Was z.B. bewegt einen Komponisten, auf 180 Seiten Klavierauszug 2400 (!) Taktwechsel unterzubringen? Ich habe es trotz Insistierens nie erfahren. Hier tut sich ein weites Feld für die Musikwissenschaft auf: Entstehungs-, Erarbeitungs-, Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte zeitgenössischer Musik unter Beachtung des Verhältnisses von Aufwand und Effekt (im Sinne von öffentlicher Wahrnehmung, Repertoirewert und Annahme durch das Publikum – für wen sonst tun wir’s eigentlich?). Gern stelle ich meinen Erfahrungsschatz freigebig zur Verfügung. CHRISTFRIED GÖCKERITZ, Prof. geb. 1953 Kruzianer 1965 1972 Dirigent und Hochschullehrer Zuletzt: Professor für Dirigieren und Leiter des Hochschulsinfonieorchesters sowie 2004 2012 Rektor an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Lebt in Rostock. Werke lebender Komponisten – zur Klangästhetik Rudolf Mauersbergers Als ich 1965 nach Dresden in den Kreuzchor kam, erhielt ich sofort Berührung mit einer Fülle von Komponisten, deren Namen ich vorher noch nie gehört hatte. Natürlich kannte ich die Alten Meister, allen voran Bach und Schütz, auch Eccard, Haßler oder Palestrina. Mendelssohn und Brahms waren mir auch nicht unbekannt. Aber Reda, Hessenberg, Raphael, Pepping und Distler? Oder gar Günther Bialas und Giselher Klebe? Sie alle tauchten nun bunt gemischt und ganz selbstverständlich in den Vesper-, Konzert- und Gottesdienstprogrammen 22 Erinnerungen an zeitgenössische auf. Immer wieder auch Werke des Kreuzkantors selbst. Gerade bei den in jedem Herbst stattfindenden Heinrich-Schütz-Tagen wurde regelmäßig Musik noch lebender Komponisten, oft auch als Uraufführung, ins Programm genommen. Ich erinnere mich, mit welcher Ernsthaftigkeit und Sorgfalt diese Werke erarbeitet wurden. Erst viel später merkte ich, dass Mauersberger die gleichen klanglichen Vorstellungen als Maßstab an die neuen Kompositionen anlegte wie bei dem herkömmlichen Repertoire: heller, obertonreicher Klang, gute Intonation und überzeugende Klangqualität, das waren auch hier die Kriterien. Es ging weniger darum, satztechnische Strukturen hörbar zu machen oder raffinierte klangliche oder gar rhythmische Wirkungen zu erzielen. Wie bei jeglicher Musik, die Mauersberger aufführte, versuchte er auch hier, den Sinn des Werkes, die Botschaft des Stückes hörbar zu machen. Er realisierte dies nicht abstrakt, sondern mit den ganz einzigartigen Möglichkeiten und Begrenzungen eines Knabenchores. Das war ihm wichtig. Und es musste singbar, nicht gegen die Stimme geschrieben sein. Dramaturgischer Aufbau, transparentes Klangbild, aussagestarke Sprachbehandlung, agogische Freiheit im Interesse des Wortsinnes – all das arbeitete er heraus – genau wie bei einer Schütz-Motette. Dieser klangästhetische Ansatz in seiner grundsätzlichen Einheitlichkeit für jegliche Musik hat mich damals, eher intuitiv, beeindruckt und gibt mir heute noch zu denken. Wirkung war ihm schon auch wichtig, in erster Linie aber Wirkung auf den Zuhörer im Sinne eines wirklichen Aufschließens der Aussage des Stückes, und – wie bei Mauersberger immer – Wirkung der Musik im Raum. Nebenbei hat Mauersberger bei der Arbeit des Chores mit zeitgenössischer Musik immer auch grundsätzlich an seinem Ideal eines Knabenchorklanges gearbeitet: Es sollte klar und schön, rein und hell und immer auch ein Stück objektiv klingen. EKKEHARD KLEMM, Prof. geb. 1958 Kruzianer 1968 1977 Dirigent, Hochschullehrer und Komponist Zuletzt: 1996 2004 Dirigent / 1999 2004 Geschäftsführender Stellvertreter des Chefdirigenten am Staatstheater am Gärtnerplatz München. Seit 2003 Professor für Dirigieren und Leiter des Sinfonieorchesters an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, 2010 2015 Rektor. Seit 2004 Künstlerischer Leiter der Singakademie Dresden. Lebt in Dresden. Chormusik der Kruzianerzeit 23 Zwischen Frank Martin und Paul Dessau – Impulse durch Martin Flämig Die Erfahrungen mit Musik des 20. Jahrhunderts im Dresdner Kreuzchor begannen bei mir noch unter Mauersberger, der in einer Vesper 1969 Tres Cantiones sacrae von Rudolf Kelterborn an seinen Chorpräfekten Christfried Göckeritz abgab. Die Faszination dieser Musik ist mir ebenso unauslöschlich eingeprägt wie die Lösung einer besonderen Herausforderung gegenläufiger Trillerfiguren, die der Dirigent durch gegenläufiges Händewackeln löste … Die eigentlichen Anregungen kamen unter Martin Flämig. Ich erinnere an großartige Aufführungen von Frank Martin (In terra pax; Requiem und – ohne Chor – Sechs Gesänge nach Jedermann) und Willy Burkhard (Die Sintflut). In einer recht eigentümlichen Nacht- und Nebel-Aktion wurden von uns Kruzianern Orchesterstimmen zur Markus-Passion von Adolf Brunner handschriftlich hergestellt. Die daraus resultierenden Kopien waren des Verfahrens wegen unleserlich, weshalb das sperrige Stück abgesetzt werden musste und die Uraufführung im Mai 1975 stattfand. Die stärkste Erinnerung bildet ein Konzert vom Januar 1975 im Kulturpalast mit der Staatskapelle, in dem neben Bachs Magnificat die Psalmensinfonie von Igor Strawinsky und – als Uraufführung – die Ode an das Leben (nach Neruda) von Udo Zimmermann erklang, Solistin war Ute Trekel- Burckhardt, die uns in der Bewältigung des schwierigen Gesangsparts sehr faszinierte. Gegen Ende meiner Kreuzchorzeit wurden vier Kompositionen in Auftrag gegeben. Damit die Autoren ihr Geld erhielten, mussten die Werke ›abgenommen‹ werden. Dies geschah u.a., indem uns der Assistent des Kreuzkantors, Ulrich Schicha, die Stücke in der sogenannten Präfektenstunde vorstellte. Mir sind neben dem Johannes-Bobrowski-Chorliederbuch (zehn Madrigale) von Siegfried Köhler vor allem die Vier achtstimmigen Chöre nach Brieftexten Vincent van Goghs von Paul Dessau in Erinnerung; die Uraufführungen fanden nach meiner Zeit statt. Ab 1975 hatte ich selbst bereits Kompositionsunterricht bei Manfred Weiss (vermittelt durch Ulrich Schicha). In der Kreuzschule und bei den sogenannten Dichterlesungen von Pfarrer Gottfried Feurig in der Heilig-Geist-Kirche Dresden- Blasewitz konnte ich erste eigene Stücke aufführen. Als Abiturient erklang Das Lied der Toten nach Franz Werfel auch in einer Kreuzchorvesper vom Juni 1977. Martin Flämig hat es mich selbst dirigieren lassen. Seine Impulse und Anstöße sind unvergesslich, zumal sie parallel liefen mit den damals sehr regen Bemühungen der Staatsoper und Staatskapelle Dresden sowie der Dresdner Philharmonie um die neue und neueste Musik (Alban Berg, Arnold Schönberg, Paul Dessau, Udo Zimmermann, Rainer Kunad, Paul-Heinz Dittrich, Wilfried Krätzschmar, Manfred Weiss u.a.) – sie war in Dresden durchaus gegenwärtig. Flämigs Anteil daran ist ganz immens! 24 Erinnerungen an zeitgenössische HANS-CHRISTOPH RADEMANN, Prof. geb. 1965 Kruzianer 1975 1983 Dirigent und Hochschullehrer Derzeit: Akademieleiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, Chefdirigent des Dresdner Kammerchores und bis 07/2015 des RIAS-Kammerchores Berlin. Professor für Chordirigieren an der Musikhochschule Carl Maria von Weber Dresden. Lebt in Stuttgart. Martin Flämig dirigiert – König David von Arthur Honegger Gut erinnere ich mich an die ersten mitgesungenen Aufführungen des Symphonischen Psalms in drei Teilen Le Roi David von Arthur Honegger. Sie standen unter der Leitung des Kreuzkantors Prof. Martin Flämig. Er hatte durch seine Arbeit in der Schweiz starke Bezüge zu Komponisten dieses Landes, wie Willy Burkhard, Frank Martin und eben Honegger. Es gehört zu den großen Privilegien meiner Kruzianerzeit, dass ich vom gewaltigen Repertoire Flämigs durch die Begegnungen mit epochalen zeitgenössischen Werken eine musikalische Horizonterweiterung erleben konnte. Die meisten meiner Klassenkameraden werden das heute genauso sehen. Honeggers Le Roi David ist ein sehr eindrucksvolles Werk; und ich habe es im April 2015 selbst zum ersten Mal in Stuttgart dirigieren dürfen. Sicherlich hatte der Wunsch, dieses Werk aufzuführen, auch mit den Erinnerungen aus dem Dresdner Kreuzchor zu tun. Beide Aufführungen fanden im Februar 1982 im Kulturpalast statt. Die Mitwirkung der Dresdner Philharmonie ist mir im Gedächtnis geblieben, ebenso die Mitwirkung von Hermann Stövesand als mitreißendem Erzähler. Das Werk besteht aus unterschiedlichen Szenen des Lebens von König David, wie z.B. dessen Kampf mit Goliath. Zahlreiche Psalmtexte (Psalmen Davids) sind – sehr unterschiedlich vertont – ein wichtiger Bestandteil in diesem expressiven Werk. Die einzelnen musikalischen ›Bilder‹ werden durch einen Erzähler miteinander verbunden, der aus dem Leben Davids berichtet. Mir sind ungeheure Emotionen aus den damaligen Aufführungen in Dresden in Erinnerung geblieben, die ich im Nachhinein nur als rauschhaft bezeichnen kann. Besonders die großen Halleluja-Abschnitte der Nummern 16 (Der Tanz vor der Bundeslade) und 27 (Szene um Davids Tod ) sind so mitreißend und anrührend komponiert, dass mir beim Singen fast die Tränen kamen und gleichzeitig ein Schauer über den Rücken lief. Nicht unerwähnt bleiben soll, wie schwer es mitunter fiel, sich in die modernen Klänge einzuhören. Nach einigen Proben wurde man aber vertrauter mit der Musik, und die Modernität der Klänge relativierte sich. Chormusik der Kruzianerzeit 25 Martin Flämig war in dieser Musik in seinem Element und schwelgte in den musikalischen Bildern, die er uns bei jedem Werk stets zu vermitteln suchte. Gerade bei Werken, wie Le Roi David, war er ein begnadeter und äußerst kompetenter Dirigent, der die Farben und den Charakter des Werkes im Sinne des jeweiligen Komponisten sehr gut herausarbeiten konnte. Wir Kruzianer waren uns damals absolut sicher, an zwei denkwürdigen Konzerten teilgenommen zu haben, und ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein. TORSTEN RASCH geb. 1965 Kruzianer 1975 1983 Komponist Wirkte als Filmkomponist in Japan, kam 2002 als freischaffender Komponist zurück nach Deutschland. Auftragswerke und Aufführungen im In- und Ausland, darunter in Großbritannien. Lebt in Berlin. Keine Unterschiede zwischen Alter und Neuer Musik Obwohl meine Zeit im Dresdner Kreuzchor mehr als 30 Jahre zurückliegt, sind es acht Jahre gewesen, die einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck in mir hinterließen. Im Anschluss an die Zeit im Chor (den ich vorzeitig im Streit mit Kreuzkantor Martin Flämig und in Feindschaft mit dem Kreuzschuldirektor Gottfried Richter verließ), habe ich aber nichts unversucht gelassen, diese acht Jahre auszulöschen. Es ist mir nicht gelungen, und ich bin damit froh und zufrieden. Die Prägung, die man durch ein Leben im Internat erfährt durch das Zusammenleben von Kindern und jungen Erwachsenen, ist offensichtlich und beeinflusst viele Entscheidungen, die man später trifft. Die Prägung, die die tägliche Begegnung und Arbeit mit europäischer Musik fast aller Epochen hervorruft, ist nicht weniger stark. Für mich ist sie wie eine unterirdische Quelle, die langsam ihren Weg nach draußen suchte und schließlich in einen Fluss mündete, in dem ich die Musik finde, mit der ich mich heute täglich beschäftige. Einige der musikalischen Erinnerungen sind ganz stark, Vorlieben wie Abneigungen, die sich zum Teil verkehrt oder auch verstärkt haben. Erstaunlich ist aber auch, dass wir (so haftet es jedenfalls in meiner Erinnerung) nie einen Unterschied zwischen Alter und Neuer Musik spürten (obwohl zugegebenermaßen unsere ›neueren‹ Werke der ›gemäßigten Moderne‹ zuzurechnen waren). Weder Martin Flämig noch Ulrich Schicha warnten uns vor Schwierigkeiten mit einem modernen Werk oder änderten ihre Arbeitsweise. Und ich erinnere auch eine gewisse Vorfreude, die ich empfand bei neuen Werken von Mikis Theodorakis oder Alfred Schnittke, die mir lieber waren als das 100. Mal Jubilate Deo von Gabrieli. 26 Erinnerungen an zeitgenössische Die gewagten Stimmführungen von Ernst Pepping schienen mir so natürlich wie Bach und wurden auch nicht anders einstudiert. Oder Rainer Kunads Bobrowski- Motette (die mich übrigens dazu animierte, Johannes Bobrowski zu lesen – was für eine Entdeckung!) war nur eine andere Art, Sprache auszudeuten, als Schütz. Und mit der gleichen Natürlichkeit, mit der man sich neuer wie alter Werke annahm, hörte auch das Publikum die Ergebnisse unserer Arbeit. Die Offenheit für Neues wie das ungebrochene Interesse für die Tradition war eine Selbstverständlichkeit. Etwas, das teilweise abhanden gekommen ist. Gerade in unserer heutigen ›freien‹ Gesellschaft scheint die Angst vor Neuem größer zu sein als in der damaligen ›unfreien‹ DDR. Auf zwei besondere musikalische Ereignisse möchte ich noch eingehen: Unvergesslich bleibt mir die Aufführung von Monteverdis Marienvesper mit der Capella Fidicinia; ein Werk, das mich seither unentwegt begleitet. Das Bewusstsein, an etwas Außergewöhnlichem teilzuhaben, war beinahe physisch spürbar. Und als die Doppelchöre den Raum der Kreuzkirche mit dieser himmlischen Musik füllten, hatte ich als 16-Jähriger die Gewissheit, dass Musik den Raum und die Zeit verlassen und näher an Gott sein kann als alle anderen von Menschen geschaffenen Dinge. Ein anderes wichtiges Erlebnis für meine Laufbahn als Komponist war Arthur Honegger, ein Komponist, der Martin Flämig sehr am Herzen lag. Eine bestimmte Szene ohne Chor seines Oratoriums König David hat sich mir tief eingeprägt: als Saul die Hexe von Endor aufsucht und verlangt, sie solle den Propheten Samuel heraufbeschwören von den Toten. Die Faszination, der Schrecken, der mich erfüllte, als all dies im Orchester dargestellt wurde – ich kann es heute noch so spüren wie damals als Elfjähriger. Die Macht des Wortes und der Musik vermittelte sich so plastisch, dass dies für mich zum Schlüsselerlebnis wurde. Ganz sicher ist einiges davon in mein erstes größeres Werk für Sprecherin und Orchester Völuspa. Der Seherin Gesicht eingeflossen. Durch den Kreuzchor erschien die Musik als das natürlichste aller Elemente. Und so ist es für mich geblieben bis zum heutigen Tag. PETER KOPP geb. 1967 Kruzianer 1976 1985 Chordirigent Gründer (1993) und Leiter des Vocal Concerts Dresden (ehemals Körnerscher Sing- Verein), seit 1995 als Assistent und seit 2008 als Chordirigent beim Dresdner Kreuzchor tätig. Gastspiele im In- und Ausland, CD-Produktionen u.a. zur sächsischen Musiktradition. Lebt in Dresden. Chormusik der Kruzianerzeit 27 Mikis Theodorakis: Liturgie Nr. 2 – den Kindern, in Kriegen getötet (1983) 1982 komponierte Mikis Theodorakis dieses Werk für die Dresdner Musikfestspiele. Als 16-jähriger Sänger des Dresdner Kreuzchores nahm ich an der Uraufführung im Plenarsaal des Dresdner Rathauses teil, ebenso an der Schallplatten- Aufnahme, die sich im Herbst 1983 anschloss. Ich wusste vorher fast nichts über Mikis Theodorakis, nichts von seinem Werk und seinem bewegten Leben. Die Probenarbeit war anstrengend, weil der Kreuzchor und auch Kreuzkantor Martin Flämig mit dieser Musik überhaupt keine Erfahrung hatten. Die liturgisch anmutenden Sätze gelangen uns recht gut, die schwierigen, rhythmisch geprägten erforderten großen Probenaufwand. Aber auch die Texte, wunderbar bildhaft von Dirk Mandel übertragen, werden kaum von einem der damaligen Choristen nur annähernd erfasst worden sein. Die Skepsis der Kruzianer gegenüber allem, was ›links‹ anmutete, war damals durch die Erfahrungen aus deren Alltag in Schule und Gesellschaft sehr groß. Die geistliche Musik hingegen, mit der sie täglich in Berührung waren, stand für viele als Zeichen der Hoffnung und des Trostes, vielleicht sogar der Opposition. Was war das aber nun für ein Werk? Eingerahmt von Morgen- und Abendgebet, breitete sich vor uns ein wortgewaltiger musikalischer Kosmos aus, in dem die Heiligen Partisanen waren, Che Guevara verehrt und Anne Frank beweint wurde. Jeder, der damals mitgesungen hat, erinnert sich bis heute an die tragischen Helden Manolios und Thomas, Letzterer »flog samt dem Zug in die Luft«. Wir machten uns nicht allzu viele Gedanken; es musste gesungen werden – also taten wir es eben, mit einer kindlichen bzw. jugendlichen Leidenschaft als Interpreten von Inhalten, die uns letztlich fremd blieben. Aber eines war dann doch anders als nach vielen anderen Uraufführungen: Die Texte und die Musik haben sich wohl jedem von uns förmlich ›eingebrannt‹. Mit zunehmendem Alter und der damit einhergehenden besseren Fähigkeit zu differenzieren wurde mir – und wohl auch anderen – klar, dass wir es bei der Liturgie mit einem ganz großen Kunstwerk zu tun gehabt hatten, dessen Sinn und Wirkung zu ergründen wir noch vor uns hatten. Auf uns hatte die Anwesenheit von Mikis Theodorakis, nicht zuletzt durch seine überaus imposante Erscheinung, großen Eindruck gemacht. Aber ob er mit uns wirklich zufrieden war? – dessen waren wir uns damals gar nicht so sicher. Seit ich mich beruflich der Chorleitung zugewandt hatte, suchte ich immer wieder nach einer Möglichkeit, mich dieses äußerst anspruchsvollen Werkes noch einmal anzunehmen. Somit schloss sich mit der Aufführung durch das Vocal Concert Dresden während der Dresdner Musikfestspiele am 26. Mai 2015 in der Martin-Luther-Kirche ein großer Bogen. Ich bedaure sehr, dass Peter Zacher, in dessen Wohnung ich später Theodorakis persönlich begegnete und der uns mit seinen vielen Erklärungen einen ersten Zugang zu dessen Werk ermöglicht hat, nicht mehr dabei sein konnte. 28 Erinnerungen an zeitgenössische Die Liturgie stellt die bedeutsame Rückkehr Theodorakis’ zur geistlichen Musik dar; symbolisch, denn sie ist ja kein geistliches Werk im strengen Sinne. Es ist dies kein Paradoxon für den Komponisten, der sich selbst als Agnostiker ausgibt und zur Zeit der Komposition des Werkes als überzeugter Linker kämpfte. Die Liturgie lehnt sich an die Form eines traditionellen Nachtgottesdienstes, eine Vigil, an. Deshalb beginnt sie mit einem Abendgebet, beinhaltet einige liturgische Bausteine, wie Gloria, Psalmen oder einen Chor an die Erzengel, Cherubengesang, und schließt mit einem Morgengebet. Nur, dass die Heiligen und Engel hier Menschen aus dem einfachen Volk sind, manche von ihnen sogar Kinder, widersprüchliche Helden, Arme, Verwirrte … Zehn der 14 Chorsätze beruhen auf Liedtexten des Zyklus Ta Lirika von Tasos Livaditis, die vier anderen sind neue Texte von Theodorakis selbst. Obwohl sie ein klares politisches Bekenntnis ablegen, sind sie voller Poesie, fern von Agitprop und plump verkündeter Ideologie. Die Sätze sind meisterhaft und – im Sinne des Wortes – unvergleichlich vertont. Theodorakis hat die vorhandenen Lieder eben nicht nur für Chor arrangiert, sondern diese ganz neu empfunden, manche in polyphone Strukturen verwoben, anderen eine liturgische Gravität verliehen. Die Strenge und die Herbheit der Kompositionen entwickeln eine ganz andere Intensität als die eher folkloristisch anmutenden Werke Theodorakis’, wie Canto General oder Axion Esti, in denen man sein Idiom sofort zu erkennen glaubt. Dennoch scheinen auch die Melodien der Liturgie vertraut, die Texte, die ein bewegendes Zeitdokument aus den Jahren der Militärdiktatur in Griechenland sind, berühren zeitlos. Im abschließenden Morgengebet tanzen fünf Burschen – gemeint sind die fünf Erdteile – und versöhnen sich im Tanze mit dem Mädchen, der Erde. Eine paradiesische Vision. ECKEHARD STIER geb. 1972 Kruzianer 1982 1991 Dirigent Zuletzt: Generalmusikdirektor am Theater Görlitz (2003 2013), Chefdirigent des Auckland Philharmonia Orchestra, Neuseeland (2009 2015). Gastspiele auf vier Kontinenten, u.a. mit dem London Symphony Orchestra, dem Melbourne Symphony Orchestra und dem Tokyo Philharmonic Orchestra. Lebt in Dresden. »Im Phosphormantel, eine brennende Fackel, der Mensch« – Chorsinfonie von Siegfried Köhler In meiner Zeit als Kruzianer hatten wir immer wieder die Möglichkeit, Chorwerke unterschiedlichster Dimension unter der Leitung von Martin Flämig uraufzuführen. Dabei hatte für mich die Aufführung der 5. Sinfonie PRO PACE (op. 78) Chormusik der Kruzianerzeit 29 von Siegfried Köhler im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele 1984 eine besondere Bedeutung. Durch die Besetzung mit großem Orchester, Solisten und gemischtem Chor entstand ein faszinierendes und gewaltiges Bild über die Zerstörung Dresdens im Jahre 1945. Ich war damals als Elfjähriger unvorbereitet der emotionalen Wucht des Textes von Ulrich Grasnick und der Musik Siegfried Köhlers ausgesetzt und erinnere mich genau an die schockierende und mitreißende Wirkung dieses knapp 35minütigen Werkes. Die Sinfonie ist theatralisch und filmisch konzipiert. Köhler komponierte in seinem letzten großen vollendeten Werk tonal, erweiterte dieses mit Sprechgesang und verzweifelten Schreien. An zwei Stellen wird die Sinfonie von einem Text unterbrochen. Ihre Struktur folgt keinem klassischen Satzmuster, Köhler folgt vielmehr der Textvorlage und untermalt sie mit seiner Musik. So entstehen zwei musikalisch aufrüttelnde Sätze, welche den Untergang der Stadt beschreiben, um dann im dritten Satz Hoffnung und Glauben an eine bessere Zukunft zu artikulieren. Die damalige Uraufführung im Kulturpalast wurde aufgezeichnet und später von ETERNA als Schallplatte veröffentlicht. Das Werk ist frei von DDR-Ideologie und hätte durchaus eine weitere Aufführung in Dresden verdient. CLEMENS FLÄMIG geb. 1976 Kruzianer 1986 1995 Dirigent und Sänger Tätigkeiten als Sänger und Kirchenmusiker. Seit 2014 Chordirektor des Stadtsingechores zu Halle. Lebt in Leipzig. Zeitgenössische Chormusik – Herausforderung an einen Knabenchor Blicke ich auf meine Zeit als aktiver Kruzianer und die dortige Begegnung mit zeitgenössischer Chormusik zurück, fallen mir spontan weniger konkrete Sachverhalte und Erinnerungen als zwei ›Gefühle‹ bzw. Einstellungen ein, die ich im heutigen Alltag eines Knabenchorleiters gelegentlich (nicht immer) vermisse. Einerseits der unbedingte gemeinsame Wille und eine zähe Ausdauer, jede gestellte Herausforderung zu meistern. Es wurde nicht in Frage gestellt, ob das jeweilige Werk gesungen werden sollte, sondern die zu knackende Nuss wurde in Angriff genommen. Vor der Aufgabe wurde nicht gekniffen, auch wenn man sie vielleicht weniger mochte, und nach der Bewältigung stellte sich auch ein gewisser Stolz ein. Andererseits fällt mir außerdem unter dem Blickwinkel neuer zu entdeckender Tonwelten ein, dass damals zu DDR-Zeiten schon allein die sensorische Berührung und das Behandeln des neuen Notenmaterials Ehrfurcht weckte und ein neues Fenster an Erfahrungen öffnete. 30 Erinnerungen an zeitgenössische ALBRECHT KOCH geb. 1976 Kruzianer 1986 1995 Organist und Dirigent Seit 2008 Domorganist in Freiberg (Sachsen). Lebt in Dresden. Klassische Moderne unter Martin Flämig Zeitgenössische Chormusik, auch im chorsinfonischen Bereich, hatte in der Zeit Martin Flämigs einen festen Platz. Für mich als Knabenchoristen war sie prägend, obgleich diese Prägung stets auch aus einem kindlichen Gesichtspunkt erfolgte: Gut war immer das, was besonders spannend war. Spannend konnte dabei auch einmal ein besonders üppig besetztes Orchester oder einfach nur Leihmaterial aus dem Westen sein, was mit höchster Akkuratesse behandelt werden musste. Wächst in mir heute immer stärker das Interesse an vorbarocker Musik, erschien mir diese in der Interpretation der späten Achtzigerjahre vollkommen uninteressant und häufig langatmig. Betrachtet man die Musik des 20. Jahrhunderts großzügig als zeitgenössisch, so steht mir vor allem die Auseinandersetzung mit Hugo Distler, Ernst Pepping oder Kurt Hessenberg vor Augen. Gerade zur Musik Distlers wie Hessenbergs entspann sich ein enges Verhältnis voller Begeisterung und Interesse. Die eng am Wort sich bewegende Tonsprache und die emotional-dramatische Kompositionsgestaltung kam in den Aufführungen meiner Knabenchorzeit meines Erachtens stets viel klarer zur Geltung als in den Vorbildwerken der Komponistengeneration beispielsweise um Heinrich Schütz. Französische und deutsche Moderne unter Matthias Jung Später als Männerchorist brachte Matthias Jung die französische Literatur von Olivier Messiaen, Francis Poulenc oder Maurice Duruflé in das Repertoire ein. Die unter ihm wieder einsetzende stärkere Hinwendung zu Uraufführungen (Michael- Christfried Winkler, Ludger Vollmer) wie auch die Auseinandersetzung mit Siegfried Thiele (bei dem ich später Komposition studierte) oder Wolfram Buchenberg waren einerseits für meine improvisatorische Entwicklung von Bedeutung, schafften andererseits aber auch den Raum für den Wert zeitgenössischer Musik, die heute für mich ein nicht unwesentlicher Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit ist. Die Erkenntnis, dass Musik sich weiterentwickelt und wir als Künstler in der Verantwortung stehen, dieser Entwicklung durch eine dramaturgische Beachtung ein Podium – im Übrigen vor einem großen Publikum – zu geben, verdanke ich meiner Kreuzchorzeit. Chormusik der Kruzianerzeit 31 KARL HÄNSEL geb. 1993 Kruzianer 2002 2011 Student im Fach Chordirigieren an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden seit 2012. Lebt in Dresden. Chaya Czernowin beim Kreuzchor Die erste prägende Begegnung mit zeitgenössischer Chormusik hatte ich im Rahmen der Uraufführung der Pilgerfahrten von Chaya Czernowin vom Oktober 2006. Wir konnten als Kruzianer selbst am Entstehungsprozess der Musik teilhaben, denn die Komponistin kam nach Dresden und arbeitete mit uns: In kleinen Gruppen wurden eigene und neue Instrumente entwickelt, oder es wurde mit Möglichkeiten experimentiert, die Stimme als Klangerzeuger ganz anders als bisher gewohnt einzusetzen. Für uns Knaben war das damals die Begegnung mit einer zunächst fremden Welt. Die lockere Art der kreativen Auseinandersetzung mit dem Neuen nahm uns aber ein wenig die Berührungsangst. Gleichzeitig fand Chaya Czernowin für ihre Komposition auf diese Weise heraus, was mit einem Knabenchor zu machen ist – und das war wahrscheinlich mehr, als sie und wir vorher gedacht hätten. So fanden wir einige unserer Ideen später im Stück wieder. Auf mich kam zudem die verantwortungsvolle Aufgabe des ersten Sopran- Solisten zu, und ich lernte erstmals, dass man nicht nur mit dem Dirigenten, sondern auch mit dem Komponisten am Stück arbeiten kann. Waren wir zunächst skeptisch, so beeindruckten uns am Schluss doch die Exotik der verschiedenen Klänge und die stellenweise regelrecht atemberaubende Dramaturgie des Werkes. Jazzadaption des Messias unter Roderich Kreile Eine andere Art der zeitgenössischen Musik lernten wir bei der Uraufführung einer Bearbeitung des Messias im Mai 2005 kennen: Messias Superstar. Oratorium des 20./21. Jahrhunderts frei nach Georg Friedrich Händels »Der Messias« von Tobias Forster, Jörg Achim Keller und Kilian Forster. Hier trafen sich die uns vertraute Barockmusik und der Jazz. Die Herausforderungen waren wieder ganz andere: das rhythmische Feeling zu verinnerlichen oder beispielsweise einen Chor-Rap auszuführen. Mit dem Sound der Bigband und Percussion begegnete uns auch eine neue Klangwelt, die uns faszinierte. Alles in allem haben mich diese seltenen, äußerst eindrucksvollen Ausflüge (natürlich gab es noch weitere) bis heute geprägt: Sie erweckten die Lust, musikalisch auch Ungewohntes zu wagen, die mich als Chordirigenten hoffentlich noch lange begleiten wird.

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References

Zusammenfassung

Der Bogen dieses Buches wird von der Frühzeit des 20. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart (2015) gespannt, also von Otto Richter (Keuzkantor 1906–1930) bis hin zu Roderich Kreile, der 1997 das Kreuzkantor übernahm. Seit den Kantoraten Rudolf Mauersbergers und Martin Flämigs zwischen 1930 und 1990 ist die Pflege zeitgenössischer Musik repräsentativ im Repertoire des Dresdner Kreuzchores verankert. Dank unzähliger Ur- und Erstaufführungen, ja Wiederaufnahmen wurde die Moderne kontinuierlich der großen Kreuzchorgemeinde nahegebracht, in der Kreuzkirche wie an anderen Aufführungsorten, auch außerhalb Dresdens.

Galt in den 1930er-Jahren das Interesse u.a. Günter Raphael und Ernst Pepping, so was es später Rudolf Mauersberger, in den 1950/60er-Jahren Heinz-Werner Zimmermann und Hans Werner Henze, in den 1970/80er-Jahren Frank Martin. Alfred Schnittke, Mikis Theodorakis und Udo Zimmermann. Unter Kreuzkantor Roderich Kreile haben verstärkt Professoren der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber für die Kruzianer komponiert. Auch Werke außereuropäischer Komponisten sind für Kreile von Interesse, wie die Uraufführung der „Pilgerfahrten“ von Chaya Czernowin (Boston) 2006 im Festspielhaus Hellerau anlässlich des 800-jährigen Dresdner Stadtjubiläums belegt.

Den Einstieg ins Buch bieten ehemalige Kruzianer, die eine musikalische Laufbahn eingeschlagen haben und sich der Moderne ihrer Chorzeit erinnern: erwähnt seien stellvertretend Peter Schreier, Hartmut Haenchen, Torsten Rasch und Eckehard Stier. Während die Kapitel zu den Kantoraten zwischen Otto Richter un Matthias Jung aus der Feder von Musikwissenschaftlern stammen, berichtet Roderich Kreile im Schlusskapitel über die Stellung der Moderne beim Kreuzchor in der jüngsten Vergangenheit. Zu zehn ausgewählten Uraufführungsprojekten unter seiner Leitung nehmen die Komponisten selbst Stellung, ergänzt durch dokumentarisches Material.